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[Libanon] Chronik der Revolte gegen die durch Corona noch weiter verschärfte Wirtschaftskrise

Bericht vom 28.04. – Die Revolte ist stärker als ihre Ausgangssperre

Im Libanon, auch wenn die Quarantänebestimmungen [confinement], die am 14. März eingerichtet worden waren, diesen Montag ihr Ende nahmen, sind die Maßnahmen der „Entquarantänisierung“ [dé-confinement] nicht weniger drastisch, insbesondere mit der Einrichtung einer Ausgangssperre. Dies konnte dennoch nicht verhindern, dass sich die Straßen entflammten (insbesondere die Banken). Am Abend des Montags, den 27. April in Tripolis, im Norden des Landes, haben tausende Personen den Quarantänebestimmungen und der Ausgangssperre getrotzt, indem sie auf die Straße gingen, um zahlreiche Banken anzuzünden und sich den bewaffneten Milizen des Staates zu stellen. Mindestens ein Militärfahrzeug brannte durch den Wurf eines Molotowcocktails ab. Die Repression durch die Armee ist  heftig: 40 Personen mussten ins Krankenhaus und ein junger 26-jähriger Mann starb, nachdem er während Auseinandersetzungen mit den Militärs durch eine Kugel verletzt worden war.

Männer, Frauen und Kinder marschierten in den Straßen und schrien „Revolution! Revolution!“. Die Protestierenden wurden in dem Moment von der Armee zurückgedrängt, als sie zum Haus eines Parlamentariers wollten, demgegenüber sie feindlich sind. Einige haben Steine geworfen, die Armee antwortete mit Schüssen in die Luft, um die Menge in der Zone rund um den Al-Nour-Platz zu zerstreuen. Unter anderen wurden ein Jeep der Armee und mehrere Bankfilialen durch den Wurf von Molotow-Cocktails in Brand gesetzt.

Am selben Abend wurden die Räume der Zentralbank in Sidon (im Süden) Ziel von Stein- und Böllerwürfen, wie die nationale Informationsagentur berichtete. In derselben Stadt war bereits am Samstag abend ein Sprengsatz gegen eine Bank geworfen worden.

Die letzten Tage hatte es tagsüber mehrere Demonstrationen gegeben, insbesondere durch Autokolonnen in der Hauptstadt, trotz der Quarantänebestimmungen, die am 14. März durch die Autoritäten ins Lebens gerufen worden waren, die auch eine nächtliche Ausgangssperre etablierten.

Am Abend des 26. April wurden mehrere libanesische Banken in Tripolis und Mina (im Norden) durch Unbekannte angegriffen. Diese Angriffe bildeten die Fortsetzung von ähnlichen Ereignissen in Tyr und Saïda im südlichen Libanon, im Laufe des Wochenendes, während der Libanon mit seiner schlimmsten Wirtschafts- und Finanzkrise seit 30 Jahren konfrontiert ist. Des Nachts hat ein Gruppe Personen die Fassade der Bank Byblos in Mina angegriffen, ehe sie die Flucht ergriff. Im Zentrum von Tripolis, sind es die Filialen der BLOM Bank und der BBAC, die Ziel von Molotow-Cocktails wurden, die Männer, die Schutzmasken trugen, warfen. […]

„Die Politiker lenken unsere Aufmerksamkeit mit dem Coronavirus ab, um weiter stehlen zu können“, skandierten am 16. April Demonstrierende, ehe sie von den Streitkräften der Armee niedergeprügelt wurden.

Der Libanon hatte am 17. Oktober 2019 eine große Bewegung der Revolte erlebt, bei der der Al-Nour-Platz in Tripolis während langer Monate das Nervenzentrum der Revolution vom 17. Oktober gewesen war: an bestimmten Tagen waren Hunderttausende im ganzen Land auf die Straße gegangen, um ihre Wut herauszuschreien und danach zu handeln. Die Banken wurden regelmäßig Ziel, von der Straße der Komplizenschaft mit der politischen Macht beschuldigt und beschuldigt zur ungebremsten öffentlichen Verschuldung und dem Staatsbankrott beigetragen zu haben. Seit Monaten grassiert eine sehr schwere Wirtschaftskrise im Libanon, die durch die Coronapandemie und die Präventionsmaßnahmen, die darauf folgten, noch verschlimmert wurde.

Circa 45 % der Bevölkerung lebt laut offiziellen Schätzungen inzwischen unter der Armutsgrenze. 2020 sollte die Wirtschaft laut internationalem Währungsfond eine massive Schrumpfung von 12 % erleben. Der Libanon erfährt auch eine Abwertung seiner nationalen Währung im Vergleich zum Dollar, was eine heftige Inflation zur Folge hatte.

Der Coronavirus ist die geringste aller Sorgen der Libanes*innen, die verhungern. Die Gesamtanzahl an Personen, die sich seit dem 21. Februar am Virus angesteckt haben, beläuft sich auf 672. Und bisher gab es 21 Tote.

[Überwiegend vom „L’Orient-Le Jour“ vom 28.04.2020 übernommen, mit einigen Ergänzungen von Démesure.]

Aus dem Französischen übersetzt von Sans Attendre Demain.

Bericht vom 29.04. – Hin zu einer Ansteckung der Revolte? (28. April 2020, aktualisiert)

Diesen Dienstag, den 29. April, haben sich die Meutereien am zweiten Tag in Folge in Tripolis fortgesetzt. Am Vorabend hat die Nachricht vom Tod eines Demonstranten, Fawaz Fouad Samman, der am Vorabend von Kugeln während Auseinandersetzungen mit der Armee getötet wurde, die Feuer der Revolte in mehreren Städten geschürt, insbesondere im Süden des Landes, wie in Beyruth und in Saïda. Diese neue Nacht der Zusammenstöße soll 81 Verwundete unter den Sicherheitskräften (51 Militärs allein schon in Tripolis verwundet, darunter 6 Offiziere) verursacht haben. Um die zwanzig Personen wurden in Tripolis verhaftet.

In Tripolis, der zweitgrößten Stadt des Landes, hatten sich mehrere Tausend Menschen auf den Al-Nour-Platz eingefunden, unter dem Slogan „Das wird verheerend sein“, Anspielung auf die Natur der Demonstration: hunderte junge Leute haben die Straßen verbarrikadiert, zahlreiche Banken geplündert und angezündet (insbesondere die der libano-französischen Bank), Pflastersteine aus den Gehsteige gerissen, um sie auf die Militärs zu werfen und zwei Militärfahrzeuge abgefackelt. Sie sind mithilfe von Tränengas und Gummikugeln auseinandergetrieben worden. Die Soldat*innen haben ebenfalls die Verfolgung einiger Individuen aufgenommen, die mehrere Fahrzeuge der Armee beschädigt haben. Diese Unruhen haben direkt nach der Beerdigung des jungen Familienvaters stattgefunden, die am frühen Nachmittag organisiert worden war, inmitten einer angespannten Menge, die gekommen war, um ihm die letzte Ehre zu erweisen trotz der Bedrohung durch den Coronavirus. Auf dem Bahsas-Platz wurden zwei Soldaten durch Steinwürfe verletzt und ein Militärfahrzeug ist beschädigt worden.

Bevor die Spannung auf dem Al-Nour-Platz stieg, hatten Demonstrant*innen Steine auf die Residenz des ehemaligen Premierministers Nagib Mikati à Mina geworfen. Die Armee und die Sicherheitskräfte, groß eingesetzt, setzten massiv Gas ein, um die Demonstrierenden zu vertreiben. Daraufhin zerschlugen Protestierende die Fassaden von Bankfilialen in der Nähe.

„Ich will meine Stimme gegen den Hunger, die Armut, die Inflation und die Ungerechtigkeit erheben“, rief ein 41-jähriger Demonstrant aus, Khaled. Dieser Ersatzteilverkäufer für Motorräder sagt, dass er nicht mehr in der Lage sei, die Bedürfnisse seiner drei Kinder zu befriedigen, seit er seine Arbeit verloren hat, innerhalb einer Situation, die mit der Pandemie immer schlimmer geworden ist.

Am anderen Ende des Landes, in Saïda (Süden) fand eine Versammlung vor dem Sitz der Bank des Libanons (BDL) statt, wo ein bisschen später Demonstrant*innen erst Böller, dann circa ein Dutzend Molotow-Cocktails in Richtung des Gebäudes warfen, was mehrere kleine Brände verursachte und die Armee auf den Plan rief. Nach der Intervention der Armee zum Schutz der BDL verteilten sich die Meuternden im Stadtzentrum und zerstörten die Fassaden von mindestens einem Dutzend Banken. Um die fünfzehn Fahrkartenautomaten wurden ebenfalls zerstört. Auch in Beyruth kam es zu Demonstrationen, die in Steinwürfen gegen die BDL endeten.

Seit Beginn der Quarantänemaßnahmen trifft die Misere mit voller Wucht die libanesische Bevölkerung. Das Land erlebt eine noch nie dagewesene Steigerung der Inflation in wenigen Wochen (+ 150 %). Der Wirtschaftsminister Raoul Nehmé meldete eine allgemeine Preiserhöhung um 55 %, ohne zu präzisieren, in Bezug auf welche Periode diese stattfinde.

[Zusammengesetzt aus Meldungen der libanesischen und französischen Presseagenturen, 28. und 29.04.20]

Quelle: Sans Attendre Demain, stellenweise gekürzt

Bericht vom 30.04. – Die Bewegung der Revolte setzt sich fort

Am dritten Tag in Folge sind tausende Menschen in mehreren Städten im Libanon gegen die Verantwortlichen der immer weiter wachsenden Misere (Banken, Politiker,…) auf die Straße gegangen, obwohl die Lockerung der Quarantänemaßnahmen ab Montag eingeleitet worden war. Im Gegensatz zum Vortag kam es ein bisschen überall mit Einbruch der Nacht zu Demonstrationen und Meutereien, so wie in Tripolis.

In Tripolis, Epizentrum der Bewegung, stellten sich hunderte Demonstrant*innen dem Militär am Mina-Kreisverkehr. Des Weiteren blockierten sie die Straße, die zum Al-Nour-Platz führt, mit brennenden Reifen und forderten die Freilassung von Menschen, die am Vortag verhaftet worden waren (ungefähr zwanzig Personen).

Die Armee von ihrer Seite aus berichtet, dass 23 Soldaten während der Zusammenstöße in Tripolis (Norden) und Saïda (Süden) verletzt worden sind, darunter einer, dem mehrere Finger amputiert werden mussten.

In vielen Städten protestierten Menschen, zündeten Bankfilialen an, warfen Böller und Molotow-Cocktails auf die Armee. „Wir haben die Monopole und die Diebstähle durch die Geschäftsleute satt“, skandierten Demonstrant*innen in Beyruth.

Die Bewegung der Revolte, die seit mehreren Monaten in mehreren Regionen am Köcheln ist, ist aufs schönste in diesen letzten Tagen vor dem Lockern der Quarantänemaßnahmen seit letztem Montag wieder aufgeflammt.

[Via L’Orient-Le Jour aus Meldungen der iranischen Presseagenturen, 29. und 30.04.2020]

Quelle: Sans Attendre Demain, stark gekürzt

 

[Berlin] Jobcenter Wedding entglast

Wir haben in der Nacht vom 31.12. zum 01.01.2020 dem Jobcenter Berlin Wedding in der Müllerstraße 16 einen Besuch abgestattet.

Dabei wurde die zum Max-Josef-Metzger-Platz gelegene Fensterfront mit Pflastersteinen eingedeckt.

Solidarische und kämpferische Grüße gehen raus an die drei schlummernden Vulkane (Interim Nr.809 S.37) und an die drei von der Parkbank!

Quelle: Indymedia

[Hamburg] Hurra, Hurra, das Arbeitsamt brennt!

In der Nacht zum 1.1. sind wir ohne Termin zur Agentur für Arbeit in Altona-Nord in der Kieler Straße gekommen. Statt uns artig eine Nummer zu ziehen und uns von Mitarbeiter*innen und Struktur des Hauses schikanieren zu lassen, haben wir mit Hämmern einige Scheiben des Jobcenters zerstört und – um sicher zu gehen, dass der Betrieb möglichst lange gestört wird – Brandsätze reingeworfen.

Das Jobcenter und die Agentur für Arbeit sind Teil des selben Apparates, der Menschen nach ökonomischer Verwertbarkeit einteilt. Im Jobcenter werden jene sanktioniert, die nicht in ein System von Arbeitszwang und Ausbeutung passen können oder wollen. Durch das Vorenthalten von Leistungen und permanenten Druck auf die Bezieher*innen, sollen Menschen nicht nur dazu gebracht werden, jede noch so unappetitliche Arbeit anzunehmen. Es soll gleichzeitig eine Linie gezogen werden. Eine Linie, die aufzeigt, wer normal ist und wer nicht. Wer dazu gehört und wer nicht.

Dabei richten sich Agentur für Arbeit und Jobcenter nicht nur an die Bezieher*innen. Sie richten sich eben auch an die Arbeitenden, in dem sie als Damoklesschwert der Arbeitslosigkeit aufzeigen, mit welcher Behandlung sie zu rechnen haben, wenn sie den „Spielregeln“ der Arbeitswelt nicht gehorchen.

Wir blicken auf ein bewegtes Jahr 2019 zurück. Mit dem Angriff auf die Agentur für Arbeit starten wir das Jahr 2020 wie das letzte beendet wurde: Wütend und kämpferisch.

In der Hoffnung dass das Feuer im Arbeitsamt bis über die Mauern des Knast am Holstenglacis zu sehen war, schicken wir solidarische Grüße an die 3 von der Parkbank. Ihr Prozess beginnt am 8.1.2020 um 13Uhr im Gericht am Holstenglacis. Kommt vorbei und zeigt euch solidarisch.

Freiheit für alle Gefangenen!
Für die soziale Revolte!
Für ein kämpferisches 2020!

Quelle: Indymedia

[Berlin] Gefängnis-Basar mit Farbe angegriffen

Am 23.11. fand in Berlin ein Weihnachtsbasar der JVA Tegel statt, auf dem im Gefängnis hergestellte Sachen verkauft wurden. Vermummte auf Fahrrädern griffen diesen mit mit rosa Lack gefüllten Christbaumkugeln an. „Diesen Basar griffen wir mit Farbkugeln an, um den laufenden Knastbetrieb wenigstens kurz zu stören und um den Justizschweinen, Verkäufer*innen und Unternehmen vor Ort zu zeigen, was wir von ihnen halten. Unter Zwang, schlechten Arbeitsbedingungen, einem Stundenlohn von einem bis zwei Euro und unter absoluter Kontrolle müssen Gefangene auch in Berliner Knästen für Unternehmen, die Knäste und Berliner Behörden produzieren. […] Wir senden kämpferische Grüße an alle Gefangenen und wünschen uns mehr Remmi Demmi gegen Knäste! Justizschweine, Bullen und Profiteure müssen angegriffen werden, denn sie werden Knasttore nicht auf unsere Bitte öffnen oder die Zwangsarbeit einstellen. Sie sind und bleiben unsere Feinde beim Kampf um eine befreite Gesellschaft.“

Quelle: Chronik

Die Tyrannei des Messbaren

Im Bad einer Freundin steht eine Waage. Seit Jahren stand ich nicht mehr auf so einem Ding, seit ich bei meinen Eltern zuhause ausgezogen bin, um genau zu sein, denn irgendwie war mir das Geld immer zu schade gewesen, um mir damit eine Waage fürs Bad zu kaufen. Neugierig stelle ich mich darauf, nur um beim Anblick der angegeben Zahl schockiert wieder herunterzuspringen. Das konnte doch nicht sein? Die Waage musste falsch eingestellt sein, kein Zweifel! Doch nein, sie funktionierte. Klar war mir aufgefallen, dass ich zugenommen hatte, denn die meisten meiner alten Klamotten passten mir nicht mehr so richtig. Doch mein Körper fühlte sich einfach gut und richtig an, ich freute mich über die größeren Brüste und im Spiegel sah er eigentlich immer noch aus wie damals, nur ein bisschen runder. Also eigentlich alles in bester Ordnung, bis diese Zahl mich aus meiner Zufriedenheit bezüglich meines Körpers riss. Ich brauchte einige Zeit, um mich von dem Schock zu erholen und noch ein bisschen mehr, um mich davon zu erholen, dass eine blöde Zahl auf so einem blöden Gerät ein so starkes Bodyshaming bei mir verursachen konnte, obwohl ich mich bis zu diesem Augenblick, als ich mich auf die Waage stellte, wohl in meinem Körper gefühlt hatte (so wohl, wie es möglich ist in einer Gesellschaft, in der Bodyshaming allerspätestens ab der Pubertät zum guten Ton gehört). Auch die Kleidergrößen vermitteln mir dieses Gefühl. 38 ist Durchschnitt, „medium“, bis dahin ist alles in Ordnung, doch jede Zahl darüber suggeriert mir, dass ich nicht mehr richtig bin: „large“, „extra large“ usw. Rein objektiv finde ich es interessant, dass so winzige Veränderungen an meinem Körper, ein bisschen breitere Schenkel, etwas größere Brüste, bereits solche Unterschiede in den Klamottengrößen verursachen. Ich sehe mich um und sehe lauter Menschen mit schönen, unglaublich verschiedenen Körpern und freue mich. Doch dann treffe ich meine Mutter, die mich begrüßt mit den Worten: „Du hast aber ganz schön zugenommen. Dein Vater und ich haben jetzt eine Diät angefangen, ich habe schon wieder fünf Kilo zugenommen, dein Vater sogar acht, wir sind beide viel zu dick.“ Ich betrachte den Körper meiner Mutter und meines Vaters und finde beide richtig so, wie sie sind. Doch die Waage und die Kleidergrößen sagen etwas anderes.

Ich bin beim Frauenarzt. Er betrachtet kritisch meine Bein- und Bauchbehaarung sowie die Haare, die mir am Hals wachsen, die den Ärzt*innen erst auffallen, seitdem ich sie nicht mehr rasiere. „Wir müssen unbedingt eine Hormonuntersuchung machen, ich glaube, Ihre männlichen und weiblichen Hormone sind im Ungleichgewicht.“ Die Ergebnisse kommen und tatsächlich: die männlichen Hormone liegen über dem „Normalbereich“, die weiblichen darunter. Und was jetzt? Was hat das für Folgen, frage ich ihn. Oh, eigentlich nicht so wirklich welche, außer Sie wollen Kinder, dann kann es ganz vielleicht relevant sein – nein, will ich nicht! –, aber wir können das auf jeden Fall behandeln! Sprachs und verschrieb mir eine männliche Hormone hemmende Pille. Damit meine Hormone wieder „im Gleichgewicht“ sind. Ein Messwert liegt im Normbereich, der andere nicht mehr und schon muss dringend etwas dagegen getan werden, auch wenn ich keine Beschwerden habe und keinen Wunsch nach Behandlung!

In einem wie dem anderen Fall fühlte ich mich total wohl,bis eine Zahl, die aus dem Normbereich fiel, mich daran erinnerte, dass ich nicht richtig war, dass ich etwas an mir ändern müsste. Genauso fühle ich mich wunderbar, bis ich auf die Uhr schaue und realisiere, dass ich schon längst schlafen müsste (weil ich einfach von der und der Uhrzeit bis zu der und der Uhrzeit schlafen muss, so habe ich das mal entschieden). Heute darf ich faul sein, weil Sonntag ist, morgen muss ich fleißig sein, weil Montag ist. Von 8 bis 17 Uhr muss ich arbeiten oder in die Schule gehen, egal, ob es mir körperlich und vom Gefühl her passt oder nicht. In der Schule werden meine Leistungen mithilfe von Zahlen bewertet, ich muss in einer gewissen Zeit ein gewisses Leistungspensum erreicht haben. Es gibt Fitness-Uhren, die Menschen anlegen können, um zu zählen, wie viele Schritte sie gehen, wie viel Steigung sie am Tag so überwinden und diese sollen ihnen helfen, durch das richtige Maß an Treppensteigen einen gesünderen Lebensstil zu entwickeln. Wer abnehmen will, kann mithilfe eines Punktesystems kontrollieren auch genau das Richtige in der richtigen Menge zu essen.

Wir sind daran gewöhnt nach Zahlen zu leben, statt nach unserem Willen und unserem Wohlbefinden. Alles, was messbar ist, Uhrzeiten, Hormonwerte, Gewicht, ist mit Normen und Normwerten verbunden. Es gibt die „richtigen“, „gesunden“ Werte und die „falschen“ und „ungesunden“ Werte. Die angebliche Objektivität und Rationalität der Wisenschaft hat eine besondere Form der Tyrannei geschaffen. Eine Tyrannei, die zum Ziel ein reibungsloses Funktionieren einer auf Effizienz und Produktivität getrimmten Leistungsgesellschaft gewährleisten soll. Noch bis zum 19. Jahrhundert arbeiteten Menschen nur so viel, wie sie es brauchten, um überleben zu können (was bei den meisten deutlich weniger war, als die Menschen heute so arbeiten). Dann verließen sie ihre Arbeit wieder. Das passte natürlich nicht zum Rhythmus der neu erfundenen Maschinen in den Fabriken und dem Gedanken, immer weiter wachsen zu müssen, also immer mehr produzieren zu müssen. Mehrere Generationen von Arbeiter*innen mussten erst einmal dazu „erzogen“ werden, sich an eine Uhr anzupassen anstatt nach Lust und Laune zu leben und zu arbeiten. Insbesondere die Einführung von Schulen führte dazu Menschen von jüngstem Alter an davon zu entfremden, in einem ihnen angenehmen Rhythmus das zu machen, worauf sie Lust haben, sondern fremdbestimmt mithilfe einer Uhr und mithilfe von Leistungskriterien und ständiger Überwachung und Bewertung ihren Pflichten nachzugehen (Quelle: Ludwig Unruh: „Hauptsache Arbeit? Zum Verhältnis von Arbeit und menschlicher Emanzipation“). Wer kopfschüttelnd auf die Schulen und das Arbeitsleben in Japan oder Südkorea schaut, übersieht, dass Schule und Arbeit hier in Deutschland genau nach demselben Prinzip aufgebaut sind und dass lediglich in vielen Fällen ein etwas geringeres Leistungspensum erwartet wird.

Das ändert jedoch nichts daran, dass messbare Daten uns unterdrücken und beherrschen, dass wir unsere Zeit damit verbringen, uns zu optimieren und an die Normwerte anzupassen. Dies begreifen wir jedoch häufig nicht als Unterdrückung, denn es ist ja angeblich rational vernünftig, wir tun es um unserer Gesundheit und unseres Wohlbefindens Willen. Wir haben uns dem Rhythmus und den Erfordernissen der Maschinen und des Kapitalismus angepasst und werden selbst zu Maschinen, messbar, wartbar, verwertbar, immer auf Abruf, produktiv, überwachbar, vorhersehbar. Es ist schwer sich der Tyrannei des Messbaren zu verweigern, denn unsere Gesellschaft ist davon durchdrungen. Immerhin macht es sie vorhersehbar und leichter angreifbar. Mensch kann sicher sein, dass Montagnacht kaum wer draußen unterwegs sein wird, denn die meisten müssen am nächsten Tag sehr früh aufstehen, um ihren wie auch immer gearteten getakteten Pflichten nachzugehen. Eine guter Moment, um die Werkzeuge der Tyrannei des Messbaren zu zerstören.

Willkommen zurück aus dem Urlaub

Die Sommerferien neigen sich dem Ende zu. Das bedeutet für viele Menschen das Ende ihres alljährlichen Urlaubs. Aus weit entfernten Ländern oder beliebten Regionen in der weiteren Umgebung des eigenen Wohnortes kehren sie nun zurück an ihre Arbeitsplätze, in die Erziehungsanstalten oder zurück in den beengenden Alltag der Hauswirtschaft. In den dunkelsten Stunden ihrer alltäglichen Existenz zehren sie dort aus den Erinnerungen vergangener Urlaube oder der Vorfreude auf den nächsten Urlaub.

In Urlaub zu fahren ist für die Menschen heute zugleich Statussymbol und Ausbruch aus dem Alltag, der angesichts von monotoner Arbeit, sozialen und familiären Verpflichtungen oder irgendwelchen eigenen oder fremden Bildungszielen für viele Menschen zu einem Gefängnis ihrer eigenen Sehnsüchte geworden ist. Wer es sich leisten kann, fliegt in „exotische“ Gegenden, speist in teuren Restaurants, residiert in luxuriösen Hotels oder berauscht sich an irgendeiner fremden „Kultur“. Tatsächlich ist es für Menschen mit dem richtigen Pass gar nicht unbedingt notwendig, reich zu sein, um entfernte Regionen der Erde zu besuchen. Wer sich teure Hotels nicht leisten kann oder diese ohnehin schnöde findet, die*der versucht sich im sogenannten Rucksacktourismus. Der gute Wechselkurs westlicher Währungen macht das sogar für verarmte Hipster möglich.

So strömen dann während der Juli- und Augustwochen die Bewohner*innen der im internationalen Vergleich privilegierten Länder in Scharen hinaus in die Welt, um sich an den pitoresken Stränden der Welt zu sonnen, irgendeinen Berg zu erklimmen, seltsame Sportarten zu treiben, fremde Städte zu besichtigen oder mit dem eigenen Rucksack und etwas Münzgeld durch ein „exotisches“ Land zu pilgern und sich an der fremden „Kultur“, der Schönheit (scheinbar) unberührter Natur, der Gastfreundschaft der dort lebenden Menschen, dem eigenen Reichtum im Kontrast zur Armut der dort lebenden Menschen und der eigenen Freiheit dorthin gehen zu können, wo mensch möchte, zu berauschen.

Die entfremdende Erfahrung dieses Konzepts von Urlaub, bei dem Tourist*innen einen Ort, zu dem sie keinerlei Bezug haben (dass mensch jedes Jahr dort hinfährt, um sich dort bedienen zu lassen zählt für mich nicht als Bezug), regelrecht heimsuchen und diesen kollektiv nach ihren eigenen Vorstellungen verändern, wird nur von dem Zynismus übertroffen, mit dem die Rückkehrer*innen dann häufig von dem einfachen, harten, aber (angeblich) glücklichen Leben der Menschen berichten, denen sie während ihrer Vergnügungsreise begegnet sind. Es sind jene oberflächlichen Erfahrungen, die heimgekehrte Tourist*innen dann in den Augen ihrer Freund*innen und Bekannten zu Expert*innen für ein fremdes Land oder eine fremde „Kultur“ machen. Dabei könnte mensch die gleichen platten und anmaßenden Erkenntnisse über das Leben in anderen Regionen der Welt ebenso in einem der unzähligen, sogenannten Reiseführer nachlesen.

Auf der anderen Seite wiederum verwandeln sich die vom Tourismus heimgesuchten Regionen dieser Welt häufig Schritt für Schritt in jene Klischees, denn was den Erwartungen der neokolonialen Eroberer*innen entspricht, verkauft sich gut. Zugleich setzen in den Tourismusmetropolen dieser Welt Verdrängungsprozesse ein, die all diejenigen Menschen, die dort leben und es sich nicht leisten können, mit Geld um sich zu werfen wie Tourist*innen, aus ihren Vierteln und Städten, ja manchmal sogar aus ganzen Regionen vertreiben. Zudem bringen Tourist*innen nicht selten heftige Konflikte in eine Region. Wer nur einige Tage oder wenige Wochen an einem Ort verweilt und zudem auf der Suche nach ausschweifenden Erfahrungen ist, die den üblichen tristen Alltag ausgleichen sollen, die*der hat oft kein Interesse daran, Rücksicht auf andere zu nehmen. Laute Partymeilen und völlig enthemmtes, rücksichtsloses Verhalten sind oft ein schaler Beigeschmack von Tourismus. Eben das, was mensch hier in München während der drei Wochen Ende September/Anfang Oktober ansatzweise nachempfinden kann.

Warum das alles? Sind den Menschen, die jedes Jahr so begeistert in Urlaub fahren die Auswirkungen ihres Handelns auf das Leben anderer Menschen derart egal? Fragt mensch nach, kommen meist die immer gleichen Antworten: Der Tourismus sei ja ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor für eine Region heißt es dann selbstbewusst von heimlichen Anhänger*innen des Neoliberalismus, mensch selbst betreibe ja nicht diese Form des Tourismus, erklären die ignoranten Rucksack-Hipster und diejenigen, die überzeugt davon sind, dass es ohnehin kein richtiges Leben im Falschen gäbe zucken schuldbewusst die Schultern und erzählen irgendetwas marxistisches von Reproduktion.

Dabei muss mensch sicher nicht Marx gelesen haben, um zu verstehen, dass die beliebte Fahrt in den Urlaub eine Kompensation unerfüllter Sehnsüchte sind. Statt danach zu streben ihr Leben selbst zu bestimmen, die Fesseln der Lohnarbeit abzustreifen und endlich nach den eigenen Vorstellungen zu leben, fahren die modernen Arbeitssklav*innen lieber einmal im Jahr – bzw. so oft sie es sich leisten können – in Urlaub. Was sie befriedet, schafft dabei anderen Menschen zusätzliche Probleme.

Aber wäre es nicht befriedigender, gegen die Zustände, die uns alle gefangenhalten in einem Leben, das nicht unseres ist, zu rebellieren? Wie wäre es, statt im nächsten Jahr das Auto für den Urlaub vollzutanken nur einen Kanister Benzin und eine Packung Streichhölzer zu kaufen und der eigenen Wut und Kreativität wenigstens einmal im Jahr freien Lauf zu lassen? Umweltschonender wäre es in jedem Fall.

„Fuck Work“, Love Anarchy

Im Stadtteil Nymphenburg in unmittelbarer Nähe der S-Bahn-Haltestelle Laim hinterließen Unbekannte auf einer Großbaustelle, aus der wohl einmal eine weitere dieser anonymen und durchgentrifizierten Luxuswohnanlagen werden soll, einige subversive Nachrichten. Unter anderem den Schriftzug „Fuck Work“ und mehrere Anarchiesymbole.

Damit richteten sie Auskünften der Münchner Bullenschweine zufolge einen erheblichen Schaden an. Angeblich müssen nun die mit Graffity versehenen Wände komplett ausgetauscht werden, denn natürlich steht es außer Frage, dass die Graffiti da stehen bleiben. Was sollen denn die zukünftigen Bewohner*innen denken …