Tag Archives: Gentrifizierung

Punk im Haus der Kunst

Das Haus der Kunst in München versteht sich ja selbst als ein Ort, an dem zeitgenössischer Kunst ein Raum jenseits „geografischer, konzeptioneller und kultureller“ Grenzen geboten wird. Am Sonntag, den 28.04. fand dort eine Ausstellung der ganz besonderen Art statt: Eine Punkband nahm sich den Raum und performte dort drei ihrer Stücke. Dazu verteilten die Aktivist*innen Flyer, auf denen sie nicht nur die einseitige Förderung kultureller Prestigeprojekte zulasten kaum geförderter unkommerzieller Kunst und Kultur kritisierten, sondern auch die in München voranschreitende Gentrifizierung und ihre Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt kritisierten.

Während die Punk-Performance von rund 40 Personen verfolgt wurde, die schließlich begeistert – oder wenigstens brav – applaudierten, fand ein Teil des Personals diese nicht abgesprochene Performance wohl konzeptionell anstößig. Ein Sicherheitsdienst-Mitarbeiter wurde gar übergriffig gegenüber einem der Bandmitglieder. Auf diese Art und Weise wurde er unfreiwillig Teil der Performance und machte allen Anwesenden klar, wie Recht die Aktivist*innen mit ihrer Raumnahme hatten.

Die folgenden Flyer wurden von den Aktivist*innen im Rahmen ihrer Punk-Performance verteilt:


[Münster] Eingangsbereich von CM-Immobilien mit „ein paar verspäteten, grauen Ostereiern“ entglast

In der Nacht von Mittwoch, den 24. auf Donnerstag, den 25. April haben Menschen dem Luxusbauunternehmen CM-Immobilien, das für mehrere millionenschwere Gentrifizierungsprojekte in Münster verantwortlich ist, einen Besuch abgestattet und im Eingangsbereich einige „verspätete, graue Ostereier“ hinterlassen. Zusammen mit einem Haufen Scherben.

[Athen] Räumungen von Hausbesetzungen wird mit Gegenschlag beantwortet

In Reaktion auf die Räumungswelle diversester Hausbesetzungen im linksradikal geprägten Athener Stadtviertel Exarchia seit Februar 2019 kam es zu mehreren Akten des Widerstands: in den frühen Morgenstunden des Freitags, 19. April wurde das Kulturministerium angegriffen. Dieses ist Eigentümer*in des Gebäudes, in dem sich die migrantische Besetzung Clandestina befand. Weiterhin wurde am Montag, den 22. April, das „Gini“-Gebäude (wieder) besetzt. Die derzeitigen Räumungen sind wohl Teil einer derzeit stattfindenden Gentrifizierung in Exarchia und der verzweifelte Versuch des Staates, die Kontrolle über das Viertel wiederzuerlangen.

Schaufensterscheiben eines Bürogebäudes eingeworfen

Update: Bei dem Bürogebäude handelt es sich um ein Immobilienbüro von Finestep.

In der Nacht auf Mittwoch, den 24.04. warfen einige Personen die Schaufensterscheiben eines Immobilienbüros in der Humboldtstraße in Untergiesing mit Steinen und einem Kanaldeckel (!) ein.

Obwohl sie dabei von einer*einem Zeug*in beobachtet und bei den Bullenschweinen denunziiert wurden, konnten sie erfolgreich entkommen.

Eine Stimmung wie auf einer Beerdigung

Eigentlich wollte ich das nicht mehr tun: Auf eine Demonstration wie diese gehen; auf eine Demonstration, auf der sich Angehörige verschiedener politischer Parteien und anderen Organisationen des demokratischen Prozesses gemeinsam mit pseudo-radikalen Autoritärkommunist*innen selbst feiern. Aber ich tat es doch. Als stille*r Beobachter*in wohnte ich vergangenen Samstag der „#mietenwahnsinn“-Demonstration in München bei.

Deutschlandweit gab es an diesem Tag Proteste gegen Verdrängung und immer weiter steigende Mieten. In Berlin waren an diesem Tag rund 30.000 Menschen auf der Straße, es gab eine Demo und eine Hausbesetzung. Zuvor hatte es eine Aktionswoche zum Thema gegeben, mit zahlreichen Veranstaltungen und vielen direkten Aktionen. In München waren es eher überschaubar viele Menschen im mittleren bis oberen dreistelligen Bereich. Eigentlich halte ich wenig davon, die Qualität eines Protestes an der Teilnehmer*innenzahl zu bemessen, das widerspricht vielen meiner Vorstellungen, aber speziell dieser Protest macht es einer*m schwer, an etwas anderem bemessen zu werden. Und immerhin: Nicht ich bin es, die*der die Größe des Protests als Maßstab ins Spiel bringt, die Veranstalter*innen selbst betonten das immer wieder. Wiederholt schallte es aus den Lautsprechern: „Wir sind mehr!“

Hauptattraktion der Kundgebung in München war eine mit Kirchenglocken und Trauermarschmusik inszenierte Beerdigung. Eine als „Münchner Kindl“ verkleidete Person wurde von sechs Personen in Anzügen und mit gegelten Haaren zur Bühne getragen und dort aufgebahrt. Dort zündeten sich die Träger (zumindest dem Augenschein nach handelte es sich dabei ausschließlich um Männer, während das „Münchner Kindl“, die ohnehin schon objektifizierteste Person des Spektakels eine gelesene Frau war – sicher nur ein Fauxpass der Veranstalter*innen …) Zigarren an, ließen den Korken einer Sektflasche knallen und feierten den Tod des „Münchner Kindls“. Als sei diese Darbietung nicht schon skurril genug und als hätten die Verantwortlichen Zweifel daran, dass bei all den von ihnen zur Schau getragenen Klischees irgendein*e Zuschauer*in nicht verstanden hätte, dass es hier um eine (antisemitische) Personifizierung der Immobilienbranche ging, trugen die Sargträger weiße Schärpen, auf denen die Namen von Immobilienkonzernen standen.

Begleitet wurde dieses Spektakel schließlich von einer Grabrede, in der die dargestellten Konzerne den Tod des „Münchner Kindls“ feierten. In der Menge der Demonstrationsteilnehmer*innen versuchten einige – deutlich, wenngleich wohl eher unfreiwillig als „Animateur*innen“ erkennbare Personen, die Menge gegen die Personen auf der Bühne aufzustacheln. Das gelang ihnen teilweise. Zwar kommentierte die Menge die Aussagen des Redners brav mit Buh-Rufen, als dann aber ein – sichtlich unspotan gebildeter – Mob – oder sagen wir besser ein Möbchen – die Bühne stürmte und die dort befindlichen Personen von dort vertrieb, wollte sich dem kaum eine Person aus dem Publikum anschließen.

Warum berichte ich überhaupt von einer solchen Aktion? Ich habe den Eindruck, dass Wohnraumpolitik derzeit ein Thema ist, das in ganz Deutschland an Bedeutung gewinnt. Überall gehen Menschen gegen Verdrängung und steigende Mietpreise auf die Straße, teilweise werden gar Forderungen nach Enteignung laut – so auch in München. Jedenfalls scheint das Thema die Menschen zu beschäftigen – immerhin betrifft es sie ja auch. Doch die Kritik, die im Rahmen von Protesten wie dem oben beschriebenen zunehmend stärker zu etablieren scheint, halte ich für eine problematische. Einerseits werden Immobilienunternehmen oft verantwortlich gemacht, ohne dass Eigentumsverhältnisse und das Tauschprinzip – sprich kapitalistische Verhältnisse im allgemeinen – kritisiert werden. Ich möchte Immobilienunternehmen hier nicht in Schutz nehmen, im Gegenteil, ich glaube nur, dass eine Kritik an ihnen ohne eine Kritik der kapitalistischen Verhältnisse konservativ und reaktionär ist. Für ebenso konservativ halte ich ein anderes gängiges Argumentationsmuster, bei dem Verdrängung mit dem Argument begegnet wird, betroffene Personen würden schon seit Jahrzehnten dort wohnen. Bedeutet das in der Konsequenz nicht, dass Menschen, die weniger lange irgendwo wohnen oder gerade erst dort hinziehen dann weniger Recht haben, dort zu wohnen?

Ich würde mir wünschen, dass die gerade entstehende Bewegung rund um Verdrängung, steigende Mieten und Gentrifizierung sich kritischer mit verkürzten Formen der Kritik auseinandersetzen würde. Aber vielleicht muss dazu auch mehr interveniert werden.