Corona und der Totalitarismus des Technologischen

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Die reale Welt zu spiegeln und den Menschen die digitale Kopie dieser Spiegelwelt (David Gelernter nannte das Anfang der 1990er Jahre Mirror World, wenn ich mich nicht irre) nicht nur als eine bequeme Alternative zu präsentieren, sondern vor allem auch als eine bereichernde Perspektive auf diese Welt, die diese „noch lebhafter“ erstrahlen lässt und die es einer*m vor allem erlaubt, die modellierte reale Welt mit einem Mausklick, einem Tastendruck oder einem Wisch über den Bildschirm zu manipulieren, diese Vision durchzieht die Geschichte der Computer und des Internets wie ein roter Faden. Egal ob wir von Virtual-Reality-Brillen, Lifestreams, Videochats, Online-3D-Karten oder dem bei den bürokratischsten Institutionen abgeschauten UNIX-Motto „Everything is a File“ („Alles ist eine Datei“ bzw. etwas freier „Alles ist eine Akte“) sprechen, all diese Entwicklungen versuchen nichts anderes, als eine solche Spiegelwelt zu erschaffen, bei der der Mensch nicht mehr selbst mit seiner Umwelt und anderen Menschen in Beziehung tritt, sondern sich seine Beziehungen bloß noch durch jenen Kanal, den Monitor, Glasfaserleitungen, Funknetze, usw. eröffnen.

Lange Zeit konnte man solche Visionen von Spiegelwelten, Visionen davon, dass der Mensch morgens nicht einmal mehr um zur Arbeit zu gehen, das Haus verlassen muss (Bill Gates), als mehr oder weniger absurde Gedankenspiele oder angesichts der offensichtlich reizlosen Abbildungen der Realität in den Gefilden des Digitalen als gelebten Science-Fiktion-Fetisch irgendwelcher Nerds abtun. Aber während die von den Visionären dieser Spiegelwelt-Zukunft verheißenen Fantastereien langsam aber sicher erst die Wissenschaftswelt, dann die Geschäftswelt und die Unterhaltungswelt eroberten, hätte man vielleicht erkennen können, dass von diesen Visionen eine reale Gefahr ausgeht, eine Gefahr für die Welt vor dem Spiegel. Es ist ja auch nicht so, dass das keine*r erkannt hätte. 1993 etwa erhielt David Gelernter, der nicht nur von der Spiegelwelt schwärmte, sondern auch daran arbeitete sie umzusetzen, eine Briefbombe. Mit Grüßen vom Freedom Club. Und weder war er damals der einzige, der unliebsame Post bekam, noch verschickten alle, die seiner Vision und der so vieler anderer Computerenthusiast*innen etwas entgegensetzen wollten, Briefbomben.

Aber auch wenn es tausende Sabotageversuche gegen die Etablierung der weltumfassenden Spiegelwelt namens Internet gab und auch heute noch immer gibt, so muss man realistischerweise heute doch anerkennen, dass es sie gibt, diese Spiegelwelt, dass wir alle in ihr Gefangene sind und dass das Spiegelbild sich anschickt, sein Original abzuschaffen, bzw. vielmehr die Wirkungsweise der Spiegelung umzukehren. Seit Jahrzehnten haben sich die Computertechnologien ausgebreitet, haben einen Lebensbereich nach dem anderen erfasst und ihrer Logik unterworfen. Haben bequeme sowie in höchstem Grade unkomfortable Kommunikationsmethoden etabliert und sich erst unmerklich, dann immer präsenter Raum im Leben der Menschen erobert. Dabei ist es kaum verwunderlich, dass es bei all dem immer darum ging, einzelne Aspekte des Lebens kontrollierbar zu machen oder jene, die sich als mit diesen Technologien unkontrollierbar herausstellen, durch andere Mechanismen abzulösen.

Ein einfaches Beispiel ist der Zahlungsverkehr, der sich in den letzten Jahrzehnten rasant verändert hat. Weil sich Bargeld zumindest nicht in dem Maße kontrollieren lässt, wie das mit digital erfassten Finanzströmen der Fall ist, wurden von verschiedenen Akteur*innen, die sich durch diese Entwicklungen allesamt einen eigenen Anteil an der aus ihnen resultierenden Kontrolle versprechen, digitale Zahlungsmethoden entwickelt und etabliert. Vom Online-Banking, das zunächst einfach bequemer wirkte, als der Gang zum Bankschalter, war es nur ein kleiner Schritt zu den vielen Online-Bezahlmethoden, mit denen heute die Bestellungen bei den Online-Geschäften bezahlt werden. Durch Kartenzahlungsterminals in so gut wie jedem Geschäft, die einer*m den Gang zur Bank „abnehmen“, war es nur ein kleiner Schritt hin zu Formen des kontaktlosen Bezahlens und warum nun nicht gleich via Ausweis oder Smartphone bezahlen? Was für die einen, die, die sich mit Freuden an die Regeln halten, weil sie auf die ein oder andere Art und Weise eben auch immer in ihrem Sinne waren, die Bequemlichkeit vergrößert, ist für diejenigen, die diese Regeln immer auf verschiedenen Wegen zu umgehen versuch(t)en zum Problem geworden. Größere Barzahlungen werden heute als etwas anrüchiges angesehen, ja mittlerweile ist es sogar staatlich verboten, Transaktionen über einem bestimmten Wert in Bar abzuschließen. Und auch wenn selbst die Corona-Pandemie hier bislang nicht dazu geführt hat, dass man selbst im Supermarkt komisch angesehen wird, wenn man in bar bezahlen will, so mag das nur noch eine Frage der Zeit sein, wenn man bedenkt, dass schon die ein oder andere Debatte darüber geführt wurde, das Bargeld unter Vorwand der Übertragung von Krankheiten durch es, ganz abzuschaffen.

Aber das ist nur ein Beispiel, es gibt ihrer mittlerweile tausende. Seit Jahren etwa gibt es Angebote für Videotelefonie, die sich aber außer in bestimmten Hipster- und Businesskreisen höchstens einer einmaligen Neugier erfreut haben. Und doch sprechen heute alle von zoom. Von zoom Kaffekränzchen, dem (gem)einsamen zoom Abendessen, zoom Unterricht, zoom Kaffeepausen, zoom Schach, usw. Aber auch hier ist es nicht die Bequemlichkeit, die schließlich zur Akzeptanz von zoom und auch anderen Lösungen geführt hat, mit denen es ja doch niemals gelingen wird, eine sich real anfühlende Unterhaltung zu führen, sondern vor allem ein initiales Moment, der Lockdown und seine scheinbare Alternativlosigkeit, das diese Akzeptanz geschaffen hat. Was sich hier nun an unzähligen Beispielen durchexerzieren ließe, lässt sich meines Erachtens nach auf eine simple Formel bringen: Computertechnologien haben in den letzten Jahrzehnten dabei geholfen, beinahe jeden Lebensaspekt in einer digitalen Spiegelwelt nachzubilden. Auf einer Ebene, die dabei jedoch kaum imstande ist, unseren tiefen Beziehungen zueinander und zu der uns umgebenden, realen Welt auch nur annähernd gerecht zu werden. Und auch wenn diese Spiegelwelten bislang immer nur partiell genutzt wurden, so ist es mithilfe des globalen Lockdowns gelungen, ihre flächendeckende Verbreitung mit einem Schlag umzusetzen.

Und wer dabei glaubt oder immerhin hofft, dass dies eine temporäre Entwicklung sei, die*der scheint mir doch zumindest naiv zu sein. Wer von der Welt der sozialen Medien ersteinmal gefangen genommen wurde, deren*dessen Innenleben schien auch bisher immer weiter abzuflachen. Da mag es auch noch so viele Emojies geben. Schließlich lässt sich das eigene Empfinden ebensowenig in einem „Like“ einfangen, wie in einem „Facepalm“. Oder vielleicht doch? Manchmal habe ich den Eindruck und ich halte das auch nicht für besonders abwegig, dass das nur eine Frage der Domestizierung ist. Empfindensweisen sind auch außerhalb sozialer Netzwerke sehr stark von einem sozialen Kontext geprägt und bestimmt. Es gibt Empfindungsweisen, die anerkannt sind und solche, die es nicht sind. Und manche Empfindungen sprengen jeglichen sozialen Rahmen. Nicht selten werden sie als Geisteskrankheiten gebrandmarkt und mit roher (medikamentöser) Gewalt in psychiatrischen Einrichtungen unterdrückt. Und das, man kann es nicht verhehlen, mit einigem Erfolg. Denn auch wenn es hier und dort immer gewisse Reibungen gibt, scheint das Empfinden einer überwiegenden Mehrheit der Menschen zumindest die meiste Zeit mit den sozialen Normen konform zu verlaufen. Warum sollte sich die nur verhältnismäßig große Komplexität des Empfindens einer Welt vor Facebook, Whatsapp, Instagram, und wie diese Spiegelwelten alle heißen, nicht auch mit dem allgemeinen Ersatz von Empfindungen durch Emojies noch weiter abflachen lassen. Und wie das mit den individuellen Empfindungen ist, so ist das auch mit den sozialen Beziehungen. Wer kann von sich behaupten über Whatsapp und Co. – und da ist freilich auch jede angeblich ach so „sichere“ Alternative nicht ausgenommen – überhaupt irgendeine tiefgehende soziale Beziehung zu führen? Und schon gar nicht, wenn Text- und Sprachnachrichten und vielleicht eine gelegentliche Videotelefonie nun die einzigen Kontaktmöglichkeiten sein sollen. Und doch werden viele schon in wenigen Monaten, wenn das nicht vielfach bereits heute der Fall ist, von sich sagen, dass eben jene Beziehungen, die über irgendeinen Bildschirm vermittelt werden, die tiefgehendsten und wichtigsten Beziehungen in ihrem Leben sind. Es gibt ja (dann) für sie auch keine anderen mehr. Und ebenso wie einige schon vor langem vielleicht vergessen (oder es nie erlebt) haben, wie es auch ohne Smartphone, ja sogar ohne Handy möglich ist, einander zu treffen, so werden auch die tiefgehenden Beziehungen, die man vielleicht vor dem Lockdown noch zu anderen Menschen geführt hat, in Vergessenheit geraten. Und man wird sich fragen: Wie haben das die Menschen früher nur gemacht, als es noch kein zoom gab. Aber das ist die gleiche Frage, wie die danach, wie das wohl vor dem Zeitalter der Smartphones, der Handys, der Festnetztelefone, der Briefe, usw. gelaufen ist. Und die Antwort ist ebenfalls die gleiche: Das wirst du erst dann verstehen, wenn du es selbst tust.

Aber geht das überhaupt noch? Lässt sich aus einer Spiegelwelt überhaupt ausbrechen, wenn man erst einmal vollständig in ihr gefangen ist? Auf jeden Fall ist es nicht einfach. Und nur fürs Protokoll, mit „ausbrechen“ meine ich hier nicht irgendwelche Tech-Yuppie Selbstfindungstripps, wie sie unter „digital detox“ seit einigen Jahren ganz besonders dort in sind, wo man ansonsten mit Hochdruck daran arbeitet, immer mehr Menschen mit immer neuen Angeboten in die Gefilde irgendeiner Spiegelwelt zu locken. Nein, unter „ausbrechen“ verstehe ich das, was sich vielleicht vielmehr dort andeutet, wo Menschen, die infolge eines Blackouts oder einer Störung ihres Teils des „Netzes“ aus ihren Wohnungen ins Freie treten, den Blick nicht auf ihr Smartphone gerichtet, sondern sich die Augen reibend, im blendenden Sonnenlicht, das selbst ihre graue Betonumgebung in schillernden Farben erstrahlen lässt. Etwas, das seine Vollendung nicht darin findet, nach einer bestimmten Anzahl von Tagen, endlich die sich aufgestauten E-Mails und Nachrichten abzuarbeiten, sondern im matten Feuerschein der brennenden Tech-Spiegelwelt.

Ich denke, was man verstehen muss, wenn man aus einer Spiegelwelt ausbrechen will, ist, dass diese nicht einfach eine Scheinwelt ist, ein Traum aus dem ich bloß zu erwachen brauche. Nein, auch wenn ich mich hier und dort einer Teilnahme an dieser verweigere, so bedeutet das doch nicht, dass diese nicht auch mein Leben bestimmt. Denn das Problem all der Spiegelwelten da draußen ist, dass es sich bei ihnen eben nicht um Computerspiele handelt, auch wenn letztere eine große Rolle für ihre Entwicklung gespielt haben mögen. Wenn ich in einem Computerspiel, sagen wir in einem Ego-Shooter, eine*n andere*n Spieler*in erschieße, dann wird diese*r schlicht an irgendeinem Ausgangspunkt wiederbelebt. In einer Spiegelwelt ist das nicht so. Und das gilt nicht nur für diejenigen, die von tausende Kilometer entfernten Drohnenpilot*innen vor einem Computerbildschirm ausgelöscht werden. Das gleiche gilt für die Opfer von Wirtschaftskrisen und „Umweltkatastrophen“, die etwa durch eine Fehlfunktion eines Atomkraftwerks ausgelöst werden. Der einzige Unterschied dabei ist vielleicht, dass den Drohnenpilot*innen die Auswirkungen ihrer Handlungen trotz Computerspielambiente auch in der Spiegelwelt noch halbwegs vor Augen gehalten werden. Wer dagegen an Börsen letztlich auf die in irgendeinem Portfolio versteckten Hungersnöte wettet, die*der hat häufig nicht einmal das Kleingedruckte dieser Wette gelesen. Aber es ist ja auch nicht immer der Tod von Menschen, über den leichtfertig mit einem Mausklick oder Tastendruck entschieden wird. Es geht vielmehr um alle denk- und undenkbaren Auswirkungen in der realen Welt.

Und auffällig scheint mir dabei, dass die Spiegelwelten vorrangig von jenen propagiert werden, die jenen, denen der Zugang zu ihnen verwehrt bleibt, auch in der realen Welt ein Leben verunmöglichen. Oder soll man die tägliche Schinderei am Fließband eines Untenehmens bzw. die Plackerei des Auslieferns seiner Produkte an die Spiegelweltler, jene Aktivitäten eben, die vorerst realweltlich bleiben, als Leben bezeichnen? Ebensowenig wie die Freiheit im Inneren eines der täglichen Amazon-Pakete darauf wartet, ausgepackt zu werden, liegt sie darin, die stattdessen abgepackten Ersatzprodukte für ihre Besteller*innen zu erzeugen, zu verpacken oder auszuliefern.

Jene, die uns davon predigen, welche Möglichkeiten uns diese oder jene Spiegelwelt bieten würde, wissen das natürlich. Oder glaubst du beispielsweise Bill Gates, einer der derzeit einflussreichsten Prediger*innen, würde nicht verstehen, von was für einer Welt er den Menschen da vorschwärmt? Eine Welt in der wegen Viren und Klimakrise und was weiß ich, was den alten Bill des Nachts noch alles wach liegen lässt, alle eingesperrt werden, pardon, sich selbst einsperren wenn es nach ihm geht, und nur zu jenen produktiven Zwecken an die frische Luft dürfen, die ihm und seinesgleichen Reichtum und Macht verleihen. In ihren Spiegelwelten, die den Menschen nur als ein weiteres Rädchen im Leibe jenes künstlichen Ungetüms betrachtet, das in Zukunft nicht nur die Erde unterjochen würde, sondern auch benachbarte Planeten, ist Freiheit für keine*n anderen als dieses Ungetüm selbst denkbar. Auch wenn sie das vielleicht am wenigsten verstehen.

In einer Welt, in der man letztlich höchstens als Postbot*in ins Freie zu treten vermag, mag sich der*die eine oder andere vielleicht auch unwillkürlich des eingangs erwähnten Beispiels von der Briefbombe für den Autoren von Mirror Worlds erinnern. Was wäre auch naheliegender, wo doch auch sonst alles in Paketen seinen Bestimmungsort erreicht? Und wenn es auch nicht die Freiheit sein mag, die da im Inneren eines Päckchens zwischen den täglichen Amazon-Bestellungen vor sich hin schlummert, so wäre es doch vielleicht ein Schritt in ihre Richtung.

Aber besser noch, als sich nur der Tyrannen der Spiegelwelten zu entledigen, wäre doch, wir würden nicht zögern, auch den Spiegel ein für alle Mal zu zertrümmern, der hier freilich statt aus Glas aus Glasfasern und Funkwellen besteht.


PS: Und wo der*dem ein oder anderen Feminist*in vielleicht aufgefallen sein mag, dass es ja die Bill & Melinda Gates Stiftung sei und ich hier in chauvinistischer Manier den weiblichen Part verschwiegen habe, da möge sie*er doch gerne einspringen und zu Weihnachten auch der Melinda ein Päckchen schicken.

PPS: Und wo nun sicherlich irgendwer bereit steht, zu betonen, dass ich hier ganz fürchterlich „abgeschwurbelt“ (?!) hätte und der liebe Bill und die liebe Melinda nun wirklich nicht als einzige Weihnachtspost verdient hätten, so bin ich ganz deiner Meinung. Und ich bin mir weiterhin sicher, dass der Weihnachsmann etwas Hilfe dabei gebrauchen könnte, seine Päckchen an die richtigen Adressat*innen zu verteilen.

PPPS: Und für all diejenigen, die einen Text von solcher Länge nicht leicht verdauen können, gibt es hier auch eine freilich reduktionistische Zusammenfassung als Internetmeme:

 

Die Maschine stoppt (Auszug)

Stellt euch, wenn ihr könnt, einen kleinen Raum vor, sechseckig, wie die Wabe eines Bienenstocks. Er wird weder durch ein Fenster noch durch eine Lampe erleuchtet, jedoch ist er von einem sanften Leuchten erfüllt. Es gibt keine Lüftungsschlitze, doch ist die Luft frisch. Es gibt keine Musikinstrumente, und doch, in dem Moment, in dem meine Betrachtung ihren Anfang nimmt, ist dieser Raum mit melodischen Klängen durchpulst. In der Mitte befindet sich ein Armsessel, an seiner Seite steht ein Lesepult – das ist die Möblierung des Zimmers. Und in diesem Armsessel sitzt in Tücher gewickelt ein fleischiger Klops Frau, etwa 1,50 Meter groß, mit einem Gesicht so weiß wie ein Pilz. Ihr gehört der kleine Raum.

Eine elektrische Klingel ertönte.

Die Frau berührte einen Schalter und die Musik erstarb.

„Ich denke, ich sollte sehen, wer das ist“, dachte sie und setzte ihren Sessel in Bewegung. Der Sessel, wie die Musik, funktionierte mechanisch und er rollte auf die andere Seite des Raums, wo die Klingel immer noch aufdringlich läutete.

„Wer ist da?“, fragte sie. Ihre Stimme war gereizt, denn sie war oft unterbrochen worden, seit die Musik begonnen hatte. Sie kannte mehrere tausend Menschen, auf gewissen Ebenen hatten menschliche Beziehungen enorme Fortschritte gemacht.

Aber als sie in den Hörer lauschte, verzog sich ihr weißes Gesicht zu einem Lächeln und sie sagte:

„Sehr gut. Lass uns reden, ich isoliere mich selbst. Ich erwarte nicht, dass in den nächsten fünf Minuten irgendetwas Wichtiges passieren wird – denn fünf volle Minuten kann ich dir widmen, Kuno. Danach muss ich meine Vorlesung über „Musik während des australischen Zeitalters“ halten“.“

Sie berührte den Isolationsknopf, sodass niemand anderes mit ihr reden konnte. Dann berührte sie den Erleuchtungsapparat und der kleine Raum wurde in Dunkelheit getaucht.

„Beeil dich!“, sagte sie, denn ihre Gereiztheit kehrte zurück. „Beeil dich, Kuno; ich sitze hier im Dunkeln und verschwende meine Zeit.“

Aber es dauerte noch ganze fünfzehn Sekunden, ehe die runde Scheibe, die sie in ihren Händen hielt, zu glühen begann. Ein schwaches blaues Licht blitzte kurz darin auf, das sich in ein dunkles Violett verwandelte und dann konnte sie das Bild ihres Sohnes erkennen, der auf der anderen Seite der Erde lebte, und er konnte sie sehen.

„Kuno, wie langsam du bist.“

Er lächelte ernst.

„Ich glaube wirklich, dass du Spaß daran hast herumzutrödeln.“

„Ich habe bereits mehrmals versucht angerufen, Mutter, aber du warst immer entweder beschäftigt oder isoliert. Ich habe dir etwas Besonderes zu sagen.“

„Was ist es, liebster Junge? Beeil dich. Warum konntest du es nicht per Rohrpost schicken?“

„Weil ich es bevorzuge so etwas zu sagen. Ich will…“

„Ja?“

„Ich will, dass wir uns sehen.“

Vashti betrachtete sein Gesicht in der blauen Scheibe.

„Aber ich sehe dich doch!“, rief sie aus. „Was willst du mehr?“

„Ich will dich nicht durch die Maschine sehen,“ sagte Kuno. „Ich will nicht mit dir durch die ermüdende Maschine sprechen.“

„Still!“, sagte seine Mutter leicht schockiert. „Du darfst nichts gegen die Maschine sagen.“

„Warum nicht?“

„Man darf es eben nicht.“

„Du sprichst als hätte ein Gott die Maschine erschaffen“, rief ihr Gegenüber aus. „Ich wette, dass du zu ihr betest, wenn du unglücklich bist. Menschen haben sie gemacht, vergiss das nicht. Große Menschen, aber Menschen. Die Maschine ist viel, aber nicht alles. Ich sehe etwas in der Scheibe, das dir ähnelt, aber ich sehe nicht dich. Ich höre etwas, das dir ähnelt, aber nicht dich. Das ist der Grund dafür, dass ich gerne hätte, dass du kommst. Statte mir einen Besuch ab, so dass wir einander von Angesicht zu Angesicht sehen und über die Hoffnungen reden können, die mir auf dem Herzen liegen.“

Sie entgegnete, dass sie kaum die Zeit für einen Besuch entbehren konnte.

„Das Luftschiff braucht keine zwei Tage, um von dir zu mir zu fliegen.“

„Ich mag Luftschiffe nicht.“

„Warum nicht?“

„Ich mag es nicht, diese schrecklich braune Erde zu sehen, das Meer und die Sterne, wenn es dunkel ist. Ich bekomme keine Ideen in Luftschiffen.“

„Ich bekomme nur dort welche.“

[…] Er brach ab und sie vermutete, dass er traurig aussah. Sie war sich nicht sicher, denn die Maschine war nicht in der Lage, Gesichtsausdrücke detailliert zu übertragen. Sie übermittelte nur eine relativ allgemein gehaltenes Bild der Leute – ein Bild, das für alle praktischen Zwecke vollkommen ausreichend war, dachte Vashti. Das undurchdringliche Blühen, das eine diskreditierte Philosophie zur eigentlichen Essenz menschlicher Begegnung erklärte hatte, wurde zu Recht von der Maschine ignoriert, so wie auch das undurchdringliche Blühen einer Traube von den Herstellern künstlicher Früchte ignoriert wurde. Etwas „Ausreichendes“ ist seit langem von unserer Spezies akzeptiert worden.

„Die Wahrheit ist“, fuhr er fort, „dass ich die Sterne wiedersehen will. Das sind eigentümliche Sterne. Ich will sie nicht vom Luftschiff aus sehen, sondern von der Erdoberfläche, so wie es unsere Vorfahren getan haben, vor tausenden von Jahren. Ich möchte die Erdoberfläche besichtigen.“

Sie war wieder schockiert.

„Mutter, du musst kommen, und sei es nur, um mir zu erklären, was es schaden kann, die Erdoberfläche zu besichtigen.“

„Es schadet nicht“, entgegnete sie und versuchte sich unter Kontrolle zu behalten. „Aber du hast auch keinen Gewinn. Die Erdoberfläche ist nur Staub und Schlamm, es gibt auf ihr kein Leben mehr und du würdest ein Beatmungsgerät brauchen, sonst tötet dich die Kälte der Außenluft. Man stirbt sofort in den Außenluft.“

„Ich weiß; natürlich würde ich alle nötigen Vorsichtsmaßnahmen treffen.“

[…] Sein Bild in der blauen Scheibe erlosch.

„Kuno!“

Er hatte sich in Isolation begeben.

Für einen Moment fühlte Vashti sich einsam.

Dann ließ sie Licht erstrahlen, und der Anblick ihres Zimmers, glänzend und vollgestopft mit elektronischen Knöpfen, belebte sie. Es gab überall Knöpfe und Schalter – Knöpfe, um Essen, Kleidung oder Musik zu bestellen. Es gab den Heißbad-Knopf, der, wenn man ihn drückte, einen Wanne aus rosa Marmor(-imitat) aus dem Boden fahren ließ, das bis oben hin mit einer heißen parfümierten Flüssigkeit gefüllt war. Es gab auch einen Kaltbad-Knopf. Es gab einen Knopf, der sie mit Literatur versorgte, und es gab natürlich die Knöpfe, mithilfe derer sie mit ihren Freunden kommunizierte. Der Raum, auch wenn er nichts enthielt, war in Kontakt mit allem, das ihr in der Welt am Herzen lag.

Vashtis nächste Bewegung betätigte den Isolationsschalter, und alles, was sich die letzten drei Minuten angestaut hatte, brach über sie herein. Der Raum war vom Lärm von Klingeln und Sprachnachrichten erfüllt. Wie fand sie das neue Essen? Konnte sie es empfehlen? Hatte sie in letzter Zeit neue Ideen? Hätte sie Interesse an den Ideen anderer? […]

Sie schaltete all ihre Korrespondenten aus, denn es war Zeit für ihre Vorlesung. Das täppische System sich öffentlich zu versammeln, war seit langem aufgegeben worden; weder Vashti noch ihr Publikum bewegten sich aus ihren Räumen. Sie sprach, bequem in ihrem Sessel sitzend, und andere, die ebenfalls in ihren Sesseln saßen, hörten und sahen sie – gut genug. […] Ihre Vorlesung, die zehn Minuten dauerte, kam gut an, und danach lauschten sie und viele ihrer Zuhörer einer Vorlesung über das Meer […]. Dann aß sie, sprach mit vielen Freunden, nahm ein Bad, plauderte wieder, und rief ihr Bett. […]

Sie verdunkelte ihr Zimmer und schlief; sie erwachte und erhellte den Raum; sie aß und tauschte mit ihren Freunden Ideen aus, hörte Musik und besuchte Vorlesungen; sie verdunkelte den Raum und schlief. Über ihr, neben ihr, um sie herum, summte die Maschine ewiglich; sie bemerkte den Lärm nicht, denn sie war mit diesem Geräusch in den Ohren geboren worden. Die Erde, die sie trug, summte, während sie durch die Stille sauste und sie mal zur unsichtbaren Sonne und mal zu den unsichtbaren Sternen drehte. Sie erwachte und erhellte den Raum.

„Kuno!“

„Ich werde nicht mit dir sprechen“, antwortete er, „bis du zu mir kommst.“

Auszug aus „The Machine Stops“ (1909) von E. M. Forster

[Virus Radio] Das Elend der Linken – Track 2

Virus Radio

Chhhhhhhhhhhhhhhhhhrz… ch. ch.. chhh…

Fffrrz…

Halllooo, liebe Hörers. Heute endlich der zweite Track der Remix-Single DAS ELEND DER LINKEN von DJeiiii Superspreader auf Viiirus Radio, 666 Megahertz. Heute haben wir als featuring verschiedenste konformistische Rebellen eingeladen, wozu scheinbar auch gewisse faule Säcke gehören. Wobei wir ja behaupten, dass fast alle konformistische Rebellen sind, ausser jenen, denen wir sogar jegliches Rebellentum absprechen müssen. So bekommen darin auch nicht nur die Linken ihr fett weg, aber darum gehts ja auch gar nicht. Vielleicht glaubt manch einer, das passe nun nichtmehr ganz zur Single. Aber, auch wo das Thema in den Hintergrund tritt, und in analytische, allgemeinere und sogar positivere Gefilde abgeschweift wird, findet die Entwicklung irgendwie davon ausgehend (oder besser: weggehend) statt.

Auch gewisse Styles des kommenden Pandemiestufe 666 Mixes werden schon angetönt, ihr könnt also gespannt sein was da noch kommt…

Barrikade.info wird heute noch nicht in einem Skit verballhornt, aber bald, versprochen! Denn diese krude Seite, die nichteinmal eine Kommentarfunktion besitzt, ist sogar noch schlimmer als Indymedia. Aber heute einfach nur ein relativ roher Mix für die Single, vielleicht bringt ja der wilde Rythmus die einen oder anderen dazu, die Langeweile der grossteils zuhausegebliebenen Linken für was besseres einzutauschen, wer weiss?…

Mich würde das zumindest freuen!

Das Elend der Linken feat. konformistische Rebellen (fauler Sack Mix)

Nun endlich wird wohl bald das Geschäft abgewickelt sein. Impfstoffe (wahrscheinlich GVO) sind nun mal aber langsam marktreif, und die Pharma hört ihre Kassen schon klingeln. Was für ein Geschäft! Seit man 2009 die Definition einer Pandemie kurzerhand umbenannte, also diejenige der WHO, und – folgerichtig – die einer ganzen gedächtnislosen Welt… seit dieser (nun) folgenreichen Umschreibung bürokratischer Klauseln, hat sich die neue Definition schon aufs Beste bewährt. Zwar wirft man immernoch mit drohenden und anderen Todeszahlen um sich, mal geht es um die drohende Überfüllung der Intensivstationen, schon geht es um die eigentliche komplette Aufhaltung der Verbreitung, manchmal auch darum, dass möglicherweise auch das jeweils lokale heruntergekommene Gesundheitswesen keine leicht überdurchschnittlichen Grippewellen mehr verträgt… aber eigentlich ist das ja alles letztlich egal. Zumindest für die WHO. Darum, die Pandemiestufe 6 und ihre Konsequenzen plausibel zu erklären können sich gerne die Staaten, die Medien, oder am besten die Masse der Bürger selbst kümmern. Hauptsache das Geschäft läuft. Wobei das Geschäft ja eigentlich falsch ist, weil es ganz unterschiedliche Geschäfte sind.

Denn letztendlich wurde viel mehr daraus, als bloss ein weiterer Werbegag für die Pharma, so wie damals mit dem Tamiflu. Ob das alles so geplant war? Wohl haben es sich zumindest einige schon überlegt. Denn die allerlei Pandemieplanspiele, welche immer Mal wieder stattfanden, betrachteten sicher auch einige ökonomische Aspekte. Bill Gates etwa rechnet sich schon länger aus, dass sich sowas rentieren könnte. Wobei es klar ist, dass die Vorstellung von sowas schon vorhanden war. Oder man denke an die Rockefeller Foundation, welche bereits 2010 ganz interessiert das Lockstep-Konzept als Möglichkeit diskutierte. (Ja, diese Leute gibts, und sie machen ihre Pläne)

Zumindest ein bisschen mehr als ein Werbegag, vielmehr eine Erpressung eines nicht allzu geringen Teils der Weltbevölkerung, welche durch solche Mätzchen ja eigentlich erst richtig konsitutiert wird. Einer Weltbevölkerung, welche scheinbar nicht (mehr?) fähig ist, sich selbst ein Bild zu machen, sondern längst die spektakulär vermittelten Bilder als Schablone (oder Smartphone) vor die Realität hält. Der Wirklichkeitsverlust hat enorme Dimensionen erreicht, und verlangt nun eine Einwärtsspirale, hinein in das Unwirkliche der verzerrten Repräsentationen, da ja gerade die perfekte Repräsentation der Welt als feindlicher Ort, aus dem der Rückzug die einzige Lösung ist, erfunden wurde. Die unsichtbare Gefahr, welche die Bundesregierung als gespiegeltes Feuer in Brillengläsern darstellt. Das geht immer weiter hinein, und das Second Life propagiert sich selbst, wobei Vergleiche mit einer Matrix nicht allzuweit hergeholt sind. Die Welt als Phantom und Matrize, analysierte ein Philosoph schon vor gut 60 Jahren Radio und Rundfunk.

Also hinein mit euch, hinein mit dir. Sei ein Held. Sei faul. Dass einmal der deutsche Staat die Faulheit propagieren würde, hätte man wohl kaum erwartet. Trotzdem tut er es in den gegenwärtigen Mobilisierungsvideos für die allgemeine Abwesenheit, die Vergleiche mit dem Krieg nicht ansatzweise verhüllend, vielmehr hervorhebend. Und ja: auch der Stayathome-Veteran wird ein Idiot gewesen sein, und mit seinem Einsatz und den Folgeschäden anderen gedient haben. Der künftige, stolze Opa, der damit prahlt, dass dessen Nerdtum “damals” zur Vorbildhaftigkeit gekürt wurde, wird die Verachtung verdient haben, welche auch die Kriegshelden verdient haben, der von seinen Schlachten erzählt. Auch wenn ich eher denke, dass diese Figur letztendlich fiktiv bleiben wird.

Das Recht auf Faulheit, welches auch Anarchisten immer mal wieder propagiert haben, ist es nicht mehr länger subversiv? Aber: der Nerd, ist er nicht eben trotz allem produktiv? Ist er nicht sehr arbeitsam? Ist seine Form des Konsums nicht eben auch Arbeit. Oder eben triste perspektivenlose Reproduktion des Kapitals.

Die Überflüssigen werden nun in die Zweitrealität verbannt, und als Vorbild gilt der, der diesen Weg schon zuvor freiwillig ging. Die Rekuperation der Regierung von arbeitsscheuem Verhalten, wobei sich einige sogar einen Generalstreik herbeifantasieren, ist relativ erfolgreich. Insgesamt ist eine wertkritische, die Arbeit kritisierende Bewegung Grossteils in ungefährliche Bahnen gelenkt worden und hat grösstenteils den lockdown begrüsst. Die marxistische Theorie insgesamt hat der gegenwärtigen Unterdrückung und Einsperrung eigentlich nichts entgegenzusetzen. Denn wer nur die Ausbeutung sieht und nicht die Herrschaft (um von der Technologie nicht zu sprechen), der sieht eben nur die Hälfte des Problems.

Es ist wahr, dass anfänglich viele die Situation genutzt haben, um Arbeit & Co. zu schwänzen. Es ist intelligent, dieses Moment, dass eigentlich nicht so einkalkuliert war und zunächst der normalen Verwaltung der Bevölkerung eher entgegenstand, dass dieses Moment nun vereinnahmt wird. Es ist notwendig, zu verstehen, wie weit der subversive Gehalt gewisser Gesten entleert wurde und wieweit diese Verweigerungen überhaupt so subversiv waren, zumindest da all die Coronastreikenden eben Grossteils ihren eigenen Ausreden auf den Leim gegangen sind und sich nun darin verstrickt haben. Es ist zumindest jetzt offensichtlich geworden, dass diese Verweigerungen eher als Einzug ins gelobte Land der VR verstanden werden müssen. Das technologische Universum, dass nun den normalen direkten menschlichen Austausch ersetzen soll, kriegt so einen Schub, wobei die Technologie allerdings ohnehin die anstossende Kraft ist. Eben die Einwärtsspirale verursacht, eine Suchtdynamik, welche eigentlich ja auch allen bewusst ist…

Der technologische Prozess wirkt auch subversiv, aber nur um sich selber zu stabilisieren und voranzubringen. Jegliche aufständische und revolutionäre Subversion muss also als erstes vermeiden, in solche Bahnen gelenkt zu werden. Denn diese bedeuten die Eindämmung des Stroms, oder vielmehr dessen Einleiten in den Sog der Technologie, der letztlich produktiv ist. Produktiv für die Welt der Technologie und des Kapitals. Da mehr Kontrolle versprechend. Da mehr Information. Und dieses sich selbst zur Information machen, dass gerade ist die neue Arbeit, auch wenn diese gamifiziert ist. Oder sogar nicht nur gamifiziert, sondern effektiv ein Spiel zu sein scheint.

Es ist schwierig, das eigene Verhältnis zu dieser Realität auszumachen. Es ist klar, dass man nicht ausserhalb ist. Es ist klar, dass die Arbeit zu verweigern nur in ein neues Elend führt, wenn nicht versucht wird, die Arbeit zu zerstören. Die Welt der Arbeit. Diese Welt, die komplett auf der Arbeit aufgebaut ist. Das heisst: nicht zu funktionieren. Dass heisst: gegen die eigene Rolle zu revoltieren. Und diese Rolle ist nun auch die Rolle des “faulen Sacks” (sic!), der zuhause sitzt und gamt. Denn die Macht hat mehr und mehr verstanden, dass jede Rolle und Identität benutzt werden kann. Dass keine von ihnen eigentlich gefährlich ist, solange sie identifiziert und ins Schauspiel eingebaut werden kann.

Und das massenmobilisierende Schauspiel, welches abläuft, hat allzu passende Rollen parat. So etwa der Verschwörungstheoretiker (gelegentlich auch aka. Impfgegner aka. Schwurbler etc.), der als Vogelscheuche vor jeder Kritik hinhalten darf. Eine Vogelscheuche, die erfunden werden müsste, wenn es sie nicht gäbe. So kann jede Form des Hinweises auf gewisse Tatsachen damit kontaminiert werden (etwa Event 201, oder Pandemiestufe 6, oder Schweinegrippe, oder Bill Gates´ rupturistischer “World Health Imperialism”, oder id2020). Wobei damit der QAnon-Bewegung bestens geholfen ist. Während die Oma von Nebenan nun darauf hofft, das Trump uns vom Lockdown befreit. Teile und herrsche, jaja…

Es ist klar, man kann den Lockdown kritisieren, ohne ein Wort über Bill & Melinda Gates Foundation, die Geschichte der WHO, Rockefeller Foundation und z.B. Gavi zu verlieren. Das wurde auch zur Genüge gemacht. Es ist ebenso klar, dass es eine Sackgasse ist, einfach auf Gates & Co. abzuflashen. Aber es ist die logische Entwicklung, angesichts der Tatsache, dass die Hypnose durch “Corona, Corona, Corona…” schlicht durch “Gates, Gates, Gates…” ersetzt wird. Jene, welche nun einen Corona-Ausschuss machen, etc., sie reagieren von ihrer Perspektive, und für sie sind auch die spezifischen Verantwortlichen logischerweise äusserst wichtig. Denn schliesslich will man sie legal zur Verantwortung ziehen. Vielleicht auch lynchen. All das ist soweit verständlich, und: wieso nicht? Aber es bleibt halt in der Dimension eines politischen Spektakels. Der Zuschauer kommt so nicht vom Hocker. Er bleibt Zuschauer oder wird sogar aktiver Anhänger, geht auf die Strasse… aber die grundlegende Frage, welche für uns spannend ist, wird nicht berührt.

Und dann natürlich der antifaschistische Zuschauer. Er sieht die Nazis aus den Löchern kriechen, und schon wird alles, was sich gegen diese Nazis stellt (wenn überhaupt), zum Freund. Die eigene Perspektivenlosigkeit und Kritiklosigkeit lässt einen nicht verstehen, dass man eigentlich längst Konformismus durchsetzt und die Abweichung von der gesellschaftlichen Norm bekämpft. Es ist zwar nicht falsch, frei nach Adorno die Leute von Querdenken & Co. als ““konformistische Rebellen”, die sich gegen „das System“ erheben und doch wollen, dass alles so bleibt, wie es ist” zu bezeichnen, wie es die Initiative Aufklärung statt Verschwörungsideologien!”. Aber so wie Adornos Kritik dadurch der Lächerlichkeit preisgegeben wird, dass er den Studenten die sein Institut besetzten die Bullen auf den Hals hetzte, so entzieht auch diese Kritik sich selbst den Boden, da man die Querdenker nicht in der Rebellion sondern im Konformismus überbieten zu wollen scheint. Und auch zur Aufklärung trägt man eigentlich nichts bei. Zumindest fällt es mir schwer zu sehen was…

Die Art des Angriffs gegen diese oppositionelle Bewegung erleichtert folglich die Selbstinszenierung der Faschisten als subversive Rebellen umso mehr. Das alles ist offensichtlich. Und mit den Maskenfetischisten, welche sich zurechtreden, dass es keinen Maskenzwang gäbe (oder wieso wird dann verschiedentlich Maskenzwang in Anführungszeichen gesetzt?), lässt sich eben kaum gegen autoritäre Ideologien argumentieren. Die ideologische Verbrämtheit ist kaum zu überbieten. Und der Antifant eben eine Rolle, welche die Macht längst zu benutzen versteht. Welche man zu mobilisieren versteht. Wobei “die Macht” und “man” natürlich etwas allzu anonym ist.

Die Polizei säubert natürlich jetzt die eigenen Reihen von den Faschisten, da man einen Putsch befürchtet, wobei man wiederum der sich formierenden faschistischen Bewegung, ob nun unter dem allesvereinenden Q oder reichsbürgerlich oder anders, neue Dynamik gibt. Das alles ist nützlich. Teile und herrsche, versteht sich.

Der Zuschauer ist verwirrt, er hat noch mehr Angst vor Kritik oder er geht den blödesten Kritikern in die Hände, die sich finden lassen. Wobei man sagen muss, dass noch nicht alles komplett verblödet ist. Ein Wodarg z.B. scheint ein ganz nüchterner Referenzpunkt. Aber Rätedemokratie, Imperative Mandate und all so Zeug bleibt halt Flickwerk und ist letztlich nur ein Ausweichen vor der kompletten Infragestellung jeglicher Herrschaft. Aber ob Seiten wie Rubikon wirklich eine Zweigstelle Richtung QAnon und Verblödung sind, oder ob nicht manch einer darüber mehr und mehr zu einer subversiven und radikaleren, vielleicht sogar anarchistischen Kritik durchdringen mag, das wird sich wohl noch zeigen. Schlimmer als z.B. die SZ ist Rubikon zumindest allemal nicht. Denn diese führt direkt in den kompletten Coronawahn, während sie mit einer Redaktion die Stayathome praktiziert wohl ganz formell sämtlichen journalistischen Anspruch aufgegeben hat und zeitweise schlicht und einfach irgend ein Bild der Welt herbeifantasierte. Aber lesen sollte man vielleicht ohnehin beides, und alles, und den Horizont nicht auf die eigene Blase beschränken. Denn gerade diese reproduzieren sich ja immer besser, wobei Zensur und individualisierte Ergebnisse das nötige dazutun, dass sich alles immer schön selbst bestätigt.

Aber ohnehin: im Postfaktizismus sind Tatsachen und Annahmen an Identitäten und Rollen gebunden. Und so ist alles kontaminiert (nicht nur mit Corona (-;). Und während die eine Realität der einen Partei gehört, gehören der anderen andere Tatsachen etc. Und so wird es verwaltet, lässt es sich am besten verwalten. Und eigene Analyse macht ohnehin fast niemand mehr.

Und letztlich sind es alles Leute, die ihre Geschäfte abwickeln. Ihre Interessen verteidigen. Oder dich mobilisieren wollen. Von Ken Jebsen zu Korrektiv, von Bill Gates zu Trump, von Söder zu Bolsonaros, von der Sozialdemokratie zu QAnon, von Widerstand2020 zur Rosa-Luxemburg-Stiftung, von Links bis Rechts, über die Mitte… von Drosten bis zum Corona-Ausschuss… ja: von Querdenken bis zur Antifa… alle werden sie dich nicht befreien und nicht beschützen. Sie wollen mit dir Kapital machen, und sei es ideologisches oder politisches Kapital. Sie wollen diese Gesellschaft verwalten, auf die eine oder andere Art und Weise. Verteidigen deren Grundlagen. Sie repräsentieren keinen anderen Horizont als jenen, der dich auf einen Zuschauer oder ein Rädchen reduziert oder als Kanonenfutter verheizt, alleine zuhause oder wieder bei der Arbeit… wobei die Möglichkeit wirklicher Befreiung verbaut wird.

Angesichts dieses Bombardements mit Scheisse, indem man nicht mehr weiss, wo einem der Kopf steht, stehen soll… ist das beste vielleicht eine gehörige Dosis Ignoranz! Kopf nach unten und raus und ein Feuer gelegt oder etwas zerdeppert oder geplündert. Die totale Revolte ist wohl das einzige, was noch übrigbleibt. Die Ablehnung jeder Verantwortung für eine Welt, in der wir gefangen sind. Generalisierte Meuterei! Das Aufnehmen der einzigen “Verantwortung”, die real und drängend ist: sich die Mittel zu geben, um aus dieser Scheisse endlich rauszukommen. Um diese Zivilisation zu zerstören, mit samt ihren Computern, Antennen, Medien, Journalisten, Gurus, Politikern, Pharmazeutikas, Wohnblocks, Arbeitsstätten und Autobahnen… auf das nichts mehr übrig bleibt von ihrer Wissenschaft, der Gentechnologie, der Bevölkerungspolitik, ihrer Medizin ebenso wie der Religion und Mystik, welche diese begleiten.

Ja, das ist der einzige Ausweg aus dem Dilemma. Denn nur so werden wir vielleicht irgendwann nicht mehr verwaltet, registriert, getrackt, in Rollen gepresst, kategorisiert, ausgebeutet, unterdrückt und eingesperrt werden. Ansonsten können wir sicher sein, dass es so weitergeht. Oder ist es nicht so?

Jaja, traritrara… das wars dann für heute. Neue Remixe kommen bestimmt, denn es ist uns wert, diesen Scheiss zu analys- und dokumentieren. Auf dass niemand die ganzen Peinlichkeiten vergesse! Auf dass nicht nach dem Krieg alle behaupten, sie wären auch dagegen gewesen. Auf dass die Dolchstosslegende 2.0 der Wahrheit entspreche! Der Wahrheit einer fürchterlichen, verbrecherischen sozialen Revolte!

Deshalb also die Blossstellung des Elends der Linken, in der sich schon so manche ehrliche Rebellion verlaufen hat und versickert oder versumpft ist. In welchem etliche Anarchisten, Chaoten und unermüdliche Revolteure nach wie vor allzu tief drinstecken und festsitzen. Und welche allen andern als die Sackgasse entpuppt werden muss, die sie ist…

Yoah! Tschüss und bis zum näxten mal!

Chizihizi… tsiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii… Chrr.

Zzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzz…

 

Psychiatrie, du kannst verrecken.

Und bam! Da bin ich, den Bullen vorgeworfen. Zwei Beruhigungspillen in den Arsch und nix, nicht das kleinste Schläfchen. Sie ist schön, die medizinische Ethik, die zu nichts nutze ist, außer für den Profit einiger Pillen-Kapitalisten.

Dann das Leben vor diesen Staatshütern ausgepackt. Im Gegenzug Moralpredigt mit Staatsbeamtensauce. Der Aufenthalt fängt gut an…

Warten auf die Ambulanz-Arschkriecher, die nur ihren Job machen. Hinter Gittern. »Monsieur, könnte ich ein Glas Wasser bekommen?«. Infantilisierter und abhängiger als ein Kleinkind im Kindergarten.

Und dann wieder bam! In die Psychiatrie geworfen, auf Befehl der legalen Autoritäten. Bei der Ankunft: Weiße Kittel sagen »Achtung, er ist sehr unruhig«. Pff, wo denn, verdammte Bastarde?

Genug, um jeden Zweifel zur ZUSAMMENARBEIT zwischen psychiatrischen Diensten und der Polizei auszuräumen!

Wenn ich so unruhig gewesen wäre, dann hätte ich alles in dieser Wache kaputt gehauen. Dann hätte ich gerade so die Kränkung dieser dreckigen Spritzenpfaffen verstanden, dass man mir Handschellen anlegt und eine Zwangsjacke, mich in Gewahrsam nimmt oder dass man mich abknallt. Aber so…

Mich abknallen? Scheiße, das hätten sie mal lieber machen sollen, diese Polypen in weißen Kostümen, anstatt mir diese widerliche Gesellschaft und ihre hässlichen Kapo-Fressen aufzuzwingen!

Unmöglich rauszukommen, um eine zu rauchen. Ausgang verboten. Kameras, Alarmanlage und doppelte Türen. Und schon will mich der Copiater sehen. Pflichtbesuch. 15 Minuten Blabla später klebt mir schnellschnell das Etikett depressiv auf der Haut wie ein Stigma. Und die Gesellschaft kann diesem lieben Doktor danken für seine guten und treuen Dienste zum Vorteil der Eigentümer, der Bosse und der hohen Beamten, die stolz auf die Befriedung der Revolte sind, stolz darauf, den Prekarisierten der großen subproletarischen Müllhalde das Maul zu stopfen, die die letzten zehn Tage des Monats nur noch trockenes Brot und Nudeln mit wässriger Sauce essen.

Nachdem ich das Büro verlassen habe, lassen mich diese braven und anständigen Weißkittel, die sich nichts vorzuwerfen haben, Medikamente schlucken, ohne mich über meine Rechte aufzuklären. Aber es scheint, dass es keine Fälle von Machtmissbrauch in Copiatrien gibt. Außerdem steht das nicht in ihrem Ferienkatalog… Ein anderes Lügenland, das die Psychiatrie durcheinander bringt?

Dann sperrt man mich in einen winzigen Raum, nur mit Wasser und was zum Pissen und Scheißen. Die Medikamente schlagen ein wie ein Elektroschock: Krämpfe, Flashs, fast vollständige Bewegungsunfähigkeit, quälender Durst, Schwindel, unmöglich zu laufen ohne mich an den Wänden festzuhalten, Übelkeit, Pisse und Scheiße in den Bettlaken. „Scheiße, ich kratz ab, kein Wunder bei all dem, was sie mir gerade in die Fresse gestopft haben… Schnell, beschleunigt doch mein Ende!“

Zwei Wochen in diesem Loch verbracht. Unter dem wachsamen Blick des Krankenpflegercorps, zusammengeschweißt wie eine Bullenkette. Und er handelt auch so wie sie: mit Hilfe von Berichten, Pillen, Schlägen wenn nötig und Zwangsjacken.

Was tun? Lesen? Unmöglich, die Ärzte haben mir den Kopf zermatscht. Über Fußball diskutieren, über debile Fernsehserien, über Arbeit, über „Und was machst du so?“, über Familie…? Lieber verrecken, immer noch. Die Gefangenen der Copiatrie sind genauso brav, konformistisch und vorhersehbar wie die Knackis, wie all diese anständigen Leute, die perfekt darauf angepasst sind, dieser Scheißwelt zu dienen. Zustimmende Sklaven.

Dann erfahre ich, dass ich die Medikamente verweigern kann. Bei der Drogenlieferung zögere ich nicht, ich verweigere ihr Zeug, das mich kaputt macht, das meine Fähigkeit nachzudenken behindert und damit auch meine Fähigkeit mich zu verteidigen. Hab noch nie so überraschte und besorgt tuende Dealer gesehen wie diese „Pfleger“, wenn man ihnen mitteilt, dass man sich weigert, sich mit Medikamenten vollpumpen zu lassen. Das Schlafmittel genügt. In diesem Loch, in dem es dir verboten ist frische Luft zu schnappen, in dieser winzigen Zelle, die abgeschlossen wird und eine Schleuse mit zwei Türen besitzt, unmöglich zu schlafen, wenn deine Nachbarn 24 Stunden am Tag rumbrüllen.
Unterredung mit einem Pfleger, der erklärt „man hat eine Depression wie man einen Schnupfen hat“. Er behandelt mich wie einen Vollidioten, Lust ihm in die Fresse zu spucken.

Unterredung mit der Psychologin. Ihre wohlwollende Maske erinnert an das Lächeln einer Betschwester. Eindruck fünf Jahre alt zu sein, wenn du mit ihr sprichst. Debile Frage auf debile Frage. Nur Lust, ihren Kiefer mit der Ecke ihres Schreibtischs bekannt zu machen.

Unterredung mit dem Pflegeteam. Ich sei „respektlos“ gegenüber ihnen und den „Patienten“. Ohne Schmarrn. Wie im Kloster und überall anders in dieser Gesellschaft unterwirfst du dich, fügst dich in die ORDNUNG ein, oder MAN macht dich mundtot. Einziger tröstlicher Augenblick: eine Pflegerin heult, während ich ihr meine Haltung zur Psychiatrie, zur Welt drumherum und ihre Funktion als Bullin hinspucke. Scheiße, das war cool!

Erlaubnis zu gehen, nur um 15 Tage später wieder eingesperrt zu werden. Und das für mehrere Monate. Wenn du dein Gehirn durch von der Justiz befohlenene Behandlung zermatscht bekommst. Unfähig irgendetwas zu deichseln ohne komplett auszuflippen. Wenn der Knast die Schule des Verbrechens ist, macht die Psychiatrie nur krank.

DIE PSYCHIATRIE IST DER HÖCHSTE AUSDRUCK DER ORDNUNG. JE SCHNELLER SIE VERRECKT DESTO BESSER. ALL IHRE VERTEIDIGER IHR BRINGT MICH ZUM KOTZEN.

***

Zweite Einsperrung. 15 Tage später. Selbes Game.

Und wieder bam! Wieder bei den Bullen. Dieses Mal ohne Spritzen, die nichts bringen. Jemand anders wird davon profitieren können und an meiner Stelle wie eine Scheiße fallen!

Aber immer noch mit ihren idiotischen Moralpredigten. „Man muss arbeiten“, „Man muss seine Eltern respektieren“… Ja, ja, wie die Zehn Gebote was, du Clown.

Bis hin zu „Würde es Ihnen gefallen für uns zu arbeiten?“

Macht er Witze? In was für einem Film bin ich hier? Ist das versteckte Kamera? Für wen/was hält mich dieser Staatsdiener? Einen Jünger dieser Gesellschaft, der ihm seine stinkigen Füße leckt und ihm seine Pantoffeln und seine Zeitung holt, oder was?

Gehe in das Gefängnis, äh die Psychiatrie. Ein anderer Knast. Die erste Psychiatrie war zum Brechen voll. Leider nicht zum Explodieren. Mit einer Wolke Schlafmittel, die über und innerhalb derselben schwebt, kann man nicht darauf hoffen, mitanzusehen, wie sie zerstört wird. Wie in der Fabrik, in der du deine Gesundheit ruinierst im Austausch  für ein paar Steine als Gehalt, schlafen die Proletarier wie Schlafwandler. ALLES KAPUTTHAUEN steht nicht auf dem Programm. Außer gegen „all diese Ausländer, die uns die Jobs klauen!“. Ja, so isses, unter den Psychiatrisierten wie unter den Proletariern in der Fabrik gibts voll die scheißrassistischen Faschos.

Die Weißkittel hier sind genauso misstrauisch und zusammengeschweißt wie im anderen Loch.

Blöd die Lügenmärchen der Ordnungshüter wiederholend, „geben Sie acht, er ist gewalttätig!“ sagt ihnen ein Sanitäter. Ein anderer erwidert: „Das ist nicht das, was ich im Krankenwagen festgestellt habe…“ Puh! Endlich ein mehr oder weniger ehrlicher Lakai!

Gewalttätig, ich? Verbal ja, lieber einmal zu viel meine Wut gegen diese höllische Welt und ihre selbstzufriedenen Lakaien ausgekotzt. Aber Schläge, niemals! Außer man trampelt auf mir herum! Wenn ein Hund geschlagen wird, beißt er. Ich mache das genauso.

Also noch eine Lüge der Cops und der Sanitäter, die „Leben retten“ und es gibt welche, die dieses nicht verdienen in dieser verkorksten Welt…

„Was für Medikamente nehmen Sie?“, fragt mich die Pflegerin in ihrem Aquarium. „Nichts. Bis auf Schlafmittel.“

„Ich kann Ihnen keine ohne das Einverständnis des Arztes geben…“

Sie hält mich wohl für einen Vollidioten. Neuroleptika, Antidepressiva, Beruhigungsmittel kann sie mir ohne „ärztliche Verschreibung“ geben, aber ein Schlafmittel, das kann sie nicht? Ver-arsch-mich-nicht. „Ich folge den Anordnungen, ich wende die Hausregeln an.“… Der Job als Pflegerin in der Copiatrie ist auch nicht mehr wert als der des Kapo-Beamten im Migrationsministerium, der Migranten duldet oder abschiebt. „Just doing my job!“
Glücklicherweise hatte ich zwei Schlaftabletten in meiner Socke versteckt… Verhör mit dem „diensthabenden“ Copiater. 100 % ironieresistent. Er versteht nur die Hälfte von dem, was ich ihm sage und er merkt nicht einmal, dass ich ihn häufig verarsche. Ich hatte fast Lust ein Selfie mit ihm zu machen, so verblödet war er.

Man steckt mich in ein Zimmer mit einem Schlaflosen. Er hört nicht auf mit mir zu reden. Ich versteh nichts mehr von dem, was er mir sagt, so müde bin ich. Bin gezwungen ihm zu sagen, dass er die Klappe halten soll. Er ist beleidigt, aber hält die Klappe dann endlich. „ICH WILL SCHLAFEN, CHECKST DU DAS?“. Ich bedank mich nicht bei diesem Arsch.

Nächster Tag, Pflichtbesuch beim Chef. Der Copiater halt. Er schwitzt, zittert, wirkt teilweise abwesend. Er steht unter Pillen, das ist offensichtlich. Und wieder das Leben des armen Proletariers ausgepackt, schikaniert von den Institutionen der Arbeitsideologie wie jener, der er dient und die er verteidigt. Aus einer reaktionären Familie von total bescheuerten Proletariern. (– „Inakzeptabler Klassismus!“… – „HALTS MAUL!“).

„Sie nehmen keine Medikamente? Wie wollen Sie denn dann gesund werden?“

Ich sage ihm: „Nein, keine Medikamente. Sie machen mich krank und ich bin unfähig zu denken und mich zu wehren. Ich weigere mich zum formbaren Zombie zu werden, der Ihnen ausgeliefert ist. Mich macht Ihre Gesellschaft krank. Ich bin krank von der aufgezwungenen sozialen Gewalt, die ich schon immer voll in die Fresse kriege. Dieselbe Gewalt, die Sie hier an den Körpern reproduzieren, die den Bossen, den Steuern gehören, die Lakaien für totalitäre Institutionen wie die Ihre sind.“ Er wirkt überrascht und hält die Klappe.

Ich verstehe nicht, was in diesem Moment abgeht und füge hinzu: „Komm schon, verschreib mir schon dieses Medikament.“ Und ich frage dieses arme Schwein, „Was ist dieses Mal mein Barcode?“ „Melancholie. Bipolare Störung. Schizotypische Persönlichkeitsstörung. Paranoia“, antwortet er mir. Nur das. Nach nicht mal einer Stunde! Zu gut, der Typ! Das verschafft mir einige Tropheen in meinem Lebenslauf des vom Staat, Gerichtsvollziehern und Eigentümern Schikanierten!

Ich schlucke seine Tablette. Zwei Tage krank. Quasi identische Symptome wie im anderen Knast. Seitdem habe ich nie wieder ihre Drogen angerührt.

Ah, doch, ein einziges Mal. Sie haben mir dermaßen schwarze Ideen in den Kopf gesetzt, dass ich daran dachte mich umzubringen. Heilen, in dem man Leute in den Selbstmord treibt, die Bourgeoisie und ihre Gewerkschaften wie die CGT [Confédération Générale du Travail; zweitgrößter Gewerkschaftsbund Frankreichs; Anm. d. Übs.] sollten sich davon inspirieren lassen, um so Prolo-Parasiten wie mich, die auf ihre liebe Welt kotzen, zu vernichten.

Glücklicherweise sind in dieser psychiatrischen Klinik einige Gefangene nicht ganz so dämlich und gestaltlos wie in der anderen. Ein Punker, der wegen „Schizophrenie“ eingesperrt ist. Ein Künstler wegen „schwerer depressiver Phase“. Usw.

Einen stehlenden Hund schlägt man, einen „Kranken“ sperrt man ein. Gegen seinen Willen, oder „seinem Willen gemäß“. Vive la Vie, nicht wahr?

Die Teams des Nachtdienstes stinken ebenso nach Scheiße wie die Tagschichten. Wären sie noch patermaternalistischer, könntest du nur noch sterben. Genauso geeint und korporatistisch wie anderswo.

„Sie machen mir schlechtes Gewissen, obwohl ich nichts dafür kann! Ich mache nur meine Arbeit!“, kotzt mir eine Pflegerin hin. Ach nein? Du glaubst, dass dein Scheißknast ohne dich und deine Wachmann-Kollegen, die sich ihm zu Füßen werfen, um ihm für ein Gehalt zu dienen, existieren würde? Du glaubst, dass die Verwaltungen voller kleiner Papierdemokraten-Eichmanns wie ihr es seid, noch zu irgendetwas nütze wären, wenn sich alle weigern würden,wenn alle aus ihrer Rolle als Wachleute der psychiatrischen Macht und als Polizeispitzel desertieren würden?

„Aber das wäre ja Anarchie!“

Ja und? Die Freiheit tötet niemanden, Herrschaft allerdings…

Wie in der Armee: Es gibt nur die Deserteure und die Kriegsdienstverweigerer, die für ihre Handlungen vielleicht respektiert werden können. Wenn die ganze Armee desertieren würde, dann gäbe es keine mehr. So.
„Das hier ist kein Knast!“, behauptet ein Pfleger von der Nachtschicht. Der schlimmste von allen. Der autoritärste. Bei der kleinsten Reiberei schreibt er alles auf und petzt es seinem Chef. Eine richtige Snitch. Wenn du zu sehr protestierst, sperrt er dich in Isolation. Ich hoffe, dass irgendwer daran denken wird, die Reifen seiner Affenarsch-Karre aufzustechen oder Hakenkreuze in den Lack zu ritzen.

„Ach nein? Das ist hier kein Kerker?“, antworte ich ihm. OK, gut, das hier ist nicht La Santé [Pariser Gefängnis], aber trotzdem! Ausgangsverbote, Unterwerfung unter die copiatrische Autorität, penibel einzuhaltende Hausordnung unter Androhung von Strafen, ekliger, fast nicht essbarer Fraß, debile und todlangweilige Aktivitäten, Verbot von Liebes- und sexuellen Beziehungen, die „Patienten“ dürfen andere nicht auf ihren Zimmer besuchen, das Licht wird zu einer fixen Uhrzeit ausgemacht und die Türen werden abgesperrt, Kameras in den Gängen + Schleuse am Eingang, Isolationszellen, eine Kippe darf man nachts rauchen und nur eine, usw., usw., usw. Psychiatrie, Knast oder Kaserne, das ist mehr oder weniger die gleiche Scheiße!

Im Gegensatz zur anderen Psychiatrie herrscht hier nachts eine Grabesstille. Mit diesem faschistoiden nächtlichen Schließer ist das kein Wunder…

Während langer Tage der Langeweile erfahre ich, dass es mal einen Brand gegeben hat, den ein rebellischer „Patient“ gelegt hat. Das war vor Ewigkeiten. Ich habe gelacht und mir gedacht: „Sieh an, ein Freund.“

Da Verbote dazu da sind gebrochen zu werden, haben wir uns keine Umstände gemacht. Wir haben die Gemeinschaftsklos mit Klopapierrollen geflutet, die Feueralarme ausgelöst und heimlich geraucht, gesoffen und gevögelt, ehe ich zum Gassigehen rausgelassen wurde. Nach 10 Tagen Einsperrung wurde mir erlaubt auf dem Gelände spazieren zu gehen. Begleitet. Wie ein vierjähriges Kind, das seine Mami braucht, um die Straße zu überqueren.  Lust die Aufpasserin zu beleidigen, so sehr behandelt sie mich wie ein kleines Kind. Aber wenn ich das mache, kann es sein, dass ich in der Zelle lande. Ich halte die Klappe… Ich frage mich, was aus ihnen geworden ist, meinen Compas im Scheiß machen, im Abschießen und im Sex. Ich hoffe, dass sie nach ihrer Entlassung nicht noch einmal in diesem beschissenen Lager gelandet sind, auch nicht in einem anderen, wenn sie denn nicht drinnen gestorben sind.

In der Zwischenzeit Pflichttermin beim Psychologen. Wieder packe ich mein Leben aus. Geht auf die Eier und ist hyper-anstrengend. Besonders weil das NICHTS ändert, ABSOLUT GAR NICHTS, weder an meiner finanziellen noch an meiner sozialen hyper-prekären Lage. „Wir werden uns jede Woche sehen.“ Ja, klar! EINE STUNDE LANG LABERN NUR UM NICHTS ZU ÄNDERN. Lieber weiter lachen-rauchen-vögeln mit den paar von der Gesellschaft Angeekelten. Glück gehabt, dieser Psychologendiener ging in Urlaub. Einen Monat lang nicht da. Das war besser für alle. Trotz allem ein bisschen mehr „Freizeit“ eingeschlossen in den Mauern und hinterm „Stacheldracht“.

Während dieser Haft gab es eine Prügelei unter den Psychiatrisierten. Die Weißkittel, normalerweise so stolz und großmäulig, wenn es nichts zu befürchten gibt, haben sich nicht getraut auch nur einen Finger zu rühren. Sie haben es nicht gewagt, ihre Ärsche von ihren Kapostühlen zu heben, dermaßen aufgeheizt war die Stimmung. „Wir haben nichts gesehen.“ Ja klar! Es waren die Psychiatrisierten, die die „Free Fighter“ trennen mussten, ehe es zu Toten kam. Heißes Ambiente… Wenn es kein Risiko gibt, sind diese Wachleute der Psycho-Macht viel selbstsicherer, wie dann, wenn sie den „Patienten“, die sich zu heftig ausdrücken, das Telefon abstellen. Welche sie dann häufig mit starken Beleidigungen beschimpfen wie „FETTES SCHWEIN!“ „BLÖDE SCHLAMPE!“ und ähnlichem. Die sehr seltenen Augenblicke, in denen wir uns gut amüsieren, wenn diese Schilde der psychiatrischen Institution verbal fertiggemacht werden.

Da ich obdachlos war, musste ich mir nun eine Wohnung suchen. Suche eines zu 3/4 vernichteten Kämpfers. Null Hilfe. Die Familie, besser ists ihr aus dem Weg zu gehen. Sie widert mich an, kettet mich an, zieht mich runter. Die „Freunde“? Alle haben sich verpisst, oder fast. „Man wird nicht ohne Grund eingesperrt. Wo gehobelt wird, da fallen Späne…“ Die Sozialarbeiterin? Nur eine Befehlshaberin. Dafür bezahlt zu nichts nutze zu sein außer als unnützes Rädchen für die Ärmsten.

Nach mehreren Monaten der Einsperrung war die soziale Misere noch intensiver als vor der Einlieferung in die Copiatrie. Wie soll man denn in dieser Gesellschaft nicht austicken, die dich in ein finanzielles Desaster treibt, bis sie sich dich einverleibt hat? Bis du bis zum letzten Atemzug in ihr versunken bist?

Bevor ich freigelassen wurde, fragt mich der legale Dealer … Sorry, tut mir leid, ihr Linken, das ist mir rausgerutscht!… Ich korrigiere mich wie jemand Gutes: der von Papa Staat bezahlte Psychiater fragt mich: „Irgendwas hinzuzufügen?“ Ich antworte höflich: „Ja. Ich hoffe, dass früher oder später eine Revolte deinen ganzen Scheißknast zerstört, Arschloch.“

Ich verstehe die Leute, die sich irgendwann erschießen, wenn der Tod der einzige Ausweg aus dieser Gesellschaft voller Arschlöcher ist, die sich damit abgefunden haben ihr zu dienen und die Rebellischsten aufzuspüren und zu zerstören. Selbstmörder dieser Gesellschaft, ich drücke euch ganz fest. Die Lebenden, die zufrieden mit dieser grässlichen Welt sind, ich spucke euch meinen ganzen Hass in die Fresse.

„I will be back“

***

Mehr als ein Jahr ist seit der letzten Psychiatrisierung vergangen. 13 Monate Abstrampelei. Messer an der Kehle. Kopf ist aus dem Schneider, aber der Rest…

Danke Staat, danke Gesellschaft, danke ihr Millionen Kollaborateure, die ihr eure Rollen und Funktionen im Austausch für ein Stück Knochen akzeptiert. Die Domestizierung hat gut gearbeitet. Bis dahin all diejenigen verrecken zu lassen, die nicht in das Hamsterrad passen. Was würden wir nur ohne euch machen!

Schluss mit dem Besuch im Kommissariat und mit den Spritzen. Die Cops sind direkt zu mir gekommen. Tür eingeschlagen. Das alles, weil ich entschieden hatte mit allem Schluss zu machen, dermaßen verschuldet war ich. Dermaßen unterdrückt und ekelt mich diese Welt an.

BAM! Sobald sie reinkommen, legen sie mir Handschellen an. Weil diesmal war ich wirklich gepisst. „Aber ich habe niemanden getötet oder angegriffen, verdammt! Sind die irre oder was!?“

Marsch vorbei an den Gaffern, an den Tratschtanten, den aufrechten Bürgern, die ihr heiliges Vaterland lieben… „Was interessiert die das? Wollen Sie meine Spucke kosten, diese Herden an Idioten!?“

Ankunft in der Psychiatrie. Die Lakaien in Weiß wollen mir eine medikamentöse Behandlung verordnen. Ich lehne sie wie immer ab. Wie ihre Kollegen aus dem anderen Knast ziehen sie fassungslose Gesichter!

Hier ist der Fernseher superlaut, aber die Stimmung ist trist wie in einem Hospiz. „Gibt’s eine Beerdigung? Ist der Papst heute gestorben?“

„Medikamentenabholung!“ Und die Psychiatrisierten folgen in Reihen wie in der Grundschule… BOA! Kaum angekommen und dieses Kasernenambiente reizt in mir schon wieder Würgreiz alles vollzukotzen.

Medaille für den Chefpsychiater. Der innerhalb von 20 Minuten eine Diagnose stellt. Wieder ein Winner des Express-Urteils!

Er will mir auch eine medikamentöse Behandlung verordnen. Ich lehne ab. Er sagt, ich darf das. Er scheint „verständnisvoller“ zu sein als all die anderen Mediziner-Arschlöcher in den anderen Knästen. Aber mit der in diesem Loch verbrachten Zeit hat er sich als deutlich perverser entpuppt. Alles hinter dem Rücken der „Patienten“. Dr. Hinterlist wurde er heimlich genannt…

Einzelzimmer. Schick! Ein Palast im Knast! Der allerdings weder die Schreie der Psychiatrisierten, wenn sie eine Krise haben, filtert, noch die Fressen der Spritzenschließer!

Am nächsten Tag sehe ich beim Frühstück alle Psychiatrisierten. Wenige sprechen. Alle wirken von den Medikamenten zugedröhnt.
Die Tage vergehen und ich darf endlich rausgehen. Alleine, ohne Begleitbeamten diesmal. Aber die meisten Gefangenen sind ebenso resigniert wie in der Arbeit und in den anderen psychiatrischen Kerkern. Bis auf ein Typ und zwei Frauen.

Wir diskutieren, irgendwann fangen wir an heimlich zu rauchen und zu vögeln, in den hohen Gräsern und unter den Bäumen in der Sonne. Man kann unter dem Zaun hindurchkriechen. Wenn man vorsichtig ist und sich vorher gut umguckt. Die Psychiatrie hat ihre Schnüffler, die die Spaziergänger aufspüren, Berichte wie die Bullen schreiben und sie den Chefs präsentieren. Kein Zufall, dass man sie die Stasi vom Kaff nennt!

„Wann gibt es endlich Druck-Räume und Zimmer voller Sextoys in der Psychiatrie? Das wäre doch eine nette Reform!“ Wir lachen. Einige verlieben sich…

Aber lieber diese knastmedizinische Institution und ihre Krallen brennen sehen.

In totalitären Regimen dient sie dazu Oppositionelle zu Tode zu foltern. In „demokratischen“ Regimen dazu sie wieder für die Lohnarbeit und die Bosse auf Vordermann zu bringen, brav und schön unterwürfig gemacht dank der Pillen bis zum nächsten Zusammenbruch oder bis zum Grab. Mithilfe von ineffizienten Therapien, DIE MAN BEZAHLEN MUSS [in Frankreich bezahlt die Krankenkasse generell keine Psychotherapien, Anm. d. Übs.]… Ein saftiges Business von kapitalistischen Scharlatenen, das ist die Copiatrie und ihre White-Collar-Agenten. „Aber pst, nicht so laut, das reine Gewissen der Linken ist zerbrechlich und empfindlich…“

Hier passiert wenig. Aber wirklich wenig. Ich habe mich in meinem Leben noch nie so gelangweilt. Außer dass ich gute Bücher gelesen habe.

Die „Gruppentherapien“? Was für ein Witz! Was für eine Langeweile! Sermon auf Sermon, bei denen man höchstens ausflippt, weil man so viele Leute sieht, wie sie sich gegenseitig nachplappern und applaudieren! Wenn ihr Besuch verpflichtend gewesen wäre, hätte ich mich sicherlich direkt umgebracht!
Ich lasse Ausgaben der „Sans Remède“ [französischsprachige anarchistische antipsychiatrische Zeitschrift, Anm. d. Übs.] auf den debilen Papparazzi-Fernsehzeitschriften liegen. Eine Pflegerin checkts, schnappt sie sich und wirft sie in den Müll. Die Psychiatrie kann mit voller Kraft laufen. Dissidenz ist nicht erlaubt. Sonst, Isolation. Kompanieeee! Eins zwei, eins zwei, eins zwei! Zum gleichmäßigen Rhythmus der Drogenausgabe, die die Rechnung verlängert…

Eine „Patientin“ schneidet sich die Pulsadern auf. Sie wird in die Notaufnahme gebracht. Als sie wiederkommt, ist sie vollkommen zugedröhnt. Ein „Zombie“. Sie erkennt uns nicht mehr, sie läuft panisch und zitternd die Wände entlang, so als ob alle ihr Angst machen würden. Wie kann man nicht ein tiefes Verlangen danach verspüren diese Mauern in die Luft zu sprengen, wenn man diese Panik sieht, diese Tortur…?!?!

Ich denke an Grisélidis Réal [Schriftstellerin, Malerin und Prostituierte, Anm. d. Übs.], die auf die Herden der aufrechten Menschen spuckt, die sich an ihren Gesetzen festhalten und von ihrer Moral beschützt werden. Und ich denke mir: „Scheiße, das ist die perfekte Definition des Pflegers in der Psychiatrie!“

Die letzten zwei Jahre Abstrampelei waren sehr sehr hart gewesen. Aber ich habe mich über die anti-institutionellen und die antipsychiatrischen Bewegungen informiert. Es war zu gut etwas über die Rolle der Pfleger-Lakaien zu lernen, wie auch über die polizeiliche Funktion der Psychiatrie seit ihren Anfängen. Über die manchmal gewalttätigen Konflikte von informellen Gruppen gegen die Institution und ihre Hierarchie. Foucault, Laing, Sooper, Szasz, Lesage de la Haye, SPK, Basaglia, Sans Remède… nicht so die Art Literatur, die in den Kursen der zukünftigen Psychiatriekapos empfohlen wird, außer um zu lernen wie man besser den Abweichlern, den Feinden Fallen stellt! Auch nicht, um sie in diesen der Öffentlichkeit wie Zoos zugänglichen Festungen rumliegen zu lassen!

Also, ihr linken Copiater, die jetzt meinen „Die Antipsychiatrie ist verantwortlich für die Aufgabe der Kranken“: FICKT EUCH EINFACH INS KNIE! Es ist diese Scheißgesellschaft, die ihr unterstützt mit eurem Prestige, euren Privilegien und euren dicken Gehältern, die ihr verteidigt, in dem ihr mit der Polizei zusammenarbeitet, die „Kranke“ und Außenseiter schafft, die wieder auf den rechten Pfad gebracht werden müssen! Es sind eure Verlangen nach Einfluss auf und Kontrolle von Individuen, eure Verlangen nach Macht, die aus dieser eiternden Welt eine Copgesellschaft machen! Euer Paternalismus des behutsamen Heuchlers, eure guten Pfarrersgefühle und eure Expertentitel machen euch nicht sympathischer als die rechten Copiater, die genauso in die Bourgeoisie integriert sind wie ihr! INS SCHEISSHAUS MIT EUREM POLIZIERENDEN UND RANZIGEM PATERNALISMUS!

UND NIEDER MIT DIESER EKELERREGENDEN WELT UND SOLIDARITÄT MIT ALL DEN GEFANGENEN DER PSYCHIATRIE, DIE SICH NICHT DURCH IHRE MACHT ERDRÜCKEN LASSEN UND DIE DORT EIN MONSTERCHAOS STIFTEN!

FREI LEBEN ODER STERBEN!

Übersetzt aus dem Französischen. Veröffentlicht bei Ad Nihilo. Originaltitel: „Psychiatrie, tu peux crever.“ Juli 2020.

Ein ewig zankendes Ehepaar

[linke Triggerwarnung: Dieser Text beinhaltet arschoft Wörter wie Linke, links, Linkstum.]

Seit dem Ausbruch der Pandemie, ist die Kritik und auch offene Feindschaft zur linken Bewegung und dem Sumpf von oberflächlichem, politischen Aktivismus, lauter geworden. Eine Enttäuschung und Verbitterung folgte auf die Nächste. War es schon vorher klar, dass Linke gerne einen Dialog mit dem Staat halten – durch Forderungen, durch unreflektierte Akzeptanz des legalen Rahmens, durch ihre vom Parlamentarismus abgeleitete, ähnliche Strukturierung – so ist das Ausmaß des Gehorsams, der Reproduktion autoritärer Moral, der Passivität und der Scheinhandlungen aus diesem Lager, gefühlt, noch nie so offensichtlich gewesen, wie seit Anfang 2020. Menschen, die sich anti-autoritär nannten, was eine scheinbare Nähe zu anarchistischen Ideen vermuten lässt, übernehmen die neue Bedeutung von Wörtern wie „Solidarität“, „solidarischem Handeln“, aus dem erweiterten Wortschatz der staatlichen Polemik. Ja, wir müssen, wie schon immer, die Linke hinter uns lassen, wenn wir vertrauensvolle Beziehungen aufbauen wollen, und es uns mal wieder reicht von einer Meute umgeben zu sein, mit der sich zwar schöne, oberflächliche Sauf-Soli-Partys feiern lassen, die aber immer wieder panisch unter den staatlichen Mantel flieht, sobald es im ausgenüchterten Zustand ernst wird…

Aber! Bei aller Liebe zur Kritik, Reflektion, usw. Ist es ein Loslassen und Überwinden vom Linkstum, wenn wir uns ununterbrochen an der Scheiße, die es én masse auskotzt, abarbeiten?

Ich denke nicht. Das klingt eher nach einer nicht überwundenen Beziehung, nach dem Festhalten an Rache, oder nach Eifersucht. Eifersucht auf die Aufmerksamkeit, die linke Ideen, oder besser gesagt linkes Content, bekommen. Und ich schlage keine Vergebung vor, bei einer linken Öffentlichkeit, die immer wieder ihr befriedendes Potential beweist, indem sie bei sich intensivierenden Kämpfen, den Reset-Knopf drückt. Es ist einfach schrecklich…

Aber ist es nicht ähnlich beschissen, dies permanent zu kommentieren?!

Anstatt Meinungen zu verhöhnen und zu verspotten, die sie dem Bürgertum anbiedern, ist es doch wichtiger eigene Kämpfe zu führen. Wenn dann, bei diesen stattfindenden Kämpfen, die Linke (oder Rechte) mit ihren Integrationsversuchen ankommt, dann muss sie sabotiert und weggejagt, werden; also ihre Politiker*innen², sowie das Dogma aus den Köpfen müssen vertrieben werden.

Sich der Linken zu widmen, ohne konkreten Kontext, oder sie schlicht zu provozieren, zeigt womöglich eine wirre Ziellosigkeit auf. Außerdem schafft es die Linke auch hier diejenige*n, zu blockieren, die sich eigentlich von ihr abwenden wollen.

Auch ich hasse die linke Bewegung und kann manchmal nicht anders, wenn ich das Kreisgewichse geschichtsvergessener, linker Schein-widerständler*innen, höre, als zynisch zu lachen, oder mir deren Rotze aus den Gehörkanälen zu saugen, um sie ordentlich auszureihern. Doch bin ich mir diesem Trauma bewusst. Ja, es ist ein Trauma, eines dass mich mit Ressentiments erfüllt, weshalb ich es überwinden will.

Denn, ich schätze ein zufriedenes, freudvolles Lächeln nach einem gelungenen Angriff auf Auswüchse von Patriarchat, Kapitalismus und anderen Formen der Herrschaft, ob in Text- oder Waffenform. Und so sehr ein zynisches Lachen Menschen über Wasser halten kann, so bevorzuge ich doch die eben genannte, herzliche Freude.

Soll die Linke doch gegen faschistische Corona-Leugner*innen hetzten. Anstatt ihnen zu sagen wie oberflächlich diese Reaktion auf die faschistische Bedrohung ist, oder ihnen ihren Konformismus vorzuhalten, wäre es Zeit eigene antifaschistisch-anarchistische Vorschläge zu liefern/Kämpfe zu führen. Oder den anarchistischen Kampf gegen den Staat schädlicher und sichtbar zu machen. Denn eine alte Gemeinsamkeit zwischen Linken&Kommunist*innen und Faschist*innen&Rechten, bleibt: Sie kämpfen beide für eine Staatsmacht. Die heiligen Infektionsschutzgesetze auf der einen Seite und das super-tolle Grundgesetz auf der anderen Seite. Der Staat und seine Exekutive ermöglichen diese Gesetze – von den gerade viele Leute in der Bevölkerung abgefuckt sind. Wenn wir seine Macht erodieren (auf der Straße und in den Köpfen), müssen wir uns weniger um Linke und Rechte kümmern, welche stets von dieser Macht profitieren (wollen).

Die Linke zu bekämpfen, heißt viel Zeit darauf zu verschwenden, lediglich einen Auswuchs der Herrschaft zu bekämpfen¹, und damit noch einen, der sich aktuell sehr schlecht in ein Projekt verwandeln lässt.

Neben dem krassen Problem bewaffneter Nazi-Untergrundstrukturen stinkt der vorschlagsarme Kampf gegen die Linke da schon ab.

Also sehr geehrtes Zündlumpenproletariat, lasst doch ab von der Linken, denn ihr könnt jener vertrauen.

Dass sie euch immer wieder enttäuscht, wenn ihr sie so nah an euch ranlasst.


²=mit Politiker*innen meine ich nicht nur alle jene, die sich selbst als solche bezeichnen. Ich meine auch Alle, die sich als Sprecher*innen, Organisator*innen einnisten, und dadurch immer mehr Verantwortung und Macht anhäufen, alle die, die Individuen zu einer zählbaren, gleichförmigen Masse reduzieren.

¹=ersetze in diesem Satz das Wort die Linke durch die Rechte, und du weißt ein Stück weit, woher diese übersteigerte, anti-linke Tendenzkommt.

Eingeimpft

Eine kleine Sammlung von etwas anderen Geschichten über Bazillen, Impfungen und ihre sozialen Kontexte

Mit großer Ungeduld warten dieser Zeit so einige auf die erlösende Impfung. Immer wieder haben Politik und Pharmaunternehmen Verheißungen von einem kurz vor der „Zulassung“ stehenden Impfstoff laut werden lassen, immer wieder wurden die Erwartungen der Menschen getrübt. Nun ist es wieder einmal soweit. Ein Unternehmen namens BioNTech (ja, wer da an Gentechnik denken muss, liegt verdammt richtig) aus Mainz (nur falls sich jemand für die genaue Adresse interessiert: An der Goldgrube 12, 55131 Mainz – man scheint dort ja big im Business zu sein …) plant einen mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 auf den Markt zu bringen. Das wäre der erste mRNA-Impfstoff der in Europa zugelassen wird, aber es ist ja auch die erste Pandemie, die von dermaßen tiefgreifenden und staatlich forcierten sozialen Umwälzungen begleitet wird. Harte Zeiten erfordern eben harte Maßnahmen, so sagt man doch, oder?

Naja, und während nun vielleicht einige, denen die soziale Einsamkeit der vergangenen Monate beinahe jede Kraft geraubt haben mag den erneuten Lockdown zu überstehen, neuen Mut schöpfen ob dieser Verheißung, will ich ja gar nicht so sein und halte vorerst also meine Klappe dazu. Und um euch in eurem Warten dann immerhin ein wenig die Zeit totschlagen zu helfen, habe ich die Ketzerei gewagt, einige kurze Geschichten aufzuschreiben, die Impfungen in einem etwas anderen Lichte zeichnen, als in dem der großen Erlösung vor todbringender Krankheit … Man wird es ja wohl wenigstens erzählen dürfen, oder nicht?

Robert Koch, die Segregation von Schwarzen und Weißen, die Schlafkrankheit und die Tropenmedizin

Der Protagonist meiner ersten Geschichte ist heute zumindest in Deutschland in aller Munde. Robert Koch. Nach ihm ist eben jenes Institut benannt, von dem wir später noch ganz andere Geschichten zu hören bekommen werden und das in den letzten Monaten vor allem dadurch von sich reden machte, dass es die Einsperrung der Menschen zum Schutz vor Corona-Infektionen empfahl/empfiehlt und wissenschaftlich zu untermauern sucht(e). Robert Koch, der Namensgeber dieses Instituts, wütete zwischen 1843 und 1910 nicht nur in Deutschland, sondern vor allem auch in Kaiser-Wilhelms-Land (Eine deutsche Kolonie auf Neu-Guinea) und Deutsch-Ostafrika (umfasst heute Tansania, Burundi und Ruanda, sowie einen kleinen Teil von Mosambik) und Uganda. Während es zweifellos der Verdienst Robert Kochs genannt werden kann, die beiden Färbemittel Methylenblau und Vesuvin in die richtige Petrischale mit Tuberkulosebakterien gekippt zu haben, womit ihm der wissenschaftliche Nachweis des Tuberkulosebakteriums gelungen war, sind zumindest einige seiner anderen Verdienste von der Natur, die man in der Medizingeschichte am liebsten verschweigen würde.

Als 1899 die Kolonialverwaltung von Kaiser-Wilhelms-Land angesichts zunehmender Malaria-Erkrankungen befürchtete, dass „bei so vielen Kranken […] die Produktion wichtiger Exportgüter wie Kupfer und Kautschuk behindert werden [könne] […] vor allem aber […] auch viele Europäer der Krankheit zum Opfer [fielen]“ [1], entsandte man Robert Koch dorthin, um eine medizinische Strategie für dieses Problem zu finden. Robert Koch empfahl damals „Blutabnahmen und -tests auf breiter Basis“ zu organisieren, um „diejenigen ausfindig [zu machen], die zwar keine Krankheitssymptome zeigten, aber den Malaria-Erreger dennoch in sich trugen“ [1]. Ein Verfahren, das Robert Kochs Nachfolger dieser Tage gerne zur Perfektion bringen würden. Und auch wenn Malaria bis auf Laborunfälle und durch Bluttransfusionen eigentlich nur während der Geburt von der Mutter auf das ungeborene Kind übertragen werden kann, ging Robert Koch wohl davon aus, dass infizierte Menschen eine Bedrohung für nicht infizierte darstellten. Seine Empfehlung, mit Malaria infizierte Personen von jenen fernzuhalten, die nicht mit Malaria infiziert seien, wurde durch Umsiedlungen in die Tat umgesetzt, die letztlich vor allem zu einer Segregation von Schwarzen und Weißen führte, unabhängig davon, wer nun infiziert war und wer nicht.

Kurz nachdem Koch von dieser Expedition nach Deutschland zurückkehrte, machte Koch wieder von sich reden, als er 1890 mit Tuberkulin ein angebliches „Heilmittel“ gegen Tuberkulose präsentierte. Bis heute lässt sich nur schwer nachvollziehen, ob Koch dabei aus Profitinteressen ein Mittel in Umlauf brachte, das statt zu heilen eher Schäden bei den Patient*innen verursachte und sogar Todesfälle hervorrief oder ob er dabei nicht eher Opfer seines eigenen wissenschaftlichen Pfuschs geworden ist. Vielleicht ist es auch eine Mischung aus beidem. Jedenfalls schien er sich einerseits Millionengewinne zu versprechen (entsprechend hielt er die Zusammensetzung seines Mittels auch geheim und konnte sich später auch selbst nicht so ganz entsinnen, was er da überhaupt zusammengeschüttet hatte) und andererseits um die (Neben-)wirkungen seines „Heilmittels“ gewusst zu haben: „Er rief wieder meine Opferwilligkeit und meinen Idealismus, indem er von dem Wert für den Menschen sprach“, berichtete seine spätere Ehefrau Hedwig Freiberger, die Koch damals als 17-Jährige dazu überredete, an ihr Versuche mit Tuberkulin durchführen zu dürfen und fährt dann fort: „Ich könne möglicherweise recht krank werden, aber allzu schlecht würde es ja wahrscheinlich nicht kommen. Sterben würde ich voraussichtlich nicht“. Hedwig Freiberger starb nicht, wohl aber zahlreiche Patient*innen, an denen das Mittel in der Folge getestet wurde. Als Koch aufgefordert wurde, die Meerschweinchen vorzuweisen, die er angeblich in Versuchen mit Tuberkulin geheilt haben wollte, konnte er dies ebenfalls nicht. [2]

Doch einige Jahre später sollte Koch eine weitere Chance bekommen, seine Menschenversuche fortzusetzen. Wieder einmal fürchteten Kolonialmächte um ihre Arbeitskräfte, als im britischen Protektorat Uganda eine Schlafkrankheitsepidemie in wenigen Jahren eine Viertelmillion Menschen tötete. Für Koch scheinbar ein ideales Testfeld, um den Einsatz von chemischen Präparaten an Menschen zu testen, nachdem seine ersten Bestrebungen diesbezüglich in Deutschland auf erhebliche Kritik gestoßen waren. Auf einer der Sese-Inseln errichtete Koch mit seinen Mitstreitern 1906 ein Forschungslager, in dem er seine Experimente durchführen würde. Freilich könne nicht damit gerechnet werden „daß die Kranken sämtlich freiwillig kommen“, schreibt er später und schlussfolgerte „Sie müssen aufgesucht werden“ [1]. Nun, das kennt man ja, wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, dann muss eben der Prophet zum Berg oder wie in diesem Fall der Arzt zu seinem Versuchsobjekt kommen. In Kochs Fachjargon nennt man diese Praxis eben das „Aufsuchen“ eines Kranken. Entsprechend kann man sich dann auch die „Behandlung“ der „Kranken“ in seinem Lager vorstellen: Sein Assistent Friedrich Karl Kleine erläuterte dazu, dass man diese in einer Liste führte und ihnen zu diesem Zweck allen „eine große auf Holz geschriebene Nummer um den Hals“ hängte. Verabreicht wurde ihnen unter anderem Atoxyl, ein arsenhaltiges Präparat, das in den von Koch verabreichten Dosen zu schweren Nebenwirkungen führte. Koch selbst bemerkt dazu folgendes: „Nicht wenige Kranke entzogen sich sehr bald dieser stärkeren Behandlung […] [sie war] zu schmerzlich und [verursachte] auch sonstige unangenehme Empfindungen […], wie Übelkeit, Schwindelgefühl, kolikartige Schmerzen im Leibe“. Aber: „Da diese Beschwerden indessen nur vorübergehend waren, so wurde mit der Behandlung fortgefahren“. Nachdem Koch auf diese Weise eine ganze Reihe an Präparaten getestet hatte, auf deren Testung man in Deutschland bisher bewusst verzichtet hatte, kehrte er nach Deutschland zurück und verkündete dort seinen Plan zur Eindämmung der Schlafkrankheit, der Aufschluss über so einiges in seinem Denken gibt, das Virologen heute übernommen zu haben scheinen:

Afrikaner müssten, so erläuterte er, aus solchen Regionen, in denen die Tsetse-Fliege vorkam, an fliegenfreie Orte umgesiedelt werden. Dort würde eine Ansteckung untereinander unmöglich, und: „[D]ie infizierten Individuen würden dann, da die Sterblichkeit ohne Behandlung eine absolute sei, ausnahmslos zugrunde gehen, damit werde dann die Seuche erlöschen. Die Gesunden könne man nach einer gewissen Zeit – bis die Fliegen ihre Infektionsfähigkeit verloren hätten – wieder an ihren ursprünglichen Wohnsitz zurücklassen.“ („Sitzung“: 935). Koch ging es also nicht in erster Linie um eine Heilung von Kranken, sondern darum, diese von Gesunden fernzuhalten, sie gewissermaßen als Ansteckungsquellen zu „isolieren“.

Dem Mediziner war bewusst, dass sein Plan undurchführbar sein würde. Er hatte ihn lediglich als Utopie formuliert, um seine Zielsetzungen abzustecken. Als praktikablere Variante präsentierte er das Konzept der „Konzentrationslager“ („Sitzung“: 936). Er hatte diesen Begriff der britischen Praxis entlehnt: In Südafrika hatten die Briten sogenannte „concentration camps“ eingeführt, um darin politische Gegner zu inhaftieren, und internierten darin jetzt Kranke. Koch empfahl, in Deutsch-Ostafrika Schlafkrankenlager zu errichten, in denen Infizierte fern von ihren Heimatorten dauerhaft untergebracht würden. Hier sollten sie regelmäßig mit Atoxyl behandelt werden. Offensichtlich zielte dieser Plan aber weniger auf eine Heilung der Kranken, als dass er derselben Idee folgte wie Kochs Vision großangelegter Umsiedlungen: Die Schlafkrankenlager sollten Kranke so lange von ihren Wohnorten fernhalten, „bis anzunehmen ist, daß an ihrem Wohnorte nach Entfernung aller Trypanosomenträger [also aller Infizierten] die Glossinen frei von Infektionsstoff geworden sind.“ (Koch 1907: 1894). Schlafkrankenlager wurden von Koch also nicht in erster Linie als Behandlungs-, sondern als Isolierstätten entworfen – ein Konzept, das auch in Togo und Kamerun übernommen wurde (Bauche 2005: 86-90; Eckart 1997: 345).

Nach Kochs Willen sollten die Lager aber noch eine zweite Funktion als Forschungsstätten erfüllen. Der Mediziner scheute sich keineswegs, dies offen auszusprechen: „Da in den Konzentrationslagern eine genaue Beobachtung während längerer Zeit möglich sei, könne man hier am besten den empfehlenswerten Modus der Atoxylbehandlung ausfindig machen und beispielsweise auch eine etappenmäßige Therapie erproben“ („Sitzung“: 936). Tatsächlich wurden nach Kochs Abreise im Oktober 1907 in Deutsch-Ostafrika drei Schlafkrankenlager errichtet, in Togo und Kamerun wurden insgesamt fünf solcher Anstalten geschaffen. In ihnen wurde an den Körpern von Afrikanern mit über einem Dutzend verschiedener chemischer Präparate, mit unterschiedlichen Dosierungen und Verabreichungen experimentiert (Bauche 2005: 84, 90-103; Eckart 1997: 161-74, 346).

Auszug aus Manuela Bauche. Robert Koch, die Schlafkrankheit und Menschenexperimente im kolonialen Ostafrika. [1]

Das Robert Koch Institut, die Suche nach einem Malariaimpfstoff und Menschenexperimente in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern

Der Protagonist meiner nächsten Geschichte ist ein Schüler Robert Kochs, der sich nach einer Karriere als Kolonialarzt in Togo und Deutsch-Ostafrika ab 1905 als Direktor der tropenmedizinischen Abteilung am Robert Koch-Institut (damals noch Königlich Preußisches Institut für Infektionskrankheiten, den Namen Robert-Koch-Institut erhält das RKI erst 1942) herumtrieb. Sein Name ist Claus Karl Schilling. Manch einer*m mag dieser skrupellose Mediziner auch als „Blutschilling“ bekannt sein, wie ihn die Insass*innen des KZ Dachaus genannt haben sollen, als er zwischen Februar 1942 und April 1945 grausame Experimente an ihnen vollführte, in deren Folge zwischen 300 und 400 Menschen ums Leben kamen. Aber ich will von vorne beginnen.

Als Claus Schilling um 1920 das Angebot bekam, im faschistischen Italien Mussolinis an Insassen Psychiatrischer Kliniken in Volterra und San Niccolò di Siena zu forschen, willigte er ein. Er beschäftigte sich dort mit Fragen der Immunisierung anhand von serologischen Experimenten. Warum der italienische Staat daran ein Interesse hatte, war klar. Im Abessinienkrieg und anderen kolonialen Vorhaben fürchtete man sich vor Malariainfektionen der Truppen und hoffte auf einen Impfstoff oder ein anderes Gegenmittel. Auch die nationalsozialistische Regierung Deutschlands finanzierte Claus Schillings Forschungen tatkräftig.

1936 emeretierte Claus Schilling als Professor am heutigen Robert Koch-Institut, griff seine vorherigen Experimente jedoch im Februar 1942 im Auftrag Heinrich Himmlers und statt in Psychiatrien nun im KZ Dachau wieder auf. Mehr als 1000 Häftlinge infizierte er dort mithilfe von infizierten Stechmücken oder der Verabreichung eines Extrakts aus ihren Speicheldrüsen mit Malaria, um an einem Impfstoff gegen Malaria zu forschen. Heinrich Wieland, eine Art Chemiewaffenforscher sagte 1945 über Claus Schilling, „dass er [Schilling] als echter Forscher sein wissenschaftliches Ziel mit aller Leidenschaft verfolge. Er hat mir gegenüber keinen Hehl daraus gemacht, dass für ihn die Zusammenarbeit mit Instanzen der Partei, deren ausgesprochener Gegner er war, ein schweres Opfer bedeute, das er jedoch der Sache zuliebe bringen müsse.“ So scheint das mit der Medizin zu sein. Es geht um die Sache, aber um welche? Menschen zu heilen? Aber warum sie dann mit tödlichen Krankheiten infizieren? Ja, wenn ich das nur verstehen würde …

Claus Schillings Forschung an Impfstoffen in Konzentrationslagern war übrigens keineswegs einzigartig. Unter Leitung des Hygiene-Instituts der Waffen SS – dessen Aufgabe es war, Seuchenausbrüche in der Armee zu bekämpfen/verhindern – und unter Mitwirkung der heute beispielsweise im Unternehmen Bayer fortbestehenden IG Farben wurde auch im KZ Buchenwald, in Zusammenarbeit mit dem KZ-Arzt Joseph Mengele in Auschwitz, im KZ Mauthausen, im KZ Natzweiler-Struthof und im KZ Sachsenhausen zu Impfstoffen gegen Fleckfieber, Ruhr, Pocken, Typhus, Paratyphus A und B, Cholera, Diphtherie, Gelbfieber, Tetanus geforscht, bzw. bereits entwickelte Präparate auf ihre Nebenwirkungen getestet. In Buchenwald starben an diesen Tests 1100 Menschen, in Mauthausen sollen 1700 Menschen mit Paratyphus und Tetanus infiziert worden sein. Und wieder einmal mit dabei: Das RKI. Und zwar unter anderem vertreten durch Eugen Gildemeister, seinen damaligen Präsidenten, der zahlreiche dieser Experimente selbst mit plante, sowie Niels Eugen Haagen, Leiter der Abteilung für experimentelle Zell- und Virusforschung am RKI, der unter anderem an Fleckfieberversuchen im KZ Natzweiler-Struthof beteiligt war.

Impfpflicht in der DDR

„Der Sozialismus ist die beste Prophylaxe“
Losung des DDR-Zwangsimpfungsprogramms

Den Zwang zur Impfung hat es seit 1853, als der Vaccination Act in Großbritannien eine Pockenimpfung für alle Kinder innerhalb der ersten drei Lebensmonate vorschrieb, überall auf der Welt immer mal wieder gegeben. Erst im März dieses Jahres (2020) hat auch die Bundesrepublik Deutschland wieder eine Impfpflicht eingeführt. Impfpflicht, wie kann man einer solchen Verherrlichung des Zwangs nur etwas positives abgewinnen? Und das ist vermutlich auch der Grund, warum diejenigen, die diese „Pflicht“ dann aus der einen oder anderen autoritären Sehnsucht heraus doch befürworten, dieses Wort so ungern in den Mund nehmen. Sogenannte Impfgegner*innen, die sich dagegen nicht scheuen, dieses Wort auszusprechen, weil sie eben jene Zwänge anprangern wollen, wurde und wird dann immer entgegengehalten: Zwangsimpfungen gibt es nicht. Aber seit kurzem stimmt das eben nicht einmal mehr in der BRD.

Propaganda damit zu betreiben, dass man Menschen zwangsweise (meist) ein Gemisch aus (lebendigen oder toten) Krankheitserregern und irgendwelchen Giften injiziert, auf diese Idee muss man erst einmal kommen und es bedarf einer enormen Vorarbeit durch die wissenschaftliche Propaganda, dass überhaupt die Chance besteht, dass das Ganze von irgendjemandem geschluckt wird. Aber wenn man heute in Medizin- und Politikkreisen geneigt zu sein scheint, der Losung „der Sozialismus ist die beste Prophylaxe“ zuzustimmen, so ist das eben deshalb nicht verwunderlich, da man in eben jenen Kreisen auch nicht gerade das Individuum in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt und die Körper der Menschen vielmehr als eine Art Ressource betrachtet werden, mit denen man meint anstellen zu können, was man will. Wie in der DDR eben, wo die „Volksgesundheit“ vielleicht weniger in einem streng eugenischen Sinne, dafür mehr im Sinne der Ausrottung von Infektionskrankheiten dem nationalsozialistischen Vokabular entlehnt wurde. Und doch scheint die Betrachtungsweise menschlicher Körper nicht grundverschieden zu sein. Während die einen vor allem die „erbbiologische Reinheit“ des Volkes verfolgen, bei der die individuellen Körper diesem Ziel untergeordnet werden, verfolgen die anderen eben eine epidemeologische Reinheit des Volkes und in beiden Fällen spielten Impfungen, die den Körpern verabreicht wurden, eine herausragende Rolle bei der Erreichung dieses Zieles.

Aber Parallelen ziehen kann man ja immer und vom Nationalsozialismus, dessen Anhänger vielleicht nicht ganz zufällig am häufigsten aus der Berufsgruppe der Ärzte stammten, ist in dieser Sammlung von Geschichten sowieso zur Genüge die Rede. Ich will mich hier also auf die Vorstellungen in der DDR unter gelegentlichen Querverweisen auf Praktiken in anderen sozialistischen Staaten beschränken, die heute auch jenseits des Sozialismus eine Wiederbelebung zu erfahren scheinen.

Als ein dem Kapitalismus in jeder Hinsicht überlegenes System war es schon in der bolschewistischen Sowjetunion der frühen Jahre naheliegend, die damals weltweit grassierende Pest einfach für nicht existent zu erklären. Ganz nach dem Motto von Nikolai Smasko, der wider besseres Wissen 1919 erklärte, dass es „nicht einen einzigen Fall“ der Seuche im Land der Revolution gäbe [3]. Und wenn es auch durchaus plausibel ist, dass Seuchen an den Grenzen der Zivilisation enden, so ist doch in keinerlei Hinsicht plausibel, dass diese an Ländergrenzen oder auch an der Grenze zum Sozialismus enden. So auch nicht die Pest: Offiziell leugnete man diese in der Sowjetunion, intern führte man Statistiken über sie nur mit Codeworten, in diesem Fall „form 100“, um zu verhindern, dass Außenstehende diese verstanden und 1938 erklärte man die Pest für ausgerottet, was diese freilich nicht daran hinderte, weiter zu wüten. Und weil sich soetwas wie die Pest eben auch nicht ganz so leicht geheimhalten lässt, griff man gelegentlich eben noch zu ganz anderen Maßnahmen:

Der „Rat der Volkskommissare“ in Aserbaidschan reagierte auf eine Pestepidemie Anfang 1931 im Autonomen Gebiet Bergkarabach mit rigiden Anweisungen. Die Volkskommissare untersagten „der Post- und Telegrafenbehörde die Übermittlung von Telegrammen von Privatpersonen über die Pest“. Mehr noch: Der Rat beschloss, die „Verbreiter böswilliger Gerüchte über Epidemien“ zur Verantwortung zu ziehen. Wer über die Pest redete, sollte im Zweifelsfall „Maßnahmen zur sozialen Verteidigung“ zu spüren bekommen, „bis hin zur Erschießung“. [3]

Ein eklatanter Widerspruch in einem Land, das die Gesundheit seiner Bürger*innen so hoch hält? Oder offenbart diese Haltung, sicherlich kein Einzelfall, nur worum es bei all dem Hygienewahn eigentlich ging? Vielleicht vielmehr um den Erhalt der Arbeitskraft und die Befriedung der Bevölkerung, als um das individuelle Wohlbefinden? Aber wenden wir uns wieder dem deutschen sozialistischen Bruderstaat zu. Kaum irgendwo wurde so fleißig geimpft. 17 Pflichtimpfungen galt es vor Vollendung des 18. Lebensjahres zu bekommen, zur Bürgerpflicht wurde das Ganze erhoben, damit „auch die Uneinsichtigen und Trägen im Interesse der Allgemeinheit zur Schutzimpfung“ bewegt würden [4]. Jaja, der Impfkommunist hat die Trägen und Uneinsichtigen eben nicht so gerne … sie stehen seinem Fortschritt im Wege.

Bestimmt lassen sich auch aus der DDR abertausende Geschichten davon erzählen, wie das einer Person ungefragt oder gegen ihren Willen per Injektion verabreichte Gift seinen Schaden anrichtete, aber ich will mich hier auf eine vielleicht schon bekannte Geschichte beschränken, der wissentlichen Infektion von tausenden Schwangeren mit Hepatitis [5]. Ursache: Kontaminierte Anti-D-Prophylaxe-Impfungen. Freilich wird der Körper gebärfähiger Personen auch im real existierenden Sozialismus, in mancherlei Hinsicht vielleicht gerade dort, insbesondere im Falle einer Schwangerschaft ganz besonders als Eigentum des Staates betrachtet. Immerhin geht es nicht nur um künftige Soldat*innen, sondern auch um Arbeiter*innen, die wichtigste Ressource jedes Staates, wobei sich die Staaten sozialistischer Ausprägung dessen vielleicht noch ein wenig bewusster sind, als andere Staaten. Jedenfalls war die Anti-D-Prophylaxe-Impfung in der DDR eine Pflichtimpfung für Folgeschwangere mit potentieller Rhesus-Inkompatibilität.

Zur Herstellung des Impfstoffes war Blutplasma mit entsprechenden D-Antikörpern erforderlich, das im Jahr 1978 besonders knapp war. Obwohl die Laborkräfte um Wolfgang Schubert wissen, dass eine Plasmaspende mit Hepatitisviren verseucht ist und dementsprechend nicht zur Herstellung des Impfstoffes verwendet werden darf, greifen sie angesichts eines Mangels an Ersatz dennoch darauf zurück. Ihre Versuche, dieses Plasma entsprechend zu verdünnen, um die Viren abzutöten, gelingen nicht. Die hergestellten Impfstoffe werden dann aber doch ausgeliefert. Mindestens 2000 Impfdosen werden Schwangeren verabreicht, die daraufhin teilweise in Lebensgefahr schweben. Aber damit nicht genug. Eine Untersuchung der Vorfälle deckt zwar auf, dass Schubert auf Druck von seinen Vorgesetzten die infizierten Impfstoffe ausgeliefert und ihre Kontamination bewusst verschleiert habe, aber natürlich darf so etwas nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

Stattdessen werden die in letzter Zeit Geimpften in die Krankenhäuser einbestellt, wo sie Bluttests unterzogen werden, ohne selbst näheres dazu zu erfahren, worauf sie hier überhaupt getestet würden. Wer als infiziert gilt, wird in Quarantäne gesteckt, teilweise für mehr als vier Monate und das ebenfalls ohne genau zu wissen, was eigentlich los ist. Und die einzige Sorge der letztlich verantwortlichen Politik: Wie lässt sich vertuschen, dass rund 1400 Schwangere und 30 ihrer Säuglinge gerade wissentlich mit einer neuen Hepatitisform infiziert wurden. Was würde das auch für ein Licht auf den sozialistischen Impfwahn werfen?

Und so kommt es, dass einige Monate später noch einmal rund 1000 Schwangere mit demselben Hepatitisvirus infiziert werden. Man hatte zu ihrer Herstellung noch einmal ein Produkt aus dem ursprünglich kontaminierten Serum verwendet. Mit „vertretbarem Risiko hinsichtlich der Gefahr der Übertragung einer Hepatitis“.

Wie das Marburgvirus einmal im Labor der Behringwerke ausbrach

„Impfungen retten Leben“, behauptet die WHO. Manchmal kosten Impfungen aber auch Leben. Und damit meine ich an dieser Stelle gar nicht diejenigen, die an der für ihren Körper eben falschen Dosierung von (abgetöteten) Erregern und sonstigen Giften erkranken und schließlich sterben. Es ist gar nicht so selten, dass Impfstoffe oder andere Medikamente andere Krankheitserreger als die gegen die sie wirken sollen, verbreiten und wie eine der nächsten Geschichten zeigen wird, ist das – wenig verwunderlich – auch nicht nur im Realsozialismus vorgekommen. Auch in dieser Geschichte geht es um die Verbreitung einer neuen Krankheit durch die Herstellung von Impfstoffen. Nur diesmal verließ diese Krankheit die Labore nicht als Impfstoff, sondern befiel die Labormitarbeiter*innen.

Es ist die Geschichte des Marburg-Virus, der 1967 in den Laboratorien des IG-Farben-Nachfolgekonzerns Behringwerke vermutlich von Äthiopischen Grünmeerkatzen auf Labormitarbeiter*innen übertragen wurde. Die aus Uganda entführten Tiere wurden in Marburg zur Gewinnung von Masern- und Polio-Impfstoffen eingesetzt, in Frankfurt wurden diese Impfstoffe dann an ihren herauspräparierten Nieren getestet.

Die Affen, die am 28. Juli 1967 zu den Marburger Behringwerken und zum Paul-Ehrlich-Institut in Frankfurt gebracht wurden, waren aber mit einem bis dahin unbekannten, besonders tödlichen (über 25% der Infizierten sterben an den Folgen) Virus infiziert, das heute als Marburgvirus bekannt ist. Sowohl in Frankfurt, als auch in Marburg infizierten sich Labormitarbeiter*innen und Tierpfleger*innen, insgesamt 24 Personen erkrankten an dem Virus. Sieben von ihnen starben bis Ende des Jahres.

Für mehr als 600 Äthiopische Grünmeerkatzen, die in Laboren in Frankfurt, Marburg und Belgrad eingesperrt und versklavt wurden, nahm das Ganze übrigens ebenfalls ein tödliches Ende. Sie wurden durch Blausäure ermordet.

Bewusste HIV-Infektionen durch Pharmakonzerne

In dieser Geschichte geht es nicht im engeren Sinne um Impfstoffe oder Impfungen, sondern um pharmazeutische Blutprodukte im Allgemeinen, von denen in den 80er-Jahren, nachdem das HI-Virus entdeckt wurde, zahlreiche damit kontaminierte Produkte wissentlich in Länder verkauft wurden, in denen entsprechende Regulierungen noch nicht galten. Da aus Blutprodukten häufig auch Impfstoffe gewonnen werden und das Ganze Ausmaße angenommen hat, die eine genaue Nachverfolgung aller verkauften Blutprodukte unmöglich macht, scheint mir diese Geschichte in diesem Kontext durchaus passend. Immerhin lässt sich kaum ausschließen, dass dabei letztlich auch Impfstoffe aus HIV-kontaminierten Blutprodukten in Umlauf geraten sind.

Natürlich gab es schon vor Entdeckung von HIV zahlreiche Blutprodukte, die damit kontaminiert waren. Und ebenso besteht natürlich auch heute bei jedem Produkt, das aus Blutseren gewonnen wird und jedem Produkt, das andere Blutprodukte umfasst, die Möglichkeit, dass es bislang unbekannte Krankheitserreger enthält. Denn was man nicht kennt, darauf kann man freilich auch nicht testen. Die folgenden Geschichten jedoch zeigen, dass auch wenn ein Erreger bekannt ist, es immer noch skrupellose Pharmaunternehmen gibt, die damit kontaminierte Produkte weiterverkaufen.

Cutter zum Beispiel, ein Tochterunternehmen von Bayer, ersetzte 1984 HIV-kontaminierte Produkte auf dem US-Markt durch weniger infektiöse Alternativen. Aber eben nur auf dem US-Markt und in Europa. In andere Länder, darunter Hongkong und Taiwan, exportierte man noch mindestens ein Jahr lang wissentlich das kontaminierte Produkt. Und man wollte nicht nur noch schnell die Reste loswerden. Nein, mehrere Monate lang produzierte man das kontaminierte Produkt noch weiter. In Hongkong und Taiwan alleine wurden dabei mehr als 100 Bluterpatienten mit HIV infiziert. Viele starben daran. Verkauft wurde das „Medikament“ auch nach Malaysia, Singapur, Indonesien, Japan und Argentinien. [6]

Noch eine Spur dreister ging man bei der österreichischen Firma Albovina GmbH vor. Zwischen 1993 und 1996 kaufte man dort – vermutlich weil es billig war – Blutkonserven, die mit HIV und Hepatitis kontaminiert waren, aus Afrika an. Zu Forschungszwecken, wie man betonte – ja wozu auch sonst kontaminiertes Blut kaufen?! Die „Forschung“ bestand dann aber darin, das Blut umzuetikettieren und weiterzuverkaufen. Und zwar unter anderem zur Herstellung von Medikamenten, die vor allem in Indien und China als „Albupan“ verkauft wurden.

Berühmt wurde auch der Verkauf von kontaminiertem Blut durch das Unternehmen Health Management Associates, das Blutspenden aus Gefängnissen nach einem Verkaufsverbot in den USA in andere Länder verkaufte. An diesem Beispiel zeigt sich auch, woher die Medizin so ihre „Rohstoffe“ nimmt. Gefangene und arme Menschen sind häufig diejenigen, deren Blut die Profite der Pharmakonzerne ermöglicht.

Wiederholte Impfstoff-Feldversuche auf dem afrikanischen Kontinent und in Indien

Was Robert Koch einst vorgemacht hat, das hat sich bis heute nur wenig geändert: Die Auswirkungen von Medikamenten, also auch Impfstoffen, auf den menschlichen Organismus müssen schließlich erforscht werden, bevor diese Medikamente zugelassen werden. Und nicht immer gelingt es da, an die Opferwilligkeit der*s eigenen Partner*in oder anderer Patient*innen zu appellieren. Also warum da nicht ausziehen zu einer Forschungs-Expedition in diese oder jene Kolonie, um das fragliche Mittelchen an den Körpern der Menschen dort zu testen. Ach so, die Kolonien gibt es nicht mehr? Macht nichts, der Kolonialismus ist uns schließlich in der einen oder anderen Form dann doch erhalten geblieben …

Und was wäre die Bill und Melinda Gates Foundation für eine Stiftung, wenn nicht auch sie hier immer wieder ihre Finger mit im Spiel hätte?

Und während ich diese Geschichte aufschreibe, da stellt eine mediale Debatte ihre Brisanz unter Beweis: Sollte man einen eventuellen Corona-Impfstoff nicht vielleicht zuerst in „Afrika“ testen? Und während sich die einen oder anderen Befürworter*innen von Corona-Impfstofftests in „Afrika“ nach Kritik nun mit Statements wie „Afrika sollte nicht vergessen oder von der Forschung ausgeschlossen werden, denn es ist eine globale Pandemie“ aus der Schlinge ziehen wollen, denke ich, dass die folgende(n) Geschichte(n) eigentlich alles sagen, was zu diesem Thema gesagt werden muss.

Es gibt so viele Geschichten, die davon erzählen, wie die afrikanische Bevölkerung wie Laborratten behandelt wurde, um Medikamente und speziell Impfungen zu testen und doch sind die wenigsten von ihnen außerhalb des afrikanischen Kontinents bekannt oder besonders gewissenhaft dokumentiert. Und es hört einfach nicht auf. WHO, die Gates Foundation, die Rockerfeller Foundation, GAVI und viele andere Akteure leiern immer wieder Projekte an, bei denen die Bevölkerung verschiedener afrikanischer Länder gegen alle möglichen Krankheiten geimpft werden soll. So gut wie nie werden die Geimpften dabei über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt – oft ja nicht einmal darüber, was und warum ihnen da verabreicht wird –, wiederholt werden Impfstoffe erstmals an Menschen getestet (teilweise auch trotz ausreichd getesteter und günstigerer Alternativen) und durch „Fehler“, die hier sicher keinem*r Ärzt*in unterlaufen würden, wie das mehrmalige Verwenden von Kanülen, werden mit vielen Impfungen andere Krankheiten übertragen, ganz besonders HIV (die WHO behauptet, dass 2,5 Prozent der HIV-Infektionen in Afrika daher stammen, andere Studien schätzen diese Zahl eher auf 40 Prozent!). Hinzu kommt, dass immer wieder ans Licht kommt, dass – auch mit Impfstoffen – daran geforscht wird, die Bevölkerung zwangszusterilisieren. Jaja, was hierzulande grundsätzlich als Verschwörungstheorie abgetan wird (und ja, ich nenne hier absichtlich keine Quellen, weil ich es so witziger finde), führt immerhin dazu, dass Impfungen wegen des großen Misstrauens in der Bevölkerung immer wieder vom Militär bewacht werden müssen – naja, scheinbar soll das ja in Kürze auch in Deutschland so sein.

Auch in Indien nehmen medizinische Tests auf Kosten der Bevölkerung dramatisch zu, seit die Regierung die Bestimmungen für Arzneimitteltests gelockert hat, um Pharmakonzerne anzulocken. Die freuen sich nicht nur darüber, dass sie in Indien die Zulassungsstudien für viele Medikamente zu einem Bruchteil der Kosten durchführen können, sondern vor allem auch darüber, dass viele Inder*innen, die sich – wenn überhaupt – freiwillig zur Teilnahme an den Studien melden, zuvor noch nie medikamentös behandelt wurden. Optimale Bedingungen für eine Studie – zumindest aus Sicht der Medizin.

Und auch in Indien wüten die vielen Stiftungen mit Fetisch für Impfungen. Die Bill Gates Foundation – ja, wieder einmal, diesmal mit der Tarnorganisation Path – beispielsweise hat erst 2009 24.000 Mädchen an Schulen gegen Gebärmutterhalskrebs impfen lassen. Ohne Einverständnis ihrer Eltern. Sieben der geimpften Mädchen starben. Ob an der Impfung, wie wenigstens ein Fall, in dem die Todesursache Malaria diagnostiziert wurde, nahelegt, das ließ sich als Monate nach ihrem Tod überhaupt bekannt wurde, dass sie geimpft wurden, nicht mehr wirklich seriös nachvollziehen. Aber daran ist der indischen Regierung ja auch ebensowenig gelegen, wie Path und der Gates Stiftung. Wer das heute behauptet, du hast es erraten, Verschwörungstheoretiker. Aber auch wenn vielleicht durchaus interessant wäre, wie viele tausende Menschen durch medizinische Experimente in Indien und Afrika bereits gestorben sind, ist das doch gar nicht so sehr die relevante Frage, sondern vielmehr: Wie kommt es, dass sich irgendwelche superreichen Arschlöcher immer wieder anmaßen, irgendwelche Leute (zwangs)impfen zu lassen und dabei nicht nur widerliche (sozial-) Experimente betreiben, sondern vor allem den Pharmafirmen, an denen sie – sicher zufällig – auch selbst gewisse Anteile haben, millionen- und milliardenschwere Aufträge zuschachern?!

***

Und? Schon Impfgegner*in?

Warum erzähle ich all diese Geschichten? Ich denke sie alle zeugen von einer gewissen Kontinuität. Einer Kontinuität, in der die Epidemeologie, Impfungen und Medikamente als ihre Werkzeuge ihren autoritären Charakter preisgeben. Wie so oft in der Medizin geht es in diesen Geschichten nicht um die Heilung von Menschen, sondern wenn schon um die Ausbeutung ihrer Körper zu Zwecken der Entwicklung von Heilmitteln für die Körper einiger Privilegierter, um den Erhalt ihrer Arbeitskraft, um Profitinteressen oder um die Verfolgung ganz anderer sozialer Effekte. Diese Kontinuitäten einfach auszublenden und die Medizin oder gar einzelne Zweige wie die Epidemeologie als Autoritäten zu begreifen, die irgendwelche Lösungen für medizinisch-soziale Probleme zu bieten hätten, empfinde ich bestenfalls als zynisch. Ob ein Impfstoff gegen Covid-19 am Ende Leben retten wird, ob er Leben kosten wird, oder ob er nur zu einer neuen Verteilung der Todesfälle innerhalb der sozialen Schichten beitragen wird, das steht für mich ebenso in den Sternen, wie die Frage danach, ob ein Impfstoff in irgendeiner Form zur Aufhebung unserer neuen Gefangenschaft beitragen wird.

In diesem Sinne:
Für die Zerstörung der Medizin und der Zivilisation, die sie nötig gemacht hat.

Referenzen

[1] Manuela Bauche. Robert Koch, die Schlafkrankheit und Menschenexperimente im kolonialen Ostafrika.

[2] Josef M. Schmitdt. Geschichte der Tuberkulin-Therapie. in Pneumologie 10.

[3] Matthias Braun. Schwarzer Tod, Rote Hygiene.

[4] Malte Thiessen. Vorsorge als Ordnung des Sozialen.

[5] Nur eine Spritze.

[6] https://www.nytimes.com/2003/05/22/business/2-paths-of-bayer-drug-in-80-s-riskier-one-steered-overseas.html

[Belgien] Urteil des Prozesses und Solidaritätsspaziergang

Gefunden auf Indymedia Brüssel, die Übersetzung ist von panopticon. Panopticon hatten in den letzten Jahren mehrere Artikel zu diesem Fall veröffentlicht der jetzt zum Abschluss gekommen ist, um den ganzen Kontext zu verstehen hier die Texte chronologisch wie sie sie veröffentlicht haben: I;II;III;IV;V;VI

Urteil des Prozesses und Solidaritätsspaziergang

Von 2008 bis 2014 führte der belgische Staat eine umfassende Untersuchung über die Kämpfe durch, die geschlossene Zentren (A.d.Ü., Knäste aller Art, von Jugendlichen, für Abschiebungs, usw.) , Grenzen, Gefängnisse und diese auf Autorität und Ausbeutung basierende Welt angriffen. Im Visier der Justiz: die anarchistische Bibliothek Acrata, anarchistische und antiautoritäre Publikationen (Hors Service, La Cavale und Tout doit partir), Dutzende von Flugblättern und Plakaten, mehr als hundert Aktionen, Angriffe und Sabotage… kurz gesagt, der Kampf gegen die Macht in seinen verschiedenen Ausdrucksformen.Zunächst wegen „Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung“ strafrechtlich verfolgt, kam es schließlich unter dem Vorwurf der „kriminellen Verschwörung“ dazu, dass im April 2019 12 Gefährt*innen vor Gericht kamen. In der ersten Instanz hatte der Richter die Überwachung als „unzulässig“ erklärt und damit die Anklage lächerlich gemacht. Die Staatsanwaltschaft legte Berufung ein.

Anfang Oktober 2020 fand der zweite Prozess in einer Kammer statt, die für ihre Grausamkeit bekannt ist. Der Staatsanwalt fühlte sich auch wohl dabei, doppelt so lange Strafen zu fordern wie in der ersten Instanz. Schließlich sprach der Richter am Donnerstag, 12. November, einen der Gefährten vollständig frei, verhängte vier mehrmonatige Bewährungsstrafen und fünf Strafaussetzungen. Also wurde niemand festgenommen. Die Verurteilung bezieht sich auf kriminelle Vereinigung, Sprühereien, Verkehrsbehinderung, Rebellion usw. Auf der anderen Seite scheiterte der lächerliche Versuch, eine Demonstration mit Feuerwerkskörpern vor einem geschlossenen Zentrum in einen Versuch zu verwandeln, es in Brand zu setzen.

Am Abend nach dem Prozess versammelten wir uns zu einer kleinen Solidaritätsaktion. Wir bildeten kleine Gruppen, die Plakate aufhängten und Flugblätter an die Passanten verteilten.
Solidaritätsbotschaften mit den Angeklagten, Plakate gegen die Polizei und das Gefängnis, Aufrufe, der Ausgangssperre zu trotzen, schmückten die Brüsseler Stadtviertel.
Diese Verurteilungen schüren nur unsere Revolten, sie werden uns nicht dazu bringen, unsere Ideen oder unsere Kämpfe aufzugeben!

Nieder mit dem Staat!
Lang lebe die Anarchie!

[Hamburg] Zurück auf der Parkbank – Erklärung der drei verurteilten Anarchist*innen

Nun ist es soweit – die Hauptverhandlung im sogenannten „Parkbank-Verfahren“ ist überstanden, das Urteil der Großen Strafkammer 15 am Hamburger Landgericht ist nach über 50 Verhandlungstagen gesprochen. Vermutlich ist dies nicht das letzte Wort; bis das Urteil rechtskräftig wird, kann es noch einige Zeit dauern.

Aber wir – die nun verurteilten Anarchist*innen – wollen uns zu Wort melden, was wir ja gemeinsam bislang nicht (öffentlich) getan haben.

Zum Verlauf des Verfahrens und den Ermittlungen wird es sicher an anderer Stelle und zu späterem Zeitpunkt mehr geben. Zunächst wollen wir hier Dankbarkeit und Verbundenheit ausdrücken und einige Worte zum Urteil und dem vorläufigen Ende dieser Odyssee verlieren. Aus der Haft wurde sich zwar schon zu verschiedenen Anlässen und Gelegenheiten öffentlich geäußert, aber zur Anklage und zum Spektakel der Verhandlung eben bis zuletzt nicht.

Dies hat auch mit der weitgehenden Verweigerung der Partizipation der uns aufgezwungenen Rolle als Angeklagte zu tun. Aber eben jene Haltung schien und scheint uns der beste Weg, in so einer Situation Würde und Integrität zu wahren. Als Anarchist*innen lehnen wir Gerichte grundsätzlich ab. Sie sind Institutionen der Durchsetzung von Herrschaft.

Das Schweigen in diesem Prozess ist uns nicht immer leicht gefallen angesichts der arroganten, zynischen Frechheiten, mit denen wir das ganze Verfahren über konfrontiert waren. Uns ist allerdings wichtig darauf hinzuweisen, dass wir es hier keineswegs mit aus dem Rahmen fallenden Tabubrüchen zu tun haben. U-Haft als Maßnahme zur Kooperationserpressung, Durchwinken illegaler Ermittlungsmaß­- nahmen … ganz normaler Alltag im Justizsystem. Wir sehen keine Perspektive darin, solche Zustände zu Skandalisieren – wir glauben nicht an die Möglichkeit einer „fairen“ Justiz. Womit wir nicht meinen, dass es unsinnig ist, diese Symptome einer, immer im Interesse der herrschenden Ordnung wirkenden, Institution zu benennen. Wir schlagen auch nicht vor, sich im Zynismus dieser Institution gegenüber einzurichten. Viel wichtiger finden wir aber, der Repression gegenüber einen aktiven, selbstbewussten und selbstbestimmten Umgang zu finden. Von ihnen haben wir nix zu erwarten, von uns selbst und den Menschen, mit denen wir kämpfen dafür umso mehr!

Wir sind glücklich und stolz zu sagen, dass uns das gut gelungen ist. Sicher, wir werden in der Nachbereitung, in den bisher durch den Knast arg begrenzten Diskussionen, feststellen, dass wir nicht alles wieder genauso machen würden – schlussendlich haben wir den Saal aber erhobenen Hauptes und reinen Herzens verlassen, mit dem Gefühl, unsere Integrität als Anarchist*innen bewahrt zu haben.

Abgesehen von dem durchaus komplexen juristischen Reglement und den Ritualen, die so einen Strafprozess formen, funktioniert das alles nach relativ simplen Gesetzmäßigkeiten – Zugeständnisse oder gar Milde gibt es nur im Tausch gegen Anerkennung und Würdigung der Autorität, Mithilfe bei der eigenen Bestrafung und Reue.

Was wir in der Hauptverhandlung erlebt haben, hat gezeigt, wie sehr diese ganze Herrschaftsinszenierung mit all dem dunklen Holz, den erhöhten Sitzpositionen, den absurden Ritualen und Choreografien und albernen Kostümen auf Angst und Ehrfurcht der Angeklagten angewiesen ist. Mit unserer weitgehenden Verweigerung des Respekts und der Angst hat das Gericht bis zuletzt keinen souveränen, gesichtswahrenden Umgang gefunden. Natürlich haben wir auch Angst vor der Willkür und der Gewalt der Herrschenden, aber wir sind nicht naiv und wissen, dass es sich langfristig nicht auszahlt, ihren Erpressungen nachzugeben. Wenn wir von dem Standpunkt ausgehen, dass die Höhe des Urteils nicht der wichtigste Maßstab für uns ist, sondern andere Dinge wie uns selbst treu zu bleiben, uns nicht brechen zu lassen, und sich davon ausgehend ihren Kategorien zu verweigern, bedeutet das auch mit den daraus resultierenden Konsequenzen einen Umgang zu finden. Und diesen müssen wir individuell als auch kollektiv finden, unter uns und gemeinsam mit unserem Umfeld und mit allen Mitstreiter*innen. Welche Risiken wir dabei einzugehen bereit sind, ist immer ein Aushandlungsprozess, und wir wollen betonen, dass es da kein Ideal, kein Patentrezept gibt. Die Sphäre des Juristischen erlaubt schlicht keinen widerspruchsfreien, kompromisslosen Umgang. Es ist auch eine Frage der kollektiven Bewältigung, wie den Schikanen und der Rache beleidigter Autorität entgegengetreten werden kann.

Wie eingangs schon erwähnt, war also auch unser Umgang nicht frei von taktischen Erwägungen. Wir haben das große Glück, Verteidiger*innen an unserer Seite zu haben, zu deren Selbstverständnis es gehört, Kritik, Sorgen, Risiken klar zu benennen und klare Haltungen solidarisch zu respektieren und mitzutragen. Wir haben uns gemeinsam für einen eher juristisch-technischen Weg der Verteidigung im Prozess entschieden, zumal wir uns mit Vorwürfen menschenverachtender Praxen und so dem Risiko sehr langer Haftstrafen konfrontiert sahen. Die Verteidigung hat dem Gericht mit ihrer Beharrlichkeit und Akribie nicht bloß Nerven gekostet, sondern wesentliche Zugeständnisse abgetrotzt. Einige ihrer Lügen waren nicht mehr zu halten und ihr Konstrukt wurde effektiv abgeschwächt.

Wir wollten nicht, dass das von uns durch die Behörden gezeichnete Bild jenseits der technischen Ebene in der Verhandlung diskutiert wird. Unsere Ideen und wir selbst sind viel zu schön, um an so einem hässlichen Ort erörtert zu werden! Außerdem sind uns Relativierungen und Verharmlosungen zuwider, der Grad hin zur Verleugnung ist mehr als bloß schmal und überhaupt schulden wir diesen Leuten keinerlei Erklärung; sie stehen für alles, was wir ablehnen. Zumal der tendenziöse Schrott, den die Bullen da über uns zusammengeschrieben haben, so flach und durchsichtig war, dass sich inhaltliche Erklärungen ohnehin erübrigten. Und dafür, dass wir Anarchist*innen sind, mit all dem, das den Autoritäten Angst macht, schämen wir uns nicht – im Gegenteil!

Es war zwischenzeitlich auch schräg für uns, den Verhandlungstagen weitgehend passiv beizuwohnen und die Anwält*innen alle Arbeit machen zu lassen. Aber das hatte auch den angenehmen psychologischen Effekt, dass stets eine gewisse Distanz zwischen uns und dem Prozessgeschehen gewahrt blieb und zudem häufig der Eindruck entstand, dass hier nicht wir, sondern die Behörden auf der Anklagebank saßen. Dass dem Gericht die Überforderung mit dieser Situation so sehr anzumerken war, sorgte auch für Momente der Komik und der Genugtuung, ebenso wie die unprofessionelle Reizbarkeit des Oberstaatsanwalts Schakau. Nicht zuletzt hatten wir immer und im wahrsten Sinne des Wortes unsere Leute im Rücken – insbesondere für uns in der Haft waren die Verhandlungstage trotz des absurden Schauspiels von Verbundenheit, Wärme und Abwechslung geprägte Momente, auf die wir uns stets gefreut haben, so kräftezehrend sie auch waren.

Wir haben in diesen knapp 11/2 Jahren viel gelernt. Vieles, was uns und andere Mitstreiter*innen in unseren sozialen revolutionären Kämpfen helfen wird. Was uns stärker und ein Stück bewusster im Konflikt mit der organisierten Unterdrückung und Ausbeutung, mit dem Staat macht. Wir freuen uns darauf unsere Erfahrungen und die all der Mitstreiter*innen, die draußen Kämpfe weitergeführt und entwickelt haben, auszutauschen, gemeinsam an ihnen zu wachsen. Wir haben gesehen, wie viel Stärke in all den über Jahre entwickelten und gepflegten solidarischen, liebevollen Beziehungen steckt. Wir sind auch stolz auf unsere Familien, die auf ihre Herzen hören, die immer hinter uns stehen und an uns und nicht an die Lügen der Bullen glauben. Wir haben mit großer Genugtuung gesehen und gespürt, wie die revolutionäre Solidarität in Form von vielen direkten Aktionen gegen die Polizei, Knastprofiteur*innen, Immobilienhaie und anderen Ausdrücken von Ausbeutung, von Staat und Kapitalismus, ihren Repressionsschlag, unsere Festnahme ins Leere laufen lassen haben, sie zu einer Farce gemacht hat. Dieser Aspekt ist wichtig, denn er trifft verschiedene zentrale Punkte dieser ganzen Geschichte. Wir standen stellvertretend vor Gericht für soziale Kämpfe, deren Ausdruck unter anderem direkte Aktionen, Angriffe und Sabotage gegen Verantwortliche und Mechanismen der sozialen Misere sind. Diese Anklage muss eben dort, wo diese Konflikte bestehen, wo wir leben, zurückgeschlagen werden. Ihre Repression wird diese Konflikte weder befrieden noch ersticken können, sie werden die soziale Spannung nur verstärken.

In diesen knapp 11/2 Jahren ist global, aber auch hier so viel geschehen, dass es den Rahmen sprengen würde, alles zu beleuchten. Viele soziale Revolten und Aufstände haben weltweit die herrschenden Verhältnisse in Frage gestellt. Seien hier beispielhaft nur der monatelange Aufstand in Chile genannt, in Hongkong, die Knastausbrüche während des Anfangs der Corona-Pandemie in zahlreichen Länder der Welt und im speziellen der Knast-Revolten in Italien. Aber auch die Reaktionen, die Feind*innen der Freiheit, haben leider Raum genommen. Rechte, rassistische, antisemitische und patriarchale Morde und Anschläge in Halle und Hanau und weiteren Orten. Fast monatlich wurden Munitions- und Waffendepots bei Militär- und Polizei-Angehörigen entdeckt. Rechte Netzwerke und faschistoides Gedankengut in den Sicherheitsbehörden sowie die Bedrohung durch diese sind allseits bekannt. Die rassistischen Institutionen haben ihre Fratzen offen gezeigt. Natürlich ist dieser Zustand bedrohlich und beunruhigend, wenn auch nicht überraschend. Mut haben uns die Selbstorganisierungen von Opfern und Angehörigen des rechten Terrors gemacht, die sich würdevoll den unerträglichen Zuständen, den Faschos und dem braunen Sumpf der Behörden entgegenstellen. Stellen wir uns an ihre Seite! Auch die anti-rassistischen und anti-kolonialen Kämpfe weltweit haben trotz der allgegenwärtigen Corona-Pandemie wichtige Signale gesendet und Fortschritte gemacht, den Verhältnissen ein Ende zu setzen.

Wir sind voller Vorfreude auf die Straßen zurückzukehren und wieder ohne Mauern, Gitter und Scheiben zwischen uns, Seite an Seite zu kämpfen.

Für die soziale Revolution!
Für die Anarchie!
Freiheit für alle!

Die drei Anarchist*innen,
die im Parkbank-Verfahren verurteilt wurden

Hamburg, November 2020

Veranstaltung zu Kämpfen in Hamburg und ein Brief aus dem Knast

Diesen September haben wir in Marseille eine Diskussion über den Repressionsfall in Hamburg organisiert. Drei Anarchist*innen sind dort angeklagt, brennbare Materialien transportiert und verschiedene Angriffe vorbereitet zu haben. Die Verhaftungen fanden im Juli 2019 statt, seit dem sind zwei von den Angeklagten in Haft, eine dritte Person ist unter Bedingungen freigelassen. Der Prozess begann im Januar 2020 und soll im November 2020 zu Ende gehen (Für weitere Informationen siehe: parkbanksolidarity.blackblogs.org bzw. parkbanksolidarity.noblogs.org).

Die Veranstaltung, die wir organisiert haben, hatte nicht nur zum Ziel Informationen über den Repressionsfall auszutauschen, sondern vielmehr auch den Pfad des Kampfes nachzuzeichnen – die Interventionen, Perspektiven, Projekte und Publikationen mit denen die Gefährt*innen in Hamburg die soziale Konfliktualität im Verlauf der letzten zehn Jahre verschärft haben. Wir haben die drei Gefährt*innen gefragt, ob sie für diese Veranstaltung einen Beitrag schreiben würden, diesen könnt ihr nachstehend lesen.

Einige ungeduldige Anarchist*innen

***

Liebe Gefährt*innen,

wir freuen uns einige Grüße und Gedanken mit euch zu teilen. Wir begrüßen die Initiative, über die Kämpfe und die anarchistischen Interventionen der letzten Jahre in Hamburg zu sprechen. Diese sind uns wichtig und es ist auch der Kontext in welchem wir von Repression getroffen wurden: Wir werden als Anarchist*innen eingesperrt und in einem laufenden Verfahren vor Gericht gebracht.

Hamburg in eine der reichsten Metropolen in Deutschland (mit einer absurden Anzahl an Millionär*innen) und hat eine lange Geschichte sichtbarer sozialer Konflikte und Kämpfe. Mit dem ehemals größten und einem wirtschaftlich wichtigeren industriellen Häfen, ist Hamburgs Reichtum und ökonomische Bedeutung historisch. Wie viele westliche Metropolen, ist sie heute ein touristischer Hotspot und wichtiger Immobilienmarkt. Die Stadtregierung nennt ihr
lukratives Geschäft selbst: “Die Marke Hamburg”.

Mit soviel Ehrlichkeit und einer Tradition stetiger aggressiver kapitalistischer Stadtentwicklung, ist der soziale Krieg hier auf vielfältige Weise sichtbar geworden. Sei es durch Abriss ganzer Wohnblocks und die Zerstörung von Nachbarschaften, die Vertreibung von Drogenkonsument*innen, Sexarbeiter*innen und Obdachlosen von den Straßen, rassistischen Polizeikontrollen gegen People of Colour, explodierenden Mieten … Die Herrschenden haben niemals ein Geheimnis daraus gemacht, für wen die Stadt da ist und wer hier willkommen ist.

Den sozialen Konflikt, auf die sogenannte Gentrifizierung zu reduzieren, heißt zu ignorieren, dass die Autoritäten die Stadt als Labor für (soziale) Kontrolle und s.g. “Sicherheitspolitik” benutzen. Mit einer kreativen Gesetzgebung und einer sich immer weiterentwickelnden Polizeiarmee, sogenannten “Gefahrengebieten”, Öffentlichkeitsfahndung, Polizei-Spitzeln und Sonderkommissionen haben der Staat und seine autoritären Lakaien immer versucht die Stadt in ihrem Interessen zu gestalten. Und dies mit dem Image einer liberalen Sozial-Demokratie.

Als revolutionäre Anarchist*innen, begreifen wir die Stadt nicht als einen neutralen Ort der “zurückgewonnen” werden muss. Die Stadt ist eine Instrument und einer Struktur der Macht, ein Käfig in dem wir leben müssen, in dem jeder Ort ihrer Logik und Ordnung folgend funktionieren soll. Die Projekte und Beziehungen der Subversion, Rebellion und Anarchie die wir erschaffen, funktionieren nicht entlang dieser Logik der Autotrität und Herrschaft. Für sie, sind diese Projekte und Beziehungen blinde Flecken, über die sie keine permanente Kontrolle haben und die zerstört werden müssen.

Wenn wir soziale Konflike getrennt voneinander betrachten, von ihrem Kontext und der Logik der Herrschaft in der sie aufkommen, treten wir in die Falle des Reformismus und der Pazifizierung. Wir reinigen ihre Städte für sie. Die interessantesten Dynamiken und Bewegungen der letzten Jahre, Kontrollverluste für die Autoritäten, waren genau die Momente, in denen
verschiedene laufende Konflikte und Kämpfe sich trafen und zu einem sozialen Konflikt wurden. Bewegungen in denen jene, die sich nicht treffen sollen, getroffen und auf der Straße und in rebellischen Handlungen wiedererkannt haben. Etwa während der lange Nächte voller wilder Demos und direkter Aktionen 2013/2014, während der Kämpfe gegen verschieden Projekte kapitalistischer Stadtentwicklung, rassistischer Polizeikontrollen und selbstorganisierter Kämpfe von Refugees und Immigrant*innen, die in sogenannten “Gefahrengebieten” resultierten (welche am Ende für die Gefahr stehen, die dynamische Momente auf den Straßen für ihre Ordnung bedeuten können). Oder der faktische Kontrollverlust währende der Polizeibelagerung der Stadt, die den OSZE und G20-Gipfel sichern sollte (was nebenbei als Bestrafung für den verletzten Stolz der Autoritäten gelten kann, die daran scheiterten Hamburg an die olympischen Spiele zu verkaufen, und die Stadt zum Gewinner des Kapitalismus zu machen).

Diese Kontrollverluste zeigen die Stärke und die Möglichkeiten die selbstorganisierte soziale Kämpfe haben können. Diese Erfahrungen, sowie viele weitere kleiner Konflikte und eine Kontinuität revolutionärer direkter Aktionen geben denjenigen, die sich nach einem freien Leben ohne jede Herrschaft sehnen, Mut und Vertrauen in Selbstorganisation, Solidarität und direkte Aktion, anstelle dem Schwindel Politik zu verfallen. Seit mehr als 10 Jahren haben informelle Kreise von Anarchist*innen und Antiautoritären in diesem Kontext interveniert, Projekte, Dynamiken und Beziehungen geschaffen. Die Repression, die uns getroffen hat, muss in diesem Kontext als ein kontinuierliches Scheitern der repressiven Kräfte bei dem Versuch gesehen werden, antagonistische Dynamiken zu kontrollieren. Die Repression gegen uns geschieht aus Rache für die Niederlagen der letzten Jahre, die (ihre) Autorität und Macht in Frage gestellt haben.

Wir wissen, dass die Erfahrungen die in Hamburg gemacht wurden, denen von Gefährt*innen an anderen Orten ähneln und wir hoffen, dass es einen interessanten Austausch und Diskussion geben kann. Nach mehr als einem Jahr im Knast, umgeben von Beton, Stahl und Stacheldraht, sozialer Misere und Tod, der von dieser Welt hervorgebracht wird, fühlen wir noch immer die Stärke und die Wärme der Solidarität unserer rebellischen Beziehungen. In diesem Geiste schicken wir eine Umarmung an die Gefährt*innen auf den Straßen, in den Zellen ihrer Gefängnisse und auf der Flucht.

Passt auf euch auf!
Freiheit und Glück!
Anarchist*innen, Hamburg (Deutschland), Juli 2020

Anarchistische Zeitung aus München