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Willkommen zurück aus dem Urlaub

Die Sommerferien neigen sich dem Ende zu. Das bedeutet für viele Menschen das Ende ihres alljährlichen Urlaubs. Aus weit entfernten Ländern oder beliebten Regionen in der weiteren Umgebung des eigenen Wohnortes kehren sie nun zurück an ihre Arbeitsplätze, in die Erziehungsanstalten oder zurück in den beengenden Alltag der Hauswirtschaft. In den dunkelsten Stunden ihrer alltäglichen Existenz zehren sie dort aus den Erinnerungen vergangener Urlaube oder der Vorfreude auf den nächsten Urlaub.

In Urlaub zu fahren ist für die Menschen heute zugleich Statussymbol und Ausbruch aus dem Alltag, der angesichts von monotoner Arbeit, sozialen und familiären Verpflichtungen oder irgendwelchen eigenen oder fremden Bildungszielen für viele Menschen zu einem Gefängnis ihrer eigenen Sehnsüchte geworden ist. Wer es sich leisten kann, fliegt in „exotische“ Gegenden, speist in teuren Restaurants, residiert in luxuriösen Hotels oder berauscht sich an irgendeiner fremden „Kultur“. Tatsächlich ist es für Menschen mit dem richtigen Pass gar nicht unbedingt notwendig, reich zu sein, um entfernte Regionen der Erde zu besuchen. Wer sich teure Hotels nicht leisten kann oder diese ohnehin schnöde findet, die*der versucht sich im sogenannten Rucksacktourismus. Der gute Wechselkurs westlicher Währungen macht das sogar für verarmte Hipster möglich.

So strömen dann während der Juli- und Augustwochen die Bewohner*innen der im internationalen Vergleich privilegierten Länder in Scharen hinaus in die Welt, um sich an den pitoresken Stränden der Welt zu sonnen, irgendeinen Berg zu erklimmen, seltsame Sportarten zu treiben, fremde Städte zu besichtigen oder mit dem eigenen Rucksack und etwas Münzgeld durch ein „exotisches“ Land zu pilgern und sich an der fremden „Kultur“, der Schönheit (scheinbar) unberührter Natur, der Gastfreundschaft der dort lebenden Menschen, dem eigenen Reichtum im Kontrast zur Armut der dort lebenden Menschen und der eigenen Freiheit dorthin gehen zu können, wo mensch möchte, zu berauschen.

Die entfremdende Erfahrung dieses Konzepts von Urlaub, bei dem Tourist*innen einen Ort, zu dem sie keinerlei Bezug haben (dass mensch jedes Jahr dort hinfährt, um sich dort bedienen zu lassen zählt für mich nicht als Bezug), regelrecht heimsuchen und diesen kollektiv nach ihren eigenen Vorstellungen verändern, wird nur von dem Zynismus übertroffen, mit dem die Rückkehrer*innen dann häufig von dem einfachen, harten, aber (angeblich) glücklichen Leben der Menschen berichten, denen sie während ihrer Vergnügungsreise begegnet sind. Es sind jene oberflächlichen Erfahrungen, die heimgekehrte Tourist*innen dann in den Augen ihrer Freund*innen und Bekannten zu Expert*innen für ein fremdes Land oder eine fremde „Kultur“ machen. Dabei könnte mensch die gleichen platten und anmaßenden Erkenntnisse über das Leben in anderen Regionen der Welt ebenso in einem der unzähligen, sogenannten Reiseführer nachlesen.

Auf der anderen Seite wiederum verwandeln sich die vom Tourismus heimgesuchten Regionen dieser Welt häufig Schritt für Schritt in jene Klischees, denn was den Erwartungen der neokolonialen Eroberer*innen entspricht, verkauft sich gut. Zugleich setzen in den Tourismusmetropolen dieser Welt Verdrängungsprozesse ein, die all diejenigen Menschen, die dort leben und es sich nicht leisten können, mit Geld um sich zu werfen wie Tourist*innen, aus ihren Vierteln und Städten, ja manchmal sogar aus ganzen Regionen vertreiben. Zudem bringen Tourist*innen nicht selten heftige Konflikte in eine Region. Wer nur einige Tage oder wenige Wochen an einem Ort verweilt und zudem auf der Suche nach ausschweifenden Erfahrungen ist, die den üblichen tristen Alltag ausgleichen sollen, die*der hat oft kein Interesse daran, Rücksicht auf andere zu nehmen. Laute Partymeilen und völlig enthemmtes, rücksichtsloses Verhalten sind oft ein schaler Beigeschmack von Tourismus. Eben das, was mensch hier in München während der drei Wochen Ende September/Anfang Oktober ansatzweise nachempfinden kann.

Warum das alles? Sind den Menschen, die jedes Jahr so begeistert in Urlaub fahren die Auswirkungen ihres Handelns auf das Leben anderer Menschen derart egal? Fragt mensch nach, kommen meist die immer gleichen Antworten: Der Tourismus sei ja ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor für eine Region heißt es dann selbstbewusst von heimlichen Anhänger*innen des Neoliberalismus, mensch selbst betreibe ja nicht diese Form des Tourismus, erklären die ignoranten Rucksack-Hipster und diejenigen, die überzeugt davon sind, dass es ohnehin kein richtiges Leben im Falschen gäbe zucken schuldbewusst die Schultern und erzählen irgendetwas marxistisches von Reproduktion.

Dabei muss mensch sicher nicht Marx gelesen haben, um zu verstehen, dass die beliebte Fahrt in den Urlaub eine Kompensation unerfüllter Sehnsüchte sind. Statt danach zu streben ihr Leben selbst zu bestimmen, die Fesseln der Lohnarbeit abzustreifen und endlich nach den eigenen Vorstellungen zu leben, fahren die modernen Arbeitssklav*innen lieber einmal im Jahr – bzw. so oft sie es sich leisten können – in Urlaub. Was sie befriedet, schafft dabei anderen Menschen zusätzliche Probleme.

Aber wäre es nicht befriedigender, gegen die Zustände, die uns alle gefangenhalten in einem Leben, das nicht unseres ist, zu rebellieren? Wie wäre es, statt im nächsten Jahr das Auto für den Urlaub vollzutanken nur einen Kanister Benzin und eine Packung Streichhölzer zu kaufen und der eigenen Wut und Kreativität wenigstens einmal im Jahr freien Lauf zu lassen? Umweltschonender wäre es in jedem Fall.