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Die Abschaffung der Arbeit

Niemand sollte jemals arbeiten

Arbeit ist die Ursache nahezu allen Elends in der Welt. Fast jedes erdenkliche Übel geht aufs Arbeiten oder auf eine fürs Arbeiten eingerichtete Welt zurück. Um das Leiden zu beenden, müssen wir aufhören zu arbeiten.

Das bedeutet nicht, dass wir aufhören sollten, Dinge zu tun. Vielmehr sollten wir eine neue Lebensweise schaffen, der das Spielen zugrunde liegt; sozusagen eine spielerische Revolution. Unter Spielen verstehe ich dabei ebenso Feierlichkeiten, Kreativität, Geselligkeit und vielleicht sogar Kunst. Spielen umfasst mehr als bloßes Kinderspiel, so wertvoll das auch sein mag. Ich fordere ein kollektives Abenteuer allgemeiner Freude in freiem und gegenseitigem Überschwang. Spielen hat nichts Passives an sich. Ohne Zweifel brauchen wir alle mehr Zeit fürs Faulsein und Herumlungern als gegenwärtig, unabhängig vom Einkommen oder der Beschäftigung, doch wenn wir uns erst von der beschäftigungsbasierten Verausgabung unserer Kräfte erholt haben werden, werden beinahe alle von uns wieder tätig werden wollen. Oblomowismus und Stachanowismus sind zwei Seiten derselben entwerteten Medaille.

Spielerisches Leben ist vollkommen inkompatibel mit der bestehenden Wirklichkeit. Das sagt alles über die „Wirklichkeit“, das schwarze Loch, das dem Wenigen im Leben, das es noch vom bloßen Überleben unterscheidet, die Lebenskraft entzieht. Seltsamerweise – oder vielleicht auch nicht – sind alle alten Ideologien konservativ, weil sie an die Arbeit glauben. Manche von ihnen, wie der Marxismus oder die meisten Spielarten des Anarchismus, glauben an die Arbeit umso inbrünstiger, als sie an so wenig anderes glauben.

Die Liberalen wollen die Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt beenden. Ich sage, wir sollten den Arbeitsmarkt abschaffen. Die Konservativen unterstützen Gesetze für ein Recht auf Arbeit. Mit Karl Marx eigensinnigem Schwiegersohn Paul Lafargue unterstütze ich das Recht auf Faulheit. Linke bevorzugen Vollbeschäftigung. Ebenso wie die Surrealist*innen, abgesehen davon, dass ich es auch so meine, bevorzuge ich volle Beschäftigungslosigkeit. Die Trotzkisten agitieren für die permanente Revolution. Ich agitiere für permanente Gelage. Aber auch wenn alle Ideolog*innen (wie sie es tun) für die Arbeit streiten – und nicht nur, weil sie beabsichtigen, andere Menschen die ihre verrichten zu lassen –, sind sie doch seltsam zurückhaltend, das zu sagen. Sie debattieren endlos über Löhne, Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen, Ausbeutung, Produktivität und Profitabilität. Sie reden gerne über alles, außer über die Arbeit selbst. Diese Expert*innen, die uns anbieten, das Denken für uns zu übernehmen, teilen nur selten ihre Erkenntnisse über die Arbeit mit uns, wo doch die Arbeit so bedeutend für unser aller Leben ist. Unter sich streiten sie sich ein bisschen um Einzelheiten. Gewerkschaften und Vorstände stimmen darin überein, dass wir unsere Lebenszeit für unser Überleben verkaufen sollen, auch wenn sie sich über den Preis streiten. Marxist*innen sind der Meinung, dass wir von Bürokrat*innen geleitet werden sollten. Liberale sind der Meinung, dass wir von Unternehmern geführt werden sollten. Feminist*innen interessieren sich nicht für die Art von Chef*innen, solange es Frauen sind. Alle diese Ideolog*innen haben ernste Differenzen hinsichtlich der Verteilung der Macht. Genauso klar ist, dass sie kein Problem mit Macht als solcher haben und dass sie uns alle am Arbeiten halten wollen.

Du magst dich fragen, ob ich Witze mache oder es ernst meine. Ich mache Witze und meine es ernst. Spielerisch zu sein bedeutet nicht notwendigerweise frivol zu sein und Frivolität ist nicht gleichbedeutend mit Trivialität. Sehr oft sollten wir Frivolitäten ernst nehmen. Ich möchte, dass das Leben ein Spiel ist – aber ein Spiel mit hohen Einsätzen. Ich will für immer spielen.

Das Gegenteil von Arbeit ist nicht nur Faulheit. Kindlich und kindisch sind nicht dasselbe. So sehr ich die Lust der Trägheit schätze, so ist sie doch am Lohnendsten, wenn sie anderen Genuss und Zeitvertreib unterbricht. Genausowenig werbe ich für das verwaltete, zeitlich begrenzte Sicherheitsventil namens „Freizeit“, nichts läge mir ferner. Freizeit ist Nicht-Arbeit um der Arbeit willen. Freizeit ist die Zeit, die man damit verbringt, sich von der Arbeit zu erholen und der fieberhafte, aber hoffnungslose Versuch die Arbeit zu vergessen. Viele Menschen kehren so geschafft aus dem Urlaub zurück, dass sie es nicht erwarten können, wieder zu arbeiten, um sich zu erholen. Der Hauptunterschied zwischen Arbeit und Freizeit ist, dass du bei der Arbeit wenigstens für deine Entfremdung und Entkräftung bezahlt wirst.

Ich betreibe hier keine Wortklauberei. Wenn ich sage, dass ich die Arbeit abschaffen will, meine ich genau das, aber ich will mich nicht auf eigenartige Art und Weise ausdrücken. Meine Minimaldefinition von Arbeit ist Zwangsarbeit, also erzwungene Produktivität. Beide Bestandteile dieses Wortes sind zentral für seine Bedeutung. Arbeit ist Produktion, die mithilfe von wirtschaftlichen oder politischen Mitteln erzwungen wird, durch Zuckerbrot oder Peitsche (Das Zuckerbrot ist letztlich auch nichts anderes als die Peitsche mit anderen Mitteln.) Aber nicht jede schöpferische Tätigkeit ist Arbeit. Arbeit wird niemals um ihrer selbst Willen verrichtet, sie wird mit dem Ziel verrichtet, dass der*die Arbeiter*in (oder meistens jemand anderes) durch sie ein bestimmtes Produkt oder eine bestimmte Leistung gewinnt. Das ist es, was Arbeit notwendigerweise ist. Sie zu definieren, bedeutet sie zu verachten. Aber Arbeit ist üblicherweise noch schlimmer, als ihre Definition verheißt. Die Herrschaftsdynamik, die der Arbeit innewohnt, entwickelt sich mit der Zeit weiter. In fortgeschrittenen Arbeitsgesellschaften, inklusive allen industriellen Gesellschaften, egal ob kapitalistisch oder „kommunistisch“, besitzt Arbeit immer auch andere Eigenschaften, die ihre Absurdität noch weiter betonen.

Üblicherweise – und das gilt mehr noch als in kapitalistischen in „kommunistischen“ Ländern, wo der Staat beinahe als einziger Arbeitgeber auftritt und jede*r Arbeitnehmer*in ist –bedeutet Arbeit Anstellung, d.h. Lohnarbeit, was bedeutet, sich an den Dienstplan zu verkaufen. Dementsprechend arbeiten 95% der Amerikaner*innen, die arbeiten, für jemand (oder etwas) anderen. In der UdSSR oder Kuba oder Jugoslawien oder irgendeinem anderen alternativen Modell, das man heranziehen will, nähert sich dieser Anteil 100% an. Lediglich in den umkämpften Bauernbastionen der Dritten Welt – Mexiko, Indien, Brasilien, Türkei – gibt es derzeit einen bedeutenden Anteil an Landwirten, die an den traditionelleren Organisationsmodellen der meisten Arbeiter*innen der letzten paar Jahrhunderte festhalten, der Zahlung von Steuern (= Lösegeld) an den Staat oder von Pacht an parasitäre Landbesitzer*innen im Austausch dafür, ansonsten in Ruhe gelassen zu werden. Selbst dieses schlechte Abkommen erscheint mittlerweile verhältnismäßig gut. Sämtliche Industriearbeiter*innen (ebenso wie Büroarbeiter*innen) sind Angestellte und stehen unter einer Art von Beobachtung, die ihre Unterwürfigkeit garantiert.

Aber die moderne Arbeit hat noch schlimmere Implikationen. Die Menschen arbeiten nicht einfach nur, sie haben „Jobs“. Eine Person erledigt eine produktive Aufgabe die ganze Zeit über auf einer „sonst setzt es was“-Basis. Selbst wenn dieser Tätigkeit auch nur ein Quäntchen Erfüllung innewohnt (was zunehmend mehr Jobs nicht bieten können), so zerstört doch die Eintönigkeit ihrer verbindlichen Ausschließlichkeit jedes spielerische Potenzial. Ein „Job“, der die Energien einiger Personen für einen naheliegenderweise begrenzten Zeitraum und für den Spaß an der Sache zu mobilisieren vermag, ist für diejenigen, die ihn 40 Stunden die Woche erledigen müssen, ohne Mitspracherecht darüber, wie er erledigt werden sollte und zum Profit der Eigentümer, die nichts zu dem Projekt beitragen und ohne die Möglichkeit, die Aufgaben unter denen, die tatsächlich daran arbeiten, aufzuteilen, nichts als eine Bürde. Das ist die wirkliche Welt der Arbeit: Eine Welt des bürokratischen Pfuschs, sexueller Belästigung und Diskriminierung, eine Welt voller holzköpfiger Bosse die ihre Untergebenen, die – allen rational-technischen Erwägungen zufolge – eigentlich das Sagen haben sollten, ausbeuten und zu Sündenböcken machen. Aber der Kapitalismus der realen Welt ordnet die rationale Maximierung der Produktivität und des Profits den Erfordernissen der organisatorischen Kontrolle unter.

Die Entwürdigung, die die meisten Arbeiter*innen in ihrem Job erfahren, ist die Summe allerlei Demütigungen, die als “Disziplin” bezeichnet werden können. Foucault hat dieses Phänomen verkompliziert, aber eigentlich ist es ganz simpel. Disziplin besteht aus der Gesamtheit an totalitärer Kontrollen am Arbeitsplatz – Überwachung, Fließband, festgelegte Arbeitsgeschwindigkeiten, Produktionsziffern, Ein- und Ausstempeln, etc. Disziplin ist das, was die Fabrik, das Büro und der Laden mit dem Gefängnis, der Schule und dem Irrenhaus gemein haben. Sie ist etwas historisch Einzigartiges und Schreckliches. Sie übersteigt die Möglichkeiten der dämonischen Diktatoren der alten Zeiten wie Nero, Dschingis Khan und Iwan der Schreckliche. Ungeachtet all ihrer üblen Absichten hatten sie einfach nicht die geeignete Maschinerie, um ihre Subjekte so vollständig zu kontrollieren, wie es die modernen Despoten tun. Disziplin ist der spezifische, diabolische Kontrollmechanismus der Moderne, sie ist ein innovativer Eingriff, dem schnellstmöglich Einhalt geboten werden muss.

Das meine ich mit “Arbeit”. Spiel ist genau das Gegenteil. Spiel ist immer freiwillig. Was ansonsten Spiel wäre, aber erzwungen wird, ist Arbeit. Das ist axiomatisch. Bernie de Koven hat Spiel als die “Aussetzung von Konsequenzen” definiert. Das ist dann unhaltbar, wenn es darauf hinauslaufen soll, dass Spiel konsequenzlos wäre. Der Punkt ist nicht, dass Spielen keine Konsequenzen hätte. Das soll das Spiel bloß herabsetzen. Der Punkt liegt darin, dass die Konsequenzen, soweit es sie gibt, unbedeutend sind. Spielen und Schenken sind eng miteinander verwandt, sie sind die verhaltensbezogenen und transaktionalen Facetten des gleichen Impulses, des Spieltriebs. Sie teilen eine vornehme Verachtung gegenüber Ergebnissen. Der Spieler zieht etwas aus seinem Spiel, deshalb spielt er. Aber die hauptsächliche Entlohnung ist die Erfahrung der Aktivität selbst (egal worin sie besteht). Einige ansonsten aufmerksame Beobachter*innen des Spiels, wie Johan Huizinga (Homo Ludens) definieren es als Spielespielen oder Regelbefolgen. Ich respektiere Huizingas Gelehrsamkeit, aber weise seine Befangenheit entschieden zurück. Es gibt viele gute Spiele (Schach, Baseball, Monopoly, Bridge) die regelbeherrscht sind, aber es gibt viel mehr zu spielen als nur Spiele. Unterhaltungen, Sex, Tanzen, Reisen – diese Tätigkeiten sind nicht regelbeherrscht, aber sie fallen auf jeden Fall in die Kategorie des Spiels, wenn das irgendetwas tut. Und selbst mit Regeln lässt sich spielen, ebenso wie mit allem anderen.

Arbeit verspottet die Freiheit. Die offizielle Behauptung ist, dass wir alle Rechte haben und in einer Demokratie leben. Andere Unglückliche, die nicht so frei sind wie wir, müssen in Polizeistaaten leben. Diese Opfer müssen Befehle befolgen, egal wie willkürlich sie sind. Die Autoritäten behalten sie unter ständiger Kontrolle. Staatsbürokrat*innen kontrollieren selbst die kleinsten Details ihres Alltags. Die Beamt*innen, die sie herumschubsen, müssen sich nur nach oben verantworten, öffentlich wie privat. Auf die eine oder andere Art und Weise wird jede Abweichung und jeder Ungehorsam bestraft. Denunzianten erstatten den Autoritäten regelmäßig Bericht. All das gilt als etwas sehr Schlechtes.

Und das ist es schließlich auch, obwohl es nichts anderes ist als die Beschreibung des modernen Arbeitsplatzes. Die Liberalen und Konservativen, ebenso wie die Libertären, die den Totalitarismus anklagen, sind Schwindler und Heuchler. In jeder moderaten ent-stalinisierten Diktatur gibt es mehr Freiheit als an einem durchschnittlichen amerikanischen Arbeitsplatz. In einem Büro oder einer Fabrik kann man die gleiche Art von Hierarchien und Disziplin beobachten wie in einem Gefängnis oder in einem Kloster. Tatsächlich haben Foucault und andere gezeigt, dass Gefängnisse und Fabriken etwa zur gleichen Zeit aufkamen und ihre Betreiber ganz bewusst Kontrollmechanismen beieinander abgeschaut haben. Eine Arbeiter*in ist eine Teilzeitsklav*in. Ihre Chef*in befiehlt ihr, wann sie aufzutauchen und zu gehen hat und was sie in der Zwischenzeit tun soll. Er sagt dir, wie viel Arbeit du zu erledigen hast und wie schnell. Es steht ihm frei, seine Kontrolle bis hin zu demütigenden Extremen auszuweiten, indem er, wenn er will, sogar die Kleidung, die du trägst, bestimmt und wie oft du auf die Toilette gehen darfst. Mit wenigen Ausnahmen kann er dich aus beliebigen Gründen oder grundlos feuern. Er lässt dich von Denunzianten und Vorgesetzten bespitzeln, er führt Akten über jeden Angestellte*n. Ihm zu widersprechen wird “Aufmüpfigkeit” genannt, als wäre eine Arbeiter*in ein ungezogenes Kind, und führt nicht nur zu deiner Entlassung, sondern es verwehrt dir auch das Arbeitslosengeld. Ohne das notwendigerweise bei ihnen gutzuheißen, ist es bemerkenswert, dass Kinder zu Hause und in der Schule ziemlich die gleiche Behandlung erfahren, und diese in ihrem Fall mit ihrer angeblichen Unreife gerechtfertigt wird. Was sagt das über ihre Eltern und Lehrer*innen aus, die arbeiten?

Das erniedrigende System der Herrschaft, das ich hier beschrieben habe, beherrscht fast die Hälfte der Wachzeit einer Mehrheit der Frauen und der überwiegenden Mehrheit der Männer seit Jahrzehnten für beinahe deren gesamtes Leben. Aus bestimmten Gründen ist es nicht allzu irreführend, unser System Demokratie oder Kapitalismus oder – noch besser – Industrialismus zu nennen, aber sein eigentlicher Name ist Fabrik-Faschismus oder Büro-Oligarchie. Jede*r, die sagt, dass diese Menschen “frei” sind, lügt oder ist ein Idiot. Du bist, was du tust. Wenn du langweilige, dumme, monotone Arbeit verrichtest, dann stehen die Chancen gut, dass du darin endest, langweilig, dumm und monoton zu sein. Arbeit ist eine viel bessere Erklärung für die schleichende Verblödung um uns herum, als selbst so bedeutende, verdummende Mechanismen wie das Fernsehen und die Bildung. Menschen, die ihr gesamtes Leben herumkommandiert werden, erst in der Schule, dann in der Arbeit und von der Familie zu Anfang und dem Pflegeheim am Ende umschlossen, sind an Hierarchien gewöhnt und psychologisch versklavt. Ihre Eignung zu Autonomie ist so verkümmert, dass ihre Angst vor Freiheit zu den wenigen rational begründeten Phobien gehört. Ihr Gehorsamkeitstraining in der Arbeit pflanzt sich sowohl in den von ihnen begründeten Familien fort, wo es das System auf mehr als nur eine Weise reproduziert, als auch in der Politik, der Kultur und allem anderen. Wenn die Vitalität der Menschen in der Arbeit erst einmal ausgetrocknet wurde, unterwerfen sie sich der Hierarchie und Expertise vermutlich auch in allen anderen Beziehungen. Sie sind ja daran gewöhnt.

Wir sind der Welt der Arbeit so verbunden, dass wir nicht in der Lage sind zu sehen, was sie mit uns macht. Wir müssen auf außenstehende Beobachter*innen aus anderen Zeiten oder anderen Kulturen zurückgreifen, um die Extremität und die Krankhaftigkeit unserer derzeitigen Situation zu erkennen. Es gab eine Zeit in unserer eigenen Geschichte, als die “Arbeitsehtik” unvorstellbar gewesen wäre und möglicherweise lag Weber gewissermaßen richtig damit, ihr Erscheinen mit einer Religion zu vergleichen, dem Calvinismus, der, wenn er heute statt vor vier Jahrhunderten aufgekommen wäre, sofort und passenderweise als Sekte bezeichnet worden wäre. Wie dem auch sei, wir müssen uns nur der Weisheit der Antike bedienen, um uns ein Bild von Arbeit zu machen. Die Menschen der Antike sahen die Arbeit als das, was sie ist, und ihre Sicht dauerte so lange an, die calvinistischen Sonderlinge einmal ausgenommen, bis sie vom Industrialismus über den Haufen geworfen wurde – aber nicht bevor diese die Unterstützung ihrer Propheten erhielt.

Tun wir für einen Moment so, als ob die Arbeit die Menschen nicht in verdummte Untertanen verwandeln würde. Tun wir entgegen jeder plausiblen Psychologie und der Ideologie ihrer Verfechter*innen so, als ob sie keinerlei Auswirkung auf die Charakterbildung hätte. Und tun wir so, als wäre die Arbeit nicht langweilig, ermüdend und entwürdigend, wie wir alle wissen, dass sie es ist. Selbst dann würde die Arbeit noch immer alle humanistischen und demokratischen Ansprüche verspotten, alleine aus dem Grund, dass sie so viel Zeit verschlingt. Sokrates sagte, dass Handarbeiter schlechte Freunde und Bürger abgäben, weil sie keine Zeit hätten, die Pflichten der Freundschaft und Bürgerschaft zu erfüllen. Er hatte Recht. Wegen der Arbeit schauen wir dauernd auf unsere Uhr, unabhängig davon, was wir gerade machen. Das einzig “freie” an der sogenannten Freizeit ist, dass wir von unseren Bossen dafür nicht bezahlt werden. Freizeit dient hauptsächlich dazu, sich für die Arbeit fertig zu machen, zur Arbeit zu gehen, von der Arbeit nach Hause zu gehen und sich von der Arbeit zu erholen. Freizeit ist ein Euphemismus für die merkwürdige Art und Weise, auf die sich Arbeit als eine Ressource der Produktion nicht nur auf eigene Kosten vom und zum Arbeitsplatz transportiert, sondern auch die Hauptverantwortung für ihrer Wartung und Reparatur übernimmt. Kohle und Stahl tun das nicht. Drehstühle und Schreibmaschinen tun das nicht. Aber Arbeiter*innen tun das. Kein Wunder, dass Edward G. Robinson in einem seiner Gangsterfilme ausrief: “Arbeiten ist etwas für Trottel!”

Sowohl Plato als auch Xenophon schreiben Sokrates die Wahrnehmung der destruktiven Auswirkungen der Arbeit auf die Arbeiter als Bürger und Menschen zu und stimmen mit ihm darin offensichtlich überein. Herodotus identifizierte die Verachtung der Arbeit als eine Einstellung der klassischen Griechen auf dem Höhepunkt ihrer Kultur. Um nur ein römisches Beispiel zu nennen: Cicero sagte, dass “wer auch immer seine Arbeit gegen Geld anbietet, sich selbst verkauft und sich in die Reihen der Sklaven begibt.” [1] Seine Freimütigkeit ist heutzutage rar, aber zeitgenössische Vertreter*innen primitiver Gesellschaften, auf die wir es gewöhnt sind, herabzublicken, haben westliche Anthropologen erhellt. Die Kapauku aus Westpapua besitzen, Posposil zufolge, eine Vorstellung von Ausgeglichenheit des Lebens und arbeiten entsprechend nur jeden zweiten Tag, während die übrigen Tage dazu dienen “die verlorene Kraft und Gesundheit wiederzuerlangen.” Unsere Vorfahren waren sich selbst bis ins 18. Jahrhundert, als sie sich bereits auf dem Pfad unseres heutigen Dilemmas befanden, darüber im Klaren, was wir heute vergessen haben, die Kehrseite der Industrialisierung. Ihre religiöse Zuneigung zu den “Blauen Montagen” – und die damit verbundene Etablierung einer de facto Fünf-Tage-Woche rund 150 bis 200 Jahre vor ihrer rechtlichen Einführung – trieb die frühen Fabrikbesitzer zur Verzweiflung. Es dauerte ziemlich lange, bis sie sich der Tyrannei der Glocke, der Vorgängerin der Uhr, unterwarfen. Tatsächlich war es notwendig, eine oder zwei Generationen lang erwachsene Männer durch Frauen, die an Gehorsam gewöhnt waren [2], und Kinder, die nach den industriellen Bedürfnissen geformt werden konnten, zu ersetzen. Selbst die ausgebeuteten Bauern der alten Ordnung entrissen der Fronarbeit eine bedeutende Menge an Zeit. Lafargue zufolge bestand ein Viertel des Kalenders der französischen Bauern aus Sonntagen oder Feiertagen und Tschajanows Zahlen aus Dörfern des zaristischen Russlands – schwerlich eine fortschrittliche Gesellschaft – zeigen ebenfalls, dass zwischen einem Viertel und einem Fünftel der Tage der Bauern der Ruhe gewidmet waren. Der Produktivität unterworfen fallen wir offensichtlich hinter diese rückschrittlichen Gesellschaften zurück. Die ausgebeuteten Muzhiks [russische Bauern des Zarenreichs] würden sich fragen, warum wir überhaupt arbeiten. Und wir sollten uns diese Frage auch stellen.

Um jedoch den vollen Umfang unseres Verfalls zu begreifen, müssen wir uns in den frühesten Zustand der Menschheit hineinversetzen, ohne Regierung und Eigentum, als wir als Jäger*innen/Sammler*innen umherzogen. Hobbes bildete sich ein, dass das Leben damals scheußlich, roh und kurz gewesen sein müsse. Andere nehmen an, dass das Leben ein verzweifelter, unaufhörlicher Kampf ums Überleben gewesen sei, ein Krieg gegen die raue Natur mit Tod und Katastrophe, die die Unglücklichen oder alle, die den Herausforderungen des Kampfs ums Überleben nicht gewachsen waren, erwartete. Tatsächlich war all das eine Projektion der Ängste um einen Zusammenbruch der Regierung von Gemeinschaften, die es nicht gewohnt waren, ohne auszukommen, wie das England zu Zeiten Hobbes während des Bürgerkriegs. Hobbes‘ Landsleute waren bereits mit alternativen Gesellschaftsformen in Berührung gekommen, die andere Lebensweisen vorführten – besonders in Nordamerika –, aber schon diese waren zu weit von ihren Erfahrungen entfernt, um von ihnen verstanden zu werden. (Die niederen Klassen, die den Lebensbedingungen der Indianer näher standen, verstanden sie besser und fanden sie oft attraktiv. Während des gesamten 17. Jahrhunderts liefen englische Siedler*innen zu den Stämmen der Indianer über oder weigerten sich nach ihrer Gefangennahme im Krieg zurückzukehren. Unterdessen wanderten die Indianer ebensowenig in die weißen Siedlungen aus, wie Deutsche die Berliner Mauer von der Westseite her überkletterten.) Die “Überleben des Bestangepassten”-Version – die Thomas-Huxley-Version – des Darwinismus war eine bessere Beschreibung der ökonomischen Zustände des viktorianischen Englands als der natürlichen Selektion, wie der Anarchist Kropotkin in seinem Buch Gegenseitige Hilfe, ein Faktor der Evolution zeigte. (Kropotkin war ein Wissenschaftler – ein Geograph –, der reichlich unfreiwillige Gelegenheit für Feldforschung hatte, als er nach Sibirien verbannt wurde: Er wusste, wovon er sprach.) Wie die meiste soziale und politische Theorie war die Geschichte, die Hobbes und seine Nachfolger*innen erzählten, nichts anderes als eine uneingestandene Autobiografie.

Der Anthropologe Marshall Sahlins, der die Daten heutiger Jäger*innen/Sammler*innen auswertete, nahm den Hobbes’schen Mythos in einem Artikel mit dem Titel “Die ursprüngliche Überflussgesellschaft” auseinander. Sie arbeiten viel weniger als wir und ihre Arbeit lässt sich nur schwer von dem unterscheiden, was wir Spiel nennen. Sahlins folgerte, dass “Jäger*innen/Sammler*innen weniger arbeiten als wir; und statt dass die Suche nach Nahrung eine anhaltende Plackerei ist, ist sie ständig von Müßiggang unterbrochen und es gibt eine größere Menge an Schlaf pro Kopf und Jahr während des Tages als in jeder anderen Gesellschaftsform.” Sie arbeiten durchschnittlich vier Stunden am Tag, wenn man davon ausgehe, dass sie überhaupt “arbeiten”. Ihre “Arbeit”, wie sie uns erscheint, sei Facharbeit, die sowohl ihre geistigen als auch körperlichen Fähigkeiten trainiert; Hilfsarbeit im größeren Stil ist, wie Sahlins sagt, unmöglich außer im Industrialismus. Damit erfüllt sie Friedrich Schillers Definition des Spiels als einzige Gelegenheit, bei der der Mensch seine vollständige Menschlichkeit erkennt, indem er beiden Seiten seiner doppelten Natur ihren Lauf lässt, dem Denken und Empfinden. Er drückt das folgendermaßen aus: “Das Thier arbeitet, wenn ein Mangel die Triebfeder seiner Thätigkeit ist, und es spielt, wenn der Reichthum der Kraft diese Triebfeder ist, wenn das überflüssige Leben sich selbst zur Thätigkeit stachelt.” (Eine moderne Version dessen – etwas zweifelhaft weiterentwickelt – ist Abraham Maslows Gegensatz von “Mangel” und “Wachstum” als Motivation.) Spiel und Freiheit sind, was die Produktion angeht, deckungsgleich. Selbst Marx, der (trotz all seiner guten Intentionen) in die produktivistischen Ruhmeshallen gehört, beobachtete, dass “das Reich der Freiheit in der Tat erst da beginnt, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört.” Er konnte sich nicht dazu durchringen, diesen glücklichen Umstand als das zu erkennen, was er ist, die Abschaffung der Arbeit – immerhin ist es eher eine Anomalie, für die Arbeiter zu sein, aber gegen die Arbeit –, aber wir können das tun.

Das Bestreben, zu einem Leben ohne Arbeit voranzuschreiten oder zurückzukehren, findet sich in jeder ernstzunehmenden Sozial- oder Kulturgeschichte des präindustriellen Europas, darunter auch M. Dorothy Georges England im Umbruch und Peter Burkes Populärkultur im frühen modernen Europa. Ebenfalls passend ist Daniel Bells Essay “Arbeit und ihr Unbehagen”, der erste Text, wie ich glaube, der die “Revolte gegen Arbeit” so ausführlich beschreibt und, wäre er verstanden worden, ein wichtiges Korrektiv der sonstigen Selbstgefälligkeit der Sammlung, in der er erschienen ist, Das Ende der Ideologie. Weder Kritiker*innen noch Bewunderer*innen haben bemerkt, dass Bells Ende-der-Ideologie-These nicht das Ende der sozialen Unruhen bedeutete, sondern den Beginn einer neuen, unerforschten Phase, die von der Ideologie nicht gehemmt oder beeinflusst wird. Es war Seymour Lipset (in Political Man), nicht Bell, der zur selben Zeit verkündete, dass “die grundlegenden Probleme der industriellen Revolution gelöst worden” seien, nur wenige Jahre bevor die post- oder meta-industrielle Unzufriedenheit Lipset von der Universität Berkeley ins (vorübergehend) verhältnismäßig ruhige Harvard vertrieb.

Wie Bell bemerkt, war Adam Smith in seinem Wohlstand der Nationen trotz all seinem Enthusiasmus für den Markt und die Arbeitsteilung den Schattenseiten der Arbeit viel aufgeschlossener (oder ehrlicher gegenüber) als Ayn Rand oder die Chicagoer Ökonomen oder irgendeine*r von Smiths modernen Immitator*innen. Smith beobachtete: “Der Intellekt des größten Teils der Menschen wird notwendigerweise von ihrer gewöhnlichen Beschäftigung geformt. Der Mann, der sein Leben damit verbringt, einige einfache Tätigkeiten auszuführen … hat keine Gelegenheit seinen Intellekt zu schulen … Er wird für gewöhnlich so dumm und ignorant wie ein Mensch nur werden kann.” Hier findet sich in wenigen, ungeschminkten Worten meine Kritik der Arbeit. Bell identifizierte bereits 1956, dem goldenen Zeitalter von Eisenhowers Beschränktheit und amerikanischer Selbstgefälligkeit, das unorganisierte, unorganisierbare Unwohlsein seit den 1970ern als eines, das sich keine politische Strömung zunutze machen kann, als das, das im Regierungsbericht Arbeit in Amerika identifiziert wurde, als das, das sich nicht nutzen lässt und das deshalb ignoriert wird. Dieses Problem ist die Revolte gegen die Arbeit. Es kommt in keinem Text irgendeines Laissez-faire-Ökonomen – Milton Friedman, Murray Rothbard, Richard Posner – vor, weil es sich ihren Worten zufolge, wie es bei Star Trek heißt, “nicht berechnen lässt”.

Wenn all diese von der Liebe zur Freiheit bewegten Argumente die Humanist*innen nicht zu einer utalitaristischen oder selbst paternalistischen Wende bewegen mögen, so gibt es andere, die sie nicht ignorieren können [3]. Arbeit ist eine Gefährdung unserer Gesundheit, um den Titel eines Buches zu zitieren. Tatsächlich ist Arbeit Massenmord und Genozid. Arbeit wird die meisten Menschen, die diese Worte lesen, direkt oder indirekt umbringen. Zwischen 14.000 und 25.000 Arbeiter*innen werden in diesem Land jährlich von ihrem Job getötet. Über zwei Millionen werden behindert. Zwanzig bis fünfundzwanzig Millionen werden jedes Jahr verletzt. Und all diese Zahlen basieren auf einer sehr konservativen Vorstellung davon, was ein Arbeitsunfall ist. Als solche zählen sie die halbe Million Fälle von Berufskrankheit jedes Jahr nicht mit. Ich habe ein medizinisches Lehrbuch über Berufskrankheiten gefunden, das 1.200 Seiten umfasste. Und selbst das kratzt kaum an der Oberfläche. Die verfügbaren Statistiken zählen die offensichtlichen Fälle, wie die der 100.000 Bergarbeiter*innen, die eine Staublunge haben und von denen 4000 jedes Jahr sterben, eine viel höhere Sterblichkeitsrate als beispielsweise die von AIDS, die so große mediale Aufmerksamkeit erlangt. Das resultiert aus der unausgesprochenen Annahme, dass AIDS Perverse befallen würde, die ihre Sittenlosigkeit kontrollieren könnten, während Kohlebergbau eine unantastbare Tätigkeit ist, die nicht in Frage gestellt wird. Was die Statistiken nicht zeigen, ist, dass Arbeit die Lebenserwartung von zehn Millionen Menschen verkürzt – was so viel wie Mord bedeutet. Man denke an die Ärzte, die sich in ihren 50ern zu Tode arbeiten. Man denke an all die anderen Workaholics.

Selbst wenn du, während du tatsächlich arbeitest, nicht getötet oder verstümmelt werden magst, kann dir das auch auf dem Weg zu oder von der Arbeit passieren, während du nach Arbeit suchst oder beim Versuch, die Arbeit zu vergessen. Die große Mehrheit der Opfer des Automobils waren entweder dabei, eine dieser für die Arbeit obligatorischen Tätigkeiten auszuüben oder kollidierten mit denen, die es taten. Zu diesem übermäßigen Leichenzählen müssen noch die Opfer der autoindustriellen Luftverschmutzung und des arbeitsinduzierten Alkoholismus und Drogenabhängigkeit addiert werden. Sowohl Krebs als auch Herzkrankheiten sind moderne Beschwerden, die üblicherweise direkt oder indirekt auf Arbeit zurückgeführt werden können.

Demnach institutionalisiert Arbeit Mord als eine Lebensweise. Die Menschen sind der Ansicht, dass die Kambodschaner*innen verrückt waren, sich selbst auszulöschen [4], aber sind wir denn anders? Das Pol-Pot-Regime hatte immerhin, wenn auch verschwommen, eine Vision einer egalitären Gesellschaft. Wir töten Menschen in sechsstelliger Höhe (mindestens), nur um Big Macs und Cadillacs an die Überlebenden zu verkaufen. Unsere vierzig- bis fünfzigtausend jährlichen Autobahnunfalltote sind Opfer, keine Märtyrer. Sie starben für nichts – oder vielmehr starben sie für die Arbeit. Aber Arbeit ist nichts, für das es sich lohnt zu sterben.

Schlechte Neuigkeiten für Liberale: regulatorisches Flickwerk ist in diesem Leben-und-Tod-Kontext sinnlos. Die Bundesbehörde für Arbeitsschutz und Gesundheitsverwaltung (OSHA) war dazu gedacht, das Kernproblem des Ganzen, die Sicherheit am Arbeitsplatz, zu kontrollieren. Selbst bevor Reagan und der Oberste Gerichtshof sie lahmlegten, war die OSHA eine Farce. In der vorangehenden und (gemessen an heutigen Standards) generösen Finanzierung in der Carter-Ära konnte ein Arbeitsplatz statistisch nur etwa alle 46 Jahre von einem Inspektor der OSHA Besuch erwarten.

Staatliche Kontrolle der Wirtschaft ist keine Lösung. Arbeit ist, wenn überhaupt, in den staatssozialistischen Ländern eher noch gefährlicher als hier. Beim Bau der Moskauer U-Bahn wurden tausende russischer Arbeiter*innen getötet oder verletzt. Geschichten, die den vertuschten sowjetischen Nuklearkatastrophen nachhallen, lassen Times Beach und Three Mile Island [5] wie Grundschul-Luftschutzübungen erscheinen. Deregulierung auf der anderen Seite hilft ebenfalls nicht und richtet möglicherweise sogar Schaden an. Von einem Gesundheits- und Sicherheitsstandpunkt betrachtet waren die Auswirkungen von Arbeit in den Tagen am Schlimmsten, als die Wirtschaft dem Laissez-faire [Wirtschaftsliberalismus des 19. Jahrhunderts, weitestgehend ohne staatliche Einmischung] am Nächsten kam.

Historiker*innen wie Eugene Genovese haben überzeugend argumentiert, dass – wie die Befürworter*innen der Sklaverei vor den Sezessionskriegen insistierten – die Lohnarbeiter*innen der Fabriken nordamerikanischer Staaten und Europas schlechter dran waren als die Sklav*innen der südlichen Plantagen. Keine Neuordnung der Beziehungen von Bürokrat*innen und Geschäftsleuten scheint einen besonderen Unterschied hinsichtlich der Produktion zu machen. Eine ernsthafte Umsetzung selbst der recht vagen Standards, die die OSHA in der Theorie umsetzen könnte, würde die Wirtschaft vermutlich zum Stillstand bringen. Die Gesetzeshüter*innen scheinen das offensichtlich gutzuheißen, da sie nicht einmal versuchen, selbst die größten Übel anzugehen.

Was ich bisher gesagt habe, sollte kaum umstritten sein. Viele Arbeiter*innen haben die Schnauze voll von Arbeit. Es gibt hohe und wachsende Raten von Fehlzeiten, Fluktuation, Diebstahl am Arbeitsplatz und Sabotage, wilden Streiks und allgemeinem Blaumachen im Job. Es mag eine gewisse Bewegung in Richtung einer bewussten und nicht nur instinktiven Ablehnung von Arbeit geben. Und doch ist es vorherrschende Meinung, die nicht nur von Bossen und ihren Agent*innen geteilt wird, sondern auch unter Arbeiter*innen selbst weitverbreitet ist, dass Arbeit selbst unvermeidbar und notwendig ist.

Ich stimme dem nicht zu. Es ist nun möglich, Arbeit abzuschaffen und sie, soweit es nützlichen Zwecken dient, durch eine Vielzahl neuer Arten freier Aktivitäten zu ersetzen. Arbeit abzuschaffen macht es erforderlich, das in zweierlei Hinsicht zu tun: quantitativ und qualitativ. Einerseits, auf Seite des Quantitativen, müssen wir die Menge an Arbeit, die erledigt werden muss, massiv reduzieren. Derzeit ist die meiste Arbeit überflüssig oder schlimmeres und wir sollten uns ihrer einfach entledigen. Auf der anderen Seite – und ich denke, das ist der Knackpunkt der Angelegenheit und die revolutionäre neue Abfahrt – müssen wir das, was als nützliche Arbeit bleibt, in eine erfreuliche Vielfalt spielerischer und handwerklicher Zeitvertreibe verwandeln, die von anderen erfreulichen Zeitvertreiben ununterscheidbar sind, außer darin, dass sie stattfinden, um nützliche Endprodukte zu erzeugen. Das sollte sie aber nicht weniger verlockend machen. Dann können all die künstlichen Barrieren der Macht und des Eigentums fallen. Erzeugung kann zu Erholung werden. Und wir können alle damit aufhören uns voreinander zu fürchten.

Ich schlage nicht vor, dass die meiste Arbeit auf diese Art und Weise gerettet werden kann. Aber dann ist es die meiste Arbeit auch nicht wert, bewahrt zu werden. Nur ein kleiner und schwindender Anteil der Arbeit dient irgendeinem sinnvollen Zweck unabhängig von der Verteidigung und Reproduktion des Arbeitssystems und seinen politischen und legalen Anhängseln. Vor zwanzig Jahren haben Paul und Percival Goodman überschlagen, dass nur fünf Prozent der damals erledigten Arbeit – und man kann annehmen, dass die Zahl, wenn sie denn stimmt, nun noch niedriger ist – unseren minimalen Bedürfnissen nach Essen, Kleidung und Obdach diente. Natürlich handelt es sich dabei nur um eine informierte Schätzung, aber der grundsätzliche Punkt ist geradezu offensichtlich: Direkt oder indirekt dient die meiste Arbeit den unproduktiven Zwecken des Handels oder der sozialen Kontrolle. Aus dem Stegreif können wir Zehnmillionen von Händler*innen, Soldat*innen, Managern, Bullen, Geistlichen, Bankern, Anwält*innen, Lehrer*innen, Grundbesitzer*innen, Sicherheitsangestellten, Werbeleuten und alle, die für sie arbeiten, befreien. Das verursacht einen Schneeballeffekt, da jedes Mal, wenn man ein großes Tier unproduktiv macht, man auch seine Lakaien und Untergebenen befreit. Dadurch implodiert die Wirtschaft.

Vierzig Prozent der Arbeitskräfte sind Angestellte, von denen die meisten einige der lästigsten und idiotischsten Jobs haben, die jemals irgendwer ausgeheckt hat. Ganze Branchen, die Bank- und Versicherungsbranche und die Immobilienbranche zum Beispiel, bestehen aus nichts anderem als nutzlosem Papier-Hin-und-Hergeschiebe. Es ist kein Zufall, dass der “tertiäre Sektor”, der Dienstleistungssektor, wächst, während der “sekundäre Sektor” (die Industrie) stagniert und der “primäre Sektor” (die Landwirtschaft) beinahe vollständig verschwindet. Weil Arbeit unnötig ist, außer für diejenigen, deren Macht sie sichert, werden Arbeiter*innen von relativ nützlichen zu relativ nutzlosen Beschäftigungen verschoben, um die öffentliche Ordnung sicherzustellen. Alles ist besser als Nichts. Deswegen kannst du nicht einfach nach Hause gehen, nur weil du früher fertig bist. Sie wollen deine Zeit, genug davon, um dich zu besitzen, selbst wenn sie für das meiste davon keinerlei Verwendung haben. Warum sonst ist die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in den letzten fünfzig Jahren kaum mehr als um wenige Minuten gesunken?

Als nächstes können wir uns mit dem Fleischerbeil über die produktive Arbeit selbst hermachen. Keine weitere Kriegsproduktion, Kernkraft, Junk Food, Damenhygiene-Deodorants – und vor allem keine weitere nennenswerte Autoindustrie. Gelegentlich ein Stanley Steamer oder ein Modell-T scheinen mir ok zu sein, aber der Auto-Erotizismus, von dem solche Seuchenherde wie Detroit und Los Angels abhängen, steht außer Frage. Ohne es eigentlich beabsichtigt zu haben, haben wir buchstäblich die Energiekrise gelöst, sowie die Umweltkrise und verschiedene andere unauflösliche soziale Probleme.

Schließlich müssen wir uns der bei weitem größten Tätigkeit entledigen, der mit den meisten Stunden, der niedrigsten Bezahlung und einigen der nervtötendsten Aufgaben, die es gibt. Ich beziehe mich auf Hausfrauen, die Hausarbeit verrichten und Kinder aufziehen. Durch die Abschaffung von Lohnarbeit und der Erzielung vollständiger Arbeitslosigkeit untergraben wir die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung. Die Kernfamilie, wie wir sie kennen, ist eine unvermeidbare Adaption der Arbeitsteilung, die von moderner Lohnarbeit auferlegt wird. Das mag dir gefallen oder nicht, aber wie sich die Dinge im letzten oder den letzten beiden Jahrhunderten entwickelt haben, ist es ökonomisch sinnvoll, dass der Mann den Speck nach Hause bringt und die Frau die Scheißarbeit erledigt, um ihm einen Himmel in einer herzlosen Welt zu bieten und die Kinder in die Jugendkonzentrationslager namens “Schulen” abgeschoben werden, vor allem um sie der Mutter vom Leib, aber trotzdem unter Kontrolle zu behalten, aber nebenbei auch um die Angewohnheiten des Gehorsams und der Pünktlichkeit zu erlangen, die für Arbeiter*innen so wichtig sind. Wenn du dich des Patriarchats entledigen willst, musst du die Kernfamilie loswerden, deren unbezahlten “Schattenarbeit”, wie Ivan Ilich sagt, das Arbeitssystem möglich macht, das sie erfordert. Mit dieser Kein-Kern-Strategie ist die Abschaffung der Kindheit und das Schließen der Schulen verbunden. Es gibt in diesem Land mehr Vollzeitschüler*innen als Vollzeitarbeitskräfte. Wir benötigen Kinder als Lehrer*innen, nicht als Schüler*innen. Sie haben eine Menge zu der spielerischen Revolution beizutragen, weil sie besser darin sind, zu spielen, als Erwachsene. Erwachsene und Kinder sind nicht identisch, aber sie werden durch gegenseitige Abhängigkeit gleich werden. Nur das Spiel kann diesen Generationenkonflikt überbrücken.

Ich habe bisher noch gar nicht von der Möglichkeit gesprochen, die wenige verbleibende Arbeit durch Automatisierung und Kybernetisierung erheblich zu reduzieren. All die Wissenschaftler*innen und Ingenieur*innen und Techniker*innen, die von der Beschäftigung mit Kriegsforschung und geplanter Überalterung befreit wurden, könnten ihre Zeit gut damit verbringen, sich Mittel zur Eliminierung von Erschöpfung, Überdruss und Gefahren solcher Aktivitäten wie denen des Bergbaus auszudenken. Zweifellos werden sie andere Projekte finden, in denen sie sich amüsieren können. Vielleicht schaffen sie ein weltweites, allumfassendes Multimedia-Kommunikationssystem oder gründen Weltraumkolonien. Vielleicht. Ich selbst bin kein Maschinenfreak. [6] Ich habe kein Interesse daran in einem Knopfdruck-Paradies zu leben. Ich will keine Robotersklav*innen, die alles für mich erledigen; ich will die Dinge selbst tun. Meiner Meinung nach gibt es einen Platz für Technologie zur Einsparung von Arbeit, aber nur einen bescheidenen Platz. Die historische und prähistorische Aufzeichnung ist nicht gerade vielversprechend. Als sich die produktive Technologie vom Jagen/Sammeln über die Landwirtschaft zur Industrie entwickelte, wuchs die Arbeit, während Fähigkeiten und Selbstbestimmung schwanden. Die weitere Entwicklung des Industrialismus hat das hervorgehoben, was Harry Braverman die Entwürdigung der Arbeit genannt hat. Intelligente Beobachter*innen waren sich dessen immer bewusst. John Stuart Mill schrieb, dass all die Eingriffe zur Arbeitseinsparung, die jemals erdacht wurden, nicht einen Augenblick Arbeit einsparten. Karl Marx schrieb, dass es möglich wäre „Geschichte über all die Erfindungen seit 1830 zu schreiben, die einzig zu dem Zweck gemacht wurden, das Kapital mit Waffen zur Niederschlagung der Arbeiterklasse zu versorgen.” Die enthusiastischen Technophilen – der Compte von Saint-Simon, Lenin, B. F. Skinner – waren auch immer unverschämte Autoritäre; was so viel heißt wie Technokraten. Wir sollten den Versprechungen der Computer-Mystiker*innen mehr als nur skeptisch gegenüberstehen. Sie arbeiten wie Hunde; da stehen die Chancen nicht schlecht, dass, wenn sie sich durchsetzen, der Rest von uns das ebenfalls tut. Aber wenn sie irgendwelche detaillierten Beiträge haben, die den menschlichen Zwecken bereitwilliger dienen, als der Weg von High-Tech, dann lasst uns ihnen zuhören.

Was ich wirklich sehen möchte, ist Arbeit, die in Spiel verwandelt wurde. Ein erster Schritt wäre es, die Vorstellung eines “Jobs” und einer “Beschäftigung” zu verwerfen. Selbst Aktivitäten, die bereits einen gewissen spielerischen Gehalt haben, verlieren diesen, wenn sie zu Jobs reduziert werden, die zu erledigen bestimmte Menschen und nur diese Menschen gezwungen werden, unter Ausschluss aller anderen. Ist es nicht seltsam, dass Feldarbeiter*innen schmerzhaft auf den Feldern schuften, während ihre klimatisierten Herr*innen jedes Wochenende nach Hause gehen und in ihren Gärten herumwerkeln? Unter einem System der permanenten Lustbarkeit werden wir Zeug*innen eines Goldenen Zeitalters der Dilettant*innen werden, das selbst die Renaissance in den Schatten stellen wird. Es wird keine Jobs mehr geben, sondern nur Dinge, die getan werden müssen und Menschen, die sie tun.

Das Geheimnis, Arbeit in Spiel zu verwandeln, liegt wie Charles Fourier gezeigt hat, darin, nützliche Aktivitäten so zu arrangieren, dass ein Vorteil aus dem gezogen werden kann, was verschiedene Menschen zu verschiedenen Zeiten zu tun genießen. Um es für einige Menschen möglich zu machen, die Dinge zu tun, die sie genießen können, genügt es bereits, die Irrationalitäten und Verzerrungen, die diese Aktivitäten belasten, wenn sie auf Arbeit reduziert werden, auszumerzen. Ich zum Beispiel würde es genießen ein bisschen (nicht allzu viel) zu unterrichten, aber ich möchte keine gezwungenen Schüler*innen und ich lege keinen Wert darauf, mich bei armseligen Pedant*innen für eine Anstellung einzuschleimen.

Zweitens gibt es einige Dinge, die Menschen von Zeit zu Zeit gerne machen, aber nicht zu lange und ganz bestimmt nicht die ganze Zeit. Du magst es genießen für einige Stunden zu babysitten, um mit Kindern zusammen zu sein, aber nicht so viel, wie ihre Eltern das tun. Unterdessen mögen die Eltern die Zeit, die du damit für sie selbst frei machst, zutiefst schätzen, auch wenn sie quengelig werden, wenn sie allzu lange von ihrem Nachwuchs getrennt sind. Diese Unterschiede unter Individuen sind das, was ein Leben des freien Spielens möglich macht. Das gleiche Prinzip lässt sich auf viele andere Tätigkeitsbereiche anwenden, ganz besonders auf die primären. Obwohl viele Menschen es genießen zu kochen, wenn sie das wirklich in ihrer Freizeit tun können, gefällt ihnen das nicht, wenn sie damit nur menschliche Körper für die Arbeit auftanken.

Drittens – wenn alles andere beim Gleichen bleibt – können einige Dinge, die, wenn du sie für dich tust, oder in einer unerfreulichen Umgebung oder auf Befehl eines Vorgesetzten, unzufriedenstellend sind, zumindest für eine Zeit lang angenehm sein, wenn dessen Umstände verändert werden. Das gilt gewissermaßen für alle Arbeiten. Menschen wenden ihren andernfalls verschwendeten Einfallsreichtum auf, um so gut es eben geht, ein Spiel aus den am wenigsten einladenden Schind-Jobs zu machen. Aktivitäten, die einen Reiz auf manche Menschen ausüben, üben nicht immer einen Reiz auf alle anderen aus, aber jede*r hat schließlich zumindest potenziell eine Vielfalt an Interessen und ein Interesse an Abwechslung. “Alles einmal ausprobieren”, wie man sagt. Fourier war Meister darin, zu spekulieren, wie abnormale und perverse Neigungen in einer post-zivilisierten Gesellschaft Verwendung finden könnten, was er Hamonie nannte. Er war der Ansicht, dass der Kaiser Nero ganz umgänglich geworden wäre, wenn er seinem Geschmack fürs Blutvergießen als Kind bei der Arbeit in einem Schlachthaus nachgegeben hätte. Kleine Kinder, die es bekanntermaßen genießen, sich im Dreck zu suhlen, könnten in “kleinen Scharen” organisiert werden, um Toiletten zu säubern und den Müll zu leeren, mit Medaillien, die an diejenigen verliehen werden, die sich besonders verdient gemacht haben. Ich argumentiere nicht für genau diese Beispiele, aber für das zugrundeliegende Prinzip, das, wie ich denke, absolut Sinn als eine Dimension einer insgesamt revolutionären Transformation macht. Man behalte im Hinterkopf, dass wir nicht einfach die Arbeit, wie wir sie heute vorfinden, nehmen und sie den Menschen, die dafür geeignet sind, zuordnen, von denen dann tatsächlich einige pervers sein müssten. Wenn die Technologie bei all dem eine Rolle spielt, dann weniger die, Arbeit wegzuautomatisieren, als vielmehr die, neue Gefilde der Wieder-/Erschaffung zu eröffnen. Zu einem gewissen Grad mögen wir zur Handarbeit zurückkehren wollen, wie William Morris als wahrscheinliches und wünschenswertes Ergebnis einer kommunistischen Revolution betrachtete. Die Kunst würde von den Snobs und Sammler*innen zurückgenommen werden, als ein spezialisiertes Fach-Catering eines elitären Publikums abgeschafft und in ihren Qualitäten der Schönheit und Schöpfung wiederhergestellt werden, hin zu dem ganzheitlichen Leben, das ihr von der Arbeit gestohlen wurde. Es ist ein ernüchternder Gedanke, dass die griechischen Gefäße, über die wir Gedichte schreiben und die wir in Museen ausstellen, in ihrer Zeit genutzt wurden, um Olivenöl aufzubewahren. Ich bezweifle, dass mit unseren heutigen Artefakten in der Zukunft ebenso verfahren werden wird, wenn es überhaupt eine gibt. Der Punkt ist, dass es in der Welt der Arbeit so etwas wie Fortschritt nicht gibt, wenn überhaupt, dann nur das Gegenteil. Wir sollten nicht zögern, der Vergangenheit zu stehlen, was sie zu bieten hat, die Menschen der Antike verlieren dabei ja nichts und wir werden bereichert.

Die Neuerfindung des alltäglichen Lebens bedeutet, die Grenzen unserer Karten zu überschreiten. Darüber gibt es, das ist wahr, mehr bildmächtige Spekulationen, als gemeinhin angenommen wird. Neben Fourier und Morris – und hier und da ein Hinweis selbst bei Marx – gibt es die Schriften von Kropotkin, der Syndikalisten Pataud und Pouget, der alten (Berkman) und neuen (Bookchin) Anarchokommunisten. Die Communitas der Goodman Brüder ist beispielhaft dafür, zu zeigen, welche Formen aus bestimmten Funktionen (Zwecken) resultieren, und wenn man erst einmal ihre Nebelmaschinen abklemmt, lässt sich manches aus den Schriften der oft schwammigen Verkünder*innen der alternativen/angemessenen/vermittelnden/geselligen Technologie wie Schumacher und besonders Illich ziehen. Die Situationist*innen – beispielsweise vertreten durch Vaneigems Revolution des Alltags und in der Anthologie der Situationistischen Internationale – sind so schonungslos verspielt, dass sie anregend sind, selbst wenn sie niemals die Herrschaft der Arbeiter*innenräte durch die Abschaffung der Arbeit ersetzt haben. Aber lieber ihre Ungereimtheiten als irgendeine erhaltene linke Spielart, deren Anhänger*innen danach streben, die letzten Verteidiger*innen der Arbeit zu sein, da es, wenn es keine Arbeit gäbe, auch keine Arbeiter*innen gäbe und sie ohne die Arbeiter*innen niemanden hätten, den sie organisieren könnte.

So stehen die Arbeits-Abolitionist*innen recht alleine da. Niemand kann sagen, was aus der Entfesselung der kreativen Kraft, die in der Arbeit gebunden ist, entstehen könnte. Der ermüdende Debattierzirkel-Streit der Freiheit gegen die Notwendigkeit mit seinem theologischen Unterton löst sich selbst in der Praxis, wenn die Produktion von Gebrauchswerten deckungsgleich mit dem Genuss erfreulicher Spiel-Aktivität ist.

Das Leben wird zu einem Spiel oder vielmehr vielen Spielen, aber nicht – wie es das heute ist – zu einem Nullsummenspiel. Eine ideale sexuelle Begegnung ist das Paradigma des produktiven Spielens. Die Beteiligten potenzieren gegenseitig ihre Lust, keine*r zählt die Punkte und jede*r gewinnt. Je mehr du gibst, desto mehr bekommst du. Im spielerischen Leben wird sich das Beste am Sex auf den Großteil des täglichen Lebens ausdehnen. Allgemeines Spiel führt zu der Libidinisierung des Lebens. Umgekehrt kann Sex dadurch weniger vorrangig und verzweiflungsvoller und dafür spielerischer werden. Wenn wir es richtig anstellen, können wir alle mehr vom Leben bekommen als wir hineinstecken. Aber nur wenn wir ernsthaft spielen.

Keine*r sollte jemals arbeiten. Arbeiter dieser Welt… entspannt euch!

Übersetzung aus dem Englischen: Bob Black. The Abolition of Work. Die Übersetzung wurde unter stellenweiser Zuhilfenahme der gleichnamigen Übersetzung von Daniel Kulla (Der Grüne Zweig 242), angefertigt.

Kurze Nachbemerkung der Herausgeber*innen

Auf den ersten Blick mag man sich fragen, warum sich dieser Text in einer Sammlung antizivilisatorischer Texte wiederfindet, denn wenngleich es sicherlich explizit antizivilisatorische Argumente in “Die Abschaffung der Arbeit” gibt, brechen andere Argumente wiederum nicht mit der Logik der Zivilisation und die letztliche Perspektive der beinahe institutionalisierten Verwandlung von Arbeit in Spiel erscheint sogar spezifisch zivilisatorisch zu sein, da sie einen gesamtgesellschaftlichen Blickwinkel einnimmt, aus dem heraus Arbeit demnach als Spiel zu organisieren wäre.

Auf einer Metaebene jedoch scheint der Text trotz seines schon im Titel (“Abschaffung”) angelegten, transformativen Einschlags (auch) eine antizivilisatorische Perspektive zu entwickeln. Er begreift Arbeit als ein fundamentales Organisationsprinzip der Gesellschaft, das zugunsten einer Tätigkeit, die als Spiel, also sozusagen vielleicht als ein Teil des Lebens, begriffen wird, aufgehoben werden müsse. Diese Aufhebung geht dabei mehr oder weniger mit einer grundlegenden Zerrüttung der den Erfordernissen der Arbeit unterworfenen gesellschaftlichen Strukturen (inklusive der Kernfamilie und des Patriarchats, was uns so ein wenig optimistisch erscheint) einher. Was am Ende übrig bleibt, sind diejenigen Tätigkeiten, die den Bedürfnissen und Sehnsüchten der Menschen entsprechen, vor allem denen nach Nahrung, Obdach und Kleidung. Und indem diese als spielerische Tätigkeiten neu definiert und erkundet werden sollen, wird selbst ihre Erscheiungsform als Arbeit verworfen. Soweit die Grundstruktur des Textes. Und soweit kann dieser unserer Auffassung nach auch als eine Entwicklung einer antizivilisatorischen Perspektive im Hinblick auf Arbeit verstanden werden, weil er eben danach strebt, die organisatorische Kontrolle durch Arbeit, die als ein Aspekt des Zivilisationsprozesses betrachtet werden kann, aufzuheben.

Diese Entwicklung einer in ihren Konsequenzen implizit antizivilisatorischen Perspektive ausgehend von einer Kritik der Arbeit empfinden wir im Kontext dieser Sammlung von Texten, in der ansonsten oft umgekehrt, von einer Kritik an Zivilisation ausgehend, Institutionen wie Arbeit als dem Zivilisationsprozess dienlich kritisiert werden, als eine interessante Abwechslung. Auch wenn uns zugleich der durch den Text unterbreitete Vorschlag einer – verallgemeinerten – “revolutionären Transformation” der Arbeit im Gegensatz zu ihrer Zerstörung in der Tendenz ein gewisses Unbehagen bereitet, weil sich dabei nur allzu leicht Gedankenkonstrukte einschleichen, die eine – in ihrer Tendenz immer zivilisatorische – allgemeine Organisierung der Gesellschaft erforderlich machen.

Anmerkungen:

[1] Was sich an dieser Stelle vielleicht zu bemerken lohnt, ist, dass all diese Philosophen der griechischen und römischen Antike zwar auf Arbeit verächtlich herabgeblickt haben mögen, dies aber aus der Position der herrschenden Klasse taten, die die anfallenden Arbeiten ihrer Gesellschaft, die ihnen ihren erheblichen Wohlstand garantierte, mehr oder weniger vollständig von einer gigantischen Klasse aus Sklav*innen verrichten ließen. Zumindest finde ich, das dies im Hinterkopf behalten werden sollte, wenn man diese Philosophen und ihre Verachtung für die Arbeit für sein Argument heranzieht. (Anm. d. Übers.)

[2] Das erscheint mir eine recht eigenwillige, reduktionistische Deutung zu sein, insbesondere da ein Großteil der in Fabriken arbeitenden Frauen jung und ledig gewesen sein soll. Frauen verdienten in den frühen Textilfabriken – ebenso wie in anderen Bereichen des ökonomischen Lebens, in denen sie überhaupt angestellt wurden – erheblich weniger als Männer, was zumindest die Frage aufwirft, ob Frauen nicht häufig einfach die billigere Arbeitskraft waren. Sicher lässt sich aufgrund einer patriarchalen Ausprägung der Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade auch argumentieren, dass Frauen mehr an Herrschaft gewöhnt gewesen sein mögen, ihnen jedoch soweit jegliches subversive Potenzial abzusprechen, dass man behaupten könnte, durch ihre Anstellung in Fabriken wären die Blauen Montage beseitigt worden, erscheint mir doch ein wenig klischeebehaftet und reduktionistisch und lässt zudem die sozioökonomischen Verhältnisse außen vor, die dazu führten, dass Frauen sich etwa auch mit erheblich schlechteren Löhnen als Männer zufrieden geben mussten. (Anm. d. Übers.)

[3] Auch wenn man sich ein wenig fragen mag, warum einer*m daran gelegen sein sollte, die Humanist*innen zu überzeugen, aber das mag vielleicht als eine Eigenheit des Textes verstanden werden. (Anm. d. Übers.)

[4] Gemeint ist vermutlich die Periode der Diktatur von Pol Pot von 1975 bis 1979 und der darauf folgende Bürgerkrieg, während der rund jede*r sechste Kambodschaner*in starb. (Anm. d. Übers.)

[5] Times Beach war eine Stadt mit rund 2200 Einwohner*innen in Missouri, die in den 1980er Jahren vollständig evakuiert und abgerissen wurde, nachdem der Entsorgungsunternehmer Russell Bliss mit Dioxin verseuchte Altölreste der Herstellung von Agent Orange für den Vietnam-Krieg jahrelang auf den Straßen von Times Beach versprüht hatte (Dazu war er übrigens von der Stadt beauftragt worden. Das Besprühen unbefestigter Wege mit Altöl war eine gängige Praxis, um Staubbildung zu verhindern.). Three-Mile Island war ein Kernkraftwerk in Pennsylvania, in dem sich 1979 eine partielle Kernschmelze ereignete, bei der rund ein Drittel des Reaktorblocks zerstört wurde. Folgen waren zahlreiche Todesfälle in der näheren Umgebung des Reaktors, sowie eine um bis zu 150 Prozent erhöhte Krebsrate, wie eine Langzeitstudie ermittelte. (Anm. d. Übers.)

[6] Ich denke hier reproduziert sich bereits das, was den schädlichen Charakter der Technologie ausmacht, nämlich ihr bestimmender Charakter für menschliche Beziehungen. Ich bin kein*e Verfechter*in davon, in “gute” und “schlechte” Technologien zu unterteilen, sondern sehe vielmehr die Geschichte der Technologie und der ihr zugrundeliegenden philosophisch-naturwissenschaftlichen Grundannahmen, wie sie uns heute erzählt wird, als eine einzige Kontinuität sozialer Kontrollmechanismen. Und doch wird vielleicht in der Unterscheidung dessen, was hier als “Verbesserung des Bergbaus” (zumindest wenn man einmal ganz fest die Augen davor verschließt, was der Bergbau an sich für technologisch-soziale Implikationen haben mag) auf der einen Seite und der Etablierung eines “globalen Multimedia-Kommunikationssystems”, einer “Weltraumkolonisierung” und der Etablierung eines “Knopfdruck-Paradieses” auf der anderen Seite deutlich, was das Problem ist. Im letzteren Fall wird die Technologie stets zu einer Totalität, deren Erfordernissen die sie umgebende lebendige Welt untergeordnet werden muss. Ihr Anspruch ist es nicht, eine Verbesserung zu erdenken, die mir vielleicht mein Leben leichter macht, sondern vielmehr ordnet sie die Welt neu gemäß ihres Paradigmas, stellt – um vielleicht einmal das sinnvollste der drei Beispiele aufzugreifen – beispielsweise überall Funkmasten auf, verlegt hunderttausende Kilometer von Glasfaserleitungen, schießt Satelliten ins All, usw., usw., nur damit ich dann eine völlig abgeflachte Form der Kommunikation mit jeder beliebigen anderen Person am anderen Ende des Planeten eingehen könnte. Leichter macht dies mein Leben nicht, weil ich ja auch gar nicht wüsste, was mir dies nun brächte, dafür – um mal nur beim Menschen zu bleiben – macht sie den hunderttausenden Menschen die die Infrastruktur verlegen und warten müssen, allerlei Mühe. Aber nicht nur ihnen. Diese wiederum bedürfen gigantischer Mengen an Rohstoffen – wo übrigens der Bergbau wieder ins Spiel kommt –, die wiederum von hunderttausenden von Menschen gewonnen und transportiert werden müssen, usw. Und am Ende hat sich diese Technologie schon damit den eigenen Bedarf geschaffen, weil nun plötzlich eine globale Abstimmung derjenigen, die die Infrastruktur in Europa planen, mit denjenigen, die in Latein- und Südamerika das erfoderliche Lithium gewinnen und denen, die dieses wiederum über den Ozean transportieren werden, erforderlich wird. Praktisch, oder? Und schon haben wir wieder einen gigantischen Apparat, der neue Arbeiten schafft, um auf das Thema dieses Textes zurückzukommen. (Anm. d. Übers.)

Industrielle Domestizierung

Industrie als Ursprung moderner Herrschaft

Wenn sich das Kapital der Wissenschaft bemächtigt, dann wird die Fügsamkeit des widerspenstigen Arbeiters gesichert sein.

– Andrew Ure, Philosophy of Manufactures, 1835

Wenn in der Vergangenheit irgendjemand einen Handwerker einen Arbeiter nannte, riskierte er eine Schlägerei. Heute, wo ihnen gesagt wird, dass die Arbeiter dem Staate die liebsten seien, bestehen sie alle darauf, Arbeiter zu sein.

M. May, 1848

Der Begriff Industrielle Revolution, der allgemein gebraucht wird, um die Periode zwischen 1750 und 1850 zu bezeichnen, ist eine blanke bourgeouise Lüge, parallel zu der Lüge über die politische Revolution. Sie beinhaltet nicht das Negative und rührt von einer Vorstellung der Geschichte als nur die Geschichte des technologischen Fortschritts her. Hier landet der Feind einen doppelten Treffer, indem er die Existenz der Manager und Hierarchien als unvermeidbare technische Notwendigkeit legitimiert und eine maschinelle Vorstellung des Fortschritts einführt, die fortan für ein positives und sozial neutrales Gesetz gehalten wird. So eine Lüge war offensichtlich für die Armen bestimmt, bei denen sie bleibende Schäden hinterließ. Um sie zu widerlegen genügt es, sich an die Fakten zu halten.

Die meisten technologischen Innovationen, die das Entstehen von Fabriken erlaubten, waren bereits früher entdeckt worden, aber ungenutzt geblieben. Ihre weitverbreitete Anwendung war keine mechanische Konsequenz, sondern resultierte aus einer historisch datierbaren Entscheidung der herrschenden Klassen. Und diese Entscheidung war weniger eine Reaktion auf eine Frage bloßer technischer Effizienz (die oft zweifelhaft war), sondern vielmehr eine Strategie sozialer Domestizierung. Die pseudo-industrielle Revolution kann daher auf ein Projekt sozialer Konterrevolution reduziert werden. Es gibt nur einen einzigen Fortschritt: den Fortschritt der Entfremdung.

Unter dem vorher existierenden System genossen die Armen immerhin eine beachtliche Menge an Unabhängigkeit in der Arbeit, die sie gezwungen wurden zu verrichten. Ihre dominante Form war die heimische Werkstatt: Kapitalist*innen verliehen Werkzeuge an die Arbeiter*innen, versorgten sie mit Rohmaterial und kauften dann das fertige Produkt spottbillig. Für die Arbeiter*innen bestand die Ausbeutung lediglich in einem Moment des Geschäfts, über den sie keine direkte Kontrolle hatten.

Die Armen konnten ihre Arbeit noch immer als „Kunst“ begreifen, über die sie eine beachtliche Breite an Entscheidungsmacht ausübten. Aber vor allem blieben sie die Herren ihrer eigenen Zeit: Sie arbeiteten zu Hause und konnten aufhören, wann immer es ihnen beliebte; ihre Arbeitszeit entzog sich jeglicher Berechnung. Und Abwechslung sowie Unregelmäßigkeit charakterisierten ihre Arbeit, da die heimische Werkstatt in den meisten Fällen nur eine Ergänzung zu den landwirtschaftlichen Tätigkeiten war.

Die daraus folgenden Schwankungen der industriellen Aktivität waren unvereinbar mit der harmonischen Ausweitung des Handels. Daher besaßen die Armen immer noch ein beachtliches Druckmittel, von dem sie beständig Gebrauch machten. Das Unterschlagen von Rohmaterial war eine übliche Praxis und speiste einen ausgedehnten parallelen Markt. Aber vor allem konnten diejenigen, die zu Hause arbeiteten, Druck auf ihre Arbeitgeber ausüben: Die häufige Zerstörung von Webstühlen war ein Mittel der „kollektiven Verhandlung durch Aufruhr“ (Hobsbawm). Rück die Kohle raus oder wir zerstören alles.

Fabriken entworfen nach dem Vorbild von Gefängnissen

Um die bedrohliche Unabhängigkeit der Armen zu unterdrücken, sah sich die Bourgeousie gezwungen, die Gefilde der Produktion direkt zu kontrollieren. Das war der Grund, der für die Verbreitung von Fabriken sorgte. „Es sind weniger diejenigen, die absolut nicht arbeiten, die der Öffentlichkeit Leid zufügen, sondern diejenigen, die nur die Hälfte ihrer Zeit arbeiten“, schrieb Ashton bereits 1725. Die militärischen Fertigkeiten wurden auf die Industrie angewandt und Fabriken wurden buchstäblich nach dem Vorbild von Gefängnissen entworfen, die übrigens zur selben Zeit auftauchten.

Eine riesige Ummauerung trennte den Arbeiter von allem, das betriebsfremd war und Wärter wurden angestellt, um die Menschen zurückzuhalten, die es anfangs selbstverständlich fanden, ihre weniger glücklichen Freunde zu besuchen. Im Inneren hatten drakonische Bestimmungen das primäre Ziel, die Sklav*innen zu zivilisieren. Im Jahr 1770 hatte ein Schriftsteller eine Vision eines neuen Plans, um die Armen produktiv zu machen: Das Haus des Terrors, in dem die Insass*innen 14 Stunden am Tag zum Arbeiten gezwungen werden und durch eine Hungerkur unter Kontrolle gehalten würden. Er war seiner Zeit nicht weit voraus; eine Generation später wurde das Haus des Terrors schlicht Fabrik genannt.

In England verbreiteten sich Fabriken als Erstes. Hier hatten die herrschenden Klassen ihre internen Konflikte längst überwunden und konnten sich daher ohne Hemmungen der Leidenschaft des Kommerzes widmen. Die Repression, die auf die millenaristischen [1] Angriffe der Armen gefolgt war, hatte außerdem den Weg für die industrielle Gegenoffensive geebnet.

Es war das traurige Schicksal der Armen in England, die ersten zu sein, die der absoluten Brutalität dieses sich entwickelnden sozialen Mechanismus unterworfen wurden. Selbstverständlich betrachteten sie dieses Schicksal als totale Erniedrigung und diejenigen, die es akzeptierten, wurden von ihren Kollegen verachtet. Zur Zeit der Levellers [Egalitaristen, Anm. d. Übs.] [2] war es bereits die allgemeine Meinung, dass diejenigen, die ihre Arbeit für ein Gehalt verkauften, all ihre Rechte als „frei geborene“ Engländer aufgegeben hatten. Schon bevor die Produktion überhaupt begann, hatten die ersten Fabrikbesitzer Schwierigkeiten, Arbeiter*innen anzuwerben und mussten oft weit reisen, um sie zu finden.

Als nächstes war es notwendig, die Armen dazu zu zwingen, ihre neuen Jobs zu behalten, von denen sie massenhaft dessertierten. Deshalb kamen die Fabrikbesitzer für die Behausungen ihrer Sklav*innen auf, die als Vorkammern der Fabrik dienten. Die Bildung dieser riesigen industriellen Reservearmee brachte die Militarisierung der Gesamtheit des sozialen Lebens mit sich.

Der Luddismus war die Antwort der Armen auf die Einführung dieser neuen Ordnung. Während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in einem Klima aufständischer Wut eine Bewegung, die sich der Zerstörung der Maschinen widmete. Es war nicht nur eine Frage der Nostalgie nach dem Goldenen Zeitalter des Handwerks. Sicherlich war auch das Aufkommen der Herrschaft des Quantitativen, der massenproduzierten, schäbigen Waren eine Hauptquelle der Wut. Fortan wurde die Zeit, die man brauchte, um eine Aufgabe zu erledigen, wichtiger als die Qualität des Resultats, und diese Entwertung des Inhalts jeder einzelnen Arbeit brachte die Armen dazu, die Arbeit als solche anzugreifen, die dadurch ihre Essenz enthüllt hatte. Aber der Luddismus war vor allem ein antikapitalistischer Unabhängigkeitskrieg, ein „Versuch die neue Gesellschaft zu zerstören“ (Mathias). „Alle Adligen und Tyrannen müssen niedergestreckt werden“, heißt es in einem seiner Flugblätter.

Der Luddismus war das Erbe der millenaristischen Bewegung der vorangegangenen Jahrhunderte und auch wenn er sich nicht länger als universelle und vereinheitlichte Theorie ausdrückte, blieb er allen politischen Perspektiven gegenüber radikal fremd, ebenso wie gegenüber jedem ökonomischen Pseudorationalismus. Die Aufstände der Seidenarbeiter zur gleichen Zeit in Frankreich, die sich ebenfalls gegen den Prozess der industriellen Domestizierung richteten, waren dagegen bereits von der politischen Lüge kontaminiert.

„So verdunkelte ihr politischer Verstand ihnen die Wurzel der geselligen Not, so verfälschte er ihre Einsicht in ihren wirklichen Zweck“, schrieb Marx 1844. Ihr Slogan war „arbeitend leben oder kämpfend sterben.“

Die Auferlegung der Industriellen Logik

Während die aufkommende Gewerkschaftsbewegung in England kaum unterdrückt und sogar geduldet wurde, wurde das Zerstören von Maschinen mit dem Tode bestraft. Die unerschütterliche Negativität der Ludditen machte sie sozial untolerierbar. Der Staat antwortete auf diese Bedrohung auf zwei Wegen: Er bildete eine moderne professionelle Polizei und erkannte Gewerkschaften offiziell an. Der Luddismus wurde zuerst durch brutale Repression besiegt und verblasste dann, als die Gewerkschaften Erfolg damit hatten, die industrielle Logik durchzusetzen. 1920 bemerkte ein englischer Beobachter mit Erleichterung, dass „die Verhandlungen über die Bedingungen des Wandels über die bloße Verneinung des Wandels selbst gesiegt hatten.“ Ein schöner Fortschritt!

Von all den Verleumdungen, mit denen die Ludditen überhäuft wurden, kamen die schlimmsten von den Apologet*innen der Arbeiterbewegung, die sie für blind und infantil hielten. Daraus resultiert auch die folgende Passage von Karl Marxs Kapital, die beispielhaft für eine fundamentale Missinterpretation dieser Ära steht: „Es bedarf Zeit und Erfahrung, bevor der Arbeiter die Maschinerie von ihrer kapitalistischen Anwendung unterscheiden und daher seine Angriffe vom materiellen Produktionsmittel selbst auf dessen gesellschaftliche Exploitationsform übertragen lernt.“

Diese materialistische Vorstellung der Neutralität von Maschinen reicht aus, um die Organisation der Arbeit, die eiserne Disziplin (in dieser Hinsicht war Lenin ein konsequenter Marxist) und letztlich den ganzen Rest zu legitimieren. In ihrer angeblichen Rückschrittlichkeit begriffen die Ludditen doch, dass die „materiellen Produktionsmittel“ vor allem anderen Instrumente der Domestizierung waren, deren Form nicht neutral ist, weil sie Hierarchien und Abhängigkeiten garantiert.

Der Widerstand der ersten Fabrikarbeiter*innen äußerte sich vor allem in Bezug auf eines der wenigen Dinge, die sie besaßen und dessen sie beraubt werden sollten: ihrer Zeit. Es war ein alter religiöser Brauch weder an Sonn-, noch an Montagen zu arbeiten, was „Blauer Montag“ genannt wurde. Da Dienstage der Erholung von zwei Tagen Trinkgelage gewidmet war, begann die Arbeit vernünftigerweise nicht vor Mittwoch. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch weit verbreitet, dauerte dieser gesunde Brauch in einigen Branchen bis 1914 an. Ohne Erfolg versuchten sich die Bosse an verschiedenen Zwangsmethoden, um diesen institutionalisierten Absentismus zu bekämpfen. Mit dem Aufkommen von Gewerkschaften wurden die „Blauen Montage“ durch freie Samstagnachmittage ersetzt. Ein ruhmreiche Sieg: die Arbeitswoche wurde so um zwei Tage verlängert!

Die Blauen Montage spielten nicht nur bei der Frage der Arbeitszeit eine Rolle, sondern auch hinsichtlich des Umgangs mit Geld, da die Arbeiter*innen nicht zur Arbeit zurückkehrten, bevor sie ihr gesamtes Gehalt ausgegeben hatten. Mit Beginn dieser Periode wurden die Sklav*innen nicht länger nur als Arbeiter*innen, sondern auch als Konsument*innen betrachtet. Die Notwendigkeit, die Binnenmärkte zu entwicklen, indem diese für die Armen geöffnet wurden, war von Adam Smith theoretisiert worden. Außerdem „wäre die Schaffung von Bedürfnissen doch das beste Mittel, um das Volk arbeitsam zu machen“, schrieb der Erzbischof Berkeley 1755.

Auf eine noch immer nur geringfügige Art und Weise wurde das Gehalt, das den Armen zugeteilt wurde, den Notwendigkeiten des Marktes angepasst. Aber die Armen nutzten dieses zusätzliche Geld nicht so, wie es die Ökonomen vorausgesagt hatten: Der Anstieg der Gehälter bedeutete für sie gewonnene Zeit bei der Arbeit (eine nette Umkehrung von Benjamin Franklins utilitaristischer Maxime Zeit ist Geld). Zeit, die durch die Abwesenheit in den Fabriken gewonnen wurde, verbrachte man in den – zurecht so genannten – Public Houses (während dieser Periode wurden Nachrichten von Revolten von Pub zu Pub weitergetragen).

Je mehr Geld die Armen zur Verfügung hatten, desto mehr tranken sie. Der Geist der Ware wurde zuerst in Form von Spirituosen entdeckt, zum Missfallen der Ökonomen, die beabsichtigt hatten, dass die Armen ihr Geld sinnvoll ausgaben. Die Mäßigungskampagne, die gemeinsam von der Bourgeoisie und den „fortschrittlichen (und daher nüchternen) Fraktionen der Arbeiterklasse“ ins Leben gerufen wurde, war vielmehr eine Ermahnung an die Arbeiter*innen, ihre Gehälter weise zu nutzen, als eine Sorge um die öffentliche Gesundheit (die viel größeren Schäden, die von der Arbeit verursacht wurden, veranlassten sie nicht dazu, für ihre Abschaffung zu plädieren). Einhundert Jahre später sind die gleichen Akteur*innen unfähig zu ergründen, warum Arme auf Essen verzichten, um „überflüssige“ Waren zu kaufen.

Die Wildheit kommt immer zurück

Die Propaganda, die zum Sparen ermutigte, wurde ins Leben gerufen, um diese Neigung zum direkten Ausgeben des Geldes zu bekämpfen. Und wieder war es die „Avantgarde der Arbeiterklasse“, die Einrichtungen zum Sparen für die Armen einrichtete.

Das Sparen vergrößerte sowohl die Abhängigkeit der Armen als auch die Macht ihrer Feinde: Die Kapitalist*innen konnten durch eine Senkung der Gehälter temporäre Krisen überstehen und gewöhnten die Arbeiter*innen an die Idee des Existenzminimums.

Doch hier gibt es einen damals unauflösbaren Widerspruch, den Marx in seinen Grundrissen aufgezeigt hat: Jede*r Kapitalist*in fordert, dass seine Sklav*innen als Arbeiter*innen sparen, aber eben nur seine Arbeiter*innen; Alle anderen Sklav*innen sind für ihn Konsument*innen und sind als solche verpflichtet, Geld auszugeben. Dieser Widerspruch konnte erst viel später aufgehoben werden, als die Entwicklung der Ware die Aufnahme von Krediten durch die Armen erlaubte. Jedenfalls, selbst wenn es der Bourgeoisie vorläufig gelungen war, das Arbeitsverhalten der Armen zu zivilisieren, konnte sie ihr Ausgabeverhalten niemals absolut domestizieren. Das Geld ist das, durch das die Wildheit immer zurückkehrt…

Nachdem die Abschaffung der Blauen Montage die Arbeitswoche verlängert hatte, „nahmen sich nunmehr die Arbeiter*innen ihre Freizeit am Arbeitsplatz“ (Geoff Brown). Die Verminderung des Arbeitstempos wurde zur Regel. Es war die Einführung der Akkordarbeit, die die Disziplin endgültig in die Werkstätten brachte und eine Erhöhung des Fleißes und der Produktivität erzwang. Das wichtigste Ergebnis dieses Systems, das sich seit den 1850ern verbreitete, war, dass es die Arbeiter*innen zwang die industrielle Logik zu verinnerlichen: Um mehr zu verdienen, war es notwendig, mehr zu arbeiten. Das hatte jedoch nachteilige Auswirkungen auf die Gehälter der anderen und die weniger stürmischen konnten sogar ihren Job verlieren.

Die Antwort auf diese ungezügelte Konkurrenz war die Etablierung kollektiver Verhandlungsformen, um über die zu erledigende Menge an Arbeit und ihre Verteilung und Vergütung zu entscheiden, was zu der Durchsetzung der gewerkschaftlichen Schlichtung führte. Nachdem sie hinsichtlich der Produktivität den Sieg errungen hatten, willigten die Kapitalist*innen ein, die Anzahl der Arbeitsstunden zu reduzieren. Das berühmte Zehn-Stunden-Gesetz war, auch wenn es faktisch ein Sieg der Gewerkschaften war, eine Niederlage für die Armen, da es die Niederlage ihres langen Widerstands gegen die neue industrielle Ordnung besiegelte.

Die omnipräsente Diktatur der Notwendigkeit war errichtet. Sobald die Überreste der früheren sozialen Ordnung beseitigt waren, gab es nichts mehr auf dieser Welt, das nicht von den Geboten der Arbeit bestimmt wurde. Der Horizont der Armen begrenzte sich auf den „Existenzkampf“. Die absolute Herrschaft der Notwendigkeit kann jedoch nicht einfach als eine quantitative Zunahme des Mangels betrachtet werden: Sie war vor allem die Kolonisierung des Verstands durch das triviale und vulgäre Prinzip der Nützlichkeit, eine Niederlage für das Denken selbst.

Hier können wir die Konsequenzen der Zerstörung des Millenarischen Geistes ermessen, der die Armen während der ersten Phase der Industrialisierung inspirierte. Während dieser Periode war die Herrschaft der brutalen Not klar als Resultat einer bestimmten Welt begriffen worden – der Welt des Antichristen basierend auf Eigentum und Geld. Die Vorstellung der Abschaffung der Not war untrennbar mit der Idee der Realisierung des Garten Edens der Menschlichkeit verbunden, „dem spirituellen Kanaan, wo Wein, Milch und Honig fließen und Geld nicht existiert“ (Coppe). Mit der Niederlage dieses versuchten Umsturzes erlangte die Not das Erscheinungsbild der Unmittelbarkeit. Fortan erschien Mangel als natürliche Katastrophe, die nur durch eine umfangreichere Organisiation der Arbeit behoben werden könnte. Mit dem Triumpf der englischen Ideologie wurden die Armen, die bereits vollkommen enteignet waren, sogar noch der eigentlichen Vorstellung von Reichtum beraubt.

Der puritanische Abschaum

Es war der Protestantismus, oder präziser seine angelsächsische puritanische Form, die den Kult der Nützlichkeit und des Fortschritts begründete und legitimierte. Indem sie die Religion zu einer Privatangelegenheit machte, billigte die protestantische Ethik die von der Industrialisierung verursachte soziale Atomisierung: Individuen standen Gott auf dieselbe Art und Weise alleine gegenüber, wie sie im Hinblick auf Waren und Geld isoliert waren. Ebenso vertrat sie genau die Werte, die von den modernen Armen verlangt wurden: Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit, Arbeit, Sparsamkeit.

Die Puritaner, dieser Abschaum, der rastlos gegen Feste, Spiele, Ausschweifung und alles, was der Logik der Arbeit entgegen stand, kämpfte und den Millenarischen Geist als „lähmend für den Unternehmergeist“ (Webb 1644) betrachtete, ebnete den Weg für die industrielle Konterrevolution. Ferner kann die Reformation als Prototyp des Reformismus betrachtet werden: Als Produkt einer Meinungsverschiedenheit betrachtete er alle widerstreitenden Ansichten als Bereicherung. Sie „forderte nicht, dass man dieses Christentum praktiziert; sie forderte, dass man zu einem Gläubigen wurde. Jede Religion war recht.“

1789 wurden diese Prinzipien in Frankreich vollständig realisiert, als sie ihre religiöse Form endgültig abwarfen und eine universelle Form des Rechts und der Politik annahmen. Frankreich war Nachzügler im industriellen Prozess: Ein unversöhnlicher Konflikt zwischen Bourgeoisie und der Aristokratie, die sich weigerte, Geld zu investieren. Paradoxerweise war es dieser Rückstand, der die Bourgeoisie dazu brachte, den modernsten Ansatz zu verfolgen. In Großbritannien, wo die herrschenden Klassen seit langem einen gemeinsamen historischen Weg eingeschlagen hatten, „nahm die Erklärung der Menschenrechte Form an, nicht im Gewand der römischen Toga, sondern in der Robe der Propheten des Alten Testaments“ (Hobsbawn). Genau das ist die Grenze, die unvollständige Natur der englischen theoretischen Konterrevolution. Staatsbürgerschaft war im Endeffekt noch immer auf einer Doktrin der Auserwähltheit basierend, durch die die Auserwählten einander durch die Früchte ihrer Arbeit und ihre moralische Einwilligung zu dieser Welt wahrnahmen. Das schloss den Pöbel aus, der noch immer vom Schlaraffenland träumen konnte.

Das ursprüngliche Ziel der Zwangsarbeit in den Fabriken war vor allem, diese bedrohliche Stärke zu beschränken und es durch einen machtvollen sozialen Mechanismus zu integrieren. Den Lügen der englischen Bourgeoisie fehlte noch immer die Raffinesse, die jene ihrer Kollegen auf der anderen Seite des Kanals charakterisierten, und die es diesen erlaubte, die Armen von Anfang an durch die Ideologie zu schwächen. Selbst heute noch führen die englischen Verfechter*innen der Alten Welt eher ihre moralische Rechtschaffenheit als ihre politischen Meinungen an. Die besonders sichtbare und arrogante Grenze, die Arm und Reich in diesem Land trennt, entspricht der schwachen Verankerung des Konzepts von individueller und rechtlicher Gleichheit der Individuen.

Während die puritanische moralische Indoktrination den ursprünglichen Effekt hatte, alle zu vereinen und zu stärken, die ein bestimmtes Interesse hatten, eine sich verändernde und ungewisse Welt zu bekämpfen, zerschmetterte sie die Unterklassen, die sich bereits unter das Joch der Arbeit und des Geldes gebeugt hatten, und vollendete so deren Niederlage. Daher schlug Ure vor, dass seinesgleichen die „moralische Maschinerie“ mit ebensoviel Sorgfalt aufrechterhalten wie die „mechanische Maschinerie“, um „Gehorsam hinnehmbar zu machen“. Aber vor allem enthüllte diese moralische Maschinerie ihre schädlichen Effekte, als sie von den Armen übernommen wurde und der aufkommenden Arbeiterbewegung ihren Stempel aufdrückte.

Die Kampagne zur Zivilisierung der Armen

Es vermehrten sich die methodistischen, wesleyanischen, baptistischen und anderen Arbeitersekten, bis sie schließlich genauso viele Gläubiger versammelten wie die Kirche Englands, Institution des Staates. In der feindlichen Umgebung der neuen Industrieanlagen zogen sich die zitternden Arbeiter in die Kapelle zurück. Man ist immer dazu geneigt die Erniedrigungen rechtzufertigen, für die man sich nicht rächt. Die neue Moral der Arbeiter*innen verwandelte Armut in einen Zustand der Gnade und Sparen in eine Tugend.

An jenen Orten waren die Gewerkschaften direkte Nachkommen der Kirche und Laienprediger wurden zu Gewerkschaftsvertretern [3]. Die von der Bourgeoisie geführte Kampagne, um die Armen zu zivilisieren, erlangte nur durch Querschläger die Oberhand über den sozialen Hass, sobald dieser einmal in den Händen der Arbeiterrepräsentanten lag, die fortan in ihren Kämpfen gegen ihre Herren die gleiche Sprache wie sie sprachen. Doch die noch religiösen Formen, die die Domestizierung des Denkens immer wieder annahm, waren nur eine Nebenerscheinung. Diese hatte eine deutlich effizientere Basis in der ökonomischen Lüge. J. und P. Zerzan [4] haben diesen Widerspruch treffend hervorgehoben: Es war während des zweiten Drittels des 19. Jahrhunderts, als die Armen den entwürdigendsten und verstümmelndsten Bedingungen in allen Bereichen ihres Lebens unterworfen wurden und jeder Widerstand gegen die Gründung einer neuen kapitalistischen Ordnung niedergeschlagen worden war; es war genau in diesem Moment, dass Marx, Engels und alle ihre Jünger mit Genugtuung die Geburt „der revolutionären Armee der Arbeit“ begrüßten und die objektiven Bedingungen für einen siegreichen proletarischen Angriff für endlich eingetreten erklärten.

In seiner berühmten “Adresse” der Internationalen Arbeiter-assoziation von 1864 begann Marx damit, ein detailliertes Bild der entsetzlichen Situation der Armen in England zu zeichnen und fuhr dann fort, die „wunderbaren Erfolge“ zu loben, wie das Zehn-Stunden-Gesetz (wir haben bereits gesehen, was das wert war) und die Etablierung von Kooperativfabriken, die einen „Sieg der politischen Ökonomie der Arbeit über die politische Ökonomie des Kapitals“ darstellen würde! Wenn marxistische Kommentator*innen das grausame Schicksal der Arbeiter*innen des 19. Jahrhunderts ausführlich beschrieben haben, so betrachteten sie dieses Schicksal bis zu einem gewissen Grad als unausweichlich und förderlich. Unausweichlich, weil sie es als die unvermeidbare Konsequenz der Anforderungen der Wissenschaft und als eine notwendige Entwicklung der „Produktionsverhältnisse“ betrachteten. Förderlich in dem Sinne, dass „das Proletariat durch die Mechanismen der Produktion vereint, diszipliniert und organisiert worden ist“ (Marx).

Die Arbeiterbewegung gründet sich auf einer rein defensiven Basis. Die ersten Arbeiterassoziationen waren „Vereinigungen des Widerstands und der gegenseitigen Hilfe“. Aber wenn die revoltierenden Armen sich selbst zuvor immer im Negativen wiedererkannt hatten, durch die Benennung der Klasse ihrer Feinde, so war es doch in und durch die Arbeit, die ihnen als Zentrum ihrer Existenz aufgezwungen worden war, dass die Arbeiter begannen nach einer positiven Gemeinschaft zu streben, einer, die nicht von ihnen selbst produziert wurde, sondern von einem äußeren Mechanismus.

Diese Ideologie nahm zuerst Gestalt an inmitten der „aristokratischen Minderheit“der qualifizierten Arbeiter*innen, „dieser Sektor, der für Politiker*innen von Interesse ist und aus dem diejenigen stammen, die die Gesellschaft nur zu dankbar als Repräsentant*innen der Arbeiterklasse begrüßen will“, wie Edith Simcox 1880 treffend bemerkte. Die riesige Masse der noch immer unregelmäßigen und unqualifizierten Arbeiter*innen hatte deshalb keine Bürgerrechte. Sie waren diejenigen, die den legendären wilden und kampfeslustigen Geist der englischen Arbeiter bewahrten, als sich die Türen der Gewerkschaften öffneten. Es begann ein langer Kreislauf sozialer Kämpfe, zuweilen gewaltsam, aber ohne jegliches einigende Prinzip.

„Obgleich die revolutionäre Initiative wahrscheinlich von Frankreich ausgehen wird, kann allein England als Hebel für eine ernsthafte ökonomische Revolution dienen.[…] Die Engländer verfügen über alle notwendigen materiellen Voraussetzungen für eine soziale Revolution. Woran es ihnen mangelt, ist der Geist der Verallgemeinerung und die revolutionäre Leidenschaft.“ Diese Erklärung des Generalrats der Internationale enthält sowohl ein wahres, als auch ein falsches Bewusstsein einer Epoche. Von einem sozialen Standpunkt aus gesehen war England immer ein Rätsel gewesen: Das Land, das die modernen Bedingungen der Ausbeutung hervorgebracht hatte und das entsprechend als erstes große Massen von Armen hervorbrachte, ist auch das Land, in dem die Institutionen seit nunmehr drei Jahrhunderten unverändert geblieben sind und das niemals von einem revolutionären Angriff erschüttert worden ist.

Bereit für die Barrikaden

Das ist es, was England von den Nationen des europäischen Kontinents trennt und der marxistischen Konzeption einer Revolution widerspricht. Kommentatoren haben versucht, dieses Rätsel mit einen britischen Atavismus zu erklären, was zu den andauernd wiederholten Lügengeschichten über den reformistischen und theoriefeindlichen Geist der englischen Armen geführt hat, verglichen mit dem radikalen Bewusstsein, das die Armen Frankreichs antrieb, die immer bereit waren, auf die Barrikaden zu gehen. Diese Art von ahistorischer Sichtweise scheitert daran, sich an die theoretische Fülle während der Jahre des Bürgerkriegs im 17. Jahrhundert zu erinnern und vergisst die Beharrlichkeit und Gewalt, die die sozialen Kämpfe der englischen Armen immer ausgemacht haben und die sich seit Mitte dieses Jahrhunderts immer mehr ausgeweitet haben. Tatsächlich lässt sich das Rätsel wie folgt lösen: Die Revolte der Armen hängt immer davon ab, was sie bekämpft.

In England führten die herrschenden Klassen ihr Unterfangen der Domestizierung durch die brutale Kraft eines sozialen Mechanismus und ohne blumige Phrasen durch. Englische Historiker*innen bedauern häufig, dass die „industrielle Revolution“ nicht von einer „kulturellen Revolution“ begleitet wurde, die die Armen in den „industriellen Geist“ integriert hätte (solche Überlegungen häuften sich in den 70ern, als die großflächigen wilden Streiks ihre Schärfe enthüllten).

In Frankreich war die bourgeoise Konterrevolution vor allem theoretischer Natur; Herrschaft wurde durch Politik und Gesetze ausgeübt, „diesem Wunder, das die Menschen seit 1789 in einem Zustand des Missbrauchs gefangen hält“ (Louis Blanc). Diese Prinzipien repräsentierten ein universelles Projekt, das den Armen versprach teilzuhaben, wenn sie dessen Modalitäten zu den ihren machen würden. Um 1830 herum ernannte sich ein Teil der Armen zu ihrem Sprachrohr. Sie forderten, dass „man den Menschen, die erniedrigt worden sind, ihre bürgerliche Würde zurückgeben müsse“ (Proudhon). Ab 1848 wurden die gleichen Prinzipien im Namen der „Republik der Arbeit“ gegen die Bourgeoisie ins Feld geführt. Und es ist allgemein bekannt, in welchem Ausmaß dieser Ballast von 1789 eine Rolle in der Niederschlagung der Pariser Kommune spielte.

Dieses soziale Projekt zerfiel im 19. Jahrhundert in zwei Teile. In England, der Metropole des Kapitals, konnten die sozialen Kämpfe nicht zu einem vereinten Angriff verschmelzen, sie wurden zu Zerrbildern, die auf einer Ebene der „ökonomischen“ Kämpfe blieben. In Frankreich, der Wiege des Reformismus, blieb dieser vereinte Angriff in einer politischen Form gefangen, und überließ somit das letzte Wort dem Staat. Das Geheimnis des Fehlens einer revolutionären Bewegung jenseits des Ärmelkanals ist also identisch mit dem Geheimnis der Niederlage der revolutionären Bewegungen auf dem Kontinent.

Wir haben den Beginn eines Prozesses beschrieben, der nun seine Vollendung erreicht. Die klassische Arbeiterbewegung ist definitiv in die Zivilgesellschaft integriert und ein neues Projekt der industriellen Domestizierung hat seinen Anfang genommen. Heute werden die Pracht sowie die Grenzen der Bewegungen der Vergangenheit – die bis heute die sozialen Bedingungen in jeder Region dieser Welt bestimmen – ans Licht gebracht.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Leopold Roc. Industrial Domestication. Industry as the Origins of Modern Domination. Die Übersetzung folgt dem Reprint von Quiver Distro. Ursprünglich erschien der Text in der Zeitung Fith Estate. Überarbeitet anhand des französischen Originals: Léopold Roc: La domestication industrielle. Ursprünglich veröffentlicht in: Os Cangaceiros N° 3, Juni 1987, und der deutschen Übersetzung “Die industrielle Domestizierung” erstmals erschienen im September 2013 in “Os Cangaceiros – Ein Verbrechen namens Freiheit” bei Cumbula Velifera & Unruhen Publikationen.

 

Anmerkungen
[1] S. L’Incendie millénariste, S. 233-258. [Die Millenaristischen Bewegungen, die in Europa vor allem vom 13. bis zum 17. Jahrhundert aktiv waren, versuchten ein Goldenes Zeitalter oder einen Gnadenstand im realen Leben zu verwirklichen. Sie entwuchsen einem messianischen Christentum, das die zeitliche Autoritäten – die Kirche und den Staat – als Antichristlich betrachtete und sie für ein Hindernis der Ankunft des Milleniums hielt, des 1000-jährigen Reiches Christi auf Erden. Seine Anhänger*innen prangten ökonomische, sexuelle, religiöse und bürgerliche Tabus an und nutzten eine Vielzahl an Taktiken – einige davon waren gewaltsam – um ihre Utopie zu erreichen. (Siehe auch Norman Cohn, Auf den Spuren des Millenarismus, eine aufregende und akkurate, wenngleich konservative Sicht auf diese Ära.) Anm. d. Übs.]

[2] Als Levellers wurden die Angehörigen einer frühdemokratischen, politischen Bewegung in England bezeichnet, die ihren stärksten Einfluss während des Bürgerkriegs (1642–1649) ausübte. Die Levellers engagierten sich für eine demokratische und freie Gesellschaft, für vollständige Religionsfreiheit sowie für die Abschaffung der Stände und für Gleichheit vor dem Gesetz.

[3] Ein bezeichnendes Beispiel: die Arbeiterkirche, 1891 in Manchester gegründet, hatte als einzige Funktion die Arbeiter*innen aus dem Norden dazu zu bringen, einer unabhängigen Arbeiterpartei beizutreten. Danach verschwand sie.

[4] Industrialism & Domestication, Black Eye Press, Berkeley, 1979.

[Libanon] Chronik der Revolte gegen die durch Corona noch weiter verschärfte Wirtschaftskrise

Bericht vom 28.04. – Die Revolte ist stärker als ihre Ausgangssperre

Im Libanon, auch wenn die Quarantänebestimmungen [confinement], die am 14. März eingerichtet worden waren, diesen Montag ihr Ende nahmen, sind die Maßnahmen der „Entquarantänisierung“ [dé-confinement] nicht weniger drastisch, insbesondere mit der Einrichtung einer Ausgangssperre. Dies konnte dennoch nicht verhindern, dass sich die Straßen entflammten (insbesondere die Banken). Am Abend des Montags, den 27. April in Tripolis, im Norden des Landes, haben tausende Personen den Quarantänebestimmungen und der Ausgangssperre getrotzt, indem sie auf die Straße gingen, um zahlreiche Banken anzuzünden und sich den bewaffneten Milizen des Staates zu stellen. Mindestens ein Militärfahrzeug brannte durch den Wurf eines Molotowcocktails ab. Die Repression durch die Armee ist  heftig: 40 Personen mussten ins Krankenhaus und ein junger 26-jähriger Mann starb, nachdem er während Auseinandersetzungen mit den Militärs durch eine Kugel verletzt worden war.

Männer, Frauen und Kinder marschierten in den Straßen und schrien „Revolution! Revolution!“. Die Protestierenden wurden in dem Moment von der Armee zurückgedrängt, als sie zum Haus eines Parlamentariers wollten, demgegenüber sie feindlich sind. Einige haben Steine geworfen, die Armee antwortete mit Schüssen in die Luft, um die Menge in der Zone rund um den Al-Nour-Platz zu zerstreuen. Unter anderen wurden ein Jeep der Armee und mehrere Bankfilialen durch den Wurf von Molotow-Cocktails in Brand gesetzt.

Am selben Abend wurden die Räume der Zentralbank in Sidon (im Süden) Ziel von Stein- und Böllerwürfen, wie die nationale Informationsagentur berichtete. In derselben Stadt war bereits am Samstag abend ein Sprengsatz gegen eine Bank geworfen worden.

Die letzten Tage hatte es tagsüber mehrere Demonstrationen gegeben, insbesondere durch Autokolonnen in der Hauptstadt, trotz der Quarantänebestimmungen, die am 14. März durch die Autoritäten ins Lebens gerufen worden waren, die auch eine nächtliche Ausgangssperre etablierten.

Am Abend des 26. April wurden mehrere libanesische Banken in Tripolis und Mina (im Norden) durch Unbekannte angegriffen. Diese Angriffe bildeten die Fortsetzung von ähnlichen Ereignissen in Tyr und Saïda im südlichen Libanon, im Laufe des Wochenendes, während der Libanon mit seiner schlimmsten Wirtschafts- und Finanzkrise seit 30 Jahren konfrontiert ist. Des Nachts hat ein Gruppe Personen die Fassade der Bank Byblos in Mina angegriffen, ehe sie die Flucht ergriff. Im Zentrum von Tripolis, sind es die Filialen der BLOM Bank und der BBAC, die Ziel von Molotow-Cocktails wurden, die Männer, die Schutzmasken trugen, warfen. […]

„Die Politiker lenken unsere Aufmerksamkeit mit dem Coronavirus ab, um weiter stehlen zu können“, skandierten am 16. April Demonstrierende, ehe sie von den Streitkräften der Armee niedergeprügelt wurden.

Der Libanon hatte am 17. Oktober 2019 eine große Bewegung der Revolte erlebt, bei der der Al-Nour-Platz in Tripolis während langer Monate das Nervenzentrum der Revolution vom 17. Oktober gewesen war: an bestimmten Tagen waren Hunderttausende im ganzen Land auf die Straße gegangen, um ihre Wut herauszuschreien und danach zu handeln. Die Banken wurden regelmäßig Ziel, von der Straße der Komplizenschaft mit der politischen Macht beschuldigt und beschuldigt zur ungebremsten öffentlichen Verschuldung und dem Staatsbankrott beigetragen zu haben. Seit Monaten grassiert eine sehr schwere Wirtschaftskrise im Libanon, die durch die Coronapandemie und die Präventionsmaßnahmen, die darauf folgten, noch verschlimmert wurde.

Circa 45 % der Bevölkerung lebt laut offiziellen Schätzungen inzwischen unter der Armutsgrenze. 2020 sollte die Wirtschaft laut internationalem Währungsfond eine massive Schrumpfung von 12 % erleben. Der Libanon erfährt auch eine Abwertung seiner nationalen Währung im Vergleich zum Dollar, was eine heftige Inflation zur Folge hatte.

Der Coronavirus ist die geringste aller Sorgen der Libanes*innen, die verhungern. Die Gesamtanzahl an Personen, die sich seit dem 21. Februar am Virus angesteckt haben, beläuft sich auf 672. Und bisher gab es 21 Tote.

[Überwiegend vom „L’Orient-Le Jour“ vom 28.04.2020 übernommen, mit einigen Ergänzungen von Démesure.]

Aus dem Französischen übersetzt von Sans Attendre Demain.

Bericht vom 29.04. – Hin zu einer Ansteckung der Revolte? (28. April 2020, aktualisiert)

Diesen Dienstag, den 29. April, haben sich die Meutereien am zweiten Tag in Folge in Tripolis fortgesetzt. Am Vorabend hat die Nachricht vom Tod eines Demonstranten, Fawaz Fouad Samman, der am Vorabend von Kugeln während Auseinandersetzungen mit der Armee getötet wurde, die Feuer der Revolte in mehreren Städten geschürt, insbesondere im Süden des Landes, wie in Beyruth und in Saïda. Diese neue Nacht der Zusammenstöße soll 81 Verwundete unter den Sicherheitskräften (51 Militärs allein schon in Tripolis verwundet, darunter 6 Offiziere) verursacht haben. Um die zwanzig Personen wurden in Tripolis verhaftet.

In Tripolis, der zweitgrößten Stadt des Landes, hatten sich mehrere Tausend Menschen auf den Al-Nour-Platz eingefunden, unter dem Slogan „Das wird verheerend sein“, Anspielung auf die Natur der Demonstration: hunderte junge Leute haben die Straßen verbarrikadiert, zahlreiche Banken geplündert und angezündet (insbesondere die der libano-französischen Bank), Pflastersteine aus den Gehsteige gerissen, um sie auf die Militärs zu werfen und zwei Militärfahrzeuge abgefackelt. Sie sind mithilfe von Tränengas und Gummikugeln auseinandergetrieben worden. Die Soldat*innen haben ebenfalls die Verfolgung einiger Individuen aufgenommen, die mehrere Fahrzeuge der Armee beschädigt haben. Diese Unruhen haben direkt nach der Beerdigung des jungen Familienvaters stattgefunden, die am frühen Nachmittag organisiert worden war, inmitten einer angespannten Menge, die gekommen war, um ihm die letzte Ehre zu erweisen trotz der Bedrohung durch den Coronavirus. Auf dem Bahsas-Platz wurden zwei Soldaten durch Steinwürfe verletzt und ein Militärfahrzeug ist beschädigt worden.

Bevor die Spannung auf dem Al-Nour-Platz stieg, hatten Demonstrant*innen Steine auf die Residenz des ehemaligen Premierministers Nagib Mikati à Mina geworfen. Die Armee und die Sicherheitskräfte, groß eingesetzt, setzten massiv Gas ein, um die Demonstrierenden zu vertreiben. Daraufhin zerschlugen Protestierende die Fassaden von Bankfilialen in der Nähe.

„Ich will meine Stimme gegen den Hunger, die Armut, die Inflation und die Ungerechtigkeit erheben“, rief ein 41-jähriger Demonstrant aus, Khaled. Dieser Ersatzteilverkäufer für Motorräder sagt, dass er nicht mehr in der Lage sei, die Bedürfnisse seiner drei Kinder zu befriedigen, seit er seine Arbeit verloren hat, innerhalb einer Situation, die mit der Pandemie immer schlimmer geworden ist.

Am anderen Ende des Landes, in Saïda (Süden) fand eine Versammlung vor dem Sitz der Bank des Libanons (BDL) statt, wo ein bisschen später Demonstrant*innen erst Böller, dann circa ein Dutzend Molotow-Cocktails in Richtung des Gebäudes warfen, was mehrere kleine Brände verursachte und die Armee auf den Plan rief. Nach der Intervention der Armee zum Schutz der BDL verteilten sich die Meuternden im Stadtzentrum und zerstörten die Fassaden von mindestens einem Dutzend Banken. Um die fünfzehn Fahrkartenautomaten wurden ebenfalls zerstört. Auch in Beyruth kam es zu Demonstrationen, die in Steinwürfen gegen die BDL endeten.

Seit Beginn der Quarantänemaßnahmen trifft die Misere mit voller Wucht die libanesische Bevölkerung. Das Land erlebt eine noch nie dagewesene Steigerung der Inflation in wenigen Wochen (+ 150 %). Der Wirtschaftsminister Raoul Nehmé meldete eine allgemeine Preiserhöhung um 55 %, ohne zu präzisieren, in Bezug auf welche Periode diese stattfinde.

[Zusammengesetzt aus Meldungen der libanesischen und französischen Presseagenturen, 28. und 29.04.20]

Quelle: Sans Attendre Demain, stellenweise gekürzt

Bericht vom 30.04. – Die Bewegung der Revolte setzt sich fort

Am dritten Tag in Folge sind tausende Menschen in mehreren Städten im Libanon gegen die Verantwortlichen der immer weiter wachsenden Misere (Banken, Politiker,…) auf die Straße gegangen, obwohl die Lockerung der Quarantänemaßnahmen ab Montag eingeleitet worden war. Im Gegensatz zum Vortag kam es ein bisschen überall mit Einbruch der Nacht zu Demonstrationen und Meutereien, so wie in Tripolis.

In Tripolis, Epizentrum der Bewegung, stellten sich hunderte Demonstrant*innen dem Militär am Mina-Kreisverkehr. Des Weiteren blockierten sie die Straße, die zum Al-Nour-Platz führt, mit brennenden Reifen und forderten die Freilassung von Menschen, die am Vortag verhaftet worden waren (ungefähr zwanzig Personen).

Die Armee von ihrer Seite aus berichtet, dass 23 Soldaten während der Zusammenstöße in Tripolis (Norden) und Saïda (Süden) verletzt worden sind, darunter einer, dem mehrere Finger amputiert werden mussten.

In vielen Städten protestierten Menschen, zündeten Bankfilialen an, warfen Böller und Molotow-Cocktails auf die Armee. „Wir haben die Monopole und die Diebstähle durch die Geschäftsleute satt“, skandierten Demonstrant*innen in Beyruth.

Die Bewegung der Revolte, die seit mehreren Monaten in mehreren Regionen am Köcheln ist, ist aufs schönste in diesen letzten Tagen vor dem Lockern der Quarantänemaßnahmen seit letztem Montag wieder aufgeflammt.

[Via L’Orient-Le Jour aus Meldungen der iranischen Presseagenturen, 29. und 30.04.2020]

Quelle: Sans Attendre Demain, stark gekürzt

 

[Berlin] Jobcenter Wedding entglast

Wir haben in der Nacht vom 31.12. zum 01.01.2020 dem Jobcenter Berlin Wedding in der Müllerstraße 16 einen Besuch abgestattet.

Dabei wurde die zum Max-Josef-Metzger-Platz gelegene Fensterfront mit Pflastersteinen eingedeckt.

Solidarische und kämpferische Grüße gehen raus an die drei schlummernden Vulkane (Interim Nr.809 S.37) und an die drei von der Parkbank!

Quelle: Indymedia

[Hamburg] Hurra, Hurra, das Arbeitsamt brennt!

In der Nacht zum 1.1. sind wir ohne Termin zur Agentur für Arbeit in Altona-Nord in der Kieler Straße gekommen. Statt uns artig eine Nummer zu ziehen und uns von Mitarbeiter*innen und Struktur des Hauses schikanieren zu lassen, haben wir mit Hämmern einige Scheiben des Jobcenters zerstört und – um sicher zu gehen, dass der Betrieb möglichst lange gestört wird – Brandsätze reingeworfen.

Das Jobcenter und die Agentur für Arbeit sind Teil des selben Apparates, der Menschen nach ökonomischer Verwertbarkeit einteilt. Im Jobcenter werden jene sanktioniert, die nicht in ein System von Arbeitszwang und Ausbeutung passen können oder wollen. Durch das Vorenthalten von Leistungen und permanenten Druck auf die Bezieher*innen, sollen Menschen nicht nur dazu gebracht werden, jede noch so unappetitliche Arbeit anzunehmen. Es soll gleichzeitig eine Linie gezogen werden. Eine Linie, die aufzeigt, wer normal ist und wer nicht. Wer dazu gehört und wer nicht.

Dabei richten sich Agentur für Arbeit und Jobcenter nicht nur an die Bezieher*innen. Sie richten sich eben auch an die Arbeitenden, in dem sie als Damoklesschwert der Arbeitslosigkeit aufzeigen, mit welcher Behandlung sie zu rechnen haben, wenn sie den „Spielregeln“ der Arbeitswelt nicht gehorchen.

Wir blicken auf ein bewegtes Jahr 2019 zurück. Mit dem Angriff auf die Agentur für Arbeit starten wir das Jahr 2020 wie das letzte beendet wurde: Wütend und kämpferisch.

In der Hoffnung dass das Feuer im Arbeitsamt bis über die Mauern des Knast am Holstenglacis zu sehen war, schicken wir solidarische Grüße an die 3 von der Parkbank. Ihr Prozess beginnt am 8.1.2020 um 13Uhr im Gericht am Holstenglacis. Kommt vorbei und zeigt euch solidarisch.

Freiheit für alle Gefangenen!
Für die soziale Revolte!
Für ein kämpferisches 2020!

Quelle: Indymedia

[Berlin] Gefängnis-Basar mit Farbe angegriffen

Am 23.11. fand in Berlin ein Weihnachtsbasar der JVA Tegel statt, auf dem im Gefängnis hergestellte Sachen verkauft wurden. Vermummte auf Fahrrädern griffen diesen mit mit rosa Lack gefüllten Christbaumkugeln an. „Diesen Basar griffen wir mit Farbkugeln an, um den laufenden Knastbetrieb wenigstens kurz zu stören und um den Justizschweinen, Verkäufer*innen und Unternehmen vor Ort zu zeigen, was wir von ihnen halten. Unter Zwang, schlechten Arbeitsbedingungen, einem Stundenlohn von einem bis zwei Euro und unter absoluter Kontrolle müssen Gefangene auch in Berliner Knästen für Unternehmen, die Knäste und Berliner Behörden produzieren. […] Wir senden kämpferische Grüße an alle Gefangenen und wünschen uns mehr Remmi Demmi gegen Knäste! Justizschweine, Bullen und Profiteure müssen angegriffen werden, denn sie werden Knasttore nicht auf unsere Bitte öffnen oder die Zwangsarbeit einstellen. Sie sind und bleiben unsere Feinde beim Kampf um eine befreite Gesellschaft.“

Quelle: Chronik