Der linksradikale diskursive Umgang mit Polizeigewalt

Wenn Polizei und linksradikale (Gegen-)Demonstrant*innen aufeinander treffen, dann fliegen schon auch mal die Fetzen. Kein Wunder, denn meistens beruht die Abneigung auf Gegenseitigkeit. Während Bullen offenbar nicht ertragen können, dass Menschen sich dem Leistungs- und Arbeitsgedanken unserer Gesellschaft widersetzen und schlimmer noch sich verdammt noch mal nicht ans Gesetz halten wollen bzw. um genauer zu sein, nicht sofort buckeln, sobald ein mit den Wahrzeichen des Staates ausgestatteter Mensch in ihre Nähe kommt, liegt umgekehrt die Abneigung natürlich genauso tief. Denn da die meisten autonomen linksradikalen Menschen Herrschaft nicht so geil finden, haben sie mit der Institution „Polizei“ so ihre Probleme. Denn wer sich bereit erklärt, Teil der Prügeltrupps zu sein, die dafür Sorge tragen, dass eine Herrschaft aufrechterhalten wird – dabei ist übrigens egal, ob es sich um eine autoritäre oder eine demokratische Herrschaft handelt –, die*der ist Feind*in freiheitlicher Bestrebungen. So gibt es zahlreiche Bullen beleidigende Demoparolen – „Hass, Hass, Hass wie noch nie – All Cops are Bastards ACAB“ oder „Alle Bullen sind Schweine“ etc. Auch wenn zumindest in München die Aggressionen gegenüber der Bullerei selten über ein bisschen Gerangel und die oben zitierten Demosprüche hinausgehen, so ist doch während einer solchen Demo eine allgegenwärtige Abneigung gegenüber den Bullenschweinen wahrzunehmen, die sich bei den einzelnen Individuen meist mit der Zeit steigert, je mehr diese direkter Gewalt durch Bull*innen ausgesetzt waren, je mehr sie also das „Gewaltmonopol“ des Staates zu spüren bekommen haben.

Im Nachgang zu solchen Demos jedoch – so auch in der Pressemitteilung und im „offiziellen“ Nachbericht der Organisator*innen der Proteste gegen den 1000-Kreuze-Marsch vorletzten Samstag, den 11. Mai geschehen – kommt es dann meistens zu einem merkwürdigen Phänomen: Die Organisator*innen oder andere an der Demo Beteiligte kritisieren im Ton aufrichtiger Entrüstung den „unverhältnismäßigen“ Polizeieinsatz. Beim „Pro Choice München“-Bündnis geht diese Kritik sogar so weit, dass dieses “ gegebenenfalls auch rechtliche Schritte gegen die Einsatzleitung sowie einzelne Beamt*innen einleiten“ wolle. „Planlosigkeit“ wird den Bull*innen vorgeworfen, die dazu geführt habe, „dass die durchaus zahlreich eingesetzten Beamt*innen von Bereitschaftspolizei und Unterstützungskommando (USK), kritische Situationen nur noch mit peinlichen Brunftschreien, körperlicher Gewalt oder dem Schlagstock lösen konnten.“

Eine solche Stellungnahme enthält dermaßen viel problematische Formulierungen, dass ich gar nicht weiß, wo ich zuerst anfangen soll. Zum einen: Ist das euer Ernst?!? Werft ihr ernsthaft den Bull*innen vor, dass sie die Gegendemonstrant*innen in ihrem Einsatz nicht gut genug unter Kontrolle hatten? Hättet ihr lieber gehabt, dass die Polizeipräsenz so stark gewesen wäre, dass überhaupt kein radikaler Gegenprotest möglich gewesen wäre? Heißt das, die „Hitzigkeit“ der Auseinandersetzung hängt nur von der Stimmung der Bullerei ab und nicht auch von der Angriffslustigkeit der Gegendemonstrant*innen? Diskursiv werden mit so einer Stellungnahme aktive und aggressive Protestierende in ein passives, der Willkür der Bullerei ausgeliefertes Häufchen Elend verwandelt, das sich doch super brav verhalten hätte, wenn die Bullerei nur nicht so fies zu ihm gewesen wäre.

Weiterhin stellt sich mir die Frage, welche die „kritischen Situationen“ sind, von denen hier die Rede ist? Für wen „kritisch“? Für die Bull*innen? Wenn ja, ist es erstens nicht verwunderlich, wenn diese – offenbar unterbesetzt und überfordert – diese Mankos mit roher Gewalt kompensiert haben. Und zweitens spricht doch für den Erfolg des Gegenprotests, dass dieser es geschafft hat die Bullerei so richtig ins Schwitzen zu bringen und ihnen zumindest den Tag zu vermiesen. Das ist natürlich ausbaufähig, aber trotzdem schon mal eine gute Sache. Auch die radikal-christlichen Fundiarschgeigen wird der aggressive Gegenprotest und die Auseinandersetzungen mit der Bullerei massiv gestresst haben.

Doch ein solcher diskursiver Umgang im Nachgang zu Demos mit Zusammenstößen zwischen Polizei und Gegendemonstrant*innen hat noch weitere, gravierendere Implikationen. Wer von „unverhältnismäßiger“ Polizeigewalt spricht, ist offenbar der Meinung, dass es auch „verhältnismäßige“ Polizeigewalt gebe. Polizeigewalt, die also auch ok bzw. sogar nötig ist. Damit erkenne ich allerdings das Gewaltmonopol, das der Staat für sich beansprucht, an. Ich legitimiere durch eine solche Kritik die Institution „Polizei“, denn ich erkenne an, dass sie grundsätzlich „verhältnismäßig“ Gewalt ausüben kann, auch wenn ihr das in dem speziellen Fall nicht gelungen ist. Aus dieser Sicht ist die Gewalt auch nicht unbedingt „unverhältnismäßig“, sie macht aus ihrer Logik heraus vollkommen Sinn. Seid ihr eigentlich zu wenige, um die Kontrolle über die Situation behalten zu können? Dann seid so brutal, dass die Leute nicht auf die Idee kommen zu stark aufzumucken und macht sie bestenfalls handlungsunfähig, denn nur, wenn ihr zum einen ihre Zahl dezimieren könnt, und zum anderen sie dabei einschüchtern, werdet ihr nicht von ihnen überrannt. Ist doch vollkommen einleuchtend, oder? Die Bullerei als Feind*in zu erkennen und ihre Strategien zu durchschauen, dafür ist ein Rückblick auf solche Auseinandersetzungen gut. Im Prinzip ist die Logik der Bullerei auch nicht anders als bei jeder anderen Schläger*innenbande, die durch das Ausüben körperlicher oder anderer Gewalt dafür sorgt, dass der Herrschaftsanspruch einer bestimmten Person oder Personengruppe aufrechterhalten wird. Und nur so können wir aus herrschaftskritischer Perspektive die Bullerei auch betrachten.

Das „Pro Choice München“-Bündnis geht in seinem Rückblick auf die Gegenproteste gegen den 1000-Kreuze-Marsch aber noch einen Schritt weiter: es wolle „gegebenfalls rechtliche Schritte gegen die Einsatzleitung sowie einzelne Beamt*innen einleiten“. Staats- und herrschaftsaffirmativer geht es ja wohl nicht und ich kann es nicht fassen, dass ein linksradikales Bündnis sich nicht schämt solche Zeilen zu schreiben und es wahrscheinlich auch noch ernst zu meinen. „Staat, Nation, Kapital – scheiße!“, wird auf jeder Demo gerufen. Wenn es jedoch den eigenen Zielen dient, dann ist es auf einmal doch ganz recht, die Zwangsmittel des Staates in Anspruch zu nehmen. Wieder einmal ein Fall von Teilzeitanarchismus bzw in diesem Fall – denn ich bin mir sicher, dass nicht alle Menschen in diesem Bündnis sich als Anarchist*innen verstehen – von Teilzeitlinksradikalismus.

Auch wenn sicher nicht alle, die an diesen Gegenprotesten teilgenommen oder sie sogar organisiert haben, Anarchist*innen oder autonome Linksradikale sind, so war doch der Tenor der Gegenproteste linksradikal geprägt: mit Bullenhass und der Ablehnung von Staat und Herrschaft, „für eine befreite Gesellschaft“. In der Pressemitteilung und in dem Nachbericht ist davon aber überhaupt nichts wiederzufinden. Woher kommt diese Diskrepanz zwischen dem, was auf der Demo geschieht, was dort auch geäußert und wie gehandelt wird, und dem, was hinterher daraus gemacht wird?

Entweder Menschen sind tatsächlich davon überzeugt und dann gibt es abgesehen von der Inkosequenz in den eigenen Überzeugungen auch noch die Problematik, dass Menschen sich selbst zu sehr unter den Scheffel stellen, der Bullerei auch zu viel Macht einräumen und umgekehrt sich selbst nicht mehr als handelnde, die Ordnung störende Akteur*innen wahrnehmen. Anstatt sich gegenseitig zu empowern, ziehen sie sich gegenseitig herunter.

Oder es hat noch einen anderen, weitaus problematischeren Hintergrund: Politik. Die Hoffnung, Menschen eher für sich zu gewinnen, wenn „unverhältnismäßige Polizeigewalt“ kritisiert wird anstatt wenn die Bullerei offen als Feind*in adressiert wird und mensch sich selbst als bewusst handelnde Akteur*innen auch entgegen der herrschenden Ordnung und ihrer Gesetze „outet“. Und die Hoffnung, Bull*innen noch mal ans Bein zu pinkeln. Grundsätzlich ist ja nie etwas dagegen einzuwenden, ihnen so oft wie möglich ans Bein zu pinkeln, aber dann bitte doch in real oder wenigstens an ihr Auto und nicht über staatliche Zwangsmittel und durch eine verlogene und heuchlerische Inszenierung als unschuldige Lämmer auf der Schlachtbank des aus der Luft gegriffenen Bullenhasses gegen Linke. Natürlich ist dieser nicht aus der Luft gegriffen. Wir halten uns nicht an Gesetze. Wir gehorchen ihren Befehlen nicht, Wir stellen ihren gesamten Berufsstand infrage, schlimmer, wir stellen all das, wofür sie stehen, infrage. Klar hassen sie uns. Und wir hassen sie. Dazu sollten wir auch stehen. Denn sonst bewegen wir uns bereits in einem Feld, in dem wir heuchlerisch, taktisch und manipulativ vorgehen, um unsere Zwecke zu erreichen. Ein solches Verhalten ist in seinem Wesen herrschaftsaffirmativ und Herrschaft ausübend.

Bull*in = Mensch

Immer wieder höre ich über Bull*innen Sätze wie „Für mich sind das keine Menschen mehr“. Das stimmt mich jedes Mal aufs neue nachdenklich: Was bedeutet es, Bull*innen zu entmenschlichen? Was bedeutet das für uns? Was bedeutet das für die Bull*innen?

Nein, ich bin kein Hippie, kein*e Pazifist*in und kein*e Bull*innenfreund*in! Ich hasse Bull*innen abgrundtief und ich befürworte (fast) jede Form von Gewalt gegen Bull*innen, ich wünsche ausnahmslos jeder*jedem Bull*in, dass sie*er mal so richtig auf die Fresse bekommt und bei jeder Bull*innenkontrolle wünsche ich mir, ich könnte diese Aufgabe übernehmen. Aber ich kann es nicht, d.h. ich will es nicht, denn ich würde verlieren und die Aussicht, mehrere Jahre im Knast zu sitzen, nur für den Versuch, einem*einer Bull*in die Fresse einzuschlagen, reizt mich nicht besonders.

Das passt nicht zusammen? Ich finde schon.

Wenn ich einer*einem Bull*in das Recht – ja, das kann auch ein Privileg sein – zugestehe, kein Mensch zu sein, gestehe ich ihr*ihm automatisch auch zu, für die eigenen Handlungen keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Als Menschen, so zumindest die gängige gesellschaftliche Interpretation, sind wir für unsere Taten und Handlungen verantwortlich, gilt eine Person nicht mehr als menschlich, entbindet sie das gewissermaßen auch von der eigenen Verantwortung. Schon häufiger habe ich erlebt, dass diejenigen, für die Bull*innen keine Menschen sind, einem dieser Arschlöcher in Uniform vorschlagen, diese doch abzulegen, dann könne mensch sich gerne unterhalten. Schön wär’s für die Bull*innen: Zum Schichtbeginn schlüpfen sie in ihre Uniform und legen ihr Menschsein ab. In der Uniform üben sie dann ihre Macht aus, berauben andere Menschen ihrer Freiheit, ihrer Gesundheit und manchmal gar ihres Lebens und nach Schichtende legen sie die Uniform ab, kehren zurück in ihr Menschsein, fahren nach Hause, treffen sich mit ihren Freund*innen und Familien und vergessen ihre Taten. So sind sie keiner*keinem Rechenschaft schuldig, nicht einmal sich selbst, denn sie befolgten ja „nur“ Befehle, taten das was nötig gewesen sei und hatten überhaupt nur gute Absichten. Wie die Deutschen nach ’45.

Nein, so dürfen wir Bull*innen nicht davon kommen lassen. Für mich ist das was Bull*innen tun nicht damit abgegolten, dass ein*e Bull*in mal eben kurz ihre*seine Uniform ablegt, ich laste diese Taten dem Menschen an. Und gerade weil Bull*innen Menschen sind, hasse ich sie für das was sie tun.

„Aber es gibt doch auch Menschen, die mit guten Absichten zu den Bull*innen gegangen sind.“ Mit Sicherheit, ich würde sogar sagen, dass die allermeisten Menschen, die Bull*innen geworden sind, das nicht taten, weil sie eigentlich lieber Verbrecher*innen geworden wären. Aber das ist ja das Problem. Die berühmten guten Absichten sind abhängig von gesellschaftlichen Moralvorstellungen, die in Gut und Böse zu unterscheiden gewohnt sind. Bull*innen gehören zu denjenigen, die sich in diesem Koordinatensystem selbst um jeden Preis auf der Seite des Guten verorten möchten. Damit jedoch erhalten sie dieses Koordinatensystem, das all diejenigen auf der anderen Seite abwertet und zu unterdrücken sucht, implizit aufrecht. Bei Bull*innen ist das sogar nicht nur eine Metapher, sie tun das buchstäblich: Indem sie Jagd auf alle Gesetzesbrecher*innen und diejenigen machen, die in dieser Gesellschaft scheinbar auch ohne jeden Gesetzesverstoß als vogelfrei gelten.

Aber auch diejenigen, die Bull*innen entmenschlichen schaffen ein solches Koordinatensystem, auch wenn sie Ursprung und Achsen je nach ihrem eigenen Standpunkt anders ausrichten würden. Eine Person oder eine Personengruppe zu entmenschlichen dient denjenigen, die diese Entmenschlichung vornehmen unter anderem dazu, sich selbst über diese Person oder Personengruppe zu erheben, sich selbst als Gut, den*die andere*n als Böse zu betrachten. Und schon bewegt mensch sich auf dem gleichen moralisierenden Niveau wie auch die Bull*innen und ihre Freund*innen, nur dass die Standpunkte vertauscht wurden. Wozu das führen kann? Nun, das haben die Deutschen vor ’45 ausgiebig erforscht, als sie diverse Personengruppen zunächst entmenschlichten und dann vernichteten. Ist das wirklich eine Perspektive, die mensch einnehmen möchte? Ich finde nicht.

In diesem Sinne möchte ich – wie im Titel dieses Artikels angedeutet – ebenso wie die lächerliche Pro-Bull*innen-Kampagne „Polizist = Mensch“ dafür plädieren, den „Mensch in der Uniform zu sehen“. Denn nur auf diesem Weg, wenn wir uns nicht moralisch über diejenigen erheben, die es vorzogen, Bull*innen zu werden, können wir unser eigenes Handeln beständig hinterfragen und auch in Zukunft verhindern, dass wir zu Bull*innen im Geiste werden.

Und ganz nebenbei: Nur wer den Menschen in einer*einem Bull*in sieht, kann ihr*ihm nach Hause folgen …

CSU-Infostand mit Crushed Ice aufgemischt

Einer Mitteilung der Münchner Bull*innen zufolge haben am vergangenen Samstag drei Personen – sozusagen aus Langeweile – einen CSU Stand aufgemischt. Nach kurzer Diskussion, in der die CSUler offenbar nicht einsehen wollten, dass sie rassistische Arschlöcher sind, besorgten sich die drei in einem nahegelegenen Supermarkt eine Packung Crushed Ice und bewarfen damit die Rassist*innen und ihre Materialien.

Die wussten sich nicht anders zu helfen, als bei ihren Freund*innen, den Bull*innenschweinen anzurufen. Doch bevor die eintrafen, verdrückten sich die drei Personen lieber. Jetzt ist das K43 mit der überaus wichtigen Aufgabe betraut, nach den dreien zu fahnden. Prioritäten gibt’s …

Europa den Garaus machen

Wenn ich das Wort „Europa“ oder „EU“ höre, muss ich unweigerlich an ertrinkende Menschen denken, Menschen in Zeltlagern, Menschen, die in Gefängnisse gesperrt, gefoltert und erschossen werden, Menschen die verschleppt werden, Menschen, die auf alle denkbaren und undenkbaren Weisen brutal unterdrückt, erniedrigt und entmenschlicht werden. All das repräsentiert die EU, der gerade nichts wichtiger zu sein scheint, als der „Schutz“ der eigenen Grenzen. All das war schon immer fester Bestandteil des europäischen Gedankens. Selbst die Nationalsozialist*innen hatten Visionen von einer „Festung Europa“, die unter deutscher Vorherrschaft Bollwerk gegen Angriffe von außen sein sollte. Wer „EU“ sagt oder „Europa“, der*die muss sich bewusst sein, dass damit immer auch Folter, Mord und Deportationen gemeint sind.

In verschiedenen europäischen Städten sollen an diesem Sonntag Großdemonstrationen „für Europa“ und „gegen Nationalismus“ stattfinden. Unter dem verlogenen Motto „Ein Europa für Alle“ wollen die Veranstalter*innen demonstrieren, darunter ironischerweise auch jede Menge nationalstaatlicher Parteien, die – wen wundert es eigentlich noch – die menschenverachtende europäische Außenpolitik mitverantworten und für die diese Demonstration eine Woche vor den Europawahlen eine willkommene Wahlwerbung sein dürfte.

Dabei zeigt sich bereits im Aufruf des politischen Bündnisses, dass es eben nicht um „ein Europa für Alle“ geht, wenn darin nicht etwa die Abschaffung von Grenzen gefordert wird, sondern lediglich, dass jede*r Flüchtende ein „faires Asylverfahren“ bekommen soll. Na schönen Dank auch. Das erinnert mich an die Erfindung der Guillotine für „humanere“ Hinrichtungen. Wen wundert es da noch, dass das Bündnis außerdem für die „Verteidigung“ des „Rechtsstaats“ steht. Vielleicht wäre der Titel „Für Nationalstaatlichkeit, gegen Nationalismus“ ein treffenderes Motto gewesen, zumindest hätte es den Widerspruch zwischen der sprachlichen Schönfärberei und den tatsächlichen Ansichten offener zutage befördert.

Schon innerhalb der Logik von Nationalstaaten erscheint es mir absurd, vom europäischen Gedanken etwas anderes zu erwarten, als eben diese grausamen und widerwärtigen Vergehen an de EU-Grenzen. Die EU entstand als wirtschaftlich-politischer Zusammenschluss von Nationalstaaten zur Wahrung ihrer gemeinsamen Interessen. Zu diesen Interessen gehört es ja gerade per Definition nicht, die Interessen von Menschen anderer Herkunft zu vertreten. Im Gegenteil: Europa profitiert mehr als keine andere Region auf dieser Welt von der Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen im globalen Süden. Ohne sie wäre der Wohlstand, der hierzulande herrscht, kaum denkbar, bzw. nicht in dieser Form. Da jedoch das damit verbundene Elend nicht vor unserer Haustür stattfindet, fällt es uns leicht, die Augen davor zu verschließen. Zu diesem Zweck haben sich die Menschen in Europa eine ganze Reihe ideologischer Rechtfertigungsmuster geschaffen: Rassistische und Neokolonialistische Denkweisen, das Prinzip des Geburtrechts, das Prinzip karitativer Hilfe, die letztlich immer nur dazu dient, den bestehenden Zustand aufrechtzuerhalten, all das sind Mechanismen, das enorme Leid kollektiv auszublenden, das durch die geopolitischen und wirtschaftlichen Bemühungen europäischer Nationalstaaten entsteht. Aber nur weil das mehr oder weniger gut gelingt, bedeutet das nicht, dass dieses Leid nicht vorhanden ist. Nur weil die Menschen sich gerne einreden, dass der europäische Gedanke ein fortschrittlicher ist, ein besseres Europa denkbar, verschwindet die Tatsache nicht einfach, dass Europa nur eine Transformation bestehender Herrschaftsverhältnisse in eine neue Dimension ist.

Kurz Gesagt: Wer ernstahft daran interessiert ist, Mord, Folter und Deportationen zu stoppen, der*dem sollte klar sein, dass dies nur durch die Zerschlagung aller staatlichen Macht gelingen kann. Denn jede Grenze tötet Menschen.

Chaotische Zustände beim „1000-Kreuze-(M)arsch“

Am letzten Samstag, den 11. Mai, wurden die Bullenschweine des USK und der Bereitschaftspolizei erheblich ins Schwitzen gebracht. Denn zusätzlich zu circa 100 braven Fundiarschlöchern, die mit Gebeten und unterwürfigen Gesängen bereits Gehör- und Sehsinn im Übermaß strapazierten, brachten um die 300 Gegendemonstrant*innen Unordnung in die ruhigen Bahnen dieser Stadt, Chaos, ja geradezu Anarchie. Denn sie ließen sich nicht kontrollieren, sondern waren in der Nähe der Fundistrecke ständig präsent und auf Provokation, Protest und Blockaden aus. Da die Bullen mit solch einer Dynamik wohl nicht gerechnet hatten und entsprechend zu wenige waren, kompensierten sie diesen Nachteil mit Gewalt und fackelten nicht lange, Menschen umzuschubsen, wegzuhauen und Schlagstöcke einzusetzen. Trotz dieser Machtdemonstration kam es zu einer unbegleiteten und unangezeigten Sponti durch die Innenstadt und auf Höhe des Hauses der Kunst gelang eine Blockade an einer durch eine Baustelle günstig gelegenen Engstelle von circa 20 Personen, die den Marsch zumindest vorübergehend stoppen konnte. Außerdem ließen es sich die Menschen nicht nehmen, die Bullenschweine und die Fundis mit Beleidigungen und provokanten Parolen zu überschütten und ständig eine bedrohliche Präsenz aufrechzuerhalten. Auf der Luitpoldbrücke, an der die Christusspeichellecker*innen immer Rosen ins Wasser werfen, gelang es zwei Personen auch fast, die Rosen samt Kinderwagen, in dem diese sich befanden, in die Isar zu befödern. Der Angriff der Bullenschweine auf die dort befindliche Kundgebung, die mehreren Personen leichte Verletzungen zufügte, stachelte den Widerstandsgeist der protestierenden Menschen weiter an und bis zum Schluss blieb der Gegenprotest unkontrolliert und bedrohlich. Befriedigend war gegen Ende insbesondere die Erschöpfung der Bullen zu registrieren, die sie nicht mehr zu verbergen vermochten. So schleppten sich mehrere nur noch humpelnd durch die Gegend, als würde all der Hass gegen sie sie doch irgendwann zu Boden ziehen. Durch den Einsatz so vieler Menschen in unkontrollierbarer und unvorhersehbarer Weise, ermöglichten sich mehrere Räume, die Interventionen möglich machten, die teilweise auch genutzt wurden. Lasst uns den Schwung, die Dynamik aus dieser Erfahrung mitnehmen und beim nächsten Mal mehr in Militanz und Chaos umwandeln!

Herrschaftsbekämpfung ist Intolerant

Fundis wie Faschos und andere Menschen, die aufgrund ihrer autoritären, gruppenbezogen menschenfeindlichen Überzeugungen das Ziel von Angriffen durch Anarchist*innen werden, beschweren sich oft über die „Intoleranz dieser Linksextremisten“, fordern für sich die Toleranz ein, die diese von ihnen doch angeblich auch gegenüber anderen Menschen einfordern würden. Natürlich sprechen auch der Verfassungsschutz und sonstige Repressionsbehörden immer wieder von der „Intoleranz der Linksextremisten“ und auch auf Demos oder in anderen Momenten, in denen Anarchist*innen öffentlich in den Fokus geraten, bekommt mensch oft den Vorwurf der „Intoleranz“ zu hören, auch insbesondere von den Menschen, die sich „friedlich“ gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und für ein „tolerantes, multikulturelles“ Miteinander einsetzen.

Ja, all diese Menschen haben recht: Wir sind intolerant! Und das aus gutem Grund: Denn „Toleranz“ ist ein Begriff, der den Blick einer Mehrheitsgesellschaft einnimmt, die gewisse Werte, Einstellungen, Traditionen und Verhaltensweisen teilt und die diverse gesellschaftliche Minderheiten als bedrohlich empfindet, weil diese abweichende Werte und Traditionen vertritt. Dem drängenden Impuls der Mehrheit, diese Minderheiten dafür zu verurteilen und auszugrenzen, sie vielleicht sogar dazu zu zwingen, sich an die Mehrheit anzupassen oder im schlimmsten Fall diese Minderheiten auch zu vernichten, diesen Impuls zu unterdrücken, das ist „Toleranz“. Historisch gesehen kam der „Toleranz“-Begriff auf, um an Leute zu appellieren, damit aufzuhören, Menschen zu foltern, zu verbrennen oder sonstwie einen grausamen Tod angedeihen zu lassen, weil diese an einen anderen Gott glaubten oder auch nur ein bisschen anders an denselben oder einen sehr ähnlichen Gott glaubten oder auch gar nicht an Gott glaubten oder eine sonstige abweichende abgefahrene Jenseitsvorstellung hatten.

Ich meine, ist ja ganz nett, dass es irgendwann Leute gab, die das nicht mehr so cool fanden, und dass diese einen Begriff erfunden haben, um Leuten beizubringen nicht mehr gar so „intolerant“ zu sein. Diese Menschen doch lieber am Leben zu lassen, sie zu „erdulden“, sie zu „ertragen“, so die wortwörtliche Übersetzung des Begriffs „Toleranz“. Sorry, aber der Begriff der „Toleranz“ ist mir zum einen nicht radikal genug und trifft es nicht auf den Punkt, und zum anderen ist er von der Mehrheitsgesellschaft für die Mehrheitsgesellschaft erfunden. Der Begriff „Toleranz“ lässt das Dominanzverhältnis der Mehrheits- gegenüber der Minderheitspartei unberührt, „schützt […] ein bestehendes System, da fremde Auffassungen zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht zwangsläufig übernommen werden.“ (Wikipedia: „Toleranz“) Die Kultur der Mehrheit habe diese „Abweichungen“ zu „ertragen“ und mehr sei auch nicht drin.

Jedoch möchte ich nicht, dass die Menschen einer Mehrheitsgesellschaft oder einer privilegierten gesellschaftlichen Gruppe Leute nicht mehr mobben oder umbringen, weil diese schwul, jüdisch, dick, etc. sind. Ich will, dass solche Diskriminierungsverhältnisse nicht mehr existieren, dass Leute nicht einmal auf die Idee kommen, dumm zu gucken, weil irgendwer lesbisch, asexuell oder be_hindert ist. Ich möchte, dass die Idee einer einheitlichen Volksgemeinschaft mit geteilten Werten, Traditionen und Lebensweisen verschwindet, denn einer solchen Vorstellung ist die Ausgrenzung von „Abweichler*innen“ und die Abgrenzung zu anderen Menschen inhärent. Es geht mir also um mehr als um „Toleranz“, es geht mir um das herrschaftsfreie Leben von Diversität, ohne dass irgendwer anderes Ansprüche erhebt, sich in das Leben und die Entscheidungen einer anderen Person einzumischen.

Ich möchte allerdings noch mehr. Ich möchte, dass jegliche Herrschaftsverhältnisse verschwinden, jegliche Privilegierung von einigen Menschen über andere Menschen, jegliche Unterdrückung von Menschen und jegliche Einschränkung ihrer Freiheit. All diejenigen, die eine solche Unterdrückung wollen und diese vorantreiben, die Herrschaft ausüben, die Menschen ihrer Freiheit berauben, sie ausschließen, weil sie nicht in ihr Konzept einer Volksgemeinschaft oder „natürlichen Familie“ oder was auch immer, hineingehören, die die Unterwerfung unter irgendein abstraktes und absurdes Konstrukt wie Gott oder den Staat verlangen, all diese werde ich bekämpfen, jederzeit. Und ich werde sie weder „ertragen“ noch „erdulden“, denn wenn ich es tue, dann akzeptiere ich ihre Herrschaftsansprüche und lasse es zu, dass sie Herrschaft ausüben. All diesen Menschen gegenüber werde ich immer intolerant sein.

Sie Gestatten, ich bin Demokratiefeind*in!

D: „Wen wählst du eigentlich?“
A: „Ich wähle nicht.“
D: „Aber du bist doch politisch so interessiert, warum wählst du denn dann nicht? Nur so kannst du etwas verändern.“
A: „Ich bin nicht politisch interessiert. Ich bin Anarchist*in.“

Solche Gespräche oder ähnliche muss ich immer dann führen, wenn mal wieder eine sogenannte „Wahl“ ansteht. Noch besser als die Frage danach, wen ich eigentlich zu wählen beabsichtige gefällt mir die Frage danach, wem ich „meine Stimme gebe“. Ich finde diesen Ausdruck, einer Person „meine Stimme zu geben“ so paradigmatisch für dieses absurde Spektakel einer Wahl: Warum sollte ich einer anderen Person meine Stimme geben? Warum spreche ich nicht einfach für mich selbst? Dem Ausdruck das „Stimme abgebens“ wohnt meines Erachtens die gesamte Tragik des regelmäßigen Wahlspektakels inne: Den Menschen wird die kleinste vorstellbare Illusion von Mitbestimmung eingeredet und schon nehmen sie es hin, dass andere Menschen über sie herrschen, schlimmer noch: Sie verteidigen dieses System der Herrschaft sogar noch, feiern sich für ihre „Volksherrschaft“ (dt. Übers. von Demokratie) selbst. Und sind sie doch einmal unzufrieden, begnügen sie sich damit, in vier oder fünf Jahren eine*n andere*n Politiker*in zu wählen. Ganz so, als ob sich dadurch irgendetwas ändern würde.

Dieses System von Repräsentation und Mehrheitsherrschaft, das sich Demokratie nennt, hat sich seit seiner Entstehung kaum gewandelt. Schon die attische Demokratie eröffnete nur einem geringen Anteil der Bevölkerung die Möglichkeit politischer Teilhabe. Sklaven, Frauen, aber auch Staatsbürger niederer Stände waren vom politischen Geschehen ausgeschlossen. Über sie wurde von denjenigen, die am politischen Prozess teilhaben konnten, bestimmt. Ähnlich ist es auch heute. Zahlreiche Menschen, die in Deutschland leben, sind bei Wahlen nicht stimmberechtigt, darunter Menschen mit bestimmten diagnostizierten be_hinderungen, Menschen unter 18 Jahren, Menschen ohne deutsche Staatsbürger*innenschaft, manche Strafgefangene und viele weitere. Die demokratische Teilhabe bleibt also auch heute einigen Privilegierten vorbehalten, deren gewählte Repräsentant*innen dann über sie selbst, aber auch alle anderen herrschen.

Doch auch wählen zu dürfen (welch großzügige Geste des Staates, seinen für mündig befundenen Bürger*innen derartiges zu erlauben) verschafft einer*einem nicht zwangsläufig Einfluss oder auch nur Repräsentation. Im Gegenteil! Das Mehrheitsprinzip des demokratischen Systems ist ein äußerst geeignetes Instrument, die Interessen einer Mehrheitsgesellschaft gegen die Interessen marginalisierter Minderheiten durchzusetzen, das Prinzip der Repräsentation erstickt ohnehin jegliche Form individueller Interessensvertretung und ersetzt sie durch korrupte und ausschließlich am Machterhalt interessierte Parteipolitik und der Zentralismus von Politik und Verwaltung ist höchstens dazu geeignet, Menschen im Sinne der besseren Beherrschbarkeit entlang irgendwelcher Normen zu erziehen und zu kontrollieren.

Bestrebungen der Menschen sich außerhalb des nationalstaatlichen Projekts selbstbestimmt und freiwillig zu organisieren, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, Bestrebungen Entscheidungen mit allen Betroffenen im Konsens zu treffen und jegliche Einmischung von außen zu unterbinden, werden von den Institutionen des Staates kritisch beäugt und regelmäßig gewaltsam verhindert. Zu sehr fürchtet mensch sich vor dem Verlust, staatlichen Einflusses, so sehr geht es um Machterhalt und Kontrolle.

Doch in den Augen der eigenen Bevölkerung erscheint die Demokratie nur selten als System staatlicher Herrschaft. Sie gilt vielfach als „bestmögliches politisches System“ und „als Staatsform zivilisierter Gesellschaften“ (was auch immer das sein soll). Dabei wird die Demokratie einerseits als Exportgut westlicher Gesellschaften gesehen, das in kolonialistischen und neokolonialistischen Bestrebungen in die angeblich weniger „zivilisierten“ Teile der Welt getragen wird – ähnlich wie einst die christliche Glaubensdoktrin, andererseits sind sich Demokratien wie die Bundesrepublik Deutschland nicht zu schade mit autoritären und faschistoiden Regimen zu kooperieren, wenn es darum geht, sich selbst zu bereichern oder vor ungewollter Zuwanderung zu „schützen“.

Dabei scheitern Demokratien nicht etwa an ihrem eigenen Anspruch, sondern erfüllen lediglich ihre Funktion. Sie etablieren ein System globaler und lokaler Herrschaft, das ihren Bürger*innen eine gewisse Privilegiertheit zusichert, wenn diese sich im Gegenzug freiwillig der staatlichen Herrschaft unterordnen. Ideologisch wird dieses Verhältnis durch die Illusion von Teilhabe und Mitbestimmung, insbesondere anlässlich von Wahlen gefestigt.

Aus all diesen Gründen bin ich ein*e erklärte*r Feind*in der Demokratie. Ich lehne diese Form der Herrschaft über mich und andere ab, verweigere mich der Teilnahme am Spektakel der Wahlen. Stattdessen versuche ich mein Leben selbst zu gestalten, ich such nach selbstbestimmten und kollektivistischen Formen der Verwirklichung meiner Träume und Sehnsüchte und ich erkläre mich zum*zur Feind*in des Bestehenden, denn nur wenn es eines Tages gelingt, diese Demokratie, diesen Staat zu zerschlagen, kann ich frei sein.

Plädoyer für eine Anerkennung von Geschaffenem

Wenn ich nachts sprühen gehe und mir begegnet dabei eine mir aus der linksradikalen Szene bekannte Person, die aus einem komplett anderen Spektrum kommt, und wir uns gegenseitig nicht mögen, so kann ich doch darauf vertrauen, dass sie nicht die Bullen rufen wird. Im schlimmsten Fall wird sie mich ignorieren.

Noch vor einiger Zeit hätte ich auf so eine Feststellung nicht viel Wert gelegt, weil sie mir so ganz und gar natürlich erschienen wäre.

Knapp ein Jahr lang hatte ich das Glück, dem was landläufig unter „Gesellschaft“ läuft, den Rücken zuzukehren und hauptsächlich aktivistisch unterwegs zu sein. Auch wenn ich nebenbei gearbeitet habe, so erforderte die Tätigkeit nur selten einen näheren Kontakt zu Menschen. So hielt ich bald, völlig in Aktivitäten aufgegangen, Umgangsformen für normal und alltäglich, die es nicht sind. Irgendwann habe ich mich mehrheitlich an Zuständen gestört, war genervt bis frustriert etwa von Mackern, Sexismus und internen Streitereien, als dass ich die Vorzüge, die ein Leben außerhalb der Mehrheitsgesellschaft bietet, genossen habe. Leider.

Denn weil alles einmal zu Ende geht, bin ich jetzt hier gelandet. An einer Uni irgendwo in Deutschland.

Erst hier wird mir die Abwesenheit der oben beschriebenen Grundsolidarität, die sonst einfach da ist und über die meiner Erfahrung nach selten viele Worte gemacht werden, schmerzlich bewusst. Es ist selbstverständlich, auf Demos zu verhindern zu versuchen, dass Bullen in den Block rocken um andere Menschen zu entführen. Oder bei Gericht Menschen solidarisch zu unterstützen und anschließend Solipartys zu schmeißen. Oder Stunden vor Gesas zu warten. Oder, oder, oder.

Wenn ich hier während eines Seminars die Anwesenheitsliste einstecke, muss ich das heimlich tun, nicht um den Augen der Dozierenden zu entgehen, sondern allen Ernstes, um nicht von Kommiliton*innen bei diesem kleinen Akt der Selbstermächtigung verraten zu werden. Wäre ich mit den Leuten, die ich hier tagtäglich treffe, auf einer Demo unterwegs, schubsten sie mich wahrscheinlich noch in eine Bullenkette, generierte das irgendeinen Vorteil für sie.

Ich habe viel zu viel für selbstverständlich hingenommen, was es alles nicht ist. Taten, Lebensentwürfe, Gedanken, die unter linksradikalen Menschen selbstverständlich sind, so die profane und doch irgendwie schwerwiegenden Erkenntnis, sind es eben nicht.

Natürlich ist in der linksradikalen Szene nicht alles perfekt, bei weitem nicht. Aber der Unterschied ist, dass dort anderes Verhalten eingefordert werden kann, dass Menschen generell (nicht alle natürlich und nicht immer!) offener sind. Hier ist das nicht möglich. Am ersten Unitag, im ersten Seminar fiel mir etwa die ungleiche Redeverteilung auf. Ein Viertel der Anwesenden füllte 70% der gesamten Redezeit. So etwas war ja nun leider zu erwarten gewesen, doch niemensch störte sich daran. Meine später geäußerte Kritik wurde mit den Worten „Wenn sich halt sonst niemand meldet“ abgekanzelt und über Redelisten, die dominantes Redeverhalten quotieren, nicht einmal nachgedacht.

Das hier soll kein Aufruf zur Selbstbeweihräucherung sein, kein Aufruf zum Überlegen-Fühlen. Es soll einfach vor Augen führen, dass wir, wie mir nun tagtäglich wieder vor Augen geführt wird, manchmal nur im sehr Kleinen aber doch, eine bessere, eine anarchistischere Welt geschaffen haben. Das ist kein Grund, stehenzubleiben. Aber sich das einmal klarzumachen, lohnt doch.

Es geht hier immer nur Gegeneinander, es ist ein Hauen und Stechen und Ellbogen-Einsetzen. Es geht darum, sich zu profilieren und besser zu sein als andere. Es ist ermüdend, frustrierend und nach einer Zeit auch deprimierend. Das Universitätssystem ist natürlich nicht darauf angelegt, sich zu verbünden. Aber von Seiten der Studierenden besteht dazu auch gar keine Lust.

Plötzlich ist es wieder wichtig, wie mensch aussieht, was mensch anhat und anstrebt. Wieso läufst du eigentlich immer so abgeranzt rum, scheinen ihre Blicke zu sagen, wie, du machst nicht mindestens die hochgehaltenen 30 ECTS im Semester? Du willst noch ein Leben neben der Uni haben? Das ist aber nicht gut für den Lebenslauf. Und bäääh, hast du da gerade etwa die Reste von den Tellern fremder Leuten in der Mensa gegessen? Na danke, was ist das eklig!

Solche Äußerungen und Unverständnisbekundungen, das kenne ich aus linksradikalen Kreisen doch viel weniger. Hier sind Lookism, Ageism, Ableism an der Tagesordnung und so selbstverständlich, dass sie den Leuten nicht einmal dann auffallen, wenn sie direkt darauf hingewiesen werden.

Rassismus dagegen wird weniger offen, sondern subtiler geäußert, schließlich rühmt mensch sich, in einer liberalen und offenen Welt der Forschung und Lehre zu leben. Aber sag mal, warum sind hier eigentlich so viele Leute aus Pakistan? Nur so aus Interesse gefragt natürlich! Was wollen die denn alle hier? Und überall auf dem Campus sieht man inzwischen Asiaten! Das ist doch schon irgendwie auffällig, oder?

Noch mal, ich will die linksradikale Szene nicht besser reden, als sie ist und ich weiß sehr gut, dass wir vieles noch sehr viel besser machen könnten und sollten. Das hier soll also kein Aufruf dazu sein, sich „auf Lorbeeren auszuruhen“. Und auch kein Aufruf zur weiteren Abschottung. Aber ich habe das Gefühl, dass wir doch oft vergessen, was wir schon geschafft haben. Und wozu wir eigentlich tun, was wir tun. So kann dieser Text als Ermutigung weiterzumachen gelesen werden, auch wenn es manchmal so schwer fällt, wenn wir zermalmt zu werden scheinen zwischen anarchistischem Alltag auf der einen Seite – da ist noch dieser Text fertig zu schreiben, jene Aktion zu planen, achja, die Demo heute Abend nicht vergessen!, was, laufen übermorgen Fundis durch die Stadt?, oh, und dann noch Plenum! – und unangekündigten Bullenbesuchen, gelben Briefen, Gerichtsterminen und genereller staatlicher Repression auf der anderen Seite. Ich plädiere für einen Moment des Innehaltens, indem wir uns mal alle klarmachen, dass es bei uns nicht perfekt läuft. Aber deutlich besser, als in anderen Strukturen, wie etwa in denen, die mich hier momentan so umgeben.

Das Private ist antipolitisch

Die Produktion neuer Menschen ist – entgegen der Annahme, dass eigentlich nur sehr wenige Menschen da irgendwie dran beteiligt sind – unzähligen Kontrollinstanzen unterworfen und ein stark umkämpftes Feld. Dabei geht es insbesondere darum, wer wann wie viele Nachkommen welcher Konstitution zeugen soll und darf und wer nicht.

Wenn wir das Ziel des Staates im Hinblick auf das Zeugen von Menschen betrachten, stellen wir fest, dass es ihm besonders darum geht, der ableistischen Norm entsprechende, produktive deutsche Staatsbürger*innen nachgezüchtet zu bekommen, die er mithilfe des Schulsystems so indoktriniert bekommt, dass diese die Aufgaben erfüllen, die zum Erhalt des Staates lebensnotwendig sind. Während also versucht wird, Menschen „mit mittlerem und gesichertem Einkommen in stabilen Verhältnissen“ zum Kinderkriegen zu bewegen – mithilfe von Kindergeld und Herdprämie u.ä. –, sollen möglichst alle anderen davon abgehalten werden. Während also Schwangerschaftsabbrüche bis heute grundsätzlich unter Strafe stehen, sind bis heute Zwangssterilisationen bei Menschen mit geistiger Be_hinderung gang und gäbe und auch Ärzt*innen raten gerne und – dank besserer pränataler Diagnostik –immer häufiger dazu, Föten mit Be_hinderung abzutreiben. In der DDR wurden schwangere „Vertragsarbeiter*innen“ sogar vor die Wahl gestellt, entweder abzutreiben oder das Land zu verlassen. Bis vor einigen Jahren mussten trans Personen sich sterilisieren lassen, bevor sie eine Personenstandsänderung durchführen lassen konnten. Viele Menschen berichten, wie Ärzt*innen, Berater*innen oder ihr Umfeld sie dazu drängen, eine Schwangerschaft abzubrechen, weil sie nicht dem Bild der „perfekten Eltern“ entsprechen. Auch Fundis scheint es doch nicht so sehr um die „Seele“ des einzelnen Fötus‘ zu gehen, wenn sie beklagen, dass „das europäische Volk“ ausstirbt. Ebenso äußert der deutsche Staat Bestürzung darüber, dass „die Deutschen“ zu wenige Kinder kriegen würden. Gute deutsche, weiße, nicht be_hinderte Kinder, die nicht so stark nachproduziert werden, wie es die post-nationalsozialistische deutsche Gesellschaft gemeinsam mit ihren fundamentalistischsten Christ*innen gerne hätte. Der Staat muss sich selbst erhalten und das kann er am besten, wenn er die Produktion des Nachwuchses organisiert. Übrigens bis weit über die Schwangerschaft hinaus, durch die Isolierung der Menschen mithilfe der Förderung der Struktur der heterosexuellen blutsverwandten Kleinfamilie und die Übernahme der Erziehung durch die Schule.

Unabhängig davon, wie sehr dem Staat Kleinfamilienstrukturen nützen, ist auch sonst gruselig, wie sehr dieses Familienbild als einziges Ideal immer noch vorherrscht. Ihr habt bestimmt auch schon gehört, dass Menschen, die ein Kind austragen, halt Pech haben und im Zweifel sich allein darum kümmern müssen, weil sie nun mal das Baby im Bauch hatten und damit eindeutig als Beteiligte*r im Zeugungsprozess identifizierbar seien, im Gegensatz zu der Person, die die Samenzelle beigesteuert hätte. Dabei sieht ein Baby wie ein anderes aus. Sobald jemensch das Baby aus sich herausgequetscht hat, ist es genauso wenig dieser Person zuordenbar wie dem*der Erzeuger*in. Trotzdem wird ein solcher „natürlicher Bund“ zwischen austragender Person und geborenem Kind erfunden, den die schwängernde Person einfach nicht haben soll. Das führt dazu, dass adoptierte und Pflegekinder immer unter dem Makel leiden, von ihrer Blutsverwandschaft und zwar insbesondere von „ihrer Mutter“ im Stich gelassen worden zu sein. Das führt auch dazu, dass die austragenden Personen „natürlicherweise“ die Verantwortung für ihre Brut haben, während alle anderen – und ich meine hier alle anderen, also nicht nur die schwängernde Person, sondern auch alle anderen im Umfeld der schwangeren Person – „nichts damit zu tun haben“. Das müsste nicht so sein, denn es stimmt einfach nicht, dass die beste Bezugsperson für einen jungen Menschen zwangsläufig die Person ist, die ihn aus sich rausgequetscht hat. Sie kann und darf natürlich, wenn sie das möchte. Aber wie so ein dämliches Sprichwort sagt: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.“ Und warum bitte muss dieses Dorf dieselben Gene teilen? Oder nur aus zwei Leuten, nämlich Mama und papa,bestehen?

Bereits in den 1930er Jahren haben die anarchistischen Mujeres Libres, die freien Frauen, eine Bewegung, die zu ihren Hoch-Zeiten über 30 0000 Mitglieder hatte, sich mit neuen Familienmodellen auseinandergesetzt. So haben sie das Kochen und Kinderbetreuen kollektiv organisiert, in Form von Gemeinschaftsküchen und Kindergärten, der anarchistische Syndikalistische Frauenbund in Deutschland bildete einige Jahre davor „Müttersiedlungen“, in denen sich alleinerziehende Frauen zusammenschlossen oder propagierten „Einküchenhäuser“, ebenfalls eine Form der kollektiven Organisation der Küche. Jedoch sollten wir diese Formen der Organisierung nicht verwechseln mit aktuellen Kinderbetreuungsstätten und Firmenkantinen. Im Neoliberalismus finden sich viele Vereinnahmungsversuche ursprünglich revolutionärer Ideen von Autonomie, gesellschaftlicher Organisierung und Befreiung. Vereinnahmt durch die kapitalistische Logik werden sie zu subtileren Ausbeutungsmechanismen, die nur schwerer zu bekämpfen sind. Ziel der Etablierung einer Ganztagskinderbetreuung ist hier die Urbarmachung von Arbeitskraft, nicht die Umsetzung eines herrschaftsfreien Familienmodells.

Doch warum brauchen wir ein herrschaftsfreies Familienmodell? Ein radikaler Feminismus, der das Patriarchat infrage stellt, wird zu dem Schluss kommen, dass nicht nur die Herrschaft von vätern irgendwie kacke ist, sondern dass eigentlich alle Herrschaft ausübenden Institutionen abzulehnen sind. Denn wer anfängt die Autorität des eigenenvaters infragezustellen, wird auch bald dazu kommengottvater und natürlich den höchsten aller väter, Vater Staat zu hinterfragen. Wer einmal damit anfängt, kommt da nicht mehr hinaus, sodass auf einmal klar wird, dass nur ein herrschaftsfreies Miteinander ein feministisches ist, denn alle Machtinstitutionen sind Gehilf*innen des Patriarchats.

Wie sieht ein herrschaftsfreies Familienmodell denn dann so aus? Ganz unterschiedlich, je nach Bedürfnissen der an der Familie beteiligten Personen. Klar ist aber: Wer mit wem welche Gene teilt, ist vollkommen unwichtig, keine Person ist „natürlicherweise“ für irgendwelche Aufgaben zuständig, auch wieviele Personen sich wie sehr für die jungen Menschen verantwortlich fühlen, kann ganz unterschiedlich sein. Zusätzlich können kollektive und solidarische Lösungen aus spontanen freiwilligen Zusammenkünften heraus aufgebaut werden, die Arbeiten wie Kochen, Putzen und junge Menschen Versorgen, neu verteilen und stemmen. Diese dürfen allerdings weder aus der kapitalistischen noch der staatlichen oder patriarchalen Logik heraus entstehen, sondern ausschließlich aus dem Geist einer Abschaffung jeglicher Herrschaft heraus. Und natürlich muss der Umgang mit den aufwachsenden Menschen ein anderer werden. Anstatt dass junge Menschen erzogen werden, sie also zur Anpassung an von außen festgelegte Ideale und zum Lernen bestimmter Inhalte gezwungen werden, werden sie beim Aufwachsen und beim freiwilligen Lernen begleitet und unterstützt.

Jedoch wird es so lange nicht möglich sein, ernsthafte herrschaftsfreie Umgangsformen mit neu auf diese Welt gekommenen Menschen zu finden, wie es Politik und in diesem Fall insbesondere „Bevölkerungspolitik“ gibt. Wenn also die Produktion neuer Menschen und der Umgang mit ihnen irgendeinem Ziel unterworfen ist, wie dem ein „gesundes Volk an guten Staatsbürger*innen“ zu erhalten, oder auch eine neue Generation Christ*innen oder Proletarier*innen, oder die Generation zu zeugen, die die Erde vor der Zerstörung bewahren wird, dann wird es immer zur Unterdrückung von Menschen und zur Kontrolle menschlicher Reproduktion kommen. Da das Ziel eines jeden Staates ist, seine Bürger*innen zu beherrschen und damit auch Ziel eines jeden Staates ist, die Reproduktion seiner Bürger*innen zu kontrollieren, kann also nur die Zerschlagung des Staates die Lösung sein, um ein wahrhaft herrschaftsfreies Miteinander zu finden, das den Umgang mit Schwangerschaft und dem eigenen Körper nur denjenigen überlässt, die unmittelbar davon betroffen sind. Dabei kann eine solche Zerschlagung nicht über das Mitspielen nach den Regeln des Staates erfolgen, nicht übers „Politik-Machen“. Denn „Politik-machen“ ist immer eine Form von Herrschaftsausübung über die Köpfe betroffener Menschen hinweg, ist immer das Akzeptieren der Spielregeln, die erst die Strukturen hervorbringen, die es möglich machen, Menschen derart auch in ihren reproduktiven Freiheiten zu unterdrücken. In diesem Sinne möchte ich dazu aufrufen, das „Politik-machen“ endlich sein zu lassen und die unterdrückenden Strukturen dieser Gesellschaft radikal und kompromisslos zu bekämpfen, und ein herrschaftsfreies Miteinander im Hier und Jetzt zu beginnen. Es lebe die Anarchie!

anarchistisches Wochenblatt