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[Ramonville-Saint-Agne, Frankreich] Das zivilisierte Licht ausschalten

Anfang Juni haben wir das Umspannwerk von Lespinet (63kV) in Ramonville-Saint-Agne angegriffen.
Diese kleine Trafostation, weil man ja irgendwo anfangen muss. Weil diese Strukturen empfindliche Knoten im Stromnetz sind. Weil uns die Elektrizität heute wie das Blut der Zivilisation wirkt. Weil wir Gefangene des menschlichen Imperiums sind. So sehr, dass sogar, wenn wir versuchen zu fliehen, indem wir die Sterne betrachten, wir von Satelliten gejagt werden.
Weil es uns blendet, wollen wir das zivlisierte Licht ausmachen.

Ein Sprung ins Unbekannte. Als wir das Gelände betraten, fragten wir uns, ob wir durch einen Stromschlag sterben würden. Aber nichts ist passiert, sogar 2-3 Meter von den Transformatoren entfernt. Während wir dort Feuer legten, fragten wir uns, ob wir dieses Werk in Schutt und Asche legen und ein Stück der Stadt in die Finsternis stürzen würden. Ob es zu einer Explosion kommen würde, ob die umliegenden Fabriken stoppen würden, ob die Straßenlaternen um uns herum ausgehen würden. Aber das hat sich auch nicht ereignet.
Das Werk funktioniert immer noch, ein einziger Transformator von dreien ist ein bisschen angekokelt und wir wissen nicht, ob er außer Betrieb ist.
Wir haben unter die Trafos, auf Höhe der Ventilatoren, zwei Reifen platziert, die voller mit Benzin getränkter Stofflappen waren. Wir wissen nicht, warum es nicht funktioniert hat: vielleicht ein schneller Einsatz der Feuerwehr, eine unzureichende Menge an Brennmaterial oder allgemeiner eine schlechte Methode.

Wir sind ein bisschen enttäuscht, aber es war aufregend für den Zeitraum einer Nacht unsere Ängste zu überwinden und die Flammen tanzen zu sehen.
Ein komplizenhaftes Augenzwinkern mit jenen Personen, die den Lauf des Fortschritts angreifen, an jene, die dafür gefallen sind und an jene, die daran denken, den Schritt zu wagen.

Quelle: Attaque

Gegen seine Geschichte, Gegen Leviathan! – Kapitel 3

Das Mehrprodukt, der berühmte Gewinn, verhalf Leviathan nicht zu seinem Aufstieg. Im Gegenteil: Es ist Leviathan, der den Gewinn ermöglicht. Gemeinschaften von Menschen brauchten diesen Gewinn kein bisschen mehr als Gemeinschaften von Wölfen.

Bienen benötigen einen Gewinn, um ihre Königin zu ernähren. Der Leviathan benötigt einen Gewinn, nicht nur um seine Götter und ihre Schreinwärter*innen zu ernähren, sondern vor allem um den Lugal, die Ensis und die Schriftgelehrten, sowie die Federn und Räder, mit denen Kriege geführt werden, zu verpflegen.

Der erste Leviathan revolutionierte nicht die materiellen Produktionsbedingungen, sondern begründete sie; er ist an sich synonym zu den materiellen Produktionsbedingungen. Der erste Leviathan revolutionierte die Bedingungen der Existenz selbst und nicht bloß die der menschlichen Wesen, sondern die aller lebendigen Wesen und der von Mutter Erde selbst.

Das Mehrprodukt taucht zusammen mit den Gefäßen auf, in denen es gelagert wird. Menschliche Gemeinschaften besaßen bereits seit langem Körbe und Vasen, wenngleich kaum mehr als sie von ihren Winterlagern in ihre Frühlingslager transportieren konnten. Sie benötigten sie nicht. Mit dem Aufstieg des ersten Leviathans findet eine buchstäbliche technologische Revolution in der Gefäßherstellung statt. Turner und vor ihm Mumford haben die rapide Vermehrung von Eimern, Vorratsgefäßen und Tontöpfen erwähnt, die nun auftauchen.

Tatsächlich ist das von Mauern eingeschlossene und mit Korn gefüllte Ur an sich ein großes Fass, ein stadtgroßer Vorratsspeicher.

Mehrprodukt ist bloß ein anderer Name für Leviathans materiellen Inhalt, für seine Eingeweide. Es kann für sich kaum existieren, der Luft ausgesetzt ist es “reif” dafür, dass sich um es der Kadaver des Ungetüms formt.

Gemeinschaften freier Menschen haben üblicherweise genug Essen aufbewahrt, um durch einen durchschnittlichen Winter zu kommen und obwohl einige ihrer Träumer*innen exzellente Meteorologen waren, mussten sie häufig knausern und sparen, wenn der Himmel die*den Träumer*in überlistete.

Der erste Leviathan lagerte erst genug für den schlimmsten vorstellbaren Winter und dann für mehrere, da die freien Menschen nicht mehr die Arbeit verrichten. Ein lebendiges Wesen, das so vollgestopft wäre, würde ersticken oder platzen. Es gibt Massen von jedem vorstellbaren Produkt. Und wo es Massen gibt, da gibt es Handel.

Handel ist sehr alt. Im Naturzustand ist Handel etwas, das die Menschen mit ihren Feinden treiben. Sie handeln nicht mit ihrer Sippschaft.

Eine Person gibt Dinge, ebenso wie sie Lieder oder Geschichten oder Visionen an ihre Sippschaft weitergibt. Die*der Empfänger*in mag sich oder mag sich nicht bei einer anderen Gelegenheit revanchieren. Das Geben ist die Quelle der Zufriedenheit. Wir mögen davon so weit entfernt sein, dass wir das nicht verstehen werden. Das ist unsere Unzulänglichkeit, nicht ihre.

Sie handelt nur mit Feinden. Wenn eine feindliche Gruppe, egal ob nah oder fern, etwas hat, das sie möchte, geht sie und einige gut bewaffnete Cousinen mit etwas zu den Feind*innen, das diese wollen könnten. Sie bietet ihr Geschenk an und die Feinde bieten lieber auf der Stelle das Ding an, das sie will oder sie wird ihr Geschenk sofort zurück in ihr Dorf tragen.

Kurz nach dem Aufkommen des ersten Urs nimmt der Handel überhand. Beinahe Jede*r ist nun Jedermans Feind*in. Wenn du jemandem ein Geschenk gibst, dann erwartest du das zu bekommen, für das du gekommen bist; du führst peinlich genau Buch darüber auf deiner Tontafel und wehe dem, der das unterlässt.

Der bloße Anblick der Massen lässt eine neue menschliche Eigenschaft entstehen. Diese Eigenschaft wird sich so weit verbreiten, dass wir nicht mehr glauben werden, dass sie nicht schon immer existierte: Gier.

Du kannst sehen, dass über die Hälfte des Korns in den Speichern jedes Jahr ungenutzt verrottet. Und du weißt, dass es im Zagros-Gebirge und in der Levante Lager von Fremden gibt, die kaum genug Essen lagern, um sich durch einen harten Winter zu bringen. Die im Zagros-Gebirge tragen wunderschöne Fellbekleidung und die in der Levante gewinnen einen violetten Farbstoff aus Muscheln.

Du, der Bruder einer*s Priester*in und der Cousin einer*s Ensis, ziehst mit vierzig Wagenladungen Korn, dem Jahresertrag von vierzig Zeks, in das Zagros-Gebirge. Du startest gegen Ende eines langen, harten Winters. Du bekommst zehn Pelzgewänder für jede Wagenladung. Du kehrst mit dem, was nach einer kleineren Ladung aussieht nach Ur zurück, aber als du erst einmal in Ur bist, sind die Menschen bereit, dir für jedes Gewand eine Wagenladung Korn und mehr zu geben. Bald schon hast du mehr Gewänder und Korn als jeder andere Mann in Ur.

Aber eines Winters erreichst du das Lager der Fremden und sie weigern sich, dir zehn Gewänder für eine Wagenladung zu geben. Sie behaupten, dass sie nicht so viele Felle hätten. Vielleicht ist ihnen gedämmert, dass sie ausgeplündert werden, dass die Beziehung, die sie mit dir eingegangen sind, keine Beziehung zwischen ihren Fellen und deinem Korn ist, sondern zwischen ihnen und den Zeks, die das Korn ernten und dass du ein Dieb bist, der von beiden stiehlt.

Also stürzt du mit deinem Korn zurück nach Ur und kehrst mit deiner*m Cousin*e der*dem Ensi und einer Bande gut bewaffneter Männer ins Lager der Fremden zurück. Die Männer der*s Ensis streifen die Gewänder von den Rücken der Fremden ab. Doch es gibt immer noch nicht genügend Gewänder, also kehren die Männer der*s Ensis mit einigen der Söhne und Töchter der Fremden nach Ur zurück.

Ur hat die Stufe des Außenhandels erreicht.

***

 

Es gibt einige Hinweise dafür, dass die sumerischen Händler*innen ihrer Gier in den Osten bis nach Indien und in den Westen bis nach Anatolien und vielleicht sogar bis in die Ägäis, sowie bis zum ersten oder zweiten Wasserfall des Nils in den Süden gefolgt sind. Bevor ich über ihre Reisen spekuliere, muss ich auf ein anderes Thema eingehen, da die modernen Vorurteile mit den wenigen Hinweisen, die es gibt, Schindluder getrieben haben.

Viele, wenn nicht die meisten der frühen Archäolog*innen waren aufgeklärte, fortschrittliche und unverfrorene Rassist*innen. Das Aufkommen der mörderischen Leviathane war für sie ein großer Moment und sie behaupteten, dass der Leviathan der entsprechenden Rasse der Vater all der anderen Leviathane wäre.

Ein wenig später, während der Ära der Völkergemeinschaft, wurde der Rassismus ein klein wenig gedämpft. Es wurde gesagt, dass die Menschen in Ägypten sowie die in Persien und Indien alle mit dem Genie ausgestattet gewesen wären, um Maschinen des permanenten Krieges zu entwickeln, dass sie durch Zufall alle ihre eigenen Leviathane während der gleichen paar Generationen unabhängig voneinander entwickelt hätten.

Die Meisterleistung einen Leviathan zu erschaffen wird als ein Zeichen von Genie betrachtet. Aber ist diese Heldentat ein Zeichen von Genie oder eines der Geisteskrankheit? Wer außer Schwachköpfen würde ohne einen guten Grund dafür den Naturzustand verlassen und sich in die Eingeweide des Kadavers eines künstlichen Wurmes begeben? Die Annahme, dass zahlreiche menschliche Gemeinschaften dieser Idiotie zu einem bestimmten Zeitpunkt, jede aus ihrer eigenen Initiative, unterliegen, ist weder plausibel noch wohlwollend. Es bedarf vielmehr einer Genialität, um das Ungeheuer von sich fern zu halten.

Es gibt viele Wege, das Monster von sich fern zu halten. Unglücklicherweise für die menschlichen Gemeinschaften, führen nicht alle diese Wege zu einer sicheren Zuflucht. Um mich kurz zu fassen, werde ich diese Wege auf zwei beschränken: Die Gemeinschaft kann sich selbst physisch außer Reichweite des Ungeheuers halten, oder sie kann bleiben wo sie ist und versuchen, dem Ungeheuer standzuhalten.

Die frühesten Tafeln zeichnen die Bewegungen von Gemeinschaften außerhalb des Gebiets von Sumerien nicht auf. Es wird angenommen werden, dass die letzten Immigrant*innen des Double-Kontinents auf der anderen Seite der Erde von Ur, die Inuit-Stämme, um ungefähr die Zeit beginnen, von Siberien nach Alaska und Grönland überzusiedeln, als sich der erste Leviathan in Bewegung setzt. Es wird keinen Beweis dafür geben, dass diese Menschen von anderen in einer frühen Version der heute berühmten Analogie fallender Dominosteine verdrängt werden. Tonybee und andere werden solche Bewegungen in späteren Zeitaltern dokumentieren, als die Feldzüge chinesischer Generäle Menschen, die an der chinesischen Mauer lagerten, verdrängten, die wiederum alle anderen vor sich herschoben, durch ganz Eurasien bis vor die Tore Roms. Wir werden wissen, dass eine große Anzahl eurasischer Gemeinschaften sich erfolgreich außerhalb der Reichweite des Ungeheuers halten, bis der Leviathan namens UdSSR in unserer Zeit die letzte von ihnen verschlingen wird.

Physisches Entfernen, also fliehen oder wie wir sagen werden, herausfallen, entzieht eine*n effektiv der Reichweite des Ungeheuers. Aber schließlich wird niemand endgültig fliehen, da der Leviathan die Größe der Welt schrumpfen und alle Zufluchtsorte in freie Felder verwandeln wird.

Und nicht alle Gemeinschaften wollen fliehen. Ihre Täler, Haine und Oasen, die Orte an denen ihre Vorfahren begraben sind, sind mit vertrauten und oft freundschaftlichen Geistern erfüllt. So ein Ort ist geweiht. Er ist das Zentrum der Welt. Die Landmarken dieses Ortes sind die Orientierungsprinzipien der Psyche des Individuums. Ohne sie hat das Leben keine Bedeutung. Für eine solche Gemeinschaft ist das Verlassen ihres Ortes gleichbedeutend mit einem gemeinschaftlichen Selbstmord.

Also bleiben sie, wo sie sind. Und sie werden von den bizarren Lippen des Monsters geküsst. Artefakte sumerischen Ursprungs werden in frühen ägyptischen sowie indischen Stätten gefunden werden. Wir werden nicht wissen, wer diese Artefakte trägt, aber wir werden wissen, dass es im Zeitalter des ersten Urs einfacher ist von Mesopotamien zum Nil zu laufen, selbst nachdem Urlugal damit beginnt, die Region in eine “sich verdunkelnden Ebene, weggefegt von verworrenen Rufen zum Kampf und zur Flucht, wo unwissende Armeen des Nachts zusammentreffen” zu verwandeln. Verglichen mit dem, was moderne Leviathane mit dieser Region machen werden, ist die sich verdunkelnde Ebene aus Urlugals Zeitalter ein friedlicher Garten und der Cousin einer*s Ensis würde keine Probleme haben, in ihm zu wandeln.

Von den weiter entfernten Orten werden wir wissen, dass als die Meeres- und Landkarawanen zwischen dem Fruchtbaren Halbmond und Indien erstmals in den Aufzeichnungen erwähnt werden, diese nicht als etwas Neues, sondern als etwas sehr Altes erwähnt werden und die erste Erwähnung der Seidenstraße nach China wird keine Antrittsrede sein.

Leviathane werden irgendwann riesig, so groß wie Kontinente. Aber wir sollten diese ungeheuren Ausmaße nicht auf die frühen Tage projizieren und von diesen ersten Kontakten annehmen, dass diese häufig stattfanden und viele Menschen umfassten. Unter bestimmten Umständen kann ein Kiesel an einer Quelle den Verlauf des gesamten Flusses verändern. Wir kennen alle den späteren Reisenden Marco Polo, der auf den Geschmack chinesischer Pizza, Spaghetti und Ravioli kam und diesen Geschmack über die gesamte Länge von Eurasien brachte und damit den Speiseplan Italiens vollständig umkrempelte. Ich würde vermuten, dass nur zwei Besuche, der erste von dem kaufmännischen Cousin des Ensis und der zweite vom Ensi und seiner Strafexpedition, einen starken Eindruck auf jede Gemeinschaft im Naturzustand machen würde. Und sumerische Kaufleute reisten weit, sowohl zu Lande als auch zu Wasser, an entferte Orte, die sie Dilmun, Magan und Meluhha nannten.

Ich lasse die*den Leser*in über die Details solcher Begegnungen spekulieren. Ich werde nur sagen, dass nachdem die Kinder der Schuldner*innen von den speerbewaffneten Schlägertypen gekidnappt worden sind, ein Mitglied der Gemeinschaft, das von den positiven Wundern der Zivilisation spricht, ein Trottel ist, nicht nur in den Augen seiner Sippe, sondern auch in den unseren.

***

Hier stoßen wir auf ein Problem, das die Menschen seit dem Zeitalter des ersten Urs geplagt hat, das Problem des Widerstands. Einige von uns werden sich rückblickend wünschen, dass die Gemeinschaften in Reichweite Urs das erste Monster in seinem Unterschlupf zerstört hätten, solange es isoliert und noch nicht besonders groß gewesen ist.

Offensichtlich haben zahlreiche Gemeinschaften im Zagros-Gebirge und den persischen Ebenen genau das versucht, aber sind gescheitert.

Andere, weniger zuversichtlich, vielleicht der Macht ihrer Götter angesichts des Anblicks von Panzern und Rädern weniger gewiss, machen das Zweitbeste nach dem Fliehen; sie mauern sich ein und damit die Klauen des Monsters aus. Die Mauern beschützen diese Widerstandleistenden vor den Klauen Urs, aber halten die Widerständler*innen nicht aus Leviathans Eingeweiden heraus.

Warum scheitern die Widerständler*innen? Das ist eine wichtige Frage, die Frage des Lebens gegen den Tod. Norman O. Brown macht das zum Titel eines sehr informativen Buches.

Vorstaatliche Gemeinschaften waren Zusammenkünfte lebendiger, aber sterblicher Individuen. All ihre Geheimnisse, all ihre Gepflogenheiten wurden direkt weitergegeben, durch das gesprochene Wort. Wenn die Verwahrerin wichtiger, unkommunizierter Geheimnisse starb, starben ihre Geheimnisse mit ihr. Feindschaften und Grolle starben mit ihren Inhaber*innen. Die Visionen und die Gepflogenheiten waren so verschieden wie die Individuen, die sie erlebten und ausübten; deshalb gab es einen solchen Reichtum. Aber die Visionen und Gepflogenheiten waren ebenso sterblich wie die Menschen. Sterblichkeit ist ein untrennbarer Teil des Lebens: Sie ist das Ende des Lebens.

Wir projizieren noch immer moderne Institutionen in den Naturzustand. Es gab keine Institutionen im Naturzustand.

Institutionen sind unpersönlich und unsterblich. Sie teilen diese Unsterblichkeit mit keinem lebenden Wesen unter der Sonne. Natürlich sind sie keine lebendigen Wesen. Sie sind Segmente eines Kadavers. Institutionen sind kein Teil des Lebens, aber ein Teil des Todes. Und der Tod kann nicht sterben.

Ensis sterben und Zeks sterben, aber die Arbeitskolonnen “leben” weiter. Generäle und Soldat*innen sterben, aber Urs Armee “lebt” weiter und wächst sogar an und wird tödlicher. Das Gefilde des Todes wächst, aber die Lebenden sterben. Das erzeugt Probleme, mit denen die Widerständler*innen bisher nicht in der Lage gewesen sind umzugehen.

Diejenigen, die versuchen, den ersten Leviathan zu zerstören, indem sie seine Mauern erstürmen, die Guti und andere aus dem Zagros-Gebirge, die Elamiten von den persischen Ebenen, die Kanaaniten und andere Semiten aus der Levante können keine einfache Kriegspartei mit einem inoffiziellen Stammesführer entsenden wie in den alten Tagen. Eine Kriegspartei aus einem einzigen Lager würde nicht einmal die Vororte von Ur erreichen. Sie müssen sich mit anderen Lagern verbünden, mit so vielen wie möglich, bevor sie überhaupt einen ernsthaften Überfall erwägen können. Und wenn sie sich erst einmal verbündet haben und angreifen, können sie sich nicht einfach zerstreuen und zu dem dörflichen Leben zurückkehren, wie sie es zuvor immer gekonnt hatten. Sie mögen sogar Urs Hauptarmee besiegen, aber noch bevor ihre Siegesfeier endet, erreicht sie die Kunde, dass Urs unsterbliche Armee bereits weitere ihrer Sippe niedergemetzelt hat.

Da sie sich also die Mühe gemacht hatten, sich zu verbünden, blieben sie verbündet. Die jungen Männer legen ihre Speere nicht ab. Das ist bisher ungekannt, aber wie sonst sollen sie dem Monster Widerstand leisten? Sie haben sich selbst dazu verpflichtet zu bleiben und sie fühlen sich genötigt, die schrecklichen Konsequenzen zu ertragen.

Ihre bewaffneten Männer verfahren mit den Fremden so, wie die Fremden mit ihnen verfahren sind. Sie kehren mit gefangenen Sumerern zurück und die Gefangenen werden für lokale Schreine und Befestigungsanlagen an die Arbeit geschickt.

Die Technologie schreitet rasant voran. Das Gefilde des Todes breitet sich aus. Bald gibt es viele Leviathane. Es gibt Elam in den persischen Ebenen, es gbt Mari und Ebla und andere in der Levante und es ist die Rede von einem Leviathan der Guti irgendwo in den Bergen. Die mutigen Kämpfer*innen waren nur erfolgreich darin, sich selbst zu besiegen.

***

Diejenigen, die sich selbst einmauern, tappen in eine ähnliche Falle.

Gemeinschaften haben schon früher Mauern errichtet, zum Beispiel in Jericho. Aber sie haben die Mauer nur einmal errichtet. Mauerbauen war bei ihnen keine Institution. Die draußen lagernden Feind*innen waren nicht die unsterbliche Armee des Urlugals. Sie waren eine andere Gemeinschaft, die entweder an einen anderen Ort zog oder die unter denen von Jericho Ehemänner und Ehefrauen fanden und aufhörten Feind*innen zu sein.

Das ist nicht mehr der Fall für die Erbauer*innen der Mauern an den Ufern des Nils, für diejenigen, die das ummauerte Mohenjo Daro an den Ufern des Indus errichteten, für diejenigen, die sich selbst geringfügig später in Festungen in Zentralanatolien einschlossen.

Die leviathanischen Invasor*innen sind keine Gemeinschaften freier Sterblicher. Sie sind Abgesandte von etwas, das weder weggeht noch stirbt. Selbst ihre Erinnerungen sind nicht menschlich, sondern bestehen aus Steinen, die in Beuteln getragen werden. Jerichos Mauern reichen nicht länger. Die Mauen müssen hoch und stark sein und sie müssen ebenso oft repariert werden wie die Dämme von Erech.

Die Jahreszeiten vergehen und die Generationen gehen dahin, und immer noch müssen die Mauern gewartet werden. Und Generation für Generation repariert sie.

Die Seherin, die von der Notwendigkeit dieser Mauern geträumt hatte, hat ihre letze wichtige Vision erlebt. Von diesem Tag an hat ihre Sippe ihr nur spärlich Aufmerksamkeit gewidmet; sie hat ihren Bruder, Pharao, umschwänzelt, der in seiner Person die Ämter des sumerischen Priesters und des sumerischen Lugals vereint.

Mauern können nicht dauerhaft mit einer vorübergehenden Arbeitsteilung in Stand gehalten werden. Zunächst werden die Besteller*innen des Bodens eingeladen, beim Bau der Mauer zu helfen, im Austausch gegen anregende Visionen sowie Korn, das von den Männern Pharaos von anderen Bauern geplündert worden ist. Und die freien Bauern bauen, offenbar aus eigenem Antrieb, erhabene wunderschöne Mauern und Säulen und Schreine, mit Oberflächen, die reich mit gemeißelten und gemalten Motiven geschmückt sind, die jeder*m am Nil etwas bedeuten.

Aber eine permanente Arbeitsteilung ist zwanghaft, schlicht weil sie dauerhaft ist und Zwang ist an den Ufern des Nils bald so gewöhnlich wie an denen des Tigris. Was von einer Generation freiwillig getan wurde, wird von der nächsten erwartet und ihr aufgezwungen. Ägypten ist nicht länger ein Ort, an dem die Menschen Gepflogenheiten teilen; es ist nun ein Ort, an dem einige anderen Gesetze auferlegen. Gepflogenheiten waren immer Lebensweisen; Gesetze sind keine Gepflogenheiten freier Menschen. Gesetze sind die Gepflogenheiten Leviathans.

Die Arbeiten, die für Pharao verrichtet werden, sind nicht frei gewählt; es sind aufgezwungene Aufgaben, erzwungene Arbeit.

Und wie ein lebendiger Wurm, der sich selbst aus einem einzigen Segment wiederherstellt, wird vom Haushalt das Pharaos ein vollständiger Leviathan ausgeschieden. Die Erbauer*innen und Handwerker sind nicht länger eingeladen. Pharao führt nun Armeen nach Norden an, nach Sinai und in der Levante, in den Süden nach Nubien. Er kehrt mit Gefangenen zurück. Er legt denen, die nicht gefangen genommen werden, schwere Tribute auf und lässt Tribut-Eintreiber*innen in entfernten Garnisonen zurück. Wie der Lugal hat er nun Schriftgelehrte, die Aufzeichnungen über die Tribute führen und er entsendet Strafexpeditionen.

Auch Pharao hat nun ein künstliches Gedächtnis, eine Datenbank, wie wir sie nennen würden. Seine Schriftgelehrten haben ihrerseits eine Schrift entwickelt, ebenso wie die Schriftgelehrten im entfernten Mohenjo Daro am Indus. Die Zeichen und Materialien sind verschieden, aber das Ziel ist das gleiche. Und Pharaos Schriftgelehrte, wie die des Lugals, haben ein künstliches Jahr entwickelt, einen Kalender, die früheste Form einer Uhr, um die Tage vorherzusehen, wenn die Feldfrüchte der Schuldner*innen reif werden.

Wie traurig! All das wird getan, um die alten Gewohnheiten vor dem Angriff eines Ungeheuers mit “einem Blick so ausdruckslos und unbarmherzig wie die Sonne” zu bewahren. All das wird wegen der Geister des Tals gemacht, für die Gottheiten der alten Gemeinschaft.

Wir müssen uns erinnern, dass aufgeklärte Fortschrittliche, die all das für die Produktivkräfte, für die Wissenschaft und Technologie, für den Leviathan selbst tun, noch nicht geboren wurden. Vielleicht findet man in den beeindruckend säkularen Städten Sumeriens bereits die Vorgänger*innen moderner Fortschrittlicher, aber selbst dort kommt der Gott im Tempelturm zuerst.

In Ägypten gibt es nicht einmal einen Funken fortschrittlicher Aufklärung und für mindestens hundert Generationen wird es dort auch keinen geben. Dort ist das Ziel all der Gewalt, der Gefangennahme von Fremden, dem Zerfleischen von Gemeinschaften, die alte Gemeinschaft zu bewahren, das Leben gegen den großen Kadaver zu verteidigen. All das Morden der Überfälle, Invasionen und Kriege ist geheiligtes Morden. Es wird im Namen des Lebens getan, im Namen der Geister der Tiere, der Pflanzen, des Flusses, der Unterwelt und des Himmels.

Aber die Welt der Geister schrumpft, wie sie es in Sumerien getan hat, und wird auf den Tempel eingeschränkt, der in Ägypten zugleich auch der Haushalt des Pharaos ist.

Unglücklicherweise für die Ägypter kann das Leben nicht in einem abgedichteten Gefäß bewahrt werden. Es verkümmert und schließlich stirbt es.

Der traurige, langsame Tod kann auf den Gemälden Ägyptens, seinen Skulpturen, in seinen Überlieferungen und in seinen Schreinen gesehen werden.

Die frühesten Maler*innen und Bildhauer*innen atmen offensichtlich noch immer die Luft der Gemeinschaft, die Pharaos Haushalt als intakt zu bewahren beabsichtigt. Diese Menschen sind noch immer in Kontakt mit Frauen, die ihre Körper verlassen und die Unterwelt besuchen, mit Männern, die sich selbst gen Himmel strecken und fliegen, mit Menschen, die tatsächlich mit dem Schakal und dem Steinbock sprechen, da sich die Götter noch immer unter die Menschen mischen. Pharaos erste Handwerker kennen noch solche Seher*innen, aber nicht sehr viele und die nächste Generation kennt nur noch weniger.

Es gibt noch immer Seher*innen, die Visionen und Offenbarungen haben, aber wer weiß, welche Fremden sie inspiriert haben? Schließlich kann nur noch den Visionen des Pharaos vertraut werden und Pharao sich selbst auf die Visionen der Alten zu beschränken.

Die Götter hören von dem Tag an, an dem Pharao sich vornimmt, die Götter zu verteidigen und zu bewahren, auf, sich unter die Menschen zu mischen. Und ungeachtet aller Anstrengungen Pharaos sterben die Götter. Ich denke es liegt an seinen Anstrengungen, dass sie sterben. Ich behaupte nicht, viel über Gottheiten zu wissen, aber es scheint, dass sie Leviathane ebensowenig gutheißen können, wie die Menschen Plagen gutheißen; Götter sind unter den ersten Opfern des Kadavers, das Ungeheuer ist gottesmörderisch.

Der Tod der ägyptischen Götter ist dokumentiert. Nach zwei oder drei Generationen unter Pharaos Schutz springen oder fliegen die Figuren auf den Mauern und Säulen des Tempels nicht länger; sie atmen nicht einmal mehr. Sie sind tot. Sie sind leblose Kopien der vormals lebenden Figuren. Die Kopist*innen sind exakt, wir würden sagen pedantisch; sie scheinen zu glauben, dass gewissenhaftes Kopieren der Originale die Kopien zum Leben erwecken wird.

Ein ähnlicher Tod und Verfall muss auch die Lieder und Zeremonien verblassen lassen. Was einst eine vergnügliche Feier, selbstaufgebende, orgiastische Kommunion mit dem Jenseitigen war, schrumpft auf leblose Rituale, offizielle Zeremonien, die vom Kopf des Staates und seinen Beamten geleitet werden, zusammen. Es wird alles zu einem Theater und alles ist inszeniert. Es geht nicht länger um Teilen, sondern um die Show. Und es erfasst die*den Teilnehmer*in nicht länger, die*der nun zu einer*m bloßen Zuschauer*in wird. Er fühlt sich von der Macht des Haushalts von Pharao vermindert, eingeschüchtert und verängstigt.

Unsere Gemälde, Musik, Tänze, alles, was wir Kunst nennen, wird das Erbe dieser todgeweihten spirituellen Aktivität sein. Was wir Religion nennen, wird ein weiteres totes Erbe sein, aber auf einer so fortgeschrittenen Ebene der Verwesung, dass ihre einst lebendige Quelle nicht länger erahnt werden kann.

***

Während die Ekstase der ehemals lebendigen Gemeinschaft im Tempel dahinschmachtet und einen langsamen und qualvollen Tod erleidet, verlieren die Menschen außerhalb der Bezirke des Tempels, aber innerhalb derer des Staates, ihre innere Ekstase. Der Geist in ihnen dörrt aus. Sie werden zu beinahe leeren Hüllen. Wir haben gesehen, dass dies sogar in Leviathanen passiert, die, zumindest ursprünglich, aufgebrochen waren, um einem solchen Schwund Widerstand zu leisten.

Während die Generationen dahingehen, werden die Individuen innerhalb der künstlichen Eingeweide des Kadavers, die Ensis ebenso wie die Zeks, das Bedienungspersonal der Segmente des großen Wurmes, zunehmend den Federn und Rädern, die sie bedienen, ähnlicher; so sehr, dass sie später irgendwann als nichts anderes als Federn und Räder erscheinen. Sie werden niemals vollständig zu Automaten reduziert; Hobbes und seine Nachfolger*innen werden das bedauern.

Menschen werden niemals vollständig zu leeren Hüllen. Ein Funken Leben bleibt in den gesichtslosen Ensis und Zeks zurück, die eher wie Federn und Räder erscheinen als wie Menschen. Sie sind potenzielle Menschen. Sie sind schließlich die lebendigen Wesen, die dafür verantwortlich sind, dass der Kadaver zum Leben erwacht, sie sind diejenigen, die den Leviathan reproduzieren, abstillen und bewegen. Sein Leben ist nichts anderes als ein geborgtes Leben; weder atmet er, noch vermehrt er sich; er ist nicht einmal ein lebendiger Parasit; er ist eine Ausscheidung und sie sind diejenigen, die ihn ausscheiden.

Die zwanghafte und obligatorische Reproduktion des Lebens des Kadavers ist das Thema von mehr als einem Essay. Warum machen die Menschen das? Das ist das große Rätsel des zivilisierten Lebens.

Es genügt nicht zu sagen, dass die Menschen dazu gezwungen sind. Die ersten eingefangenen Zeks mögen es nur deshalb tun, weil sie physisch gezwungen werden, aber physischer Zwang erklärt nicht mehr, warum die Kinder der Zeks sich an ihren Schalthebeln festklammern. Nicht dass der Zwang vergeht. Er tut es nicht. Arbeit ist immer erzwungene Arbeit. Aber etwas anderes passiert, etwas, das den physischen Zwang ersetzt.

Zuerst wird die auferlegte Aufgabe als Bürde betrachtet. Der neu eingefangene Zek weiß, dass er kein Klempner ist, er weiß, dass er ein freier Kanaanäer ist, der bis zum Rand mit ekstatischem Leben gefüllt ist, da er noch immer die Geister der Berge und Wälder der Levante in sich pulsieren fühlt. Das Klempnern ist etwas, das er auf sich nimmt, um nicht abgeschlachtet zu werden; es ist etwas, das er bloß trägt, wie eine schwere Rüstung oder eine hässliche Maske. Er weiß, dass er die Rüstung abwerfen wird, sobald der Ensi ihm den Rücken zuwendet.

Aber die Tragödie dessen ist, dass je länger er die Rüstung trägt, desto weniger ist er in der Lage sie zu entfernen. Die Rüstung klebt an seinem Körper. Die Maske wird mit seinem Gesicht verklebt. Versuche die Maske zu entfernen werden zunehmend schmerzhaft, da die Haut dazu neigt, sich mit ihr abzulösen. Es gibt immer noch ein menschliches Gesicht unter der Maske, ebenso wie es noch immer einen potentiell freien Körper unter der Rüstung gibt, aber ihre bloße Enthüllung erfordert beinahe übermenschliche Anstrengung.

Und als ob all das nicht schlimm genug wäre, beginnt auch noch etwas mit dem inneren Leben des Individuums zu passieren, mit seiner Ekstase. Sie beginnt auszutrocknen. Ebenso wie die lebendigen Geister der ehemaligen Gemeinschaft schrumpften und starben, als sie in den Tempel eingesperrt wurden, so schrumpft und stirbt auch der lebendige Geist des Individuums innerhalb der Rüstung. Sein Geist kann in einem geschlossenen Gefäß nicht besser atmen, als die Götter es konnten. Er erstickt. Und sowie das Leben in ihm schwindet, lässt es eine wachsende Leere zurück. Der klaffende Abgrund wird so schnell wieder gefüllt, wie er sich auftut, aber nicht mit Ekstase, nicht mit lebendigen Geistern. Die Leere wird mit Federn und Rädern gefüllt, mit toten Dingen, mit der Substanz des Leviathan.

***

Der einst freie Mensch wird zunehmend zu dem, von dem Hobbes denken wird, dass er es ist. Die Rüstung, die einst außen getragen worden ist, hüllt sich um das Innere des Individuums. Die Maske wird zum Gesicht des Individuums. Oder wie wir sagen werden: Die Einschränkung wird verinnerlicht. Das ekstatische Leben, die Freiheit schrumpft zu einer bloßen Möglichkeit. Und Möglichkeit ist, wie Sartre hervorheben wird, Nichts.

Diese Reduzierung wird in den Städten Sumers am sichtbarsten, an den Leviathanen, die in dieser Hinsicht auch erstaunlich modern sind. Sie wird so sichtbar, dass die Sumerer*innen sie selbst zu bemerken beginnen. Es sind nicht die zunehmend betäubenden Ritualisierungen der Aktivitäten des Tempels, die sie plagen, und genausowenig die sogar noch auffälligere innere Leere der Ensis und ihrer Familien. All das scheint als Konsequenzen akzeptiert zu werden, die aus dem Bedarf an einer verlässlichen Quelle an Wasser und Zeks resultieren. Was sie plagt, ist, dass die Nachfahren der ersten Sumerer selbst zu Zeks reduziert werden. Das wichtigste Werkzeug dieser Reduzierung ist der Handel, oder wie wir es nennen würden, das Geschäft. Die sumerische Stadt ist mehr als jeder andere frühe Leviathan ein Paradies für Geschäftsleute.

Ein Geschäftsmann ist ein Mensch, der seiner lebendigen Menschlichkeit vollständig entleert wurde. Er ist der Definition nach eine Person, die in und durch die körperlichen Eingeweide des Leviathans gedeiht. Menschen, die zu Dingen reduziert sind, sind unter den Objekten in den Eingeweiden des Ungeheuers und sie sind offensichtlich Freiwild für diese Jagd nach Profit. Die Maxime der Geschäftsleute ist, schon lange bevor Adam Smith sie publizieren wird: Jeder Mensch für sich selbst und die Götter gegen alle.

Wir haben bereits gesehen, wie der sumerische Geschäftsmann eine Gemeinschaft von Fremden zu Schuldner*innen, dann zu Zahlungsunwilligen und schließlich zu Zeks reduzierte. Er wendet nun die gleich ökonomische Weisheit gegen die Fremden innerhalb Sumers an und schließlich hört er damit auf, zwischen Fremden und Sumerern zu unterscheiden.

Die Reduzierung geht zur Zeit der Herrschaft von Urukagina so weit, dass selbst der Lugal davon gestört wird. Und dieser Lugal entscheidet, etwas dagegen zu unternehmen, oder veröffentlicht zumindest eine Tafel, die eine solche Intervention behauptet.

Dieser Urukagina, der das Amt des Lugals von Lagesch zu einer Zeit ausübt, als seine südlichen Nachbar*innen bereits die Ufer des Nils mit den ersten Pyramiden verziert hatten, mag nicht der erste Reformer gewesen sein. Er ist der erste dokumentierte Reformer. Er ist der Erste von Vielen, die das Wohlergehen des gesamten Wurmes über das Wohlergehen eines einzelnen Segments stellen. Er kann sehen, dass die gierigen Profitsuchenden, die bloß ein Segment des Ganzen ausmachen, den Zusammenhalt des Kadavers beeinträchtigt hatten, seine Fähigkeit sich zu bewegen, indem sie seine gesamten Eingeweide aufgefressen hatten. Er proklamiert, dass die Vipern “keine Früchte im Garten des armen Mannes sammeln sollten”, sie sollten die Sumerer nicht zu Zeks reduzieren.

Indem er das Wohlergehen des gesamten Wurmes über das seines angeschwollenen Segments stellt, entfesselt dieser Lugal, wie viele seiner liberalen Nachfolger*innen, Kräfte, die ihn erdrücken. Sich auf die Erinnerung an frühere Phasen der Existenz des Wurmes verlassend, nimmt er an, die beste oder geeignetere Anordnung der Segmente des Wurmes zu kennen.

Der erste Urlugal maßte sich an die Hierarchie der Götter zu kennen und kam mit seiner Anmaßung durch, weil die Götter bereits schwach waren und im Sterben lagen.

Urukagina kommt nicht durch, weil das Segment, das er angreift, obwohl es der Definition nach tot ist, nicht schwach ist. Vergeltung folgt in Form einer Invasion aus Umma. Urukagina wird von Lugalzaggizi aus Umma seines Amtes enthoben. Urukagina wird wie seine liberalen Ensis und die meisten ihrer Zeks getötet und Lagasch wird dem Erdboden gleich gemacht.

Die Stadt Umma ist weder für ihre Macht noch ihren Mut bekannt und sie erwirbt diese Fähigkeiten nicht plötzlich. Ihr Machthaber Lugalzaggizi erobert Lagasch nicht mit Ummas Streitkräften. Die notwendigen Armeen ebenso wie die benötigte Technologie für eine solche Invasion stammen von dem Segment, das Urukagina angegriffen hatte. Lugalzaggizi ist das Instrument für den Sturz des Reformers, nicht nur weil er die Mächtigen verficht, sondern auch weil er etwas weiß, dass Urukagina nicht wusste.

Lugalzaggizi versteht, dass der Kopf des Leviathans sich nicht dort befindet, wo er sich ein Jahr oder eine Generation zuvor befunden hat und genausowenig dort, wo Urukagina denkt, dass er sein sollte. Ebenso wie der Gott des Lugals stets der Gott in der phallusförmigen Zikkurat [Tempelturm] ist, so ist auch das mächtigste Segment des Leviathans immer sein Kopf. Das ist leviathanisches Recht, und Lugalzaggizi, nicht Urukagina, ist der wahre Verteidiger des Wurmes.

Lugalzaggizis Eintreten für die Mächtigen verschafft ihm Verbündete in allen sumerischen Städten. Vielleicht sind sie alle von Reformern befallen, die eine Nostalgie für eine frühere leviathanische Ordnung haben. Lugalzaggizis Armeen überrollen sie alle.

Bevor all die Leichen begraben werden, ist Lugalzaggizi der Lugal von Umma, Lagasch, Ur und Erech. Seine Schriftgelehrten beschreiben ihn als den Mann von Erech, den Einen und Einzigen. Das Tal von Tigris und Euphrat wird von einem einzigen Leviathan besetzt. Sumer ist zum ersten Mal eins. Der Wurm hat all seine Vorgänger aufgefressen. Lugalzaggizis Schriftgelehrte beschreiben ihn auch als den Lugal der Lugals, ein Ausdruck, den seine semitisch-sprechenden Subjekte als König der Könige und Herr der Herrscher übersetzen.

Aber die Tage selbst dieses Allmächtigen sind gezählt. Ebenso wie die Sumerischsprechenden nicht länger nur Priester und Ensis sind, sind die Semitischsprechenden nicht länger nur Zeks. Durch Heirat, physische Tüchtigkeit und Kriecherei befinden sich die Großenkel der Zeks im Palast und im Tempel. Die im Tempel wagen es, den sumerischen Gottheiten die Namen der vor langem vergessenen, semitischen Gottheiten zu verleihen und geben der Tochter des Mondes den landesüblichen Namen Ischtar. Die sumerischsprechenden Priester*innen scheint das nicht weiter zu kümmern; viele von ihnen müssen wissen, dass die sumerischen Götter nicht länger mehr als Namen sind. Zudem sind viele der Brüder der semitischsprechenden Priester*innen Ensis – tatsächlich sind es so viele, dass es leichtsinnig wäre, darauf zu bestehen, dass Ischtars eigentlicher Name Inanna ist. Zudem sind in den entlegenen Städten entlang des Weges von Sumer zur Levante und dem Sinai nicht nur semitischsprechende Ensis, sondern sogar einige, die das Amt des Lugals ausüben. Ein solcher ist Sargon, der Akkade.

Sargon ist in jeder Hinsicht sumerisch, außer in seiner Sprache. Er begann seine Karriere offensichtlich als ein Ensi des Lugals von Ur, für den er die Steuern einer Provinz in der Levante eingetrieben hatte. Als Ur Lugalzaggizi unterlag, nannte Sargon seine Provinz Akkad und nahm den Posten des Lugals ein. Er hatte Lugalzaggizis fetten Leviathan, etwas, das wir ein Imperium nennen würden, eine ganze Generation lang beobachtet. Plötzlich versteht er etwas, das selbst Lugalzaggizi nicht weiß; seine Schriftgelehrten sagen, dass ihm das von Ischtar gesagt worden sei. Sargon weiß, dass der phallusförmige Kopf des Leviathan allen Mächtigen gehört, nicht nur den sumerischsprechenden Mächtigen.

All die Mächtigen, die sich auch nur das kleinste bisschen herabgewürdigt fühlen, sehen in Sargon einen Helden. Dem Vorbild Lugalzaggizis folgend nimmt er seinen Mentor gefangen und fegt durch die Städte, die die ersten Leviathane hervorgebracht haben.

Ein einziger Leviathan, so lang wie der Nil und um einiges länger, erstreckt sich nun über den gesamten Fruchtbaren Halbmond. Seine Eingeweide umfassen das mesopotamische Umma, Ur, Lagasch und Erech, sowie all die Städte entlang der Straßen in der Levante.

Sargon, der seine Karriere als Steuereintreiber begonnen hatte, weiß so wie jeder Pharao oder Lugal, was der Wurm am Besten kann. Er frisst Abgaben, nicht nur um den Lugal und seine Ensis zu ernähren, die nun semitische Namen haben, sondern vor allem um die zunehmend gewaltsamen Götter im Tempel zu ernähren, Götter, die so tot sind wie der Leviathan selbst und ebenso hungrig.

***

Die Taten und Schicksale von Urukagina, Lugalzaggizi und Sargon sind der Gegenstand dessen, was wir “Geschichte” nennen. Mary Jane Shoultz hat dieses Wort entmystifiziert. Wenn wir von tatsächlicher Geschichte, Geschichte im eigentlichen Sinne sprechen, meinen wir seine Geschichte. Sie ist eine exklusiv maskuline Angelegenheit. Wenn Frauen in ihr auftauchen, dann tun sie das eine Rüstung tragend und ein Phallussymbol handhabend. Solche Frauen sind maskulin.

Diese gesamte Angelegenheit dreht sich um Phallussymbole: den Speer, den Pfeil, die Zikkurat [Tempelturm], den Obelisk, den Dolch und später natürlich das Projektil und die Rakete. All diese Objekte sind zugespitzt und sie sind alle dazu geschaffen, einzudringen und zu töten. Die mesopotamische Zikkurat [Tempelturm] und der ägyptische Obelisk, männergemachte Berge, die in den Himmel weisen, sagen den Tag voraus, an dem Männer die Ozonschicht der Atmosphäre zerreißen und sich selbst in den luftleeren Raum schießen werden, in dem einst nur Götter zu fliegen vermochten.

Viele, von Euripides bis Bachofen, Schultz, Grass und Turner werden sich fragen, warum seine Geschichte so exklusiv maskulin ist. Sie werden sich an die Zuchthengst-artige Rolle des menschlichen Mannes im Naturzustand erinnern und sich fragen, ob die leviathanischen Kunststücke, die seine Geschichte ausmachen, die Rache der Männer sind.

Mit dem Aufstieg der Leviathane werden Frauen entwürdigt, domestiziert, missbraucht und instrumentalisiert und dann fahren die Schriftgelehrten fort, die Erinnerung daran auszulöschen, dass Frauen einmal wichtig gewesen waren. Diamond sagt, dass die Literatur, die Shoultz männliche Literatur nennt, bestenfalls dazu geeignet ist, die Vergangenheit aus dem Gedächtnis zu tilgen.

In den alten Gemeinschaften erinnerte sich an das, was eine*r der Ältesten vergaß, wahrscheinlich ein*e andere*r und Traditionen konnten nur schwer verloren gehen, außer die gesamte Gemeinschaft wurde ins Unheil gestürzt.

Aber sobald sich das soziale Gedächtnis auf den Schriftrollen und Tafeln der Schriftgelehrten einnistet, konnte eine einzelne Weisung des Pharaos oder Lugals einen ganzen Abschnitt der Vergangenheit oder sogar die gesamte auslöschen. In Ägypten werden viele frühe Kartuschen und Namenstafeln gefunden werden, die den kaum wahrnehmbaren Namen einer Frau tragen, der Matriarchin; auf allen von ihnen ist der Name der Frau von späteren Schriftgelehrten ausradiert, die dann den Namen eines Mannes in der Kartusche platzierten.

Die Frau ist die Mutter; sie ist die Erde; sie gebärt das Leben. Aber der Mann fühlt sich nicht länger unterlegen; er hat sich im Leviathan eingelebt, der geschlechtslos ist und kein Leben gebiert, der aber kein Leben zu gebären braucht, da er unsterblich ist. Durch die leviathanische Rüstung ermächtigt schlagen die Männer zurück.

Turner wird eine der Gutenachtgeschichten, die von den sumerisierten Akkadianern, die die Macht mit Sargon teilen, erzählt wurden, zitieren. Sie erinnern sich noch immer an die ursprüngliche Mutter, Tiamat, die erste Spenderin des Lebens. Aber nun verstehen sie sie als ebenso tot wie Leviathan, indem sie sagen, dass der Himmel und die Erde selbst aus ihrem zergliederten Kadaver geformt sind. Marduk, Sargons Gott, ist ihr Zergliederer. In Turners Worten “zertrümmert” Marduk “ihren Schädel, teilt ihren Körper wie eine Auster und die folgsamen Winde blasen ihr Blut fort.” Turner wird hervorheben, dass der gewaltsame Marduk eine lange Linie erdhassender Nachfahren haben wird; unser zeitgenössischer Lugal Reagan wird versuchen der letzte von ihnen zu sein.

Seine Geschichte ist eine Chronik der Taten der Männer am Phallus-Ruder von Leviathan und in ihrer weitesten Bedeutung ist sie die “Biografie” dessen, was Hobbes den Künstlichen Mann nennen wird. Es gibt so viele seiner Geschichten, wie es Leviathane gibt.

Aber seine Geschichte neigt dazu, zu einer einzigen zu werden, aus demselben Grund, aus dem Sumerien und nun der gesamte Fruchtbare Halbmond zu einem Einzigen wird. Der Leviathan ist ein Kanibale. Er frisst seine Zeitgenossen, ebenso wie seine Vorfahren. Er liebt eine Vielfalt von Leviathanen ebensowenig, wie er die Erde liebt. Sein Feind ist alles außerhalb von ihm selbst.

Seine Geschichte wird mit Ur geboren, dem ersten Leviathan. Vor oder außerhalb des ersten Leviathans gibt es keine Geschichte [His-story].

Die freien Individuen einer Gemeinschaft ohne Staat hatten per Definition keine Geschichte [His-story]: Sie waren nicht von dem unsterblichen Kadaver umfasst, der der Gegenstand seiner Geschichte ist. Eine solche Gemeinschaft war eine Vielheit an Individuen, eine Ansammlung von Freiheiten. Die Individuen hatten Biografien und sie waren diejenigen, die von Interesse waren. Aber die Gemeinschaft als solche hatte keine “Biografie”, keine Geschichte [His-story].

Nichtsdestotrotz besitzt der Leviathan eine Biografie, eine künstliche. “Der König ist tot, lang lebe der König!” Generationen sterben, aber Ur lebt weiter. Innerhalb des Leviathans ist eine interessante Biografie ein Privileg, das nur sehr wenigen oder nur einem verliehen wird; der Rest hat langweilige Biografien, einander so ähnlich wie die ägyptischen Kopien einst wunderschöner Originale. Was nun von Interesse ist, ist die Geschichte Leviathans, zumindest für seine Schriftgelehrten und His-toriker.

Für andere, wie Macbeth wissen wird, ist die Geschichte Leviathans, wie die seiner Herrscher, “eine Erzählung, die von einem Idioten erzählt wird, voller leerem Schall, die nichts bedeutet.” Der Herrscher wird von einem Invasor oder einem Thronräuber getötet und seine großen Taten sterben mit ihm. Die unsterbliche Geschichte des Wurms endet, wenn er von einem anderen unsterblichen verschlungen wird. Die Geschichte des Verschlingens ist der Gegenstand der Weltgeschichte [World His-story], die schon in ihrem Namen einen einzigen Leviathan prophezeit, der die gesamte Erde in seinen Eingeweiden eingeschlossen hat.

***

Rückzüge menschlicher Gefangener aus den Eingeweiden toter Würmer sind schließlich ebenso häufig wie das Verschlingen kleiner Leviathane durch größere. Die Menschen revoltieren nicht nur. Die Menschen verlassen, fliehen, entkommen tatsächlich. Sie versuchen das die ganze Zeit. Sie haben häufig Erfolg.

Sargons Herrschaft war lang. Sein Imperium überdauerte zwei Generationen. Es endete, als “alle Lande gegen ihn revoltierten und ihn in Akkad heimsuchten”, in den Worten einer Keilschrifttafel. Nichts bleibt von dem enormen Leviathan übrig, der sich über den gesamten Fruchtbaren Halbmond erstreckte.

Unglücklicherweise blieben Segmente des zersetzten Wurmes über das Land verstreut und jedes Segment neigt dazu, sich selbst wieder zu einem vollständigen Wurm zusammenzusetzen. Tote Dinge haben Mächte, die lebendigen Wesen fehlen. Biolog*innen werden versuchen, den Lebenden diese seltsame Fähigkeit des Toten durch einen Prozess, der Klonen genannt wird, zu verleihen.

Einige der Fragmente, diejenigen, die die Reichen und Mächtigen enthalten, haben Erfolg darin, einen neuen Wurm zum Leben zu erwecken und ein neuer Leviathan straft die Desserteure, indem er sie zu unverhohlener Sklaverei, zu immerwährendem Zektum erniedrigt. Sargons Nachfolger Rimusch erweitert den Kadaver des Wurms sogar noch um die Elamiter in den persischen Ebenen.

In allen Gegenden gibt es Revolten und schließlich wird Rimusch von seinen eigenen Wachen getötet. Ihm folgt Naram-sin nach, von seinen eigenen Schriftgelehrten “Gott von Akkad” genannt, aber das Imperium dieses Gottes befindet sich in einem fortwährenden Zerfall. Die Gefangenen in den Eingeweiden dieses Leviathans laden königlose Nomaden aus allen Gegenden ein, ihnen zu helfen, das Ungeheuer von innen zu zerreißen.

Die Intestinalkriege [Eingeweidekriege] dauern bis lange in die Herrschaft des nächsten Nachfolgers an. Schließlich ziehen sich die Elamiter zurück, ziehen sich die Ladaschianer zurück und dann zerbricht das gesamte Ungeheuer in kleine Stücke. Die Zeks verlassen sogar die Kanäle.

Der große Leviathan ist zerstört, für manche Menschen dauerhaft. Ein ähnlicher Leviathan wird in diesem Teil der Welt erst vier Generationen später wiederauferstehen. Anarchie kehrt zum Fruchtbaren Halbmond zurück.

Unglücklicherweise ist dies nicht die Anarchie eines früheren Zeitalters. Die Menschen, die sich vom Leviathan zurückgezogen haben, sind verkrüppelt. Ihre Rüstung lässt sich nicht ablösen. In vielen bleibt die Möglichkeit menschlich zu sein Nichts. Die Gegend selbst ist von den kriegführenden Leviathanen in eine unwirtliche Wüste verwandelt worden. Und einige der Verbündeten, beispielsweise die Gutianer*innen, die eingeladen worden waren, den großen Wurm zu stürzen, versuchen ihrerseits einen eigenen Wurm zum Leben zu erwecken, der auf dem Vorbild derer von Lugalzaggizi und Sargon basiert. Nichtsdestotrotz ziehen sich die Gefangenen zurück, offensichtlich bevorzugen sie diese beschädigte Anarchie der leviathanischen Ordnung.

Während eben jener Generation, in der die Anarchie ins ehemalige Sumer-Akkadien zurückkehrt, kehren sich die Wehrpflichtigen des Pharaos von ihren Pyramiden- und Palastbau-Anweisungen ab und wenden sich gegen den Pharao und gegen all die offiziellen Bräuche seiner Priester*innen und stellen ebenfalls einen gewissen Grad von Anarchie im Niltal wieder her. Die Zeks des Pharaos kehren zu ihren Dörfern zurück und versuchen das Leben so fortzusetzen, wie es in den alten Tagen gelebt worden war. Frakturierte Segmente des Ungeheuers, das vom Memphis-Monarchen angeführt worden war, liegen verstreut an den Ufern des Nils. Die ehemaligen Agenten des gefallenen Pharaos versuchen einige dieser Segmente wieder zum Leben zu erwecken. “Siebzig Könige in siebzig Tagen“ offenbaren den Grad ihres Erfolgs.

Und eine oder zwei Generationen nach dem Zusammenbruch dieser beiden Giganten (Archäolog*innen sind sich uneinig hinsichtlich der Chronologie) scheitert ein dritter Versuch, einen Leviathan zu begründen. Mohenjo Daro am Indus wird von seinen Insass*innen verlassen. Die Details dieses Rückzugs werden nicht bekannt sein, weil die Schrift nicht entschlüsselt werden wird. Dieser Rückzug wird für Menschen mit zivilisierten Gehirnen ein Rätsel sein und seine Gründe werden in Fluten, Dürren, Invasionen und sogar einer “tektonischen Verschiebung” gesucht werden. Wenn man davon überzeugt ist, dass die Menschen niemals die Eingeweide der Zivilisation verlassen würden, dann muss man sich in tektonische Verschiebungen flüchten um zu erklären, warum die Menschen fliehen. Aber wenn man nicht so überzeugt davon ist, dann ist das Rätsel nicht, warum die Menschen fliehen, sondern warum sie so lange in ihr bleiben, wie sie es tun.

Die Menschen am Indus bleiben viele Generationen lang davon verschont, von einem Staat gefesselt zu werden. Diejenigen am Tigris und am Nil bleiben nicht so lange verschont.

Hier sollte hervorgehoben werden, dass die Segmente zersetzter Leviathane einen ungerechten Vorteil gegenüber Gemeinschaften freier Menschen haben. Die Segmente sind wie Maschinen. Wenn sie bloß verlassen worden sind und nicht allzu eingerostet sind, können sie von jedem guten Mechaniker geölt und wieder in Betrieb genommen werden. Die Segmente, die tote Dinge sind, mögen rosten; sie sterben jedoch nie.

Aber menschliche Gemeinschaften bleiben tot, wenn sie erst einmal tot sind. Gemeinschaften lebendiger Wesen sind in dieser Hinsicht klar unterlegen. Um es etwas anders auszudrücken: Der Tod steht immer auf Seiten der Maschinen.

Das hat tragische Konsequenzen für diejenigen, die schließlich erfolgreich darin waren, sich von dem schweren Kadaver zu entlasten. Sie können nicht in ihre alten Gemeinschaften zurückkehren, da diese durch Generationen des Plünderns, Kidnappings und Mordens von Zivilisationen zerstört wurden. Die Menschen können nicht fortfahren; sie müssen von vorne anfangen. Wir sollten nicht annehmen, dass die Gepflogenheiten, die wir Kultur nennen werden, und die über tausende Generationen genährt und kultiviert wurden, über Nacht regeneriert werden könnten. Es mag gut sein, dass solche Gepflogenheiten die Kultivierung vieler Generationen erfordern.

Aber die Menschen, die darum kämpfen, einen Neustart zu machen, haben kein Zeitalter, in dem sie das tun könnten. Sie befinden sich inmitten leviathanischer Segmente, Maschinen, die jede*r gute Mechaniker*in reaktivieren und dazu nutzen kann, die Anstrengungen einer ganzen Generation in einem einzigen Feldzug ins Nichts zu stürzen.

Das ist genau das, was passiert. Am Nil werden in Theben und Herakleopolis Segmente des zersetzten Leviathans instand gesetzt und beide wachsen zu vollständigen Würmern heran. Im Tigris-Euphrat-Tal, genauer gesagt, in Erech, erlangt der Machthaber Utukhegal die Kontrolle über den schwerfälligen Wurm, den die Guti zum Leben erweckt haben, nur um von seinem eigenen Stellvertreter enttrohnt zu werden; aber sein Stellvertreter, Urnammu, hat Erfolg darin, den gesamten sumerisch-akkadischen Leviathan wieder zum Leben zu erwecken und ihn erneut von der Levante bis nach Elam auszudehnen. All die Anstrengungen, einen Neubeginn zu starten, werden zunichte gemacht; sie werden nicht unterbrochen; sie werden vernichtet.

Nach zwei Generationen ziehen sich die Gefangenen des wiedererweckten Ungeheuers erneut zurück. Dieses Mal wird der sumerisch-akkadische Leviathan für alle Zeiten verlassen. Aber gepanzerte Ssumerianisierte Semiten bestehen darauf, die Segmente zu flicken und bei Aschschur erwecken sie einen neuen Wurm zum Leben, der mit Zeks von neuen semitischen Fremden bemannt ist, den Amoritern.

Fünf Generationen später starten die Nachfahren der Amoriter-Zeks in Babylon einen eigenen Leviathan, wobei sie fortfahren, die Bosse der Arbeiter-Gangs “Aufseher von Amoritern” zu nennen. Und fünf Generationen danach dehnt der Amoriter Hammurabi den babylonischen Wurm über die antiken Gefilde Urukaginas aus, während die ehemaligen Herren der Amoriter, die Assyrer, ihren Wurm über die westlichen Provinzen von Lugalzaggizis Gefilde ausdehnen.

Unterdessen haben unbekannte Menschen aus den Wäldern und Bergen der Guti Teile der mesopotamischen Rüstung durch ganz Eurasien nach China getragen, von denen gesagt wird, dass sie der Ursprung der Yang-Shao-Kultur seien. Nur zwei Generationen später gibt es eine Schrift und eine Xia-Dynastie, deren Gründer, Yû, die Bereitstellung einer verlässlichen Wasserversorgung zugeschrieben wird.

Im Westen des Fruchtbaren Halbmonds, in Anatolien, wo die Frauen viele Generationen lang fortfahren werden, die unbegrenzte Fruchtbarkeit der Erde zu feiern, befinden sich an zwei oft von assyrischen Händlern besuchten Orten bereits aufkommende Würmer, die den Ägyptern und Assyrern später als Hethiter bekannt sein werden.

Jedes neue Modell besitzt Zusätze, die seinen Vorgängern fehlten. Die Segmente, die vom Zerfall von Sargons Ungeheuer in der Levante übrig geblieben sind, werden generalüberholt in mobile, oktopusähnliche Monströsitäten, die den phönizischen Handel an Orte bringen, die weit außerhalb der Reichweite stationärerer Würmer liegen. Die phönizischen Händler*innen in Byblos und Ugarit überholen sogar die hyroglyphischen und keilförmigen Schriften zu einem weitaus effizienteren kommerziellen Werkzeug, dem Alphabet.

Menschliche Gemeinschaften entwickeln sich zurück, während die Würmer fortschreiten. Die größte Errungenschaft des Leviathans ist es, wie L. Mumford behaupten wird, Menschen zu Dingen zu reduzieren, sie zu effizienten mechanischen Kampfeinheiten umzuarbeiten.

All das ist deprimierend. Das Gefilde des Todes breitet sich aus. Und da der Tod sich zum Leben verhält wie die Nacht zum Tage, schrumpft das Leben zusammen, während sich das Gefilde des Todes ausbreitet. Die unmenschliche Erzählung bedeutet wahrhaft nichts menschliches.

Nachdem ich einige der Hauptprotagonisten genannt habe, die sich gegen menschliche Gemeinschaften und gegen Mutter Erde selbst in Stellung brachten, wende ich mich einer kleinen Gruppe von Menschen zu, die sich den Eingeweiden eines der großen Leviathane entzogen. Diese Menschen waren zum Zeitpunkt ihrer Entziehung für alle außer sich selbst unbedeutend und wären unbedeutend geblieben, wenn ihre jüdischen, christlichen und muslimischen Erben nicht den Schatten ihrer Entziehung in jedes vormals sichere Refugium auf dem Globus getragen hätten.

Diese Menschen sind natürlich die Israeliten, die sich der ägyptischen Zivilisation entzogen und an dieser Stelle muss ich sagen, dass ich von dem gepanzerten Fragensteller überrascht bin, der selbstgefällig die positiven Wunder der Zivilisation in mein Gesicht schleuderte, da ein Teil seines Panzers aus den Überbleibseln dieser kleinen Gruppe besteht, die vor den Wundern floh.

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Alles in bester Ordnung

Das zügellose Ich – und das sind wir ursprünglich und in unserem geheimen Inneren bleiben Wir’s stets – ist der nie aufhörende Verbrecher im Staate. Der Mensch, den seine Kühnheit, sein Wille, seine Rücksichtslosigkeit und Furchtlosigkeit leitet, der wird vom Staate, vom Volke mit Spionen umstellt. Ich sage, vom Volke! Das Volk – Ihr gutherzigen Leute, denkt Wunder, was Ihr an ihm habt – das Volk steckt durch und durch voll Polizeigesinnung. – Nur wer sein Ich verleugnet, wer „Selbstverleugnung“ übt, ist dem Volke angenehm.

Polizeigewalt

Als am 25. Mai 2020 der schwarze George Floyd bei einer Polizeikontrolle von den Cops getötet wird, wird in den etablierten wie weniger etablierten Medien eine vermeintlich ungewöhnlich radikale Frage diskutiert: Sollte man die Polizei nicht besser abschaffen oder zumindest radikal abbauen? „Defund the Police“, „Kürzt der Polizei die Mittel“, diese Forderung geistert durch die Medien, und Minneapolis, die Stadt, in der George Floyd getötet wurde, kündigt an ihre Polizeistruktur grundlegend umzubauen. Damit wird eine Forderung populär, die von diversen schwarzen linken Organisationen in den USA wie „Black lives matter“ oder der Initiative „A World without Police“ sowie anderen Vertreter:innen der abolitionistischen Bewegung [1] bereits seit Jahren propagiert wird. Polizei und Gefängnisse müssten erst „abgeschafft“ werden, ehe sie reformiert werden könnten, meint beispielsweise Mariame Kaba, abolitionistische Aktivistin, unter anderem Direktorin des Project NIA, einer Organisation zur Beendigung von Jugendinhaftierungen. Mehr Geld für Sozialarbeit und psychologische Krisenhilfe fordern demokratische Reformisten wie letztens auch die Grüne Jugend. Die Polizei habe zu viele Zuständigkeiten, die sich durch andere Institutionen und Ansätze besser lösen ließen, wie etwa wenn es um den Umgang mit Drogen, Obdachlosigkeit und psychischen Erkrankungen geht.
Radikalere Abolitionist:innen wie etwa A World without Police – die gleichnamige Broschüre aus dieser Initiative wird beispielsweise von ABC Wien verbreitet [2]– haben da eine größere Vision:

Die einzige Möglichkeit, Polizeigewalt zu beenden, ist die Polizei als Ganzes abzuschaffen – als Teil einer revolutionären Veränderung der Gesellschaft, die den vorhandenen Wohlstand und Ressourcen auf alle verteilt.

Die Abschaffung der Polizei und des Knastes wird dabei nicht isoliert betrachtet, sondern formuliert die Sehnsucht nach einer befreiten Gesellschaft, in der die Abschaffung der Polizei nur ein Teilaspekt eines radikal anderen Miteinanders sein soll. Teil dieser Utopie ist dabei immer die Suche nach „Alternativen“ zu Polizei und Knast, um die „Sicherheit“ und den „Schutz“ der Menschen zu gewährleisten. Ob Grüne Jugend oder A World without Police, die etwa die Polizeikräfte „durch Systeme gemeinschaftlicher Sicherheit und Konfliktlösung“ ersetzen wollen, konkreter beispielsweise durch „basisdemokratisch aufgestellte Sicherheitsteams, in denen diejenigen das Sagen haben, die auf Schutz angewiesen sind“, es braucht einen Ersatz für das, was die Polizei aktuell leistet oder leisten soll.

Doch was bedeutet das, wenn ich nach „Alternativen“ zur Polizei suche? Was ist es, was ich erhalten will? Was ist „die Polizei“ überhaupt? Wo kommt sie her, was sind die Ideen und Vorstellungen, die dahinter stehen? Gibt es da wirklich etwas, das erhaltenswert ist? Oder muss die Polizei in ihrer Gesamtheit zerstört werden? Aber was bedeutet das? Ich möchte im Folgenden versuchen, diese Fragen zu erkunden. Dabei geht es mir nicht nur darum, den propagierten Reformismus der abolitionistischen Bewegung zu kritisieren, sondern ich möchte versuchen tiefer zu gehen, der Essenz der Idee der „Polizei“ nachzuspüren und mir die Frage stellen, worauf wir uns eigentlich beziehen, wenn wir über die „Polizei“ reden, und zu entlarven, dass die „Polizei“ – nicht nur als der berühmte Bulle im Kopf – unsere Vorstellungen eines menschlichen Miteinanders so tief durchdrungen hat, dass auch eine Welt ohne Polizei in den allermeisten Fällen eine polizierte Welt sein wird.

Dabei möchte ich keine einheitliche Geschichte der Polizei erzählen, keinen Entwicklungsstrang, keine Erzählung irgendeines „Fortschritts“ oder „Antifortschritts“, sondern eher Fragmente sammeln, Diskurse und Ideen wie auch Geschichten über die Polizei und das Polizieren.

Polizeigeschichten

Der Begriff der „police“ oder „Policey“ taucht erstmals im 15. und 16. Jahrhundert im Heiligen Römischen Reich, Frankreich und England auf. Er leitete sich vom Altgriechischen ab, vom Begriff „politeia“ und ist damit mit der griechischen „polis“, den antiken Stadtstaaten, verbunden und mit dem Begriff der „Politik“ eng verwandt. „Polis“ heißt übersetzt einfach „Stadt“ oder „Staat“, was im antiken Griechenland identisch war. „Politik“ bezeichnete in den antiken Stadtstaaten all diejenigen Tätigkeiten und Fragestellungen, die das Gemeinwesen – also die Polis – betrafen. Interessant ist hier das berühmteste Werk des griechischen Philosophen Plato, die Politeia, zu betrachten. In der Politeia diskutiert Plato darüber, inwiefern Gerechtigkeit in einem idealen Staat hergestellt werden kann. In Platos idealem Staat soll die Bevölkerung aus drei Ständen bestehen: den Bauern und Handwerkern, den Kriegern oder Wächtern und den „Philosophenherrschern“. Dabei sind die Wächter diejenigen, die den Staat bewachen sollen. Sie sollen den Staat nach außen wie nach innen verteidigen – nach heutigen Begriffen sollen die Wächter also militärische wie polizeiliche Aufgaben erfüllen –, wenn auch darauf zu achten sei, dass die Wächter nicht zu unterdrückerisch gegen die eigene Bevölkerung vorgehen dürften. Den Staat zu verteidigen bedeutet bei Plato auch, eine optimierte Stabilität dieses Staates herzustellen – was etwa beinhaltet dafür zu sorgen, dass die Bürger immer in einer optimalen Anzahl an Menschen für den Staat vorhanden sind, aber auch dass kulturelle „schädliche Neuerungen“ von den Bürgern ferngehalten werden müssten, also in die Fortpflanzung der Bürger im Sinne des Staates einzugreifen und alles, das die Menschen von ihrer Subjektivierung als Bürger entfernt, von diesen fernzuhalten.

Die „Policey“ des 15. und 16. Jahrhunderts – wenn auch noch nicht allgemein definiert und teilweise unterschiedlich verwendet – umfasste meist – angelehnt an die „Politik“ der Polis – einen Zustand der guten, allgemeinen Ordnung eines Gemeinwesens sowie einer allgemeinen „Wohlfahrt“ und „Sittenaufsicht“. So wurde 1530 in Augsburg eine „Reichspolizeiordnung“ beschlossen, die neben dem, was wir auch heute noch in Strafgesetzbüchern finden, auch Dinge wie Gotteslästerung, Fluchen und Schwören, Trinken, die ständische Kleiderordnung, Trompeter und Spielleute, Betteln und Müßiggang oder den Verkauf unterschiedlicher Waren wie etwa Ingwer regelte und für die Nichtbefolgung konkrete Strafen festlegte. Dabei gab es aber noch keine Institution der „Polizei“, die dafür sorgte, dass diese Regeln eingehalten werden, sondern es gab eine Fülle an unterschiedlichen Umsetzungen und Zuständigkeiten. So hatten die Zünfte in den Städten etwa häufig eigene, konkurrierende „Polizeien“, die dann mit den städtischen Wachen in Konflikt gerieten. Vielerorts übernahmen Söldner – häufig ehemalige Soldaten – die oftmals sehr niedrig angesehene Aufgabe, andere Menschen zu drangsalieren, oft waren es auch feudale Garden und Wachen, die über die Einhaltung solcher „Ordnungen“ wachten.

Die Verteidigung des Eigentums insbesondere reisender Kaufleute und der Adligen war ein wichtiger Bestandteil früher Polizeiarbeit, der Kampf gegen „Müßiggang“ und „Bettelei“ ein anderer. In der Schweiz – wenn auch nicht nur da – spielte der Kampf gegen nicht sesshafte, umherwandernde Menschen – da deutlich schwerer kontrollierbar und eine Gefahr für Eigentum und Leben insbesondere der reichen Kaufleute und Adligen –, wie „Zigeuner“, Räuberbanden, Vaganten, Fahrende und Bettler eine wichtige Rolle für die Entwicklung der frühen Polizei. Ehemalige Soldaten sollten als sogenannte „Landjäger“ das „Gesindel“ vertreiben. Im 17. Jahrhundert übernahmen im Heiligen Römischen Reich „Vogte“, niedere Adlige, die Etablierung einer „guten Ordnung“. Wachleute und Nachtwächter übernahmen dann die Aufgaben, etwa zu kontrollieren, ob sich jemand im Wirtshaus nicht an die Tischmanieren hielt oder sich nicht seines Standes gemäß kleidete. In den USA waren die Vorläufer der modernen Polizei ab circa 1700 sogenannte „slave patrols“, Sklavenpatrouillen, die Sklavenrevolten niederschlagen und geflohene Sklav·innen wieder einfangen sollten.

Das moderne Konzept der Polizei als vom Staat bezahlte und geförderte Beamte wurde von deutschsprachigen und französischen Juristen und Beamten im 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts entwickelt. Einflussreich war Nicolas Delamares Traité de la Police von 1705, ebenso wie die von Philipp von Hörnigk entwickelte Polizeiwissenschaft. Einer der bedeutendsten Theoretisierer der Polizei ist Johann Heinrich Gottlob von Justi, der 1756 die „Grundsätze der Policey-Wissenschaft“ folgendermaßen definiert:

“In weitläuftigem Verstande begreifet man unter der Policey alle Maaßregeln in innerlichen Landesangelegenheiten, wodurch das allgemeine Vermögen des Staats dauerhaftiger gegründet und vermehret, die Kräfte des Staats besser gebrauchet und überhaupt die Glückseligkeit des gemeinen Wesens befördet werden kann.”

Aufgabe des Staates sei, dass er das größtmögliche „Glück“ für die größtmögliche Anzahl seiner Bürger ermögliche. „Polizei“ bzw. ius politiae (Polizeigewalt) erwuchs zum wichtigsten Bestandteil der einheitlichen absoluten Staatsgewalt. Die Polizei sei wichtigstes Instrument zur Gewährleistung der „Herrlichkeit“ des Staates. Sie vergrößere die Stärke des Staates, während sie diesen in guter Ordnung halte. Gleichzeitig solle sie das „Glück“ aller Staatsbürger fördern. Sie solle sich nicht nur um die Durchsetzung von Gesetzen kümmern, sondern sei auch für die öffentliche Gesundheit, die Stadtplanung und die Überwachung von Preisen zuständig – ganz im Sinne von Platos Politeia. Alle möglichen Aspekte im Leben eines Untertans wurden immer umfassender reguliert. Resultat dieser Ideen war der absolutistische „Wohlfahrtsstaat“ des 17. und 18. Jahrhunderts, heute besser bekannt und verrufen als „Polizeistaat“.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam Kritik am Polizeistaat auf. Der Bürger dürfe „nicht zu seinem Glück gezwungen werden“. Die Aufgabe der Polizei liege ausschließlich in der sogenannten „Gefahrenabwehr“ und der Verhinderung von Straftaten. Wohlfahrtspolizeiliche Ziele müssten dabei aber nicht etwa aufgegeben, sondern lediglich eingeschränkt bzw. an andere Institutionen ausgelagert oder anders realisiert werden. Die französische Revolution organisierte die Polizei in diesem Sinne vollkommen neu und lieferte die Basis für das bis heute bestehende Verständnis und die Organisation von Polizeiarbeit:

„Die Polizei wird eingesetzt, um die öffentliche Ordnung, die Freiheit, das Eigentum, die individuelle Sicherheit aufrechtzuerhalten. Ihre Haupteigenschaft ist die Wachsamkeit. Die Gesellschaft betrachtet als Masse ist Objekt ihrer Fürsorge.“

Umgesetzt wurde diese Beschränkung allerdings noch lange nicht, weder in Frankreich noch in deutschsprachigen Gegenden. Erst mit der Weimarer Republik wurde dies im deutschsprachigen Raum mehr oder weniger umgesetzt. Im NS erweiterten sich die Befugnisse der Polizei massiv und eine neue Form des absolutistischen Polizeistaats, der totalitäre Polizeistaat, zum „Schutz der deutschen Volksgemeinschaft“ erschaffen. Nach der Niederlage 1945 erstand die Polizei in der Bundesrepublik in der heute bekannten Form wieder auf (übrigens mit weitreichenden personellen Überschneidungen, ebenso wie es bereits beim Übergang der Weimarer Schutzpolizei zur nationalsozialistischen Polizei der Fall gewesen ist. Aber das nur am Rande). In der DDR hingegen war die Polizei nun für den „Schutz der sozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung“ zuständig, mit den allseits bekannten polizeistaatlichen Konsequenzen.

Polizeivorstellungen

Was können wir aus diesen Geschichten und Fragmenten herausdestillieren? Was macht die Polizei aus? Auch wenn die Polizeiidee einer Entwicklung und einem Wandel unterworfen war, denke ich, dass sich gewisse Grundvorstellungen bereits herauskristallisieren.

So gehört zur „Polizei“ grundlegend die Vorstellung eines „Gemeinwesens“ oder einer „Gesellschaft“, die Vorstellung von etwas Kollektivem also, das über dem einzelnen Individuum steht, das die an einem Ort befindlichen Menschen gänzlich und unfreiwillig umfasst und eine abstrakte Gesamtheit bildet, die durch „schädliches“ Verhalten Einzelner innerhalb oder außerhalb dieses kollektiven Gebildes Schaden nehmen könnte, was wiederum zum Schaden aller gereichen würde. Deshalb muss das einzelne Individuum diesem übergeordneten Kollektiv untergeordnet werden und eine formelle Struktur gebildet werden, etwa einen Staat, um dieses „Gemeinwesen“ zu schützen. Die Verteidigung dieser Struktur gegenüber äußeren wie inneren Feinden, die „dauerhafte Gründung und Vermehrung des Vermögens des Staates“, die Herstellung einer Stabilität dieser Struktur ist dabei ein, vielleicht auch erstes Ziel der Polizeiarbeit. Das bedeutet, dass kollektives wie individuelles Verhalten, das diese Struktur gefährden könnte, bekämpft werden muss. Das Individuum spielt dabei keine Rolle, nur die „Masse“ wird dirigiert, als entindividualisierte Zellen des „Gemeinwesens“, die verwaltet und wie Schachfiguren an die richtige Stelle platziert werden müssen. Wir können das Bild dieses „Gemeinwesens“ durchaus organisch betrachten. In Leviathan, einem äußerst einflussreichen staatstheoretischen Werk der Aufklärung, beschreibt Hobbes den Staat als einen riesigen, einheitlich handelnden Körper, zusammengesetzt aus zahlreichen Menschen, die diesen Riesen mit ihren Handlungen zum Leben erwecken. Betrachten wir den Staat als ein solches Ungetüm – und der moderne Staat ist auf jeden Fall damit halbwegs treffend beschrieben –, dann muss dafür gesorgt werden, dass seine Bestandteile, oder in der modernen Variante der Körpervorstellung seine „Zellen“ ihre Aufgaben erfüllen, die diesen Riesen zum Leben erwecken, d. h. sie können nicht die Freiheit haben zu tun und zu lassen, was sie wollen. Um seine „Zellen“ zu einer für den Leviathan notwendigen Disziplin zu bewegen, braucht es eine Identifizierung der Staatssubjekte mit ihrem Staat. Unterschiedliche Methoden können dabei angewandt werden. Eine ist die Diffamierung individueller Freiheit, des ungezügelten Ichs, als „Egoismus“ und die Propagierung der Aufgabe dieser individuellen Eigenheit zum Wohle einer abstrakten und damit beliebig mit Inhalt befüllbaren „Gemeinschaft“ – genannt „Altruismus“. Eine andere ist den dem Staat unterworfenen „Zellen“ einen Nutzen durch die Teilhabe zu versprechen.

So ist Teil der Polizei-Vorstellung auch, dass der Staat oder eine andere Struktur in der Lage seien, dieses „Gemeinwesen“ zu verbessern, indem dieser die Beziehungen von Menschen und anderen Lebewesen auf eine „gute“ Art und Weise „ordnet“ und so das „Glück“ der meisten befördern würde, der „Wohlfahrt“ dienen würde. Was „Glück“ oder „Wohlfahrt“ dabei sein soll, bestimmen natürlich jene, die in diesem Konstrukt das Sagen oder Einfluss haben, ebenso wie sie bestimmen, wer genau davon wie „profitieren“ solle und wie diese „Ordnung“ auszusehen hat. Diese „Ordnung“ wird in dieser Erzählung einem furchterregenden „Chaos“ gegenübergestellt. Hobbes etwa stellt seinen Staat einem staatenlosen „Naturzustand“ entgegen, der, gemäß seiner Vorstellung, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, als einzige Schlachterei unter den Menschen beschrieben wird – ein erstaunlicher Vergleich, schließlich wäre es zumindest mir neu, dass Wölfe ein solches Verhalten an den Tag legen würden. Nur ein Staat könne mithilfe der Errichtung eines Gewaltmonopols und durch Zwang auferlegte. für alle verbindliche Regeln, sogenannte Gesetze, diesen „Urdrang“ des Menschen bändigen. Nur durch die auferlegte Herrschaft des Leviathan, vor der sich jeder fürchte, könne jeder ohne Furcht vor seinem Nächsten leben und so erst zu Freiheit und Autonomie gelangen. Diese Verdrehung, die ich nicht anders als mit dem berühmten und überstrapazierten Satz aus Orwells 1984 , „Freiheit ist Sklaverei“ zusammenzufassen vermag, setzt sich in der beständigen Panikmache vor diversesten „Gefahren“ fort, etwa altbekannt die vor Mördern, Vergewaltigern und Kinderschändern, aber auch die vor Terroristen, Islamisten oder neuerdings die vor einem Virus. Gleichzeitig werden die Menschen davon entwöhnt, ja es wird ihnen sogar verboten, ihre Konflikte und sonstige Widrigkeiten direkt und selbst zu klären oder auszutragen. Das führt sogar so weit, dass – zumindest in Deutschland – Menschen die Cops rufen, wenn ihre Nachbarn zu laut sind, anstatt dass sie einfach selbst hingehen, um den Konflikt direkt mit diesen auszutragen. Durch diese bewusst herbeigeführte „Hilflosigkeit“ der Menschen und dem geschürten, manchmal trotzdem nicht einmal real vorhandenen „Sicherheitsbedürfnis“, das dann wiederum nur der Staat befriedigen und nur er für Schutz sorgen könne, wird dann die Unterwerfung der Individuen gerechtfertigt und sogar als Freiheit verkauft.

Polizeimethoden

Irgendwo sind alle diese Ideen einfach nur Blabla, um die Herrschaft derjenigen, die mithilfe der geschaffenen Struktur gefestigt und aufrechterhalten werden soll, zu legitimieren und die eigenen Vorstellungen, wie Menschen zu leben haben, durchzusetzen, sowie die Handlungen der dieser Herrschaft unterworfenen Menschen so zu beeinflussen oder zu bestimmen, dass sie der eigenen Machterhaltung und dem eigenen Profit dienen. Das bedeutet nicht, dass diejenigen, die die Gestaltung dieser „Ordnung“ mitbestimmen oder grundlegend setzen, nicht tatsächlich daran glauben, eine für alle „gute Ordnung“ zu entwerfen. Doch egal ob aus reiner Machtgeilheit oder aus Philanthropie, beide eint, dass sie andere Menschen in eine „Ordnung“ bringen wollen, die ihren Zielen entgegenkommt, dass also auf die Menschen Einfluss genommen werden müsse, etwa bei Plato Geburten kontrolliert und Zensur betrieben werden müsse, damit die Menschen auf eine die Ordnung aufrechterhaltende und dieser Ordnung entsprechenden Art und Weise handeln. Viele Kritiker des kapitalistischen demokratischen Nationalstaates werfen dieser Ordnung vor, das Versprechen darauf das größtmögliche Wohl für alle herzustellen, nicht zu erfüllen, und stellen ihm ihre eigene Utopie einer Ordnung entgegen, von der angeblich tatsächlich alle profitieren würden und die die größtmögliche Freiheit für alle etablieren würde.

Womit wir es bei dieser Art der Kritik also zu tun haben, ist eine Kritik an den Methoden und der Form, jedoch keine grundsätzliche Verwerfung von (An-)Ordnungsvorstellungen. Da sind sie nicht die einzigen, denn es gab immer viel Diskussion hinsichtlich der Methoden und Mittel zur Durchsetzung oben genannter Ziele und wieviel (physischer) Zwang und Strafe dabei eingesetzt werden sollte oder dürfe. Bereits Plato wollte nicht, dass die „eigene Bevölkerung“ zu sehr von den Wächtern unterdrückt werde, aber ein bisschen dann doch, kaschiert als das angeblich dialektische Verhältnis zwischen „Freiheit“ und „Sicherheit“, zwischen denen man eine optimale Balance finden müsse.

Während etwa in feudalen Zeiten „polizeiliche“ Institutionen ebenso wie Gerichte und Strafen auf die sichtbare und öffentlich zelebrierte körperliche Bestrafung verbotenen Verhaltens, auf das Schauspiel der Zerstörung des Körpers des Delinquenten setzte und die „Ordnung“ häufig mithilfe von offener physischer Gewalt durchgesetzt wurde, setzte mit der Aufklärung eine „Humanisierung“ und Subtilisierung dieser Kontrollinstrumente ein, die sich zukünftig nach wissenschaftlichen, „vernünftigen“ und demokratischen Prinzipien organisieren sollten. „Willkürliche“ Herrschaft und Strafen, die härter waren als das, was die Person verübt hatte, passte den protestantischen Aufklärern nicht. Mit der Absetzung der Aristokratie als die herrschende Klasse und der Emanzipation des Bürgers, der Bourgeoisie, als neue herrschende Klasse musste ein anderes Herrschaftsverhältnis her, eines, das vermeintlich auf Vernunft basierte. Die auch heute noch auf den Grundsätzen der Aufklärung basierenden polizeilichen Institutionen erheben den Anspruch, ihre Tätigkeit an gewissermaßen „objektiven“ Kriterien zu orientieren, die philosophisch und demokratisch entwickelt wurden, um ein Zusammenleben zu sichern, das im Sinne zumindest der Mehrheit bzw. der meistmöglichen Anzahl an Menschen sei.

Der Staat solle dabei das Instrument zur Durchsetzung dieser Vernunft sein. Dabei wird scheinbar jeder gleich machtlos angesichts verschriftlichter Vorschriften und Gesetze. Ein Cop hält sich nur an die Vorschriften, ein Richter ans Gesetz. Ein jeder orientiert sich an einer leblosen Sache, die weil sie leblos ist, als höhere Sache gilt, der man sich ja auch nur unterwirft. Ein jeder nur ein Rädchen in einem System, das vorgeblich dem Wohl aller dient. Ganz im Sinne von Hobbes‘ Leviathan. Gott – herrschaftliche Legitimationsstrategie vor der Aufklärung – heißt nun Vernunft und Wissenschaft.

Außerdem verschiebt sich der Fokus auf die „Prävention“ unerwünschten Verhaltens anstatt der altbewährten Bestrafung – „es ist besser zu verhindern, dass Verbrechen überhaupt stattfinden anstatt sie zu bestrafen“, proklamierte etwa der utilitaristische Philosoph Jeremy Bentham – ebenso wie auf die „Resozialisierung“ aka Umerziehung von Menschen, die trotzdem gegen Regeln verstoßen, unter anderem mithilfe von nicht körperlich sichtbaren Bestrafungen, die je nach „Besserungsgrad“ minimiert werden können. „Die Strafe soll, wenn ich so sagen darf, eher die Seele treffen als den Körper“, bemerkte der Aufklärer de Mably 1789.

Im 19. Jahrhundert wird in Großbritannien die Strategie des „policing by consent“ entwickelt. Angesichts von Arbeiterstreiks und -aufständen, die teilweise dadurch verschärft wurden, dass die Cops zahlreiche Protestierende niederschossen, musste eine neue Strategie her. Der Begründer der Londoner Metropolitan Police Force, ein Politiker namens Peel, entwickelte 1829 das „policing by consent“, das zustimmungsbasierte Polizieren. Diese Idee sollte revolutionäre Bewegungen in reformistische verwandeln, die in der Polizei ihren Partner und nicht ihren Gegner sehen. Die Idee dabei war, dass je mehr die Leute sich selbst polizieren, umso weniger brutale Gewalt zur Durchsetzung der Staatsordnung aufgewendet werden muss.

„Die Polizei muss die willige Kooperation der Öffentlichkeit bei der freiwilligen Befolgung des Gesetzes sicherstellen, um in der Lage zu sein den Respekt der Öffentlichkeit zu sichern und aufrechtzuerhalten… Der Kooperationsgrad der Öffentlichkeit, der gesichert werden kann, senkt proportional die Notwendigkeit offene brutale physische Staatsgewalt anzuwenden.“

So beschreibt Peel seine Idee. Die Polizei darf also nicht als von außen aufgedrückte Unterdrückungs-, Überwachungs- und Kontrollstruktur wahrgenommen werden, sondern muss als Ausdruck des Gemeinwillens, als „Bürger im Dienste des Bürgers“ angesehen werden, an Gesetze gebunden wie alle und nur gegen diejenigen vorgehend, die sich nicht an Gesetze halten. In diesem Sinne steht auch das 1926 in der Weimarer Republik geprägte – und von Heinrich Himmler begeistert wieder aufgenommene und bis heute verbreitete – Motto „Die Polizei – dein Freund und Helfer“. Peel prägte auch den Satz: „Die Polizei ist die Öffentlichkeit und die Öffentlichkeit ist die Polizei“, denn die erfolgreichste Polizei ist diejenige, die die Gesellschaft so durchsetzt hat, dass sie eins mit ihr geworden ist, wo sich die Leute von selbst an die Regeln halten, ohne darüber nachzudenken, diese als selbstverständlich betrachten und andere daran hindern, diese Regeln zu brechen.

Polizeigesellschaft

Humanismus: die Kunst einem Monster Lippenstift aufzutragen und es dazu zu bringen ganz süß zu gucken, während man ihm weiche mitleidsgefärbte Kleider anzieht; die Kunst die eigene Verteidigung einer solchen Unmenschlichkeit menschlich erscheinen zu lassen.
Good cop bad cop

Seit dem 18. Jahrhundert, also eigentlich seit Beginn der Institutionalisierung der Polizei, wird darüber nachgedacht, auf welche Art und Weise die Anwendung physischer Gewalt minimiert werden kann, ohne dabei die Kontrolle über die Bevölkerung zu verlieren, um so die Akzeptanz der bestehenden Herrschaftsstrukturen und ihrer Regeln zu steigern. Die meisten Kritiken am Polizeistaat – damals wie übrigens auch heute – beschränkten sich darauf, dass es nicht Sache einer physische Gewalt anwendenden Institution sei, gewisse Dinge zu regeln, dass das „unmenschlich“ sei, sondern dass es andere Institutionen oder Ansätze gebe, die besser für die Regelung dieser Dinge geeignet seien. Welcher Dinge? Handlungen, Beziehungen und Situationen, die die „Ordnung“ stören könnten, etwa dadurch, dass die Befriedung der Bevölkerung nicht mehr funktioniert, es also Potenzial für Revolten gibt, oder dass die Mitglieder dieser Ordnung ihre Aufgaben nicht (mehr) erfüllen (können). So ist beispielsweise der „Kampf“ gegen Armut, Drogenmissbrauch oder Obdachlosigkeit – Beispiele derjenigen, die etwa mehr Sozialarbeiter für diese Angelegenheiten anstelle von Cops fordern – Versuche das Versagen des Glücksversprechens des Staates zu kaschieren oder aufzufangen, ebenso wie Revolten aufgrund von existenzieller Not zu verhindern und andererseits mithilfe von „Resozialisierungs“programmen etwa von Obdachlosen oder Drogenabhängigen diese in den Körper des Leviathan als nützliche Zellen zu reintegrieren.

„Polizei“ als Etablierung und Aufrechterhaltung einer „Ordnung“ umfasst die Einfügung der Subjekte des Leviathans in seinen Körper. Doch was bedeutet das konkret? Ein altes Synonym zur „Policey“ ist „Mannszucht“. Heute kennen wir noch das „Zuchthaus“, die „Züchtigung“ oder „züchtig“ zu sein. Dabei sind die „Züchtigung“ oder das „Züchtigsein“ Dinge, das wir meist mit vielleicht etwas veraltet wirkenden Erziehungsmethoden assoziieren. Ob veraltet oder nicht, können wir allerdings sagen, dass Erziehung eine ganze Menge mit der Polizei zu tun hat.

part. policiert, in gute bürgerliche ordnung (polizei) gebracht, wol eingerichtet; gebildet, gesittet, civilisiert
„Polizieren“, Grimms Wörterbuch

Wer poliziert ist, ist laut Grimmschen Wörterbuch „gebildet, gesittet, civilisiert“. Jemand Unpoliziertes ist also ungebildet, unzivilisiert, ungesittet. Wer eine „schlechte Erziehung“ genossen hat – oder, in moderneren Worten ausgedrückt, „einen niedrigen Bildungsstandard hat“ –, der läuft Gefahr eher „straffällig“ zu werden, sprich ordnungsgefährdendes Verhalten an den Tag zu legen. Eine gute Bildung und Erziehung ist ein wichtiges Anliegen für den Staat. Die „Erziehung“ ist auch begrifflich eng mit der „Zucht“ verwandt. Das mittelhochdeutsche zühter und das althochdeutsche zuhtari bedeuten ursprünglich „Lehrer“ oder „Erzieher“. Die „Policey“ als „Mannszucht“ dient als lebenslange Erziehungsinstanz. Wer schon einmal in einem Gerichtsprozess saß, kennt den erzieherischen Charakter der ganzen Veranstaltung. Erziehung ist nichts anderes als die Einschränkung der Handlungen des freien, ungezügelten Individuums auf die erwünschten, die in unserer Gesellschaft die des arbeitenden Bürgers sind. Polizei ist auch Schule, Erziehen ist Polizieren.

Doch kehren wir zur „Zucht“ zurück. In Victor Hugos Roman Les Misérables – Geschichte eines Brotdiebes, der nach neunzehn Jahren Zwangsarbeit versucht ein moralisch „besserer“ Mensch zu werden, dabei einen Industriestandort gründet und Bürgermeister wird, dessen Versuche sich zu „rehabilitieren“ aber immer dann scheitern, sobald die Menschen von seiner Vergangenheit erfahren – begegnen wir einem Bischof – der Seelsorger des Protagonisten, der durch seine Freundlichkeit diesen zur Moral bekehrt –, der beim Anblick von Bauern, die Brennesseln aus dem Feld herausreißen und daneben in der Sonne verdorren lassen, murmelt:

Meine Freunde, behaltet dies, es gibt weder schlechtes Kraut noch schlechte Menschen. Es gibt nur schlechte Gärtner.

Der Bischof weiß, wie nützlich Brennesseln sind und was man alles damit machen könnte und ist betrübt über die Dummheit der Bauern. Ebenso ist der Protagonist mithilfe von Fürsorge „bekehrbar“ und kann zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft werden, was aber durch sein Stigma als ehemaliger Strafgefangener immer wieder von der Gesellschaft zunichte gemacht wird. Ich finde das ganze Buch sehr bezeichnend für die Idee, die hinter der Polizei steht sowie für gängige Polizeikritiken, und speziell die Brennesselszene in diesem Kontext äußerst interessant. Die Moral von der Geschicht‘: der Protagonist, die „Brennessel“ könnte und ist ein so nützliches Mitglied der Gesellschaft, doch dadurch, dass ihm die Vergangenheit nicht verziehen wird, kann er dieses Potenzial nicht ausleben. Auf andere „liberale“ oder „emanzipatorische“ Kritiken übertragen, ist das Argument, dass jeder Mensch Fähigkeiten habe, die für die Gesellschaft nutzbar gemacht werden könnten, und die Methoden der Institution der Polizei und der Strafjustiz seien dafür häufig nicht geeignet, teilweise schüfen diese auch erst die Probleme, die sie vorgeben zu lösen. Die Polizei sei häufig „ein schlechter Gärtner“, doch durch eine Umstellung der Methoden, etwa durch Güte, könnte der Garten Gesellschaft viel mehr erblühen und seine Elemente maximal nützlich verwertet werden. Vieles von dem, was als „Unkraut“ entfernt wird, könnte sehr wertvoll für die Gesellschaft sein.

Der Garten im Gegensatz zum wilden Wald oder zur wilden Ebene ist das passende Pendant zur Gesellschaft im Gegensatz zur Freiheit, zum wilden, ungezähmten, freien „Naturzustand“, den Hobbes so verteufelt. Der Garten ist die geordnete, kontrollierte Umgebung, in dem jede Pflanze, jedes Tier danach sortiert wird, ob es für den Zweck des Gartens nützlich ist oder bekämpft werden muss. Und auch hier kann der Gärtner sich irren, Nützliches zerstören und Schaden anrichten und ihm werden andere widersprechen und andere Theorien haben, wie der Garten in seiner ganzen Pracht erblühen kann, doch der Garten selbst bleibt unangetastet. So wie der Gärtner seine Blumen und Nutzpflanzen zieht, Regenwürmer ansiedelt, einen Kompost anlegt und die Schnecken vergiftet, so wird der neugeborene Mensch ge- – pardon erzogen und kultiviert, einer guten „Zucht“ bzw. „Erziehung“ unterworfen, er wird zivilisiert und domestiziert, er wird poliziert.

So gibt es viele Institutionen, „Fachbereiche“, Vereine und akademische Fakultäten, die sich mit der optimalen „Zucht“ der Menschen beschäftigen und sich darum streiten, welcher Dünger die besten Resultate bringt. Was ist die effektivste Methode, um unerwünschtes Verhalten zu eliminieren und erwünschtes zu produzieren? Wie lege ich den Garten am besten an, um das beste Resultat zu erzielen, wie erschaffe ich den Raum, indem am besten das gewünschte Resultat zutage tritt? Die Psychologie, die Pädagogik, die Verhaltensforschung und die Sozialwissenschaft, die soziale Arbeit, die Architektur – etwa durch das Entwerfen „sicherer“ Wohnviertel – haben erstaunliche Arbeit geleistet, um die Produktion erwünschten Verhaltens zu steigern. „Sanftere“ Methoden als der Knüppel verringern bei vielen den Widerstand spürbar. Die Forschungen in diesem Bereich mögen die Erkenntnis geliefert haben, dass das Polizieren mithilfe physischer Gewalt nicht immer das geeignete Mittel zur Verhaltenskontrolle ist, sondern mehr als „Mittel letzter Wahl“ gebraucht bzw. zumindest der Anschein dessen vermittelt werden sollte. Eine Trennung der „Unverbesserlichen“, derjenigen also, bei denen subtilere Methoden der Verhaltenskontrolle nicht funktionieren, von denen, die für andere Mittel anfällig sind, isoliert diese „aufständischen“/kriminellen Elemente und macht sie so leichter kontrollierbar.

In einem Verständnis der Polizei als Kriegsführung gegen das ungezähmte Individuum zur Herstellung des Bürgers und des Arbeiters muss auch die moderne Unterscheidung von Militär und Polizei infragegestellt werden. In anderen Ländern als Deutschland mag diese Unterscheidung eh lächerlich erscheinen, in denen das Militär immer dann zum Einsatz kommt, wenn die klassische Polizei und die anderen Institutionen nicht mehr in der Lage sind, das Verhalten ihrer Bürger zu kontrollieren – eine Intervention, die sicherlich trotz aller „antifaschistischen“ Lippenbekenntnisse auch in Deutschland bei einem Aufstand zu erwarten wäre. Moderne Militärstrategiepapiere sehen in der zunehmend globalisierten Welt mit zunehmend gefestigten Nationen ohnehin in der Aufstandsbekämpfung das militärische Aufgabenfeld des 21. Jahrhunderts, Polizei- und Militärstrategien und -technologien befruchten sich gegenseitig, greifen ergänzend ineinander. Das Militär kommt dann zum Tragen, wenn eine neue Ordnung etabliert werden soll, etwa durch eine militärische Besatzung, oder um eine spürbar ins Wanken geratene Ordnung wieder zu stabilisieren, also quasi um die ursprüngliche Besatzung zu wiederholen. Doch eine Ordnung kann sich besser festigen, wenn die Besatzung nicht mehr als solche empfunden wird. Die militärische Besatzung eines Gebietes wird von den meisten als Freiheitseinschränkung betrachtet werden und entsprechenden Widerstand hervorrufen. Aufgabe einer Polizei ist es, eine solche ursprüngliche Besatzung so weit zu subtilisieren und zu etablieren, dass sie als von den Bewohner·innen eines Gebietes als erwünscht und als Garantin ihrer Freiheit wahrgenommen wird. Während das Militär zumindest in bisherigen Konflikten häufig den Krieg zwischen Staaten oder sonstigen Machtgefügen geführt hat und Gebiete neu besetzt, führt die Polizei in einem dann bereits gefestigten Staatsgefüge einen sozialen Krieg gegen die immer potenziell widerständischen Menschen innerhalb dieser Staaten.

Polizeianarchie?

da jeder nur für sich will leben,
nichts zum gemeinen nutz hingeben,
da geht zu grund all policei.
Georg Rollenhagen (1542-1609), froschmevseler.

Wenn wir Polizei als das Herstellen einer guten Ordnung betrachten, und wir davon ausgehen, dass eine Ordnung nur durch die Kontrolle über die Handlungen der in diese Ordnung eingegliederten Menschen (und anderen Lebewesen) hergestellt werden kann, dann ist natürlich auch klar, dass jeglicher Versuch, eine Ordnung jedweder Art herzustellen, beinhalten muss, das Verhalten der Menschen der erwünschten Ordnung anzupassen, es anzuordnen, also zu polizieren. Dass die Errichtung eines Gemeinwesens, einer Gesellschaft die Einrichtung einer Polizei, egal wie diese genannt werden wird, zur Folge haben wird. Dass alle Versuche und Vorschläge der Reformierung wie auch der Abschaffung der Polizei neue Polizeien errichten.

In gewissen anarchistischen Kreisen werden viele identitätsbasierte Befreiungskämpfe positiv rezipiert, die das Aufstellen „eigener Sicherheitskräfte“ als die Lösung bzw. die Alternative zur Polizei propagieren. Schillerndstes aktuelles Beispiel ist da die „Asayish“, die Institution zur Etablierung der öffentlichen Sicherheit in Rojava, die gerne als ein solches gelungenes Beispiel der „eigenen“ Sicherheitskultur beworben wird. So erklärte der Verwalter der Rojava-Asayish Ciwan İbrahim 2016, die Asayish sei eine „Sicherheitsinstitution, die sich nicht über, sondern innerhalb der Gesellschaft verorte“. Man könnte meinen Ciwan İbrahim hätte Peel gelesen, den Erfinder der britischen „Bobbies“, aber auch wenn dem nicht so ist, fällt es mir schwer irgendeinen Unterschied zum peelschen „Die Polizei ist die Öffentlichkeit und die Öffentlichkeit ist die Polizei“ oder dem deutschen „Die Polizei – dein Freund und Helfer“ zu sehen. Doch sie unterschieden sich schon von den Sicherheitskräften der Staaten, beteuert Ciwan İbrahim, denn:

Zuallerst basiert unsere Sicht auf gesellschaftlichen Problemen, nicht auf „Verbrechen und Strafe“. Was wir im Allgemeinen erreichen wollen ist nicht nur ein Individuum in einem Strafgericht zu bestrafen und so eine temporäre Lösung anzuwenden. Unser tatsächliches Ziel ist es die Ursache dieses Problems herauszufinden und sie umzudrehen, um sie ineffektiv zu machen und es zu verunmöglichen sie in ein Verbrechen umzuwandeln. Zum Beispiel wenn es ein Diebstahls- oder Schmuggeldelikt gibt, dann finden wir die Organisatoren und zerschlagen das Netzwerk.

Revolutionär neu, behauptet Ciwan İbrahim. Ich muss sagen, dass mir speziell bei diesem genannten Beispiel kein bisschen klar wird, inwiefern diese Methode sich von „kapitalistisch-demokratischen“ Polizeitaktiken unterscheidet, schließlich wäre mir neu, dass beispielsweise Interpol und jede sich mit Organisierter Kriminalität beschäftigende Polizeieinheit nicht versuchen würde, die Organisatoren ausfindig zu machen und die Netzwerke zu zerschlagen. Doch auch wenn man über dieses genannte Beispiel hinwegsieht, so ist das Ziel der Asayish, „nicht nur“ zu bestrafen, sondern auch die Grundbedingungen zur Begehung von Straftaten zu beseitigen, absolut identisch mit den Theorien zum präventiven Polizieren aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die Behauptung Ciwan İbrahims in den kapitalistischen Demokratien gehe es um nur um das Bestrafen von „Verbrechen“, ist einfach falsch, und wie wir gesehen haben geht es im modernen Polizeiverständnis ganz viel auch darum die Bedingungen zur Begehung von Straftaten zu eliminieren.

Zur Frauen-Asayish, die als das besondere Element der Asayish propagiert wird und die sicherlich auch denen gefällt, die sich wünschen, dass „Sicherheitsteams“ von denjenigen gestellt werden, die „auf Schutz angewiesen sind“ – wie es etwa die vom ABC Wien beworbene Broschüre „Eine Welt ohne Polizei“ vorschlägt –, möchte ich gerne mal ganz ketzerisch die Geschichte von der Weiblichen Kriminalpolizei (WKP) in Deutschland erzählen: Nachdem in Deutschland bereits seit 1903 von Frauenrechtsvereinen durchgesetzte sogenannte Polizeifürsorgerinnen Prostituierte und minderjährige Straftäter betreuten, Heimeinweisungen erließen, Sozialprognosen für Straffällige erstellten und sonstige mit dem Strafvollzug zusammenhängende Sozialarbeit verrichteten – begründet mit der besseren Eignung von Frauen zum Umgang mit diesen Gruppen (Jugendliche und erwachsene Frauen) aufgrund spezifisch „weiblicher“ Eigenschaften wie Fürsorglichkeit und Mütterlichkeit und der Kritik an einem spezifisch „männlichen Blick“ auf „sittlich gefährdete“ Mädchen und Frauen –, wurde ebenfalls auf Betreiben von Feministinnen hin 1926/27 die Weibliche Kriminalpolizei eingerichtet, die – ähnlich zu der Frauen-Asayish in Rojava – überwiegend für „sittenpolizeiliche“ Aufgaben – etwa der Umgang mit Opfern sexualisierter Gewalt, Prostituierten und minderjährigen Straftätern – zuständig war. Dass Frauen keine „besseren“ Cops sind oder sonstwie die Zugehörigkeit zu einer solchen Gruppe nicht dazu führt, dass die Polizei auf einmal eine ganz andere Institution wird, wie teilweise die Forderungen danach, dass Betroffene von Diskriminierung o. ä. Polizeiaufgaben übernehmen sollen, suggerieren, zeigt nichts eindrucksvoller – auch wenn ich es eigentlich müßig finde, mir überhaupt die Mühe zu machen auf eine solch absurde Behauptung einzugehen – als die Rolle der WKP im Nationalsozialismus. Die WKP übernahm im nationalsozialistischen Deutschland rassepolitische Aufgaben, beteiligte sich an der sogenannten Bereitstellung von Judentransporten wie auch an der Errichtung nationalsozialistischer Jugendheime in überfallenen Gebieten. Die lesbische Kriminaldirektorin Friederike Wieking – in den 20er Jahren in der Berliner Frauenbewegung aktiv und ranghöchste Polizeibeamtin im Dritten Reich – trug dabei etwa ab 1941 die Verantwortung für das Jugendschutzlager Moringen und ab 1942 für das Mädchenlager Uckermark – beides KZs für Jugendliche und junge Erwachsene. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die WKP als Institution erhalten – Einstellungsvoraussetzung war vorher einen sozialen Beruf erlernt zu haben – und wurde in den 70er Jahren aufgelöst und in die Kriminalpolizei integriert. Beispiele wie die Asayish oder andere Sicherheitsinstitutionen solcher „revolutionärer und emanzipatorischer Befreiungsbewegungen“, die als ein völlig neues Konzept und eine reale bessere Alternative zur Polizei beworben werden, erinnern mich einfach nur daran, wie die Sowjetunion das Gulag als einen wertvollen Schritt propagierte, um dem Ziel näherzukommen Gefängnisse abzuschaffen und die Menschen durch Arbeit zum Sozialismus zu führen.

Auch gewisse Konzepte der abolitionistischen Bewegung, wie etwa Community Accountability oder Transformative Justice, werden als Alternativen zur Polizei diskutiert. Besonders im Trend liegt dabei die deutsche Variante der Community Accountability, die sogenannten „Awareness-Teams“. Auf vielen anarchistischen Veranstaltungen ist man auf einmal mit ihnen konfrontiert, während sie teilweise sogar uniformiert, etwa in rosa Hemdchen, Warnwesten oder mit lila oder sonstwie kennzeichnender Armbinde – mmh, vielleicht waren es auch Buttons gewesen – über das Gelände patrouillieren. Die Kritik, dass sie polizieren würden, wird meist damit abgeschmettert, dass ein Awareness-Team nicht genauso organisiert und strukturiert sei wie eine Polizei. Eine solche Betrachtungsweise ist allerdings oberflächlich und ignoriert die Ideen, die zur Einrichtung einer „Polizei“, wie wir sie heute kennen, geführt haben. Wenn wir das Polizieren als Handlungen verstehen, die dazu dienen das Verhalten der Menschen so weit unter Kontrolle zu bringen, dass bestenfalls nur noch erwünschtes Verhalten zutage trete, dann zeigt das gerne vorgebrachte Argument, dass Awareness-Teams noch so lange nötig seien, bis die Menschen endlich alle „reflektiert“ seien, bis es sich von selbst abschaffen würde, dass offenbar Awareness-Teams als Teil einer Infrastruktur gesehen werden, die auf das Ziel hinarbeitet alle Menschen zu „reflektieren“. Was anderes aber als das Verhalten von Individuen zu polizieren soll dieses „Menschen reflektieren“ bitte sein? Andere argumentieren, dass ein Awareness-Team nur dazu da sei, eine Ansprechstelle zu schaffen, doch damit bildet es immer noch einen Teil in der Infrastruktur zur Verhaltenskontrolle und wir wissen ja, wie eng „soziale“ und „Wohlfahrts“institutionen mit der Polizei verknüpft sind und auch die praktischen Umsetzungen solcher Awareness-Strukturen haben diese Verknüpfung bisher nur immer wieder bestätigt.

Nur weil ich etwas einen anderen Namen gebe und an den Methoden schraube, bedeutet das nicht, dass ich das, was ich vorgebe oder auch meine zu bekämpfen, tatsächlich zerstört habe. Und solange ich unbedingt einen Garten möchte anstatt eines Urwalds, werde ich ordnend eingreifen müssen, um diesen Garten zu erhalten. Deshalb sehe ich auch alle „anarchistischen“ Konzepte, die in irgendeiner Form eine Gesellschaft errichten wollen, als problematisch an, da sie immer mit dem Problem konfrontiert sein werden ihre Ordnung einführen, erhalten und verteidigen zu müssen. Den ungezähmt geborenen Menschen mithilfe von „Bildung“ zum reflektierten Menschen, der für die Anarchie bereit ist, zu erziehen, wie es einige „Transformationstheorien“ propagieren, bedeutet die Zähmung des wilden Individuums und seine Unterwerfung. Mir scheint es auch kein Wunder, dass insbesondere bei Verfechter·innen solcher „anarchistischen Utopien“ die Grenzen zwischen Basis- oder Rätedemokratie und ihrer angeblich anarchistischen „befreiten Gesellschaft“ nicht klar gezogen sind, ja teilweise auch als Synonyme oder zumindest nicht als Widerspruch zu den eigenen Ideen behandelt werden. Sowieso gibt es ja die Vertreter·innen des Anarchismus, die behaupten Anarchismus sei die „echte“ oder „radikale Demokratie“ im Gegensatz zu den heutigen kapitalistischen Demokratien, in der die Menschen sich endlich „selbst verwalten“ könnten. Doch was kann ich von einer auch radikalen Demokratie, die sich selbst verwaltet, schon erwarten als dass ich mich im Zweifel selbst poliziere, auch wenn ich nicht denke, dass es dabei bleiben wird, wenn ich mir so die Konzepte von „antifaschistischen Schutzgruppen“ („Für eine neue anarchistische Synthese!“) oder „basisdemokratisch aufgestellten Sicherheitsteams“ („Eine Welt ohne Polizei“), von Transformative Justice und Awareness-Teams so ansehe, die für im Hier und Jetzt als auch „nach der sozialen Revolution“ diskutiert werden.

Wer die Herrschaft hasst, kann die Polizei nicht „ersetzen“, sondern muss sie zerstören. Dafür muss man aber auch bereit sein die Kontrolle aufzugeben. Die Kontrolle über andere Menschen wie über andere Lebewesen. Wir brauchen den Mut im Urwald zu leben anstatt uns in unseren Garten zurückzuziehen. Das meine ich absolut wörtlich. Ein ungezähmtes, freies Leben kann es nur außerhalb von Mauern und Zäunen geben, außerhalb der Gesellschaft, außerhalb der Zivilisation stattfinden. Heißt das, Freiheit kann es nur als Einsiedler alleine in einer Höhle geben? Ich denke nicht. Jedoch können Beziehungen meiner Meinung nach nur herrschaftsfrei bleiben, solange sie direkt zueinander möglich sind und solange eine Gemeinschaft nicht über das Individuum gestellt wird. Aber heißt das denn, dass ich mir alles von anderen gefallen lassen muss? Gegenfrage: Lässt man sich nicht viel mehr gefallen, wenn man sich einer (Selbst-)Verwaltung und Gesetzen unterwirft, gebildet und mithilfe von Massenkommunikationsmitteln mit Propaganda bombardiert wird und mit einer Umgebung konfrontiert ist, die sich durch ihre „sichere Architektur“ auszeichnet und einer Ordnung zur besten Ausbeutung der sogenannten „natürlichen Ressourcen“? So wie ich mich gegen eine solche Einschränkung meiner Freiheit zur Wehr setze, kann ich doch auch meine Konflikte selbst klären, kann diejenigen bekämpfen, die meinen mich als Individuum in ihren Plänen übergehen oder zerstören zu können. Die Kontrolle anderer über mich allerdings damit bekämpfen zu wollen diese anderen zuerst zu kontrollieren, Freiheit dadurch garantieren zu wollen, dass ich die Freiheit aller einschränke, ist sicherlich keine Anarchie. Anarchie ist halt doch Chaos und eben nicht Ordnung, wie gewisse sich vor Kontrollverlust fürchtende Anarchist·innen immer versichern.

Angesichts einer solch verinnerlichten Sehnsucht nach Kontrolle über jegliches Leben und den sich immer weiter verfeinernden Technologien und Theorien zur immer weiteren Subtilisierung und Verinnerlichung dieser Kontrolle sieht es erstmal düster aus. Doch da eine vollständige Determinierung aller Handlungen eines Individuums auch bei allen Versuchen totalitärster Methoden an den Individuen selbst scheitern, die sich nicht auf Maschinen reduzieren lassen, wenn es auch noch so sehr versucht wird, kann auch das Netz der Kontrolle nie so engmaschig werden, dass kein Widerstand mehr zutage treten wird. Ein Garten bleibt nur durch die beständige Intervention des Gärtners ein Garten. Also lasst uns nicht den Garten übernehmen und selbstverwalten, sondern töten wir den Gärtner in unserem Kopf und ziehen mutig in die Wildnis. Denn wie es Helfrich Sturz bereits im 18. Jahrhundert erkannte:

der policierte mensch ist … nicht so zufrieden mit seinem zustande als der wilde.

Endnoten

[1] Historisch war der Abolitionismus eine Bewegung, die sich für die Abschaffung der Sklaverei einsetzte und war unter anderem in den USA sehr stark. Mit Abschaffung der Sklaverei kämpften Abolitionist·innen in den USA weiter gegen die Unterdrückung der Schwarzen. Ein Fokus liegt dabei auf der Kritik am Knast, denn dort wird die Sklaverei häufig durch Zwangsarbeit ohne oder gegen geringfügigsten Lohn fortgeführt, insbesondere an Schwarzen, die in den USA (nicht nur da) überproportional oft im Gefängnis sitzen.

[2] [UPDATE] ABC Wien hat die genannte Broschüre inzwischen von ihrer Webseite gelöscht.


Spannende Lektüren bei Entstehung dieses Textes
  • „What is Policing?“ in: The Master’s Tools: warfare and insurgent possibility
  • „Good cop bad cop“ in: Cop-out. The significance of Aufhebengate
  • „Policing on the Global Scale. On the Relationship Between Current Military Operations, Crowd Control Techniques, the Technologies of Surveillance and Control and Their Increasing Intrusion into our Daily Lives“
  • „Ich will Bullen töten, bis ich selbst sterbe. Für die Annihilation der Polizei und die Zerstörung der Menschheit“
  • „Nicht Freund, nicht Helfer – Feind!“ in: Yegussa
  • „I survived Awareness“
  • „The Continuing Appeal of Nationalism“
  • „Fragmentarische Notizen gegen die Justiz“
  • „Der Einzige und sein Eigentum“

Gegen seine Geschichte, Gegen Leviathan! – Kapitel 2

Bei dem folgenden Text handelt es sich um das 2. Kapitel der deutschen Übersetzung von Against History, Against Leviathan!, die wir seit Ausgabe #080 in einer Vorabfassung kapitelweise abdrucken.

Das 1. Kapitel findest du hier, alle bisher erschienenen Kapitel hier.

Da es sich bei den hier veröffentlichten Übersetzungen um eine vorläufige Fassung handelt, freuen sich die Übersetzer*innen ganz besonders über Hinweise auf Fehler, Gedanken zu Ungenauigkeiten in der Übersetzung und Verbesserungsvorschläge. Ihr könnt sie direkt per E-Mail an gegen-leviathan@riseup.net kontaktieren.

2.

Ein Gepanzerter fragt: Wenn das Goldene Zeitalter so wertvoll, so wunderschön, so rein gewesen ist, warum haben die Menschen es dann hinter sich gelassen? Wenn sich die Zivilisierten an es erinnern, warum kehren sie nicht zu ihm zurück? Wenn es so angenehm gewesen ist, warum werfen Landwirte dann nicht ihre Pflüge weg und kehren zu Grabstöcken zurück? (Wer diese Fragen stellt, fragt auch: Wenn du so clever bist, warum bist du dann nicht reich?)

Es gibt Antworten auf diese Fragen. Aber der Fragensteller will diese nicht hören. Er kennt die Antwort bereits. Die Menschheit verließ den Naturzustand, weil die Zivilisation eine höhere Entwicklung ist. (Eine höhere Entwicklung gegenüber was? Das wird der Gepanzerte niemals verraten. Er kehrt schnell zu etwas anderem zurück.)

Die Theorie der höheren Entwicklung ist so alt wie die Zivilisation selbst. Eine der einflussreicheren modernen Versionen stammt von einem Anwalt des 19. Jahrhunderts, der im Hinterland von New York lebte, von Lewis Henry Morgan.

Als Berater für spekulierende Geschäftsleute, als republikanischer Politiker und Rassist fand Morgan dennoch die Zeit, eine Studie über seine Nachbarn im Hinterland von New York anzustellen, über eines der zerstreuten Überbleibsel der einst zahlreichen irokesischen Gemeinschaften. Morgans rassistische Vorgänger Washington und Jefferson haben darauf bestanden, dass die Irokesen Kinder seien, aber Morgan war der Ansicht, dass die Irokesen einen Zustand zwischen Kindheit und Adoleszenz erreicht hätten.

Morgan verallgemeinerte seinen Rassismus zu einer Leiter, von der jede Stufe vor rassistischer Politur nur so glänzt. Er betrieb keinerlei Anstrengung, seine Geringschätzung zu verbergen, im Gegenteil, er trug sie offen zur Schau; eine solche Geringschätzung war (und ist bis heute) ein Zeichen von Vornehmheit in Amerika. Er nannte die unterste Stufe, den Zustand der Kleinkindheit, Wildheit. Die nächste Stufe, den Zustand der Kindheit, Barbarei. Und natürlich nannte er die höchsten Stufen Zivilisation, die allerhöchste amerikanische Zivilisation. Auf dieser höchsten Stufe saß Morgan zusammen mit der Großen Weißen Rasse. Die amerikanischen Professoren fühlten sich so sehr geschmeichelt, dass sie Morgan zum Präsidenten der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften wählten.

Später würden die Professoren ihre Wahl bereuen. Der Aufwiegler Karl Marx und der revolutionäre Geschäftsmann Friedrich Engels borgten sich Morgans rassistische Leiter aus. Marx beabsichtigte die Leiter auszubessern, aber er fand dazu nie Zeit. Es war Engels, der schließlich Morgans Leiter ausbesserte. Er flickte nicht gerade viel. Er borgte sie sich vollständig intakt, inklusive all der rassistischen Politur durch Morgans Nomenklatur: Wildheit, Barbarei, usw. Engels besserte lediglich die Spitze der Leiter aus. Er benannte Morgans oberste Stufe um und fügte der Leiter noch eine weitere, höhere Stufe hinzu.

Engels änderte den Namen von Morgans Großer Weißer Rasse in Kapitalistische Klasse und platzierte darüber die Anführer*innen und Anhänger*innen von Marx politischer Partei. Und in dieser Form wurde Morgans rassistische Leiter zur offiziellen Religion der UdSSR, Chinas, Osteuropas und anderer Länder, in denen die Namen der Stufen als ein Katechismus in die Köpfe der Schulkinder eingehämmert werden.

Natürlich wollten die amerikanischen Professoren mit dieser Leiter nichts mehr zu tun haben, nachdem diese den Aufwieglern in die Hände gelangt war. Sie vergaßen Morgan. (Das kann an Orten, an denen das Gedächtnis von der Gunst der Verleger*innen des geschriebenen Wortes abhängt, sehr leicht vollbracht werden.)

Aber der Rassismus verflüchtigte sich nicht aus Amerika und Morgans Leiter war eine zu gute Sache, um sie den Aufwiegler*innen zu überlassen. Der Archäologe V. G. Childe, wenngleich er selbst Marxist war, verlieh der Leiter eine Aura der Wohlanständigkeit, indem er ihre Stufen mit all den jüngsten eindeutigen Beweisen füllte. Und die Leiter kehrte nach Amerika zurück, weniger als eine offizielle Religion, sondern vielmehr als ein letzter Ausweg, als etwas, dessen man sich in Notfällen bedienen konnte. Verweise auf den »Naturzustand« lösen stets solche Notfälle aus.

Die Leiter, die Theorie der höheren Entwicklungen, erklärt natürlich, warum die Menschen den Naturzustand hinter sich ließen. Zu diesem Zweck wurde sie entwickelt. Der Titel von Engels Buch lautet Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. Die Erklärung ist einfach, klar, tatsächlich mechanisch und sie kann in Grundschulen unterrichtet werden. Alles, was wir tun müssen, ist uns von lebendigen Wesen abwenden und uns auf Dinge konzentrieren. Die Leiter ist ein Ding. Ebenso wie ihre Stufen. Und die Verbindungen zwischen niedrigeren und höheren Stufen sind ebenso Dinge. Sie sind Apparate. Childe nannte sein Buch irreführenderweise Der Mensch schafft sich selbst [Man Makes Himself] und erweckte dadurch den Eindruck, dass er von einem lebendigen Wesen sprechen würde. Für Childe ist der Mensch selbst ein Ding, ein Gefäß für Objekte und Bauteile; Materie ist der Kern und der Mensch der Auswuchs.

Der Apparat, der verantwortlichfür den Übergang des Menschen von der Wildheit genannten Stufe zu der Barbarei genannten Stufe ist, ist ein Apparat, der Materielle Bedingungen genannt wird, oder vollinhaltlicher die Ebene der Entwicklung der Produktivkräfte. Derselbe Apparat ist verantwortlich für das Erklimmen aller höheren Stufen.

Marx und Engels und ebenso Morgan lebten zu einer Zeit, als die materiellen Bedingungen, buchstäblich der Boden selbst, den Füßen der ehemaligen Herrscher entglitt, den verhassten Baronen und Bischöfen: Kapitalistische Eigentümer von Minen und Fabriken kauften das Land der Aristokraten auf. Marx und Engels prognostizierten, dass der Boden auch den Füßen der Kapitalisten auf eine ähnliche Weise entgleiten würde und sie projizierten ihren Wunsch auf die erste Morgendämmerung.

Im Sinne dieser Projektion existierte der Mensch seit tausenden Generationen als Wilder. Dann, ungefähr vor dreihundert Generationen, wurden die materiellen Bedingungen günstig für etwas höheres als diese Wildheit. Diese Bedingungen umfassten Landwirtschaft, Metallurgie, das Rad, usw. Als er erst einmal all diese Dinge hatte, war der Mensch in der Lage einen Überschuss zu produzieren, einen Gewinn. (Turner erliegt diesem Teil der Theorie ebenfalls.) Dieser Überschuss, dieser Gewinn, ist das, was die schöne neue Welt fördert, buchstäblich füttert, die nun möglich geworden ist: Könige, Armeegeneräle, Sklavenbesitzer und Bosse von Arbeitskolonnen. Der Mensch habe immer Herrscher gewollt, Berufsheere, Sklaverei und Arbeitsteilung, aber er hätte diese Träume nicht realisieren können, bis die materiellen Bedingungen dafür reif waren. Und sobald sie reif dafür geworden seien, seien alle fortschrittlich eingestellten Wilden ohne Zögern zur nächsthöheren Stufe gesprungen.

(Tue mir einen Gefallen, Leser*in, und überprüfe die Theorie der höheren Entwicklungsstufen noch einmal. Dann sage mir, ob du meine Karrikatur noch immer übertrieben findest.)

Die Theorie der höheren Entwicklungsstufen kann kleinen Kindern erzählt werden, weil sie ein Märchen ist. Ich habe nichts gegen Märchen. Aber die Verfechter*innen dieses Märchens behaupten, dass es etwas anderes wäre; sie verachten Märchen.

***

Die sogenannten materiellen Bedingungen waren nichts anderes als Hilfsmittel fürs Schlemmen, Umherspazieren und Sichtreibenlassen. Sie waren wie Spazierstöcke für Greise. Ihre Vielfalt und Komplexität belegen den Einfallsreichtum von Menschen. Aber die Zentralität solcher Dinge ist für uns kein Beweis dafür, dass Menschen im Naturzustand um Früchte, Nüsse und Spazierstöcke kreisten. So wenig wir auch über ihre Sternstunden wissen, wissen wir doch, dass diese keine Industriemessen, Feiern neuer Erfindungen oder Maschinenausstellungen waren. Dinge mögen nützlich gewesen sein, aber sie waren Belanglosigkeiten im Vergleich mit den Augenblicken, in denen man in Kontakt mit dem Ursprung, der Quelle des Lebens, des Seins selbst kam.

Die Belanglosigkeiten sind uralt und mögen früher weitaus vielfältiger gewesen sein, als sie es heute sind. Als die Früchte noch auf hochliegenden Ästen reiften, wurden alle möglichen Arten von hakenförmigen Stöcken, Stricken und Leitern entwickelt, um die Früchte zu erreichen, bevor es die Affen taten.

Die Menschen verstanden sich selbst als Cousinen der Tiere. Viele ihrer Gerätschaften ermöglichten es ihnen, die Handlungsweisen der Tiere zu kopieren. An den Ufern der Flüsse und Seen entwickelten die Menschen alle möglichen Arten von Flößen und Kanus, um wie Enten und Schwäne zu schwimmen. Sie lagerten Nüsse, um sie nach dem Vorbild der Eichhörnchen im Winter zu verzehren. Sie verstreuten Samen nach dem Vorbild der Vögel. Sie webten Netze nach dem Vorbild der Spinnen. Sie pirschten sich an Wild heran nach dem Vorbild der Wölfe. Wölfe haben starke Zähne und Kiefer. Die Menschen schärften Stöcke und Steine. (Unsere Archäologen stellen sie dar, als hätten sie wie Zeks den ganzen Tag damit zugebracht, sie abzuplätten. Diese Menschen waren nicht von etwas gezwungen, was Tonybee »gesichtslose Institutionen« nennt. Sie hatten keinen Grund dazu, mit dem Abblätten weiter zu machen, wenn es ihnen keinen Spaß mehr machte.)

Moderne Gräber haben selbst die Überbleibsel altertümlicher Städte an Orten in Anatolien und im vorderen Orient ausgegraben, Orte, die später Shanidar, Jericho, Catal Höyük, Hacilar genannt wurden.In Shanidar teilte die gesamte Gemeinschaft eine Höhle als Winterunterschlupf; die Höhlenbewohner*innen nutzten Metalle. In Jericho mauerten sich die Menschen selbst ein, indem sie eine Mauer errichteten, vermutlich um sich vor feindlichen Eindringlingen zu schützen. Diese Menschen scheinen kaum bis gar keine Anpflanzung betrieben zu haben. Im Norden von ihnen lebten Menschen, die Samen anpflanzten und Tiere hielten, aber keine Städte oder Mauern errichteten. Und auf der anderen Seite der Welt waren die Vorfahren oder Vorgänger*innen der Ojibwa, die am Lake Superior Metallurgie betrieben und wunderschönen Kupferschmuck und -werkzeuge herstellten.

Keines dieser Völker entwickelte »gesichtslose Institutionen«. Sie blieben eine Sippschaft. Sie fuhren fort alles, was sie besaßen und was sie erlebten, zu teilen. Die Kupfer-Nutzer*innen vom Lake Superior pflanzten keine Samen an oder hielten Tiere. Vielleicht hätten sie es gekonnt, aber sie hatten keinen weltlichen Grund dazu. Sie hielten Hunde. Hunde haben sich offensichtlich selbst domestiziert, entweder aus einer unbegreiflichen Liebe zu Menschen oder aus einem parasitären Antrieb. Aber welche Befriedigung würde es einem verschaffen, Züchtungen parasitärer, hundeartiger Rothirsche oder Elche zu entwickeln?

Die materiellen Objekte, die Spazierstöcke und Kanus, die Grabstöcke und Mauern, waren Dinge, die ein einzelnes Individuum schaffen konnte, oder sie waren Dinge, wie eine Mauer, die die Zusammenarbeit vieler zu einem einzigen Anlass erforderten. Ich würde vermuten, dass die Erbauer*innen der ersten Mauer von Jericho in dem Moment, als sie damit fertig waren, aufhörten Mauerbauer*innen zu sein; sie kehrten zu wichtigeren Aktivitäten zurück. Ich würde sogar vermuten, dass sie die Mauer errichteten, um den wichtigeren Aktivitäten ungestört nachzugehen.

Was die überschüssigen Erzeugnisse, die berümten Gewinne angeht, die diese Werkzeuge angeblich möglich gemacht hätten: Sahlins und andere haben gezeigt, dass sowohl Gemeinschaften mit vielen Werkzeugen als auch Gemeinschaften mit wenigen, welche, die in üppigen Umgebungen und welche, die in rauen Umgebungen lebten, alle von Überschüssen umgeben waren. Nachdem all die Menschen ihre Ration gegessen hatten, nachdem all die Insekten und Vögel und Tiere ihre Ration gegessen hatten, gab es noch immer eine ganze Fülle, die auf die Erde fiel und Triebe des nächsten Frühjahrs düngte. Viele Tiere und viele Menschen lagerten das, wovon sie erwarteten, es während eines durchschnittlichen Winters zu benötigen, aber keine*r hortete mehr als das; freie Menschen brauchten das nicht zu tun.

***

Die meisten der Werkzeuge sind uralt und die Überschüsse sind seit der ersten Morgendämmerung reif, aber sie erschufen keine gesichtslosen Institutionen. Die Menschen, lebendige Wesen, erschufen beides. Und es ist nicht der Mensch oder die Menschheit, die dafür verantwortlich ist, sondern eine isolierte Gemeinschaft, eine kleine Minderheit in Tonybees Worten.

Zudem erschafft diese kleine Minderheit derartige Institutionen nicht in den günstigsten materiellen Bedingungen, beispielsweise in den üppigen Wäldern der Great Lakes oder den ergiebigen Wäldern Afrikas oder Eurasiens. Sie machen das unter den ungünstigsten materiellen Bedingungen, in einer erbitterten, rauen Umgebung.

Gräber haben tatsächlich Tafeln ausgegraben und entziffert, die Licht auf die ersten Augenblicke gesichtsloser Institutionen werfen.

Die Tafeln sind auf Sumerisch geschrieben, einer Sprache, die in Zentralasien entstanden sein könnte. Die Autor*innen sind die ersten schriftkundigen Menschen. Die Dörfer, in denen sie leben, werden Erech, Ur, Eridu und Lagasch genannt. Die Dörfer befinden sich im Tal zwischen den Flüssen Tigris und Euphrat. Der Ort wird später Fruchtbarer Halbmond genannt werden, um zu erklären, warum Esel Schwänze haben.

Die ersten Tafeln beschreiben den Ort nicht so günstig. Sie beschreiben ihn als einen höllischen Ort und lassen eine*n sich wundern, warum diese Menschen dort bleiben. Sie sind erpicht darauf, Landwirtschaft in einem Urwald zu betreiben. Die Flüsse treten jährlich über ihre Ufer, düngen das Tal und verwandeln es in ein Moor.

Frauen pflanzen Samen. In einem Jahr ist die Flut so gewaltig, dass sie die Erde sowie die Häuser mit sich fortträgt. Im nächsten Jahr gibt es nicht genug Wasser und die Pflanzen vertrocknen und sterben in der sengenden Hitze der Sonne.

Sicherlich müssen die Dorfbewohner*innen daran gedacht haben, in die günstigeren materiellen Bedingungen Zentralasiens zurückzukehren, wo sie nicht so viel Zeit und Energie auf das bloße Überleben aufwenden mussten, wo sie Zeit für erfreulichere Aktivitäten hatten.

Aber sie sind hartnäckig. Die Großmütter rufen die alten Männer zu einem Rat zusammen. Diese Männer hatten geträumt. Die Frauen ermahnten die Männer von einer verlässlichen Wasserversorgung zu träumen, weder zu wenig, noch zu viel.

Die Männer sind offensichtlich beleidigt wegen solcher Banalitäten von ihren mentalen Transporten weggerufen zu werden. Sie müssen vermutlich zu einem zweiten Rat und dann einem Dritten einberufen werden, letzterer während einer Hungersnot.

Die alten Männer reagieren träge. Sie könnten gesehen haben, wie Biber sich eine verlässliche Wasserversorgung gewährleisten. Sie träumen. Sie sehen, dass das, was benötigt wird, ein Damm, Kanäle und Entwässerungsgräben wären. Aber wer würde diese errichten? Sicherlich nicht die alten Männer. Sie sind keine Biber. Sie rufen die jungen Männer zusammen und erklären den Traum.

Die jungen Männer haben bisher nichts getan, daher sind sie begierig sich als bereitwillige und edelmütige Geber zu zeigen.

Aber keine*r weiß, wie man fortfahren solle. Die alten Männer mögen oder mögen nicht die Pläne erträumt haben, aber sie werden sicherlich nicht die tatsächliche Umsetzung beaufsichtigt haben. Sie wählten einen starken jungen Mann, einen Lugal; sie sagen ihm, er solle die Biber beobachten. Die alten Männer kehren dann zu ihren wichtigeren philosophischen Unterfangen zurück.

Der Lugal, was auf Sumerisch starker Mann bedeutet, mag von den Bibern lernen oder auch nicht und er mag die Pläne machen oder auch nicht. Auf jeden Fall beaufsichtigt er das Projekt. War er nicht von den Ältesten dazu auserwählt worden?

Als die Gräben und Kanäle gegraben sind, kehrt der Lugal unter seinesgleichen zurück, stolz, aber noch nicht hochmütig. Nichts hat sich bisher verändert. Solche kooperativen Unterfangen waren selten, aber nicht ungewöhnlich in Gemeinschaften der Sippschaft.

Aber das hier ist Erech, ein Ort, von dem die Götter offensichtlich nicht wollen, dass dort Menschen leben. Eine einzige Flut spült die ganze Arbeit ins Meer. Die Frauen rufen die alten Männer zu einem weiteren Rat zusammen. Diese Mal wählen die Ältesten einen noch stärkeren jungen Mann aus und drängen ihn, die Biber gewissenhafter zu studieren oder tiefgreifender zu träumen. Und dieses Mal halten die Ufer und Deiche, zumindest anfänglich.

Aber Erech bleibt ein materiell miserabler Ort und binnen Kurzem beginnen die Ufer zu bröckeln. Der erfahrene Lugal wird beauftragt, die Ufer und Dämme zu reparieren. Der Lugal und seine Cousins beschweren sich, dass sie schon vor einem Mond hätten gerufen werden sollen, als die Ufer noch repariert hätten werdenkönnen; Nun müssen sie das gesamte Werk wieder errichten. Das passiert zweimal, höchstens dreimal, bevor der Lugal darauf besteht, einen Sitz im Rat der Ältesten zu bekommen, um ein Mitspracherecht darauf zu haben, wann die Deiche repariert werden.

Frühlinge vergehen und Winter vergehen, voller Festessen, Festivals, Tänze und Spiele.

Die Ältesten von Ur und selbst die von Lagasch bestimmten Lugals, um die Bewässerungswerke von Erech zu studieren.

Ein Ältester von Erech und dann ein weiterer sterben in hohem Alter; sie werden im Rat durch Neuankömmlinge ersetzt.

Nun ist der Lugal ein erfahrenerer Ältester als die Neuankömmlinge und er äußert sich über andere Dinge als Deiche. Er wird hochmütig und seine Cousins stehen hinter ihm. Er und sie sind schließlich diejenigen, die Erech eine verlässliche Wasserversorgung verschaffen. Der Lugal wagt es sogar einer alten Großmutter zu sagen, wo sie ihre Samen nicht pflanzen solle.

Eines Tages wird der Lugal tot aufgefunden, ermordet von einer Gottheit, einer Gottheit, von der bekannt ist, dass sie in engem Kontakt mit der beleidigten Großmutter steht. Ein neuer Lugal wird auserwählt, ein weniger hochmütiger und die Ältesten achten sorgsam darauf, ihn aus ihrem Rat herauszuhalten.

Es gibt keinen eindeutigen Beweis für irgendetwas davon. Tatsache ist, dass die sumerischen Tafeln geheimnisvoll stumm hinsichtlich der Taten der Frauen und Ältesten zur Zeit der ersten Lugale bleiben. Und sowie die Zeit voranschreitet, helfen die Tafel-Schreiberlinge den Menschen dabei zu vergessen, dass die sumerischen Frauen wichtig waren, dass die Ältesten einst in einem Rat saßen, dass es ein Zeitalter vor dem ersten Lugal gab.

***

Aber zurück zu meiner Geschichte.

Die Menschen aus Ur und Lagasch haben ihre Bewässerungsarbeiten vollendet. Diese wurden jedes Jahr umfangreicher.

In einem Jahr überfluteten die Entwässerungsgräben von Lagasch die Kanäle von Ur und fluteten und ruinierten die Arbeit Urs.

Das machte den Lugal von Ur, der Urlugal genannt wurde, so wütend, dass er seine speerbewaffneten Cousins gegen die von Lagasch anführte. Die erzürnte Jugend von Ur zerstörte die Bewässerungswerke ihrer Nachbarn und verfolgte fliehende Menschen aus Lagasch bis in die Wüste. In ihrer Wut ermordeten sie mehrere Fremde, Wüstennomaden, deren Pfade sie kreuzten.

Als schließlich die belagerten Lagaschianer*innen um ein Ende der Gewalt bettelten, legten die Sieger mit Urlugal an ihrer Spitze den Besiegten eine höllisch schwere Bürde auf. Die Menschen von Ur forderten Entschädigung von den Lagaschiern, die ihre eigenen Bewässerungsanlagen und die von Ur wiederaufbauen mussten. Lagaschier, die unwillig oder unfähig wären, eine solche Bürde zu tragen, sollten den Menschen von Ur große Geschenke zu bestimmten Zeiten bringen.

Urlugal ist entschlossen, den Überblick über all die Geschenke, die ihm zum Tribut geschuldet wurden, zu behalten, da er ebenso hartnäckig ist wie diejenigen seiner Vorfahren, die den Fruchtbaren Halbmond nicht aufgaben. Um den Überblick über die Geschenke und die Schenkenden zu behalten, schickt er einen oder zwei seiner Cousins nach Erech, um die Zeichen zu studieren, die einige der Männer des Erechlugals auf Lehmtafeln gemacht hatten, um den Überblick über die besten Zeiten, um die Dämme zu reparieren, zu behalten. Die Männer des Urlugals fertigten bald selbst Lehmtafeln an und auf diese Tafeln meißelten sie keilförmige Zeichen, um die Namen derer in Lagasch zu kennzeichnen, die noch immer Tributgeschenke schulden, sowie die Mengen.

All diese Ereignisse geschehen nicht in der Lebenszeit eines einzigen Urlugals. Urlugal ist nur einer der Namen der Lugale Urs. Die Sumerer hatten hunderte, vielleicht tausende Lugale und die Schriftgelehrten erfanden noch mehr Namen von Lugalen, um die Zeit zwischen sich und der ersten Morgendämmerung zu füllen. Für die Sumerer ist die Zeit zwischen ihnen und den Anfängen nicht so gering, wie sie später für die Christen sein wird. Die zähen Sumerer schätzen in Millionen.

Ich bin bei Urlugal hängen geblieben, wegen seines sprechenden Namens und so will ich bei ihm bleiben. Er sammelt noch immer Tribute von Lagasch ein. Seine Neffen amüsieren sich bestens dabei, die Kanalarbeiten ihrer Nachbarn zu beaufsichtigen, anstatt sie selbst zu erledigen.

Nun treffen beunruhigende Nachrichten ein. Einige von Urlugals Cousins gingen jagen, möglicherweise in den Wäldern des Libanon. Einer von ihnen kehrt zurück, mit kaum genug Leben in ihm, um seine Geschichte zu erzählen. Die Jäger wurden von speerbewaffneten Nomad*innen angegriffen; alle außer dem Erzähler wurden getötet. Die Angreifer waren möglicherweise versippt mit den Fremden, die von den Männern des Urlugals während des Raubzugs gegen Lagasch getötet worden waren.

Urlugal bereitet sich sofort darauf vor, seine stärksten Cousins gegen die mörderischen Fremden anzuführen. Die Ältesten versuchen die Hitzköpfe zu beruhigen, indem sie darauf hinweisen, dass die Fremden die Opfer von Urlugals ursprünglichem Überfall rächten und ein weiterer Überfall nur zu mehr Vergeltungsmaßnahmen führen würde. Aber die Hitzköpfe lassen sich nicht stoppen.

Urlugal und seine Cousins, noch immer von ihrem Sieg über Lagasch beschwingt, ziehen in den Wald Libanons aus. Tatsächlich finden sie ein Lager der Fremden. Sie machen es dem Erdboden gleich und ermorden die meisten der Nomaden. Auf ihrem Weg zurück mit den gefangengenommenen Tierherden werden die Männer von Ur von einer anderen Bande Fremder angegriffen. Der Wald scheint vor Fremden nur so zu wimmeln.

Urlugal und viele seiner Cousins werden getötet. Die Überlebenden lassen ihre Beute zurück und fliehen in Unordnung zurück nach Ur.

Ganz Ur schäumt vor Wut. Jemand erinnert die wütende Meute an die Vorhersage der Ältesten und wird sofort getötet. Die Überlebenden und ihre Cousins schreien nach der Ernennung des stärksten und entschlossensten unter ihnen zum Lugal. Die Sieger über Lagasch würden nicht von irgendwelchen Fremden geschlagen werden, sie würden nicht die Fliegen für Spinnen sein, die nicht in Städten leben und keine Samen anpflanzen. Der Rat der Ältesten ernennt bedrängt vom Zorn der ganzen Stadt zögerlich den neuen Lugal.

Die wütenden Krieger ziehen gegen die Fremden aus. Sie senden Späher voraus, um nicht in einen weiteren Hinterhalt zu geraten. Sie transportieren ihre Verpflegung, sowie Lugal selbst in Gespannen auf Rädern; der Lugal kann so seine Stärke für den eigentlichen Kampf aufsparen und die Männer von Ur können sich schneller bewegen als alle Fremden. Sie entdecken verschiedene Lager von Nomaden und machen alle dem Erdboden gleich.

Sie kehren nach Ur zurück – dieses Mal nicht nur mit den gefangenen Herden, sondern auch mit den gefangenen Fremden. Die zurückgekehrten Krieger werden von ihrer besorgten Sippe in die Arme geschlossen. Zwei Wochen lang gibt es Feste, Tänze und Feiern in ganz Ur. Die Ältesten, Männer und Frauen bringen den Geistern und Mächten, die diesen Sieg möglich machten, großzügige Opfer dar. Ganz besondere Opfer werden der Gottheit des Lugals dargeboten.

Als die Feiern enden, kehren die beschwingten Krieger, die Helden, nicht zu ihren Kanalreparaturen zurück. Das Pensum der Lagaschianer neigt sich dem Ende zu. Tatsächlich beschweren sich die Lagaschianer, dass sie bereits mehr für Ur getan haben, als sie jemals eingewilligt hätten. Wer wird die Reparaturen nun machen? Die Cousins der Lugals haben die besiegten Lagaschianer lange beaufsichtigt und sie sind von der Aussicht nicht begeistert, den Platz der Besiegten einzunehmen.

Die gefangengenommenen Fremden werden an die Arbeit an den Kanälen geschickt. Jede*r der Cousins des Lugals ist nun selbst ein Lugal, ein Vorgesetzter. Das sumerische Wort dafür lautet Ensi. Das ist ein Unter-Lugal, ein Assistent des Lugals, ein Chef, aber nicht der Chef.

Die Nomaden fahren fort, die Jäger und Reisenden aus Ur zu bedrängen. Aber die Nachrichten ihrer Überfälle sind nicht mehr so erschreckend. Der Lugal führt häufige Expeditionen gegen die unverständlich semitisch sprechenden Fremden an.

Die Ältesten erheben keine Einwände mehr gegen diese Expeditionen und beschränken sich umsichtigerweise auf visionäre und philosophische Aktivitäten. Gelegentlich konsultiert der Lugal einen alten Mann oder eine alte Frau hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit eines Sieges, aber ansonsten nimmt er eine respektvolle Distanz zu ihnen ein.

Der Lugal blickt diesen Expeditionen nun freudig entgegen, da jeder neue Überfall neue Fremde nach Ur bringt. Mittlerweile gibt es genug Fremde in Ur, um die Kanäle jede Saison zu reparieren. Bald werden die Gefangenen früherer Expeditionen für Expeditionen gegen neue Angreifer rekrutiert.

Bald reparieren Fremde nicht nur Deiche. Sie reparieren auch die Häuser alter Männer und Frauen. Sie erledigen die Hausarbeiten des Lugals und bald auch die der Ensis.

Die sumerischen Frauen lassen noch immer die Pflanzen auf dem Feld entstehen, aber nun tun sie das, indem sie engen und beständigen Kontakt mit der Erde und den Geistern, die für die Nährung der Pflanzen verantwortlich sind, halten. Die tatsächliche Verstreuung der Samen wird von den gefangengenommenen Fremden erledigt.

Und wer sind die Fremden? Sicherlich können wir sie als die ersten Zeks identifizieren! Sie sind Arbeiter, Proletarier, Vollzeitarbeiter. Die sumerische Sprache stammt aus einem anderen Zeitalter. Ebenso wie sie kein Wort für König, Herrscher, Kaiser oder Präsident besitzt, besitzt sie auch kein Wort für Zek, Arbeiter, Sklave. Die Sumerer fahren fort den Lugal Lugal zu nennen und sie fahren fort, die Fremden Fremde zu nennen. Aber in einem unfassbar kurzen Zeitraum gibt Ur die exotische Welt der Seher*innen und Visionen auf.

***

Ich habe im Präsens gesprochen. Ur ist Jetzt. Es ist kein bisschen exotisch. Es ist unsere Welt.

Was ist passiert?

Ich habe die marxistische Erklärung bereits verworfen. Günstige materielle Bedingungen erschufen nicht den ersten Lugal von Erech. Materielle Bedingungen blieben dieselben, wie die, die sie seit Generationen gewesen sind und die Menschen von Erech hatten keinen Zugang zu den besten von ihnen. Die materiellen Bedingungen begannen sich erst nach dem ersten Lugal zu verändern und seitdem haben sie sich rapide verändert.

Pierre Clastres würde sagen, dass es eine Revolution gegeben hat – keine materielle, sondern eine politische Revolution. Das wird dem Ganzen ziemlich gerecht, aber es stellt sich erst rückblickend als wahr heraus. Die Sumerer erleben offensichtlich einen großen Wandel; wir können das eine Revolution nennen, aber sie erleben es nicht als eine solche.

Vom Standpunkt der Sumerer her ändert sich nichts. Auf eine gewisse Art und Weise verlassen sie den Naturzustand niemals. Vielleicht ist es das, was den Exotizismus ausmacht, der dem, was wir »frühe Zivilisationen« nennen werden, anhaften wird. Die Sumerer sind nicht zu Zeks geworden. Sie sind noch immer Besessene. Die sumerischen Frauen gebären noch immer nicht als Maschinen für die Produktion von Soldaten und Arbeitern, sondern als lebendige Wesen in engem Kontakt mit den Quellen des Seins. Die sumerischen Männer, besonders die älteren, suchen noch immer den Kontakt mit den Geistern des Windes, der Wolken, selbst mit denen des Himmels selbst. Tatsächlich widmen sie sich ihrer Suche vollständiger, als sie es jemals zuvor gekonnt hätten. Nun widmen sie all ihre Energie den Tänzen, Festivals und Zeremonien. Sie müssen sich nicht länger mit den Banalitäten des materiellen Überlebens herumschlagen. Die Banalitäten werden allesamt für sie erledigt.

Ferner bieten der Lugal und seine Männer den Geistern weitaus großzügigere Geschenke dar, als jemals zuvor hätte gegeben werden können. Die Männer des Lugals haben sogar dauerhafte Schreine für alle Geister und Mächte errichtet, unglaublich schöne Schreine und um die Schreine herum haben sie Gärten angelegt und diese mit all den Kreaturen der Wüste und des Waldes gefüllt.

Niemals zuvor haben die Menschen den Wesen, die für das Leben verantwortlich sind, eine solche Huldigung, einen solchen Respekt gezollt. Es stimmt, dass der Lugal seiner eigenen Gottheit den größten Schrein errichtet. Das ist offensichtlich anmaßend von Seiten des hochmütigen Lugals, da er nicht wissen kann, dass die Geister die hierarchische Konstellation, in die er sie bringt, akzeptieren. Das ist eine Art von Revolution. Aber die Sumerer werden sich nicht jetzt wegen seiner Hochmütigkeit gegen den Lugal wenden. Sie haben sich daran gewöhnt und anstatt sie zu verärgern, lässt sie sie nun mit einem gewissen Stolz lächeln. Dank ihm können sie sich so vollständig dem Wohlergehen ihrer Stadt widmen.

Ich muss gegenüber meiner*m Kritiker*in zugeben, dass die Sumerer sich nicht von einem einzigen der neuen Werkzeuge trennen würden. Sie sehnen sich nicht danach, zum zeitlosen goldenen Zeitalter zurückzukehren. Sie befinden sich im Goldenen Zeitalter, mehr als jemals zuvor.

Aber die goldenen Sumerer sind nicht länger alle aus Sumerien. Tatsächlich existieren die goldenen Sumerer gemäß einiger späterer wissenschaftlicher Erzählungen überhaupt nicht. Sie werden durch ein simples Wort abgesetzt. Das Wort lautet Tempel. Die Anhänger*innen von Inanna, der liebevollen Tochter des Mondes; die Kommunikant*innen von Anu, dem Geist des Himmels, sind nicht die Anwender*innen der neuen Werkzeuge. Sie sind nicht die Verwalter*innen der Entwässerungsarbeiten, die Erbauer*innen der großen Paläste, die Helden der militärischen Gefechte. Sie sind das, was wir Priester und Priesterinnen, Orakel und Wahrsager*innen nennen. Alles, was in Sumerien vom Naturzustand übrig geblieben ist, ist zu dem geschrumpft, was wir Religion nennen.

Vielleicht empfinden einige der Frauen, die keine Samen mehr aussäen oder einige der Männer, die nicht mehr jagen oder das Vieh hüten, eine gewisse Nostalgie nach den alten Tagen. Aber es gibt keinen Hinweis auf eine »zurück zur Erde«-Bewegung unter den sumerischen Geistlichen. Die Schriftgelehrten, die die Tafeln meißeln, sind Angestellte des Lugals; Sie sind nicht angestellt, um die Nostalgie der Geistlichen aufzuzeichnen. Die einzigen Hinweise, die wir besitzen, sind die Gärten, die die Männer des Lugals anlegen und für die Bewohner*innen des Tempels füllen.

Diese Tempelgärten sind rätselhaft üppig für kleine Städte, die von nichtstädtischen Aussichten umgeben sind und die in Fußweite zu Wäldern und Bergen liegen – und die Sumerer sind so gute Wanderer. Kann es sein, dass, wie Turner vorschlägt, die Welt außerhalb der Städte bereits zur Wildnis wird?

Wir sollten das sorgfältig betrachten. Die Welt außerhalb von Ur ist nicht die Wildnis, wie sie unsere Welt kennzeichnen würde. Ihre Wildnis ist sicherlich nicht der Wald oder die Wüste, die Pflanzen oder die Tiere, da die naturliebenden Tempelbewohner*innen all das in die Stadt gebracht haben.

Könnte es sein, dass ihre Wildnis die Wildnis ist, die vom Lugal und seinen Männern erschaffen wird: die Schlachtfelder, die alle sumerischen Städte umgeben, die Szenen der Überfälle und Gegen-Überfälle, die Szenen der Folter, der Massaker und Gefangennahme? Eine Priesterin, die an einem Waldteich mit dem Mond kommunizieren will, musste dorthin mit einer bewaffneten Eskorte aufbrechen. Es war praktischer geworden, einen geschrumpften Teich und Wald in die Einfriedung von Ur zu bringen.

Während die ehemalige freie Gemeinschaft zu einem Tempel geschrumpft war, so ist ein Auswuchs dieser Gemeinschaft zu extremer Größe angewachsen, da der Tempel nun von einer geschäftigen Stadt umgeben ist, die in jeder Hinsicht außer in ihrer Religion beinahe modern ist – vielleicht nicht absolut modern, aber zumindest gut verständlich für uns.

Es gibt Reiche und es gibt Arme, da die Familien von Ensis keine Sippschaft mit den Fremden eingehen und auch sonst nichts mit ihnen teilen. Es gibt einen Markt, da die gut Situierten ihr Essen nicht länger selbst sammeln, anbauen oder jagen. Es gibt Arbeitsprojekt-Manager und ihre Arbeitskolonnen. Es gibt Generäle und ihre Soldaten. Es gibt Archivare und selbst eine Schule für Schriftgelehrte. Und alles läuft wie ein Räderwerk.

Schauen wir genauer hin. Wenn die Menschen im Tempel golden sind, dann sind diejenigen draußen weniger edlen Metalls.

Die semitisch-sprachigen Mitglieder der Arbeitskolonnen, verheiratet und mit einem oder mehreren Kindern, noch nicht besonders sumeranisiert, erinnern sich besserer Tage. Es mag nicht vollkommen verrückt sein zu behaupten, dass diese ersten Zeks ihre Ensis kaum mehr lieben, als spätere Zeks die ihren lieben werden. Einige der Siege, die auf den Tafeln gefeiert werden, sind Siege gegen die Fremden, die sich bereits in Sumerien befinden; oder anders ausgedrückt: Es sind Siege über rebellierende Zeks.

Die Fremden werden misshandelt, überstrapaziert und verachtet. Sie sind weder frei noch unversehrt. Sie sind die Enteigneten. Einige ihrer Kinder mögen einer besseren Zukunft entgegenblicken, besonders diejenigen, die in den Krieg ziehen und andere Fremde tapfer genug abschlachten. Die Sumerer sind bislang nicht zu einer höheren Ebene des erblichen Elends fortgeschritten. Aber selbst so ist die Vielzahl sumerischer Zeks in keinem Sinne golden.

Rousseau und vor ihm de La Boétie werden sich über Situationen wie diese wundern. In jeder Arbeiterkolonne gibt es viele Zeks und nur einen Ensi. Was hält die Zeks davon ab, sich gegen den Ensi zusammenzutun? Warum reproduzieren die Menschen ein miserables alltägliches Leben?

Lasst uns die Ensis betrachten. Sie sind materiell wohlhabend. Aber sie werden von Ängsten heimgesucht und wenigstens ein Ensi ist paranoid. Er hat Angst von den Zeks in seiner Kolonne ermordet zu werden. Er hat bereits mehrere Verschwörer*innen hingerichtet. Er hat Angst, dass die Nachricht seiner Inkompetenz den Lugal erreichen könnte. Und – die Götter bewahren! – er hat den Verdacht, dass jemand im Tempel einen Groll gegen ihn hegt.

Aber da gibt es noch etwas über den Ensi. Seine Zeks sind nicht frei oder unversehrt. Aber ebensowenig ist er es. Außer wenn sie sich gegen einen Ensi erheben oder verbünden, sind die Zeks nicht von ihrer eigenen Natur oder ihrem eigenen Wesen, ihren eigenen Entscheidungen oder Wünschen bestimmt. Die Aufgaben, mit denen sie ihre Tage verbringen, sind nicht ihre eigenen. Aber diese Aufgaben sind auch nicht die des Ensis.

Der Ensi weiß von einer Arbeiterkolonne, deren Aufseher von Zek-Verschwörern ermordet wurde. Der ermordete Mann wurde durch einen Mann mit einem anderen Aussehen und gänzlich anderen Interessen ersetzt. Doch als er einmal Aufseher war, tat der neue Mann die genau gleichen Dinge wie der ermordete Aufseher und auf beinahe dieselbe Art und Weise.

Seltsame Gedanken schießen dem Ensi durch den Kopf. Könnte es sein, fragt er sich, dass der einzige Mann in Ur, der frei ist, der Lugal ist? Nun fragt er sich, ob selbst das wahr ist. Er hat von einer Stadt gehört, deren Lugal zusammen mit den meisten seiner Ensis in einem Aufstand der Zeks getötet wurde. Als der Ensi die Geschichte zum ersten Mal hörte, war er nicht überrascht, dass es einen Aufruhr gab, dass viele der Aktivitäten, die dem Willen des Lugals entsprangen, zum Stillstand kamen. Aber nun erinnert er sich, dass nur sehr wenige Aktivitäten vollständig zum Erliegen kamen, selbst während der Zwischenregierung zwischen den beiden Lugals. Er erinnert sich sogar, dass kein Rat der Ältesten den toten Lugal ersetzte; die Ältesten blieben im Tempel und verschlossen seine Tore. Viele der Aktivitäten der Stadt, wichtige noch dazu, gingen weiter wie bisher, wie das Räderwerk der Nachkommen des Ensis.

Noch seltsamere Gedanken spuken dem Ensi durch den Kopf. Für ihn scheint es, dass die Stadt einen eigenen Willen besitzt. Aber er weiß, dass dem nicht so ist. Der einzige in der Stadt mit einem Willen ist der Lugal. Die Ensis führen nur den Willen des Lugals aus. Und wenn die Zeks überhaupt einen Willen besitzen, dann den Willen auszubrechen. Der Ensi schlussfolgert, dass es zwecklos ist, darüber nachzugrübeln. Denken ist die Aufgabe der Priester*innen und Orakel.

Einer der entfernten Nachfahren des Ensis in einem viel späteren Ur, ein Schriftgelehrter namens Thomas Hobbes, wird wissen, dass der Ensi versucht die Zivilisation mit Vorstellungen zu verstehen, die aus dem Naturzustand stammen. Dieser Hobbes wird wissen, dass Ur sich nicht länger im Naturzustand befindet, es nicht länger eine Gemeinschaft selbstbestimmter Menschen ist.

***

Hobbes wird wissen, dass Ur nicht bloß eine Stadt ist. Ur ist ein Staat, vielleicht sogar der erste Staat. Und ein Staat, wird Hobbes sagen, ist ein »künstliches Tier«. Er ist etwas Brandneues, etwas, von dem weder der Mensch noch die Natur geträumt haben. Er ist »dieser große Leviathan, der Gemeinwohl oder Staat genannt wird, auf Latein Civitas, der schließlich ein künstlicher Mensch ist.«

Wie der denkende Ensi wird Hobbes wissen, dass dieser künstliche Mann kein eigenes Leben besitzt und er wird fragen, »Können wir nicht sagen, dass alle Automaten (Maschinen, die sich selbst durch Federn und Räder bewegen, wie das eine Uhr tut) ein künstliches Leben besitzen?«

Der Ensi kann sich noch keine Uhr vorstellen. Der fortgeschrittenere Hobbes wird nicht länger in der Lage dazu sein, sich die Natur oder Menschen vorzustellen. Er wird fragen, »Was ist das Herz anderes als eine Feder; und die Nerven anderes als so viele Seile, und die Gelenke anderes als so viele Räder …?« In einer Welt der Uhren wird der Leviathan Hobbes nicht so seltsam erscheinen, wie er dem Ensi erscheint.

Hobbes wird den Leviathan als einen künstlichen englischen Gentleman beschreiben: maskulin, blond, mit einer Krone auf seinem Kopf, einem Zepter in der einen Hand und einem Schwert in der anderen, während sein Körper aus Myriaden gesichtsloser Menschen zusammengesetzt ist, den Zeks.

Hobbes wird darauf bestehen, dass der Leviathan den Kopf eines Mannes hat. Er mag mit dem noch späteren Dichter Yeats darin übereinstimmen, dass das Ungeheuer »den Körper eines Löwen und den Kopf eines Mannes« hat. Aber er wird auf den Kopf des Mannes bestehen. Er wird wissen, dass die Zeks kopflos sind, dass sie die Federn und Seile sind, die den Körper betätigen. Er wird denken, dass das Monster einen freien und unversehrten Mann enthält, den Lugal. Hobbes wird in der Lage dazu sein, den Lugal einen König, Monarch, Herrscher oder bei einem anderen Namen zu nennen, weil seine Sprache durch die dazwischenkommende Ausbreitung von Leviathanen bereichert worden sein wird.

Der philosophische Ensi weiß bereits besser als Hobbes, dass das Ungeheuer weder den Körper noch den Kopf eines Mannes hat, weder englisch noch sumerisch. Der Ensi weiß, dass selbst der Lugal, der freieste Mann in Ur nicht morgens jagen, nachmittags fischen und abends tanzen gehen kann, wie ihn sein eigener Geist bewegt. Er kannte einen Lugal, der nur zweimal zum Jagen gegangen war und beim zweiten Mal, als der Lugal im Wald war, durch seinen Lieblings-Ensi als Lugal ersetzt wurde, und der ehemalige Lugal musste in einer benachbarten Stadt um Asyl bitten. Der Ensi weiß, dass ein Lugal, der sich selbst von seinem eigenen Geist bestimmen ließe, schnell von Ensis oder sogar Zeks gestürzt werden würde und dass selbst der Tempel in Aufruhr wäre.

Der Ensi, weniger fortgeschritten als Hobbes, ist jedoch vertrauter mit lebendigen Wesen als mit Federn und Uhren. Er kann sich den Leviathan weder mit einem menschlichen Kopf noch mit dem Körper eines Löwen vorstellen. Er mag Hobbes erste Beschreibung nutzen und sich das Ungeheuer als ein künstliches Ungeheuer vorstellen, aber nicht als ein Tier, das so anmutig und gelenkig ist wie ein Löwe.

Er mag es sich als einen Wurm vorstellen, einen gigantischen Wurm, keinen lebendigen Wurm, sondern einen Kadaver eines Wurmes, einen monströsen Kadaver, dessen Körper aus zahlreichen Segmenten besteht, dessen Haut mit Speeren und Rädern und anderen technologischen Gerätschaften übersät ist. Er weiß aus seiner eigenen Erfahrung, dass der gesamte Kadaver durch die Bewegungen der in ihm gefangenen Menschen zum Leben erweckt wird, den Zeks, die die Federn und Räder bedienen, ebenso wie er weiß, dass der kadaverhafte Kopf bloß von einem Zek bedient wird, dem Kopf Zek.

Unter den Spekulationen, die dieser Hobbes seinem Ur als Opfer darbietet, wird die Behauptung sein, dass die Zeks sich tatsächlich selbst zur Gefangenschaft innerhalb des Kadavers verpflichtet hätten, oder wie er es ausdrücken wird, dass der Kopf eine Vereinbarung mit dem Körper getroffen hätte, wenn nicht im Hobbes’schen Ur, so zumindest im ursprünglichen Ur.

Der philosophischen Ensi, der sich inzwischen im Tempel zur Ruhe gesetzt hat, weiß das bereits besser. Er weiß, dass die Zeks Fremde sind, die mit Gewalt nach Ur gebracht wurden, bevor sie überhaupt die Sprache des Lugals verstanden; die Zeks willigten damals in keinen Vertrag ein und sie haben es auch seitdem nicht getan.

Der Ensi erinnert sich sogar, dass die besiegten Lagaschianer, die sich selbst dazu verpflichteten, die Kanäle Urs zu reparieren, diese Vereinbarung nur unter vorgehaltenen Speeren trafen.

Zudem hat kein Lugal jemals Hobbes‘ Behauptung vorgebracht; er wäre lachend abgesetzt worden. Der Lugal weiß, dass ihn selbst die Ältesten nicht ernennen, da die Ältesten keinerlei Ernennungen mehr machen; sie kümmern sich um die Schreine. Der Lugal behauptet, dass seine Macht von dem brutalen Geist stammt, der im Tempelturm oder dem künstlichen Berg wohnt. Diese ausladende, menschgemachte Phallusform ist der wahre Kopf des Leviathan und er schließt keine Verträge.

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Ein FAQ zu antizivilisatorischen Kritiken

In letzter Zeit erreichten uns auf diversen Wegen zahlreiche Fragen zu antizivilisatorischer Kritik. Fragen, die uns natürlich schon lange bekannt sind, sind es doch häufig nur als Fragen getarnte Diffamierungsversuche. Und doch hat sich in einem Anflug von Belustigung eine Person die Zeit genommen, einige dieser Fragen aus ihrer Sicht mal mehr und mal weniger respektvoll zu beantworten. Also sperrt eure Lauscher auf, ihr heuchlerischen Fragensteller_innen, so ausführlich wird wohl keine_r von uns je wieder auf eine der folgenden Fragen antworten.

1. Frage: Ist es nicht eigentlich ableistisch, gegen die Zivilisation zu sein?

Nein.

Aber bedeutet die Zerstörung der Zivilisation und die Zerstörung der Technologie nicht, dass überlebensnotwendige Medikamente nicht mehr produziert werden können und Menschen, die auf sie angewiesen sind, folglich sterben müssen?

Möglicherweise mag das im Endeffekt so sein, ja. Allerdings sind die Medikamente, die die heutige wissenschaftliche Medizin hervorgebracht hat, ebenso wie diese Medizin selbst keineswegs alternativlos. Unterschiedliche Gemeinschaften haben schon immer auch ohne eine solche Medizin gewährleistet, dass ihre auf Unterstützung angewiesenen Mitglieder gepflegt, versorgt und geheilt werden. Ich empfinde es als müßig, hier nun für jede erdenkliche Erkrankung zu untersuchen, inwiefern das realistisch scheint, sehe mich dazu auch gar nicht in der Lage. Zudem liegt eine solche Untersuchung nicht in meinem Interesse, da ich selbst und mein Umfeld eben nur von bestimmten Erkrankungen betroffen bin/sind und daher auch nur diese in einem solchen Sinne für mich von Relevanz sind. Ich überlasse weitere Untersuchungen gerne denjenigen, die sich damit befassen wollen. Ich kann und will aber auch gar nicht ausschließen, dass eine Zerstörung der Zivilisation, so wie ich sie vertrete, für einige Menschen bedeuten kann, dass sie nicht mehr an überlebensnotwendige Medikamente kommen und in der Folge dessen versterben. Das bedauere ich.

Allerdings bin ich nicht der Auffassung, dass diese Möglichkeit umgekehrt zu einer Erhaltung der Zivilisation und ihrer Institutionen führen sollte. Sicherlich begrüße ich es, im Prozess der Zerstörung der Zivilisation möglichst viel Rücksicht darauf zu nehmen, was welche Konsequenzen für wen hat und nach Möglichkeit auch alles mögliche zu tun, um diese Konsequenzen möglichst milde zu gestalten, aber die bloße Existenz dieser Konsequenzen ändert für mich nichts an der Tatsache, dass ich die Zivilisation als etwas begreife, das beseitigt werden muss. Man mag mir hier vorwerfen, dass ich mich hierbei nicht übertrieben bemühe, Lösungen zu entwickeln, das Überleben eines jeden einzelnen Menschen zu gewährleisten, damit kann ich aber ganz gut leben. Ist das Ableismus? Ich finde nicht, aber in einer postmodernen Debatte, in der Begriffe wie dieser ohnehin auf eine völlig sinnentleerte Art und Weise gebraucht werden, mag die*der ein oder andere das dennoch behaupten. Aber wenn man diesen Vorwurf nun gegen mich und andere Kritiker*innen der Zivilisation erhebt, die möglicherweise ähnlich argumentieren, so finde ich, dass man diesen Vorwurf dann aber eben auch gegen diejenigen, die die Zivilisation verteidigen, erheben muss. Wobei man hier nicht nur den Vorwurf des Ableismus, sondern auch gleich noch den des Klassismus, des Rassismus und Sexismus erheben müsste. Denn die Medizin als lebenserhaltend zu betrachten ist eine Seite der Medaille, die andere Seite beinhaltet die Degradierung von Menschen zu Versuchsobjekten, an denen die Heilmethoden, die später den Reichen (im globalen Kontext ebenso wie im nationalen) zugute kommen, entwickelt werden. Das trifft nicht nur erkrankte Menschen, sondern dank strukturell kolonialer medizinischer Feldversuche, der Anwerbung von armen Menschen für medizinische Studien, die die Unversehrtheit ihres Körpers gegen ein geringes Entgelt verkaufen müssen (nicht selten auch untentgeltlich anbieten müssen, z.B. in Gefängnissen, Psychiatrien, usw.), sowie verschiedener sexistischer Projektionen auf soziale Mechanismen sowie die Körper der Versuchsopfer eben auch rassifizierte, vergeschlechtlichte und verarmte Menschen. Wer die Medizin also als überlebensnotwendig für die einen verteidigt, nimmt diese körperliche Ausbeutung (nicht selten bis hin zum Tod) anderer Menschen (und Tieren sowieso) dabei immer billigend in Kauf.

Antizivilisatorischen Kritiken in diesem Kontext Ableismus vorzuwerfen, kann ich daher bestenfalls als zynisch verstehen, in der Regel gehe ich aber davon aus, dass dies nur ein vorgeschobenes Argument ist, das alleine der Delegitimierung dieser Positionen dienen soll.

Abgesehen von diesem Aspekt ist natürlich die Zivilisation selbst dafür verantwortlich, dass wir heute so viele „disablete“ Menschen kennen. Gerade mentale Dis_abilities sind jenseits der Zivilisation in der Regel kaum als solche zu verstehen und selbst wenn doch bietet eine nicht-zivilisierte Welt kaum Barrieren für diese Menschen. Mit körperlichen Behinderungen verhält sich das ähnlich: Querschnittsgelähmte Verkehrsopfer, Kriegsversehrte, „Contergan-Kinder“, radioaktivitätsinduzierte Mutationen, Arbeitsunfälle, Asthma und Allergien, Impfschäden, medizinische Verstümmelungen, pardon, „Kunstfehler“ usw., für zahllose körperliche Behinderungen zeichnet die Zivilisation verantwortlich. All das nützt den bereits Versehrten freilich auch nichts mehr. In diesem Sinne ist die Verteidigung der Zivilisation natürlich im wahrsten Sinne des Wortes anti-ableistisch, weil sie eben die Produktion von Disabilities implizit befürwortet. Dem allerdings einen positiven Wert abzugewinnen fällt allen, die sich nicht bereits auf den verschlungensten postmodernen Irrwegen verirrt haben, freilich schwer.

Aber es ist doch zumindest sozialdarwinistisch, wenn ohne Zivilisation nur der Stärkere überlebt …

Wie kommst du denn darauf, dass dem so wäre? Auch ohne Zivilisation könnten Menschen in Gemeinschaften leben, in denen sie aufeinander acht geben, einander unterstützen und gegenseitig voneinander profitieren. Wenn du davon ausgehst, dass ohne Zivilisation, das heißt vor allem ohne eine herrschende Ordnung welcher Ausprägung auch immer, die Menschen einander bekriegen würden, bis nur die Stärksten überleben, dann sagt das etwas über dein Menschenbild aus, aber nichts darüber, wie das tatsächlich verlaufen würde.

Das zum einen, aber wo du mich schon fragst, wie würdest du es nennen, wenn in einer Welt die Mehrheit der Menschen (die Schwächeren) gezwungen ist, ihre Arbeitskraft, ihre Körper zu „verkaufen“, um überleben zu können, während eine Klasse an Stärkeren davon profitiert? Wie würdest du es nennen, wenn an einem Ende der Welt Menschen an Anstrengung, Hunger oder Umweltgiften elendig verrecken, während diejenigen, die von ihrem Tod profitieren, am anderen Ende der Welt förmlich in ihrem Luxus zu ersticken drohen? Ich würde das ja „Survival of the Fittest“ in eben jenem Sinne nennen, in dem man von Sozialdarwinismus sprechen mag.

***

Übrigens ist gerade erst die Übersetzung einer Broschüre gegen die Zivilisation erschienen, namens Eine ikonoklastische Ungeheuerlichkeit, in der einige Menschen mit Behinderung und ohne Scheu, diese Identität auch auszuspielen, selbst das Wort ergreifen.

2. Ist es nicht transfeindlich gegen die Zivilisation zu sein?

Nein.

Aber wie sollen trans Personen dann an ihre Hormone kommen?

Nun, die Vorstellung, dass alle trans Personen Hormone nehmen würden, ist schlichtweg falsch, aber ich will das mal nicht als „Transfeindlichkeit“ auslegen.

Ansonsten weiß ich nicht, wie diejenigen trans Personen, die Hormone nehmen, an diese kommen sollen, es interessiert mich auch nicht die Bohne. Personen, die das möchten, können sich ja mit der nicht-zivilisatorischen Herstellung von Hormonen beschäftigen und eine Lösung dafür finden (für die zivilisatorische Herstellung von Hormonen gilt übrigens das, was ich bereits bei Frage 1 geantwortet habe). Vielleicht gibt es ja in den Fabriken der Pharmariesen auch genug Hormonvorräte, um jeglichen Bedarf auf hunderte Jahre zu decken. Hormonbehandlungen sind Teil einer technologischen Herangehensweise an die in den Körpern von trans Personen offenbar werdenden Problematiken einer Vergeschlechtlichung. Zumindest ich vertrete eine Beseitigung des Apparats der Vergeschlechtlichung zusammen mit der Zivilisation. Dass es ohne eine Vergeschlechtlichung, ja ohne überhaupt irgendwelche Subjektkonstruktionen überhaupt noch ein sinnvolles Verständnis des trans-Seins gibt, wage ich zu bezweifeln, aber das bleibt freilich denjenigen zu entscheiden, die sich dann als trans- oder nicht-trans Personen verstehen möchten. In diesem Sinne denke ich, muss ich meine eingangs getätigte Aussage vielleicht wieder revidieren. Transfeindlich würde ich mein Denken zwar nicht nennen, aber ich kann es auch nicht gerade als transfreundlich oder überhaupt transbegünstigend bezeichnen, weil es anstrebt, die in trans Identitäten eingefangenen Subversivitäten des binären Geschlechtersystems auf jegliche Form von Geschlecht auszuweiten. Manch eine*r mag das transfeindlich nennen. Das ist aber ebenso produktiv, wie trans Leute homofeindlich zu nennen, weil sie ja die Geschlechterbinarität unterlaufen und damit das Konzept von Homosexualität untergraben würden.

3. Frage: Willst du zurück ins Mittelalter?

Nein.

Müsste ich mich auf eine Epoche der leviathanischen Geschichtsschreibung festlegen, dann wäre das mit Sicherheit nicht das Mittelalter, sondern die Steinzeit.

Aber schau, ich möchte mich auf überhaupt keine Epoche festlegen, du bist offensichtlich die_derjenige, der_dem es nicht möglich zu sein scheint, dir eine Welt außerhalb des von einer mehr oder weniger abstrusen Geschichtsschreibung bestimmten Zeitstrahls vorzustellen. Das bedeutet letztlich, dass du diese Welt so wie sie ist, bereits so sehr verinnerlicht hast, dass ein anderer Verlauf dir gar nicht mehr vorstellbar zu sein scheint, so wie das schon bei den Herren Marx und dem Gesocks, das sich auf ihn berief, aber auch bei den anderen Befürworter*innen dieser techno-industriellen Zivilisation war. Aus deiner Perspektive lässt sich die Frage nach einer Welt ohne Zivilisation also gar nicht stellen. Das ist bedauerlich, aber du wirst sicher verstehen, dass es nicht in meinem Interesse liegt, dir etwas zu erklären, was du nicht verstehen willst. Als Annäherung bleibe ich daher bei der Epoche der Steinzeit. Wäre also nett, wenn du so freundlich wärst, das Mittelalter in Zukunft rauszuhalten.

Aber warum die Steinzeit? Nun du weißt ja, wie das ist, heute fischen, morgen jagen und niemals arbeiten. Außerdem mag ich Nacktheit, Fellbekleidung und Speere.

4. Frage: Willst du, dass Millionen oder Milliarden von Menschen verhungern und von Seuchen dahingerafft werden?

Nein.

Aber ohne die hygienischen Umgebungen der Zivilisation werden doch überall Seuchen wüten.

Nein.

Die Mobilität und die einander angeglichenen Lebensbedigungen der Zivilisation machen die schnelle und globale Ausbreitung von Krankheitserregern überhaupt erst möglich. Hygienische Umgebungen der Zivilisation sind insofern auch nur in einem zivilisatorischen Kontext ein geeigneter und notwendiger Schutz vor Infektionskrankheiten.

Und ohne die landwirtschaftliche Nahrungsproduktion werden möglicherweise alle Menschen verhungern.

Das ist tatsächlich eine sehr komplizierte Frage, die ich jedoch gerne von einer anderen Seite her beleuchten würde, nämlich von der Gegenthese ausgehend: Durch die landwirtschaftliche Nahrungsproduktion werden möglicherweise alle Menschen verhungern. Das ist selbst unter prozivilisatorischen Wissenschaftler*innen, Agrarverbänden, Staaten und neuerdings sogar saatgutpatentierenden Unternehmen Konsens. Gründe dafür gibt es viele, vor allem spielen aber eine schwindende Biodiversität und bedrohte Nahrungsketten, sowie schwindendes Ackerland durch den industriellen Ackerbau eine herausragende Rolle. Auch wenn die Industrialisierung der Landwirtschaft diese Probleme erheblich vergrößert hat, gilt auch für die vorindustrielle Landwirtschaft, dass durch sie viel mehr Energie in die Produktion von Nahrungsmitteln investiert werden muss, als etwa beim Sammeln und Jagen wild wachsender und lebender oder durch nicht-landwirtschaftliche Aussaat angepflanzte Nüsse, Wurzeln und Früchte, sowie in Herden gehütetes Vieh. Auch wenn ich denke, dass man jede landwirtschaftliche Bestrebung zumindest als potenziell zivilisatorisch und herrschaftsbegründend betrachten muss, so denke ich nicht, dass in einer postzivilisierten Welt landwirtschaftsähnliche Aussaat keine Rolle mehr spielen würde, denn klar ist, dass die Biosphäre, die von einem durch die Zivilisation ausgebeuteten Planeten derzeit erhalten bleiben würde, kaum in der Lage ist, alle Menschen oder auch nur einen großen Teil zu ernähren. Ich will ja ohnehin niemandem sagen, wie sie*er sich zu ernähren hat, sondern habe höchstens Vorstellungen davon, inwiefern ich landwirtschaftliche Unterfangen sabotieren will, weil sie die Biosphäre auf eine Art und Weise zerstören, die auch mein Leben beeinträchtigt oder weil sie an die Beanspruchung des Landes (Eigentum) geknüpft ist, ebenso wie ich Vorstellungen habe, wie ich mich gerne ernähren würde und das beinhaltet keine Landwirtschaft.

Ich denke jede_r für sich und seine Community muss und wird einen Weg finden, sich zu ernähren, auch wenn ich der Natur der Sache wegen natürlich weder irgendwem garantieren kann, noch will, dass er*sie nicht von einer Hungersnot betroffen sein wird. Aber wieder einmal gilt auch hier: Wer hier meine Kritik mit einem solch hohen Maßstab misst, die*der sollte freilich auch die Zivilisation an dem selben Maßstabe messen: Irgendwelche Zyniker haben ausgerechnet, wie viele Kinder pro Minute verhungern, irgendwelche Zyniker haben gezählt, wie viele Menschen an chronischer Unterernährung leiden. Das ist die momentane Realität und die Aussichten für die Zukunft, das sagen eben selbst die Zivilisator*innen, werden düsterer, sowie die Grundlagen für die Landwirtschaft aber auch eine natürliche Regeneration der Biosphäre immer mehr schwinden. Und wer mir nun kommt, dass der weltweite Hunger nur an einer Verteilungsungerechtigkeit liege, mag schon recht haben, aber diese Verteilungsungerechtigkeit lässt sich innerhalb einer Zivilisation eben niemals beseitigen, weil jede Zivilisation eine soziale Schichtung und damit auch ein Verteilungsungleichgewicht hervorbringt.

Letzte Frage: Indem du ständig auf die Zivilisation verweist, anstatt dich für Probleme des antizivilisatorischen Denkens zu rechtfertigen, machst du es dir da nicht ein wenig einfach?

Keinesfalls. (Mein) antizivilisatorisches Denken entwickelt sich eben aus genau der Erkenntnis, dass die Zivilisation verantwortlich für Herrschaft und alle möglichen aus ihr resultierende Beziehungen ist. Daher will mein Antizivilisationismus diese eben als eine Ursache beseitigen. All die Fragen, die mir hier gestellt wurden, resultieren jedoch aus einer Moralerei, die eine Beseitigung der Zivilisation durch Abgleich mit einer herrschenden Moral kritisiert, nicht jedoch die Zivilisation selbst mit der selben Moralerei bemisst. Während kritisiert wird, dass Menschen ohne Zivilisation aus diesem oder jenem Grund sterben könnten oder würden, werden die Toten der Zivilisation als gegeben, sozusagen als unvermeidbar ignoriert. Nur so kann diese Moralerei funktionieren und so soll sie freilich auch funktionieren, denn sie dient dazu, die Zivilisation zu rechtfertigen. Wenn ich es mir einfach machen würde, dann würde ich also vielmehr soetwas entgegnen wie „bleib mir mit deiner bürgerlichen/humanistischen/sozialistischen Moral gestohlen“. Stattdessen mache ich mir hier sogar die Mühe, die mir entgegengehaltene Moral in Widersprüche zu verstricken. Und das obwohl ich nichts für diese Moral übrig habe. Du siehst, ich bin hier mehr auf deine Argumente eingegangen, als du auf meine.

Mein frakturierter Geist und Körper: Eine Kritik der Zivilisation und der modernen Medizin

Mit meinen Behinderungen zu leben ist mindestens schwierig, um es milde auszudrücken. Nicht weil ich in unserer vergifteten, standardisierten Welt nicht funktionieren kann, sondern weil von mir erwartet wird, es zu tun. Meine “Probleme” werden von den Unwissenden nicht bemerkt. Sie sind so gut wie immer da. In meinem frakturierten Geist und Körper. Ich habe Osteogenesis Imperfecta (OI) und DID, das bedeutet ich habe die Glasknochenkrankheit und eine dissoziative Identitätsstörung.

Nein, sprich nicht M. Night Shyamalans Split oder Glass an.

Osteogenesis Imperfecta hat meine Zähne geschwächt, meine Gelenke ruiniert und meine Muskeln verwüstet. Ich habe das Glück, bisher noch keinen Knochen gebrochen zu haben und ich befinde mich in meinen 20ern. Einige werden von dieser Behinderung in ihrer Kindheit getötet, andere leben ihr ganzes Leben ohne zu wissen, dass sie sie haben.

Dissoziative Identitätsstörung macht sich bei denen, die es mit ihr zu tun haben, früh bemerkbar. Sie besteht aus der Anwesenheit zweier oder mehr ausgeprägten Persönlichkeitszuständen, zusammen mit einem Erinnerungsverlust zwischen den beiden Zuständen. Wenn beispielsweise ich [Artxmis] die Kontrolle über den Körper habe [fronting], dann weiß eine andere Identität nicht, was ich in dieser Zeit getan, gefühlt oder gedacht habe. Das gilt für beide Seiten. Es gibt Zeiten, in denen mir Sekunden an Erinnerung fehlen oder Monate. Ich kann mich an den Großteil meiner Unterstufe in der Highschool nicht erinnern.

All das zusammen führt zu einem beinahe unsichtbaren Leiden. Ich muss damit kämpfen Stufen zu erklimmen und stabile Beziehungen zu führen.

Aber trotzdem lehne ich Zivilisation, Technologie und Domestizierung ab.

Ich erhöhe trotzdem Wildnis, begehre nach einer Verwilderung und hasse die moderne Medizin.

Ich tue das nicht, weil ich selbsthassend wäre oder ableistisch, sondern aus dem Gegenteil. Ich hoffe, dass diejenigen, die mit mentalen und körperlichen Krankheiten kämpfen, in der Wildnis Zuspruch finden können und auf der Asche der Zivilisation tanzen. Am Rande bemerkt: Ich bin nicht der Meinung, dass eine Wanderung eine Depression heilt.

Zivilisation ist eine standardisierende Kraft. Sie nimmt Individuen und versucht diese zu organisieren, kategorisieren und zu beherrschen. Sie präsentiert auch eine enge Matrix »idealer« Mitglieder. Denjenigen, die nicht in diese Kategorie passen, bleiben zwei Optionen: sich anpassen oder verstoßen werden. Darin liegt oft die Rolle der modernen Medizin. Sie behandelt viele der Außenseiter*innen der Zivilisation. Sie kann am besten als ein Filtersystem betrachtet werden.

(Mit moderner Medizin beziehe ich mich in den meisten Fällen auf die westliche/koloniale Medizin. Allerdings kann man allgemein argumentieren, dass die mit dem Aufstieg jeder Zivilisation entstandene Medizin auf die gleiche Art und Weise kritisiert werden kann.)

Sowie die Zivilisation wächst, benötigt sie eine größere Arbeitskraft. Das ist der größte Effekt vieler Rechtebewegungen. Frauenrechte verschafften neben anderen legalen und sozialen Möglichkeiten für Frauen ihnen vor allem einen breiteren Zugang zur Arbeitskraft der Zivilisation. Medizin in ihrer modernen Form funktioniert auf eine ähnliche Art und Weise. Wenn man nicht in die Zivilisation [den Techno-Kapitalismus, die industrielle Gesellschaft, sozialistische Experimente, etc.] hineinpasst, muss man sich anpassen.

Wenn wir diese vorangehende Feststellung übernehmen, können wir anfangen zu verstehen, dass es der modernen Wissenschaft nicht darum geht, Menschen zu helfen oder sie zu ermächtigen, sondern um die Anpassung von allem und jedem, um der Mainstream-Gesellschaft nützlich zu werden. Viele werden auf genetische Krankheiten oder Erkrankungen wie Krebs verweisen. Das Evolution Institute behauptet neben anderen, dass es einen Widerspruch zwischen unseren evolutionären Merkmalen und unserer derzeitigen Umwelt gibt. Fehlendes Ausgesetztsein von Bakterien und Krankheiten als Kinder hat verheerende Auswirkungen auf unser Immunsystem. Landwirtschaft bringt unsere Zähne und unser Verdauungssystem komplett durcheinander. Die Domestizierung von Pflanzen und Tieren hat neue Krankheiten erschaffen, die unserer Spezies zuvor unbekannt waren.

Selbst die Gebärkultur hat einen Einfluss auf Brustkrebs! Das Evolution Institute behauptet, »moderne Fortpflanzungsmuster tragen auch zum Brustkrebsrisiko bei. In Jäger*innen/Sammler*innen-Bevölkerungen beginnen Frauen in der Regel mit etwa 18 Jahren Kinder zu haben, haben durchschnittlich 5 Kinder und stillen diese mit ungefähr drei Jahren ab. Das unterscheidet sich erheblich von modernen Bevölkerungen, in denen Frauen typischerweise mit etwa 26 Jahren Kinder bekommen, durchschnittlich 1,86 Kinder bekommen und sie typischerweise vor dem 6. Monat abstillen. Unsere Vorfahren hatten vermutlich Fortpflanzungsmuster, die denen heutiger Jäger*innen/Sammler*innen gleichen, und hatten daher weit weniger Menstruationszyklen als wir modernen Menschen. Moderne Fortpflanzungsmuster wie diese sind mit einem höheren Risiko hormoninduzierten Brustkrebses verbunden.«

Zusätzlich dazu, wie man die Effekte der Zivilisation während der eigenen Lebenszeit wahrnimmt, mögen diese sogar Einfluss auf die Anfälligkeit für Krankheiten vor der Geburt haben. Epigenetik wird folgendermaßen definiert: »Epigenetik ist die Wissenschaft vererblicher Veränderungen der Genexpression (aktive vs. passive Gene), die keine Veränderung der zugrundeliegenden DNA-Sequenz beinhalten – eine Veränderung des Phänotyps ohne eine Veränderung des Genotyps –, die umgekehrt beeinflussen, wie die Zellen die Gene lesen«, aus What Is Epigenetics.

Beispielsweise sind diejenigen, die in dichten urbanen Regionen leben, besonders um bestimmte Schadstoffquellen wie Luft- und Wasserverschmutzungen herum, einem höheren Risiko für kardiovaskulären Krankheiten [Herzkrankheiten; Anm. d. Übers.] und Krebs ausgesetzt. Das gilt einer Studie von 2017 namens »Epigenetics and Health Disparities« zufolge besonders für afroamerikanische Gemeinschaften.

Eine Studie von 2009 mit dem Titel »Epigenetic mechanisms in schizophrenia« behauptet, dass urbane Umgebungen eine Rolle bei psychischen Störungen spielen. Die Studie kam zu folgendem Schluss: »Statistiken legen nahe, dass sich Psychosen in urbanen Umgebungen und in niedrigeren sozioökonomischen Gruppen anhäufen. Beispielsweise haben afro-karibische Immigrant*innen im Vereinigten Königreich und besonders ihre Nachkommen ein ungefähr 10-fach größeres Risiko an Schizophrenie zu erkranken und ethnische Minderheiten in Großbritannien haben immerhin ein 3-fach größeres Risiko für Schizophrenie. Diese Beobachtungen haben manche dazu veranlasst vorzuschlagen, dass Schizophrenie eine Krankheit epidemiologischer Übertragung sein könnte, oder in anderen Worten eine Krankheit, deren Wahrscheinlichkeit mit der Entwicklung einer Gesellschaft ansteigt.«

Die moderne Medizin ist auch eine zentralisierte Praxis. Sie versucht sich selbst auf ein Gefilde der Gesellschaft zu beschränken – die »tatsächliche medizinische Verwendung«. Damit meine ich die medizinische Verwendung, wie sie innerhalb des modernen Selbstbewusstseins verstanden wird. Impfungen, komplizierte Operationen oder andere medizinische Verfahren. Sie findet außerdem innerhalb einer vielgestaltigen hierarchisierten Kultur statt – Ärzte unterschiedlicher Spezialisierungen, Krankenpfleger*innen, Krankenpfleger-Assistent*innen, usw.

Vergleiche das mit der Medizin in prä-zivilisierten Kulturen. Diese Form war eine Schnittmenge aus den Gefilden sozialer Zusammenhänge, wie religiösen Praktiken und Friedensstiftung, der Ethnobotanik und anderem bioregionalem Wissen, ebenso wie der »tatsächlicher medizinischer Verwendung«. Medizinische Praktiken variierten natürlich zwischen den Kulturen. Sie mag in den Händen von Medizinmännern, Hexenärztinnen, Schaman*innen und anderen spirituellen Anführer*innen gelegen haben oder von der größeren Gemeinschaft praktiziert worden sein. Einige Kulturen mögen einen stärkeren Akzent auf Zeremonien und Magie gelegt haben, weil sie Krankheit als Geist-verbunden betrachtet haben. Andere mögen weniger religiöse Pflanzen- und Kräuterpraktiken genutzt haben.

Psychiatrie ist ungeachtet vieler scheinbarer Vorteile darauf fixiert, Menschen zu »reparieren«, damit sie fähig sind zu arbeiten. Psychiater*innen sind wie Mechaniker*innen oder Techniker*innen, die Maschinen reparieren, damit die Fabrik weiter funktionieren kann. Manche argumentieren sogar, dass sie [die Psychiatrie] keine Form der Medizin im eigentlichen Sinne sei, sondern eine soziale Institution, die sich unter dem Deckmantel der modernen Medizin versteckt und ihre Glorifizierung für ihre eigenen Zwecke nutzt.

Persönlich war ich, und bin es noch immer, eine lebhafte Person. Mir wurde in der ersten Klasse ADHS diagnostiziert und Medikamente verabreicht. Auch wenn ich zu jung war, um mich heute noch an die Details zu erinnern, war ich von dieser Diagnose wirklich verletzt und sie hat noch immer anhaltende Auswirkungen auf mich. Viele haben ähnliche Geschichten und Erfahrungen.

Um eine*n bestimmte*n anti-technologischen Denker*in zu zitieren: »Das Konzept von Geisteskrankheit‹ ist in unserer Gesellschaft größtenteils durch den Grad definiert, in dem sich ein Individuum im Einklang mit den Anforderungen des Systems verhält und das ohne Anzeichen von Stress zu zeigen tut.«

Wie andere argumentiert haben und ich selbst weiter oben ist die zivilisierte Medizin und vielleicht jegliche Wissenschaft nichts als ein Trend in Richtung der Anpassung der Individuen an die Bedürfnisse der Zivilisation selbst. Wo endet das? Erfindungen wie CRISPR verstehen sich selbst als die Lösung erblicher Anlagen von Krankheit, aber wir können ihnen nicht aufrichtig zugestehen, dass sie nur zu diesem Zweck verwendet werden und nicht für rassistische oder faschistische Zwecke. Es fällt einer nicht schwer, sich vorzustellen, was Führer wie Hitler mit einer solchen Entwicklung anstellen würden.

Tatsächlich dränge ich Unterstützer*innen der Psychiatrie und Psychologie dazu, ihren Einsatz im nationalsozialistischen Deutschland in den 30er und 40er Jahren zu erkunden. Das Programm wurde »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« genannt. Es zielte auf diejenigen mit oder die Kinder derer mit diagnostizierter geistiger Zurückgebliebenheit, Schizophrenie oder sogar Alkoholismus ab. Die Aktion T4 war der systematische eugenische Massenmord derer in psychiatrischen Krankenhäusern. Zwischen 270.000 und 300.000 starben. Genutzt wurden Methoden wie Gaskammern, die die Grundlage für den Holocaust bildeten.

Ähnliche Praktiken existierten auch außerhalb Deutschlands, zum Beispiel in den Vereinigten Staaten im frühen 19. Jahrhundert. Henry G. Goddard, amerikanischer Psychologe und Eugeniker, war einer der vielen, die darüber diskutierten, wie man mit den »untauglichen« oder »schwachsinnigen« umgehen solle. Für ihn war eine Segregation die vorrangige politische Maßnahme, um eine Mischung »schlechter« Gene zu vermeiden. Andere auf diesem Gebiet argumentierten für Immigrationsstopps, sogar Vernichtungen. Oft hatten verarmte Frauen das höchste Risiko, für »untauglich« befunden zu werden.

Ich werde nicht lügen und vorgeben, dass einige prä-zivilisierte Kulturen nicht auch kranke oder behinderte Menschen missbrauchten, verstießen oder anderweitig missachteten. Mein Punkt ist, ans Licht zu bringen, dass die moderne Medizin einer der vielen Versuche ist, die zahlreichen Widersprüche der modernen Gesellschaft zu lösen, oftmals diejenigen, die widersprüchlich zwischen unserer Evolution und unserer derzeitigen Umgebung sind. Ich vertrete zudem keine idealistische Rückkehr zum paläolithischen Leben. Es ist absolut vorstellbar, dass eine zukünftige Medizin eine Synthese vergangener und gegenwärtiger Methoden bildet.

Ich kann ebensowenig irgendwelche gesicherten Vorteile der Medizin und Wissenschaft in unserem Zeitalter leugnen, aber Anarchist*innen würden genausowenig die amerikanische Polizei auf Basis dessen akzeptieren, dass sie auch Gutes tun, wenn sie Vergewaltiger*innen fangen. Sie greifen die Polizei an, weil sie zunächst das System als Ganzes erzwingen und darauffolgendes oder bloß damit einhergehendes »Gutes« ein zweitrangiges Anliegen ist. Die moderne Medizin ist eine ähnliche Institution.

 


Artxmis Graham Thoreau in Eine ikonoklastische Ungeheuerlichkeit: Behinderung gegen die Zivilisation, erschienen als Übersetzung aus dem Englischen beim Maschinenstürmer Distro.

Wilde Medizin

Vor dreißig Jahren ist eine Autoimmunerkrankung in meinem Blut aufgetaucht. Ich habe die giftigen künstlichen Medikamente recherchiert und die Verschreibungen abgesetzt. Rheumatolog*innen, die Spezialist*innen, die die höchste Todesrate durch ihre Rezeptblöcke verursachen, behandelten mich wie eine*n Aussätzige*n, weil ich ihre Expertise verweigerte. Dann behandelten sie mich wie eine bizarre Kuriosität, als ich ihnen erzählte, wie ethnobotanische Heilmittel linderten, was mich plagte. Sie fühlten sich entmachtet, als sie mich baten, die Namen der Pflanzen zu buchstabieren, um sie in meinen Akten zu dokumentieren.

Selbst wenn das moderne Gesundheitswesen sicher und effektiv wäre, kollaboriert die Medizin noch immer mit der Zivilisation darin, genug »Zuckerbrot« auszuteilen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, während sie die Schichten der »Armen« und »Reichen« getrennt hält. Die Ungleichheit des institutionalisierten Gesundheitswesens dient der Zivilisation als Warnung davor aus der Reihe zu tanzen, sonst wirst auch du in Hunger und Elend schmachten. Aber wie Schulen und Jobs ist auch die Medizin ein Trick, den Ökozid der Zivilisation voranzutreiben, der seine Wurzeln im Glauben an den Fortschritt hat. Es ist schlicht zu erschreckend, diesen Glauben als falsch zu betrachten, wir sind bereits so tief in der Falle des Fortschritts eingesunken, dass es sich anfühlt, als gäbe es keine andere Option; und so ist der Fortschritt zur einzigen Welt geworden, die die Menschen kennen.

Was ist der Preis des Fortschritts? Die Medizin nimmt am hochmütigen Massaker an der »besitzlosen« Erde und an den Tieren in der Moderne teil – indem sie Labortiere foltert und tötet, Wasserläufe mit giftigen Medikamenten verschmutzt, die Mutationen bei Fischen und Amphibien hervorbringen und das Land mit Bergen von synthetischen Abfallprodukten zumüllt. Sie verfüttert gesundheitsschädliche getötete Tierkörper an stationäre Herzpatient*innen, die später weitere Medikamente und Operationen benötigen – wie eine gut geölte Maschine.

Es ist nicht so, dass ich die moderne Medizin automatisch ablehne, aber ich bin aus dem Bauch heraus wählerisch. Gebrochene Knochen – ok, ich nehme einen Gips. Ich fühle mich berechtigt, die Techno-topie der Moderne auszunutzen, wo und wie ich will. Sie hat den Menschen das wilde Wissen, das wilde Zuhause, in dem wilde Nahrung und Medizin lebt, gestohlen. Sie verursacht eine Katastrophe voller menschlicher und nichtmenschlicher Erkrankungen und Tode und verdient ebensoviel Vertrauen und Respekt wie ein*e pathologische*r Serienmörder*in. Von der technologischen Umweltverschmutzung über Autounfälle, Wohnungsbrände, Suizide aufgrund von Depressionen bis hin zu Klimawandel-Katastrophen; die Liste ist endlos. Während die präzivilisatorische Wildnis ein anderes Set an gefährlichen Risiken bereithielt, verblassen die frühen menschlichen Erkrankungen und Tode im Vergleich dazu.

Die neandertalische Heilkunst, die sowohl akute als auch chronische schwerwiegende Bedürfnisse mit einfachen, effektiven Heilmitteln behandelte, war weitverbreitet. Es gab Individuen mit Verletzungen und Krankheiten, die ein hohes Maß an täglicher Fürsorge für Monate und sogar Jahre benötigten. Feldhofer 1 [wissenschaftliche Bezeichnung eines Neandertaler-Fossils; Anm. d. Übers.] (ca. 40.000 Jahre vor unserer Zeit) erholte sich von einem schwerwiegenden Armbruch, der eine Fixierung seines Armes erforderte, sowie die Versorgung mit Essen, Wasser und Schutz und erhielt eine Langzeitbehandlung einer chronischen Krankheit. Shanidar I [ebenfalls ein Neandertaler-Fossil; Anm. d. Übers.] (ca. 45.000 Jahre vor unserer Zeit) erhielt für mindestens eine Dekade Fürsorge, um mit einem verkümmerten Arm, einem beschädigten Bein und vermutlich einem blinden Auge sowie Gehörverlust zu überleben. La Chapelle aux Saints [ebenfalls ein Neandertaler-Fossil; Anm. d. Übers.] (ca. 60.000 Jahre vor unserer Zeit) wurde wegen einer schwerwiegenden Arthrose und einer systemischen Erkrankung umsorgt. Bloß durch sich kümmernde Begleiter*innen und primitive Mittel, keine Notwendigkeit ein Blutbad zu begehen.

Frühe Menschen kümmerten sich auch selbst um ihre eigenen medizinischen Bedürfnisse. Beispielsweise fanden Anthropolog*innen einen erkrankten Neandertaler aus der El Sidrón-Höhle mit einem eiternden Zahn und einem Darmparasiten, der Durchfall verursacht. Eine DNA-Analyse seines Zahnsteins ergab, dass er eine beständige Ernährung aus Pappeln zu sich nahm, die das natürliche Schmerzmittel Salicylsäure enthielt, den Wirkstoff in Aspirin, sowie Pflanzen, die von Penicillium-Pilzen bedeckt waren, dem Penicillin des Antibiotikums. Frühere Menschen, wie alle Tiere, fanden ihre Medizin und Heilstrategien durch tiefgehende Beziehungen, Instinkte und scharfe primäre Sinne, die in der Zivilisation schwinden.

Die Wissenschaft bezweifelt und spottet über primitive Weisheit. Gesundheits-Animalität wiederzuerwecken verschiebt den Ort der Kontrolle zurück in Richtung Ökologie, wieder eingesetzter Zugehörigkeit und Symbiose. Während fortgeschrittene medizinische Technologien die Heilkunst früherer Zeiten besonders für Kinder übertreffen, gilt jedoch: Wie viele Verletzungen und Krankheiten werden von der Technologie verursacht? Und ist sie den Preis des Techno-Ökozids für alle wert? Ich habe das Gefühl, dass die meisten Tiere, inklusive mir, wilde Heilkunst und die Rückgabe unseres gestohlenen Landes und unseres Lebens bevorzugen. Der Fortschritt erwidert: Willst du, dass ein Kind an einer leicht zu behandelnden Infektion stirbt? Genausowenig, wie ich ein Kind von einer Kugel niedergestreckt haben will, Großmutters Pillen fressen will oder angesichts dessen, was die Menschen der Welt antun, Suizid begehen möchte.

Referenzen

  • Derricourt, Robin M. Unearthing Childhood: Young Lives in Prehistory, 2018.
  • Ryan, Christopher. Civilized to Death: The Price of Progress, 2019.
  • Spikins, Penny. How Compassion Made us Human: the Evolutionary Origins of Tenderness, Trust and Morality, 2015
  • Spikins, Penny, et al. »Living to Fight Another Day: The Ecological and Evolutionary Significance of Neanderthal Healthcare« in Quaternary Science Reviews, Vol. 217, 2019 S. 98-118.
  • Weyrich, Laura S., et al. »Neanderthal Behaviour, Diet, and Disease Inferred from Ancient DNA in Dental Calculus.« Nature, International Journal of Science, Vol. 544, 2017, S. 357-361.

 


Ria Del Montana in Eine ikonoklastische Ungeheuerlichkeit: Behinderung gegen die Zivilisation, erschienen als Übersetzung aus dem Englischen beim Maschinenstürmer Distro.

Fortschritt und Atomkraft

Die Zerstörung des Kontinents und seiner Völker

Die vorsätzliche Vergiftung von menschlichen Wesen, der Erdböden und anderer lebender Spezies kann nur durch größte Heuchelei als „Unfall“ betrachtet werden. Nur die*der willentlich Blinde kann behaupten, dass diese Konsequenz des technischen Fortschritts „unvorhergesehen“ gewesen wäre.

Die Vergiftung und Entfernung der lebendigen Bewohner dieses Kontinents zum Zwecke einer „höheren Sache“ mag in Ost-Pennsylvania begonnen haben, allerdings nicht in den vergangenen Wochen.

Zweiundzwanzig Jahrzehnte zuvor haben in der Region, die derzeit von Strahlung aus Three Mile Island vergiftet wird, Spekulant*innen mit Namen wie Franklin, Morris, Washington und Hale ihre Namen hinter Fassaden wie der Vandalia Company und der Ohio Company verborgen. Diese Firmen hatten einen Zweck: das Land zu verkaufen, um Profit zu machen. Die Individuen hinter den Firmen hatten ein Ziel: alle Hindernisse, die ihrer Entwicklung und ihrem Gewinn im Wege standen, zu beseitigen, egal ob es sich bei diesen Hindernissen um Menschen, jahrtausendealte Kulturen, Wälder, Tiere oder sogar Flüsse und Berge handelte. Ihr Ziel war es, diesen Kontinent zu zivilisieren, einen Kreislauf von Aktivitäten auf ihm einzuführen, die hier niemals zuvor ausgeübt worden waren: Arbeiten, Sparen, Investieren, Verkaufen – der Kreislauf, der das Kapital reproduziert und vergrößert.

Das größte Hindernis dafür bestand aus Menschen, die auf diesem Kontinent seit Jahrtausenden gelebt hatten und die ohne Gesetz, Regierung oder Kirche die Sonne, die Flüsse, die Wälder, die verschiedenen Spezies von Pflanzen und Tieren und einander genossen. Diese Menschen betrachteten das Leben als einen Zweck, nicht als ein Mittel, das in den Dienst eines „höheren“ Zwecks gestellt werden müsste. Sie strömten der Zivilisation nicht in Scharen zu, wie Kinder einer Keksdose, wie es die Franklins und Washingtons von ihnen erwarteten. Im Gegenteil. Sie wollten kaum etwas von dem, was die Zivilisation zu geben hatte. Sie wollten einige der Waffen und sie wollten diese nur, um ihre Freiheit gegen die weiteren Übergriffe der Zivilisation zu verteidigen; sie zogen den Tod einem Leben vor, das auf Arbeiten, Sparen, Investieren und Verkaufen reduziert war. In einem letzten, verzweifelten Versuch die Zivilisation und ihre Vorzüge zurück ins Meer und darüber hinaus zu treiben, in einem Aufstand, der derzeit als der Name eines Automobils erinnert wird, verdrängten ihre Krieger*innen die Landräuber und ihre Soldaten aus Ontario, Michigan, Ohio und West-Pennsylvania. Für diesen kompromisslosen Widerstand bekamen sie von den Zivilisierten den Status von Wilden verliehen. Dieser Status verlieh den Zivilisierten die Erlaubnis, sie ohne Bedenken oder Skrupel auszulöschen: „Schickt ihnen pockeninfizierte Decken“, ordnete einer der Kommandeure an, der verantwortlich für ihre Auslöschung ist.

Die jüngst gefeierte zweihundertjährige Amerikanische Unabhängigkeit gedachte dem Tag, an dem vor zwanzig Jahrzehnten Landräuber*innen, Spekulant*innen und ihre Verbündeten entschieden, die Auslöschung der Unabhängigkeit in der Region westlich von Three Mile Island zu beschleunigen. Die Regierung des Königs war zu weit entfernt, um ihre Investionen adäquat zu schützen und in vielerlei Hinsicht war sie feudal und teilte nicht immer die Ziele der Spekulant*innen; sie ging sogar soweit, die Grenzen, die durch Verträge mit den Wilden festgelegt worden waren, durchzusetzen. Was benötigt wurde, war ein effizienter Apparat unter direkter Kontrolle der Landräuber*innen und exklusiv dem Wohlstand ihres Unterfangs ergeben. Informelle Grenzpolizeiorganisationen wie die Paxton Boys waren für ein Massaker an den Bewohner*innen eines isolierten Dorfes wie Conestoga brauchbar. Aber solche Grenzer-Gründungen waren klein und vorübergehend und sie waren ebenso abhängig von der expliziten Einwilligung jedes einzelnen Teilnehmers wie die Stammeskrieger selbst; daher handelte es sich bei ihnen eigentlich überhaupt nicht um geeignete Polizeiorganisationen. Die Spekulant*innen verbündeten sich mit Idealist*innen und Träumer*innen und hinter einem Banner, auf dem Freiheit, Unabhängigkeit und Glück stand, nahmen sie Regierung, Militär und Polizei in ihre eigenen Hände.

Vor ungefähr 150 Jahren war der effiziente Apparat für den Fortschritts des Kapitals voll ausgeprägt. Militär- und Polizeiorganisationen basierten auf Gehorsam und Unterwerfung und nicht auf der aktiven Einwilligung jedermanns und sie waren bereit gegen diejenigen Menschen vorzugehen, die sich dieser Form der Herrschaft zwanzigtausend Jahre, wenn nicht länger widersetzt hatten. Der Kongress verabschiedete eines seiner explizitesten Gesetze: das Indianer-Umsiedlungsgesetz. Innerhalb weniger Jahre wurde jeder Widerstand, jede Aktivität, die nicht die des Kapitals war, aus der Region entfernt, die sich westlich von der Three Mile Island bis zum Mississippi erstreckt und südlich von Michigan bis Georgia. Die Regierung wurde schnell zu einer der mächtigsten auf der Welt und war nicht länger darauf beschränkt, Dorfbewohner*innen mit Pocken zu vergiften oder sie in einem Überraschungsangriff zu massakrieren; sie setzte die Entfernung durch eine besonnene Kombination aus hohlen Phrasen, Versprechungen und Polizei um. Die verbleibenden freien Stammesmenschen konnten dieser Kombination keinen Widerstand leisten, ohne sie anzunehmen, aber sie konnten sie nicht annehmen, ohne aufzuhören, frei zu sein. Sie entschieden sich dazu frei zu bleiben und die letzten freien menschlichen Wesen zwischen der Three Miles Island und dem Mississippi wurden entfernt.

Als die Siedler*innen in die vorsätzlich geräumten Ländereien zogen, wo ihnen die Luft, die sie atmeten, eine Vorstellung der kürzlich ausgelöschten Freiheit gab, verwandelten sie weitläufige Wälder in ausgedehnte Nachbildungen der Hölle, die sie hinter sich gelassen hatten. Der Genuss der Pfade und Wälder endete: Die Wälder wurden niedergebrannt; die Pfade wurden zu Hindernisläufen, die so schnell durchquert wurden, wie es das Kapital möglich machte. Freude hörte auf, das Ziel des Lebens zu sein; das Leben selbst wurde zu einem bloßen Mittel, sein Ziel war der Profit. Die Vielfalt hunderter kultureller Formen wurde auf die Gleichförmigkeit einer einzigen Routine reduziert: Arbeiten, Sparen, Investieren, Verkaufen, jeden Tag von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang und nach dem Sonnenuntergang wurde das Geld gezählt. Jede vorherige Aktivität und unzählige neue Aktivitäten wurden von Quellen der Freude in Quellen des Profits verwandelt. Mais, Bohnen und Kürbis, die „drei Schwestern“, die unter den vorherigen Bewohner*innen der Region respektiert und geliebt gewesen waren, wurden zu bloßen Waren für den Verkauf auf Lebensmittelmärkten; Ihre Säer*innen und Ernter*innen pflanzten sie nicht länger an, um sie bei Mahlzeiten, Festen und Festivals zu genießen, sondern um sie für Profit zu verkaufen. Gemächliches Gärtnern wurde durch die harte Arbeit der Landwirtschaft ersetzt, Pfade wichen Gleisen, Gehen wurde durch die Fortbewegung gigantischer, kohleverbrennender Öfen auf Rädern ersetzt, Kanus wurden von schwimmenden Städten zur Seite gespült, die vor keinem Hindernis Halt machten, während sie die Luft mit Funken und schwarzem Rauch erfüllten. Die „drei Schwestern“ wurden zusammen mit dem Rest ihrer Familie zu bloßen Handelswaren degradiert, ebenso wie die Bäume, die zu Holz wurden, die Tiere, die zu Fleisch wurden und selbst die Reisen, die Lieder, die Mythen und Märchen der neuen Bewohner*innen des Kontinents.

Und neue Bewohner*innen sollte es geben: zuerst hunderte, dann tausende, schließlich Millionen. Als der Import reiner Sklav*innen schließlich endete, wurden überschüssige Bäuer*innen aus den heruntergewirtschafteten Ländereien des post-feudalen Europas importiert. Ihre Vorfahr*innen hatten die Freiheit seit so vielen Generationen nicht mehr gekannt, dass sogar die Erinnerung daran verloren gegangen ist. Vormals als Diener*innenschaft oder Gesinde auf den Ländereien zunehmend kommerzieller Adliger tätig, trafen die Neuankömmlinge bereits genau darauf trainiert ein, genau das zu wollen, was das Kapital anzubieten hatte, und die vom Kapital auferlegte Entwürdigung des Lebens war verglichen mit ihrem einzigen Vergleichsrahmen Freiheit für sie. Landinvestor*innen verkauften ihnen Parzellen, Schieneninvestor*innen transportierten sie zu den Parzellen, Ackergerät-Investor*innen statteten sie aus, Bank-Investor*innen finanzierten sie, gekleidet und möbliert wurden sie durch die gleichen Interessen, oft von den gleichen Häusern, die sie zugunsten des Profits mit allem anderen versorgt hatten, was kein vorangehendes Zeitalter als „angemessen“ betrachtet hätte, und so schrieben sie prahlerisch an ihre Verwandten im alten Land, dass sie zu ihren eigenen Herren geworden seien, dass sie freie Bauern wären, aber in ihrer Magengrube und zwischen ihren Herzschlägen spürten sie die Wahrheit: Sie waren Sklav*innen eines Herren, der sogar noch hartnäckiger und unmenschlicher war und sie ihren ehemaligen Herren entrissen hatte, eines Herren, dessen tödliche Macht wie die der Radioaktivität gespürt, aber nicht gesehen werden konnte. Sie waren zu den ausgewiesenen Diener*innen des Kapitals geworden. (Und diejenigen, die als „Fabrikarbeiter“ oder „ungelernte Arbeitskräfte“ in den Fabriken endeten, die die Werkzeuge und Schienen produzierten, hatten kaum etwas, mit dem sie in ihren Briefen angeben konnten; sie hatten, wo immer sie herkamen, freiere Luft geatmet.)

Ein Jahrhundert nach dem Aufstand, der heute mit dem Namen von Pontiac verbunden wird, ein Jahrhundert, das voller verzweifeltem Widerstand von Pontiacs Nachfolgern gegen die weiteren Übergriffe des Kapitals war, begannen einige der importierten Bauern gegen ihre Reduzierung auf Diener des Eisenbahn-, Ausstattungs- und Finanzkapitals zu kämpfen. Die volksnahen Bauern brannten darauf die Rockefellers, Morgans und Goulds, die direkt für ihre Entwürdigung verantwortlich waren, zu verhaften und einzusperren, aber ihre Revolte war nur ein schwaches Echo der früheren Revolten der Ottowas, Chippewas, Delawares und Potawatomies. Die Bauern wendeten sich gegen die Persönlichkeiten, aber fuhren fort damit, die Kultur, die für ihre Entwürdigung verantwortlich war, zu teilen. Folglich scheiterten sie darin, sich mit dem bewaffneten Widerstand der Menschen der Great Plains zu vereinen oder diese überhaupt als ihresgleichen wahrzunehmen. Diese waren die letzten, die den Kontinent davor bewahrten, gänzlich zu einer Insel des Kapitals zu werden – ein Kampf, der mithilfe der antiken assyrischen (und modernen sowjetischen) Methoden der massenhaften Deportation, Konzentrationslager, Massaker an unbewaffneten Gefangenen und nicht nachlassender Gehirnwäsche durch militärische und missionarische Schläger niedergeschlagen wurde.

Obwohl viele von ihnen militant und mutig waren, stellten die kämpfenden Bauern Genuss und Leben nur selten über Arbeit, Ersparnisse und Profit, und ihre Bewegung entgleiste vollkommen, als sie von radikalen Politiker*innen infiltriert wurde und die Sehnsucht nach einem neuen Leben mit der Sehnsucht nach einem neuen Anführer gleichsetzten. Diese Form der Entgleisung einer volksnahen Bewegung wurde zu einem Wesenszug der Arbeiterbewegung in dem darauffolgenden Jahrhundert. Die Politiker*innen, die das Grab des Populismus ausgehoben hatten, waren die Vorläufer einer unendlichen Bandbreite von mönchischen Sekten, die organisatorisch auf der jesuitischen Ordnung aufbauten, aber ihre Doktrin und ihre Dogmen von dem einen oder anderen kommunistischen, sozialistischen oder anarchistischen Buch ableiteten. Bereit, beim ersten Anzeichen einer Situation, in der die Menschen darum kämpfen, ihre eigene Menschlichkeit zurückzuerlangen, hervorzuspringen, zermalmten sie eine potentielle Rebellion nach der anderen, indem sie Menschen, die dafür kämpften, zu leben, ihre Doktrin, ihre Organisation und ihre Führung aufbürdeten. Diese Clowns, für die alles, was fehlte, ihre Ergüsse und Ansprachen auf den Titelseiten der Zeitungen waren, wurden schließlich zu Kapitalist*innen, die die einzige Ware, die sie in die Ecke getrieben hatten, auf den Markt brachten: die Arbeiterschaft.

Kurz vor der Zeitenwende des gegenwärtigen Jahrhunderts [20. Jahrhundert; Anm. d. Übers.], in dem tatsächlicher Widerstand endgültig durch einen Pseudo-Widerstand, der tatsächlich ein Instrument der endgültigen Reduktion menschlicher Aktivität auf eine bloße Größe des Kapitals ist, beseitigte der effiziente Apparat zur Generierung von Profit alle äußeren Hindernisse. Er besaß noch immer innere Hindernisse: die verschiedenen Fraktionen des Kapitals, die Vanderbits, Goulds und Morgans richteten ihre Waffen fortwährend aufeinander und drohten, die gesamte Struktur von innen ins Wanken zu bringen. Rockefeller und Morgan bereiteten den Weg für eine Fusion, den Zusammenschluss der unterschiedlichen Fraktionen: Vermögende Investor*innen verteilten ihr Vermögen auf die jeweils anderen Unternehmen; Direktor*innen saßen im Vorstand der jeweils anderen; und ein jeder erlangte ein Interesse am ungehinderten Vormarsch jeder Einheit des gesamten Apparats. Mit Ausnahme von wenigen überlebenden persönlichen und familiären Imperien wurden die Unternehmen von bloßen Heuerleuten geleitet, die sich vom Rest der Angestellten nur durch die Höhe ihrer Bezüge unterschieden. Die Aufgabe der Direktor*innen bestand darin, alle Hindernisse zu überwinden, menschliche und natürliche, mit nur einer Einschränkung: der der effizienten Funktionsweise der anderen Unternehmen, die gemeinsam das Kapital bildeten.

Vor vier Jahrzehnten gelangten die Forscher*innen der physikalischen und chemischen Wissenschaften im Dienste des Kapitals zu der Entdeckung, dass großen Substanzen über und unter der Erde nicht die einzigen Substanzen waren, aus denen sich Profit schlagen ließ. Es schien, dass die „befreiten“ [Atom]kerne bestimmter Substanzen vom Kapital ganz besonders ausgebeutet werden konnten. Die Zerstörung der Materie auf atomarer Ebene, die zuerst in den abscheulichsten Waffen, die bisher jemals von Menschen gefertigt wurden, genutzt wurde, wurde zur neuesten Ware. Zu dieser Zeit hatten die Zinszahlungen, Frachtgebühren und Ausrüstungs-Käufe der Bauern ebenso wie die seit langem verschwundenen Bäume und Waldtiere aufgehört als Quellen eines signifikanten Profits von Interesse zu sein. Energieunternehmen, die mit Uran- und Erdöl-Imperien verzahnt waren, wurden zu mächtigeren Imperien als irgendeiner der Staaten, die ihnen als Problembeheber dienten. Innerhalb der Computer dieser Imperien wurden die Gesundheit und die Leben einer „angemessenen“ Anzahl an Farm- und Stadtbewohnern gegen einen „angemessenen“ Zuwachs oder Verlust von Profit abgewogen. Mögliche volksnahe Antworten auf solche Berechnungen wurden durch besonnene Kombinationen aus hohlen Phrasen, Versprechungen und Polizei kontrolliert.

***

  • Die Vergiftung von Menschen in Ost-Pennsylvania mit krebserzeugender Strahlung durch ein System, das einen bedeutenden Anteil seiner Aktivität der „Verteidigung“ gegen atomare Angriffe aus dem Ausland widmet,
  • Die Kontamination von Nahrung, die von den verbleibenden Bewohner*innen des Kontinents verzehrt werden wird und die Zerstörung der Perspektiven von Bäuer*innen, die ihr Leben pflichtbewusst dem Anbau von Waren widmeten, die für das Kapital auf einer Entwicklungsstufe interessant waren, die vor einem halben Jahrhundert endete,
  • Die Verwandlung in ein buchstäbliches Minenfeld durch den Gebrauch von beispiellos tödlichen Giften und Sprengstoffen eines Kontinents, der einst von Menschen bevölkert wurde, deren Ziel im Leben es war, die Luft, die Sonne, die Bäume, die Tiere und einander zu genießen,
  • Die Aussicht, dass ein Kontinent mit wütenden Infernos übersät sein wird, während ihre Lautsprecher ihre aufgezeichneten Botschaften an eine verkohlte Erde abspielen: „Es gibt keinen Grund überzureagieren, die Situation ist stabil, die Anführer*innen haben alles unter Kontrolle“,

all das ist kein Unfall. Es ist die derzeitige Stufe des Fortschritts der Technologie, alias des Kapitals, von Marry Wollstonecraft Shelley Frankenstein genannt, die von ehrgeizigen Managern, die darauf brennen, ihre „revolutionären“ Hände an ihr Schaltpult zu bekommen, als „neutral“ betrachtet wird. Seit zweihundert Jahren hat sich das Kapital durch die Zerstörung der Natur, durch die Entfernung und Zerstörung von Menschen entwickelt. Das Kapital hat nun einen Frontalangriff auf seine eigene Diener*innenschaft gestartet, seine Computer haben damit begonnen, die Entbehrlichkeit derjenigen zu berechnen, die gelehrt worden sind, sich als seine Nutznießer zu verstehen.

Wenn die Geister der Toten unter den Lebenden geboren werden könnten, könnten Krieger der Ottawa und Chippewa und Potawatomi den Kampf dort wieder aufnehmen, wo sie ihn vor zwei Jahrhunderten verlassen haben, unterstützt von den Kräften der Sioux, Dakota und Nez Perce, der Yana und Medoc und den zahllosen Stämmen, deren Sprachen nicht mehr gesprochen werden. So eine Kraft könnte die Kriminellen zusammentreiben, die andernfalls niemals vor irgendein Gericht gestellt werden würden. Die zahlreichen Agent*innen des Kapitals könnten dann damit fortfahren, ihre Routine des Arbeiten-Sparen-Investieren-Verkaufens auszuüben, einander gegenseitig mit hohlen Phrasen, Versprechungen und Polizei zu foltern, innerhalb entschärfter und vom Netz getrennter Kraftwerke, hinter den Plutonium-Türen.

Nachbemerkung der Übersetzer*in

Vor über 40 Jahren verfasst ließe sich die Erzählung Perlmans heute sicher noch um die „Errungenschaften“ des Fortschritts der letzten Jahrzehnte sowie die des letzten Jahres erweitern. Und doch würde kaum eine Formulierung dem, was gerade passiert, so sehr gerecht werden wie die folgende, eben bereits vor rund 40 Jahren gültige: „Das Kapital hat nun einen Frontalangriff auf seine eigene Diener*innenschaft gestartet, seine Computer haben damit begonnen, die Entbehrlichkeit derjenigen zu berechnen, die gelehrt worden sind, sich als seine Nutznießer zu verstehen.“

Und dabei steht es kurz vor der Vollendung dieser Pläne, während diejenigen, die sich um eine Wiedergeburt der Geister der Toten bemühen (indem sie etwa Funkmasten anzünden oder gegen Ausgangssperren rebellieren), von jenen Dienern, die durch die Begründung diverser politischer Sekten und ihren Führungsanspruch auch weiterhin jeden populären Widerstand zum Erliegen bringen, als „Verschwörungstheoretiker“ verspottet werden …


Übersetzung aus dem Englischen: Fredy Perlman. „Progress and Nuclear Power“ (1979) aus Anything can Happen (2017).

In Richtung eines indigenen Egoismus

Einführung

Ich bin eine indigene Person der Oglala-Lakota-Nation. Meine Vorfahren stammen aus dem Pine-Ridge-Indian-Reservat im westlichen South Dakota. Davor waren sie nomadisch und zogen frei über das gesamte Gebiet, das als die Great Plains bekannt ist. Ich bin auch ein*e individualistische*r Anarchist*in und existiere, was auch immer daraus werden wird, innerhalb einer radikalen „Community“ anderer Anarchist*innen hier in den Vereinigten Staaten. Ich wurde mit zahllosen Abhandlungen über individualistisches und egoistisches Denken bombardiert, die es als kapitalistisch, kolonialistisch und sogar rassistisch/faschistisch [white supremacist] bezeichnen. Ich schreibe diesen Text als Antwort auf eine*n Freund*in von mir, die*der die Behauptung aufgestellt hat, dass Individualismus und Eigeninteressen grundlegende Elemente der Kolonisierung wären. Während das stimmen mag, wenn Eigeninteressen durch koloniale Ideologie definiert werden, werde ich ein individualistisches und egoistisches anarchistisches Denken skizzieren, das ein Werkzeug der Dekolonialisierung und des indigenen Widerstands ist.

Individualismus, Kolonialismus und Beanspruchung

Was den Individualismus und Egoismus so attraktiv macht, ist der Sinn für Freiheit, den er anbietet: Der Sinn, dass kein anderer dich davon abhalten sollte, deine Sehnsüchte zu verwirklichen und dass du und deine Sehnsüchte von Bedeutung sind. In jeder Kultur und Gesellschaft werden wir unserer Freiheit beraubt: wir sind mit dem Zwang zur Arbeit konfrontiert, damit dem Kollektiv zu dienen, die Moral von Gott und der Kirche zu ehren, das Gefängnis zu fürchten und die Verhaltensregeln [Policing] zu verinnerlichen, sozialen Rollen gerecht zu werden, die Familie zu reproduzieren, sich der Autorität zu unterwerfen, ein*e produktive*r Beiträger*in zur Gesellschaft und Menschheit zu sein. Das aktive Verfolgen von Freiheit scheint eine natürliche Reaktion auf Einschränkungen zu sein. Europäische Entdecker, Kolonisten und Siedler suchten diese Freiheit. Sie erhoben Anspruch auf das Land und die Ressourcen, was zur Abschiebung und Umsiedlung indigener Völker führte. Sie beanspruchten die Ausbeutung freier Arbeitskraft, was zur Verschleppung und Versklavung von Afrikaner*innen führte. Es lag in ihrem Interesse den Wohlstand und die Macht ihrer Nation oder Kolonie auszuweiten und die Interessen von allen, die dem im Weg standen, zu übergehen. Kurz gesagt: die Kolonisierung ist das Handeln im Eigeninteresse der*s Kolonisierer*in.

Allerdings eröffnet Max Stirners Definition dessen, was eine*n willentliche*n Egoist*in ausmacht, eine andere Perspektive auf den kolonialen Individualismus. Eine Kolonie ist ein Kollektiv, das existiert, um seinem Vaterland mit natürlichen Ressourcen, Arbeit und Verbreitung der nationalistischen und christlichen Ideologien und Kultur zu nützen, sowie der strategischen Kontrolle von Landstrichen, von denen aus Kriege geführt werden können. Jede*r, die*der innerhalb einer Kolonie lebt, lebt dann, um seinem*ihrem Land zu dienen, sei es als Arbeiter*in, um Ressourcen abzubauen oder die Produktion in den Fabriken zu fördern, als Armee, um rivalisierende Länder und indigene Völker abzuwehren, als Missionar*in, die die Religion unter den indigenen Nationen verbreitet oder als Politiker*in, die*der die Ordnung der Bevölkerung der Kolonie aufrechterhält. Die dreizehn Kolonien bemerkten ihren Mangel an Freiheit gegenüber Großbritannien und starteten die Amerikanische Revolution, erschufen die „Unabhängigkeits“erklärung und gründeten die Vereinigten Staaten von Amerika. Die Vereinigten Staaten gründen sich auf einer Illusion von Freiheit und Individualismus. Das war immer ein zentrales Merkmal der amerikanischen nationalen Ideologie. Aber eine wahnhafte Masse, die fortfährt, verschiedenen Autoritäten zu dienen und sich ihnen zu unterwerfen, macht keine willentlichen Egoist*innen aus, sondern vielmehr, um es in Stirners Worten zu sagen, unfreiwillige Egoist*innen. Ein patriotischer Soldat mag aus Eigeninteresse zum Militär gehen und den Feind seines Landes bekämpfen, aber indem er das tut, unterwirft er sich seinem befehlshabenden Offizier, den Politiker*innen, die entschieden haben, Krieg zu führen, der Pflicht, Befehlen zu gehorchen und seiner Hingabe zu seinem Land. Er gibt seine Freiheit als ein Individuum auf und dient einem Kollektiv: seiner Vorstellung von einem „höheren Wohl“. Er gibt die Möglichkeit auf, zu seinem vollen Selbst zu gelangen. Das gleiche gilt für den religiösen Mann, der Gott aus Eigeninteresse dient, um Erlösung zu erlangen und ewiges Leiden in einer imaginären Hölle zu vermeiden. Er unterdrückt viele Aspekte seines Selbsts, um seiner Vorstellung oder der seiner Kirche von Gott und Moral gerecht zu werden. Jeder Mann, der in der Amerikanischen Revolution gekämpft hat und jede Person, die nach Amerika eingewandert ist – auf der Suche nach Freiheit, nach Individualismus, nach dem amerikanischen Traum –, jagte einem Individualismus nach, der durch Unterwürfigkeit niemals wirklich erreicht werden kann.

Die Geschichte des amerikanischen Kolonialismus und der indigenen Völker

Kolonialer Individualismus und Anspruch wurden auf Kosten der indigenen Völker erreicht. Damit diese Entdecker*innen, Kolonist*innen und Siedler*innen sich ausbreiten konnten und Zugang zu dem, was ihnen Macht und Wohlstand verlieh, erlangen konnten, mussten die indigenen Völker unterworfen werden. In einem militärischen Sinne war das anfangs keine leichte Aufgabe, aber dank der Epidemien, die von den Europäer*innen mitgebracht worden waren, wurden viele indigene Nationen schwerwiegend geschwächt oder beinahe vollständig ausgelöscht. Das erlaubte es den europäischen/amerikanischen Kolonisator*innen die militärische Oberhand zu erlangen. Erzwungene Räumungen von Land folgten; alle Ländereien, die einen Wert irgendeiner Art hatten, wurden von den Kolonisator*innen geräumt und ausgebeutet, was in der beinahen Ausrottung der Tiere und Pflanzen resultierte, auf die die indigenen Menschen angewiesen waren, um sich zu versorgen. Jeder Widerstand gegen eine Räumung brachte Krieg und die Individuen, die zu solchem aufriefen, wurden als „Wilde“ gebrandmarkt und entweder gewaltsam zivilisiert oder getötet. Die Zivilisierung blieb den Missionar*innen überlassen, während das Töten die Aufgabe der Regierungen der Vereinten Nationen und Kanadas war. Sowohl spirituelle und kulturelle Traditionen als auch Zeremonien wurden geächtet. Habseligkeiten, von denen angenommen wurde, dass sie heilig seien, wurden den Menschen weggenommen und zerstört. Kinder wurden ihren Familien weggenommen und in Internate geschickt. Ihr Haar, das eine ungeheure spirituelle Bedeutung besaß, wurde abgeschnitten, damit sie Weißen ähnelten. Sie wurden geschlagen und verprügelt, wenn sie in ihren traditionellen Sprachen sprachen. Sie wurden zum Christentum konvertiert. Sie wurden so unterrichtet, wie es die Kolonisator*innen für geeignet hielten, um gemäß der westlichen Standards zu leben. Im Dienste des Kolonialismus wurde alles unternommen, um indigene Kulturen auszulöschen.

Selbsthass in den heutigen indigenen Communities

Wir haben dennoch eine ganze Zeit überlebt. Die Geschichte hat uns ausradiert, für die meisten existieren wir nicht länger. Dennoch sind wir sehr wohl noch am Leben, aber das heutige Leben in den Reservaten ist kein Vergnügen. Die Auswirkungen der Kolonisierung suchen uns als Volk noch immer heim und nehmen dabei oft subtile Formen an. Alkoholismus, Sucht, häusliche Gewalt, ökonomischer Mangel, Armut, Diabetes und Selbstmorde sind in Reservaten überall in Nordamerika verbreitet. Das meiste davon resultiert aus einem Selbsthass, sowohl einem individuellen, als auch einem kollektiven. Ist es Zufall, dass viele dieser Probleme auch die afrikanisch-amerikanischen Nachbarschaften in den größeren Städten überall in den Vereinigten Staaten plagen? Das sind die Resultate der Kolonisierung, der Räumung indigener Menschen von den Ländereien, mit denen sie gewohnt waren zu leben, davon sie zu zwingen, sich an die westlichen zivilisierten kulturellen Standards und an eine kapitalistische Marktwirtschaft anzupassen.

Der Kolonisator in unseren Köpfen

Neben dem Selbsthass, den ich bei indigenen Gefährt*innen beobachte, werde ich auch Zeug*in einer Anpassung und einem Sinn der Identifizierung mit dem Kolonisator. Die Überreste unserer Communities werden nun von Stammesregierungen, Stammespolizeien und Stammesgerichten verwaltet, die Reformen vorantreiben und die Art und Weise nachahmen, auf die die Kolonisator*innen die Dinge in ihrer Welt regeln. Unsere Jugend wird ermutigt auf die Uni zu gehen, Karrieren zu beginnen und erfolgreich zu sein; oder dazu zur Armee zu gehen und in den Kriegen der US-Regierung zu kämpfen, um den Kolonialismus in anderen Teilen der Welt zu erzwingen. Ich nehme häufig an Tänzen und Gesängen auf Versammlungen überall in Nordamerika teil und beobachte Kreuze und Nike-Logos auf den Tanzbekleidungen von Individuen. Es ist ohnehin unabkömmlicher Teil des Ganzen, dass eine amerikanische Flagge während der Eröffnung hereingetragen wird, gefolgt von einem Lied zu Ehren aller indigenen und nicht-indigenen Veteran*innen, die „unsere Freiheit verteidigen“ und „uns das Privileg verleihen, das zu tun, was wir heute tun.“

Individualismus als Grundsatz der Dekolonisierung

Es sollte offensichtlich sein, dass wenn wir von „Eigeninteresse“ sprechen, wir nicht von etwas Objektivem sprechen können. Was in deinem Eigeninteresse liegen mag, kann auch sehr gut etwas sein, dass mich von etwas in meinem Eigeninteresse abhält. Das macht die pauschale Behauptung „Eigeninteresse und Individualismus sind ein Grundsatz der Zivilisation“ zu einer allzu vereinfachten Betrachtung dessen, was Eigeninteresse ist und vermeidet die Frage danach, über wessen Interesse wir sprechen. Als eine indigene Person, die eine starke Haltung gegen Anpassung, Kolonialismus und Kapitalismus einnimmt, liegt es sicherlich nicht in meinem Interesse, diese Strukturen zu fördern.

Individualismus ist die Vorstellung, dass du und deine Sehnsüchte von Bedeutung sind. Egoismus impliziert das und behauptet zusätzlich dass man in seinem eigenen Namen handeln sollte, um seine Sehnsüchte zu erreichen. Was könnte uns als indigenes Volk nützlicher sein als Selbstbewusstsein? Wir müssen wissen, dass wir als Individuen und als ein indigenes Volk von Bedeutung sind. Jahrhunderte wurden wir sowohl physisch als auch psychisch niedergeknüppelt. Wir wurden von der Macht so lange unterdrückt, dass wir davon überzeugt sind, dass wir nicht von Bedeutung sind, das wir nichts wert sind, dass wir Wilde sind: geringer als Menschen und für die Gesellschaft ungeeignet. Die psychologischen Auswirkungen der Kolonisierung wurden untersucht, analysiert und bewiesen, dass diese sowohl in innerem als auch äußerem Selbsthass resultieren.

Einige von uns haben das akzeptiert; wir missbrauchen uns selbst und einander. Oder wir medikamentieren uns selbst, um den Schmerz zu betäuben. Einige von uns passen sich an, um von unseren Unterdrücker*innen anerkannt zu werden, um einen Hauch von Selbstwertgefühl zu empfinden. Ich will mich vor niemandem ins rechte Licht rücken. Ich will wissen, dass ich für mich selbst wichtig bin, nicht für die Gesellschaft, die mich und meine Sehnsüchte verleugnet, mich von meiner Freiheit trennt: eine Gesellschaft, die verantwortlich ist für all den Schaden, der indigenen Menschen weltweit zugefügt wurde. Eine Sache, die ich bei Zusammenkünften überall auf dem Kontinent beobachte, sind Autoaufkleber und Kleidung, die „indigenen Stolz“ ausdrücken. Das ist etwas, was meine Ältesten so lange ich mich erinnern kann, gesagt haben. „Sei stolz darauf, wer und was du bist.“ Wenn wir diesen Stolz annnehmen würden und verstehen würden, dass wir von Bedeutung für uns selbst sind und anfingen, in unserem Eigeninteresse zu handeln, würde das Krieg gegen diejenigen bedeuten, die uns im Wege stehen und uns an unserer Freiheit hindern.

Egoismus bedeutet Krieg gegen die Gesellschaft

Die Vorstellung von Individualismus, die zu realisieren die europäischen Entdecker*innen und Kolonisator*innen gescheitert sind, ist ihre Verweigerung von Pflicht, Hingabe und Unterwerfung. Ich akzeptiere keine Autorität über mir, ebensowenig wie ich nach irgendeiner bestimmten Ideologie strebe. Ich werde von keiner Verpflichtung beeinflusst, weil ich niemandem irgendetwas schulde. Ich bin nichts außer mir selbst ergeben. Ich unterwerfe mich keinen zivilisierten Standards und keiner Moral, weil ich keinen Gott und keine Religion anerkenne. Kein Druck, Urteil oder Zwang sollte mich dazu bringen, mich selbst von dem, was ich ersehne, abzuhalten. Egoistische Anarchist*innen haben der Gesellschaft und der Zivilisation den Krieg erklärt. Dieser Widerstand liegt im Interesse von Jeder*m, die*der ein Leben frei von Unterwerfung unter eine herrschende Macht herbeisehnt, von jenen, die von einer Welt der Freiheit träumen, von jenen, die eine Gemeinschaft mit denen bilden wollen, die gemeinsame Interessen und Affinität teilen: eine Welt freier Assoziation, in der wir leben können, wie wir es wollen und ein erfüllendes Leben erfahren können. Das sollte auf keine*n mehr zutreffen als auf indigene Menschen. Auch wenn die westlichen, zivilisierten Kulturstandards und Werte in uns hineingeprügelt wurden, müssen wir uns daran erinnern, wer wir sind. Wir müssen uns der Wichtigkeit unseres Selbsts und unserer Sehnsüchte erinnern.

Die Verweigerung dieser Unterwerfung ist nicht leicht. Wenn ich vom Krieg gegen die Gesellschaft spreche, dann meine ich das auch. Dekolonisierung kann nur dann stattfinden, wenn wir unseren Feind angreifen: den Kolonisator. Wenn wir das nicht tun, dann perpetuieren wir nur die Beziehung zwischen Kolonisator und Kolonisierter*m. Wir können von den Unterdrücker*innen niemals erwarten, dass sie zugunsten der Unterdrückten ihre Privilegien aufgeben. Diese Initiation und dieser Angriff mag Gewalt erfordern. „Es sollte festgehalten werden, dass der Kolonialismus durch militärische Gewalt auferlegt wurde. Schließlich ist es das Gewaltmonopol des Systems, das es dazu befähigt, seinen Willen aufzuzwingen“ (Warrior Magazine).

Wir müssen uns daran erinnern, was es bedeutet, ein*e „Krieger*in“ zu sein. Wir ehren unsere Veteran*innen als indigene Menschen, um die Traditionen der Ehrung unserer Krieger*innen wiederzubeleben; Aber eine wahre Kriegerin kämpft nicht für ihren Feind und sie unterwirft sich keiner Autorität, die sie und ihr Volk beherrscht und unterjocht. Ein wahrer Krieger kämpft für sich selbst, seine Familie und seine Community. Begehe keinen Fehler: Unsere indigenen Vorfahren gingen nicht kampflos unter. Wir erinnern uns des Aufstands der Sioux, bei dem ein gebrochenes Versprechen von Nahrung zu Angriffen auf weiße Siedler*innen und den Raub von Nahrung aus den Siedlungen führte. Andrew Myrick, ein führender Händler, der hinsichtlich des gebrochenen Versprechens gesagt hatte, „wenn sie hungern, lasst sie Gras essen“, war unter den ersten, die getötet wurden. Er wurde Tage später gefunden, sein Mund war mit Gras vollgestopft worden.

Die Geschichte des indigenen Widerstands begann an dem Tag, an dem Kolumbus und seine Männer an der Küste landeten und setzt sich heute in Kämpfen wie der Verweigerung der Diné, umzusiedeln, weil Tagebaue ihr Land nehmen und Elektrizitätswerke die Wüstenluft vergiften, fort. Ich denke es ist Zeit, dass wir die Bedeutung des Selbst betonen. Ich denke es ist an der Zeit, dass wir uns neue Strategien ausdenken und die Geschichte des indigenen Widerstands studieren, um neue Pfade in Richtung Dekolonialisierung und der Zerstörung der Zivilisation zu finden.


Übersetzung aus dem Englischen: Towards an Indigenous Egoism von Cante Waste, Warzone Distro, 2019.

Gegen Seine Geschichte, Gegen Leviathan! – Kapitel 1

Against His-story, Against Leviathan! von Fredy Perlman aus dem Jahr 1983 ist ein recht einflussreiches Buch für die (Weiter-)Entwicklung spezifisch antizivilisatorischer Positionen im Anarchismus gewesen. Eine deutsche Übersetzung des Werkes suchte man jedoch bislang vergebens.

Umso mehr freuen wir uns, dass wir nun die Möglichkeit haben, im Zündlumpen einen Vorabdruck einer gerade entstehenden deutschen Übersetzung zu veröffentlichen. In dieser und den kommenden Ausgaben werden wir dieses Werk in einer vorläufigen deutschen Fassung kapitelweise abdrucken, bevor das Ganze dann wohl irgendwann im nächsten Jahr in Buchform erscheinen wird.

Da es sich bei den hier veröffentlichten Übersetzungen um eine vorläufige Fassung handelt, freuen sich die Übersetzer*innen ganz besonders über Hinweise auf Fehler, Gedanken zu Ungenauigkeiten in der Übersetzung und Verbesserungsvorschläge. Ihr könnt sie direkt per E-Mail an gegen-leviathan@riseup.net kontaktieren.

Gegen Seine Geschichte, Gegen Leviathan!

1.

Und hier sind wir, wie auf einer sich verdunkelnden Ebene

weggefegt von verworrenen Rufen zum Kampf und zur Flucht,

wo unwissende Armeen des Nachts zusammentreffen. (M. Arnold)

Hier kann man weder stehen, noch liegen, noch sitzen

Dort ist nicht einmal Stille in den Bergen

Aber trockener, steriler Donner ohne Regen … (T.S. Eliot)

Die sich verdunkelnde Ebene ist hier. Das ist das Ödland: England, Amerika, Russland, China, Israel, Frankreich …

Und wir sind hier als Opfer, oder als Zuschauer, oder als Täter der Folter, Massaker, Vergiftungen, Manipulationen, Plünderungen.

Hic Rhodus! Dies ist der Ort zum Springen, der Ort zum Tanzen! Das ist die Wildnis! Gab es jemals eine andere? Das ist die Brutalität! Nennst du sie Freiheit? Das ist Barbarei! Der Kampf ums Überleben findet genau hier statt. Haben wir das nicht immer schon gewusst? Ist das nicht ein offenes Geheimnis? War das nicht schon immer das große offene Geheimnis?

Es bleibt ein Geheimnis. Es ist allgemein bekannt und doch unausgesprochen. Öffentlich gibt es die Wildheit anderswo, die Barbarei ist im Ausland, die Wildheit spiegelt sich im Gesicht der*des Anderen wider. Der trockene, sterile Donner ohne Regen, die verworrenen Rufe des Kampfes und der Flucht werden nach außen projiziert in das große Unbekannte, jenseits der Meere und der Gebirge. Wir befinden uns auf der Seite der Engel.

Ein Schatten mit dem Körper eines Löwen und dem Kopf eines Menschen,

Ein Blick so ausdruckslos und unbarmherzig wie die Sonne,

Bewegt seine langsamen Schenkel … (W.B. Yeasts)

… bewegt seine langsamen Schenkel in Richtung der projizierten Wildheit, in Richtung des Spiegelbilds der Barbarei, in Richtung des brutalen Gesichts, das einer*m aus dem Teich entgegenblickt, seine Bewegung legt den Teich trocken, zerreißt seine Ufer und lässt einen ausgedörrten Krater zurück, wo zuvor das Leben blühte.

In einem wunderbar erhellenden Buch mit dem Titel Jenseits der Geographie, einem Buch das auch über die Geschichte, die Technologie und die Zivilisation hinausweist, lichtet Frederick W. Turner (nicht zu verwechseln mit Frederick Jackson Turner, dem Advokaten der Grenzer) die Vorhänge und flutet die Bühne mit Licht.

Schon vor Turner lichteten andere die Vorhänge; sie waren es, die das Geheimnis zu einem bekannten machten: Tonybee, Drinnon, Jennings, Camatte, Debord, Zerzan – unter den Zeitgenoss*innen, deren Lichter ich mir ausleihe –, Melville, Thoreau, Blake, Rousseau, Montaigne, Las Cases – unter den Vorgänger*innen – Lao Tze aus der Zeit, bis zu der die schriftliche Überlieferung zurückreicht.

Turner borgt sich das Licht der menschlichen Gemeinschaften jenseits des Horizonts der Zivilisation, um über die Geographie hinaus zu blicken. Er sieht mit den Augen der Enteigneten dieser einst wunderschönen Welt, die auf dem Rücken einer Schildkröte ruht, auf diesen Double-Kontinent, dessen Tümpel trockengelegt, dessen Ufer zerrissen und dessen Wälder ausgedörrte Krater wurden, von dem Tag an, an dem er Amerika getauft wurde.

… Ein gewaltiges Bild aus dem Zeitgeist

verdeckt meine Sicht …

Sich auf das Bild konzentrierend, fragt Yeats,

Und welche grobe Bestie, deren Stunde schließlich gekommen ist,

latscht da gen Bethlehem, um geboren zu werden?

Die Vision ist für Turner so klar, wie sie es auch für Yeats war:

Die Dunkelheit breitet sich erneut aus; aber nun weiß ich

Dass zwanzig Jahrhunderte des Tiefschlafs,

durch eine schaukelnde Wiege zum quälenden Albtraum wurden.

Die Seher*innen von damals kehrten zurück, um ihre Visionen mit ihren Gemeinschaften zu teilen, ebenso wie die Frauen ihr Getreide teilten und die Männer ihre Jagdbeute.

Aber es gibt keine Gemeinschaft mehr. Die bloße Erinnerung an die Gemeinschaft ist nur ein verschwommenes Bild des Zeitgeistes.

Der Seher von heute schüttet seine Vision auf Papierblättern aus, an den Ufern ausgedörrter Krater, an denen bewaffnete Schläger Wache stehen und nach dem Passwort fragen: Eindeutiger Beweis. Keine Vision kann durch ihre Tore gelangen. Das einzige Lied, das passieren darf, ist ein Lied so trocken und verwest wie die Fossilien im Sande.

Turner, seines Zeichens nach selbst ein Wächter, ein Professor, hat den Mut eines Bartolomé de Las Casas. Er stürmt die Tore, weigert sich das Passwort zu sagen und er singt, er lärmt, ja er tanzt beinahe.

Die Rüstung fällt. Auch wenn sie nicht nur wie Kleidung oder Masken getragen wird, auch wenn sie an Körper und Gesicht geklebt ist, auch wenn Haut und Fleisch mit ihr weggerissen werden müssen, die Rüstung fällt dennoch.

In letzter Zeit haben viele die Tore gestürmt. Erst kürzlich sang einer, dass das Netz der Fabriken und Minen der Archipel Gulag sei und alle Arbeiter*innen Zeks (namentlich Wehrdienstpflichtige, Gefangene und Arbeits-Gang-Mitglieder). Ein anderer sang, dass die Nazis zwar den Krieg verloren hätten, aber ihre neue Ordnung gesiegt hätte. Die Unruhestifter sind heutzutage zahlreich. Zieht ein Sturm auf? Ist das das Zwielicht einer neuen Dämmerung? Oder ist es das Zwielicht, in dem Minervas Eule sehen kann, weil der Tag vorbei ist?

***

Turner, Tonybee und andere konzentrieren sich auf das Ungeheuer, das die einzige bekannte Heimat lebender Wesen zerstört.

Turner untertitelt sein Buch mit “Der Westliche Geist gegen die Wildnis”. Mit Westlichem Geist meint er die Einstellung oder Haltung, die Seele oder den Geist der westlichen Zivilisation, heute bekannt als Zivilisation.

Turner definiert Wildnis auf dieselbe Art und Weise, wie sie auch der Westliche Geist definiert, nur dass der Begriff für Turner positiv ist, wohingegen er für den Westlichen Geist negativ ist: Wildnis umfasst sämtliche Natur und alle menschlichen Gemeinschaften jenseits des Horizonts der Zivilisation.

In Eine Studie über die Geschichte drückt Arnold Tonybee seinen Enthusiasmus für Geschichte und Zivilisation aus. Nachdem er den Aufstieg und Fall des nationalsozialistischen Dritten Reiches sah und all die Raffiniertheiten, die es mit sich brachte, verlor Tonybee seinen Enthusiasmus. Er drückte diesen Verlust in einem Buch mit dem Titel Menschheit und Mutter Erde aus. Die Vision in diesem Buch ist ähnlich der von Turner: Die Menschheit zerfleischt Mutter Erde.

Tonybees Begriff Menschheit umfasst den Westlichen Geist sowie die menschlichen Gemeinschaften jenseits des Horizonts der Zivilisation und sein Begriff Mutter Erde umfasst alles Leben.

Ich borge mir Tonybees Begriff Mutter Erde. Sie ist die erste Protagonistin. Sie lebt, sie ist das Leben selbst. Sie empfängt und gebärt alles, das wächst. Viele nennen sie Natur. Die Christen nennen sie Wildnis. Tonybees alternativer Name für sie lautet Biosphäre. Sie ist das trockene Land, das Wasser und der Erdboden, die unseren Planeten umhüllen. Sie ist der einzige Lebensraum menschlicher Wesen. Tonybee beschreibt sie als eine dünne, empfindliche Haut, nicht höher als Flugzeuge fliegen können und nicht tiefer als Minen gegraben werden können. Kalkstein, Kohle und Öl sind Teil ihrer Substanz, sie sind Materie, die einst lebte. Sie filtert die Strahlung der Sonne selektiv, auf genau solche Art und Weise, auf die sie verhindert, dass das Leben verbrennt. Tonybee nennt sie einen Auswuchs, einen Heiligenschein oder Rost auf der Oberfläche des Planeten und er spekuliert, dass es keine anderen Biosphären geben könnte.

Tonybee sagt dass die Menschheit, menschliche Wesen, in anderen Worten wir, sehr machtvoll geworden sind, machtvoller als jedes andere lebende Wesen und schließlich machtvoller als die Biosphäre. Die Menschheit besitzt die Macht, die empfindliche Kruste zu zerstören, und sie tut genau das.

Es gibt viele Arten von einer Falle zu sprechen. Sie kann vom Standpunkt der selbst ausgeglichenen Umgebung, vom Standpunkt der*s Fallensteller*in oder des gefangenen Tieres beschrieben werden. Sie kann sogar vom Standpunkt der Falle selbst beschrieben werden, also namentlich vom objektiven, wissenschaftlichen und technologischen Standpunkt.

Es gibt ebenso viele Arten von der Zerstörung der Biosphäre zu sprechen. Vom Standpunkt einer einzelnen Protagonistin, der Erde selbst, kann gesagt werden, dass sie Selbstmord begehe. Mit zwei Protagonistinnen, der Menschheit und Mutter Erde, kann gesagt werden, dass wir sie ermorden. Diejenigen von uns, die diesen Standpunkt akzeptieren und sich vor Scham krümmen, mögen wünschen, dass wir Wale wären. Aber diejenigen von uns, die den Standpunkt des gefangenen Tieres einnehmen, werden Ausschau nach einer dritten Protagonistin halten.

Tonybees Protagonistin, die Menschheit, ist zu unscharf. Sie umfasst die gesamte Zivilisation, sowie alle Gemeinschaften jenseits des Horizonts der Zivilisation. Allerdings haben diese Gemeinschaften, wie Tonybee selbst zeigt, mit anderen Lebewesen seit tausenden von Generationen koexistiert, ohne der Biosphäre irgendeinen Schaden zuzufügen. Sie sind nicht die Fallenstellerinnen, sondern die Gefangenen.

Wer ist dann der Zerstörer der Biosphäre? Turner zeigt auf den Westlichen Geist. Das ist der Held, der den Kampf gegen die Wildnis aufnimmt, der zu einem Vernichtungskrieg des Geistes gegen die Natur, der Seele gegen den Körper, der Technologie gegen die Biosphäre, der Zivilisation gegen Mutter Erde und Gottes gegen sie alle aufruft.

Marxist*innen zeigen auf die kapitalistische Produktionsweise, manchmal nur auf die Klasse der Kapitalist*innen. Anarchist*innen zeigen auf den Staat. Camatte zeigt auf das Kapital. Neue Lärmer*innen zeigen auf die Technologie oder die Zivilisation oder beide.

Wenn Tonybees Protagonistin, die Menschheit, zu unscharf ist, sind viele der anderen zu eng gefasst.

Die Marxist*innen sehen nur das Staubkörnchen im Auge des Feindes. Sie ersetzen ihren Bösewicht mit einem Helden, der antikapitalistischen Produktionsweise, der revolutionären Errungenschaft. Sie sind nicht in der Lage zu erkennen, dass ihr Held genau derselbe “Schatten mit dem Körper eines Löwen und dem Kopf eines Menschen und einem Blick so ausdruckslos und unbarmherzig wie die Sonne” ist. Sie sehen nicht, dass die antikapitalistische Produktionsweise nur danach strebt, ihren Bruder darin zu übertreffen, die Biosphäre zu zerstören.

Anarchist*innen sind so vielfältig wie die Menschheit. Es gibt staatliche und kommerzielle Anarchist*innen, ebenso wie einige käufliche. Einige Anarchist*innen unterscheiden sich von Marxist*innen nur darin, dass sie weniger gut informiert sind. Sie wollen den Staat mit einem Netzwerk von Rechenzentren, Fabriken und Minen, die “von den Arbeiter*innen selbst” oder einer Anarchistischen Union verwaltet werden, ersetzen. Sie würden diese Konstellation nicht einen Staat nennen. Die Namensänderung würde das Ungeheuer bannen.

Camatte, die neuen Lärmer*innen und Turner behandeln die Bösewichte der Marxist*innen und Anarchist*innen als bloße Kennzeichen der wahren Protagonist*innen. Camatte gibt dem Monster einen Körper; er tauft das Monster Kapital, indem er sich den Begriff von Marx leiht, ihm aber eine neue Bedeutung gibt. Er verspricht die Ursprünge und die Entwicklung des Monsters zu beschreiben, aber dieses Versprechen hat er bislang nicht eingelöst. Die neuen Lärmer*innen haben sich das Licht von L. Mumford, J. Ellul und anderen geliehen, aber sind meines Wissens nach nicht weiter gekommen als Camatte.

Turner geht weiter. Sein Ziel ist es, nur des Monsters Geist zu beschreiben, aber er weiß, dass es der Körper des Monsters ist, das die Körper der menschlichen Gemeinschaften und den Körper von Mutter Erde zerstört. Er sagt viel über den Ursprung des Monsters und seine Entwicklung und er spricht oft von seiner Rüstung. Aber es ist jenseits seines Zieles, dem Monster einen Namen zu geben oder seinen Körper zu beschreiben.

Mein Ziel ist es, vom Körper des Monsters zu sprechen. Denn es besitzt einen Körper, einen monströsen Körper, einen Körper der mächtiger geworden ist als die Biosphäre. Es mag ein Körper sein, der selbst keinerlei Leben besitzt. Es mag ein totes Ding sein, ein riesiger Kadaver. Es mag seine langsamen Schenkel nur dann bewegen, wenn lebende Wesen es bewohnen. Dennoch ist es sein Körper, der die Zerstörung verursacht.

Wenn die Biosphäre ein Auswuchs auf der Oberfläche des Planeten ist, so ist das Ungeheuer, das sie zerstört, ebenfalls eine Wucherung. Der Erdzerstörer ist Rost oder ein Heiligenschein auf der Oberfläche einer menschlichen Gemeinschaft. Er ist kein Auswuchs jeder Gemeinschaft oder der Menschheit. Tonybee selbst macht eine kleine Minorität, sehr wenige Gemeinschaften verantwortlich. Möglicherweise war das verweste Ungeheuer über all die Myriaden der Auswuchs nur einer Gemeinschaft.

***

Das verweste Ungeheuer, das von einer menschlichen Gemeinschaft ausgeschieden wird, ist jung, es ist höchstens zwei- oder dreihundert Generationen alt. Bevor ich mich ihm zuwende, werfe ich einen Blick auf menschliche Gemeinschaften, da diese viel älter sind, sie sind tausende Generationen alt.

Uns wird erzählt, dass sogar menschliche Gemeinschaften jung sind, dass es eine Zeit gab, als alles Wasser war, bis eine Bisamratte auf den Meeresgrund tauchte und die Erde auf den Rücken der Schildkröte brachte. So erzählt man uns.

Angeblich waren die ersten Wandelnden, die von den Anstrengungen der Bisamratte profitierten, Giganten oder Götter, die heutzutage Dinosaurier genannt werden.

Moderne Grabräuber*innen haben die Knochen dieser Götter ausgegraben und präsentieren die Knochen in Glasvitrinen des Eindeutigen Beweises. Die Grabräuber*innen nutzen diese Knochenschaukästen, um alle Geschichten außer ihrer eigenen aus der menschlichen Erinnerung zu tilgen. Aber die Geschichten der Grabräuber*innen sind dumpfer als eine Myriade anderer Geschichten und ihre Schaukästen der Knochen werfen bloß Licht auf die Grabräuber*innen selbst.

Die Geschichten sind so verschieden wie ihre Erzähler*innen. In vielen der Geschichten zieht sich die Erinnerung bis hin zu einer Zeit, als sie, die Erinnerung, in einer Großmutter wohnte, die die Schwimmer*innen, die Kriecher*innen und die Geher*innen als ihre Verwandten kannte, da sie nicht häufiger auf ihren Hinterbeinen lief als sie.

In einem altertümlichen Bericht fiel die erste Großmutter durch ein Loch im Himmel auf die Erde.

In einer modernen Erzählung war sie ein Fisch mit einer Schnauze, die, weil sie spielerisch das Atmen geübt hatte, als sie ihre Schnauze aus dem Wasser streckte, dank dieses Tricks überlebte, als ihr Tümpel austrocknete.

In einer anderen altertümlichen Erzählung verschluckte die Biosphäre mehrere Großmütter, bevor die allgemeine Vorfahrin auftauchte und es wird erwartet, dass die Biosphäre die Urgroßenkel dieser Vorfahrin verschlingen wird. Es könnte sich herausstellen, dass Tonybee falsch lag bezüglich des Machtverhältnisses der beiden Protagonistinnen.

Viele Geschichten handeln von Miniaturversionen von Großeltern, Winzlingen; eine moderne Erzählung nennt sie Spitzhörnchen.

Diese Winzlinge bevölkerten die Erde, als die Giganten, die Dinosaurier, im Tageslicht herumliefen. Kluge Spitzhörnchen kletterten bei Nacht die Bäume herab, um sich an den Insekten gütlich zu tun, nicht weil die Giganten gemein waren, sondern wegen ihres Größenungleichgewichts. Viele der Spitzhörnchen waren mit diesem Arrangement zufrieden und sie blieben Spitzhörnchen. Einige, zweifellos eine kleine Minderheit, wollte bei Tageslicht umherlaufen.

Glücklicherweise für die Umtriebigen waren die Dinosaurier unter den Großmüttern, die von der Biosphäre verschluckt wurden. Die ehemaligen Spitzhörnchen konnten sich an der Sonne wärmen oder im hellen Sonnenlicht tanzen und spielen ohne befürchten zu müssen, zertrampelt zu werden. Eine Minderheit unter diesen wurde erneut unruhig; einige wollten kriechen, andere fliegen. Die selbstgefällige, konservative Mehrheit, die glücklich mit ihren Bedürfnissen war, die von ihren Umgebungen erfüllt wurden, blieben, was sie waren.

***

Die Verwalter*innen der Gulag-Inseln erzählen uns, dass die Schwimmer*innen, die Kriecher*innen, die Geher*innen und die Flieger*innen ihre Leben damit verbrachten, zu arbeiten, um zu essen.

Diese Verwalter*innen verbreiten ihre Kunde zu früh. Die verschiedenen Wesen sind bislang nicht alle ausgerottet worden. Du, Leser*in, musst dich nur unter sie mischen oder sie aus der Ferne betrachten, um zu sehen, dass ihre aufgeweckten Leben voller Tänze, Spiele und Feste sind. Selbst die Jagd, das Anschleichen und Verstellen und Hervorspringen ist nicht das, was wir Arbeit nennen, sondern das, was wir Spaß nennen. Die einzigen Lebewesen, die arbeiten, sind die Insass*innen der Gulag-Inseln, die Zeks.

Die Vorfahren der Zeks verrichteten weniger Arbeit als ein*e Firmenbesitzer*in. Sie wussten nicht, was Arbeit ist. Sie lebten in einem Zustand, den J.J. Rousseau den “Naturzustand” nannte. Rousseaus Begriff sollte wieder allgemein gebräuchlich werden. Er erregt die Gemüter derjenigen, die in R. Vaneigems Worten Kadaver in ihren Mündern tragen. Er macht die Rüstung sichtbar. Sage “Naturzustand” und du kannst die Kadaver hervorscheinen sehen.

Bestehe darauf, dass “Freiheit” und “Naturzustand” Synonyme sind und die Kadaver werden versuchen dich zu beißen. Die Gefügigen, die Domestizierten versuchen das Wort Freiheit für sich zu beanspruchen; sie wollen es auf ihren eigenen Zustand anwenden. Sie verwenden das Wort “wild” für die Freien. Aber es ist ein weiteres offenes Geheimnis, dass die Gefügigen, die Domestizierten gelegentlich wild werden, aber niemals frei sind, solange sie in ihrem Gehege bleiben.

Selbst das allgemeine Wörterbuch hält dieses Geheimnis nur halb versteckt. Es beginnt damit, zu sagen, dass frei Bürger bedeutet! Aber dann sagt es, “Frei: a) nicht von irgendetwas jenseits der eigenen Natur oder des eigenen Wesens bestimmt b) vom Willen der*s Handelnden oder seinen Wünschen bestimmt …”

Das Geheimnis ist gelüftet. Vögel sind frei, bis Menschen sie in Käfige sperren. Die Biosphäre, Mutter Erde selbst, ist frei, wenn sie sich selbst befeuchtet, wenn sie sich in der Sonne räkelt und auf ihrer Haut verschiedenfarbige Haare sprießen lässt, wenn sie vor Kriecher*innen und Flieger*innen nur so wimmelt. Sie wird von nichts außer ihrer eigenen Natur oder ihres Wesens bestimmt, bis eine andere Sphäre gleichen Ausmaßes mit ihr zusammenstößt oder bis ein verwestes Ungeheuer in ihre Haut schneidet und ihr die Eingeweide herausreißt.

Bäume, Fische und Insekten sind frei, wie sie vom Samen bis zur Reife wachsen, jeder sein eigenes Potenzial erkennt und seine Wünsche – bis die Freiheit des Insekts von der des Vogels gestutzt wird. Das gegessene Insekt schenkte seine Freiheit der Freiheit des Vogels. Der Vogel seinerseits fällt und düngt die Saat der Lieblingspflanze des Insekts und steigert die Freiheit der Nachfahren des Insekts.

Der Naturzustand ist eine Gemeinschaft der Freiheiten.

Ein solcher war die Umgebung der ersten menschlichen Gemeinschaften und ein solcher blieb es für tausende von Generationen.

Moderne Anthropologen, die das Gulag in ihren Köpfen umhertragen, reduzieren solche menschlichen Gemeinschaften auf die Handlungen, die am meisten wie Arbeit aussehen und geben Menschen, die ihre liebsten Speisen pflücken und manchmal lagern, den Namen Sammler. Ein Bankangestellter würde solche Gemeinschaften Sparkassen nennen!

Die Zeks einer Kaffeplantage in Guatemala sind Sammler und der Anthropologe ist eine Sparkasse. Ihre freien Vorfahren hatten wichtigere Dinge zu tun.

Die !Kung Leute überlebten wundersamerweise als eine Gemeinschaft freier menschlicher Wesen bis in unsere eigene, vertilgende Zeit. R.E. Leakey beobachtete sie in ihrer üppigen afrikanischen Waldheimat. Sie haben nichts außer sich selbst kultiviert. Sie machten sich selbst zu dem, was sie sein wollten. Sie wurden von nichts außer ihrer eigenen Existenz bestimmt – nicht von Weckern, nicht von Schulden, nicht von Befehlen von Vorgesetzten. Sie schlemmten und feierten und spielten in Vollzeit, außer wenn sie schliefen. Sie teilten alles mit ihren Gemeinschaften: Essen, Erfahrungen, Visionen, Lieder. Große persönliche Zufriedenheit, tiefe innere Freude resultierten aus dem Teilen.

(In der heutigen Welt erleben Wölfe noch immer die Freuden, die vom Teilen kommen. Vielleicht zahlen Regierungen deswegen Abschussprämien an die Mörder von Wölfen.)

S. Diamond beobachtete andere freie menschliche Wesen, die bis in unsere Zeit überlebten, ebenfalls in Afrika. Er sah, dass sie keine Arbeit verrichteten, aber konnte sich nicht dazu durchringen, das auf Englisch zu sagen. Stattdessen sagte er, dass sie keine Unterscheidung zwischen Arbeit und Spielen machten. Meint Diamond, dass die Aktivität der freien Menschen in einem Moment als Arbeit betrachtet werden kann, und als Spiel im nächsten, abhängig davon wie sich der Anthropologe fühlt? Meint er wir, du und ich, Diamonds gepanzerte Zeitgenoss*innen können ihre Arbeit nicht von ihrem Spiel unterscheiden?

Wenn die !Kung unsere Büros und Fabriken besucht hätten, hätten sie vielleicht gedacht, dass wir spielen. Warum sollten wir sonst dort sein?

Ich denke Diamond wollte etwas Tiefgreifenderes sagen. Ein Zeit-und-Bewegungs-Ingenieur, der einen Bär neben einem Beerenfeld beobachtet, würde nicht wissen, wann er seine Stechkarte stempeln solle. Beginnt der Bär zu arbeiten, wenn er zum Beerenfeld spaziert, wenn er die Beere pflückt, wenn er sein Maul öffnet? Wenn der Ingenieur nur eine Gehirnhälfte hat, würde er vielleicht sagen, dass der Bär keinen Unterschied zwischen Arbeit und Spiel macht. Wenn der Ingenieur Phantasie hat, würde er vielleicht sagen, dass der Bär Freude von dem Moment an erlebt, in dem die Beeren ihre tiefrote Farbe bekommen und dass keine der Bewegungen des Bärs Arbeit sind.

Leaky und andere schlagen vor, dass die allgemeinen Vorfahren der menschlichen Wesen, unsere frühesten Großmütter, aus den üppigen afrikanischen Wäldern irgendwo in der Nähe der Heimat der !Kung stammen. Die konservative Majorität, zutiefst zufrieden mit der üppigen Großzügigkeit der Natur, glücklich mit ihren Errungenschaften und zufrieden mit sich selbst und der Welt, hatte keinen Grund, ihre Heimat zu verlassen. Sie blieben.

Eine unruhige Minderheit ging auf Wanderschaft. Vielleicht folgten sie ihren Träumen. Vielleicht trockneten ihre Lieblingstümpel aus. Vielleicht zogen ihre Lieblingstiere fort. Diese Menschen waren sehr tierlieb; sie kannten die Tiere als ihre Cousinen.

Von den Wanderern wird gesagt, dass sie zu jedem flachen und an einem See gelegenen Waldgebiet in Eurasia gezogen wären. Sie seien zu beinahe jeder Insel gegangen oder geschwommen. Sie wanderten über die Landbrücke beim nördlichen Eisland bis zur südlichsten Spitze des Double-Kontinents, der Amerika genannt werden würde.

Die Wanderer gingen durch heiße und kalte Regionen, in Gebiete mit viel Regen und mit wenig. Vielleicht hatten manche Heimweh, nach der warmen Heimat, die sie verlassen hatten. Falls dem so war, kompensierte die Präsenz ihrer Lieblingstiere, ihrer Cousinen, ihren Verlust. Wir können noch immer die Huldigung, die manche von ihnen diesen Tieren zollten, an Höhlenwänden von Altamire, an Felsen in Abrigo del Sol im Amazonastal sehen.

Einige der Frauen lernten von Vögeln und vom Wind, Samen auszusähen. Einige der Männer lernten von Wölfen und Adlern zu jagen.

Aber keine*r von ihnen arbeitete jemals. Und jede*r weiß das. Die gepanzerten Christen, die diese Gemeinschaften später “entdeckten”, wussten, dass diese Menschen nicht arbeiteten und dieses Wissen erregte die christlichen Gemüter, es wurmte sie, es ließ die Kadaver hervorscheinen. Die Christen sprachen von Frauen, die “gespenstische Tänze” in ihren Feldern aufführten, anstatt sich auf die Arbeit zu beschränken; sie sagten die Jäger*innen vollführten eine Menge teuflischen “Hokuspokus”, bevor sie die Bogensehne spannten.

Diese Christen, frühe Zeit-und-Bewegungs-Ingenieure konnten nicht sagen, wann das Spiel endete und die Arbeit begann. Seit langem vertraut mit der Plackerei als Zeks, wurden die Christen von den gespenstischen und teuflischen Heiden abgestoßen, die vorgaben, dass der Fluch der Arbeit nicht auf ihnen lag. Die Chisten setzten dem “Hokuspokus” und den Tänzen ein schnelles Ende und sorgten dafür, dass niemand mehr daran scheitern würde, den Unterschied zwischen Arbeit und Spiel zu erkennen.

Unsere Vorfahren – ich borge mir Turners Bezeichnung und nenne sie die Besitzenden – hatten wichtigere Dinge zu tun, als um ihr Überleben zu kämpfen. Sie liebten die Natur und die Natur erwiderte ihre Liebe. Wo immer sie auch waren, sie fanden Überfluss, wie Marshall Sahlins in seinem Steinzeitökonomie zeigt. Pierre Clastres La société contre l’état besteht darauf, dass der Kampf ums Überleben unter den Besitzenden nicht belegbar ist; er ist belegbar unter den Enteigneten in den Gruben und an den Rändern der progessiven Industrialisierung. Leslie White kommt nach der überfliegenden Durchsicht von Berichten aus entfernten Orten und Zeiten, einer Sichtung der “Primitiven Kultur als Ganzes”, zu dem Ergebnis, dass “es genug zu essen für ein reichhaltiges Leben gibt, wie es unter den ‘Zivilisierten’ nur selten vorkommt.” Ich würde das Wort Primitiv nicht für Menschen mit einem Reichtum des Lebens gebrauchen. Ich würde das Wort Primitiv nutzen, um mich auf mich selbst und meine Zeitgenoss*innen mit unserer zunehmenden Armut des Lebens zu beziehen.

***

Der größte Teil unserer Armut ist, dass der Reichtum des Lebens der Besitzenden für uns kaum zugänglich ist, selbst für diejenigen von uns, die ihre Phantasie nicht in Ketten gelegt haben.

Unsere Professoren sprechen von Früchten und Nüssen, Tierfellen und Fleisch. Sie zeigen auf unsere Supermärkte, die voll sind von Früchten und Nüssen. Wir haben einen Überfluss, von dem unsere Vorfahren nicht zu träumen gewagt hätten, q.e.d. Dies sind letztlich die wahren Dinge, die Dinge, die von Bedeutung sind. Und wenn wir mehr als Früchte und Nüsse wollen, können wir ins Theater gehen und Stücke ansehen, wir können uns sogar vor dem Fernseher ausstrecken und das gesamte weltweite Spektakel konsumieren. Hallelujah! Was könnten wir mehr wollen?

Dank unserer Professoren haben wir kaum Zugang zu unseren gefährlichen, dämonischen, besitzenden Vorfahren, die dachten, dass Früchte und Nüsse nicht die wahren Dinge wären, sondern Belanglosigkeiten, die sich selbst an Visionen, Mythen und Zeremonien verloren haben. Dank unserer Professoren wissen wir nun, dass Visionen persönliche Wahnvorstellungen sind, Mythen Märchenerzählungen und Zeremonien Schau-spiele, die wir jederzeit in Filmen sehen können.

Wir wissen sogar eine Menge über Besitz. Besitz ist Eigentum. Wir besitzen Häuser und Garagen und Autos und Stereoanlagen und wir streben konstant danach mehr zu besitzen; es gibt keine Grenzen darin, was wir besitzen wollen. Sicher muss man sagen, dass Besitz unser zentrales Ziel ist, nicht ihres.

Die Professoren, die sich, wie Mircea Eliade, selbst von der gepanzerten Vision befreien und hinter die eisernen Vorhänge der Umkehrung und Verzerrung blicken, sind selten. Und selbst Eliade verschleiert, was er sieht, dadurch, dass er behauptet, Analogien und Überbleibsel in unserer Welt zu finden. Die Meerenge, die uns von der anderen Küste trennt, hat sich seit dreihundert Generationen vergrößert und was auch immer von der anderen Küste kannibalisiert wurde, ist nicht länger eine Spur deren Aktivität, sondern eine Absonderung der unseren: Es ist Scheiße.

Von der Schule zu leeren Tafeln reduziert, können wir nicht wissen, wie es wäre, als Erb*in tausender Generationen der Vision, des Verständnisses und der Erfahrung aufzuwachsen.

Wir können nicht wissen, wie es wäre, zu lernen die Pflanzen wachsen zu hören und das Wachstum zu fühlen.

Wir können nicht wissen, wie es wäre, den Samen im Mutterleib zu fühlen und zu lernen den Samen im Mutterleib der Erde zu fühlen, zu fühlen, wie die Erde fühlt, und schließlich sich selbst aufzugeben und die Erde einen besitzen zu lassen, die Erde zu werden, zur ersten Mutter allen Lebens zu werden. Wir sind wahrlich arm. Tausende Generationen der Vision, des Verständnisses und der Erfahrung wurden ausradiert.

Anstatt dass wir uns selbst aufgeben, anstatt dass wir das wenige, was wir von ihren Kräften auskosten können genießen, definieren und kategorisieren wir.

Wir sprechen von Matri-archat. Der Name ist ein schwacher Ersatz für die Erfahrung. Es ist ein Schnäppchen und wir sind immer auf der Suche nach Schnäppchen. Wenn der Name erst einmal an einer Türe steht, kann die Tür geschlossen werden. Und wir wollen, dass die Türen geschlossen bleiben.

Der Name Matri-archat steht an der Türe zu einer Zeit, in der Frauen sich selbst kannten und von Männern gekannt wurden als Empfängerinnen, als die Schöpferinnen des Lebens, als Verkörperungen des ersten Wesens, als erste Wesen.

Den Namen an der Türe zu kennen, bedeutet nichts zu wissen. Wissen beginnt auf der anderen Seite der Schwelle. Selbst der Name an der Tür ist falsch. Matri bezieht sich auf Mutter, aber Archy stammt aus einem ganz anderen Zeitalter. Archy bezieht sich auf Regierung, auf künstliche im Gegensatz zu natürlicher Ordnung, auf eine Ordnung, in der der Archon stets ein Mann ist. An-archy wäre ein besserer Name für die Tür. Das griechische Präfix “an” bedeutet “ohne”.

Auf der anderen Seite der Schwelle kehrt die besitzende Mutter zurück zu ihrem Körper und fährt fort, ihre Erfahrung mit ihrer Sippschaft zu teilen, ebenso wie sie Früchte und Nüsse teilt.

Unsere Lippen werden nach den Früchten und Nüssen gieren. Aber ihre Schwestern, Cousinen, Nichten und Neffen sind hungrig nach der Erfahrung.

Wenn die Mutter ihre Erfahrung teilt, teilt sie auch die tausenden Generationen der Vision, des Verständnisses und der Weisheit, die dazu beitrugen, ihre Erfahrung so bedeutend zu machen, so furchtbar tiefgründig. Sie nutzt keine Kreide auf einer Tafel. Sie schreibt kein Lehrbuch. Sie hüpft. Sie singt. Sie beginnt den “gespenstischen Tanz”, die “Orgie”, die eines Tages die Christen erschrecken wird.

Ihre Cousinen und Nichten tanzen mit ihr. Sie lassen sich gehen, sie verlieren sich selbst in ihren Liedern, ihren Bewegungen. Sie lassen sich selbst vom Geist der Erde besitzen. Sie erfahren ebenfalls die größte vorstellbare Freude.

Die Neffen verlieren sich auch selbst; auch sie werden bessessen, bereichert. Aber wenn die Zeremonie vorbei ist, fühlen sie, dass sie weniger haben, das sie erwarten können, als ihre Schwestern. Sie wissen, dass sie nicht die Schöpfer des Lebens, nicht die ersten Wesen sind. In Der Butt beschreibt Günther Grass lebhaft diesen Minderwertigkeitskomplex dieser Neffen, dieser Männer im Naturzustand. Sie sind Zuchthengste. Sie sind sexuelle Objekte. Sie sind diejenigen, die sich glätten und schmücken, um sich wie Pfauen, Enten und andere Cousins von ihnen für die Frauen attraktiv zu machen.

Die Neffen nehmen phallusförmige Speere und Pfeile mit in den Wald und kehren mit Fleisch in das Dorf zurück. Aber sie wissen, dass Fleisch, auch wenn es nicht so gewöhnlich ist wie Früchte und Nüsse, noch immer bedeutungslos ist, verglichen mit den Trips der Besessenheit und Selbstaufgabe ihrer Tanten, da solche Trips eine von Angesicht zu Angesicht den Ursprüngen des Seins gegenüberstellen.

Auch die Neffen suchen nach Visionen. Auch sie sind Erben von tausend Generationen der Beobachtung und Weisheit. Ihre Onkel sorgten dafür. Sie wissen, dass der Wald nicht das ist, was er für uns geworden ist: Ein Fleischgehege, eine Holzfabrik. Sie wissen um den Wald als ein lebendes Wesen, das vor lebenden Wesen nur so wimmelt. Auch sie, wie ihre Tanten, verlieren sich selbst, lassen sich selbst vom Geist eines Baumes besitzen, eines Ortes, eines Tieres. Wenn sie viel gelernt haben und gut, sehen sie sogar auf, über den Wald. Sie streben nach dem Himmel. Und bei seltenen Gelegenheiten ergreift der Geist des Himmels Besitz von ihnen. Sie fliegen. Sie werden zum Himmel, empfinden all seine Emotionen, spüren all seine Absichten. Sie werden zum Himmel, der sich mit der Erde vereinte und das Leben zur Welt brachte. Ein Mann, der zu seinem Dorf mit solchen Neuigkeiten zurückkehrt, ist mehr und hat viel zu teilen, mehr als bloß Fleisch.

Was für Trips müssen das gewesen sein! Solche tiefgründigen Feiern des Lebens haben kein Gegenstück, keine Analogie in dem, was Turner “die enge, geschlechtslose, anthropozentrische Version dessen, womit die Westliche Zivilisation unbehaglich vertraut geworden ist …”, nennt.

Wie weit uns der Fortschritt gebracht hat, wird deutlich durch einen gewöhnlichen Touristen, der einem Seher begegnet. Der Tourist hört dem alten Mann, der irgendwie von der anderen Seite in unser Zeitalter geschlüpft ist, zu. Der Tourist sitzt zappelnd in einer – wie er es nennt – “Sitzung” und knippst Fotos. Am Ende von all dem macht der Tourist ein Foto, das beweist, dass der Seher nicht geflogen ist, sich nicht einmal von seinem Platz erhoben hat. Und der Tourist geht, glücklich überzeugt davon, dass sie, nicht er, Betrogene und Schwachköpfe sind.

Fotografien zeigen, woran wir am meisten Interesse haben: An der Oberfläche der Dinge. Sie zeigen keine Qualitäten, keine Geister.

Einige der Menschen, die die menschlichen Gemeinschaften verlassen haben, erinnerten sich an einige der Qualitäten. Sie erinnerten sich an einige der Freuden des Besitzes – nicht des Besitzes von Dingen, sondern des Besitzes des Seins.

Sie erinnerten sich – aber nur vage und verschwommen. Umgeben von Dingen verloren sie die Fähigkeit die Qualitäten auszudrücken. Sie wussten, dass die Zeit, die sie verlassen hatten, wertvoller, reiner, schöner war, als alles, was sie seitdem vorgefunden hatten. Aber ihre Sprache war verarmt. Sie konnten von dem, was sie verloren hatten, nur durch den Vergleich mit Dingen ihrer Welt sprechen. Sie nannten das vergessene Zeitalter das Goldene Zeitalter.