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Gender Nihilismus: Ein Anti-Manifest

Einführung

Wir befinden uns in einer Sackgasse. Die aktuelle Politik der Trans-Befreiung hat sich auf ein erlösendes Verständnis von Identität gestürzt. Ob durch die Diagnose eines:einer Ärzt:in [1] oder Psycholog:in oder durch eine persönliche Selbstbestätigung in Form einer sozialen Äußerung sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass es eine innere Wahrheit von Geschlecht gibt, die wir aufspüren müssen.

Eine endlose Folge positiver politischer Projekte haben den Weg abgesteckt, den wir derzeit eingeschlagen haben, eine unendliche Folge von Pronomen, Pride-Flaggen und Bezeichnungen. Die derzeitige Trans-Bewegung hat versucht, die Geschlechterkategorien zu erweitern, in der Hoffnung, dass wir den Schaden, den sie anrichten, verringern können. Das ist naiv.

Judith Butler bezeichnet Gender als „den Apparat durch den die Erzeugung und Normalisierung von Maskulinum und Femininum stattfindet, gemeinsam mit den interstitiellen Formen des Hormonellen, Chromosomalen, Psychischen und Performativen, von denen Gender ausgeht.“ Wenn die derzeitige liberale Politik unserer trans Genoss:innen und -Geschwister versucht, die sozialen Dimensionen, die von diesem Apparat erzeugt werden, zu erweitern, ist unsere Arbeit das Verlangen, sie auf ihre Grundfesten niederbrennen zu sehen.

Wir sind Radikale, die genug von den Versuchen haben, Gender zu retten. Wir glauben nicht, dass wir es für uns nutzen können. Wir betrachten die Transmisogynie, die wir in unseren eigenen Leben erfahren haben, die vergeschlechtlichte Gewalt, die sowohl unsere trans, als auch cis Genoss:innen erfahren haben und wir begreifen, dass der Apparat selbst diese Gewalt zwangsläufig mit sich bringt. Wir haben genug davon.

Wir wollen kein besseres System schaffen, da wir kein Interesse an positiver Politik haben. Alles was wir gegenwärtig fordern ist ein schonungsloser Angriff auf Gender und dessen soziale Bedeutungsweisen und Verständnis.

Diesem Gender Nihilismus liegen einige Prinzipien zugrunde, die im folgenden detailliert untersucht werden: Antihumanismus als Fundament und Eckpfeiler, die Abschaffung von Gender als Verlangen und radikale Negativität als Methode.

Antihumanismus

Antihumanismus ist die Grundlage, die eine Gender-nihilistische Analyse verbindet. Es ist der Punkt, von dem wir beginnen, unsere derzeitige Situation zu begreifen, er ist essentiell. Mit Antihumanismus meinen wir eine Zurückweisung des Essentialismus. Es gibt keinen wesenhaften Menschen. Es gibt keine menschliche Natur. Es gibt kein transzendentes Selbst. Subjekt zu sein bedeutet nicht, einen allgemeinen metaphysischen Zustand des Seins (Ontologie) mit anderen Subjekten zu teilen.

Das Selbst, das Subjekt ist ein Produkt von Macht. Das „Ich“ in „Ich bin ein Mann“ oder „Ich bin eine Frau“ ist kein „Ich“, das über diese Aussagen hinausgeht. Diese Aussagen enthüllen keine Wahrheit über das „Ich“, sie konstituieren dieses „Ich“ vielmehr. Männer und Frauen existieren nicht als Bezeichnungen für bestimmte methaphysische oder essentialistische Kategorien des Seins, sie sind vielmehr diskursive, soziale und linguistische Symbole, die historisch bedingt sind. Sie entwickeln und verändern sich mit der Zeit, aber ihre Auswirkungen wurden schon immer durch Macht bestimmt.

Wer wir sind, der eigentliche Kern unseres Wesens liegt vielleicht gar nicht in den kategorischen Gefilden des Seins. Das Selbst ist eine Annäherung von Macht und Diskursen. Jedes Wort, dass du nutzt, um dich selbst zu definieren, jede Kategorie der Identität, in der du dich selbst verortest, ist das Ergebnis einer historischen Entwicklung von Macht. Weder Gender, Race, Sexualität noch irgendeine andere normative Kategorie verweist auf eine Wahrheit über den Körper oder den Geist des Subjekts. Diese Kategorien konstruieren das Subjekt und das Selbst. Es gibt kein statisches Selbst, kein konsistentes „Ich“, kein die Zeiten überdauerndes Subjekt. Wir können nur mit der gegebenen Sprache auf ein Selbst verweisen und diese Sprache hat sich in der Geschichte radikal verändert und verändert sich auch weiter in unserem tagtäglichen Leben.

Wir sind nichts als die Annäherung von vielen verschiedenen Diskursen und Sprachen, die gänzlich außerhalb unseres Einflusses liegen und dennoch empfinden wir das Gefühl von Handlungsfähigkeit. Wir steuern diese Diskurse, untergraben sie gelegentlich und überleben sie stets. Die Fähigkeit zu steuern weist nicht auf ein metaphysisches Selbst, das aufgrund eines Gefühls von Handlungsfähigkeit handelt, hin, sondern lediglich darauf, dass es eine symbolische und diskursive Lockerheit gibt, die unsere Konstitution umgibt.

Wir verstehen Gender folglich innerhalb dieser Bedingungen. Wir begreifen Gender als eine spezifische Konstellatiuon von Diskursen, die durch Medizin, Psychiatrie, den Sozialwissenschaften, Religion und durch unseren täglichen Umgang mit Anderen verkörpert werden. Wir sehen Gender nicht als Bestandteil unseres „wahren Selbst“, sondern als gesamte(s) Bedeutungsordnung und Verständnis, in der/dem wir uns wiederfinden. Wir betrachten Gender nicht als eine Sache, die ein beständiges Selbst besitzen könnte. Wir behaupten im Gegenteil, dass Gender gemacht wird und an dem teilgehabt wird und dass dieses Tun ein kreativer Akt ist, durch den das Selbst geschaffen wird und ihm sozialer Ausdruck und Bedeutung verliehen wird.

Unsere Radikalität kann hier nicht enden. Wir behaupten weiter, dass der historische Beweis erbracht werden kann, dass Gender auf diese Art und Weise funktioniert. Die Arbeit vieler dekolonialer Feminist:innen war richtungsweisen darin zu zeigen, wie westliche Genderkategorien indigenen Gesellschaften gewaltsam auferlegt wurden und wie das eine vollständige linguistische und diskursive Veränderung bewirkt hat. Der Kolinialismus schuf neue Genderkategorien und mit ihnen neue gewaltsame Möglichkeiten ein bestimmtes Set vergeschlechtlichter Normen zu verfestigen. Die wahrnehmbaren und kulturellen Aspekte von Maskulinität und Feminität haben sich über die Jahrhunderte verändert. Es gibt kein statisches Gender.

Das Ganze hat eine praktische Bedeutung. Die Frage des Humanismus vs. Antihumanismus ist die Frage auf der die Debatte zwischen dem libreralen Feminismus und der nihilistischen Genderbeseitigung aufbauen wird.

Die:der liberale Feminist:in sagt „Ich bin eine Frau“ und dadurch ist sie:er spirituell, ontologisch, metaphysisch, genetisch oder in jeder anderen Form des „essentiellen“ eine Frau.

Die:der Gender Nihilist:in sagt „Ich bin eine Frau“ und meint, das sie:er sich innerhalb einer Matrix der Macht, die sie:ihn als solche konstituiert, an einer bestimmten Stelle befindet.

Der:die liberale Feminist:in ist sich der Arten, auf die die Macht Gender konstruiert nicht bewusst und klammert sich daher an Gender als Mittel, um sich in den Augen der Macht zu legitimieren. Sie:er vertraut darauf, zu versuchen, verschiedene Wissenssysteme (genetische Wissenschaft, Methaphysische Behauptungen über den Geist, kantianische Ontologie) zu nutzen, um der Macht zu beweisen, dass sie:er darin funktionieren kann.

Die:der Gender Nihilist:in, die:der Gender Abolitionist:in betrachtet das System von Gender selbst und sieht die Gewalt in seinem Kern. Wir sagen Nein zu einer positiven Wahrnehmung von Gender. Wir wollen es tot sehen. Wir wissen, dass jedes Bittstellen an die derzeitigen Konstellationen der Macht immer eine liberale Falle ist. Wir verweigern uns, uns selbst zu legitimieren.

Es ist wichtig, dass das verstanden wird. Antihumanismus verleugnet nicht die gelebten Erfahrungen vieler unserer trans Geschwister, die Gender seit jungen Jahren erfahren haben. Vielmehr würdigen wir, dass eine solche Erfahrung von Gender immer bereits durch die Bedingungen der Macht bestimmt war. Wir betrachten unsere eigenen Erfahrungen in unserer Kindheit. Wir sehen, dass wir sogar mit der regelwidrigen Aussage „Wir sind Frauen“, womit wird die Kategorie, die die Macht unseren Körpern auferlegt hatte, zurückwiesen, die Sprache des Genders sprachen. Wir verwiesen auf einen Begriff von „Frau“, der nicht in uns als beständige Wahrheit existiert, sondern wir verwiesen auf die Diskurse, durch die wir konstituiert wurden.

Dadurch bestätigen wir, dass es kein wahres Selbst gibt, dass dem Diskurs, den Begegnungen mit anderen, der Vermittlung des Symbolischen voraus geht. Wir sind Produkte der Macht, also was sollen wir tun? Wir beenden unsere Erkundung des Antihumanismus mit der Rückkehr zu den Worten von Butler:

„Meine Handlungsfähigkeit besteht nicht darin, diesen Umstand meiner Konstitution zu leugnen. Wenn ich irgendeine Handlungsfähigkeit besitze, wird sie mir durch die Tatsache eröffnet, dass ich durch eine soziale Welt, die ich nie gewählt habe, konstituiert werde. Dass meine Handlungsmöglichkeit von Paradoxen zerklüftet wird bedeutet nicht, dass sie unmöglich ist. Es bedeutet nur, dass die Bedingung ihrer Möglichkeit paradox ist.“

Die Abschaffung von Gender

Wenn wir akzeptieren, dass Gender nicht in uns selbst als transzendente Wahrheit gefunden werden kann, sondern vielmehr außerhalb von uns in den Gefilden des Diskurses zu finden ist, wonach streben wir dann? Zu sagen, dass Gender diskursiv ist, bedeutet, dass Gender nicht als metaphysische Wahrheit innerhalb des Subjekts existiert, sondern als vermittelndes Instrument sozialer Interaktion auftritt. Gender ist ein Rahmen, eine Teilmenge von Sprache und eine Mege von Symbolen und Zeichen, die zwischen und kommunizieren, uns konstruieren und von uns beständig reproduziert werden.

Demzufolge funktioniert der Apparat von Gender zyklisch: Ebenso wie wir durch ihn konstituiert werden, wird er durch unsere täglichen Handlungen, Rituale, Normen und Performances reproduziert. Es ist diese Erkenntnis, die die Manifestation einer Bewegung gegen diesen Kreislauf möglich macht. Eine solche Bewegung muss die zutiefst durchdringende und um sich greifende Natur dieses Apparates verstehen. Die Normierung naturalisiert, vereinnahmt und subsumiert Widerstand auf heimtückische Art und Weise.

An diesem Punkt mag es verlockend sein, sich einer bestimmten liberalen Politik der Expansion zu bedienen. Zahllose Theoretiker:innen und Aktivist:innen sind dem Irrtum erlegen, dass unsere Erfahrungen der transgender Verkörperung eine Bedrohung für den Prozess der Normierung, den Gender darstellt, sein könnte. Wir haben den Vorschlag vernommen, dass nichtbinäre Identität, trans Identität und queere Identität in der Lage wären, eine Subversion von Gender zu erzeugen. Das ist nicht der Fall.

Indem wir uns innerhalb der identitären Bezeichnungen des nicht-binären verorten finden wir uns immer wieder in den Gefilden von Gender gefangen. Identität in der Ablehnung von Geschlechterbinarität anzunehmen bedeutet immer noch, die Binarität als Referenzpunkt zu wählen. Durch den Widerstand gegen sie rekonstruiert eine:r nur den normativen Status des Binären. Normen wurden bereits durch Widerspruch begründet, sie legten die Grundlagen und Sprachen, durch die Widerspruch ausgedrückt werden kann. Nicht nur, dass unser verbaler Einspruch findet in der Sprache von Gender statt, auch die Aktionen, die wir unternehmen um Gender durch unsere Kleidung und unser Verhalten zu untergraben sind selbst nur subversiv durch ihren Verweis auf die Norm.

Wenn eine Identitätspolitik nichtbinärer Identität uns nicht befreien kann, verspricht uns auch eine queere oder trans Identitätspolitik keine Hoffnung. Beide treten in die gleich Falle, auf die Norm zu verweisen, indem sie versuchen Gender anders zu „machen“. Solche Politiken basieren auf der Logik von Identitäten, die selbst ein Produkt moderner und gegenwärtiger Diskurse der Macht sind. Wie wir bereits ausführlich gezeigt haben, kann es keine beständige Identität geben, auf die wir uns beziehen können. Folglich ist jeder Rekurs auf eine revolutionäre oder emanzipatorische Identität nur ein Rekurs auf einen bestimmten Diskurs. In diesem Fall ist dieser Diskurs Gender.

Das bedeutet nicht, dass diejenigen, die sich als trans, queer oder nichtbinär identifizieren, für Gender verantwortlich wären. Das ist der Fehler des traditionellen radikalen feministischen Ansatzes. Wir lehnen solche Behauptungen ab, da sie bloß diejenigen angreifen, die am meisten unter Gender leiden. Selbst wenn die Abweichung von der Norm diese stets begründet und neutralisiert wird, wird sie verdammt noch mal immer noch bestraft. Der queere, der trans, der nichtbinäre Körper ist immer noch massiver Gewalt ausgesetzt. Unsere Geschwister und Genoss*innen um uns herum werden noch immer ermordet, leben in Armut und im Schatten. Wir verraten sie nicht, denn das würde bedeuten uns selbst zu verraten. Stattdessen rufen wir zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit den Grenzen unserer Politik auf und wünschen uns einen neuen Weg vorwärts.

Mit dieser Einstellung sind es nicht nur bestimmte Konstellationen von Identitätspolitik, die wir bekämpfen wollen, sondern das Bedürfnis nach Identität im Allgemeinen. Wir behaupten, dass die immer erweiterte Liste persönlich präferierter Pronomen, die zunehmenden und immer ausgefeilteren Labels für verschiedene Ausdrucksweisen von Sexualität und Gender und der Versuch, neue identitäre Kategorien vielseitiger zu schaffen, die Anstrengung nicht wert sind.

Nachdem wir erkannt haben, dass Identität keine Wahrheit, sondern eine soziale und diskursive Konstruktion ist, können wir begreifen, dass die Schaffung dieser neuen Identitäten nicht die plötzliche Entdeckung von zuvor unbekannter gelebter Erfahrung ist, sondern vielmehr die Schaffung neuer Begriffe mit denen wir konstituiert werden können. Alles was wir tun, wenn wir die Genderkategorien erweitern ist die Schaffung neuer, ausgefeilterer Kanäle, durch die die Macht wirken kann. Wir befreien uns nicht selbst, wir umgarnen uns mit unzähligen und noch ausgefeilteren und machtvolleren Normen. Jede bildet ein neues Glied in der Kette.

Diese Terminologie zu gebrauchen ist nicht übertrieben, die Gewalt von Gender kann nicht überschätzt werden. Jede ermordete trans Frau, jedes zwangsoperierte intersexuelle Kind, jedes niedergeschlagene queere Kind ist ein Opfer von Gender. Die Abweichung von der Norm wird immer bestraft. Auch wenn Gender Abweichungen vereinnahmt, werden sie dennoch bestraft. Erweiterungen der Normen sind eine Ausweitung von Abweichungen, sie sind eine Erweiterung der Wege, auf denen wir von einem diskursiven Ideal abweichen können. Unendliche Genderidentitäten schaffen undendliche neue Räume für Abweichung, die gewaltsam bestraft werden. Gender muss Abweichungen bestrafen, deshalb muss Gender verschwinden.

Und daher halten wir eine Abschaffung von Gender für notwendig. Wenn alle unsere Versuche bei positiven Projekten der Erweiterung zu kurz griffen und uns nur in neue Fallen gelockt haben, müssen wir auf einen anderen Ansatz zurückgreifen. Dass die Erweiterung von Gender gescheitert ist, impliziert nicht, dass eine Verringerung unseren Zwecken dienen würde. Ein solcher Impuls ist zutiefst reaktionär und muss beseitigt werden.

Die reaktionären radikalen Feminist*innen sehen die Abschaffung von Gender als eine solche Verringerung. Sie sind der Meinung, dass wir Gender abschaffen müssten, damit Geschlecht [sex] (die physischen Charakteristika des Körpers) eine beständige materielle Basis, aufgrund derer wir gruppiert werden könnten, bilden könne. Wir lehnen das von ganzem Herzen ab. Geschlecht [sex] an sich basiert auf diskursiven Einteilungen, denen durch die Medizin Autorität verliehen wird und die gewaltsam den Körpern intersexueller Individuen auferlegt werden. Wir schreien diese Gewalt nieder.

Nein, eine Rückkehr zu einem einfacheren und geringeren Verständnis von Gender (selbst wenn es scheinbar auf einer materiellen Basis beruht) genügt nicht. Es ist die ursprüngliche, äußerst normative Einteilung von Körpern gegen die wir uns wenden. Weder die Verrringerung, noch die Erweiterung kann uns helfen. Unser einziger Pfad ist die Zerstörung.

Radikale Negativität

Im Herzen unserer Abschaffung von Gender steht eine Negativität. Wir streben nicht danach Gender zu beseitigen, damit wir zu einem wahren Selbst zurückkehren können; Ein solches Selbst gibt es nicht. Es ist nicht so, dass die Abschaffung von Gender uns befreien würde als wahres oder unverfälschtes Selbst zu existieren, frei von bestimmten Normen. Eine solche Schlussfolgerung stünde im Widerspruch zu der Gesamtheit unserer Antihumanistischen Ansprüche. Daher müssen wir einen Sprung ins Nichts wagen.

Hier bedarf es eines Moments leuchtender Klarheit. Wenn das, was wir sind ein Produkt der Diskurse der Macht sind und wir danach streben, diese Diskurse zu beseitigen und zu zerstören, gehen wir das größtmögliche Risiko ein. Wir tauchen ins Unbekannte ein. Die Begriffe, Symbole, Ideen und Realitäten, durch die wir geformt und erschaffen wurden, werden in Flammen aufgehen und wir können weder wissen, noch vorhersagen, was wir sein werden, wenn wir auf der anderen Seite wierder auftauchen.

Das ist der Grund, warum wir uns eine Einstellung radikaler Negativität zu Eigen machen müssen. Alle vorherigen Versuche einer positiven und erweiternden Gender-Politik ließen uns scheitern. Wir müssen aufhören darüber zu mutmaßen, wie Befreiung oder Emanzipation aussehen wird, da diese Ideen selbst auf einer Idee eines Selbst gründen, das einer Prüfung nicht standhält, einer Idee, die die längste Zeit dazu gedient hat, unseren Horizont zu beschränken. Nur die pure Ablehnung, die Abkehr von jeder Form erkennbarer oder verständlicher Zukunft können uns überhaupt die Möglichkeit einer Zukunft bieten.

Auch wenn das ein großes Risiko ist, ist es ein notwendiges. Indem wir ins Unbekannte springen tauchen wir in die Gewässer des Unverstehbaren ein. Diese Gewässer bergen ihre Gefahren und es besteht die reale Möglichkeit des Verlusts des Selbst. Die Begriffe, durch die wir uns gegenseitig verstehen, könnten aufgelöst werden. Aber es gibt keinen anderen Weg aus diesem Dilemma. Wir werden täglich von einem Prozess der Normierung angegriffen, der uns als abweichend codiert. Wenn wir uns nicht in der Bewegung der Negativität verlieren, werden wir vom status quo zerstört. Wir haben nur eine Option, scheiß auf die Risiken.

Dies erfasst die Zwickmühle in der wir uns derzeit befinden genau. Während das Risiko der Aneignung von Negativität hoch ist, wissen wir, dass uns die Alternative zerstören wird. Wenn wir uns in dem Prozess selbst verlieren, haben wir blos das selbe Schicksal erlitten, dass wir andernfalls sowieso erleiden. Daher verweigern wir mit unbekümmerter Hingabe Theorien darüber anzustellen, was eine Zukunft bereithalten mag und was wir in dieser Zukunft sein mögen. Eine Zurückweisung von Bedeutung, eine Zurückweisung von bekannten Möglichkeiten, eine Zurückweisung des Seins selbst. Nihilismus. Das ist unsere Haltung und Methode.

Beständige Kritik positiver Genderpolitik ist demnach ein Anfangspunkt, aber einer der mit Vorsicht genossen werden muss. Denn wenn wir ihre eigenen Untermauerungen zugunsten einer Alternative kritisieren, fallen wir nur wieder der neutralisierenden Macht der Normierung zum Opfer. Daher beantworten wir die Forderung nach einer klar definierten Alternative und nach einem Program von Aktionen, die getan werden müssten mit einem resoluten „Nein“. Die Tage der Manifeste und Tribünen sind vorbei. Die Negation aller Dinge, uns eingeschlossen ist das einzige Mittel durch das wir jemals in der Lage sein werden, irgendetwas zu erreichen.

 

 

Dieser Text wurde aus dem Englischen übersetzt. Originaltitel: Gender Nihilism. An Anti-Manifesto. aus What is Gender Nihilism? A Reader.

Anmerkungen

[1] Es mag widersprüchlich wirken, gängige Formen einer gendersensiblen Sprache in der Übersetzung dieses Textes zu reproduzieren. Da die deutsche Sprache im Gegensatz zum Englischen jedoch keine „geschlechtsneutralen“ Bezeichnungen für viele Begriffe kennt und die Reproduktion des generischen Maskulinums so ziemlich das Gegenteil dessen wäre, was in diesem Text vermittelt werden soll, habe ich mich dazu entschieden, eine leichte Abwandlung einer gängigen Variante gendersensibler Sprache zu verwenden und Stern bzw. Unterstrich durch einen Doppelpunkt zu ersetzen [Anm. d. Übers.].

[Tübingen] Evangelikale TOS angegriffen

„Während die meisten sich vom vorweihnachtlichen Konsumrausch erholen und die freien Tage fröhlich um einen abgesägten und mit Plastik versehenen Baum sitzen, haben wir […] uns entschieden diese symbolträchtige und für Aktionen angenehm ruhige Zeit zu nutzen, um auf einen überregionalen antifeministischen Akteur, die Tübinger Offensive Stadtmission (TOS), hinzuweisen und diesen mit Farbe und Feuer anzugreifen. Dabei wurde das Foyer des TOS Gemeindezentrums mit lila Farbe eingedeckt und ein Kleinbus der reaktionären evangelikalen Gruppe niedergebrannt.“

Quelle: Indymedia

Anarchistisch-patriarchale Geschichtsschreibung

Es mag wie ein Rumnörgeln an Kleinigkeiten erscheinen und wie ein Festhalten, Perpetuieren und Positivsetzen von Identitäten, die es doch zu zerstören gilt. Dass dies jedoch nicht der Fall ist, möchte ich im Folgenden erläutern. Am Beispiel einer Passage der Broschüre „Namenlos“ der Edition Irreversibel möchte ich darauf eingehen, wie trotz bestester Absichten von Individualist*innen, die jegliche Form von Identität und Identitätspolitik ablehnen, sie unbewusst eine männliche Sichtweise mit einer neutralen verwechseln und den Lügen patriarchaler Geschichtsschreibung Glauben schenken.

In der Broschüre „Namenlos“ werden unterschiedliche „Beiträge zu einer anarchistischen Diskussion über Anonymität und Angriff“ zusammengestellt. Dabei geht es darum, inwiefern das Handeln unter Klarnamen oder (festem) Pseudonym zum einen Berühmtheiten und damit Autoritäten und Vorbilder schafft, insbesondere Gruppennamen das Individuum auslöschen und die Handlungen dadurch an Kraft verlieren, dass Menschen durch ein „Ich war’s“ ihren Geltungsdrang deutlich machen und damit die Handlung zu einem Profilierungsakt und damit zu einem Akt Autorität zu erlangen wird. Ich möchte eigentlich nur auf eine Passage dieser Broschüre eingehen, eigentlich sogar nur auf eine Fußnote, und meine Kritik daran hat zwar nur teilweise mit dem Thema dieser Broschüre zu tun, bringt aber auch neue Aspekte in das Thema Anonymität und Identität ein.

Der Beitrag „Die Anonymität“ aus der 10. Ausgabe von „Der Communist“ von 1892 enthält folgende unschöne Passage: „Ganz besonders warnen wir davor, eine Frau etwas ernstes wissen zu lassen, das nicht unumgänglich nothwendig ist, denn die Frauen werden fast immer für vollkommen erachtet, und nur zu oft sind sie es welche uns verraten.“ (S. 45) Diese Passage ist mit einer Fußnote des*der Herausgeber*in dieser Broschüre bedacht, in der die Vermutung geäußert wird, dass diese „krude“ Feststellung von Conrad Fröhlich „Ausdruck davon [sei] inwieweit die anarchistische Bewegung damals von nahezu ausschließlich Männern dominiert wurde, die so hauptsächlich Beziehungen zu Nicht-Anarchistinnen hatten und sich so bei der einen oder anderen Gelegenheit verplatterten und im Bau landeten.“ (S. 48)

Da muss ich entschieden widersprechen! Der*die Herausgeber*in führt hier fort, was seit hunderten von Jahren Anarchist*innen gemacht haben: die Rolle nicht-männlicher und weiblicher Anarchist*innen kleinzureden oder ganz zu verschweigen. Dies nennt mensch „Silencing“ und ist ein Phänomen, das alle Menschen, die (vermeintliche) Angehörige marginalisierter Gruppen sind, erleben. Dass sie nicht wahrgenommen werden, nicht ernst genommen werden und insbesondere in der Rezeption in den Jahren danach, also in der Geschichtsschreibung jeglicher Art, ignoriert, weggelassen und damit vergessen werden. Wenn Conrad Fröhlich offenbar so bekannt mit den anarchistischen Größen seiner Zeit ist, dass er kritisiert, dass „Herr Most, Herr Peukert, Herr Berkmann, Herr Merlino, Herr Malatesta“ (S. 46f.) durch ihre ständige Namensnennung zu Autoritäten wurden und dass sie ausschließlich aufgrund der Namensnennung Repression ausgesetzt waren und im Knast landeten, dann werden ihm wohl auch die Namen seiner anarchistischen Zeitgenossinnen „Frau Goldman“, „Frau de Cleyre“, „Frau Wilson“, „Frau Hansen“, „Frau Notkin“, „Frau Witkop-Rocker“, „Frau Michel“, „Frau Zaïkovska“, „Frau Kügel“, „Frau Mahé“, „Frau Maitrejean“, „Frau Nikiforova“, „Frau Perowskaja“ bekannt sein, die teilweise damals selbst große Berühmtheiten und Autoritäten waren, deren Schriften und Vorträge berühmt und stark rezipiert waren, die Zeitschriften herausgaben oder Artikel in Zeitschriften veröffentlichten, die Anschläge vorbereiteten, planten und durchführten oder Teil von Aufständen waren. Auch Emma Goldman saß im Knast, weil sie Anarchistin war, ebenso Louise Michel, Sofja Perowskaja wurde wegen ihrer Beteiligung an der Ermordung des Zaren Alexander II. 1881 hingerichtet.

Die meisten der genannten Frauen hatten Liebesaffären mit Anarchisten, entsprechend hatten auch Anarchisten Liebesaffären mit Anarchistinnen. Viele der Anarchistinnen sind uns heutzutage auch nur deswegen noch bekannt, weil sie die Lebensgefährtinnen „großer“ männlicher Anarchisten waren. Wie viele Anarchistinnen kennen wir nicht, weil ihre Lebensgefährten sie erstickt haben, sich vor sie gestellt haben, sie unterdrückt haben? Die der Meinung waren, dass „ihre“ Frauen sich lieber um das Wohlergehen ihres Mannes und der Kinder kümmern sollten? Viele wurden ausgelacht und nicht ernst genommen oder bewusst bei der Planung von Attentaten außen vorgehalten, weil das für eine Frau nichts sei. Letzteres erlebte beispielsweise Kaneko Fumiko in Japan 1926 – ihr Partner Pak Yeol hatte zusammen mit anderen Anarchisten ein Attentat auf den Kaiser geplant und Fumiko bewusst draußen gehalten, um sie als Frau zu beschützen. Sie bekam aber Wind davon und wollte Teil der Verschwörung sein. Alle wurden verhaftet und sie übertrieb ihre Rolle in der Verschwörung, kündigte sogar an, den Kaiser umzubringen, sollte man sie entlassen, um dieselbe Strafe und damit dieselbe Anerkennung als revolutionäre Anarchistin zu bekommen wie die Männer.

Ja, der*die Herausgeber*in hat richtigerweise festgestellt, dass die „anarchistische Bewegung damals von nahezu ausschließlich Männern dominiert wurde“, doch das bedeutet nur, dass Männer nicht bereit waren, ihre weiblichen Gefährt*innen anzuerkennen, sie so sehr sie konnten verdrängten und nicht ernst nahmen, den Beitrag der Frauen an der Bewegung bewusst verschwiegen. Doch die Anarchistinnen gab es und wenn mensch genauer hinsieht, sieht mensch auch, dass es eine ganze Menge waren. Auch Conrad Fröhlich wird sie gekannt haben. Dass er sie nicht nennt, sondern sich ausschließlich auf Männer konzentriert und sich an Männer adressiert und ganz offensichtlich Frauen nicht als Kampfgefährtinnen und als vollwertige handelnde Individuen und Subjekte begreift – denn wenn er empfiehlt Frauen nichts zu erzählen, wird er wohl kaum seinen Appell auch an Frauen richten –, sagt viel über Conrad Fröhlich aus, aber sicher nichts über die Geschlechterverteilung in der anarchistischen Bewegung und auch sicher nichts darüber, welche Angehörige welchen (zugewiesenen) Geschlechts mehr Anarchist*innen an die Repressionsbehörden verraten haben. Vielleicht waren viele Anarchisten so sexistisch, dass sie Frauen nicht als handlungsfähige denkende Subjekte betrachteten, die ihnen gefährlich werden könnten, indem sie sie verpfeifen. Denn sie dachten nicht daran, dass Frauen ihre Ideen nicht teilen könnten, da sie gar nicht auf die Idee kamen, dass diese Frauen eigene Ideen haben könnten (und das obwohl sie die ganze Zeit auch mit Frauen zu tun hatten, die ganz offenkundig eigene Ideen vertraten!). Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass Conrad Fröhlich durch seine Misogynie eine verzerrte Wahrnehmung hat, wenn es um Männer und Frauen geht. Wenn ein Mann einen Anarchisten verraten hat, dann wird er wahrscheinlich denken, wie konnte X Hans-Peter nur je vertrauen, wenn es eine Frau war, dann wird er eben nicht denken, wie konnte X Sabine nur vertrauen, sondern er wird denken, wie konnte X nur einer Frau vertrauen. Und dies führt dann zu einer subjektiv falschen Feststellung, die Ausdruck seiner Frauenfeindlichkeit ist, nicht aber Feststellung eines Faktes.

Viele der großen Individualisten dieser Zeit haben das Individuum rein als männlich betrachtet (auch Max Stirner als einer der großen Vordenker). „Der Einzige“ reift vom „Knaben“ zum „Jüngling“ zum „Mann“ (vgl. „Der Einzige und sein Eigentum“). Da gibt es nicht viel Interpretationsspielraum. Klar können wir bei einer Rezeption Stirners diese eindeutig männlich konnotierte Philosophie um alle anderen Individuen erweitern, die Stirner offenbar nicht wahrgenommen hat. Jedoch sollten wir nicht vergessen, wenn wir alte wie auch neuere Texte lesen, dass die Wahrnehmung vieler Menschen dieser Zeit, aber auch unserer Zeit, mehr oder weniger bewusst von dieser Gleichsetzung „Individuum/Anarchist = männlich“ bzw. „das Männliche = das Allgemeine, das Universelle“ geprägt war und sie alles, was aus diesem Schema herausfiel und fällt, so gut sie konnten, ignorierten und ignorieren. Deshalb ist es auch unsere Aufgabe den Lügen nicht zu glauben, dass vor hundert Jahren nur Männer Anarchist*innen waren, und es ist unsere Aufgabe nach den nicht-männlichen und weiblichen Anarchistinnen zu suchen. Und zwar nicht, weil wir so besessen von weiblicher Identität sind, sondern weil das wahrgenommene Geschlecht von entscheidender Bedeutung für die Rezeption einer Person und von Texten war und auch immer noch ist, wenn es auch vielen nicht bewusst ist. Männlich zu sein oder als solches wahrgenommen zu werden, verschaffte und verschafft jemandem Autorität. Diese (un-)bewussten Strukturen zu durchbrechen, gerade auch in der Rezeption von (alten) Texten, müssen wir uns zur Aufgabe machen.

Diese Perspektive erweitert das Thema der Broschüre, Anonymität und die Autorität von Namen, um interessante Aspekte. So nutzten und nutzen viele Frauen männliche Pseudonyme – spielten also mit falschen Identitäten – oder veröffentlichten ihre Texte anonym, um überhaupt Gehör zu bekommen. Der Punkt, dass ein Name unter einem Text einer Person Autorität verschafft, muss dahingehend erweitert werden, dass in vielen Fällen der männlich konnotierte Name Autorität verschafft (klar gibt es da immer Ausnahmen, wie die Beispiele von Emma Goldman oder Voltairine de Cleyre zeigen). Texte ausschließlich anonym zu veröffentlichen und Angriffe anonym durchzuführen befreit davon, dass andere den Text oder den Angriff unbewusst ablehnen oder ignorieren und übersehen, weil dieser von einem wahrgenommen weiblichen Namen stammt. Gleichzeitig wird aber das Namenlose, Anonyme häufig automatisch mit Männlichkeit assoziiert, der weibliche Beitrag damit nicht wahrgenommen und ignoriert (so wie Conrad Fröhlich, der einen Haufen anarchistischer Frauen kennen musste und trotzdem den Anarchisten als Mann definiert). Deshalb gibt es Menschen, denen es wichtig ist ihre Geschlechtsidentität bei einer illegalen Aktion preiszugeben, um mit dem unbewusst angenommenen Geschlecht zu brechen, um dieses Bild des männlichen Rebellen, das unbewusst die meisten in sich tragen, zu erschüttern. So liest mensch häufiger in Meldungen, die gar nicht mal lange Bekenner*innenschreiben sind, eine „FLINT-Gruppe“ (FLINT = Frauen, Lesben, Inter, Nonbinary und Trans Personen) habe dies und das getan. Auf der einen Seite wird so eine Identität, ein Geschlecht perpetuiert, dessen System mensch eigentlich im Ganzen zerstören will, und es wird mit dem Prinzip der Anonymität gebrochen. Andererseits wird damit der (unbewussten) patriarchalen Geschichtsschreibung und -wahrnehmung, die nur von Männern als handelnde Individuen ausgeht, bewusst entgegengesetzt, dass es eben keine Männer waren. Genau das war auch der Grund dafür, dass Fumiko ihre Rolle in der Verschwörung gegen den japanischen Kaiser 1926 so übertrieb. Um als handelndes Individuum wahr- und ernstgenommen zu werden. Individualität und Handlungsvermögen wird Menschen mehr oder weniger bewusst unterschiedlich stark zugestanden. Der Weg zu einem „Ich“ ist für viele weiblich sozialisierte Menschen ein anderer als für viele männlich sozialisierte Personen. „Sogar (ausländische!) Frauen haben in Hamburg während G20 randaliert“, titelten die Zeitungen nach G20 schockiert. Das überrascht die meisten zeitgenössischen Anarchist*innen – im Gegensatz zur bürgerlichen Presse – wahrscheinlich nicht. Doch dass das vor hundert Jahren ebenfalls der Fall war, das wiederum würde viele dann doch überraschen. Und das müssen wir ändern!

Why are there no women in the anarchist movement? [ironic]
Why are there no women in the anarchist movement? An ironic Comic about manarchism.

[Mexico City] Riots nach Vergewaltigung durch Bullenschweine

Am 12. August 2019 kam es in Mexico City zu Ausschreitungen als sich mehrere hundert Frauen die Straßen nahmen, um sich für eine Vergewaltigung durch 4 Bullenschweine wenige Tage zuvor zu rächen. Die Protestierenden griffen die Direktionsstelle für öffentliche Sicherheit an und hinterließen Botschaften wie „cops, pigs, rapists“ an der Fassade. Im Anschluss zogen sie weiter zum Büro des Generalstaatsanwalts, schlugen die Scheiben mit Steinen und Hämmern ein und hinterließen an der Fassade ebenfalls Botschaften wie „we do not need to be brave, we need to be free„. Schließlich färbten sie noch den Polizeichef von Mexico City mit pinker Farbe ein, während dieser eine Pressekonferenz gab.

Was ist Anarchafeminismus?

Der folgende Text wurde zuerst auf der Webseite des offenen anarchistischen Treffens kAoS veröffentlicht.

Anarchafeminismus ist Anarchismus.

Anarchafeminismus steht jeder Form der Herrschaft feindlich gegenüber.

Anarchafeminismus richtet seinen Augenmerk auf die Formen der Herrschaft, die auf der Konstruktion einer Zweigeschlechtlichkeit und eine Normativierung von Sexualität basieren.

Anarchafeminismus beschäftigt sich mit Herrschaftsbeziehungen innerhalb unserer zwischenmenschlichen Beziehungen – seien es die Ehe, Heteronormativität, Toxische Männlichkeit oder die Herrschaft der Bezugspersonen über die sich unter ihrer Obhut befindenden Kinder.

Anarchafeminismus analysiert Geschlechterrollen und -bilder und wie diese sich herrschaftlich im zwischenmenschlichen Umgang auswirken.

Anarchafeminismus steht in Feindschaft gegenüber jeglichen Versuchen der Kontrolle und Herrschaft über den eigenen Körper.

Anarchafeminismus kämpft weder für das Verbot von irgendetwas noch für die Abschaffung dieses oder jenes Gesetzes.

Anarchafeminismus betrachtet die Justiz und den Staat an sich als patriarchal und damit als Feind – und nicht als Partner*innen im Kampf für mehr Gleichberechtigung.

Anarchafeminismus will keine Menschenrechte – Anarchafeminismus will den Begriff von „Recht“ zerstören.

Anarchafeminismus will weder die Herrschaft von Männern über Frauen noch die von Frauen über Männern noch von irgendwem anders über irgendwen – Anarchafeminismus will keine Herrschaft von Menschen über Menschen.

Anarchafeminismus braucht keine Allies – sondern Kompliz*innen im Kampf gegen jede Herrschaft.

Anarchafeminismus hält nichts von Politik, denn Politik ist das Entscheiden über die Köpfe anderer hinweg, ist symbolisches statt direktes Handeln.

Anarchafeminismus ist egoistisch – denn im Anarchafeminismus handeln nur Individuen.

Im Anarchafeminismus wird niemand geopfert und opfert sich niemand – weder für eine „Idee“ noch für jemand anderes.

Anarchafeminismus lehnt es ab „Diskriminierungen“ zu bekämpfen. Denn „Diskriminierungen“ lassen das Prinzip von Herrschaft intakt.

Anarchafeminismus kämpft nicht um die Befreiung einer bestimmten Gruppe – sondern für die Befreiung aller Menschen von jeglicher Form von Herrschaft.

Anarchafeminismus ist feindlich gegenüber jeder Form normativen Denkens – denn jede Norm ist Herrschaft.

Anarchafeminismus ist verdammt wütend und er rächt sich – auch in Form gewaltvollen Widerstands.

Anarchafeminismus will nichts reformieren. Er will zerstören. Und in den Trümmern der alten Welt ein herrschaftsfreies Miteinander finden.

Wahrnehmungsstörungen

In gewaltvollen Situationen ausgehend von Männern ist so schmerzhaft wie selten spürbar wie unterschiedlich mensch aufgrund der Zuweisung eines bestimmtes Geschlechts behandelt wird. In Konfrontation mit Bullen wird das immer wieder deutlich. Wird mensch ein männliches Geschlecht zugewiesen, so wird brutal gegen eine*n vorgegangen, mensch als gefährlich und zu allem fähig eingeschätzt. Wird mensch das weibliche Geschlecht zugewiesen, kommt es deutlich häufiger vor übersehen, ausgelacht, nicht ernst genommen, als „hysterisch“ bezeichnet oder sexistisch beleidigt zu werden, auch wenn mensch exakt dasselbe Verhalten an den Tag legt wie die Person neben einer*m, der das männliche Geschlecht zugewiesen wird. Egal ob Nazis, Bullen oder irgendwelche anderen Macker, nüchtern oder besoffen, die Gewalt, die mensch mit zugewiesenem weiblichen Geschlecht erfährt, ist eine andere als die, die Menschen erfahren, denen ein männliches Geschlecht zugewiesen wird. So ist es als Person, die weiblich gelesen wird – zumindest in meinen eigenen Erfahrungen – deutlich seltener, dass mensch auf die Fresse kriegt: keine Faustschläge, keine Fußtritte. Dafür sexistische Beleidigungen, sexualisierte Übergriffe und eine vollkommene Nichtbeachtung. Diese Verhaltensweisen haben alle eins gemeinsam: mensch wird als Objekt wahrgenommen, nicht als Subjekt. Wie eine wertvolle Vase, um die sich die Tüpen um einen herum streiten, die die einen verbotenerweise anfassen, während die „eigentlichern Eigentümer“ zum Schutz ihres wertvollen Guts einspringen. Mensch wird als etwas angesehen, von dem keine Gefahr ausgeht (außer von den vermeintlich „männlichen“ Begleitern) und das sich nicht selbst wehren kann, sondern beschützt werden muss (aus Sicht derjenigen, die Sympathie für die vermeintlich weibliche Person verspüren).

Beispiel gefällig? Ein Tüp fasst mir im Vorübergehen in die Haare und streichelt mir über den Kopf. Als ich dazu ansetze ihn dafür anzupöbeln, springt mein Begleiter neben mir auf, überbrüllt mich und schreit: „Fass die Frau nicht an! Lass die Frau in Ruhe!“ Daraufhin kriegt mein Begleiter auf die Fresse. Die beiden stehen sich wütend gegenüber. Ich spiele überhaupt keine Rolle. Beim Versuch nach vorne zu kommen, um den Tüpen selbst anzupöbeln, werde ich nach hinten geschoben, nicht nach vorne gelassen. Erst durch den Einsatz von Gewalt schaffe ich es mich nach vorne zu kämpfen, um den Tüpen selbst anzuschreien. In diesem Moment nimmt er mich zum ersten Mal wahr. Und kann es nicht fassen, dass ein „Weib“ (Zitat) sich hier gerade so aufführt. Auf die Fresse kriege ich im Gegensatz zu meinem Begleiter nicht. Dafür sexistische Kommentare. Bei meinem Begleiter hat den anderen die Reaktion nicht überrascht, dafür war er aber auch zackig in der Reaktion. Hahnenkampf, was sonst. Dabei will ich meinem Begleiter gegenüber nicht unfair sein. Im Gegensatz zu dem anderen super klassisch sexistischen Mackerarsch war er der Meinung, dass er genauso reagiert hätte, wenn ich ein Tüp gewesen wäre. Und das ist ihm auch wichtig. Bei genauerem Hinsehen mussten wir hinterher aber feststellen, dass dem nicht so gewesen wäre. Hat schon mal irgendwer gesagt: „Lass den Mann in Ruhe! Fass den Mann nicht an!“? Hätte er mich überbrüllt, sich schützend vor mich geschoben, mich nicht vorbeigelassen? Jedes Mal, wenn das passiert, und ich komme oft genug in diese Situationen, fühlt es sich richtig scheiße an. Denn ein solches Verhalten scheint die allgemeine Meinung zu bestätigen, dass Frauen nicht gefährlich sind und sich nicht selbst verteidigen können. Mensch sie also wie ein Objekt behandeln kann. Jedes Mal, wenn die Bullen jemanden neben mir niedertackeln und mich einfach als „hysterisch“ auslachen und ich dann nichts mache, weil sie mich dann doch in den Knast stecken würden, habe ich den Eindruck sie in ihrem Bild zu bestätigen. Dass der Tüp, wäre er an meiner Stelle, auch nichts gemacht hätte, ist dabei vollkommen nebensächlich. Jedes Mal, wenn ich nichts tue, bestätige ich den Bullen, dass ich keine Gefahr für sie bin. Und jedes Mal, wenn ich etwas tue, glauben sie, dass es Tüpen waren. „Jetzt mal ganz ruhig, Jungs“, wie oft habe ich diesen Satz schon gehört und das, obwohl die Hälfte der Personen in der Gruppe FLINT-Personen waren. „Lasst uns das von Mann zu Mann klären“, verkündete mal ein Nazi einer Gruppe Antifas, die ähnlich durchmischt war.

90 % der für Gewalttaten verurteilten Täter in Deutschland sind Männer. Schon eine unverhältnismäßig hohe Zahl, oder? Auch wenn Personen, die von der Statistik als „weiblich“ geführt werden, vermutlich aus Gründen der Sozialisation tatsächlich seltener Gewalttaten verüben als Personen, die als „männlich“ erfasst sind, scheint mir das doch absolut überproportional. Self fulfilling prophecy: Ich ziehe meiner Meinung nach weibliche Personen als Täterinnen nicht in Betracht, also verurteile ich nur Männer. Noch dazu erzähle ich allen weiblichen Personen, dass sie nie Gewalt ausüben. Deshalb glauben sie auch, dass sie dazu nicht in der Lage sind. Dass sie nicht gefährlich sind, dass sie keine Gewalt ausüben können. Also verhalten sich cis weiblich sozialisierte Personen auch passiv und verängstigt in Gewaltsituationen und üben weniger Gewalt aus. Umgekehrtes gilt dann natürlich für cis männlich sozialisierte Personen. Und diejenigen weiblichen Personen, die trotzdem Gewalt ausüben, werden nicht als solche erkannt, werden nicht wahrgenommen.

Wenn ich übrigens hier davon spreche Gewalt auszuüben, meine ich das auf eine neutrale Art und Weise, es kann sich also ebenso um übergriffige, Herrschaft ausübende Gewalt handeln, wie um Gewalt, um gegen Herrschaft anzukämpfen, Gewalt, um sich zu verteidigen, Gewalt, um die Gewalt durch andere abzuwehren.

Geil, könnte mensch meinen, als vermeintlich weibliche Person ist es vermutlich weniger wahrscheinlich im Knast zu landen oder sonst für das Ausüben von Gewalt bestraft zu werden, denn mensch gerät deutlich seltener in Verdacht. Würde mensch meinen, und ich bin auch absolut dafür, diesen „blind spot“ gegenüber Bullen, Justiz und Co. mehr auszunutzen! Jedoch ist es ein absolut beschissenes Gefühl nicht (als Subjekt) wahrgenommen zu werden, nicht ernst genommen zu werden. Es tut weh und es macht mich richtig wütend. Es ist eine andere Form der Gewalt, eine fatalere. Wenn ich einen Faustschlag ins Gesicht bekomme oder einen Tritt, dann werde ich (meistens) in konfrontativen Gewaltsituationen als ernstzunehmender Gegner wahrgenommen und behandelt. Ich bekomme auf eine seltsame Art und Weise Anerkennung. Wenn ich stattdessen ausgelacht werde, dann wird mir diese Anerkennung verweigert. Ich werde nicht ernst genommen. Ich werde als etwas betrachtet, mit dem mensch seine Spielchen spielen kann. Anfassen, wann mensch will (mensch muss nur aufpassen, dass der männliche Eigentümer gerade nicht hinschaut oder bestenfalls nicht da ist), darüber lachen, wie mensch will. In jedem Moment wird dir klar gemacht, dass mit keiner Gegenwehr gerechnet wird oder wenn welche kommt, dass sie lächerlich ist und nicht ernst genommen zu werden braucht. Es ist ein Gebahren in einem Herrschafts- und Machtgefälle, in dem ich nicht als handelnde Person betrachtet werde, sondern als lustiges, süßes Dekostück. Und sollte ich mich nicht an meine Rolle halten, dann habe ich mit sexualisierter Gewalt zu rechnen, verbal und physisch. Irgendwann kriege auch ich vielleicht auf die Fresse, aber erst wenn ich durch mein Verhalten bewiesen habe, dass ich keine „richtige Frau“ bin, sondern eine „Emanze“, eine „Lesbe“ oder ein „Mannsweib“.

Aber zurück zu diesem Ohnmachtsgefühl, das eine*n überkommt, jedes Mal, wenn mensch so übergangen und ignoriert wird. In diesem Moment vollzieht sich die Erfüllung des gesellschaftlichen Diskurses, dass Frauen gefährdet und nicht wehrhaft sind, dass sie permanente Opfer sind. Ein solcher Opferdiskurs nimmt mensch die Handlungsfähigkeit und die Subjektivität, denn mensch ist nur hilflos dem ausgeliefert, was über eine*n hereinbricht. Ein solcher Opferdiskurs führt zu einem permanenten Gefühl der Bedrohung und Machtlosigkeit, das jedes Mal bestärkt wird, wenn einer*m kein Raum gegeben wird, sich als Subjekt gegen eine Bedrohung oder eine Gewaltsituation zur Wehr zu setzen. Wenn mensch klar gemacht wird, dass die Aggressoren von einer*m keine Gefahr erwarten. Deshalb ist es mir auch so wichtig, zu meinem eigenen Empowerment ebenso wie um einen gesellschaftlichen Diskurs zu durchbrechen, mich selbst zur Wehr zu setzen, selbst aggressiv zu werden, selbst zu handeln und den oder die Aggressoren zu zwingen mich wahrzunehmen und mich ernst zu nehmen. Ich bin eine Gefahr! Ich kann mich wehren und ich werde mich wehren! Ich bin kein hilfloses Objekt patriarchaler Gewalt! Ich bin Widerstandskämpferin im Krieg gegen das Patriarchat! Selbst wenn mir Gewalt zugefügt wird, bestärkt mich das nur in meinem Kampf gegen das Bestehende. Und alle diejenigen, die mit mir diesen Kampf kämpfen wollen, egal ob ihnen eine weibliche oder eine männliche Geschlechterrolle zugewiesen wird, möchte ich an meiner Seite sehen. Ich möchte, dass wir gemeinsam kämpfen und nicht, dass sich irgendwer vor mich stellt. Ich möchte Kompliz*innen, keine Beschützer*innen. Ich bin kein Opfer, ich bin Täterin! FLINT-Personen sind gefährlich!

[Berlin] ASW Bürogebäude von FLINT-Aktionsgruppe angegriffen

In der Nacht vom 16. zum 17. Juli wurde das Bürogebäude der Aachener Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft (ASW) in Berlin-Wedding von einer FLINT-Aktionsgruppe erneut angegriffen. Die ASW hatte ein nach 8 Jahren Leerstand besetztes Haus in der Großbeerenstraße 17a räumen lassen. Damit protestierten die Angreifer*innen dagegen, dass insbesondere auch Freiräume vom sexistischen Normalzustand bedroht seien, wie das anarcha-queerfeministische Hausprojekt Liebig34, das von Räumung bedroht ist. Die Angreifer*innen sehen „keine andere Lösung, als den militanten, feministischen Widerstand.“

Interview mit den Organisator*innen der Proteste gegen den 1000-Kreuze-Marsch in Salzburg

Am 25. Juli findet in Salzburg ein „1000-Kreuze-Marsch“ statt. Was ist das? Und wer steckt da dahinter?

InitiatorInnen (hier verwenden wir bewusst das Binnen-I) sind vor allem „Human Life International“, „Euro Pro Life“ und die „Lebenszentren“ München und Salzburg. Also christiliche FundamentalistInnen bzw. AbtreibungsgenerInnen verschiedener Couleur.

Der Gebtszug, den sie „1000-Kreuze-Marsch“ nennen ist ein ein Treffen christlicher AntifeministInnen aus Österreich, Bayern und Südtirol. Weiße Holzkreuze tragend trotten sie durch Salzburg mit dem Zweck, Propaganda gegen reproduktive Selbstbestimmung und Emazipation zu verbreiten.

Ihr organisiert dagegen Proteste. Wie werden die aussehen? Und wie kann mensch sich beteiligen?

Los gehts um 11:30 am Hauptbahnhof mit der Pro Choice Demo als Gegenveranstaltung. Die Demo wird entlang belebter Routen durch die Stadt ziehen, dabei werden wir laut sein für reproduktive Selbstbestimmung. Voll toll wären auch Grußworte oder sogar Redebeiträge, die wir verlesen können (schickt diese am besten an unsere Mailadresse) Mindestens die erste Reihe wird aus FLINT*-Personen bestehen, je nach Anzahl auch ein ganzer Block. Die Demo endet in der Nähe des Ortes, an dem die Fundis sich ca. eine Stunde später versammeln werden, um ihren Trauermarsch zu beginnen (am Mozartplatz). Danach werden wir versuchen, den Marsch zu blockieren – die genauen Blockadepunkte werden sich spontan ergeben, da noch nicht klar ist, welche Route die Fundis gehen werden. Bildet Banden (oder wütende Mobs), haltet die Augen offen und ergreift zusammen mit uns jede sich bietende Gelegenheit, um sich ihnen in den Weg zu stellen!

In Deutschland ist ein Schwangerschaftsabbruch unter bestimmten Umständen straffrei für die*den durchführenden Ärzt*in und die schwangere Person. In allen anderen Fällen machen sich schwangere Person und Ärzt*in strafbar. Radikale Abtreibungsgegener*innen kämpfen dagegen für eine uneingeschränkte Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Wie ist die Situation in Österreich?

Die Situation ähnelt der in Deutschland. Auch in Österreich gibt es bestimmte Umstände (Indikationen), die erfüllt sein müssen, um sich damit nicht strafbar zu machen. Die Schwangerschaft darf nur in den ersten drei Monaten abgebrochen werden, und auch dann nur, wenn vorher eine Beratung stattgefunden hat. Eine Wartezeit nach der Beratung wie in Schland gibt es noch nicht – allerdings versucht die Kampagne „#Fairändern“ diese einzuführen.

Ein (Neben-)Argument radikaler Abtreibungsgegner*innen ist, dass aufgrund von Pränataldiagnostik diagnostizierte Erkrankungen, die schließlich zur Entscheidung führen, eine Abtreibung vorzunehmen, eine problematische genetische Selektion sind. Wie steht ihr zu dem Thema?

Es ist kein Zufall, dass die ultra-religiöse Rechte ihren Hebel zur vollständigen Kriminalisierung an diesem Punkt ansetzt. Zum Tragen kommt die embryopathische Indikation meist nicht aus Be_hindertenfeindlichkeit der schwangeren Person, sondern wegen der sozialen Auswirkungen auf die Person, die das Kind bekommt.

Wir finden es perfide, dass „#Fairändern“ Menschen mit Beeinträchtigungen für ihre reaktionären Zwecke instrumentalisieren. Diskriminierung und Abwertung von Menschen mit Beeinträchtigung ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Das Ziel von „#Fairendern“ und ähnlichen Gruppierungen ist es eben nicht, dieses Problem anzugehen, sondern unter diesem Deckmantel Schwangere zum Austragen jeder Schwangerschaft zu zwingen.

Sie sprechen Frauen (für sie werden nur Frauen schwanger) die Kompetenz ab, selbstständig Entscheidungen treffen zu können. Dazu kommen die Stigmatisierung von Be_hinderten, fehlende soziale Sicherung, die unzureichende Infrastruktur – Probleme, zu denen die Initiator_innen der Kampagne direkt beitragen, in dem sie als Politiker_innen vor allem der ÖVP Gesetzesänderungen ermöglicht haben, die eben diesen Leuten auch noch Gelder streicht.

Zudem ignorieren sie seit Jahrzehnten die Forderungen der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung (Be_hindertenbewegung) und blockieren diese aktiv.

Hervorzuheben ist außerdem, dass auch Frauen und gebärfähige Menschen mit Be_einträchtigungen ungewollt schwanger werden. Auch für diese Gruppen wäre es fatal, die Zugänglichkeit zu Abbrüchen weiter einzuschränken – die bestehende Gesetzeslage schafft schon jetzt teils unüberwindbare Barrieren (zum Beispiel die Fristenregelung in Kombination mit weiten Anreisewegen zu Kliniken, die Abbrüche vornehmen, um nur die offensichtlichste zu nennen).

Fazit: Die Thematik sprängt wahrscheinlich den Rahmen dieser Zeitung, eine feministische Debatte dazu, gemeinsam mit Betroffenen („nichts über
uns ohne uns!“), ist dringend nötig und leider lange überfällig.

Schwangerschaftsabbrüche zu reglementieren folgt einem machtpolitischen Anspruch, der dem patriarchalen Staat Kontrolle über potenziell gebärfähige Körper zusichert. Welche Perspektiven seht ihr umgekehrt, durch den Kampf gegen die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen auch den staatlichen Einfluss allgemein zurückzudrängen? Oder geht es euch bei diesem Thema ausschließlich um Schadensbegrenzung?

Natürlich geht es uns auch um Schadensbegrenzung. Es würde unglaublich viel Schaden angerichtet, wenn die von Kirche und Staat vertretene Auffassung, Frauen und Schwangere wären nicht entscheidungkompetent, noch weiter als bisher Lebensrealitäten bestimmen würde.

Darüber hinaus geht es uns allerdings um mehr als das, nämlich um nicht weniger als ein gutes Leben für alle Menschen. Ein gutes Leben für alle braucht sowohl einen anonymen, barrierefreien Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen, als auch eine tatsächliche Gleichstellung von Menschen mit Be_hinderung. Dazu sind konkret unter anderem fortschrittliche Sexualaufklärung, (barriere)freier Zugang zu Verhütung und allem voran die Aufhebung der patriarchalen Arbeitsteilung nötig. Die heterosexuelle Kleinfamilie dient im Inneren als Keimzelle des Staates, die Sicherung der Macht des Staates über alle Bürger_innen funktioniert somit über die Macht von Männern über Frauen (in der immer noch hegemonialen binären Logik gedacht). Wir verstehen reproduktive Selbstbestimmung nicht als isolierten Kampf, sondern als Querschnittmaterie, die im Kampf um eine befreite Gesellschaft eine zentrale Rolle einnimmt.

Einer der Organisatoren des 1000-Kreuze-Marschs in Salzburg, Wolfgang Hering, wohnt in München. Auch der Verein EuroProLife ist in München ansässig. Sehr ihr da Möglichkeiten, den 1000-Kreuze-Marsch in Salzburg von München aus zu sabotieren?

Zugfahrt begleiten (die Münchner Fundis haben ja davor in MUC ne „Gebetsprozession“ zu ner Klinik, die Abbrüche durchführt, mit Ende gegen 11:45 Uhr, danach werdens wohl mit dem Bayernticket anreisen – seid kreativ!), sabotieren wo geht. Die Fundis während der Fahrt mit Pro-Choice-Songs oder Stöhnen oder was auch immer euch einfällt ein bisschen aus der Fassung bringen …

Am Abend, nach dem Marsch, reisen sie wieder gemeinsam nach München, da gilt dann wohl das gleiche. Hoffentlich werden sie bei der Rückkehr ein bisschen erschrocken über den Zustand ihrer Autos sein …

Einen Zugtreffpunkt von München zum 1000-Kreuze-Marsch in Salzburg gibt es nach derzeitigem Kenntnisstand der Redaktion leider nicht. Die Antisexistische Aktion München hat jedoch eine Empfehlung dafür ausgesprochen, den Zug um 8:56 Uhr ab Gleis 10 vom Hauptbahnhof München aus zu nehmen. Vielleicht finden sich Anreisende dort ja spontan zusammen.

Das Private ist antipolitisch

Die Produktion neuer Menschen ist – entgegen der Annahme, dass eigentlich nur sehr wenige Menschen da irgendwie dran beteiligt sind – unzähligen Kontrollinstanzen unterworfen und ein stark umkämpftes Feld. Dabei geht es insbesondere darum, wer wann wie viele Nachkommen welcher Konstitution zeugen soll und darf und wer nicht.

Wenn wir das Ziel des Staates im Hinblick auf das Zeugen von Menschen betrachten, stellen wir fest, dass es ihm besonders darum geht, der ableistischen Norm entsprechende, produktive deutsche Staatsbürger*innen nachgezüchtet zu bekommen, die er mithilfe des Schulsystems so indoktriniert bekommt, dass diese die Aufgaben erfüllen, die zum Erhalt des Staates lebensnotwendig sind. Während also versucht wird, Menschen „mit mittlerem und gesichertem Einkommen in stabilen Verhältnissen“ zum Kinderkriegen zu bewegen – mithilfe von Kindergeld und Herdprämie u.ä. –, sollen möglichst alle anderen davon abgehalten werden. Während also Schwangerschaftsabbrüche bis heute grundsätzlich unter Strafe stehen, sind bis heute Zwangssterilisationen bei Menschen mit geistiger Be_hinderung gang und gäbe und auch Ärzt*innen raten gerne und – dank besserer pränataler Diagnostik –immer häufiger dazu, Föten mit Be_hinderung abzutreiben. In der DDR wurden schwangere „Vertragsarbeiter*innen“ sogar vor die Wahl gestellt, entweder abzutreiben oder das Land zu verlassen. Bis vor einigen Jahren mussten trans Personen sich sterilisieren lassen, bevor sie eine Personenstandsänderung durchführen lassen konnten. Viele Menschen berichten, wie Ärzt*innen, Berater*innen oder ihr Umfeld sie dazu drängen, eine Schwangerschaft abzubrechen, weil sie nicht dem Bild der „perfekten Eltern“ entsprechen. Auch Fundis scheint es doch nicht so sehr um die „Seele“ des einzelnen Fötus‘ zu gehen, wenn sie beklagen, dass „das europäische Volk“ ausstirbt. Ebenso äußert der deutsche Staat Bestürzung darüber, dass „die Deutschen“ zu wenige Kinder kriegen würden. Gute deutsche, weiße, nicht be_hinderte Kinder, die nicht so stark nachproduziert werden, wie es die post-nationalsozialistische deutsche Gesellschaft gemeinsam mit ihren fundamentalistischsten Christ*innen gerne hätte. Der Staat muss sich selbst erhalten und das kann er am besten, wenn er die Produktion des Nachwuchses organisiert. Übrigens bis weit über die Schwangerschaft hinaus, durch die Isolierung der Menschen mithilfe der Förderung der Struktur der heterosexuellen blutsverwandten Kleinfamilie und die Übernahme der Erziehung durch die Schule.

Unabhängig davon, wie sehr dem Staat Kleinfamilienstrukturen nützen, ist auch sonst gruselig, wie sehr dieses Familienbild als einziges Ideal immer noch vorherrscht. Ihr habt bestimmt auch schon gehört, dass Menschen, die ein Kind austragen, halt Pech haben und im Zweifel sich allein darum kümmern müssen, weil sie nun mal das Baby im Bauch hatten und damit eindeutig als Beteiligte*r im Zeugungsprozess identifizierbar seien, im Gegensatz zu der Person, die die Samenzelle beigesteuert hätte. Dabei sieht ein Baby wie ein anderes aus. Sobald jemensch das Baby aus sich herausgequetscht hat, ist es genauso wenig dieser Person zuordenbar wie dem*der Erzeuger*in. Trotzdem wird ein solcher „natürlicher Bund“ zwischen austragender Person und geborenem Kind erfunden, den die schwängernde Person einfach nicht haben soll. Das führt dazu, dass adoptierte und Pflegekinder immer unter dem Makel leiden, von ihrer Blutsverwandschaft und zwar insbesondere von „ihrer Mutter“ im Stich gelassen worden zu sein. Das führt auch dazu, dass die austragenden Personen „natürlicherweise“ die Verantwortung für ihre Brut haben, während alle anderen – und ich meine hier alle anderen, also nicht nur die schwängernde Person, sondern auch alle anderen im Umfeld der schwangeren Person – „nichts damit zu tun haben“. Das müsste nicht so sein, denn es stimmt einfach nicht, dass die beste Bezugsperson für einen jungen Menschen zwangsläufig die Person ist, die ihn aus sich rausgequetscht hat. Sie kann und darf natürlich, wenn sie das möchte. Aber wie so ein dämliches Sprichwort sagt: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.“ Und warum bitte muss dieses Dorf dieselben Gene teilen? Oder nur aus zwei Leuten, nämlich Mama und papa,bestehen?

Bereits in den 1930er Jahren haben die anarchistischen Mujeres Libres, die freien Frauen, eine Bewegung, die zu ihren Hoch-Zeiten über 30 0000 Mitglieder hatte, sich mit neuen Familienmodellen auseinandergesetzt. So haben sie das Kochen und Kinderbetreuen kollektiv organisiert, in Form von Gemeinschaftsküchen und Kindergärten, der anarchistische Syndikalistische Frauenbund in Deutschland bildete einige Jahre davor „Müttersiedlungen“, in denen sich alleinerziehende Frauen zusammenschlossen oder propagierten „Einküchenhäuser“, ebenfalls eine Form der kollektiven Organisation der Küche. Jedoch sollten wir diese Formen der Organisierung nicht verwechseln mit aktuellen Kinderbetreuungsstätten und Firmenkantinen. Im Neoliberalismus finden sich viele Vereinnahmungsversuche ursprünglich revolutionärer Ideen von Autonomie, gesellschaftlicher Organisierung und Befreiung. Vereinnahmt durch die kapitalistische Logik werden sie zu subtileren Ausbeutungsmechanismen, die nur schwerer zu bekämpfen sind. Ziel der Etablierung einer Ganztagskinderbetreuung ist hier die Urbarmachung von Arbeitskraft, nicht die Umsetzung eines herrschaftsfreien Familienmodells.

Doch warum brauchen wir ein herrschaftsfreies Familienmodell? Ein radikaler Feminismus, der das Patriarchat infrage stellt, wird zu dem Schluss kommen, dass nicht nur die Herrschaft von vätern irgendwie kacke ist, sondern dass eigentlich alle Herrschaft ausübenden Institutionen abzulehnen sind. Denn wer anfängt die Autorität des eigenenvaters infragezustellen, wird auch bald dazu kommengottvater und natürlich den höchsten aller väter, Vater Staat zu hinterfragen. Wer einmal damit anfängt, kommt da nicht mehr hinaus, sodass auf einmal klar wird, dass nur ein herrschaftsfreies Miteinander ein feministisches ist, denn alle Machtinstitutionen sind Gehilf*innen des Patriarchats.

Wie sieht ein herrschaftsfreies Familienmodell denn dann so aus? Ganz unterschiedlich, je nach Bedürfnissen der an der Familie beteiligten Personen. Klar ist aber: Wer mit wem welche Gene teilt, ist vollkommen unwichtig, keine Person ist „natürlicherweise“ für irgendwelche Aufgaben zuständig, auch wieviele Personen sich wie sehr für die jungen Menschen verantwortlich fühlen, kann ganz unterschiedlich sein. Zusätzlich können kollektive und solidarische Lösungen aus spontanen freiwilligen Zusammenkünften heraus aufgebaut werden, die Arbeiten wie Kochen, Putzen und junge Menschen Versorgen, neu verteilen und stemmen. Diese dürfen allerdings weder aus der kapitalistischen noch der staatlichen oder patriarchalen Logik heraus entstehen, sondern ausschließlich aus dem Geist einer Abschaffung jeglicher Herrschaft heraus. Und natürlich muss der Umgang mit den aufwachsenden Menschen ein anderer werden. Anstatt dass junge Menschen erzogen werden, sie also zur Anpassung an von außen festgelegte Ideale und zum Lernen bestimmter Inhalte gezwungen werden, werden sie beim Aufwachsen und beim freiwilligen Lernen begleitet und unterstützt.

Jedoch wird es so lange nicht möglich sein, ernsthafte herrschaftsfreie Umgangsformen mit neu auf diese Welt gekommenen Menschen zu finden, wie es Politik und in diesem Fall insbesondere „Bevölkerungspolitik“ gibt. Wenn also die Produktion neuer Menschen und der Umgang mit ihnen irgendeinem Ziel unterworfen ist, wie dem ein „gesundes Volk an guten Staatsbürger*innen“ zu erhalten, oder auch eine neue Generation Christ*innen oder Proletarier*innen, oder die Generation zu zeugen, die die Erde vor der Zerstörung bewahren wird, dann wird es immer zur Unterdrückung von Menschen und zur Kontrolle menschlicher Reproduktion kommen. Da das Ziel eines jeden Staates ist, seine Bürger*innen zu beherrschen und damit auch Ziel eines jeden Staates ist, die Reproduktion seiner Bürger*innen zu kontrollieren, kann also nur die Zerschlagung des Staates die Lösung sein, um ein wahrhaft herrschaftsfreies Miteinander zu finden, das den Umgang mit Schwangerschaft und dem eigenen Körper nur denjenigen überlässt, die unmittelbar davon betroffen sind. Dabei kann eine solche Zerschlagung nicht über das Mitspielen nach den Regeln des Staates erfolgen, nicht übers „Politik-Machen“. Denn „Politik-machen“ ist immer eine Form von Herrschaftsausübung über die Köpfe betroffener Menschen hinweg, ist immer das Akzeptieren der Spielregeln, die erst die Strukturen hervorbringen, die es möglich machen, Menschen derart auch in ihren reproduktiven Freiheiten zu unterdrücken. In diesem Sinne möchte ich dazu aufrufen, das „Politik-machen“ endlich sein zu lassen und die unterdrückenden Strukturen dieser Gesellschaft radikal und kompromisslos zu bekämpfen, und ein herrschaftsfreies Miteinander im Hier und Jetzt zu beginnen. Es lebe die Anarchie!

[Berlin] Antifeministisches Gebäude markiert

In der Nacht vom 5. auf 6. Mai hat ein feministischer Zusammenhang die Fassade des Hauses in der Zionskirchstraße 3 unter anderem mit dem Spruch „Feminists resist“ verschönert. Damit wollen sie auf die dort ansässigen nationalistisch und antifeministisch geprägten Vereine und Einzelpersonen aufmerksam machen: den antifeministischen Verein „Zivile Koalition“ und die Initiative „Familien-Schutz“, das rechte Online-Magazine „Die freie Welt“ und das nationalistische „Institut für strategische Studien Berlin“. Vertreten werden alle Vereine durch Sven von Storch, den Mann der AfD-Politikerin Beatrix von Storch.