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Lektionen aus dem Untergang Roms

Es wird der Tag kommen, an dem ein verdienter Sturm des Himmels über Rom hereinbricht. Ihr werdet geplündert und zerstört werden und jammernd und zähneknirschend werdet ihr bezahlen.

– Orakelspruch aus den Sibyllinischen Büchern –

Ich denke in diesen Zeiten ist es wichtig und inspirierend, sich an den Untergang Roms als Parabel und Analogie zu erinnern. Rom wird als die größte altertümliche Zivilisation betrachtet. Seine Errungenschaften sind ebenso gefeiert wie die sogenannten Fortschritte dieser Zivilisation auf Kosten der Welt herausposaunt werden. Von Beginn an wurde das römische Imperium durch Unterwerfung und mit Waffengewalt errichtet. Es war rücksichtslos in seiner Gier nach Macht und „unersättlich in seinem Ehrgeiz“, beides prägende Merkmale, die charakteristisch für jegliche Zivilisation sind. Rom war ein imperialistisches Reich, wie sie es alle sind, das einen großen Teil der ihm bekannten Welt kontrollierte und durch Unterwerfung und Kolonisierung kontinuierlich expandierte. Das Imperium sammelte gigantische Armeen von Sklav*innen an, die nötig waren, um das Monster zu erschaffen, und auf deren Rücken das Reich gegründet wurde. Aber die versklavten und erniedrigten Barbaren waren dessen überdrüssig. Während Rom seine Kriege der Unterwerfung führte, erschütterten Rebellionen das Imperium und forderten beständige Repression.

Ich mache allerdings keine Unterscheidung zwischen verschiedenen oder eigenständigen Zivilisationen. Es gibt verschiedene Kulturen und Gesellschaften, verschiedene Varianten, aber nur eine Zivilisation. All die zivilisierten Gesellschaften der letzten 10.000 Jahre sind alle Teil desselben Monsters, der gleichen Pathologie. Ich gebrauche Rom nur als Beispiel, da es zu seiner Zeit das entsetzlichste Beispiel für die Zerstörungskraft der Zivilisation war.

Wie die USA rief Rom extreme Verachtung bei seinen Nachbar*innen und Kolonien hervor. Auf der Höhe seiner imperialien Macht erreichte das Römische Imperium auch den Höhepunkt seines Missfallens. Feindseligkeit brodelte in der Peripherie. Die Menschen wurden durch die Kolonisation Roms nicht nur entmündigt, sondern auch die römischen Beamten, die ihren Reichtum zur Schau stellten, riefen Verachtung und Neid hervor. Die Römer stellten ihre Machtentfaltung immer pompös zur Schau. Sie fuhren in vergoldeten Streitwägen durch die Straßen, mit Gewändern, in die Gold gewebt war, schmissen üppige Gelage, bei denen sie den Exzess feierten. Amerikaner*innen fahren in ihren SUVs umher, mit Diamantringen und verrückten Klamotten, alles aus der Sklav*innenarbeit ihrer Kolonien stammend. Amerikaner*innen besetzen und ermorden Menschen überall auf der Welt und bringen dann ihre Reichtümer und Ressourcen zurück in US-Firmen. Das macht es den Menschen unmöglich, sich mit dem, was übrig bleibt, selbst zu versorgen und unfähig eigenständig zu leben und zwingt sie so in eine Abhängigkeit vom Kolonisator. Und wir wundern uns darüber, warum wir verhasst sind? Wir, die Römer, leben im Überfluss der blutbefleckten, gestohlenen Reichtümer unserer eroberten und kolonisierten Opfer.

Ich habe nicht ein Körnchen Vertrauen in die Zukunft der „Zivilisation“. Ich weiß nun, dass sie zur Zerstörung verdammt ist – vermutlich schon seit Langem. Was für eine Freude ist es und wie oft ist es mir Trost daran zu denken, das die Barbarei einmal mehr die Welt überschwemmen wird, mit echten Gefühlen und Leidenschaften – wenn auch unentwickelt – und diese den Platz unserer erbärmlichen Heucheleien einnehmen werden.

– William Morris –

Es sollte keine Überraschung sein, dass der lokale römische Statthalter, der seinen Reichtum auf den Straßen zur Schau stellt, den Hass weckt, der sich gegen die Herrscher und Regenten richtet und gegen alles, was sie repräsentiert. Eine spätere Konsequenz davon war, dass die zivilisierten Herrscher*innen der Menschen, die Rom kolonisiert hatte, eifersüchtig wurden und forderten, dass Rom seinen Reichtum teile. Das bewegte verschiedene solcher nicht-römischen Herrscher, die als Barbaren bezeichnet werden, und die nun so zivilisiert waren wie jeder römische Statthalter, gegen Rom zu revoltieren und es anzugreifen, um einen Anteil seiner Beute zu fordern. Entsprechend verhielt es sich mit der berühmten barbarischen Gruppe, die Rom im Jahre 410 plünderte, was angeblich den Niedergang des Römischen Imperiums einleitete. Der Anführer dieses gallischen Stammes, Alaric, war ein Intellektueller, ein durchweg zivilisierter Mann, der in all den klassischen Werken belesen war, der fließend Latein sprach und ein großer Bewunderer Roms war.

Er genoss den Respekt römischer Beamter und wurde von diesen als nobel betrachtet. Er war der Meinung, dass er und seine Leute ein Stück vom Kuchen der Reichtümer Roms verdient hätten. Also befahl er seinen Armeen, Rom aus dem Norden anzugreifen und stieß überraschenderweise auf nur geringen bis gar keinen Widerstand. Seine Streitkräfte wurden zum Teil regelrecht willkommen geheißen, da die armen Städte/Kolonien Roms sich auf seine Seite und die seiner Armee stellten, in der Hoffnung, sich eine Atempause von der unterdrückenden römischen Herrschaft zu verschaffen. Er legte den ganzen Weg bis zur Stadt Rom zurück und forderte ein großes Lösegeld aus Gold, Silber, Früchten und Eisen, doch sein Protest blieb unerhört. Seine Streitkräfte wurden außerhalb der verteidigten Stadt in Schach gehalten, bis Sklaven in Rom die Tore öffneten und die Barbaren herein ließen.

Es war für unmöglich gehalten worden, dass die Stadt Rom im Herzen des Imperiums angegriffen und zerstört werden könnte. Die Römer*innen hielten die Hauptstadt für unantastbar und hätten niemals angenommen, dass sie verwundbar sein, oder selbst zu Opfern werden könnten. Der Angriff öffnete Rom die Augen für die Bedrohung, die seine grausame Politik kreierte. Dieser Angriff war ein Vorzeichen der Katastrophe.

Zusammen mit Rom wuchs auch der weltweite Hass gegen es. So wie es Amerikaner*innen heute ergeht, schlug auch Rom wachsende Feindschaft vom Rest der Welt entgegen, die es beherrschen wollte. Vor dem 11. September war die anti-amerikanische Stimmung auf einem nie dagewesenen Höhepunkt gewesen. Durch den linkischen Marionettenherrscher Amerikas, dem Sohn eines ehemaligen Diktators, der für seine eigene blutige Herrschaft gehasst wurde, wurde die Arroganz und Brutalität Amerikas zum Vorschein gebracht und es fiel leichter, es als das, was es war, zu erkennen.

Amerikas Blockade des Kyoto-Protokolls, eines weltweiten Versuchs, die industriellen Emissionen von Treibhausgasen zu verlangsamen (eine kläglicher liberaler Reformversuch, um Legalisierungstechniken zu nutzen, die industrielle Zerstörung des Planeten zu stoppen), ließ den den weltweiten Frust gegen die imperiale Macht, die das Leben auf der Erde in den Abgrund führt, auf ein hohes Niveau ansteigen. Vertuschungsaktionen der USA und die Unterstützung skrupelloser Diktatoren hatten uns den Ruf brutaler Lehnsherren eingebracht und seit Jahren eine große Ablehnung Amerikas verursacht. Entsprechend schufen die militärischen Eroberungen Roms Feinde Roms, die in ihrer Zahl wuchsen, während die Eroberungen weiter gingen. Diese Menschen setzten sich zur Wehr, führten mehr und mehr Angriffe gegen das üble Imperium. Der Widerstand gegen Rom wurde erfolgreicher, als die barbarischen Soldaten, die gezwungen worden waren, in der römischen Armee zu dienen, in ihre Heimat zurückkehrten und ihr neues militärisches Wissen gegen den Kolonisator anwandten, von dem sie es gelernt hatten.

Die Natur selbst schien sich gegen das Imperium verschworen zu haben.

Andere beachtenswerte Ereignisse brachten Rom seinem Untergang näher. Rom hatte noch andere Rechnungen zu begleichen. Was Rom tat, fiel gnadenlos auf es zurück; In Form von verschiedenen Angriffen und Überfällen, Revolten, Aufständen und Machtkämpfen. Aber sie kamen auch aus der Natur, die Rom über ihre Grenzen hinaus ausgebeutet hatte. Es war Zeit für Rom die Schulden zurückzuzahlen, die es bei der Umwelt aufgenommen hatte. Die Aquädukte, die als technologisch so fortgeschritten verkauft werden und die Rom so großen Respekt seitens der modernen Zivilisation einbrachten und es von der Geschichte abhoben, trockneten die Wasserreservoirs aus, die einst seinen diabolischen Durst gelöscht hatten. Diese Wasserquellen, die es so vielen erlaubt hatten, sesshaft zu leben, in so unnatürlich großer Anzahl, zusammengeballt in Städten aus getrockneter Erde, versiegten letzten Endes und tränkten den verrückten Moloch nicht länger. Der natürliche Grundwasserspiegel war gesunken und die Ökosysteme, die durch ihn gediehen, wurden zerstört.

Die Straßen, für die Rom berühmt ist, zerstörten Ökosysteme überall in seinem Imperium. Diese Straßen ermöglichten den einfachen Transport von Personen und Militär, Handel und die alltägliche Verwaltung des Imperiums. Sie zerteilten intakte Ökosysteme, zerrissen die Lebensräume von Tieren und schufen künstliche Grenzen, die das grundlegende tierische Verhalten beeinträchtigten. Zusätzlich schufen sie Probleme beim Abfluss des Wassers und Erosionen. Die Straßen, die Roms Wachstum sowie die Aufrechterhaltung des Imperiums ermöglichten, trugen zu einer ökologischen Katastrophe bei.

Wahrhaft, das Erbe Roms ist eine Wüste. Es holzte die Wälder in seinen Kolonien ab, ebenso wie die eigenen. Die Berührung der Zivilisation zerstört die Natur, wo auch immer sie stattfindet. Überjagung und landwirtschaftliche Unterfangen, die gewaltige Bevölkerung zu ernähren, zerstören die „natürlichen Ressourcen“ (eine zivilisatorische Bezeichnung für Pflanzen und Tiere). Bodenerosionen und Versalzung durch die Landwirtschaft führten manchmal zu Versorgungsproblemen bei der Ernährung der Bevölkerung und sie trugen auf lange Sicht zum Kollaps des Imperiums bei.

Worte können nicht beschreiben, wie verbittert wir unter ausländischen Völkern verhasst sein werden, wegen der abscheulichen Führung durch die Männer, die wir gesandt haben, um sie zu regieren. All die Provinzen beschweren sich über die römische Gier und die römische Ungerechtigkeit. Ich erinnere euch, meine Herren, Rom wird nicht in der Lage sein, gegen die ganze Welt standzuhalten. Ich meine nicht gegen ihre Macht und Waffen im Krieg, sondern gegen ihr Stöhnen, ihre Tränen und ihr Wehklagen.

– Cicero –

Rom war das größte Imperium der Welt, weil es sich immer weiter ausbreitete. Es wuchs, um all das Land um das Mittelmeer in Afrika, dem mittleren Osten und bis zum Kaspischen Meer zu umfassen. Es dehnte sich weit in Richtung Norden aus, über Frankreich bis tief nach England hinein. Es wuchs zu einer solchen Größe an, dass es selbst mit seinen zahlreichen Tentakeln nicht in der Lage war, die Kontrolle zu behalten. Das Imperium war unverwaltbar geworden. Seine Armeen konnten nicht überall gleichzeitig sein und brauchten zu lange, um das Imperium zu durchqueren, wenn das erforderlich war. Es wurde unmöglich, die Ordnung so weit entfernt von der Hauptstadt aufrecht zu erhalten.

Rom als eine große und komplexe Gesellschaft besaß eine große Bürokratie. Bürokratien reproduzieren sich selbst und wachsen immer weiter an. Schließlich wuchs die Bürokratie so sehr an, dass sie unverwaltbar wurde, sie wurde zu schwergewichtig und brach unter ihrer eigenen Last zusammen. Nahrung und Nachschübe zu den Streitkräften an der Front zu befördern wurde immer schwieriger, als sich die Frontlinien weiter nach außen bewegten. Befehle brauchten zu lange, um in die entlegenen Ecken des Imperiums zu gelangen und direkte Kontrolle wurde unmöglich. Als Rom fiel, führte es Krieg an allen Ecken, verteidigte all seine Grenzen. Parallel beobachten wir einen Anstieg der Angriffe gegen Amerika und seine Symbole und Monumente der Macht.

Ich denke etwas, das nicht unerwähnt bleiben sollte, sind die Sklav*innenaufstände in Rom. Roms Sklav*innen überstiegen die Zahl seiner Bürger*innen in einigen Regionen im Verhältnis 2:1, was einer großen Aufmerksamkeit bedurfte, um sie unter Kontrolle zu halten. Sklav*innen wurden von der Aristokratie gefürchtet, die wussten, dass, wenn sie die Chance dazu hätten, viele von ihnen ihre Kehlen im Schlaf aufschlitzen würden. Die Wahrheit dieser Situation spiegelt sich in dem alten Sprichwort „Jeder Sklave ist ein Feind“ wider, das zeigt, dass die Römer wussten, dass sie von ihren Sklav*innen verachtet wurden.

Natürlich waren große Faktoren des Zusammenbruchs Roms seine Machtkämpfe. In der späten römischen Geschichte teilte sich das Imperium in den Ost- und den Westteil auf. Es lohnt sich zu bemerken, dass es in einem dieser Machtkämpfe war, dass der Kaiser Konstantin Berichten zufolge eine Vision von einem brennenden Kreuz im Himmel hatte, zusammen mit den Worten „In hoc signo vinces“, „Dieses Zeichen wird dir den Sieg bringen“. Er ließ das Kreuz auf die Schilde seiner Armee malen und war in einer blutigen Schlacht vor den Toren Roms siegreich gegen seinen Machtrivalen. Dies war der erste Kampf einer langen Serie von Kämpfen um Macht unter diesem Zeichen, dem Kreuz. Als seine Armeen gesiegt hatten, konvertierte er zum Christentum und erklärte es zur rechtmäßigen Religion in Rom und verschaffte ihm damit die benötigte Legalität und den Schub, den dieses brauchte, um zur Macht zu gelangen und zu dem Akteur der Zerstörung zu werden, der es werden würde. Davor war das Christentum eine kleine, unbeliebte Sekte gewesen. Dieser Schachzug, es zu legalisieren, verhieß nicht nur eine Katastrope für die Welt und ihre Zukunft, sondern auch für Rom selbst.

Der größte Beitrag des Christentums zum Niedergang Roms war die Rolle, die es in der bürokratischen Trennung zwischen dem Ost- und dem Westreich spielte. Teil der Gründe, aus denen Konstantin die Hauptstadt nach Konstantinopel verlegte, war, dass Rom noch immer hauptsächlich heidnisch und nicht christlich war. Die Teilung in zwei Reiche, tatsächlich durchgeführt durch Diokletian, war ein Versuch, den Zerfall des Imperiums zu stoppen. Die Teilung beschleunigte den Kollaps, weil sie eine große Zahl zusätzlicher Regierungsbeamter und Bürokratien schuf. Das kam zusätzlich zu der schweren Inflation, die auf dem Imperium lastete. Das war möglicherweise das einzige Mal in der Geschichte, dass christliche Missionar*innen und Zeloten der Zivilisation schadeten, anstatt sie zu verbreiten.

Es dauerte nicht lange, bis das Christentum die ersten asketischen Mönche hervorbrachte, was keine Überraschung ist, wenn man betrachtet, dass in dieser neuen Religion das Leiden ein Zeichen von Heiligkeit war. Sie praktizierten Enthaltsamkeit und eine strenge Entsagung der Leidenschaften. Das zähmte wirkungsvoll das Verlangen und den Instinkt. Das Christentum verkörperte direkt die Werte der Zivilisation. Konstantin nutzte das Christentum später, um das Reich zu vereinen, weil es die Werte predigte, auf denen die Zivilisation basiert: Gehorsam, Disziplin und Monotheismus. Konstantin regierte mit absoluter Macht und sah sich selbst als dreizehnten Apostel. Schon bald gab es mehr als 60 Dekrete, die andere Religionen ächteten, und das Christentum verlor keine Zeit, die repressiven Praktiken zu entwickeln, die es in den folgenden Jahren berühmt machen würden.

Das Westliche Römische Imperium mit seinem Zentrum in der ursprünglichen Hauptstadt, in Rom, zerfiel zuerst im Jahre 476, einige Jahrhunderte später folgte das Oströmische Reich, das zunächst degenerierte und dann als Teil des Byzantinischen Reichs wiederauferstand.

Solange das Kolosseum besteht,
soll auch Rom bestehen;
Wenn das Kolosseum fällt,
soll auch Rom fallen;
Und wenn Rom fällt
dann die Welt mit ihm.

– Lord Byron –

Während ihre Welt im Chaos versank, wuchs der Durst der Römer nach makabrer Ablenkung. Rom feierte sein Jubiläum und seinen Sieg über Rumänien auf die passendste Weise, mit 117 blutigen Tagen anhaltender Gladiatorenspiele im Kolosseum, wobei 9000 Gladiatoren starben und unzählig mehr Tiere abgeschlachtet wurden, während die Barbaren gegen die Stadtmauer hämmerten und Rebellionen in den Provinzen ausbrachen. Tatsächlich war Ablenkung ein wesentliches Merkmal Roms. In der Absicht, sich selbst abzulenken, bemerkten die meisten Römer „das um sie herum zusammenbrechende Sozialgefüge nicht“. Die Römischen Herrscher lernten schon früh, wie wichtig Beschwichtigungspolitik und Ablenkung für die Kontrolle der Menschen waren. Roms effizientestes Mittel dafür waren „Brot und Spiele“. Mit dem Programm „Brot und Spiele“ gab die Regierung den Menschen, was sie wollten, um sie bei Laune zu halten. Die römische Regierung gab Essen an die Armen aus, um diese zufrieden zu stellen, eine tägliche Essensration und ein kleines Taschengeld, und bot verschwenderische Unterhaltung, um ihre Aufmerksamkeit zu binden.

Die großen Gladiatorenspiele Roms waren Teil von Roms Methoden die Menschen abzulenken und zu kontrollieren. Selbst die ärmsten Menschen konnten schließlich auf diejenigen herabblicken, die im Kolosseum bestraft wurden. Diese Spiele und Wettkämpfe erfüllten denselben Zweck, den heute das Fernsehen erfüllt. Die meisten Kaiser gaben große Summen des Staatsbudgets aus, um die Menschen bei Laune zu halten. Das Kolosseum selbst wurde als Geschenk an die Bevölkerung errichtet und der Eintritt war frei. Es war ein Versuch, die Menschen zu bestechen. Die Veranstaltungen waren übertrieben spektakulär. Die Gladiatoren – das stammt vom Wort gladus für Schwert – unternahmen große Anstrengungen, um die Menge bei Laune und abgelenkt zu halten. Die Gladiatoren kämpften so dramatisch wie nur möglich, um das Spektakel zu vergrößern, beispielsweise indem sie mit ihren Waffen extra weit ausholten, obwohl das nicht nötig war.

Man kann leicht sehen, wie wichtig die Spiele für die Herrscher waren; es gab ein Amphitheater in jeder römischen Stadt. Tatsächlich galt ein Amphitheater als notwendig für jede römische Stadt, zusammen mit einem Marktplatz, einem Theater und einem Gericht. Das Wort Kolosseum selbst kommt von dem Wort Colossus. Die berühmte Arena wurde eigentlich während des Mittelalters Kolosseum getauft, nach der kolossalen Statue von Nero, die neben ihm stand. Ihr eigentlicher Name zur Zeit ihrer Nutzung war der flavische Begriff Amphitheater.

Das Kolosseum bot 60.000 Zuschauer*innen Platz, mehr als die meisten modernen Stadien. Das Amphitheater in der Stadt Pompeji bot Platz für 5 mal so viele Besucher*innen wie Bewohner*innen der Stadt. Aber die immense Popularität dieser Form der Ablenkung wird am Besten durch die Größe des Circus Maximus deutlich. Der Circus Maximus war die ringförmige Rennstrecke, ebenfalls in der Stadt Rom, auf der die Streitwagen-Wettrennen ausgetragen wurden. Sie bot Platz für 200.000 Zuschauer*innen!

Tiere wurden in den Kolosseumskämpfen exzessiv eingesetzt. Die Tiere waren da, um bewundert zu werden, um gefürchtet zu werden, um beherrscht und getötet zu werden. Sie waren wilde, bezaubernde Anblicke von jenseits der Herrschaft der Zivilisation, gefangen an deren Rändern. Die Grenzen hatten sich so weit nach außen verschoben, dass der*die durchschnittliche Römer*in kaum in Kontakt mit dem Anderen, dem Wilden kam. Wenn also exotische Tiere von den entfernten Feldzügen Roms mit zurückgebracht wurden, boten sie eine einmalige Chance, diese Neuheiten zu bestaunen. Es scheint, dass die Tiere Wildheit als Ganzes verkörperten. Das Szenario im Kolosseum wurde entsprechend verändert, so dass es die Welt, aus der das Tier stammte, nachbildete, um die Jagd nachzuspielen. Dies wurde getan, um den Prozess der Eroberung des Wilden nachzubilden, das Ritual der Zivilisation.

Die Massen hatten so einen Hunger nach exotischen Tieren, dass viele der Tiere, die für die Kolosseumsspiele genutzt wurden, bis zu ihrem Aussterben gejagt wurden. Eine ganze Spezies Afrikanischer Elefanten war eine unter vielen anderen, die in den Spielen eingesetzt und ausgerottet wurde. In einem humoristischen Brief schreibt Cicero über den Mangel an wilden Tieren in der Provinz, von der er der Gouverneur war, die gefangen werden könnten: „Es gibt eine bemerkenswerte Knappheit an Tieren und nur wenige „dieser Panther“ sind verblieben.“ Der Gestank des Todes im Kolosseum wurde so überwältigend, dass sie versuchten, ihn mit einem System an Sprinkelanlagen, das Parfüm im Stadion aussprühte, zu überdecken. Mich erinnert das an die Vielzahl von Wegen, auf die der Gestank des Todes, den die Zivilisation mit sich bringt, überdeckt oder ignoriert wird.

Eine interessante Analogie zwischen der römischen Kultur und der amerikanischen ist, dass die Gladiatoren wie Sportstars heute betrachtet wurden. Sie wurden von Kindern verehrt und man fand einige kleine Spielzeuge von Gladiatoren. Viele Statuen berühmter Gladiatoren hatten Darstellungen von wilden Tieren anstelle ihres Penisses und versinnbildlichen so die Verbindung von Patriarchat, Herrschaft und Eroberung.

Tacitus sagte im 2. Jahrhundert,

Raub und Mord werden unter dem Namen Imperium verborgen.

Mit Rom wuchs auch die Kluft zwischen Arm und Reich. „Eine grausame Ungleichheit, die das Imperium bis zu ihrem endgültigen Ende verfolgte.“ Rom boomte durch die Beute aus Kriegen und von der Natur. Wenn du reich genug warst, um es zu genießen, war das Leben in Rom tatsächlich so, wie es uns berichtet wird. Aber für die meisten war es ein Leben des Elends. Die Trennung zwischen den Klassen wurde strikt gezogen und die Feindschaft zwischen den Klassen war heftig. Es gab zwei Hauptklassen, die plebejische Klasse, die hauptsächlich aus römischen Bauern und den Armen bestand, und die Klasse der Patrizier, die die hochrangigen Adligen waren. All die Beamten in Rom stammten aus der Klasse der Patrizier. Die reichsten von ihnen waren so wohlhabend wie das Imperium selbst, aber die meisten Einwohner*innen wurden in kleine mehrstöckige Appartements gepfercht. Hinter dem Prunkviertel des Forums, wo sich der Senat traf, waren gewaltige Areale überfüllter Slums.

Die Expansionskriege hatten Reichtum und Sklaven gebracht. Alleine bei der Eroberung Karthagos wurden eine halbe Million Sklaven gefangen genommen. 10.000 Sklaven erreichten Rom pro Tag über dessen Haupthafen. Zu Hochzeiten war eine von drei Personen in Rom ein*e Sklav*in. Bis zum 5. Jahrhundert vor Christus war Rom übersät mit Familienfarmen, aber kleine Familienfarmen wurden von den großen Gutshöfen verdrängt, die sich entwickelten und die fortan die Landschaft dominierten. Die kleinen Bauern konnten mit den großen Betrieben nicht konkurrieren, die sich der Sklav*innenarbeit bedienten. Auch passierte es, dass Bauern von ihrem militärischen Pflichtdienst zurückkehrten und ihr Land von Aristokraten aufgekauft oder gestohlen vorfanden.

Schon bald wurden die Bauern verdrängt und zogen in die Städte, wo sie eine neue urbane Unterklasse bildeten. Dadurch wuchs die Stadt Rom auf sieben Millionen Einwohner an, zur größten Stadt in Europa bis zur industriellen Revolution. Jobs waren keine verfügbar, weil die große Sklavenpopulation alle nötigen Arbeiten verrichtete. Aber tausende hungriger Bürger*innen wären eine Bedrohung für den Frieden in der Stadt gewesen. Also startete die Regierung ein Programm, um die Armen zu ernähren, das „Dole“ [dt. etwa „Arbeitslosengeld“, „Spende“] genannt wurde und aus einer täglichen Essensration und ein wenig Taschengeld bestand. Schon bald bekam die Hälfte der Menschen in den Städten diese Getreidespende. Ein Viertel des Getreides aus Afrika wurde an die Armen Roms verteilt. 70-80% der Bevölkerung lebte von einem Quäntchen.

Unsere Geschichte steigt nun von einem Königreich des Goldes hinab zu einem des Eisens und des Rosts.

– Eutropius, Römischer Historiker gegen Ende des 3. Jahrhunderts –

Es ist äußerst interessant, dass Rom engültig wegen der Zivilisation selbst fiel. Tatsächlich führte eine der wichtigsten Grundlagen der Zivilisation zu seinem Zusammenbruch. Die charakteristische Eigenschaft der Zivilisation ist die Verdrängung. Von den chinesischen Grundbesitzern hinausgeworfen, hatten die Hunnen keine andere Wahl, als nach Westen zu ziehen. Und wie sie sich bewegten, drängten sie alle Stämme auf ihrem Weg ebenfalls nach Westen. Dieser Kreislauf der Verdrängung setzte sich fort und viele Gruppen wurden so weit nach Westen gedrängt, wie sie gehen konnten und wurden gegen die östlichen Grenzen Roms gedrängt. Sich ausbreitende Zivilisationen anderswo verdrängten die berühmten Barbaren, die Rom in den letzten paar Jahrhunderten angriffen.

Von 235 bis 285 markierten eine heftige Epidemie, die sinkende Versorgung mit Getreide und die Invasionen der Barbaren den Beginn des Niedergangs des Römischen Reichs. Der letzte Kaiser, Romulus Augustulus, wurde vom Thron gestürzt. Es ist sehr interessant, dass der erste, ebenso wie der letzte Kaiser Roms Romolus hießen. Der erste Präsident der Vereinigten Staaten hieß George, der derzeitige Präsident heißt ebenfalls George … Könnte er ebenfalls der letzte sein? [1]

Der Fall Rom war ein großartiges Ereignis. Ein Anlass zum Feiern, da es der Zusammenbruch dessen war, was zu dieser Zeit die zerstörerischste, entfremdendste und brutalste Gesellschaft war. Rom fiel langsam über einen Zeitraum mehrerer Jahrhunderte. Die Zivilisation kollabiert stets degenerierend. Manchmal langsam, manchmal im Einklang mit einer ökologischen Katastrophe und einem sozialen Zusammenbruch. Auch Amerika bricht zusammen. Aber Amerika ist ein viel größeres Imperium als es Rom war und all seine Laster, Gewohnheiten, Hierarchien und Ausbeutung übertreffen Rom in ihrer Zerstörungskraft. Seine Obsession für die ökologische Zerstörung macht das moderne techno-industrielle Imperium umso mehr anfällig.

Der Niedergang Roms sollte lehrreich sein. Die Verachtung, der Neid und Hass seiner Unterdrückten und Kolonisierten, die Zerstörung seiner ökologischen Grundlagen, sein zu ausgedehntes Imperium und die erdrückende Bürokratie, all das trug zu seinem Niedergang bei. Ich behaupte, dass die moderne Zivilisation selbst Rom in all diesen Bereichen übertroffen hat. Die einzige Sache, die diese Leiche noch am Leben hält, ist ihre Fähigkeit, jeder bisherigen Form der Zivilisation überlegen, ihre Subjekte durch Überdomestizierung davon zu überzeugen in sie zu vertrauen und auch mehr und mehr technologische Fortschritte zu erreichen, die ihre verfaulenden Systeme am Leben halten. Die technologische Medizin half dabei die Vielzahl an Krankheiten zu bekämpfen, die die Bürger*innen der industrialisierten Zivilisation befallen und diese sicherlich bereits beendet hätten und sie dennoch in die Knie zwingen werden. „Fortschritte“ in der Landwirtschaft wie die Vergiftung des Landes und Wassers mit Düngemitteln und die Domestizierung und Manipulation der Gene, die die Essenz des Lebens ausmachen, haben es ermöglicht, überbevölkerte menschliche Städte mit einer nicht nachhaltigen Nahrungsmittelquelle zu ernähren, die schnell zusammenbricht. Die Liste könnte endlos fortgesetzt werden. Ohne dieses technologische Flickwerk hätte die Zivilisation längst geendet, wie es sich gehört, aber bislang ist nichts davon irgendetwas anderes als eine Symptombekämpfung, deren oberflächliche Lösungen scheitern und ihr glänzendes Image verlieren werden. Also ja, diese Todesmaschine, die die westliche Zivilisation ist, wird schließlich kollabieren, es ist nur eine Frage der Zeit.

Königreiche gehen unter, Städte versinken
Und von dem, was einst Rom war,
bleibt nichts als ein leerer Name.
Nur die Berühmtheit und Ehre dieser Dinge,
herausgesucht aus alten Büchern,
Entfliehen dem Scheiterhaufen der Bestattung.

– Florent Schoonhoven –

Als Rom zusammenbrach, folgte darauf das Dunkle Zeitalter. Auch wenn es so von den Propheten dieser Zivilisation wegen seiner Rückschrittlichkeit und dem langsamen technologischen Fortschritt genannt wird, war das Dunkle Zeitalter eine Periode einer Art proto-modernen Zivilisation, eine schreckliche Ära, kein bisschen besser als das, was ihr voranging oder folgte. Wird ein ähnliches „dunkles Zeitalter“ auf den Kollaps des amerikanischen Imperiums folgen? Wir müssen hart daran arbeiten, sicherzustellen, dass, wenn Amerika und die Zivilisation, die es anführt, zusammenbrechen, wir auf ihrer Asche tanzen, um wirklich alle Spuren der Tendenz namens Zivilisation zu zerstampfen, um sicherzustellen, dass eine Ära der Freiheit und der Harmonie folgen wird.

Übersetzt aus dem Englischen: Lessons from the Fall of Rome, Green Anarchy #12, 2003

Anmerkungen

[1] Nun, wie die Zeit bewiesen hat, war er es nicht. Aber wer wird denn all seine Hoffnungen in den Namen eines irrelevanten Präsidenten setzen? [Anm. d. Übers.]

Industrielle Domestizierung

Industrie als Ursprung moderner Herrschaft

Wenn sich das Kapital der Wissenschaft bemächtigt, dann wird die Fügsamkeit des widerspenstigen Arbeiters gesichert sein.

– Andrew Ure, Philosophy of Manufactures, 1835

Wenn in der Vergangenheit irgendjemand einen Handwerker einen Arbeiter nannte, riskierte er eine Schlägerei. Heute, wo ihnen gesagt wird, dass die Arbeiter dem Staate die liebsten seien, bestehen sie alle darauf, Arbeiter zu sein.

M. May, 1848

Der Begriff Industrielle Revolution, der allgemein gebraucht wird, um die Periode zwischen 1750 und 1850 zu bezeichnen, ist eine blanke bourgeouise Lüge, parallel zu der Lüge über die politische Revolution. Sie beinhaltet nicht das Negative und rührt von einer Vorstellung der Geschichte als nur die Geschichte des technologischen Fortschritts her. Hier landet der Feind einen doppelten Treffer, indem er die Existenz der Manager und Hierarchien als unvermeidbare technische Notwendigkeit legitimiert und eine maschinelle Vorstellung des Fortschritts einführt, die fortan für ein positives und sozial neutrales Gesetz gehalten wird. So eine Lüge war offensichtlich für die Armen bestimmt, bei denen sie bleibende Schäden hinterließ. Um sie zu widerlegen genügt es, sich an die Fakten zu halten.

Die meisten technologischen Innovationen, die das Entstehen von Fabriken erlaubten, waren bereits früher entdeckt worden, aber ungenutzt geblieben. Ihre weitverbreitete Anwendung war keine mechanische Konsequenz, sondern resultierte aus einer historisch datierbaren Entscheidung der herrschenden Klassen. Und diese Entscheidung war weniger eine Reaktion auf eine Frage bloßer technischer Effizienz (die oft zweifelhaft war), sondern vielmehr eine Strategie sozialer Domestizierung. Die pseudo-industrielle Revolution kann daher auf ein Projekt sozialer Konterrevolution reduziert werden. Es gibt nur einen einzigen Fortschritt: den Fortschritt der Entfremdung.

Unter dem vorher existierenden System genossen die Armen immerhin eine beachtliche Menge an Unabhängigkeit in der Arbeit, die sie gezwungen wurden zu verrichten. Ihre dominante Form war die heimische Werkstatt: Kapitalist*innen verliehen Werkzeuge an die Arbeiter*innen, versorgten sie mit Rohmaterial und kauften dann das fertige Produkt spottbillig. Für die Arbeiter*innen bestand die Ausbeutung lediglich in einem Moment des Geschäfts, über den sie keine direkte Kontrolle hatten.

Die Armen konnten ihre Arbeit noch immer als „Kunst“ begreifen, über die sie eine beachtliche Breite an Entscheidungsmacht ausübten. Aber vor allem blieben sie die Herren ihrer eigenen Zeit: Sie arbeiteten zu Hause und konnten aufhören, wann immer es ihnen beliebte; ihre Arbeitszeit entzog sich jeglicher Berechnung. Und Abwechslung sowie Unregelmäßigkeit charakterisierten ihre Arbeit, da die heimische Werkstatt in den meisten Fällen nur eine Ergänzung zu den landwirtschaftlichen Tätigkeiten war.

Die daraus folgenden Schwankungen der industriellen Aktivität waren unvereinbar mit der harmonischen Ausweitung des Handels. Daher besaßen die Armen immer noch ein beachtliches Druckmittel, von dem sie beständig Gebrauch machten. Das Unterschlagen von Rohmaterial war eine übliche Praxis und speiste einen ausgedehnten parallelen Markt. Aber vor allem konnten diejenigen, die zu Hause arbeiteten, Druck auf ihre Arbeitgeber ausüben: Die häufige Zerstörung von Webstühlen war ein Mittel der „kollektiven Verhandlung durch Aufruhr“ (Hobsbawm). Rück die Kohle raus oder wir zerstören alles.

Fabriken entworfen nach dem Vorbild von Gefängnissen

Um die bedrohliche Unabhängigkeit der Armen zu unterdrücken, sah sich die Bourgeousie gezwungen, die Gefilde der Produktion direkt zu kontrollieren. Das war der Grund, der für die Verbreitung von Fabriken sorgte. „Es sind weniger diejenigen, die absolut nicht arbeiten, die der Öffentlichkeit Leid zufügen, sondern diejenigen, die nur die Hälfte ihrer Zeit arbeiten“, schrieb Ashton bereits 1725. Die militärischen Fertigkeiten wurden auf die Industrie angewandt und Fabriken wurden buchstäblich nach dem Vorbild von Gefängnissen entworfen, die übrigens zur selben Zeit auftauchten.

Eine riesige Ummauerung trennte den Arbeiter von allem, das betriebsfremd war und Wärter wurden angestellt, um die Menschen zurückzuhalten, die es anfangs selbstverständlich fanden, ihre weniger glücklichen Freunde zu besuchen. Im Inneren hatten drakonische Bestimmungen das primäre Ziel, die Sklav*innen zu zivilisieren. Im Jahr 1770 hatte ein Schriftsteller eine Vision eines neuen Plans, um die Armen produktiv zu machen: Das Haus des Terrors, in dem die Insass*innen 14 Stunden am Tag zum Arbeiten gezwungen werden und durch eine Hungerkur unter Kontrolle gehalten würden. Er war seiner Zeit nicht weit voraus; eine Generation später wurde das Haus des Terrors schlicht Fabrik genannt.

In England verbreiteten sich Fabriken als Erstes. Hier hatten die herrschenden Klassen ihre internen Konflikte längst überwunden und konnten sich daher ohne Hemmungen der Leidenschaft des Kommerzes widmen. Die Repression, die auf die millenaristischen [1] Angriffe der Armen gefolgt war, hatte außerdem den Weg für die industrielle Gegenoffensive geebnet.

Es war das traurige Schicksal der Armen in England, die ersten zu sein, die der absoluten Brutalität dieses sich entwickelnden sozialen Mechanismus unterworfen wurden. Selbstverständlich betrachteten sie dieses Schicksal als totale Erniedrigung und diejenigen, die es akzeptierten, wurden von ihren Kollegen verachtet. Zur Zeit der Levellers [Egalitaristen, Anm. d. Übs.] [2] war es bereits die allgemeine Meinung, dass diejenigen, die ihre Arbeit für ein Gehalt verkauften, all ihre Rechte als „frei geborene“ Engländer aufgegeben hatten. Schon bevor die Produktion überhaupt begann, hatten die ersten Fabrikbesitzer Schwierigkeiten, Arbeiter*innen anzuwerben und mussten oft weit reisen, um sie zu finden.

Als nächstes war es notwendig, die Armen dazu zu zwingen, ihre neuen Jobs zu behalten, von denen sie massenhaft dessertierten. Deshalb kamen die Fabrikbesitzer für die Behausungen ihrer Sklav*innen auf, die als Vorkammern der Fabrik dienten. Die Bildung dieser riesigen industriellen Reservearmee brachte die Militarisierung der Gesamtheit des sozialen Lebens mit sich.

Der Luddismus war die Antwort der Armen auf die Einführung dieser neuen Ordnung. Während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in einem Klima aufständischer Wut eine Bewegung, die sich der Zerstörung der Maschinen widmete. Es war nicht nur eine Frage der Nostalgie nach dem Goldenen Zeitalter des Handwerks. Sicherlich war auch das Aufkommen der Herrschaft des Quantitativen, der massenproduzierten, schäbigen Waren eine Hauptquelle der Wut. Fortan wurde die Zeit, die man brauchte, um eine Aufgabe zu erledigen, wichtiger als die Qualität des Resultats, und diese Entwertung des Inhalts jeder einzelnen Arbeit brachte die Armen dazu, die Arbeit als solche anzugreifen, die dadurch ihre Essenz enthüllt hatte. Aber der Luddismus war vor allem ein antikapitalistischer Unabhängigkeitskrieg, ein „Versuch die neue Gesellschaft zu zerstören“ (Mathias). „Alle Adligen und Tyrannen müssen niedergestreckt werden“, heißt es in einem seiner Flugblätter.

Der Luddismus war das Erbe der millenaristischen Bewegung der vorangegangenen Jahrhunderte und auch wenn er sich nicht länger als universelle und vereinheitlichte Theorie ausdrückte, blieb er allen politischen Perspektiven gegenüber radikal fremd, ebenso wie gegenüber jedem ökonomischen Pseudorationalismus. Die Aufstände der Seidenarbeiter zur gleichen Zeit in Frankreich, die sich ebenfalls gegen den Prozess der industriellen Domestizierung richteten, waren dagegen bereits von der politischen Lüge kontaminiert.

„So verdunkelte ihr politischer Verstand ihnen die Wurzel der geselligen Not, so verfälschte er ihre Einsicht in ihren wirklichen Zweck“, schrieb Marx 1844. Ihr Slogan war „arbeitend leben oder kämpfend sterben.“

Die Auferlegung der Industriellen Logik

Während die aufkommende Gewerkschaftsbewegung in England kaum unterdrückt und sogar geduldet wurde, wurde das Zerstören von Maschinen mit dem Tode bestraft. Die unerschütterliche Negativität der Ludditen machte sie sozial untolerierbar. Der Staat antwortete auf diese Bedrohung auf zwei Wegen: Er bildete eine moderne professionelle Polizei und erkannte Gewerkschaften offiziell an. Der Luddismus wurde zuerst durch brutale Repression besiegt und verblasste dann, als die Gewerkschaften Erfolg damit hatten, die industrielle Logik durchzusetzen. 1920 bemerkte ein englischer Beobachter mit Erleichterung, dass „die Verhandlungen über die Bedingungen des Wandels über die bloße Verneinung des Wandels selbst gesiegt hatten.“ Ein schöner Fortschritt!

Von all den Verleumdungen, mit denen die Ludditen überhäuft wurden, kamen die schlimmsten von den Apologet*innen der Arbeiterbewegung, die sie für blind und infantil hielten. Daraus resultiert auch die folgende Passage von Karl Marxs Kapital, die beispielhaft für eine fundamentale Missinterpretation dieser Ära steht: „Es bedarf Zeit und Erfahrung, bevor der Arbeiter die Maschinerie von ihrer kapitalistischen Anwendung unterscheiden und daher seine Angriffe vom materiellen Produktionsmittel selbst auf dessen gesellschaftliche Exploitationsform übertragen lernt.“

Diese materialistische Vorstellung der Neutralität von Maschinen reicht aus, um die Organisation der Arbeit, die eiserne Disziplin (in dieser Hinsicht war Lenin ein konsequenter Marxist) und letztlich den ganzen Rest zu legitimieren. In ihrer angeblichen Rückschrittlichkeit begriffen die Ludditen doch, dass die „materiellen Produktionsmittel“ vor allem anderen Instrumente der Domestizierung waren, deren Form nicht neutral ist, weil sie Hierarchien und Abhängigkeiten garantiert.

Der Widerstand der ersten Fabrikarbeiter*innen äußerte sich vor allem in Bezug auf eines der wenigen Dinge, die sie besaßen und dessen sie beraubt werden sollten: ihrer Zeit. Es war ein alter religiöser Brauch weder an Sonn-, noch an Montagen zu arbeiten, was „Blauer Montag“ genannt wurde. Da Dienstage der Erholung von zwei Tagen Trinkgelage gewidmet war, begann die Arbeit vernünftigerweise nicht vor Mittwoch. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch weit verbreitet, dauerte dieser gesunde Brauch in einigen Branchen bis 1914 an. Ohne Erfolg versuchten sich die Bosse an verschiedenen Zwangsmethoden, um diesen institutionalisierten Absentismus zu bekämpfen. Mit dem Aufkommen von Gewerkschaften wurden die „Blauen Montage“ durch freie Samstagnachmittage ersetzt. Ein ruhmreiche Sieg: die Arbeitswoche wurde so um zwei Tage verlängert!

Die Blauen Montage spielten nicht nur bei der Frage der Arbeitszeit eine Rolle, sondern auch hinsichtlich des Umgangs mit Geld, da die Arbeiter*innen nicht zur Arbeit zurückkehrten, bevor sie ihr gesamtes Gehalt ausgegeben hatten. Mit Beginn dieser Periode wurden die Sklav*innen nicht länger nur als Arbeiter*innen, sondern auch als Konsument*innen betrachtet. Die Notwendigkeit, die Binnenmärkte zu entwicklen, indem diese für die Armen geöffnet wurden, war von Adam Smith theoretisiert worden. Außerdem „wäre die Schaffung von Bedürfnissen doch das beste Mittel, um das Volk arbeitsam zu machen“, schrieb der Erzbischof Berkeley 1755.

Auf eine noch immer nur geringfügige Art und Weise wurde das Gehalt, das den Armen zugeteilt wurde, den Notwendigkeiten des Marktes angepasst. Aber die Armen nutzten dieses zusätzliche Geld nicht so, wie es die Ökonomen vorausgesagt hatten: Der Anstieg der Gehälter bedeutete für sie gewonnene Zeit bei der Arbeit (eine nette Umkehrung von Benjamin Franklins utilitaristischer Maxime Zeit ist Geld). Zeit, die durch die Abwesenheit in den Fabriken gewonnen wurde, verbrachte man in den – zurecht so genannten – Public Houses (während dieser Periode wurden Nachrichten von Revolten von Pub zu Pub weitergetragen).

Je mehr Geld die Armen zur Verfügung hatten, desto mehr tranken sie. Der Geist der Ware wurde zuerst in Form von Spirituosen entdeckt, zum Missfallen der Ökonomen, die beabsichtigt hatten, dass die Armen ihr Geld sinnvoll ausgaben. Die Mäßigungskampagne, die gemeinsam von der Bourgeoisie und den „fortschrittlichen (und daher nüchternen) Fraktionen der Arbeiterklasse“ ins Leben gerufen wurde, war vielmehr eine Ermahnung an die Arbeiter*innen, ihre Gehälter weise zu nutzen, als eine Sorge um die öffentliche Gesundheit (die viel größeren Schäden, die von der Arbeit verursacht wurden, veranlassten sie nicht dazu, für ihre Abschaffung zu plädieren). Einhundert Jahre später sind die gleichen Akteur*innen unfähig zu ergründen, warum Arme auf Essen verzichten, um „überflüssige“ Waren zu kaufen.

Die Wildheit kommt immer zurück

Die Propaganda, die zum Sparen ermutigte, wurde ins Leben gerufen, um diese Neigung zum direkten Ausgeben des Geldes zu bekämpfen. Und wieder war es die „Avantgarde der Arbeiterklasse“, die Einrichtungen zum Sparen für die Armen einrichtete.

Das Sparen vergrößerte sowohl die Abhängigkeit der Armen als auch die Macht ihrer Feinde: Die Kapitalist*innen konnten durch eine Senkung der Gehälter temporäre Krisen überstehen und gewöhnten die Arbeiter*innen an die Idee des Existenzminimums.

Doch hier gibt es einen damals unauflösbaren Widerspruch, den Marx in seinen Grundrissen aufgezeigt hat: Jede*r Kapitalist*in fordert, dass seine Sklav*innen als Arbeiter*innen sparen, aber eben nur seine Arbeiter*innen; Alle anderen Sklav*innen sind für ihn Konsument*innen und sind als solche verpflichtet, Geld auszugeben. Dieser Widerspruch konnte erst viel später aufgehoben werden, als die Entwicklung der Ware die Aufnahme von Krediten durch die Armen erlaubte. Jedenfalls, selbst wenn es der Bourgeoisie vorläufig gelungen war, das Arbeitsverhalten der Armen zu zivilisieren, konnte sie ihr Ausgabeverhalten niemals absolut domestizieren. Das Geld ist das, durch das die Wildheit immer zurückkehrt…

Nachdem die Abschaffung der Blauen Montage die Arbeitswoche verlängert hatte, „nahmen sich nunmehr die Arbeiter*innen ihre Freizeit am Arbeitsplatz“ (Geoff Brown). Die Verminderung des Arbeitstempos wurde zur Regel. Es war die Einführung der Akkordarbeit, die die Disziplin endgültig in die Werkstätten brachte und eine Erhöhung des Fleißes und der Produktivität erzwang. Das wichtigste Ergebnis dieses Systems, das sich seit den 1850ern verbreitete, war, dass es die Arbeiter*innen zwang die industrielle Logik zu verinnerlichen: Um mehr zu verdienen, war es notwendig, mehr zu arbeiten. Das hatte jedoch nachteilige Auswirkungen auf die Gehälter der anderen und die weniger stürmischen konnten sogar ihren Job verlieren.

Die Antwort auf diese ungezügelte Konkurrenz war die Etablierung kollektiver Verhandlungsformen, um über die zu erledigende Menge an Arbeit und ihre Verteilung und Vergütung zu entscheiden, was zu der Durchsetzung der gewerkschaftlichen Schlichtung führte. Nachdem sie hinsichtlich der Produktivität den Sieg errungen hatten, willigten die Kapitalist*innen ein, die Anzahl der Arbeitsstunden zu reduzieren. Das berühmte Zehn-Stunden-Gesetz war, auch wenn es faktisch ein Sieg der Gewerkschaften war, eine Niederlage für die Armen, da es die Niederlage ihres langen Widerstands gegen die neue industrielle Ordnung besiegelte.

Die omnipräsente Diktatur der Notwendigkeit war errichtet. Sobald die Überreste der früheren sozialen Ordnung beseitigt waren, gab es nichts mehr auf dieser Welt, das nicht von den Geboten der Arbeit bestimmt wurde. Der Horizont der Armen begrenzte sich auf den „Existenzkampf“. Die absolute Herrschaft der Notwendigkeit kann jedoch nicht einfach als eine quantitative Zunahme des Mangels betrachtet werden: Sie war vor allem die Kolonisierung des Verstands durch das triviale und vulgäre Prinzip der Nützlichkeit, eine Niederlage für das Denken selbst.

Hier können wir die Konsequenzen der Zerstörung des Millenarischen Geistes ermessen, der die Armen während der ersten Phase der Industrialisierung inspirierte. Während dieser Periode war die Herrschaft der brutalen Not klar als Resultat einer bestimmten Welt begriffen worden – der Welt des Antichristen basierend auf Eigentum und Geld. Die Vorstellung der Abschaffung der Not war untrennbar mit der Idee der Realisierung des Garten Edens der Menschlichkeit verbunden, „dem spirituellen Kanaan, wo Wein, Milch und Honig fließen und Geld nicht existiert“ (Coppe). Mit der Niederlage dieses versuchten Umsturzes erlangte die Not das Erscheinungsbild der Unmittelbarkeit. Fortan erschien Mangel als natürliche Katastrophe, die nur durch eine umfangreichere Organisiation der Arbeit behoben werden könnte. Mit dem Triumpf der englischen Ideologie wurden die Armen, die bereits vollkommen enteignet waren, sogar noch der eigentlichen Vorstellung von Reichtum beraubt.

Der puritanische Abschaum

Es war der Protestantismus, oder präziser seine angelsächsische puritanische Form, die den Kult der Nützlichkeit und des Fortschritts begründete und legitimierte. Indem sie die Religion zu einer Privatangelegenheit machte, billigte die protestantische Ethik die von der Industrialisierung verursachte soziale Atomisierung: Individuen standen Gott auf dieselbe Art und Weise alleine gegenüber, wie sie im Hinblick auf Waren und Geld isoliert waren. Ebenso vertrat sie genau die Werte, die von den modernen Armen verlangt wurden: Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit, Arbeit, Sparsamkeit.

Die Puritaner, dieser Abschaum, der rastlos gegen Feste, Spiele, Ausschweifung und alles, was der Logik der Arbeit entgegen stand, kämpfte und den Millenarischen Geist als „lähmend für den Unternehmergeist“ (Webb 1644) betrachtete, ebnete den Weg für die industrielle Konterrevolution. Ferner kann die Reformation als Prototyp des Reformismus betrachtet werden: Als Produkt einer Meinungsverschiedenheit betrachtete er alle widerstreitenden Ansichten als Bereicherung. Sie „forderte nicht, dass man dieses Christentum praktiziert; sie forderte, dass man zu einem Gläubigen wurde. Jede Religion war recht.“

1789 wurden diese Prinzipien in Frankreich vollständig realisiert, als sie ihre religiöse Form endgültig abwarfen und eine universelle Form des Rechts und der Politik annahmen. Frankreich war Nachzügler im industriellen Prozess: Ein unversöhnlicher Konflikt zwischen Bourgeoisie und der Aristokratie, die sich weigerte, Geld zu investieren. Paradoxerweise war es dieser Rückstand, der die Bourgeoisie dazu brachte, den modernsten Ansatz zu verfolgen. In Großbritannien, wo die herrschenden Klassen seit langem einen gemeinsamen historischen Weg eingeschlagen hatten, „nahm die Erklärung der Menschenrechte Form an, nicht im Gewand der römischen Toga, sondern in der Robe der Propheten des Alten Testaments“ (Hobsbawn). Genau das ist die Grenze, die unvollständige Natur der englischen theoretischen Konterrevolution. Staatsbürgerschaft war im Endeffekt noch immer auf einer Doktrin der Auserwähltheit basierend, durch die die Auserwählten einander durch die Früchte ihrer Arbeit und ihre moralische Einwilligung zu dieser Welt wahrnahmen. Das schloss den Pöbel aus, der noch immer vom Schlaraffenland träumen konnte.

Das ursprüngliche Ziel der Zwangsarbeit in den Fabriken war vor allem, diese bedrohliche Stärke zu beschränken und es durch einen machtvollen sozialen Mechanismus zu integrieren. Den Lügen der englischen Bourgeoisie fehlte noch immer die Raffinesse, die jene ihrer Kollegen auf der anderen Seite des Kanals charakterisierten, und die es diesen erlaubte, die Armen von Anfang an durch die Ideologie zu schwächen. Selbst heute noch führen die englischen Verfechter*innen der Alten Welt eher ihre moralische Rechtschaffenheit als ihre politischen Meinungen an. Die besonders sichtbare und arrogante Grenze, die Arm und Reich in diesem Land trennt, entspricht der schwachen Verankerung des Konzepts von individueller und rechtlicher Gleichheit der Individuen.

Während die puritanische moralische Indoktrination den ursprünglichen Effekt hatte, alle zu vereinen und zu stärken, die ein bestimmtes Interesse hatten, eine sich verändernde und ungewisse Welt zu bekämpfen, zerschmetterte sie die Unterklassen, die sich bereits unter das Joch der Arbeit und des Geldes gebeugt hatten, und vollendete so deren Niederlage. Daher schlug Ure vor, dass seinesgleichen die „moralische Maschinerie“ mit ebensoviel Sorgfalt aufrechterhalten wie die „mechanische Maschinerie“, um „Gehorsam hinnehmbar zu machen“. Aber vor allem enthüllte diese moralische Maschinerie ihre schädlichen Effekte, als sie von den Armen übernommen wurde und der aufkommenden Arbeiterbewegung ihren Stempel aufdrückte.

Die Kampagne zur Zivilisierung der Armen

Es vermehrten sich die methodistischen, wesleyanischen, baptistischen und anderen Arbeitersekten, bis sie schließlich genauso viele Gläubiger versammelten wie die Kirche Englands, Institution des Staates. In der feindlichen Umgebung der neuen Industrieanlagen zogen sich die zitternden Arbeiter in die Kapelle zurück. Man ist immer dazu geneigt die Erniedrigungen rechtzufertigen, für die man sich nicht rächt. Die neue Moral der Arbeiter*innen verwandelte Armut in einen Zustand der Gnade und Sparen in eine Tugend.

An jenen Orten waren die Gewerkschaften direkte Nachkommen der Kirche und Laienprediger wurden zu Gewerkschaftsvertretern [3]. Die von der Bourgeoisie geführte Kampagne, um die Armen zu zivilisieren, erlangte nur durch Querschläger die Oberhand über den sozialen Hass, sobald dieser einmal in den Händen der Arbeiterrepräsentanten lag, die fortan in ihren Kämpfen gegen ihre Herren die gleiche Sprache wie sie sprachen. Doch die noch religiösen Formen, die die Domestizierung des Denkens immer wieder annahm, waren nur eine Nebenerscheinung. Diese hatte eine deutlich effizientere Basis in der ökonomischen Lüge. J. und P. Zerzan [4] haben diesen Widerspruch treffend hervorgehoben: Es war während des zweiten Drittels des 19. Jahrhunderts, als die Armen den entwürdigendsten und verstümmelndsten Bedingungen in allen Bereichen ihres Lebens unterworfen wurden und jeder Widerstand gegen die Gründung einer neuen kapitalistischen Ordnung niedergeschlagen worden war; es war genau in diesem Moment, dass Marx, Engels und alle ihre Jünger mit Genugtuung die Geburt „der revolutionären Armee der Arbeit“ begrüßten und die objektiven Bedingungen für einen siegreichen proletarischen Angriff für endlich eingetreten erklärten.

In seiner berühmten “Adresse” der Internationalen Arbeiter-assoziation von 1864 begann Marx damit, ein detailliertes Bild der entsetzlichen Situation der Armen in England zu zeichnen und fuhr dann fort, die „wunderbaren Erfolge“ zu loben, wie das Zehn-Stunden-Gesetz (wir haben bereits gesehen, was das wert war) und die Etablierung von Kooperativfabriken, die einen „Sieg der politischen Ökonomie der Arbeit über die politische Ökonomie des Kapitals“ darstellen würde! Wenn marxistische Kommentator*innen das grausame Schicksal der Arbeiter*innen des 19. Jahrhunderts ausführlich beschrieben haben, so betrachteten sie dieses Schicksal bis zu einem gewissen Grad als unausweichlich und förderlich. Unausweichlich, weil sie es als die unvermeidbare Konsequenz der Anforderungen der Wissenschaft und als eine notwendige Entwicklung der „Produktionsverhältnisse“ betrachteten. Förderlich in dem Sinne, dass „das Proletariat durch die Mechanismen der Produktion vereint, diszipliniert und organisiert worden ist“ (Marx).

Die Arbeiterbewegung gründet sich auf einer rein defensiven Basis. Die ersten Arbeiterassoziationen waren „Vereinigungen des Widerstands und der gegenseitigen Hilfe“. Aber wenn die revoltierenden Armen sich selbst zuvor immer im Negativen wiedererkannt hatten, durch die Benennung der Klasse ihrer Feinde, so war es doch in und durch die Arbeit, die ihnen als Zentrum ihrer Existenz aufgezwungen worden war, dass die Arbeiter begannen nach einer positiven Gemeinschaft zu streben, einer, die nicht von ihnen selbst produziert wurde, sondern von einem äußeren Mechanismus.

Diese Ideologie nahm zuerst Gestalt an inmitten der „aristokratischen Minderheit“der qualifizierten Arbeiter*innen, „dieser Sektor, der für Politiker*innen von Interesse ist und aus dem diejenigen stammen, die die Gesellschaft nur zu dankbar als Repräsentant*innen der Arbeiterklasse begrüßen will“, wie Edith Simcox 1880 treffend bemerkte. Die riesige Masse der noch immer unregelmäßigen und unqualifizierten Arbeiter*innen hatte deshalb keine Bürgerrechte. Sie waren diejenigen, die den legendären wilden und kampfeslustigen Geist der englischen Arbeiter bewahrten, als sich die Türen der Gewerkschaften öffneten. Es begann ein langer Kreislauf sozialer Kämpfe, zuweilen gewaltsam, aber ohne jegliches einigende Prinzip.

„Obgleich die revolutionäre Initiative wahrscheinlich von Frankreich ausgehen wird, kann allein England als Hebel für eine ernsthafte ökonomische Revolution dienen.[…] Die Engländer verfügen über alle notwendigen materiellen Voraussetzungen für eine soziale Revolution. Woran es ihnen mangelt, ist der Geist der Verallgemeinerung und die revolutionäre Leidenschaft.“ Diese Erklärung des Generalrats der Internationale enthält sowohl ein wahres, als auch ein falsches Bewusstsein einer Epoche. Von einem sozialen Standpunkt aus gesehen war England immer ein Rätsel gewesen: Das Land, das die modernen Bedingungen der Ausbeutung hervorgebracht hatte und das entsprechend als erstes große Massen von Armen hervorbrachte, ist auch das Land, in dem die Institutionen seit nunmehr drei Jahrhunderten unverändert geblieben sind und das niemals von einem revolutionären Angriff erschüttert worden ist.

Bereit für die Barrikaden

Das ist es, was England von den Nationen des europäischen Kontinents trennt und der marxistischen Konzeption einer Revolution widerspricht. Kommentatoren haben versucht, dieses Rätsel mit einen britischen Atavismus zu erklären, was zu den andauernd wiederholten Lügengeschichten über den reformistischen und theoriefeindlichen Geist der englischen Armen geführt hat, verglichen mit dem radikalen Bewusstsein, das die Armen Frankreichs antrieb, die immer bereit waren, auf die Barrikaden zu gehen. Diese Art von ahistorischer Sichtweise scheitert daran, sich an die theoretische Fülle während der Jahre des Bürgerkriegs im 17. Jahrhundert zu erinnern und vergisst die Beharrlichkeit und Gewalt, die die sozialen Kämpfe der englischen Armen immer ausgemacht haben und die sich seit Mitte dieses Jahrhunderts immer mehr ausgeweitet haben. Tatsächlich lässt sich das Rätsel wie folgt lösen: Die Revolte der Armen hängt immer davon ab, was sie bekämpft.

In England führten die herrschenden Klassen ihr Unterfangen der Domestizierung durch die brutale Kraft eines sozialen Mechanismus und ohne blumige Phrasen durch. Englische Historiker*innen bedauern häufig, dass die „industrielle Revolution“ nicht von einer „kulturellen Revolution“ begleitet wurde, die die Armen in den „industriellen Geist“ integriert hätte (solche Überlegungen häuften sich in den 70ern, als die großflächigen wilden Streiks ihre Schärfe enthüllten).

In Frankreich war die bourgeoise Konterrevolution vor allem theoretischer Natur; Herrschaft wurde durch Politik und Gesetze ausgeübt, „diesem Wunder, das die Menschen seit 1789 in einem Zustand des Missbrauchs gefangen hält“ (Louis Blanc). Diese Prinzipien repräsentierten ein universelles Projekt, das den Armen versprach teilzuhaben, wenn sie dessen Modalitäten zu den ihren machen würden. Um 1830 herum ernannte sich ein Teil der Armen zu ihrem Sprachrohr. Sie forderten, dass „man den Menschen, die erniedrigt worden sind, ihre bürgerliche Würde zurückgeben müsse“ (Proudhon). Ab 1848 wurden die gleichen Prinzipien im Namen der „Republik der Arbeit“ gegen die Bourgeoisie ins Feld geführt. Und es ist allgemein bekannt, in welchem Ausmaß dieser Ballast von 1789 eine Rolle in der Niederschlagung der Pariser Kommune spielte.

Dieses soziale Projekt zerfiel im 19. Jahrhundert in zwei Teile. In England, der Metropole des Kapitals, konnten die sozialen Kämpfe nicht zu einem vereinten Angriff verschmelzen, sie wurden zu Zerrbildern, die auf einer Ebene der „ökonomischen“ Kämpfe blieben. In Frankreich, der Wiege des Reformismus, blieb dieser vereinte Angriff in einer politischen Form gefangen, und überließ somit das letzte Wort dem Staat. Das Geheimnis des Fehlens einer revolutionären Bewegung jenseits des Ärmelkanals ist also identisch mit dem Geheimnis der Niederlage der revolutionären Bewegungen auf dem Kontinent.

Wir haben den Beginn eines Prozesses beschrieben, der nun seine Vollendung erreicht. Die klassische Arbeiterbewegung ist definitiv in die Zivilgesellschaft integriert und ein neues Projekt der industriellen Domestizierung hat seinen Anfang genommen. Heute werden die Pracht sowie die Grenzen der Bewegungen der Vergangenheit – die bis heute die sozialen Bedingungen in jeder Region dieser Welt bestimmen – ans Licht gebracht.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Leopold Roc. Industrial Domestication. Industry as the Origins of Modern Domination. Die Übersetzung folgt dem Reprint von Quiver Distro. Ursprünglich erschien der Text in der Zeitung Fith Estate. Überarbeitet anhand des französischen Originals: Léopold Roc: La domestication industrielle. Ursprünglich veröffentlicht in: Os Cangaceiros N° 3, Juni 1987, und der deutschen Übersetzung “Die industrielle Domestizierung” erstmals erschienen im September 2013 in “Os Cangaceiros – Ein Verbrechen namens Freiheit” bei Cumbula Velifera & Unruhen Publikationen.

 

Anmerkungen
[1] S. L’Incendie millénariste, S. 233-258. [Die Millenaristischen Bewegungen, die in Europa vor allem vom 13. bis zum 17. Jahrhundert aktiv waren, versuchten ein Goldenes Zeitalter oder einen Gnadenstand im realen Leben zu verwirklichen. Sie entwuchsen einem messianischen Christentum, das die zeitliche Autoritäten – die Kirche und den Staat – als Antichristlich betrachtete und sie für ein Hindernis der Ankunft des Milleniums hielt, des 1000-jährigen Reiches Christi auf Erden. Seine Anhänger*innen prangten ökonomische, sexuelle, religiöse und bürgerliche Tabus an und nutzten eine Vielzahl an Taktiken – einige davon waren gewaltsam – um ihre Utopie zu erreichen. (Siehe auch Norman Cohn, Auf den Spuren des Millenarismus, eine aufregende und akkurate, wenngleich konservative Sicht auf diese Ära.) Anm. d. Übs.]

[2] Als Levellers wurden die Angehörigen einer frühdemokratischen, politischen Bewegung in England bezeichnet, die ihren stärksten Einfluss während des Bürgerkriegs (1642–1649) ausübte. Die Levellers engagierten sich für eine demokratische und freie Gesellschaft, für vollständige Religionsfreiheit sowie für die Abschaffung der Stände und für Gleichheit vor dem Gesetz.

[3] Ein bezeichnendes Beispiel: die Arbeiterkirche, 1891 in Manchester gegründet, hatte als einzige Funktion die Arbeiter*innen aus dem Norden dazu zu bringen, einer unabhängigen Arbeiterpartei beizutreten. Danach verschwand sie.

[4] Industrialism & Domestication, Black Eye Press, Berkeley, 1979.

Eine Pandemie endet mit ihrer Zivilisation

Innerhalb weniger Monate hat sich das sogenannte Coronavirus auf der ganzen Welt verbreitet. Nachdem zahlreiche Länder darauf bereits mit drastischen Quarantäne-Maßnahmen und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit reagiert haben, zeichnet sich nun auch hier eine Eskalation der Situation durch den Staat ab. Veranstaltungsverboten und Schulschließungen – wobei letzteres ja unter libertären Gesichtspunkten eigentlich eine erstrebenswerte Sache ist –, werden Stück für Stück drastischere Maßnahmen folgen, die unser Leben immer weiter beschränken und die Kontrolle des Staates zunehmend intensivieren werden. Das zeigt nicht nur der Blick auf Staaten wie China, Hongkong oder Italien, sondern das entspringt auch der inneren Logik des Staates und der Interessen, die er freilich auch dann vertritt, wenn er vorgibt, einen Virus zu bekämpfen. Aber so bitter die Situation derzeit auch aussehen mag, so offenbaren sich durch sie jedoch auch neue Möglichkeiten mit allem Bestehenden zu brechen.

Ein Blick auf die Ursachen

Wie kommt es überhaupt, dass sich ein Virus innerhalb weniger Monate auf der ganzen Welt ausbreiten kann und zu einer Bedrohung für die Leben so vieler Menschen wird. Ohne dass ich hier die Panikmache von Medien und Regierungen reproduzieren will, so scheint mir doch klar zu sein, dass – auch wenn die Bedrohung durch das Coronavirus nicht unbedingt größer als die durch andere Viren (hier bspw. die Grippe) oder andere zivilisatorische Gefahrenquellen, bspw. durch den Straßenverkehr, ist – wir getrost auf diese Krankheit verzichten könnten. Wie kommt es also, dass sich Viren so schnell und so weit verbreiten?

Nach dem Ausbruch einer Viruserkrankung vermehrt sich diese exponentiell: Wenn eine infizierte Person im Laufe ihrer Erkrankung beispielsweise durchschnittlich zwei Menschen ansteckt, wie das derzeit bei Corona angenommen wird, so bedeutet das, dass ausgehend von einer Anfangspopulation an Erkrankten A in jedem Zyklus n A*2n weitere Menschen infiziert werden. Geht mensch beispielsweise davon aus, dass zu Beginn der Krankheit nur zwei Personen infiziert waren (A = 2), so waren nach dem ersten Zyklus (n = 1) bereits A*2n = 2*2¹ = 4 Menschen zusätzlich infiziert, nach dem zweiten Zyklus (n=2) waren es demnach A*2n = 2*2² = 8, nach dem dritten Zyklus (n=3) A*2n = 2*2³ = 16, nach dem vierten 32, nach dem 10. 2048, nach dem 15. bereits 65.536 und nach dem 20. bereits mehr als zwei Millionen Menschen. Nach dem 32. Zyklus [1] wären dieser Berechnung nach bereits mehr als 8 Milliarden Menschen zusätzlich infiziert, also mehr als die gesamte Bevölkerung der Erde.

Natürlich ist das eine sehr modellhafte Berechnung, die vor allem eine unbeschränkte Ausbreitung der Infektion voraussetzt. Das ist selbstverständlich so nicht der Fall. Tatsächlich stößt die Ausbreitung einer Infektion an verschiedene natürliche Grenzen: So ist es beispielsweise nicht so, dass jeder Mensch potenziell mit jedem anderen Menschen auf dieser Welt in Kontakt steht. Auch bildet das gedachte Netzwerk, in dem Menschen miteinander in Kontakt kommen, keine gleichmäßige Struktur aus, bei der eine Community fließend in eine andere übergeht. Oft sind einzelne Regionen nur lose über einzelne Mitglieder miteinander verbunden. Wird das Virus nicht über diese interregionalen Kontakte weitergegeben, so kommt die Verbreitung schließlich nach der vollständigen Infizierung einer Region (auch Durchseuchung genannt) zum Erliegen. Das Virus wird also ausgerottet.

Ganz so ideal verhält sich das in der heutigen Realität jedoch nicht: Die Verflechtung auch weit voneinander entfernter Regionen durch ein internationales Mobilitäts- und Produktionsnetz trägt dazu bei, dass die Verbindungen zwischen den Menschen einer Region mit den Menschen vieler anderer Regionen häufiger und intensiver werden. So trugen zur Ausbreitung des Coronavirus, ebenso wie zur Ausbreitung ähnlicher Epidemien und Pandemien beispielsweise ganz besonders multinationale Unternehmen bei, deren (Führungs-)Personal häufig von einem Standort zum nächsten reist. Die ersten Corona-Infizierten hier in München waren beispielsweise allesamt Mitarbeiter*innen einer solchen Firma, die Kontakte in die ursprünglich betroffene Region gahabt hatten. Auch Urlauber*innen, die Urlaub in einer betroffenen Region machen und dann in ihre Heimat zurückkehren tragen oft zur Verbreitung einer Pandemie bei. So etwa bei Corona-Infizierten in NRW. Dass diese Form der Übertragung einerseits so strukturell ausgeprägt ist und andererseits so schnell stattfindet, dass ein Virus innerhalb eines Tages zehtausende Kilometer zurücklegen kann, liegt vor allem an modernen Transportmitteln. Besonders der Flugverkehr spielt bei der Verbreitung moderner Pandemien eine bedeutende Rolle, aber grundsätzlich ist auch der weltweite Warenverkehr geeignet, um die Verbreitung einer Pandemie zu befördern. Schon die Pest (der Schwarze Tod), die 1346 und 1353 alleine in Europa schätzungsweise 25 Millionen Menschen tötete, breitete sich heutigen Erkenntnissen zufolge über Handelswege aus und wütete in Deutschland – und anderswo – ganz besonders in Handelsmetropolen wie Hamburg, Köln und Bremen.

In der heutigen globalisierten, kapitalistischen Welt hat sich die Situation deutlich verschärft: Bricht in einer der kapitalistischen Metropolen eine Epidemie aus, so könnten die Vorraussetzungen für eine schnelle weltweite Verbreitung kaum besser sein: Nicht nur die schnellen Transportmittel und die enge globale Vernetzung, sondern auch die Tatsache, dass die Lebensbedingungen der Menschen weltweit einander zunehmend mehr ähneln, tragen dazu bei, dass sich Viren so effizient und schnell verbreiten können. Und dennoch sind es keineswegs alleine kapitalistische Strukturen, die die Verbreitung von Epidemien befördern.

Eine effiziente Transportinfrastruktur, das Zusammenleben der Menschen auf engem Raum in Städten, mangelnde Autarkie einzelner Communities aufgrund von sehr diversifizierter Arbeitsteilung, und viele weitere zivilisatorische Eigenschaften begünstigen allesamt die Ausbreitung von Epidemien. Wie sonst wäre es zu erklären, dass etwa die Antoninische (165 bis 180/190) oder die Cyprianische Pest (250 bis 271) an den Grenzen des Römischen Reiches ihr Ende fanden, nachdem sie sich zuvor innerhalb dieser mehr oder weniger flächendeckend ausgebreitet hatten [2]. Dafür bedurfte es keines Kapitalismus, ja nicht einmal moderner Fortbewegungsmittel: Straßen, Wägen, Schiffahrt und eine zentralistische Verwaltung zusammen mit einer regen Warenzirkulation genügten völlig, um Millionen von Menschen das Leben zu kosten.

Keine Lösung: Der Staat, die Wissenschaft und soziale Kontrolle

Geht mensch davon aus, dass Zivilisationen die Ausbreitung von Epidemien begünstigen, so erscheint es etwas paradox, eine Lösung für eine Pandemie seitens des Staates oder der (medizinischen) Wissenschaft zu suchen. Es sind zwei der wichtigsten Institutionen, die die Zivilisation in der wir leben aufrechterhalten, verteidigen und auszuweiten versuchen. Dennoch sind Staat und (medizinische) Wissenschaft derzeit diejenigen Institutionen, von denen sich viele Menschen zu versprechen scheinen, dass sie ihnen einen Ausweg liefern.

Während das Vertrauen in die (medizinische) Wissenschaft noch einigermaßen nachvollziehbar ist – immerhin ist mensch es ja gewohnt, dass die Wissenschaft negative zivilisatorische Folgen abdämpft –, erscheint das Vertrauen in den Staat dagegen vollkommen absurd: Auch wenn mensch von Seiten des Staates einräumt, dass es unmöglich ist, die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, auch wenn mensch einräumen muss, dass jeder (gewaltsame) Versuch, soziale Beziehungen zu unterbrechen lediglich eine aufschiebende Wirkung hat, gibt mensch vor, das zu kontrollieren, was sich innerhalb der Logik dieses Staates und seiner Zivilisation nicht kontrollieren lässt. Vom Staat können wir nur erwarten, belogen und getäuscht und schließlich auch des letzten Quäntchens Freiheit, das wir noch zu besitzen glauben, beraubt zu werden, denn der einzige Zweck, den er verfolgt ist sich selbst und seine kapitalistische Ordnung aufrechtzuerhalten. Einige Politiker*innen, darunter auch der bayerische Innenminister Söder und sein Kultusminister sind sogar so dumm, dies offen zuzugeben: Anlässlich ihres Beschlusses, die Schulen in Bayern zu schließen, verkündeten sie, dass eine Betreuung von Kindern mit Eltern, die „systemkritische Berufe“ ausüben, dennoch stattfinden werde. Darunter verstehen sie Berufe des Gesundheitswesens, aber auch Bull*innen und andere Büttel des Staates, die die „Sicherheit“ gewährleisten sollen. Ihnen geht es also darum, auch während sich die Corona-Epidemie ausbreiten wird, die Macht des Staates zu erhalten [3]. Dabei werden die Tätigkeiten der Bull*innen vor allem darin bestehen, diejenigen, die gegen die Bevormundung durch den Staat aufbegehren werden, niederzuknüppeln. Personen, die sich nicht unter Quarantäne setzen lassen werden, Personen, die den Verfügungen des Staates nicht nachkommen, einfach jede*n, der*die sich widersetzt. Ein kleiner Trost dabei bleibt, dass sich die Bull*innen bei dieser Tätigkeit, die sie einer Infektion stärker aussetzen wird, als viele andere, hoffentlich reihenweise Coronainfektionen einfangen werden; Mit etwas Glück mit schwerem Verlauf.

Doch der Einsatz repressiver Gewalt durch die Polizei ist nicht das Einzige, was der Staat auf Lager hat. Während der Wirtschaft bereits Gelder versprochen werden, um die durch repressive Maßnahmen des Staates verlorengehenden Gewinne zu kompensieren, ist völlig unklar, inwiefern die aus den gleichen Maßnahmen resultierenden Verdienstausfälle der Menschen vom Staat abgefangen werden. Während die Büttel des Staates eine staatlich verordnete „Kinderbetreuung“ geniesen und so weiter zur Arbeit gehen können, gilt das für alle anderen nicht. Sie müssen diese selbst übernehmen. Dabei bin ich nicht der Meinung, dass Kinder und Jugendliche „betreut“ werden müssten, sofern sie selbst in der Lage sind oder anderweitig in diese Lage versetzt werden, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, aber der gesellschaftliche Konsens und sogar die Gesetze des Staates sagen da etwas anderes. Wer also anstatt der Schule und des Kindergartens meint, seine*ihre Kinder „betreuen“ zu müssen, ist darauf angewiesen Urlaub zu nehmen oder seinen*ihren Job zu kündigen. Wenn – wie das aufgrund der Erfahrungen in Italien und anderen Ländern zu erwarten ist – Geschäfte, Restaurants, usw. zwangsweise durch den Staat geschlossen werden, bedeutet das für viele prekär beschäftigte Menschen die Entlassung oder massive Einkommensausfälle. Und wer gerade einen neuen Job sucht, die*der hat sowieso Pech gehabt [4]. Wer dabei glaubt, dass hier der Staat in die Presche springen wird und den Menschen hilft, ihren Lebensunterhalt weiter zu bestreiten, die*der ist naiv. Dem Staat geht es darum, die Reichen und Besitzenden davor zu schützen, ihren Reichtum zu verlieren. Wer nichts besitzt, die*der ist dem Staat egal. Wenn er*sie Glück hat, kann sie*er Sozialhilfe beziehen, aber bei einer länger andauernden Epidemie dürfte selbst das fraglich sein.

Auch wenn es mir grundsätzlich nachvollziehbarer scheint, in die (medizinischen) Wissenschaften zu vertrauen, als auf den Staat, so finde ich das jedoch ebenso absurd: Der Weg, den die hießige Medizin eingschlagen hat, ist zentralistisch und herrschaftsvoll. Medizinisches Wissen ist heute beinahe ausschließlich bei Expert*innen (Ärzt*innen) vorhanden, denen und derer Industrie es folgerichtig nicht vorrangig darum geht, eine Krankheit zu heilen, sondern darum, Profit aus der Heilung einer Krankheit zu ziehen. Medikamente und viele moderne (teure) Behandlungsmethoden sind nur denen zugänglich, die dafür bezahlen können (oder für die eine Krankenversicherung bezahlt) und werden nur dann erforscht, wenn sie entsprechende Gewinne versprechen. Zugleich werden Präperate mit erheblichen Nebenwirkungen bewusst auf den Markt gebracht, um rücksichtlos Gewinne einzustreichen. Bei all dem versucht die Medizin beständig Menschen zu normieren und strebt danach den menschlichen Organismus ebenso wie die Menschen selbst bis ins letzte Detail zu kontrollieren. Virolog*innen entwickeln seit Jahrzehnten Masterpläne, die darin bestehen soziale Kontrolle über die Menschen auszuüben, in der Hoffnung dadurch Epidemien eindämmen und kontrollieren zu können. Das Individuum scheint dabei kaum noch eine Rolle zu spielen. Immer geht es nur darum, eine Ausbreitung eines Virus/einer Krankheit zu verhindern, indem Individuuen von anderen isoliert und ihre Handlungen genaustens kontrolliert werden. Das sind sicher nur einige und auch nur wenig vertiefte Kritikpunkte an der Medizin, die mir in diesem Kontext relevant erscheinen, aber eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Wissenschaft im Allgemeinen und der Medizin im Speziellen würde sicher jeglichen Rahmen sprengen.

Revolte gegen Staat und Zivilisation statt freiwilliger Quarantäne

Derzeit lässt sich beobachten, dass überall Veranstaltungen abgesagt werden und sich alle möglichen Menschen darin gefallen, das Mantra der Regierenden nach sozialer Vereinzelung zu wiederholen. Ja, manch eine*r geht sogar soweit, andere Menschen, die sich diesem Unsinn nicht freiwillig unterwerfen wollen, zu maßregeln und anzufeinden. Dabei halte ich die vorgeschlagene soziale Isolation aller angeblich zugunsten von Angehörigen von „Risikogruppen“ für eine mit anarchistischen Ideen unvereinbare Haltung und zwar unabhängig davon, ob dieser Vorschlag nun von einem Staat kommt oder von irgendjemand anderem!

Schenkt mensch den sogenannten „Expert*innen“ Glauben – und das tue ich explizit nicht, aber ich will einmal kurz annehmen mensch täte es, um zu zeigen, dass selbst dann eine soziale Isolation aller unnötig autoritär ist –, so werden sich mehr oder weniger alle Menschen – oder zumindest ein großer Teil der Menschen – mit dem Coronavirus infizieren, egal ob wir uns nun sozial isolieren oder nicht. Der erklärte und erwünschte Effekt einer solchen sozialen Isolation aller von allen wäre vielmehr, die Ansteckungsrate so gering zu halten, dass alle Infizierten mit einem schweren Verlauf der Krankheit Zugang zu ausreichender medizinischer Versorgung haben. Zugleich sagen die Expert*innen, dass sich eine sogenannte Herdenimmunität einstellt, wenn eine gewisse Durchseuchung in der Gesellschaft erreicht ist, also ein großer Anteil die Krankheit bereits hatte und entweder besiegt hat, oder gestorben ist. Schwere Verläufe der Krankheit sind vor allem bei bestimmten Risikogruppen zu erwarten, und zwar bei älteren Menschen (die sind übrigens Risikogruppe für fast alle Krankheiten) und bei Menschen mit bestimmten chronischen Vorerkrankungen. Hier stellt sich mir die Frage, warum hier irgendwer glaubt, es wäre eine gute Idee, irgendjemandem vorzuschreiben, was sie*er zu tun hat – und zwar nicht, weil ich das allgemein ablehne, was ich natürlich tue, sondern auch, weil ich in einer solchen Lösung nicht mehr, ja sogar weniger „Erfolgschancen“ sehe, als in der intuitiven antiautoritären „Jede*r-kann-für-sich-selbst-entscheiden“-Lösung: Wer Angst hat, sich mit Corona zu infizieren, die*der kann sich ganz individuell dazu entscheiden, sich sozial (bis zu einem bestimmten Grad) zu isolieren oder auch andere Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Wer glaubt, keine Angst vor einer Infektion haben zu müssen oder der Meinung ist, dass sich das Risiko lohnt (was bestimmt auch Angehörige von „Risikogruppen“ zum Teil so sehen), die*der isoliert sich eben nicht. Wer meint, sich zusammen mit einem*einer nahestehenden Personen aus Solidarität isolieren zu wollen, die*der kann das ja tun. Sollte das medizinische System dabei überlastet werden, Pech gehabt. Das ist es ja in tausenden anderen Fällen sowieso. Und ja, dann werden Menschen sterben, so wie ja auch jetzt bereits bei anderen Krankheiten, so wie im Straßenverkehr, so wie bei Haushaltsunfällen, usw. Aber ist das ein Grund, das eigene (vielleicht nur imaginierte) Schutzinteresse autoritär auf dem Rücken anderer auszutragen? Und immerhin ist auf diesem Weg die Zeit bis zu einer „Herdenimmunität“ relativ gering, wenn sich aber nacheinander immer nur so viele Menschen anstecken „sollen“, wie das Gesundheitssystem auch verkraftet, dann wird das Jahre dauern. Monate und Jahre der sozialen Isolation? Na diese psychischen „Folgeerkrankungen“ sind bestimmt nicht besser als Corona.

Aber wenn es aus meiner Perspektive keinen Sinn macht, sich „für andere“ freiwillig in Quarantäne zu begeben, was soll ich dann tun? Soll ich warten bis aus „freiwillig“ „zwangsweise“ wird, soll ich warten bis das sich den autoritären Maßnahmen widersetzen mit schweren Strafen belegt wird? Darauf habe ich keine Lust. Für mich heißt das Problem noch immer Herrschaft und es findet seinen Ausdruck noch immer vor allem durch den Staat, die Zivilisation und kapitalistische Institutionen. Und gerade momentan befindet sich die Herrschaft offensichtlich in einer Offensive: Wenn ich abwarte, dann werde ich morgen in einer Welt erwachen, in der für mich und für all die anderen subversiven Elemente, für Arme, für Marginalisierte, für keine*n mehr Platz sein wird, also noch weniger Platz als bereits heute. Und ob das nun in einem Monat wieder enden wird, oder in zwei oder in einem halben Jahr, das steht in den Sternen. Deshalb ist für mich klar, dass ich mich jetzt widersetzen muss, dass es an mir und allen anderen, die eine solche Perspektive für unvereinbar mit ihren Vorstellungen halten, liegt, gegen Staat, Zivilisation und Herrschaft zu revoltieren.

Dabei sind die Voraussetzungen vielleicht gar nicht so ungünstig: Der Staat hat die Normalität unterbrochen, jetzt liegt es an uns allen, ob wir die neue Normalität des Ausnahmezustands akzeptieren, oder ob wir diese momentane Schwäche des Staates ausnutzen, um ihn erbarmungsloser denn je anzugreifen.

Anmerkungen

[1] Nimmt mensch an, dass ein Zyklus in diesem Modell 7 bis 14 Tage umfasst, also dem Zeitraum entspricht, der von den Virolog*innen derzeit bei Corona angenommen wird, so wäre der 32. Zyklus nach 224 bis 448 Tagen, also nach rund einem Jahr erreicht.

[2] Dabei sollte jeder*jedem klar sein, dass hier nicht die Grenze als eine willkürlich gezogene Linie zwischen zwei Staaten verhinderte, dass diese Epidemien sich ausbreiteten. Tatsächlich gab es natürlich auch Infektionen dieser Epidemien jenseits der römischen Staatsgrenzen. Allerdings konnten sich diese Epidemien in weniger zivilisierten Gebieten nicht so ohne weiteres ausbreiten, da vielfach die strukturellen Voraussetzungen für eine effiziente Verbreitung fehlten. So ist vielmehr davon auszugehen, dass diese Epidemien nach einer Durchseuchung der direkt an das Römische Reich angrenzenden Regionen ausstarben. Wären diese Regionen Teil einer ähnlichen Zivilisation gewesen, hätten sie sich vermutlich fortsetzen können.

[3] Das zeigt auch die Mobilmachung des Militärs, die derzeit – selbstverständlich – noch als „humanitärer“ Einsatz deklariert wird. Reservist*innen werden derzeit einberufen, um im Fall von Versorgungsengpässen und im medizinischen Bereich zu helfen. Neben der Militarisierung dieser Bereiche durch den Einsatz der gedrillten und gehorsamen Soldat*innen erscheint mir jedoch noch ganz anderes zu drohen. Zum derzeitigen Zeitpunkt scheint mir eine Mobilmachung des Militärs vielmehr dazu zu dienen, sich auf einen Einsatz zur Aufstandsbekämpfung an den Grenzen oder im Innland vorzubereiten.

[4] Ich möchte hier nicht missverstanden werden: Ich fordere hier keineswegs Arbeitsplätze für jede*n. Im Gegenteil: Ich lehne die Ausbeutung der Arbeitskraft der Menschen entschieden ab und versuche Arbeit selbst aus dem Weg zu gehen wo ich nur kann. Hier jedoch geht es nicht darum, eine Arbeit für jede*n zu fordern, sondern darum, dass durch einen plötzlichen Wegfall von Arbeitsplätzen als Resultat einer staatlichen Verfügung, zahlreiche Menschen um ihre Existenzgrundlage gebracht werden. Die Folge ist dabei nicht etwa eine Befreiung von Arbeit, sondern höchstens eine weitere Prekarisierung der Lebensverhältnisse derjenigen, die ohnehin gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen.