Brandserie an diversen Gegenständen

In der Nacht auf Montag, den 14.10. in Haidhausen und Ramersdort wurden nacheinander ein Plastik-Recycling-Container, ein Fahrradanhänger, ein Motorroller, ein Fahrrad und noch ein Motorroller in Brand gesetzt. In Folge einer der Brände kam es ebenfalls zu einem Brand an einem Motorrad und an einem Fenster einer Schule. Es ist immer wieder erstaunlich, was alles so brennen kann…

Drei Autos durch Böller beschädigt

In der Nacht von Samstag, den 12.10.2019 zündeten Unbekannte im Stadtteil Hart mehrere Böller und beschädigten dadurch insgesamt drei Autos erheblich. An einem Fahrzeug wurden die Fahrzeugfront und die Winschutzscheibe beschädigt, ein anderes bekam Dellen im Heckbereich und am dritten Fahrzeug wurde die Stoßstange abgerissen und eine Rückleuchte beschädigt.

Die Bull*innen können den genauen Ablauf eigenen Angaben zufolge nicht rekonstruieren, aber auch ohne Sprengstoffexpert*in zu sein, lässt sich wohl vermuten, dass sich generell alle Öffnungen, Einbuchtungen und Aushöhlungen dazu eignen, um einen Böller dort zu platzieren, der dann bei der Detonation entsprechenden Schaden anrichtet.

Greta und Kenny hassen E-Scooter

Seit Monaten wird aufgeregt darüber diskutiert, was E-Roller für eine dringend notwendige „Mobilitätswende“ bedeuten könnten. Doch welche Strecken ersetzen die Miet-Roller? Nur solche, die bisher absolut umweltfreundlich zurückgelegt wurden, zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Das Lifestyle-Objekt ist ein bescheuertes Elektro-Spielzeug, es bringt uns verkehrspolitisch keinen Kilometer weiter. Statt den öffentlichen Personennahverkehr auszubauen und die Infrastruktur für Fahrräder zu verbessern, folgen derzeit viele Städte dümmlich dem plattform-technologischen Trend der SiliconValley-„Mikro-Mobilität“ – und zwar in der unökologischsten Variante.

Etwa 15 Tausend E-Scooter sind seit Ende Juni dieses Jahres in Deutschlands Großstädten auf den Straßen. Circ, Lime, Tier und Voi heißen die Plattformen, über die sich hippe Hype-follower einen Elektro-Tretroller ausleihen können. Eine halbe Stunde mit dem Roller kostet doppelt so viel wie ein Einzelfahrschein des öffentlichen Nahverkehrs.

Teurer Hipster-Scheiß

Die E-Roller taugen schon preislich nicht als massenhaftes Fortbewegungsmittel für die Stadt.
Die Freischaltung eines E-Tretrollers per Smartphone kostet 1 Euro, danach werden 15-20 Cent pro Minute fällig. Nach 12 Minuten kostet die Miete in Berlin 2,80 Euro. Dafür gäbe es eine BVG-Fahrkarte, mit der man 2 Stunden Bus oder Bahn fahren kann oder fast 90 Minuten Mietfahrrad. Zusätzlich geben die Hipster vollständig personalisiert Auskunft über ihre Wege und Aufenthaltsorte (GPS-Tacking). Die Daten werden aufgezeichnet, ausgewertet und weiterverkauft. Die Roller lassen sich nur per QR-Code und Smartphone-App freischalten und über Kredit-Karte oder Paypal bezahlen. E-Roller werden durchschnittlich fünf mal am Tag ausgeliehen und stehen die restliche Zeit im öffentlichen Raum im Weg.

Maximal unökologisch

Anders als uns die Verkehrs-“Wende“-Apologeten glauben machen wollen, ersetzen E-Scooter kein einziges Auto. Mit E-Scootern fahren Touris und Hipster Kurzstrecken unter 2 Kilometern, die sie zuvor zu Fuß oder per Rad zurückgelegt haben. Anders als auf dem Fahrrad kann man mit E-Rollern nichts transportieren. Sie sind überflüssige Stromfresser – mit einer überaus schlechten Ökobilanz: Der E-Scooter schneidet hinsichtlich der CO_2-Emission pro Person und Kilometer deutlich schlechter ab als ein Dieselbus. Er erzeugt fast die Hälfte der klimaschädlichen Emissionen eines Auto(mit-)fahrers. So die Ergebnisse einer Anfang August in den Environmental Research Letters veröffentlichten Studie von Hollingsworth, Copeland und Johnson. Grund dafür ist vor allem der schnelle Verschleiß der Scooter, die schon nach geringer Fahrleistung ausgemustert werden müssen. Dazu kommt der Energieaufwand beim Einsammeln und Aufladen der Roller: „Juicer“ sammeln die Roller, deren Akku weniger als halb voll ist, nachts (mit privaten Autos) ein, um sie (in ihre Wohnung zu schleppen und dort) gegen Honorar aufzuladen. Die Roller halten kein halbes Jahr. Nach durchschnittlich 3-4 Monaten werden sie verschrottet. Zehntausende Hochleistungs-Akkus mit 30 Kilometern Reichweite sind damit jährlich als Sondermüll zu entsorgen. Für die Batterien gibt es (derzeit) keine Recycling-Möglichkeit. Unmengen an seltenen Erden (z. B. Lithium), die unter den bekannten unmenschlichen Arbeitsbedingungen geschürft wurden, werden so verschwendet.

Im sogenannten Lithiumdreieck (Argentinien, Bolivien, Chile) lagern 70 Prozent des weltweiten Lithiumvorkommens in Salzseen inmitten hochandiner Steppenregionen, die durch extrem hohe Sonneneinstrahlung und Trockenheit gekennzeichnet sind. Diese Landschaft ist die Heimat zahlreicher indigener Gemeinden, die dort seit Jahrhunderten leben und Viehzucht und Landwirtschaft betreiben. Aufgrund ihres sehr hohen Wasserverbrauchs stellt die Lithiumproduktion im südlichen Lateinamerika eine Bedrohung für Menschen, Tiere und Pflanzen dar: Für eine Tonne Lithium werden 20 Millionen Liter Wasser benötigt. Damit wird auch ein wertvolles Ökosystem unwiederbringlich zerstört.

How to solve the problem?

Einige der empfindlichen Scooter-Batterien geraten beim Aufladen selbständig in Brand, sobald sie durch mechanische Beanspruchung feinste Risse aufweisen. Das passiert allerdings zu selten, um den irrsinnigen Hype abzuschwächen. Southpark-Kenny löst das Scooter Problem in „The Scoots“ (Staffel 22, Episode 5) per Funkmast-Sabotage. Wie also mit der Masse an Scootern umgehen?

In vielen Städten finden wir Aufkleber mit der Aufschrift „defekt“, „out of service“ oder „battery breakdown“ über die 3×3 Zentimeter großen QR-Codes geklebt (siehe pdfs im Anhang). Die Roller bleiben dann in der Regel bis zur nächsten Inspektion ungenutzt stehen – ohne lesbaren QR-Code ist keine Nutzung möglich. Die QR-Codes lassen sich auch ganz entfernen oder mithilfe eines Markers oder Sprühdose überdecken. Manche schließen gleich mehrere der Roller mit Drahtschlaufe und Vorhängeschloss zusammen – ob als Haufen oder kunstvoll zu Formen geschichtet. In vielen Städten Europas werden die Scooter in Gebüschen oder Flüssen versenkt.

Ausgiebige Alltags-Sabotage hatte bereits dem Leihfahrrad-Anbieter Obike ein frühes Aus beschert. Der chinesische Anbieter hatte Anfang 2018 mehrere Großstädte versuchsweise mit tausenden Leihfahrrädern geflutet und war überrascht, auf wie viel Widerstand die zugeparkten Bürgersteige und die Datensammelei insbesondere in München stießen: Aufgehängt in Bäumen, an Laternen, Ampel- und Strommasten, in der Isar versenkt, oder auch zertrampelt am Wegesrand fanden sich unzählige der 7000 Fahrräder in München. „Eine PR-Katastrophe“, so der damalige Obike-Deutschland-Chef, Marco Piu.

Dieser Artikel wurde zuerst im Autonomen Blättchen Nr. 38 veröffentlicht (S. 52).

Knastgesellschaft

In einer Gesellschaft, die ihren Mitgliedern “Freiheit” und “Selbstbestimmung” verspricht, erscheinen Gefängnisse auf den ersten Blick wie ein Widerspruch; ein antiquiertes Relikt aus vergangenen Zeiten, das die Probleme lösen soll, an denen die “freie”, moderne Gesellschaft mit ihren subtileren Erziehungsmethoden scheitert. Oder im Sinne des selbstgefälligen Münchner Richters Carsten Freiherr von Chiari ausgedrückt: Der Knast bewahrt die Wehrhaftigkeit des Rechtsstaates. Der Staatsbüttel muss es ja wissen. Und tatsächlich hat er damit vielleicht mehr Recht, als er selbst zu erkennen vermag: Schaut mensch genauer hin, ist der Knast kein anachronistischer Widerspruch dieser Gesellschaft, sondern vielmehr scheint das Prinzip Knast ein zentrales, machterhaltendes Prinzip dieser Gesellschaft zu sein, das alle Bereiche durchdringt.

In der Schule, dieser wohl zweitwichtigsten staatlichen Erziehungsanstalt werden junge Bürger*innen und weniger privilegierte Bewohner*innen des staatlichen Teritoriums nicht nur nach dem staatlichen Ideal gehorsamer Untertanen erzogen, sondern subversive Elemente werden hier auch mit den gleichen Methoden diszipliniert, wie dies im Knastsystem der Fall ist: Wer aus der Reihe tanzt wird vor anderen getadelt, zu Strafarbeiten verurteilt, muss nachsitzen oder wird schließlich gänzlich ausgeschlossen, damit er*sie mit ihrer*seiner unbändigbaren subversiven Kraft den Erziehungserfolg bei den anderen Schüler*innen nicht zunichte macht. Dabei können sich die Autoritäten in der Schule dank zumindest teilweise erfolgreicher Indoktrination auf die Mithilfe einiger unterdrückter Schüler*innen verlassen, die freiwillig, unter Androhung kollektiven Zwangs oder im Gegenzug für (scheinbare) Anerkennung durch den Lehrkörper bereit sind, an der Überwachung, Kontrolle und Maßregelung ihrer Mitschüler*innen mitzuwirken. Nicht selten entwickeln sich dabei auch unerwünschte Eigendynamiken, wenn Schüler*innen Gefallen daran finden, das bisschen Macht, das ihnen das System zugesteht, auch willkürlich gegen andere Schüler*innen zu richten.

Auch die vermutlich wichtigste staatliche Erziehungsanstalt, die bürgerliche Kleinfamilie setzt auf verschiedene knastähnliche Methoden der Disziplinierung. Trotz naturgemäß sehr unterschiedlicher, sogenannter Erziehungsstile greifen doch die meisten familiären Erzieher*innen auf im Kern ähnliche Methoden zurück: Wer bestimmte – im Detail unterschiedliche – Grenzen überschreitet, wird mit verschieden schweren, sich bis zu deren Wirksamkeit im Sinne eines gebrochenen Widerstandsgeistes des zu erziehenden Objekts meist steigernden Strafen belegt und soll daraus lernen, entsprechende Grenzen künftig nicht mehr zu überschreiten. Dabei geht es nicht darum, den zu erziehenden Menschen die Konsequenzen des eigenen Handelns bewusst zu machen, sondern darum, sinnlose und meist kausal in keinerlei Relation mit der zu bestrafenden Handlung stehende Strafen für Überschreitungen von oft ebenso sinnlosen Regeln aufzuerlegen. Unter anderem besonders beliebt: Streichung oder Kürzung des Taschengeldes, sofern die zu erziehenden Menschen ein solches beziehen und vor allem: Hausarrest oder ähnliche Formen temporären Freiheitsentzugs. Und auch in der familiären Erziehung können sich die Erzieher*innen – sofern sie mehrere Menschen gleichzeitig erziehen – in der Regel darauf verlassen, dass die zu Erziehenden im Gegenzug für Anerkennung, Belohnungen oder auch nur um den autoritären Machtapparat für sich zu instrumentalisieren (“Gib mir was ab, sonst sag ich’s dem Elter”) bereitwillig mit ihren Unterdrücker*innen zusammenarbeiten.

So ist es auch kein Wunder, dass die in diesen Anstalten erzogenen Menschen später in der Mehrzahl bereitwillig mit den Polizei- und Justizbehörden des Staates zusammenarbeiten, sich gegenseitig überwachen, verraten und nur danach trachten, mithilfe des staatlichen Repressionsapparates für die – wie sie glauben – “gerechte” Bestrafung ihrer persönlichen Feind*innen sorgen. Wie viele Bull*innen bräuchte mensch wohl, um diese Leistung zu vollbringen?

Die Folge: Durch die Mithilfe der zahlreichen Verräter*innen gelingt es dem Staat, rebellische und subversive Elemente zu isolieren, mit Repression zu überziehen, d.h. einzuschüchtern oder einzusperren und sich so selbst zu erhalten. Subversiv ist dabei jede Handlung, die gegen die Gesetze eines Staates verstößt, denn jeder Verstoß gegen eine dieser Regeln stellt die Autorität des Staates in Frage und der Verlust der Autorität ist das, wovor ein Staat am Meisten Angst haben muss. Es spielt daher naturgemäß keine Rolle ob das Handeln einer Person – aus wessen Sicht auch – verwerflich oder vielleicht sogar begrüßenswert war. Ebenso wie die familiären Erzieher*innen von den zu erziehenden Menschen erwarten, dass sie sich an willkürliche und sinnlose Regeln [1] halten, geht es auch dem Staat letztlich nur darum, dass eine seiner Regeln übertreten wurde und folglich auch seine Autorität in Frage gestellt wurde, wenn er die jeweilige Person verurteilt. Teil dieser Autorität ist natürlich auch, dass der Staat die einzige akzeptierte Instanz ist, die zu richten vermag, denn wo käme mensch denn da hin, wenn die Menschen ihre Konflikte untereinander regeln würden? Am Ende kämen sie gar noch auf die Idee, dass eine autoritäre Zwangsinstanz wie der Staat und seiner Richter*innen gar nicht benötigt wird und eigentlich einer nachhaltigen Lösung ihrer Konflikte nur im Wege steht.

Knäste sind in diesem Zusammenhang eine wichtige Institution, um allen Menschen in einem Staat ihre Freiheit zu rauben. Ihre Freiheit zu tun, was auch immer sie tun wollen und für richtig halten. Den einen dadurch, dass sie es – eingeschüchtert von der Perspektive für ihre Taten eingesperrt zu werden – gar nicht erst wagen, den anderen dadurch, dass sie für ihre Taten eingesperrt werden und so – zumindest in den meisten Fällen – mindestens für eine bestimmte Zeit ihrer Freiheit zu tun, was immer sie wollen, beraubt werden. Für den Verlust der eigenen Freiheit ist es also unerheblich, ob mensch im Knast sitzt oder draußen, in der sogenannten “Freiheit” lebt. Ja selbst wer sich draußen die Freiheit nimmt, entgegen der Gesetze zu handeln, wie er*sie es für richtig hält, muss dies, um nicht im Knast zu landen, im Geheimen tun und dennoch immer auch darum fürchten, erwischt zu werden. Ein Leben in Freiheit sieht wahrlich anders aus.

Doch Einschüchterung und Bestrafung sind nicht die einzigen Gründe, aus denen unsere Gesellschaft Menschen wegsperrt. Der ebenso absonderliche wie widerwärtige Drang unserer Gesellschaft alles zu normieren, unsere Bildung, unsere Karrieren, unsere Körper, unsere Bekleidung, ja sogar unsere politischen Willensbekundungen löst dort, wo dieses Streben nicht von Erfolg geprägt ist, umgekehrt eine rießige Angst vor allem “Anderen” aus. Wessen persönliche Interessen und Neigungen etwa nicht dem jeweiligen Bildungsplan entsprechen, die*der bekommt in aller Regel Druck von den Lehrer*innen, den Eltern und dem übrigen persönlichen Umfeld. Zahlreiche Menschen werden so schon in jungen Jahren gewaltsam, aber erfolgreich in die Normen der Gesellschaft gezwängt. Wer diese Zwangsjacke eines Tages abstreift oder sich erfolgreich dagegen wehrt, sie überhaupt angelegt zu bekommen ist den übrigen Mitgliedern der Gesellschaft und dem Staat suspekt. Gelingt es einem Individuum soweit aus den Normen auszubrechen, dass die Gesellschaft diese in seinem Handeln nicht mehr auszumachen mag, so verwandelt sich das anfängliche Mitgefühl des herablassenden Umfelds dieser Person nicht selten in ein Gefühl der Angst. Angst vor denen, die sie nicht kontrollieren können. Um diese verlorene Kontrolle über eines seiner Schäfchen wiederherzustellen, greift Vater Staat ein: Er sperrt dieses Individuum ein und versucht fortan mit brutaler Gewalt, etwa durch Psychopharmaka (früher und auch heute noch in fundamentalistischeren Subkulturen verbreitet: Exorzismen) eine Anpassung des Individuums an die gesellschaftliche Norm zu erzwingen. Das geschieht gegen den Willen der Menschen, auch wenn ihnen beständig eingeredet wird, dass das alles nur zu ihrem Besten sei. Mit strenger Disziplin, die in der gleichen Absicht wie in den früheren Arbeitshäusern angewandt wird, sollen die Menschen lernen, ihr Leben so auszurichten, wie es die Norm vorsieht: Morgens aufstehen, frühstücken, arbeiten, Mittagessen, arbeiten, Abendessen, schlafen und das alles in Ehrfurcht vor Gott (nein, das ist kein Witz!), dem Staat und irgendeinem herbeifantasierten Allgemeinwohl.

Doch die Agression der Einsperrung richtet sich nicht nur gegen vermeintliche innere Bedrohungen der Gesellschaft: Auch vermeintliche äußere Feind*innen sperrt mensch nach Möglichkeit ein, denn auch vor ihnen fürchtet sich der Staat und seine rassistische Gesellschaft. In Lagern, die ausschließlich zu dem Zweck errichtet wurden, geflüchtete Menschen abseits der Gesellschaft unterzubringen, so dass diese nach Belieben schikaniert und tyrannisiert werden können, ohne dass die übrigen Mitglieder der Gesellschaft davon beeinträchtigt werden, pfercht mensch diejenigen Menschen zusammen, die hierher kommen, um hier zu bleiben. Dort sortiert mensch diejenigen aus, vor denen mensch sich zu sehr fürchtet und verschleppt sie gewaltsam zurück dorthin, von wo sie geflohen sind. Die übrigen werden durch diese und andere gewaltsamen Übergriffe soweit verängstigt, dass sie – so zumindest der Plan des Staates – wenn sie dann doch endlich eine Aufenthaltsgenehmigung in diesem Land bekommen und das Lager verlassen dürfen, so eingeschüchtert sind, dass sie nichteinmal den Gedanken daran wagen, sich zu widersetzen.

Um den Schrecken der Knäste, Psychatrien, Lager und aller anderen Käfige für Menschen zu beenden genügt es nicht, diese Einrichtungen zu reformieren und damit nur ihre Funktion zu verbessern. Es gilt den Staat und die Gesellschaft, die diese Anstalten geschaffen haben, bis auf die Grundfesten niederzubrennen, denn erst aus den Ruinen dieser Festung kann ein Leben in Freiheit erwachsen.


[1] Ich betrachte dabei jede Regel als willkürlich und sinnlos, da jede Regel ihrem Wesen nach versucht, einen Sachverhalt auf eine allgemeingültige Formel zu bringen, die ein objektives Richtig und Falsch kennt. Im menschlichen Zusammenleben jedoch gibt es offensichtlich kein objektives Richtig und Falsch. Das wird alleine dadurch bewiesen, dass selbst diejenigen Menschen, die mit den Regeln der Gesellschaft grundsätzlich einverstanden sind, diese selbst immer wieder brechen, nicht etwa weil sie aus ihrer Sicht Falsches tun, sondern weil genau dieser Regelbruch aus ihrer Sicht in dieser Situtation das Richtige ist.

Utopie

Seit einiger Zeit denke ich darüber nach, über gewisse Themen zu schreiben, und einige Texte, die ich gelesen habe, schienen mir zu verstehen zu geben, dass das, worüber ich schreiben werde, ein Gefühl ist, das auch bei anderen Kameraden präsent ist.

Es ist ein Bedürfnis, das ich schon immer verspürte, und das nicht nur niemals besänftigt wurde, sondern in letzter Zeit im Gegenteil einen immer grösseren Platz in meinen Überlegungen eingenommen hat: Ich spreche von der Utopie. Ihre Idee verfolgt mich mit einer neuen und stärkeren Beharrlichkeit, und dies liegt vielleicht an der Tatsache, dass die Suche nach ihr im Innern von dem, was man allgemein als anarchistische Bewegung definieren kann, langsam aber unerbittlich weniger, oder zumindest weniger obsessiv geworden ist. Dies ist jedenfalls mein Eindruck. Vielleicht desillusioniert von den Jahren, in denen wir nur Momente einkassiert haben, die als Niederlagen wahrgenommen wurden, müde von den schweren Schlägen (mehr moralische als physische), die einzustecken man immer riskiert, wenn man kämpft, und mit der Aussicht, die eigenen, verwegensten Träume nie verwirklicht zu sehen, scheint es eine gewisse Tendenz zu geben, sich mit wenig zufriedenzugeben: Lieber einen kleinen Kampf gewinnen, der die Stimmung hebt, anstatt auf der Suche nach dem endgültigen Sieg eine weitere Niederlage einzukassieren. Lieber es schaffen, die Dinge dieses elenden Bestehenden etwas zu verbessern, anstatt das Risiko einzugehen, es nie zu verbessern, in dem Versuch, es endgültig umzustürzen. Die permanente Suche danach, sich an die Situationen anzupassen, die unsere Zeit bietet, ist dabei, die Spannung zu ersetzen, die es verhinderte, sich anzupassen; die Hektik des irgendwie irgendetwas Tun, um sich lebendig und aktiv zu fühlen, läuft Gefahr, die Fähigkeit zu Analyse und Kritik zu ersetzen, welche von Nutzen sind, um eine eigene Projektualität zu entwickeln. Man gelangt schliesslich an den Punkt, das zu tun, was alle anderen tun, und so zu sprechen, wie alle anderen sprechen, denn eine andere Sprache zu benutzen, würde uns unverständlich machen und wir würden Gefahr laufen, isoliert zu bleiben. Man beteiligt sich alle zusammen an denselben Kämpfen, aber, als ob das nicht genügen würde, wir machen das alle auf dieselbe Art und Weise, indem wir dieselben Mittel benutzen, die auf lange Frist in die Sterilität führen, ausser dass man entdeckt, dass wir, durch das Nachjagen von dem, was die anarchistische Bewegung tut, unsere Vorstellungskraft fortgeworfen haben und die Fantasie schrumpfen liessen, welche nützlich sind für die Fortführung der Kämpfe, die wir aufgenommen haben… Und eben diese Kämpfe? Von mittelmässig zu etwas breiterem und grandioserem laufen sie Gefahr, sich in einen Zweck für sich zu verwandeln, und eben hier ist es, wo man die Utopie aus dem Blick verliert. Immer seltener passiert es mir, dass ich mit Kameraden über grössere Träume spreche, nicht als Tagträume verstanden, die man beiseite legt, wenn man fertig fantasiert hat, sondern als erhabenes Bestreben, nach dem man sich richtet, als etwas zu verfolgendes, um zu versuchen, es zu realisieren. Die Utopie ist für mich nicht eine inexistente Insel in der Welt, sondern ein Drängen, das das Blut in das Herz und in das Hirn pumpt, eine Idee, die kein Waffenstillstand kennt; sie ist die Spannung, die mich zum Handeln antreibt, und das Bewusstsein, das mir erlaubt, die Angst zu überwinden. Die Utopie ist einer der Gründe, wieso ich Anarchist bin, denn nur sie bietet mir die Möglichkeit, nicht nur für eine neue Welt zu kämpfen, sondern für etwas, das noch nie verwirklicht wurde. Dies ist meine Utopie: der Versuch, dieses Etwas zu konkretisieren, das noch nie vollbracht wurde, das Bestreben, in einer Welt zu leben, die nicht die heutige ist und auch nicht jene von vor einigen tausend Jahren. Etwas, das zu versuchen nur durch einen insurrektionellen Bruchmoment möglich ist, einen Moment, der nur die Öffnung einer Möglichkeit bedeuten würde, der mich vor einen tiefen Abgrund stellen und das Schwindelgefühl verspüren lassen könnte, während er die Möglichkeit offen lässt, dass es am Grund etwas schrecklich faszinierendes, wie auch etwas absolut schreckliches gibt. Ein Sprung ins Unbekannte schliesslich, ohne im Vorhinein zu wissen, wie die Gesellschaft sein müsste, die ich wünsche, sondern ausgehend von all dem, was ich nicht wünsche. Das Undenkbare denken, also, als Grundbedingung, um das Unmögliche zu versuchen.

“Wer von Anfang an das Ende betrachtet, wer die Gewissheit braucht, ans Ziel zu kommen, bevor er beginnt, wird niemals dort ankommen.“

A. Libertad

BMW i8 abgefackelt

In der Isarvorstadt ist in der Nacht auf Dienstag, den 08.10.2019 ein Sportwagen der Marke BMW abgebrannt, nachdem er offenbar von unbekannten Angreifer*innen in Brand gesteckt worden war.

Durch den Brand entstand laut Angaben der Polizei nicht nur ein Schaden in Höhe von über 150.000 Euro, sondern da es sich bei dem Fahrzeug um ein Hybridfahrzeug mit Akkus handelte, die auch nach Löschung des Brandes gerne einmal weiterreagieren und das Feuerchen neu anfachen, war es außerdem notwendig die Werksfeuerwehr von BMW herbeizurufen, damit diese das Fahrzeug in einem Spezialcontainer sichert.

Interessanter Sidefact: Das Auto hat Bull*innen und Feuerwehr offensichtlich selbst benachrichtigt. Der sogenannte „BMW-Mobilitätsassistent“ gibt auffällige Beobachtungen offenbar gerne einmal an Repressionsbehörden weiter. Bleibt zu hoffen, dass er nicht auch auf die Idee gekommen ist, Bilder von denjenigen, die ihm den Garaus gemacht haben, zu machen!

Unangemeldete Fahrraddemo blockiert Feierabendverkehr

Am Freitag, den 27. September 2019 fanden sich mehrere Personen zu einer Fahrraddemo am Gärtnerplatz zusammen. Ab 16 Uhr ging es von dort aus mit Musik und Spaß durch die Stadt.

Bei der Demo verteilter Flyer

Ärger mit den Cops gab es dabei nicht, wie denn auch, wenn sich der ganze Verkehr staut und die Teilnehmer*innen dank ihrer Fahrräder hochmobil sind.

„Wirklich etwas für jeden Tag :)“ resümierte ein*e Teilnehmer*in oder Beobachter*in bei Indymedia.

Besuch bei VDH Security

Vergangene Woche haben wir den Sitz des Sicherheitsunternehmens VDH Security in München-Milbersthofen (Knorrstraße 12) besucht. Wir hinterließen die Frage „Feeling Secure?“ an der Fassade und machten zwei abgestellte Personentransporter der Firma temporär unbrauchbar, indem wir ihnen einen hässlichen neuen Farbanstrich verpassten sowie Fenster, Spiegel, Nummernschilder und Scheinwerfer übersprühten.

VDH Security profitiert unter anderem von Lagern, in denen Geflüchtete unter menschenverachtenden Bedingungen untergebracht werden.

Quelle: Indymedia

Anarchistisch-patriarchale Geschichtsschreibung

Es mag wie ein Rumnörgeln an Kleinigkeiten erscheinen und wie ein Festhalten, Perpetuieren und Positivsetzen von Identitäten, die es doch zu zerstören gilt. Dass dies jedoch nicht der Fall ist, möchte ich im Folgenden erläutern. Am Beispiel einer Passage der Broschüre „Namenlos“ der Edition Irreversibel möchte ich darauf eingehen, wie trotz bestester Absichten von Individualist*innen, die jegliche Form von Identität und Identitätspolitik ablehnen, sie unbewusst eine männliche Sichtweise mit einer neutralen verwechseln und den Lügen patriarchaler Geschichtsschreibung Glauben schenken.

In der Broschüre „Namenlos“ werden unterschiedliche „Beiträge zu einer anarchistischen Diskussion über Anonymität und Angriff“ zusammengestellt. Dabei geht es darum, inwiefern das Handeln unter Klarnamen oder (festem) Pseudonym zum einen Berühmtheiten und damit Autoritäten und Vorbilder schafft, insbesondere Gruppennamen das Individuum auslöschen und die Handlungen dadurch an Kraft verlieren, dass Menschen durch ein „Ich war’s“ ihren Geltungsdrang deutlich machen und damit die Handlung zu einem Profilierungsakt und damit zu einem Akt Autorität zu erlangen wird. Ich möchte eigentlich nur auf eine Passage dieser Broschüre eingehen, eigentlich sogar nur auf eine Fußnote, und meine Kritik daran hat zwar nur teilweise mit dem Thema dieser Broschüre zu tun, bringt aber auch neue Aspekte in das Thema Anonymität und Identität ein.

Der Beitrag „Die Anonymität“ aus der 10. Ausgabe von „Der Communist“ von 1892 enthält folgende unschöne Passage: „Ganz besonders warnen wir davor, eine Frau etwas ernstes wissen zu lassen, das nicht unumgänglich nothwendig ist, denn die Frauen werden fast immer für vollkommen erachtet, und nur zu oft sind sie es welche uns verraten.“ (S. 45) Diese Passage ist mit einer Fußnote des*der Herausgeber*in dieser Broschüre bedacht, in der die Vermutung geäußert wird, dass diese „krude“ Feststellung von Conrad Fröhlich „Ausdruck davon [sei] inwieweit die anarchistische Bewegung damals von nahezu ausschließlich Männern dominiert wurde, die so hauptsächlich Beziehungen zu Nicht-Anarchistinnen hatten und sich so bei der einen oder anderen Gelegenheit verplatterten und im Bau landeten.“ (S. 48)

Da muss ich entschieden widersprechen! Der*die Herausgeber*in führt hier fort, was seit hunderten von Jahren Anarchist*innen gemacht haben: die Rolle nicht-männlicher und weiblicher Anarchist*innen kleinzureden oder ganz zu verschweigen. Dies nennt mensch „Silencing“ und ist ein Phänomen, das alle Menschen, die (vermeintliche) Angehörige marginalisierter Gruppen sind, erleben. Dass sie nicht wahrgenommen werden, nicht ernst genommen werden und insbesondere in der Rezeption in den Jahren danach, also in der Geschichtsschreibung jeglicher Art, ignoriert, weggelassen und damit vergessen werden. Wenn Conrad Fröhlich offenbar so bekannt mit den anarchistischen Größen seiner Zeit ist, dass er kritisiert, dass „Herr Most, Herr Peukert, Herr Berkmann, Herr Merlino, Herr Malatesta“ (S. 46f.) durch ihre ständige Namensnennung zu Autoritäten wurden und dass sie ausschließlich aufgrund der Namensnennung Repression ausgesetzt waren und im Knast landeten, dann werden ihm wohl auch die Namen seiner anarchistischen Zeitgenossinnen „Frau Goldman“, „Frau de Cleyre“, „Frau Wilson“, „Frau Hansen“, „Frau Notkin“, „Frau Witkop-Rocker“, „Frau Michel“, „Frau Zaïkovska“, „Frau Kügel“, „Frau Mahé“, „Frau Maitrejean“, „Frau Nikiforova“, „Frau Perowskaja“ bekannt sein, die teilweise damals selbst große Berühmtheiten und Autoritäten waren, deren Schriften und Vorträge berühmt und stark rezipiert waren, die Zeitschriften herausgaben oder Artikel in Zeitschriften veröffentlichten, die Anschläge vorbereiteten, planten und durchführten oder Teil von Aufständen waren. Auch Emma Goldman saß im Knast, weil sie Anarchistin war, ebenso Louise Michel, Sofja Perowskaja wurde wegen ihrer Beteiligung an der Ermordung des Zaren Alexander II. 1881 hingerichtet.

Die meisten der genannten Frauen hatten Liebesaffären mit Anarchisten, entsprechend hatten auch Anarchisten Liebesaffären mit Anarchistinnen. Viele der Anarchistinnen sind uns heutzutage auch nur deswegen noch bekannt, weil sie die Lebensgefährtinnen „großer“ männlicher Anarchisten waren. Wie viele Anarchistinnen kennen wir nicht, weil ihre Lebensgefährten sie erstickt haben, sich vor sie gestellt haben, sie unterdrückt haben? Die der Meinung waren, dass „ihre“ Frauen sich lieber um das Wohlergehen ihres Mannes und der Kinder kümmern sollten? Viele wurden ausgelacht und nicht ernst genommen oder bewusst bei der Planung von Attentaten außen vorgehalten, weil das für eine Frau nichts sei. Letzteres erlebte beispielsweise Kaneko Fumiko in Japan 1926 – ihr Partner Pak Yeol hatte zusammen mit anderen Anarchisten ein Attentat auf den Kaiser geplant und Fumiko bewusst draußen gehalten, um sie als Frau zu beschützen. Sie bekam aber Wind davon und wollte Teil der Verschwörung sein. Alle wurden verhaftet und sie übertrieb ihre Rolle in der Verschwörung, kündigte sogar an, den Kaiser umzubringen, sollte man sie entlassen, um dieselbe Strafe und damit dieselbe Anerkennung als revolutionäre Anarchistin zu bekommen wie die Männer.

Ja, der*die Herausgeber*in hat richtigerweise festgestellt, dass die „anarchistische Bewegung damals von nahezu ausschließlich Männern dominiert wurde“, doch das bedeutet nur, dass Männer nicht bereit waren, ihre weiblichen Gefährt*innen anzuerkennen, sie so sehr sie konnten verdrängten und nicht ernst nahmen, den Beitrag der Frauen an der Bewegung bewusst verschwiegen. Doch die Anarchistinnen gab es und wenn mensch genauer hinsieht, sieht mensch auch, dass es eine ganze Menge waren. Auch Conrad Fröhlich wird sie gekannt haben. Dass er sie nicht nennt, sondern sich ausschließlich auf Männer konzentriert und sich an Männer adressiert und ganz offensichtlich Frauen nicht als Kampfgefährtinnen und als vollwertige handelnde Individuen und Subjekte begreift – denn wenn er empfiehlt Frauen nichts zu erzählen, wird er wohl kaum seinen Appell auch an Frauen richten –, sagt viel über Conrad Fröhlich aus, aber sicher nichts über die Geschlechterverteilung in der anarchistischen Bewegung und auch sicher nichts darüber, welche Angehörige welchen (zugewiesenen) Geschlechts mehr Anarchist*innen an die Repressionsbehörden verraten haben. Vielleicht waren viele Anarchisten so sexistisch, dass sie Frauen nicht als handlungsfähige denkende Subjekte betrachteten, die ihnen gefährlich werden könnten, indem sie sie verpfeifen. Denn sie dachten nicht daran, dass Frauen ihre Ideen nicht teilen könnten, da sie gar nicht auf die Idee kamen, dass diese Frauen eigene Ideen haben könnten (und das obwohl sie die ganze Zeit auch mit Frauen zu tun hatten, die ganz offenkundig eigene Ideen vertraten!). Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass Conrad Fröhlich durch seine Misogynie eine verzerrte Wahrnehmung hat, wenn es um Männer und Frauen geht. Wenn ein Mann einen Anarchisten verraten hat, dann wird er wahrscheinlich denken, wie konnte X Hans-Peter nur je vertrauen, wenn es eine Frau war, dann wird er eben nicht denken, wie konnte X Sabine nur vertrauen, sondern er wird denken, wie konnte X nur einer Frau vertrauen. Und dies führt dann zu einer subjektiv falschen Feststellung, die Ausdruck seiner Frauenfeindlichkeit ist, nicht aber Feststellung eines Faktes.

Viele der großen Individualisten dieser Zeit haben das Individuum rein als männlich betrachtet (auch Max Stirner als einer der großen Vordenker). „Der Einzige“ reift vom „Knaben“ zum „Jüngling“ zum „Mann“ (vgl. „Der Einzige und sein Eigentum“). Da gibt es nicht viel Interpretationsspielraum. Klar können wir bei einer Rezeption Stirners diese eindeutig männlich konnotierte Philosophie um alle anderen Individuen erweitern, die Stirner offenbar nicht wahrgenommen hat. Jedoch sollten wir nicht vergessen, wenn wir alte wie auch neuere Texte lesen, dass die Wahrnehmung vieler Menschen dieser Zeit, aber auch unserer Zeit, mehr oder weniger bewusst von dieser Gleichsetzung „Individuum/Anarchist = männlich“ bzw. „das Männliche = das Allgemeine, das Universelle“ geprägt war und sie alles, was aus diesem Schema herausfiel und fällt, so gut sie konnten, ignorierten und ignorieren. Deshalb ist es auch unsere Aufgabe den Lügen nicht zu glauben, dass vor hundert Jahren nur Männer Anarchist*innen waren, und es ist unsere Aufgabe nach den nicht-männlichen und weiblichen Anarchistinnen zu suchen. Und zwar nicht, weil wir so besessen von weiblicher Identität sind, sondern weil das wahrgenommene Geschlecht von entscheidender Bedeutung für die Rezeption einer Person und von Texten war und auch immer noch ist, wenn es auch vielen nicht bewusst ist. Männlich zu sein oder als solches wahrgenommen zu werden, verschaffte und verschafft jemandem Autorität. Diese (un-)bewussten Strukturen zu durchbrechen, gerade auch in der Rezeption von (alten) Texten, müssen wir uns zur Aufgabe machen.

Diese Perspektive erweitert das Thema der Broschüre, Anonymität und die Autorität von Namen, um interessante Aspekte. So nutzten und nutzen viele Frauen männliche Pseudonyme – spielten also mit falschen Identitäten – oder veröffentlichten ihre Texte anonym, um überhaupt Gehör zu bekommen. Der Punkt, dass ein Name unter einem Text einer Person Autorität verschafft, muss dahingehend erweitert werden, dass in vielen Fällen der männlich konnotierte Name Autorität verschafft (klar gibt es da immer Ausnahmen, wie die Beispiele von Emma Goldman oder Voltairine de Cleyre zeigen). Texte ausschließlich anonym zu veröffentlichen und Angriffe anonym durchzuführen befreit davon, dass andere den Text oder den Angriff unbewusst ablehnen oder ignorieren und übersehen, weil dieser von einem wahrgenommen weiblichen Namen stammt. Gleichzeitig wird aber das Namenlose, Anonyme häufig automatisch mit Männlichkeit assoziiert, der weibliche Beitrag damit nicht wahrgenommen und ignoriert (so wie Conrad Fröhlich, der einen Haufen anarchistischer Frauen kennen musste und trotzdem den Anarchisten als Mann definiert). Deshalb gibt es Menschen, denen es wichtig ist ihre Geschlechtsidentität bei einer illegalen Aktion preiszugeben, um mit dem unbewusst angenommenen Geschlecht zu brechen, um dieses Bild des männlichen Rebellen, das unbewusst die meisten in sich tragen, zu erschüttern. So liest mensch häufiger in Meldungen, die gar nicht mal lange Bekenner*innenschreiben sind, eine „FLINT-Gruppe“ (FLINT = Frauen, Lesben, Inter, Nonbinary und Trans Personen) habe dies und das getan. Auf der einen Seite wird so eine Identität, ein Geschlecht perpetuiert, dessen System mensch eigentlich im Ganzen zerstören will, und es wird mit dem Prinzip der Anonymität gebrochen. Andererseits wird damit der (unbewussten) patriarchalen Geschichtsschreibung und -wahrnehmung, die nur von Männern als handelnde Individuen ausgeht, bewusst entgegengesetzt, dass es eben keine Männer waren. Genau das war auch der Grund dafür, dass Fumiko ihre Rolle in der Verschwörung gegen den japanischen Kaiser 1926 so übertrieb. Um als handelndes Individuum wahr- und ernstgenommen zu werden. Individualität und Handlungsvermögen wird Menschen mehr oder weniger bewusst unterschiedlich stark zugestanden. Der Weg zu einem „Ich“ ist für viele weiblich sozialisierte Menschen ein anderer als für viele männlich sozialisierte Personen. „Sogar (ausländische!) Frauen haben in Hamburg während G20 randaliert“, titelten die Zeitungen nach G20 schockiert. Das überrascht die meisten zeitgenössischen Anarchist*innen – im Gegensatz zur bürgerlichen Presse – wahrscheinlich nicht. Doch dass das vor hundert Jahren ebenfalls der Fall war, das wiederum würde viele dann doch überraschen. Und das müssen wir ändern!

Why are there no women in the anarchist movement? [ironic]
Why are there no women in the anarchist movement? An ironic Comic about manarchism.

anarchistisches Wochenblatt