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Fortschritt und Atomkraft

Die Zerstörung des Kontinents und seiner Völker

Die vorsätzliche Vergiftung von menschlichen Wesen, der Erdböden und anderer lebender Spezies kann nur durch größte Heuchelei als „Unfall“ betrachtet werden. Nur die*der willentlich Blinde kann behaupten, dass diese Konsequenz des technischen Fortschritts „unvorhergesehen“ gewesen wäre.

Die Vergiftung und Entfernung der lebendigen Bewohner dieses Kontinents zum Zwecke einer „höheren Sache“ mag in Ost-Pennsylvania begonnen haben, allerdings nicht in den vergangenen Wochen.

Zweiundzwanzig Jahrzehnte zuvor haben in der Region, die derzeit von Strahlung aus Three Mile Island vergiftet wird, Spekulant*innen mit Namen wie Franklin, Morris, Washington und Hale ihre Namen hinter Fassaden wie der Vandalia Company und der Ohio Company verborgen. Diese Firmen hatten einen Zweck: das Land zu verkaufen, um Profit zu machen. Die Individuen hinter den Firmen hatten ein Ziel: alle Hindernisse, die ihrer Entwicklung und ihrem Gewinn im Wege standen, zu beseitigen, egal ob es sich bei diesen Hindernissen um Menschen, jahrtausendealte Kulturen, Wälder, Tiere oder sogar Flüsse und Berge handelte. Ihr Ziel war es, diesen Kontinent zu zivilisieren, einen Kreislauf von Aktivitäten auf ihm einzuführen, die hier niemals zuvor ausgeübt worden waren: Arbeiten, Sparen, Investieren, Verkaufen – der Kreislauf, der das Kapital reproduziert und vergrößert.

Das größte Hindernis dafür bestand aus Menschen, die auf diesem Kontinent seit Jahrtausenden gelebt hatten und die ohne Gesetz, Regierung oder Kirche die Sonne, die Flüsse, die Wälder, die verschiedenen Spezies von Pflanzen und Tieren und einander genossen. Diese Menschen betrachteten das Leben als einen Zweck, nicht als ein Mittel, das in den Dienst eines „höheren“ Zwecks gestellt werden müsste. Sie strömten der Zivilisation nicht in Scharen zu, wie Kinder einer Keksdose, wie es die Franklins und Washingtons von ihnen erwarteten. Im Gegenteil. Sie wollten kaum etwas von dem, was die Zivilisation zu geben hatte. Sie wollten einige der Waffen und sie wollten diese nur, um ihre Freiheit gegen die weiteren Übergriffe der Zivilisation zu verteidigen; sie zogen den Tod einem Leben vor, das auf Arbeiten, Sparen, Investieren und Verkaufen reduziert war. In einem letzten, verzweifelten Versuch die Zivilisation und ihre Vorzüge zurück ins Meer und darüber hinaus zu treiben, in einem Aufstand, der derzeit als der Name eines Automobils erinnert wird, verdrängten ihre Krieger*innen die Landräuber und ihre Soldaten aus Ontario, Michigan, Ohio und West-Pennsylvania. Für diesen kompromisslosen Widerstand bekamen sie von den Zivilisierten den Status von Wilden verliehen. Dieser Status verlieh den Zivilisierten die Erlaubnis, sie ohne Bedenken oder Skrupel auszulöschen: „Schickt ihnen pockeninfizierte Decken“, ordnete einer der Kommandeure an, der verantwortlich für ihre Auslöschung ist.

Die jüngst gefeierte zweihundertjährige Amerikanische Unabhängigkeit gedachte dem Tag, an dem vor zwanzig Jahrzehnten Landräuber*innen, Spekulant*innen und ihre Verbündeten entschieden, die Auslöschung der Unabhängigkeit in der Region westlich von Three Mile Island zu beschleunigen. Die Regierung des Königs war zu weit entfernt, um ihre Investionen adäquat zu schützen und in vielerlei Hinsicht war sie feudal und teilte nicht immer die Ziele der Spekulant*innen; sie ging sogar soweit, die Grenzen, die durch Verträge mit den Wilden festgelegt worden waren, durchzusetzen. Was benötigt wurde, war ein effizienter Apparat unter direkter Kontrolle der Landräuber*innen und exklusiv dem Wohlstand ihres Unterfangs ergeben. Informelle Grenzpolizeiorganisationen wie die Paxton Boys waren für ein Massaker an den Bewohner*innen eines isolierten Dorfes wie Conestoga brauchbar. Aber solche Grenzer-Gründungen waren klein und vorübergehend und sie waren ebenso abhängig von der expliziten Einwilligung jedes einzelnen Teilnehmers wie die Stammeskrieger selbst; daher handelte es sich bei ihnen eigentlich überhaupt nicht um geeignete Polizeiorganisationen. Die Spekulant*innen verbündeten sich mit Idealist*innen und Träumer*innen und hinter einem Banner, auf dem Freiheit, Unabhängigkeit und Glück stand, nahmen sie Regierung, Militär und Polizei in ihre eigenen Hände.

Vor ungefähr 150 Jahren war der effiziente Apparat für den Fortschritts des Kapitals voll ausgeprägt. Militär- und Polizeiorganisationen basierten auf Gehorsam und Unterwerfung und nicht auf der aktiven Einwilligung jedermanns und sie waren bereit gegen diejenigen Menschen vorzugehen, die sich dieser Form der Herrschaft zwanzigtausend Jahre, wenn nicht länger widersetzt hatten. Der Kongress verabschiedete eines seiner explizitesten Gesetze: das Indianer-Umsiedlungsgesetz. Innerhalb weniger Jahre wurde jeder Widerstand, jede Aktivität, die nicht die des Kapitals war, aus der Region entfernt, die sich westlich von der Three Mile Island bis zum Mississippi erstreckt und südlich von Michigan bis Georgia. Die Regierung wurde schnell zu einer der mächtigsten auf der Welt und war nicht länger darauf beschränkt, Dorfbewohner*innen mit Pocken zu vergiften oder sie in einem Überraschungsangriff zu massakrieren; sie setzte die Entfernung durch eine besonnene Kombination aus hohlen Phrasen, Versprechungen und Polizei um. Die verbleibenden freien Stammesmenschen konnten dieser Kombination keinen Widerstand leisten, ohne sie anzunehmen, aber sie konnten sie nicht annehmen, ohne aufzuhören, frei zu sein. Sie entschieden sich dazu frei zu bleiben und die letzten freien menschlichen Wesen zwischen der Three Miles Island und dem Mississippi wurden entfernt.

Als die Siedler*innen in die vorsätzlich geräumten Ländereien zogen, wo ihnen die Luft, die sie atmeten, eine Vorstellung der kürzlich ausgelöschten Freiheit gab, verwandelten sie weitläufige Wälder in ausgedehnte Nachbildungen der Hölle, die sie hinter sich gelassen hatten. Der Genuss der Pfade und Wälder endete: Die Wälder wurden niedergebrannt; die Pfade wurden zu Hindernisläufen, die so schnell durchquert wurden, wie es das Kapital möglich machte. Freude hörte auf, das Ziel des Lebens zu sein; das Leben selbst wurde zu einem bloßen Mittel, sein Ziel war der Profit. Die Vielfalt hunderter kultureller Formen wurde auf die Gleichförmigkeit einer einzigen Routine reduziert: Arbeiten, Sparen, Investieren, Verkaufen, jeden Tag von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang und nach dem Sonnenuntergang wurde das Geld gezählt. Jede vorherige Aktivität und unzählige neue Aktivitäten wurden von Quellen der Freude in Quellen des Profits verwandelt. Mais, Bohnen und Kürbis, die „drei Schwestern“, die unter den vorherigen Bewohner*innen der Region respektiert und geliebt gewesen waren, wurden zu bloßen Waren für den Verkauf auf Lebensmittelmärkten; Ihre Säer*innen und Ernter*innen pflanzten sie nicht länger an, um sie bei Mahlzeiten, Festen und Festivals zu genießen, sondern um sie für Profit zu verkaufen. Gemächliches Gärtnern wurde durch die harte Arbeit der Landwirtschaft ersetzt, Pfade wichen Gleisen, Gehen wurde durch die Fortbewegung gigantischer, kohleverbrennender Öfen auf Rädern ersetzt, Kanus wurden von schwimmenden Städten zur Seite gespült, die vor keinem Hindernis Halt machten, während sie die Luft mit Funken und schwarzem Rauch erfüllten. Die „drei Schwestern“ wurden zusammen mit dem Rest ihrer Familie zu bloßen Handelswaren degradiert, ebenso wie die Bäume, die zu Holz wurden, die Tiere, die zu Fleisch wurden und selbst die Reisen, die Lieder, die Mythen und Märchen der neuen Bewohner*innen des Kontinents.

Und neue Bewohner*innen sollte es geben: zuerst hunderte, dann tausende, schließlich Millionen. Als der Import reiner Sklav*innen schließlich endete, wurden überschüssige Bäuer*innen aus den heruntergewirtschafteten Ländereien des post-feudalen Europas importiert. Ihre Vorfahr*innen hatten die Freiheit seit so vielen Generationen nicht mehr gekannt, dass sogar die Erinnerung daran verloren gegangen ist. Vormals als Diener*innenschaft oder Gesinde auf den Ländereien zunehmend kommerzieller Adliger tätig, trafen die Neuankömmlinge bereits genau darauf trainiert ein, genau das zu wollen, was das Kapital anzubieten hatte, und die vom Kapital auferlegte Entwürdigung des Lebens war verglichen mit ihrem einzigen Vergleichsrahmen Freiheit für sie. Landinvestor*innen verkauften ihnen Parzellen, Schieneninvestor*innen transportierten sie zu den Parzellen, Ackergerät-Investor*innen statteten sie aus, Bank-Investor*innen finanzierten sie, gekleidet und möbliert wurden sie durch die gleichen Interessen, oft von den gleichen Häusern, die sie zugunsten des Profits mit allem anderen versorgt hatten, was kein vorangehendes Zeitalter als „angemessen“ betrachtet hätte, und so schrieben sie prahlerisch an ihre Verwandten im alten Land, dass sie zu ihren eigenen Herren geworden seien, dass sie freie Bauern wären, aber in ihrer Magengrube und zwischen ihren Herzschlägen spürten sie die Wahrheit: Sie waren Sklav*innen eines Herren, der sogar noch hartnäckiger und unmenschlicher war und sie ihren ehemaligen Herren entrissen hatte, eines Herren, dessen tödliche Macht wie die der Radioaktivität gespürt, aber nicht gesehen werden konnte. Sie waren zu den ausgewiesenen Diener*innen des Kapitals geworden. (Und diejenigen, die als „Fabrikarbeiter“ oder „ungelernte Arbeitskräfte“ in den Fabriken endeten, die die Werkzeuge und Schienen produzierten, hatten kaum etwas, mit dem sie in ihren Briefen angeben konnten; sie hatten, wo immer sie herkamen, freiere Luft geatmet.)

Ein Jahrhundert nach dem Aufstand, der heute mit dem Namen von Pontiac verbunden wird, ein Jahrhundert, das voller verzweifeltem Widerstand von Pontiacs Nachfolgern gegen die weiteren Übergriffe des Kapitals war, begannen einige der importierten Bauern gegen ihre Reduzierung auf Diener des Eisenbahn-, Ausstattungs- und Finanzkapitals zu kämpfen. Die volksnahen Bauern brannten darauf die Rockefellers, Morgans und Goulds, die direkt für ihre Entwürdigung verantwortlich waren, zu verhaften und einzusperren, aber ihre Revolte war nur ein schwaches Echo der früheren Revolten der Ottowas, Chippewas, Delawares und Potawatomies. Die Bauern wendeten sich gegen die Persönlichkeiten, aber fuhren fort damit, die Kultur, die für ihre Entwürdigung verantwortlich war, zu teilen. Folglich scheiterten sie darin, sich mit dem bewaffneten Widerstand der Menschen der Great Plains zu vereinen oder diese überhaupt als ihresgleichen wahrzunehmen. Diese waren die letzten, die den Kontinent davor bewahrten, gänzlich zu einer Insel des Kapitals zu werden – ein Kampf, der mithilfe der antiken assyrischen (und modernen sowjetischen) Methoden der massenhaften Deportation, Konzentrationslager, Massaker an unbewaffneten Gefangenen und nicht nachlassender Gehirnwäsche durch militärische und missionarische Schläger niedergeschlagen wurde.

Obwohl viele von ihnen militant und mutig waren, stellten die kämpfenden Bauern Genuss und Leben nur selten über Arbeit, Ersparnisse und Profit, und ihre Bewegung entgleiste vollkommen, als sie von radikalen Politiker*innen infiltriert wurde und die Sehnsucht nach einem neuen Leben mit der Sehnsucht nach einem neuen Anführer gleichsetzten. Diese Form der Entgleisung einer volksnahen Bewegung wurde zu einem Wesenszug der Arbeiterbewegung in dem darauffolgenden Jahrhundert. Die Politiker*innen, die das Grab des Populismus ausgehoben hatten, waren die Vorläufer einer unendlichen Bandbreite von mönchischen Sekten, die organisatorisch auf der jesuitischen Ordnung aufbauten, aber ihre Doktrin und ihre Dogmen von dem einen oder anderen kommunistischen, sozialistischen oder anarchistischen Buch ableiteten. Bereit, beim ersten Anzeichen einer Situation, in der die Menschen darum kämpfen, ihre eigene Menschlichkeit zurückzuerlangen, hervorzuspringen, zermalmten sie eine potentielle Rebellion nach der anderen, indem sie Menschen, die dafür kämpften, zu leben, ihre Doktrin, ihre Organisation und ihre Führung aufbürdeten. Diese Clowns, für die alles, was fehlte, ihre Ergüsse und Ansprachen auf den Titelseiten der Zeitungen waren, wurden schließlich zu Kapitalist*innen, die die einzige Ware, die sie in die Ecke getrieben hatten, auf den Markt brachten: die Arbeiterschaft.

Kurz vor der Zeitenwende des gegenwärtigen Jahrhunderts [20. Jahrhundert; Anm. d. Übers.], in dem tatsächlicher Widerstand endgültig durch einen Pseudo-Widerstand, der tatsächlich ein Instrument der endgültigen Reduktion menschlicher Aktivität auf eine bloße Größe des Kapitals ist, beseitigte der effiziente Apparat zur Generierung von Profit alle äußeren Hindernisse. Er besaß noch immer innere Hindernisse: die verschiedenen Fraktionen des Kapitals, die Vanderbits, Goulds und Morgans richteten ihre Waffen fortwährend aufeinander und drohten, die gesamte Struktur von innen ins Wanken zu bringen. Rockefeller und Morgan bereiteten den Weg für eine Fusion, den Zusammenschluss der unterschiedlichen Fraktionen: Vermögende Investor*innen verteilten ihr Vermögen auf die jeweils anderen Unternehmen; Direktor*innen saßen im Vorstand der jeweils anderen; und ein jeder erlangte ein Interesse am ungehinderten Vormarsch jeder Einheit des gesamten Apparats. Mit Ausnahme von wenigen überlebenden persönlichen und familiären Imperien wurden die Unternehmen von bloßen Heuerleuten geleitet, die sich vom Rest der Angestellten nur durch die Höhe ihrer Bezüge unterschieden. Die Aufgabe der Direktor*innen bestand darin, alle Hindernisse zu überwinden, menschliche und natürliche, mit nur einer Einschränkung: der der effizienten Funktionsweise der anderen Unternehmen, die gemeinsam das Kapital bildeten.

Vor vier Jahrzehnten gelangten die Forscher*innen der physikalischen und chemischen Wissenschaften im Dienste des Kapitals zu der Entdeckung, dass großen Substanzen über und unter der Erde nicht die einzigen Substanzen waren, aus denen sich Profit schlagen ließ. Es schien, dass die „befreiten“ [Atom]kerne bestimmter Substanzen vom Kapital ganz besonders ausgebeutet werden konnten. Die Zerstörung der Materie auf atomarer Ebene, die zuerst in den abscheulichsten Waffen, die bisher jemals von Menschen gefertigt wurden, genutzt wurde, wurde zur neuesten Ware. Zu dieser Zeit hatten die Zinszahlungen, Frachtgebühren und Ausrüstungs-Käufe der Bauern ebenso wie die seit langem verschwundenen Bäume und Waldtiere aufgehört als Quellen eines signifikanten Profits von Interesse zu sein. Energieunternehmen, die mit Uran- und Erdöl-Imperien verzahnt waren, wurden zu mächtigeren Imperien als irgendeiner der Staaten, die ihnen als Problembeheber dienten. Innerhalb der Computer dieser Imperien wurden die Gesundheit und die Leben einer „angemessenen“ Anzahl an Farm- und Stadtbewohnern gegen einen „angemessenen“ Zuwachs oder Verlust von Profit abgewogen. Mögliche volksnahe Antworten auf solche Berechnungen wurden durch besonnene Kombinationen aus hohlen Phrasen, Versprechungen und Polizei kontrolliert.

***

  • Die Vergiftung von Menschen in Ost-Pennsylvania mit krebserzeugender Strahlung durch ein System, das einen bedeutenden Anteil seiner Aktivität der „Verteidigung“ gegen atomare Angriffe aus dem Ausland widmet,
  • Die Kontamination von Nahrung, die von den verbleibenden Bewohner*innen des Kontinents verzehrt werden wird und die Zerstörung der Perspektiven von Bäuer*innen, die ihr Leben pflichtbewusst dem Anbau von Waren widmeten, die für das Kapital auf einer Entwicklungsstufe interessant waren, die vor einem halben Jahrhundert endete,
  • Die Verwandlung in ein buchstäbliches Minenfeld durch den Gebrauch von beispiellos tödlichen Giften und Sprengstoffen eines Kontinents, der einst von Menschen bevölkert wurde, deren Ziel im Leben es war, die Luft, die Sonne, die Bäume, die Tiere und einander zu genießen,
  • Die Aussicht, dass ein Kontinent mit wütenden Infernos übersät sein wird, während ihre Lautsprecher ihre aufgezeichneten Botschaften an eine verkohlte Erde abspielen: „Es gibt keinen Grund überzureagieren, die Situation ist stabil, die Anführer*innen haben alles unter Kontrolle“,

all das ist kein Unfall. Es ist die derzeitige Stufe des Fortschritts der Technologie, alias des Kapitals, von Marry Wollstonecraft Shelley Frankenstein genannt, die von ehrgeizigen Managern, die darauf brennen, ihre „revolutionären“ Hände an ihr Schaltpult zu bekommen, als „neutral“ betrachtet wird. Seit zweihundert Jahren hat sich das Kapital durch die Zerstörung der Natur, durch die Entfernung und Zerstörung von Menschen entwickelt. Das Kapital hat nun einen Frontalangriff auf seine eigene Diener*innenschaft gestartet, seine Computer haben damit begonnen, die Entbehrlichkeit derjenigen zu berechnen, die gelehrt worden sind, sich als seine Nutznießer zu verstehen.

Wenn die Geister der Toten unter den Lebenden geboren werden könnten, könnten Krieger der Ottawa und Chippewa und Potawatomi den Kampf dort wieder aufnehmen, wo sie ihn vor zwei Jahrhunderten verlassen haben, unterstützt von den Kräften der Sioux, Dakota und Nez Perce, der Yana und Medoc und den zahllosen Stämmen, deren Sprachen nicht mehr gesprochen werden. So eine Kraft könnte die Kriminellen zusammentreiben, die andernfalls niemals vor irgendein Gericht gestellt werden würden. Die zahlreichen Agent*innen des Kapitals könnten dann damit fortfahren, ihre Routine des Arbeiten-Sparen-Investieren-Verkaufens auszuüben, einander gegenseitig mit hohlen Phrasen, Versprechungen und Polizei zu foltern, innerhalb entschärfter und vom Netz getrennter Kraftwerke, hinter den Plutonium-Türen.

Nachbemerkung der Übersetzer*in

Vor über 40 Jahren verfasst ließe sich die Erzählung Perlmans heute sicher noch um die „Errungenschaften“ des Fortschritts der letzten Jahrzehnte sowie die des letzten Jahres erweitern. Und doch würde kaum eine Formulierung dem, was gerade passiert, so sehr gerecht werden wie die folgende, eben bereits vor rund 40 Jahren gültige: „Das Kapital hat nun einen Frontalangriff auf seine eigene Diener*innenschaft gestartet, seine Computer haben damit begonnen, die Entbehrlichkeit derjenigen zu berechnen, die gelehrt worden sind, sich als seine Nutznießer zu verstehen.“

Und dabei steht es kurz vor der Vollendung dieser Pläne, während diejenigen, die sich um eine Wiedergeburt der Geister der Toten bemühen (indem sie etwa Funkmasten anzünden oder gegen Ausgangssperren rebellieren), von jenen Dienern, die durch die Begründung diverser politischer Sekten und ihren Führungsanspruch auch weiterhin jeden populären Widerstand zum Erliegen bringen, als „Verschwörungstheoretiker“ verspottet werden …


Übersetzung aus dem Englischen: Fredy Perlman. „Progress and Nuclear Power“ (1979) aus Anything can Happen (2017).

In Richtung eines indigenen Egoismus

Einführung

Ich bin eine indigene Person der Oglala-Lakota-Nation. Meine Vorfahren stammen aus dem Pine-Ridge-Indian-Reservat im westlichen South Dakota. Davor waren sie nomadisch und zogen frei über das gesamte Gebiet, das als die Great Plains bekannt ist. Ich bin auch ein*e individualistische*r Anarchist*in und existiere, was auch immer daraus werden wird, innerhalb einer radikalen „Community“ anderer Anarchist*innen hier in den Vereinigten Staaten. Ich wurde mit zahllosen Abhandlungen über individualistisches und egoistisches Denken bombardiert, die es als kapitalistisch, kolonialistisch und sogar rassistisch/faschistisch [white supremacist] bezeichnen. Ich schreibe diesen Text als Antwort auf eine*n Freund*in von mir, die*der die Behauptung aufgestellt hat, dass Individualismus und Eigeninteressen grundlegende Elemente der Kolonisierung wären. Während das stimmen mag, wenn Eigeninteressen durch koloniale Ideologie definiert werden, werde ich ein individualistisches und egoistisches anarchistisches Denken skizzieren, das ein Werkzeug der Dekolonialisierung und des indigenen Widerstands ist.

Individualismus, Kolonialismus und Beanspruchung

Was den Individualismus und Egoismus so attraktiv macht, ist der Sinn für Freiheit, den er anbietet: Der Sinn, dass kein anderer dich davon abhalten sollte, deine Sehnsüchte zu verwirklichen und dass du und deine Sehnsüchte von Bedeutung sind. In jeder Kultur und Gesellschaft werden wir unserer Freiheit beraubt: wir sind mit dem Zwang zur Arbeit konfrontiert, damit dem Kollektiv zu dienen, die Moral von Gott und der Kirche zu ehren, das Gefängnis zu fürchten und die Verhaltensregeln [Policing] zu verinnerlichen, sozialen Rollen gerecht zu werden, die Familie zu reproduzieren, sich der Autorität zu unterwerfen, ein*e produktive*r Beiträger*in zur Gesellschaft und Menschheit zu sein. Das aktive Verfolgen von Freiheit scheint eine natürliche Reaktion auf Einschränkungen zu sein. Europäische Entdecker, Kolonisten und Siedler suchten diese Freiheit. Sie erhoben Anspruch auf das Land und die Ressourcen, was zur Abschiebung und Umsiedlung indigener Völker führte. Sie beanspruchten die Ausbeutung freier Arbeitskraft, was zur Verschleppung und Versklavung von Afrikaner*innen führte. Es lag in ihrem Interesse den Wohlstand und die Macht ihrer Nation oder Kolonie auszuweiten und die Interessen von allen, die dem im Weg standen, zu übergehen. Kurz gesagt: die Kolonisierung ist das Handeln im Eigeninteresse der*s Kolonisierer*in.

Allerdings eröffnet Max Stirners Definition dessen, was eine*n willentliche*n Egoist*in ausmacht, eine andere Perspektive auf den kolonialen Individualismus. Eine Kolonie ist ein Kollektiv, das existiert, um seinem Vaterland mit natürlichen Ressourcen, Arbeit und Verbreitung der nationalistischen und christlichen Ideologien und Kultur zu nützen, sowie der strategischen Kontrolle von Landstrichen, von denen aus Kriege geführt werden können. Jede*r, die*der innerhalb einer Kolonie lebt, lebt dann, um seinem*ihrem Land zu dienen, sei es als Arbeiter*in, um Ressourcen abzubauen oder die Produktion in den Fabriken zu fördern, als Armee, um rivalisierende Länder und indigene Völker abzuwehren, als Missionar*in, die die Religion unter den indigenen Nationen verbreitet oder als Politiker*in, die*der die Ordnung der Bevölkerung der Kolonie aufrechterhält. Die dreizehn Kolonien bemerkten ihren Mangel an Freiheit gegenüber Großbritannien und starteten die Amerikanische Revolution, erschufen die „Unabhängigkeits“erklärung und gründeten die Vereinigten Staaten von Amerika. Die Vereinigten Staaten gründen sich auf einer Illusion von Freiheit und Individualismus. Das war immer ein zentrales Merkmal der amerikanischen nationalen Ideologie. Aber eine wahnhafte Masse, die fortfährt, verschiedenen Autoritäten zu dienen und sich ihnen zu unterwerfen, macht keine willentlichen Egoist*innen aus, sondern vielmehr, um es in Stirners Worten zu sagen, unfreiwillige Egoist*innen. Ein patriotischer Soldat mag aus Eigeninteresse zum Militär gehen und den Feind seines Landes bekämpfen, aber indem er das tut, unterwirft er sich seinem befehlshabenden Offizier, den Politiker*innen, die entschieden haben, Krieg zu führen, der Pflicht, Befehlen zu gehorchen und seiner Hingabe zu seinem Land. Er gibt seine Freiheit als ein Individuum auf und dient einem Kollektiv: seiner Vorstellung von einem „höheren Wohl“. Er gibt die Möglichkeit auf, zu seinem vollen Selbst zu gelangen. Das gleiche gilt für den religiösen Mann, der Gott aus Eigeninteresse dient, um Erlösung zu erlangen und ewiges Leiden in einer imaginären Hölle zu vermeiden. Er unterdrückt viele Aspekte seines Selbsts, um seiner Vorstellung oder der seiner Kirche von Gott und Moral gerecht zu werden. Jeder Mann, der in der Amerikanischen Revolution gekämpft hat und jede Person, die nach Amerika eingewandert ist – auf der Suche nach Freiheit, nach Individualismus, nach dem amerikanischen Traum –, jagte einem Individualismus nach, der durch Unterwürfigkeit niemals wirklich erreicht werden kann.

Die Geschichte des amerikanischen Kolonialismus und der indigenen Völker

Kolonialer Individualismus und Anspruch wurden auf Kosten der indigenen Völker erreicht. Damit diese Entdecker*innen, Kolonist*innen und Siedler*innen sich ausbreiten konnten und Zugang zu dem, was ihnen Macht und Wohlstand verlieh, erlangen konnten, mussten die indigenen Völker unterworfen werden. In einem militärischen Sinne war das anfangs keine leichte Aufgabe, aber dank der Epidemien, die von den Europäer*innen mitgebracht worden waren, wurden viele indigene Nationen schwerwiegend geschwächt oder beinahe vollständig ausgelöscht. Das erlaubte es den europäischen/amerikanischen Kolonisator*innen die militärische Oberhand zu erlangen. Erzwungene Räumungen von Land folgten; alle Ländereien, die einen Wert irgendeiner Art hatten, wurden von den Kolonisator*innen geräumt und ausgebeutet, was in der beinahen Ausrottung der Tiere und Pflanzen resultierte, auf die die indigenen Menschen angewiesen waren, um sich zu versorgen. Jeder Widerstand gegen eine Räumung brachte Krieg und die Individuen, die zu solchem aufriefen, wurden als „Wilde“ gebrandmarkt und entweder gewaltsam zivilisiert oder getötet. Die Zivilisierung blieb den Missionar*innen überlassen, während das Töten die Aufgabe der Regierungen der Vereinten Nationen und Kanadas war. Sowohl spirituelle und kulturelle Traditionen als auch Zeremonien wurden geächtet. Habseligkeiten, von denen angenommen wurde, dass sie heilig seien, wurden den Menschen weggenommen und zerstört. Kinder wurden ihren Familien weggenommen und in Internate geschickt. Ihr Haar, das eine ungeheure spirituelle Bedeutung besaß, wurde abgeschnitten, damit sie Weißen ähnelten. Sie wurden geschlagen und verprügelt, wenn sie in ihren traditionellen Sprachen sprachen. Sie wurden zum Christentum konvertiert. Sie wurden so unterrichtet, wie es die Kolonisator*innen für geeignet hielten, um gemäß der westlichen Standards zu leben. Im Dienste des Kolonialismus wurde alles unternommen, um indigene Kulturen auszulöschen.

Selbsthass in den heutigen indigenen Communities

Wir haben dennoch eine ganze Zeit überlebt. Die Geschichte hat uns ausradiert, für die meisten existieren wir nicht länger. Dennoch sind wir sehr wohl noch am Leben, aber das heutige Leben in den Reservaten ist kein Vergnügen. Die Auswirkungen der Kolonisierung suchen uns als Volk noch immer heim und nehmen dabei oft subtile Formen an. Alkoholismus, Sucht, häusliche Gewalt, ökonomischer Mangel, Armut, Diabetes und Selbstmorde sind in Reservaten überall in Nordamerika verbreitet. Das meiste davon resultiert aus einem Selbsthass, sowohl einem individuellen, als auch einem kollektiven. Ist es Zufall, dass viele dieser Probleme auch die afrikanisch-amerikanischen Nachbarschaften in den größeren Städten überall in den Vereinigten Staaten plagen? Das sind die Resultate der Kolonisierung, der Räumung indigener Menschen von den Ländereien, mit denen sie gewohnt waren zu leben, davon sie zu zwingen, sich an die westlichen zivilisierten kulturellen Standards und an eine kapitalistische Marktwirtschaft anzupassen.

Der Kolonisator in unseren Köpfen

Neben dem Selbsthass, den ich bei indigenen Gefährt*innen beobachte, werde ich auch Zeug*in einer Anpassung und einem Sinn der Identifizierung mit dem Kolonisator. Die Überreste unserer Communities werden nun von Stammesregierungen, Stammespolizeien und Stammesgerichten verwaltet, die Reformen vorantreiben und die Art und Weise nachahmen, auf die die Kolonisator*innen die Dinge in ihrer Welt regeln. Unsere Jugend wird ermutigt auf die Uni zu gehen, Karrieren zu beginnen und erfolgreich zu sein; oder dazu zur Armee zu gehen und in den Kriegen der US-Regierung zu kämpfen, um den Kolonialismus in anderen Teilen der Welt zu erzwingen. Ich nehme häufig an Tänzen und Gesängen auf Versammlungen überall in Nordamerika teil und beobachte Kreuze und Nike-Logos auf den Tanzbekleidungen von Individuen. Es ist ohnehin unabkömmlicher Teil des Ganzen, dass eine amerikanische Flagge während der Eröffnung hereingetragen wird, gefolgt von einem Lied zu Ehren aller indigenen und nicht-indigenen Veteran*innen, die „unsere Freiheit verteidigen“ und „uns das Privileg verleihen, das zu tun, was wir heute tun.“

Individualismus als Grundsatz der Dekolonisierung

Es sollte offensichtlich sein, dass wenn wir von „Eigeninteresse“ sprechen, wir nicht von etwas Objektivem sprechen können. Was in deinem Eigeninteresse liegen mag, kann auch sehr gut etwas sein, dass mich von etwas in meinem Eigeninteresse abhält. Das macht die pauschale Behauptung „Eigeninteresse und Individualismus sind ein Grundsatz der Zivilisation“ zu einer allzu vereinfachten Betrachtung dessen, was Eigeninteresse ist und vermeidet die Frage danach, über wessen Interesse wir sprechen. Als eine indigene Person, die eine starke Haltung gegen Anpassung, Kolonialismus und Kapitalismus einnimmt, liegt es sicherlich nicht in meinem Interesse, diese Strukturen zu fördern.

Individualismus ist die Vorstellung, dass du und deine Sehnsüchte von Bedeutung sind. Egoismus impliziert das und behauptet zusätzlich dass man in seinem eigenen Namen handeln sollte, um seine Sehnsüchte zu erreichen. Was könnte uns als indigenes Volk nützlicher sein als Selbstbewusstsein? Wir müssen wissen, dass wir als Individuen und als ein indigenes Volk von Bedeutung sind. Jahrhunderte wurden wir sowohl physisch als auch psychisch niedergeknüppelt. Wir wurden von der Macht so lange unterdrückt, dass wir davon überzeugt sind, dass wir nicht von Bedeutung sind, das wir nichts wert sind, dass wir Wilde sind: geringer als Menschen und für die Gesellschaft ungeeignet. Die psychologischen Auswirkungen der Kolonisierung wurden untersucht, analysiert und bewiesen, dass diese sowohl in innerem als auch äußerem Selbsthass resultieren.

Einige von uns haben das akzeptiert; wir missbrauchen uns selbst und einander. Oder wir medikamentieren uns selbst, um den Schmerz zu betäuben. Einige von uns passen sich an, um von unseren Unterdrücker*innen anerkannt zu werden, um einen Hauch von Selbstwertgefühl zu empfinden. Ich will mich vor niemandem ins rechte Licht rücken. Ich will wissen, dass ich für mich selbst wichtig bin, nicht für die Gesellschaft, die mich und meine Sehnsüchte verleugnet, mich von meiner Freiheit trennt: eine Gesellschaft, die verantwortlich ist für all den Schaden, der indigenen Menschen weltweit zugefügt wurde. Eine Sache, die ich bei Zusammenkünften überall auf dem Kontinent beobachte, sind Autoaufkleber und Kleidung, die „indigenen Stolz“ ausdrücken. Das ist etwas, was meine Ältesten so lange ich mich erinnern kann, gesagt haben. „Sei stolz darauf, wer und was du bist.“ Wenn wir diesen Stolz annnehmen würden und verstehen würden, dass wir von Bedeutung für uns selbst sind und anfingen, in unserem Eigeninteresse zu handeln, würde das Krieg gegen diejenigen bedeuten, die uns im Wege stehen und uns an unserer Freiheit hindern.

Egoismus bedeutet Krieg gegen die Gesellschaft

Die Vorstellung von Individualismus, die zu realisieren die europäischen Entdecker*innen und Kolonisator*innen gescheitert sind, ist ihre Verweigerung von Pflicht, Hingabe und Unterwerfung. Ich akzeptiere keine Autorität über mir, ebensowenig wie ich nach irgendeiner bestimmten Ideologie strebe. Ich werde von keiner Verpflichtung beeinflusst, weil ich niemandem irgendetwas schulde. Ich bin nichts außer mir selbst ergeben. Ich unterwerfe mich keinen zivilisierten Standards und keiner Moral, weil ich keinen Gott und keine Religion anerkenne. Kein Druck, Urteil oder Zwang sollte mich dazu bringen, mich selbst von dem, was ich ersehne, abzuhalten. Egoistische Anarchist*innen haben der Gesellschaft und der Zivilisation den Krieg erklärt. Dieser Widerstand liegt im Interesse von Jeder*m, die*der ein Leben frei von Unterwerfung unter eine herrschende Macht herbeisehnt, von jenen, die von einer Welt der Freiheit träumen, von jenen, die eine Gemeinschaft mit denen bilden wollen, die gemeinsame Interessen und Affinität teilen: eine Welt freier Assoziation, in der wir leben können, wie wir es wollen und ein erfüllendes Leben erfahren können. Das sollte auf keine*n mehr zutreffen als auf indigene Menschen. Auch wenn die westlichen, zivilisierten Kulturstandards und Werte in uns hineingeprügelt wurden, müssen wir uns daran erinnern, wer wir sind. Wir müssen uns der Wichtigkeit unseres Selbsts und unserer Sehnsüchte erinnern.

Die Verweigerung dieser Unterwerfung ist nicht leicht. Wenn ich vom Krieg gegen die Gesellschaft spreche, dann meine ich das auch. Dekolonisierung kann nur dann stattfinden, wenn wir unseren Feind angreifen: den Kolonisator. Wenn wir das nicht tun, dann perpetuieren wir nur die Beziehung zwischen Kolonisator und Kolonisierter*m. Wir können von den Unterdrücker*innen niemals erwarten, dass sie zugunsten der Unterdrückten ihre Privilegien aufgeben. Diese Initiation und dieser Angriff mag Gewalt erfordern. „Es sollte festgehalten werden, dass der Kolonialismus durch militärische Gewalt auferlegt wurde. Schließlich ist es das Gewaltmonopol des Systems, das es dazu befähigt, seinen Willen aufzuzwingen“ (Warrior Magazine).

Wir müssen uns daran erinnern, was es bedeutet, ein*e „Krieger*in“ zu sein. Wir ehren unsere Veteran*innen als indigene Menschen, um die Traditionen der Ehrung unserer Krieger*innen wiederzubeleben; Aber eine wahre Kriegerin kämpft nicht für ihren Feind und sie unterwirft sich keiner Autorität, die sie und ihr Volk beherrscht und unterjocht. Ein wahrer Krieger kämpft für sich selbst, seine Familie und seine Community. Begehe keinen Fehler: Unsere indigenen Vorfahren gingen nicht kampflos unter. Wir erinnern uns des Aufstands der Sioux, bei dem ein gebrochenes Versprechen von Nahrung zu Angriffen auf weiße Siedler*innen und den Raub von Nahrung aus den Siedlungen führte. Andrew Myrick, ein führender Händler, der hinsichtlich des gebrochenen Versprechens gesagt hatte, „wenn sie hungern, lasst sie Gras essen“, war unter den ersten, die getötet wurden. Er wurde Tage später gefunden, sein Mund war mit Gras vollgestopft worden.

Die Geschichte des indigenen Widerstands begann an dem Tag, an dem Kolumbus und seine Männer an der Küste landeten und setzt sich heute in Kämpfen wie der Verweigerung der Diné, umzusiedeln, weil Tagebaue ihr Land nehmen und Elektrizitätswerke die Wüstenluft vergiften, fort. Ich denke es ist Zeit, dass wir die Bedeutung des Selbst betonen. Ich denke es ist an der Zeit, dass wir uns neue Strategien ausdenken und die Geschichte des indigenen Widerstands studieren, um neue Pfade in Richtung Dekolonialisierung und der Zerstörung der Zivilisation zu finden.


Übersetzung aus dem Englischen: Towards an Indigenous Egoism von Cante Waste, Warzone Distro, 2019.

Gegen Seine Geschichte, Gegen Leviathan! – Kapitel 1

Against His-story, Against Leviathan! von Fredy Perlman aus dem Jahr 1983 ist ein recht einflussreiches Buch für die (Weiter-)Entwicklung spezifisch antizivilisatorischer Positionen im Anarchismus gewesen. Eine deutsche Übersetzung des Werkes suchte man jedoch bislang vergebens.

Umso mehr freuen wir uns, dass wir nun die Möglichkeit haben, im Zündlumpen einen Vorabdruck einer gerade entstehenden deutschen Übersetzung zu veröffentlichen. In dieser und den kommenden Ausgaben werden wir dieses Werk in einer vorläufigen deutschen Fassung kapitelweise abdrucken, bevor das Ganze dann wohl irgendwann im nächsten Jahr in Buchform erscheinen wird.

Da es sich bei den hier veröffentlichten Übersetzungen um eine vorläufige Fassung handelt, freuen sich die Übersetzer*innen ganz besonders über Hinweise auf Fehler, Gedanken zu Ungenauigkeiten in der Übersetzung und Verbesserungsvorschläge. Ihr könnt sie direkt per E-Mail an gegen-leviathan@riseup.net kontaktieren.

Gegen Seine Geschichte, Gegen Leviathan!

1.

Und hier sind wir, wie auf einer sich verdunkelnden Ebene

weggefegt von verworrenen Rufen zum Kampf und zur Flucht,

wo unwissende Armeen des Nachts zusammentreffen. (M. Arnold)

Hier kann man weder stehen, noch liegen, noch sitzen

Dort ist nicht einmal Stille in den Bergen

Aber trockener, steriler Donner ohne Regen … (T.S. Eliot)

Die sich verdunkelnde Ebene ist hier. Das ist das Ödland: England, Amerika, Russland, China, Israel, Frankreich …

Und wir sind hier als Opfer, oder als Zuschauer, oder als Täter der Folter, Massaker, Vergiftungen, Manipulationen, Plünderungen.

Hic Rhodus! Dies ist der Ort zum Springen, der Ort zum Tanzen! Das ist die Wildnis! Gab es jemals eine andere? Das ist die Brutalität! Nennst du sie Freiheit? Das ist Barbarei! Der Kampf ums Überleben findet genau hier statt. Haben wir das nicht immer schon gewusst? Ist das nicht ein offenes Geheimnis? War das nicht schon immer das große offene Geheimnis?

Es bleibt ein Geheimnis. Es ist allgemein bekannt und doch unausgesprochen. Öffentlich gibt es die Wildheit anderswo, die Barbarei ist im Ausland, die Wildheit spiegelt sich im Gesicht der*des Anderen wider. Der trockene, sterile Donner ohne Regen, die verworrenen Rufe des Kampfes und der Flucht werden nach außen projiziert in das große Unbekannte, jenseits der Meere und der Gebirge. Wir befinden uns auf der Seite der Engel.

Ein Schatten mit dem Körper eines Löwen und dem Kopf eines Menschen,

Ein Blick so ausdruckslos und unbarmherzig wie die Sonne,

Bewegt seine langsamen Schenkel … (W.B. Yeasts)

… bewegt seine langsamen Schenkel in Richtung der projizierten Wildheit, in Richtung des Spiegelbilds der Barbarei, in Richtung des brutalen Gesichts, das einer*m aus dem Teich entgegenblickt, seine Bewegung legt den Teich trocken, zerreißt seine Ufer und lässt einen ausgedörrten Krater zurück, wo zuvor das Leben blühte.

In einem wunderbar erhellenden Buch mit dem Titel Jenseits der Geographie, einem Buch das auch über die Geschichte, die Technologie und die Zivilisation hinausweist, lichtet Frederick W. Turner (nicht zu verwechseln mit Frederick Jackson Turner, dem Advokaten der Grenzer) die Vorhänge und flutet die Bühne mit Licht.

Schon vor Turner lichteten andere die Vorhänge; sie waren es, die das Geheimnis zu einem bekannten machten: Tonybee, Drinnon, Jennings, Camatte, Debord, Zerzan – unter den Zeitgenoss*innen, deren Lichter ich mir ausleihe –, Melville, Thoreau, Blake, Rousseau, Montaigne, Las Cases – unter den Vorgänger*innen – Lao Tze aus der Zeit, bis zu der die schriftliche Überlieferung zurückreicht.

Turner borgt sich das Licht der menschlichen Gemeinschaften jenseits des Horizonts der Zivilisation, um über die Geographie hinaus zu blicken. Er sieht mit den Augen der Enteigneten dieser einst wunderschönen Welt, die auf dem Rücken einer Schildkröte ruht, auf diesen Double-Kontinent, dessen Tümpel trockengelegt, dessen Ufer zerrissen und dessen Wälder ausgedörrte Krater wurden, von dem Tag an, an dem er Amerika getauft wurde.

… Ein gewaltiges Bild aus dem Zeitgeist

verdeckt meine Sicht …

Sich auf das Bild konzentrierend, fragt Yeats,

Und welche grobe Bestie, deren Stunde schließlich gekommen ist,

latscht da gen Bethlehem, um geboren zu werden?

Die Vision ist für Turner so klar, wie sie es auch für Yeats war:

Die Dunkelheit breitet sich erneut aus; aber nun weiß ich

Dass zwanzig Jahrhunderte des Tiefschlafs,

durch eine schaukelnde Wiege zum quälenden Albtraum wurden.

Die Seher*innen von damals kehrten zurück, um ihre Visionen mit ihren Gemeinschaften zu teilen, ebenso wie die Frauen ihr Getreide teilten und die Männer ihre Jagdbeute.

Aber es gibt keine Gemeinschaft mehr. Die bloße Erinnerung an die Gemeinschaft ist nur ein verschwommenes Bild des Zeitgeistes.

Der Seher von heute schüttet seine Vision auf Papierblättern aus, an den Ufern ausgedörrter Krater, an denen bewaffnete Schläger Wache stehen und nach dem Passwort fragen: Eindeutiger Beweis. Keine Vision kann durch ihre Tore gelangen. Das einzige Lied, das passieren darf, ist ein Lied so trocken und verwest wie die Fossilien im Sande.

Turner, seines Zeichens nach selbst ein Wächter, ein Professor, hat den Mut eines Bartolomé de Las Casas. Er stürmt die Tore, weigert sich das Passwort zu sagen und er singt, er lärmt, ja er tanzt beinahe.

Die Rüstung fällt. Auch wenn sie nicht nur wie Kleidung oder Masken getragen wird, auch wenn sie an Körper und Gesicht geklebt ist, auch wenn Haut und Fleisch mit ihr weggerissen werden müssen, die Rüstung fällt dennoch.

In letzter Zeit haben viele die Tore gestürmt. Erst kürzlich sang einer, dass das Netz der Fabriken und Minen der Archipel Gulag sei und alle Arbeiter*innen Zeks (namentlich Wehrdienstpflichtige, Gefangene und Arbeits-Gang-Mitglieder). Ein anderer sang, dass die Nazis zwar den Krieg verloren hätten, aber ihre neue Ordnung gesiegt hätte. Die Unruhestifter sind heutzutage zahlreich. Zieht ein Sturm auf? Ist das das Zwielicht einer neuen Dämmerung? Oder ist es das Zwielicht, in dem Minervas Eule sehen kann, weil der Tag vorbei ist?

***

Turner, Tonybee und andere konzentrieren sich auf das Ungeheuer, das die einzige bekannte Heimat lebender Wesen zerstört.

Turner untertitelt sein Buch mit “Der Westliche Geist gegen die Wildnis”. Mit Westlichem Geist meint er die Einstellung oder Haltung, die Seele oder den Geist der westlichen Zivilisation, heute bekannt als Zivilisation.

Turner definiert Wildnis auf dieselbe Art und Weise, wie sie auch der Westliche Geist definiert, nur dass der Begriff für Turner positiv ist, wohingegen er für den Westlichen Geist negativ ist: Wildnis umfasst sämtliche Natur und alle menschlichen Gemeinschaften jenseits des Horizonts der Zivilisation.

In Eine Studie über die Geschichte drückt Arnold Tonybee seinen Enthusiasmus für Geschichte und Zivilisation aus. Nachdem er den Aufstieg und Fall des nationalsozialistischen Dritten Reiches sah und all die Raffiniertheiten, die es mit sich brachte, verlor Tonybee seinen Enthusiasmus. Er drückte diesen Verlust in einem Buch mit dem Titel Menschheit und Mutter Erde aus. Die Vision in diesem Buch ist ähnlich der von Turner: Die Menschheit zerfleischt Mutter Erde.

Tonybees Begriff Menschheit umfasst den Westlichen Geist sowie die menschlichen Gemeinschaften jenseits des Horizonts der Zivilisation und sein Begriff Mutter Erde umfasst alles Leben.

Ich borge mir Tonybees Begriff Mutter Erde. Sie ist die erste Protagonistin. Sie lebt, sie ist das Leben selbst. Sie empfängt und gebärt alles, das wächst. Viele nennen sie Natur. Die Christen nennen sie Wildnis. Tonybees alternativer Name für sie lautet Biosphäre. Sie ist das trockene Land, das Wasser und der Erdboden, die unseren Planeten umhüllen. Sie ist der einzige Lebensraum menschlicher Wesen. Tonybee beschreibt sie als eine dünne, empfindliche Haut, nicht höher als Flugzeuge fliegen können und nicht tiefer als Minen gegraben werden können. Kalkstein, Kohle und Öl sind Teil ihrer Substanz, sie sind Materie, die einst lebte. Sie filtert die Strahlung der Sonne selektiv, auf genau solche Art und Weise, auf die sie verhindert, dass das Leben verbrennt. Tonybee nennt sie einen Auswuchs, einen Heiligenschein oder Rost auf der Oberfläche des Planeten und er spekuliert, dass es keine anderen Biosphären geben könnte.

Tonybee sagt dass die Menschheit, menschliche Wesen, in anderen Worten wir, sehr machtvoll geworden sind, machtvoller als jedes andere lebende Wesen und schließlich machtvoller als die Biosphäre. Die Menschheit besitzt die Macht, die empfindliche Kruste zu zerstören, und sie tut genau das.

Es gibt viele Arten von einer Falle zu sprechen. Sie kann vom Standpunkt der selbst ausgeglichenen Umgebung, vom Standpunkt der*s Fallensteller*in oder des gefangenen Tieres beschrieben werden. Sie kann sogar vom Standpunkt der Falle selbst beschrieben werden, also namentlich vom objektiven, wissenschaftlichen und technologischen Standpunkt.

Es gibt ebenso viele Arten von der Zerstörung der Biosphäre zu sprechen. Vom Standpunkt einer einzelnen Protagonistin, der Erde selbst, kann gesagt werden, dass sie Selbstmord begehe. Mit zwei Protagonistinnen, der Menschheit und Mutter Erde, kann gesagt werden, dass wir sie ermorden. Diejenigen von uns, die diesen Standpunkt akzeptieren und sich vor Scham krümmen, mögen wünschen, dass wir Wale wären. Aber diejenigen von uns, die den Standpunkt des gefangenen Tieres einnehmen, werden Ausschau nach einer dritten Protagonistin halten.

Tonybees Protagonistin, die Menschheit, ist zu unscharf. Sie umfasst die gesamte Zivilisation, sowie alle Gemeinschaften jenseits des Horizonts der Zivilisation. Allerdings haben diese Gemeinschaften, wie Tonybee selbst zeigt, mit anderen Lebewesen seit tausenden von Generationen koexistiert, ohne der Biosphäre irgendeinen Schaden zuzufügen. Sie sind nicht die Fallenstellerinnen, sondern die Gefangenen.

Wer ist dann der Zerstörer der Biosphäre? Turner zeigt auf den Westlichen Geist. Das ist der Held, der den Kampf gegen die Wildnis aufnimmt, der zu einem Vernichtungskrieg des Geistes gegen die Natur, der Seele gegen den Körper, der Technologie gegen die Biosphäre, der Zivilisation gegen Mutter Erde und Gottes gegen sie alle aufruft.

Marxist*innen zeigen auf die kapitalistische Produktionsweise, manchmal nur auf die Klasse der Kapitalist*innen. Anarchist*innen zeigen auf den Staat. Camatte zeigt auf das Kapital. Neue Lärmer*innen zeigen auf die Technologie oder die Zivilisation oder beide.

Wenn Tonybees Protagonistin, die Menschheit, zu unscharf ist, sind viele der anderen zu eng gefasst.

Die Marxist*innen sehen nur das Staubkörnchen im Auge des Feindes. Sie ersetzen ihren Bösewicht mit einem Helden, der antikapitalistischen Produktionsweise, der revolutionären Errungenschaft. Sie sind nicht in der Lage zu erkennen, dass ihr Held genau derselbe “Schatten mit dem Körper eines Löwen und dem Kopf eines Menschen und einem Blick so ausdruckslos und unbarmherzig wie die Sonne” ist. Sie sehen nicht, dass die antikapitalistische Produktionsweise nur danach strebt, ihren Bruder darin zu übertreffen, die Biosphäre zu zerstören.

Anarchist*innen sind so vielfältig wie die Menschheit. Es gibt staatliche und kommerzielle Anarchist*innen, ebenso wie einige käufliche. Einige Anarchist*innen unterscheiden sich von Marxist*innen nur darin, dass sie weniger gut informiert sind. Sie wollen den Staat mit einem Netzwerk von Rechenzentren, Fabriken und Minen, die “von den Arbeiter*innen selbst” oder einer Anarchistischen Union verwaltet werden, ersetzen. Sie würden diese Konstellation nicht einen Staat nennen. Die Namensänderung würde das Ungeheuer bannen.

Camatte, die neuen Lärmer*innen und Turner behandeln die Bösewichte der Marxist*innen und Anarchist*innen als bloße Kennzeichen der wahren Protagonist*innen. Camatte gibt dem Monster einen Körper; er tauft das Monster Kapital, indem er sich den Begriff von Marx leiht, ihm aber eine neue Bedeutung gibt. Er verspricht die Ursprünge und die Entwicklung des Monsters zu beschreiben, aber dieses Versprechen hat er bislang nicht eingelöst. Die neuen Lärmer*innen haben sich das Licht von L. Mumford, J. Ellul und anderen geliehen, aber sind meines Wissens nach nicht weiter gekommen als Camatte.

Turner geht weiter. Sein Ziel ist es, nur des Monsters Geist zu beschreiben, aber er weiß, dass es der Körper des Monsters ist, das die Körper der menschlichen Gemeinschaften und den Körper von Mutter Erde zerstört. Er sagt viel über den Ursprung des Monsters und seine Entwicklung und er spricht oft von seiner Rüstung. Aber es ist jenseits seines Zieles, dem Monster einen Namen zu geben oder seinen Körper zu beschreiben.

Mein Ziel ist es, vom Körper des Monsters zu sprechen. Denn es besitzt einen Körper, einen monströsen Körper, einen Körper der mächtiger geworden ist als die Biosphäre. Es mag ein Körper sein, der selbst keinerlei Leben besitzt. Es mag ein totes Ding sein, ein riesiger Kadaver. Es mag seine langsamen Schenkel nur dann bewegen, wenn lebende Wesen es bewohnen. Dennoch ist es sein Körper, der die Zerstörung verursacht.

Wenn die Biosphäre ein Auswuchs auf der Oberfläche des Planeten ist, so ist das Ungeheuer, das sie zerstört, ebenfalls eine Wucherung. Der Erdzerstörer ist Rost oder ein Heiligenschein auf der Oberfläche einer menschlichen Gemeinschaft. Er ist kein Auswuchs jeder Gemeinschaft oder der Menschheit. Tonybee selbst macht eine kleine Minorität, sehr wenige Gemeinschaften verantwortlich. Möglicherweise war das verweste Ungeheuer über all die Myriaden der Auswuchs nur einer Gemeinschaft.

***

Das verweste Ungeheuer, das von einer menschlichen Gemeinschaft ausgeschieden wird, ist jung, es ist höchstens zwei- oder dreihundert Generationen alt. Bevor ich mich ihm zuwende, werfe ich einen Blick auf menschliche Gemeinschaften, da diese viel älter sind, sie sind tausende Generationen alt.

Uns wird erzählt, dass sogar menschliche Gemeinschaften jung sind, dass es eine Zeit gab, als alles Wasser war, bis eine Bisamratte auf den Meeresgrund tauchte und die Erde auf den Rücken der Schildkröte brachte. So erzählt man uns.

Angeblich waren die ersten Wandelnden, die von den Anstrengungen der Bisamratte profitierten, Giganten oder Götter, die heutzutage Dinosaurier genannt werden.

Moderne Grabräuber*innen haben die Knochen dieser Götter ausgegraben und präsentieren die Knochen in Glasvitrinen des Eindeutigen Beweises. Die Grabräuber*innen nutzen diese Knochenschaukästen, um alle Geschichten außer ihrer eigenen aus der menschlichen Erinnerung zu tilgen. Aber die Geschichten der Grabräuber*innen sind dumpfer als eine Myriade anderer Geschichten und ihre Schaukästen der Knochen werfen bloß Licht auf die Grabräuber*innen selbst.

Die Geschichten sind so verschieden wie ihre Erzähler*innen. In vielen der Geschichten zieht sich die Erinnerung bis hin zu einer Zeit, als sie, die Erinnerung, in einer Großmutter wohnte, die die Schwimmer*innen, die Kriecher*innen und die Geher*innen als ihre Verwandten kannte, da sie nicht häufiger auf ihren Hinterbeinen lief als sie.

In einem altertümlichen Bericht fiel die erste Großmutter durch ein Loch im Himmel auf die Erde.

In einer modernen Erzählung war sie ein Fisch mit einer Schnauze, die, weil sie spielerisch das Atmen geübt hatte, als sie ihre Schnauze aus dem Wasser streckte, dank dieses Tricks überlebte, als ihr Tümpel austrocknete.

In einer anderen altertümlichen Erzählung verschluckte die Biosphäre mehrere Großmütter, bevor die allgemeine Vorfahrin auftauchte und es wird erwartet, dass die Biosphäre die Urgroßenkel dieser Vorfahrin verschlingen wird. Es könnte sich herausstellen, dass Tonybee falsch lag bezüglich des Machtverhältnisses der beiden Protagonistinnen.

Viele Geschichten handeln von Miniaturversionen von Großeltern, Winzlingen; eine moderne Erzählung nennt sie Spitzhörnchen.

Diese Winzlinge bevölkerten die Erde, als die Giganten, die Dinosaurier, im Tageslicht herumliefen. Kluge Spitzhörnchen kletterten bei Nacht die Bäume herab, um sich an den Insekten gütlich zu tun, nicht weil die Giganten gemein waren, sondern wegen ihres Größenungleichgewichts. Viele der Spitzhörnchen waren mit diesem Arrangement zufrieden und sie blieben Spitzhörnchen. Einige, zweifellos eine kleine Minderheit, wollte bei Tageslicht umherlaufen.

Glücklicherweise für die Umtriebigen waren die Dinosaurier unter den Großmüttern, die von der Biosphäre verschluckt wurden. Die ehemaligen Spitzhörnchen konnten sich an der Sonne wärmen oder im hellen Sonnenlicht tanzen und spielen ohne befürchten zu müssen, zertrampelt zu werden. Eine Minderheit unter diesen wurde erneut unruhig; einige wollten kriechen, andere fliegen. Die selbstgefällige, konservative Mehrheit, die glücklich mit ihren Bedürfnissen war, die von ihren Umgebungen erfüllt wurden, blieben, was sie waren.

***

Die Verwalter*innen der Gulag-Inseln erzählen uns, dass die Schwimmer*innen, die Kriecher*innen, die Geher*innen und die Flieger*innen ihre Leben damit verbrachten, zu arbeiten, um zu essen.

Diese Verwalter*innen verbreiten ihre Kunde zu früh. Die verschiedenen Wesen sind bislang nicht alle ausgerottet worden. Du, Leser*in, musst dich nur unter sie mischen oder sie aus der Ferne betrachten, um zu sehen, dass ihre aufgeweckten Leben voller Tänze, Spiele und Feste sind. Selbst die Jagd, das Anschleichen und Verstellen und Hervorspringen ist nicht das, was wir Arbeit nennen, sondern das, was wir Spaß nennen. Die einzigen Lebewesen, die arbeiten, sind die Insass*innen der Gulag-Inseln, die Zeks.

Die Vorfahren der Zeks verrichteten weniger Arbeit als ein*e Firmenbesitzer*in. Sie wussten nicht, was Arbeit ist. Sie lebten in einem Zustand, den J.J. Rousseau den “Naturzustand” nannte. Rousseaus Begriff sollte wieder allgemein gebräuchlich werden. Er erregt die Gemüter derjenigen, die in R. Vaneigems Worten Kadaver in ihren Mündern tragen. Er macht die Rüstung sichtbar. Sage “Naturzustand” und du kannst die Kadaver hervorscheinen sehen.

Bestehe darauf, dass “Freiheit” und “Naturzustand” Synonyme sind und die Kadaver werden versuchen dich zu beißen. Die Gefügigen, die Domestizierten versuchen das Wort Freiheit für sich zu beanspruchen; sie wollen es auf ihren eigenen Zustand anwenden. Sie verwenden das Wort “wild” für die Freien. Aber es ist ein weiteres offenes Geheimnis, dass die Gefügigen, die Domestizierten gelegentlich wild werden, aber niemals frei sind, solange sie in ihrem Gehege bleiben.

Selbst das allgemeine Wörterbuch hält dieses Geheimnis nur halb versteckt. Es beginnt damit, zu sagen, dass frei Bürger bedeutet! Aber dann sagt es, “Frei: a) nicht von irgendetwas jenseits der eigenen Natur oder des eigenen Wesens bestimmt b) vom Willen der*s Handelnden oder seinen Wünschen bestimmt …”

Das Geheimnis ist gelüftet. Vögel sind frei, bis Menschen sie in Käfige sperren. Die Biosphäre, Mutter Erde selbst, ist frei, wenn sie sich selbst befeuchtet, wenn sie sich in der Sonne räkelt und auf ihrer Haut verschiedenfarbige Haare sprießen lässt, wenn sie vor Kriecher*innen und Flieger*innen nur so wimmelt. Sie wird von nichts außer ihrer eigenen Natur oder ihres Wesens bestimmt, bis eine andere Sphäre gleichen Ausmaßes mit ihr zusammenstößt oder bis ein verwestes Ungeheuer in ihre Haut schneidet und ihr die Eingeweide herausreißt.

Bäume, Fische und Insekten sind frei, wie sie vom Samen bis zur Reife wachsen, jeder sein eigenes Potenzial erkennt und seine Wünsche – bis die Freiheit des Insekts von der des Vogels gestutzt wird. Das gegessene Insekt schenkte seine Freiheit der Freiheit des Vogels. Der Vogel seinerseits fällt und düngt die Saat der Lieblingspflanze des Insekts und steigert die Freiheit der Nachfahren des Insekts.

Der Naturzustand ist eine Gemeinschaft der Freiheiten.

Ein solcher war die Umgebung der ersten menschlichen Gemeinschaften und ein solcher blieb es für tausende von Generationen.

Moderne Anthropologen, die das Gulag in ihren Köpfen umhertragen, reduzieren solche menschlichen Gemeinschaften auf die Handlungen, die am meisten wie Arbeit aussehen und geben Menschen, die ihre liebsten Speisen pflücken und manchmal lagern, den Namen Sammler. Ein Bankangestellter würde solche Gemeinschaften Sparkassen nennen!

Die Zeks einer Kaffeplantage in Guatemala sind Sammler und der Anthropologe ist eine Sparkasse. Ihre freien Vorfahren hatten wichtigere Dinge zu tun.

Die !Kung Leute überlebten wundersamerweise als eine Gemeinschaft freier menschlicher Wesen bis in unsere eigene, vertilgende Zeit. R.E. Leakey beobachtete sie in ihrer üppigen afrikanischen Waldheimat. Sie haben nichts außer sich selbst kultiviert. Sie machten sich selbst zu dem, was sie sein wollten. Sie wurden von nichts außer ihrer eigenen Existenz bestimmt – nicht von Weckern, nicht von Schulden, nicht von Befehlen von Vorgesetzten. Sie schlemmten und feierten und spielten in Vollzeit, außer wenn sie schliefen. Sie teilten alles mit ihren Gemeinschaften: Essen, Erfahrungen, Visionen, Lieder. Große persönliche Zufriedenheit, tiefe innere Freude resultierten aus dem Teilen.

(In der heutigen Welt erleben Wölfe noch immer die Freuden, die vom Teilen kommen. Vielleicht zahlen Regierungen deswegen Abschussprämien an die Mörder von Wölfen.)

S. Diamond beobachtete andere freie menschliche Wesen, die bis in unsere Zeit überlebten, ebenfalls in Afrika. Er sah, dass sie keine Arbeit verrichteten, aber konnte sich nicht dazu durchringen, das auf Englisch zu sagen. Stattdessen sagte er, dass sie keine Unterscheidung zwischen Arbeit und Spielen machten. Meint Diamond, dass die Aktivität der freien Menschen in einem Moment als Arbeit betrachtet werden kann, und als Spiel im nächsten, abhängig davon wie sich der Anthropologe fühlt? Meint er wir, du und ich, Diamonds gepanzerte Zeitgenoss*innen können ihre Arbeit nicht von ihrem Spiel unterscheiden?

Wenn die !Kung unsere Büros und Fabriken besucht hätten, hätten sie vielleicht gedacht, dass wir spielen. Warum sollten wir sonst dort sein?

Ich denke Diamond wollte etwas Tiefgreifenderes sagen. Ein Zeit-und-Bewegungs-Ingenieur, der einen Bär neben einem Beerenfeld beobachtet, würde nicht wissen, wann er seine Stechkarte stempeln solle. Beginnt der Bär zu arbeiten, wenn er zum Beerenfeld spaziert, wenn er die Beere pflückt, wenn er sein Maul öffnet? Wenn der Ingenieur nur eine Gehirnhälfte hat, würde er vielleicht sagen, dass der Bär keinen Unterschied zwischen Arbeit und Spiel macht. Wenn der Ingenieur Phantasie hat, würde er vielleicht sagen, dass der Bär Freude von dem Moment an erlebt, in dem die Beeren ihre tiefrote Farbe bekommen und dass keine der Bewegungen des Bärs Arbeit sind.

Leaky und andere schlagen vor, dass die allgemeinen Vorfahren der menschlichen Wesen, unsere frühesten Großmütter, aus den üppigen afrikanischen Wäldern irgendwo in der Nähe der Heimat der !Kung stammen. Die konservative Majorität, zutiefst zufrieden mit der üppigen Großzügigkeit der Natur, glücklich mit ihren Errungenschaften und zufrieden mit sich selbst und der Welt, hatte keinen Grund, ihre Heimat zu verlassen. Sie blieben.

Eine unruhige Minderheit ging auf Wanderschaft. Vielleicht folgten sie ihren Träumen. Vielleicht trockneten ihre Lieblingstümpel aus. Vielleicht zogen ihre Lieblingstiere fort. Diese Menschen waren sehr tierlieb; sie kannten die Tiere als ihre Cousinen.

Von den Wanderern wird gesagt, dass sie zu jedem flachen und an einem See gelegenen Waldgebiet in Eurasia gezogen wären. Sie seien zu beinahe jeder Insel gegangen oder geschwommen. Sie wanderten über die Landbrücke beim nördlichen Eisland bis zur südlichsten Spitze des Double-Kontinents, der Amerika genannt werden würde.

Die Wanderer gingen durch heiße und kalte Regionen, in Gebiete mit viel Regen und mit wenig. Vielleicht hatten manche Heimweh, nach der warmen Heimat, die sie verlassen hatten. Falls dem so war, kompensierte die Präsenz ihrer Lieblingstiere, ihrer Cousinen, ihren Verlust. Wir können noch immer die Huldigung, die manche von ihnen diesen Tieren zollten, an Höhlenwänden von Altamire, an Felsen in Abrigo del Sol im Amazonastal sehen.

Einige der Frauen lernten von Vögeln und vom Wind, Samen auszusähen. Einige der Männer lernten von Wölfen und Adlern zu jagen.

Aber keine*r von ihnen arbeitete jemals. Und jede*r weiß das. Die gepanzerten Christen, die diese Gemeinschaften später “entdeckten”, wussten, dass diese Menschen nicht arbeiteten und dieses Wissen erregte die christlichen Gemüter, es wurmte sie, es ließ die Kadaver hervorscheinen. Die Christen sprachen von Frauen, die “gespenstische Tänze” in ihren Feldern aufführten, anstatt sich auf die Arbeit zu beschränken; sie sagten die Jäger*innen vollführten eine Menge teuflischen “Hokuspokus”, bevor sie die Bogensehne spannten.

Diese Christen, frühe Zeit-und-Bewegungs-Ingenieure konnten nicht sagen, wann das Spiel endete und die Arbeit begann. Seit langem vertraut mit der Plackerei als Zeks, wurden die Christen von den gespenstischen und teuflischen Heiden abgestoßen, die vorgaben, dass der Fluch der Arbeit nicht auf ihnen lag. Die Chisten setzten dem “Hokuspokus” und den Tänzen ein schnelles Ende und sorgten dafür, dass niemand mehr daran scheitern würde, den Unterschied zwischen Arbeit und Spiel zu erkennen.

Unsere Vorfahren – ich borge mir Turners Bezeichnung und nenne sie die Besitzenden – hatten wichtigere Dinge zu tun, als um ihr Überleben zu kämpfen. Sie liebten die Natur und die Natur erwiderte ihre Liebe. Wo immer sie auch waren, sie fanden Überfluss, wie Marshall Sahlins in seinem Steinzeitökonomie zeigt. Pierre Clastres La société contre l’état besteht darauf, dass der Kampf ums Überleben unter den Besitzenden nicht belegbar ist; er ist belegbar unter den Enteigneten in den Gruben und an den Rändern der progessiven Industrialisierung. Leslie White kommt nach der überfliegenden Durchsicht von Berichten aus entfernten Orten und Zeiten, einer Sichtung der “Primitiven Kultur als Ganzes”, zu dem Ergebnis, dass “es genug zu essen für ein reichhaltiges Leben gibt, wie es unter den ‘Zivilisierten’ nur selten vorkommt.” Ich würde das Wort Primitiv nicht für Menschen mit einem Reichtum des Lebens gebrauchen. Ich würde das Wort Primitiv nutzen, um mich auf mich selbst und meine Zeitgenoss*innen mit unserer zunehmenden Armut des Lebens zu beziehen.

***

Der größte Teil unserer Armut ist, dass der Reichtum des Lebens der Besitzenden für uns kaum zugänglich ist, selbst für diejenigen von uns, die ihre Phantasie nicht in Ketten gelegt haben.

Unsere Professoren sprechen von Früchten und Nüssen, Tierfellen und Fleisch. Sie zeigen auf unsere Supermärkte, die voll sind von Früchten und Nüssen. Wir haben einen Überfluss, von dem unsere Vorfahren nicht zu träumen gewagt hätten, q.e.d. Dies sind letztlich die wahren Dinge, die Dinge, die von Bedeutung sind. Und wenn wir mehr als Früchte und Nüsse wollen, können wir ins Theater gehen und Stücke ansehen, wir können uns sogar vor dem Fernseher ausstrecken und das gesamte weltweite Spektakel konsumieren. Hallelujah! Was könnten wir mehr wollen?

Dank unserer Professoren haben wir kaum Zugang zu unseren gefährlichen, dämonischen, besitzenden Vorfahren, die dachten, dass Früchte und Nüsse nicht die wahren Dinge wären, sondern Belanglosigkeiten, die sich selbst an Visionen, Mythen und Zeremonien verloren haben. Dank unserer Professoren wissen wir nun, dass Visionen persönliche Wahnvorstellungen sind, Mythen Märchenerzählungen und Zeremonien Schau-spiele, die wir jederzeit in Filmen sehen können.

Wir wissen sogar eine Menge über Besitz. Besitz ist Eigentum. Wir besitzen Häuser und Garagen und Autos und Stereoanlagen und wir streben konstant danach mehr zu besitzen; es gibt keine Grenzen darin, was wir besitzen wollen. Sicher muss man sagen, dass Besitz unser zentrales Ziel ist, nicht ihres.

Die Professoren, die sich, wie Mircea Eliade, selbst von der gepanzerten Vision befreien und hinter die eisernen Vorhänge der Umkehrung und Verzerrung blicken, sind selten. Und selbst Eliade verschleiert, was er sieht, dadurch, dass er behauptet, Analogien und Überbleibsel in unserer Welt zu finden. Die Meerenge, die uns von der anderen Küste trennt, hat sich seit dreihundert Generationen vergrößert und was auch immer von der anderen Küste kannibalisiert wurde, ist nicht länger eine Spur deren Aktivität, sondern eine Absonderung der unseren: Es ist Scheiße.

Von der Schule zu leeren Tafeln reduziert, können wir nicht wissen, wie es wäre, als Erb*in tausender Generationen der Vision, des Verständnisses und der Erfahrung aufzuwachsen.

Wir können nicht wissen, wie es wäre, zu lernen die Pflanzen wachsen zu hören und das Wachstum zu fühlen.

Wir können nicht wissen, wie es wäre, den Samen im Mutterleib zu fühlen und zu lernen den Samen im Mutterleib der Erde zu fühlen, zu fühlen, wie die Erde fühlt, und schließlich sich selbst aufzugeben und die Erde einen besitzen zu lassen, die Erde zu werden, zur ersten Mutter allen Lebens zu werden. Wir sind wahrlich arm. Tausende Generationen der Vision, des Verständnisses und der Erfahrung wurden ausradiert.

Anstatt dass wir uns selbst aufgeben, anstatt dass wir das wenige, was wir von ihren Kräften auskosten können genießen, definieren und kategorisieren wir.

Wir sprechen von Matri-archat. Der Name ist ein schwacher Ersatz für die Erfahrung. Es ist ein Schnäppchen und wir sind immer auf der Suche nach Schnäppchen. Wenn der Name erst einmal an einer Türe steht, kann die Tür geschlossen werden. Und wir wollen, dass die Türen geschlossen bleiben.

Der Name Matri-archat steht an der Türe zu einer Zeit, in der Frauen sich selbst kannten und von Männern gekannt wurden als Empfängerinnen, als die Schöpferinnen des Lebens, als Verkörperungen des ersten Wesens, als erste Wesen.

Den Namen an der Türe zu kennen, bedeutet nichts zu wissen. Wissen beginnt auf der anderen Seite der Schwelle. Selbst der Name an der Tür ist falsch. Matri bezieht sich auf Mutter, aber Archy stammt aus einem ganz anderen Zeitalter. Archy bezieht sich auf Regierung, auf künstliche im Gegensatz zu natürlicher Ordnung, auf eine Ordnung, in der der Archon stets ein Mann ist. An-archy wäre ein besserer Name für die Tür. Das griechische Präfix “an” bedeutet “ohne”.

Auf der anderen Seite der Schwelle kehrt die besitzende Mutter zurück zu ihrem Körper und fährt fort, ihre Erfahrung mit ihrer Sippschaft zu teilen, ebenso wie sie Früchte und Nüsse teilt.

Unsere Lippen werden nach den Früchten und Nüssen gieren. Aber ihre Schwestern, Cousinen, Nichten und Neffen sind hungrig nach der Erfahrung.

Wenn die Mutter ihre Erfahrung teilt, teilt sie auch die tausenden Generationen der Vision, des Verständnisses und der Weisheit, die dazu beitrugen, ihre Erfahrung so bedeutend zu machen, so furchtbar tiefgründig. Sie nutzt keine Kreide auf einer Tafel. Sie schreibt kein Lehrbuch. Sie hüpft. Sie singt. Sie beginnt den “gespenstischen Tanz”, die “Orgie”, die eines Tages die Christen erschrecken wird.

Ihre Cousinen und Nichten tanzen mit ihr. Sie lassen sich gehen, sie verlieren sich selbst in ihren Liedern, ihren Bewegungen. Sie lassen sich selbst vom Geist der Erde besitzen. Sie erfahren ebenfalls die größte vorstellbare Freude.

Die Neffen verlieren sich auch selbst; auch sie werden bessessen, bereichert. Aber wenn die Zeremonie vorbei ist, fühlen sie, dass sie weniger haben, das sie erwarten können, als ihre Schwestern. Sie wissen, dass sie nicht die Schöpfer des Lebens, nicht die ersten Wesen sind. In Der Butt beschreibt Günther Grass lebhaft diesen Minderwertigkeitskomplex dieser Neffen, dieser Männer im Naturzustand. Sie sind Zuchthengste. Sie sind sexuelle Objekte. Sie sind diejenigen, die sich glätten und schmücken, um sich wie Pfauen, Enten und andere Cousins von ihnen für die Frauen attraktiv zu machen.

Die Neffen nehmen phallusförmige Speere und Pfeile mit in den Wald und kehren mit Fleisch in das Dorf zurück. Aber sie wissen, dass Fleisch, auch wenn es nicht so gewöhnlich ist wie Früchte und Nüsse, noch immer bedeutungslos ist, verglichen mit den Trips der Besessenheit und Selbstaufgabe ihrer Tanten, da solche Trips eine von Angesicht zu Angesicht den Ursprüngen des Seins gegenüberstellen.

Auch die Neffen suchen nach Visionen. Auch sie sind Erben von tausend Generationen der Beobachtung und Weisheit. Ihre Onkel sorgten dafür. Sie wissen, dass der Wald nicht das ist, was er für uns geworden ist: Ein Fleischgehege, eine Holzfabrik. Sie wissen um den Wald als ein lebendes Wesen, das vor lebenden Wesen nur so wimmelt. Auch sie, wie ihre Tanten, verlieren sich selbst, lassen sich selbst vom Geist eines Baumes besitzen, eines Ortes, eines Tieres. Wenn sie viel gelernt haben und gut, sehen sie sogar auf, über den Wald. Sie streben nach dem Himmel. Und bei seltenen Gelegenheiten ergreift der Geist des Himmels Besitz von ihnen. Sie fliegen. Sie werden zum Himmel, empfinden all seine Emotionen, spüren all seine Absichten. Sie werden zum Himmel, der sich mit der Erde vereinte und das Leben zur Welt brachte. Ein Mann, der zu seinem Dorf mit solchen Neuigkeiten zurückkehrt, ist mehr und hat viel zu teilen, mehr als bloß Fleisch.

Was für Trips müssen das gewesen sein! Solche tiefgründigen Feiern des Lebens haben kein Gegenstück, keine Analogie in dem, was Turner “die enge, geschlechtslose, anthropozentrische Version dessen, womit die Westliche Zivilisation unbehaglich vertraut geworden ist …”, nennt.

Wie weit uns der Fortschritt gebracht hat, wird deutlich durch einen gewöhnlichen Touristen, der einem Seher begegnet. Der Tourist hört dem alten Mann, der irgendwie von der anderen Seite in unser Zeitalter geschlüpft ist, zu. Der Tourist sitzt zappelnd in einer – wie er es nennt – “Sitzung” und knippst Fotos. Am Ende von all dem macht der Tourist ein Foto, das beweist, dass der Seher nicht geflogen ist, sich nicht einmal von seinem Platz erhoben hat. Und der Tourist geht, glücklich überzeugt davon, dass sie, nicht er, Betrogene und Schwachköpfe sind.

Fotografien zeigen, woran wir am meisten Interesse haben: An der Oberfläche der Dinge. Sie zeigen keine Qualitäten, keine Geister.

Einige der Menschen, die die menschlichen Gemeinschaften verlassen haben, erinnerten sich an einige der Qualitäten. Sie erinnerten sich an einige der Freuden des Besitzes – nicht des Besitzes von Dingen, sondern des Besitzes des Seins.

Sie erinnerten sich – aber nur vage und verschwommen. Umgeben von Dingen verloren sie die Fähigkeit die Qualitäten auszudrücken. Sie wussten, dass die Zeit, die sie verlassen hatten, wertvoller, reiner, schöner war, als alles, was sie seitdem vorgefunden hatten. Aber ihre Sprache war verarmt. Sie konnten von dem, was sie verloren hatten, nur durch den Vergleich mit Dingen ihrer Welt sprechen. Sie nannten das vergessene Zeitalter das Goldene Zeitalter.

Irrlichter

Über meine Unzufriedenheit mit einigen Tendenzen und Perspektiven der antizivilisatorischen Debatte

Ich stehe in der Dämmerung am Rande eines gigantischen Moors. Was auf der anderen Seite liegt, vermag ich nicht zu erkennen, hinter mir erstreckt sich die Kulisse der techno-industriellen Zivilisation mit ihren Fabriken, Straßen, Schienen, Funkmasten und vor allem ihren von Drohnen überwachten und gesteuerten Getreidefeldern, Nutzwäldern und Futterklee-Wiesen. Aber warum zurückblicken? Die wesentlich relevantere Frage lautet doch: Wie gelange ich durch dieses Moor? Ich habe unzählige Geschichten gehört, von Menschen, die vor mir versucht haben, dieses Moor zu durchqueren, um der zurückliegenden Zivilisation zu entfliehen. Da gab es etwa diejenigen, die beschlossen einen Teil des Moores trocken zu legen, um dort jenseits der Gefilde der Zivilisation zu leben. Sie zogen Entwässerungsgräben und errichteten ein Kloster auf diesem Stück Land. Doch noch bevor sie die kalten Steinmauern dieses Klosters als beengend empfinden konnten, da fanden sie sich – wie von Zauberhand, oder etwa nicht? – inmitten der zivilisierten Welt wieder. Sie hatte sich einfach auf das durch die Entwässerungsgräben wirtlich gewordene Land ausgedehnt und es in Besitz genommen. Und schon kurze Zeit später erinnerte nichts mehr daran, dass dieses Stück Land noch vor kurzer Zeit außerhalb der Mauern der Zivilisation gelegen hatte. Aber von diesen Menschen lohnt es sich kaum zu erzählen. Höchstens als eine kurze Anekdote. Ich will stattdessen meinen Blick auf jene richten, die es gewagt haben, sich auf die geheimen Pfade durch das Moor zu begeben. Auf die gefährlichen und dunklen Pfade, auf denen man leicht versucht ist, dem Schein eines winzigen Lichts zu folgen, dass sich nur allzu oft als Irrlicht entpuppt hat. Und wenn ich hier die Geschichten derer erzähle, von denen man sagt, dass sie sich verirrt hätten, dann nicht um mich über sie zu erheben, sondern vielmehr um mir selbst eine Hilfe dabei zu sein, meine eigenen Pfade durch dieses Moor zu wählen.

I

Kürzlich habe ich ein Pamphlet mit dem recht programmatischen Titel »Anarchismus vs. Primitivismus« gelesen. Eine Übersetzung eines Textes von Brian Oliver Sheppard aus dem Jahr 2003. Nicht Sheppards einziger Text über den »Primitivismus« und auch nicht Sheppards einziger Text mit einem so programmatischen Titel. Bevor es gleich der ganze Anarchismus war, der da von Sheppard gegen den Primitivismus ins Feld geführt wurde, da musste schon Bakunin für den gleichen Zweck herhalten. In einem Erguss mit dem beinahe ebenso episch anmutenden Titel wie der eines popkulturellen Trashfilms namens »Cowboys vs. Aliens«, nämlich »Bakunin vs. the Primitivists« aus dem Jahr 2000. Ich habe mir überlegt, eine Erwiderung auf Brian Oliver Sheppards Text zu schreiben, nicht weil ich Anhänger*in des von ihm kritisierten »Primitivismus« wäre (was auch immer das seiner Definition nach sein soll), sondern weil seine Kritik eigentlich nicht den »Primitivismus« kritisiert, sondern jegliches antizivilisatorische Denken. Aber letztlich ist ein Text, der sich an einer solchen Kritik abarbeitet, vielleicht doch das Papier nicht wert, auf dem er geschrieben ist. Warum mich in eine Debatte begeben, in der von Anfang an alles über einen Kamm geschoren wird? Eine Debatte, in der »Primitivismus« hauptsächlich als Gegenkonstruktion zum von Sheppard vertretenen Syndikalismus in Erscheinung tritt. Eine Debatte, in der es weniger darum zu gehen scheint, sich mit bestimmten Positionen auseinanderzusetzen und diese zu diskutieren, sondern vielmehr darum Fronten zu bilden (die »Anarchist*innen« auf der einen Seite und die »Primitivist*innen« auf der anderen) und bestimmte Positionen anhand von möglichst polarisierenden – nicht selten aus dem Kontext gerissenen – Zitaten zu delegitimieren. Nein, diese Debatte bringt mich nicht weiter und vermutlich auch niemand anderen. Und doch scheinen es vielfach Debatten dieser Art zu sein, die – nicht nur – im deutschsprachigen Kontext vorherrschen, wenn antizivilisatorische Perspektiven diskutiert werden.

Meiner Einschätzung nach sind all diese Debatten, die sich aus naheliegenden Gründen den »Primitivismus« als Feindbild erwählen, gerde deshalb so uninteressant für die (Weiter-) Entwicklung antizivilisatorischer Positionen, weil sich hinter ihnen ein dogmatischer Pro-Zivilisationismus versteckt, der sich entsprechend an den (zumindest so wahrgenommenen) dogmatischsten antizivilisatorischen Positionen reibt. Sheppards Text bildet da keine Ausnahme. Er beginnt gleich zu Beginn seines Artikels mit einer Sammlung von Zitaten – angeblich repräsentativ für den Primitivismus –, in denen die Auswirkungen der Einführung von Elektrizität in verschiedenen Regionen thematisiert werden. Dabei scheint ihm die Auffassung, dass Elektrizität dabei nicht gerade als positiv befunden wird, so fremd und absurd zu sein, dass das einzige Argument, das er bemüht, um seinen gegensätzlichen Standpunkt zu untermauern, darin besteht, den »Mangel an Elektrizität« als »Kenzeichen der Armut« zu definieren und folglich zu implizieren, jede*r, die Elektrizität anders sähe, müsse entsprechend Armut – ein Begriff, der ja nur im Kontext von Eigentum und vor allem im allgemein vergleichbaren Kontext einer Zivilisation Sinn ergibt – befürworten. Wenn es Sheppard aber gar nicht darum zu gehen scheint, hier eine alternative Kritik an Zivilisation und – in diesem Beispiel – Elektrizität zu elaborieren, sondern er stattdessen einer mehr oder weniger ausformulierten – wenngleich er die Argumentationslinien bestenfalls verfälscht widergibt – Kritik an Elektrizität einfach die Befürwortung von Elektrizität – als Errungenschaft, als Fortschritt sozusagen – entgegenstellt, inwiefern kann seine Haltung dann überhaupt als antizivilisatorisch begriffen werden? Was er selbst wahrscheinlich gar nicht behaupten würde. Aber weiter noch, wenn Sheppard in der Einführung seines Textes den Anarchosyndikalisten Sam Dolgoff zitiert, der es nicht ertragen kann, dass einer »immer barfuß [ging], rohes Essen, meist Nüsse und Rosinen [aß] und [sich] weigerte, einen Traktor zu benutzen, da er gegen Maschinen war und Pferde nicht missbrauchen [wollte] [und] also [selbst] die Erde [umgrub]« und entsprechend zu dem Schluss kommt, dass »solche selbsternannten Anarchist*innen in Wirklichkeit ›Ochsenkarrenanarchist*innen‹ [waren], die sich der Organisation widersetzten und zu einem einfachen Leben zurückkehren wollten«, kann man dann überhaupt davon sprechen, es hier mit einem anarchistischen Text zu tun zu haben? Sicher kann man verstehen, dass sich bei der*dem einen oder anderen immer mal wieder ein gewisser Frust darüber anstaut, dass andere nun nicht den eigenen Analysen folgen oder nicht den gleichen Weg teilen, von dem man glaubt, dass er zur Revolution oder zur Beseitigung der Herrschaft oder wohin auch immer führen mag. Aber wenn sich nun eine*r »der Organisation widersetzt« und man das mit solch harschen Worten – und es geht mir hier freilich nicht um die Worte selbst, sondern um das dahinterliegende Gedankenkonstrukt – ankreidet, ist man dann nicht ein*e Feind*in des Individuums? Und unabhängig davon, in welchem Kontext Dolgoff das vielleicht sagte – und der mir eigentlich auch egal ist –, ist dieses Zitat, für das sich Sheppard hier ja bewusst entschieden hat, nicht zumindest das? Wie soll man das sonst verstehen wenn nicht als Kritik der Art: Wer sich »der Organisation widersetzt«, die*der kann gar kein*e echte*r Anarchist*in sein? Dabei verhält es sich doch eher umgekehrt: Wer ein Individuum zwingen will, in die oder auch eine Organisation (aber ist das nicht vielleicht letztlich das selbe?) einzutreten oder es zumindest dafür verachtet, wenn es das nicht tut, ist sie*er nicht eher autoritär? Und zumindest wenn ich von Anarchismus spreche, dann schließt sich das mit jeder Form des Autoritären notwendigerweise aus!

Ich könnte nun auf diese Art und Weise fortfahren Sheppards Text Abschnitt für Abschnitt zu kommentieren und – so behaupte ich einfach, um das hier abzukürzen – Abschnitt für Abschnitt würde ich zu dem gleich Ergebnis kommen: Sheppards Kritik am Primitivismus, der hier vielfach stellvertretend für antizivilisatorische Positionen im Allgemeinen steht, ist eben einfach pro-zivilisatorisch. Und auch wenn diese Debatte vielleicht ebenfalls spannend sein mag, so wird sie hier doch auf einem Niveau geführt, das sämtliche grundlegenden Kritiken an Zivilisation mit dem Verweis auf die »Autoritäten« von Bakunin oder Kropotkin oder gar Marx beiseite wischt (»Obwohl klassische Anarchist*innen wie Peter Kropotkin und Michail Bakunin von der Beseitigung des Staates durch die Übertragung des Eigentums an den Produktionsmitteln in die Hände der Öffentlichkeit sprachen, haben die Primitvist*innen eine andere Agenda: Sie wollen Industrie und Technologie zerstören und nicht umverteilen«), einem Niveau, an dem ich jedenfalls keinerlei Interesse habe, weil solche Debatten weder die eine, noch die andere Kritik weiterbringen, sondern bloß Fronten bilden, an denen man sich aneinander aufreiben kann, anstatt vielleicht dringlichere Feind*innen – jene, um die sich die jeweils eigene Herrschaftsanalyse dreht – anzugreifen.

II

Was vermag mir die (historische) Wissenschaft über das vorzivilisatorische oder auch außerzivilisatorische Leben von Menschen zu erzählen? Ich persönlich vertrete die Auffassung von Fredy Perlman, dass die Geschichte, seine Geschichte, immer die von Leviathan war, ist und gewesen sein wird. Geschichtsschreibung versucht immer eine Erzählung, die immer aus einer bestimmten Perspektive erzählt und in der Regel auch höchstens von einer Hand voll Menschen, zu abstrahieren und daraus Allgemeingültigkeiten abzuleiten. Das verneint nicht nur die Individuen, von denen eine Erzählung handelt – ein Prozess, der Leviathan immer gelegen kommt –, sondern impliziert unter anderem auch, welche Geschichten erzählt werden (können) und welche nicht.

Ich will das an einer Reihe von Beispielen verdeutlichen: Betrachtet man Leviathans jüngere Geschichte, von der durchaus zahlreiche zeitgenössische schriftliche Überlieferungen von mehreren Individuen vorliegen, sagen wir beispielsweise die Epoche des Nationalsozialismus. Eine Epoche, die gerade einmal 75 Jahre zurückliegt und doch werden wir scheitern, die Geschichten so vieler Menschen zu erzählen … Aber es gibt doch Tagebücher, Akten, Augenzeugenberichte, u.v.m., mag da manch eine*r einwenden. Sicher, aber wessen Tagebücher sind uns heute vorrangig erhalten? Wer hat es überhaupt gewagt, Tagebuch zu führen? Wem war es materiell möglich – etwa weil sie*er Zugang zu Papier und Tinte hatte, oder weil sie*er überhaupt schreiben konnte –, Tagebuch zu führen? Wer hat seine*ihre Tagebücher nicht irgendwann aus Angst verbrannt? Wer hat sie nicht auf der Flucht verloren? Wessen Tagebücher landeten in Archiven, wessen Tagebücher wurden nach ihrem*seinem Ableben von einer*m Angehörigen entsorgt, wer hatte überhaupt noch Angehörige, die sich um seinen*ihren Nachlass hätten kümmern können? Und die Akten? Was soll eine Akte schon über einen Menschen aussagen? Sie ist alleine Zeugnis der Verwaltung eines Menschen. Zu glauben, dass sich aus ihr irgendetwas anderes gewinnen lassen würde, erscheint mir bestenfalls naiv, schlimmstenfalls eine Befürwortung der staatlichen Logik von Menschen als zu verwaltenden Einheiten zu sein. Und die Augenzeugenberichte? Was, wenn es keine Zeug*innen gab? Was, wenn keine*r der Augenzeug*innen überlebte? Was, wenn die Augenzeug*innen sich alle beharrlich ausschweigen?

Andere Beispiele, die ähnlich offensichtlich sind, wären etwa die sowjetrussische Epoche, die Inquisition, die Kolonisierung Amerikas, u.s.w. Aber auch wenn diese Beispiele besonders deutlich zeigen, dass es letztlich eben vor allem die leviathanischen Geschichten sind, die sich heute (noch) erzählen lassen, selbst wenn man sie gelegentlich auch in einem kritischen Tonfall erzählen mag, so gilt doch für jede Epoche, dass in ihr Menschen gelebt haben, deren Geschichten die Historiker nicht erzählen werden. Sei es, weil sie es nicht wollen oder weil sie es nicht können.

Und je weiter eine Epoche zurück liegt, bzw. umso weniger aus ihr überliefert ist, desto weniger lassen sich Geschichten aus ihr erzählen, die nicht leviathanisch sind. Die Archäologie etwa zieht ihre Erkenntnisse zum Beispiel häufig aus Grabbeigaben. Man möge mir vielleicht meine laienhafte Darstellung und möglicherweise auch meine diesbezügliche »Ungebildetheit« verzeihen – oder auch übelnehmen –, aber ich bin nicht der Meinung, dass man daraus, dass in einem Grab zum Beispiel Pfeilspitzen gefunden wurden, schließen kann, dass die*der Begrabene einer Krieger*innenkultur entstammt. Sicher, vielleicht wurden diese Pfeilspitzen einmal als Grabbeigaben mit dem Leichnam beerdigt und sollten irgendetwas ausdrücken, was man als Krieger*innenkultur bezeichnen kann. Aber vielleicht ist die Person in dem Grab auch einfach mit mehreren Pfeilen erschossen worden und bei der Beerdigung hat sich keine*r die Mühe gemacht, die Pfeile – oder nur die Spitzen – vorher zu entfernen. Vielleicht wurden die Pfeilspitzen auch mit ins Grab gelegt, aber eher, weil der*die Begrabene in seiner Community eher ein Sonderling war, der einen Waffen- oder auch Pfeilspitzenfetisch hatte und dies seine liebsten waren. Oder man hat sie mit ins Grab gelegt, weil man sich schon dachte, dass irgendwann irgendwelche Grabräuber daherkommen würden und irgendwelche Spekulationen anstellen würden und da fand man es einfach lustig, sie über Pfeilspitzen sinnieren zu lassen. Oder, oder, oder. Kurz gesagt: Projizieren die Historiker*innen nicht häufig auch einfach das, was sie aus ihrer Epoche kennen – oder manchmal auch irgendwelche Sehnsüchte –, in andere Epochen hinein? Und nicht nur die Historiker*innen. Ist es nicht die gesamte Geschichtswissenschaft/Archäologie/Anthropologie, die Aussagen über ihren Gegenstand immer nur vor dem Hintergrund ihrer eigenen Epoche treffen kann?

Umso erstaunlicher finde ich es, dass historische Erzählungen zusammen mit anthropologischen so oft einen so gewichtigen Platz in antizivilisatorischen Texten einnehmen. Nicht, dass ich es schlimm fände, mich an den Geschichten der Wissenschaft zu bedienen, wo mich diese weiterbringen, aber zuweilen lesen sich Texte vielmehr, als seien sie der Wissenschaft geradezu hörig. Sie scheinen mit den Geschichten auch die Rechthaberei der Wissenschaft zu übernehmen und gerade dort, wo unterschiedliche Ansichten zu einem Thema aufeinanderprallen, wird oft mit der Logik von Beweis und Widerlegung eine Art wissenschaftliche Schlacht ausgetragen, in der es eigentlich nur einen Gewinner geben kann: Leviathans Wissenschaft. Denn auch wenn hier unterschiedliche wissenschaftliche Arbeiten gegeneinander stehen, steht eines scheinbar niemals in Frage: die Autorität der Wissenschaft selbst.

III

Auf der Suche nach den Ursprüngen der Zivilisation, ebenso wie auf der Suche nach Beispielen eines von ihr befreiten Lebens richtet sich die Aufmerksamkeit vieler antizivilisatorischer Debatten auf sogenannte primitive Gemeinschaften, Gemeinschaften außerhalb der Zivilisation also – und zwar gleichermaßen jene, die vor ihrer Entstehung existierten, sowie jene, die sich ihrem Zugriff an ihren Rändern bis heute oder bis in die letzten Jahrhunderte widersetzen konnten. Dabei sind es vor allem die Quellen der Wissenschaft, aus denen dabei die Geschichten über diverse primitive Gesellschaften geschöpft werden, vor allem die Disziplinen der Archäologie und Anthropologie. Aber mit den Geschichten scheint auch ein anderes Konzept der Wissenschaft Einzug in deren Deutung gehalten zu haben: das Bedürfnis danach, diese Geschichten zu systematisieren, sie miteinander in Einklang zu bringen und dabei ein universelles Narrativ des Primitiven zu erschaffen, das dann häufig sogar noch als Vorlage für eine eigene Utopie eines von der Zivilisation befreiten Zusammenlebens herhalten muss.

Dass ein solcher Prozess meines Erachtens nach leviathanische Geschichte begründet, das habe ich bereits zuvor ausgeführt. Hier möchte ich eine andere Auswirkung beleuchten, die eng mit diesem Prozess verbunden scheint, aber doch eine eigene Dynamik entwickelt: die Entstehung einer Utopie (und Ideologie?) von einer einheitlichen, »primitiven« Lebensweise, die zur Blaupause jedes Gedankenspiels eines nichtzivilisierten Lebens wird und als solche Tendenzen einer organisierten Transformation statt einer chaotischen Zerstörung zu begünstigen scheint.

Am Anfang dieses Prozesses steht die Tilgung der Einzigartigkeit einer jeden (primitiven) Gemeinschaft und eines jeden (primitiven) Individuums. Das kommt vielleicht daher, dass der Begriff »primitiv« selbst zunächst als eine Gegenkonstruktion des zivilisierten Menschen durch diesen selbst geprägt wurde und mit dem Begriff womöglich auch mehr dieses ursprünglichen Gedankenkonzepts Einzug in das Denken der Zivilisationsfeind*innen gefunden hat, als einer lieb ist. Jedenfalls vereint dieser Begriff die unterschiedlichsten Gemeinschaften und Individuen, deren Lebensweise kaum unterschiedlicher sein könnte. Was auf der Suche nach Gemeinsamkeiten derer, die ein Leben führ(t)en, das keinerlei zivilisatorische Institutionen hervorbrachte, einen gewissen (allerdings abstrahierenden und wissenschaftlichen) Zweck zu erfüllen scheint, verliert diesen endgültig, wenn nach einem positiven Entwurf eines nichtzivilisierten Lebens gefragt wird.

Nicht nur, dass mir beispielsweise in einer Umgebung, in der so gut wie jedes Großwild ausgerottet wurde oder die verbliebenen Herden – zumindest ohne zivilisatorische Verwaltung – kurz davor stehen, auszusterben, die Gebräuche »primitiver« Jäger*innen-Gemeinschaften selbst angesichts einer in Trümmern liegenden Zivilisation relativ wenig nützen. Bei der heute vielfach beschworenen Einheitlichkeit dieser Gebräuche scheine ich auch Gefahr zu laufen, die aus einer vollständig abstrahierten, ökonomisierten [1] Betrachtungsweise destillierten Gebräuche zu übernehmen, die – auf diese Weise ihrer Zusammenhänge beraubt, beispielsweise einer spirituellen Verbindung zur Natur, etc. – ohnehin nie funktionieren würden. Aber wenn mir dieses Vorbild des »Primitiven« unmittelbar nichts für mein eigenes Leben zu geben vermag, warum mich dann überhaupt daran orientieren? Warum es systematisieren und die einzigartigen, unterschiedlichen Geschichten aus weit voneinander entfernten Regionen ebenso wie Zeitaltern miteinander in Einklang bringen?

Manchmal erscheint mir ein solcher Systematisierungsversuch eine Art wissenschaftliche Neurose zu sein. Kein Wunder, wie viele andere auch, bin auch ich es gewohnt, Geschichten, die mir etwas geben, zu verallgemeinern und ertappe mich gelegentlich dabei, widersprüchliche Geschichten beinahe zwanghaft vor mir selbst als unglaubwürdig darzustellen. Ich denke jenseits dessen, was man dabei vielleicht über sich selbst lernen kann, liegt in einer solchen, rein individuellen Systematisierung kein besonderes Problem. Gelegentlich, vor allem in wissenschaftlichen Analysen und Debatten, die sich besonders stark auf solche berufen, erscheint mir dann aber doch etwas mehr hinter einer solchen Systematisierung zu lauern. Wo Vorschläge unterbreitet werden, wie wir die ganze Welt planvoll in einen Zustand »zurückversetzen« könnten, der dem »ursprünglichen« Zustand, dem, den (idealisierte) »primitive« Gesellschaften vorgefunden hätten, gleicht, da beginnt sich meiner Meinung nach auch eine bestimmte zivilisatorische Logik zu entfalten, nämlich die der Durchorganisierung der ganzen Welt und ihrer Ausrichtung auf ein einheitliches Ziel. Und auch wenn die sich derzeit andeutende, geplante Neuordnung der Welt durch den »grünen Flügel« des Kapitals sicher ganz anders aussieht, als das, was sich manch ein*e Befürworter*in einer reformistischen »Primitivisierung« der Gesellschaft ausgemalt haben mag, so scheint mir die Ähnlichkeit doch irgendwie auffallend zu sein.

Derartige Tendenzen scheinen mir dabei vor allem schon darin angelegt zu sein, dass Geschichten über primitive Gesellschaften systematisiert werden und zu einem primitiven Ideal verwoben werden, das dann wiederum als Blaupause für eine postzivilisierte Welt herhalten soll. Statt mein Handeln an einem derartigen Ideal auszurichten, erscheint es mir sinnvoller von meinem eigenen Zustand, meinen individuellen Möglichkeiten und Sehnsüchten auszugehen. Statt mein Handeln daran zu messen, inwiefern es zu einem (ewig) zukünftigen Ideal beiträgt, will ich im Hier und Jetzt leidenschaftlich meinen von den Fesseln meiner Domestizierung befreiten Sehnsüchten nachgehen, will das zerstören, was mich darin einschränkt und möglicherweise auch dieses oder jenes Überbleibsel der Zivilisation nutzen. Nicht in der Form freilich, die dem Diktat der Zivilisation selbst folgt und diese reproduziert, sondern immer im Blick darauf, meine Freiheit und die anderer zu wahren bzw. wiederherzustellen und Hierarchien und Unterdrückung zu zerstören.

IV

Die Vorstellung davon, dass das System zusammenbreche, dass es kollabiere, gehört für viele antizivilisatorische Kritiker*innen bereits seit Jahren zu den Eckpfeilern ihrer Analyse. Und wer kann es ihnen angesichts von Atommüll, Waffenarsenalen, die die Erde gleich mehrfach zerstören könnten, schwindendem Ackerboden, Erdölreserven, Regenwäldern und steigendem CO2 verdenken, dass sie einen Zusammenbruch des Systems prophezeien. Damit sind sie übrigens keineswegs alleine, auch systemtragende Institutionen wie der Club of Rome vermarkten seit Jahrzehnten mit einigem Erfolg die Vorstellung einer herannahenden Apokalypse durch die Grenzen des Wachstums. Und tatsächlich unterscheiden sich die Kollapsvorstellungen einiger antizivlisatorischer Kritiker*innen im Detail kaum von denen dieser Weltuntergangsprophet*innen im Auftrag des »grünen« Kapitals. Wer hier von wem abgeschaut hat, das lässt sich heute oft nicht mehr restlos aufklären, fest steht aber: Die Weltuntergangsprophet*innen des Kapitals sehen dem von ihnen systematisierten Kollaps nicht in freudiger Erwartung entgegen, sondern beschäftigen sich damit, das technoindustrielle System auch während dieses Zerfalls am Leben zu erhalten. Ihre Einschätzungen finden seit Jahren Beachtung bei internationalen militärischen Sicherheitsgipfeln und dienen als Blaupause für neue Strategien der Aufstandsbekämpfung.

All das kann man den antizivilisatorischen Kollapsvorstellungen sicherlich nicht vorwerfen. Im Gegenteil: Während die Orakel der Zivilisation und des Kapitals seit Jahrzehnten Regierungen, Unternehmen und andere zivilisatorische Warlords dabei beraten haben, wie sich für einen solchen Kollaps rüsten können – übrigens muss wohl auch die jüngste dieser Kampagnen, der sogenannte »Global Reset« bzw. »Great Reset« auf diese Art und Weise gedeutet werden – sind die antizivilisatorischen Seher*innen dieses Zusammenbruchs erstaunlich passiv geblieben. Wenn man einmal von meist institutionalisierten und oft kommerziell vertriebenen Survivalkursen absieht, erscheinen mir die Strategien in einem solchen Kollaps zu handeln, erstaunlich ausgehöhlt. Diejenigen, die ansonsten das Horten von Nahrungsmitteln als eine Grundbedingung der Entstehung der Zivilisation kritisieren, entwickeln erstaunlich häufig, wer ahnt es, das Horten von Nahrung als wichtigste Perspektive im Hinblick auf einen solchen Kollaps. Ich will hier nicht falsch verstanden werden: Gerade innerhalb der von der Zivilisation zerklüfteten Natur erscheint ein Überleben im Falle eines Zusammenbruchs der Zivilisation und ihrer Nahrungsmittelproduktion nur dank Nahrungsmittelvorräten möglich. Meine Kritik richtet sich entsprechend nicht gegen das Anlegen von Nahrungsmittelvorräten per se, sondern vielmehr dagegen, dass ein solches Projekt schnell zur einzigen Perspektive wird, die jeglichen aktiven Angriff auf die Zivilisation im Hier und Jetzt ersterben lässt.

Denn auch wenn eine Diskussion über Strategien in einem solchen Kollapsszenario sicherlich ihren Wert hat, habe ich vor allem das Gefühl, dass ein zu enger Fokus auf einen Kollaps nichts anderes als ein Passivitätstreiber ist. Wer das eigene Handeln stets danach ausrichtet, was in der Zukunft geschehen mag, die*der verpfändet dabei das eigene Leben in der Gegenwart an diese Zukunft. Wenn ich versuche mir vorzustellen, wie es sein muss, seit Jahrzehnten darauf zu warten, dass die Zivilisation endlich zusammenbricht, um dann endlich ein Leben nach meinen eigenen Sehnsüchten zu führen, ist das einzige Stichwort, dass mir dabei in den Sinn kommt: Unbefriedigend! Und die wichtigste Frage escheint mir dabei zu sein: Warum warten? Warum sollte ich als erklärte*r Feind*in der Zivilisation abwarten, bis diese sich eines Tages (vielleicht) selbst abschafft, weil sie kollabiert? Wäre es nicht viel befriedigender, viel weniger passiv und viel besser mit einem Leben nach meinen Sehnsüchten vereinbar, wenn ich stattdessen nach Wegen suche, die Zivilisation zu zerstören? Und erhöht eine zerstörte Zivilisation im Vergleich zu einer kollabierten Zivilisation, die zuvor restlos sämtliche »Ressourcen«, das heißt jegliche Natur, ausgebeutet bzw. zerstört hat, nicht auch die Chance auf ein Leben jenseits der Zivilisation ungemein?

Ungeachtet der Tatsache, dass ich jetzt leben möchte und nicht alle meine Hoffnungen auf ein Leben nach meinen eigenen Sehnsüchten auf eine unbestimmte, von mir kaum beeinflussbare Zukunft richten will, erscheint mir ein Zusammenbruch der Zivilisation tatsächlich relativ unwahrscheinlich. Einerseits lässt sich von kollabierten Zivilisationen der Vergangenheit beinahe durchgängig sagen, dass diese vielmehr von einer anderen, expandierenden Zivilisation verschlungen wurden, anstatt dass diese einfach zerfielen, andererseits lässt sich gerade in den letzten Jahrzehnten beobachten, dass der Apparat, der vielleicht »westliche Zivilisation« genannt werden könnte, enorme Anstrengungen betreibt, um ein Kollabieren aus Gründen beschränkter Ressourcen zu verhindern. Und damit meine ich nicht bloß die aberwitzigen Vorstellungen einer Expansion in die Weiten des Weltraums, die mit mehr Nachdruck als jemals zuvor verfolgt werden. Ich meine durchaus auch das, was von einer Wirtschafts- und Wissenschaftselite gerade als »Chance der Pandemie« verkauft wird: die organisierte Reduzierung des Ressourcenverbrauchs durch die zukünftige bloße Verwaltung der Menschen bei gleichzeitiger Einschränkung dessen, was man bisher euphemistisch als »Freiheiten« bezeichnet haben mag und ihrer Befriedung mithilfe der Technologie.

So oder so: Wer all seine Hoffnungen darauf setzt, dass das techno-industrielle System in naher (oder entfernter) Zukunft von selbst kollabieren wird, die*der scheint sich meines Erachtens nach tendenziell in die Rolle eines*r passiven Beobachter*in zu begeben und sich damit seiner*ihrer eigenen Handlungsmöglichkeiten zu berauben. Anstatt meine Sehnsüchte auf diese Art und Weise in die Zukunft zu verschieben möchte ich diese jetzt leben. Anstatt auf den Zusammenbruch eines Systems zu warten und mich für den darauf folgenden, brutalen Krieg ums Überleben zu rüsten – in dem die vernichtendsten Waffen übrigens noch immer in den Händen meiner Feind*innen (Militärs, Bullen, Politikern, usw.) liegen –, erscheint es mir viel interessanter, nach Möglichkeiten zu suchen, das techno-industrielle System hier und jetzt zu sabotieren und anzugreifen, damit es schließlich weniger kollabiert als durch einen willentlichen Akt bis auf seine Grundmauern zerstört wird.

V

Es muss wohl als einer der größten Erfolge der Vorstellung von (linearer) Zeit verbucht werden, dass Fortschrittlichkeit, Progressivität, im allgemeinen Sprachgebrauch für eine als positiv angesehene Entwicklung steht, während Rückschrittlichkeit, Regressivität eine eher negativ gesehene Entwicklung bezeichnet. Vorankommen will man. Schritt für Schritt voran in Richtung eines Ziels. Ein Rückschritt? Eine Katastrophe! Auf der Stelle treten? Zeitverschwendung. Einen Schritt zur Seite? Undenkbar. Fortschritt oder Rückschritt, etwas anderes scheint es nicht zu geben. Und wo seine gesamte Geschichte auf einem Zeitstrahl angeordnet wird, der Ereignisse, die zuweilen kaum weniger miteinander zu tun haben könnten, in eine gemeinsame Chronologie bringt, die dann wiederum in den verschiedenen Denkschulen des Fortschritts (Kapitalismus, Marxismus, Liberalismus, usw.) dermaßen interpretiert werden, dass der Fortschritt nicht nur die einzig mögliche, historisch-materialistische Richtung sei, sondern sich auch seine ganze Geschichte unausweichlich auf genau diesen Moment der Gegenwart zubewegt hat, da scheint dann auch der einzige nicht progressive Ausweg darin zu bestehen, das Hamsterrad der Zeit zum Stillstand zu bringen, nur um es dann Umdrehung für Umdrehung zurück zu drehen.

Aber ob Fortschritt oder Rückschritt, ob ich das Hamsterrad nun vorwärts drehe oder rückwärts, in jedem Fall scheint mich eine bestimmte Vorstellung von Zeitlichkeit gefangen zu halten und (zumindest gedanklich) vorherzubestimmen, wie mein Leben und seine Umstände auszusehen hätten. Und es ist keineswegs ein Zufall, dass, egal wohin ich mich vielleicht auf diesem Zeitstrahl gerne bewegen möchte, das Vor- oder Zurückdrehen der Uhrzeiger nicht nur eine Anstrengung ist, die enorme Kraft erfordert, wie sie nur von den Institutionen der Zivilisation aufgeboten werden kann, sondern eben entsprechend auch nicht nur mein Leben, sondern das aller innerhalb der Zivilisation betrifft. Man könnte – und müsste sogar – den Akt des Uhrzeigerdrehens (egal ob vor oder zurück) also als einen zivilisatorischen Akt beschreiben, denn er wäre nichts anderes als die Organisation der (menschlichen) Lebewesen in einem künstlichen, an sich leblosen Ungeheuer, das durch sie zum Leben erweckt, die Uhrzeiger in Bewegung setzen würde und damit den Kurs der gesamten Menschheit, der Zivilisation, der Erde (des Universums?) bestimmen würde.

Das heute verbreitete Konzept von Zeit als eine unabhängige, absolute, universelle, streng lineare Institution entwickelte sich parallel zur Entstehung der modernen Wissenschaft und der ebenfalls parallel dazu verlaufenden, sogenannten »Industriellen Revolution« [2]. Nicht nur Galileo Galilei, Isaac Newton und viele andere frühe Vertreter*innen dieser Entwicklung hatten eine Obsession für Zeit. Auch ihre heutigen geistigen Nachfolger*innen pflegen ein geradezu obsessives Verhältnis zu dieser Institution. Der Amazon-Gründer Jeff Bezos etwa, weltweit führend darin, Menschen in den Logistikzentren seines Konzerns zu Robotern zu degradieren (etwas, das an bestimmte Aussagen der Urväter der modernen Wissenschaft erinnert), lässt derzeit eine Pilgerstätte für Zeitgläubige in einem Berg in West Texas errichten: eine gigantische Uhr, die für die nächsten 10.000 Jahre die Zeit messen soll. Seine Leitmotivation für dieses Projekt mag den*die eine*n oder andere*n überraschen: »As I see it, humans are now technologically advanced enough that we can create not only extraordinary wonders but also civilization-scale problems. We’re likely to need more long-term thinking.« [3] Die Uhr als Symbol der langfristigen Planung also, oder anders ausgedrückt: Zeitlichkeit und langfristige Planung/Organisation als eine der grundlegenden Dimensionen der Zivilisation.

Wo der Transhumanist und Technologieenthusiast Jeff Bezos zweifellos fortschrittliche Planung und technologische Entwicklung meint, scheint jedoch auch eine rückschrittliche Planung und eine technologische Rück-Entwicklung kaum etwas anderes zu bedeuten. Technisch bedarf es lediglich einer minimalen Änderung, etwa dem Hinzufügen oder Entfernen eines Zahnrades, um eine Uhr rückwärts anstatt vorwärts laufen zu lassen. Aber was würde sich dabei ändern? Die Uhr synchronisiert heute vom Handgelenk ihrer Besitzer*innen bzw. neuerdings aus dem Inneren ihrer Smartphones penibel und sekundengenau die zivilisatorischen Anstrengungen einer Armee von Sklavenarbeiter*innen. Sich dieses Instruments zu bemächtigen und die Zeit fortan rückwärts laufen zu lassen in dem Versuch, die Zivilisation wegzuorganisieren, erscheint mir einer fundamentalen Fehlinterpretation dieses Prozesses zu folgen. Ist es nicht die Synchronisation selbst, die die Zivilisation ausmacht, weniger die Richtung, in die diese stattfindet? Eine De-Synchronisation dagegen erscheint mir nur durch die totale Aufgabe eines bestimmten Kurses, durch die restlose Zerstörung der Synchronisationsmechanismen des Zeitlichen und den daraus resultierenden, chaotischen und folglich keineswegs mehr absoluten oder universellen Verlauf von Zeit – sofern man dann überhaupt noch von Zeitlichkeit sprechen kann – möglich zu sein.

 

***

Diese Fragmente einer Kritik an einigen verbreiteten Aspekten antizivilisatorischen Denkens eröffnen ihrerseits keineswegs einen neuen Ausweg. Sie können vielmehr als eine – wenn auch oberflächliche – Kommentierung bestehender Ansätze verstanden werden und somit als Ausgangspunkt einer erneuten Debatte um Strategien, Analysen und Perspektiven, die erst noch geführt werden mag.

Anmerkungen

[1] Ein etwas amüsantes Beispiel: Kürzlich sprach mir jemand von einem ERoI (Energy Return on Investment) von Jäger*innen/Sammler*innen-Gemeinschaften und dass dieser im Vergleich zu zivilisierten Gesellschaften sehr hoch liege. Darüber muss ich bis heute ein wenig schmunzeln. Nicht weil das aus einer (heutigen) ökonomischen Perspektive nicht stimmen mag, sondern vielmehr weil ich mir dabei vorstellen muss, wie man versucht, einer*m Angehörigen einer solchen Jäger*innen/Sammler*innen-Gemeinschaft zu erklären, dass man ihre Lebensweise wegen dieses hohen ERoI bewundere und (vermutlich) auf so gar kein Verständnis stoßen wird. Tatsächlich kann man nicht behaupten, dass die Person, die mir von diesem ERoI erzählte, eine (abstrahierte oder auch spezifische) »primitive« Lebensweise rein ökonomisch betrachten würde, die Aussage ist vielmehr ursprünglich Teil eines wissenschaftlichen Buches, das unter anderem die ökonomischen Vorzüge »primitiver« Gesellschaften untersucht und doch scheint sie mir eben Ausdruck einer Perspektive zu sein, die jegliche Individualität, sowie jegliche einzigartigen Charakteristiken einer Gemeinschaft bereits eliminiert haben muss, um überhaupt zu einer solchen Aussage gelangen zu können.

[2] Eine interessante Abhandlung über diese Entwicklung der Zeit findet sich beispielsweise bei John Zerzan: Das Unbehagen der Zeit. (Die deutsche Übersetzung findet sich ebenfalls in dieser Sammlung auf S. 18 bis 32.)

[3] dt. etwa »So wie ich das sehe sind die Menschen nun technologisch fortgeschritten genug, um nicht nur außergewöhnliche Wunder zu vollbringen, sondern auch Probleme von zivilisatorischem Ausmaß zu verursachen. Daher müssen wir langfristiger denken.«

Eine Verteidigung des Primitivismus gegen seine falschen Kritiker*innen

Wer sich mit primitivistischen Erzählungen auseinandersetzt, die*der mag oft den Eindruck erlangen, dass es sich hier um eine (vermeintlich) säkularisierte Erzählung vom Paradies handelt, aus dem – der in der westlichen – christlichen – Zivilisation verbreiteten Version der Erzählung nach – Adam und Eva einst vertrieben wurden, weil sie gesündigt hatten. Und tatsächlich scheint die Erbsünde, im Primitivismus die Zivilisation, fortan allen Menschen den Zugang zu diesem Paradies zu verwehren. Und so kommt es auch, dass – in der ein oder anderen Form – Christentum ebenso wie Primitivismus die mögliche und doch vom Individuum eher unbeinflussbare Wiederkehr dieses Paradieses in der Zukunft verheißen, freilich nur, wenn es gelingt, ein sündenfreies Leben gemäß den einschlägigen Regeln zu führen. [1]

Was den einen jedoch der industrielle Kollaps ist, das ist den anderen wiederum der technologische Fortschritt. Und während die einen auf einer linearen und scheinbar alternativlosen Zeitschiene zurück wollen, wollen andere nichts anderes als nach vorne. Und zuweilen frage ich mich da, in welche Richtung der Nebel, der die Sicht verschleiert, wohl dichter ist und ob der Blick nicht gerade dort, wo die Sicht eigentlich klar zu sein scheint, eher Zeuge einer Fata Morgana geworden ist. Während ich Wolfi Landstreichers „Eine Kritik, kein Programm: Für eine nicht-primitivistische, antizivilisatorische Kritik“ hinsichtlich des Primitivismus nicht viel hinzuzufügen habe, so scheint es mir dennoch notwendig, jenen, die dem Primitivismus vor allem deshalb zu zürnen scheinen, weil er ihre liebgewonnenen zivilisatorischen „Errungenschaften“ in Frage stellt, eine Verteidigungsrede entgegen zu schleudern.

Vor allem scheint im hiesigen Kontext, an dem viele antizivilisatorische Debatten aus anderen Kontexten bislang weitestgehend spurlos vorbei gegangen zu sein scheinen, der fast nur abwertend gebrauchte Begriff „Primitivismus“ häufig synonym zu antizivilisatorischen Positionen verwendet zu werden. Mit diesem offensichtlichen und selbsterklärenden Irrtum will ich mich eigentlich an dieser Stelle gar nicht weiter befassen und doch deutet diese Verwechslung bereits darauf hin, mit welcher Form der Kritik wir es hier eigentlich zu tun haben, wenn hier oder dort mal wieder ausgiebig über den Primitivismus, der ja einfach „zurück in die Steinzeit“ wolle, gelästert wird.

Nun, dass eine der ausführlichsten verschriftlichten deutschsprachigen Kritiken am Primitivismus als Transkript eines FAU-Vortrags in der weitestgehend pro-zivilisatorischen Zeitschrift Gai Dao veröffentlicht wurde (Kritik des Anarcho-Primitivismus in Gai Dao Nr. 28, 2013), müsste ja nicht notwendigerweise bedeuten, dass diese kompletter Unfug ist. Und doch ist sie es. Der vermeintlichen „Grundannahme“ des Primitivismus, dass „Gesellschaften ohne Technologie prinzipiell egalitär organisiert wären“, wird auf platteste Art und Weise ein „Dem aktuellen Stand der Forschung nach …“ entgegengehalten, dem zwar die sicher plausible Annahme folgt, dass es sowohl egalitäre als auch hierarchische Gesellschaften gegeben hätte, für die jedoch trotzdem jegliche Quellenangabe fehlt (Eine einen Beleg suggerierende Fußnote verweist schlicht ins Nirvana). Da wünscht eine*r den Verfasser*innen dann doch insgeheim eine wütende Debatte mit den ebenfalls forschungs- und expert*innenfixierten Primitivist*innen. Doch der eigentliche Hammer folgt direkt im Anschluss:

„Hinter dieser Annahme steckt das alte Konzept des „edlen Wilden“, welches in der europäischen Aufklärung entstand und davon ausging, dass der Mensch ursprünglich in einem primitiven Naturzustand lebte wie Adam und Eva im Paradies, frei von allen negativen Eigenschaften. Dieses Konzept entbehrt nicht nur jeder faktischen Grundlage, sondern ist auch eine hochgradig eurozentristische und rassistische Zuschreibung, die historisch von Weißen an Nicht-Weiße gerichtet wurde. Diese Zuschreibung wurde unter anderem zur Legitimierung des Kolonialismus genutzt, als Weiße es sich zur Aufgabe machten, die als „Wilde“ betrachteten Menschen zu missionieren, auszubeuten und westlichen Vorstellungen zu unterwerfen. Dies wird von Anarcho-Primitivist*innen zwar nicht befürwortet, die Grundannahme ist jedoch die gleiche.“

Während man Primitivist*innen sicherlich vorwerfen kann, dass sie sogenannte „primitive“ Gesellschaften romantisieren, dass sie die Beziehungen lebender Menschen abstrahieren und zu einem Ideal erheben, dass sie eine paradiesische Vorstellung des unzivilisierten Lebens verbreiten, so ist es doch absurd, sie in Zusammenhang mit der „Legitimierung des Kolonialismus“ zu bringen, wo sie sich doch explizit auf die andere Seite stellen. Aber lassen wir doch die „Primitivist*innen“ – meines Wissens nach nannte sich Fredy Perlman nie selbst so, aber ich lasse mir hier für den Moment eingehen, dass er als solcher bezeichnet werden mag – selbst antworten:

Die Vorfahren der Zeks verrichteten weniger Arbeit als ein*e Firmenbesitzer*in. Sie wussten nicht, was Arbeit ist. Sie lebten in einem Zustand, den J.J. Rousseau den “Naturzustand” nannte. Rousseaus Begriff sollte wieder allgemein gebräuchlich werden. Er erregt die Gemüter derjenigen, die in R. Vaneigems Worten Kadaver in ihren Mündern tragen. Er macht die Rüstung sichtbar. Sage “Naturzustand” und du kannst die Kadaver hervorscheinen sehen.

Bestehe darauf, dass “Freiheit” und “Naturzustand” Synonyme sind und die Kadaver werden versuchen dich zu beißen. Die Gefügigen, die Domestizierten versuchen das Wort Freiheit für sich zu beanspruchen; sie wollen es auf ihren eigenen Zustand anwenden. Sie verwenden das Wort “wild” für die Freien. Aber es ist ein weiteres offenes Geheimnis, dass die Gefügigen, die Domestizierten gelegentlich wild werden, aber niemals frei sind, solange sie in ihrem Gehege bleiben.

– Fredy Perlman in „Against His-story, Against Leviathan!“ –

Noch Fragen?

Weiter wird in dem Text kritisiert, der Primitivismus lehne allzu große Gemeinschaften ab, da damit unweigerlich Hierarchien einher gehen würden. Als Gegenbeispiel dient den Verfasser*innen ausgerechnet die „CNT-FAI, die ihre egalitären Strukturen auch mit einer siebenstelligen Mitgliederzahl noch aufrechterhalten“ hätte. So egalitär waren diese Strukturen, dass die CNT-FAI im Jahre 1936 die Regierung stellte. Nun, was soll man dazu noch sagen? Insbesondere wenn „[d]er Autor […] zudem der Meinung [ist], dass die Organisierung großer Menschenmengen auch über weite Entfernungen hinweg durch die Nutzung moderner Kommunikationsmittel wesentlich erleichtert wird.“ Sicher hat er damit recht, aber ist die Organisierung großer Menschenmengen nicht eigentlich eher ein autoritäres Prinzip? Und selbst wenn man das mal nicht unterstellen will, bleibt der Autor eine Erklärung schuldig, warum er gedenkt, dass die „Nutzung moderner Kommunikationsmittel“ die Beziehungen der Menschen nicht, wie sicher jede*r antizivilisatorische Kritiker*in, auch die primitivistischen, argumentieren würde, so sehr prägt und entfremdet, dass man darin sicher keinen Beitrag mehr zu einer herrschaftsfreien Gesellschaft sehen kann. Oder wenn ich mir hier die Worte von Günther Anders über eine andere Epoche, die von den damals modernen Massenkommunikationsmitteln bestimmt wurde, ausborge:

Der Faschismus wäre ohne Radio nicht möglich gewesen. Allein durch dieses konnten Goebbels und Co. Millionen gleichzeitig zum Hören und das bedeutet: zum Gehorchen zwingen. Die erfolgreiche Herstellung der Menschenmasse (gar der, die garnicht zusammenkommen braucht), verdanken wir den Medien. Technik ist zur Bedingung der Politik geworden.

– Günther Anders in „Die Antiquiertheit der Erfahrung und des Alters“ –

Man könnte sich vermutlich Absatz für Absatz am Text der Ziviliationsverteidiger*innen in der Gai Dao entlanghangeln und jeder Behauptung ein weitaus überzeugenderes Zitat primitivistischer oder anderer Zivilisationskritiker*innen gegenüberstellen. Aber weil es ja nicht so sehr um die konkrete Widerlegung eines einzelnen, armseligen Versuchs der Kritik gehen soll, will ich mich hier auf nur eine weitere, meiner Meinung nach paradigmatische und hochaktuelle Passage beschränken:

„Anarchist*innen sind hingegen überwiegend der Meinung, dass die meisten Technologien genutzt werden können, um das Leben der Menschen zu verbessern, bspw. durch die Verbesserung von Hygiene, Ernährung, medizinischer Versorgung und durch die Reduzierung von Arbeit. Aus diesem Grund ist die Nutzung und Adaption vorhandener Technologien für den Aufbau einer herrschaftsfreien Gesellschaft eine uralte anarchistische Forderung.“

Mag sein, dass irgendwelche Spinner*innen, die sich in den Gefilden der Kadaver von FAU und FdA herumtreiben, überwiegend dieser Auffassung sind. Was ist das aber auch für ein quantitatives Argument? Vorhandene Technologien „für den Aufbau einer herrschaftsfreien Gesellschaft“ zu nutzen und das auch noch ohne zuvor die Zivilisation zu zerstören, das mag vielleicht eine „uralte anarchistische Forderung“ mancher sein, sie ist jedoch ungefähr so naiv, wie der offenbar in der FAU verbreitete Glaube, dass Fabriken nur in die Hände der Arbeiter*innen übergeben werden müssten und schon würden sich alle Probleme der Gesellschaft in Luft auflösen. Technologie ist immer das Produkt der sie umgebenden gesellschaftlich-zivilisatorischen Strukturen und als solche kann sie auch überhaupt nur nützlich sein, diese Strukturen zu reproduzieren. Was nützt mir etwa ein Auto, wenn ich keinerlei Erdöl fördere oder zur Verfügung habe, oder wenn es gar keine Straßen gibt? Was nützt mir ein Kernkraftwerk oder ein Kohlekraftwerk oder auch ein „grünes“ Wasser-, Wind- oder Solarkraftwerk, wenn ich doch gar nicht weiß, was ich mit all der produzierten Energie anfangen soll? Und wenn ich nun Straßen (wieder)errichte, (wieder) Erdöl fördere und mit all der überschüssigen Energie (wieder) irgendwelchen Scheiß produziere, den keine*r braucht, inwiefern unterscheidet sich meine „neue“ Gesellschaft dann noch von der alten? Vielleicht werde ich dann von einem „Arbeiterrat“ statt einem Parlament regiert und verwaltet, – oder schlimmer noch – vielleicht verwalte ich mich sogar selbst, aber in jedem Fall kann ich doch nicht von mir behaupten, dass ich nun „frei“ wäre, oder? Würde sich meine neue „Freiheit“ nicht darauf beschränken, das gleiche wie vorher zu tun und es nur statt „Ausbeutung“ eben „Freiheit“ getauft zu haben?

Aber auch wenn solche prozivilisatorischen Vorbehalte gegenüber dem Primitivismus zu überwiegen scheinen, ist es doch uninteresssant, sich mit ihnen weiter auseinanderzusetzen. Spannender ist es, die Argumente der linken Kritiker*innen des Primitivsimus zu betrachten, die sich selbst tatsächlich als antizivilisatorisch verstehen. Nur tut man sich hier schwer, eine ausformulierte Kritik am Primitivismus zu finden. So findet man beispielsweise in der Einleitung der DELETE von capulcu die Überschrift „Technologiekritik ist Herrschafts- und Zivilisationskritik – Kein Primitivismus!“, sucht dann aber im darauf folgenden Absatz erfolglos nach einer tieferen Auseinandersetzung mit dem Primitivismus. Mehr noch, man vermisst eigentlich auch jegliche antizivilisatorischen Positionen im darauf folgenden Absatz. Einmal wird das Thema dann doch noch einmal aufgegriffen – oder sagen wir besser: gestreift –, nämlich im Artikel „Strategien im Widerstand“ unter der Unterüberschrift „Alternativen“:

Wir brauchen Alternativen. Wir müssen akzeptieren und verstehen, warum so viele Menschen spezifische Technologien nutzen (wollen). Nur so können wir analoge UND digitale (ja, wir wollen nicht zurück in die Steinzeit) Alternativen aufbauen, die eine Wirkmächtigkeit gegen Lenkung, Entmündigung und Entfähigung entfalten. Für uns sind alternative Infrastruktur, Tools und digitale Selbstverteidigung Teile unseres Widerstands. Aber Alternativen sind nicht rein technischer Natur. Wie verändert der Digitalismus unsere Beziehungen und Kommunikation, unsere Verbindlichkeit und Verlässlichkeit? Wie können wir dem auch ganz analog begegnen?

Was soll diese ständige Abhandlung in Randbemerkungen, Fußnoten und Nebensätzen des Primitivismus? Traut man sich eine differenzierte Abgrenzung nicht zu? Will man diese nicht leisten oder hält man es nicht für nötig? Es ist ja nicht so, dass eine solche bereits irgendwo existieren würde und man sich folglich immer wieder auf diese bezöge. Und wie kommt es, dass „digitale Alternativen“ (zu was eigentlich) hier der „Steinzeit“ gegenübergestellt werden? Vertritt man auch bei capulcu die Theorie, dass die Geschichte ein linearer Zeitstrahl wäre, auf dem man sich entweder voran oder zurück bewegen könne? Zumindest fragt man sich das umso mehr, wenn man den Untertitel der DIVERGE liest: „Abweichendes vom rückschrittlichen ‚Fortschritt'“. Ist man dem Fortschrittsgedanken doch so sehr verbunden, dass man darauf angewiesen ist, den Fortschritt, mit dem man selbst uneinverstanden ist, in Anführungszeichen zu setzen und ihn als „rückschrittlich“ zu bezeichnen? Aber zurück zu der Gegenüberstellung von „digitalen Alternativen“ und der „Steinzeit“. „Alternative Infrastruktur“ und „Tools“, inwiefern sind sie Teil eines Widerstands gegen – sagen wir – Zivilisation? Ich denke das bleibt vor allem deshalb so vage, weil es auch capulcus schwer fällt, diese Begriffe mit Inhalt zu füllen. Ist etwa TAILS als ein „alternatives Tool“ eine Alternative, von der ich wollen kann, dass sie einen von mir gewollten Zerstörungsprozess überdauert? Ich denke nicht, ebensowenig wie ich, auch wenn ich diese für meinen Widerstand benötige, Schusswaffen für eine geeignete „Alternative“ zum Bestehenden halte. Aber ich denke daher kommt auch die falsche Opposition aus Digitalem und Steinzeit. Daher, dass man sich letztlich doch nicht so ganz von der Vorstellung verabschieden will, dass man für eine Zukunft streiten könnte, in der ich nicht mal eben kurz etwas auf Wikipedia nachschlagen kann, ja in der vielleicht sämtliche Bibliotheken auseinandergerissen oder niedergebrannt wurden. Ich will hier gar nicht die unterschiedlichen – mehr oder weniger ausdifferenzierten, konkretisierten und naiven – Zukunftsvisionen des Primitivismus und der, die vielleicht einige capulcus haben könnten, gegeneinander aufwiegen, sondern lediglich die Vermutung äußern, dass diese Haltung gegen den Primitivismus eben nicht aus einer Ablehnung seines utopischen Gehalts an sich, sondern eher aus einer inhaltlich anderen Utopievorstellung resultieren mag.

Was capulcu hier schriftlich festhält, bzw. was ich ihnen unterstelle zu meinen, das beobachte ich besonders verbal ziemlich häufig, ganz besonders in den linken Gefilden des Anarchismus. Und ein ums andere Mal habe ich das Gefühl, dass ein „wir wollen nicht zurück in die Steinzeit“ dafür herhalten muss, spezifische Kritiken des Primitivismus eben nur scheinbar zu widerlegen. Denn nur weil ich nicht „zurück in die Steinzeit“ will, bedeutet das ja mitnichten, dass eine Kritik an Landwirtschaft, Arbeitsteilung, Sprache und Kultur, usw., wie sie von Primitivist*innen in der Regel herausgestellt wird, falsch ist.

Und auch wenn ich selbst sehr skeptisch gegenüber Erzählungen bin, die statt darzulegen, weshalb diese oder jene Entwicklung die Entstehung von Herrschaft begünstig(t)en, einfach nur einen Abgleich mit einem „primitiven“ Ideal leisten, so gibt es doch auch all die anderen Erzählungen von – selbstbezeichnenden und von außen so bezeichneten – Primitivist*innen, die – meiner Meinung nach – recht plausibel darlegen, warum Landwirtschaft, Arbeitsteilung, Sprache und symbolisches Denken, etc. die Entstehung von Herrschaft begünstigt haben (könnten). All das – und häufig zusätzlich noch all die anderen antizivilisatorischen Kritiken – einfach in einem Nebensatz à la „wir wollen nicht zurück in die Steinzeit“ beiseitezuwischen, halte ich für eine unwürdige Auseinandersetzung.

Und genau gegenüber diesem – meiner Beobachtung nach weit verbreiteten – Reflex verteidige ich die analytischen Positionen des Primitivismus, genauso wie gegen diejenigen prozivilisatorischen Spinner*innen, die nicht einmal begriffen haben, wovon sie reden!

Endnoten

[1] Bei alldem will ich mich gar nicht darauf einlassen, selbst Stellung dazu beziehen, ob es nun einmal ein „Goldenes Zeitalter“ gegeben haben mag, für das unzählige kulturhistorische Indizien zu existieren scheinen. Kann ja sein, dass das Leben der nichtzivilisierten Menschen einmal paradiesisch war, kann auch sein, dass sie das auch einfach immer schon gerne gehabt hätten und sie das deshalb in ihre Vergangenheit projiziert haben, ich kann das heute nicht mehr sagen und ich will meine Zeit auch nicht damit verschwenden, das herauszufinden. Es geht mir vielmehr darum, dass zumindest eine unmittelbare Wiederkehr eines solchen paradiesischen Zustands durch die Zerstörung der Zivilisation nicht plausibel, nicht realistisch ist und tatsächlich ja auch von Primitivist*innen gar nicht behauptet. Aber wenn ich einer Theorie – der primitivistischen – zufolge auf das Paradies nur als Wiederkehr in hunderten von Jahren zu hoffen vermag, dann gibt mir das keinen Wert, keine Perspektive, keinen Ausgangspunkt. Für eine weitere Ausführung dazu verweise ich auf Wolfi Landstreicher „Eine Kritik, kein Programm: für eine nicht-primitivistische Zivilisationskritik“.

Eine Kritik, kein Programm:

Für eine nicht-primitivistische, antizivilisatorische Kritik

Also gibt es für die anarchistische Individualistin, so wie ich sie verstehe, nichts worauf sie zu warten hätte. […] Ich verstehe mich bereits als Anarchist und kann nicht darauf warten, dass die kollektive Revolution eintrifft, um zu rebellieren oder auf den Kommunismus, damit er meine Freiheit erlangt.

– Renzo Novatore

Ich begreife Anarchismus vom Standpunkt der Zerstörung aus. Das ist es, worin seine vornehme Logik besteht. Zerstörung! Hier liegt die wahre Schönheit des Anarchismus. Ich will alle die Dinge zerstören, die mich versklaven, die mir auf die Nerven gehen und die meine Sehnsüchte unterdrücken; Ich will sie alle als Leichen hinter mir lassen. Reue, Skrupel, Gewissen sind Dinge, die mein ikonoklastischer Geist zerstört hat […]. Ja, die ikonoklastische Negation ist am praktischsten.

– Armando Diluvi

Bevor ich beginne, möchte ich klarstellen, dass eine Kritik der Zivilisation nicht notwendigerweise primitivistisch ist, ganz besonders dann nicht, wenn diese Kritik anarchistisch und revolutionär ist. Solche Kritiken existieren beinahe so lange, wie auch eine selbstbewusste anarchistische Bewegung existiert – und sie waren nicht einmal immer mit einer Kritik an Technologie oder Fortschritt verbunden (Dejacque fand, dass bestimmte technologische Entwicklungen den Menschen eine Überwindung der Zivilisation erleichtern würden; Auf der anderen Seite betrachtete Enrico Arrigoni alias Frank Brand die Zivilisation und die industrielle Technologie als Barrieren, die echten menschlichen Fortschritt verhindern würden). Die eigentliche Frage ist meiner Meinung nach, ob Primitivismus irgendeine Hilfe für eine anarchistische und revolutionäre Kritik der Zivilisation ist.

Das Wort Primitivismus kann zwei ziemlich verschiedene Dinge bedeuten. Einerseits kann es schlicht bedeuten, Gebrauch von dem zu machen, was wir über „primitive“ Gesellschaften [1] wissen, um die Zivilisation zu kritisieren. Diese Form des Primitivismus erscheint relativ harmlos. Aber ist sie das wirklich? Lässt man die offensichtliche Kritik an der Abhängigkeit von diesen Expert*innen namens Anthropologen im Hinblick auf Informationen über „primitive“ Gesellschaften beiseite, gibt es noch ein anderes Problem. Die eigentlichen Gesellschaften, die wir „primitiv“ nennen, waren und – wo sie noch existieren – sind lebende Beziehungen zwischen realen, lebenden, atmenden menschlichen Wesen, Individuen die in Interaktion mit der Welt um sie herum stehen. Sie als Vergleichsmodell zu begreifen beinhaltet bereits eine Verdinglichung dieser gelebten Beziehungen, die diese in etwas Abstraktes – die „Primitiven“ – verwandelt, ein idealisiertes Bild der „Primitivität“. Dadurch entmenschlicht und deindividualisiert der Gebrauch dieser Methode der Zivilisationskritik die realen Menschen, die diese Beziehungen leben und gelebt haben. Außerdem bietet uns diese Art von Kritik kein wirkliches Werkzeug, um zu identifizieren, wie wir hier und jetzt gegen Zivilisation kämpfen können. Bestenfalls wird die vergegenständlichte, abstrakte Konzeption des „Primitiven“ zu einem Modell, einem Programm für eine mögliche zukünftige Gesellschaft.

Das bringt mich zu der zweiten Bedeutung von Primitivismus, der Idee, dass „primitive“ Gesellschaften ein Modell für eine zukünftige Gesellschaft bieten. Die Anhänger*innen dieser Form des Primitivismus können selbst rechtmäßig Primitivist*innen genannt werden, weil sie, so sehr sie es auch leugnen mögen, ein Programm und eine Ideologie unterstützen. In dieser Form halte ich Primitivismus tatsächlich für unvereinbar mit anarchi[sti]schem Denken und Handeln. Der Grund dafür findet sich in dem Zitat von Novatore zu Beginn dieses Textes. Man ersetze einfach „Kommunismus“ mit „Primitivismus“ und „kollektive Revolution“ mit „industriellem Kollaps“ und alles sollte klar sein. So wie ich es sehe, ist einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Marxismus und Anarchismus, dass letzterer nicht eine im Grunde eschatologische Vision einer Zukunft ist, auf die wir warten, sondern ein Weg, auf dem wir die Welt hier und jetzt konfrontieren. Demnach ist Revolution für eine*n Anarchist*in nicht etwas, das irgendwelche historischen Prozesse für die Zukunft garantieren, sondern etwas, das wir hier und jetzt leben und kreieren. Primitivismus kann genausowenig im Jetzt gelebt werden wie der marxistische Kommunismus. Auch er ist ein Programm für die Zukunft und zudem eines, das von Ungewissheiten abhängt, die jenseits unserer Kontrolle liegen diese herbeizuführen. Daher hat er nicht mehr mit einer anarchistischen Praxis zu tun als Marx‘ Eschatologie.

Ich habe bereits dargelegt, wie das bloße Konzept des „Primitiven“ die realen Leben und Beziehungen derer, die mit diesem Label versehen werden, verdinglicht. Das offenbart sich unter Primitivist*innen, die danach streben, ihre Ideologie jetzt zu praktizieren, auf die Art und Weise, dass diese Praxis schließlich definiert wird. Auf eine Weise, die viel zu sehr an den Marxismus erinnert, wird „primitives“ Leben auf ökonomische Notwendigkeiten reduziert, auf eine Reihe an Fähigkeiten – Feuer mit einem Bogen machen, mit einer Speerschleuder jagen, wilde essbare und heilende Pflanzen kennenlernen, einen Bogen herstellen, Shelter zu bauen, etc., etc. –, die erlernt werden müssen, um zu überleben. Das mag dann ein wenig aufgepeppt werden mit einem Konzept von Naturspiritualität aus einem Buch oder irgendeinem neuzeitlichen Bullshit entlehnt, die vielleicht auf eine Rückkehr zu einer „natürlichen Einheit“ hinausläuft. Aber letzteres gilt nicht als Notwendigkeit. Die Totalität des Lebens der Menschen, die als „primitiv“ gelabelt werden, wird ignoriert, weil sie weitestgehend unbekannt und für diejenigen, die in der industriellen kapitalistischen Zivilisation, die heute die Welt dominiert, geboren und aufgewachsen sind – und das beinhaltet uns alle, die wir in die Entwicklung einer anarchistischen Kritik der Zivilisation involviert sind –, vollkommen unzugänglich ist. Aber selbst wenn wir bloße Überlebensfähigkeiten berücksichtigen, ist es eine Tatsache, dass selbst in den Vereinigten Staaten und Kanada, wo echte, ziemlich ausgedehnte (wenngleich recht beschädigte) Wildnis existiert, sich nur sehr wenige Menschen auf diese Art und Weise selbst versorgen können. Also denken diejenigen, die diese Fähigkeiten mit dem Gedanken lernen, tatsächlich in ihrer eigenen Lebenszeit als „Primitive“ zu leben, nicht an die Zerstörung der Zivilisation (außer vielleicht als unvermeidbarer zukünftiger Umstand, für den sie glauben vorbereitet zu sein), sondern an eine Flucht aus ihr. Ich missgönne ihnen das nicht, aber das hat nichts mit Anarchie oder einer Kritik der Zivilisation zu tun. Auf einer praktischen Ebene ist es vielmehr eine fortgeschrittene Form des „Indianer Spielens“, wie das die meisten von uns hier in den USA als Kinder taten und in Wahrheit wird es auch ungefähr genauso ernst genommen. Fast alle Personen, die ich kenne, die im Namen des „Anarcho-Primitivismus“ damit begonnen haben, sich „primitive“ Fertigkeiten anzueignen, zeigen durch die Unmengen an Zeit, die sie vor dem Computer verbringen, um Webseiten aufzusetzen, sich an Online-Diskussionen zu beteiligen, Blogs zu betreiben, etc., etc., wie bereit sie für ein solches Leben sind. Häufig wirken sie auf mich eher wie hyperzivilisierte Kids, die Rollenspiele im Wald spielen, als wie Anarchist*innen im Prozess der Entzivilisierung.

Eine anarchistische und revolutionäre Kritik der Zivilisation beginnt nicht mit dem Vergleich mit anderen Gesellschaften oder irgendeinem zukünftigen Ideal. Sie beginnt mit meiner Konfrontation, mit deiner Konfrontation mit der unmittelbaren Realität der Zivilisation in unseren Leben im Hier und Jetzt. Sie beginnt mit der Erkenntnis, dass die Totalität sozialer Beziehungen, die wir Zivilisation nennen, nur existieren kann, indem sie uns unsere Leben stiehlt und diese in kleine Teile zerlegt, die die herrschende Ordnung für ihre eigene Reproduktion nutzen kann. Das ist kein Prozess, der ein für allemal in einer entfernten Vergangenheit abgeschlossen wurde, sondern einer, der fortwährend, in jedem Moment, weitergeht. Das ist, wo die anarchistische Art, das Leben zu begreifen, beginnt. In jedem Moment müssen wir versuchen zu bestimmen, wie wir die Totalität unseres eigenen Lebens zurückerlangen können, um sie gegen die Totalität der Zivilisation zu verwenden. Entsprechend ist unser Anarchismus, wie Armando Diluvi gesagt hat, essentiell destruktiv. Als solcher bedarf er keiner Modelle oder Programme, auch nicht dem des Primitivismus. Wie ein alter, toter, bärtiger Kenner des Anarchismus gesagt hat: „Das Verlangen zu zerstören ist ebenfalls ein kreativer Drang“. Und einer, der sofort in die Tat umgesetzt werden kann. (Ein anderer toter anti-autoritärer Revolutionär eine oder zwei Generationen später nannte die leidenschaftliche Zerstörung „einen Weg, die Freude sofort zu ergreifen“).

Allerdings bin ich nicht dagegen, sich spielerisch mögliche dezivilisierte Welten vorzustellen. Aber damit solche Vorstellungen wirklich spielerisch sind und damit sie experimentelles Potenzial haben, können sie keine Modelle sein, die aus abstrakten Konzeptionen vergangener oder zukünftiger Gesellschaften entwickelt wurden. Tatsächlich ist es meiner Meinung nach am Besten das Konzept einer „Gesellschaft“ selbst hinter sich zu lassen und stattdessen von sich fortwährend verändernden, miteinander verwobenen Beziehungen zwischen einzigartigen begehrenden Individuen auszugehen. Abgesehen davon können wir nur dort spielen und experimentieren, wo unser Verlangen nach dem augenscheinlich „Unmöglichen“ auf die Realität trifft, die uns umgibt. Würde die Zivilisation zu unseren Lebzeiten niedergerissen, würden wir nicht einer Welt voller üppiger Wälder und Wiesen und gesunden Wüsten gegenüberstehen, die vor Überfluss an wildem Leben nur so wimmelt. Stattdessen würden wir einer Welt der Trümmer der Zivilisation gegenüberstehen – verlassene Gebäude, Geräte, Schrott, etc., etc. [2]. Vorstellungen, die weder an einen Realismus noch an eine primitivistische moralische Ideologie gefesselt sind, können viele Wege finden, das alles zu nutzen, zu entdecken und damit zu spielen – die Möglichkeiten sind beinahe unendlich. Wichtiger noch, das ist eine unmittelbare Möglichkeit und eine, die explizit mit einem destruktivem Angriff auf die Zivilisation verbunden werden kann. Und diese Unmittelbarkeit ist äußerst wichtig, denn ich lebe jetzt, du lebst jetzt, nicht in mehreren hundert Jahren, wenn ein erzwungenes Programm mit dem Ziel eines primitivistischen Ideals vielleicht in der Lage wäre, eine Welt zu schaffen, in der dieses Ideal global realisiert werden könnte – wenn Primitivist*innen ihre Revolution jetzt zustandebrächten und ihr Programm umsetzen würden. Glücklicherweise scheint kein*e Primitivist*in die Absicht zu haben, derart autoritäre revolutionäre Maßnahmen anzuwenden; stattdessen ziehen sie es vor, auf eine Art quasi-mystische Transformation zu vertrauen, die ihren Traum wahr werden lässt (Vielleicht wie die Vision der Native American Geistertanzreligion, wo die Landschaft, die von den europäischen Invasor*innen geschaffen wurde, abgeschält werden sollte, um eine unberührte wilde Landschaft voll von üppigem Leben zurückzulassen).

Deshalb mag es ein wenig ungerecht sein, die primitivistische Vision ein Programm zu nennen (Auch wenn ich, da ich keine Verwendung für bürgerliche Werte habe, einen Scheiß darauf gebe, ungerecht zu sein). Vielleicht ist sie eher eine Sehnsucht. Wenn ich einige dieser Fragen mit Primitivist*innen diskutiere, die ich kenne, dann sagen sie oft, dass die primitivistische Vision ihre „Sehnsüchte“ widerspiegeln würde. Nun, ich habe ein anderes Konzept von Sehnsucht als sie. „Sehnsüchte“ basierend auf abstrakten und verdinglichten Bildern – in diesem Fall dem Bild des „Primitiven“ – sind jene Gespenster der Sehnsucht [3], die den Konsum von Waren antreiben. Das äußert sich explizit bei manchen Primitivist*innen nicht nur durch den Konsum von Büchern der verschiedenen Theoretiker*innen des Primitivismus, sondern auch durch das Geld und/oder die Arbeitszeit, die aufgewandt werden, um sogenannte „primitive“ Fähigkeiten in Schulen zu erwerben, die sich darauf spezialisiert haben. [4] Aber dieses Gespenst der Sehnsucht , dieses Sehnen nach einem Bild, das keinerlei Verbindung zur Realität hat, ist keine wahre Sehnsucht, da der Gegenstand wahrer Sehnsucht kein abstraktes Bild ist, auf das man sich fokussiert – ein Bild, das man kaufen kann. Sie wird durch Aktivitäten und Beziehungen innerhalb der Welt im Hier und Jetzt entdeckt. Sehnsucht, wie ich sie betrachte, ist vielmehr der Drang zu handeln, sich in Beziehung zu setzen, zu erschaffen. In diesem Sinne kann ihr Gegenstand nur in der Erfüllung der Sehnsucht, in ihrer Verwirklichung erschaffen werden. Das verweist wieder auf die Notwendigkeit der Unmittelbarkeit. Und nur in diesem Sinne wird die Sehnsucht zum Feind der Zivilisation, in der wir leben, der Zivilisation, deren Existenz auf dem Versuch basiert, alle Beziehungen und Aktivitäten zu verdinglichen, sie in Dinge zu verwandeln, die über uns stehen und uns definieren, sie zu identifizieren, zu institutionalisieren und zu kommerzialisieren. Demnach wirkt die Sehnsucht unmittelbar vielmehr als ein Antrieb, als ein Verlangen darauf hin, alles was sie am entschlossenen Voranschreiten hindert, anzugreifen. Sie entdeckt ihren Gegenstand in der Welt um sie herum, nicht als ein abstraktes Ding, sondern als lebhafte Beziehungen. Deshalb muss sie die institutionalisierten Beziehungen angreifen, die die Aktivität in Routine, Muster, Bräuche und Gewohnheiten zwängen – in Dinge, die dazu dienen, zu herrschen. Betrachte dies im Hinblick darauf, was das für Aktivitäten wie Hausbesetzungen, Enteignungen, die Arbeitszeit für sich selbst nutzen, Graffiti, etc., etc. bedeuten könnte und wie diese sich zu expliziteren Formen der zerstörerischen Aktivität verhalten.

Wenn wir schließlich die Dekonstruktion der Zivilisation als lebhaften und bewussten Akt ihrer Zerstörung begreifen, nicht um ein Programm einzuführen oder eine bestimmte Vision zu realisieren, sondern um offen und endlos die Möglichkeiten uns selbst zu verwirklichen und unsere Potenziale und Sehnsüchte zu erforschen, dann können wir damit beginnen, dies als unsere Art und Weise, im Hier und Jetzt gegen die bestehende Ordnung zu leben, zu tun. Wenn wir statt auf ein Paradies zu hoffen, das Leben, die Freude und das Staunen jetzt ergreifen, so werden wir eine wahrhaft anarchi[sti]sche Kritik der Zivilisation leben, die nichts mit irgendeinem Bild des „Primitiven“ zu tun hat, sondern vielmehr mit unserem unmittelbaren Bedürfnis nicht länger domestiziert zu werden, mit unserem Bedürfnis einzigartig zu sein, nicht gezähmt, kontrolliert oder durch Identitäten bestimmt. Dann werden wir Wege finden, all das, was wir uns zu eigen machen können, zu ergreifen und all das zu zerstören, das danach strebt uns zu bezwingen.

Endnoten

[1] Die Verwendung des Begriffs „primitiv“ – was so viel bedeutet wie „erste“ oder „frühe“ – für Gesellschaften, die bis in moderne Zeiten existiert haben, ohne eine Zivilisation zu entwickeln, bringt einige fragwürdige Annahmen mit sich. Wie können Gesellschaften, die heute existieren, „erste“ oder „frühe“ sein? Sind diese gerade erst aufgetaucht? Sind diese in einer lebendigen Welt, die beständig in Bewegung ist, statisch und unverändert geblieben? Kann menschliche Entwicklung nur auf eine Art stattfinden – als die Entwicklung der Zivilisation? Außerdem, welche dieser Gesellschaften ist die authentische „primitive“? Sie sind sicher nicht alle gleich oder zumindest so ähnlich. Homogenität ist ein Charakterzug der Zivilisation, nicht dieser anderen sozialen Realitäten. Also ist es lächerlich, sie alle mit einem Label zu versehen … Deshalb habe ich mich entschieden, das Wort „primitiv“ in Anführungszeichen zu setzen.

[2] Ich spreche hier spezifisch von einer bewussten, revolutionären Dekonstruktion der Zivilisation und nicht von ihrem Kollaps. Ein Kollaps wäre kein plötzliches Ereignis, das diese ein für allemal beseitigen würde. Im Prozess eines Kollapses können wir nicht einfach den Überresten der Zivilisation begegnen. Wir wären auch mit ihrem noch immer lebenden menschlichen Müll in Form von Politiker*innen konfrontiert, die zu Warlords geworden sind, um ihre Macht zu erhalten, die extrem gefährliche Waffen besitzen – sogenannte „Massenvernichtungswaffen“ –, die sie aller Wahrscheinlichkeit nach brutal einsetzen würden. Die Auswirkungen des Prozesses des Kollaps wären verheerender als alles, was wir bisher gesehen haben.

[3] Der Poet William Blake sprach über diese in Die Hochzeit von Himmel und Hölle.

[4] Diese hochpreisigen Schulen lassen diejenigen, denen das Geld für sie fehlt, im Austausch für unbezahlte Arbeit teilnehmen. Dies ist eine Form der Ausbeutung, die euphemistischerweise als „Arbeits-Tausch“ bezeichnet wird, ein Begriff, der von der Linken der Moderne erfunden wurde – und so handelt es sich dabei unvermeidbar um eine Wagenladung Ochsenscheiße, die geschaffen wurde, um die ausbeuterische Beziehung zu verschleiern.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Wolfi Landstreicher. A Critique, Not a Program: For a Non-Primitivist Anti-Civilization Critique.

Ich bin keine Maschine, ich bin ein Mensch!

Technologie als Vermittlung

mit selbst-gewählten Provokationen von Jerry Mander*

… es stieß mir auf, dass zwischen mir und all dem ein Film war. Ich konnte die spektakuläre Aussicht „sehen“. Ich wusste, dass sie spektakulär war. Aber die Erfahrung endete mit meinen Augen. Ich konnte sie nicht in mir aufnehmen. Ich fühlte nichts. Irgendetwas war mit mir schief gelaufen. Ich erinnere mich an Momente aus meiner Kindheit, als der bloße Anblick des Himmels, des Grases oder der Bäume Wellen physischer Zufriedenheit in mir auslöste. Aber nun … Ich fühlte mich tot. Ich hatte den Drang, eine Phrase, die unter meinen Freunden beliebt war, zu wiederholen: „Die Natur ist langweilig“. Was daran aber erschreckend war, war, dass ich wusste, dass ich das Problem war, nicht die Natur. Die Natur war für mich irrelevant geworden, sie war aus meinem Leben verschwunden. Durch das bloße Fehlen ihrer Einwirkung und der Übung hatte ich die Fähigkeit verloren, sie zu fühlen, mich in ihr zu verlieren oder mich für sie zu interessieren. Das Leben war dafür nun zu schnell geworden …

Ich bin mir ziemlich unsicher, wo Ich (im rein egoistischen Sinne) ende und alles andere beginnt. Das ist irgendwo vage und formlos und, tja, subjektiv. Ich habe nicht vor hier wie ein verdammter Hippie zu klingen, aber während ich nach einem authentischen und unvermitteltem Leben frei (oder zumindest stark reduziert) von (mich von mir, anderen und der Welt um uns herum) entfremdenden Umständen suche, müssen die Ecken und die Essenzen dessen, wer ich bin (und wer ich nicht bin) untersucht werden. Eine Sache, die ich mit ziemlich großer Überzeugung sagen kann, ist, dass ich keine Maschine bin… Ich möchte jenes, mit dem ich intim verbunden bin, nicht auf jene Menschen beschränken, mit denen ich eine formelle Beziehung habe, noch ausschließlich auf Menschen, noch auf jene Tiere, die Wirbel besitzen, noch auf das, was wir typischerweise als „lebendig“ betrachten – wie einige vorgeschlagen haben, „Steine können sprechen“ und deshalb liegt es im Bereich des Möglichen, dass sie auch zuhören, handeln und ihre Gefühle zeigen könnten. Mich erfüllt es mit einem begeisterten Schauer diese Möglichkeiten und Besonderheiten zu erkunden. Wenn es allerdings um „Technologie“ [1] geht oder die Abgestorbenheit des Raumes, den diese kontrolliert (physisch, psychologisch und institutionell), hege ich keinerlei Illusion (noch futuristische orgasmische Erleuchtungen) der Verbindung mit ihr, noch über ihre angenommene gutartige Neutralität (noch Natürlichkeit). Ich werde die technologische Infrastruktur und einige ihrer Segmente benutzen, wo und wann ich das Gefühl habe, dass ich, oder eine kollaborative Bemühung, einen momentanen Nutzen daraus ziehen kann, für einen augenblicklichen oder einen langfristigen Prozess, innerhalb, oder trotz, der allgegenwärtigen und unvermeidbaren technologischen Vorherrschaft und Zersetzung (z. B. einen Computer zu benutzen, um eine Publikation herauszubringen, die Zivilisation kritisiert und Strategien dagegen entwickelt). Letztlich ist es unmöglich die Idee zu verwerfen, dass Technologie ein ungesundes Konglomerat oder System an Werkzeugen ist, das nicht zu meiner Unterstützung oder für meine Gesundheit entwickelt wurde, und das von einer unorganischen und anthropozentrischen Mentalität der Kontrolle, Effizienz und Ordnung kontrolliert wird und davon motiviert ist. Sie ist ein unglaublich machtvolles Netzwerk der Herrschaft, realisiert durch das Konzept des Fortschritts und der Trennung. Technologie hat die Lebensverhältnisse unserer Welt mehr bestimmt als jeder andere einzelne Faktor (Kapitalismus, Rassismus, Staatlichkeit, Theologie, etc.). Sie erschafft wortwörtlich das physikalische, soziale und psychologische Spielfeld, in welchem alle Formen der Herrschaft tätig sind. Sie stellt die Regeln auf und schreibt sie beständig gemäß ihrer eigenen selbstreferenziellen Logik um. Technologie ist die Religion unserer Zeit, und da sie eine unglaublich allumfassende Kontrolle über unseren Verstand, unsere Körper und unseren Geist ausübt, muss sie zerstört werden [2], wenn wir ein unmittelbares und ungezügeltes Leben leben wollen.

Der verheerende Einfluss der Technologie ist umfassend, doch um der Kürze und des Fokusses willen, habe ich mich entschieden nicht bei der ökologischen Verwüstung zu verweilen, die von der Produktion, der Entwicklung, dem Funktionieren und der Aufrechterhaltung der technologischen Gesellschaft verursacht wird, noch bei der Vergiftung, die diese kreiert (jene, die uns auf zellulärer und genetischer Ebene umbringt). Die Auswirkungen in diesem Bereich sind gut dokumentiert und verstanden, und das weitverbreitete Verständnis für diese Faktoren, so extrem relevant sie auch sind, hat (ernüchternderweise) nicht im Mindesten die Flugbahn dieses technologischen Albtraums verändert. Tatsächlich scheinen diejenigen, die ausschließlich im Bereich der „Umweltbelastung“ verweilen, am Besten darin zu sein, lediglich für eine „nachhaltigere“, „grünere“ und „mitfühlende“ Technologie zu argumentieren – einen solarbetriebenen Polizeistaat, der nie die Grundannahmen zivilisierter Beziehungen infrage stellt. Das stärkt nur die technologische Gesellschaft, indem sie ihre Infrastruktur (oder auch nur ihre Fassade) an populäre Trends und Strömungen anpasst und so ihre Existenz ausweitet. Und auch wenn die Aspekte der Produktion in einer technologiegesteuerten Gesellschaft sowie die Manipulation und das Hineinzwingen der Arbeiter*innen in ihre Funktionsweise ein anderer wertvoller Gegenstand sind, den es zu erforschen gilt, ist das Thema riesig, und, wie ich gerne ergänzen möchte, eines, mit dem sich bereits mit mehr Kraft und Unmittelbarkeit befasst wurde als ich anzubieten vermag.

Die Fragen, die ich lieber stellen möchte, haben mehr mit den Auswirkungen und den Effekten der Technologie auf das Persönliche und das Soziale in Bezug auf Entfremdung zu tun, mit technologischer Abhängigkeit und Sucht, mit seelischer und emotionaler Gesundheit, Veränderungen in der Wahrnehmung von Raum und Zeit, Automatisierung, der immer stärkeren Kontrolle der Technologie und dem Weg in Richtung eines kybernetischen Neo-Lebens. Die Widersprüche, mit denen wir konfrontiert sind, sowie kommende mögliche Richtungen zu erkennen, ist von immenser Wichtigkeit für unsere besondere Position als zivilisierte Menschen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die sich nach einer vollkommen anderen, nicht-technokratischen Welt sehnen.

Als Menschen haben wir uns in vollkommen künstliche Umgebungen bewegt, unser direkter Kontakt mit und unser Wissen über den Planeten wurde unterbrochen. Unverbunden, wie Astronauten, die im Weltall schweben, können wir oben von unten nicht unterscheiden oder die Wahrheit von Fiktion. Die Verhältnisse sind der Implantierung arbiträrer Realitäten dienlich.

Entfremdung ist die Methode oder der Zustand, in dem wir von etwas (oder allem) getrennt wurden, mit dem wir einst (oder intrinsisch) verbunden waren. Persönliche und soziale Entfremdung ist dem technologischen Prozess inhärent. Diese Trennung vom Leben ist die primäre Quelle unseres Zustands der Domestizierung, ohne welche es deutlich schwieriger wäre (sogar unmöglich) uns zu manipulieren und zu kontrollieren. Das ist immer schon der Hauptkontrollmodus gewesen. Trenne Menschen von ihrem Land und rekontextualisiere sie mithilfe von Methoden, Prozessen und Techniken, die ihnen nicht vertraut sind; isoliere sie von dem, wer sie sind. Es ist eben weil wir durch die Welt schweben ohne Verbindung zu dem, was wirklich das Leben ausmacht, dass wir an externe Agenden und künstliche Push-und-Pull-Prinzipien gebunden sind und davon gelenkt werden. Technologie ist die primäre Quelle dieser Entfremdung, in jedem Aspekt unseres Lebens. In einem immer expandierenden Prozess ist die Welt so gebaut worden, dass unsere Verbindungen außerhalb der technologischen Weltanschauung begrenzt werden. Welche Aspekte unseres Lebens sind nicht direkt mit dem technologischen Prozess verbunden? Gibt es irgendwelche Arten der „Verbindung“ zwischen Personen, die nicht über technologische Hilfsmittel vermittelt werden?
Auf persönlicher Ebene werden unsere Leben mithilfe von Uhren, Arzneimitteln, Mikrowellenherden, industriell verarbeiteten Lebensmitteln, Fernsehen, weißes Rauschen, Beton, Maschinen, Computern, elektrischem Licht, Klimaanlagen,… entfremdet. Auf sozialer Ebene werden wir einander mithilfe von Telefonen, E-Mail, Popkultur, IPods, Autobahnen, Wohnsiedlungen, Wahlkabinen, Spektakeln,… entfremdet. An diesem Punkt des Verlaufs der Zivilisation ist es für die meisten schwierig eine unmittelbare (und nicht-technologische) Existenz überhaupt zu begreifen; insbesondere da jene, die sich solch eine Realität noch vorstellen können, als Schwurbler und Extremisten verschrieen werden. Innerhalb der Logik dieses technologischen Albtraums allerdings sind jene von uns, die trotz alledem in der Lage sind, sich eine andere Form von Beziehungen vorzustellen, wahrhaft verrückt, und die einzige Antwort darauf muss, laut seiner Weltanschauung, extrem sein. Innerhalb eines anderen Kontextes aber, das einer unzivilisierten Realität, sind wir vernünftig und gewöhnlich. Wir sind Menschen, die sind.

Was wir von dieser Welt sehen, hören, berühren, schmecken, riechen, fühlen und verstehen, wurde für uns verarbeitet. Unsere Erfahrungen mit dieser Welt können nicht mehr länger direkt oder primär genannt werden. Das sind sekundäre, vermittelte Erfahrungen… Wir sind von einer neu gebauten Welt umgeben, von der es schwierig ist zu realisieren, wie frappierend anders als die Welt von vor lediglich hundert Jahren sie eigentlich ist, und die praktisch keine Ähnlichkeit mit der Welt mehr hat, in der Menschen vier Millionen Jahre lang vor all dem gelebt haben… In dem Moment, in dem die natürliche Umgebung jenseits dessen verändert wurde, das man persönlich beobachten konnte, begannen die Definitionen von Wissen selbst sich zu verändern. Nicht mehr länger auf direkter Erfahrung beruhend, begann Wissen von wissenschaftlichen, technologischen, industriellen Beweisen abzuhängen… Heute sagen sie uns, was Natur ist, was wir sind, in welchem Verhältnis wir zum Kosmos stehen, was wir zu unserem Überleben und für unser Glück brauchen, und wie wir am Angemessensten unsere Existenz organisieren… Während wir uns weiterhin von der direkten Erfahrung unseres Planeten trennen, schreitet die Hierarchie der Ideologie der Technowissenschaft voran… Die Frage nach dem natürlichen Gleichgewicht ist nun nachrangig. Evolution wird nicht mehr im Hinblick auf den planetarischen Prozess definiert, sondern im Hinblick auf den technologischen Prozess.

Eine technologische Abhängigkeit und Sucht zu erzwingen ist der Modus Operandi der techno-gesteuerten Gesellschaft, die wir bewohnen. Abhängigkeit ist der Zustand, von etwas anderem als man selbst beeinflusst oder bestimmt zu werden, sich darauf zu verlassen und davon bedingt zu sein. Sucht ist die Auf- oder Übergabe an eine externe Quelle. Innerhalb der technologischen Gesellschaft geben wir uns selbst auf. Wir verkaufen unser Leben für eine losgelöste Realität, für etwas, von dem uns erzählt wird, dass es die besseren Zeiten sind. Sicherheit und Komfort. Neu und verbessert. Das erste gratis. Mit jedem neuartigen Schritt, der uns weiter trägt. Hoch und hoch und weg. Bis wir nicht mehr ohne die vorherigen Schritte leben können. Wir können uns keine Welt ohne sie vorstellen. Wir sind angefixt. An Fortschritt gewöhnt, werden wir coabhängig von Technologie. Wir vertrauen unserer Intuition und unseren Instinkten nicht länger. Unsere persönlichen Beobachtungen werden suspekt, nicht nur gegenüber der Logik des Systems, sondern sogar uns gegenüber, sofern sie nicht von den wissenschaftlichen und technologischen Institutionen bekräftigt werden. Aber was nötigt uns dazu mehr von einem technisierten Leben zu wollen? Welche persönliche Leere treibt dies an? Welcher soziale Druck pusht das? Gibt es eine physische Abhängigkeit? Und, vielleicht am wichtigsten, ist Genesung möglich?

Die wachsende Anzahl an Fällen von psychischer Krankheit heutzutage könnten teilweise durch den Fakt erklärt werden, dass die Welt, die wir real nennen und von der wir von den Leuten erwarten, in dieser zu leben und sie zu verstehen, selbst anfechtbar ist. Die Umgebung, in der wir leben, ist nicht länger mit dem planetarischen Prozess verbunden, der uns alle auf die Welt gebracht hat. Sie ist ausschließlich das Produkt menschlicher mentaler Prozesse… Wir haben keinen Referenzrahmen mehr, der von menschlicher Interpretation unberührt ist.

Die vorherrschende geistige und emotionale Kränklichkeit ist ein klarer Indikator dafür, dass der aktuelle Aufbau an den Menschen versagt. Geistig und emotional starke und lebendige Wesen, die in der Lage sind, tiefe, unabhängige und kollektive Verbindungen mit der Welt aufzubauen, werden von einer mechanistischen, utilitaristischen und materialistisch gesteuerten Welt entmutigt. Wir finden unser Essen in hygienischen Supermärkten, unser Wasser in Flaschen oder gechlort in Rohren aus Kläranlagen, unsere emotionale Unterstützung bei Spezialist_innen mit Diplomen an den Wänden und in Internet-Chatrooms, und unsere sexuelle Befriedigung auf Pornoseiten oder beim Online-Dating (oder gar nicht). Unsere Gefühle werden entweder von überallher sporadisch da und dorthin gezerrt oder zu einem trägen Nichts abgestumpft; während Spiritualität perverserweise in ideologische und dogmatische Institutionen kanalisiert wird anstatt in reale Lebenserfahrung. Die Robustheit und der Reichtum des Lebens wurden durch die Monotonie der kalten Routine und des Rituals ersetzt. In unserem schizophrenen Zustand müssen wir uns zwischen einer Welt, zu der wir keine authentische Verbindung haben, einer Welt, die für uns arbiträr konstruiert zu sein scheint, und einer Welt außerhalb dieser Prozesse, isoliert von der technologischen Gesellschaft, entscheiden. Doch mit unserer domestizierten Logik, der es nicht erlaubt wurde sich auf eine organische und verbundene Art und Weise zu entwickeln, ist das schmerzhaft schwierig, was oft Stimmungsumschwünge verursacht, die von grundloser Euphorie zu tiefer Depression reichen. Verwirrung, Desillusion, Apathie, Isolation und Masochismus sind die Folgen beider Seiten dieses Dilemmas. Wir bleiben voller Schmerz zurück und fragen uns (wenn wir denn in der Lage sind mit unserer Hektik zu brechen oder aus unserem Stumpfsinn zu erwachen), „Was fehlt?“ Welche sozialen Faktoren treiben das an? Was sind die Implikationen? Gibt es Hoffnung außerhalb von Selbsthilfephilosophien und New-Age-Pseudo-Wundermitteln?

Es ist offensichtlich, dass Pflanzen mehr oder weniger auf die gleiche Art lebendig sind wie Menschen und andere Tiere. Unser Versagen Pflanzen als Lebewesen anzusehen und uns selbst als eine Art beschleunigte Pflanze anzuerkennen, ist das Ergebnis unserer begrenzten menschlichen Wahrnehmung, ein Zeichen für die Begrenztheit unserer Sinne oder für den Grad, in dem wir ihr Verkümmern zugelassen haben… Wir haben unser Leben zu sehr beschleunigt, um die langsameren Rhythmen anderer Lebensformen wahrzunehmen. Prätechnologische Völker müssen keinen Verlangsamungsprozess durchmachen. Umgeben von der Natur, mit allem Lebendigen überall um sie herum, entwickeln sie eine automatische Intimität mit der natürlichen Welt… Kein Sinn erhält sich selbst aufrecht, wenn er nicht benutzt wird. Wenn ein Sinn nicht benutzt wird, verkümmert er.

Veränderungen in unserer Wahrnehmung von Raum und Zeit verlagern sich mit der Expansion der technologischen Gesellschaft. Da Zeit lediglich eine abstrakte Einteilung unserer Leben in „brauchbare“ Portionen ist, determiniert der Kontext, von dem aus sie gemessen wird, ihre Charakteristika. Die Zeitlichkeit der Domestizierung ist linear und bewegt sich dabei weg von der zyklischen Zeitlichkeit der Erde und von uns selbst. Rhythmen verändern sich von vielschichtig und auf komplexe Weise kontrastreich und stärkend zu mechanistisch, scharf und singulär. Die technologische Gesellschaft ist in einem konstanten Beschleunigungsmodus, mit dem Impuls aller vorangegangenen Entwicklungen im Rücken. Mit der Kraft dieses Schubs wird es jeden Moment schwieriger langsamer zu werden. Auch wenn es zu Ruhemomenten kommt, sind diese lediglich wie Seifenblasen, nach deren Zerplatzen die genickbrechende Geschwindigkeit der technologischen Infrastruktur fortdauert. Wir sind so sehr an diese konstante Beschleunigung gewöhnt, dass sie sich für uns normal anfühlt. Wir fühlen uns immer mehr mit dem Tempo und der Methodologie der Technologie wohl. Wir fangen an, immer mehr die künstlichen Systeme zu imitieren, die unsere Welt „bewohnen“. Der Computer wird immer mehr ein System, zu dem wir mehr eine Beziehung aufbauen als zu jedem biologischen. Unsere Autos werden unsere Freunde, und unsere Handys eine Verlängerung unserer selbst. Wir fangen an sie als unentbehrlich zu betrachten. Kommunikation ist rund um den Globus in Echtzeit möglich und verzerrt damit alle Beziehungen und bringt unsere Wahrnehmung von belebtem Raum zum Kollabieren. Wir können mit jemandem in Brasilien chatten, den wir nie treffen werden, oder wir können in wenigen Stunden in Japan Sushi essen. Wir erleben Raum nicht nur so wie noch nie zuvor, sondern auch unsere Reise von Ort zu Ort wird zu exobiologischen Punkten, eingezeichnet auf einer Karte, statt eine gelebte erfahrene Verbindung durch die Welt. Unsere Wahrnehmung dieser Veränderungen verwischen immer mehr, da auch unsere Beziehung zur Zeit an Geschwindigkeit zunimmt. Unser Leben tickt immer schneller weg, jedoch scheint nichts schnell genug für uns zu geschehen und es gibt so viele Orte, wo man noch hinwollte. Wir sind zutiefst entwurzelt. Welche Auswirkungen hat diese immer schnellere und schrumpfende Perspektive auf die Welt auf unser Leben und unsere Beziehungen? Wie verwandelt und verdreht sie unsere inneren Rhythmen?

Es würde zu weit gehen, unsere modernen Büros Entzugskammern für sinnliche Erfahrungen zu nennen, aber sie sind sicherlich Kammern zur Reduzierung sinnlicher Erfahrung. Sie mögen keine Gehirnwäsche betreiben, aber die Eliminierung von sinnlichen Stimuli erhöht definitiv den Fokus auf die zu bearbeitende Aufgabe, auf die Arbeit, die erledigt werden muss, darauf, alles andere auszuschließen.

Die Bewegung von der lebensbasierten Zeit der unendlichen Gegenwart hin zu der geplanten Zeit permanenter Zukunft, Automatisierung und Spezialisierung ersetzt Spontaneität und geteilte Erfahrung. Durch Automatisierung tritt Technologie an die Stelle von authentischen Erfahrungen und Beziehungen. Automatisierung kontrolliert und begrenzt durch einen systematischen Apparat oder Prozess und verwandelt so Handlung von einer willentlichen und freien Regung in eine mechanische und unfreiwillige Reaktion. Sie entfernt alles Leben aus der Aktivität. Mit der Expansion der Massengesellschaft generiert die instrumentelle Vernunft noch ausgefeiltere Formen der Arbeitsteilung. Die Standardisierung und Mechanisierung der Welt wird die Norm, während organische Gemeinschaften nach menschlichem Maßstab, die auf Interaktionen von Angesicht zu Angesicht und direkten Beziehungen basieren, verschwinden. Wir werden Zahnräder oder Spezialisten in einer größeren Maschine. Teile müssen sich der Logik des Ganzen unterwerfen. Unser Leben wird eine Serie an Aufgaben, die wir erfüllen müssen. Wir verlieren die Perspektive auf alles, das außerhalb dieser kurzfristigen und systemdefinierten Ziele liegt. Wir fangen an unsere Fähigkeit zu verlieren, uns überhaupt vorstellen zu können, sich der Welt außerhalb dieser Methode anzunähern, wie auch die Fähigkeit selbstständig und unabhängig vom System zu sein. Können wir uns überhaupt nur im Geringsten vorstellen, was wir eventuell in diesem automatisierten Prozess verlieren?

Alles, das mit natürlicher („wilder“) Achtsamkeit in Zusammenhang steht, muss lächerlich gemacht und eliminiert werden, und jede Erfahrung muss innerhalb kontrollierter künstlicher Umgebungen eingegrenzt werden. In einer größeren Gesellschaft ist Technologie ein guter Standardisierer und Einsperrung funktioniert am besten, wenn Technologie bereits fest verankert wurde… Mit der Entwicklung der Technologie hat diese Schritt für Schritt Grenzen zwischen Menschen und ihre Verbindungen zu größeren, nichtmenschlichen Realitäten platziert. Während das Leben immer technologischere Umwicklungen erhalten hat, wurden die menschliche Erfahrung und das Verständnis eingesperrt und verändert… bis die Köpfe der Menschen und ihre Lebensmuster so getrennt sind, dass es keine Möglichkeit mehr gibt Realität und Fantasie zu unterscheiden. An solch einem Punkt angelangt hat man keine Wahl als Führung zu akzeptieren, so willkürlich sie auch sein mag… Autokratie muss überhaupt nicht in Form einer Person auftreten, oder sogar als eine artikulierte Ideologie oder bewusste Verschwörung. Autokratie kann in der Technologie selbst existieren. Technologie kann ihre eigene unterworfene Gesellschaft produzieren.

Die Kontrolle der Technologie über uns hat den Status eines Supergotts erreicht. Es reicht nicht länger sich die Frage zu stellen, „Sollten wir Technologie haben?“, oder ihre positiven oder negativen Eigenschaften zu untersuchen. Sie ist tief in jedem von uns verwurzelt in jedem Aspekt unseres Lebens, von der Geburt bis ins Grab. Und es gibt sogar jene, die sich danach sehnen sich auch nach ihrem Tod dieser Gottheit zu unterwerfen. Wir verbeugen uns, oft unwissend, aber sicherlich mit einer entstellten Erwartung, vor diesem techno-theokratischen Altar. Jede Kreation, jede Lösung, jedes Gefühl, jede soziale Organisation wird mithilfe eines technologischen Prinzips erarbeitet, das sich immer selbst rückkoppelt. So müssen wir nicht überzeugt davon werden „den Glauben nicht zu verlieren“, da das alles ist, das für uns erreichbar ist. Kontrolle ist omnipräsent, sodass rohe Gewalt selten notwendig ist. Für die meisten erscheint Widerstand zwecklos. Können wir überhaupt erkennen, wie tief der Kaninchenbau ist? Und falls wir das können, reicht unsere Wahrnehmung aus, um aus ihm auszubrechen? Ist es möglich ein nicht-technologisches Leben innerhalb dieser Welt zu führen?

Als sie bemerken, dass die Realität und ihre Definitionen inzwischen die Sphäre des Spiels betreten haben und noch zu haben ist, werden sie besser in diesem Spiel als jeder andere, beuten es aus, geben zerrütteten, entwurzelten Köpfen eine neue Form und bestellen einen neuen Acker auf dem mentalen Boden, aus dem unvermeidlich Monster wachsen werden.

Die Entwicklung in Richtung eines kybernetischen Neo-Lebens ist nicht ausschließlich das Verlangen nach Selbsterhaltung und Wachstum durch jene, die die technologische Gesellschaft kontrollieren, sondern auch von ihren Lakaien, die glauben, dass sie Teil des Super-Gotts und der Intelligenz der Technologie sein können. Kybernetik bewegt sich auf eine alles durchdringende Kontrolle (sowohl informationell als auch physisch) über die Realität zu, da sie natürliche Neuroprozesse vollkommen übergeht (sie jedoch künstlich imitiert). Sie wird die Basis für einen Hybrid aus biologischen, mechanischen und virtuellen Systemen. Während wir uns auf eine allumfassende Umweltkrise zubewegen und die Ressourcen, die notwendig sind, um das technologische System am Laufen zu halten, zu schwinden beginnen (oder zumindest weniger effizient und profitabel werden), wird der Wechsel in eine Welt, die weniger durch materielle Elemente eingeschränkt ist (und immer noch von menschlichen Grenzen geplagt ist), die zukünftige Richtung. Mithilfe kybernetischer Forschung, zusammen mit Biotechnologie, wird das Vorantreiben eines kolossalen Sprungs in der Evolution vorgeschlagen, und die meisten machen mit, entweder weil sie davon überzeugt sind, dass das der nächste logische Schritt ist, dass das unvermeidlich ist oder dass es bereits zu spät ist. Wir sind bereits Zeug*innen der einleitenden Phasen und die meisten sind relativ offen gegenüber diesem Prozess. Ist das die letzte Hoffnung der Zivilisation oder ihr Endpunkt? Was sind die Konsequenzen des Ganzen? Warum akzeptieren die Menschen dieses Szenario?

In einer Generation, einer von hunderttausenden in der menschlichen Evolution, ist Amerika die erste Kultur geworden, die [fast vollständig] direkte Erfahrungen der Welt mit sekundären, vermittelten Formen der Erfahrung ersetzt hat. Interpretationen und Repräsentationen der Welt wurden als Erfahrung akzeptiert, und der Unterschied zwischen den beiden war für die meisten von uns nicht mehr erkennbar.

Für jene von uns, die nach einem ent-technifizierten Leben suchen, ist der Widerspruch, gleichzeitig innerhalb der technologischen Gesellschaft und außerhalb von ihr zu leben, fast unvermeidlich. Jenseits dessen, in einer technologisch omnipräsenten Welt in Survival-Manier in den Wald zu rennen (was immer noch einmal das Problem mit sich bringt, unser domestiziertes Ich in diese Situation zu versetzen, und einmal, dass in einer schrumpfenden Welt die Flucht immer weniger möglich wird), müssen wir diese Situation in Einklang bringen, um manövrieren und ihre Zerstörung suchen zu können. Wie Bankräuber*innen, die Kleidung und Haare verändern, Tattoos abdecken, Make-Up tragen und die Funktionsweise und die Sicherheitsvorkehrungen des Finanzinstituts kennen müssen, das sie im Visier haben, so müssen wir eventuell das technologische System mehr beobachten, sachkundig in einigen seiner Operationen werden und zeitweise „hineinpassen“. Da technologische Prozesse und Apparate so verwurzelt in jedem Aspekt unseres Lebens sind, ist es für uns essenziell, diesen Prozessen gegenüber zwar kritisch zu sein, uns jedoch auch dazu zu entscheiden, in welchen wir Fähigkeiten erwerben wollen, um sie für temporäre Ziele zu nutzen. Das kann schmerzhaft sein und kann eine*n möglicherweise auf Abwege führen, etwa zu technologischer Abhängigkeit oder dessen Fetischisierung als negative Möglichkeiten. Auf einer theoretischen und kritischen Ebene gibt es nichts an Technologie, das für die menschliche Erfahrung eine Bereicherung ist. Auf praktischer Ebene hingegen scheint es irgendwo notwendig, mit einem Bein in dieser Welt zu stehen, wenn auch mit extremem Zynismus und Vorsicht, und sicherlich nicht ausschließlich, auf Kosten der authentischen unvermittelten Erfahrung und Praxis. Wir müssen auch darauf vorbereitet sein uns zu fragen, was das bedeutet, was die Konsequenzen dessen sind, diesen Widerspruch zu leben? Und wie er letztendlich zerstört werden kann?

Wenn Leute die Vorstellung vollkommen akzeptieren, dass jede Realität nur in ihren Köpfen existiert, und das nichts außerhalb ihrer Köpfe definitiv und konkret real ist, dann hat jede Person unbegrenzte persönliche Macht, um die Realität zu erschaffen und zu definieren. Sie ist heute noch zu haben. Es gibt keine Ursache. Es gibt keine Wirkung. Beziehungen existieren nicht… In dieser Leugnung der alltäglichen, weltlichen Realität werden alle Realitäten vollkommen arbiträr und kreieren so die perfekte Voraussetzung für das Auferlegen egal welchen „Realitätsgrunds“ innerhalb dieser Leere. Auch wenn es unsinnig oder fantastisch ist; jede Realität ist akzeptabel… Die Realität wird nur innerhalb der Mauern eines geistigen Rahmens willkürlich. Menschen, die in direktem Kontakt mit dem Planeten selbst leben, brauchen sich nicht mit solchen Fragen zu beschäftigen.

Wie können wir anfangen in unserer aktuellen Realität anders zu leben? Wie könnte eine weniger vermittelte, weniger technologie-abhängige Welt für uns im Hier und Jetzt aussehen? Können wir den direkten Kontakt zu unserer Welt wiedererlangen? Bedeutet dies nur Flucht und Isolation? Wie können wir postmoderne Bequemlichkeit vermeiden? Kann es einen Übergang geben? Das sind alles essenzielle Fragen, die wir uns stellen sollten, wenn wir den Weg einschlagen, diesen technologischen Alptraum, der jede Mikrosekunde schlimmer wird, zu kritisieren, dagegen Widerstand zu leisten und ihn hinter uns zu lassen. Auch wenn einfach „zurückgehen“ keine Möglichkeit ist, denn der Virus ist entfesselt worden und die Techno-Logik ist überall, ist es doch ermutigend, dass Menschen die meiste Zeit auf diesem Planeten in direkter Verbindung mit unserer Welt gelebt haben, ohne die vermittelnden Faktoren von Technologie und instrumentellem Denken. Vielleicht liegen unsere bedeutsamsten Lektionen dort. Trotz der düsteren Aussicht ist unsere Zukunft immer noch ungeschrieben und solange ich immer noch ein Fünkchen Stärke und freien Willen in mir habe, solange ich noch aus Fleisch und Blut bin und immer noch meine Leidenschaften und Träume entdecken und eine Verbindung zu ihnen aufbauen kann, bin ich sicher, dass ich keine Maschine bin, ich bin ein Mensch.

Anmerkungen

[*] Alle oben verwendeten kursiven Zitate stammen aus „Argument One: The Mediation of Experience“, enthalten in Jerry Manders Four Arguments for the Elimination of Television (William Morrow and Company, Inc. 1977). Während das Buch veraltet ist und einige liberale Vorstellungen von demokratischen Prozessen enthält, beschäftigt sich Mander mit der durchdringendsten, beliebtesten und schädlichsten Technologieform seiner Zeit, das Fernsehen, das sehr einfach als der Vorgänger eines noch viel zerstörerischeren und entfremdenderen Aspekts des technologischen Systems betrachtet werden kann, das Internet. Der erste Teil seines Buchs, „Argument One“, ist der beeindruckendste Teil, da er sich wenig mit Fernsehen an sich beschäftigt, sondern sich mit der deutlich umfangreicheren Frage nach den unvermeidbaren Vermittlungsqualitäten der Technologie beschäftigt.

[1] „Technologie“ wird hier in Anführungszeichen verwendet, weil es kein einfaches Wort mit einer einfachen Definition ist, trotz jener, welche sich danach sehnen, diese, auf ihrem eigenen einseitigen Geschichtsverständnis basierend, für alle festzulegen. Selbst im allgemeinen Sprachgebrauch gibt es viele Inkongruenzen. Auch wenn dieser Essay den besonderen Gebrauch der*s Autors*in erhellt, wirkt die Bedeutung immer noch irgendwo formlos und kontextabhängig. In diesem Kontext wird es generall gebraucht, um das komplexe System aus Werkzeugen und Techniken zu beschreiben, die uns von der direkten Erfahrung trennen, sowie die ideologische und institutionelle Logik, die diese Systeme fortführt und aufrechterhält. Sie ist eine Ideologie der Technik, der systematischen Verfahren und der progressiven industriellen Wissenschaft.

[2] Es ist klar, dass „Technologie“ nicht nur in einem physischen Sinne zerstört werden kann, wie du ein Auto oder einen Fernseher zerstören kannst. „Technologie zerstören“ bedeutet alle institutionellen, kulturellen und personellen Manifestierungen des technologischen Systems zu analysieren, zu verstehen, zu kritisieren, aufzugeben und anzugreifen. Das wird kein Zuckerschlecken.

Übersetzt aus dem Englischen: I Am Not A Machine, I Am A Human Being von Mia X. Kursions in Green Anarchy #22, 2006

Eine ausgeglichene Bilanz der Welt: Ein kritischer Blick auf die wissenschaftliche Weltanschauung

Der Ursprung der modernen Wissenschaft im 16. und 17. Jahrhundert stimmt mit den Ursprüngen des modernen Kapitalismus und des Industriesystems überein. Von Anfang an passten die Weltanschauung und die Methoden der Wissenschaft perfekt mit der Notwendigkeit des kapitalistischen Sozialsystems zusammen, die Natur und die überwältigende Mehrheit der Menschen zu beherrschen. Francis Bacon stellte klar, dass Wissenschaft nicht der Versuch sei die Natur so zu verstehen wie sie ist, sondern sie so zu beherrschen, dass sie für die Zwecke der Menschheit – in diesem Fall sind jene die derzeitigen Herrscher der sozialen Ordnung – verändert werden könne. In diesem Licht muss Wissenschaft notwendigerweise durch jede_n, der die gegenwärtige soziale Realität infrage stellt, einer sozialen Analyse unterworfen werden.

Wissenschaft ist nicht einfach eine Art die Welt zu beobachten, mit ihren Elementen zu experimentieren und daraus vernünftige Schlüsse zu ziehen. Ansonsten müssten wir Kinder, sogenannte Primitive und eine große Anzahl an Tieren als exzellente Wissenschaftler_innen anerkennen. Doch den praktischen Experimenten, die von uns allen jeden Tag durchgeführt werden, fehlen einige notwendige Faktoren, von denen der erste und wichtigste das Konzept des Universums als eine einzelne Entität ist, die sich an universelle, rationale, erfahrbare Gesetze hält. Ohne dieses Fundament kann Wissenschaft nicht als solche agieren.

Natürlich kam die Vorstellung von universellen Naturgesetzen bereits im antiken Griechenland auf, ungefähr zur selben Zeit, zu der schriftliche Gesetze zum Regieren der Stadtstaaten und geldbasierter Handel aufkamen. Aber die griechisch-antike Perspektive unterschied sich erheblich von der der modernen Wissenschaft. Die universellen Naturgesetze der griechischen Philosophie waren fundamental relational, parallel zu den politischen und ökonomischen Institutionen der griechisch-antiken Gesellschaft. So tendierte diese Wahrnehmung dazu Mäßigung zu propagieren – Aristoteles‘ „goldener Mittelweg“ – und die Vermeidung von Hybris, Züge, die sehr deutlich nicht ihr Äquivalent in der modernen wissenschaftlichen Perspektive finden.

Zwischen der Zeit der griechisch-antiken Philosophen und dem Beginn der modernen Wissenschaft beeinflussten zwei bedeutende historische Ereignisse die westliche Sicht auf die Welt. Das erste war das Aufkommen des Christentums als der zentrale bestimmende Faktor im westlichen Denken. Diese Weltanschauung ersetze das Konzept vielfacher Gottheiten, die Teil der Welt waren, mit einem Gott außerhalb des Universums, der dieses erschaffen hätte und der es kontrolliere. Zusätzlich erklärte sie, dass die Welt zum Gebrauch von Gottes Lieblingskreatur, dem Menschen, geschaffen worden sei, der diese unterwerfen und beherrschen solle. Das zweite bedeutende Ereignis war die Erfindung der ersten automatischen Maschine, die eine bedeutende Rolle im öffentlichen Sozialleben spielte: der Uhr. Die volle Bedeutung der Erfindung der Uhr in der Entwicklung des Kapitalismus, insbesondere in seiner industrialisierten Form, ist eine Geschichte für sich, aber mein Interesse hier ist spezifischer. Durch die Materialisierung des Konzepts einer nicht-lebendigen Sache, die sich nichtsdestotrotz von selbst bewegen konnte, schuf die Uhr für die Bevölkerung eine verständliche Basis für ein neues Verständnis des Universums. Zusammen mit der Vorstellung eines Schöpfers außerhalb des Universums stellte sie die Basis dafür, die Einsheit des Universums als ein Uhrwerk zu betrachten, das durch den großen Uhrmacher erschaffen worden war. In anderen Worten, sie war essenziell mechanisch.

So legten Religion und eine technologische Entwicklung die Basis für die Entwicklung einer mechanistischen Sicht auf das Universum und damit auf moderne Wissenschaft. Wenn man anerkennt, wie wichtig Religion für die Entwicklung dieses Systems ist, dann sollte es niemanden überraschen, dass die meisten frühen Wissenschaftler Geistliche waren, und dass die Leiden von Galileo und Kopernikus Ausnahmen waren, nützlich, um die Mythologie der Wissenschaft als eine Kraft der Wahrheit zu entwickeln, die den Obskurantismus von Aberglaube und Dogma bekämpft. Tatsächlich arbeiteten die frühen Wissenschaftler:innen im Allgemeinen für die eine oder andere der verschiedenen Staatsmächte als integraler Teil der Machtstrukturen, und folgten demselben Pfad wie einer der Meistbekannten unter ihnen, Francis Bacon, der kein Problem damit hatte, Leute wie Giordano Bruno den kirchlichen Autoritäten zu melden, weil sie ‚ketzerische‘ Ideen verbreiten würden.

Doch die Wissenschaftsskandale, wie die Skandale der Kirche, des Staates oder des Kapitals, sind nicht das wesentliche Problem. Dieses liegt in den ideologischen Fundamenten der Wissenschaft. Im Wesentlichen relationale Sichtweisen auf das Universum – ob das legalistische der antiken Griechen oder die fluideren Sichtweisen der Menschen, die außerhalb der Zivilisation lebten – implizieren, dass ein Verständnis vom Universum daher kommen würde, zu versuchen es so holistisch wie möglich zu betrachten, um die Beziehungen zwischen den Dingen, die Verbindungen und die Interaktionen zu beobachten. Solch ein Sichtweise funktioniert für jene gut, die kein Verlangen haben, das Universum zu beherrschen, sondern lieber lediglich herausfinden wollen, wie sie mit ihrer Umgebung interagieren können, um ihre Wünsche zu erfüllen und ihr Leben zu erschaffen. Aber der kapitalistische Bedarf an industrieller Entwicklung verlangte eine andere Sichtweise.

Wenn das Universum eine Maschine ist und kein Beziehungsgeflecht von Myriaden an Wesen, dann erlangt niemand durch simple Beobachtung und direkte Experimente ein Verständnis davon. Stattdessen bedarf es einer spezialisierten Form des Experimentierens. Man kann kein Verständnis darüber erlangen, wie eine Maschine funktioniert, indem man sie einfach nur beobachtet, wie sie in ihrer Umgebung funktioniert. Man muss sie in ihre Teile zerlegen – die Zahnräder, die Räder, die Kabel, die Hebel, etc. –, um herauszufinden, welcher Teil was tut. Ein fundamentaler Aspekt der Methode der modernen Wissenschaft ist also die Notwendigkeit, alles in seine Teile zu zerlegen, mit dem Ziel die grundlegendste Einheit zu finden. In diesem Licht versteht man, warum Wissenschaftlerinnen denken, dass es möglich ist mehr über das Leben herauszufinden, indem sie im Labor einen Frosch aufschneiden, als indem sie am Teich sitzen und Frösche und Fische und Mücken und Seerosenblätter dabei beobachten, wie sie tatsächlich zusammenleben. Das Wissen, das Wissenschaft verfolgt, ist quantitatives Wissen, mathematisches Wissen, utilitaristisches Wissen – eine Art von Wissen, das die Welt in die Maschine verwandelt, von der sie behauptet, dass die Welt diese sei. Diese Art von Wissen kann nicht durch freie Beobachtung in der Welt erworben werden. Es braucht die Sphäre des Labors, wo mit Teilen experimentiert werden kann, außerhalb des Kontextes des Ganzen, und innerhalb des Systems der ideologischen Fundamente mathematischer und mechanistischer Weltanschauungen. Nur Teile, die auf diese Art getrennt worden sind, können so wieder zusammengebaut werden, dass sie die Bedürfnisse derjenigen befriedigen, die bestimmen.

Natürlich sind die ersten Teile, die von diesem mechanistischen Ganzen getrennt werden müssen, die Wissenschaftler selbst. Der Faktor, der die Experimente von Tieren, Kindern, unzivilisierten und nicht ausgebildeten Menschen innerhalb der modernen Welt unwissenschaftlich macht, ist unser Mangel an sogenannter Objektivität; wir sind zu sehr Teil, immer noch in intimer Beziehung zu dem, mit dem wir experimentieren. Die Wissenschaftler:in hingegen wurde dazu ausgebildet sich selbst außerhalb dessen zu platzieren, mit dem sie experimentieren will, und die kalte Rationalität der Mathematik zu nutzen. Jedoch unterscheidet sich diese Objektivität tatsächlich nicht von der Trennung des Königs, einer Kaiserin oder eines Diktators von den Menschen, die jene beherrschen. Der Wissenschaftler kann nicht in irgendeinem wortwörtlichen Sinne aus der natürlichen Welt heraustreten, was ihm erlauben würde, diese von außerhalb ihrer Grenzen zu betrachten (für alle praktischen Vorhaben und Zwecke hat dieses Universum keine Grenzen). Eher wie ein Kaiser von den Höhen seines Thrones aus proklamiert die Wissenschaftlerin aus ihrem Labor heraus dem Universum: „Du wirst dich meinen Befehlen unterwerfen.“ Die wissenschaftliche Weltanschauung kann wirklich nur auf diese Art verstanden werden. Die Auffassungen von der Natur des Universums, die von der modernen Wissenschaft hervorgebracht wurden, sind weniger beschreibend als vorschreibend, Erlasse, die proklamieren, in was die natürliche Welt gezwungen wird sich zu verwandeln: mechanische Teile mit regelmäßigen, voraussehbaren Bewegungen, die so zum Funktionieren gebracht werden können, wie es die herrschende Klasse, die die wissenschaftliche Forschung finanziert, wünscht. Es sollte nicht überraschen, dass die Sprache der Wissenschaft die gleiche Sprache ist wie die der Wirtschaft und der Bürokratie, eine leidenschaftslose Sprache ohne konkrete Verbindung zum Leben, die Sprache der Mathematik. Welche bessere Sprache konnte man finden, um das Universum zu beherrschen – eine Sprache, die zur selben Zeit sowohl ganz und gar willkürlich als auch ganz und gar rational ist?

Also entwickelte sich moderne Wissenschaft mit einem spezifischen Zweck. Dieser Zweck war nicht die Suche nach der Wahrheit oder gar Wissen außer im aller utilitaristischsten Sinne, sondern eher die Atomisierung und Rationalisierung der natürlichen Welt, sodass sie in ihre Bestandteile zerlegt werden kann, die dann in neue, regulierte, bemessene Beziehungen gezwungen werden können, die nützlich für die Entwicklung techologischer Systeme sind, die mehr und mehr Bestandteile zur Reproduktion dieser Systeme extrahieren können. Schließlich war es das, was die Herrscher wollten, und sie waren die Förderer (und so finanziell auch die Begründer) der modernen Wissenschaft.

Mit der Mathematisierung aller Dinge verschwindet alles, das einzigartig an einem Ding ist, denn das, was einzigartig ist, steht außerhalb jeder Abstraktion und folglich außerhalb der Mathematik. Wenn das, was einzigartig an Wesen und Dingen ist, verschwindet, verschwindet auch die Basis für leidenschaftliche Beziehungen, für Beziehungen des Verlangens. Wie misst man schließlich Leidenschaft? Wie kalkuliert man Verlangen? Die Vorstellung der instrumentellen Vernunft bietet wenig Raum für irgendeine andere Leidenschaft als diese verformte Art der Gier, die danach aus ist, mehr und mehr der standardisierten, in Waren verwandelten Gegenstände, die auf dem Markt erhältlich sind, zu akkumulieren, ebenso wie das Geld, das sie im striktesten mathematischen Sinne gleich macht.

Die verschiedenen Klassifikationssysteme der Wissenschaft – die Parallelen zu Systemen aufweisen, die von staatlichen Bürokratien verwendet werden – spielten mit Sicherheit eine bedeutende Rolle in dem Prozess, das Einzigartige aus den Gefilden der Wissenschaft zu verbannen. Doch die Wissenschaft nutzt eine andere heimtückischere und irreparable Methode, um das Einzigartige zu zerstören. Sie versucht, alles in seine kleinstmöglichen Komponenten zu zerteilen – erst jene Einheiten, die sich alle Entitäten eines besonderen Typs teilen, und dann jene, die von allen Entitäten, die existieren, geteilt werden –, denn Mathematik kann nur bei homogenen Einheiten angewendet werden, Einheiten, die äquivalent sei können. Wenn frühe Wissenschaftler*innen dazu tendierten häufig mit toten Tieren, Menschen eingeschlossen, zu experimentieren, dann lag das daran, dass im Tod ein Hund oder ein Affe oder ein Mensch ziemlich so ist wie jeder andere. Wenn sie mit aufgeschnittenen Körpern auf einem Brett im Labor aufgepinnt sind, sind Frösche dann nicht alle äquivalent geworden? Doch das nimmt Dinge noch nicht aduäquat auseinander. Sicherlich erlaubten es solche Experimente, ob mit toten Organismen oder mit nicht-organischer Materie, der Wissenschaft, die Welt in Bestandteile zu zerlegen, die sie so gestalten konnte, dass sie in ihre wohlbemessene, kalkulierte, mechanistische Perpektive passten, ein notwendiger Schritt in der Entwicklung industrieller Technologie. Jedoch waren Mathematik und ihre korrespondierende mechanistische Weltanschauung immer noch relativ klar Ideen, die einer unwilligen und widerständigen Welt aufgezwungen wurden – insbesondere (oder vielleicht nur am deutlichsten) der menschlichen Welt, der Welt der Ausgebeuteten, die nicht wollten, dass ihre Leben in Arbeitsstunden abgemessen werden, getimed durch die industriell akkuraten Uhren des Bosses, die Ausgebeuteten, die nicht jeden Tag damit verbringen wollten, die gleiche repetitive Aufgabe zu verrichten, die gleichzeitig auch von hunderten – oder vielleicht tausenden – anderen im selben Gebäude oder in einem, das identisch mit diesem ist, verrichtet wird, um das allgemeine Äquivalent zu verdienen, um das eigene Überleben zu kaufen.

Physik war schon immer die Wissenschaft gewesen, die sich an vorderster Front bemühte, Mathematik zur inhärenten Basis der Realität zu machen. Wenn man dem Mythos Glauben schenken will, brachte der Umstand, dass Newton der Apfel am Kopf traf, ihn angeblich auf die Idee, mathematische Gleichungen aufzustellen, die mathematisch die Anziehung und die Abstoßung von Objekten erklärten. Aus irgendeinem Grund soll uns das davon überzeugen, dass er ein Genie war und nicht etwa ein kleinkarierter, berechnender Geschäftsmann/Wissenschaftler. (Er war Aktionär der berühmten East India Company, die die finanzielle Basis für so viele britische imperialistische Bemühungen gestellt hat und war eine gewisse Zeit Direktor der Bank of England). Aber das Newtonsche Gravitationsgesetz, Galileos Trägheitsgesetz, die Gesetze der Thermodynamik, etc. begegnen einer als mathematische Konstrukte des menschlichen Gehirns, die dem Universum auferlegt werden, so wie auch ihre technologischen Ergebnisse – das industrielle System des Kapitalismus –, diese rationalisierte Weltanschauung, den ausgebeuteten Klassen im Alltag auferlegt wurde.

Davon ausgehend sollte klar sein, dass die wissenschaftliche Methode nie die empirische Methode war. Letztere basierte ausschließlich auf Erfahrung, Beobachtung und Experimenten innerhalb der Welt ohne Vorannahmen, weder mathematische noch sonstige. Die wissenschaftliche Methode auf der anderen Seite beginnt mit der Notwendigkeit dem Universum mathematische, instrumentelle Rationalität aufzuerlegen. Um diese Aufgabe ausführen zu können, mussten, wie ich bereits sagte, spezifische Bestandteile von ihrer Umgebung getrennt und in die sterile Umgebung eines Labors transferiert werden, damit dort dann an ihnen herumexperimentiert werden kann, um herauszufinden, wie sie an diese instrumentelle, mathematische Logik angepasst werden können. Weit entfernt von der sinnlichen Erforschung der Welt, die eine wahrhaft empirische Untersuchung darstellen würde.

Moderne Wissenschaft war nicht in der Lage sich weiterzuentwickeln, weil sie den Weg dahin eröffnet, Wissen zu vergrößern, sondern weil sie darin erfolgreich war, die Aufgabe zu erfüllen, für welche der Staat und die herrschende Klasse sie finanzierte. Moderne Wissenschaft sollte nie dazu dienen, wahres Wissen über diese Welt zur Verfügung zu stellen – das hätte ein Eintauchen in die Welt erfordert, nicht die Trennung davon –, sondern eher dazu eine bestimmte Perspektive auf das Universum aufzuerlegen, die jenes in eine Maschine verwandeln könne, die der herrschenden Klasse nützlich ist. Das industrielle System ist der Beweis für den Erfolg der Wissenschaft, diese Aufgabe zu erfüllen, aber nicht für den Wahrheitsgehalt ihrer Weltanschauung. In diesem Licht können wir die „Fortschritte“ untersuchen, die die „neue Physik“ genannt werden – Relativitätsphysik, Atomphysik und Quantenphysik, denn es ist diese post-Newton’sche Physik, der es gelingt, die mathematische Konzeption des Universums zu solch einem Grad aufzuerlegen, dass beide als eins angesehen werden. In der Newton’schen Physik ist das Universum eine materielle Realität, eine Maschine, die aus verschiedenen Teilen zusammengebaut ist, deren Interaktionen mathematisch „erklärt“ werden können (auch wenn, tatsächlich, nichts wirklich erklärt ist). In der „neuen“ Physik ist das Universum ein mathematisches Konstrukt – bei der Materie einfach Teil der Gleichung ist –, das aus Informationsteilchen besteht. In anderen Worten, die „neue“ Physik hat eine kybernetische Sicht auf das Universum.

Die Relativitätsphysik mathematisiert das Universum auf einer makrokosmischen Ebene. Laut ihrer Theorie ist das Universum ein „Raum-Zeit-Kontinuum“. Aber was bedeutet das? Das „Raum-Zeit-Kontinuum“ ist tatsächlich ein rein mathematisches Konstrukt, der multidimensionale Graph einer komplexen Gleichung. So ist dieses komplett außerhalb einer empirischen Observation – seltsamerweise wie ein Cyberspace. Oder nicht seltsamerweise, wenn man das Erstere als Vorbild für das Letztere betrachtet. Noch einmal, es ist wenig von Bedeutung, ob dieses Bild des Universums wahr ist. Es funktioniert auf einer technologischen und wirtschaftlichen Ebene, und eine korrekte Summe unter dem Bilanzstrich ist schon immer die einzige Wahrheit gewesen, für die sich die Wissenschaft interessierte.

Die „endgültige Realität“, die dieses „Raum-Zeit-Kontinuum“ ist – diese „Realität“ jenseits unserer Sinne, von der uns die Expertinnen erzählen, sie sei realer als unsere tägliche Erfahrung (und wer zieht sie noch in Zweifel in dieser entfremdeten Welt?) –, ist aus Informationsteilchen konstruiert, die Quanten genannt werden. Das ist der Mikrokosmos der totalen Mathematisierung des Universums, das Reich der Quantenphysik. Die Quantenphysik ist besonders interessant wegen der Art, auf die sie das Projekt der modernen Wissenschaft offenbart. Quantenphysik soll die Wissenschaft über subatomare Partikel sein. Zuerst gab es davon nur drei: das Proton, das Elektron und das Neutron. Diese erklärten das atomare Gewicht, Elektrizität, etc. und erlaubten die Entwicklung von Nukleartechnologie und moderner Elektronik. Aber zu viele mathematische Diskrepanzen taten sich auf. Die Quantenphysik hat sich dieser Diskrepanzen mit der konsistentesten wissenschaftlichen Methode, die es gibt, angenommen; sie hat neue Gleichungen formuliert, um die Diskrepanzen wegzukalkulieren und hat diese mathematischen Konstrukte neu entdeckte sub-atomare Partikel genannt. Wieder einmal gibt es nichts, das wir mithilfe unserer Sinne beobachten könnten – selbst mithilfe von Werkzeugen wie dem Mikroskop. Wir sind von der Behauptung von Experten abhängig. Aber Expertinnen für was? Offensichtlich sind sie Expert·innen darin, Gleichungen mit Lückenfüllern zu bauen, die die mathematische Konzeption des Universums aufrechterhalten, bis die nächste Diskrepanz aufkommt – und funktioniert so auf eine Weise, die parallel zum Kapitalismus selbst verläuft.

Die Relativitätsphysik und die Quantenphysik werden oft als „reine Wissenschaften“ dargestellt (als ob so etwas jemals existiert hätte), theoretische Erkundungen ohne irgendwelche instrumentalen Überlegungen. Und ohne überhaupt die Rolle dieser Wissenschaftszweige in Betracht zu ziehen, die sie in der Entwicklung von Nuklearwaffen und nuklearer Macht gespielt haben, in der Kybernetik, der Elektronik, und so weiter, wird diese Behauptung auch durch die ideologischen Interessen der Mächte, denen sie dienen, widerlegt. Zusammen präsentieren diese wissenschaftlichen Perspektiven eine Konzeption der Realität, die sich komplett außerhalb der Sphäre empirischer Beobachtung befindet. Die endgültige Realität liegt vollkommen jenseits dessen, was wir durch unsere Sinne erfahren können und existiert komplett innerhalb der Sphäre komplexer mathematischer Gleichungen, die lediglich jene mit Zeit und Bildung – das heißt die Expert_innen – lernen und manipulieren können. Dementsprechend bewirbt die „neue“ Physik – wie die alte, aber mit mehr Nachdruck – die Notwendigkeit, an die Experten zu glauben und ihrem Wort mehr als der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen. Außerdem wird die Idee beworben, dass die Realität aus Informationsteilchen besteht, die mathematisch verbunden sind und die nach Wunsch von denen manipuliert werden können, die in die Geheimnisse eingeweiht sind, die Zauberer unseres Zeitalters, die Wissenschafts-Techniker.

Relativitäts- und Quantenphysik waren darin erfolgreich das zu tun, wovon jeder Zweig der Wissenschaft träumt; sie haben ihre Wissenssphäre komplett vom Reich der Sinne getrennt. Wenn die Realität lediglich eine komplexe mathematische Gleichung ist, die aus Informationsteilchen besteht, dann sind Gedankenexperimente sicherlich mindestens genauso verlässlich wie Experimente an materiellen Objekten. Es sollte inzwischen offensichtlich sein, dass das von Anfang an ein Ideal der modernen Wissenschaft gewesen ist. Die Trennung der Wissenschaftlerin von der Sphäre des Alltags, das sterile Labor als die Umgebung für Experimente, die eklatante Verachtung der frühen Wissenschaftler·innen für alltägliche Erfahrung und für das, was man allein über die Sinne lernen kann, sind klare Indizien für die Haltung und die Richtung der Wissenschaft. Für Bacon, für Newton, für die moderne Wissenschaft als Ganzes sind die Sinne – wie die natürliche Welt, deren Teil sie sind – auf der Suche nach Herrschaft über das Universum zu überwindende Hindernisse. Mit der Welt auf sinnlicher Ebene zu interagieren könnte sehr wahrscheinlich Leidenschaft erwecken, und die Vernunft der Wissenschaft ist eine kalte, kalkulierende Vernunft, nicht die leidenschaftliche Vernunft des Verlangens. Entsprechend passt die Welt der nicht-materiellen Experimente, die die „neue“ Physik eröffnet hat, gut in die Entwicklung der Wissenschaft.

Während einige versuchten haben, die Konzepte der Relativitäts- und der Quantenphysik als einen Bruch mit der mechanistischen Weltanschauung, die die Wissenschaft jener Zeit hochhielt, zu beschreiben, ist tatsächlich diese „neue“ Sicht auf die Welt als reines mathematisches Konstrukt, das aus Informationsteilchen besteht, exakt das Ziel der Wissenschaft. Sie entwickelte ihre materielle Manifestation in der kybernetischen Technologie. Die industrielle mechanistische Weltanschauung machte der deutlich totalisierenderen kybernetischen mechanistischen Weltanschauung Platz, denn letztere dient den Zwecken der Wissenschaft und ihrer Herr*innen besser als erstere. Die Entwicklung kybernetischer Technologie und insbesondere der virtuellen Realität eröffnete die Möglichkeit des nicht-materiellen Experimentierens für jene Wissenschaftszweige, für welche dieses vorher unmöglich gewesen ist, insbesondere für die Lebens- und die Sozialwissenschaften. Diese Welt liefert nicht nur Möglichkeiten zum Lagern, Organisieren, Kategorisieren und Manipulieren von Werten und Informationen, die während der Experimente und Forschung in der physischen Welt gesammelt werden; sie liefert eine virtuelle Welt, in der man mit virtuellen organischen Wesen und Systemen experimentieren kann, mit virtuellen Gesellschaften und Kulturen. Und wenn das Universum nicht mehr als austauschbare Informationsteilchen ist, die in mathematischer Beziehung zueinander stehen, dann sind solche Experimente auf der gleichen Ebene wie jene, die in der physischen Welt gemacht werden. Tatsächlich sind sie verlässlicher, da die Hindernisse, die durch die Sinne aufkommen und durch die Möglichkeit, eine mitfühlende Beziehung zu jenen zu entwickeln, mit denen der Wissenschaftler experimentiert, keine Rolle spielen. Nicht nötig, sich über den Fakt Sorgen zu machen, dass alles, das mathematisch kalkulierbar und entsprechend programmierbar ist, in der virtuellen Sphäre passieren kann; das zeigt lediglich die unendlichen technologischen Möglichkeiten, die in der Manipulation von Informationsteilchen liegen.

Es lohnt sich festzustellen, dass die DNA lediglich einige wenige Jahre vor dem Beginn dessen, was einige das „Informationszeitalter“ genannt haben, „entdeckt“ wurde. Natürlich hatten Kybernetik und Informationstechnologien schon seit einiger Zeit existiert, doch es war in den frühen 70er Jahren, dass diese Technologien begannen, in ausreichendem Ausmaß in die allgemeine soziale Sphäre einzudringen, so dass sie beeinflussen konnten, wie Leute die Welt sahen. Da wir bereits durch die Anforderungen des industriellen Systems von jeder tiefen, direkten Beziehung zur natürlichen Welt getrennt worden sind, erreicht uns das meiste Wissen über die Welt indirekt. Es ist nicht wirklich überhaupt irgendein Wissen, sondern Informationsteilchen, die wir durch Glauben akzeptieren. Es ist folglich nicht so schwierig, Menschen davon zu überzeugen, dass Wissen tatsächlich nicht mehr ist als eine Anhäufung dieser Teilchen, und dass die Realität einfach die komplexe mathematische Gleichung ist, die sie umschließt. Es ist nur ein kurzer Weg von dem zu der genetischen Perspektive, dass das Leben einfach die Beziehung zwischen Teilchen kodifizierter Informationen ist. Die DNA liefert genau diese austauschbaren Teilchen, die die notwendige Basis dafür sind, und liefert dadurch die Basis für die Digitalisierung des Lebens.

Wie wir gesehen haben, ist Wissenschaft nie lediglich ein Versuch gewesen, das zu beschreiben, das existiert. Stattdessen strebt sie danach, die Realität zu beherrschen und sie den Zwecken derer, die Macht besitzen, anzupassen. Demzufolge hat die Digitalisierung des Lebens und des Universums den ausdrücklichen Zweck, alles auf austauschbare Teilchen herunterzubrechen, die von jenen, die in diesen komplexen Techniken ausgebildet sind, manipuliert und angepasst werden können, um die spezifischen Erfordernisse der herrschenden Ordnung zu erfüllen. In dieser Perspektive gibt es keinen Platz für eine Vorstellung von Individualität, die sich aus dem eigenen Körper, dem eigenen Geist, den eigenen Leidenschaften, den eigenen Wünschen und den eigenen Beziehungen in einem einzigartigen Tanz durch die Welt zusammensetzt. Stattdessen sind wir nicht mehr als eine Serie an anpassbaren Bio-Teilchen. Diese Vorstellung hat eine soziale Basis. Die kapitalistische Entwicklung, insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwandelte Bürger (bereits Teil des Apparates des Nationalstaats) in Produzenten-Konsumenten, austauschbar mit allen anderen, je nach Bedarf der sozialen Maschine. Dank der bereits erfolgten Erschütterung der Integrität des Individuums ist es kein großer Schritt, jedes lebendige Wesen in eine reine Speicherbank für nützliche genetische Teile, in eine Ressource für die Entwicklung der Biotechnologie zu verwandeln.

Nanotechnologie wendet die gleiche Digitalisierung auf anorganische Materie an. Die Chemie und die Atomphysik lieferten die Vorstellung von Materie als ein Konstrukt von Molekülen, die wiederum ein Konstrukt von Atomen sind, die ein Konstrukt von subatomaren Partikeln sind. Das Ziel der Nanotechnologie ist die Konstruktion von mikroskopischen Maschinen auf der Molekularebene, die im Idealfall so programmiert sind, dass sie sich selbst durch die Manipulation von molekularen und atomaren Strukturen vermehren. Wenn man die verarmte Vorstellung des Lebens akzeptiert, die die Genwissenschaft und die Biotechnologie vorantreibt, wären diese Maschinen nachvollziehbarerweise „lebendig“. Wenn man einige der Ziele untersucht, von denen ihre Entwicklerinnen hoffen, dass sie diesen dienen könnten, scheint es, dass sie, wie Genmodifikationen, in der Umwelt auf eine Weise funktionieren, die der von Viren ähnelt. Andererseits erwecken einige der Beschreibungen der selbstvermehrenden Funktion, die in sie hineinprogrammiert werden soll, die furchteinflößende Idee von vom Wind verbreiteten, aktiven Krebszellen.

Die Bio- wie auch die Nanotechnologie können Horrorvision hevorrufen: groß- und kleinformatige Monster, seltsame Krankheiten, totalitäre Genmanipulation, mikroskopische vom Wind verbreitete Spionagegeräte, intelligente Maschinen, die ihren menschlichen Anhang nicht mehr benötigen. Doch dieser potentielle Horror trifft nicht das Herz des Problems. Diese Technologien reflektieren eine Sicht auf die Welt, die trocken gelegt wurde, ohne Staunen, ohne Freude, Verlangen, Leidenschaft und Individualität, eine Sicht auf eine Welt, die in eine Rechenmaschine verwandelt wurde, das Weltbild des Kapitalismus.

Die frühesten modernen Wissenschaftler:innen waren überwiegend devote Christen. Ihr mechanisches Universum war eine Maschine, die von Gott hergestellt worden war, mit einem Zweck jenseits ihrer selbst, bestimmt von Gott. Diese Idee eines höheren Zwecks ist vor langer Zeit aus der wissenschaftlichen Theorie verschwunden. Das kybernetische Universum dient keinem anderen Zweck als sich selbst aufrechzuerhalten, um den Fluss der Informationsteilchen aufrechtzuerhalten. Auf sozialer Ebene, wo es sich auf uns in unserem Leben auswirkt, bedeutet das, dass jedes Indiviuum lediglich ein Werkzeug zur Aufrechterhaltung der gegenwärtigen sozialen Ordnung ist und wenn nötig angepasst werden kann, um den Informationsfluss aufrechtzuerhalten, der dieser Ordnung erlaubt sich selbst zu reproduzieren, Informationen, die präziser Warenbörse genannt werden können.

Und hier ist die reale Funktion der Wissenschaft enthüllt. Wissenschaft ist der Versuch ein System zu schaffen, das eine Bilanz aller Ressourcen im Universum präsentieren kann, um sie dem Kapital zugänglich zu machen. Deshalb muss sie das Universum in seine kleinsten Teilchen herunterbrechen, Teilchen, die einen ausreichenden Grad an Identität und Austauschbarkeit haben, damit sie als allgemeine Äquivalente dienen können. Deshalb muss sie das Universum dazu zwingen, einem mathematischen Konstrukt zu entsprechen. Deshalb ist letztlich ein kybernetisches Modell das Geeignetste für die Funktionsweise von Wissenschaft. Der reale Zweck der modernen Wissenschaft war es von Beginn an, das Universum in eine riesige Rechenmaschine zu verwandeln, die ihre eigenen Ressourcen bilanziert. Folglich ist die Funktion der Wissenschaft schon immer gewesen, der Wirtschaft zu dienen, und ihre Entwicklung war die Suche nach den effizientesten Mitteln, um dies zu erfüllen. Doch die wissenschaftlichen Buchhalterinnen mit ihren Kalkulationen, Graphen, Grafiken und Geschäftsbüchern sind unaufhörlich mit einer widerspenstigen Realität konfrontiert, die aus Entitäten besteht, die nicht zu Nummern oder Messungen passen, aus Individuen, die sich der Austauschbarkeit widersetzen, aus Phänomenen, die sich nicht wiederholen lassen – in anderen Worten, aus Dingen, die unaufhörlich die Bilanz nicht aufgehen lassen. Wissenschaftler*innen mögen sich in ihre Laboratorien zurückziehen, in ihre Gedankenexperimente, in die virtuelle Realität, aber hinter den Türen, jenseits ihrer Gedanken, jenseits der Sphäre des Cyberspaces, wartet immer noch das nicht Bilanzierbare/Verlässliche. So wird die Wissenschaft, wie die kapitalistische soziale Ordnung, der sie dient, ein System der Verlegenheitslösungen, der beständigen Anpassung angesichts eines Chaoses, das droht die Wirtschaft zu zerstören. Die Welt, die sich die Wissenschaft ausmalt – die, von der sie behauptet, sie sei real, während sie versucht, sie durch qualvolle technologische Sklaverei und Tortur zu erschaffen – ist eine ökonomisierte Welt, und solch eine Welt ist eine trocken gelegte Welt, ohne Staunen, Freude und Leidenschaft, entwässert von allem, das sich nicht messen lässt, von allem, das über sich keine Bilanz erstellen wird.

Folglich ist der Kampf gegen den Kapitalismus der Kampf gegen die moderne Wissenschaft, der Kampf gegen ein System, das danach strebt, die Welt nur in Form von messbaren Ressourcen kennenzulernen, die einen Preis haben, in Form von austauschbaren Teilchen mit einem bestimmten ökonomischen Wert. Für jene von uns, die die Welt leidenschaftlich kennen lernen wollen, mit einem Sinn fürs Staunen, sind andere Formen der Wissensaneignung essenziell, Formen, die nicht auf Herrschaft abzielen, sondern auf Vergnügen und Abenteuer. Dass es möglich ist, das Universum auf andere Weise zu studieren und zu erforschen als auf die der modernen Wissenschaft, wurde oft genug bewiesen, durch die Überlegungen einiger Naturphilosophen im antiken Griechenland, durch das Wissen, das polynesische Seefahrer über das Meer haben, durch die Liedzeilen der australischen Aborigines und durch die besten Entdeckungen einiger Alchemist_innen und Ketzer·innen wie Giordano Bruno. Aber ich interessiere mich nicht für Vorbilder, sondern für das Eröffnen von Möglichkeiten, das Sich öffnen für Beziehungen mit der Welt um uns herum, die maßlos sind – und die Vergangenheit eröffnet nie etwas; bestenfalls zeugt sie davon, dass das, was existiert, nicht unvermeidlich ist. Eine bewusste Revolte jener, die sich nicht mäßigen lassen, könnte eine Welt voller Möglichkeiten eröffnen. Das ist ein Risiko, das sich einzugehen lohnt.

Übersetzung aus dem Englischen: Wolfi Landstreicher. A Balanced Account of the World: A Critical Look at the Scientific Worldview in Killing King Abacus Anthology.

Zahl: Ihr Urspung und ihre Evolution

Der zerreißende und demoralisierende Charakter der Krise, in der wir uns befinden, vor allem der wachsenden Leere des Geistes und der Künstlichkeit der Materie, führen uns mehr und mehr dazu, die alltäglichsten »Gegebenheiten« zu hinterfragen. Zeit und Sprache beginnen Argwohn zu erregen und auch die Zahl scheint nicht länger »neutral« zu sein. Die Blendung der Entfremdung in der technologischen Zivilisation ist zu schmerzhaft grell. um ihr Wesen noch zu verbergen und die Mathematik ist das Schema der Technologie.

Sie ist auch die Sprache der Wissenschaft – wie tief müssen wir graben, wie weit müssen wir zurückgehen, um die »Ursprünge« des beschädigten Lebens zu enthüllen? Der verworrene Strang des unnötigen Leidens, die Stränge der Herrschaft, werden durch den Druck einer unerbittlichen Gegenwart unvermeidbar abgespult.

Wenn wir fragen, auf welche Art von Fragen die Antwort eine Zahl ist und versuchen uns auf die Bedeutung von oder die Gründe für das Aufkommen des Quantitativen zu fokussieren, blicken wir wieder einmal auf ein ausschlaggebendes Moment unserer Entfremdung von einem natürlichen Dasein.

Zahl sagt, wie die Sprache, immer das, was sie nicht sagen kann. Als Wurzel einer bestimten Art der Logik oder Methode ist die Mathematik nicht bloß ein Werkzeug, sondern ein Ziel wissenschaftlichen Wissens: absolut exakt, absolut in sich stimmig und absolut allgemeingültig zu sein. Auch wenn die Welt unexakt, in Wechselbeziehung stehend und spezifisch ist, und keine*r je zwei Blätter, Bäume, Wolken, Tiere gesehen hat, die exakt gleich sind, ebenso wie kein Moment dem anderen gleich ist. Dingle reflektierte über die Vorherrschaft des Konzepts der Identität in der Mathematik und ihrem Sprössling, der Wissenschaft: »Alles, was einer*m die ultimative wissenschaftliche Analyse der materiellen Welt geben kann, ist eine Reihe von Zahlen.«

Ein wenig weitergehend will ich eine »Anthropologie« der Zahlen entwerfen und ihre soziale Einbettung erkunden. Horkheimer und Adorno verweisen auf die Grundlage der Krankheit: »Noch die deduktive Form der Wissenschaft spiegelt Hierarchie und Zwang. […] die gesamte logische Ordnung, Abhängigkeit, Verkettung, Umgreifen und Zusammenschluß der Begriffe [gründet] in den entsprechenden Verhältnissen der sozialen Wirklichkeit« – die die Arbeitsteilung ist.

Wenn die mathematische Realität die absolut formale Struktur des Normativen oder des Standardisierungs-Maßes (und später der Wissenschaft) ist, war das erste, das jemals gemessen wurde, die Zeit. Die grundlegende Verbindung zwischen Zeit und Zahl ist auf den ersten Blick offensichtlich. Die erstmals durch die Zeit vergegenständlichte Autorität wurde durch das allmähliche mathematisierte Bewusstsein der Zeit verfestigt. Oder etwas anders ausgedrückt: Die Zeit ist ein Maß und existiert als Vergegenständlichung oder Materialität dank der Einführung von Maßen.

Die Bedeutung der Symbolisierung sollte nebenbei ebenfalls bemerkt werden, da eine weitere Wechselbeziehung aus der Tatsache resultiert, dass weil das grundlegende Element jeder Messung die symbolische Repräsentation ist, die Schaffung einer symbolischen Welt die Voraussetzung für die Existenz der Zeit ist.

Zu erkennen, dass die Repräsentation mit der Sprache beginnt, die diese durch die Schaffung einer reproduzierbaren formalen Struktur verwirklicht, bedeutet auch die fundamentale Verknüpfung zwischen Sprache und Zahl zu verstehen. Eine verarmte Gegenwart, in der die Sprache zunehmend mehr verkümmert, macht es leicht zu erkennen, dass die Mathematik schlicht die reduzierteste und ausgetrocknetste Sprache ist. Der letzte Schritt der Formalisierung einer Sprache besteht darin, sie in Mathematik zu verwandeln; oder umgekehrt: je näher Sprache an die dichten Verschmelzungen der Realität herankommt, desto weniger abstrakt und exakt kann sie sein.

Die Symbolisierung des Lebens und der Bedeutung ist in der Sprache am gewandtesten, die Wittgenstein in seinem Spätwerk als buchstäblich die Welt konstituierend beschreibt. Weiterhin basiert die Sprache, wie wir sie kennen, auf dem symbolischen Vermögen, gewöhnliche und beliebige Vergleiche zu ziehen und findet darin in der Mathematik ihre größte Verfeinerung. Max Black beurteilt die Mathematik als die »Grammatik aller symbolischen Systeme«.

Der Zweck des mathematischen Aspekts von Sprache und Vorstellung ist die vollständigere Abgrenzung der Vorstellung von den Sinnen. Mathematik ist das Paradigma des abstrakten Denkens, weshalb Levy bloße Mathematik »die Methode der Isolation auf höchster Ebene« genannt hat. Eng damit verbunden sind ihre Eigenschaften der »enormen Universalität«, wie von Parsons diskutiert und ihre Verweigerung der Grenzen dieser Universalität, wie Whitehead ausführte.

Dieser Abstraktionsprozess und seine formalen, universellen Ergebnisse schaffen einen Gehalt, der vollständig vom denkenden Individuum entkoppelt zu sein scheint; der*die Nutzer*in eines mathematischen Systems und seine*ihre Werte fließen nicht in das System ein. Die hegelianische Vorstellung der Verselbstständigung entfremdeter Aktivitäten findet in der Mathematik ihre ideale Entsprechung; sie besitzt eigene Gesetze des Wachstums, ihre eigene Dialektik und steht als eine separate Macht über dem Individuum. Eine selbst existierende Zeit und die erste Entfernung der Menschheit von der Natur, muss man vorläufig hinzufügen, begannen in dem Moment aufzukommen, in dem wir erstmals anfingen zu zählen. Dadurch wurde die Beherrschung der Natur und folglich auch die des Menschen ermöglicht.

In der Abstraktion liegt die Wahrheit von Heytings Schlussfolgerung, dass »es am Charakter des mathematischen Denkens liegt, dass es keinerlei Wahrheit über die äußere Welt transportiert«. Die grundlegende Einstellung der Mathematik gegenüber dem gesamten farbenfrohen Verlauf des Lebens wird durch Folgendes zusammengefasst: »Setze dies und das mit diesem und jenem gleich!« Abstraktion und die Äquivalenz von Identität sind voneinander untrennbar; die Unterdrückung des Reichtums der Welt, die für die Identität Priorität hat, brachte Adorno zu seiner »Urwelt der Ideologie«. Die Unwahrheit der Identität ist schlicht, dass das Konzept nicht den betrachteten Gegenstand erschöpft.

Die Mathematik ist eine verdinglichte, ritualisierte Denkweise, der buchstäbliche Verzicht auf das Denken. Foucault drückte das folgendermaßen aus: »In der ersten Gebärde des ersten Mathematikers konnte man die Konstitution eines Idealzustands beobachten, der sich seither durch die gesamte Geschichte gezogen hat und nur danach strebte, wiederholt und reiner gemacht zu werden.«

Die Zahl ist die folgenschwerste Idee in der Geschichte der menschlichen Natur. Nummerierung oder Zählen (und Messung, der Prozess, in dem Zahlen Qualitäten zugewiesen werden) verfestigte Pluralität schrittweise als Quantifizierung und erzeugte dadurch den homogenen und abstrakten Charakter der Zahl, der die Mathematik möglich machte. Von ihrem Beginn als elementare Formen des Zählens (beginnend mit einer Zweiteilung und fortgesetzt mit dem Gebrauch von Fingern und Zehen als Basen) bis zur griechischen Idealisierung der Zahl entwickelte sich eine zunehmend abstrakte Art des Denkens, die parallel zur Reifung des Konzepts der Zeit verlief. Wie William James sagt, »das intellektuelle Leben des Menschen besteht beinahe vollständig aus der Substitution der empfundenen Ordnung, aus der seine Erfahrungen stammen, mit einer konzeptionellen Ordnung.«

Boas folgerte, dass »das Zählen erst notwendig wurde, als die Objekte in einer so verallgemeinerten Art und Weise begriffen wurden, dass ihre Einzigartigkeiten völlig aus dem Blickfeld verschwunden waren.« Mit der wachsenden Zivilisation haben wir gelernt zunehmend abstrakte Zeichen zu verwenden, um auf zunehmend abstraktere Referenten zu verweisen. Auf der anderen Seite besaßen prähistorische Sprachen eine Vielzahl an Begriffen für das Gefühl und das Empfinden, während sie oft keine Zahlwörter außer eins, zwei und viele besaßen. Die Jäger*innen/Sammler*innen-Menschheit hatte kaum, wenn nicht gar keinen Gebrauch für Zahlen, weshalb Hallpike verkündete, dass »wir nicht erwarten könnten, dass eine funktionierende Vorstellung von Quantifizierung eine kulturelle Norm in vielen primitiven Gesellschaften wäre«. Viel früher und wesentlich ungehobelter verwies Allier auf »die von unzivilisierten Menschen empfundene Abscheu gegenüber jeder genuinen intellektuellen Anstrengung, ganz besonders hinsichtlich der Arithmetik«.

Tatsächlich gab es entlang des langen Weges hin zur Abstraktion, von einem intuitiven Sinn für Mengen über den Gebrauch verschiedener Mengen an Zahlwörtern, um verschiedene Arten von Dingen zu zählen, bis hin zur vollkommen abstrahierten Zahl, einen immensen Widerstand, da die beinhaltete Objektifizierung gewissermaßen als das gesehen wurde, was sie war. Das erscheint angesichts der auffallenden einheitlichen Schönheit von Werkzeugen unserer Vorfahren vor rund einer halben Million Jahren, in denen das unmittelbare künstlerische und technische (auf der Suche nach einem besseren Wort) Vermögen so offensichtlich ist, und angesichts von »jüngsten Studien, die die mentalen Fähigkeiten der Menschen von vor rund 300.000 Jahren als den unseren ebenbürtig beweisen«, wie es der britische Archäologe Clive Gamble ausdrückt, weniger unplausibel.

Basierend auf der Beobachtung überlebender Stammesmenschen ist es offensichtlich, um ein weiteres Argument vorzutragen, dass Jäger*innen/Sammler*innen ein enormes und intimes Verständnis für Natur und Ökologie ihrer Umgebungen hatten, das ausreichend dafür gewesen wäre, Landwirtschaft vielleicht schon hunderttausende Jahre vor der neolithischen Revolution einzuführen. Aber dafür war eine neue Art von Beziehung zur Natur erforderlich, eine, die offensichtlich von so vielen, vielen Generationen verweigert wurde.

Für uns schien es ein großer Vorteil zu sein, die natürlichen Beziehungen der Dinge zu abstrahieren, während über die gesamte Steinzeit hinweg das Wesen als Ganzes begriffen und geschätzt wurde, nicht hinsichtlich separierbarer Eigenschaften. Wenn sich heute, ebenso wie jemals zuvor, eine große Familie zum Abendessen niederlässt und bemerkt wird, dass eine*r fehlt, dann wird das nicht durch Zählen erreicht. Oder wenn in prähistorischen Zeiten eine Hütte errichtet wurde, wurde die Zahl der erforderlichen Pfosten weder spezifiziert noch gezählt, stattdessen waren sie der Vorstellung der Hütte inhärent, waren wesensmäßig in ihr enthalten. (Selbst in der frühen Landwirtschaft konnte der Verlust eines Herdentieres nicht durch Zählen festgestellt werden, sondern weil man ein bestimmtes Gesicht oder eine bestimmte, charakteristische Eigenschaft vermisste; es erscheint jedoch klar zu sein, wie Bryan Morgan argumentiert, dass »der erste Gebrauch eines Zahlensystems durch die Menschen« sicherlich in der Kontrolle domestizierter Herdentiere bestand, da wilde Kreaturen zu Produkten wurden, die man erntete.) Der Kern der Mathematik liegt in der Entfremdung und Abtrennung: die diskursive Reduktion von Mustern, Zuständen und Beziehungen, die wir ursprünglich als Ganzes begriffen haben.

Im Aufkommen von Steuerelementen, die auf die Kontrolle dessen, was frei und unkontrolliert ist, abzielen, wie es sich durch frühes Zählen herauskristallisiert, können wir eine neue Einstellung gegenüber der Welt beobachten. Wenn Benennung eine Entfremdung ist, eine Beherrschung, dann ist es auch die Zahl, die eine verarmte Benennung ist. Da die Nummerierung eine Konsequenz der Sprache ist, ist sie ein Zeichen für einen kritischen Durchbruch der Entfremdung. Die Ursprungsbedeutungen von Zahl [number] sind erhellend: »etwas, das schnell begriffen oder angeeignet werden kann« und »etwas nehmen, besonders etwas stehlen«, sowie »genommen, ergriffen, und deshalb … gefühllos [numb]«. Was zu einem Objekt der Herrschaft gemacht wurde und daher verdinglicht wurde, wird taub.

Hunderttausende von Jahre lang genossen Jäger*innen/Sammler*innen einen direkten, unbeeinträchtigten Zugang zu den Rohmaterialien, die sie für ihr Überleben benötigten. Es gab keine Arbeitsteilung und auch kein Privateigentum. Dorothy Lee fokussierte sich auf ein überlebendes Beispiel aus Ozeanien und kam zu dem Ergebnis, dass sich keine der Aktivitäten der Trobriander in eine lineare, einteilbare Zeit einfügte. »Es gibt keine Aufgabe, keine Arbeit, keine Plackerei, die ihre Entlohnung außerhalb des Akts selbst entfaltet.« Ebenso wichtig ist die »Verschwendungssucht«, »die großzügigen Bräuche, für die Jäger*innen zu Recht berühmt sind«, »ihre Neigung, ein Festmahl aus allem zu machen, was sie haben«, wie Sahlins sagt.

Teilen und Zählen oder auch Tausch sind natürlich relative Gegensätze. Wo für den heimischen Gebrauch anstatt für den Tausch Waren hergestellt, Tiere getötet oder Pflanzen gesammelt werden, gibt es keinen Bedarf an standardisierten Zahlen oder Messungen. Maß- und Wiegeinstrumente entwickeln sich später, zusammen mit der Messung und Definition von Eigentumsrechten und Pflichten gegenüber der Autorität. Issac verortet einen entscheidenden Wandel hin zur Standardisierung von Werkzeugen und Sprache in der Periode des Jungpaläolithikums, der letzten Entwicklungsstufe der Jäger*innen/Sammler*innen-Menschheit. Zahlen und weniger abstrakte Maßeinheiten leiten sich, wie zuvor bemerkt, aus der Gleichmachung von Unterschieden ab. Der früheste Tausch, was das Gleiche wie die früheste Arbeitsteilung ist, war unbestimmt und trotzte der Systematisierung; Eine Tabelle von Äquivalenzen ließ sich nicht wirklich aufstellen. Als das Überwiegen von Geschenken dem Fortschritt des Tauschs und der Arbeitsteilung weicht, findet die universelle Austauschbarkeit der Mathematik ihren konkreten Ausdruck. Was als Prinzip der Gerechtigkeit festgesetzt wird – die Ideologie des gleichwertigen Tauschs –, ist nichts anderes als die Praxis der Herrschaft der Arbeitsteilung. Das Fehlen einer unmittelbar gelebten Existenz, der Verlust der Autonomie, der die Trennung von der Natur begleitet, sind die Begleiterscheinungen der effektiven Macht der Spezialisierung.

Mauss behauptete, dass Tausch nur von allen Institutionen einer Gesellschaft definiert werden kann. Dekaden später begriff Belshaw die Arbeitsteilung nicht bloß als einen Teilbereich der Gesellschaft, sondern als die ganze Gesellschaft. Ähnlich dramatisch, aber realistisch ist die Schlussfolgerung, dass eine Welt ohne Tausch oder die Bemühung, sie in Teile zu zerlegen, eine Welt ohne Zahlen wäre.

Clastres und Childe erkannten unter anderen vor ihnen, dass die Fähigkeit der Menschen, einen Überschuss zu produzieren, nicht notwendigerweise die Basis für Tausch bedeutete, sondern dass sich sich dafür entschieden, es auch zu tun. Ausgehend von der ohnehin verbreiteten Sichtweise, dass nur mentale/kulturelle Unzulänglichkeiten für das Fehlen von Überschüssen verantwortlich waren, »könnte der Irrtum nicht größer sein«, urteilte Clastres. Für Sahlins war die »Steinzeitökonomie in ihrem Wesen ein Anti-Überschuss System«, den Begriff sehr weit fassend. Lange Zeit hatten die Menschen keinerlei Verlangen nach den zweifelhaften Entlohnungen, die mit einer Umsetzung eines geteilten Lebens einhergingen, ebenso wie sie keinerlei Interesse an Zahlen hatten. Überschüsse von irgendetwas anzuhäufen war offensichtlich fremd, ehe die Zeiten des Neanderthalers in die Zeit des Cromagnonmenschen übergingen; ausgedehnte Handelsverträge, wie sie schließlich mit der Cromagnonmensch-Gesellschaft üblich wurden, gab es in der früheren Periode nicht.

Überschuss wurde erst mit der Landwirtschaft vollständig entwickelt und charakteristischerweise ist die hauptsächliche technische Entwicklung des neolithischen Lebens die Perfektion des Gefäßes: Krüge, Kästen, Kornspeicher, und ähnliches. Diese Entwicklung gibt auch einer aufkeimenden Tendenz hin zur Verräumlichung ihre konkrete Form, der Sublimation einer zunehmend unabhängigen Dimension der Zeit in räumliche Formen. Abstraktion, vielleicht die erste Verräumlichung, war die erste Kompensation für den Verlust, der von dem Sinn für die Zeit verursacht wurde. Die Verräumlichung wurde durch die Zahl und die Geometrie massiv kultiviert. Ricœur bemerkt, dass »Unendlichkeit entdeckt wird… in Form der Idealisierung von Größen, Maßen, Zahlen und Figuren«, um das noch weiter zu treiben. Die Suche nach unbeschränkter Verräumlichung ist fester Bestandteil des abstrakten Vormarschs der Mathematik. Ebenso wie das Gefühl, von der Welt, ja von der Endlichkeit befreit zu sein, das Hannah Arendt in der Mathematik sah.

Mathematische Prinzipien und ihre Bestandteile, Zahlen und Werte scheinen eine Zeitlosigkeit zu veranschaulichen, die möglicherweise ihre tiefsitzendste Eigenschaft ausmacht. Hermann Weyl nannte das in dem Versuch, die »Lebenssumme der Mathematik« aufzusummieren (Wortspiel nicht beabsichtigt [auf Deutsch schon, Anm. d. Übers.]), die Wissenschaft des Unendlichen. Wie ließe sich eine Flucht vor einer verdinglichten Zeit besser ausdrücken als dadurch, sie unendlich dem Raum unterzuordnen – in Form der Mathematik.

Verräumlichung – wie Mathematik – basiert auf Abtrennung; ihr sind Teilung und eine Organisierung dieser Teilung wesentlich. Die Einteilung der Zeit in Teile (was das erste Zählen oder Messen gewesen zu sein scheint) ist in sich selbst räumlich. Zeit wurde immer auf diese Art und Weise gemessen, als Bewegung der Erde oder des Mondes oder der Zeiger einer Uhr. Die ersten Zeitangaben waren nicht numerisch, sondern konkret, so wie jedes früheste Zählen. Dennoch wird, wie wir wissen, ein Zahlensystem, das sich parallel zur Zeit entwickelt, ein separates, unveränderliches Prinzip. Die Abtrennungen im sozialen Leben – vor allem die Arbeitsteilung – scheinen alleine verantwortlich für die Zunahme entfremdender Konzeptualisierung zu sein.

Tatsächlich können zwei bedeutende mathematische Erfindungen, die Null und das Koordinatensystem, als kultureller Beweis für die Arbeitsteilung angesehen werden. Null und das Koordinatensystem bzw. die Position kamen unabhängig voneinander »gegen beachtlichen psychologischen Widerstand« in den Zivilisationen der Maya und der Hindu auf. Die Arbeitsteilung der Maya, die von einer enormen sozialen Schichtung (ganz abgesehen von einer notorische Obsession für Zeit und groß angelegten Menschenopfern durch eine mächtige Priesterklasse) begleitet wurde, ist ein anschaulich dokumentiertes Ereignis, während die Arbeitsteilung, die sich im indischen Kastensystem spiegelt, »die komplexeste ist, die die Welt vor der industriellen Revolution kannte«. (Coon 1954)

Die Erforderlichkeit von Arbeit (Marx) und die Erforderlichkeit von Verdrängung/Unterdrückung [repression] (Freud) tragen zur gleichen Sache bei: Zivilisation. Diese falschen Gebote wendeten die Menschheit von der Natur ab und legen Rechenschaft über eine Geschichte als eine »kontinuierlich verlängerte Chronik der Massenneurose« (Turner 1980) ab. Freud bewertet wissenschaftlich/mathematische Errungenschaften als höchsten Ausdruck der Zivilisation und dies scheint hinsichtlich der Funktion ihrer symbolischen Natur richtig zu ein. »Der neurotische Prozess ist der Preis, den wir für unser kostbarstes menschliches Erbe, nämlich unsere Fähigkeit Erfahrungen zu repräsentieren und unsere Gedanken mithilfe von Symbolen auszudrücken, bezahlen.«

Der Dreiklang aus Symbolisierung, Arbeit und Verdrängung/Unterdrückung findet in der Arbeitsteilung sein Funktionsprinzip. Deshalb wurde vor dem großen Anstieg der Arbeitsteilung und der neolithischen Revolution nur so wenig Fortschritt bei der Akzeptanz numerischer Werte erreicht: vom Essensammeln bis zu seiner tatsächlichen Produktion. Mit diesem massiven Umschwung wurde die Mathematik endgültig etabliert und notwendig. Tatsächlich wurde sie zu einer Kategorie der Existenz, nicht nur zu einem reinen Instrument.

Der Historiker Herodot aus dem fünften Jahrhundert vor Christus schrieb den Ursprung der Mathematik dem ägyptischen König Sesostris (1300 v. Chr.) zu, der das Land zu Zwecken der Besteuerung vermessen musste. Die systematisierte Mathematik – in diesem Fall die Geometrie, was wörtlich »Landvermessung« bedeutet – kam tatsächlich durch die Anforderungen der politischen Ökonomie auf, allerdings etwa 2000 Jahre vor Sesostris Ägypten. Der Nahrungsmittelüberschuss der neolithischen Zivilisation machte die Entstehung spezialisierter Klassen von Priestern und Verwaltern möglich, die etwa 3200 v. Chr. das Alphabet, die Mathematik, die Schrift und den Kalender erschufen. In Sumerien tauchten die ersten mathematischen Berechnungen zwischen 3500 und 3000 v. Chr. auf, in Form von Bestandsaufnahmen, Verkaufsurkunden, Verträgen und den zugehörigen Stückpreisen, bezahlten Mengen, Zinszahlungen, usw. Wie Bernal hervorhebt, »entstand die Mathematik oder zumindest die Arithmetik sogar vor der Schrift«. Die Zahlsymbole sind aller Wahrscheinlichkeit nach älter als alle andere Elemente der ältesten Formen der Schrift.

An diesem Punkt wird die Herrschaft über die Natur und Menschheit nicht nur durch Mathematik und Schrift signalisiert, sondern auch durch die von Mauern umgebene, mit Getreidelagern versehene Stadt, zusammen mit Krieg und menschlicher Sklaverei. »Soziale Arbeit« (Arbeitsteilung), die gleichzeitige, erzwungene Koordination verschiedener Arbeiter*innen wird von den alten, persönlichen Maßen vereitelt; Längen, Gewichte, Volumina müssen standardisiert werden. In dieser Standardisierung, eines der Kennzeichen von Zivilisation, gehen mathematische Exaktheit und spezialisierte Fähigkeiten miteinander Hand in Hand. Mathematik und Spezialisierung benötigten einander, entwickelten sich schnell und die Mathematik wurde selbst zu einer Spezialisierung. Die großen Handelsrouten, die den Triumph der Arbeitsteilung ausdrücken, verbreiteten die neuen, verfeinerten Techniken des Zählens, Messens und der Berechnung.

In Babylon erfanden zwischen 3000 und 2500 v. Chr. kaufmännische Mathematiker eine umfangreiche Arithmetik, deren System »als abstrakte Wissenschaft des Rechnens um 2000 v. Chr. vollständig ausdifferenziert war« (Brainerd 1979). In den folgenden Jahrhunderten erfanden die Babylonier sogar eine symbolische Algebra, auch wenn die babylonisch-ägyptische Mathematik allgemein als sehr empirisch gilt, im Vergleich zur viel späteren griechischen.

Für die Ägypter und Babylonier hatten mathematische Werte konkrete Referenten: Algebra war eine Hilfe für kaufmännische Transaktionen, ein Rechteck war ein Stück Land in einer bestimmten Form. Die Griechen jedoch versicherten explizit, dass sich die Geometrie mit Abstraktionen beschäftige, und diese Entwicklung spiegelt eine extreme Form der Arbeitsteilung und der sozialen Schichtung wider. Anders als die ägyptische und babylonische Gesellschaft verrichtete in Griechenland eine große Klasse an Sklav*innen alle produktive Arbeit, sowohl technische als auch ungelernte, so dass das Millieu der herrschenden Klasse, das die Mathematiker beinhaltete, praktische Betätigung oder Anwendung verachtete.

Pythagoras, mehr oder weniger der Gründer der griechischen Mathematik (6. Jahrhundert v. Chr.), dürckte diese exklusive Tendenz deutlich aus. Für ihn waren Zahlen unveränderlich und ewig. Indem er den platonischen Idealismus vorwegnahm, erklärte er, dass Zahlen der erkennbare Schlüssel zum Universum seien. Üblicherweise als „Alles ist Zahl“ wiedergegeben, vertrat die pythagoräische Philosophie, dass Zahlen buchstäblich existierten und quasi alles seien, das existiere.

Diese Form der mathematischen Philosophie mit der Extremität ihrer Suche nach Harmonie und Ordnung kann als eine tiefsitzende Angst vor Widerspruch oder Chaos betrachtet werden, als versteckte Bestätigung der massiven und möglicherweise labilen Verdrängung, die der griechischen Gesellschaft zugrunde lag. Ein künstliches, intellektuelles Leben, das so vollständig auf dem Überschuss beruhte, der von den Sklav*innen erzeugt wurde, gab sich große Mühe, die Sinne zu verleugnen, die Emotionen und die reale Welt. Griechische Skulpturen sind ein anderes Beispiel dafür, in ihrem abstrakten, ideologischen Konformismus, ohne jedes Gefühl oder eine Geschichte. Seine Figuren sind standardisierte Idealisierungen; die Parallele mit einem massiv übertriebenen Kult um Mathematik ist offensichtlich.

Die unabhängige Existenz der Ideen, was Platos Grundannahme ist, ist direkt von Pythagoras abgeleitet, ebenso wie seine ganze Theorie der Ideen aus dem besonderen Charakter der Mathematik entspringt. Geometrie ist eine geeignete Übung für einen körperlosen Intellekt, lehrte Plato, ganz im Geiste seiner Ansicht, dass die Realität eine Welt der Form ist, aus der die Materie in jeder relevanten Hinsicht verbannt ist. Der philosophische Idealismus wurde entsprechend aus dieser weltverleugnenden Verarmung geboren, basierend auf der Vorherrschaft des quantitativen Denkens. Wie C. I. Lewis beobachtete, »sind von Plato bis zum heutigen Tage alle großen epistemologischen Theorien von den begleitenden Vorstellungen der Mathematik dominiert oder vor ihrem Hintergrund formuliert«.

Es ist nicht weniger ein Versehen, dass Plato über die Tür seiner Akademie schrieb »Lasst nur Geometer eintreten«, als dass sein totalitärer Staat darauf beharrt, dass Jahre des mathematischen Trainings erforderlich seien, um die wichtigsten politischen und ethischen Fragen zu beantworten. Beständig hat er verneint, dass eine staatenlose Gesellschaft jemals existierte, indem er eine solche Vorstellung mit dem eines »Schweinestaates« identifizierte.

Durch die Systematisierung von Euklid im 3. Jahrhundert vor Christus, etwa ein Jahrhundert nach Plato, erreichte die Mathematik einen Höhepunkt, der beinahe zwei Jahrtausende lang unerreicht bleiben sollte; Der geistige Vordenker der sklavereibasierten und feudalen Gesellschaften, die folgten, war nicht Plato, sondern Aristoteles, der die vorherige, pythagoräische Reduktion der Wissenschaften auf die Mathematik kritisierte.

Die lange Nichtweiterentwicklung der Mathematik, die buchstäblich bis zum Ende der Renaissance andauerte, bleibt ein Rätsel. Aber der wachsende Handel begann die Kunst des Quantitativen im 12. und 13. Jahrhundert wiederzubeleben. Die unpersönliche Ordnung des Kontorhauses im neuen Handelskapitalismus veranschaulichte eine erneuerte Konzentration auf abstrakte Messung. Mumford betont die mathematischen Voraussetzungen einer späteren Mechanisierung und Stardardisierung; in der aufsteigenden Handelswelt »begann man Zahlen zu zählen und am Ende zählten nur noch Zahlen« (Mumford 1967).

Aber die Überzeugung der Renaissance, dass die Mathematik auf alle Künste angewendet werden solle (ganz zu schweigen von früheren und atypischen Vorläufern wie Roger Bacons Beitrag aus dem 13. Jahrhundert für eine strikt mathematische Optik), war ein milder Auftakt für den großen Triumph der Zahl im 17. Jahrhundert.

Auch wenn sie schon bald von anderen Fortschritten des 17. Jahrhunderts in den Schatten gestellt werden würden, enthüllten Johannes Kepler und Francis Bacon schon zu Beginn des Jahrhunderts seine beiden wichtigsten und eng verwandten Aspekte. Kepler, der den kopernikanischen Übergang zum heliozentrischen Modell vollendete, sah die reale Welt ausschließlich als aus quantitativen Unterschieden bestehend; ihre Unterschiede seien strikt die der Zahl. Bacon stellte in Das Neue Atlantis (ca. 1620) eine idealisierte wissenschaftliche Gemeinschaft dar, deren Hauptanliegen die Herrschaft über die Natur sei, oder wie Jaspers es ausdrückte, »Beherrschung der Natur … ›Wissen ist Macht‹, ist seit Bacon die Losung gewesen.«

Das Jahrhundert von Galileo und Descartes – beide herausragend unter denen, die all die vorherigen Formen der quantitativen Entfremdung vertieften und dadurch eine technologische Zukunft entwarfen – begann mit einem qualitativen Sprung in der Arbeitsteilung. Franz Borkenau lieferte den Schlüssel dafür, warum ein tiefgreifender Wandel in der westlichen Weltsicht im 17. Jahrhundert stattfand, ein Wandel hin zu einer fundamental mathematisch-mechanistischen Perspektive. Borkenau zufolge führte eine große Ausweitung der Arbeitsteilung beginnend ab etwa 1600 die Vorstellung von abstrakter Arbeit ein. Diese Verdinglichung der menschlichen Aktivität stellte sich als ausschlaggebend heraus.

Zusammen mit der Entwürdigung durch die Arbeit ist die Uhr die Basis des modernen Lebens, gleichermaßen »wissenschaftlich« in ihrer Reduktion des Lebens auf etwas Messbares durch die objektiven verdinglichten Einheiten der Zeit. Die zunehmend genauere und omnipräsentere Uhr erreichte im 17. Jahrhundert wahre Vorherrschaft, als entsprechend »die Meister der neuen Wissenschaften ein gieriges Interesse an horologischen Fragen entwickelten«.

Dementsprechend scheint es passend, Galileo vorzustellen, da dieser genau dieses starke Interesse an der Messung der Zeit hatte; seine Erfindung der ersten mechanischen Uhr basierend auf dem Prinzip des Pendels war zugleich ein passender Höhepunkt seiner langen Karriere. Ebenso wie eine zunehmend objektifizierte oder verdinglichte Zeit vielleicht auf höchster Ebene eine zunehmend entfremdete soziale Welt widerspiegelt, war es Galileos grundsätzliches Ziel, die Welt auf ein Objekt mathematischer Zergliederung zu reduzieren.

Einige Jahre vor dem 2. Weltkrieg und Auschwitz schrieb Husserl einen Text, in dem er die Ursprünge der gegenwärtigen Krise in dieser objektifizierenden Reduktion verortet und Galileo als einen ihrer Hauptverursacher benennt. Die Lebenswelt sei von der Wissenschaft genau so sehr »entwertet« worden, wie die »Mathematisierung der Natur«, die von Galileo begonnen worden war, vorangeschritten war – sicher keine geringfügige Anklage (Husserl 1970).

Ebenso wie für Kepler war die Mathematik auch für Galileo die »zugrundeliegende Grammatik des neuen philosophischen Diskurses, der die moderne wissenschaftliche Methode konstituierte«. Er drückte das Prinzip aus, »zu messen, was messbar ist und das, was es nicht ist, versuchen messbar zu machen«. Damit grub er die pythagoräisch-platonische Substitution der realen Welt durch eine Welt abstrakter mathematischer Beziehungen wieder aus, ebenso wie ihre Methode der absoluten Entsagung gegenüber dem Anspruch der Sinne, die Realität zu kennen. Indem er diese Abwendung von Qualitäten hin zu Quantitäten, diesen Kopfsprung in die Schattenwelt der Abstraktionen beobachtete, folgerte Husserl, dass die moderne mathematische Wissenschaft uns davon abhält, das Leben zu kennen, wie es ist. Und der Aufstieg der Wissenschaft hat immer mehr spezialisiertes Wissen befeuert, diesen überwältigenden und einsperrenden Fortschritt, der heute so wohlbekannt ist.

Collingwood nannte Galileo wegen des Erfolgs seines Diktums, das das Buch der Natur »in mathematischer Sprache geschrieben sei« und der Konsequenz, dass daher die »Mathematik die Sprache der Wissenschaft« sei, »den wahren Vater der modernen Wissenschaft«. Wegen dieser Trennung von der Natur folgerte Gillispie: »Nach Galileo kann die Wissenschaft nicht länger menschlich sein.«

Es erscheint äußerst passend, dass der Mathematiker, der Geometrie und Algebra zusammenführte, um die analytische Geometrie (1637) zu begründen und der, mit Pascal, als Erfinder der Infinitesimalrechnung gilt, die galileanische Mathematik zu einem neuen Denksystem formte. Die These, dass die Welt auf eine Art und Weise organisiert sei, dass es einen totalen Bruch zwischen den Menschen und der natürlichen Welt gäbe, was als totale und triumphale Weltsicht erdacht wurde, ist die Basis für Descartes Ruhm als Begründer der modernen Philosophie. Grundlage seines neuen Systems, das berühmte »cogito ergo sum« [dt. etwa »Ich denke, also bin ich«] ist die Zuweisung wissenschaftlicher Gewissheit über die Trennung zwischen Verstand und dem Rest der Realität.

Dieser Dualismus lieferte ein entfremdetes Mittel, um nur eine absolut objektifizierte Natur zu sehen. Im Diskurs über die Methode erklärte Descartes, dass es Ziel der Wissenschaft sei »uns zu den Herren und Besitzern der Natur zu machen«. Obwohl er ein frommer Christ war, erneuerte Descartes die Entfernung vom Leben, die ein bereits schwindender Gott nicht länger wirksam legitimieren konnte. Als das Christentum schwächer wurde, trat eine neue zentrale Ideologie der Entfremdung in den Vordergrund, die Ordnung und Herrschaft basierend auf der mathematischen Präzision garantierte.

Für Descartes war das materielle Universum eine Maschine, nichts weiter, ebenso wie Tiere »tatsächlich nichts anderes als Motoren, oder Materie, die in eine anhaltende und geordnete Bewegung gebracht wurde«, seien. Er sah den Kosmos selbst als ein gigantisches Uhrwerk, zu einem Zeitpunkt, als die Illusion, dass Zeit ein separater, autonomer Prozess ist, gerade Fuß fasste. Ebenso wie die lebendige, lebhafte Natur starb, wurde totes, lebloses Geld mit Leben ausgestattet, da das Kapital und der Markt die Eigenschaften von organischen Prozessen und Zyklen annahmen. Schließlich eliminierte Descartes mathematische Vision alle unordentlichen, chaotischen oder lebendigen Elemente und mündete in eine begleitende, mechanische Weltsicht, die gleichzeitig mit einer Tendenz hin zu zentralisierter Regierungskontrolle und der Konzentration der Macht in Form des modernen Nationalstaats verlief. »Die Rationalisierung der Verwaltung und der natürlichen Ordnung traten zeitgleich auf«, um es in Merchants Worten zu sagen. Die totale Ordnung der Mathematik und seiner mechanischen Philosophie der Realität erwiesen sich als unaufhaltsam; Zur Zeit von Descartes Tod im Jahre 1650 war sie buchstäblich zum offiziellen Bezugsrahmen des Denkens überall in Europa geworden.

Leibniz, beinahe ein Zeitgenosse, verfeinerte und erweiterte die Arbeit von Descartes; die »prästabilierte Harmonie«, die er in der Existenz sah, ist ebenso in der Linie des pythagoräischen Denkens. Diese mathematische Harmonie, die Leibniz durch den Verweis auf zwei unabhängige Uhren veranschaulichte, erinnert an sein Diktum: »Dagegen gibt es nichts, das der Zahl nicht unterworfen wäre..« Ebenso wie Galileo und Descartes war auch Leibniz stark am Entwurf von Uhren interessiert.

In der binären Arithmetik, die er entwickelte, rief er ein Bild der Schöpfung hervor; er stellte sich vor, dass Eins Gott repräsentiere und Null das Nichts, dass Eins und Null alle Zahlen und jede Schöpfung ausdrückten. Er strebte danach, das Denken mithilfe einer formalen Infinitesimalrechnung zu mechanisieren, ein Projekt, dass er zu optimistisch auf fünf Jahre ansetzte. Sein Unterfangen bestand darin, Antworten auf alles zu liefern, inklusive auf Fragen der Moral und Metaphysik. Trotz dieses Fehlschlags war Leibniz vermutlich der Erste, der eine Theorie der Mathematik auf dem Fakt basieren ließ, dass sie eine universelle symbolische Sprache ist; er war mit Sicherheit der »erste große moderne Denker, der um den wahren Charakter des mathematischen Symbolismus wusste«.

Der englische Royalist Hobbes vertiefte das quantitative Modell der Realität, indem er die menschliche Seele, den Willen, das Gehirn und Appetit auf Materie auf mechanische Bewegung reduzierte und damit direkt zur heutigen Vorstellung des Denkens als »Output« des Gehirns als ein Computer beitrug.

Die vollständige Objektifizierung der Zeit, die uns bis heute erhalten geblieben ist, wurde von Isaac Newton erreicht, der die Funktionsweise des galileanisch-kartesischen Uhrwerk-Universums abbildete. Als Produkt der massiv unterdrückten puritanischen Weltanschauung, die sich darauf fokussierte, sexuelle Energie in brutale Arbeit zu sublimieren, sprach Newton von absoluter Zeit, »die gleichförmig dahinfließt, ohne Rücksicht auf irgendetwas Externes«. Geboren im Jahr 1642, dem Jahr, in dem Galileo starb, krönte Newton die wissenschaftliche Revolution des 17. Jahrhunders, indem er eine vollständige mathematische Formel der Natur als eine perfekte Maschine, eine perfekte Uhr, entwickelte.

Whitehead urteilte, dass »sich die Geschichte der Wissenschaft des 17. Jahrhunderts liest, als sei sie ein lebhafter Traum von Plato oder Pythagoras«, weil er die überraschend ausgefeilte Art seines quantitativen Denkens bemerkt. Wieder lohnt es sich auf den Zusammenhang mit einem Sprung in der Arbeitsteilung hinzuweisen; wie Hill das mittsiebzehnte Jahrhundert Englands beschreibt, »begann eine bedeutende Spezialisierung einzusetzen. Die letzten Universalgebildeten starben aus …« Die Lieder und Tänze der Bauern starben langsam aus und in einer beinahe buchstäblichen Mathematisierung wurden die Allmenden [common lands] stillgelegt und geteilt.

Das Wissen über die Natur war bis zu dieser Zeit Teil der Philosophie gewesen; die beiden trennten sich, als das Konzept der Herrschaft über die Natur endgültig seine moderne Form erreichte. Die Zahl, die einst aus der Abspaltung von der Natur entstanden war, endete darin, sie zu beschreiben und zu beherrschen.

Fontenelles Vorbemerkung zur Nützlichkeit der Mathematik und Physik (1702) feierte die Zentralität der Quantifizierung für die gesamte Bandbreite menschlicher Empfindsamkeit und trug damit zur Verfestigung der Durchbrüche des vorherigen Jahrhunderts im 18. Jahrhundert bei. Und wo Descartes versichert hatte, dass Tiere keinen Schmerz empfinden könnten, weil sie seelenlos seien, und dass der Mensch nicht ganz eine Maschine sei, weil er eine Seele habe, ging LeMetrie 1747 einen Schritt weiter und machte den Menschen in seinem L’Homme Machine vollständig mechanisch.

Bachs immense Leistungen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts warfen ebenfalls Licht auf den Geist der Mathematik, die ein Jahrhundert zuvor entfesselt worden war und halfen, die Kultur gemäß dieses Geistes zu formen. Im Hinblick auf die eher abstrakte Musik Bachs wurde gesagt, dass er »durch die Mathematik zu Gott sprach« (LeShan & Morgenau 1982). Zu dieser Zeit verlor die individuelle Stimme ihre Unabhängigkeit und Töne wurden nicht länger als gesungen verstanden, sondern als mechanische Konzeption. Bach behandelte die Musik als eine Art Mathematik und brachte sie von der Bühne der Vokalpolyphonie auf die der instrumentellen Harmonie, immer basierend auf einer einzigen, autonomen Stimme, die von Instrumenten gespielt wurde anstatt auf irgendetwas Variablem mit menschlichen Stimmen.

Später im Jahrhundert behauptete Kant, dass in jeder beliebigen Theorie immer nur so viel wahre Wissenschaft stecke wie Mathematik und widmete einen beachtlichen Teil seiner Kritik der reinen Vernunft einer Analyse der ultimativen Prinzipien der Geometrie und Arithmetik.

Descartes und Leibnitz strebten danach eine mathematische Wissenschaftsmethode als paradigmatischen Weg des Wissens zu etablieren und sahen die Möglichkeit einer einzigen universellen Sprache auf Basis empirischer Symbole, die die gesamte Philosophie enthalten könnte. Die Denker der Aufklärung des 18. Jahrhunderts arbeiteten tatsächlich daran, dieses Projekt zu verwirklichen. Condillac, Rousseau und andere waren auch besonders an den Ursprüngen interessiert – zum Beispiel an den Ursprüngen der Sprache; Ihr Ziel, das menschliche Verständnis zu erfassen, indem sie Sprache auf ihr ultimatives, mathematisiertes symbolisches Level führen, machte sie unfähig zu sehen, dass der Ursprung jeder Symbolisierung Entfremdung ist.

Symmetrisches Pflügen ist beinahe so alt wie Landwirtschaft selbst, ein Mittel, um einer ansonsten ordnungswidrigen Welt Ordnung aufzuerlegen. Aber dass die Landschaft des Ackerbaus durch lineare Formen einer zunehmenden mathematischen Regelmäßigkeit unterworfen wurde – inklusive der Beliebtheit geometrischer Gärten –, kann als ein weiteres Zeichen der mathematischen Vorherrschaft im 18. Jahrhundert ermessen werden.

In den frühen 1800ern jedoch protestierten die romantischen Poet*innen und Künstler*innen unter anderen gegen die neue Vision der Natur als Maschine. Blake, Goethe und John Constable zum Beispiel klagten die Wissenschaft an, die Welt in ein Uhrwerk zu verwandeln, mit der industriellen Revolution im Rücken, die reichlich Beweise für ihre Macht lieferte, organisches Leben zu zerstören.

Die Entwürdigung der Arbeit unter Textilarbeitern, die die wütenden Aufstände der englischen Ludditen während des zweiten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts hervorriefen, wurde durch solche automatisierten und verbilligten Produkte wie jene des jacquardschen Webstuhl verkörpert. Dieses französische Gerät repräsentierte nicht nur die Mechanisierung des Lebens und der Arbeit, die von den Umschwüngen des 17. Jahrhunderts entfesselt worden war, sondern inspirierte auch direkt die ersten Versuche eines modernen Computers. Die Entwürfe von Charles Babbage enthielten anders als die von Leibniz und Descartes sowohl Speicher als auch Recheneinheiten unter der Kontrolle von Programmen wie Lochkarten. Man kann sagen, dass die Ziele des Mathematikers Babbage und des Erfinder-Industriellen J. M. Jacquard auf der gleichen rationalistischen Reduktion menschlicher Aktivität auf die Maschine fußten, wie sie mit Beginn des Industrialismus boomte. Ganz in diesem Sinne lag der Schwerpunkt von Babbages mathematischer Arbeit auf dem Bedürfnis nach einer verbesserten Notation, um den Prozess der Symbolisierung weiter voranzutreiben, und so trug sein Prinzipien der Ökonomie zur Entstehung des modernen Managements bei – und brachte ihm zeitgenössische Berühmtheit, weil er Londoner »Missstände« wie etwa Straßenmusiker anprangerte!

Parallel zum vollständigen Angriff des industriellen Kapitalismus und der außerordentlichen Beschleunigung der Arbeitsteilung, die er mit sich brachte, gab es markante Fortschritte in der mathematischen Entwicklung. Whitehead zufolge »machte die reine Mathematik während des 19. Jahrhunders bereits beinahe so viel Fortschritte wie während der vorangegangenen Jahrhunderte seit Pythagoras.«

Die nicht-euklidsche Geometrie von Bolyai, Lobachevski, Riemann und Klein muss ebenso erwähnt werden wie die moderne Algebra von Boole, die allgemein als die Grundlage der symbolischen Logik gilt. Boolsche Algebra machte eine neue Stufe des formalisierten Denkens möglich, während ihr Gründer über »das menschliche Gehirn … als Instrument der Eroberung und Herrschaft über die Mächte der umgebenden Natur« (Boole 1952) nachsann und dabei unbedacht die Überlegenheit, die der mathematisierte Kapitalismus in den Mitt-1800ern erlangt hatte widerspiegelte. (Obwohl der Spezialist von der herrschenden Kultur nur selten für seine »reine« Kreativität bemängelt wird, beobachtete Adorno gewandt, dass »die resolute Unkenntnis des Mathematikers die Verbindung zwischen Arbeitsteilung und ›Reinheit‹ bezeugt.«)

Wenn Mathematik verarmte Sprache ist, kann sie also als die gereifte Form dieses sterilen Zwangs betrachtet werden, der als formale Logik bekannt ist. Betrand Russell bestimmte tatsächlich, dass Mathematik und Logik eins geworden waren. Indem sie die unverlässliche, alltägliche Sprache verwarfen, glaubten Russell, Frege und andere, dass in der weiteren Degradierung und Reduktion der Sprache die wahre Hoffnung auf einen »Fortschritt in der Philosophie« läge.

Das Ziel eine Logik auf mathematischer Grundlage zu etablieren, war mit einer noch ambitionierteren Anstrengung gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbunden, der der Etablierung der Grundlagen der Mathematik selbst. Während der Kapitalismus damit fortfuhr, die Realität nach seinem eigenen Bilde neu zu definieren, und begierig wurde, seine Grundlagen zu sichern, dachte die »logische« Ebene der Mathematik im 19. und frühen 20. Jahrhundert, beflügelt von neuen Triumphen, dasselbe. David Hilberts Theorie des Formalismus, einer dieser Versuche Widersprüche oder Fehler zu verbannen, zielte explizit auf die Absicherung »der Staatsmacht der Mathematik für alle Zeiten vor allen ›Rebellionen‹«“ ab.

Unterdessen schien die Zahl auch ganz gut ohne die philosophischen Untermauerungen zurechtzukommen. Lord Kelvins Erklärung im späten 19. Jahrhundert, dass wir nichts wirklich wissen, außer wenn wir es messen, verriet ein überschwängliches Selbstvertrauen, ebenso wie Frederick Taylors wissenschaftliches Management dabei war, die Quantifizierungsfront der industriellen Verwaltung weiter in Richtung der Unterwerfung des Individuums unter die leblosen newtonschen Kategorien von Zeit und Raum zu führen.

Wo wir von letzterem sprechen. Capra hat behauptet, dass die Relativitätstheorie und die Quantenphysik, die zwischen 1905 und den späten 1920ern entwickelt wurden, »alle grundlegenden Konzepte der kartesischen Weltanschauung und der newtonschen Mechanik erschüttert« haben. Aber die Relativitätstheorie ist sicherlich ein mathematischer Formalismus und Einstein suchte nach einer vereinheitlichten Feldtheorie, indem er die Physik geometrisierte, so dass ein Erfolg es ihm ermöglicht hätte, wie Descartes zu sagen, dass seine gesamte Physik nichts anderes als Geometrie wäre. Dass das Messen von Zeit und Raum (oder »Raumzeit«) eine relative Angelegenheit ist, ändert kaum etwas daran, dass Messung der Kern des Ganzen ist. Im Herzen der Quantentheorie steht sicherlich die heisenbergsche Unschärferelation, die Quantifizierung nicht widerlegt, sondern eher die Grenzen der klassischen Physik auf eine ausgeklügelte mathematische Weise ausdrückt. Gillespie formulierte prägnant, dass die kartesisch-newtonsche Physik »eine Anwendung der euklidschen Geometrie auf den Raum, die allgemeine Relativitätstheorie eine Verräumlichung von Riemanns gekrümmter Geometrie und die Quantenmechanik eine Naturalisierung statistischer Wahrscheinlichkeit ist«. Noch prägnanter: »Die Natur ist sowohl vor als auch nach der Quantentheorie das, was mathematisch begriffen werden muss.«

Während der ersten drei Dekaden des 20. Jahrhunderts schreiten zudem die großen Versuche von Russell & Whitehead, Hilbert, et al., eine vollständig unproblematische Basis für das ganze Gedankengebäude der Mathematik zu bilden, auf die zuvor verwiesen wurde, mit großem Optimismus voran. Aber 1931 zerschmettert Kurt Gödel diese großen Hoffnungen mit seinem Unvollständigkeitssatz, der besagt, dass jedes symbolische System entweder vollständig sein kann oder in sich konsistent, aber nicht beides. Gödels vernichtender mathematischer Beweis dessen zeigte nicht nur die Grenzen axiomatischer Zahlensysteme, sondern macht auch einen Strich durch das Vorhaben die Natur durch irgendeine geschlossene, konsistente Sprache zu umfassen. Wenn es in einem Denksystem Theoreme oder Aussagen gibt, die innerhalb davon weder bewiesen noch widerlegt werden können, wenn es unmöglich ist, einen Beweis für die Konsistenz in der genutzten Sprache zu führen, wie Gödel und direkte Nachfolger wie Tarski und Church überzeugend argumentierten, »dann ist jedes System des Wissens über die Welt grundsätzlich unvollständig und muss es bleiben, ewig der überarbeitung unterworfen.« (Rucker 1982)

Morris Klines Mathematik: Der Verlust der Bestimmtheit erzählte von den »Katastrophen«, die die einst scheinbar unantastbare »Majestät der Mathematik« heimgesucht haben, und die hauptsächlich von Gödel stammen. Die Mathematik – wie die Sprache – wird dazu genutzt, die Welt und sich selbst zu beschreiben und scheitert an ihrer totalen Aufgabe auf die gleiche Weise, auf die auch der Kapitalismus sich nicht mit einer unangreifbaren Grundlage versehen kann. Weiter wurde die Mathematik dank Gödels Theorem nicht nur »als viel abstrakter und formaler als ursprünglich angenommen erkannt«, sondern es wurde auch offensichtlich, dass »die Ressourcen des menschlichen Verstandes nicht vollständig formalisiert wurden und das auch nie werden«. (Nagel & Newman 1958)

Aber wer könnte leugnen, dass die Quantität uns in der Praxis beherrscht, mit oder ohne definitive Absicherung ihrer theoretischen Grundlage? Die Hilflosigkeit der Menschen scheint direkt proportional zur Herrschaft der mathematischen Technologie über die Natur zu sein, oder wie Adorno es beschrieb, »die Unterwerfung der äußeren Natur ist nur in dem Maße erfolgreich, in dem es auch die Unterdrückung der inneren Natur ist.« Und mit Sicherheit nimmt das Verständnis dank des Markenzeichens der Zahl, die Arbeitsteilung, ab. Raymond Firth veranschaulichte versehentlich die Idiotie fortgeschrittener Spezialisierung, als er ein bedeutendes Thema kommentierte: »Die Behauptung, dass Symbole Wissensinstrumente sind, wirft epistemologische Fragen auf, für die Anthropolog*innen nicht ausgebildet sind.« Die Verbindung zu einer verbreiteteren Erniedrigung wird von Singh im Kontext einer immer weiter verfeinerten Arbeitsteilung und einem immer technisierteren Sozialleben gezogen, indem er bemerkt, dass »die Automatisierung von Berechnungen unmittelbar den Weg für die Automatisierung industrieller Operationen geebnet hat.“

Die gesteigerte Langeweile von computerisierter Büroarbeit ist die heute sehr sichtbare Manifestation von mathematisierter, mechanisierter Arbeit mit ihrer neo-tayloristischen Quantifizierung via elektrischen Bildschirmen, die die »Informationsexplosion« oder die »Informationsgesellschaft« verkünden. Informationsarbeit ist nun die hauptsächliche ökonomische Aktivität und Information die charakteristische Ware, was großteils das Kernkonzept von Shannons Informationstheorie der späten 1940er wiedergibt, in dem »die Produktion und die Übermittlung von Information quantitativ definiert werden kann«. (Feinstein 1958)

Von Wissen zu Informationen zu Daten bewegt sich die Mathematisierung weg von Bedeutung – was seine exakte Parallele in den Gefilden der »Ideen« (die ihrer Ziele und Inhalte beraubt werden) durch die Vorherrschaft des Strukturalismus findet. Die »globale Kommunikationsrevolution« ist ein anderes vielsagendes Phänomen, bei dem ein bedeutungsloser »Input« unmittelbar überall verfügbar ist, unter Menschen, die wie nie zuvor in Isolation voneinander leben.

Der Computer ist kühn in dieses spirituelle Vakuum getreten. 1950 antwortete Turing auf die Frage, ob Maschinen denken könnten: »Ich glaube, dass sich die Verwendung von Worten und die allgemein gelehrte Meinung bis zum Ende des Jahrhunderts so sehr verändert haben werden, dass man in der Lage dazu sein wird, von Maschinen als denkend zu sprechen, ohne zu erwarten, dass einem widersprochen wird.« Man beachte, dass seine Antwort nichts mit dem Zustand von Maschinen zu tun hat, sondern ausschließlich mit dem von Menschen. Entstanden aus dem Druck, das Leben mehr zu quantifizieren und maschinenartig zu machen, gibt es nun den Trend, Maschinen lebhafter zu machen.

Tatsächlich verkündeten in den Mittsechzigern einige prominente Stimmen bereits, dass der Unterschied zwischen Mensch und Maschine kurz davor stünde, aufgehoben zu werden – und sahen das als etwas Positives. Mazlish hatte dazu einen besonders eindeutigen Kommentar: »Die Menschheit steht an der Schwelle die Definitionslücke zwischen sich und Maschinen zu überbrücken … Wir können uns den Menschen nicht mehr ohne Maschine vorstellen … Wichtiger noch ist dieser Wandel … bedeutend für unsere harmonische Akzeptanz einer industrialisierten Welt.«

In den späten 1980ern hat das Denken die Maschine bereits so sehr vermenschlicht, dass Expert*innen für Künstliche Intelligenz wie Minsky nüchtern vom symbol-manipulierenden Gehirn als einem »Computer aus Fleisch« sprechen können. Hobbes aufgreifend, basiert die kognitive Psychologie in den Dekaden seit Turings Vorhersage 1950 beinahe vollständig auf dem komputationalen Modell des Denkens.

Heidegger hat gespürt, dass es eine inhärente Tendenz des westlichen Denkens gibt, mit der mathematischen Wissenschaft zu verschmelzen und sah die Wissenschaft als »unfähig den Geist aufrichtiger Erforschung zu erwecken, ja diesen tatsächlich kastrierend«. In einer Zeit, in der die Früchte der Wissenschaft drohen, das menschliche Leben insgesamt zu beenden, in der ein sterbender Kapitalismus in der Lage dazu zu sein scheint, alles mit sich zu reißen, sehen wir uns geneigter, die ursprüngliche Quelle des Albtraums erkunden zu wollen.

Wenn die Welt und ihr Denken (Lévi-Strauss und Chomsky kommen einer*m da sofort in den Sinn) einen Zustand erreicht, der zunehmend mathematisiert und leer ist (wo Computer weithin als empfindungsfähig und sogar als lebensfähig angepriesen werden), verlangen die Anfänge dieser trostlosen Reise, inklusive die Anfänge des Konzepts der Zahl, Verständnis. Es könnte sein, dass diese Erkundung unerlässlich ist, um uns und unsere Menschlichkeit zu retten.

 

Übersetzung aus dem Englischen: John Zerzan. Number: Its Origin and Evolution.

Landwirtschaft

Landwirtschaft, die unverzichtbare Grundlage der Zivilisation, gab es bereits, bevor Zeit, Sprache, Zahl und Kunst siegten. Als Verwirklichung der Entfremdung ist die Landwirtschaft der Siegeszug von Entfremdung und endgültiger Trennung zwischen Kultur und Natur und der Menschen voneinander.

Landwirtschaft ist die Geburt der Produktion und zwar mit all ihren wesentlichen Funktionen und ihrer Umformung des Lebens und des Bewusstseins. Das Land selbst wird zu einem Instrument der Produktion und die Spezies der Planeten zu ihren Objekten. Wild oder zahm, Unkraut oder Nutzpflanze zeugen von dieser Dualität, die den Geist unserer gesamten Existenz verkrüppelt, und relativ schnell den Despotismus, den Krieg und die Verelendung der entwickelten Zivilisation über diese langanhaltende frühere Einheit mit der Natur brachte. Der Gewaltmarsch der Zivilisation, den Adorno in der »Prämisse einer irrationalen Katastrophe zu Beginn der Geschichte« verortete, den Freud als »etwas, das der trotzenden Mehrheit aufgezwungen wurde«, empfand, in dem Stanley Diamind nur »Wehrpflichtige, keine Freiwilligen« fand, wurde durch die Landwirtschaft diktiert. Und Mircea Eliade lag richtig darin, ihr Aufkommen als »Aufstände und spirituelle Zusammenbrüche hervorrufend«, deren Tragweite der moderne Verstand nicht begreifen kann, bewertet zu haben. »Die menschliche Landschaft einebnen und standardisieren, ihre Unregelmäßigkeiten beseitigen und ihre Überraschungen bannen«, diese Worte von E. M. Cioran beschreiben die Logik der Landwirtschaft ausgezeichnet, das Ende des Lebens als vorrangig sinnliche Betätigung, die Verkörperung und der Erzeuger des vereinzelten Lebens. Künstlichkeit und Arbeit haben sich seit ihrer Begründung beständig vermehrt und sind als Kultur bekannt geworden: Durch die Domestizierung von Tieren und Pflanzen domestizierte sich der Mensch notwendigerweise selbst. Historisch ist die Zeit, ebenso wie die Landwirtschaft, keine zwangsläufige soziale Realität, sondern eine Auferlegung. Die Dimensionen der Zeit oder der Geschichte sind eine Funktion der Unterdrückung, deren Fundament die Produktion oder Landwirtschaft ist. Das Leben der Jäger*innen und Sammler*innen war antizeitlich in seiner gleichzeitigen und spontanen Offenheit; das bäuerliche Leben schaffte ein Gefühl für Zeit durch seine engstirnige schrittweise Arbeit, seine geregelte Routine. Als die nicht abgeschlossenen und vielfältigen Formen altsteinzeitlichen Lebens der buchstäblichen Einhegung der Landwirtschaft wichen, übernahm die Zeit die Macht und fuhr fort, den Charakter eines abgeschlossenen Raumes zu verbreiten. Formalisierte zeitliche Referenzpunkte – Zeremonien mit festen Daten, die Benamung von Tagen, usw. – sind für die Bestellung der Welt der Produktion unerlässlich; als Zeitplan der Produktion ist der Kalender wesentlich für die Zivilisation. Umgekehrt wäre nicht nur die industrielle Gesellschaft ohne Zeitpläne unmöglich, sondern das Ende der Landwirtschaft (der Basis jeder Produktion) wäre auch das Ende der historischen Zeit.

Repräsentation beginnt mit der Sprache, einem Mittel der Zügelung des Verlangens. Durch die Verschiebung von eigenständigen Bildern hin zu verbalen Symbolen wird das Leben reduziert und unter rigorose Kontrolle gebracht; jede direkte, unvermittelte Erfahrung wird von dieser höchsten Art symbolischen Ausdrucks, der Sprache, subsumiert. Sprache zerstückelt und organisiert die Realität, wie es Benjamin Whorf ausdrückt, und diese Aufspaltung der Natur, ein Aspekt von Grammatik, schafft die Grundlage für Landwirtschaft. Julian Jaynes folgert vielmehr, dass die neue linguistische Mentalität relativ direkt zur Landwirtschaft führte. Unbestreitbar ist die Auskristallisierung der Sprache in Schrift, verursacht vor allem von dem Bedürfnis landwirtschaftliche Transaktionen feszuhalten, ein Zeichen dafür, dass die Zivilisation begonnen hat. Im nicht kommodifizierten, egalitären Jäger*innen/Sammler*innen-Ethos, dessen Grundlage (wie so oft gesagt) das Teilen war, war die Zahl unerwünscht. Es gab keinen Grund Dinge zu quantifizieren, keinen Grund etwas Ganzes zu teilen. Dieses kulturelle Konzept setzte sich erst mit der Domestizierung von Tieren und Pflanzen flächendeckend durch. Zwei der Gründerväter der Zahl beweisen eindrücklich ihre Verknüpfung mit Trennung und Eigentum: Pythagoras, zentral für einen sehr einflussreichen religiösen Kult um die Zahl, und Euklid, Vater der Mathematik und Wissenschaft, der seine Geometrie entwickelte, um Felder zu Zwecken der Eigentümerschaft, Besteuerung und Sklavenarbeit zu vermessen. Eine der frühen Formen der Zivilisation, die Häuptlingsschaft, beinhaltet eine lineare Rangordnung, bei der jedem Mitglied ein exakter numerischer Platz zugewiesen wird. Schon bald folgte auf die unnatürliche Linerarität der Pflugkultur der unflexible 90-Grad-Gitternetzplan für selbst die ältesten Städte, die sich entwickelten. Ihre nachdrückliche Regelmäßigkeit stellt an sich eine repressive Ideologie dar. Die nun mit Zahlen versehene Kultur wird enger umgrenzt und leblos. Auch die Kunst betont in ihrer Beziehung zur Landwirtschaft beide Institutionen. Sie beginnt als ein Mittel, die Realität zu interpretieren und zu unterwerfen, die Natur zu rationalisieren und entspricht dem großen Wendepunkt, den die Landwirtschaft in ihren Grundzügen ausmacht. Die präneolithischen Höhlenmalereien beispielsweise sind lebendig und verwegen, eine dynamische Begeisterung für die tierische Anmut und Freiheit. Die neolithische Kunst der Bäuer*innen und Hirten jedoch versteift in stilisierten Formen; Franz Borkenau beschrieb ihre Töpfereien als »beschränkte, ängstliche Stümperei von Materialien und Formen«. Mit der Landwirtschaft verlor die Kunst ihre Vielfalt und wurde in geometrische Entwürfe standardisiert, die dazu neigten, in langweilige, sich wiederholende Muster auszuarten, eine perfekte Widerspiegelung des standardisierten, beengten und regelgeprägten Lebens. Und während es in der paläolithischen Kunst keinerlei Repräsentationen davon gab, wie Menschen andere Menschen töten, entwickelt sich in der neolithischen Periode eine Obsession für die Darstellung von Konfrontationen zwischen Menschen, und Kampfszenen werden üblich. Zeit, Sprache, Zahl, Kunst und all der Rest der Kultur, die der Landwirtschaft vorausgehen und zu ihr führen, basieren auf Symbolisierung. Ebenso wie Autonomie der Domestizierung und Selbstdomestizierung voranging, gehen das Rationale und das Soziale dem Symbolischen voraus. Die Produktion von Nahrungsmitteln, so wird es ewig und dankenswerterweise verkündet, »erlaubte die Entwicklung des kulturellen Potentials der menschlichen Spezies«. Aber wie verhält sich diese Tendenz gegenüber dem Symbolischen, gegenüber der Erarbeitung und Auferlegung beliebiger Formen? Es ist die wachsende Fähigkeit zur Objektifizierung, durch die das, was lebt, als Gegenstand verdinglicht wird. Symbole sind mehr als die Grundbausteine der Kultur, sie sind Auslesefilter, um uns von unseren Erfahrungen zu entfremden. Sie klassifizieren und reduzieren, »um die andernfalls beinahe untragbare Bürde, eine Erfahrung mit einer anderen zu verbinden, zu beseitigen«, um es in Leakey und Lewins beeindruckenden Worten zu sagen. Dadurch wird die Kultur vom Gebot der Umgestaltung und Unterwerfung der Natur beherrscht. Die künstliche Umgebung der Landwirtschaft erreichte diese ausschlaggebende Vermittlung durch den Symbolismus von Objekten, die zur Schaffung von Herrschaftsstrukturen manipuliert wurden. Denn es ist nicht nur die externe Natur, die unterworfen wird: Die Begegnung von Angesicht zu Angesicht des prä-landwirtschaftlichen Lebens selbst schränkte Herrschaft erheblich ein, während die Kultur sie ausbaut und legitimiert.Vermutlich wurden bereits während des paläolithischen Zeitalters Objekten und Ideen bestimmte Formen und Namen auf eine symbolisierende Art und Weise zugewiesen, allerdings auf eine wechselnde, unbeständige, vielleicht spielerische Art und Weise. Der Wille zu Gleichheit und Sicherheit, der sich in der Landwirtschaft beobachten lässt, bewirkte, dass die Symbole ebenso statisch und beständig wurden wie das bäuerliche Leben. Regularisierung, Regel-Strukturierung und technologische Ausdifferenzierung unter dem Banner der Arbeitsteilung wirken zusammen, um die Symbolisierung zu begründen und zu etablieren. Landwirtschaft vollendet die symbolische Veränderung und der Virus der Entfremdung hat das unverfälschte freie Leben bezwungen. Es ist der Sieg der kulturelle Kontrolle oder wie es der Anthropologe Marshall Sahlin ausdrückt: »Die Pro-Kopf-Menge an Arbeit wächst mit der Evolution von Kultur und die Pro-Kopf-Menge an Muße sinkt.«

Heute bevölkern die wenigen überlebenden Jäger*innen/Sammler*innen die am wenigsten »ökonomisch interessanten« Gebiete der Welt, in die die Landwirtschaft nicht vorgedrungen ist, so wie die Eislandschaften der Inuit oder die Wüste der australischen Aborigines. Und trotzdem lohnt sich die Verweigerung der landwirtschaftlichen Plackerei selbst in diesen nachteiligen Umgebungen. Die Hazda in Tansania, die philippinischen Tasaday, die !Kung von Botswana oder die !Kung San der Kalahari-Wüste – die Richard Lee eine mehrjährige, schwere Dürre mit Leichtigkeit überleben sieht, während benachbarte Bäuer*innen verhungerten – beweisen ebenfalls Holes und Flannerys Zusammenfassung, dass »keine Gruppe auf der Erde mehr Mußezeit zur Verfügung hat als Jäger*innen/Sammler*innen, die diese vorrangig mit Spielen, Plaudereien und Entspannung verbringen.« Service hat diesen Zustand richtigerweise auf »die besondere Einfachheit der Technologie und das Fehlen von Kontrolle über die Umwelt« solcher Gruppen zurückgeführt. Und doch waren einfache paläolithische Methoden auf ihre eigene Art und Weise »fortgeschritten«. Stell dir eine einfache Kochtechnik vor, wie das Dünsten von Essen durch heiße Steine in einer abgedeckten Grube; das ist sehr viel älter als jede Töpferware, Kessel oder Körbe und ist doch die gesündeste Art zu kochen, viel gesünder als Essen in Wasser zu kochen beispielsweise. Oder denke an die Herstellung solcher Steinwerkzeuge wie der langen und außerordentlich dünnen »Lorbeerblatt«-Messer, filigran abgeschlagen, aber stabil, die moderne industrielle Techniken nicht reproduzieren können. Der Jäger*innen/Sammler*innen-Lebensstil repräsentiert die erfolgreichste und beständigste Anpassung, die von der Menschheit je erreicht wurde. In den gelegentlichen prälandwirtschaftlichen Phänomenen wie dem intensiven Sammeln von Nahrung oder der systematischen Jagd einer einzelnen Spezies können Anzeichen eines bevorstehenden Zusammenbruchs einer genussvollen Art und Weise zu leben gesehen werde, die so lange beständig geblieben war, eben weil sie genussvoll war. Die »Armut und ganztägige Schinderei« der Landwirtschaft, um Clark zu zitieren, ist das Vehikel der Kultur, die nur in ihrem permanenten Ungleichgewicht »rational« ist und ihrem logischen Fortschreiten in Richtung immer größerer Zerstörung, wie unten dargelegt werden wird.

Auch wenn der Begriff Jäger*innen/Sammler*innen eigentlich umgedreht werden müsste (und von nicht wenigen zeitgenössischen Anthropolog*innen auch wurde), weil das Sammeln den bei weitem größeren Anteil für das Überleben ausmacht, zeigt die Natur des Jagens einen hervorstechenden Kontrast zur Domestizierung. Die Beziehung der*des Jäger*in zu dem gejagten Tier, das souverän und frei ist und als gleichwertig betrachtet wird, unterscheidet sich offensichtlich qualitativ von der der*des Bäuer*in oder Hirt*in zu dem versklavten Vieh, über das er absolut herrscht. Beweise für das Verlangen Ordnung zu schaffen oder zu unterwerfen können in den Zwangsriten und Unreinheits-Tabus der aufkeimenden Religion gefunden werden. Die letztendliche Unterwerfung der Welt, was Landwirtschaft ist, hat zumindest einen Teil ihrer Grundlagen dort, wo unklares Verhalten ausgeschlossen und Reinheit und Befleckung definiert und erzwungen werden. Lévi-Strauss definierte Religion als den Anthropomorphismus [1] der Natur; frühere Spiritualität nahm Anteil an der Natur und projizierte keine kulturellen Werte oder Eigenschaften auf sie. Die heiligen Mittel, durch die die Trennung vollzogen wurde, Rituale und Formalisierung, wurden zunehmend von den Aktivitäten des täglichen Lebens getrennt und unter die Kontrolle von Spezialist*innen wie Schamanen und Priestern gebracht, was eng mit Hierarchien und institutionalisierter Macht verbunden ist. Religion entsteht und legitimiert die Kultur mithilfe einer »höheren« Ordnung der Realität; sie wird ganz besonders in ihrer Funktion, die Solidarität der Gesellschaft aufrechtzuerhalten, von den unnatürlichen Forderungen der Landwirdschaft benötigt. In dem neolithischen Dorf Catal Hüyük im türkischen Anatolien wurde einer von drei Räumen zu rituellen Zwecken genutzt. Burkert zufolge können Pflügen und Säen als rituelle Entsagung betrachtet werden, einer Form der systematischen Unterdrückung, die von einem aufopfernden Element begleitet wird. Wo wir schon von Opfern sprechen: Das Töten domestizierter Tiere (oder gar Menschen) zu rituellen Zwecken ist in landwirtschaftlichen Gesellschaften allgegenwärtig und kann nur dort beobachtet werden. Einige der größten neolithischen Religionen versuchten oft eine symbolische Heilung des landwirtschaftlichen Bruchs mit der Natur durch die Mythologie von Mutter Erde, die – eigentlich ist es unnötig das zu sagen – natürlich nichts unternahm, um die verlorene Einheit wiederherzustellen. Fruchtbarkeitsmythen sind ebenfalls zentral; der ägyptische Osiris, die griechische Persephone, Baal von den Kanaaiten und Jesus aus dem neuen Testament sind Götter, deren Tod und Wiederauferstehung die Ausdauer der Erde bezeugen, ganz zu schweigen von der menschlichen Seele. Die ersten Tempel symbolisierten den Aufstieg von Kosmologien basierend auf einem Modell des Universums als eine Arena der Domestizierung oder eine Scheune, die im Gegenzug dazu dienten, die Unterdrückung menschlicher Autonomie zu rechtfertigen. Während die präzivilisierte Gesellschaft, wie Redfield schreibt, von »größtenteils unerklärten, aber beständig umgesetzten ethischen Konzeptionen zusammengehalten« wurde, entwickelte sich die Religion als ein Weg, Bürger zu kreieren und die moralische Ordnung unter öffentliche Verwaltung zu stellen.

Domestizierung beinhaltete die Einführung der Produktion, erheblich fortgeschrittene Arbeitsteilungen und die vollendeten Fundamente sozialer Schichtung. Das trug zu einer epochalen Veränderung sowohl des Charakters menschlicher Existenz als auch ihrer Entwicklung bei und trübte letztere mit immer größerer Gewalt und Arbeit. Entgegen des Mythos, dass Jäger*innen/Sammler*innen gewalttätig und aggressiv seien, zeigen jüngere Beweise übrigens, dass existierende Nicht-Bauern wie die Mbuti (»Pygmäen«), die von Turnbull studiert worden sind, offensichtlich selbst das Töten ohne jede aggressive Einstellung tun, sogar mit einer Art von Bedauern. Krieg und die Bildung jeder Zivilisation oder jedes Staates dagegen sind untrennbar miteinander verbunden.

Urvölker kämpften nicht um Gebiete, in denen unterschiedliche Gruppen in ihrem Sammeln und Jagen aufeinander getroffen sein mögen. »Territorial«kämpfe sind nicht einmal Teil der ethnografischen Literatur und es ist noch viel unwahrscheinlicher, dass diese in der Vorgeschichte aufgetaucht wären, als die Ressourcen größer waren und es keine Kontakte mit der Zivilisation gegeben hat. Tatsächlich hatten diese Stämme keine Vorstellung von Privateigentum, und Rousseaus metaphorisches Urteil, dass die geteilte Gesellschaft von denjenigen begründet wurde, die als erstes ein Stück Land bestellt hätten und gesagt hätten »Dieses Land gehört mir« und andere gefunden hätten, die ihnen glaubten, ist essentiell richtig. »Mein und Dein, die Saat allen Unheils, sind ihnen nicht bekannt«, kann man in einer Erzählung von Pietro aus dem Jahre 1511 lesen, die von den Ureinwohner*innen bei Kolumbus zweiter Seereise handelt. Jahrhunderte später fragen überlebende Ureinwohner*innen Amerikas, »Die Erde verkaufen? Warum nicht auch die Luft, die Wolken und das Meer?« Landwirtschaft schafft und überhöht Besitztümer; betrachte die Sehnsucht nach Eigentum, als ob dieses jemals den Verlust kompensiert hätte. Arbeit als eine eigenständige Kategorie des Lebens existierte vor der Landwirtschaft vermutlich nicht. Die menschliche Rolle an Felder und Herden gebunden zu sein, übertrug sich recht schnell. Die Nahrungsmittelproduktion überwand die allgemeine Abwesenheit oder Armut an Ritualen und Hierarchien in der Gesellschaft und schuf zivilisierte Tätigkeiten wie die Zwangsarbeit des Tempelbauens. Hier liegt die wirkliche »kartesische Trennung« zwischen innerer und äußerer Realität, der Trennung, durch die die Natur zu etwas verkam, das bloß »bearbeitet« wurde. Auf dieser Grundlage einer sesshaften und sklavischen Existenz basiert der gesamte Überbau der Zivilisation mit ihrer wachsenden Unterdrückung. Männliche Gewalt gegenüber Frauen entstand mit der Landwirtschaft, die Frauen in Lasttiere und Züchterinnen für Kinder verwandelte. Vor der Landwirtschaft galt die Gleichheit des nahrungssuchenden Lebens »ebenso für Frauen wie für Männer«, urteilte Eleanor Leacock, aufgrund der Unabhängigkeit von Aufgaben und der Tatsache, dass Entscheidungen von denjenigen getroffen wurden, die diese auch ausführten. In Abwesenheit der Produktion und ohne eine Sklavenarbeit, die für Kinderarbeit geeignet war, wie etwa Unkrautjäten, wurden Frauen nicht die beschwerliche Hausarbeit oder die beständige Versorgung von Säuglingen überlassen. Gemeinsam mit dem Fluch beständiger Arbeit durch die Landwirtschaft sagte Gott bei der Verbannung aus dem Garten Eden zur Frau: »Ich werde dein Leiden und deine Empfängnis erheblich vergrößern; In Schmerzen sollst du Kinder zur Welt bringen; Und du sollst dem Verlangen deines Ehemannes dienen und er soll über dich herrschen.« Ähnlich sehen auch die ältesten bekannten kodifizierten Gesetze, die des sumerischen Königs Ur-Namu, den Tod für Frauen vor, die ihr Verlangen außerhalb der Ehe befriedigten. Entsprechend spricht Whyte vom Stand, den die Frauen »im Verhältnis zu Männern verloren, als die Menschen erstmals einen einfachen Jäger*innen/Sammler*innen-Lebensstil aufgaben« und Simone de Beauvoir sah in der kulturellen Gleichsetzung von Pflug und Phallus ein geeignetes Symbol für die Unterdrückung der Frau.

Ebenso wie wilde Tiere in träge Fleischproduktionsmaschinen verwandelt werden, ist auch das Konzept des »Kultiviert«-Werdens eine Tugend, die den Menschen aufgezwungen wird, die das Unkrautjäten der Freiheit aus der eigenen Natur im Dienste der Domestizierung und Ausbeutung meint. In Sumer, der ersten Zivilisation, hatten die ersten Städte Fabriken mit ihrem charakteristischen hohen Organisationsgrad und der Brechung von Fähigkeiten, wie Rice betont. Von diesem Moment an fordert die Zivilisation menschliche Arbeit und die Massenproduktion von Nahrung, Gebäuden, Krieg und Autoritäten ein. Für die Griechen war Arbeit nichts als ein Fluch. Ihr Name dafür – Ponos – hat die gleiche Herkunft wie das lateinische poena, was so viel wie Leid bedeutet. Der berühmte alttestamentarische Fluch der Landwirtschaft als die Verbannung aus dem Paradies (Genesis 3:17-18) erinnert uns an die Ursprünge der Arbeit. »Konformität, Wiederholung und Geduld waren die Schlüsselelement dieser [neolithischen] Kultur […] der langmütigen Fähigkeit zur Arbeit«, schreibt Mumford. In dieser Monotomie und Passivität der Pflege und des Wartens werden gemäß Pail Shepard die »tiefsitzenden, latenten Ressentiments, die krude Mischung aus Rechtschaffenheit und Schwerfälligkeit und der Mangel an Humor« des Bauern geboren. Man mag ebenso eine stoische Gefühllosigkeit und das Fehlen von Vorstellungskraft, unzertrennlich verbunden mit religiösem Glauben, Verdrossenheit und Misstrauen ergänzen als Teil der Charakterzüge, die vor allem dem domestizierenten Leben der Landwirtschaft zugeschrieben werden.

Auch wenn die Nahrungsmittelproduktion schon von Natur aus eine latente Bereitschaft für politische Herrschaft beinhaltet und obwohl die zivilisierende Kultur von Beginn an ihre eigene Propagandamaschinerie war, brachte der Übergang einen gewaltigen Kampf mit sich. Fredy Perlmans Against His-story, Against Leviathan! ist darüber konkurrenzlos, es erweitert Tonybees Behandlung des »inneren« und »äußeren Proletariats« um das Unbehagen innerhalb und außerhalb der Zivilisation. Nichtsdestotrotz findet während der Entwicklung vom Grabstock-Ackerbau über Pflug-Landwirtschaft bis hin zu ausdifferenzierten Bewässerungssystemen notwendigerweise ein beinahe absoluter Genozid an Sammler*innen und Jäger*innen statt.

Die Erzielung und Lagerung von Überschüssen sind Teil des domestizierenden Willens, zu kontrollieren und etwas statisch zu machen, was ein Aspekt der Tendenz ist zu symbolisieren. Als Bollwerk gegen den Lauf der Natur nimmt Überschuss die Form von Tierherden und Kornspeichern an. Gelagertes Getreide war das erste Medium der Äquivalenz, die älteste Form von Kapital. Nur durch das Aufkommen von Wohlstand in Form von lagerbarem Getreide kann die Einteilung der Arbeit und in soziale Klassen fortgesetzt werden. Obwohl es mit Sicherheit wildes Getreide vor all dem gab (wobei wilder Weizen übrigens aus 24 Prozent Proteinen besteht, statt aus 12 Prozent wie domestizierter Weizen), machte der Einfluss der Kultur den entscheidenden Unterschied. Die Zivilisation und ihre Städte beruhten ebensosehr auf Getreidespeichern wie auf Symbolisierung. Das Mysterium der Ursprünge der Landwirtschaft erscheint umso undurchdringlicher im Lichte der jüngsten Widerlegung lange verbreiteter Auffassungen, dass die vorangehende Ära eine der Feindschaft zur Natur und des Mangels an Muße war. »Man kann nicht mehr länger annehmen«, schreibt Arme, »dass die frühen Menschen Pflanzen und Tiere domestizierten, um Schinderei und Hunger zu entfliehen. Wenn überhaupt, dann ist das Gegenteil der Fall und der Beginn der Landwirtschaft setzte der Unschuld ein Ende.« Lange Zeit war die Frage gewesen, »Warum wurde die Landwirtschaft nicht viel früher in der menschlichen Evolution angenommen?« Heute wissen wir, dass die Landwirtschaft »weder einfacher ist als Jagen und Sammeln, noch eine qualitativere, schmackhaftere oder sichere Nahrungsmittelbasis bietet«, um es in Cohens Worten zu sagen. Daher lautet die allseitige Frage nun, »Warum hat sie sich überhaupt durchgesetzt?«

Dazu wurden viele Theorien aufgestellt, aber keine ist überzeugend. Childe et al. argumentieren, dass ein Anstieg der Bevölkerung die menschlichen Gemeinschaften in engeren Kontakt mit anderen Spezies brachte, was zu Domestizierung führte und zur Notwendigkeit zu produzieren, um die zusätzlichen Mäuler zu stopfen. Aber es wurde recht eindeutig bewiesen, dass das Bevölkerungswachstum der Landwirtschaft nicht voranging, sondern von ihr verursacht wurde. »Ich sehe nirgendwo auf der Welt irgendeinen Beweis«, folgerte Flannery, »der nahelegt, dass der Bevölkerungsdruck verantwortlichfür den Beginn der Landwirtschaft war.« Eine andere Theorie besagt, dass die größeren klimatischen Veränderungen, die gegen Ende des Pleistozens, vor rund 11.000 Jahren, das alte Jäger*innen/Sammler*innen-Leben umwarfen und direkt zu der Kultivierung bestimmter Grundnahrungsmittel für das Überleben führten. Jüngere Datierungsmethoden haben diesen Ansatz gesprengt; Es hat keine solche klimatische Veränderung gegeben, die diese neue Lebensweise erforderlich gemacht hätte. Nebenbei bemerkt gibt es eine Menge an Beispielen dafür, dass Landwirtschaft in jeder Art von Klima übernommen – oder verweigert – wurde. Eine weitere bedeutende Hypothese ist, dass Landwirtschaft durch eine Zufallsentdeckung oder -erfindung eingeführt wurde, als ob es den Spezies vor einem bestimmten Zeitpunkt niemals bekannt gewesen wäre, dass beispielsweise Nahrung aus gekeimten Samen wächst. Es scheint gesichert zu sein, dass die paläolithische Menschheit ein geradezu unerschöpfliches Wissen über die Flora und Fauna besaß, schon viele zehntausende Jahre, bevor die Kultivierung von Pflanzen begann, was diese Theorie ganz besonders schwach dastehen lässt. Es genügt tatsächlich die Zustimmung zu Carl Sauers Zusammenfassung, dass »Landwirtschaft nicht aus einer wachsenden oder chronischen Nahrungsmittelknappheit entstand«, um buchstäblich alle originären Theorien, die entwickelt wurden, abzulehnen. Eine überbleibende Idee, die von Hahn, Isaac und anderen formuliert wird, behauptet, dass die Nahrungsmittelproduktion vor allem als religiöse Handlung begann. Diese Hypothese kommt der Plausibilität am nächsten.

Die ersten Tiere, die domestiziert wurden, waren Schafe und Ziegen, von denen man auch weiß, dass sie breitflächig in religiösen Zeremonien eingesetzt wurden und zu Opferzwecken auf eingezäunten Weiden aufgezogen wurden. Bevor sie domestiziert wurden, war die Wolle der Schafe zudem nicht zur Herstellung von Textilien geeignet. Der hauptsächliche Gebrauch von Hennen im Südosten Asiens und dem östlichen Mittelmeerraum – den frühesten Zentren der Zivilisation – »schien« Darby zufolge »vielmehr in Opfern und Prophezeiungen zu liegen, als zur Nahrung.« Sauer ergänzt, dass das »Eierlegen und die Fleisch produzierenden Fähigkeiten« von gezähmtem Geflügel »relativ späte Konsequenzen ihrer Domestizierung sind«. Wilde Rinder waren stürmisch und gefährlich; weder die Fügsamkeit von Ochsen noch das veränderte Fleischgewebe solcher Kastrierter konnten vorhergesehen werden. Rinder wurden erst Jahrhunderte nach ihrer ursprünglichen Gefangennahme gemolken und Repräsentationen weisen darauf hin, dass ihre ersten bekannten Anschirrungen vor Wägen in religiösen Prozessionenen stattfanden. Pflanzen, die als nächstes kontrolliert werden würden, weisen, soweit das bekannt ist, ähnliche Hintergründe auf. Man denke an das Beispiele aus der Neuen Welt vom Kürbis, der ursprünglich als zeremonielle Rassel verwendet wurde. Johannessen diskutierte die religiösen und mystischen Motive, die mit der Domestizierung von Mais verbunden sind, der wichtigsten Nutzpflanze Mexikos und dem Zentrum seiner einheimischen, neolithischen Religion. Ebenso untersuchte Anderson die Auswahl und Entwicklung bestimmter Arten verschiedener kultivierter Pflanzen aufgrund ihrer magischen Bedeutung. Die Schamanen, das sollte ich dazu sagen, befanden sich in Machtpositionen, die es ihnen erlaubten, die Landwirtschaft mithilfe der Zähmungen und Anpflanzungen, die in Ritualen und Religionen stattfanden, wie oben skizziert wurde, einzuführen. Auch wenn die religiöse Erklärung der Ursprünge der Landwirtschaft etwas Übersehenes ist, bringt sie uns meiner Meinung nach zur Schwelle einer wirklichen Erklärung der Geburt der Produktion: dieser irrationalen kulturellen Kraft der Entfremdung, die sich in Form von Zeit, Sprache, Zahl und Kunst ausbreitete und schließlich das materielle und psychische Leben durch die Landwirtschaft kolonisierten. »Religion« ist eine zu enge und zu konzeptionalisierte Vorstellung dieser Ansteckung und ihres Wachstums. Herrschaft ist zu schwerwiegend, zu allumfassend, um nur von der Pathologie der Religion übertragen zu werden.

Aber die kulturellen Werte der Kontrolle und Einheitlichkeit, die Teil der Religion sind, sind mit Sicherheit Teil der Landwirtschaft und zwar von Beginn an. Indem er bemerkt, dass sich bestimmte Stämme von Mais sehr leicht kreuzen lassen, studiert Anderson die äußerst primitiven Landwirte von Assam, dem Naga-Stamm, und ihre Maissorte, die von Pflanze zu Pflanze keinerlei Unterschiede aufweist. Er zeigt, dass die Naga ihre Sorte gemäß der Kultur »nur durch ein fanatisches Festhalten an einem idealen Typus« seit Beginn der Produktion so unverfälscht gehalten haben. Das versinnbildlicht die Heirat von Kultur und Produktion in der Domestizierung und ihren unausweichlichen Nachwuchs, die Unterdrückung und Arbeit.

Die gewissenhafte Pflege bestimmter Pflanzenarten hat ihre Parallele in der Domestizierung von Tieren, die ebenso der natürlichen Selektion trotzt und die kontrollierbare organische Welt auf einer entwürdigten künstlichen Ebene wiederherstellt. Wie Pflanzen sind auch Tiere bloße Dinge, die manipuliert werden; Eine Milchkuh beispielsweise wird als eine Art Maschine betrachtet, die Gras in Milch verwandelt. Von einem Zustand der Freiheit in den von hilflosen Parasiten verwandelt, werden diese Tiere für ihr Überleben vollständig vom Menschen abhängig. Bei domestizierten Säugetieren beispielsweise, von denen Exemplare produziert werden, die mehr Energie auf ihr Wachstum verwenden und weniger auf ihre Aktivität, nimmt die Größe des Gehirns relativ ab. Friedlich und bevormundet, vielleicht versinnbildlicht durch das Schaf, das am meisten domestizierte Herdentier; die beachtliche Intelligenz wilder Schafe ist in ihren gezähmten Gegenstücken vollständig verloren gegangen. Die sozialen Beziehungen unter Haustieren sind auf die absoluten Grundzüge reduziert. Nichtreproduktive Teile des Lebenszyklus werden auf ein Minimum reduziert, das Balzverhalten wird gestutzt und selbst die Fähigkeit des Tieres, seine eigene Spezies zu erkennen, wird gestört. Landwirtschaft schuf auch das Potenzial für rapide Umweltzerstörung und die Herrschaft über die Natur begann schon bald den grünen Mantel, der die Geburtsstätten der Zivilisation umgab, in unfruchtbare und unbelebte Gebiete zu verwandeln. »Ganze Regionen haben ihr Aussehen vollständig verändert«, bewertet Zeiner, »immer zu scheinbar trockeneren Bedingungen, seit Beginns des Neolithikums.« Wüsten bedecken nun die meisten der Gebiete, in denen die Hochzivilisationen einst aufblühten und es gibt viele historische Beweise dafür, dass diese frühen Bildungen ihre Umwelt zerstört haben.

Überall im Mittelmeerraum und im angrenzenden Nahen Osten und Asien hat die Landwirtschaft üppige und wirtliche Ländereien in erschöpfte, trockene und steinige Gebiete verwandelt. In den Kritias beschreibt Plato Attika als »ein von der Krankheit dahingerafftes Skelett« und bezieht sich dabei auf die Abholzung der Wälder Griechenlands und vergleicht es mit seinem früheren Reichtum. Das Abgrasen durch Ziegen und Schafe, die ersten domestizierten Wiederkäuer, war ein wesentlicher Faktor in der Entblößung Griechenlands, Libanons und Nordafrikas und der Versteppung der römischen und mesopotamischen Imperien. Ein anderer, direkterer Einfluss der Landwirtschaft, der in den letzten Jahren zunehmend ans Licht gebracht wurde, betraf das physische Wohlbefinden seiner Subjekte. Die Forschung von Lee und Devore zeigt, dass »die Ernährung von sammelnden Stämmen bei weitem besser war als die der Landwirte, dass Hungersnöte selten waren, dass ihre Gesundheit allgemein besser war und dass es ein geringeres Vorkommen von chronischen Krankheiten gibt.« Umgekehrt fasste Farb zusammen, dass »die Produktion eine schlechtere Ernährung basierend auf einer beschränkten Anzahl an Nahrungsmitteln bietet, aufgrund von Schädlingsbefall und den Launen des Wetters viel weniger verlässlich und bei weitem kostenintensiver im Hinblick auf die benötigte menschliche Arbeit ist.«

Das neue Feld der Paläopathologie kommt sogar zu noch empathischeren Schlussfolgerungen, indem es wie Angel die »starke Abnahme im Wachstum und der Ernährung« betont, »der vom Übergang vom Essensammeln zur Essensproduktion verursacht wurde.« Frühere Erkenntnisse hinsichtlich der Lebensdauer wurden ebenfalls revidiert. Obwohl Augenzeugenberichte von Spanier*innen aus dem sechzehnten Jahrhundert existierten, die davon berichteten, dass die indigenen Väter Floridas die Geburt der fünften Generation nach ihnen erlebten, bevor sie verstarben, wurde lange davon ausgegangen, dass primitive Menschen in ihren 30ern oder 40ern starben. Robson, Boyden und andere haben die Verwirrung über die Lebenserwartung vertrieben und entdeckt, dass zeitgenössische Jäger*innen/Sammler*innen, abgesehen von Verletzungen und schwerwiegenden Erkrankungen, oft länger leben, als ihre zivilisierten Zeitgenoss*innen. Während des industriellen Zeitalters vor nur kurzer Zeit verlängerte sich erst die Lebensdauer der Spezies und es ist nun weitläufig anerkannt, dass Menschen im Paläolithikum langlebige Tiere waren, wenn erst einmal bestimmte Risiken überwunden worden waren. DeVries liegt mit seiner Beurteilung richtig, dass sich die Lebenserwartung bei Kontakt mit der Zivilisation dramatisch verringerte. »Tuberkulose und Durchfallerkrankungen mussten auf den Aufstieg der Landwirtschaft warten, Masern und Beulenpest auf das Aufkommen großer Städte«, schrieb Jared Diamond. Malaria, vermutlich die bei weitem häufigste Todesursache von Menschen, und so gut wie alle anderen Infektionskrankheiten sind das Erbe der Landwirtschaft. Ernährungs- und Degenerationskrankheiten im Allgemeinen treten mit der Herrschaft von Domestizierung und Kultur auf. Krebs, Koronarthrombose, Anämie, Zahnkaries und Geisteskrankheiten sind nur einige Gütesiegel der Landwirtschaft; zuvor gebaren Frauen ohne Schwierigkeiten unter nur wenigen oder keinen Schmerzen. Die menschlichen Sinne waren bei weitem ausgeprägter. R. H. Post berichtete, dass die !Kung San eine Einpropellermaschine aus 70 Meilen Entfernung hören konnten und viele von ihnen mit bloßem Auge vier Monde des Jupiters ausmachen konnten. Die zusammenfassende Beurteilung von Harris und Ross ist, dass »die allgemeine Abnahme in der Qualität und vermutlich auch in der Länge des menschlichen Lebens bei Landwirt*innen verglichen mit früheren Jäger*innen/Sammler*innen-Gruppen« nicht genug betont werden kann.

Es ist eine der beständigsten und universellsten Vorstellungen, dass es einst ein Goldenes Zeitalter der Unschuld gegeben haben muss, bevor die Geschichte begann. Hesiod beispielsweise bezog sich auf die »lebenserhaltende Erde, die ihre reichen Früchte ohne die Bestechung durch Schufterei hergegeben hat«. Eden war ganz klar das Zuhause der Jäger*innen/Sammler*innen und die Sehnsucht, die durch die historischen Bilder vom Paradies ausgedrückt wird, muss die desillusionierter Ackerbauern der Erde gewesen sein, nach einem verlorenen Leben der Freiheit und relativen Leichtigkeit.

Die Geschichte der Zivilisation zeugt von der zunehmenden Entfernung der Natur von der menschlichen Erfahrung, die teilweise durch die Verringerung der Nahrungsmittel veranschaulicht wird. Gemäß Rooney haben prähistorische Stämme mehr als 1500 Spezies wilder Pflanzen zur Nahrung gehabt, wohingegen »alle Zivilisationen«, wie uns Wenke erinnert, »auf der Kultivierung von mehr oder weniger nur sechs Pflanzenarten basierten: Weizen, Gerste, Hirse, Reis, Mais und Kartoffeln.« Es ist eine auffallende Wahrheit, dass über die Jahrhunderte »die Anzahl verschiedener essbarer Nahrungsmittel, die tatsächlich gegessen werden«, wie Pyke hervorhebt, »kontinuierlich abgenommen hat.« Die Weltbevölkerung ist für den Großteil ihrer Ernährung heute von bloß rund 20 Pflanzengattungen abhängig, während deren natürlichen Stämme durch künstliche Hybride ersetzt werden und der Genpool dieser Pflanzen immer kleiner wird.

Die Vielfalt an Nahrungsmitteln neigt dazu zu verschwinden oder abzuflachen, wenn sich die Menge produzierter Lebensmittel erhöht. Heute werden dieselben Lebensmittelprodukte weltweit verteilt, sodass Inuit und ein*e Afrikaner*in schon bald das gleiche, in Wisconsin hergestellte Milchpulver verzehren werden oder die gleichen Fischstäbchen aus einer einzigen Fabrik in Schweden. Wenige multinationale Konzerne, so wie Unilever, der weltweit größte Nahrungsmittelproduzent, stehen einem hochvernetzten Produktionssystem vor, dessen Anliegen es nicht ist, zu ernähren oder auch nur zu füttern, sondern der Welt einen immer zunehmenden Konsum fabrizierter verarbeiteter Produkte aufzuzwingen.

Als Descartes das Prinzip ausdrückte, dass die vollste Ausbeutung der Materie zu jedem beliebigen Zweck die ganze Pflicht des Menschen sei, war unsere Trennung von der Natur so gut wie abgeschlossen und der Weg für die industrielle Revolution war bereitet. Dreihundertfünfzig Jahre später hallte dieser Geist in der Person Jean Vorsts wieder, dem Museumsdirektor des französischen Museums für Naturgeschichte, der betonte, dass unsere Spezies »wegen ihres Intellekts« nicht wieder unter einen bestimmten Grenzwert der Zivilisation fallen könne und wieder zu einem Teil des natürlichen Habitats werden. Er fuhr fort, indem er perfekt den ursprünglichen und standhaften Imperialismus der Landwirtschaft ausdrückte, »Da die Erde in ihrem primitiven Zustand nicht für unsere Expansion geeignet ist, muss der Mensch sie in Ketten legen, um die menschliche Bestimmung zu erfüllen.« Die frühen Fabriken ahmten das landwirtschaftliche Modell geradezu nach, und wiesen damit erneut darauf hin, dass die Landwirtschaft der Ausgangspunkt aller Massenproduktion ist. Die natürliche Welt muss gebrochen und zur Arbeit gezwungen werden. Man denkt an die mittelamerikanischen Prärien, in denen die Siedler*innen sechs Ochsen ins Joch spannen mussten, um die Erde das erste Mal durchzupflügen. Oder an eine Szene aus den 1870ern aus Der Octopus von Frank Norris, in dem Gruppen-Pflüge wie »eine große Kolonne Feld-Atillerie« durch das San Jaquin Valley gefahren wurden und dabei 175 Furchen auf einmal gruben. Heute wird das, was vom Organischen übrig geblieben ist, unter der Schirmherrschaft weniger petrochemischer Unternehmen mechanisiert. Ihre Kunstdünger, Pestizide, Herbizide und ihr beinahes Monopol auf das weltweite Saatgut definieren eine totale Umwelt, die die Nahrungsproduktion vom Anpflanzen bis zum Verzehr umfasst. Auch wenn Lévi-Strauss richtig damit liegt, dass die »Zivilisation Monokulturen wie Zuckerrüben produziert«, hat seit dem zweiten Weltkrieg eine vollständig synthetische Ausrichtung die Vorherrschaft übernommen.

Landwirtschaft entnimmt der Erde mehr organisches Material, als sie ihr wieder zurückgibt und Erderosionen gehen grundsätzlich mit den jahrelangen Monokulturen einher. Letztere werden dem Land mit verheerenden Folgen aufgedrückt; Neben Baumwolle und Sojabohnen ist auch Mais, der in der derzeitigen domestizierten Form hinsichtlich seiner Existenz absolut abhängig von der Landwirtschaft ist, besonders verheerend. J. Russell Smith nannte ihn »den Tod der Kontinente […] und einer der schlimmsten Feind der menschlichen Zukunft.« Die Erosionskosten eines Scheffels Mais aus Iowa sind zwei Scheffel Mutterboden, was die allgemeinere flächendeckende industrielle Zerstörung des Ackerlandes hervorhebt. Die bestände Bestellung durch große Monokulturen unter massivem Einsatz von Chemikalien und ohne den Einsatz von Gülle oder Hummus hebt die Verschlechterung und den Verlust des Erdbodens offensichtlich auf eine viel größere Ebene. Die vorherrschende landwirtschaftliche Methode beinhaltet den Bedarf gigantischer Infusionen von Chemikalien, die von Ingenieuren überwacht werden, deren über allem stehendes Ziel die Maximierung der Produktion ist. Kunstdünger und alles andere aus dieser Perspektive eliminieren die Erforderlichkeit des komplexen Lebens der Erde und verwandeln sie tatsächlich in ein bloßes Werkzeug der Produktion. Das Versprechen der Technologie ist absolute Kontrolle, eine vollständig durchgeplante Umwelt, die schlicht die natürliche Balance der Biosphäre ablöst.

Aber es ist mehr und mehr Energie erforderlich, um die großen monokulturellen Erträge zu erkaufen, die begonnen haben, zurückzugehen, um nicht von der giftigen Kontamination der Erde, des Grundwassers und des Essens zu sprechen. Die Landwirtschaftsbehörde der USA sagt, dass die Erosion von Ackerfläche in diesem Land bei zwei Milliarden Tonnen Erde im Jahr liegt. Die Nationale Akademie der Wissenschaften schätzt, dass über ein Drittel des Mutterbodens bereits für immer verschwunden ist. Das durch die monokulturelle Bewirtschaftung und Kunstdünger verursachte ökologische Ungleichgewicht führt zu einer Zunahme an Schädlingen und Pflanzenkrankheiten; Seit dem zweiten Weltkrieg hat sich der Ernteverlust durch Insekten bereits verdoppelt. Die Antwort der Technologie ist natürlich eine Spirale der Anwendung von mehr Kunstdüngern und »Unkraut«- und »Schädlings«-Bekämpfungsmitteln, die das Verbrechen gegen die Natur beschleunigen.

Ein weiteres Nachkriegsphänomen war die Grüne Revolution, die als die Rettung der verarmten Dritten Welt durch das amerikanische Kapital und die amerikanische Technologie angekündigt wurde. Aber statt die Hungernden zu ernähren, vertrieb die Grüne Revolution Millionen armer Menschen von den Anbauflächen Asiens, Lateinamerikas und Afrikas als Opfer des Programms, das große Genossenschaftsfarmen förderte. Es trug zu einer enormen technologischen Kolonisierung bei und schuf Abhängigkeiten von der kapitalintensiven Agrarwirtschaft, zerstörte den früheren landwirtschaftlichen Kommunalismus, erforderte einen gigantischen fossilen Brennstoffverbrauch und schädigte die Natur in einem beispiellosen Ausmaß. Die Wüstenbildung oder der Verlust von Erde aufgrund der Landwirtschaft haben seitdem beständig zugenommen. Jedes Jahr wird weltweit eine Gesamtfläche, die mehr als zweimal so groß ist wie Belgien, in Wüste verwandelt. Das Schicksal der weltweiten tropischen Regenwälder ist ein Faktor in der Beschleunigung dieser Wüstenbildung: Rund die Hälfte davon wurde in den letzten dreißig Jahren gerodet. In Botswana sind die letzten Wildnis-Regionen Afrikas verschwunden, ebenso wie ein Großteil des Amazonas-Regenwalds und beinahe die Hälfte des Regenwalds in Zentralamerika, vorrangig um die Rinder für den Hamburger-Markt in Europa und den USA aufzuziehen. Die wenigen Gebiete, die vor Kahlschlag geschützt sind, sind die, in denen Landwirtschaft nicht ökonomisch ist. Die Zerstörung des Landes erstreckt sich in den USA über ein größeres Gebiet als das von den ursprünglich dreizehn Kolonien umspannte, ebenso wie sie Ursprung der großen Afrikanischen Hungersnot Mitte der 80er Jahre war und der Auslöschung einer Spezies wilder Tiere und Pflanzen nach der anderen.

Hinsichtlich der Tiere wird man an die Erzählung der Genesis erinnert, in der Gott zu Noah sagte, »Und die Angst und das Grauen vor dir soll in jedem Vogel am Himmel, in allem, das auf der Erde wandelt und in den Fischen des Ozeans wohnen; sie sind deinen Händen ausgeliefert.« Als neu entdeckte Gebiete das erste Mal von der Avantgarde der Produktion betreten wurden, zeigten die wilden Säugetiere und Vögel, wie eine große Bandbreite an Literatur beschreibt, keinerlei Angst oder etwas ähnliches vor den Entdeckern. Die landwirtschaftlich-kulturelle Mentalität jedoch, wie es in der biblischen Passage so treffend vorausgesagt wird, projiziert einen übertriebenen Glauben an den Grimms wilder Kreaturen, dem eine zunehmende Entfremdung und der Verlust der Beziehung zur Welt der Tiere folgt, sowie das Bedürfnis Macht über sie auszuüben.

Das Schicksal domestizierter Tiere wird davon bestimmt, dass die landwirtschaftlichen Ingenieur*innen beständig nach den Fabriken als Modelle für eine Verfeinerung ihres eigenen Produktionssystems sehen. Die Natur wird aus diesen Systemen verbannt, wenn die gehaltenen Tiere zunehmend in ihren entstellten Leben immobil gehalten werden, dicht zusammengedrängt und in absolut künstlichen Umgebungen. Milliarden Hühner, Schweine und Fleischkälber beispielsweise bekommen überhaupt kein Tageslicht mehr zu Gesicht und wandern noch weniger auf den Feldern, Felder wachsen in immer größerer Totenstille, umso mehr und mehr Weiden umgepflügt werden, um Futter für diese abscheulich eingesperrten Wesen anzubauen.

Die Hightech-Hühner, deren Schnabelenden abgeschnitten werden, um die Tode aus stressbedingten Kämpfen zu reduzieren, leben oft zu viert oder fünft in einem 12 x 18 Zoll (ca. 30 x 45 cm) großen Käfig und werden regelmäßig für bis zu zehn Tage ihres Essens und Wassers beraubt, um ihren Eierlegezyklus zu regulieren. Schweine leben auf Betonböden ohne Einstreu; Fußfäule, Schwanzabbeißen und Kanibalismus sind aufgrund ihres physischen Zustands und ihres Stresses vorherrschend. Säue stillen ihre Ferkel durch Metallstäbe voneinander getrennt, die Mutter und ihr Nachwuchs werden von natürlichem Kontakt getrennt. Fleischkälber werden oft in Dunkelheit großgezogen, in Ställe gesperrt, die so eng sind, dass sie sich nicht einmal umdrehen oder irgendeine andere normale Haltungsveränderung machen können. Diese Tiere befinden sich allgemein unter dem Regiment einer konstanten Medikation aufgrund der angewandten Folter und ihrer erhöhten Anfälligkeit für Krankheiten; die automatisierte Tierproduktion basiert auf Hormonen und Antibiotika. So eine systematische Grausamkeit, um nicht von der Art von Essen zu sprechen, die daraus resultiert, ruft in Erinnerung, dass für die Gefangenschaft selbst und jede Form der Versklavung die Landwirtschaft Modell stand oder diese begründete. Nahrung war einst einer unserer direktesten Kontakte zur natürlichen Umwelt, aber wir werden zunehmend stärker von einem technologischen Produktionssystem abhängig gemacht, in dem schließlich sogar unsere Sinne überflüssig werden; Der Geschmackssinn, einst unabkömmlich, um die Qualität und Sicherheit von Nahrungsmitteln zu beurteilen, wird nicht länger empfunden, sondern vielmehr von einem Label zertifiziert. Insgesamt wird das, was wir konsumieren, immer ungesünder und Land, das einst zur Herstellung von Nahrung kultiviert wurde, produziert nun Kaffee, Tabak, Korn für Alkohol, Marihuana und andere Drogen, die die Grundlage für Hungersnöte schaffen. Selbst die nichtverarbeiteten Nahrungsmittel, wie Früchte und Gemüse, werden heute gezüchtet, geschmacklos und gleichförmig zu sein, da die Anforderungen der Bearbeitung, des Transports und der Lagerung, nicht die Nahrhaftigkeit oder der Genuss die wichtigsten Aspekte sind. Der totale Krieg der Landwirtschaft wurde während des Vietnamkrieges übernommen, um Millionen Morgen Land in Südostasien zu entlauben, aber die Plünderung der Biosphäre setzt sich in ihrer täglichen, globalen Form sogar noch heftiger fort. Nahrung als ein Erzeugnis der Produktion ist selbst auf der offensichtlichsten Ebene absolut gescheitert: Die Hälfte der Welt leidet, wie jede*r weiß, unter Mangelernährung bis hin zum Verhungern.

Unterdessen werden die »Zivilisationskrankheiten« von Eaton und Konner im New England Journal of Medicin vom 31. Januar 1985 diskutiert und der gesunden, prä-landwirtschaftlichen Ernährung gegenübergestellt, wobei die freudlose, kränkliche Welt chronischer Verhaltensgestörtheit, die wir als Beute der Hersteller von Medizin, Kosmetika und fabrizierter Nahrung beleben, unterstrichen wird. Die Domestizierung erreicht neue pathologische Höhepunkte in der genetischen Nahrungsmittelproduktion mit neuen Arten von Tieren am Horizont, sowie künstlichen Mikroorganismen und Pflanzen. Aller Logik nach wird die Menschheit selbst ebenfalls in dieser Ordnung domestiziert werden, da die Welt der Produktion uns ebenso bearbeitet, wie sie jedes andere natürliche System herabwürdigt und entstellt.

Das Projekt der Unterwerfung der Natur, das mit der Landwirtschaft begonnen hat und durchgesetzt wurde, hat gigantische Ausmaße angenommen. Der »Erfolg« des Fortschritts der Zivilisation, ein Erfolg, der von der früheren Menschheit niemals beabsichtigt gewesen ist, schmeckt mehr und mehr nach Asche. James Serpell fasste das folgendermaßen zusammen: »In Kürze scheinen wir das Ende der Linie erreicht zu haben. Wir können nicht weiter expandieren; wir scheinen nicht in der Lage dazu zu sein, die Produktion zu intensivieren ohne weitere Verwüstung zu betreiben und der Planet entwickelt sich schnell zu einem Ödland.« Der Physiologe Jared Diamond bezeichnete den Beginn der Landwirtschaft als »Katastrophe, von der wir uns niemals erholt haben.« Landwirtschaft war und bleibt eine »Katastrophe« auf allen Ebenen, eine, die die gesamte materielle und spirituelle Kultur der Entfremdung untermauert, die uns nun zerstört. Befreiung ohne ihre Zersetzung ist unmöglich.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Agriculture von John Zerzan

 

Anmerkungen

[1] Anthropomorphismus (Vermenschlichung) bezeichnet die Projektion von menschlichen Gefühlen, Empfindungen, Eigenschaften, Wesenszügen, usw. auf nichtmenschliche Dinge und Lebewesen (Anm. d. Übers.).