Fragmentarische Notizen gegen die Justiz

Ursprünglich veröffentlicht in „Die Erstürmung des Horizonts“, zweite Ausgabe Mai 2016.

I

Was ein zwischenmenschlicher Konflikt, ein Konflikt zweier gegeneinander laufender Interessen ist, wird zu einem Konflikt, der zwischenmenschlicher Natur war. Das passiert aus dem einfachen Grunde, weil eine dritte Partei die Manege betritt. Dieses Dritte, ein Schiedsrichter, nimmt den Akteuren den Konflikt aus der Hand, entscheidet nicht nur für sie, sondern entreißt ihnen sogar die Verantwortung über die Regeln, wie der Konflikt zu führen ist, und gibt das Spielfeld vor, das nicht übertreten werden darf, weil die beiden Kontrahenten Subjekte des Staates sind und seine Ideologie vertreten oder ihr unterworfen werden. Und so ist der Schaden gegen den einen durch den anderen nicht mehr die Sache des Geschädigten und des Schädigers, stattdessen wird das eigentliche tatsächliche Interesse, das geschädigt wurde, in den Hintergrund gerückt, und durch den Staat stattdessen das Geschütz des Gesetzes aufgefahren. Und gegen den Schädiger wird nicht mehr als tatsächlichen Schädiger eines Interesses des anderen vorgegangen, sondern als bloßer Verbrecher an einer Ordnung, die von oben das Miteinander der Menschen bestimmt. Er wird ein Verbrecher durch ein Übertreten seiner Pflichten als Subjekt des Staates, durch ein Übertreten eines Gesetzes und damit dem Verletzen des einzigen gültigen Interesses, das des Staates nach Eigenerhalt und Fortdauer, durch die Expansion seiner Macht, Herrschaft und Undiskutierbarkeit seiner Bedingungen. Deswegen wird in einem Gericht immer auch die Allmacht des Staates verhandelt, gepredigt, bewiesen und der Glaube daran injiziert. Der Staat ist der Einzige in dieser Welt, der seine Subjekte schädigen darf. Weil jede Selbstermächtigung eine den Staat übergehende Handlung ist. Also wird aus einem zwischenmenschlichen Konflikt ein juristisches Verfahren, ein Prozess mit einem Tatbestand der Verletzung irgendeines staatlichen Interesses, das mit dem ursprünglichen Konflikt oder geschädigten Interesse nichts zu tun hat und bei dem die konkreten Kontrahenten zusehen müssen, wie ihre in Konflikt geratenen Interessen durch andere (Definitionen) ersetzt werden, andere (Spezialisten) für sie zu reden, anzuklagen, zu verteidigen beginnen und diese armen Teufel müssen beiwohnen, wie auf ihrer beider Rücken die Herrschaft an ihrer Verfestigung durch Abschreckung, Reintegration, Vereinnahmung und Verzerrung arbeitet.

II

Wenn wir einen Ansatz finden wollen wie man mit Interessenkonflikten (in der staatlichen Sprache: Vergehen) umgeht ohne auf die Justiz und ihren Zwangsapparat zurückzugreifen, dann muss es ein erster Schritt sein zu begreifen, dass die meisten Vergehen erst durch die Existenz der heutigen Ordnung entstehen und durch die autoritäre Organisation durch Zwang reproduziert werden. Erst Eigentum (also die Umzäunung und damit Trennung der Menschen von den Mitteln, die sie zum Leben benötigen) macht die Existenz von Diebstahl möglich, aber auch notwendig. Entgegen der, auch unter einigen Anarchisten verbreitete Annahme, Eigentum sei Raub von jenen, die davon ausgeschlossen werden – auch wenn es stimmt, dass an der Ausbeutung Vieler Wenige verdienen –, muss dafür aber als Voraussetzung und Bedingung die Einwilligung der Vielen vorhanden sein. So ist, wie Max Stirner sagt, Grund für die Existenz der Reichen der Arme selbst; weil die Ausgebeuteten, Armen und Ausgeschlossenen den Reichen unberaubt lassen.
Gegen einen Menschen Gewalt anzuwenden ist immer ein autoritärer Akt, unabhängig davon ob der Staat oder ein Einzelner handelt und unabhängig von der Berechtigung, die man glaubt zu haben jemand anderen zu unterdrücken, ob man nun bestraft im Sinne des Gesetzes oder einer persönlichen Lust nachkommt oder unbegründet andere unterdrückt. Damit wird man zum Feind von Freiheit und Individuum. Die Erziehung durch Autorität, zu Autorität und die Einordnung in Hierarchien pflegt den nahrhaftesten Boden für genau derartige Handlungen der Macht und dadurch Gewaltausübung gegen Menschen, vornehmlich gegen jene, die sich in derselben Hierarchie „weiter unten“ ansiedeln. In anderen Worten, Gewalt kann der Kompensation von erlittener Gewalt dienen. Also Ausübung der Macht aufgrund dem Erleiden von Macht am eigenen Körper, der mangelnden Macht über sich selbst, statt offener Revolte gegen jene und jede Unterdrückung. Das ist das Handeln zu dem wir erzogen werden, das ist die Logik ganz im Sinne einer zur Autorität erzogenen Person, die sich gegen die anderen richtet um der Selbstbehauptung willen und dem Fühlen von Machtposition. Eine autoritäre herrschaftsliebende Person befiehlt nicht nur gern und tritt nicht nur nach unten, sondern buckelt auch nach oben und ist gehorsam.
In diesem Sinne unternimmt die Justiz, schon durch ihre Struktur, durch ihre Institutionalisierung, also durch das Entreißen der „Tat“, des Gegenstandes aus den Händen der Kontrahenten und somit des Kontextes, das Festlegen des Umgangs mit sogenannten Vergehen. Durch das damit einhergehende Aufgeben der eigenen Verantwortung und der eigenen Auseinandersetzung, eigentlich auch jeder direkten Kommunikation und damit auch eines möglichen Beilegens oder Beseitigens der Umstände, die ein „Vergehen“ begünstigen. Ohne hier die Umstände für das Handeln und den Willen der Einzelnen verantwortlich machen zu wollen. Die Justiz ist der Apparat, der für die Drecksarbeit zuständig ist, die sie selber produziert. Sie legitimiert sich also selbst, indem sie die Logik der Rache, des Ausgleichs durch Bestrafung, verbreitet und mithilfe des Staates und seiner Schergen durchsetzt.

III

Keine unserer Handlungen ist rein reflexhafter Natur, vielmehr sind sie in Praxis umgesetzte Ideen und Pläne oder eine mehr oder minder bewusste, d. h. reflektierte Entscheidung, die mal mehr oder weniger äußeren Einflüssen folgt, und damit Teil eines jeden Menschen ist, weil uns alles andere zu Maschinen degradieren würde. Wir handeln also als Reaktion auf einen äußeren Reiz oder verfolgen die Verwirklichung unseres freien Willens. Und somit hat jede Handlung, egal wie abscheulich sie auch sein mag, ihre Berechtigung, weil sie Teil eines Individuums ist. Selbst wenn sich die Handlung gegen die Existenz oder Freiheit eines anderen Individuums richtet, und damit dieses Individuum sogar leugnet und seinen eigenen Willen verneint, hat der oder die handelnde Einzelne seine oder ihre Berechtigung zu handeln. Daran, aber nur daran ändert auch die Tatsache nichts, dass die Handlung oder der Wille Macht ausübt, herrschen will und unterdrückerisch ist. Es kann nichts verboten werden. Niemand kann jemand anderem etwas untersagen. Niemand kann etwas jemand anderem erlauben. Aber, indem man die Berechtigung anerkennt, erkennt man auch den Handelnden als vollständig verantwortlich für sein Handeln an, was dabei aber eben nicht bedeutet die Handlung und ihre Folgen zu akzeptieren, gutzuheißen, zu vertreten oder ertragen zu müssen. So wie die andere eine verantwortliche Person ist, bin ich es auch. Das Individuum muss immer in den Zusammenhang mit seinem eigenen Tun und Schaffen gesetzt werden, nicht davon getrennt werden, weil es dieses ist, das wir letztens Endes als garantiert erleben. Das Gesagte und Gedachte unterscheidet sich oft vom eigenen Handeln.
Wenn jemand gegen mich, gegen meinen Willen und meine Freiheit vorgeht, ist das ein Angriff auf mich, ist eine Feindlichkeit gegen meine Selbstbestimmung. So ist das heute und morgen, so wird es sein, solange ich nicht alleine auf der Welt wandele. Jede Form, die Interesse hat mich zu beherrschen und über mich Macht auszuüben, vom Staat bis zum Einzelnen, generiert sich selbst als ein Feind meiner Freiheit, aber niemals ein Schuldiger eines „Verbrechens“. Nur ich selbst bin fähig meine eigene Freiheit zu gewähren und so muss ich gegen alles was ihr feindlich gesinnt ist auch so gegen sie verfahren.

IV

Aber im Gegensatz zu den verschiedensten Ideologien, für die der Mensch und seine Beziehungen zentral sind, denke ich, dass es kein Wesen im Innern jedes Einzelnen gibt, das zu jedem Zeitpunkt unbedingt vorhanden ist und sein Schaffen beeinflusst. Gewalt taucht überall dort auf, wo es Gemeinschaften gibt, unter den unfreiweilligsten Gemeinschaften in Form von unterdrückender Gewalt aber auch befreiender Gewalt, auch auf zwischenmenschlicher Ebene, selbst in den freisten Gemeinschaften mit ihren freisten Individuen taucht Gewalt auf. Weil es immer Interessen geben wird, die sich widersprechen und ausschließen oder einfach nicht mehr kombinieren lassen. Das Ende der Gewalt, den Einklang der Interessen, die absolute Harmonie kann nur jemand versprechen, der das Warten auf den Himmel predigt und die Furcht vor der Hölle beschwört; soll heißen, in religiöser Manier die Selbstaufopferung im Heute verlangt, im Ausgleich für die Erlösung im Morgen. Das bedeutet also, dass diese Illusion nur jemandem anheim sein kann, der die Auflösung aller Individualität zugunsten von etwas Höherem fordert, wie den einen Staat, den Kommunismus als gemeinsamer Besitz aller Produktionsmittel, oder an das Aufgehen der Individuen im Göttlichen. Also: diesen Ideologien liegt nicht das Individuum und sein Wille zugrunde, sondern etwas anderes, eine Idee zu der die einzelnen Menschen nur im Verhältnis stehen und gedacht werden. Da wird im wahrsten Sinne des Wortes das Blaue vom Himmel runter geredet. All diese Regelwerke und Richtlinien auf dem Weg zur Utopie, die somit entstehen, ersetzen das Tun-Wollen durch ein Tun-Sollen. Der Staat und seine Anhänger machen das anders herum, der entwirft ein regelrecht düsteres Menschenbild, um sich selbst als ordnende Instanz zu legitimieren und versucht die verschiedenen Interessen der Einzelnen zu kanalisieren, umzuformen und in eine Richtung zu lenken, die seine Autorität bekräftigt. Dadurch, dass er die Interessen der Einzelnen durch übergreifende, höhere Interessen oder Ziele ersetzt, rückt er die Gegensätzlichkeit von Staat und Individuum in den Hintergrund und schafft somit eine Art Befriedigung und oberflächliche bzw. kontrollierte Gewaltförmigkeit (Befriedung) im Namen eines höheren Wohls.

V

Die Justiz verdächtigt jeden Menschen als böse oder zumindest den Interessen des Staates und der Autorität – und das schließt kapitalistische Interessen mit ein – feindlich gesinnt, aus dem einfachen Grunde, weil individuelle Zwecksetzungen und Rationalität der des Staates meistens entgegengesetzt sind, sonst bräuchte sie nicht zu existieren. Die Annahme, die Auflösung der Eigentumsverhältnisse birgt die Erlösung von allen Problemen, unterstellt dem Menschen das Gute, als sein Wesen an sich und macht seinen Willen abhängig von äußeren Bedingungen und damit wiederum zu willenlosen Maschinen. Die Behauptung die Justiz ist notwendig weil sie als Einzige das (friedliche) Zusammenleben gewährleisten kann, entspringt der Vorstellung, das Wesen des Menschen sei böse und zu Herrschaft und Unterdrückung neigend. Der Mensch hat aber kein Wesen an sich. Jeder Mensch ist einzigartig. Und diese Einzigartigen suchen Umgang miteinander oder Isolation. Die einfache Erkenntnis, dass ein und der selbe Gegenstand zur gleichen Zeit Ziel der Interessen zweier Menschen sein kann, ist Grund genug für den Zweifel an dem effektiven Schutzt durch die Justiz und Grund genug dem Versprechen abzuschwören Gewalt sei „heilbar“. Der Glaube an die eigene Logik ist überlebenswichtig für jede Gemeinschaft, die auf Zwang basiert, also mit Gewalt durchgesetzt und zusammengehalten wird, weil sie nicht etwas sein kann zu dem sich die Menschen entschlossen haben und eine sich selbst stärkende Abgrenzung zu anderen Ideen und Vorstellungen ist. Eine Zwangsgemeinschaft entsteht nicht, weil diejenigen, die sie ausmachen, erkannt haben, dass sie ein Interesse teilen oder ein gemeinsames Ziel verfolgen.
Ein Individuum, das Verkehr mit anderen sucht, hat ein eigenes Interesse an dem Miteinander und deshalb auch ein Interesse an den damit zusamenhängenden Bedingungen, sofern es sie selbstbestimmt hat. Ein Individuum das für sich sein will, das Glück in der Isolation findet, wird jede Gemeinschaft, so selbstbestimmt sie auch sein mag, als Zustand des Zwangs erleben und mit ihr brechen. In einem freien Miteinander kann es nur diejenigen geben, die sich auf der Basis einer auf Eigennutz orientierten Gegenseitigkeit zusammenfinden. Die Justiz als eine dritte, die Gemeinschaft regelnde Instanz, verwandelt die Gemeinschaft so in eine allgemeine Zwangsgemeinschaft, auch wenn sie einige nicht als solche wahrhaben wollen. Die Justiz entspringt nur der Ideologie der Autorität, der Vorstellung einer notgedrungenen Hierarchie und Unterdrückung oder rechtmäßgien Herrschaft und dient auch nur deren Aufrechterhaltung und ist damit gegen die Freiheit der Einzelnen und der Kollektive gerichtet, die sich zusammenfinden wollen. Die Rechtfertigung für die Justiz und der Glaube ihrer Anhängerschaft baut auf einer Lüge auf, auf einem Widerspruch, der nicht zu entwirren ist. Einmal heißt es, ohne Autorität, die die Individuen von ihrem „natürlichen“ Weg auf den rechten Weg, den Weg des Rechts bringt, kann kein Friede existieren, weil ohne die Hierarchie, die die angeblich immer gegeneinander gerichteten Interessen und Egoismen unterdrückt, die Menschen jeden Zusammenhang lösen, die Fähigkeit verlieren zusammenzukommen und alles in Gewalt versinkt, und auf der anderen Seite kann Bestrafung nur existieren, wenn der Straftäter sich frei bestimmen kann, also einen Willen hat um sich zu entscheiden eine Handlung zu begehen oder zu unterlassen. Das alles ist Propaganda von jenen, die sich eine Welt ohne Autorität nicht vorstellen können, denen Freiheit Angst macht, weil sie auch für sie selbst die Welt und ihre unüberschaubaren Möglichkeiten öffnet und damit für das eigene Verständnis und Erkennen der Welt Unsicherheiten bedeutet, weil sie einen dazu auffordert die Grenzen des Vertrauten zu überwinden und für sich selber verantwortlich zu sein.

VI

Das Gesetz ist ein Regelwerk, das jeden Aspekt des Lebens bestimmt, es erlaubt in einer Situation nur eine gewisse Auswahl an möglichen Handlungen und somit Entscheidungen. Ebenso ist das Maß der Strafe, also der Umgang mit Überschreitungen im Vorhinein bestimmt, bzw. nur zu einem gewissen Grade frei nach dem Ermessen eines Richers und Staatsanwaltes. Ein Vergehen ist ein Vergehen, und das ist es unabhängig von der Person und ihrer sozialen Position, die es begeht. Gegenüber dem Gericht werden wir Ungleichen alle zu Gleichen, zu einer grauen Masse, die nur verwaltet werden kann, wenn davon ausgegangen wird, dass Menschen bloße Hülsen sind, die der Staat durch Erziehung füllt und formt und die hierarchische Verteilung aus Ausbeutung ausgeblendet werden, wir also trotz allen Widrigkeiten Bürger bleiben. Aber die Situationen in denen wir handeln sind so verschieden wie die Menschen und somit kann kein einzelnes Regelwerk, noch tausend nebeneinander existierende Regelwerke der Vielfalt der Einzelnen entsprechen und nur in der individuellen sowie kollektiven Unfreiheit enden. Das zu erkennen muss bedeuten auch über Würde und Selbstbestimmung nachzudenken. Wie und warum handeln wir? Und wer ist dann ein Staatsanwalt, dass er meine Einsperrung fordern kann? Wer ist dann ein Richter, dass er meine Einsperrung in Auftrag geben kann? Wie kann sich jemand dazu erdreisten, mein Verhalten zu beurteilen und zu verurteilen? Wer ist denn ein Gefängniswärter, dass er es wagt mich einzusperren? Wie kann jemand über mein Handeln sagen es hätte keine Berechtigung? Wer das tut, spricht mir meine Existenz, meine Würde, meine Freiheit und Selbstbestimmung ab, will mich als einen Untergebenen ansehen, einen Gegenstand ohne Willen.

VII

Wenn man von der eigenen Verwirklichung, Selbstbestimmung und Autonomie spricht, was vollständiges sich-selbst-Gehören meint, also über seine Gegenwart in allen Belangen verfügen zu können und damit seine Zukunft zu gestalten und seine eigene Geschichte zu machen, dann müssen wir auch den Umgang mit Interessenskonflikten miteinbeziehen. Heute delegieren wir diese Verantwortung an die Justiz. Als Bürger – das Subjekt des Staates – gehen unsere Freiräume soweit, dass wir um unseren Unmut gegenüber bestimmten Machenschaften des Staates äußern zu können, wir einen Spezialisten auf dem Gebiet der Gesetzeskunst anheuern, damit dieser in der Sprache des Gerichts mit anderen Spezialisten und Experten Angelegenheiten verhandelt, die uns betreffen. Wenn auf diesem Weg das Ziel nicht in greifbare Nähe rückt, ist es erlaubt zu protestieren und unseren Unmut lauter zu präsentieren. Hier endet nicht die Delegation, sondern geht weiter und zwar indem wir andere für uns reden lassen, sympathische Gesichter, die uns repräsentieren sollen und in unserem Namen/auf unserem Rücken ebenso wie im Gericht über unser Leben verhandeln und Kompromisse eingehen. All die Gewerkschaften, Spezialisten, Politiker, Juristen und all die anderen Experten übernehmen die Verantwortung einzelner Aspekte unseres Lebens, verhandeln diese und wir werden immer mehr zu initiativlosen Zuschauern. Sich selbst zu gehören bedeutet sich all diese Aspekte anzueignen und sich von jeglicher Delegation und Vertretung, die allesamt zur Politik (ob nun im Parlament oder davor) gehören zu verabschieden. Bedeutet, für Angelegenheiten, die gewohnter Weise im Gericht besprochen und mit Paragraphen begründet werden, einen direkten und unmittelbaren Umgang miteinander zu finden, den wir selbst festlegen und je nach Situation neu definieren.

VIII

Um sich unnahbar zu machen, verleiht sich die Justiz das Monopol auf die Durchsetzung der Gerechtigkeit. Sie nutzt die Illusion von Gerechtigkeit um von sich den Ruf der Notwendigkeit, als letzte Bastion vor der Ungerechtigkeit zu verbreiten. Die Ungleichheit und Hierarchie innerhalb der Verteilung, dem Zugang, der Möglichkeiten und der Macht, die in dieser Welt existieren, machen die Justiz der Sage nach notwendig um diesen Bedingungen entgegenzuwirken und sie ein wenig auszugleichen. So kann jeder – um mit den Begriffen der Justiz zu reden – in einer vollkommen „ungerechten“ Welt eine gerechte Behandlung fordern, ohne dass die „Ungerechtigkeit“ auch nur angetastet wird. Die Justiz scheint neutral zu sein, schützt stattdessen aber die Umstände, die diese Ungleichheiten (re-)produzieren, schützt das Eigentum und verurteilt den Raub, schützt die kollektive Aufopferung und wendet sich gegen die individuelle Verarmung oder wohl eher gegen das selbstbestimmte Überwinden der Armut. Dabei ist es nicht die Gerechtigkeit, die herhalten muss, sondern vielmehr die Illusion der Gerechtigkeit.
Angenommen Gerechtigkeit kann existieren, dann muss ein allwissender Staat mit umfassendem Justizapparat sie durchsetzen, das bedeutet, er muss für jeden einzelnen festlegen, was gerecht für ihn ist, was zwangsläufig das ist, was der Staat zugesteht. Eine andere Bedingung für Gerechtigkeit – die die Gerechtigkeit ebenso zur Illusion macht – ist, dass jedes Individuum nicht seinem Interesse folgt, sondern ein übergeordnetes Ziel verfolgt, das mit für dieses Ziel charakteristischen Werten und Normen einhergeht, die wiederum durchgesetzt werden müssen. Die Einzigartigkeit der Einzelnen soll zu Gunsten der Gleichheit aller in Form von interessenlosen Bürgern aufgegeben und entwöhnt werden. Die selbe Gleichheit – ähnlich utopisch wie die eben genannte – die eine Grundlage für Gerechtigkeit sein könnte, ist, dass jeder Einzelne ein isoliertes Interesse vertritt, ein Interesse das so alleinstehend ist, das zu keiner Zeit der Verwirklichung, in keinem Stadium und keinem Ort der Umsetzung mit dem Interesse eines einzigen anderen kollidiert, die Wege kreuzt. Eine solche Isolation der Interessen, aber auch räumliche Isolation, bedarf einer Durchsetzung mit Gewalt. Eine solche Gleichheit macht jede Art der Beziehung und Gemeinschaft unmöglich, selbst wenn diese auf freien Stücken basiert. Es ist eine Illusion, dass die Justiz für mehr Gerechtigkeit sorgt, wie Gerechtigkeit selbst eine Illusion ist. Das einzige was der Vorstellung von Gerechtigkeit am nächsten kommt, ist die Selbstbestimmung eines Jeden und der selbstbestimmte Zugang zu sich und seiner Umwelt und dem steht jede Justiz feindlich gegenüber.

IX

Gesetz muss immer mit einer dahinterstehenden und durchsetzenden Gewalt gedacht werden. Ein Gesetz aufzustellen ist sinnlos, wenn es nicht durchgesetzt werden kann. Deswegen braucht es bei jedem Regelwerk eine Instanz, die Recht spricht, die be- und verurteilt, aber auch die Möglichkeit, Zwangsmittel einzusetzen, besitzt. Ein Verurteilter kann Reue zeigen, das heißt, dass er die staatliche Vorstellung von richtig und falsch, oder legal und illegal verinnerlicht und ein anderes Werturteil, das nicht sein eigenes ist, an seine Handlungen, die aus einem bestimmten Grunde begangen wurden, anlegt und seine Taten verdammt. Ein Reuiger reflektiert nicht, er leugnet sich selbst und stimmt seiner Bestrafung zu. Ein Verurteilter der keine Reue zeigt, wird mit der Bestrafung nicht einverstanden sein, das heißt keinen Grund sehen sich freiwillig einsperren zu lassen, sich seiner Freiheit berauben zu lassen. Was bringt dann das Gesetz ohne Zwangsmittel und eine höhere Legitimation der Vollstreckung, gegenüber der Berechtigung, die man sich selbst gibt, um zu handeln. Jedes Urteil zeigt, dass der Einzelne nichts wert ist, sein Wille im Namen von etwas Größerem, Höherem gebrochen werden kann. Die Justiz zu reformieren und gerechter zu gestalten, bedeutet auch ihren Zwangsapparat zu reformieren und auszubauen. Weniger hart zu verurteilen kann nur geschehen, wenn die Kontrolle der Bevölkerung verschärft und ausgeweitet wird, damit es nicht soweit kommt, bestrafende Zwangsmittel einsetzen zu müssen. Die Justiz flexibler zu gestalten bedeutet sie noch stärker in das Leben des Einzelnen eindringen zu lassen, vielleicht die Polizei durch andere kontrollierende Strukturen zu ersetzen, die kein eigener Apparat mehr sind, sondern dezentral in die Beziehungen zwischen den Menschen eingewebt sind. Die Erziehung hin zu sich selbst züchtigenden und bespitzelnden Bürgern muss totalisiert werden, damit die Polizei überflüssig wird und jeder Einzelne bereit ist sich eine Uniform überzustreifen und Richter zu spielen. Die Justiz ist nicht nur das Gericht, sondern auch der Knast, die Bullen, die Sicherheitsarchitektur der Stadt und die urbane Verdrängung und Isolation, aber auch die Menschen, die Funktionen übernehmen und diese Ideologie des Staates zu ihrer eigenen machen, aber auch die Idee der Trennung von Gut und Böse, von Richtig und Falsch und Legal und Illegal, sowie zu guter Letzt der Mechanismus, der uns zu Bürgern macht und nicht zu Individuen, die sich selbst gehören.

X

Die Justiz ist eine Struktur, an die man sich mit seinen Belangen wenden kann. Diese Belange werden aber durch die Sprache der Justiz definiert, sind also Belange der Justiz und diese zu erkennen setzt voraus, die Begriffe und die Sprache, die Kategorien und Urteile, sowie das kontrollierende und wertende Auge der Justiz verinnerlicht zu haben. Das bedeutet also zunächst die Logik der Justiz zur eigenen Logik zu machen, also Teil der Kontrollstrukturen und Instanzen zu werden. Das vorgefasste Schema und vorbestimmte Muster, mit der die Justiz der Spontanität und den unendlich verschiedenen Situationen und Menschen begegnet, in sich aufzunehmen und unterbewusst anzuwenden, bringt als Konsequenz die Automatisierung des Denkens und Handelns mit sich. Nicht nur, dass sich unsere Interaktionen im Unpersönlichen und von uns selber Abgetrenntem verlieren, sondern sie sind auch dazu bestimmt, bloße Wiederholungen zu werden. Jedes vorgefasste Denken, Einordnen und Handeln, macht den denkenden und handelnden Einzelnen zu einer bloßen, selbstlosen und uneigenständigen Maschine, die nur gemäß von vorbestimmten Mustern in einer Armee von Maschinen Beziehungen knüpft. Automatisierung löst das eigene Handeln aus dem Kontext, löst es vom Handelnden soweit ab, dass er bloß der Ausführende ist, zum Träger einer Handlung wird, die nur einen Wirt benötigt. Automatisiertes Handeln ist der Zweck an sich, weil die Verwirklichung einer Idee (also selbstbestimmte Handlung) ein Ziel verfolgt, wohingegen ein verinnerlichter Handlungsablauf selbst zum Ziel wird. Das unüberlegte Wiederholen verdrängt immer mehr das eigene Denken und Erkennen der Umstände in denen Menschen und man selbst handelt. Und je weiter diese Trennung voranschreitet, desto natürlicher und ursprünglicher wirkt sie und wird zu einem immer festeren Bestandteil unseres Lebens.

XI

Wer macht die Gesetze? Wer definiert die Vergehen? Und für wen gelten die Gesetze und wen schützen sie? Es sind mal mehr oder weniger Menschen, die über andere herrschen, und es sind mal mehr oder weniger Menschen, die von der Macht, vom Reichtum und von der Teilhabe ausgeschlossen sind. Es sind mal mehr oder weniger Freiräume, die den Menschen zustehen, und mal mehr oder weniger Zugang zur Möglichkeit sein Leben selbst zu formen und zu realisieren, je nach Herrschaftssystem und Staat. In einer Demokratie, weil sie Teilhabe am Geschehen verspricht, sind es weniger Menschen, die mit offener Gewalt bei Laune gehalten werden, weil es mehr Menschen sind, die der Politik und der staatlichen Gewalt mehr Vertrauen schenken, Hoffnungen hegen, an seine Natürlichkeit und seine Opfer für das Wohl Aller glauben. Unter einer Diktatur ist das wahrscheinlich anders herum, sofern – und das ist eine Ähnlichkeit mit jedem demokratischen Staat – die Werte und Moralismen, Ideen und Glaubensgrundsätze nicht unter der Bevölkerung verbreitet werden. Das hat Auswirkungen auf die Justiz, weil die Justiz – als Apparat und Idee – dem jeweiligen Herrschaftssystem entspringt und an dessen Erhaltung interessiert ist. In einer Demokratie werden die Begriffe zu Gunsten einer angeblichen Mehrheit gegen eine angebliche Minderheit definiert, bzw. die Richtlinien erstellt und gemäß der Offenheit und Stabilität des Staates durchgesetzt. So wie in einer Diktatur, nur dass hier die Justiz einer offensichtlichen Minderheit dient. Jedes Regelwerk, sei es auch ungeschrieben, richtet sich nach den Interessen derjenigen, die die Macht haben es zu definieren, ist also niemals neutral, „gerecht“ und schon gar keine „Waffe“ in den Händen der Ausgebeuteten, um zu ihrem Recht zu kommen.

XII

Die Freiheit und Träume, die von der Justiz geschützt werden sollen, entstehen durch die Anhäufung von Waren. Diese Freiheit ist folglich ein berechenbarer Wert der existiert und durch die unendliche Anhäufung von materiellen Werten erreicht werden kann und dabei aber nie groß genug sein und deshalb nie erreicht werden kann. Also macht das Streben nach Freiheit uns zu konsumierenden und arbeitenden Wesen. Es ist also ein materielles Ideal das durch genügend Unterwürfigkeit später erreicht werden kann. Wenn ich von Eigentum spreche, meine ich nicht diese Verarmung durch die Ansammlung von Waren, sondern das sich und seinen Kapazitäten eigen Sein, über sich selbst und seine Angelegenheiten und Fähigkeiten selbst bestimmen und verfügen, jemandem anbieten und verweigern zu können. Indem unser Streben nach Freiheit diesen materiellen Werten, nicht uns selbst gilt, ist aber genau diese Grundvoraussetzung für einen anderen radikalen und kompromisslosen Freiheitsbegriff nicht gegeben. Solange die angebliche Freiheit, nach der wir streben sollen, im sammelbaren Eigentum liegt, wohl gemerkt nicht zum Zweck um mit dem Gegenstand einen Plan zu verwirklichen, sondern zum Zweck des Gegenstandes selbst, braucht diese Ordnung eine Verteidigung. Und zwar nicht mehr und nicht weniger als des Eigentums selbst und den sich daraus ableitenden Verhältnissen – die der Herrschaft und Ausbeutung –, die wiederum durch das Begehren nach dieser Freiheit angefeuert werden. Die Autorität zwingt sich allen auf und schützt sich durch die Justiz, wobei die Angst vor der Justiz und die Illusion der Freiheit durch Waren der Klebstoff ist, der dieses Konstrukt zusammenhält. In Zeiten der Unfreiheit kann Freiheit aber nicht erkauft, erbettelt und angehäuft werden, wobei andere Menschen ausgeschlossen werden. Sie muss eher vom Einzelnen ausgehen, der sich selbst seine Welt gestaltet, in allen erdenklichen Angelegenheiten und sich bis zu den anderen erstreckt, mit denen er sich assoziieren will, und bei ihrer Freiheit nicht Halt macht, sondern mit ihr und an ihr erwächst und folglich andere Möglichkeiten eröffnet und zur kollektiven Freiheit wird.

By 2020 we rise up

Anmerkung der Redaktion: Wir verweisen hinsichtlich des folgenden Textes darauf, dass es neben der Bildung politischer Massenbewegungen, die unserer Ansicht nach grundsätzlich Herrschaftsstrukturen reproduzieren, auch andere, antiautoritäre Formen der Organisation gibt. Ein guter einführender Text zu diesem Thema ist etwa „Archipel. Affinität, informelle Organisation und aufständische Projekte“ aus Salto Nr. 2. Wir werden einige Auszüge daraus in den kommenden Ausgaben abdrucken.

Dieses Netzwerk zielt im Gegensatz zu vielen anderen nicht darauf ab möglichst viele Mitglieder zu rekrutieren. Es soll vielmehr die vielen Umwelt-/Klimaorganisationen in Europa vernetzen. Weiter sollen sich diese eine gemeinsame Strategie ausdenken wie gezielt möglichst viele Aktionen in möglichst vielen unterschiedlichen Ländern Europas den gewünschten Effekt bewirken, es soll also „Methoden entwickeln, um auf eine aufständische Art und Weise zu intervenieren und solche Interventionen zu koordinieren.“[1]

Diese Idee gemeinsam groß zu werden, „to rise“, dementsprechend höheren Druck auf Wirtschaft und Politik auszuüben und als geeinte „action wave“ über Europas Klimaleugner*innen hereinzubrechen steckt hinter „by 2020 we will rise up!“.

Trotz unterschiedlicher Herangehensweisen sollen die Organisationen zusammenarbeiten und sich unterstützen. Auf sogenannten Klimacamps, das letzte fand im Rheinland bei Köln zur Massenaktion von Ende Gelände statt, geschieht zum Teil die Planung der Strategie, die Vorbereitung auf Aktionen des zivilen Ungehorsams und die Vernetzung von Menschen, die ebenfalls dem herrschenden Wirtschaftssystem und der Manipulation der Massen den Kampf angesagt haben. Gleichzeitig bietet das Klimacamp für alle Menschen, denen das auf Leistung und Wettbewerb beruhende System zuwider ist eine wohlige Abwechslung oder besser gesagt: Das Leben in der Utopie. Hier wird gemäß menschlicher Natur gelebt und nachher wird versucht diese durch Aktionen zurückzuerobern. In ganz Europa sollen ab September immer wieder solche Camps stattfinden. Die nächsten Camps werden vom 15.08.- 27.08. im Rheinland und vom 04.09.-08.09. in Venedig stattfinden. Aber auch einfache Aktionen, wie Blockaden von Hauptverkehrsstraßen, so zuletzt in Wien, als Ende Gelände Wagen die Hauptverkehrsstraße zum Flughafen blockierte, sollen in Zukunft in Städten oder Gebieten zur Aufmerksamkeitsmobilisation der Gesellschaft und der Medien und zum Druck auf die Regierung dienen.

Was heißt Druck und wie wird er ausgelöst? Druck wird sowohl dadurch ausgeübt, als dass sich die Masse umorientiert hin zum ökologischen Denken und Handeln und damit zum einen die Nachfrage, also den Markt, bestimmt als auch, als dass immer wieder auf kürzer oder länger Betriebswege, Wirtschaftszweige oder Verkehrswege lahmgelegt werden. Das wiederum beeinträchtigt das alltägliche Leben der Menschen, der „Ottonormalverbraucher“, die ebenfalls durch ihren Lebenstil ein Stück weit Schuld sind an der rasant negativen Entwicklung des Klimas, aber eigentlich nicht dafür zu Rechenschaft gezogen werden sollten. Denn sie konsumieren nur das, was ihnen der Markt bietet. Natürlich könnten sie bewusster konsumieren, aber eigentlich liegt die Verantwortung beim Herstellerin. Dass Menschen unter Aktionen des zivilen Ungehorsams „leiden“ kann dazu führen, dass sich die breite Masse nun doch, statt vernünftig zu sein, sich gegen die Weltverbessererinnen stellt, also auf Seiten der konservativen Regierung, die ihnen verspricht, dass das Tempolimit in Deutschland erstmal nicht in Kraft treten wird.

So oder so ist die Zeit jetzt reif, oder muss ja, denn viel Zeit bleibt uns eben nicht mehr. Die Gesellschaft ist jetzt sensibilisiert, allein durch das halbe Jahr in dem FFF Aufmerksamkeit, plump gesagt, auf den Klimawandel durch die Aktionsform „Schulstreik“ erreichte. Und deswegen offener gegenüber Veränderungen- zumindest gegenüber solcher, die die Fortdauer der Menschheit sichern sollen- welche die Einschränkung des westlichen Luxuslifestyles bedeuten. Dass die SZ den Diskurs innerhalb der Gesellschaft darüber, ob der Kapitalismus nun Schuld sei am Klimawandel, oder
eher gesagt die Meinung, dass er auf jeden Fall nicht die Ursache dessen ist, anstößt- auch, wenn sie eine mehr als konservative und wirtschaftsbejahende Meinung zu vertreten pflegt- sollte kritisch gesehen werden. Einerseits könnte Mensch es nun positiv finden, dass immer öfter in der Öffentlichkeit und in den Medien über den Klimawandel, seine Folgen und das Umdenken der Menschen berichtet und diskutiert wird. Wobei Umdenken nur das „ökologische Bewusstsein stärken“ heißt. Andererseits wird im Kontext des Klimawandels selten der maximierende Faktor- unser Wirtschaftssystem- genannt und wenn doch, dann wird er, wie in der SZ, verteidigt. Anstatt den Verlauf der Erderhitzung im Zusammenhang mit dem Wirtschaftswachstum und dem damit einhergehenden CO2-Ausstoß kritisch zu sehen, sehen ihn die Menschen lieber garnicht. Dennoch schließen sich immer mehr Menschen der „Ökobewegung“ an, immer mehr Menschen politisieren sich, immer mehr Menschen radikalisieren sich.

Der Grundstein vom Turm, dessen Glocken den Systemwandel – zumindest in Europa – einläuten werden, wird gelegt. Ob die Zeit, die uns bleibt unsere Gewohnheiten zum Wohle der Menschheit radikal umzuwerfen, ausreicht den Systemwandel herbeizuführen, der bitter nötig ist, um die Welt wie wir sie kennen vor der Kippe zu bewahren, ist allerdings, trotz europaweiter, bald weltweiter Vernetzung, Umdenken im Alltag, Aktionskonsensen und vor allem Aktionsbereitschaft, fraglich.

https://by2020weriseup.net/

[1] Wolfi Landstreicher, Eigenwilliger Ungehorsam, 2016, S. 63 (Kontakt und Bestellung: edition-irreversibel@riseup.net, editionirreversibel.noblogs.org)

Ich arbeite nicht mehr, ich klaue mein Leben zurück

Ich stehe in der Warteschlange einer ALDI-Kasse. Semmeln für 1,20 € und eine Dose Tomaten für 39 ct habe ich auf das Kassenband gelegt. Der Rest meiner Einkäufe befindet sich in meinem Rucksack, gut versteckt vor den neugierigen Blicken der Mitarbeiter*innen und Kund*innen. „Das macht dann 1,59 €“ verkündet mir die*der Kassierer*in. Ich bezahle, verabschiede mich freundlich und steuere auf den Ausgang zu. Natürlich habe ich mich vorher vergewissert, dass dort kein bulliger Secu den Durchgang blockiert.

Zuhause packe ich meinen Rucksack aus: Frisches Bio-Gemüse, Süßigkeiten, Nudeln, CousCous, Olivenöl, … Warum sollte ich mich schlechter ernähren, nur weil ich weniger Geld als andere habe?

Heute kommt Judith zum Essen. Judith kann momentan nicht mehr klauen, weil sie auf Bewährung ist. Also teilen wir alle mit Judith, damit sie trotzdem nicht arbeiten muss. Als Judith damals verurteilt wurde, hat sie bei der Roten Hilfe um Unterstützung gebeten, aber den großen Antikapitalist*innen dort war Judiths Ladendiebstahl nicht politisch genug gewesen, um es wert zu sein unterstützt zu werden. Egoistisch sei dieser Diebstahl gewesen und eher schädlich für die Sache, als gut. Für welche Sache, fragten wir uns damals alle. Heute wissen wir: Sich zu nehmen, was mensch zum Leben braucht ist nur dann in Ordnung, wenn wir das als proletarische Massenbewegung tun, wenn wir uns jedoch selbst ermächtigen, uns zu nehmen, was wir brauchen, dann ist das für die moralisch integren Revolutionsführer*innen verwerflich. Seitdem nennen wir uns mit Stolz Egoist*innen, denn wir folgen weder einem Gott, noch einer*einem Herr*in!

Auch meine Mutter findet es nicht gut, dass ich mir nehme, was mir gefällt. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, sagte sie mir einmal. Wo hatte sie diesen Wahlspruch der Sozialdemokratie nur wieder her? Ich jedoch esse trotzdem, erstens weil ich es muss und zweitens weil ich es will! Ganz ähnlich hatte auch die Richterin Judith damals erklärt: „Wenn Sie arbeiten gehen, dann können Sie sich auch Bücher leisten und müssen diese nicht stehlen.“ Zu zehnt liefen wir damals im Gericht von Toilette zu Toilette und klauten dort das Toilettenpapier. Was wir damals aus Rache taten, das mache ich heute einmal alle zwei Wochen und so muss ich jedes Mal wenn ich mir den Hintern abwische mit leiser Freude daran denken, dass jetzt vielleicht ein*e Richter*in ohne Toilettenpapier auf dem Klo sitzt.

Es klingelt an der Tür. Judith hat Ina und Vroni mitgebracht. Auch den beiden fällt es schwerer zu stehlen. Ina wird von den Verkäufer*innen, Secus und Bull*innen ohnehin immer argwöhnisch angekuckt. Schon öfter wurde sie beim Verlassen des Ladens durchsucht, auch wenn sie brav bezahlt hat. Mensch nennt das racial profiling, denn Ina ist nicht weiß, wie die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland. Scheiß Rassist*innen! Vroni dagegen fällt es schwer zu stehlen, weil sie panische Angst hat erwischt zu werden. Oft übernimmt sie deshalb eine beobachtende Rolle und warnt uns anderen vor herumlungernden Secus, während wir zusammen unsere Wochen“einkäufe“ machen. Jede*r nach seinen*ihren Möglichkeiten, Jeder*m nach ihren*seinen Bedürfnissen. Ist es nicht seltsam, dass wir diese Marx’sche Utopie zumindest teilweise auch ohne die proletarischen Massen verwirklichen konnten?

Nach dem Essen geht es noch in den Baumarkt, denn für heute Nacht haben wir uns noch etwas vorgenommen. Ina packt ihren Rucksack voll mit Sprühdosen, während ich eine Packung Einmalhandschuhe in meinem Umhängebeutel verschwinden lasse. Zu dritt verlassen wir den Laden ohne zu bezahlen, während Judith noch immer von einem Verkäufer gemansplained bekommt, welche Farbe geeignet ist, um ihr Wohnzimmer zu streichen. Haha, welches Wohnzimmer überhaupt.

Und wenn du nun glaubst, ich und meine Freund*innen leben im Luxus, dann hast du nichts verstanden: Wir nehmen uns täglich was wir zum Leben brauchen, denn wir wurden ungefragt in eine Welt geboren, die uns diese Dinge verweigert. Wir haben keine Lust unsere Arbeitskraft zu verkaufen, wir wollen unbeschwert leben ohne die Sorgen des Geldes. Und wenn auch du keine Lust mehr hast, dieses Spiel mitzuspielen, jeden Morgen früh aufstehen und doch nichts vom Tag zu haben, dann solltest auch du anfangen dir einfach zu nehmen, was du zum Leben brauchst. Lass uns gemeinsam gegen diese Welt revoltieren, indem wir auf deren Regeln scheißen!

Und unterdessen dämmert der Morgen in München. Die ersten Arbeitssklav*innen sind bereits auf den Beinen. Und an den Fassaden der prunkvollsten Häuser in allen Straßen steht eine Botschaft an sie geschrieben:

Geht stehlen, statt wählen!

Diskussionsstrategien, um dich bei einem Plenum durchzusetzen (Achtung: autoritär!)

Krise heraufbeschwören

Willst du, dass andere irgendetwas Bestimmtes machen, dann betone die Wichtigkeit deines Anliegens, im besten Fall beschwörst du eine große Krise/Katastrophe herauf, die dringend Vorrang vor allem anderen haben muss. Daraufhin präsentierst du deinen Plan, wie mit dieser Katastrophe umgegangen werden muss. Da diese Krise so dringend ist, ist zum Glück keine Zeit über (zum Beispiel herrschaftsfreiere) Alternativen nachzudenken oder Kritik anzubringen. Du kannst dann jeder*m, die*der sich trotzdem weigert, an deinem Plan teilzuhaben, zusätzlich auch noch vorwerfen ein unverantwortlicher Arsch zu sein, der*die die Augen vor der Dringlichkeit des Problems verschließt und die Bedürfnisse anderer – zum Beispiel dein Bedürfnis, dass sofort dein Plan umgesetzt wird – nicht ernst nimmt.

Mit Erfahrung punkten

Wird über einen Lösungs-/Handlungsvorschlag diskutiert, der eine Alternative zu einem autoritären Modell darstellen soll, das du meistens befürwortest oder sogar vorgeschlagen hast, dann wimmle diesen Vorschlag damit ab, dass du sagst, dass du ihn bereits ausprobiert hast und dass du daran gescheitert bist. Bestehe darauf, dass es nicht funktionieren kann. Würge jede kritische Nachfrage danach, was konkret schief gegangen ist, ab, unterbinde mit trauriger Miene und heftigem Kopfschütteln, dass irgendwer noch länger über diesen Handlungsvorschlag nachdenkt oder redet. Drücke dabei dein Bedauern darüber aus, wie schade du das ebenfalls findest, aber dass Menschen halt einfach nicht bereit dafür sind.

Effizienz fordern

Für dich ist es unerträglich, wenn mensch mehr als drei Sekunden über ein Thema redet, anstatt einfach das zu machen was du vorgeschlagen hast oder sonstwie gut findest. Wie jedoch dabei nicht autoritär wirken? Ganz einfach: Du forderst mehr Effizienz beim Plenieren. Dies tust du jedes Mal, wenn über andere Alternativen als die, die dir gefallen, geredet wird. Damit lenkst du vom Thema ab und ziehst durch die daraufhin entstehende Diskussion alles unerträglich in die Länge. Damit beweist du dann gleich, wie furchtbar lang und ineffektiv Plena sein können und bringst somit die anderen dazu, die von dir vorgeschlagenen autoritären Strukturen zum Durchführen eines Plenums zu akzeptieren.

Was ist Anarchafeminismus?

Der folgende Text wurde zuerst auf der Webseite des offenen anarchistischen Treffens kAoS veröffentlicht.

Anarchafeminismus ist Anarchismus.

Anarchafeminismus steht jeder Form der Herrschaft feindlich gegenüber.

Anarchafeminismus richtet seinen Augenmerk auf die Formen der Herrschaft, die auf der Konstruktion einer Zweigeschlechtlichkeit und eine Normativierung von Sexualität basieren.

Anarchafeminismus beschäftigt sich mit Herrschaftsbeziehungen innerhalb unserer zwischenmenschlichen Beziehungen – seien es die Ehe, Heteronormativität, Toxische Männlichkeit oder die Herrschaft der Bezugspersonen über die sich unter ihrer Obhut befindenden Kinder.

Anarchafeminismus analysiert Geschlechterrollen und -bilder und wie diese sich herrschaftlich im zwischenmenschlichen Umgang auswirken.

Anarchafeminismus steht in Feindschaft gegenüber jeglichen Versuchen der Kontrolle und Herrschaft über den eigenen Körper.

Anarchafeminismus kämpft weder für das Verbot von irgendetwas noch für die Abschaffung dieses oder jenes Gesetzes.

Anarchafeminismus betrachtet die Justiz und den Staat an sich als patriarchal und damit als Feind – und nicht als Partner*innen im Kampf für mehr Gleichberechtigung.

Anarchafeminismus will keine Menschenrechte – Anarchafeminismus will den Begriff von „Recht“ zerstören.

Anarchafeminismus will weder die Herrschaft von Männern über Frauen noch die von Frauen über Männern noch von irgendwem anders über irgendwen – Anarchafeminismus will keine Herrschaft von Menschen über Menschen.

Anarchafeminismus braucht keine Allies – sondern Kompliz*innen im Kampf gegen jede Herrschaft.

Anarchafeminismus hält nichts von Politik, denn Politik ist das Entscheiden über die Köpfe anderer hinweg, ist symbolisches statt direktes Handeln.

Anarchafeminismus ist egoistisch – denn im Anarchafeminismus handeln nur Individuen.

Im Anarchafeminismus wird niemand geopfert und opfert sich niemand – weder für eine „Idee“ noch für jemand anderes.

Anarchafeminismus lehnt es ab „Diskriminierungen“ zu bekämpfen. Denn „Diskriminierungen“ lassen das Prinzip von Herrschaft intakt.

Anarchafeminismus kämpft nicht um die Befreiung einer bestimmten Gruppe – sondern für die Befreiung aller Menschen von jeglicher Form von Herrschaft.

Anarchafeminismus ist feindlich gegenüber jeder Form normativen Denkens – denn jede Norm ist Herrschaft.

Anarchafeminismus ist verdammt wütend und er rächt sich – auch in Form gewaltvollen Widerstands.

Anarchafeminismus will nichts reformieren. Er will zerstören. Und in den Trümmern der alten Welt ein herrschaftsfreies Miteinander finden.

Wahrnehmungsstörungen

In gewaltvollen Situationen ausgehend von Männern ist so schmerzhaft wie selten spürbar wie unterschiedlich mensch aufgrund der Zuweisung eines bestimmtes Geschlechts behandelt wird. In Konfrontation mit Bullen wird das immer wieder deutlich. Wird mensch ein männliches Geschlecht zugewiesen, so wird brutal gegen eine*n vorgegangen, mensch als gefährlich und zu allem fähig eingeschätzt. Wird mensch das weibliche Geschlecht zugewiesen, kommt es deutlich häufiger vor übersehen, ausgelacht, nicht ernst genommen, als „hysterisch“ bezeichnet oder sexistisch beleidigt zu werden, auch wenn mensch exakt dasselbe Verhalten an den Tag legt wie die Person neben einer*m, der das männliche Geschlecht zugewiesen wird. Egal ob Nazis, Bullen oder irgendwelche anderen Macker, nüchtern oder besoffen, die Gewalt, die mensch mit zugewiesenem weiblichen Geschlecht erfährt, ist eine andere als die, die Menschen erfahren, denen ein männliches Geschlecht zugewiesen wird. So ist es als Person, die weiblich gelesen wird – zumindest in meinen eigenen Erfahrungen – deutlich seltener, dass mensch auf die Fresse kriegt: keine Faustschläge, keine Fußtritte. Dafür sexistische Beleidigungen, sexualisierte Übergriffe und eine vollkommene Nichtbeachtung. Diese Verhaltensweisen haben alle eins gemeinsam: mensch wird als Objekt wahrgenommen, nicht als Subjekt. Wie eine wertvolle Vase, um die sich die Tüpen um einen herum streiten, die die einen verbotenerweise anfassen, während die „eigentlichern Eigentümer“ zum Schutz ihres wertvollen Guts einspringen. Mensch wird als etwas angesehen, von dem keine Gefahr ausgeht (außer von den vermeintlich „männlichen“ Begleitern) und das sich nicht selbst wehren kann, sondern beschützt werden muss (aus Sicht derjenigen, die Sympathie für die vermeintlich weibliche Person verspüren).

Beispiel gefällig? Ein Tüp fasst mir im Vorübergehen in die Haare und streichelt mir über den Kopf. Als ich dazu ansetze ihn dafür anzupöbeln, springt mein Begleiter neben mir auf, überbrüllt mich und schreit: „Fass die Frau nicht an! Lass die Frau in Ruhe!“ Daraufhin kriegt mein Begleiter auf die Fresse. Die beiden stehen sich wütend gegenüber. Ich spiele überhaupt keine Rolle. Beim Versuch nach vorne zu kommen, um den Tüpen selbst anzupöbeln, werde ich nach hinten geschoben, nicht nach vorne gelassen. Erst durch den Einsatz von Gewalt schaffe ich es mich nach vorne zu kämpfen, um den Tüpen selbst anzuschreien. In diesem Moment nimmt er mich zum ersten Mal wahr. Und kann es nicht fassen, dass ein „Weib“ (Zitat) sich hier gerade so aufführt. Auf die Fresse kriege ich im Gegensatz zu meinem Begleiter nicht. Dafür sexistische Kommentare. Bei meinem Begleiter hat den anderen die Reaktion nicht überrascht, dafür war er aber auch zackig in der Reaktion. Hahnenkampf, was sonst. Dabei will ich meinem Begleiter gegenüber nicht unfair sein. Im Gegensatz zu dem anderen super klassisch sexistischen Mackerarsch war er der Meinung, dass er genauso reagiert hätte, wenn ich ein Tüp gewesen wäre. Und das ist ihm auch wichtig. Bei genauerem Hinsehen mussten wir hinterher aber feststellen, dass dem nicht so gewesen wäre. Hat schon mal irgendwer gesagt: „Lass den Mann in Ruhe! Fass den Mann nicht an!“? Hätte er mich überbrüllt, sich schützend vor mich geschoben, mich nicht vorbeigelassen? Jedes Mal, wenn das passiert, und ich komme oft genug in diese Situationen, fühlt es sich richtig scheiße an. Denn ein solches Verhalten scheint die allgemeine Meinung zu bestätigen, dass Frauen nicht gefährlich sind und sich nicht selbst verteidigen können. Mensch sie also wie ein Objekt behandeln kann. Jedes Mal, wenn die Bullen jemanden neben mir niedertackeln und mich einfach als „hysterisch“ auslachen und ich dann nichts mache, weil sie mich dann doch in den Knast stecken würden, habe ich den Eindruck sie in ihrem Bild zu bestätigen. Dass der Tüp, wäre er an meiner Stelle, auch nichts gemacht hätte, ist dabei vollkommen nebensächlich. Jedes Mal, wenn ich nichts tue, bestätige ich den Bullen, dass ich keine Gefahr für sie bin. Und jedes Mal, wenn ich etwas tue, glauben sie, dass es Tüpen waren. „Jetzt mal ganz ruhig, Jungs“, wie oft habe ich diesen Satz schon gehört und das, obwohl die Hälfte der Personen in der Gruppe FLINT-Personen waren. „Lasst uns das von Mann zu Mann klären“, verkündete mal ein Nazi einer Gruppe Antifas, die ähnlich durchmischt war.

90 % der für Gewalttaten verurteilten Täter in Deutschland sind Männer. Schon eine unverhältnismäßig hohe Zahl, oder? Auch wenn Personen, die von der Statistik als „weiblich“ geführt werden, vermutlich aus Gründen der Sozialisation tatsächlich seltener Gewalttaten verüben als Personen, die als „männlich“ erfasst sind, scheint mir das doch absolut überproportional. Self fulfilling prophecy: Ich ziehe meiner Meinung nach weibliche Personen als Täterinnen nicht in Betracht, also verurteile ich nur Männer. Noch dazu erzähle ich allen weiblichen Personen, dass sie nie Gewalt ausüben. Deshalb glauben sie auch, dass sie dazu nicht in der Lage sind. Dass sie nicht gefährlich sind, dass sie keine Gewalt ausüben können. Also verhalten sich cis weiblich sozialisierte Personen auch passiv und verängstigt in Gewaltsituationen und üben weniger Gewalt aus. Umgekehrtes gilt dann natürlich für cis männlich sozialisierte Personen. Und diejenigen weiblichen Personen, die trotzdem Gewalt ausüben, werden nicht als solche erkannt, werden nicht wahrgenommen.

Wenn ich übrigens hier davon spreche Gewalt auszuüben, meine ich das auf eine neutrale Art und Weise, es kann sich also ebenso um übergriffige, Herrschaft ausübende Gewalt handeln, wie um Gewalt, um gegen Herrschaft anzukämpfen, Gewalt, um sich zu verteidigen, Gewalt, um die Gewalt durch andere abzuwehren.

Geil, könnte mensch meinen, als vermeintlich weibliche Person ist es vermutlich weniger wahrscheinlich im Knast zu landen oder sonst für das Ausüben von Gewalt bestraft zu werden, denn mensch gerät deutlich seltener in Verdacht. Würde mensch meinen, und ich bin auch absolut dafür, diesen „blind spot“ gegenüber Bullen, Justiz und Co. mehr auszunutzen! Jedoch ist es ein absolut beschissenes Gefühl nicht (als Subjekt) wahrgenommen zu werden, nicht ernst genommen zu werden. Es tut weh und es macht mich richtig wütend. Es ist eine andere Form der Gewalt, eine fatalere. Wenn ich einen Faustschlag ins Gesicht bekomme oder einen Tritt, dann werde ich (meistens) in konfrontativen Gewaltsituationen als ernstzunehmender Gegner wahrgenommen und behandelt. Ich bekomme auf eine seltsame Art und Weise Anerkennung. Wenn ich stattdessen ausgelacht werde, dann wird mir diese Anerkennung verweigert. Ich werde nicht ernst genommen. Ich werde als etwas betrachtet, mit dem mensch seine Spielchen spielen kann. Anfassen, wann mensch will (mensch muss nur aufpassen, dass der männliche Eigentümer gerade nicht hinschaut oder bestenfalls nicht da ist), darüber lachen, wie mensch will. In jedem Moment wird dir klar gemacht, dass mit keiner Gegenwehr gerechnet wird oder wenn welche kommt, dass sie lächerlich ist und nicht ernst genommen zu werden braucht. Es ist ein Gebahren in einem Herrschafts- und Machtgefälle, in dem ich nicht als handelnde Person betrachtet werde, sondern als lustiges, süßes Dekostück. Und sollte ich mich nicht an meine Rolle halten, dann habe ich mit sexualisierter Gewalt zu rechnen, verbal und physisch. Irgendwann kriege auch ich vielleicht auf die Fresse, aber erst wenn ich durch mein Verhalten bewiesen habe, dass ich keine „richtige Frau“ bin, sondern eine „Emanze“, eine „Lesbe“ oder ein „Mannsweib“.

Aber zurück zu diesem Ohnmachtsgefühl, das eine*n überkommt, jedes Mal, wenn mensch so übergangen und ignoriert wird. In diesem Moment vollzieht sich die Erfüllung des gesellschaftlichen Diskurses, dass Frauen gefährdet und nicht wehrhaft sind, dass sie permanente Opfer sind. Ein solcher Opferdiskurs nimmt mensch die Handlungsfähigkeit und die Subjektivität, denn mensch ist nur hilflos dem ausgeliefert, was über eine*n hereinbricht. Ein solcher Opferdiskurs führt zu einem permanenten Gefühl der Bedrohung und Machtlosigkeit, das jedes Mal bestärkt wird, wenn einer*m kein Raum gegeben wird, sich als Subjekt gegen eine Bedrohung oder eine Gewaltsituation zur Wehr zu setzen. Wenn mensch klar gemacht wird, dass die Aggressoren von einer*m keine Gefahr erwarten. Deshalb ist es mir auch so wichtig, zu meinem eigenen Empowerment ebenso wie um einen gesellschaftlichen Diskurs zu durchbrechen, mich selbst zur Wehr zu setzen, selbst aggressiv zu werden, selbst zu handeln und den oder die Aggressoren zu zwingen mich wahrzunehmen und mich ernst zu nehmen. Ich bin eine Gefahr! Ich kann mich wehren und ich werde mich wehren! Ich bin kein hilfloses Objekt patriarchaler Gewalt! Ich bin Widerstandskämpferin im Krieg gegen das Patriarchat! Selbst wenn mir Gewalt zugefügt wird, bestärkt mich das nur in meinem Kampf gegen das Bestehende. Und alle diejenigen, die mit mir diesen Kampf kämpfen wollen, egal ob ihnen eine weibliche oder eine männliche Geschlechterrolle zugewiesen wird, möchte ich an meiner Seite sehen. Ich möchte, dass wir gemeinsam kämpfen und nicht, dass sich irgendwer vor mich stellt. Ich möchte Kompliz*innen, keine Beschützer*innen. Ich bin kein Opfer, ich bin Täterin! FLINT-Personen sind gefährlich!

Fridays for Future, „Die Wissenschaft“ und die apokalyptische Vorstellung einer nahenden Klimakatastrophe – Eine Abrechnung

Es ist einige Wochen her, dass die seit Monaten demonstrierenden Aktivist*innen der Bewegung Fridays for Future in München mit einem Forderungskatalog an die Stadt München herangetreten sind. „Diese Forderungen richten sich an den Stadtrat der Landeshauptstadt München, den derzeitigen Bürgermeister sowie alle auf ihn folgenden Bürgermeister*innen“, schreiben die Verfasser*innen und fallen damit gleich zu Beginn symbolisch auf die Knie, um die Pose der*des ewigen Bittsteller*in gegenüber Staat und Politik zu mimen.

Verwunderlich? Kaum. Auch wenn mensch von denjenigen, die seit mehr als einem halben Jahr wöchentlich auf die Straßen gehen, um ihre Anliegen einem „Vater Staat“ vorzutragen und dabei von selbigem und seinen Vertreter*innen von Anfang an belächelt, verspottet und sogar beleidigt wurden, eigentlich erwarten würde, dass sie ein wenig mehr Einsicht in die Realitäten des Demokratiebetriebs hätten. Doch die Lügen von Teilhabe und Mitbestimmung haben sich tief in die Köpfe der Beherrschten eingebrannt, das beweist nicht nur dieser Fall, und so bedarf es wohl schon etwas mehr als der wöchentlichen Enttäuschungen eines unwirksamen Schulstreiks, um das eigene Denken von diesem Irrglauben zu befreien.

Doch im Fall von Fridays for Future steht dieser Befreiung noch etwas ganz anderes im Wege: Die uneingeschränkte Gläubigkeit an die Autorität „der Wissenschaft“ und die daraus resultierenden Implikationen, die jeglichen Ausweg aus einer (angeblich zukünftigen) Klimakatastrophe innerhalb der autoritären Gesetzmäßigkeiten des kapitalistischen Herrschaftssystems verorten. Indem das apokalyptische Ende der Welt nicht nur für die Zukunft prophezeit wird, sondern die Dimensionen der Ursächlichkeit zugleich auf ein für das Individuum unüberschaubares Level gehoben und potenzielle Lösungsmöglichkeiten daher naturgemäß nur in zentralistischen Ansätzen – geplant und gesteuert von Expert*innen und anderen machtvollen Akteur*innen – gesehen werden können, wird das Individuum schon konzeptuell jeglicher subversiver Handlungsmöglichkeiten beraubt. Stattdessen scheint mensch angesichts dieses Szenarios geradezu gezwungen zu sein, staatlichen Autoritäten zu vertrauen, damit diese in internationaler Zusammenarbeit eine Lösung zur Verhinderung dieser Apokalypse entwickeln.

Dabei geht es den staatlichen Autoritäten, an die mensch sich dabei zu wenden gedenkt, mitnichten um eine Verhinderung dieser Apokalypse. Vermutlich sind sie dafür auch im Gegensatz zu denjenigen, die glauben es wäre – angenommen die wissenschaftlichen Prognosen erweisen sich als zutreffend – überhaupt möglich, einen systemimmanenten Stopp der globalen Erwärmung und allgemeiner der Zerstörung der Umwelt herbeizuführen, zu große Realist*innen. Seit Jahrzehnten geht es Staaten des globalen Nordens ausschließlich darum, ihre eigene Hegemonie auch im Falle der prophezeiten Folgen einer voranschreitenden Klimakatastrophe zu bewahren. Seit dem Ende des Kalten Krieges erregten Fragen nach verheerenden klimatischen Veränderungen und anderen Umweltkatastrophen die Aufmerksamkeit der Militärstrateg*innen. Wenn ganze Landstriche im Meer versinken, Regionen von der Größe eines Kontinents zu Wüsten werden, das Wasser knapp wird und in der Folge all dieser Entwicklungen hunderte Millionen Menschen, vielleicht sogar Milliarden, in die noch bewohnbaren Regionen der Welt fliehen müssen, machen sich die Chauvinist*innen dieser Hemisphäre – wen wundert’s? – vor allem Gedanken um die eigene Nahrungsmittelversorgung, den eigenen Wohlstand und in der Folge die Sicherheit der Grenzen, denn der Platz im „Paradies“ gilt bekanntlich als beschränkt. Kanadas Marine etwa bereitet sich darauf vor in Zukunft auch den Schifsverkehr in den arktischen Gebieten besser kontrollieren zu können, das Pentagon veröffentlichte mehrere Papiere zum Einfluss der „Klimaerwärmung“ – die es dem US-Präsidenten zufolge ironischerweise ja gar nicht gibt – auf die Nationale Sicherheit und in der EU ist mensch länsgt zwei Schritte weiter: Mensch schottet sich flüchtenden Menschen gegenüber ab, lässt diese im Mittelmeer ertrinken, von angrenzenden Ländern versklaven, foltern oder ermorden oder deportiert diese, wenn es ihnen trotz allem gelingt, eine der Grenzen zu passieren. Viele der schon heute flüchtenden Menschen sind bereits auf der Flucht vor extremen klimatischen Bedingungen oder direkt oder indirekt daraus entstandenen militärischen Konflikten. Apokalypse in 10 Jahren? Wir sind doch bereits mitten drin!

Und was sagt „die Wissenschaft“ dazu? Die verbleibt wie es zu erwarten stand innerhalb der autoritären Ideologie des momentanen Herrschaftssystems. Aller Differenzen zum Trotz ist man sich vor allem in einem Punkt einig: Es ist an den Staaten zu handeln und ganz im Stile einer alten Idee der Apokalypse-Lobbyisten des Club of Rome, die schon in den frühen 1970ern im Auftrag der Volkswagen Stiftung Werbung für einen gepflegten Weltuntergang im Jahre 2072 machten, beschränkt sich der globale wissenschaftliche Ideenreichtum im Wesentlichen auf einen Abverkauf des Rechts auf Umweltzerstörung, mal mit, mal ohne Mengenrabatt. Aber was hätten wir auch anderes von denjenigen erwartet, die vor allem von Staaten und Firmen ihren Lebensunterhalt finanziert bekommen? Natürlich bringen sie die Interessen der Nationalstaaten mit denen der Konzerne in Einklang und suchen nach Wegen wie die einen weiter profitieren und die anderen dabei nicht um Aufstände bangen müssen. Vielleicht sehen auch sie sich nun im Angesicht der von ihnen prophezeiten Apokalypse von ihren Auftraggeber*innen geprellt, doch zumindest vorerst ändert das wenig an ihren – so scheint es – allgemein geschätzten Empfehlungen: Etwas Konsumkritik hier, die Ablöse eines Kraftwerks durch ein anderes dort, ein paar Energiespar-Tipps gibt es gratis oben drauf. Ach ja: Und die Autos – die sollen zumindest raus aus der Innenstadt. Ob da die Volkswagenstiftung nächstes Jahr nochmal Geld locker macht?

Bei Fridays for Future jedenfalls scheint mensch als Wissenschaftler*in dafür einen guten Ruf zu geniesen. Die Forderungen der Möchtegern-Rebell*innen an ihre persönlichen Autoritäten tragen allesamt das Prädikat „wissenschaftlich geprüft“. Wobei mensch sich da schon fragt, wer denn auf die wissenschaftlich brilliante Idee gekommen ist, das Oktoberfest zu einem zertifizierten Bio-Volksfest, einem dritten Tolwood mit beinahe ebenso urigem Modebewusstsein zu machen, anstatt das ganze Spektakel gleich abzusagen.

So wird die Unterwürfigkeit der Fridays for Future Aktivist*innen auch kaum besser symbolisiert als auf ihren wöchentlichen Happenings, wenn sie zu rund einem Dutzend das als Lautsprecherwagen dienende, ausrangierte Feuerwehrfahrzeug wie antike Sklav*innen an einem Seil hinter sich herziehen. Klimabilanz 1 : 0 Aktivist*innen.

Dabei müsste es doch gar nicht so enden. Wen kümmert im Angesicht der Apokalypse schon der eigene ökologische Fußabdruck? Und ist ein brennendes Auto nun ein Sakrileg oder doch eher ein Schritt auf dem Weg zu einer besseren Welt? In Köln hat mensch das offenbar im Mathe-Unterricht ausgerechnet und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass vier brennende Porsche sich dann doch eher positiv auf die Klimabilanz auswirken.

anarchistisches Wochenblatt