Ring: die smarten Polizeitürklingeln von Amazon

Wie Amazon der amerikanischen Polizei dabei hilft ein immenses Videoüberwachungsnetz aufzubauen
BFM, 3. März 2021 (Auszüge)

Die smarten Türklingeln der zu Amazon gehörenden Marke Ring sind äußerst erfolgreich. Aber sie helfen auch, ein Videoüberwachungssystem im ganzen Land zu errichten, finanziert von den Bürgern selbst.

Werden die Vereinigten Staaten im Hinblick auf die Videoüberwachung bald mit China konkurrieren? Während die Regierung aus Peking 600 Millionen Kameras im ganzen Land installiert hat, können sich die amerikanischen Behörden stattdessen auf die Bürger selbst stützen. In drei Jahren hat das Unternehmen Ring, Filiale von Amazon, die sich auf den Verkauf von mit Kameras ausgestatteten, smarten Türklingeln spezialisiert hat, die Menge an Videodaten, die der Polizei zur Verfügung stehen, bedeutend anwachsen lassen, informiert die Washington Post.

Laut dieser amerikanischen Tageszeitung (die Jeff Bezos, dem Gründer von Amazon gehört) haben mehr als 2000 lokale Polizei- und Feuerwehrbehörden in den USA eine Partnerschaft mit Ring abgeschlossen. Eine Zahl, die von einer anderen, letztens in der Financial Times erschienenen Analyse bestätigt wird. Die Zahl der Partnerschaften belief sich 2019 noch auf 703 und 2018 lediglich auf 60. Die Washington Post schätzt, dass Amazon inzwischen zwei neue Partnerschaften am Tag knüpft.

Screenshot der von Ring geschaffenen Plattform für die Ordnungskräfte

Anfang 2019 veröffentlichte die Webseite The Intercept Bilder des Programms, das den Behörden von Ring zur Verfügung gestellt wird. Ohne richterlichen Beschluss können die Ermittler von jedem Benutzer, der sich im Radius von 400 Metern um ein vermutetes Delikt befindet,  – manchmal mit finanziellen Anreizen – fordern, dass dieser ihnen Zugang zu den Bildern der Videoüberwachung seiner verbundenen Klingel gewährt. Bis zu 12 Stunden Aufnahmen können von der Polizei gesammelt und ohne Zeitlimit aufbewahrt werden, wie Le Monde Ende 2019 informierte. Im Fall einer offiziellen Hausdurchsuchung kann Amazon dazu gezwungen werden, den Ordnungskräften die verlangten Bilder oder Identifikationsdaten ohne das Einverständnis der Besitzer der Amazon Ring-Kameras zu liefern.

Während zu dieser Stunde das Kameranetz, das der amerikanischen Polizei zur Verfügung gestellt wird, deutlich eingeschränkter ist als das chinesische Überwachungssystem, integriert dieses bereits zahlreiche Geräte, die faktisch von den Amerikanern selbst finanziert werden – die smarten Ring-Türklingeln werden in Frankreich ab 99 Euro verkauft. Das amerikanische Medium zitiert besonders eine Studie des MIT, die die Ziffer von drei Millionen aktiven Ring-Kameras in den Vereinigten Staaten nennt.

Laut der La Gazette des communes, haben die 47 französischen Städte mit mehr als 90.000 Einwohnern Anfang 2020 eine Summe von 11.400 Überwachungskameras angesammelt. In den Vereinigten Staaten unterscheidet sich Amazon von Google, das Konkurrenzprodukte – via seiner Produktreihe Nest – anbietet, ohne aber mit der Polizei zusammenzuarbeiten [sollte man ihrem Wort glauben?, Anm. v. Sans Nom]. In Frankreich wurde keine Partnerschaft dieser Art zwischen Ring und den Behörden angekündigt. Eine Kollaboration, die komplex in der Umsetzung sein könnte, da das europäische Gesetz das Privatleben mehr schützt.

Quelle: Sans Nom

Gegen seine Geschichte, Gegen Leviathan – Kapitel 4

Das Buch am Ursprung der heutigen zivilisierenden Religionen beginnt nicht mit Zivilisations-Erbauer*innen, etwa mit den Sumerern, die den ersten Leviathan zum Leben erweckten. Sein erstes Kapitel erzählt von einem irdischen Garten, Eden, einem Ort, der an den Naturzustand erinnert. Sein zweites Kapitel erzählt von dem Auszug von Menschen aus den Eingeweiden eines großen Leviathans. Das Buch beschreibt dann unkritisch den Versuch dieser Menschen, selbst einen Leviathan zum Leben zu erwecken, aber das Buch fährt fort, von schmerzhaften und oft unerträglichen Gefangenschaften in den Eingeweiden anderer Würmer zu erzählen. Der allgemeine Eindruck, den es vermittelt, ist, dass die Wunder der Zivilisation keine positiven, das Leben steigernden Wunder sind.

Auszüge aus Zivilisationen sind so zahlreich und häufig, dass die lebensverzehrenden Würmer in einem ständigen Zustand des Zerfalls zu sein scheinen.

Der Exodus Israels aus Ägypten ist kein großer Auszug, aber er ist ein gut dokumentierter, so dass wir Einblicke in einige der Handlungen und sogar einige der Gedanken der Teilnehmer*innen gewinnen können.

Die Subjekte des Exodus sind Zeks in Ägypten, aber sie scheinen relativ privilegierte Zeks zu sein. Sie sind vorschriftlich. Sie sind keine Menschen mit einer einheitlichen Denkweise, wie sie später in der Geschichte enthüllen werden und wenn sie nicht sogar aus einem einzigen Stamm stammen, werden sie durch ihre späteren gemeinsamen Erfahrungen zu einem zusammengeschweißt werden.

Sie sind nicht sehr lange in Ägypten gewesen, bloß ein paar Generationen, sodass sie sich daran erinnern, dass es eine Welt außerhalb Ägyptens gibt. Ihr Bezug zum irdischen Garten mag sogar eine Erinnerung an eine Welt außerhalb von Leviathan sein. Turner wird vorschlagen, dass der einzige Garten, an den sie sich erinnern, der mesopotamische Garten des Lugals und seiner akkadischen Nachfolger sei.

Das mag auf einige von ihnen tatsächlich zutreffen, aber ich haben den Verdacht, dass einige von ihnen etwas anderes im Kopf haben.

Vierzig Generationen nach ihrem Exodus aus Ägypten werden die Schriftgelehrten dieser Menschen ihr Buch schreiben; in ihm werden sie akkurat von politischen und militärischen Ereignissen erzählen, wie sie auf Tafeln und Schriftrollen beschrieben sind, die modernen Forscher*innen zugänglich sind, den Schriftgelehrten jedoch nicht zugänglich waren. Die Erinnerungen der vorschriftlichen Menschen sind lang. Menschen, die sich der Taten von Pharaos, Hethitern und Assyrern erinnern, können sich auch daran erinnern, dass ihre eigenen Vorfahren einst in Gemeinschaften freier Menschen lebten, egal ob im Jemen oder in Äthiopien, und dass diese Vorfahren mit Tieren, mit der Erde, mit dem Geist des Himmels und dem Geist des Apfelbaumes kommunizierten.

Ich habe den Verdacht, dass sie sich erinnern und Eden nennen, woran sich andere als das Goldene Zeitalter erinnern. Und wenn wenn sie sich in Ägypten unwohl fühlen, muss die Erinnerung, dass es ein Außerhalb gibt, sogar ein angenehmes, idyllisches Außerhalb, in ihnen ein Verlangen wecken, die größte und wohlhabendste aller antiken Zivilisationen zu verlassen.

Ungeachtet ihrer Nostalgie für das, was Morgan und Engels eine primitivere Stufe des Seins nennen werden, eine Stufe, die keine Produktionsweise war, sind sich diese relativ privilegierten Zeks des materiellen und sozialen Zustands ihres Zeitalters sehr wohl bewusst. Sie wissen, dass der ägyptische Leviathan nur ein Monolith unter anderen ist und sie scheinen eine ganze Menge über die anderen zu wissen. Das ist nicht überraschend, da sie sich an jüngere Vorfahren lebhafter erinnern, als sie sich an Edens Adam erinnern, und zumindest einer dieser jüngeren Vorfahren, ein Mann namens Abraham, stammte aus Haran, einer genau an der Kreuzung zwischen den größten Leviathanen der Welt gelegenen Stadt. Selbst wenn dieser Abraham nicht neben dem Palast des Regierungsoberhauptes oder dem Tempel, sondern in einem Außenbezirk lebte, war er sicherlich vertraut mit der inneren Stadt und ihren Gärten und möglicherweise sogar mit den Gärten anderer Städte.

Abraham muss sogar noch vertrauter mit den Händlern und Soldaten der großen Leviathane gewesen sein, da Haran entlang der Straße gelegen war, die von assyrischen Handelsreisenden genutzt wurde, die nach überraschenden Gewinnen in Anatolien suchten und der friedliche Handel der Händler am Tage führte beinahe unvermeidbar zu Zusammenstößen ungehobelter Armeen in der Nacht, die Harans Außenbezirke in eine sich verdunkelnde Ebene verwandelten.

Abrahams Sippe wurde sicherlich in die verwirrten Rufe zum Kampf und zur Flucht gefegt. Sie mögen sogar an Seiten der gepanzerten ägyptischen oder hethitischen Männer als Hilfstruppen gekämpft haben. Es ist unwahrscheinlich, dass sie jemals Hilfstruppen der Assyrer gewesen sind, da ihr Buch nur Angst und Schrecken vor den Todesschwadronen ausdrückt, die von den Tyrannen von Assur und Ninive ausgesandt wurden.

Die Schriftgelehrten werden schreiben, dass ihr Vorfahre Abraham bereits ausschließlich Jahwe verehrte, aber das ist sicherlich Wunschdenken ihrerseits, da Abrahams Großenkel in ihrer späteren Gefangenschaft in Ägypten noch immer verschiedenen Naturgöttern huldigen.

Uns wird nicht genau erzählt, wann oder warum Abrahams Sippe ihren Weg nach Ägypten nahm oder mitgenommen wurde, aber es gab viele Gelegenheiten, zu denen solch eine Reise opportun oder sogar notwendig gewesen sein könnte.

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Die wiederholten Versuche der akkadischen und amoritischen Nachfolger Lugalzagesis den weltumfassenden Leviathan wieder zum Leben zu erwecken hatten den unbeabsichtigten Effekt viele der Menschen auf der Welt in Bewegung zu versetzen.

Wir haben bereits gesehen, wie beunruhigend ein Besuch durch einen Händler, seinen Cousin und einige bewaffnete Männer sein konnte. Gemeinschaften von Aussäher*innen und ländlichen Nomad*innen nahmen ihre Waffen auf, entweder um sich vor zukünftigen Besuchen zu schützen oder um zu versuchen, ihre gefangengenommene Sippe zu retten.

In Anatolien zwangen einflussreiche Frauen den Pankuš, die Versammlung aller, ihre Lebensweise gegen den Angriff der Todeshändler zu verteidigen und die mächtigeren Gemahle einflussreicher Frauen begannen Mauern zu errichten. Spätere hethitische Schriftgelehrte werden sich auf ihren Tafeln nur auf den mächtigeren Gemahl beziehen und sich an ihn als König Labarnasch den Ersten erinnern, aber sie werden sich erinnern, dass der König ein bloßer Gemahl war, da die Frauen bis in die Zeit der Schriftgelehrten stolz und stark bleiben werden. Anatolische Frauen werden nicht so leicht entwürdigt werden; mehr als 50 Generationen später wird Herodot von anatolischen “Amazonen” sprechen und es wird bis in Roms patriarchales Zeitalter noch immer mächtige Frauen in Anatolien geben.

Während die sesshafteren Gemeinschaften dem Ungeheuer widerstanden, indem sie sich selbst einmauerten, machten es mobilere, ländliche Nomad*innen, wie es die Guti getan hatten, und stürmten die Tore der betrügerischen Leviathane. Zu dieser Zeit haben die habgierigen Tentakeln der verschiedenen Leviathana die Ur-Großeltern beinahe aller Menschen, die die Tore der Leviathane in späteren Zeitaltern stürmen werden, auseinandergerissen, die Ur-Großeltern von Sanskrit- und Iranischsprachigen, von Tungusisch- undTürkischsprachigen, der Mongolen, Finnen und Ungaren. Die Mesopotamier*innen nannten sie Kassiten, Hurriter und Mittani. Die Ägypter*innen nannten sie Hyksos. Von den anatolisch-beinflussten Hethitern sagt man, dass sie von ihnen hervorgebracht wurden.

Viele dieser königlosen Völker ritten auf Pferden und einige handhabten eiserne Werkzeuge, aber das machte sie in keiner Weise zivilisierter als die kupferverarbeitenden Vorfahren der Ojibwa der Great Lakes; die Pferde und das Eisen wurden erst zu Produktivkräften, zur Technologie der Zivilisation, nachdem sie Teil von Leviathans Waffenarsenal geworden waren.

Diese Menschen hatten keine Angst Städte anzugreifen und ihr Zorn trieb viele von ihnen dazu, die Stadtzentren ihrer Störer vollständig ins Chaos zu stürzen. Sanskritsprachige Kassiten, die mit Elamitern verbündet waren, machten das Meiste des Imperiums der Amoriter dem Erdboden gleich und erreichten sogar die Grenze nach Babylon.

Die Cousins der Kassiten, von den Assyrern Hurriter genannt, bildeten ihr eigenes Bündnis berittener Männer im armenischen Hochland und zermürbten Assur, sowie Assurs levantische Außenposten.

Die Menschen oder Völker, die Hyksos genannt wurden, verbündeten sich mit ägyptischen Armeen und jagten die Assyrer aus der gesamten Levante.

Die hethitische Armee verbündete sich mit Hyksos, Hurritern und Kassiten und plünderte das kommerzielle Aleppo, das Juwel der Levante, sowie das entfernte Babylon selbst, und halfen den Kassiten, den Amoritern die gleiche Bürde aufzuerlegen, die die Amoriter den Kassiten auferlegt hatten.

Es mag sein, dass Abrahams Sippe den Hyksos dabei half, assyrische Außenposten aus der Levante zu verdrängen und einige ihrer Mit-Hilfstruppen in das Heimatland des großen Bruders am Nil zu begleiten, wo das Leben weniger von verwirrten Rufen zum Kampf und zur Flucht erfüllt war. Oder es mag sein, dass sie eine Generation später Zuflucht am Nil suchten, als berittene Mittani den Gebieten Assyriens das antaten, was die Kassiten denen Babylons angetan hatten.

Es ist auch möglich, das Abrahams Sippe von den siegreichen Ahmosiden gefangen genommen wurden. Oder sie mögen einige Generationen später von einer Zeks-jagenden Expedition an den Nil verschleppt worden sein, die von dem zweiten Thutmosis ausgesandt worden war.

Es erscheint wahrscheinlich, dass Abrahams Erben bereits etablierte Zeks in den Außenbezirken Karnaks oder sogar weiter südlich gewesen sind, als Menelaos und seine Mykener ihre Städte an der nördlichen Küste zum Mittelmeer befestigten, als ein Vulkanausbruch in Kreta die kommunale Steinbehausung einebnete, die später Minospalast genannt werden würde.

Vermutlich sahen sie – und halfen vielleicht sogar bei seiner Errichtung – den Palast von Königin Hatschepsut am anderen Nilufer, eines der schönsten architektonischen Wunder überhaupt – ein Palast, der von üppigen tropischen Gärten umgeben war, die später wieder zu Wüstensand zerfallen würden. Wie die Zeks anderswo auch fühlten sie vermutlich den Schmerz in ihren Gelenken, wenn sie die großen Monumente ihrer Herr*innen betrachteten. Aus eben jenem Grund konnten sie nicht an den Garten des Lugals gedacht haben, als sie sich an Eden erinnerten und sie konnten schwerlich angenommen haben, dass ihre Vorfahren aus einem solchen Garten des Lugals stammten.

Sie waren noch immer in Ägypten, als die Königin Hatschepsut von ihrem Nachfolger ermordet wurde, als die Schriftgelehrten ihren Namen von den Kartuschen radierten und den eindeutigen Beweis schufen, dass es niemals eine weibliche Pharaonin gegeben habe. Die Zeks müssen sich gefragt haben, ob all das wirklich getan werden müsse, um die Erinnerung an eine Frau auszulöschen, die niemals behauptet hatte, irgendetwas anderes zu sein als ein Mann.

Die Gefangenen konnten nicht wissen, dass während Hatschepsuts Name in Ägypten besudelt und vergessen wurde, der Frauenhasser Theseus, ein Archon basileus oder Befehlshaber einer Bande Mykener die anatolischen Amazonen besiegte, Antiope tötete, ihre Schwestern versklavte und sich selbst im befestigten Troja verschanzte.

***

Die Israeliten in Ägypten waren keineswegs unwissend über die Lebensweisen und Taten der großen Leviathane ihrer Zeit. Wir können sogar annehmen, dass sie mit diesen Lebensweisen und Taten nicht einverstanden waren. Einige unter ihnen, sowie einige unter den Hyksos, waren möglicherweise Modernisierer, die dachten, dass Lugalzagesi und andere Friedensstifter gigantischer Regionen Frieden brachten und nicht den Speer. Die Modernisierer*innen waren zweifelslos eine Minderheit. Die Mehrheit muss das gewesen sein, was wir Primitivist*innen nennen würden, Menschen, die nostalgisch auf den altertümlichen Garten und seine Naturgötter zurückblickten.

Die Modernisierer*innen unter ihnen konnten sich weder unter ihren Mitmigrant*innen noch unter ihren ägyptischen Gastgeber*innen geborgen fühlen, da zahlreiche Hyksos für ihre fremden Ansichten und Lebensweisen verstoßen wurden, als respektable Ägypter*innen ihre einstigen Verbündeten als Verwalter*innen des Sinai und der Levante ersetzten. Die Modernisierer*innen können nur Ressentiment empfunden haben, als Tuthmosis der Dritte Ägypter, denen alle kanaanitischen Sprachen fremd waren, sandte, um die Ländereien des Pharaos in der Levante zu verwalten und diese vor den grausamen Mittani zu schützen; Und die Möchtegern-Botschafter*innen müssen erzürnt gewesen sein, als Amenophis der Zweite die Tochter des mittanischen Artatama heiratete und dann ein Bündnis mit diesen Wagenlenkern gegen die Hethiter schloss.

Die Kinder oder Enkel der Modernisierer*innen, ebenso wie die Primitivist*innen, müssen sich von Amenophis dem Dritten abgestoßen gefühlt haben, der nicht nur die verhasste Allianz mit den Mittani fortsetzte und Botschafter*innen in das grauenvolle Assyrien sandte, sondern der auch seine eigene Tocher heiratete. Die unsägliche Herrschaft des Tyrannen hielt beinahe zwei Generationen lang an; Glücklicherweise scheiterte der Ischtar, der von den Mittani geschickt wurde, um das Leben des Tyrannen noch mehr zu verlängern.

Die Modernisierer*innen müssen das erste Mal befreit aufgeatmet haben, als ein fürstlicher Modernisierer als Amenophis der Vierte ins Amt des Pharaos aufstieg und seinen Namen in Echnaton änderte. Wenn dieser Pharao nicht der erste totalitäre war, so war der doch der erste revolutionär totalitäre.

Es wird unserer Tage gesagt werden, dass die Großväter von Moses ihren Monotheismus von Echnaton erlernten, von dem angenommen wird, dass er ihn erfunden hätte. Ich glaube dieser Pharao musste nicht erfinden, was seit mehr als fünfzig Generationen allgemeine Praxis seiner Tempelturm-bauenden Nachbar*innen gewesen war. Er könnte einige Details dieser Praxis von den semitisch-sprachigen Immigrant*innen in und um seinen Palast erfahren haben.

Der Pharao verfügte, dass ebenso wie er der König der Könige und der Herr der Herren war, auch Aton, der Sonnengott, fortan der Gott aller Götter sei. Die Revolution bestand nicht in dem Dekret, sondern darin, was darauf folgte. Bewaffnete Banden neu konstituierter Priester von Aton stürmten begleitet von den Truppen des Pharaos und möglicherweise von modernisierenden Immigrant*innen die Tempel aller anderen Götter und enteigneten alle anderen Priesterschaften, indem sie die Ländereien und Paläste Aton widmeten. Dies war ein Vorläufer der berümteren Religionskriege, die Europa in einem späteren Zeitalter verwüsten würden. Ägypten hatte nie zuvor einen solchen Ikonoklasmus, eine solche Verfolgung, eine solche innere Gewalt erfahren.

Zum Unglück der Modernisierer*innen erhoben sich ganze Geschwader konservativer Priester, die den verdrängten Göttern gegenüber loyal waren, gegen die Thronräuber und gegen ihren Gott Aton. Wenn irgendeiner der Immigrant*innen die Gunst von Echnaton gehabt haben mochte, so waren diese nun in Schwierigkeiten. Nachdem sie den neunjährigen Tutanchamun auf den Thron gesetzt hatten, fuhren die Götzen-anbetenden Priester*innen fort, die monotheistischen Partisanen so zu behandeln, wie sie zuvor behandelt worden waren. Eine neue Säuberungswelle gegen Fremde begann. Dies war eine gute Zeit, Ägypten zu verlassen.

Wenn Echnaton den Israeliten schon nicht den Monotheismus gebracht hatte, so hat er ihnen doch einen anderen Gefallen getan: Er hatte die Levante aufgegeben, als er seine Armeen nach Hause beordert hatte, um die Götzenbilder zu zerstören. Aber die Verfolgten erfuhren schnell, dass die Hethiten die Ägypter als Besatzer der Levante ersetzt hatten, so dass die Levante für die ägyptisierten Semiten noch immer nicht sicher war.

Also blieben die Israeliten wo sie waren und hielten sich bedeckt, als der Armeeführer Horemheb Echnatons Name besudelte, behauptete, die monotheistische Verwaltung sei korrupt gewesen, seine Steuereintreibungen betrügerisch, seine Beschlagnahmungen willkürlich und seine Armee eine Bande von Plünderern.

Die Israeliten mögen gehört haben, dass sich Zeks, die sich mit nomadischen Aramäern verbündet hatten, kürzlich den babylonischen Tyrannen gestürzt hatten und dass assyrische Todesschwadronen Babylon auf der Stelle eingenommen und den Rebellen abscheuliche Verstümmelungen zugefügt hatten. Solche Neuigkeiten ermutigten potenzielle Rebell*innen nicht gerade. Also blieben die Israeliten noch immer wo sie waren, während der erste und dann der zweite Ramses der Erinnerung an Echnaton das antaten, was der dritte Tuthmosis mit der Erinnerung an Hatschepsut gemacht hatte: sie auslöschen.

***

Schließlich kam der Tag, auf den sie gewartet hatten.

Der zweite Ramses, ein Größenwahnsinniger, der berggroße Statuen von sich selbst überall in Ägypten in Auftrag gab, entschied die Welt zu erobern. Dieser Pharao erschöpfte Ägypten seines Essens und seiner Vorräte um seine Armeen zu versorgen. Er marschierte nach Westen und reduzierte freie lybische Stämme zu Abgaben-entrichtenden Subjekten. Dann marschierte er nach Osten und Norden, in Richtung der Levante, mit der größten Armee, die jemals zusammengetrommelt worden war. Diese Armee, die sich selbst versorgte, indem sie entlang ihrer Route jede Gemeinschaft ausplünderte, erschuf eine unvergängliche Feindseligkeit entlang der gesamten südöstlichen Mittelmeerküste.

Unterdessen zogen die vorgewarnten Hethiter die größte Armee, die jemals nördlich von Ägypten aufgestellt worden war, zusammen, und bereiteten sich darauf vor, den Eindringlingen entgegenzutreten; ihre Armee erregte Feindseligkeiten entlang der gesamten nordöstlichen Mittelmeerküste.

Die beiden aufeinander zuschlurfenden, bewaffneten Giganten trafen sich in der Schlacht bei Kadesch am Orontes. Sowohl die Schriftgelehrten der Ägypter als auch die der Hethiter behaupteten, dass ihr Herr siegreich gewesen sei, aber die Leviathane eines jeden begannen von dem Tag nach dem Sieg an zu zerfallen.

Die siegreichen Hethiten kehrten nach Anatolien zurück und wurden von nachtragenden mykenischen und anderen Banden bewaffneter Abenteurer heimgesucht. Keines der hethitischen anatolischen Subjekte war bereit, weiterhin Khatushilischs Palast oder seine Armee zu unterstützen.

In der Levante hielten die Hethiten noch immer Karkemisch, aber Assyrer, die von Salmanassar angeführt wurden, setzten dem hethitischen Karkemisch ein abruptes Ende. Die Assyrer fuhren fort, “den Feind der Mittani abzuschlachten” und hätten vermutlich die gesamte Levante eingenommen, wenn sie sich nicht nach Osten hätten wenden müssen, gegen aufständische Babylonier, die von Elamitern unterstützt wurden.

Phönizische Handelsstädte, insbesondere Tyros und Sidon, die immerhin so frei waren, ihre eigenen Götter Baal und Moloch zu füttern anstatt die Götter ihrer hethitischen Lehnsherren, entsandten große Schiffe nach Libyen und anderswohin in Afrika, in die Ägäis und die Adria, eigentlich überall hin entlang des Mittelmeeres und bis in den Atlantik. Sie hinterließen Spuren ihrer Besuche in vielen Teilen der Welt, aber sie gaben ihre Ziele nicht an ihre Konkurrent*innen preis.

Rein zufällig wurden auf der entgegengesetzten Seite des Globus, jenseits eines Ozeans, der offiziell nicht durchsegelt wurde, bis ein gewisser Kolumbus diese Meisterleistung vollbrachte, gigantische Häupter geformt, Häupter von Menschen, die kein bisschen so aussahen wie irgendjemand, der jemals bei Tehuantepec gelebt hatte, die sogenannten Köpfe der Olmeken. Es wäre natürlich beleidigend den heutigen Nahua-Völkern und Maya nahezulegen, dass ihre Vorfahr*innen Praktiken wie das Erbauen von Zikkurats oder das Verfüttern menschlicher Opfer an Baal nicht erfunden haben. Aber eine solche Unterstellung wäre keineswegs beleidigend für die Vorfahren dieser Menschen gewesen, die tatsächlich darauf bestanden, dass sie viel von seltsam aussehenden Fremden gelernt hatten, die über das Meer gekommen waren.

Wie auch immer, im Mittelmeerraum riefen die Handelsreisende der großen Schiffe Verteidigungsbündnisse hervor, die mit kleinen Schiffen ausgerüstet waren und die schon bald ihrerseits zu Plünderungsexpeditionen aufbrachen.

Die gesamte Welt schien in hektische Bewegung versetzt worden zu sein.

Der zweite Ramses kehrte schon bald an den Nil zurück, um seine Heldentat zu feiern und er wies seine Bildhauer an, den Sieg von Kadesch auf die Mauern jedes neuen Tempels zu meißeln, auf jede Wand eine andere Szene der Schlacht.

Aber schon bald zerfiel Ramses Leviathan ebenso sicher wie der seines Feindes. Eine Verschwörung in seinem Palast brachte den Pharao fast zur Strecke. Zeks in den Arbeitskolonnen weigerten sich, weigerten sich einfach die ihnen zugeteilten Aufgaben auszuführen. Das war eine frühe aufgezeichnete Form des Streiks. Die Besorgnis, die von den Schriftgelehrten ausgedrückt wird, legt nahe, dass es sogar ein Generalstreik gewesen sein könnte. Und dann kam die Kunde, dass Libyer*innen auf dem Seeweg und andere mysteriöse Fremde das Nildelta überfielen.

Wenn die Israeliten jemals aus ihrer ägyptischen Gefangenschaft ausziehen wollten, dann war dies sicherlich die richtige Zeit dafür.

***

Die ausziehenden Gefangenen übertragen ihre Verantwortung an einen Moses, einen Ägypter, zumindest von mütterlicher Seite her. (In Ägypten werden Namen und Reichtum noch immer durch die mütterliche Erblinie weitergegeben, ein alter Brauch, den die Schriftgelehrten und Pharaonen kein bisschen besser abzuschaffen vermochten als die anatolischen Hethiten.)

Moses mag ein niederer Palastbeamter gewesen sein, der wegen seiner familiären Verbindungen zu den Fremden daran scheiterte aufzusteigen. Die späteren Äußerungen dieses Mannes sind geradezu fanatisch patriarchal und dieser Fanatismus lässt sich nicht einfach erklären, indem man auf die patriarchalen Tendenzen ländlicher Nomaden verweist; es werden Materialien gefunden werden, die zeigen, dass die israelitischen ländlichen Nomaden ebenso weibliche wie auch männliche Gottheiten in Ägypten verehren. Sein Vater war möglicherweise ein Beamter während Echnatons Herrschaft gewesen, der sein Amt verlor, als der monotheistische Pharao fiel, und der seither seinen Landsleuten seine modernistischen Ansichten vorgrummelte und anpries. Der Sohn, Moses, verschmäht seine Mutter offensichtlich, ebenso wie ihr Volk und entscheidet sich, ein Verfechter, ein Erlöser des Volkes seines Vaters und seines Halbbruders zu werden.

Wir werden keinen guten Grund haben, Moses Motive zu hinterfragen, seine Entscheidung auf Missgunst zu schieben. Das Buch porträtiert ihn als ein prinzipientreues Mitglied der herrschenden Klasse, das sich auf die Seite der Unterdrückten schlägt und wir können das akzeptieren und davon ausgehen. Er ist ebenso ideal geeignet für die Aufgabe die Gefangenen aus dem Leviathan zu führen, wie jeder andere Cousin eines Ensis. Er braucht bloß zu sagen, “Lass mein Volk ziehen” und seine ehemaligen Beamtenkollegen und sogar Verwandte werden die nötigen Anweisungen und Papiere ausstellen.

Das Ziel ist klar. Moses wird die Gefangenen nach Kanaan führen, was erst kürzlich von all den großen Armeen verlassen wurde, von denen zumindest zwei der Besetzer wahrscheinlich nicht so bald zurückkehren werden: Der ägyptische Leviathan wird von Streikenden, Verschwörern und Plünderern beschäftigt, und der hethitische Leviathan scheint allen Berichten zufolge, die Moses gehört haben muss, gänzlich zu zerfallen, heimgesucht von anhaltenden Hungersnöten und feindlichen Plünderern. Die dritte große Armee, die assyrische, ist anderswo beschäftigt; ihr Tyrann Tukulti-Ninurta unterwirft am Tigris Babylonier und Elamiten und ruft sich selbst als König der Könige, Herr der Herren, Sonne aller Menschen aus. Folglich erscheint Kanaan ein sicherer Zufluchtsort zu sein, zumindest für den Moment.

Aber für Moses Gefolgsleute, zumindest für die “Primitivist*innen” unter ihnen, bedeutet Kanaan etwas anderes; es bedeutet für sie eine gewohnte Sprache, ein ursprünglich gewohntes Zuhause; es bedeutet wahrscheinlich etwas wie der Eden, zu dem sie zurückkehren wollten. Warum sonst sollten sie eine kriegsgebeutelte levantinische Provinz “das gelobte Land” nennen?

Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Moses ein Modernisierer wie sein Vater ist, besonders nicht angesichts der Tatsache, dass er Ägypten mit den Zeks verlässt. Das Buch macht deutlich, dass es keine Modernisierer in der gesamten Gruppe von Wanderern gibt. Tatsächlich ist der Ekel dieser Menschen vor den Annehmlichkeiten der Zivilisation so tiefgreifend, dass er noch immer von den zivilisierten städtischen Schriftgelehrten empfunden werden wird, die noch vierzig Generationen später mit Abscheu von den “Amüsierlokalen” Ägyptens und der “Hure” Babylon schreiben werden.

Moses war eindeutig kein Modernisierer in Ägypten. Aber als er erst einmal draußen im Wüstensand steht und einige der Menschen in Richtung Jemen ziehen, andere in Richtung des Roten Meeres und Äthiopien, muss Moses sich entscheiden, wer und was genau er ist.

Der Moses des Buches ist kein Modernisierer. Er denkt nicht, dass die Einölung und Straffung eines Leviathans irgendeine menschliche Bedeutung haben könnte. Er fühlt sich ebenso abgestoßen von Aschur, Khatti und Ur, wie jede*r seiner Gefolgsleute.

Aber wo ist das gelobte Land? Die meisten seiner Gefolgsleute sind offensichtlich Primitivist*innen. Und offensichtlich sind sie entweder schwach oder blind, da ihnen klar sein sollte, dass wenn sie erst sicher die Wüste erreicht hatten, Moses nichts mehr für sie tun konnte. Sie klammern sich an ihn, entweder aus Loyalität oder weil sie immer noch eingeschüchtert sind von dem ehemaligen Mitglied des ägyptischen Palastpersonals.

Moses ist weder ein Modernisierer noch ein Primitivist. Es ist klar, dass er ein gepanzerter Mann ist, der unfähig ist, seinen Panzer zu entfernen. Er ist wie Lenin. Er sucht innerhalb, aber findet dort keine Bestimmung; alles, was er in sich selbst findet, sind Versatzstücke leviathanischer Rüstung. Er hasst Ur und Aschur und sein Zeitgenosse Tukulti-Ninurta lässt ihn vor Wut erschaudern. Aber die einzige Stimme in ihm ist die Stimme von Lugalzagesi, die Stimme des Allmächtigen, des Königs der Könige, des Herrn der Herren, des Mannes aller Männer. Lenin wird die Stimme der Elektrifizierung hören. Dennoch hasst Moses jeden einzelnen König der Könige, ebenso wie Lenin die Kapitalist*innen hassen wird. Moses abstrahiert den König, macht ihn zu einem Gott, ebenso wie Lenin die Elektrifizierung abstrahieren wird und sie zum Kommunismus machen wird.

Durch diesen Akt projiziert Moses seine innere Leere, seinen Panzer, seinen eigenen toten Geist in den Kosmos.

Wenn sich irgendjemand in dieser Gruppe Eden als den Garten eines Lugals vorstellt, dann ist das Moses. Die Götter sind für diesen Ägypter der Oberklasse alle tot. Für ihn gibt es keinen Eden, es gibt nur Leviathan.

Es ist eine Ironie, dass dieser Mann, für den es kein Außerhalb gibt, derjenige sein sollte, der die anderen nach draußen führen sollte.

Natürlich hatte er über all das nicht zuende nachgedacht, bevor er Ägypten verließ und vielleicht hatte er erwartet, dass sich sein Panzer ablösen würde, vielleicht hatte er gehofft, dass irgendein Funke in ihm zum Leben erwachen würde. Aber nichts dergleichen passierte. Nur eine Abstraktion regt sich in ihm, körperlos, asexuell, geschlechtslos und unsterblich. Die Abstraktion ist Leviathan selbst, als Konzept.

Wir werden alle wissen, dass seine Gefolgsleute nicht mochten, was sie hörten. Sobald er ihnen den Rücken zuwandte, bilden sie den uralten, heiligen Kreis der alten Gemeinschaft. Sie geben sich selbst auf. Sie träumen. Sie werden besessen. Sie verehren ein goldenes Kalb, nicht weil sie aus Gold ist, sondern weil sie weiblich ist, weil sie das Leben gebärt, weil sie von der Erde ist und weil sie die Erde ist.

Diese Menschen kannten den Unterschied zwischen den toten Götterbildern der Ägypter und den lebendigen Symbolen ihrer eigenen Vorfahren. Sie erinnern sich. Ihr Inneres war nicht abgestorben. Sie sind Zeks und Kinder von Zeks. Sie haben immer gewusst, dass der Panzer eine Bürde ist, die sie eines Tages ablegen würden und als der Tag gekommen ist, sind sie in der Lage ihn abzuwerfen.

Moses ist gehandicapt. Er kann darauf antworten, indem er zu ihnen geht und ihren Stimmen lauscht. Er ist noch immer Moses, der Mann, der potentielle Mensch. Er ist frei. Er kann den lebendigen Funken in ihm aufbrechen lassen, wie ein Ei. Er kann sich entscheiden lebendig zu werden.

Aber Moses antwortet, indem er ihnen den Rücken zuwendet. Er lässt den Panzer die Kontrolle übernehmen. Er versteift sich. W. Reich würde sagen, er wird rigide. Er entscheidet sich, das Potenzial Nichts werden zu lassen, den Panzer den kleinen Funken des Lebens, der da war, auslöschen zu lassen. Er lässt Leviathan durch sich sprechen. Und die Stimme, die da spricht, ist nicht die von Echnaton, der Sonne, sondern die von Lugalzagesi, dem Herrn der Herren.

Der Panzer spricht von keinem Garten. Er drückt “eine Vision des Lebens” aus, “die spirituell Lichtjahre von der mythischen Gemeinschaft entfernt ist”, wie Turner es ausdrücken wird. Die Stimme von Leviathan spricht von Geboten und Strafen. Sie spricht nicht von Sitten, von Wegen des Seins, sondern von Gesetzen, von geschlossenen Toren. Sie sagt nicht: Du kannst und Du sollst sein. Sie sagt: Du sollst nicht.

Und wehe denen, die nicht gehorchen. Ebenso wie das Ding Leviathan seine Polizei besitzt, um diejenigen, die von seinem Recht abweichen zu verfolgen, zu foltern und zu exekutieren, so hat auch das Konzept von Leviathan, Jahwe, seine Polizei.

Aber die Polizei des Konzepts ist nicht selbst bloß ein Konzept. Moses verleiht diese Aufgabe an die Lebensspenderin selbst, an die Natur – nicht die gesamte Natur, sondern bloß ihre Einbrüche, ihre Gewalt, alles vereint und zusammengefasst wie in Lugalzagesis eigener Gottheit im Zikkurat. Erdbeben, Stürme, Fluten und Plagen sind Jahwes Instrumente der Verfolgung, Folter und Hinrichtung. Die Göttin, die in dem Kalb verehrt wurde, wird gegen ihre Verehrer*innen gewendet.

Und nun kommt das krönende Detail. Nun wird Moses zu einem tatsächlichen Vorreiter Lenins. “Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.” Das ist etwas, das Moses von Echnaton gelernt haben mag. Das ist modern. Keine Sumero-Akkadier waren bisher in der Lage, das “kein anderes” aufzuerlegen. Moses legt sich nicht nur Teile der Rüstung an; er trägt sie vollständig.

Das Gebot hat noch immer eine sumerische Form, aber seine moderne Bedeutung wird vorbuchstabiert:

Dann packte er das Kalb, das sie gemacht hatten, verbrannte es im Feuer und zerstampfte es zu Staub. Den Staub streute er in Wasser und gab es den Israeliten zu trinken.

Der ehemalige Beamte des Pharaos weiß, dass Gefangene von freien Gemeinschaften in Zeks verwandelt werden mussten; sie mussten domestiziert werden, sie mussten gezwungen werden, ihre Freiheit zu essen.

Aber die Verehrer*innen des Kalbs leisten noch immer Widerstand. Sie rebellieren. Sie sind bereit erneut auszuziehen, dieses Mal aus dem Leviathan ihres eigenen Anführers.

Also lässt der gepanzerte Mann den Schleier fallen und enthüllt die Rüstung allen. Er hört auf, ein Medium zu sein, durch das Lugalzagesi spricht. Er wird Lugalzagesi. Er setzt eine allgemeine Säuberungswelle in Bewegung, mit einer Polizei, die weder ein Konzept ist noch der konzentrierte Zorn der Erde:

„Jeder lege sein Schwert an. Zieht durch das Lager von Tor zu Tor! Jeder erschlage seinen Bruder, seinen Freund, seinen Nächsten.“ Die Leviten [sie werden später ein Verteidigungsbündnis schließen] taten, was Mose gesagt hatte. Vom Volk fielen an jenem Tag gegen dreitausend Mann.

Dieses Massaker ist der erste Völkermord, der im Namen von Jahwe verübt wird. Und dafür gibt es weder einen menschlichen Grund noch eine menschliche Rechtfertigung. “Ich bin, der ich bin.” Das ist der Glaubenssatz.

Das anti-menschliche, anti-natürliche Gesicht dessen, was später Totalitarismus genannt werden würde, muss zusammen mit dem Rest der Rüstung getragen werden. Jedes letzte Fleckchen menschlicher Haut muss verdeckt werden. Leviathan besitzt weder Leben noch Seele. Er ist, der er ist. Er ist sein eigener, einziger Zweck. Er ist Tod, total, ungerechtfertigt, unerklärt.

Wir werden an Wissenschaft, Technologie und den säkularen Staat gewöhnt werden; wir werden nicht erschreckt werden von der Unmenschlichkeit der Vision dieses Mannes; einige von uns werden sogar beeindruckt sein von seinem progressiven, nein prophetischen, Charakter.

Aber diejenigen, die Ägypten verließen, diejenigen von ihnen, die immer noch am Leben sind, können diesen monströsen Rückschritt nicht verdauen und Moses weiß das. Wenn er nicht schnell handelt, wird dieser Massenmord von einem Massensuizid oder von einem Exodus derer, die übrig geblieben sind, gefolgt werden. “Ich bin, der ich bin” ist nicht genug für Menschen, die sich noch immer erinnern.

Also führt er den berühmten Bund ein. Er hatte ihnen bereits gesagt, “wenn ihr auf meine Stimme hört … werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein …” Nun, wie ein Pferdedompteur, erzählt er ihnen, dass sie entlohnt werden würden, erzählt er von dem, was ihnen ihr Gehorsam einbringen würde. Sie würden das gelobte Land erreichen. Aber in diesem Land würden sie Zeks bleiben. Der Fluch mühsamer Arbeit würde nicht von ihnen genommen werden. Das Land würde nicht Eden sein, ein Ort, der für diesen gepanzerten Mann nicht länger existierte (ebenso wie Frauen für ihn nicht existierten; nur Söhne existierten; Frauen sind für ihn nichts als Gebärmaschinen für Kinder, Gefäße, die ebensogut aus Ton gemacht sein könnten, das Material, zu dem die Erde selbst reduziert worden ist, das Material, das manipuliert und verstümmelt werden wird).

Das gelobte Land ist ein neuer Leviathan und die Geschätzten werden ebenso belohnt werden, wie Lugalzagesis Ensis belohnt werden. Du sollst die anderen enteignen. Du sollst große und stattliche Städte, die du nichts selbst erbaut und Häuser voller guter Waren, die du nicht selbst gefüllt hast und Weinberge und Olivenbäume, die du nicht gepflanzt hast, einnehmen.

Dies ist das Land, wo Milch und Honig fließen und Moses Truppen werden es wie Pioniere stürmen:

Ich vertreibe die Kanaaniter, Amoriter, Hetiter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter …

Es ist von Bedeutung, dass die Kanaaiter, die Cousin*en, die ersten Opfer sind. Leviathan hat keine Sippe. Wer auch immer in seinem Weg steht, was auch immer außerhalb von ihm lebt, ist sein Feind. Alle Lebewesen, die nicht in seinen Eingeweiden eingeschlossen sind, egal ob Mensch, Tier oder Bäume, sind sein Feind.

… bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alles Tier, das auf Erden kreucht.

Das ist, wie Turner hervorhebt, eine Kriegserklärung gegen die Wildnis und dieses Wort hat nun eine furchteinflößende Bedeutung erlangt: es bezieht sich auf “alles Tier, das auf Erden kreucht.” Das ist Leviathans Kriegserklärung gegen alles Leben.

Moses stirbt, aber die “Söhne Levis” erreichen tatsächlich das Gelobte Land, das Land ihrer einstigen Sippschaft. Und sie erreichen es nicht als Sippe; sie bilden nicht den uralten Kreis oder beleben die verlorene Gemeinschaft wieder. Sie erreichen es wie Tukulti-Ninurtas’ bewaffnete Assyrer, als die Nemesis ihrer einstigen Sippe. Einer der Söhne Levis, ein Mann namens Deborah, ein Vorreiter der gepanzerten Jeanne d’Arc, erfüllt die Pioniere mit genozidalem Hass. Sie, oder vielmehr er, ermahnt, schwärmt und gestikuliert um die Söhne noch gegen den letzten Moabiter*in, Hazoriter*in und Kanaaniter*in im Gelobten Land aufzubringen.

Moses stirbt, aber der Leviathan, den er in Bewegung setzt, ist unsterblich und wenn er auch schon bald selbst verschlungen wird, wird sein Konzept eines Tages den Pfad von Ungeheurlichkeiten erleuchten, von denen Lugalzagesi oder Moses nicht zu träumen gewagt hätten.

Du wirst alle Völker verzehren, die der HERR, dein Gott, für dich bestimmt. Du sollst in dir kein Mitleid mit ihnen aufsteigen lassen …

Wie Turner beobachten wird, ist dies eine Beschreibung der Dinge, die kommen werden; das sieht bereits die “dunklen Wolken über Afrika, den Amerikaner*innen, dem fernen Osten bis schließlich den entferntesten Inseln und Dschungel-Enklaven, die mit Feuer und Schwert und durch die subtilere Waffe der Missionierung durch Verspottung getroffen werden werden”, voraus. Dies ist bereits die Entdeckung der Neuen Welt.

[Paris, Frankreich] Enedis-Fahrzeug in Brand gesteckt

Mit Grillanzündern, die ich unter dem Vorderreifen platziert habe und einem Feuerzeug habe ich ein Elektrofahrzeug von Enedis in einer Nacht am Anfang dieses Mais in Paris in Brand gesteckt.

Weil diese Firma am endlosen Fortschritt dieser schrecklichen Zivilisation ihrer Abhängigkeit von Elektizität teilnimmt.

Ganze Regionen und ihre Bewohner*innen werden von ihr verwüstet und Bevölkerungen ausgebeutet, um Uran für Kernkraftwerke zu finden und seltene Erden und Metalle für Photovoltaik und Solarpanele. Die allgemeine Betäubung basiert auch auf Unterhaltung und der Kontrolle, die von den Massenmedien und ihren Kommunikationsmitteln erzeugt und von den gigantischen elektrischen Energienachschüben aufrechterhalten wird. Aus all diesen Gründen, werde ich es wieder tun.

Gezeichnet: Eine feuerspuckende Ratte

[Nochten, Lausitz] Förderband einer Kohlegrube sabotiert

In der Nacht auf den 23. Mai wurde bei Nochten das Förderband einer Kohlegrube mit etwas Werkzeug sabotiert.

Einfach, aber effektiv, wie von den Saboteur*innen berichtet wird:

Das Band besteht aus Gummi und 100 Stahldrähten, die einen Durchmesser von 7mm haben. Mit einem Stanley-Messer kannst du den Gummi durchschneiden (Ersatzklingen mitbringen). Um die Stahldrähte in der Mitte des Gürtels zu erreichen, musst du das Gummi an der Seite, oben und unten entfernen. Dazu schneidest du in einem 45-Grad-Winkel in das Gummi ein, hebst dann die Lasche mit einem flachen Schraubendreher an und packst und ziehst sie mit einer Kombizange oder Kneifzange. Gleichzeitig schneidest du den Gummi weiter ein. Auf diese Weise kann eine Schicht des Gummis entfernt werden. Sobald die Stahldrähte freigelegt sind, können sie mit einem Bolzenschneider durchtrennt werden. Wiederhole diesen Vorgang, bis du mit der Zerstörung, die du verursacht hast, zufrieden bist.

Und wenn mal kein Bolzenschneider zur Hand ist, hilft bei Gummi immer auch dein bester Freund, das Feuer …

[Nancy] Einige Informationen zu Boris‘ Situation

Während des ersten Lockdowns hat der anarchistische Gefährte Boris am 10. April 2020 im Jura zwei Mobilfunkmasten der vier Telekommunikationsanbieter angezündet, die auch Polizei- und Gendarmeriefunk trugen.

Wie er selbst aus dem Gefängnis erklärt hat, wo er inzwischen seit zehn Monaten inhaftiert ist:

Es ist die Stunde der Beschleunigung der Sträme und der Daten, die Stunde der Konnektivität der Alltagsgegenstände um immer mehr zu kontrollieren, zuzuhören, zu tracken und zu spionieren, ohne Ende den Menschen mehr zum Sklaven der Maschine zu machen. All das ist das, was die Herrschaft „Fortschritt“, „Zivilisation“ nennt. In Wirklichkeit ist dieses Gesellschaftsprojekt durch und durch dystopisch. Angesichts dieses Gitters des Digitalen gibt es keine 36 000 Lösungen. Mir scheint es notwendig, das Stadium der Kritik hinter sich zu lassen und hier und jetzt zu handeln und die Ideen mit Handlungen zu verbinden […]. Ich [gehöre] zu jenen […], die sich beim ersten Widerhall der staatlichen und sanitären Ordnung geweigert haben sich zuhause einzusperren und die hinausgegangen sind um direkt einen der Pfeiler der Herrschaft anzugreifen.

„Warum ich zwei Funkmasten auf dem Mont Poupet abgefackelt habe“

Seit September 2020, nach monatelangen Ermittlungen und aufgrund von vor Ort aufgefundener DNA, im Gefängnis von Nancy-Maxéville inhaftiert, hatte Boris am 19. Mai diesen Jahres in dieser Stadt Prozess. Quasi hinter verschlossenen Türen verurteilt, ohne seine Anwältin, die um eine Vertagung gebeten hatte und ohne die solidarischen Gefährten, denen unter dem Vorwand der Coronabestimmungen der Zugang zum Prozess verweigert wurde, haben die Schweine im Talar ihn zu vier Jahren Haft verurteilt, davon 2 auf Bewährung, plus einige hunderttausend Euro Schadensersatz. Er hat sofort Berufung eingelegt, und das Datum ist gerade bekannt geworden.

Boris hat also  am 20. September 2021 um 14 Uhr erneut Prozess vor dem Berufungsgericht von Nancy, und jeder kann bereits damit fortsetzen seine Solidarität ihm gegenüber in der feurigen Art, die jeder für die angemessenste hält, auszudrücken…

Ansonsten wurde Boris nach seiner Verurteilung, als er zurück in den Knast gebracht wurde, vor das knastinterne Gericht gebracht, wo ihm drei Wochen Bunker aufgedrückt wurden, zwei davon auf Bewährung, wegen einer Auseinandersetzung vor vier Monaten mit einem anderen Gefangenen, der bereits von den Beteiligten selbst geklärt worden war, ohne dass irgendeine dreckige Streitschlichtung vonseiten der Strafvollzugsbeamten vonnöten gewesen wäre. Trotz dieser Woche Bunker und der Langsamkeit der Post hält er gut durch. Diesbezüglich kann man auch darauf hinweisen, dass die Briefe, die der Gefährte abschickt, weiterhin von der Richterin durchgesehen werden, auch wenn das Ermittlungsverfahren seit Anfang April abgeschlossen ist, ein Zaubertrick, aus dem jeder seine eigenen Schlussfolgerungen ziehen kann.

Schließlich scheinen die Cops in Besançon weiterhin dranzubleiben (ein Verfahren läuft weiterhin wegen der Brandstiftung an einem Technikraum eines SFR-Mastes in derselben Stadt zur selben Zeit) und mindestens zwei Personen wurden deshalb in den letzten Monaten von Zivischweinen angesprochen, um zu versuchen Informationen über Boris nahestehende Personen herauszufinden. Ein Update wird diesbezüglich folgen…

Solidarität heißt Angriff
Freiheit für Alle!

Um Boris‘ Gefangenennummer zu erfahren und ihm zu schreiben, kann man eine E-Mail an besakattak at riseup.net schicken, während seine Strafen [mandats] im Knast immer noch von Kaliméro übernommen werden, der Solidaritätskasse für die Gefangenen im sozialen Krieg.

Solidarische Anarchist:innen und Kompliz:innen von Boris
6. Juli 2021

Quelle: Sans Nom

„Gott! Wie talentvoll sind uns’re Leut‘!“

Beiträge zur gegenwärtigen und zeitgenössischen Kropotkin-Rezeption

oder

Wie das Moralerei-Virus in einer neuen, besonders gefährlichen Deltavariante in gewissen anarchistischen Infektionsgemeinschaften epidemische Ausmaße annahm

Letztens traf ich einen Anarchisten, der es überhaupt nicht witzig fand, dass ich dem RKI und der Wissenschaft nicht so recht vertrauen wollte und der emtsetzt darüber war, dass mein „gesunder Menschenverstand“ offensichtlich nicht vorhanden war, weil ich nicht unabhängig vom Staat (wie es ihm wichtig war zu betonen, weshalb ich es hier auch nicht unterschlagen möchte) der Meinung war, dass es wichtig sei sich an die Corona-Maßnahmen zu halten (abgesehen von der nächtlichen Ausgangssperre vielleicht, die auch er für offensichtlich repressiv hielt). Und er erkannte auch bald, was mein Problem sei, nämlich dass ich offensichtlich meinen Kropotkin nicht gelesen hätte. Da nahm ich mir seinen Vorwurf zu Herzen und habe endlich nachgeholt, was offenbar bei einigen Anarchist_innen mit Beginn der Corona-Krise die neue Bibel geworden ist, auch wenn mich teilweise ja der Verdacht beschleicht, dass trotz gegenteiliger Beteuerungen die meisten ihn doch überhaupt nicht gelesen haben, sondern nur mit einigen Schlagworten um sich werfen. Aber das soll uns hier nicht weiter kümmern, befassen wir uns also etwas mit Kropotkin, mit der Gegenseitigen Hilfe, mit anarchistischer Moral und Moralerei, mit Egoismus und Solidarität und natürlich, wie könnten wir zurzeit auch anders, mit Corona. Einst, so geht die Legende einiger britischer Anarchisten, lebte in England ein Anarchist, dem es kohärent erschien einen Laden zu besitzen und dem es gar nicht gefiel, dass viele anarchistische Genoss_innen in seinem Laden klauten. Kropotkin gefiel das auch nicht und er veröffentlichte in der anarchistischen Zeitung „La Révolte“ seine „Anarchistische Moral“ sowie einen Nachtrag dazu „Und wieder die Moral“, in der er individuelle Expropriation, also Diebstahl durch Einbrüche, Ladendiebstahl, Raub etc. als „Waffe der Bourgeois“ bezeichnete. Die Antworten einiger Anarchist_innen auf diese Artikel kamen postwendend und griffen dabei scharf den Moralismus und die meist damit verbundenen Tendenzen das Verhalten anderer kontrollieren und in ihrem Sinne formen zu wollen gewisser Anarchist_innen an. Jaja, „Papst Most“, „Fürst Kropotkine“ oder „Doctor Merlino“, man wünscht sie sich schon fast zurück, ist man doch heute mit so Idioten wie Lou Marin, diversen FAU-Gruppen, der „Anarchistischen Initiative“, dem Bündnis für einen solidarischen Lockdown, Anarchistische Gruppe Freiburg oder Thomas Swann konfrontiert, die den Arbeiter_innen und allen anderen nicht etwa nur das Stehlen verbieten wollen – was ja immerhin noch andere Lebensstile erlauben würde –, sondern gleich jegliches Leben. Die einem verbieten wollen, sich frei zu bewegen, sich frei zusammenzurotten oder sich frei zu treffen, zu berühren, einander zu genießen und Spaß zu haben. Und das im Namen der Anarchie, der Gegenseitigen Hilfe und Solidarität. Ja, das Moralereivirus, es wütet stärker denn je, auch noch in einer besonders gefährlichen Deltavariante, und wenn wir diese Epidemie (zum Glück verhält es sich noch nicht pandemisch) noch eindämmen wollen, könnte es eventuell helfen die Moraldebatte, die damals rund um die individuelle Expropriation entbrannte, wieder zu entstaubem und neu aufzunehmen. Wobei wahrscheinlich sogar Kropotkin entgeistert nach Luft schnappen würde, wenn er sehen würde, was mit seinen Thesen gerechtfertigt wird. Aber genug der Worte an dieser Stelle, tauchen wir ein in das Paris des fin de siècle und übergeben nach einer kurzen, oberflächlichen Einführung in den Kontext von Kropotkins moralischen Ergüssen seinen Zeitgenoss_innen das Wort.


Einiges zur Rezeptionsgeschichte von Kropotkins Anarchistischer Moral

Den Moralisten gewidmet!

Moral und Pflichten, magre Bissen,
Vermindern nicht der Bettler Zahl;
Ihr satten Schlemmer könnt’s nicht wissen,
Drum hört die Wahrheit auch einmal:
Wir wollen nichts vom Himmel wissen,
Der Teufel hol‘ ihn allzumal;
Verdammt die Tugend und verdammt Moral,
Wenn brave Leute hungern müssen…..

(DER COMMUNIST. Eigenthum ist Diebstahl! No. 3, London, 10. April 1892)

A propos de la discussion über Kropotkins anarchistische Moral, aus dem unmoralischen londoner Diebesblättchen Der Communist des fin de siècle des 19. Jahrhunderts, der auf die Bekämpfung der Moralisten ganz besonders achtete, und dabei logischerweise auch Kropotkins Broschüre behandeln musste. Aber nicht nur. Mit dem Motto «Der Communist scheisst auf die Organisation, die Moral, die Pflicht, die Ehre, das Comite, den Pfaff und den Papst. Der Communist scheisst – solang er noch ein Minimum zu fressen hat – auf alles Eigenthum, aber es ist nicht seine Pflicht.» (Der Communist. Individuelles wie collektives Eigenthum ist Diebstahl, No. 11) machte sich das Blatt natürlich auch viele Feinde, und in seiner Kampagne gegen die Organisatoren und Moralisten bekamen so einige ihr Fett weg…

Es ist ausserdem spannend, darauf hinzuweisen, dass die damalige Diskussion über Moral, in welche Kropotkin mit seiner Broschüre – niveauvoller als viele andere – interveniert, aufgrund einiger Konflikte heraufbeschworen wurde, welche nicht ganz unspannend sind. So gab es damals eine vertiefte Diskussion über Eigentum und Expropriation respektive Diebstahl. Dass die Expropriation «für die Sache» in Ordnung sei, war seit dem Prozess des Räubers und Anarchisten Vittorio Pini ziemlich klargestellt. Aber nun ging es einerseits darum, ob es in Ordnung sei, für sich, also aus «egoistischen» Gründen zu expropriieren. Ebenso aber, und zwar wichtiger, ob es in Ordnung sei, unter Anarchisten zu expropriieren… oder eigentlich vielmehr: mit der Ablehnung des Eigentums einmal konsequent zu sein.

Praktisch entzündete sich diese Diskussion ursprünglich in Paris aufgrund der für viele Anarchisten damals gängigen Praxis der «estampage» – Zecheprellerei, welche von vielen auch in Lokalen geübt wurde, deren Besitzer Anarchisten waren. Nicht nur auch, sondern sogar speziell, denn schliesslich konnte man ja bei diesen davon ausgehen, dass sie nicht die Bullen rufen würden – es war also bei ihnen einfacher (zumindest stelle ich mir das heute so vor).

Während einige, als Antwort auf die Empörung, die logische Rechtfertigung des «vol entre Camarades» (Diebstahl unter Gefährten) darlegten, veranlasste diese Diskussion in der anarchistischen Bewegung Paris‘ andere, die Notwendigkeit der Moral zu vertreten. Dabei sollte also die «anarchistische Moral» einiger schlicht ihre etwas privilegiertere Stellung rechtfertigen, war also klar eine verhüllte Vertretung eigener Interessen. So behaupteten auch viele, Diebstahl sei eben unmoralisch (ausser falls im Interesse «der Sache»), verrohe den Dieb, u. Ä. Während wiederum andere klarstellten, dass das mit der Arbeit ebenso sei, dass Arbeit und Diebstahl also auf gleicher – unmoralischer – Ebene anzusiedeln seien. Während wiederum andere eben diese ganze Moralphilosophie ablehnten und die Moral als das entlarvten, was sie allzu oft ist: eine Waffe in einem realen Interessenskonflikt, in welchem versucht wird, die eigene Stellung zu rechtfertigen, zu heiligen… eine Waffe, welche einer autoritären Logik gehorcht, verlangt das eigene Denken aufzugeben… und die deshalb frisch und froh und ehrlich zugaben, dass sie Diebstahl für den eigenen Genuss betrieben und dass dieses «Recht auf Genuss» etwas ist, was eine etwaige anarchistische Gesellschaft befriedigen müsste, während falls diese Aufopferung verlange, das eher fragwürdig sei. Wie auch immer. Der Communist vertrat zumindest offensichtlich letztere Tendenz im deutschsprachigen Raum.

Im folgenden einige der Texte gegen Moral, mit besonderem Augenmerk auf die Behandlung von Kropotkins «anarchistischer Moral», welche vielleicht gerade aufgrund ihrer relativen Reflektiertheit und intelligenten Ausarbeitung Leuten trotzdem als Ausrede für den plattesten Moralismus diente.

Oder immer noch dient? Als Ausrede für den Abdruck dieser moralkritischen Artikel könnte uns auch dienen, dass die “Libertäre Zeitschrift” Espero Die Anarchistische Moral wiedereinmal publiziert (abgedruckt?) hat (Neue Folge – Nr. 1, Juni 2020). Ein gewisser Rolf Raasch listet einige “Beispiele aus der Rezeptionsgeschichte” dieses “im Jahr 1890 in der Zeitschrift Autonomie zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlichte[n] Aufsatz[es]” auf. Dabei scheint ihn vor allem eine akritische Rezeptionsgeschichte zu interessieren. Irgendwelche (teils akademischen) Schinken der letzten 50 Jahre, die diese Broschüre irgendwo mal erwähnt haben – aber natürlich nicht, wie die Diskussion über diese Broschüre und Thema in der anarchistischen Bewegung ausgesehen hat. Nichteinmal jene in der Autonomie erwähnt er. Ist sie ihm nicht bekannt?

Verstehen lässt sich sowas zumindest auch als Symptom einer Ignoranz, welche immer schön gehätschelt wird, damit man ja nicht grosse Denker allzusehr hinterfragt, und nicht versteht, dass eine Geschichte der grossen Denker wohl für das Bürgertum Sinn macht, für die anarchistische Bewegung aber herzlich wenig. Die Steckenpferde können wir ihnen gern überlassen, auch wenn es so aussieht, als würde Kropotkin hier allzu sehr missbraucht, bzw. rekuperiert für Dinge, die er so wohl auch lächerliche gefunden hätte (z.B. die Farce, gegenseitige aufgedrängte Isolation mit “gegenseitiger Hilfe” zu verwechseln).

Und aus Anlass der Ausgabe 1 der Neuen Folge der Espero kommt hier also auch ein kritischer Artikel aus der Autonomie, um eine wirkliche Rezeptionsgeschichte anzudeuten, die übrigens riesig wär – diese Moraldiskussion zog sich schliesslich international über mehrere Jahre hin, während sie heute wohl wieder nötiger wär denn je, wo die “anarchistischen” Moralisten so weit gehen, eine Moral aufzustellen, die es “unsolidarisch” und deshalb “unanarchistisch” befindet, wenn man sich zusammenrottet, trifft, feiert etc. so, wie das Menschen seit Jahrmillionen tun und weiterhin tun werden, wenn die Dystopie nicht total gewonnen hat (also ohne Corona-App, ohne PCR-Test, ohne Maske, ohne Abstand und ohne neurotische Berührungsangst).

Diesen denkfaulen Idioten, die das Leben selbst für unmoralisch erklären, können wir nur ins Gesicht grinsen, wenn sie sich denn zu uns trauen. Ja, genau! Und deshalb verwerfen wir jegliche Moral, weil sie dem Leben Feind ist! Und wollt ihr uns dabei stören, kriegt ihr unsere Spucke. Oder Schlimmeres.

Anonymus Individualo


MORALEREI;

MIT BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG ANARCHISTISCHER MORAL.

—o—

Es ist eine charakteristische Erscheinung, dass die „ordentlichen, respektablen, ehrbaren Anarchisten“ die MORAL auf ihren Aushänge-Schild gekritzelt haben. Damit die „bessern Anarchisten“ ihre Abstammung auch ja nicht verleugnen würden, haben sie das Affenstück fertig gebracht und die „anarchistische Moral“ erfunden. –

Nun, wir wollen einmal das Fernrohr zur Hand nehmen und die MORAL im Sonnenscheine beaugapfeln: –

Die Moral ist nichts anderes als ein ungeschriebenes Gesetz. So wenig wie das Gesetz, so wenig hat die Moral jemals eine wahre Ordnung in die Welt gebracht; vielmehr dasjenige, was Räuberbanden mit ihr bezweckten, nämlich Mord und Brand, Unterdrückung und Herrschaft.

Früher und auch heute noch pfropfen die Pfaffen dem Volke die Moral mit Hülfe des Himmels und der Hölle auf; heute wird dem Volke von den „Männern der Wissenschaft“ die Moral bei der Vorspiegelung von der Hölle der heutigen Welt und dem Teufel Privileg eingepaukt. Der Bannfluch und die Inquisition haben glücklicher Weise sehr viel von ihrer ehemaligen Macht eingebüsst! Das Hauptaugenmerk richten die Moralisten von heute auf die Dummheit, denn sie haben keine allmächtige Gewalt mehr; aus gleichem Grunde werden sie auch „tolerant.“

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Moral und Gesetz sind insoweit identisch, als sie die Unterdrückung des Arbeiters bezwecken. Die Ordnungsbanditen sagen zwar, dass die Moral wie das Gesetz und die Verfassung zur Aufrechterhaltung der Ordnung sei. Der blosse Augenschein zeigt aber, dass die Moral alles andere denn Ordnung, d. h. Freiheit, bezweckt.

Eine höchst schwierige, wenn nicht unmögliche Arbeit wäre es, die verschiedenen Arten von Moral fest zu stellen; denn sie sind zu zahlreich: sie wechseln wie die Mode, und variren bis zum vollständigen Gegensatz. Ganz wie das Gesetz! Während das eine Gesetz eine gewisse Handlung erlaubt, wird die selbe Handlung von einem andern Gesetz verboten. Und die eine Moral verbietet oft, was eine andere erlaubt!

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„Die Moral ist zur Unterscheidung von Gut und Böse.“ – Den gleichen „Zweck“ haben auch das Gesetz und die Religion. Das Unterscheiden von Gut und Böse geschieht aber im Interesse des Privilegs. Selbst nach der Anarchisten Moral von PETER KROPOTKINE ist

DER ARME UNMORALISCH,

d. h. schlecht, verachtungswürdig, etc, weil er andere behandeln muss, wie er selbst nicht behandelt sein möchte.

„Der Arme ist unmoralisch!“ Dies kennzeichnet zur Genüge die Kropotkine’sche Moral: sie bildet keine Ausnahme in dem Labyrinth der verschiedenen Arten Moral: sie ist Unsinn, wenn nicht etwas schlimmeres!!!

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„Ja, wenn keine Moral mehr existieren würde, was soll dann werden? Der Egoismus wird überhand nehmen.“

Wohlan, wir fürchten den Egoismus nicht. Die Menschen sollen nur Egoisten werden; sie sollen aufhören, sich für Andere aufzuopfern! Sie sollen für sich und nicht für die Anderen leben! Keine Märtyrer, keine Lämmer mehr! Lange genug hat das Volk sein Glück den Händen anderer anvertraut, hat sich dem Willen Anderer gefügt; es ist Zeit, dass der Egoismus erwacht, und der Mensch sein Glück sucht.

Wenn die Moral zum Teufel ist, wird Jeder thun, was ihm gefällt. Dies wissen die Moralisten, und davon wird es ihnen grau und schwarz.

Es ist ein Irrthum, wenn man glaubt, die Menschen thäten heute schon, was ihnen beliebe. Suggestion, Hypnotisierung und brutale Gewalt haben das Volk tief in den Schlamm der Willenlosigkeit gedrückt. Und trotzdem fehlt es an Übertretungen der eingewurzelten Gebräuche und Moral nicht! Es ist dies ein Beweis dafür, dass weder Gesetz noch viel weniger Moral allmächtig sind; dass die Natur die Unnatur brechen muss! Trotz allen Fesseln kehrt jeweilen die Periode zurück, wo ein instinktives Gefühl sich aus dem Schlummer hinaus Bahn bricht!

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„Aber unsere Moral ist der Natur angepasst, resp. mit ihr übereinstimmend.“

Wohlan, wenn eure Moral wirklich ein „Naturgesetz“ ist, so ist sie total überflüssig, weil die Natur keiner Repräsentanten und Advokaten bedarf! Basirt aber eure Moral nicht auf Natur, so ist sie doppelt zu verwerfen!

Es ist in der That nicht wenig amüsant, zu beobachten, wie alle die Moralisten die Weisheit mit Löffeln gefressen haben: die einen stehen in direkter oder indirekter Verbindung mit dem lieben Herrgott; und die andern haben——-das Naturgesetz entdeckt!

Gewiss! Es wird im Affenkasten gewiss noch recht gemüthlich!

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Mit der Moral geht auch die Pflicht zum Teufel, denn sie ist in der Moral inbegriffen. Dies ist sehr gut. Das Individuum wird selbst entscheiden, was es zu thun und zu lassen hat; es hat keinen Vormund nöthig!

Es ist unfassbar, welche Komödiantenstücke und welche Gräuel von der Pflicht ausgehen.

Dem Individuum werden so viele Pflichten aufgebürdet, dass seine Freiheit total zermalmt wird. Es ist nicht nöthig, die Schwarm der Pflichten hier speziell aufzuführen, ihre Zahl ist unkennbar.

Thatsache ist, dass die Pflicht jeweilen nach den Umständen erfüllt worden ist oder nicht. Das Nichterfüllen wurde erst bei den schwachen Moralisten vom Vater im Himmel bestraft. Andere, „praktischere“ Moralisten fanden es jedoch gut, die Bestrafung der Pflichtuntreuen selbst zu besorgen. Da die Anarchisten entschiedene Gegner der Bestrafung sind, haben die anarchistischen Moralisten für die Verletzung der Pflicht keine Strafe vorgesehen; sie verachten nur den „Unmoralischen.“ Die Verachtung ist also keine Strafe?! So, so. Es kommt noch gut!

—————

Mit der Moralität, d. h. der „moralischen Aufführung“ der Moralisten sieht es geradezu höllisch aus.

Man sehe sich nur in der Welt um! Was thun sie, die Moralisten? Geheim oder öffentlich handeln sie gegen ihre Moral.

„Du sollst nicht stehlen!“ predigt der Erste, und er stiehlt selbst. – „Du sollst nicht tödten!“ ruft der Zweite, uns er tödtet selbst. – Und so weiter! – Die anarchistischen Moralisten bilden durchaus keine Ausnahme. Die Einen vögeln arme Mädchen, was nach der Anarchistischen Moral unmoralisch ist, denn der Wunsch, Prostituirte zu sein, ist mit dem anarchistischen Princip nicht vereinbar! Andere spielen den Kapitalist, was vielleicht mit einer kapitalistischen Moral harmoniren mag, aber mit derjenigen von Kropotkine nicht!

Warum also Moral predigen, wenn man selbst nicht nach ihr lebt???–

„Die Dummen werden nicht alle,“ sagt die Fama; aber auch wird der geistige Schlaf nicht ganz überhand nehmen!

—————

Die Moral und die Vernunft für das Gleiche erklären, heisst den Esel am Schwanz aufknüpfen, heisst Feuer und Wasser für identisch erklären. Während Vernunft das Resultat logischen Denkens darstellt, ist Moral – wie man sieht – ein Produkt des Blödsinns und der Betrügerei – ein Produkt der Sophistik!

Es ist selbstredend, dass trotz aller Aussetzungen Wahrheit in einer Moral enthalten sein kann, gerade wie im Gesetz, oder in der Bibel; solche Ausnahmen vermögen aber nie und nimmer den wahren Zweck zu verdunkeln!!!

—————

Genug Moral! Zum Teufel mit ihr!

Platz für Freiheit, der Mutter, nicht der Tochter der Ordnung!

Anarchie verlangt die Abwesenheit aller Herrschaft – auch derjenigen der Moral!

[Der Communist. Eigenthum ist Diebstahl. Nummer 7. Mai 1892]


MORALISTEN.

-°-

Ich weiss nicht, wen ich heisser als sie hasse: Die Moralisten
– diese Heuchlersippe! Sie sind wie Wachs, wo ich sie auch
erfasse, und lachend spotten sie der schärfsten Klippe.
Wo die Natur schreit, seht Ihr sie beschwichtigen!
Wo Wahrheit redet, lächeln sie voll Hohn!
Sie haben überallaus Worten, nichtigen, aus halben Lügen
sich erbaut den Thron.
Wo wir sie endlich ganz zu fällen trachten, und mit Verachtung
sie zu treffen wähnen, da steh’n sie lächelnd. „Wie?
Wer kann verachten uns, welche alle ‚Guten‘ doch umlehnen?“
O diese Selbstbewussten! Wann kehrt endlich die eigne
Lüge gegen jene sich, und klafft-für alle plötzlich g a n z
verständlich-aus Tagen auf, von denen Wahrheit wich?!-

[Der Communist. Eigenthum ist Diebstahl. Die Organisatoren und Moralisten sind die Erzfeinde der Menschheit. Nummer 9., Juli 1892]


An alle Moralisten und moralischen Leute:

—:o:—

(Übersetzt aus dem Chinesischen.)

—:o:—

KUND UND ZU WISSEN ;

dass der Communist nach wie vor auf alle und jede Moral scheisst; ja er scheisst auf die Moral, nicht weil er den Dreck liebt, sondern weil er den Dreck nicht liebt. Der Communist hat genug von dem Dreck der sog. „anständigen“ Leute. Es ist Zeit, morallos, unmoralisch zu werden! Ist es die Gewalt der Kanonen und Bajonette allein, welche die Proletarier in der Sklaverei hält! Nein, es ist vor Allem die Moral: der Glaube an das Heilige! Nie wird ein Mensch frei werden, solange er ein Sklave der Moral ist. Es ist schrecklich genug der Knecht eines thatsächlichen Herrn zu sein, aber noch trauriger ist es, ein Knecht der Moral zu sein: ein Sklave einer Einbildung, ein Sklave seiner selbst, ein Sklave des Wahnsinns. Ein Knecht der Sittlichkeit; ein Opfer der Sittlichkeit! Warum sollte irgend Jemand auf die Freuden des Lebens verzichten? Warum sollen wir das Heilige, das Sittliche, das Moralische verehren, und ihm zum Opfer fallen? Was ist denn das Heilige, das Sittliche, das Moralische? Nichts anderes als Einbildung, Illusion, Besessenheit, Narrheit, Wahnsinn! Wohl haben die moralischen, sog. Respektablen Leute eine Unzahl Knechte zur Bekämpfung der Unmoralischen, z. B. Polizei, Militär, Gerichte, Gefängnisse, etc.; wohl wird der Unmoralische von „repektablen“ moralischen Leuten verabscheut; aber trotzdem ist die Moral im Wanken: ein grosser Theil der sog. „anständigen“ Leute handelt selber gegen die Moral, aber geheim, sie predigen öffentlich Wasser und trinken heimlich Wein. Die Meisten von Diesen sind nichts anderes als gemeine Heuchler zum Zwecke der Unterdrückung. Um unmoralisch zu sein, ist es jedoch heute noch nöthig, unmoralische Thaten im Geheimen zu begehen; denn öffentlich unmoralisch zu sein, heisst Ruin für den Betreffenden. Ergo: warum sollten wir, um keine Knechte der Moral zu sein, nicht lügen, wenn es für uns wünschbar ist? Die Moral kann nicht durch Opfer besiegt werden, sondern sie muss untergraben werden, sie muss ohne Erbarmen meuchlerisch erlegt werden, – ohne Erbarmen, wie sie auch kein Erbarmen ihren Knechten gegenüber hat. Vorwärts! denn die Moral ist mindestens so ekelhaft wie ein Haufen frisch geschissener Dreck. Rümpft nur eure Nase hierüber, ihr „anständigen“ Leute, nur zu, – und bleibt noch länger Knechte der Moral. Diejenigen aber, die frei sein wollen, mögen sich gesagt sein lassen, dass [sie] gut daran thun werden, zuallererst ihren Hirnkasten von dem Spuk der Moral zu befreien. Und merkt euch, Proletarier, dass ihr nicht nur Knechte, sondern auch Tyrannen seid, solange ihr auf dem Wege der Moral wandelt, und dass ihr darnach behandelt werdet; denn ein Tyrann ist Tyrann, ob er in Seide oder Lumpen gekleidet ist. Die Freiheit verlangt nicht nur die Abwesenheit der Herrschaft des Eigenthums, sondern auch die Abwesenheit der Herrschaft der Moral. Es ist Zeit, das Menschheit von dem Druck der Moral befreit wird! Es ist Zeit dass ALLE Schranken fallen, welche die Menschen bis heute verhinderten, ALLE Freuden und Vergnügen zu geniessen! Vorwärts! denn es diejenigen., die im Elend kriechen, haben lang genug gewartet.

Aus: Der Communist No. 17.]


Der Spuk.

–:o:–

(Uebersetzt aus dem Chinesischen.)

——:o:—–

Komisch genug ist das Bild, das uns von den moralischen Anarchisten geboten wird. Diese Leute haben die Religion für einen Wahnsinn und Schwindel erklärt; und dieselben Leute gehen hin, und etabliren – eine neue Religion: die anarchistische Moral. Sie behaupten zwar, ihre Moral hätte mit der Religion nichts zu thun. Sehr richtig; denn die Moral beschäftigt sich mit – nichts, weil sie ein – Spuk ist. Es sind die Menschen, welche sich mit ihr beschäftigen. Nichtsdestoweniger ist die Moral eine Religion. Sie ist auf die Idee des Opfers basirt. So sagt auch Kropotkine:

„Kämpfe, um auch den Andern dieses reiche sprudelnde Leben zu erlauben,“

[nun kommt die Verheissung des Paradieses]

„und sei sicher, dass du auf keinem andern Wirkungskreis so grosse Freuden und Genüsse findest, die mit diesen zu vergleichen wären.“

Haben wir hier nicht den Pfaffen, der uns sagt: „Thue den Andern, was du willst, dass dir in ähnlichen Umständen zu Theil wird.“

Weiter meint Kroptkine, dass wir das „Recht“ (den Spuk) haben, einen Tyrannen zu tödten, „weil wir verlangen, dass man uns erschlage wie ein giftiges Thier, wenn wir in Tonkin oder bei den Zulus eindringen, die uns nie etwas zu Leid gethan haben.“

Welcher Sparren! So ich also in der Position eines Tyrannen nicht ermordet werden möchte, so würde die „Anarchistische Moral“ es für ein „Unrecht“ erklären, wenn ich dennoch einen Tyrannen zum Teufel spedirte.

Gott! wie talentvoll sind uns’re Leut‘!

Kropotkine ist gewiss ein intelligenter Mann, aber von dem Sparren der Moral hat er sich noch nicht befreit, er ist noch religiös.

Die Christen sagen: Gut ist, was Gott gefällt. Die anarch. Moralisten: Gut ist, was der [Anm.d.S.: menschlichen] Rasse nütz. Oh du heiliger Spuck! Alles ist an sich weder gut noch schlecht. Gut und schlecht sind nur Prädikate, welche man den Dingen ertheilt. Bedauerlich, dass die Menschen noch nicht so weit sehen! Sie möchten sich doch ein Fernrohr anschaffen!

[Der Communist. Eigenthum ist Diebstahl – Diebstahl ist Eigenthum. No. 18. 3. Jrg. (1894, Sommer)]


AUFRUF!

An die Jungen, die noch nicht hoffnungslos der Moralseuche zum Opfer fielen, und noch nicht zum willenlosen Knecht der Organisation herabsanken!

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Schon seit Jahren ertönen stimmen der Unzufriedenheit gegen die Moralisten und Führer in der anarchistischen Bewegung. Natürlich versuchten die „e h r b a r en Anarchisten,“ diese Stimmen der „e h r l o s e n Anarchisten “ zu ersticken. Heute aber sind die “ unehrenhaften Anarchisten “ dermassen angewachsen, dass es den Moralisten zu gruseln beginnt !

Der Lump Merlino faselte jüngst davon, dass man die anarchistische Bewegung von «unehrenhaften “ Elementen säubern solle. Doch die “ anarchistischen “ Autoritäten schwanken vor der i n d i v i d u e l l e n Erhebung. Die Stunde hat geschlagen für die Begrabung von Organisation, Comite, Moral, etc. Die Erkenntniss, dass die sociale Frage nicht durch Moral und Organisation gelöst wird, bricht sich Bahn.

Päpste, wie Merlino und Most, haben sich gegen die individuelle That gewendet ; aber die Pfaffen finden kein Gehör mehr ! Bald werden sie die Zielscheibe für das Gespött des Volkes sein !

Solche Päpste scheuten sich als Anarchisten nicht, den blödsinnigen Anbetern Bourgeois-Titel als leckre Speise vorzulegen. Man höre : Fürst Kropotkine ! Baron Pespy ! D o c t o r Merlino ! C a p i t a n Darnaud ! Es fehlt nur noch ein König !

Mit solchen Mittelchen machen die “ moralischen Anarchisten “ ihre Propaganda.

Ist dies nicht thatsächlich eine Propaganda für den offenen Blödsinn???

Wie lange wird es noch Esel geben, die einen Prinzen , Baron , Capitaen oder Doctor anbeten?

Zum Teufel mit diesen Gesindel!

Als Ravachol seine letzten Thaten ausführte, da setzten sich die Moralisten gleich ans Werk, den Bannfluch gegen diesen Mann zu schleudern. Warum? Ravachol war Schmuggler, Expropriateur, Einbrecher, Mörder, etc. Er kümmerte sich nicht um Ehre, Moral, Organisation, etc. ; er handelte selbstständig ! Dies erklärt, dass er keinen guten Anklang fand bei den Organisatoren und Moralhelden, welche glauben, dass ein Jeder erst ihre Erlaubniss haben müsse, bevor er handeln dürfe.

Hätte Ravachel den Ertrag seiner Expropriationen an die Moralisten und Organisateure abgeliefert, dann wäre er wohl ein “ ehrbarer Mann “ gewesen ! Aber Ravachol war durchaus kein zahmes Schaf ! Er, der die Moneten erkämpfte, wusste auch, was er damit zu thun hatte ! Er hat die Moralisten und Organisatoren auf der Seite liegen lassen.

Ein Organisateur sagte in L’Homme Libre, dass Ravachol die Bourgeois erschrecke, und dass er ein Spitzel wäre, weil falsches Geld machte.

An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen !

Hier sind solche Früchte : Sie wollen uns verbieten, falsches Geld zu machen ; sie wollen uns verbieten, die Bourgeois zu erschrecken.

Diese Moralisten und Organisatoren verdienen, in erster Reihe dynamitirt zu werden.

Ist es nicht elend, gegen die Dynamit-Explosionen einzuwenden : „sie erschrecken die Bourgeoié“; während wir Arbeiter zu jeder Minute von den Bourgeois mit allen Arten Elend überschüttet werden ?

Es ist ein absolutes Recht eines jeden Unterdrückten, gegen die Tyrannen zu kämpfen, nicht nur mit der Zunge, sondern auch mit Dynamit; aber es ist nicht seine Pflicht, Niemand hat ihm dies zu befehlen !

Jeder Einzelne gehört sich selbst an; und es giebt NICHTS, das ihm gerechterweise befehlen darf. Der Wille der Mehrheit selbst steht nicht höher als das Individuum, dessen Rechte immer dauern!

Die Anarchisten haben schon längst erkannt, dass die

Representativ-Regierung Tyrannei ist,

von der Monarchie nur durch die Form verschieden.

Das Comite, was ist es anders ? ? ?

Und die Organisirten, was sind sie andere als die Beherrschten? ? ?

Man sehe sich nur die Gewerkschaften an. Sobald sie stark genug sind, tyrannisiren sie den Einzelnen in dem gleichen Maasse, wie der Staat.

Merlino und gewisse Seelen vom Londoner Freedom hatten diesen Winter in Versammlungen versucht, die Anarchisten in den Gewerkschafts-Sumpf zu ziehen. Hier sehen wir, was diese Tröpfe wollen. Auch Most u. A. gehören zu diesem Pack.

Wir wollen aber frei sein, auch frei von der Herrschaft der Organisation. Darum:

Hinaus aus der Organisation, hinaus aus den Gewerkschaften, hinaus aus den Vereinen und Clubs.

Wenn es zur Ausführung einer Idee die Hilfe einer Organisation oder eines Comite bedarf, dann ist diese Idee eine tyrannische ; eine anarchistische Idee bedarf in keiner Beziehung der Organisation und des Comite ; eine anarchistische Idee ist verloren, sobald sie einer Organisation anvertraut wird.

Alle Spatzen auf den Dächern pfeifen, dass die Moralisten ihre Moral NICHT halten.

Sie predigen Moral, um zu betrügen.

Darum fort mit der Moral,

Und lasset dem Menschen sein Gehirn unverpappt.

Man wird uns ehrlos nennen. Wohlan ! Unser Ziel ist nicht die Ehre, und nicht die Moral, sondern die ANARCHIE.

Wir fordern Alle auf, sich von den Demagogen, den Moralisten und Organisatoren, loszumachen, und

auf eigenen Fuessen zu stehen.

Scheisse Jeder auf die Gesetze, auch auf die Statuten, welche ebenfalls Gesetze sind. Scheisse auch Jeder auf jenes ungeschriebene Gesetz, welches Moral heisst, und zusammengesetzt ist aus Aberglauben, Lüge und Blödsinn, etc.

[Der Communist No. 9]


ZUR SOLIDARITÄTS-PHRASEREI!

Solidarität wird heute – speciell von “anarchistischen” Pfaffen – mit Hochdruck gepredigt, – aber – – – sehr wenig geübt. Wenn man sich in gewissen Kreisen in eine Discussion einlässt, so ist man in kurzer Weile von einer Süssigkeits-Duselei umschwärmt, dass man sich fast in einem Irrenhause zu befinden glaubt. “Solidarität,” so wird man belehrt, “ist die erste und letzte Triebfeder der menschlichen Handlungen. Die Menschen kennen nur die Gesellschaft, sich selbst nicht. Der Egoismus ist nur eine unnatürliche Ausnahme, die man immer verabscheuen muss.” Mit einer kunstgewandten “moralischen Entrüstung” wird dann dem Egoismus auf’s Fell gerückt, worauf eine Fluth von Solidaritäts-Phrasen angeschwommen kommt, dass es bei den Engeln im Himmel*) nicht prächtiger sein kann.

Aber die Solidaritäts-Phraserei ist nur zu oft Lüge! Wenn es Solidaritäts-Phraseure giebt, die zu Hause leere Zimmer haben, und verhetzte, arbeitslose Genossen während der Nacht auf der Strasse herumbummeln lassen, dann steht es gewiss schlecht mit der Solidarität!

Solidarität wird von den Herren Organisatoren immer denjenigen zu Theil, die mit hochwissenschaftlichen Phrasen, und mit glatter Zunge aufzuwarten verstehen. So lange einer zu allem “Ja” sagt, und pflichtgetreu jeden Dreck beichtet, wird wohl noch etwas Solidarität gezeigt. Aber derjenige, der seinen eigenen Weg gegangen, ohne die Erlaubniss des Comités, – und einmal in eine kritische Lage kommt, in welcher er Hülfe bedarf, der hat traurige Aussichten; denn die Herren Organisatoren müssen erst in jede Kleinigkeit eingeweiht sein, und dieselbe für moralisch befunden haben, bevor ihr Solidaritätsgefühl ein Lebenszeichen von sich giebt. In den Einzelnen setzen sie kein Vertrauen, aber alle andern sollen ihnen ihr Vertrauen entgegen bringen! Ist dies nicht die Taktik der Schwindler? Demjenigen, der Andern nicht traut, demjenigen ist in der Regel selbst nicht zu trauen! Denkt ihr nicht so, ihr Herren Organisatoren und Moralisten?

In ihrer Heuchelei kommen diese Solidaritäts-Phraseure soweit, dass sie die Theorie der individuellen Expropriation ganz und gar verwerfen, indem sie sagen, die Solidarität sei bei den Genossen gross genug, damit Keiner der Anarchisten aus Noth zu stehlen nöthig hätte. Und dennoch ist es absolut nichts ungewöhnliches, dass man Genossen antrifft, welchen das Allernothwendigste mangelt. Diesen aber wollen die moralischen Herren verbieten, zu “stehlen” (sic!), indem sie schliesslich erwähnen, dass die Anarchisten durch ihr “Stehlen” die Ehre vor der ganzen Welt verlieren würden.**) Ein Anarchist aber, welcher weiss, was Anarchie heisst, der scheisst auf die Ehre, der kümmert sich einen Teufelsdreck darum, ob man ihn ehrenhaft, moralisch, etc. nennt oder nicht! “Aber der Propaganda willen.” So sprechen die Herren Organisatoren, die nur viel “Mitglieder” haben wollen, um sich als Führer aufzuspielen. Diese Herren sind nur zu gut erkennbar. Sie schmieden die Pläne, schicken aber andere zur Ausführung; und nachher brüsten sie sich mit den Opfern, welche sie verursacht haben.

Sogar gegen die “Faulenzer” (sic!) richten diese Schmierfinken ihre schmutzigen Speichelwerke. Diese elenden, hundsgemeinen Lausbuben laboriren augenscheinlich an einer “tüchtigen Organisation.” Wer “faul” ist, wird einfach herausgeschmissen aus der Organisation; die Solidaritäts-Beträge sind ausschliesslich an das Comité abzuliefern; wer irgend eine Handlung, sei es nun ein Dynamit-Attentat oder auch nur die Verbreitung eines Flugblattes, vorzunehmen gedenkt, hat dies dem Comité zur Prüfung vorzulegen; das Comité stellt die “Rechte” sowie die “Pflichten” der “Mitglieder” fest; wer unmoralisch ist, hat sich vor dem Comité zu verantworten, etc. Diese saubere Richtung ist aus dem Treiben verschiedener Hallunken zu ersehen; insbesonders aus verschiedenen Articeln in La Révolte, L’Homme Libre, in Papst Most’s “’Herzens-’Ergüsse” u. a. m. in der Freiheit, sodann auch aus dem Anarchist und der Autonomie.

L’Homme Libre hat seine “Gesinnung” anlässlich Ravachol’s Dynamiterei zu offen ausgesprochen, als dass man auch nur noch einen Augenblick im Zweifel sein könnte. Der Hochdruck, den er damals auszuwirken suchte, war “leider” erfolglos, und die edle Absicht, die anarchistische Bewegung zu corrumpiren, war missglückt. Unter anderen hat auch der saubere Organisateur Merlino seine nobeln Ansichten ziemlich genau gezeigt, als er sein feines Manifest, in welchem er “den Communismus mit dem Collectivismus vereinigen” wollte, der Autonomie zur Veröffentlichung gab. In einer Versammlung wurde diesem Dreck sein richtiger Weg angewiesen.*)

Und nun: Wie es mit der Solidarität einem tüchtigen Genossen gegenüber steht, das hat unter anderem auch die Ravachol-Affaire gezeigt. Es wäre gewiss nicht zu schwierig, solche “Anarchisten” zu finden, welche einen Mann wie Ravachol der Polizei überliefern würden. (Beweis: Siehe das Sauhundsblatt L’Homme Libre.)

Dies ist eine kuriose Solidarität; es ist die Solidarität mit der Autorität!–––––

Wehe Dem, der von diesen Finken irgend etwas annimmt; er kann dies dann Jahre lang hören, ganz besonders, wenn er einmal eine selbständige Meinung hat, welche den Herren nicht in den Kram passt.–Gehört dies in’s Gebiet der Solidarität, oder in dasjenige der Heuchelei, des Meinungskaufes, der Pharisäerei und der Autorität????????–Die Antwort liegt nicht weit entfernt.

[Der Communist. Eigenthum ist Diebstahl. Nummer 8. Juni 1892]

*)Wenn es überhaupt einen Himmel mit Engeln darin giebt. [Anmerkungen des Setzers des Communist]

**)Und besonders die Ehre bevor den moralischen Anarchisten. [Anmerkungen des Setzers des Communist]

*)Natürlich ist diese Schmierbroschüre von der päpstlichen Organisation [gemeint ist Johann Mosts Freiheit] gedruckt worden, aber nicht von der Autonomie. [Anmerkung des Setzers des Communist]


Zum Kapitel der Menschenrechte.

An einem Tanzabend erklärte mir Jemand, dass, wenn ich mich nicht von einem Bourgeois ausbeuten lasse und in Folge dessen nicht arbeite, ich ein Parasit (Schmarotzer) an der heutigen Gesellschaft wäre.

Diesem Genossen will ich hier kurz antworten:

Wer ist ein Parasit? Meiner Ansicht nach ist es nach allgemeinem Verständniss derjenige, welcher auf Kosten Anderer lebt! Und nun, wer lebt auf Kosten des Andern, ich oder die Gesellschaft?

Von den ersten Spuren meines Lebens hat die Gesellschaft nach mir gehetzt. Als ich noch ein Kind im Leibe meiner Mutter war, da hatte schon die Schandgesellschaft des 19. Jahrhunderts nach meinem Leben getrachtet: Meiner Mutter hat sie ein nicht zu verachtendes Quantum Speise, Trank, Luft, Wasser, Wärme etc. gestohlen, und somit auch mich verfolgt! – Während meiner Kinderjahre hat mich die nette Gesellschaft in die Schule gesperrt, hat mir dadurch meine Zeit gestohlen, meine Freude geraubt, mein Gehirn gefoltert und verkleistert und meinen Körper geprügelt! Aus der Schulgefangenschaft entlassen, hat mich die Gesellschaft ausgebeutet, mein Land gestohlen, mein Erbe an anderweitigen Produktionsmitteln geraubt! – Käfer, Läuse, Fliegen, Wanzen, Mücken, Flöhe (dies sind Parasiten), solch hübsche Kameradschaft hat mir die Gesellschaft geschenkt! –

Und nun, Kreuzdonnerwetter! Wer ist der Parasit? Ich oder die Gesellschaft? Wer?

Ist es überhaupt möglich, dass ich soviel zurücknehmen kann, wie mir die Gesellschaft genommen hat? Wo ist der Ersatz für meine Leiden, wo derjenige meiner Mühe, wo der Ersatz für meine Kinderjahre, die mir die Schurkengesellschaft in brutaler Weise vergällte?

Wie kann ich diesen Raub zurücknehmen? Wo ist der Maassstab?

Nichts giebt es, das gemein genug wäre, mich an dieser Raubgesellschaft zu rächen! Die Verweigerung der Frohndienste und die Zurücknahme von Lebensmitteln wäre total unbedeutend. Immerhin ist dies das beste Recht des bestohlenen. Ja, wenn ich an eine Pflicht glaubte, würde ich sagen: es ist meine Pflicht, zurückzunehmen. Doch Nein! Mehr: Tod jenem dicken Parasit!

Mit Faulenzer bezeichnet man heute denjenigen, welcher die Arbeit nicht mehr fortsetzen will. (Den Reichen bezeichnet man gewöhnlich nicht als einen Faulenzer; vielleicht weil er die Fäulniss ist.) Der Proletarier empört sich aber gegen die Arbeit, weil sie für ihn Sklaverei bedeutet. Dies ist ganz natürlich. Man wird lange suchen können, bis man einen Menschen finden wird, der die Arbeit refüsieren wird, weil sie ein Vergnügen ist; wer dies bestreitet, bestreitet auch, dass es heute Faulenzer giebt; wer diese Ansicht theilt, der kann nur Sympathie haben für den Menschen, den man heute Faulenzer nennt.

Und angesichts solcher herzzereissender Fakten giebt es noch solche Menschen, die mir Moral predigen wollen, mich einen Parasiten nennen möchten, wenn ich nicht um den Preis der Sklaverei arbeiten wollte, um meine eigenen Fesseln zu schmieden. Trotzdem das Zurücknehmen mit dem Gleichheitsprinzip vereinbar ist, hört man immer noch von Diebstahl sprechen. Für einen Anarchisten sollte es doch klar sein, dass ein Proletarier einem Bourgeois nichts stehlen kann; er kann nur nehmen, auf was er ein natürliches, mit dem Gleichheitsprinzip vereinbares Recht hat. Dass selbst Kropotkine in „Encore la Morale“ noch von „stehlen“ spricht, wo es sich eigentlich um expropriiren handelt, ist jedenfalls nicht wissenschaftlich. Doch, – wir wollen in Bezug auf diesen Punkt nicht lange streiten; „La Révolte“ hat in einer ihrer letzten Nummern eingelenkt und sagt im ersten Artikel: „…alle unsere Sympathien sind mit jedem – kollektiven oder individuellen – Empörungsakt…“

Was will man mehr? – – –

Dies stimmt allerdings mit den Moralartikeln in „La Révolte“ nicht. Aber was kümmert sich das Recht um die Moral?

Die Moralen ändern; das Recht aber bleibt ewig!!

Ein Faulenzer.

[Die Autonomie. Anarchistisch-communistisches Organ. No. 194. VII. Jahrg. London, den 16. Juli 1892]

Anarchistische Zeitung aus München