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Archipel – Affinität, informelle Organisation und aufständische Projekte (Auszüge)

Originaltitel: „Archipel – Affinité, organisation informelle et projets insurrectionnels“, anonym publiziert in “Salto – Subversion & Anarchie”, Nr. 2. November 2012, Brüssel. Übersetzt aus dem Französischen von Edition Irreversibel, Frühjahr 2014. Im folgenden auszugsweise wiedergegeben.

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Keine menschliche Aktivität ist möglich ohne Organisation, zumindest wenn wir unter „Organisation“ die Koordination von mentalen und physischen Anstrengungen verstehen, die für notwendig erachtet werden, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Aus dieser Definition können wir einen wichtigen Aspekt ableiten, der oft vergessen wird: Organisation ist funktional, sie zielt auf die Realisierung von etwas ab, auf Aktion im weitesten Sinne des Wortes. Diejenigen, die heute jeden einfach nur dazu aufrufen, sich zu organisieren, weil ihnen klare Ziele fehlen, jedoch gleichzeitig erwarten, dass sich aus diesem ersten Moment der Organisation der ganze Rest automatisch entwickelt, diejenigen erheben das sich Organisieren zum Ziel in sich. […] [Jedoch ist] eine Organisation fruchtbar, wenn sie nicht von einer banalen quantitativen Präsenz genährt wird, sondern von Individuen, die sie nutzen um ein gemeinsames Ziel zu realisieren. Mit anderen Worten: Es ist es zwecklos zu glauben, dass wir nur indem wir uns organisieren, die Frage des wie, was, wo und warum wir kämpfen durch die Magie des Kollektivs lösen können. Im besten Fall – oder im schlechtesten, abhängig vom Standpunkt – findet man viel, kann man vielleicht auf einen Zug aufspringen, der schon von jemandem gezogen wird und sich einfach mit der eher unangenehmen Rolle des Anhängers abfinden. So ist es nur eine Frage der Zeit bis man der Organisation überdrüssig wird und unbefriedigt mit dieser bricht.

Organisation ist also dem untergeordnet, was man machen will. Für Anarchisten muss es außerdem den direkten Zusammenhang geben, der zwischen dem, was man machen will, dem Ideal für das man kämpft und dem Weg es zu erreichen, existieren muss. Trotz der gegenwärtigen Verschleierung und Wortklauberei, auf mehr oder weniger marxistischen Irrwegen, werden Parteien für ein angebrachtes Mittel gehalten, um politische Parteien zu bekämpfen. Man hört heute immer noch die fortgeschrittene politische Behauptung, dass Produktionskräfte ein Weg sind, um kapitalistische Beziehungen zu beenden, und das in Zeiten, in denen jeder das Ausmaß des industriellen Desasters vor Augen hat. Einige wollen Maßnahmen ergreifen, um alle anderen Maßnahmen überflüssig zu machen. Anarchisten haben nichts mit dieser Art von Zaubertricks zu tun, für sie müssen die Ziele mit den Mitteln übereinstimmen. Autorität kann nicht mit autoritären Organisationsformen bekämpft werden. [Das ist aber nicht gleichbedeutend damit, dass keine Gewalt angewendet werden kann.] […] Jede menschliche Beziehung ist konfliktreich, was nicht bedeutet, dass sie deshalb zwingend autoritär ist. […]

Wenn wir heute denken, dass Affinität und Affinitätsgruppen die angemessenste Form für den Kampf und anarchistische Intervention in die soziale Konfliktualität sind, liegt das daran, dass eine solche Überlegung sehr stark damit zusammenhängt, wie wir diesen Kampf und diese Intervention verstehen.

Es existieren in der Tat zwei Wege, um dieser Frage zu begegnen, zwei Wege, die zwar nicht diametral entgegengesetzt sind, die aber auch nicht vollkommen übereinstimmen.

Zum einen ist da der nicht zu vernachlässigende Bedarf nach Kohärenz. Es stellt sich demnach die Frage, in welchem Maßstab bestimmte anarchistische Organisationsformen (zum Beispiel Syntheseorganisationen mit Programmen, Deklarationen von Prinzipien und Kongressen, wie anarchistische Föderationen oder anarcho-syndikalistische Strukturen) unserer Idee des Anarchismus entsprechen.

Zum anderen die Frage der Tauglichkeit bestimmter organisatorischer Strukturen. Diese Tauglichkeit setzt die Frage mehr in den Kontext historischer Bedingungen, Ziele die erreicht werden wollen (also der organisatorischen Formen, die man am geeignetsten dafür hält) der Analyse der sozialen und ökonomischen Situation… […]

Wir denken, dass der Beitrag zu aufständischen Brüchen oder deren Entwicklung heute die angemessensten anarchistischen Interventionen sind, um gegen Herrschaft zu kämpfen. Unter aufständischen Brüchen verstehen wir bewusst herbeigeführte Brüche, wenn auch temporärer Natur, in Zeit und Raum der Herrschaft, deshalb notwendigerweise einen gewaltvollen Bruch. Obwohl solche Brüche auch einen quantitativen Aspekt haben (weil soziale Phänomene nicht auf eine beliebige Aktion einer Hand voll Revolutionärer reduziert werden können), zielen sie auf die Qualität der Konfrontation ab. Sie zielen auf Machtstrukturen und -beziehungen, brechen mit deren Zeit und Raum und erlauben durch die Erfahrungen und angewendeten Methoden zur Selbst-Organisation und direkten Aktion immer mehr Aspekte der Herrschaft zu hinterfragen und anzugreifen. Kurz gesagt, erscheinen uns die aufständischen Brüche notwendig auf dem Weg in eine revolutionäre Transformation des Bestehenden.

Aus all dem leitet sich logischerweise die Frage ab, wie Anarchisten sich organisieren können, um zu einem solchen Bruch beizutragen. Ohne die stets wichtige Verbreitung anarchistischer Ideen aufzugeben, geht es unserer Meinung nach heutzutage nicht darum, um jeden Preis möglichst viele Leute um den Anarchismus zu versammeln. Mit anderen Worten denken wir nicht, dass starke anarchistische Organisationen nötig sind, deren Einfluss Ausgebeutete und Ausgeschlossene anzieht, ein quantitatives Vorspiel für diese Organisationen, die wiederum (wenn die Zeit reif ist) das Signal für den Aufstand geben werden. Darüber hinaus denken wir, dass es undenkbar ist, dass heutzutage aufständische Brüche von Organisationen ausgehen können, die die Interessen einer bestimmten sozialen Gruppe vertreten, ausgehend von zum Beispiel mehr oder weniger anarcho-syndikalistischen Formen. Die Integration solcher Organisationen ins demokratische Management entspricht tatsächlich perfekt der heutigen kapitalistischen Ökonomie. Eben diese Integration hat jeden erhofften Übergang von einer defensiven Position zur Offensive unmöglich gemacht. […]

Affinität und Affinitätsgruppen

Viele schrecken vor Affinität zurück. Es ist in der Tat sehr viel einfacher und weniger anstrengend, irgendwo beizutreten – sei es einer Organisation, einer permanenten Versammlung oder einer Szene – und deren formale Charakteristiken aufzunehmen und zu reproduzieren, anstatt eine lange und nie ausgereizte Suche nach Kameraden durchzuführen um Ideen, Analysen und eventuelle Projekte zu teilen. Denn Affinität ist genau dies: Ein wechselseitiges Wissen zwischen Kameraden, geteilte Analysen, die zu Perspektiven der Aktionen führen. Affinität zielt deshalb einerseits auf theoretische Vertiefung und andererseits auf Intervention innerhalb der sozialen Konfliktualität ab.

Affinität ist radikal qualitativ. Ihr Ziel ist das Teilen von Ideen und Methoden und nicht das endlose Wachstum. Dennoch scheint die größte Sorge vieler Kameraden, wenn auch gut versteckt, die Zahl der Mitstreiter zu sein. Wie viele sind wir? Wie können wir handeln um zahlreicher zu werden? Aus der Konzentration auf diese Frage und der Feststellung, dass wir heute nicht sehr viele sind, was auch damit zusammenhängt, dass viele unsere Ideen nicht teilen (nein, auch nicht unbewusst), können wir folgern, dass wir, um zahlreicher zu werden, vermeiden sollten, einen zu starken Akzent auf bestimmte Ideen zu legen. Dieser Tage […] denken [sehr viele], der beste Weg, andere kennenzulernen bestehe in „Konsens“-Aktivitäten, wie zum Beispiel Workshops, Konzerte, selbst verwaltete Bars etc. Sicherlich können solche Aktivitäten ihren Platz haben, aber wenn wir die Vertiefung der Affinität betrachten, geht es um etwas anderes. Affinität ist nicht das gleiche wie Freundschaft. Natürlich schließen sich die beiden nicht aus, aber nur weil man bestimmte Analysen miteinander teilt heißt das nicht, dass man auch miteinander schläft, und umgekehrt. Genau wie es auch nicht bedeutet, auf dem gleichen Weg gegen Herrschaft kämpfen zu wollen, nur weil man die gleiche Musik hört.

Die Suche nach Affinität spielt sich auf zwischenmenschlicher Ebene ab. Es handelt sich also nicht um eine kollektive Angelegenheit, eine Sache der Gruppe, wo es immer einfacher wäre, zu folgen, als selbst zu denken. Die Vertiefung der Affinität ist offensichtlich eine Sache des Gedankens und der Aktion, aber im Grunde ist Affinität nicht das Resultat einer gemeinsam ausgeführten Aktion sondern eher der Ausganspunkt, um zur Aktion zu schreiten. Okay, das haben wir verstanden, werden einige erwidern, aber das heißt dann, dass ich viele Leute nicht kennenlernen werde, die gute Kameraden sein könnten, denn auf gewisse Art und Weise würde ich mich selbst mit meiner Affinitätsgruppe von allen anderen isolieren. Es ist richtig, dass die Suche nach und die Vertiefung der Affinität viel Zeit und Energie erfordern und dass es deshalb nicht möglich ist, sie mit allen Kameraden zu generalisieren. Die anarchistische Bewegung eines Landes, einer Stadt oder sogar eines Viertels kann nicht zu einer großen Affinitätsgruppe werden. Es geht nicht darum verschiedene Affinitätsgruppen mit immer mehr Kameraden zu vergrößern, sondern darum eine Vervielfachung von autonomen Affinitätsgruppen möglich zu machen. Die Suche, die Ausarbeitung und die Vertiefung der Affinität führen zu kleinen Gruppen von Kameraden die einander kennen, Analysen teilen und gemeinsam zur Aktion übergehen.

Der Aspekt „Gruppe“ einer Affinitätsgruppe wurde regelmäßig kritisiert, sowohl zu Unrecht, als auch zu Recht. Oft gibt es Kameraden, die den Gedanken der Affinität teilen. Aber sehr viel komplizierter wird es, wenn wir über „Gruppen“ sprechen, die einerseits über einen zwischenmenschlichen Aspekt hinausgehen, andererseits jedoch das „Wachstum“ begrenzen. Die Einwände bestehen meistens daraus, die schädlichen Mechanismen des „intern / extern“, des „innen / außen“, das solche Affinitätsgruppen generieren können, zu unterstreichen […]. Aber dies sind Probleme, die in jeder Organisation vorkommen und nicht exklusiv mit Affinität einher gehen. Es geht also eher darum, zu reflektieren, wie die Suche nach Affinität eine Expansion, eine Verbreitung und Multiplikation zur Folge haben kann statt eine Stagnation und Paralyse zu verursachen.

Eine Affinitätsgruppe ist nicht das gleiche wie eine „Zelle“ einer Partei oder eine urbanen Guerillaformation. Da die Suche nach ihr permanent ist, entfaltet sich Affinität in Permanenz. Sie kann „wachsen“ bis zu dem Punkt, dass ein gemeinsames Projekt möglich wird, andererseits kann sie sich auch „verkleinern“ bis es unmöglich wird, irgendetwas zusammen zu machen. Das Archipel der Affinitätsgruppen verändert sich deshalb konstant. Auf diese konstante Veränderung wird von Kritikern oft hingewiesen: Man kann nicht darauf aufbauen da es keine stabile Konstellation ist. Wir sind vom Gegenteil überzeugt: man kann nichts rund um organisatorische Formen aufbauen, die sich um sich selbst drehen, weg von den Individuen die Teil davon sind. Denn früher oder später, bei ersten Rückschlägen, werden ohnehin Entschuldigungen und Ausflüchte auftauchen. Der einzig fruchtbare Boden auf dem wir bauen können ist die gemeinsame Suche nach Affinität.

Schlussendlich wollen wir noch aufzeigen, dass ein weiterer Vorteil dieser Form der Organisation ihre starke Widerstandsfähigkeit gegen repressive Maßnahmen des Staates ist, da sie keine repräsentative Basteien, Strukturen oder Namen zu verteidigen hat. […] Affinität ist eine sehr schwer zu korrumpierende Basis, eben weil sie von Ideen ausgeht und sich entlang dieser entfaltet.

Informelle Organisation und Projektualität

Wir glauben, dass Anarchisten die größte Freiheit in Autonomie und Bewegung haben, um in soziale Konflikutalität zu intervenieren, indem sie sich selbst in kleinen auf Affinität basierenden Gruppen organisieren, statt in großen Formationen oder in quantitativen Organisationsformen. Natürlich ist es wünschenswert und oft auch notwendig, dass diese kleinen Gruppen fähig sind zu einem gegenseitigen Verständnis zu gelangen. Und nicht um sich in ein Moloch oder eine Phalanx zu verwandeln, sondern um spezifische und gemeinsame Ziele zu realisieren. Deshalb bestimmen diese Ziele die Intensität der Kooperation, der Organisation. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass eine Afffinitätsgruppe eine Demonstration organisiert, aber in vielen Fällen ist die Koordination zwischen den verschiedenen Gruppen wünschenswert und notwendig um ein spezifisches, zeitlich begrenztes Ziel zu realisieren. Die Kooperation kann auch intensiver sein, im Falle eines mittelfristigen Kampfes, wie zum Beispiel ein spezifischer Kampf gegen eine Machtstruktur (der Bau eines Abschiebezentrums, [etc.]). In diesem Fall könnte man von informeller Organisation sprechen. Organisation, weil es um Koordination von Wille, Mitteln und Kapazitäten der verschiedenen Affinitätsgruppen und Individuen geht, die ein zeitlich begrenztes spezifisches Projekt teilen. Informell, weil es nicht darum geht, irgendeinen Namen zu vermarkten, die Organisation in ihrer Quantität zu stärken, ihr formell beizutreten oder sich einem Programm oder einer Deklaration von Grundsätzen zu verschreiben, sondern um eine agile und lockere Koordination, um den Bedürfnissen eines Projekts des Kampfes gerecht zu werden.

In gewisser Weise findet informelle Organisation auch auf der Basis von Affinität statt, aber sie geht über den interindividuellen Charakter hinaus. Sie existiert nur in der Präsenz einer gemeinsamen Projektualität. Eine informelle Organisation ist deshalb direkt in Richtung Kampf orientiert, und kann nicht unabhängig von ihm existieren. Wie wir vorher erwähnten, hilft sie gewissen Anforderungen eines Projekts des Kampfes gerecht zu werden, die von einer einzelnen Affinitätsgruppe nicht oder nur schwer allein gestemmt werden können. Sie kann beispielsweise die Mittel die wir als notwendig erachten, zugänglich machen. Deshalb hat die informelle Organisation nicht das Ziel, alle Gefährten unter einer Flagge zu vereinen, oder die Autonomie der Affinitätsgruppe und Individualitäten zu reduzieren, sondern dieser Autonomie einen Dialog zu ermöglichen. Es geht bei informeller Organisation nicht darum, alles gemeinsam zu machen, sie ist vielmehr ein Werkzeug, um einem gemeinsamen Projekt durch die spezifischen Interventionen von Affinitätsgruppen und Individualitäten Gestalt zu geben.

Was bedeutet es ein Projekt zu haben? Anarchisten wollen die Zerstörung jeder Autorität, wir können also davon ausgehen, dass sie permanent Wege suchen, um dieses Ziel zu erreichen. Mit anderen Worten, ist es sicherlich möglich Anarchist und aktiv zu sein, ohne ein spezifisches Projekt des Kampfes zu haben. Tatsächlich ist es das, was im Allgemeinen passiert. Entweder Anarchisten folgen den Anweisungen der Organisation, der sie angehören (das scheint der Vergangenheit anzugehören), oder sie warten auf Kämpfe, an denen sie teilnehmen können, oder sie versuchen so viele anarchistische Aspekte wie möglich in ihr tägliches Leben einzubringen. Keine dieser Haltungen lässt die Anwesenheit einer realen Projektualität vermuten – was, um es klarzustellen, diese Gefährten nicht weniger anarchistisch macht. Ein Projekt basiert jedoch auf der Analyse des sozialen, politischen und ökonomischen Kontextes, in dem man sich selbst befindet, und von dem ausgehend man eine Perspektive entwirft, die einem erlaubt, kurz- oder mittelfristig zu intervenieren. Deshalb umfasst also ein Projekt Analysen, Ideen und Methoden, koordiniert um ein Ziel zu erreichen. […] Man kann sich [beispielsweise] dazu entscheiden, gegen Abschiebungen zu kämpfen, gegen die Verschlechterung der Überlebensbedingungen, gegen Knäste… weil all diese Dinge einfach unvereinbar mit seinen Ideen sind. Ein Projekt zu entwickeln würde eine Analyse erfordern um zu verstehen, wo eine anarchistische Intervention am interessantesten wäre, welche Methoden zu nutzen wären, wie man sich vorstellen könnte, einen Impuls oder eine Intensivierung der konfliktuellen Spannung in einer bestimmten Zeitspanne auszulösen. Es ist selbstverständlich, dass solche Projekte oft der Anlass sind, sich informell, in einer Koordination der verschiedenen Gruppen und anarchistischen Individualitäten, zu organisieren.

Deshalb kann eine informelle Organisation nicht gegründet, gebildet oder abgeschafft werden. Sie wird auf einem komplett natürlichen Weg geboren, erfüllt die Bedürfnisse eines Projekts des Kampfes und verschwindet wenn das Projekt realisiert ist oder es als nicht mehr möglich oder nicht mehr angemessen zu realisieren bewertet wird. Sie stimmt nicht mit der Gesamtheit des gerade stattfindenden Kampfes überein: die vielen organisatorischen Formen, die verschiedenen Treffpunkte, die Versammlungen etc. die vom Kampf produziert wurden, werden unabhängig von der informellen Organisation weiterexistieren, was nicht heißt, dass Anarchisten nicht auch dort präsent sein können.

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Kurz

Wenn es nicht mehr darum geht, wie man Menschen für den Kampf organisieren kann, ist die neue Frage, wie man den Kampf organisieren kann. Wir denken, dass Archipele aus voneinander unabhängigen Affinitätsgruppen, die gleiche Perspektiven und konkrete Projekte des Kampfes haben, der beste Weg sind, um direkt in die Offensive zu gehen. Diese Konzeption bietet die größte Autonomie und das breiteste Spektrum möglicher Aktionen. Im Rahmen aufständischer Projekte ist es nötig und möglich, Wege der informellen Organisation zu finden, die die Auseinandersetzung zwischen Anarchisten und anderen Rebellen erlauben, Formen der Organisation, die nicht dazu gedacht sind fortzudauern, sondern auf ein spezifisches und aufständisches Ziel ausgerichtet sind.

Als Gruppe auftreten?

Wer unzufrieden mit dem Status Quo dieser Welt ist und etwas daran ändern möchte, wird sich meist nach einer politischen Gruppe umsehen, die einer*einem irgendwie gefällt und dieser beitreten. Diese Gruppe wird einen Namen tragen, meist ein Selbstverständnis haben, und wird dauernd besorgt um die Anzahl ihrer Mitglieder sein. Auch in linksradikalen Kreisen sind die meisten in politischen Gruppen organisiert, in die es mehr oder weniger schwer ist reinzukommen, die Veranstaltungen organisieren, Flyer-Texte schreiben, auf denen ihr Gruppenname prangt und Demos organisieren, sich in Bündnisse setzen, mehr oder weniger (anti-)autoritäre Wege der Entscheidungsfindung haben usw. Im Grunde haben alle diese Gruppen gemeinsam, mehr oder weniger den gleichen Weg wie jede Partei zu gehen, außer natürlich, dass es normalerweise nicht das Ziel linksradikaler Gruppen ist, irgendwann im Parlament zu sitzen. Was jedoch gleich ist, ist der Anspruch politisch zu handeln. Mit politischem Handeln meine ich hier alle die Schritte, die nicht eine Intervention im Sinne der Überzeugungen der einzelnen Individuen aus der Gruppe darstellen, sondern alles, was damit zu tun hat, eine Gruppenidentität zu schaffen und diese dann aufrechtzuerhalten, sowie alles Handeln, das danach strebt Mehrheiten zu bilden, eine Größe zu suggerieren und Vereinheitlichung zu erlangen, alle Handlungen, in denen es ausschließlich darum geht die Gruppe bekannt zu machen und wachsen zu lassen anstatt die Ideen, die mensch zum Handeln bewegt. Das Schaffen eines Gebildes, das unabhängig von seinen Mitgliedern lebendig wird, dass es deshalb aufrechtzuerhalten gilt, das ist politisches Handeln.

Jedes Selbstverständnis ist zum Beispiel Teil einer Gleichmacherei seiner Mitglieder. Jedes Bündnis, das darauf aus ist, eine möglichst große Masse zusammenzubringen, bei dem dann alle möglichen Kompromisse geschlossen werden, bei dem alle Gruppen einen Aufruf unterzeichnen, hängt der Ideologie einer Mehrheitsdiktatur an, deren Meinung nur etwas zählt, weil besonders viele dahinterstehen. Jede Person, die als Mitglied irgendwo für die ganze Gruppe spricht, als sei diese Gruppe ein eigenes Wesen, das diesen Menschen als Sprecher*in auserkoren hat, verschwindet als Individuum, um dem Gruppenungetüm Platz zu verschaffen. Je größer dabei eine Gruppe wird, desto größer werden Bürokratie, Formalismus und Entfremdung, desto mehr verschwindet das Individuum und seine Überzeugungen, Wünsche und Träume hinter einem Gebilde aus Gleichmacherei und Repräsentation. Jeder politischen Gruppe sind diese Elemente inhärent, denn bereits der Akt eine Gruppe mit eigenem Namen zu bilden, in deren Namen mensch zukünftig handeln möchte, ist bereits ein Akt der Entfremdung und bildet bereits die Grundlage für repräsentatives Handeln und die Unterordnung von Individuen unter eine Idee. Eine Gruppe zu bilden, unter deren Namen mensch zukünftig auftritt, ist bereits repräsentatives Handeln und hat damit den Zwang zu Vereinheitlichung und das Handeln über die Köpfe von anderen Menschen hinweg, also Elemente von Herrschaft, bereits in sich.

Es ist äußerst wichtig, dass jedes Individuum als Individuum handeln kann und Individuum bleibt. Sich einer Gruppe unterzuordnen zum Zwecke des politischen Handelns bedeutet bereits Herrschaftsstrukturen zu akzeptieren. Trotzdem macht es ja durchaus Sinn Gleichgesinnte zu finden, mit denen mensch sich verbünden kann, um in die aktuelle Gesellschaft, die einfach scheiße ist, zu intervenieren, sich zu wehren, für was Cooleres zu kämpfen. Denn zum einen macht es mit anderen zusammen mehr Spaß, mensch hat Gelegenheit sich auszutauschen, sich gegenseitig zu inspirieren, sich zu kritisieren und kritisch zu hinterfragen, zum anderen kann mensch sich auch gegenseitig unterstützen und stützen, sich gegenseitig stärken. Wie findet mensch sich also zusammen ohne Gefahr zu laufen, seine Individualität für eine Idee oder politische Gruppe aufzugeben? Ein Weg dies zu tun, wäre anstatt Gruppen Orte zu schaffen, an denen Menschen, die sich für Anarchismus interessieren, zusammenfinden können, durchaus auch mit speziellen Terminen, an denen Unterschiedliches besprochen wird, jedoch ohne dass mensch anerkanntes Mitglied sein muss. Orte des Kennenlernens, wo Menschen auch aufgrund von Affinität zusammenfinden und nicht, weil sie jetzt beide Mitglied derselben Gruppe sind und deshalb miteinander auskommen müssen. Das können Räume wie anarchistische Bibliotheken sein, oder Konferenzen und Camps, Veranstaltungen zu anarchistischen Themen, Diskussionsveranstaltungen, Cafés und sonstige offene Treffen. Dort haben Menschen Gelegenheit sich für Projekte und Ideen für Interventionen zusammenzufinden, ohne sich jedoch einem Gruppennamen unterzuordnen noch den Zwang zu haben, in dieser Konstellation fix zu bleiben. Zeitungen oder Internetplattformen können ebenfalls ein Medium sein sich auszutauschen. Dabei ist bei beiden Medien wichtig, dass nicht ein einheitlicher Kurs gefahren wird, in dem alle „Mitglieder“ einen Text abnicken müssen, der dann repräsentativ für die Meinung von allen sein soll, sondern eher ein Stimmengewirr von ganz vielen Menschen, die miteinander streiten und sich miteinander auseinandersetzen. In all diesen Formen liegt natürlich so weit eine Vereinheitlichung vor, dass es Möglichkeiten des Austausches über anarchistische Themen sein sollen und nicht etwa demokratische oder kommunistische oder aus sonstigen politischen Richtungen, doch das halte ich für ok. In einem Forum über Lieblingsbücher wäre es schließlich auch unangebracht über Autos zu reden. Was politische Gruppen zu Bündnistreffen machen, bei dem am Schluss ein Outcome rauskommen muss, mit dem alle beteiligten Gruppen leben können, kann in anarchistischer Variante einfach ein Moment des Austausches, der Inspiration, der Diskussion und des Bildens von Kompliz*innenschaften werden, aber ganz ohne Vereinheitlichungszwang, ohne dass mensch mehr braucht als nur einen Namen für das Treffen.

Wie weit sind Namensgebungen für so etwas ok? Grundsätzlich macht es ja schon Sinn, wenn Orte, Treffen, Zeitungen oder auch Verlage einen Namen haben, denn so sind sie greifbar und wiedererkennbar. Mensch muss allerdings darauf achten, dass der Name nicht zur Marke oder zur Identität wird, sondern nur so weit eine Bedeutung hat, wie es zur Identifizierung einer Sache notwendig ist. So wie auch ein Eigenname keine schlechte Sache ist, aber sobald dieser Eigenname Teil eines Personenkultes wird, wie bei Che Guevara oder Ghandi oder Martin Luther King oder Öcalan, ist irgendetwas ganz massiv schief gelaufen, denn dann wird diesem Namen eine Autorität zugestanden, wird dieser Name zur Projektionsfläche und es entsteht ein Anhänger*innenkult, der natürlich per se nicht anarchistisch sein kann.

Betrachten wir uns als Individuen und weder als Teil einer Masse noch als „Messias“, als Anführer*innen oder sonstige glorifizierte Lichtfiguren. Nur wenn wir weder bestimmten Personen noch einer Masse noch einer Gruppe Bedeutung zumessen, überwinden wir hierarchische Strukturen, Herrschaftsgedanken und Ideen von „Volkskörpern“, „Einheitsfronten“, „Einheitsparteien“ und sonstige totalitäre Tendenzen.