Tag Archives: Technologie & Wissenschaft

Internetausfall durch Sabotage von Energieanschlusssäulen

Zwischen 19:15 Uhr und 19:30 Uhr beschädigten Unbekannte am Sylvesterabend des 31.12.2020 in München-Neuperlach mehrere sogenannte Energieanschlusssäulen (siehe unten). Medieninformationen zufolge durchtrennten sie dabei stromführende Kabel, was zu Internet- und Telefonausfällen in den anliegenden Haushalten führte und einen Sachschaden von mehreren tausend Euro verursacht habe. „Nix war’s mit Neujahrsgrüßen via Skype oder Zoom,“ schreibt eine Lokalzeitung dazu.

Bei den sabotierten Energieanschlusssäulen handelt es sich um meist am Straßenrand befindliche, kleine (ca. 15 cm Breite x 15 cm Tiefe x 50 cm Höhe) bis mittelgroße (ca. 50 cm Breite x 30 cm Tiefe x 1 m Höhe) Schaltschränke, in denen der Stromanschluss für Gebäude und/oder – wie wohl in diesem Fall – ebenfalls am Straßenrand befindlichen Elektroanlagen wie Parkscheinautomaten, Internetverteilerkästen, Mobilfunkantennen, Straßenbeleuchtung, Ladestationen für E-Autos, usw. untergebracht ist. Sie stellen den Übergabepunkt des Stromnetzbetreibers (bspw. der SWM) zu den Betreibern der jeweiligen elektrischen Anlagen dar. Während vor allem die größeren Ausführungen dieser Energieanschlussäulen oft mit einem Schloss verriegelt sind, sind insbesondere die kleineren Ausführungen häufig mit einem Schaltschrankschlüssel (z.B. einem Innendreikantschlüssel) zugänglich. Oft lässt sich aufgrund der räumlichen Nähe zu entsprechenden Elektroanlagen abschätzen, was eine Energieanschlusssäule mit Strom versorgt.

 

Angriffe auf die technologische Herrschaft

20.11. Provinz von Verona (Italien) Vier Funkmasten (Mobilfunk-, Rundfunk-, Fernsehen) werden mit Farbe attackiert.
30.11. Montreal Island (Kanada) Mehrere autonome Gruppen unterbrechen den Schienenverkehr in der Gegend von Montreal Island. Es werden „Jumper“-Kabel verwendet, die das Signal geben, dass gerade ein Güterzug vorbeifährt, wodurch das Schienennetz an mehreren Schlüsselverbindungen gestört wird. „Arterien, die den Fluss des Kapitals durch den Kontinent ermöglichen, Wege zum Transport von Bitumen und anderen Produkten der Ressourcenausbeutung, Kolonisierung und des Todes. Schienen sind schon immer das Instrument kolonialer Expansion gewesen.“
04.12. British Columbia (Kanada) Sabotage eines Strommastes durch das Lockern einiger Bolzen und das Durchtrennen eines Abspannseils, die Stromlinie dient u. a. auch dazu eine im Bau befindlichen Anlage von LNG Canada (Verflüssigung von Erdgas) mit Strom zu versorgen.
15.12. Narasapura (Indien) Ein Aufstand erschüttert die Wistron IPhone-Fabrik in Narasapura. Fast 2000 Arbeiter*innen begehren dagegen auf nicht den vereinbarten Lohn ausgezahlt bekommen zu haben. Arbeiter*innen legen Feuer, beschädigen Maschinen, werfen Fenster ein und Autos auf dem Parkplatz um. Autos werden angezündet und tausende IPhones entwendet. Der Aufstand zwingt die Fabrik dazu zwei Wochen lang ihre Produktion einzustellen.
31.12. Berlin Während eines nächtlichen Spaziergangs wird ein E-Scooter angezündet und die Fassade des Berliner Firmengebäudes des Software-Konzerns SAP mithilfe von Hammerschlägen zertrümmert.
04.01. Saint-Pierre-la-Palud (Frankreich) Ein Funkmast wird angezündet. Ironischerweise wird durch diesen Brandanschlag das Alarmsystem der lokalen Feuerwehr in acht Kasernen gestört. Die Polizei erklärt, dass das Kabel zwischen dem Mast und der technischen Basisstation Feuer gefangen hätte.

[Massif de l’Étoile] Rundfunkantenne abgefackelt

In der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember 2020 wurde die Rundfunkantenne des französischen Telekommunikationsunternehmens TDF im Massif de l’Étoile in der Nähe von Marseille angezündet. Eine Niederspannungs-Hauptverteiler-Anlage am Fuß der Antenne war in Brand gesetzt worden, nachdem Personen die Tür zur Stromanlage aufgebrochen hatten. Das Feuer hatte sich von dort aus über die „Feeder“ – sehr dicke, schwarze Kabel – an der Antenne hochgefressen. 3,5 Millionen Menschen im französischen Südosten konnten daraufhin 2-3 Tage lang weder Fernsehen noch Radio empfangen. Auch beim 3G- und 4G-Mobilfunk kam es zu Störungen. Bis heute gibt es Einschränkungen im Empfang von Fernsehen und Radio und es wird geschätzt, dass es noch bis zu ein Jahr dauern könne, bis alle Schäden behoben seien. Das Unternehmen TDF betont auf seiner Webseite, dass es so schnell arbeite wie nur irgendwie möglich, da „in der aktuellen gesundheitlichen Lage […] unser Angebot mehr denn je unentbehrlich für die Bevölkerung“ sei. Die 150 Meter hohe Antenne im Massif de l’Étoile ist die zweitwichtigste Antenne in Frankreich. Laut TDF sind seit 2017 über vierzig Masten des Unternehmens sabotiert worden. Momentan investiert TDF „in enger Zusammenarbeit mit dem Staat“ 18 Millionen Euro, um seine Standorte sicherer zu machen.

Eingestallt …

Gedanken über Einsperrung, Technologie und reale Beziehungen

(Geschrieben vor der Ankündigung der gegenwärtigen zweiten Welle der Masseneinsperrung, denke ich dass diese Gedanken trotzdem einen gewissen aktuellen wie auch bleibenden Wert haben könnten.)

I

Während der Zuschauer gebannt auf exponentielle Kurven blickte, und sich dabei seine Angst-Lust auf Apokalypse nicht eingestehen durfte, diente er der Macht in der Durchsetzung ihrer feuchten Träume, welche bisher wenige Diktatoren sich erfüllen konnten. Die exponentielle Kurve kam nie zum Höhepunkt, die Katharsis blieb hinausgezögert und der Weltuntergang liess auf sich warten… Kann der Zuschauer so befriedigt sein?

Die strikte Anordnung zur Abwesenheit, lockdown, hat den öffentlichen Beweis der kompletten Aushöhlung des sozialen Lebens erbracht, auf eine Art erbracht, die sogar jene, welche sie immer konstatiert haben, schockieren musste.

Gebannt auf ihre Bildschirme blickend, betrachteten die Zuschauer, wie sie sich selbst anfeuern, zuhause zu bleiben. Die Antiquitiertheit der Masse, der organisierte soziale Tod. Wenn die Türen verschlossen sind, ausser jene in die „virtuelle Welt“, eine kalte „Welt“, welche aus Bildschirmen und Kabeln und Geräten besteht – alle tot.

Wenn „Gesellschaft“ sich auf soziale menschliche Beziehungen basiert, so gibt es die Gesellschaft nicht mehr. Zwar mag ihre Keimzelle wieder zusammengeschweisst – widerlich zusammengeschweisst werden. Aber trotzdem sagt man mit gleicher Berechtigung, wie dass die Menschen in Gesellschaft leben würden, dass sie in Technologie „miteinander“ leben. Das natürlich nicht erst seit gestern. Aber: eben auch noch nicht so.

Die Utopie des Kapitals, eine von grundauf neue Gesellschaft zu erschaffen und sämtliche nicht es selbst seiende Sozietät zu zerstören, abzulösen… vor unseren Augen geht dieses Projekt seiner Verwirklichung entgegen. „Smart planet“? Ein realistischer Vorschlag…

II

Der Pessimismus ist naheliegend. Die Beschleunigung, welche die Macht sich durch diesen rupturistischen Schock gegeben hat, ist enorm. Aber es kann auch gesagt werden: der Punkt ist erreicht, wo man weniger spekulieren muss. Die Macht ist jedem freien Leben feindlich. Überhaupt lebensfeindlich. Die einzigen Einheiten die sie noch akzeptiert, sind jene, welche zu ihrer Reproduktion nötig sind. Und auch das ist wohl noch ein Manko. Dass unvermittelte menschliche Beziehungen überhaupt noch nötig sind – unpraktisch, hält es doch vom kompletten Sprung ins Posthumane noch zurück.

Arbeit, Konsum, Familie und Sport… der Rest ist von nun an ganz offiziell „zur Zeit erlaubt“, will heissen, auf Bewährung. Wobei die Bewährung welche der verwalteten Masse namens Bevölkerung gegeben wird, von dieser nicht eingehalten werden kann, in jenem Sinne, dass sie nicht weiss, was denn der Bewährungsbruch genau wäre (alles könnte einer sein). Selbst der kompletteste Gehorsam garantiert nichts, vor allem nicht, dass nicht ein nächster „Grund“ (und sei es derselbe) erschaffen werden könnte. Betrachtet man sich die gegenwärtige Schöpfung, so ist es klar, das jede Absurdität, die bis vor kurzem noch als normaler Bestandteil menschlichen Lebens gegolten hat, zur Begründung jeder noch so absurden Anordnung herbeigezogen werden kann. Aber auch das ist nichts Neues.

III

Es ist langweilig, bei den Philosophen des Ausnahmezustands um Rat zu suchen. Rechtsstaatlichkeit oder nicht, all dieser Quatsch. Wortspielereien über den wahren und den falschen Ausnahmezustand.
Die technologische Entwicklung geht voran, und die Menschheit, die in dieser Technologie lebt, wird ihr mehr und mehr angepasst oder passt sich ihr an. Wie herum auch immer. Der Horizont, die Totalität dieses Systems zu zerstören, ist unausweichlich. Die Situation, die die Macht geschaffen hat, und in welcher sie sich auch nicht ganz ungefährlich exponiert hat, macht die herrschende Totalität mehr als je sicht- und fühlbar. Sie war für einen Moment nicht zu ignorieren. Es geht nicht um Teilaspekte.

Diesen Moment zu überdecken, zu rechtfertigen und als solchen vergessen zu machen, ist was für die Macht jetzt nötig ist. Die Operation, welche bisher erfolgreich verlief, wird unangenehme Gefühle hinterlassen. Wenn die Anästhesie nicht mehr wirkt, der Höhepunkt des Enthusiasmus verstrichen ist, steht alles ein bisschen auf wackeligen Beinen. Der neue Konsens ist noch nicht ganz stabil.
Im Übrigen ist es kein neuer Konsens, sondern der alte, ohnehin immer bröckelnde, stetig neu zu erschaffende. Nur dass hinzugefügt wird, dass die Macht so weit gehen kann. Das finden noch nicht alle gut. Sie haben eine andere Meinung. Ein bisschen wird sie zwar unterdrückt, aber ebenso klar ist es, dass die Bereitstellung einer falschen Opposition bereits ganz gut gelungen ist. – Die Revolte kommt woanders her…

IV

Irgendwie kommt es mir vor, als würde ich hier Teils uralte Neuigkeiten auffrischen. Es soll hier dem Leser nicht der Gedanke kommen, als wäre „vor Corona“ irgendwie die staatlich-technologische Gefängnisgesellschaft noch nicht gewesen. Die Neigung ist naheliegend, sich bequem auf so eine falsche Vorstellung zurückzuziehen. Doch es würde zu einem höchst oberflächlichen Denken führen, würden einige Aussagen in diesem Text als Überraschungen und Neuheiten dargestellt werden. Der Schritt des lockdowns ist eigentlich ein logischer Bestandteil des technologischen Prozesses, und kann auch nur als solcher verstanden werden. Viele frühere Analysen (anarchistische, aber auch philosophische wie etwa die von Günther Anders) zeigen: was heute offensichtlich und allzu wortwörtlich geschieht, konnte schon als Beschreibung mindestens der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts angewandt werden. Was hat das zu bedeuten?

Während damals gewisse Thesen als Übertreibung gelten konnten, steht man heute mit einigem Befremden vor der Tatsache, dass das alles tatsächlich jetzt so kommt. Aber eigentlich müsste gesagt werden: es war bereits so, nur hat man zu wenig tief geblickt. Und gerade dieses Abrutschen in die Behauptung der Neuigkeit, der ausschliesslichen Beschreibung des Neuen als Neues statt als Ergebnis der Vergangenheit und Kontinuität lässt Platz für ein oberflächliches Denken und eine falsche Kritik, welche einen das Vorhergegangene zurückwünschen lässt.

Natürlich ist es wahr, dass es „vorher noch nicht so war“. Mindestens ebenso wahr ist es aber, dass es vorher „auch schon so war“.

V

Es fällt schwer, klar zu sehen. Vielleicht noch schwerer, klar sehen zu wollen.

Es ist vielleicht bequem, sich berieseln zu lassen, und irgendeine Nische in dieser Verschärfung der technologischen Realität zu suchen. Und sind wir nicht alle schon darin? Sind wir nicht alle schon beduselt?

Der Prozess der Derealisierung, als welcher das beschrieben werden kann (und welcher ebensogut als die Realisierung der Technologie beschrieben werden könnte), der menschlichen Derealisierung, er geht vor sich und wir befinden uns nicht ausserhalb davon.
Wie auch?

Auch wir leben in der Technologie. Und das nicht mehr oder weniger, je nach dem, wieviele Geräte wir benutzen oder nichtbenutzen. Womit nicht gesagt sei, dass für die Realisierung, die Verwirklichung des eigenen Aufstands nicht eine gewisse Distanz zur Gerätewelt hilfreich sei. Denn das Aufständische, und vor allem die soziale Revolution, welche der Beginn der Verwirklichung menschlicher Beziehungen… wäre, ist letztlich nichts wirklich über Gerätschaften vermittelbares. Übrigens auch nicht über dieses damit bedruckte Papier.

Das Schwierige ist nur: wie lassen sich solche menschlichen Beziehungen innerhalb der Technologie verwirklichen? Und die Antwort wäre: gar nicht.

Vielmehr ist es gerade, allen Gerüchten und falschen Behauptungen zum Trotz, die reale menschliche Präsenz und Diskussion welche jeden Aufstand ausmacht. Und dass der Aufstand heute in der Technologie stattfindet, und zwar dermassen, dass darin die technologische Kommunikation eine Rolle spielt, sollte nicht zum Fehler verleiten, dass die Geräte, die dabei auch benutzt werden, etwa diesen Aufstand ausmachen würden. Vielmehr macht es den Aufstand gerade aus, dass er sich aus der Technologie herausbewegt. Das zwar immer noch innerhalb der Technologie, aber im Widerspruch zur technologischen Realität. Ein Widerspruch, dessen Bewusstwerdung leider oft auf sich warten lässt, weshalb die gegenwärtigen sozialen Aufstände zumeist vor dieser Frage halt machen. Praktisch halt machen. Während die Mächtigen sich der Situation durchaus bewusst sind, wenn man ihr Geschwafel über „kritische Infrastruktur“ betrachtet.

VI

Die Technologie ist allgegenwärtig. Sie verwirklicht mittlerweile fast alle fantastischen Attribute die man früher der Fiktion von Göttern unterschob (allsehend, ins All fliegend, Alles zerstörend, jede Fantasie abbildend, Telepathie, etc.), und es könnte behauptet werden, dass sie die Verwirklichung der Fantasie des allmächtigen und einzigen christlichen Gottes sei. Die Fiktion „die Menschheit“ bedient dabei die Möglichkeit der Menschen, sich mit der Erschaffung der Technologie zu identifizieren. Allerdings ist es nicht so, als wäre sie unser Diener. Ebensowenig ist sie das Produkt „des Menschen“, sondern spezifischer Menschen und spezifischer Verhältnisse unter ihnen.

Es ist natürlich klar, dass es nicht nur Technologie gibt. Aber die Expansion der Technologie, welche – um gewisse Leute zufriedenzustellen – auch als Expansion der Ware beschrieben werden kann, geht potentiell ins Unendliche. Während sie jetzt schon überall ist, durch alle hindurchgeht und hinein, so kann sie das in Zukunft noch mehr tun. Das ist ihre Expansion. Unsere permanente Entmenschlichung.

VII

Gibt es ein Ausweichen vor der Frage der Zerstörung? Natürlich. Aber worin besteht es? In einer gedanklichen Unehrlichkeit und einer gewissen Form von Feigheit.

Ist die bestehende Totalität der Herrschaft schlimmer als vergangene oder gar besser? Die Frage bleibt irrelevant. Sie ist jene, mit der wir uns auseinanderzusetzen haben. Warum, das weiss jeder, der es bereits tut…

Wenn wir innerhalb einer künstlich erschaffenen Umwelt leben, welche von anderen kontrolliert wird und so gebaut ist, dass sie nur auf diese hierarchische Art und Weise kontrolliert werden kann – was bleibt anderes, als diese zu zerstören? Die Unterwerfung und die Akzeptanz.

Die bestehenden Städte, die Infrastruktur, die „virtuelle Realität“, Konsum und Arbeit, Familie und Wohnung – sie beweisen sich als die Grundlagen der realen Gefängnisgesellschaft. Sie zu zerstören, abzubrennen, zu demolieren und zu verlassen ist der einzige Ausweg der bleibt. Die restlichen Wege sind verschlossen, oder führen nur weiter in die Technologie herein.

VIII

Drei Optionen haben sich während der letzten Zeit immer differenzierter am gesellschaftlichen Horizont gezeigt:

a) totaler Gehorsam, stayathome, etc…
b) Demonstrieren und zurücksehnen der alten Rechtsstaatlichkeit – eine illusionäre und kontrollierbare Form des Protests, uninteressant, domestiziert und langweilig…
c) Krawall, Plündern, individuelle und kollektive Brandstiftung – ein schüchterner Anfang…

Der Rest ist nur das Fass, das kurz vor dem Überlaufen ist.
Wann, wenn nicht jetzt?
Wollt ihr auf ewig zuhause vergammeln?
Wollt ihr euch wie Vieh in den Stall treiben lassen?

 

Superspreader

Industrielle Domestizierung

Industrie als Ursprung moderner Herrschaft

Wenn sich das Kapital der Wissenschaft bemächtigt, dann wird die Fügsamkeit des widerspenstigen Arbeiters gesichert sein.

– Andrew Ure, Philosophy of Manufactures, 1835

Wenn in der Vergangenheit irgendjemand einen Handwerker einen Arbeiter nannte, riskierte er eine Schlägerei. Heute, wo ihnen gesagt wird, dass die Arbeiter dem Staate die liebsten seien, bestehen sie alle darauf, Arbeiter zu sein.

M. May, 1848

Der Begriff Industrielle Revolution, der allgemein gebraucht wird, um die Periode zwischen 1750 und 1850 zu bezeichnen, ist eine blanke bourgeouise Lüge, parallel zu der Lüge über die politische Revolution. Sie beinhaltet nicht das Negative und rührt von einer Vorstellung der Geschichte als nur die Geschichte des technologischen Fortschritts her. Hier landet der Feind einen doppelten Treffer, indem er die Existenz der Manager und Hierarchien als unvermeidbare technische Notwendigkeit legitimiert und eine maschinelle Vorstellung des Fortschritts einführt, die fortan für ein positives und sozial neutrales Gesetz gehalten wird. So eine Lüge war offensichtlich für die Armen bestimmt, bei denen sie bleibende Schäden hinterließ. Um sie zu widerlegen genügt es, sich an die Fakten zu halten.

Die meisten technologischen Innovationen, die das Entstehen von Fabriken erlaubten, waren bereits früher entdeckt worden, aber ungenutzt geblieben. Ihre weitverbreitete Anwendung war keine mechanische Konsequenz, sondern resultierte aus einer historisch datierbaren Entscheidung der herrschenden Klassen. Und diese Entscheidung war weniger eine Reaktion auf eine Frage bloßer technischer Effizienz (die oft zweifelhaft war), sondern vielmehr eine Strategie sozialer Domestizierung. Die pseudo-industrielle Revolution kann daher auf ein Projekt sozialer Konterrevolution reduziert werden. Es gibt nur einen einzigen Fortschritt: den Fortschritt der Entfremdung.

Unter dem vorher existierenden System genossen die Armen immerhin eine beachtliche Menge an Unabhängigkeit in der Arbeit, die sie gezwungen wurden zu verrichten. Ihre dominante Form war die heimische Werkstatt: Kapitalist*innen verliehen Werkzeuge an die Arbeiter*innen, versorgten sie mit Rohmaterial und kauften dann das fertige Produkt spottbillig. Für die Arbeiter*innen bestand die Ausbeutung lediglich in einem Moment des Geschäfts, über den sie keine direkte Kontrolle hatten.

Die Armen konnten ihre Arbeit noch immer als „Kunst“ begreifen, über die sie eine beachtliche Breite an Entscheidungsmacht ausübten. Aber vor allem blieben sie die Herren ihrer eigenen Zeit: Sie arbeiteten zu Hause und konnten aufhören, wann immer es ihnen beliebte; ihre Arbeitszeit entzog sich jeglicher Berechnung. Und Abwechslung sowie Unregelmäßigkeit charakterisierten ihre Arbeit, da die heimische Werkstatt in den meisten Fällen nur eine Ergänzung zu den landwirtschaftlichen Tätigkeiten war.

Die daraus folgenden Schwankungen der industriellen Aktivität waren unvereinbar mit der harmonischen Ausweitung des Handels. Daher besaßen die Armen immer noch ein beachtliches Druckmittel, von dem sie beständig Gebrauch machten. Das Unterschlagen von Rohmaterial war eine übliche Praxis und speiste einen ausgedehnten parallelen Markt. Aber vor allem konnten diejenigen, die zu Hause arbeiteten, Druck auf ihre Arbeitgeber ausüben: Die häufige Zerstörung von Webstühlen war ein Mittel der „kollektiven Verhandlung durch Aufruhr“ (Hobsbawm). Rück die Kohle raus oder wir zerstören alles.

Fabriken entworfen nach dem Vorbild von Gefängnissen

Um die bedrohliche Unabhängigkeit der Armen zu unterdrücken, sah sich die Bourgeousie gezwungen, die Gefilde der Produktion direkt zu kontrollieren. Das war der Grund, der für die Verbreitung von Fabriken sorgte. „Es sind weniger diejenigen, die absolut nicht arbeiten, die der Öffentlichkeit Leid zufügen, sondern diejenigen, die nur die Hälfte ihrer Zeit arbeiten“, schrieb Ashton bereits 1725. Die militärischen Fertigkeiten wurden auf die Industrie angewandt und Fabriken wurden buchstäblich nach dem Vorbild von Gefängnissen entworfen, die übrigens zur selben Zeit auftauchten.

Eine riesige Ummauerung trennte den Arbeiter von allem, das betriebsfremd war und Wärter wurden angestellt, um die Menschen zurückzuhalten, die es anfangs selbstverständlich fanden, ihre weniger glücklichen Freunde zu besuchen. Im Inneren hatten drakonische Bestimmungen das primäre Ziel, die Sklav*innen zu zivilisieren. Im Jahr 1770 hatte ein Schriftsteller eine Vision eines neuen Plans, um die Armen produktiv zu machen: Das Haus des Terrors, in dem die Insass*innen 14 Stunden am Tag zum Arbeiten gezwungen werden und durch eine Hungerkur unter Kontrolle gehalten würden. Er war seiner Zeit nicht weit voraus; eine Generation später wurde das Haus des Terrors schlicht Fabrik genannt.

In England verbreiteten sich Fabriken als Erstes. Hier hatten die herrschenden Klassen ihre internen Konflikte längst überwunden und konnten sich daher ohne Hemmungen der Leidenschaft des Kommerzes widmen. Die Repression, die auf die millenaristischen [1] Angriffe der Armen gefolgt war, hatte außerdem den Weg für die industrielle Gegenoffensive geebnet.

Es war das traurige Schicksal der Armen in England, die ersten zu sein, die der absoluten Brutalität dieses sich entwickelnden sozialen Mechanismus unterworfen wurden. Selbstverständlich betrachteten sie dieses Schicksal als totale Erniedrigung und diejenigen, die es akzeptierten, wurden von ihren Kollegen verachtet. Zur Zeit der Levellers [Egalitaristen, Anm. d. Übs.] [2] war es bereits die allgemeine Meinung, dass diejenigen, die ihre Arbeit für ein Gehalt verkauften, all ihre Rechte als „frei geborene“ Engländer aufgegeben hatten. Schon bevor die Produktion überhaupt begann, hatten die ersten Fabrikbesitzer Schwierigkeiten, Arbeiter*innen anzuwerben und mussten oft weit reisen, um sie zu finden.

Als nächstes war es notwendig, die Armen dazu zu zwingen, ihre neuen Jobs zu behalten, von denen sie massenhaft dessertierten. Deshalb kamen die Fabrikbesitzer für die Behausungen ihrer Sklav*innen auf, die als Vorkammern der Fabrik dienten. Die Bildung dieser riesigen industriellen Reservearmee brachte die Militarisierung der Gesamtheit des sozialen Lebens mit sich.

Der Luddismus war die Antwort der Armen auf die Einführung dieser neuen Ordnung. Während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in einem Klima aufständischer Wut eine Bewegung, die sich der Zerstörung der Maschinen widmete. Es war nicht nur eine Frage der Nostalgie nach dem Goldenen Zeitalter des Handwerks. Sicherlich war auch das Aufkommen der Herrschaft des Quantitativen, der massenproduzierten, schäbigen Waren eine Hauptquelle der Wut. Fortan wurde die Zeit, die man brauchte, um eine Aufgabe zu erledigen, wichtiger als die Qualität des Resultats, und diese Entwertung des Inhalts jeder einzelnen Arbeit brachte die Armen dazu, die Arbeit als solche anzugreifen, die dadurch ihre Essenz enthüllt hatte. Aber der Luddismus war vor allem ein antikapitalistischer Unabhängigkeitskrieg, ein „Versuch die neue Gesellschaft zu zerstören“ (Mathias). „Alle Adligen und Tyrannen müssen niedergestreckt werden“, heißt es in einem seiner Flugblätter.

Der Luddismus war das Erbe der millenaristischen Bewegung der vorangegangenen Jahrhunderte und auch wenn er sich nicht länger als universelle und vereinheitlichte Theorie ausdrückte, blieb er allen politischen Perspektiven gegenüber radikal fremd, ebenso wie gegenüber jedem ökonomischen Pseudorationalismus. Die Aufstände der Seidenarbeiter zur gleichen Zeit in Frankreich, die sich ebenfalls gegen den Prozess der industriellen Domestizierung richteten, waren dagegen bereits von der politischen Lüge kontaminiert.

„So verdunkelte ihr politischer Verstand ihnen die Wurzel der geselligen Not, so verfälschte er ihre Einsicht in ihren wirklichen Zweck“, schrieb Marx 1844. Ihr Slogan war „arbeitend leben oder kämpfend sterben.“

Die Auferlegung der Industriellen Logik

Während die aufkommende Gewerkschaftsbewegung in England kaum unterdrückt und sogar geduldet wurde, wurde das Zerstören von Maschinen mit dem Tode bestraft. Die unerschütterliche Negativität der Ludditen machte sie sozial untolerierbar. Der Staat antwortete auf diese Bedrohung auf zwei Wegen: Er bildete eine moderne professionelle Polizei und erkannte Gewerkschaften offiziell an. Der Luddismus wurde zuerst durch brutale Repression besiegt und verblasste dann, als die Gewerkschaften Erfolg damit hatten, die industrielle Logik durchzusetzen. 1920 bemerkte ein englischer Beobachter mit Erleichterung, dass „die Verhandlungen über die Bedingungen des Wandels über die bloße Verneinung des Wandels selbst gesiegt hatten.“ Ein schöner Fortschritt!

Von all den Verleumdungen, mit denen die Ludditen überhäuft wurden, kamen die schlimmsten von den Apologet*innen der Arbeiterbewegung, die sie für blind und infantil hielten. Daraus resultiert auch die folgende Passage von Karl Marxs Kapital, die beispielhaft für eine fundamentale Missinterpretation dieser Ära steht: „Es bedarf Zeit und Erfahrung, bevor der Arbeiter die Maschinerie von ihrer kapitalistischen Anwendung unterscheiden und daher seine Angriffe vom materiellen Produktionsmittel selbst auf dessen gesellschaftliche Exploitationsform übertragen lernt.“

Diese materialistische Vorstellung der Neutralität von Maschinen reicht aus, um die Organisation der Arbeit, die eiserne Disziplin (in dieser Hinsicht war Lenin ein konsequenter Marxist) und letztlich den ganzen Rest zu legitimieren. In ihrer angeblichen Rückschrittlichkeit begriffen die Ludditen doch, dass die „materiellen Produktionsmittel“ vor allem anderen Instrumente der Domestizierung waren, deren Form nicht neutral ist, weil sie Hierarchien und Abhängigkeiten garantiert.

Der Widerstand der ersten Fabrikarbeiter*innen äußerte sich vor allem in Bezug auf eines der wenigen Dinge, die sie besaßen und dessen sie beraubt werden sollten: ihrer Zeit. Es war ein alter religiöser Brauch weder an Sonn-, noch an Montagen zu arbeiten, was „Blauer Montag“ genannt wurde. Da Dienstage der Erholung von zwei Tagen Trinkgelage gewidmet war, begann die Arbeit vernünftigerweise nicht vor Mittwoch. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch weit verbreitet, dauerte dieser gesunde Brauch in einigen Branchen bis 1914 an. Ohne Erfolg versuchten sich die Bosse an verschiedenen Zwangsmethoden, um diesen institutionalisierten Absentismus zu bekämpfen. Mit dem Aufkommen von Gewerkschaften wurden die „Blauen Montage“ durch freie Samstagnachmittage ersetzt. Ein ruhmreiche Sieg: die Arbeitswoche wurde so um zwei Tage verlängert!

Die Blauen Montage spielten nicht nur bei der Frage der Arbeitszeit eine Rolle, sondern auch hinsichtlich des Umgangs mit Geld, da die Arbeiter*innen nicht zur Arbeit zurückkehrten, bevor sie ihr gesamtes Gehalt ausgegeben hatten. Mit Beginn dieser Periode wurden die Sklav*innen nicht länger nur als Arbeiter*innen, sondern auch als Konsument*innen betrachtet. Die Notwendigkeit, die Binnenmärkte zu entwicklen, indem diese für die Armen geöffnet wurden, war von Adam Smith theoretisiert worden. Außerdem „wäre die Schaffung von Bedürfnissen doch das beste Mittel, um das Volk arbeitsam zu machen“, schrieb der Erzbischof Berkeley 1755.

Auf eine noch immer nur geringfügige Art und Weise wurde das Gehalt, das den Armen zugeteilt wurde, den Notwendigkeiten des Marktes angepasst. Aber die Armen nutzten dieses zusätzliche Geld nicht so, wie es die Ökonomen vorausgesagt hatten: Der Anstieg der Gehälter bedeutete für sie gewonnene Zeit bei der Arbeit (eine nette Umkehrung von Benjamin Franklins utilitaristischer Maxime Zeit ist Geld). Zeit, die durch die Abwesenheit in den Fabriken gewonnen wurde, verbrachte man in den – zurecht so genannten – Public Houses (während dieser Periode wurden Nachrichten von Revolten von Pub zu Pub weitergetragen).

Je mehr Geld die Armen zur Verfügung hatten, desto mehr tranken sie. Der Geist der Ware wurde zuerst in Form von Spirituosen entdeckt, zum Missfallen der Ökonomen, die beabsichtigt hatten, dass die Armen ihr Geld sinnvoll ausgaben. Die Mäßigungskampagne, die gemeinsam von der Bourgeoisie und den „fortschrittlichen (und daher nüchternen) Fraktionen der Arbeiterklasse“ ins Leben gerufen wurde, war vielmehr eine Ermahnung an die Arbeiter*innen, ihre Gehälter weise zu nutzen, als eine Sorge um die öffentliche Gesundheit (die viel größeren Schäden, die von der Arbeit verursacht wurden, veranlassten sie nicht dazu, für ihre Abschaffung zu plädieren). Einhundert Jahre später sind die gleichen Akteur*innen unfähig zu ergründen, warum Arme auf Essen verzichten, um „überflüssige“ Waren zu kaufen.

Die Wildheit kommt immer zurück

Die Propaganda, die zum Sparen ermutigte, wurde ins Leben gerufen, um diese Neigung zum direkten Ausgeben des Geldes zu bekämpfen. Und wieder war es die „Avantgarde der Arbeiterklasse“, die Einrichtungen zum Sparen für die Armen einrichtete.

Das Sparen vergrößerte sowohl die Abhängigkeit der Armen als auch die Macht ihrer Feinde: Die Kapitalist*innen konnten durch eine Senkung der Gehälter temporäre Krisen überstehen und gewöhnten die Arbeiter*innen an die Idee des Existenzminimums.

Doch hier gibt es einen damals unauflösbaren Widerspruch, den Marx in seinen Grundrissen aufgezeigt hat: Jede*r Kapitalist*in fordert, dass seine Sklav*innen als Arbeiter*innen sparen, aber eben nur seine Arbeiter*innen; Alle anderen Sklav*innen sind für ihn Konsument*innen und sind als solche verpflichtet, Geld auszugeben. Dieser Widerspruch konnte erst viel später aufgehoben werden, als die Entwicklung der Ware die Aufnahme von Krediten durch die Armen erlaubte. Jedenfalls, selbst wenn es der Bourgeoisie vorläufig gelungen war, das Arbeitsverhalten der Armen zu zivilisieren, konnte sie ihr Ausgabeverhalten niemals absolut domestizieren. Das Geld ist das, durch das die Wildheit immer zurückkehrt…

Nachdem die Abschaffung der Blauen Montage die Arbeitswoche verlängert hatte, „nahmen sich nunmehr die Arbeiter*innen ihre Freizeit am Arbeitsplatz“ (Geoff Brown). Die Verminderung des Arbeitstempos wurde zur Regel. Es war die Einführung der Akkordarbeit, die die Disziplin endgültig in die Werkstätten brachte und eine Erhöhung des Fleißes und der Produktivität erzwang. Das wichtigste Ergebnis dieses Systems, das sich seit den 1850ern verbreitete, war, dass es die Arbeiter*innen zwang die industrielle Logik zu verinnerlichen: Um mehr zu verdienen, war es notwendig, mehr zu arbeiten. Das hatte jedoch nachteilige Auswirkungen auf die Gehälter der anderen und die weniger stürmischen konnten sogar ihren Job verlieren.

Die Antwort auf diese ungezügelte Konkurrenz war die Etablierung kollektiver Verhandlungsformen, um über die zu erledigende Menge an Arbeit und ihre Verteilung und Vergütung zu entscheiden, was zu der Durchsetzung der gewerkschaftlichen Schlichtung führte. Nachdem sie hinsichtlich der Produktivität den Sieg errungen hatten, willigten die Kapitalist*innen ein, die Anzahl der Arbeitsstunden zu reduzieren. Das berühmte Zehn-Stunden-Gesetz war, auch wenn es faktisch ein Sieg der Gewerkschaften war, eine Niederlage für die Armen, da es die Niederlage ihres langen Widerstands gegen die neue industrielle Ordnung besiegelte.

Die omnipräsente Diktatur der Notwendigkeit war errichtet. Sobald die Überreste der früheren sozialen Ordnung beseitigt waren, gab es nichts mehr auf dieser Welt, das nicht von den Geboten der Arbeit bestimmt wurde. Der Horizont der Armen begrenzte sich auf den „Existenzkampf“. Die absolute Herrschaft der Notwendigkeit kann jedoch nicht einfach als eine quantitative Zunahme des Mangels betrachtet werden: Sie war vor allem die Kolonisierung des Verstands durch das triviale und vulgäre Prinzip der Nützlichkeit, eine Niederlage für das Denken selbst.

Hier können wir die Konsequenzen der Zerstörung des Millenarischen Geistes ermessen, der die Armen während der ersten Phase der Industrialisierung inspirierte. Während dieser Periode war die Herrschaft der brutalen Not klar als Resultat einer bestimmten Welt begriffen worden – der Welt des Antichristen basierend auf Eigentum und Geld. Die Vorstellung der Abschaffung der Not war untrennbar mit der Idee der Realisierung des Garten Edens der Menschlichkeit verbunden, „dem spirituellen Kanaan, wo Wein, Milch und Honig fließen und Geld nicht existiert“ (Coppe). Mit der Niederlage dieses versuchten Umsturzes erlangte die Not das Erscheinungsbild der Unmittelbarkeit. Fortan erschien Mangel als natürliche Katastrophe, die nur durch eine umfangreichere Organisiation der Arbeit behoben werden könnte. Mit dem Triumpf der englischen Ideologie wurden die Armen, die bereits vollkommen enteignet waren, sogar noch der eigentlichen Vorstellung von Reichtum beraubt.

Der puritanische Abschaum

Es war der Protestantismus, oder präziser seine angelsächsische puritanische Form, die den Kult der Nützlichkeit und des Fortschritts begründete und legitimierte. Indem sie die Religion zu einer Privatangelegenheit machte, billigte die protestantische Ethik die von der Industrialisierung verursachte soziale Atomisierung: Individuen standen Gott auf dieselbe Art und Weise alleine gegenüber, wie sie im Hinblick auf Waren und Geld isoliert waren. Ebenso vertrat sie genau die Werte, die von den modernen Armen verlangt wurden: Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit, Arbeit, Sparsamkeit.

Die Puritaner, dieser Abschaum, der rastlos gegen Feste, Spiele, Ausschweifung und alles, was der Logik der Arbeit entgegen stand, kämpfte und den Millenarischen Geist als „lähmend für den Unternehmergeist“ (Webb 1644) betrachtete, ebnete den Weg für die industrielle Konterrevolution. Ferner kann die Reformation als Prototyp des Reformismus betrachtet werden: Als Produkt einer Meinungsverschiedenheit betrachtete er alle widerstreitenden Ansichten als Bereicherung. Sie „forderte nicht, dass man dieses Christentum praktiziert; sie forderte, dass man zu einem Gläubigen wurde. Jede Religion war recht.“

1789 wurden diese Prinzipien in Frankreich vollständig realisiert, als sie ihre religiöse Form endgültig abwarfen und eine universelle Form des Rechts und der Politik annahmen. Frankreich war Nachzügler im industriellen Prozess: Ein unversöhnlicher Konflikt zwischen Bourgeoisie und der Aristokratie, die sich weigerte, Geld zu investieren. Paradoxerweise war es dieser Rückstand, der die Bourgeoisie dazu brachte, den modernsten Ansatz zu verfolgen. In Großbritannien, wo die herrschenden Klassen seit langem einen gemeinsamen historischen Weg eingeschlagen hatten, „nahm die Erklärung der Menschenrechte Form an, nicht im Gewand der römischen Toga, sondern in der Robe der Propheten des Alten Testaments“ (Hobsbawn). Genau das ist die Grenze, die unvollständige Natur der englischen theoretischen Konterrevolution. Staatsbürgerschaft war im Endeffekt noch immer auf einer Doktrin der Auserwähltheit basierend, durch die die Auserwählten einander durch die Früchte ihrer Arbeit und ihre moralische Einwilligung zu dieser Welt wahrnahmen. Das schloss den Pöbel aus, der noch immer vom Schlaraffenland träumen konnte.

Das ursprüngliche Ziel der Zwangsarbeit in den Fabriken war vor allem, diese bedrohliche Stärke zu beschränken und es durch einen machtvollen sozialen Mechanismus zu integrieren. Den Lügen der englischen Bourgeoisie fehlte noch immer die Raffinesse, die jene ihrer Kollegen auf der anderen Seite des Kanals charakterisierten, und die es diesen erlaubte, die Armen von Anfang an durch die Ideologie zu schwächen. Selbst heute noch führen die englischen Verfechter*innen der Alten Welt eher ihre moralische Rechtschaffenheit als ihre politischen Meinungen an. Die besonders sichtbare und arrogante Grenze, die Arm und Reich in diesem Land trennt, entspricht der schwachen Verankerung des Konzepts von individueller und rechtlicher Gleichheit der Individuen.

Während die puritanische moralische Indoktrination den ursprünglichen Effekt hatte, alle zu vereinen und zu stärken, die ein bestimmtes Interesse hatten, eine sich verändernde und ungewisse Welt zu bekämpfen, zerschmetterte sie die Unterklassen, die sich bereits unter das Joch der Arbeit und des Geldes gebeugt hatten, und vollendete so deren Niederlage. Daher schlug Ure vor, dass seinesgleichen die „moralische Maschinerie“ mit ebensoviel Sorgfalt aufrechterhalten wie die „mechanische Maschinerie“, um „Gehorsam hinnehmbar zu machen“. Aber vor allem enthüllte diese moralische Maschinerie ihre schädlichen Effekte, als sie von den Armen übernommen wurde und der aufkommenden Arbeiterbewegung ihren Stempel aufdrückte.

Die Kampagne zur Zivilisierung der Armen

Es vermehrten sich die methodistischen, wesleyanischen, baptistischen und anderen Arbeitersekten, bis sie schließlich genauso viele Gläubiger versammelten wie die Kirche Englands, Institution des Staates. In der feindlichen Umgebung der neuen Industrieanlagen zogen sich die zitternden Arbeiter in die Kapelle zurück. Man ist immer dazu geneigt die Erniedrigungen rechtzufertigen, für die man sich nicht rächt. Die neue Moral der Arbeiter*innen verwandelte Armut in einen Zustand der Gnade und Sparen in eine Tugend.

An jenen Orten waren die Gewerkschaften direkte Nachkommen der Kirche und Laienprediger wurden zu Gewerkschaftsvertretern [3]. Die von der Bourgeoisie geführte Kampagne, um die Armen zu zivilisieren, erlangte nur durch Querschläger die Oberhand über den sozialen Hass, sobald dieser einmal in den Händen der Arbeiterrepräsentanten lag, die fortan in ihren Kämpfen gegen ihre Herren die gleiche Sprache wie sie sprachen. Doch die noch religiösen Formen, die die Domestizierung des Denkens immer wieder annahm, waren nur eine Nebenerscheinung. Diese hatte eine deutlich effizientere Basis in der ökonomischen Lüge. J. und P. Zerzan [4] haben diesen Widerspruch treffend hervorgehoben: Es war während des zweiten Drittels des 19. Jahrhunderts, als die Armen den entwürdigendsten und verstümmelndsten Bedingungen in allen Bereichen ihres Lebens unterworfen wurden und jeder Widerstand gegen die Gründung einer neuen kapitalistischen Ordnung niedergeschlagen worden war; es war genau in diesem Moment, dass Marx, Engels und alle ihre Jünger mit Genugtuung die Geburt „der revolutionären Armee der Arbeit“ begrüßten und die objektiven Bedingungen für einen siegreichen proletarischen Angriff für endlich eingetreten erklärten.

In seiner berühmten “Adresse” der Internationalen Arbeiter-assoziation von 1864 begann Marx damit, ein detailliertes Bild der entsetzlichen Situation der Armen in England zu zeichnen und fuhr dann fort, die „wunderbaren Erfolge“ zu loben, wie das Zehn-Stunden-Gesetz (wir haben bereits gesehen, was das wert war) und die Etablierung von Kooperativfabriken, die einen „Sieg der politischen Ökonomie der Arbeit über die politische Ökonomie des Kapitals“ darstellen würde! Wenn marxistische Kommentator*innen das grausame Schicksal der Arbeiter*innen des 19. Jahrhunderts ausführlich beschrieben haben, so betrachteten sie dieses Schicksal bis zu einem gewissen Grad als unausweichlich und förderlich. Unausweichlich, weil sie es als die unvermeidbare Konsequenz der Anforderungen der Wissenschaft und als eine notwendige Entwicklung der „Produktionsverhältnisse“ betrachteten. Förderlich in dem Sinne, dass „das Proletariat durch die Mechanismen der Produktion vereint, diszipliniert und organisiert worden ist“ (Marx).

Die Arbeiterbewegung gründet sich auf einer rein defensiven Basis. Die ersten Arbeiterassoziationen waren „Vereinigungen des Widerstands und der gegenseitigen Hilfe“. Aber wenn die revoltierenden Armen sich selbst zuvor immer im Negativen wiedererkannt hatten, durch die Benennung der Klasse ihrer Feinde, so war es doch in und durch die Arbeit, die ihnen als Zentrum ihrer Existenz aufgezwungen worden war, dass die Arbeiter begannen nach einer positiven Gemeinschaft zu streben, einer, die nicht von ihnen selbst produziert wurde, sondern von einem äußeren Mechanismus.

Diese Ideologie nahm zuerst Gestalt an inmitten der „aristokratischen Minderheit“der qualifizierten Arbeiter*innen, „dieser Sektor, der für Politiker*innen von Interesse ist und aus dem diejenigen stammen, die die Gesellschaft nur zu dankbar als Repräsentant*innen der Arbeiterklasse begrüßen will“, wie Edith Simcox 1880 treffend bemerkte. Die riesige Masse der noch immer unregelmäßigen und unqualifizierten Arbeiter*innen hatte deshalb keine Bürgerrechte. Sie waren diejenigen, die den legendären wilden und kampfeslustigen Geist der englischen Arbeiter bewahrten, als sich die Türen der Gewerkschaften öffneten. Es begann ein langer Kreislauf sozialer Kämpfe, zuweilen gewaltsam, aber ohne jegliches einigende Prinzip.

„Obgleich die revolutionäre Initiative wahrscheinlich von Frankreich ausgehen wird, kann allein England als Hebel für eine ernsthafte ökonomische Revolution dienen.[…] Die Engländer verfügen über alle notwendigen materiellen Voraussetzungen für eine soziale Revolution. Woran es ihnen mangelt, ist der Geist der Verallgemeinerung und die revolutionäre Leidenschaft.“ Diese Erklärung des Generalrats der Internationale enthält sowohl ein wahres, als auch ein falsches Bewusstsein einer Epoche. Von einem sozialen Standpunkt aus gesehen war England immer ein Rätsel gewesen: Das Land, das die modernen Bedingungen der Ausbeutung hervorgebracht hatte und das entsprechend als erstes große Massen von Armen hervorbrachte, ist auch das Land, in dem die Institutionen seit nunmehr drei Jahrhunderten unverändert geblieben sind und das niemals von einem revolutionären Angriff erschüttert worden ist.

Bereit für die Barrikaden

Das ist es, was England von den Nationen des europäischen Kontinents trennt und der marxistischen Konzeption einer Revolution widerspricht. Kommentatoren haben versucht, dieses Rätsel mit einen britischen Atavismus zu erklären, was zu den andauernd wiederholten Lügengeschichten über den reformistischen und theoriefeindlichen Geist der englischen Armen geführt hat, verglichen mit dem radikalen Bewusstsein, das die Armen Frankreichs antrieb, die immer bereit waren, auf die Barrikaden zu gehen. Diese Art von ahistorischer Sichtweise scheitert daran, sich an die theoretische Fülle während der Jahre des Bürgerkriegs im 17. Jahrhundert zu erinnern und vergisst die Beharrlichkeit und Gewalt, die die sozialen Kämpfe der englischen Armen immer ausgemacht haben und die sich seit Mitte dieses Jahrhunderts immer mehr ausgeweitet haben. Tatsächlich lässt sich das Rätsel wie folgt lösen: Die Revolte der Armen hängt immer davon ab, was sie bekämpft.

In England führten die herrschenden Klassen ihr Unterfangen der Domestizierung durch die brutale Kraft eines sozialen Mechanismus und ohne blumige Phrasen durch. Englische Historiker*innen bedauern häufig, dass die „industrielle Revolution“ nicht von einer „kulturellen Revolution“ begleitet wurde, die die Armen in den „industriellen Geist“ integriert hätte (solche Überlegungen häuften sich in den 70ern, als die großflächigen wilden Streiks ihre Schärfe enthüllten).

In Frankreich war die bourgeoise Konterrevolution vor allem theoretischer Natur; Herrschaft wurde durch Politik und Gesetze ausgeübt, „diesem Wunder, das die Menschen seit 1789 in einem Zustand des Missbrauchs gefangen hält“ (Louis Blanc). Diese Prinzipien repräsentierten ein universelles Projekt, das den Armen versprach teilzuhaben, wenn sie dessen Modalitäten zu den ihren machen würden. Um 1830 herum ernannte sich ein Teil der Armen zu ihrem Sprachrohr. Sie forderten, dass „man den Menschen, die erniedrigt worden sind, ihre bürgerliche Würde zurückgeben müsse“ (Proudhon). Ab 1848 wurden die gleichen Prinzipien im Namen der „Republik der Arbeit“ gegen die Bourgeoisie ins Feld geführt. Und es ist allgemein bekannt, in welchem Ausmaß dieser Ballast von 1789 eine Rolle in der Niederschlagung der Pariser Kommune spielte.

Dieses soziale Projekt zerfiel im 19. Jahrhundert in zwei Teile. In England, der Metropole des Kapitals, konnten die sozialen Kämpfe nicht zu einem vereinten Angriff verschmelzen, sie wurden zu Zerrbildern, die auf einer Ebene der „ökonomischen“ Kämpfe blieben. In Frankreich, der Wiege des Reformismus, blieb dieser vereinte Angriff in einer politischen Form gefangen, und überließ somit das letzte Wort dem Staat. Das Geheimnis des Fehlens einer revolutionären Bewegung jenseits des Ärmelkanals ist also identisch mit dem Geheimnis der Niederlage der revolutionären Bewegungen auf dem Kontinent.

Wir haben den Beginn eines Prozesses beschrieben, der nun seine Vollendung erreicht. Die klassische Arbeiterbewegung ist definitiv in die Zivilgesellschaft integriert und ein neues Projekt der industriellen Domestizierung hat seinen Anfang genommen. Heute werden die Pracht sowie die Grenzen der Bewegungen der Vergangenheit – die bis heute die sozialen Bedingungen in jeder Region dieser Welt bestimmen – ans Licht gebracht.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Leopold Roc. Industrial Domestication. Industry as the Origins of Modern Domination. Die Übersetzung folgt dem Reprint von Quiver Distro. Ursprünglich erschien der Text in der Zeitung Fith Estate. Überarbeitet anhand des französischen Originals: Léopold Roc: La domestication industrielle. Ursprünglich veröffentlicht in: Os Cangaceiros N° 3, Juni 1987, und der deutschen Übersetzung “Die industrielle Domestizierung” erstmals erschienen im September 2013 in “Os Cangaceiros – Ein Verbrechen namens Freiheit” bei Cumbula Velifera & Unruhen Publikationen.

 

Anmerkungen
[1] S. L’Incendie millénariste, S. 233-258. [Die Millenaristischen Bewegungen, die in Europa vor allem vom 13. bis zum 17. Jahrhundert aktiv waren, versuchten ein Goldenes Zeitalter oder einen Gnadenstand im realen Leben zu verwirklichen. Sie entwuchsen einem messianischen Christentum, das die zeitliche Autoritäten – die Kirche und den Staat – als Antichristlich betrachtete und sie für ein Hindernis der Ankunft des Milleniums hielt, des 1000-jährigen Reiches Christi auf Erden. Seine Anhänger*innen prangten ökonomische, sexuelle, religiöse und bürgerliche Tabus an und nutzten eine Vielzahl an Taktiken – einige davon waren gewaltsam – um ihre Utopie zu erreichen. (Siehe auch Norman Cohn, Auf den Spuren des Millenarismus, eine aufregende und akkurate, wenngleich konservative Sicht auf diese Ära.) Anm. d. Übs.]

[2] Als Levellers wurden die Angehörigen einer frühdemokratischen, politischen Bewegung in England bezeichnet, die ihren stärksten Einfluss während des Bürgerkriegs (1642–1649) ausübte. Die Levellers engagierten sich für eine demokratische und freie Gesellschaft, für vollständige Religionsfreiheit sowie für die Abschaffung der Stände und für Gleichheit vor dem Gesetz.

[3] Ein bezeichnendes Beispiel: die Arbeiterkirche, 1891 in Manchester gegründet, hatte als einzige Funktion die Arbeiter*innen aus dem Norden dazu zu bringen, einer unabhängigen Arbeiterpartei beizutreten. Danach verschwand sie.

[4] Industrialism & Domestication, Black Eye Press, Berkeley, 1979.

Der Mensch ist dem Menschen ein Virus?! – Ein Wutanfall über den erneuten Lockdown und seine Verteidiger

Papa erteilt mal wieder Hausarrest

Papa ist alles mal wieder nicht streng genug, und zu unserem Besten muss er halt mal wieder hart durchgreifen: Deutschlands Vorzeige-Elter Markus Söder schickt seine Kinder mal wieder (natürlich als Erster) in Hausarrest. Ab Mittwoch dürfen Leute wieder einmal nur „mit triftigem Grund“ ihr Zuhause verlassen, teilweise – bei entsprechendem Inzidenzwert – sogar zwischen 21 Uhr und 5 Uhr gar nicht mehr. Außerdem gilt allgemein ein Alkoholverbot (damit übrigens auch ein Glühwein-Verbot) auf öffentlichen Plätzen. Nur an den Weihnachtsfeiertagen sollen die neuen Maßnahmen im „christlichen Familienland Bayern“ gelockert werden, insbesondere für „den Besuch der Christmette“. An Sylvester jedoch, dem „Fest der Freunde“, soll es keine Ausnahme geben. Eigentlich alles wie beim ersten Lockdown, außer dass dieses Mal die Geschäfte geöffnet bleiben. Klar, denn das Weihnachtsgeschäft will man nicht gefährden und was sicher eine Lektion aus dem ersten Lockdown ist, ist, dass man den Leuten die Möglichkeit lassen muss, sich zuhause durch den Konsum von unterschiedlichsten Gütern zu beschäftigen, damit sie nicht komplett durchdrehen. Lediglich strengere Kontrollen der Kundenanzahl in größeren Geschäften soll es geben, zum Leidwesen aller Ladendiebe. Zwar müssen diese Pläne am Dienstag noch vom Landtag abgesegnet werden, doch das sollte wohl nur eine Formsache sein. Denn selbst die Opposition – wie auch schon beim ersten Lockdown – steht hinter der Regierung, auch wenn sie, wäre sie selbst an der Macht, gerne noch strengere Maßnahmen durchsetzen würde: So schwebt beispielsweise irgendeiner SPD-Schnepfe eine „generelle Maskenpflicht“ auf der Straße vor, eine andere forderte Betriebsschließungen über die Weihnachtsferien und wies darauf hin, dass sie all das, was Söder jetzt verkündet hat, bereits früher durchgesetzt hätte.

Die Digitalisierung als Basis für den Umbau zum permanenten Lockdown

Wieder einmal werden wir „zu unserem Besten“ eingesperrt. Doch auch wenn wir damit nun zum zweiten Mal ganz offiziell das Haus  nicht mehr verlassen dürfen (außer in dringenden Fällen) und uns auch sonst alles verboten wurde, das Spaß macht, wurde nun bereits das ganze letzte Jahr, seit Beginn der „Krise“, damit begonnen, ein ganzes soziales Miteinander nachhaltig umzubauen. Angesichts einer Pandemie scheint es für die diejenigen, die über uns herrschen, nur eine Antwort zu geben: sich in autoritären Maßnahmen gegenseitig zu überbieten. Und jeden Menschen so weit wie möglich voneinander zu trennen, sodass eine Ansteckung minimiert werden kann.

In der Logik derjenigen, die die Art und Weise, auf die unsere Gesellschaft funktioniert, auf jeden Fall aufrechterhalten wollen, ist das durchaus nachvollziehbar. Denn in der heutigen Zivilisation kann eine Pandemie eine potenziell dramatische Wirkung entfalten. Wir leben in einer hochtechnologisierten, globalisierten Welt, in der Menschen in Megastädten, in Fabriken und Großraumbüros zusammengepfercht sind, in der wir in immer ähnlicheren, sterilen Lebensbedingungen leben, die für ein Virus ideal sind, und in der „wichtige Geschäftsleute“ durch die ganze Welt jetten, um ihre Geschäfte zu machen. Ein Virus kann sich da rasend schnell verbreiten. Die Lösung derjenigen, die maßgeblich dafür verantwortlich sind der Welt das Aussehen zu verpassen, das sie heute hat: die Flucht nach vorn. Beziehungsweise die Flucht in die virtuelle Realität. Digitalisierung gilt als Zauberformel zur Bekämpfung von Epidemien. Wer glaubt, dass Home Office und Zoom-Meetings nur vorübergehende Phänomene sind, die spätestens mit „Durchimpfung“ der Bevölkerung ein Ende nehmen werden, hat noch nicht verstanden, was sich hier gerade abspielt: „Daheim bleiben. Einfach daheim bleiben, Kontakte reduzieren, Kontakte vermeiden“ ist nicht nur die „Überschrift von allen“ Maßnahmen, die in Bayern vorerst bis zum 5. Januar gelten, sondern auch langfristig das Ziel, um künftige – eventuell auch tatsächlich fatale – Pandemien zu vermeiden. Wozu sich auch im Real Life treffen, wenn angeblich derselbe Spaß auch ohne Infektionsrisiko digital stattfinden kann?

Digitalisierung bedeutet auch eine Erleichterung sozialer Kontrolle. Corona-Warn-App, Drohnenüberwachung, Online-Meetings, etc. ermöglichen eine Überwachung der Menschen, ohne dass an jeder Straßenecke eine Straßensperre durch die Polizei oder das Militär aufgestellt werden muss. Dass diese Gesellschaft ein Knast ist, wurde einem in diesem Jahr eindrucksvoll vor Augen geführt, und es wurde noch nie so offen mit den Vorzügen einer generellen Einsperrung der Menschen geliebäugelt. „Das in sich geschlossene Knast-System hat in Zeiten der Krankheit durchaus Vorteile“, schämte sich beispielsweise die SZ nicht, im Mai in Hinblick auf Corona lobend zu bemerken. Und noch nie wurden autoritäre Regime wie beispielsweise China so positiv hervorgehoben.

Ein Schlag ins Gesicht derjenigen, die sich an die Spielregeln halten

Aber warum so eine harte Verhaltenskontrolle? Wieso reicht ein „Appell an die Eigenverantwortung“ nicht, sondern braucht es auch „Leitplanken“, um Söders Worte zu gebrauchen? Weil es eben auch Uneinsichtige gibt, die nicht ohne Weiteres akzeptieren, zuhause eingesperrt zu werden (wenn sie denn überhaupt ein Zuhause haben), die verantwortungsloserweise lieber leben wollen und dabei eine Ansteckung riskieren, als sich zuhause lebendig zu begraben, die lieber im leidenschaftlichen Verkehr mit anderen Menschen, unkontrolliert und unhygienisch, den Tod riskieren als im goldenen Käfig der eigenen Wohnung Stück für Stück an Vereinsamung zu verenden. Die auch nicht das Problem darin sehen, dass Menschen einander nah sind, einander berühren und in körperlichen Austausch treten, sondern im Kapitalismus, im Staat, in der Zivilisation, in all diesen Institutionen, für die jedes Individuum nur eine zu verwaltende Fallzahl ist, die im Sinne der Mechanismen einer globalisierten und technologischen Welt kontrolliert werden muss, damit das ganze System funktioniert.  Die aktuellen Strukturen müssen sich in der Lage zeigen, mit einer Pandemie oder sonstigen Krisen umzugehen, damit die Leute nicht auf die Idee kommen, die Institutionen zu zerstören, die einen erst in eine solche Lage bringen.

Sollten die hier vorgeschlagenen Maßnahmen zur Eindämmung und Kontrolle der Covid-19-Epidemie nicht greifen, könnte im Sinne einer „Kernschmelze“ das gesamte System in Frage gestellt werden. Es droht, dass dies die Gemeinschaft in einen völlig anderen Grundzustand bis hin zur Anarchie verändert.

Diese Sorge drückte ein Strategiepapier des Bundesinnenministeriums aus, das bereits Mitte März verfasst wurde und das das Bundesinnenministerium Ende April, nachdem es bereits vorher geleakt worden war, selbst veröffentlichte.

Der Mensch ist dem Mensch ein Virus?

„Ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die sich an die Regeln halten“, sei das Verhalten derjenigen, die sich nicht zuhause einsperren lassen, rügte ein Kommentator in einer Münchner Lokalzeitung Leute, die eine Party gefeiert hatten. Wer sich nicht an die Regeln halte, töte mit jedem Atemzug ganz viele Menschen. Das versuchen mir die Institutionen zu verkaufen, die für den Tod so vieler Menschen verantwortlich sind, sei es durch Krieg, Umweltzerstörung und -verschmutzung, durch medizinische Experimente, durch Atomwaffen und Atomkraftwerke, durch Fabrikarbeit, durch Schließung von Grenzen (erinnert sich noch wer an das Massengrab Mittelmeer?), durch Bullen und Militär. Die Institutionen, die unterschiedlichste Lagersysteme zur Massenabfertigung und Verwaltung der Massen eingerichtet haben, die natürlich die Verbreitung eines jeden Virus, aber auch sonstiger potenziell tödlicher oder krank machender Übel befördern, seien es Schulen, Kasernen oder Knäste, seien es Alters- und Pflegeheime, Krankenhäuser, Großraumbüros und Fabriken, Abschiebelager und Asylunterkünfte, öffentliche Verkehrsmittel, Bahnhöfe und Flughäfen. Die bereit sind die Wirtschaft um jeden Preis am Laufen zu erhalten (logisch, denn sonst würde das aktuelle (Wirtschafts-)System auch zusammenbrechen), während sie gleichzeitig „zum Schutz der Menschheit“ bereit sind jegliche soziale Beziehung der Menschen zu zerstören. Denen zur Aufrechterhaltung von „Recht und Ordnung“ jedes Mittel recht ist.

Wenn selbst die Befürworter der Globalisierung, des Kapitalismus, der Technologie, der Zivilisation und des Staates der Meinung sind, dass all dies nur mithilfe von „Social Distancing“ aufrechterhalten werden kann, worauf warten wir dann noch, all diese Scheiße endlich zu zerstören? Und zwar nicht nur Home Office, die Corona-App und die „AHA-Regel“, sondern auch gleich die Institutionen, die uns auch schon „vor Corona“ das Leben zur Hölle gemacht haben?

 

Corona und der Totalitarismus des Technologischen

Lesezeit: 13:12 min.

Die reale Welt zu spiegeln und den Menschen die digitale Kopie dieser Spiegelwelt (David Gelernter nannte das Anfang der 1990er Jahre Mirror World, wenn ich mich nicht irre) nicht nur als eine bequeme Alternative zu präsentieren, sondern vor allem auch als eine bereichernde Perspektive auf diese Welt, die diese „noch lebhafter“ erstrahlen lässt und die es einer*m vor allem erlaubt, die modellierte reale Welt mit einem Mausklick, einem Tastendruck oder einem Wisch über den Bildschirm zu manipulieren, diese Vision durchzieht die Geschichte der Computer und des Internets wie ein roter Faden. Egal ob wir von Virtual-Reality-Brillen, Lifestreams, Videochats, Online-3D-Karten oder dem bei den bürokratischsten Institutionen abgeschauten UNIX-Motto „Everything is a File“ („Alles ist eine Datei“ bzw. etwas freier „Alles ist eine Akte“) sprechen, all diese Entwicklungen versuchen nichts anderes, als eine solche Spiegelwelt zu erschaffen, bei der der Mensch nicht mehr selbst mit seiner Umwelt und anderen Menschen in Beziehung tritt, sondern sich seine Beziehungen bloß noch durch jenen Kanal, den Monitor, Glasfaserleitungen, Funknetze, usw. eröffnen.

Lange Zeit konnte man solche Visionen von Spiegelwelten, Visionen davon, dass der Mensch morgens nicht einmal mehr um zur Arbeit zu gehen, das Haus verlassen muss (Bill Gates), als mehr oder weniger absurde Gedankenspiele oder angesichts der offensichtlich reizlosen Abbildungen der Realität in den Gefilden des Digitalen als gelebten Science-Fiktion-Fetisch irgendwelcher Nerds abtun. Aber während die von den Visionären dieser Spiegelwelt-Zukunft verheißenen Fantastereien langsam aber sicher erst die Wissenschaftswelt, dann die Geschäftswelt und die Unterhaltungswelt eroberten, hätte man vielleicht erkennen können, dass von diesen Visionen eine reale Gefahr ausgeht, eine Gefahr für die Welt vor dem Spiegel. Es ist ja auch nicht so, dass das keine*r erkannt hätte. 1993 etwa erhielt David Gelernter, der nicht nur von der Spiegelwelt schwärmte, sondern auch daran arbeitete sie umzusetzen, eine Briefbombe. Mit Grüßen vom Freedom Club. Und weder war er damals der einzige, der unliebsame Post bekam, noch verschickten alle, die seiner Vision und der so vieler anderer Computerenthusiast*innen etwas entgegensetzen wollten, Briefbomben.

Aber auch wenn es tausende Sabotageversuche gegen die Etablierung der weltumfassenden Spiegelwelt namens Internet gab und auch heute noch immer gibt, so muss man realistischerweise heute doch anerkennen, dass es sie gibt, diese Spiegelwelt, dass wir alle in ihr Gefangene sind und dass das Spiegelbild sich anschickt, sein Original abzuschaffen, bzw. vielmehr die Wirkungsweise der Spiegelung umzukehren. Seit Jahrzehnten haben sich die Computertechnologien ausgebreitet, haben einen Lebensbereich nach dem anderen erfasst und ihrer Logik unterworfen. Haben bequeme sowie in höchstem Grade unkomfortable Kommunikationsmethoden etabliert und sich erst unmerklich, dann immer präsenter Raum im Leben der Menschen erobert. Dabei ist es kaum verwunderlich, dass es bei all dem immer darum ging, einzelne Aspekte des Lebens kontrollierbar zu machen oder jene, die sich als mit diesen Technologien unkontrollierbar herausstellen, durch andere Mechanismen abzulösen.

Ein einfaches Beispiel ist der Zahlungsverkehr, der sich in den letzten Jahrzehnten rasant verändert hat. Weil sich Bargeld zumindest nicht in dem Maße kontrollieren lässt, wie das mit digital erfassten Finanzströmen der Fall ist, wurden von verschiedenen Akteur*innen, die sich durch diese Entwicklungen allesamt einen eigenen Anteil an der aus ihnen resultierenden Kontrolle versprechen, digitale Zahlungsmethoden entwickelt und etabliert. Vom Online-Banking, das zunächst einfach bequemer wirkte, als der Gang zum Bankschalter, war es nur ein kleiner Schritt zu den vielen Online-Bezahlmethoden, mit denen heute die Bestellungen bei den Online-Geschäften bezahlt werden. Durch Kartenzahlungsterminals in so gut wie jedem Geschäft, die einer*m den Gang zur Bank „abnehmen“, war es nur ein kleiner Schritt hin zu Formen des kontaktlosen Bezahlens und warum nun nicht gleich via Ausweis oder Smartphone bezahlen? Was für die einen, die, die sich mit Freuden an die Regeln halten, weil sie auf die ein oder andere Art und Weise eben auch immer in ihrem Sinne waren, die Bequemlichkeit vergrößert, ist für diejenigen, die diese Regeln immer auf verschiedenen Wegen zu umgehen versuch(t)en zum Problem geworden. Größere Barzahlungen werden heute als etwas anrüchiges angesehen, ja mittlerweile ist es sogar staatlich verboten, Transaktionen über einem bestimmten Wert in Bar abzuschließen. Und auch wenn selbst die Corona-Pandemie hier bislang nicht dazu geführt hat, dass man selbst im Supermarkt komisch angesehen wird, wenn man in bar bezahlen will, so mag das nur noch eine Frage der Zeit sein, wenn man bedenkt, dass schon die ein oder andere Debatte darüber geführt wurde, das Bargeld unter Vorwand der Übertragung von Krankheiten durch es, ganz abzuschaffen.

Aber das ist nur ein Beispiel, es gibt ihrer mittlerweile tausende. Seit Jahren etwa gibt es Angebote für Videotelefonie, die sich aber außer in bestimmten Hipster- und Businesskreisen höchstens einer einmaligen Neugier erfreut haben. Und doch sprechen heute alle von zoom. Von zoom Kaffekränzchen, dem (gem)einsamen zoom Abendessen, zoom Unterricht, zoom Kaffeepausen, zoom Schach, usw. Aber auch hier ist es nicht die Bequemlichkeit, die schließlich zur Akzeptanz von zoom und auch anderen Lösungen geführt hat, mit denen es ja doch niemals gelingen wird, eine sich real anfühlende Unterhaltung zu führen, sondern vor allem ein initiales Moment, der Lockdown und seine scheinbare Alternativlosigkeit, das diese Akzeptanz geschaffen hat. Was sich hier nun an unzähligen Beispielen durchexerzieren ließe, lässt sich meines Erachtens nach auf eine simple Formel bringen: Computertechnologien haben in den letzten Jahrzehnten dabei geholfen, beinahe jeden Lebensaspekt in einer digitalen Spiegelwelt nachzubilden. Auf einer Ebene, die dabei jedoch kaum imstande ist, unseren tiefen Beziehungen zueinander und zu der uns umgebenden, realen Welt auch nur annähernd gerecht zu werden. Und auch wenn diese Spiegelwelten bislang immer nur partiell genutzt wurden, so ist es mithilfe des globalen Lockdowns gelungen, ihre flächendeckende Verbreitung mit einem Schlag umzusetzen.

Und wer dabei glaubt oder immerhin hofft, dass dies eine temporäre Entwicklung sei, die*der scheint mir doch zumindest naiv zu sein. Wer von der Welt der sozialen Medien ersteinmal gefangen genommen wurde, deren*dessen Innenleben schien auch bisher immer weiter abzuflachen. Da mag es auch noch so viele Emojies geben. Schließlich lässt sich das eigene Empfinden ebensowenig in einem „Like“ einfangen, wie in einem „Facepalm“. Oder vielleicht doch? Manchmal habe ich den Eindruck und ich halte das auch nicht für besonders abwegig, dass das nur eine Frage der Domestizierung ist. Empfindensweisen sind auch außerhalb sozialer Netzwerke sehr stark von einem sozialen Kontext geprägt und bestimmt. Es gibt Empfindungsweisen, die anerkannt sind und solche, die es nicht sind. Und manche Empfindungen sprengen jeglichen sozialen Rahmen. Nicht selten werden sie als Geisteskrankheiten gebrandmarkt und mit roher (medikamentöser) Gewalt in psychiatrischen Einrichtungen unterdrückt. Und das, man kann es nicht verhehlen, mit einigem Erfolg. Denn auch wenn es hier und dort immer gewisse Reibungen gibt, scheint das Empfinden einer überwiegenden Mehrheit der Menschen zumindest die meiste Zeit mit den sozialen Normen konform zu verlaufen. Warum sollte sich die nur verhältnismäßig große Komplexität des Empfindens einer Welt vor Facebook, Whatsapp, Instagram, und wie diese Spiegelwelten alle heißen, nicht auch mit dem allgemeinen Ersatz von Empfindungen durch Emojies noch weiter abflachen lassen. Und wie das mit den individuellen Empfindungen ist, so ist das auch mit den sozialen Beziehungen. Wer kann von sich behaupten über Whatsapp und Co. – und da ist freilich auch jede angeblich ach so „sichere“ Alternative nicht ausgenommen – überhaupt irgendeine tiefgehende soziale Beziehung zu führen? Und schon gar nicht, wenn Text- und Sprachnachrichten und vielleicht eine gelegentliche Videotelefonie nun die einzigen Kontaktmöglichkeiten sein sollen. Und doch werden viele schon in wenigen Monaten, wenn das nicht vielfach bereits heute der Fall ist, von sich sagen, dass eben jene Beziehungen, die über irgendeinen Bildschirm vermittelt werden, die tiefgehendsten und wichtigsten Beziehungen in ihrem Leben sind. Es gibt ja (dann) für sie auch keine anderen mehr. Und ebenso wie einige schon vor langem vielleicht vergessen (oder es nie erlebt) haben, wie es auch ohne Smartphone, ja sogar ohne Handy möglich ist, einander zu treffen, so werden auch die tiefgehenden Beziehungen, die man vielleicht vor dem Lockdown noch zu anderen Menschen geführt hat, in Vergessenheit geraten. Und man wird sich fragen: Wie haben das die Menschen früher nur gemacht, als es noch kein zoom gab. Aber das ist die gleiche Frage, wie die danach, wie das wohl vor dem Zeitalter der Smartphones, der Handys, der Festnetztelefone, der Briefe, usw. gelaufen ist. Und die Antwort ist ebenfalls die gleiche: Das wirst du erst dann verstehen, wenn du es selbst tust.

Aber geht das überhaupt noch? Lässt sich aus einer Spiegelwelt überhaupt ausbrechen, wenn man erst einmal vollständig in ihr gefangen ist? Auf jeden Fall ist es nicht einfach. Und nur fürs Protokoll, mit „ausbrechen“ meine ich hier nicht irgendwelche Tech-Yuppie Selbstfindungstripps, wie sie unter „digital detox“ seit einigen Jahren ganz besonders dort in sind, wo man ansonsten mit Hochdruck daran arbeitet, immer mehr Menschen mit immer neuen Angeboten in die Gefilde irgendeiner Spiegelwelt zu locken. Nein, unter „ausbrechen“ verstehe ich das, was sich vielleicht vielmehr dort andeutet, wo Menschen, die infolge eines Blackouts oder einer Störung ihres Teils des „Netzes“ aus ihren Wohnungen ins Freie treten, den Blick nicht auf ihr Smartphone gerichtet, sondern sich die Augen reibend, im blendenden Sonnenlicht, das selbst ihre graue Betonumgebung in schillernden Farben erstrahlen lässt. Etwas, das seine Vollendung nicht darin findet, nach einer bestimmten Anzahl von Tagen, endlich die sich aufgestauten E-Mails und Nachrichten abzuarbeiten, sondern im matten Feuerschein der brennenden Tech-Spiegelwelt.

Ich denke, was man verstehen muss, wenn man aus einer Spiegelwelt ausbrechen will, ist, dass diese nicht einfach eine Scheinwelt ist, ein Traum aus dem ich bloß zu erwachen brauche. Nein, auch wenn ich mich hier und dort einer Teilnahme an dieser verweigere, so bedeutet das doch nicht, dass diese nicht auch mein Leben bestimmt. Denn das Problem all der Spiegelwelten da draußen ist, dass es sich bei ihnen eben nicht um Computerspiele handelt, auch wenn letztere eine große Rolle für ihre Entwicklung gespielt haben mögen. Wenn ich in einem Computerspiel, sagen wir in einem Ego-Shooter, eine*n andere*n Spieler*in erschieße, dann wird diese*r schlicht an irgendeinem Ausgangspunkt wiederbelebt. In einer Spiegelwelt ist das nicht so. Und das gilt nicht nur für diejenigen, die von tausende Kilometer entfernten Drohnenpilot*innen vor einem Computerbildschirm ausgelöscht werden. Das gleiche gilt für die Opfer von Wirtschaftskrisen und „Umweltkatastrophen“, die etwa durch eine Fehlfunktion eines Atomkraftwerks ausgelöst werden. Der einzige Unterschied dabei ist vielleicht, dass den Drohnenpilot*innen die Auswirkungen ihrer Handlungen trotz Computerspielambiente auch in der Spiegelwelt noch halbwegs vor Augen gehalten werden. Wer dagegen an Börsen letztlich auf die in irgendeinem Portfolio versteckten Hungersnöte wettet, die*der hat häufig nicht einmal das Kleingedruckte dieser Wette gelesen. Aber es ist ja auch nicht immer der Tod von Menschen, über den leichtfertig mit einem Mausklick oder Tastendruck entschieden wird. Es geht vielmehr um alle denk- und undenkbaren Auswirkungen in der realen Welt.

Und auffällig scheint mir dabei, dass die Spiegelwelten vorrangig von jenen propagiert werden, die jenen, denen der Zugang zu ihnen verwehrt bleibt, auch in der realen Welt ein Leben verunmöglichen. Oder soll man die tägliche Schinderei am Fließband eines Untenehmens bzw. die Plackerei des Auslieferns seiner Produkte an die Spiegelweltler, jene Aktivitäten eben, die vorerst realweltlich bleiben, als Leben bezeichnen? Ebensowenig wie die Freiheit im Inneren eines der täglichen Amazon-Pakete darauf wartet, ausgepackt zu werden, liegt sie darin, die stattdessen abgepackten Ersatzprodukte für ihre Besteller*innen zu erzeugen, zu verpacken oder auszuliefern.

Jene, die uns davon predigen, welche Möglichkeiten uns diese oder jene Spiegelwelt bieten würde, wissen das natürlich. Oder glaubst du beispielsweise Bill Gates, einer der derzeit einflussreichsten Prediger*innen, würde nicht verstehen, von was für einer Welt er den Menschen da vorschwärmt? Eine Welt in der wegen Viren und Klimakrise und was weiß ich, was den alten Bill des Nachts noch alles wach liegen lässt, alle eingesperrt werden, pardon, sich selbst einsperren wenn es nach ihm geht, und nur zu jenen produktiven Zwecken an die frische Luft dürfen, die ihm und seinesgleichen Reichtum und Macht verleihen. In ihren Spiegelwelten, die den Menschen nur als ein weiteres Rädchen im Leibe jenes künstlichen Ungetüms betrachtet, das in Zukunft nicht nur die Erde unterjochen würde, sondern auch benachbarte Planeten, ist Freiheit für keine*n anderen als dieses Ungetüm selbst denkbar. Auch wenn sie das vielleicht am wenigsten verstehen.

In einer Welt, in der man letztlich höchstens als Postbot*in ins Freie zu treten vermag, mag sich der*die eine oder andere vielleicht auch unwillkürlich des eingangs erwähnten Beispiels von der Briefbombe für den Autoren von Mirror Worlds erinnern. Was wäre auch naheliegender, wo doch auch sonst alles in Paketen seinen Bestimmungsort erreicht? Und wenn es auch nicht die Freiheit sein mag, die da im Inneren eines Päckchens zwischen den täglichen Amazon-Bestellungen vor sich hin schlummert, so wäre es doch vielleicht ein Schritt in ihre Richtung.

Aber besser noch, als sich nur der Tyrannen der Spiegelwelten zu entledigen, wäre doch, wir würden nicht zögern, auch den Spiegel ein für alle Mal zu zertrümmern, der hier freilich statt aus Glas aus Glasfasern und Funkwellen besteht.


PS: Und wo der*dem ein oder anderen Feminist*in vielleicht aufgefallen sein mag, dass es ja die Bill & Melinda Gates Stiftung sei und ich hier in chauvinistischer Manier den weiblichen Part verschwiegen habe, da möge sie*er doch gerne einspringen und zu Weihnachten auch der Melinda ein Päckchen schicken.

PPS: Und wo nun sicherlich irgendwer bereit steht, zu betonen, dass ich hier ganz fürchterlich „abgeschwurbelt“ (?!) hätte und der liebe Bill und die liebe Melinda nun wirklich nicht als einzige Weihnachtspost verdient hätten, so bin ich ganz deiner Meinung. Und ich bin mir weiterhin sicher, dass der Weihnachsmann etwas Hilfe dabei gebrauchen könnte, seine Päckchen an die richtigen Adressat*innen zu verteilen.

PPPS: Und für all diejenigen, die einen Text von solcher Länge nicht leicht verdauen können, gibt es hier auch eine freilich reduktionistische Zusammenfassung als Internetmeme:

Siehe auch den Nachtrag „Über Tyrannenmorde und Briefbomben“ (Zündlumpen #081) zu diesem Artikel.

Die Maschine stoppt (Auszug)

Stellt euch, wenn ihr könnt, einen kleinen Raum vor, sechseckig, wie die Wabe eines Bienenstocks. Er wird weder durch ein Fenster noch durch eine Lampe erleuchtet, jedoch ist er von einem sanften Leuchten erfüllt. Es gibt keine Lüftungsschlitze, doch ist die Luft frisch. Es gibt keine Musikinstrumente, und doch, in dem Moment, in dem meine Betrachtung ihren Anfang nimmt, ist dieser Raum mit melodischen Klängen durchpulst. In der Mitte befindet sich ein Armsessel, an seiner Seite steht ein Lesepult – das ist die Möblierung des Zimmers. Und in diesem Armsessel sitzt in Tücher gewickelt ein fleischiger Klops Frau, etwa 1,50 Meter groß, mit einem Gesicht so weiß wie ein Pilz. Ihr gehört der kleine Raum.

Eine elektrische Klingel ertönte.

Die Frau berührte einen Schalter und die Musik erstarb.

„Ich denke, ich sollte sehen, wer das ist“, dachte sie und setzte ihren Sessel in Bewegung. Der Sessel, wie die Musik, funktionierte mechanisch und er rollte auf die andere Seite des Raums, wo die Klingel immer noch aufdringlich läutete.

„Wer ist da?“, fragte sie. Ihre Stimme war gereizt, denn sie war oft unterbrochen worden, seit die Musik begonnen hatte. Sie kannte mehrere tausend Menschen, auf gewissen Ebenen hatten menschliche Beziehungen enorme Fortschritte gemacht.

Aber als sie in den Hörer lauschte, verzog sich ihr weißes Gesicht zu einem Lächeln und sie sagte:

„Sehr gut. Lass uns reden, ich isoliere mich selbst. Ich erwarte nicht, dass in den nächsten fünf Minuten irgendetwas Wichtiges passieren wird – denn fünf volle Minuten kann ich dir widmen, Kuno. Danach muss ich meine Vorlesung über „Musik während des australischen Zeitalters“ halten“.“

Sie berührte den Isolationsknopf, sodass niemand anderes mit ihr reden konnte. Dann berührte sie den Erleuchtungsapparat und der kleine Raum wurde in Dunkelheit getaucht.

„Beeil dich!“, sagte sie, denn ihre Gereiztheit kehrte zurück. „Beeil dich, Kuno; ich sitze hier im Dunkeln und verschwende meine Zeit.“

Aber es dauerte noch ganze fünfzehn Sekunden, ehe die runde Scheibe, die sie in ihren Händen hielt, zu glühen begann. Ein schwaches blaues Licht blitzte kurz darin auf, das sich in ein dunkles Violett verwandelte und dann konnte sie das Bild ihres Sohnes erkennen, der auf der anderen Seite der Erde lebte, und er konnte sie sehen.

„Kuno, wie langsam du bist.“

Er lächelte ernst.

„Ich glaube wirklich, dass du Spaß daran hast herumzutrödeln.“

„Ich habe bereits mehrmals versucht angerufen, Mutter, aber du warst immer entweder beschäftigt oder isoliert. Ich habe dir etwas Besonderes zu sagen.“

„Was ist es, liebster Junge? Beeil dich. Warum konntest du es nicht per Rohrpost schicken?“

„Weil ich es bevorzuge so etwas zu sagen. Ich will…“

„Ja?“

„Ich will, dass wir uns sehen.“

Vashti betrachtete sein Gesicht in der blauen Scheibe.

„Aber ich sehe dich doch!“, rief sie aus. „Was willst du mehr?“

„Ich will dich nicht durch die Maschine sehen,“ sagte Kuno. „Ich will nicht mit dir durch die ermüdende Maschine sprechen.“

„Still!“, sagte seine Mutter leicht schockiert. „Du darfst nichts gegen die Maschine sagen.“

„Warum nicht?“

„Man darf es eben nicht.“

„Du sprichst als hätte ein Gott die Maschine erschaffen“, rief ihr Gegenüber aus. „Ich wette, dass du zu ihr betest, wenn du unglücklich bist. Menschen haben sie gemacht, vergiss das nicht. Große Menschen, aber Menschen. Die Maschine ist viel, aber nicht alles. Ich sehe etwas in der Scheibe, das dir ähnelt, aber ich sehe nicht dich. Ich höre etwas, das dir ähnelt, aber nicht dich. Das ist der Grund dafür, dass ich gerne hätte, dass du kommst. Statte mir einen Besuch ab, so dass wir einander von Angesicht zu Angesicht sehen und über die Hoffnungen reden können, die mir auf dem Herzen liegen.“

Sie entgegnete, dass sie kaum die Zeit für einen Besuch entbehren konnte.

„Das Luftschiff braucht keine zwei Tage, um von dir zu mir zu fliegen.“

„Ich mag Luftschiffe nicht.“

„Warum nicht?“

„Ich mag es nicht, diese schrecklich braune Erde zu sehen, das Meer und die Sterne, wenn es dunkel ist. Ich bekomme keine Ideen in Luftschiffen.“

„Ich bekomme nur dort welche.“

[…] Er brach ab und sie vermutete, dass er traurig aussah. Sie war sich nicht sicher, denn die Maschine war nicht in der Lage, Gesichtsausdrücke detailliert zu übertragen. Sie übermittelte nur eine relativ allgemein gehaltenes Bild der Leute – ein Bild, das für alle praktischen Zwecke vollkommen ausreichend war, dachte Vashti. Das undurchdringliche Blühen, das eine diskreditierte Philosophie zur eigentlichen Essenz menschlicher Begegnung erklärte hatte, wurde zu Recht von der Maschine ignoriert, so wie auch das undurchdringliche Blühen einer Traube von den Herstellern künstlicher Früchte ignoriert wurde. Etwas „Ausreichendes“ ist seit langem von unserer Spezies akzeptiert worden.

„Die Wahrheit ist“, fuhr er fort, „dass ich die Sterne wiedersehen will. Das sind eigentümliche Sterne. Ich will sie nicht vom Luftschiff aus sehen, sondern von der Erdoberfläche, so wie es unsere Vorfahren getan haben, vor tausenden von Jahren. Ich möchte die Erdoberfläche besichtigen.“

Sie war wieder schockiert.

„Mutter, du musst kommen, und sei es nur, um mir zu erklären, was es schaden kann, die Erdoberfläche zu besichtigen.“

„Es schadet nicht“, entgegnete sie und versuchte sich unter Kontrolle zu behalten. „Aber du hast auch keinen Gewinn. Die Erdoberfläche ist nur Staub und Schlamm, es gibt auf ihr kein Leben mehr und du würdest ein Beatmungsgerät brauchen, sonst tötet dich die Kälte der Außenluft. Man stirbt sofort in den Außenluft.“

„Ich weiß; natürlich würde ich alle nötigen Vorsichtsmaßnahmen treffen.“

[…] Sein Bild in der blauen Scheibe erlosch.

„Kuno!“

Er hatte sich in Isolation begeben.

Für einen Moment fühlte Vashti sich einsam.

Dann ließ sie Licht erstrahlen, und der Anblick ihres Zimmers, glänzend und vollgestopft mit elektronischen Knöpfen, belebte sie. Es gab überall Knöpfe und Schalter – Knöpfe, um Essen, Kleidung oder Musik zu bestellen. Es gab den Heißbad-Knopf, der, wenn man ihn drückte, einen Wanne aus rosa Marmor(-imitat) aus dem Boden fahren ließ, das bis oben hin mit einer heißen parfümierten Flüssigkeit gefüllt war. Es gab auch einen Kaltbad-Knopf. Es gab einen Knopf, der sie mit Literatur versorgte, und es gab natürlich die Knöpfe, mithilfe derer sie mit ihren Freunden kommunizierte. Der Raum, auch wenn er nichts enthielt, war in Kontakt mit allem, das ihr in der Welt am Herzen lag.

Vashtis nächste Bewegung betätigte den Isolationsschalter, und alles, was sich die letzten drei Minuten angestaut hatte, brach über sie herein. Der Raum war vom Lärm von Klingeln und Sprachnachrichten erfüllt. Wie fand sie das neue Essen? Konnte sie es empfehlen? Hatte sie in letzter Zeit neue Ideen? Hätte sie Interesse an den Ideen anderer? […]

Sie schaltete all ihre Korrespondenten aus, denn es war Zeit für ihre Vorlesung. Das täppische System sich öffentlich zu versammeln, war seit langem aufgegeben worden; weder Vashti noch ihr Publikum bewegten sich aus ihren Räumen. Sie sprach, bequem in ihrem Sessel sitzend, und andere, die ebenfalls in ihren Sesseln saßen, hörten und sahen sie – gut genug. […] Ihre Vorlesung, die zehn Minuten dauerte, kam gut an, und danach lauschten sie und viele ihrer Zuhörer einer Vorlesung über das Meer […]. Dann aß sie, sprach mit vielen Freunden, nahm ein Bad, plauderte wieder, und rief ihr Bett. […]

Sie verdunkelte ihr Zimmer und schlief; sie erwachte und erhellte den Raum; sie aß und tauschte mit ihren Freunden Ideen aus, hörte Musik und besuchte Vorlesungen; sie verdunkelte den Raum und schlief. Über ihr, neben ihr, um sie herum, summte die Maschine ewiglich; sie bemerkte den Lärm nicht, denn sie war mit diesem Geräusch in den Ohren geboren worden. Die Erde, die sie trug, summte, während sie durch die Stille sauste und sie mal zur unsichtbaren Sonne und mal zu den unsichtbaren Sternen drehte. Sie erwachte und erhellte den Raum.

„Kuno!“

„Ich werde nicht mit dir sprechen“, antwortete er, „bis du zu mir kommst.“

Auszug aus „The Machine Stops“ (1909) von E. M. Forster

Eingeimpft

Eine kleine Sammlung von etwas anderen Geschichten über Bazillen, Impfungen und ihre sozialen Kontexte

Mit großer Ungeduld warten dieser Zeit so einige auf die erlösende Impfung. Immer wieder haben Politik und Pharmaunternehmen Verheißungen von einem kurz vor der „Zulassung“ stehenden Impfstoff laut werden lassen, immer wieder wurden die Erwartungen der Menschen getrübt. Nun ist es wieder einmal soweit. Ein Unternehmen namens BioNTech (ja, wer da an Gentechnik denken muss, liegt verdammt richtig) aus Mainz (nur falls sich jemand für die genaue Adresse interessiert: An der Goldgrube 12, 55131 Mainz – man scheint dort ja big im Business zu sein …) plant einen mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 auf den Markt zu bringen. Das wäre der erste mRNA-Impfstoff der in Europa zugelassen wird, aber es ist ja auch die erste Pandemie, die von dermaßen tiefgreifenden und staatlich forcierten sozialen Umwälzungen begleitet wird. Harte Zeiten erfordern eben harte Maßnahmen, so sagt man doch, oder?

Naja, und während nun vielleicht einige, denen die soziale Einsamkeit der vergangenen Monate beinahe jede Kraft geraubt haben mag den erneuten Lockdown zu überstehen, neuen Mut schöpfen ob dieser Verheißung, will ich ja gar nicht so sein und halte vorerst also meine Klappe dazu. Und um euch in eurem Warten dann immerhin ein wenig die Zeit totschlagen zu helfen, habe ich die Ketzerei gewagt, einige kurze Geschichten aufzuschreiben, die Impfungen in einem etwas anderen Lichte zeichnen, als in dem der großen Erlösung vor todbringender Krankheit … Man wird es ja wohl wenigstens erzählen dürfen, oder nicht?

Robert Koch, die Segregation von Schwarzen und Weißen, die Schlafkrankheit und die Tropenmedizin

Der Protagonist meiner ersten Geschichte ist heute zumindest in Deutschland in aller Munde. Robert Koch. Nach ihm ist eben jenes Institut benannt, von dem wir später noch ganz andere Geschichten zu hören bekommen werden und das in den letzten Monaten vor allem dadurch von sich reden machte, dass es die Einsperrung der Menschen zum Schutz vor Corona-Infektionen empfahl/empfiehlt und wissenschaftlich zu untermauern sucht(e). Robert Koch, der Namensgeber dieses Instituts, wütete zwischen 1843 und 1910 nicht nur in Deutschland, sondern vor allem auch in Kaiser-Wilhelms-Land (Eine deutsche Kolonie auf Neu-Guinea) und Deutsch-Ostafrika (umfasst heute Tansania, Burundi und Ruanda, sowie einen kleinen Teil von Mosambik) und Uganda. Während es zweifellos der Verdienst Robert Kochs genannt werden kann, die beiden Färbemittel Methylenblau und Vesuvin in die richtige Petrischale mit Tuberkulosebakterien gekippt zu haben, womit ihm der wissenschaftliche Nachweis des Tuberkulosebakteriums gelungen war, sind zumindest einige seiner anderen Verdienste von der Natur, die man in der Medizingeschichte am liebsten verschweigen würde.

Als 1899 die Kolonialverwaltung von Kaiser-Wilhelms-Land angesichts zunehmender Malaria-Erkrankungen befürchtete, dass „bei so vielen Kranken […] die Produktion wichtiger Exportgüter wie Kupfer und Kautschuk behindert werden [könne] […] vor allem aber […] auch viele Europäer der Krankheit zum Opfer [fielen]“ [1], entsandte man Robert Koch dorthin, um eine medizinische Strategie für dieses Problem zu finden. Robert Koch empfahl damals „Blutabnahmen und -tests auf breiter Basis“ zu organisieren, um „diejenigen ausfindig [zu machen], die zwar keine Krankheitssymptome zeigten, aber den Malaria-Erreger dennoch in sich trugen“ [1]. Ein Verfahren, das Robert Kochs Nachfolger dieser Tage gerne zur Perfektion bringen würden. Und auch wenn Malaria bis auf Laborunfälle und durch Bluttransfusionen eigentlich nur während der Geburt von der Mutter auf das ungeborene Kind übertragen werden kann, ging Robert Koch wohl davon aus, dass infizierte Menschen eine Bedrohung für nicht infizierte darstellten. Seine Empfehlung, mit Malaria infizierte Personen von jenen fernzuhalten, die nicht mit Malaria infiziert seien, wurde durch Umsiedlungen in die Tat umgesetzt, die letztlich vor allem zu einer Segregation von Schwarzen und Weißen führte, unabhängig davon, wer nun infiziert war und wer nicht.

Kurz nachdem Koch von dieser Expedition nach Deutschland zurückkehrte, machte Koch wieder von sich reden, als er 1890 mit Tuberkulin ein angebliches „Heilmittel“ gegen Tuberkulose präsentierte. Bis heute lässt sich nur schwer nachvollziehen, ob Koch dabei aus Profitinteressen ein Mittel in Umlauf brachte, das statt zu heilen eher Schäden bei den Patient*innen verursachte und sogar Todesfälle hervorrief oder ob er dabei nicht eher Opfer seines eigenen wissenschaftlichen Pfuschs geworden ist. Vielleicht ist es auch eine Mischung aus beidem. Jedenfalls schien er sich einerseits Millionengewinne zu versprechen (entsprechend hielt er die Zusammensetzung seines Mittels auch geheim und konnte sich später auch selbst nicht so ganz entsinnen, was er da überhaupt zusammengeschüttet hatte) und andererseits um die (Neben-)wirkungen seines „Heilmittels“ gewusst zu haben: „Er rief wieder meine Opferwilligkeit und meinen Idealismus, indem er von dem Wert für den Menschen sprach“, berichtete seine spätere Ehefrau Hedwig Freiberger, die Koch damals als 17-Jährige dazu überredete, an ihr Versuche mit Tuberkulin durchführen zu dürfen und fährt dann fort: „Ich könne möglicherweise recht krank werden, aber allzu schlecht würde es ja wahrscheinlich nicht kommen. Sterben würde ich voraussichtlich nicht“. Hedwig Freiberger starb nicht, wohl aber zahlreiche Patient*innen, an denen das Mittel in der Folge getestet wurde. Als Koch aufgefordert wurde, die Meerschweinchen vorzuweisen, die er angeblich in Versuchen mit Tuberkulin geheilt haben wollte, konnte er dies ebenfalls nicht. [2]

Doch einige Jahre später sollte Koch eine weitere Chance bekommen, seine Menschenversuche fortzusetzen. Wieder einmal fürchteten Kolonialmächte um ihre Arbeitskräfte, als im britischen Protektorat Uganda eine Schlafkrankheitsepidemie in wenigen Jahren eine Viertelmillion Menschen tötete. Für Koch scheinbar ein ideales Testfeld, um den Einsatz von chemischen Präparaten an Menschen zu testen, nachdem seine ersten Bestrebungen diesbezüglich in Deutschland auf erhebliche Kritik gestoßen waren. Auf einer der Sese-Inseln errichtete Koch mit seinen Mitstreitern 1906 ein Forschungslager, in dem er seine Experimente durchführen würde. Freilich könne nicht damit gerechnet werden „daß die Kranken sämtlich freiwillig kommen“, schreibt er später und schlussfolgerte „Sie müssen aufgesucht werden“ [1]. Nun, das kennt man ja, wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, dann muss eben der Prophet zum Berg oder wie in diesem Fall der Arzt zu seinem Versuchsobjekt kommen. In Kochs Fachjargon nennt man diese Praxis eben das „Aufsuchen“ eines Kranken. Entsprechend kann man sich dann auch die „Behandlung“ der „Kranken“ in seinem Lager vorstellen: Sein Assistent Friedrich Karl Kleine erläuterte dazu, dass man diese in einer Liste führte und ihnen zu diesem Zweck allen „eine große auf Holz geschriebene Nummer um den Hals“ hängte. Verabreicht wurde ihnen unter anderem Atoxyl, ein arsenhaltiges Präparat, das in den von Koch verabreichten Dosen zu schweren Nebenwirkungen führte. Koch selbst bemerkt dazu folgendes: „Nicht wenige Kranke entzogen sich sehr bald dieser stärkeren Behandlung […] [sie war] zu schmerzlich und [verursachte] auch sonstige unangenehme Empfindungen […], wie Übelkeit, Schwindelgefühl, kolikartige Schmerzen im Leibe“. Aber: „Da diese Beschwerden indessen nur vorübergehend waren, so wurde mit der Behandlung fortgefahren“. Nachdem Koch auf diese Weise eine ganze Reihe an Präparaten getestet hatte, auf deren Testung man in Deutschland bisher bewusst verzichtet hatte, kehrte er nach Deutschland zurück und verkündete dort seinen Plan zur Eindämmung der Schlafkrankheit, der Aufschluss über so einiges in seinem Denken gibt, das Virologen heute übernommen zu haben scheinen:

Afrikaner müssten, so erläuterte er, aus solchen Regionen, in denen die Tsetse-Fliege vorkam, an fliegenfreie Orte umgesiedelt werden. Dort würde eine Ansteckung untereinander unmöglich, und: „[D]ie infizierten Individuen würden dann, da die Sterblichkeit ohne Behandlung eine absolute sei, ausnahmslos zugrunde gehen, damit werde dann die Seuche erlöschen. Die Gesunden könne man nach einer gewissen Zeit – bis die Fliegen ihre Infektionsfähigkeit verloren hätten – wieder an ihren ursprünglichen Wohnsitz zurücklassen.“ („Sitzung“: 935). Koch ging es also nicht in erster Linie um eine Heilung von Kranken, sondern darum, diese von Gesunden fernzuhalten, sie gewissermaßen als Ansteckungsquellen zu „isolieren“.

Dem Mediziner war bewusst, dass sein Plan undurchführbar sein würde. Er hatte ihn lediglich als Utopie formuliert, um seine Zielsetzungen abzustecken. Als praktikablere Variante präsentierte er das Konzept der „Konzentrationslager“ („Sitzung“: 936). Er hatte diesen Begriff der britischen Praxis entlehnt: In Südafrika hatten die Briten sogenannte „concentration camps“ eingeführt, um darin politische Gegner zu inhaftieren, und internierten darin jetzt Kranke. Koch empfahl, in Deutsch-Ostafrika Schlafkrankenlager zu errichten, in denen Infizierte fern von ihren Heimatorten dauerhaft untergebracht würden. Hier sollten sie regelmäßig mit Atoxyl behandelt werden. Offensichtlich zielte dieser Plan aber weniger auf eine Heilung der Kranken, als dass er derselben Idee folgte wie Kochs Vision großangelegter Umsiedlungen: Die Schlafkrankenlager sollten Kranke so lange von ihren Wohnorten fernhalten, „bis anzunehmen ist, daß an ihrem Wohnorte nach Entfernung aller Trypanosomenträger [also aller Infizierten] die Glossinen frei von Infektionsstoff geworden sind.“ (Koch 1907: 1894). Schlafkrankenlager wurden von Koch also nicht in erster Linie als Behandlungs-, sondern als Isolierstätten entworfen – ein Konzept, das auch in Togo und Kamerun übernommen wurde (Bauche 2005: 86-90; Eckart 1997: 345).

Nach Kochs Willen sollten die Lager aber noch eine zweite Funktion als Forschungsstätten erfüllen. Der Mediziner scheute sich keineswegs, dies offen auszusprechen: „Da in den Konzentrationslagern eine genaue Beobachtung während längerer Zeit möglich sei, könne man hier am besten den empfehlenswerten Modus der Atoxylbehandlung ausfindig machen und beispielsweise auch eine etappenmäßige Therapie erproben“ („Sitzung“: 936). Tatsächlich wurden nach Kochs Abreise im Oktober 1907 in Deutsch-Ostafrika drei Schlafkrankenlager errichtet, in Togo und Kamerun wurden insgesamt fünf solcher Anstalten geschaffen. In ihnen wurde an den Körpern von Afrikanern mit über einem Dutzend verschiedener chemischer Präparate, mit unterschiedlichen Dosierungen und Verabreichungen experimentiert (Bauche 2005: 84, 90-103; Eckart 1997: 161-74, 346).

Auszug aus Manuela Bauche. Robert Koch, die Schlafkrankheit und Menschenexperimente im kolonialen Ostafrika. [1]

Das Robert Koch Institut, die Suche nach einem Malariaimpfstoff und Menschenexperimente in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern

Der Protagonist meiner nächsten Geschichte ist ein Schüler Robert Kochs, der sich nach einer Karriere als Kolonialarzt in Togo und Deutsch-Ostafrika ab 1905 als Direktor der tropenmedizinischen Abteilung am Robert Koch-Institut (damals noch Königlich Preußisches Institut für Infektionskrankheiten, den Namen Robert-Koch-Institut erhält das RKI erst 1942) herumtrieb. Sein Name ist Claus Karl Schilling. Manch einer*m mag dieser skrupellose Mediziner auch als „Blutschilling“ bekannt sein, wie ihn die Insass*innen des KZ Dachaus genannt haben sollen, als er zwischen Februar 1942 und April 1945 grausame Experimente an ihnen vollführte, in deren Folge zwischen 300 und 400 Menschen ums Leben kamen. Aber ich will von vorne beginnen.

Als Claus Schilling um 1920 das Angebot bekam, im faschistischen Italien Mussolinis an Insassen Psychiatrischer Kliniken in Volterra und San Niccolò di Siena zu forschen, willigte er ein. Er beschäftigte sich dort mit Fragen der Immunisierung anhand von serologischen Experimenten. Warum der italienische Staat daran ein Interesse hatte, war klar. Im Abessinienkrieg und anderen kolonialen Vorhaben fürchtete man sich vor Malariainfektionen der Truppen und hoffte auf einen Impfstoff oder ein anderes Gegenmittel. Auch die nationalsozialistische Regierung Deutschlands finanzierte Claus Schillings Forschungen tatkräftig.

1936 emeretierte Claus Schilling als Professor am heutigen Robert Koch-Institut, griff seine vorherigen Experimente jedoch im Februar 1942 im Auftrag Heinrich Himmlers und statt in Psychiatrien nun im KZ Dachau wieder auf. Mehr als 1000 Häftlinge infizierte er dort mithilfe von infizierten Stechmücken oder der Verabreichung eines Extrakts aus ihren Speicheldrüsen mit Malaria, um an einem Impfstoff gegen Malaria zu forschen. Heinrich Wieland, eine Art Chemiewaffenforscher sagte 1945 über Claus Schilling, „dass er [Schilling] als echter Forscher sein wissenschaftliches Ziel mit aller Leidenschaft verfolge. Er hat mir gegenüber keinen Hehl daraus gemacht, dass für ihn die Zusammenarbeit mit Instanzen der Partei, deren ausgesprochener Gegner er war, ein schweres Opfer bedeute, das er jedoch der Sache zuliebe bringen müsse.“ So scheint das mit der Medizin zu sein. Es geht um die Sache, aber um welche? Menschen zu heilen? Aber warum sie dann mit tödlichen Krankheiten infizieren? Ja, wenn ich das nur verstehen würde …

Claus Schillings Forschung an Impfstoffen in Konzentrationslagern war übrigens keineswegs einzigartig. Unter Leitung des Hygiene-Instituts der Waffen SS – dessen Aufgabe es war, Seuchenausbrüche in der Armee zu bekämpfen/verhindern – und unter Mitwirkung der heute beispielsweise im Unternehmen Bayer fortbestehenden IG Farben wurde auch im KZ Buchenwald, in Zusammenarbeit mit dem KZ-Arzt Joseph Mengele in Auschwitz, im KZ Mauthausen, im KZ Natzweiler-Struthof und im KZ Sachsenhausen zu Impfstoffen gegen Fleckfieber, Ruhr, Pocken, Typhus, Paratyphus A und B, Cholera, Diphtherie, Gelbfieber, Tetanus geforscht, bzw. bereits entwickelte Präparate auf ihre Nebenwirkungen getestet. In Buchenwald starben an diesen Tests 1100 Menschen, in Mauthausen sollen 1700 Menschen mit Paratyphus und Tetanus infiziert worden sein. Und wieder einmal mit dabei: Das RKI. Und zwar unter anderem vertreten durch Eugen Gildemeister, seinen damaligen Präsidenten, der zahlreiche dieser Experimente selbst mit plante, sowie Niels Eugen Haagen, Leiter der Abteilung für experimentelle Zell- und Virusforschung am RKI, der unter anderem an Fleckfieberversuchen im KZ Natzweiler-Struthof beteiligt war.

Impfpflicht in der DDR

„Der Sozialismus ist die beste Prophylaxe“
Losung des DDR-Zwangsimpfungsprogramms

Den Zwang zur Impfung hat es seit 1853, als der Vaccination Act in Großbritannien eine Pockenimpfung für alle Kinder innerhalb der ersten drei Lebensmonate vorschrieb, überall auf der Welt immer mal wieder gegeben. Erst im März dieses Jahres (2020) hat auch die Bundesrepublik Deutschland wieder eine Impfpflicht eingeführt. Impfpflicht, wie kann man einer solchen Verherrlichung des Zwangs nur etwas positives abgewinnen? Und das ist vermutlich auch der Grund, warum diejenigen, die diese „Pflicht“ dann aus der einen oder anderen autoritären Sehnsucht heraus doch befürworten, dieses Wort so ungern in den Mund nehmen. Sogenannte Impfgegner*innen, die sich dagegen nicht scheuen, dieses Wort auszusprechen, weil sie eben jene Zwänge anprangern wollen, wurde und wird dann immer entgegengehalten: Zwangsimpfungen gibt es nicht. Aber seit kurzem stimmt das eben nicht einmal mehr in der BRD.

Propaganda damit zu betreiben, dass man Menschen zwangsweise (meist) ein Gemisch aus (lebendigen oder toten) Krankheitserregern und irgendwelchen Giften injiziert, auf diese Idee muss man erst einmal kommen und es bedarf einer enormen Vorarbeit durch die wissenschaftliche Propaganda, dass überhaupt die Chance besteht, dass das Ganze von irgendjemandem geschluckt wird. Aber wenn man heute in Medizin- und Politikkreisen geneigt zu sein scheint, der Losung „der Sozialismus ist die beste Prophylaxe“ zuzustimmen, so ist das eben deshalb nicht verwunderlich, da man in eben jenen Kreisen auch nicht gerade das Individuum in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt und die Körper der Menschen vielmehr als eine Art Ressource betrachtet werden, mit denen man meint anstellen zu können, was man will. Wie in der DDR eben, wo die „Volksgesundheit“ vielleicht weniger in einem streng eugenischen Sinne, dafür mehr im Sinne der Ausrottung von Infektionskrankheiten dem nationalsozialistischen Vokabular entlehnt wurde. Und doch scheint die Betrachtungsweise menschlicher Körper nicht grundverschieden zu sein. Während die einen vor allem die „erbbiologische Reinheit“ des Volkes verfolgen, bei der die individuellen Körper diesem Ziel untergeordnet werden, verfolgen die anderen eben eine epidemeologische Reinheit des Volkes und in beiden Fällen spielten Impfungen, die den Körpern verabreicht wurden, eine herausragende Rolle bei der Erreichung dieses Zieles.

Aber Parallelen ziehen kann man ja immer und vom Nationalsozialismus, dessen Anhänger vielleicht nicht ganz zufällig am häufigsten aus der Berufsgruppe der Ärzte stammten, ist in dieser Sammlung von Geschichten sowieso zur Genüge die Rede. Ich will mich hier also auf die Vorstellungen in der DDR unter gelegentlichen Querverweisen auf Praktiken in anderen sozialistischen Staaten beschränken, die heute auch jenseits des Sozialismus eine Wiederbelebung zu erfahren scheinen.

Als ein dem Kapitalismus in jeder Hinsicht überlegenes System war es schon in der bolschewistischen Sowjetunion der frühen Jahre naheliegend, die damals weltweit grassierende Pest einfach für nicht existent zu erklären. Ganz nach dem Motto von Nikolai Smasko, der wider besseres Wissen 1919 erklärte, dass es „nicht einen einzigen Fall“ der Seuche im Land der Revolution gäbe [3]. Und wenn es auch durchaus plausibel ist, dass Seuchen an den Grenzen der Zivilisation enden, so ist doch in keinerlei Hinsicht plausibel, dass diese an Ländergrenzen oder auch an der Grenze zum Sozialismus enden. So auch nicht die Pest: Offiziell leugnete man diese in der Sowjetunion, intern führte man Statistiken über sie nur mit Codeworten, in diesem Fall „form 100“, um zu verhindern, dass Außenstehende diese verstanden und 1938 erklärte man die Pest für ausgerottet, was diese freilich nicht daran hinderte, weiter zu wüten. Und weil sich soetwas wie die Pest eben auch nicht ganz so leicht geheimhalten lässt, griff man gelegentlich eben noch zu ganz anderen Maßnahmen:

Der „Rat der Volkskommissare“ in Aserbaidschan reagierte auf eine Pestepidemie Anfang 1931 im Autonomen Gebiet Bergkarabach mit rigiden Anweisungen. Die Volkskommissare untersagten „der Post- und Telegrafenbehörde die Übermittlung von Telegrammen von Privatpersonen über die Pest“. Mehr noch: Der Rat beschloss, die „Verbreiter böswilliger Gerüchte über Epidemien“ zur Verantwortung zu ziehen. Wer über die Pest redete, sollte im Zweifelsfall „Maßnahmen zur sozialen Verteidigung“ zu spüren bekommen, „bis hin zur Erschießung“. [3]

Ein eklatanter Widerspruch in einem Land, das die Gesundheit seiner Bürger*innen so hoch hält? Oder offenbart diese Haltung, sicherlich kein Einzelfall, nur worum es bei all dem Hygienewahn eigentlich ging? Vielleicht vielmehr um den Erhalt der Arbeitskraft und die Befriedung der Bevölkerung, als um das individuelle Wohlbefinden? Aber wenden wir uns wieder dem deutschen sozialistischen Bruderstaat zu. Kaum irgendwo wurde so fleißig geimpft. 17 Pflichtimpfungen galt es vor Vollendung des 18. Lebensjahres zu bekommen, zur Bürgerpflicht wurde das Ganze erhoben, damit „auch die Uneinsichtigen und Trägen im Interesse der Allgemeinheit zur Schutzimpfung“ bewegt würden [4]. Jaja, der Impfkommunist hat die Trägen und Uneinsichtigen eben nicht so gerne … sie stehen seinem Fortschritt im Wege.

Bestimmt lassen sich auch aus der DDR abertausende Geschichten davon erzählen, wie das einer Person ungefragt oder gegen ihren Willen per Injektion verabreichte Gift seinen Schaden anrichtete, aber ich will mich hier auf eine vielleicht schon bekannte Geschichte beschränken, der wissentlichen Infektion von tausenden Schwangeren mit Hepatitis [5]. Ursache: Kontaminierte Anti-D-Prophylaxe-Impfungen. Freilich wird der Körper gebärfähiger Personen auch im real existierenden Sozialismus, in mancherlei Hinsicht vielleicht gerade dort, insbesondere im Falle einer Schwangerschaft ganz besonders als Eigentum des Staates betrachtet. Immerhin geht es nicht nur um künftige Soldat*innen, sondern auch um Arbeiter*innen, die wichtigste Ressource jedes Staates, wobei sich die Staaten sozialistischer Ausprägung dessen vielleicht noch ein wenig bewusster sind, als andere Staaten. Jedenfalls war die Anti-D-Prophylaxe-Impfung in der DDR eine Pflichtimpfung für Folgeschwangere mit potentieller Rhesus-Inkompatibilität.

Zur Herstellung des Impfstoffes war Blutplasma mit entsprechenden D-Antikörpern erforderlich, das im Jahr 1978 besonders knapp war. Obwohl die Laborkräfte um Wolfgang Schubert wissen, dass eine Plasmaspende mit Hepatitisviren verseucht ist und dementsprechend nicht zur Herstellung des Impfstoffes verwendet werden darf, greifen sie angesichts eines Mangels an Ersatz dennoch darauf zurück. Ihre Versuche, dieses Plasma entsprechend zu verdünnen, um die Viren abzutöten, gelingen nicht. Die hergestellten Impfstoffe werden dann aber doch ausgeliefert. Mindestens 2000 Impfdosen werden Schwangeren verabreicht, die daraufhin teilweise in Lebensgefahr schweben. Aber damit nicht genug. Eine Untersuchung der Vorfälle deckt zwar auf, dass Schubert auf Druck von seinen Vorgesetzten die infizierten Impfstoffe ausgeliefert und ihre Kontamination bewusst verschleiert habe, aber natürlich darf so etwas nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

Stattdessen werden die in letzter Zeit Geimpften in die Krankenhäuser einbestellt, wo sie Bluttests unterzogen werden, ohne selbst näheres dazu zu erfahren, worauf sie hier überhaupt getestet würden. Wer als infiziert gilt, wird in Quarantäne gesteckt, teilweise für mehr als vier Monate und das ebenfalls ohne genau zu wissen, was eigentlich los ist. Und die einzige Sorge der letztlich verantwortlichen Politik: Wie lässt sich vertuschen, dass rund 1400 Schwangere und 30 ihrer Säuglinge gerade wissentlich mit einer neuen Hepatitisform infiziert wurden. Was würde das auch für ein Licht auf den sozialistischen Impfwahn werfen?

Und so kommt es, dass einige Monate später noch einmal rund 1000 Schwangere mit demselben Hepatitisvirus infiziert werden. Man hatte zu ihrer Herstellung noch einmal ein Produkt aus dem ursprünglich kontaminierten Serum verwendet. Mit „vertretbarem Risiko hinsichtlich der Gefahr der Übertragung einer Hepatitis“.

Wie das Marburgvirus einmal im Labor der Behringwerke ausbrach

„Impfungen retten Leben“, behauptet die WHO. Manchmal kosten Impfungen aber auch Leben. Und damit meine ich an dieser Stelle gar nicht diejenigen, die an der für ihren Körper eben falschen Dosierung von (abgetöteten) Erregern und sonstigen Giften erkranken und schließlich sterben. Es ist gar nicht so selten, dass Impfstoffe oder andere Medikamente andere Krankheitserreger als die gegen die sie wirken sollen, verbreiten und wie eine der nächsten Geschichten zeigen wird, ist das – wenig verwunderlich – auch nicht nur im Realsozialismus vorgekommen. Auch in dieser Geschichte geht es um die Verbreitung einer neuen Krankheit durch die Herstellung von Impfstoffen. Nur diesmal verließ diese Krankheit die Labore nicht als Impfstoff, sondern befiel die Labormitarbeiter*innen.

Es ist die Geschichte des Marburg-Virus, der 1967 in den Laboratorien des IG-Farben-Nachfolgekonzerns Behringwerke vermutlich von Äthiopischen Grünmeerkatzen auf Labormitarbeiter*innen übertragen wurde. Die aus Uganda entführten Tiere wurden in Marburg zur Gewinnung von Masern- und Polio-Impfstoffen eingesetzt, in Frankfurt wurden diese Impfstoffe dann an ihren herauspräparierten Nieren getestet.

Die Affen, die am 28. Juli 1967 zu den Marburger Behringwerken und zum Paul-Ehrlich-Institut in Frankfurt gebracht wurden, waren aber mit einem bis dahin unbekannten, besonders tödlichen (über 25% der Infizierten sterben an den Folgen) Virus infiziert, das heute als Marburgvirus bekannt ist. Sowohl in Frankfurt, als auch in Marburg infizierten sich Labormitarbeiter*innen und Tierpfleger*innen, insgesamt 24 Personen erkrankten an dem Virus. Sieben von ihnen starben bis Ende des Jahres.

Für mehr als 600 Äthiopische Grünmeerkatzen, die in Laboren in Frankfurt, Marburg und Belgrad eingesperrt und versklavt wurden, nahm das Ganze übrigens ebenfalls ein tödliches Ende. Sie wurden durch Blausäure ermordet.

Bewusste HIV-Infektionen durch Pharmakonzerne

In dieser Geschichte geht es nicht im engeren Sinne um Impfstoffe oder Impfungen, sondern um pharmazeutische Blutprodukte im Allgemeinen, von denen in den 80er-Jahren, nachdem das HI-Virus entdeckt wurde, zahlreiche damit kontaminierte Produkte wissentlich in Länder verkauft wurden, in denen entsprechende Regulierungen noch nicht galten. Da aus Blutprodukten häufig auch Impfstoffe gewonnen werden und das Ganze Ausmaße angenommen hat, die eine genaue Nachverfolgung aller verkauften Blutprodukte unmöglich macht, scheint mir diese Geschichte in diesem Kontext durchaus passend. Immerhin lässt sich kaum ausschließen, dass dabei letztlich auch Impfstoffe aus HIV-kontaminierten Blutprodukten in Umlauf geraten sind.

Natürlich gab es schon vor Entdeckung von HIV zahlreiche Blutprodukte, die damit kontaminiert waren. Und ebenso besteht natürlich auch heute bei jedem Produkt, das aus Blutseren gewonnen wird und jedem Produkt, das andere Blutprodukte umfasst, die Möglichkeit, dass es bislang unbekannte Krankheitserreger enthält. Denn was man nicht kennt, darauf kann man freilich auch nicht testen. Die folgenden Geschichten jedoch zeigen, dass auch wenn ein Erreger bekannt ist, es immer noch skrupellose Pharmaunternehmen gibt, die damit kontaminierte Produkte weiterverkaufen.

Cutter zum Beispiel, ein Tochterunternehmen von Bayer, ersetzte 1984 HIV-kontaminierte Produkte auf dem US-Markt durch weniger infektiöse Alternativen. Aber eben nur auf dem US-Markt und in Europa. In andere Länder, darunter Hongkong und Taiwan, exportierte man noch mindestens ein Jahr lang wissentlich das kontaminierte Produkt. Und man wollte nicht nur noch schnell die Reste loswerden. Nein, mehrere Monate lang produzierte man das kontaminierte Produkt noch weiter. In Hongkong und Taiwan alleine wurden dabei mehr als 100 Bluterpatienten mit HIV infiziert. Viele starben daran. Verkauft wurde das „Medikament“ auch nach Malaysia, Singapur, Indonesien, Japan und Argentinien. [6]

Noch eine Spur dreister ging man bei der österreichischen Firma Albovina GmbH vor. Zwischen 1993 und 1996 kaufte man dort – vermutlich weil es billig war – Blutkonserven, die mit HIV und Hepatitis kontaminiert waren, aus Afrika an. Zu Forschungszwecken, wie man betonte – ja wozu auch sonst kontaminiertes Blut kaufen?! Die „Forschung“ bestand dann aber darin, das Blut umzuetikettieren und weiterzuverkaufen. Und zwar unter anderem zur Herstellung von Medikamenten, die vor allem in Indien und China als „Albupan“ verkauft wurden.

Berühmt wurde auch der Verkauf von kontaminiertem Blut durch das Unternehmen Health Management Associates, das Blutspenden aus Gefängnissen nach einem Verkaufsverbot in den USA in andere Länder verkaufte. An diesem Beispiel zeigt sich auch, woher die Medizin so ihre „Rohstoffe“ nimmt. Gefangene und arme Menschen sind häufig diejenigen, deren Blut die Profite der Pharmakonzerne ermöglicht.

Wiederholte Impfstoff-Feldversuche auf dem afrikanischen Kontinent und in Indien

Was Robert Koch einst vorgemacht hat, das hat sich bis heute nur wenig geändert: Die Auswirkungen von Medikamenten, also auch Impfstoffen, auf den menschlichen Organismus müssen schließlich erforscht werden, bevor diese Medikamente zugelassen werden. Und nicht immer gelingt es da, an die Opferwilligkeit der*s eigenen Partner*in oder anderer Patient*innen zu appellieren. Also warum da nicht ausziehen zu einer Forschungs-Expedition in diese oder jene Kolonie, um das fragliche Mittelchen an den Körpern der Menschen dort zu testen. Ach so, die Kolonien gibt es nicht mehr? Macht nichts, der Kolonialismus ist uns schließlich in der einen oder anderen Form dann doch erhalten geblieben …

Und was wäre die Bill und Melinda Gates Foundation für eine Stiftung, wenn nicht auch sie hier immer wieder ihre Finger mit im Spiel hätte?

Und während ich diese Geschichte aufschreibe, da stellt eine mediale Debatte ihre Brisanz unter Beweis: Sollte man einen eventuellen Corona-Impfstoff nicht vielleicht zuerst in „Afrika“ testen? Und während sich die einen oder anderen Befürworter*innen von Corona-Impfstofftests in „Afrika“ nach Kritik nun mit Statements wie „Afrika sollte nicht vergessen oder von der Forschung ausgeschlossen werden, denn es ist eine globale Pandemie“ aus der Schlinge ziehen wollen, denke ich, dass die folgende(n) Geschichte(n) eigentlich alles sagen, was zu diesem Thema gesagt werden muss.

Es gibt so viele Geschichten, die davon erzählen, wie die afrikanische Bevölkerung wie Laborratten behandelt wurde, um Medikamente und speziell Impfungen zu testen und doch sind die wenigsten von ihnen außerhalb des afrikanischen Kontinents bekannt oder besonders gewissenhaft dokumentiert. Und es hört einfach nicht auf. WHO, die Gates Foundation, die Rockerfeller Foundation, GAVI und viele andere Akteure leiern immer wieder Projekte an, bei denen die Bevölkerung verschiedener afrikanischer Länder gegen alle möglichen Krankheiten geimpft werden soll. So gut wie nie werden die Geimpften dabei über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt – oft ja nicht einmal darüber, was und warum ihnen da verabreicht wird –, wiederholt werden Impfstoffe erstmals an Menschen getestet (teilweise auch trotz ausreichd getesteter und günstigerer Alternativen) und durch „Fehler“, die hier sicher keinem*r Ärzt*in unterlaufen würden, wie das mehrmalige Verwenden von Kanülen, werden mit vielen Impfungen andere Krankheiten übertragen, ganz besonders HIV (die WHO behauptet, dass 2,5 Prozent der HIV-Infektionen in Afrika daher stammen, andere Studien schätzen diese Zahl eher auf 40 Prozent!). Hinzu kommt, dass immer wieder ans Licht kommt, dass – auch mit Impfstoffen – daran geforscht wird, die Bevölkerung zwangszusterilisieren. Jaja, was hierzulande grundsätzlich als Verschwörungstheorie abgetan wird (und ja, ich nenne hier absichtlich keine Quellen, weil ich es so witziger finde), führt immerhin dazu, dass Impfungen wegen des großen Misstrauens in der Bevölkerung immer wieder vom Militär bewacht werden müssen – naja, scheinbar soll das ja in Kürze auch in Deutschland so sein.

Auch in Indien nehmen medizinische Tests auf Kosten der Bevölkerung dramatisch zu, seit die Regierung die Bestimmungen für Arzneimitteltests gelockert hat, um Pharmakonzerne anzulocken. Die freuen sich nicht nur darüber, dass sie in Indien die Zulassungsstudien für viele Medikamente zu einem Bruchteil der Kosten durchführen können, sondern vor allem auch darüber, dass viele Inder*innen, die sich – wenn überhaupt – freiwillig zur Teilnahme an den Studien melden, zuvor noch nie medikamentös behandelt wurden. Optimale Bedingungen für eine Studie – zumindest aus Sicht der Medizin.

Und auch in Indien wüten die vielen Stiftungen mit Fetisch für Impfungen. Die Bill Gates Foundation – ja, wieder einmal, diesmal mit der Tarnorganisation Path – beispielsweise hat erst 2009 24.000 Mädchen an Schulen gegen Gebärmutterhalskrebs impfen lassen. Ohne Einverständnis ihrer Eltern. Sieben der geimpften Mädchen starben. Ob an der Impfung, wie wenigstens ein Fall, in dem die Todesursache Malaria diagnostiziert wurde, nahelegt, das ließ sich als Monate nach ihrem Tod überhaupt bekannt wurde, dass sie geimpft wurden, nicht mehr wirklich seriös nachvollziehen. Aber daran ist der indischen Regierung ja auch ebensowenig gelegen, wie Path und der Gates Stiftung. Wer das heute behauptet, du hast es erraten, Verschwörungstheoretiker. Aber auch wenn vielleicht durchaus interessant wäre, wie viele tausende Menschen durch medizinische Experimente in Indien und Afrika bereits gestorben sind, ist das doch gar nicht so sehr die relevante Frage, sondern vielmehr: Wie kommt es, dass sich irgendwelche superreichen Arschlöcher immer wieder anmaßen, irgendwelche Leute (zwangs)impfen zu lassen und dabei nicht nur widerliche (sozial-) Experimente betreiben, sondern vor allem den Pharmafirmen, an denen sie – sicher zufällig – auch selbst gewisse Anteile haben, millionen- und milliardenschwere Aufträge zuschachern?!

***

Und? Schon Impfgegner*in?

Warum erzähle ich all diese Geschichten? Ich denke sie alle zeugen von einer gewissen Kontinuität. Einer Kontinuität, in der die Epidemeologie, Impfungen und Medikamente als ihre Werkzeuge ihren autoritären Charakter preisgeben. Wie so oft in der Medizin geht es in diesen Geschichten nicht um die Heilung von Menschen, sondern wenn schon um die Ausbeutung ihrer Körper zu Zwecken der Entwicklung von Heilmitteln für die Körper einiger Privilegierter, um den Erhalt ihrer Arbeitskraft, um Profitinteressen oder um die Verfolgung ganz anderer sozialer Effekte. Diese Kontinuitäten einfach auszublenden und die Medizin oder gar einzelne Zweige wie die Epidemeologie als Autoritäten zu begreifen, die irgendwelche Lösungen für medizinisch-soziale Probleme zu bieten hätten, empfinde ich bestenfalls als zynisch. Ob ein Impfstoff gegen Covid-19 am Ende Leben retten wird, ob er Leben kosten wird, oder ob er nur zu einer neuen Verteilung der Todesfälle innerhalb der sozialen Schichten beitragen wird, das steht für mich ebenso in den Sternen, wie die Frage danach, ob ein Impfstoff in irgendeiner Form zur Aufhebung unserer neuen Gefangenschaft beitragen wird.

In diesem Sinne:
Für die Zerstörung der Medizin und der Zivilisation, die sie nötig gemacht hat.

Referenzen

[1] Manuela Bauche. Robert Koch, die Schlafkrankheit und Menschenexperimente im kolonialen Ostafrika.

[2] Josef M. Schmitdt. Geschichte der Tuberkulin-Therapie. in Pneumologie 10.

[3] Matthias Braun. Schwarzer Tod, Rote Hygiene.

[4] Malte Thiessen. Vorsorge als Ordnung des Sozialen.

[5] Nur eine Spritze.

[6] https://www.nytimes.com/2003/05/22/business/2-paths-of-bayer-drug-in-80-s-riskier-one-steered-overseas.html

Gegen das sterile Überleben

Schon vor paar Monaten geschrieben, jetzt wieder ausgegraben…

Die Angst vor der Katastrophe prägt das Denken einer Bevölkerung, welche sich selbst nicht mehr anders wahrnehmen kann als als Zahlen in einer Statistik. Selbst komplett von ihrem lebendigen Kern entfremdet, haben sich die allermeisten schon daran gewöhnt, einen Grossteil ihres Lebens vor Bildschirmen zu verbringen, während der reale, ansteckende, gefühlvolle und auch konfliktive, intensive, oftmals schwierige, aber allemal lebendige Kontakt mit den Menschen immer mehr eine Unbekannte bleibt. Alle verstecken sich hinter ihrer Maske, abgeschottet in ihrer Blase, welche sie nicht mal mit den Nächsten teilen, und wissen nicht, was eigentlich das Potential von menschlicher Beziehung sein könnte. Stattdessen flüchtet ihre Sehnsucht in Ersatz-Befriedigungen – sei es die Pornografie oder sei es die Protagonisten der Serien, welche in den Gesprächen oftmals die Rolle der besten Freunde einnehmen – da Freundschaft sonst kaum bekannt ist. Individualität wird mit Identitäten verwechselt, etc. etc. etc. All das zu schildern ist mir jetzt zu blöd, jeder kann es weiterspinnen – jeder kann es, sei es als Kritik an andern oder an sich selbst weiterdenken.

Was ist Leben? Angst vor der Katastrophe? Angst vor dem Tod? Anpassung, Überlebenssicherung und Isolation? Was würdest du machen wollen, wenn du mit gewissen Vorerkrankungen an allen möglichen, sonst eher harmlosen Viren draufgehen könntest? Die ganze Welt in ein Gefängnis verwandeln, dich isolieren und vegetieren? Scheinbar ja. Oder zumindest angeblich. Dies ist zumindest die Figur, vielleicht grossteils fiktiv, welche als Argument hinhält, dass die grösste Katastrophe die wäre, dass das Sterberisiko der ohnehin schon gefährdeten Menschen statistisch etwas ansteigen könnte. Während zur Abwendung dieser Realität jeder Einschnitt, jede absolute Unterwerfung angebracht erscheint – vorübergehend natürlich.

Aber was heisst vorübergehend? Die Konditionierung wird Spuren hinterlassen und das soll sie auch. Die Integration in die technologische Welt, die Ersetzung realer Beziehungen durch Bildschirme und Lautsprecher – sie erhält jetzt einen massiven Schub. Es ist auch kein Wunder, dass eine der Hauptfiguren der WHO – Bill Gates höchstpersönlich (ja sorry, is halt so…) – schon seit Jahren ein solches Szenario herbeifaselt, wie es sich jetzt abspielt. Dass er dabei ein finanzielles Interesse hat – keine Frage. Aber auch Pharmaunternehmen, nicht zuletzt etwa Bayer, mischen bei der WHO kräftig mit. Aber ja: hier soll nicht eine Verschwörung behauptet werden – diese dystopischen Szenarien diskutieren diese Leute ja auch immer ganz öffentlich – vielmehr repräsentiert die WHO halt eine Fraktion des Kapitals, zumindest steht sie der einen näher als der anderen– was wohl kaum geleugnet werden kann.

Die Technologisierung der menschlichen Beziehungswelt (oder vielmehr deren fortlaufende Abschaffung) und die Entwirklichung unserer Leben gehen voran. Aber – mit dieser «Disruption», welche sich gewisse Teile des Kapitals schon immer erhofft haben, während die einzelnen Staaten vielleicht teils eher widerwillig dem Diktat der «world governance»-Politik der WHO folgen – wird auch vieles offengelegt, was vorher als eher absurde Zukunftsszenarien bisher noch die allermeisten als auf jeden Fall ablehnenswert eingeordnet hätten. Wer hätte bis vor kurzem nicht gesagt, dass eine komplette, landes-, ja, europaweite Ausgangssperre, komplette Grenzschliessungen, etc., nicht ihre komplette Ablehnung gefunden hätte – und zwar mit egal welchem Grund diese durchgesetzt würden. Und wer hätte dies nicht für einen feuchten Traum von Faschisten gehalten, welche hierzulande zumindest noch etwas Zeit benötigen würden, um fähig zu sein, sich an die Macht zu putschen? Zumindest hätten viele ihren Widerstand angekündigt…

Doch der Vorwand greift, und die medial inszenierte Panik (man sollte vielleicht beginnen, sich die Namen und Gesichter dieser Panikprofiteure zu merken) hält bisher die Schockstarre aufrecht und versucht einen smoothen Übergang zu was auch immer die Herrschenden als nächstes entscheiden werden. Aber er greift auch teilweise nicht. Der Unmut ist gross. Und das Wesen des Staates zeigt sich gerade allzu offensichtlich…

Dass das alles niemand so erwartet hätte – mag sein.

Anarchistische Zeitung aus München