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[Cayenne (Guyana)] Rektorat und Forstamt unter Feuer der Aufständischen

Serienbrandstiftungen in Cayenne, eine weitere Nacht städtischer Gewalttaten
Französisch-Guyana, 11. September 2021

Die Nacht ist in den Straßen des Stadtzentrums und im Bereich von Baduel erneut unruhig gewesen. Mehrere Personengruppen, überwiegend Jugendliche, haben Brände gelegt und Barrikaden errichtet um sich gegen Ordnungskräfte zur Wehr zu setzen.

Das Viertel wurde an fast allen seinen Abzweigungen mit den anliegenden Straßen angezündet und fand sich diese Nacht im Belagerungszustand wieder. Wie am Vortag wurde das städtische Mobiliar ebenfalls zur Zielscheibe. „Es ist mindestens drei Jahre her, dass ich hier sowas erlebt habe“, bezeugt Mariana, die seit fast zwanzig Jahren in diesem Viertel lebt.

Die zweite Nacht in Folge haben sich mehrere Jugendgruppen im Stadtzentrum von Cayenne und im Bereich von Banduel unter dem Zeichen erneuter Gewaltausbrüche verteilt. Zahlreiche Mülltonnen- und sonstige Brände wurden zwischen 00h30 und 3h30 in der Früh gelegt. Mehrere Teile von Banduel waren mehrere Stunden lang nicht passierbar. Wie auch immer das zusammenhängt, gab es auf dem Parkplatz des Rektorats [wahrscheinlich eine Art Bildungsministerium in Guyana] einen Großbrand. Fünf Fahrzeuge wurden dort abgefackelt, nachdem Personen sich mit Gewalt Zugang verschafften. Der Zaun ist stark beschädigt.

„Es gibt keine Forderungen, die mit der Brandstiftung an den Fahrzeugen gestellt wurden, wir können uns also nur überlegen, ob es mit den Forderungen bezüglich des Schulanfangs zu tun hat, aber wir müssen vorsichtig bleiben“, erklärt der Oberstaatsanwalt Samuel Finielz. die Kriminalpolizei wurde mit den Ermittlungen zu den Motiven hinsichtlich dieses bewussten Aktes beauftragt.

Einige Kilometer weiter sind die Büros des ONF [Forstamt], Route de Montabo, ebenfalls in dieser Nacht den Flammen zum Opfer gefallen. Auf den ersten Blick scheint der Brand im Inneren begonnen zu haben und hat das Dach eines der Gebäude des Forstamtes stark beschädigt.

Quelle: Sans Nom

… Unter einem sich verändernden Himmel

Wer kann der Tatsache aus dem Weg gehen – abgesehen von autoritären Massenmedien-Diskursen, die oft ebensoviel verschweigen wie sie preisgeben –, dass unsere Welt zunehmend undenkbarer wird? Lauernde Pandemien, ölgetränkte Meereslandschaften, die Ströme von Menschen, die vor einem Zusammenbruch sozialer und ökonomischer Konstellationen fliehen, der allgegenwärtige Rauch ethnischer Konflikte, Krieg, oder Enteignung, die Entfernung der dürftigen früheren Barrieren für die Ausbeutung. Instabilität scheint die eine, sichere Verheißung dessen zu sein, was kommen wird, für diejenigen von uns, denen vom globalen System ursprünglich alle Gewissheiten verkauft wurden. Zusätzlich zu der sich zuspitzenden Misere, die von unserer unterschiedlichen aber universellen Unterwerfung verursacht wurde und parallel zu dem Zusammenbruch der Biodiversität müssen wir uns mit dramatischen Klimaveränderungen herumschlagen, die vermutlich größere Ausmaße annehmen werden, als das in der Geschichte der Existenz der Erde je gesehen wurde.

Teile der Welt haben die Anzeichen ihrer Zukunft auf einem Planeten erblickt, der von den Verwüstungen des industriellen Systems überhitzt ist, auf die Regentropfen vor dem anstehenden Wolkenbruch, als der Mega-Sturm mit einem Auge von 300 Meilen Durchmesser (der gewaltigste, der seit Beginn der Aufzeichnungen das Land erreichte) durch mehr als fünfzig Städte in den Philippinen fegte und dabei tausende von Menschen tötete und Millionen vertrieb. Unmittelbar darauf marschierte ein Großaufgebot der Armee in das Katastrophengebiet ein, um die staatliche Präsenz wiederherzustellen, mit Hilfspaketen, die in Rathäusern gehortet wurden und die Soldaten verwöhnten und die nur in den Gebieten wirklich verteilt wurden, in denen sich die Weltpresse versammelte. Die kultivierte Abhängigkeit von der industriellen Gesellschaft wurde wie eh und je ausgeschlachtet, durch beinahe doppelt so hohe Preise für verkaufte Grundnahrungsmittel und Pharmazeutika, ebenso wie durch die lukrative Rückkehr der Energieversorgung.

Näher an unserer Heimat haben wir die klimatischen Ausbrüche von Winterstürmen in Britannien geschmeckt, die die schwersten nationalen Überschwemmungen in den 250 Jahren seit Beginn der Industrialisierung, wenn nicht noch länger, verursachten. Schottland machte während dem weitverbreiteten Chaos des frühen Dezembers einen beinahe vollständigen Shutdown von Schulen und Transportnetzen durch. Ein Passagierjet wurde vom Blitz getroffen. Die Medien vermittelten Bilder ganzer Straßen mit hüfthoch stehendem Wasser, während tausende auf der ganzen Insel aus ihren Heimen gezwungen wurden. Das Militär intervenierte, um mit einigen schwer betroffenen Gebieten fertig zu werden und einige kurzentschlossene Geschäftsleute machten ansehnliche Gewinne mit dem privaten Verkauf von Sandsäcken an das verängstigte Mittelengland. Bisher ungekannte Wellen brachen sich entlang der kornischen Küste, während in der gesamten Nation Hochwasserschutzanlagen, Klippenwände und in einem Fall eine Zuglinie erodierten oder an die See verloren gingen. Während das Wasser nun in überfluteten Dörfern, Stadtzentren und Feldern zurückgeht, werden nun sowohl Vieh als auch wilde Tiere auf allen Stufen des Nahrungszyklusses durch verteilte Pestizide und toxische Chemikalien vergiftet, die aus den Industrieanlagen des Landes ausgespült wurden.

Zeitgleich und in direkter Beziehung hält die schwere Dürre , die die westlichen Vereinigten Staaten ergriffen hat, das zweite Jahr an und verursacht einen Ausnahmezustand in Kalifornien mit verheerenden Auswirkungen auf die Ernte und die Wasservorräte. Zunehmende Instabilität des Polarwirbels und Jetstream-Wetterphänomene lassen diese Auswirkungen von historischem Ausmaß entstehen. Hier hat die Regierung das steigende Überflutungsrisiko als eine der größten möglichen Auswirkungen des Klimawandels im Vereinigten Königreich beschrieben (was sich mit unseren gelebten Erfahrungen der letzten paar Jahre deckt), aber die Wahrheit ist, dass das Klima zunehmend unbeständig ist und die „Expert*innen“ nur eine äußerst ungewisse Vorstellung davon haben, was zu erwarten ist. Extreme Temperaturen, die überall auf dem Planeten überboten werden (sowohl nach oben, als auch nach unten) verkünden den bevorstehenden ökologischen Zusammenbruch.

Es ist wohlbekannt, dass es vor allem die Bevölkerungen des globalen Südens sein werden, die als erste von vielen Auswirkungen der globalen Erwärmung betroffen sein werden und die es in einigen Regionen bereits hart trifft. Hochwasser und Erdrutsche sind in den Philippinen bereits vor dem spektakularisierten Trommelfeuer zur Normalität geworden und die sich verändernden Wettermuster forderten Berichten zufolge bereits 300.000 Leben jährlich in einer Nation, in der 60 % der Menschen nun in von Überflutungen betroffenen Regionen leben. Die Inselgruppe liegt an der Frontlinie von Katastrophen, die von Stürmen ausgelöst werden, darunter Ernteausfälle, Wasserknappheit und die Verbreitung von Krankheiten. Ironischerweise sind einmal mehr die Regionen, die bereits kolonisierte, dem Ressourcen-Extraktivismus „geopferte Zonen“ für beinahe alle kapitalistischen Kern-Volkswirtschaften sind, die ersten, die von den Konsequenzen des Hyper-Konsums letzterer getroffen werden. Aber selbst in Europa gibt es Beispiele, wie die Hafenstadt von Rotterdam, das ökonomische Herz der Niederlande, die stellenweise mehrere Fuß unterhalb des Meeresspiegels liegt und die von beständiger technologischer Intervention abhängig ist, wie sie und bedeutende Teile von Holland es seit Generationen gewesen sind, um eine Katastrophe zu vermeiden. Ein Systemausfall würde ihre Einwohner*innen überschwemmen. Überall auf der Welt sind viele der dichtbesiedeltsten und am schnellsten wachsenden Mega-Städte an den Küsten gelegen und dem unaufhaltsam steigenden Meeresspiegel ausgeliefert. Das New Orleans von gestern könnte das Bangkok, Lagos, Mumbai oder Melbourne von morgen werden.

Die Gefühllosigkeit der industriellen Entwicklung und der permanente Bedarf der Zivilisation sich auszudehnen, sät Tod und Elend von Millionen von Menschen. Eine unvorstellbare Bevölkerungsexpansion wurde (üblicherweise durch die Untergrabung der körperlichen Autonomie von Frauen) von der Weltwirtschaft der vergangen Jahrzehnte in Gang gesetzt, um den kapitalistisch-industriellen Koloss mit Arbeiter*innen zu füttern. Nun finden wir uns oft gefährlich festgesetzt auf grundsätzlich ungeeignetem Terrain wieder; Terrain, das den ökologischen Verteidigungsmechanismen gegen Katastrophen entblößt ist, entweder durch Waldrodungen, den Verlust der Moorlandschaften der Küste oder durch die Ausbreitung einer neuen, undurchdringlichen Betonhaut über der Erde oder durch landwirtschaftliche Zersetzung des Bodens. Wenn die rauen Wetterlagen die Massengesellschaft treffen, sind die Auswirkungen bereits verstärkt  [1].

Zu dieser Verwundbarkeit kommt die überwiegend schlampige Bauweise der meisten Städte durch Kosteneinsparungen und die Maximierung der Profite, wie sie der kapitalistischen Entwicklung eigen sind, sowie die umgebenden, leicht zu zerstörenden industriellen Überbleibsel [2]. Nach der Zunahme extremer Flächenbrände, Erdrutsche, Hurrikans, Erdbeben, Fluten, Blizzards und mehr in den letzten Jahren, sind die Trümmerhaufen nur eine weitere Einnahmequelle für die Bosse – eine anhaltende Katastrophe ist ein Weg, weiter zu profitieren, selbst nachdem die Produktion auf einem Waren-kolonisierten Globus an andere Grenzen gestoßen ist. Ähnlich der multinationalen Unternehmensgruppe, die anrückte, um das Blutbad im Irak zu kapitalisieren, nachdem die alliierten Bombardements viel der zivilen Infrastruktur dem Erdboden gleich gemacht hatten, bewerben sich Unternehmen um Verträge die beschädigten Gebiete vor der nächsten Welle wiederaufzubauen und es entstehen gänzlich neue Märkte in technologischen Feldern, die behaupten, die gewissen zukünftigen Turbulenzen lindern zu können. Die nächste Runde des Scheiterns der Technologie bietet, wie immer, die nächste Gelegenheit für neue Geschäfte, die dann im Gegenzug ein neues Problem für die zukünftige Generation mit sich bringen: Außer dass der Zyklus nun beinahe auf wöchentlicher Basis wiederkehrt. Der Staat nutzt die desaströse Beunruhigung um alle möglichen Arten von sozialer Kontrolle sowohl auf Mikro- als auch auf Makroebene einzuführen und die Herrschaft der (von ihnen bestimmten) Expert*innen zu erzwingen. Diese Institutionen behaupten die einzigen zu sein, die uns retten können, ungeachtet ihrer in die herrschende Bürokratie verwickelten Position, ihrer Teilnahme an dem gesamten Ensemble, das uns über die Klippe der totalen Auslöschung trägt.

In den kapitalistischen Metropolenstaaten ist die vorübergehende Verschnaufpause vorbei, die uns in der jüngsten Ära durch die Verlagerung der unverfroreneren Verwüstung von Land durch den intensiven Energieextraktivismus in den globalen Süden beschert wurde. Das „Fracking“ von Schiefergas ist nun bereit, die Hinterhöfe der europäischen Konsument*innen so richtig auszuplündern, um das Leben der petrochemischen Maschine über die Vorhersagen der „Peak Oil“-Theoretiker*innen hinaus zu verlängern. Die USA und Kanada bereiten sich sogar darauf vor, mit dem Export von Tankschiffen des verflüssigten Gases zu beginnen, so groß ist sein derzeitiger (wenn auch vergänglicher) Überfluss. Wirklich, anstatt sich zu bremsen, beschleunigt sich der Industrialismus in allen Ecken der Welt, in denen sich seine Tentakeln breit gemacht haben. Innerhalb der eingefleischten, kapitalistischen Wachstum-oder-Pleite-Logik kann es keinen anderen Weg geben; es gibt nichts, was die Expert*innen innerhalb dieses Rahmens tun könnten, wie die Jahrzehnte internationaler Klimagipfeltreffen in ihren Resultaten belegen – immer bloß heiße Luft.

Zugleich entfaltet sich der Pfad, dem wir folgen sollen, vor unseren Augen. Eine neue freiwillige Unterwerfung der Bürger*innenschaft unter die Maschine wird im Namen des vom System neu begründeten Pseudo-Umweltschutzes und mysteriösen Nachhaltigkeitsmanagements kultiviert. Individuelle Verschwendung von Recycling-Materialien und Energie durch die Konsument*innen soll gemeldet und bestraft werden (ohne die allgemeine Abhängigkeit von diesen Verbrauchsmaterialien zu hinterfragen oder gar die stinkenden Industrien, die sie erzeugen). Nuklearer Ausbau ist plötzlich die „ökologische Option“. Steigende Preise sind bloß der Dominoeffekt von Chinas und Indiens ökonomischem Wachstum … Wir können die Situation auflösen, wird gesagt – du wirst natürlich einige Opfer bringen müssen, aber die Welt wird weiter den gleichen Imperativen folgen, die dich mit einer solchen Vertrautheit einsperren. „Alles wie gehabt“ kann und muss weitergehen. Unterdessen zurück in der Realität: Bedeutende wissenschaftliche Studien, die durchgesickert sind, prognostizieren drastische Auswirkungen eines 2,5-Grad-Anstiegs der Temperaturen in den kommenden 80 Jahren, darunter Ernteeinbußen von 2% pro Jahrzehnt, während der Bedarf einer rapide wachsenden Weltbevölkerung um 14% je Dekade wächst. Und dieses Maß an Temperaturanstieg wird als eine konservative Schätzung betrachtet. Ernten, die hochsensibel auf Temperaturschwankungen reagieren, wie Weizen, Mais und die asiatische Reisernte, die beinahe die Hälfte der Weltbevölkerung ernähren, werden am schlechtesten wegkommen – und haben bereits Missernten in den großen Kornspeicher-Regionen der internationalen agro-industriellen Zonen erfahren. Landwirtschaft in den Tropen und Subtropen, an Orten wie den Philippinen, wird vermutlich am härtesten getroffen werden [3]. Zudem werden sich die zerstörerischen Auswirkungen, die bereits in der Fischerei in tropischen und subtropischen Regionen beobachtet werden können, noch verschärfen, wenn die Meerestemperaturen steigen und die majestätischen Korallenrifforganismen unwiederbringlich beschädigt sind. Es wird geschätzt, dass beinahe ein Drittel der Meeresoberfläche (das ist ein Viertel der gesamten Oberfläche des Planeten) mit dem schwimmenden Plastikmüll der industriellen Gesellschaft bedeckt ist.

Selbst Mainstream-Journalist*innen können nun offen über die Krise dieser Zivilisation sprechen, eingerahmt von den Aktienkursen und Fluglinien-Werbungen, in dem Versuch, ein Verwaltungsprogramm zu finden, das sie vor ihrem Todeskampf rettet. Natürlich gibt es noch die konservative Nachhut, die sich noch immer an die voll entfaltete Verleugnung klammert – wie der britische Umweltminister, der die klimatischen Veränderungen, die gerade in Gange sind, als „wirklich ziemlich harmlos“ beschreibt – aber sie werden zunehmend selbst vom Rest des Establishments als peinlich betrachtet. Stattdessen wird mehr Tinte, Blut und Schweiß vergossen, in dem Versuch eine Arbeitshypothese zu entwickeln, wie genug Energie beschafft werden könnte, um die chronische Abhängigkeit dieser Zivilisation von fossilen Brennstoffen zu überwinden, während die technologisch-industrielle Ordnung ansonsten intakt herauskommt. Ob das möglich sein wird oder nicht, bleibt abzuwarten; und ihnen läuft die Zeit davon. Alles was bisher versucht wurde, um die Katastrophe lange genug abzuwenden, um neue Energiequellen zu erschließen (Entsalzungsanlagen, um den schwindenden Wasserreservoirs entgegenzuwirken, Hydrokultur-Gewächshäuser für den Anbau von Getreide, der wegen abgetragenen Oberböden einbricht, Bergbau von Erzen mit niedrigerer Konzentration) braucht nur noch mehr Energie als im Moment und erscheint so unmöglich, wenn man eine wachsende Weltbevölkerung berücksichtigt, ebenso wie einen steigenden Pro-Kopf-Konsum. Die Versprechen des „Fortschritts“ und der „Entwicklung“ werden mit impliziten Drohungen damit, was passieren würde, wenn das Machtgefüge in sich zusammenbrechen würde, unterstrichen, indem sie uns an die vollständige Abhängigkeit erinnern, die sie tatsächlich erreicht haben. Paradoxerweise fährt die industrielle Zivilisation unterdessen beständig fort, uns in die Gaskammer marschieren zu lassen und die Tür hinter uns zuzuschlagen.

Man kann sagen, dass diejenigen, die sich für die Fortsetzung dieser Zivilisation einsetzen, ihre Katastrophe durch die vielgepriesenen, möglichen Fortschritte der genetischen Manipulation, der Nanotechnologie, des Geo-Engineering, der Robotik und der synthetischen Biologie abwenden mögen – „der Endlösung“, die die Erde und uns selbst bis zum höchstmöglichen Grad verstümmelt und verkünstlicht [4]. (Vielleicht gefällt ihnen diese Vorstellung besser als denjenigen Wesen, die in den Raffinerien, Slums oder dem letzten verbleibenden „Naturreservat“ eingeschlossen bleiben würden.) Aber natürlich sprechen wir nicht von der gleichen Katastrophe wie die Staatsplaner*innen, die grünen Unternehmer*innen und professionellen Umweltschützer*innen. Für uns reicht die Katastrophe weiter zurück als die globale Erwärmung oder der Industrialismus. Die Höhepunkte der Vergiftung, Massenvernichtungen und extremen Verletzlichkeit der Umwelt des modernen Lebens sind schlicht fortgeschrittene Symptome krankender sozialer Organisationen, die Jahrtausende zurückreichen. Diese sind dieselben sozialen Organisationen, die uns unseres Gleichgewichts in der Welt berauben, ebenso wie unserer individuellen Handlungsmacht und Selbstschöpfung außerhalb der Reproduktion der Zivilisation.

Vielleicht sind die gefährlichsten Katastrophen diejenigen, die schleichend vonstatten gehen, die, deren volle Konsequenzen nicht sofort sichtbar sind, sondern die Form einer beständigen und rastlosen Entwertung dessen annehmen, was es heißen könnte frei und wild zu leben. Wie die Trennung von dem Land, auf dem wir leben, die uns nun den Notstand vor allem durch Nachrichten begreifen lässt und bloß geringfügig durch das, was wir persönlich als Teil unserer alltäglichen Realität sehen, schmecken oder berühren, bis uns die Kraft verlässt und der Hahn versiegt. Vielleicht war die Krise immer schon da oder hat sich zumindest zusammengebraut in Gestalt von Verdinglichung, von Autorität, von einer langen Reihe an Krieg führenden und hortenden zivilisierten Kulturen, die die Vorstellung von sowohl realer Individualität als auch realen Wechselbeziehungen verachteten. Die Flugkurve kann von da an bloß noch bergab verlaufen, mit dem Verlust des Respekts und Staunens vor/über die Welt, die sich in den Ethos der Kontrolle und Herrschaft verwandeln, in dem jede Kreatur zu einem Zahnrad wird, das an den richtigen Ort gesetzt werden muss: Bürger*in, Sklav*in, Verwalter*in, Ressource, Schädling. Wir leben während der Periode des sechsten bekannten planetaren Massensterbens [5], das erste, das von einer einzigen Lebensweise verursacht wurde (es wäre inakkurat die Schuld dafür einer einzelnen Spezies zu geben), das aufgrund der schwerwiegenden Auswirkungen, die die industriellen Unternehmungen auf die Geologie der Erde haben, als das Anthropozän bekannt geworden ist. Doch bevor wir die Phase der häufigen und wissenschaftlich-unerklärlichen Populations-Einstürze von Spezies überall auf der Welt erreichen konnten, mussten wir die kulturelle Entscheidung treffen und anschließend systematisieren, dass selbst eine einzige Form des Lebens weniger wichtig sei, als der Profit und die Kontrolle, die ihr Untergang „uns“ einbringen würde. Bevor wir die Phase hilfloser Gefangenschaft innerhalb der industriellen Gesellschaft, die wir weder lenken noch begreifen, erreichen konnten, mussten wir erst durch die Auferlegung komplexer technologischer Systeme im Interesse früherer sozialer Ordnungen gehen, die diese Prozesse normalisiert haben, deren Folgen niemals vollständig absehbar oder verständlich waren und die nie zu enden scheinen. Bevor es so gänzlich normal geworden ist, so „entschuldbar“, routinemäßig bestimmte Körpertypen zum Ge- und Missbrauch zu objektifizieren, musste es erst eine Trennung und Verdinglichung durch ein Sex-Gender-System geben, um der Reproduktion bestimmter sozialer Konstellationen zu dienen. Bevor es überhaupt vorstellbar wurde, die meisten Tage deines Lebens als Arbeiter*in im Dienste von „Vorgesetzten“ zu verbringen, musste erst der Zustand geschaffen werden, in dem du weder das Wissen, den Raum, die Zeit oder die Gesellschaft hattest, deine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und diese Hierarchien überflüssig zu machen.

All diese Phänomene haben greifbare Geschichten und werden heute noch immer von realen Menschen durch reale Institutionen ausgeübt. Das Problem ist nicht himmlisch, ungreifbar, obwohl die Machtstrukturen, die von ihm hervorgebracht wurden in unseren Beziehungen so diffus geworden sind, dass wir die Probleme regelmäßig selbst reproduzieren (ob gewollt oder ungewollt). Der Modus unter dem wir arbeiten – Zivilisation – ist eine Todesfalle. Es ist nicht schwer, die Symptome auszumachen, von den großen Rüstungsmärkten und Roboterdrohnen, finanzieller Erpressung, Menschenhandel und Handel von nichtmenschlichen Tieren, computerisierten sozialen Welten, die Selbstmorde und Entfremdung verursachen, einer Massenvergewaltigungskultur und häuslicher Folter, einer schleichenden Kultur der Überwachung, Klimaflüchtlinge unter allen Spezies, pharmazeutischer (Selbst-) Lobotomisierung, bis hin zu sklavischer Zusammenarbeit mit dem imperialistischen Traum „allumfassender Herrschaft“. Die Klimakrise ist nur eine weitere ökologische Ergänzung (ebenso, wie sie auch Produkt von ihr ist) der sozialen, psychologischen, imaginären, existenziellen und allumfassenden Krise, die unsere Gattung bereits jeden Tag erlebt. Das kollektive Resultat ist ein Sozialsystem, das so psychotisch ist, dass es jedes Element, von dem es selbst abhängt (Erde, Wasser, Luft, Wälder, Metalle, fossile Brennstoffe), zusammen mit möglicherweise jedem komplexen Leben auf dem Planeten in Gefahr gebracht hat; und die Fähigkeit von jeder einzelnen seiner Geiseln, außerhalb von ihm unabhängig zu existieren oder Selbstverwirklichung außerhalb seines Paradigmas zu erreichen, zerstört hat. Unsere Sehnsüchte nach Freiheit werden hauptsächlich dadurch unter Kontrolle gehalten, dass unser Lebensunterhalt von der direkten Beziehung zu der Landbasis, die wir bevölkern, getrennt wird und dann all die Kontrollen und Manipulationen zur Anwendung gebracht werden, denen wir in Folge dieser Enteignung zum Opfer fallen. Mit jedem Tag, der verstreicht, wird die Krise mehr Menschen bewusst, doch jeden Tag verfeinern die Laboratorien, die Medien und die Einheiten der öffentlichen Ordnung ihre Methoden und die Chance einer Revolte schwindet zusammen mit den Anteilen des modernen Lebens dahin, die sich wert, gelebt zu werden, anfühlen. An der ideologischen Spitze dieses abscheulichen Verlaufs der Kultur steht die akademische Verehrung der Technologie, die darauf abzielt, die „ethische“ Grundlage dafür zu legen, die mörderische kommerzielle und wissenschaftliche Machtstruktur aufrecht zu erhalten; und es sind nicht nur die aufgedrehten Futurist*innen, die vielleicht offensichtlicher mit den Multis unter einer Decke stecken. Es sind auch Leute wie die selbstbezeichnende „Umweltschützerin“ Emma Marris – die nicht nur darauf besteht, dass Wildnis an sich ein nicht mehr bestehendes Konzept ist und dass wir uns mit einer Umwelt anfreunden sollten, die beinahe ausschließlich von der Technologie geformt wurde (wobei sie in die Rhetorik eines sogenannten Pragmatismus angesichts des Klimawandels verfällt, und obwohl sie zugibt, dass sie selbst so gut wie keine Zeit in tatsächlicher Wildnis verbracht hat), sondern auch, dass das eigentlich erstrebenswert sei.

Wenn du noch immer nicht der Meinung bist, dass dies einen Zustand des Krieges auf allen Ebenen darstellt, der Angreifer*innen umfasst, auf die wir nur mit unserer Gewalt reagieren können, dann haben wir einander vielleicht nichts zu sagen. Wenn du entschlossen bist, zu kämpfen, dann können wir zu den Fragen des Wie, Wo und Mit wem kommen.

Es gibt durchaus Missmut gegen das globale kapitalistische System. Von den vielen möglichen Auslösern von Revolten sind jüngst einige wiederholt aufgetreten. Obwohl alle miteinander verknüpft sind, wollen wir einen näheren Blick auf einen werfen. Innerhalb des industriellen Ernährungssystems sind die Preise für Lebensmittel eng mit den Ölpreisschwankungen verknüpft (wegen der Abhängigkeit der modernen Landwirtschaft von fossiler Energie). Folglich sind die Märkte zusätzlich zu den kapitalistischen Spekulationen und den schwindenden Erträgen, üblicherweise aufgrund der Auswirkungen, die die Landwirtschaft auf die Böden hat, zunehmend instabil. Das ist nun gepaart mit einer schleichenden Kolonisierung von Ackerland, das auf Biokraftstoffe umgepolt wird. Die Höhepunkte der Lebensmittelpreise fielen 2008 mit Aufständen zusammen – in Mosambik, Indien, Tunesien, Haiti und weiteren Ländern. Dann wieder 2011 – in Uganda, Saudi-Arabien, Ägypten … 2012 erreichten die Nahrungsmittelpreise den dritthöchsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen mit Zusammenstößen in China, Argentinien, Bangladesch, um nur einige zu nennen. Unter dem zusätzlichen Druck von sowohl Wasser-, Öl-, Finanz- und sozialen Krisen, scheint das Pulverfass dabei zu sein, zu explodieren.

Soziale Revolten lassen sich niemals (oder zumindest nur sehr selten) auf einen einzigen Grund für alle Protagonist*innen auf den Straßen reduzieren. Und selbst die konfrontativsten Bewegungen eröffnen nicht notwendigerweise genug Raum für den befreienden Charakter der Transformation, die wir interessant finden. Teilbereichskämpfe („die das Brot fordern, anstatt die Bäckerei zu plündern“) sind oft Gelegenheiten für den Staat und/oder das soziale Gefüge sich zu festigen, indem er/es Dissens anpasst und integriert. Aber was wir sehen ist eine Welt, die der Möglichkeit der Regierung sie zu kontrollieren und zu rekuperieren entgleitet, offensichtlicher ohne überzeugende Antworten auf ihre Widersprüche und nur geringfügigen Versprechungen für die Zukunft. Und wenn auch nichts gewiss ist, scheint dieser Ausgangspunkt zumindest ebenso fruchtbar zu sein für De-Zivilisierung, wie er es nicht ist.

Von Südafrika bis Bahrain kann man die Angst der herrschenden Klasse riechen, diesen nervösen Tick beim kleinsten Flackern der Aufwiegelung brutale Repression zu entfesseln. Die USA, das Vereinigte Königreich, Israel, die NATO, etc. helfen mit ihrer Aufstandsbekämpfungs-/Befriedungsexpertise, ebenso wie mit der wuchernden Trägheit und Psychose der exportierten „westlichen“ Lebensweisen, aber wird das genug sein? Selbst von hier aus, aus dem isolierten globalen Norden, während das Bild der britischen Riots von 2011 in den Hintergrund einer allgemein-wiederaufgenommenen Lethargie tritt (auch wenn komplementäre anarchistische Angriffe auf Staatskräfte, Unternehmen und Kommunikationsinfrastruktur, die diese Augusttage begleitet haben, in einigen Vierteln alles andere als abgeebbt sind), zählen wir die Feuer am Horizont, während das Jahr mit Aufständen in Thailand, Bosnien, Venezuela und Island beginnt; und wir denken: Es ist hier schon mal passiert, es kann hier wieder geschehen.

Zeiten der „Krise“ (sozial, finanziell oder ökologisch) sind bereits früher ohne oder mit nur geringfügigen Anzeichen eingetreten. In Zonen, in denen die Staatsmacht bröckelt oder sich vielleicht sogar zurückzieht, um ihre ehemaligen Subjekte ihrem Schicksal zu überlassen, könnten wir mehr Gelegenheiten haben, unsere informellen Prinzipien auf menschlicher Ebene in den Wirbel einzubringen. Zum Beispiel indem wir uns unserer verschiedenen Erfahrungen mit DIY-Gesundheitsversorgung bedienen, in Warenhäuser einbrechen oder Gebäude besetzen, Propaganda verbreiten, Bullen angreifen, Essen verteilen oder anpflanzen/suchen und subsistente Lebensfertigkeiten verbreiten; um nicht davon zu sprechen, unsere Offensive voranzutreiben, während das System bereits seine Wunden versorgt. Und wir könnten einen anfänglichen Vorsprung haben, Situationen zu kreieren – andere könnten schlicht auf eine äußere Autorität warten, die die Verantwortung übernimmt und die Normalität fortsetzt.

Das Potenzial außerhalb der Institutionen zu leben, die uns kontrollieren, könnte deutlicher werden, wenn die Illusion der Stabilität einige Schläge einstecken müsste. Nichtsdestotrotz stehen zwischen der modernen Gesellschaft und dem, wohin wir wollen (die Zerstreuung in vertraute und innige Gruppen, angetrieben von einer durch die Erfahrung inspirierten Wahrnehmung ihrer Lebensräume innerhalb einer größeren Wirtsökologie), das eingefleischte „Bedürfnis“ nach diesen Institutionen in den kulturellen Annahmen, die von der Zivilisation festgelegt und umgesetzt werden. Deshalb fassen wir ebenso Mut von den Anarchist*innen der Philippinen, die in Hurricane-gebeutelte Regionen reisten, um Solar-Ladestationen, Medizin, eine freie Küche, Stressbetreuung, Kinderspiele und andere informelle Unterstützung zu teilen. Die Ansicht, die sie vertraten: „Für uns ist das kein heroischer Akt, wir glauben, dass Helfen eine normale und übliche Beziehung in vielen Organismen ist. Derzeit ist der Mensch grundsätzlich von der Vorstellung eines Wettbewerbs geleitet, der vom Kapitalismus und dem Estatismus aufgezwungen wird. Die Vorstellung von Überlegenheit, Hierarchie, Einheitlichkeit und zentralisierten Strukturen hat unsere Werte gestört. Unsere Beziehung zur Natur, zu uns selbst und zu anderen wird nun durch Herrschaft und Kontrolle bestimmt, die schließlich in Ungleichheit, Armut, Ignoranz, Patriarchat und ökologischer Zerstörung resultiert.“

Doch um nicht als Wohltätigkeitsarbeiter*innen (Solidarität in eine Richtung) rekuperiert zu werden und so schlicht zu einem stabilisierenden Anhängsel der sozialen Maschinerie anstatt zu einigen ihrer Zerstörer*innen zu werden, gelangen wir zu der Notwendigkeit des Angriffs. Unsere Taten als Anarchist*innen müssen auch die Logik der Delegation selbst angreifen. Die Logik, die sich in den einschleimenden „Antworten“ der (selbst „anarchistischen“/öko-radikalen) Politiker*innen ausdrückt, oder in dem Vertrauen auf Widergutmachung durch entweder eine Gottheit oder eine große Reihe von High-Tech-„Lösungen“ anstatt unsere eigenen Fähigkeiten und Beziehungen aufzubauen, die unserem individuellen Temperament und der Örtlichkeit entsprechen. Die Logik, die uns dazu bringt passiv darauf zu warten, dass der Nachrichtensprecher einmal mehr unsere Erlösung verkündet. Die uns in die letzten Wälder zurückziehen lässt, bis der nukleare Wind an Stärke zunimmt, oder die Aussagen „Morgen werde ich kämpfen, wenn wir mehr sein werden…“ Die allgegenwärtige Entfremdung tausender Arten von Spezialist*innen, die unser Leben im Namen der Tyrannei der Effizienz zergliedern.

So sehr es auch wahr ist, dass sich spontane und wechselseitige Post-Katastrophen-Beziehungen angesichts der Krise, wenn der Bannfluch der Normalität gemeinsam mit all ihren Scheuklappen und Garantien gebrochen ist, oft unerwartet zwischen ehemals kalten Nachbar*innen bilden, ist es doch ebenso eine Realität, dass die Antwort der Herrschaft ihren Willen und ihre Ressourcen gegen jede Form von Fahnenflucht in Stellung zu bringen vermag. Während, wie bereits ausgeführt, die Praktiken, an denen wir bereits in der Gegenwart schleifen wollen, in einem destabilisierten Szenario einschneidende Anwendung finden können, wäre es eine Illusion zu glauben, man könne einfach ungestört in die „Risse“ des Systems entschwinden, wenn die Mächtigen sich des aufrührerischen Potenzials, das unser Beispiel schüren könnte, sehr wohl bewusst sind. Man betrachte beispielsweise die Antwort des Staates auf jene, die in Folge des Erdbebens von 2012 in Norditalien nicht in militarisierten „Schutz“lagern quarantänisiert werden wollten, und stattdessen mit Unterstützung der lokalen Anarchist*innen autonome Camps gründeten: Räumungsbefehle und erzwungene Verlegung von Überlebenden in die kontrollierten Gebiete, sowie eine Flotte von Luftüberwachungsdrohnen, die über das Territorium und die Dörfer patroullierten und sogar in Häuser eindrangen. Das System wird einem nur dann Boden gewähren, wenn es unter beachtlichem Druck einer Vielzahl von Faktoren steht, bei denen die sozialen oft ausschlaggebend sind. Aber so hart man sich das heute auch vorstellen kann, während man sieht, dass die Zukunft ganz und gar unvorhersehbar zu sein scheint, so gibt es doch keinen Grund dafür, dass die Offensive, die wir mit all der Kraft und Beständigkeit führen, die wir aufzubringen vermögen, nicht ein Tropfen in den Strom in diese Richtung sein könnte, neben unserem Beschluss hier und jetzt in Würde zu leben.

Unterdessen müssen wir ernsthafte interne und interpersonelle Entwicklungen innerhalb unserer eigenen Kreise (in der Regel auf mehr Arten, als wir zugeben wollen, Mikrokosmen der umgebenden Gesellschaft) angehen, beispielsweise die Bekämpfung unserer eigenen Abhängigkeit von Annehmlichkeiten und die Infantilisierung innerhalb der Konsumkultur und die atomisierten Beziehungen, die daraus hervorgehen. Wie können wir uns selbst unter der industriellen Zivilisation von den künstlichen Unterstützungssystemen trennen – Nahrung, Transport und finanzielle Austauschsysteme unter anderen? Sollten diese Systeme zusammenbrechen, welche Niedergänge können gefeiert werden und welche müssen wir während dem Übergang zu einer unvermittelten, landbasierten Existenz  und den Kämpfen, die erforderlich sind, um dorthin zu gelangen, auf einer Affinitätsbasis enteignen/ersetzen (beispielsweise die westliche Medizin)? Können wir fortfahren bewohnbare Umgebungen für uns und unsere nichtmenschliche Sippschaft zu entdecken und zu erschaffen, die für unsere Feind*innen unbewohnbar sind (wie die Brachflächen des unregulierten urbanen Raumes, die derzeit nicht von der Industrie oder den städtischen Autoritäten genutzt werden, aus denen die gewaltsamen Plünderzüge zur Sabotage oder nach Ressourcen ausgehen können)? Wäre unsere Aufmerksamkeit anderswo besser aufgehoben? Das sind die Fragen, mit denen wir in unseren eigenen Kreisen ringen, obwohl wir offensichtlich nicht für andere sprechen können. Wir hören von Gefährt*innen, wie sie verfechten, dass sie nur die verwesenden Bauwerke dieses Systems fallen sehen wollen und all ihre Energie dafür aufbringen, dieses Ende zu beschleunigen, ohne den Willen zu haben sich mit einem anderen Weg zu beschäftigen, die Welt zu erleben; „Krieger oder Sklave“, sozusagen. Unser voller Respekt gilt all denjenigen, die den Sprung wagen, sich in kämpfende Opposition zur Zivilisation zu begeben, ohne sich Täuschungen hinzugeben, wir finden es nur selbst nicht so leicht, das „Negative“ und „Positive“ so zu trennen wie in dem nihilistischen Ideal, das befriedigt uns nicht. Selbst wenn das egoistisch ist, wollen wir erfülltere Tage leben.

Unser Ziel ist stets der Zusammenbruch der Kontrolle (inklusive der sogenannten „kreativen“ Akte, die uns empowern, während sie das schwächen, was uns unterdrückt). Der Zusammenbruch auch und ganz besonders der Grenzen und des Zögerns, die wir nur allzu oft mit in den alltäglichen Kampf hineinbringen: ohne den Schmerz, den wir in dem Prozess erleben, zu romantisieren oder die Gefahren eines jeden wahren Zusammenbruchs auf einer sozialen Ebene zu verharmlosen. Wir werden nicht vorgeben, eine brauchbare Lösung für die Milliarden von Menschen auf diesem verwundeten Planeten zu besitzen und wir stehen all jenen feindselig gegenüber, die in ihrer Hybris fälschlicherweise behaupten, dass sie eine hätten: üblicherweise von der Art einer Erlösung durch einen „Großen Weißen Ritter“ und stets die Saat eines neuen Verwaltungsapparats, der uns einfangen soll. Da es ohnehin niemals eine einzige Lösung oder einen einzelnen Ansatz, der geeignet oder von einer Mehrheit jeder Bevölkerung aus freien Stücken gewollt wäre, fahren wir fort, dem zu folgen, was sich unserer Ethik nach, ebenso wie den Bedürfnissen unseres ersehnten Habitats und folglich ebenso uns selbst und unseren engen Affinitäten nach, richtig anfühlt. Es steht allen anderen frei, das ebenso zu tun oder ihre eigenen Wege zu finden. Wir sind den Einblicken anderer gegenüber, mit denen wir in Berührung kommen, stets offen, aber ebenso bereit mit dem zu kollidieren, was uns einschränkt, ohne erst nach einem Konsens zu suchen – anarchisch auf die Art zu leben, die wir entdecken, ohne auf eine utopische Zukunft zu warten. Weil wir wissen, dass wir auf diese Weise zumindest unser Leben in unsere eigenen Hände nehmen und dass jede größere Veränderung, die Emanzipation verspricht, ohne das ein Schwindel wäre – unserem eigenen Vergnügen folgend, unsere eigene Vereinfachung zerstörend, unsere eigene Kohärenz im Handeln findend, unsere eigenen Verantwortlichkeiten etablierend, unsere eigene Widerstandsfähigkeit entwickelnd.

Wir erwarten von niemand anderem, dass sie*er unsere Kämpfe für uns führt und wir führen für niemand anderes deren Kämpfe (ohne dabei die Möglichkeit auszuschließen, dass unsere Kämpfe tatsächlich bis zu einem gewissen Grad ein und derselbe sein mögen). Wenn wir also begreifen, dass Befreiung nur erkämpft werden kann und weder von Autoritäten noch von Verbündeten gewährt werden kann, dann wird der anti-politische und aufständische Charakter der Kampfansage deutlich.

Augenblicke dieser Intention lassen sich überall auf dem Globus beobachten und verbreiten sich. Dies war, was die Anarchist*innen sagten, die die Verantwortung für einen jüngeren Angriff auf ein Wahlbüro in Santiago (an sich eine Bastion der Delegation) übernommen haben; dass ihre „Antwort auf so viel Elend die anti-autoritäre Offensive in ihren vielfältigen Ausprägungen und Formen ist. Es ist die unbedingte Anstiftung zur Brandstiftung. Es ist die Brandstiftung selbst, die Idee, die sie motiviert, und auch die Hände, die sie konkret werden lassen, der unbeirrbare Willen derjenigen, die bis zum letzten Atemzug mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, kämpfen werden. […] Wir betrachten Konflikt innerhalb dieser Parameter; diejenigen, die auf revolutionäre Armeen oder Volksmilizen warten, verstehen nicht einmal die Natur des derzeitigen Krieges. Wenn der Konflikt asymmetrisch ist, dann lasst uns zuschlagen und untertauchen (hit and run), lasst uns in Feindschaft gegen den Feind*in handeln, wo immer er*sie sich verstecken mag, an jedem Ort, selbst innerhalb einer*s jeden Einzelnen von uns. Fernab von jedem militaristischen Abdriften, lasst uns die Macht in einer vielgestaltigen Form bekämpfen, in autonomem Handeln und informell organisiert. Angriff ist nicht nur möglich, sondern auch notwendig. Lasst uns Situationen kreieren, ebenso wie Möglichkeiten damit fortzufahren, den Konflikt zu erleben, und lasst uns unsere Vorstöße üben, wo auch immer sie aufkommen.“

Das Elend dieser Zeiten hat unseren Appetit auf eine große Zurückweisung angeregt. Eine, die auf dem Boden des individuellen Willens aufkeimt und dann ihre Vollendung in der gewünschten Gemeinschaft sucht. Eine Zurückweisung, wie sie von Michel Foucault als „eine Vielfalt von Widerständen, jeder von ihnen ein Sonderfall: Widerstände, die möglich, notwendig, unwahrscheinlich sind und andere, die spontan, wild, einzelgängerisch, orchestriert, ungezügelt oder gewaltsam sind“ beschrieben wird. In Nordwest-Frankreich hat sich die Wut gegen ein Megaprojekt des Transportnetzwerks ebenso wie seine Welt in eine anhaltende und teilweise selbstsubsistente Besetzung von hektargroßen Sumpf- und Waldgebieten entwickelt, die eine kollektive Subversion des urbanen kapitalistischen Lebens und seinen Beziehungen ausprobiert [6]. Einige nutzen diesen Ort, um zu Riots in die nahegelegene Stadt aufzubrechen, den Supermarkt in Reichweite massenhaft zu plündern, während sie sich die Cops mit Feuerwerk vom Leibe halten, oder um Stromleitungen zu beschädigen, die das Territorium durchqueren. Verbindungen zwischen den Besetzer*innen und unzufriedenen Bauern, die durch das Mega-Projekt bedroht werden, sind ausgeprägt und eine militarisierte Polizei-Invasion, die mehrere Monate anhielt, scheiterte die Umgebung zu befrieden. In Mexiko haben über mehrere Regierungsbezirke hinweg antiindustrielle Gruppen die Nanotechnologie- und Biowissenschaftspioniere ins Ziel genommen, belästigen, verwunden oder töten sie, greifen ihre Institutionen, Fahrzeuge und Entwicklungszentren an. Die aufkeimende Ausdehnung der Techno-Dystopie hat ihre fleißigen Techniker-Schüler*innen, die das Produkt von Jahren intensiver Bildung und Forschungserfahrung sind – Investments, die zu verlieren dem Technologie-Establishment empfindlich schadet. Um nicht von den Auswirkungen möglicher Infrastruktur-Sabotagen auf unsere Umgebung im Hier und Jetzt zu sprechen – Lasst uns uns daran erinnern, dass, als ein Blackout im Jahre 2003, der von zu hoch gewachsenen Bäumen, die in Kontakt mit den Stromleitungen kamen, verursacht worden war, und der die Elektrizität bis auf die dieselbetriebenen Notstromaggregate im ganzen Tal von Ohio (insgesamt 500 Kraftwerke wurden in Kanada und dem Nordosten der USA heruntergefahren) lahmlegte, das dazu führte, dass sich nach 24 Stunden die Sichtweite um zwanzig Meilen erhöhte, da das Ozon um die Hälfte sank und der Schwefeldioxidgehalt der Luft um 90% fiel. Auf der ganzen Welt versuchen indigene Menschen und Bauern, die noch (immerhin ein paar) Verbindungen zu landbasierten Kulturen haben, den Boom von Minen, Dämmen, Autobahnausbau auszubremsen – sie mögen oft überwältigt werden, aber wie viel schlimmer wäre wohl die derzeitige Kontaminierung der Welt, wenn sie bereits im urbanen Exil eingesperrt wären, anstatt die Erde mit ihren Körpern und manchmal auch mit ihren Waffen zu beschützen? Selbst in der „europäischen Hauptstadt“ Brüssel stören Antagonist*innen das Spektakel seelenruhigen Konsums und Gehorsams. Beamte werden angegriffen, während sie ihrer Pflicht nachkommen, die urbane Umgebung für diejenigen an der Macht umzustrukturieren, Internetkabel und Stromversorgung werden mysteriöserweise unterbrochen, Fahrzeuge des Personals der „Eurokraten“ brennen des Nachts. In Griechenland, das von der Wirtschaftspolitik der neuen Junta (Europäische Union, Internationaler Währungsfond und Europäische Zentralbank) verwüstet wird, bekämpfen Anarchist*innen erbittert die erstarkende extreme Rechte auf den Straßen und verteidigen semi-autonome Räume vor deren Agressionen, ebenso wie vor denen des Staates, während anti-kapitalistische und aufständische Gruppen geräumte wirtschaftliche Zentren in die Luft sprengen, Banken ausrauben, um kollektiv der Lohnsklaverei Widerstand zu leisten, den Massenverkehr in der Stadt blockieren und sich an mehr als nur einem bewaffneten Austausch mit den Gesetzeshüter*innen beteiligt haben.

Nichtsdestotrotz ist das Erreichte noch immer vorwiegend individuell und kann weder ausschließlich an externen Faktoren gemessen werden, noch auf geografische Punkte der „Gegenmacht“ reduziert werden. Das Opfer eines Queer-Bashings, das zurückschlägt (oder zuerst zuschlägt …), der*die Arbeiter*in, der sein Werkzeug niederlegt und ihren Posten zusammen mit dem Arbeitsplatz in Ruinen verlässt, die Migrant*in, die den Bullen absticht, um frei zu bleiben, derjenige, der den Käfig eines einzelnen Lebewesens aufbricht – Die Rebellion beginnt hier und wer weiß schon, wohin sich das Feuer als nächstes ausbreitet, oder wann es in den Köpfen den Traum absoluter Befreiung entfacht.

Also befinden wir uns anderswo als auf allen beschrittenen „revolutionären“ Pfaden, staksen am Abgrund der ökologischen Endzeiten ohne irgendeine Gewissheit, die wir aus den sich verändernden Himmeln lesen können. Einige Situationen wirken vertraut, die Mehrheit sind unerforschtes Territorium. Einige Feind*innen werden auf neuen Gebieten ausgemacht, viele mehr in den gleichen wie eh und je. So allmächtig ihre Reihen auch aussehen mögen, werden wir in den kommenden Jahren doch herausfinden, was wirklich möglich ist. Wer wird weiter an eine verfallende Ordnung glauben oder sie verteidigen, von ihren Spielen und ihren Zugeständnissen bestochen bleiben. Wo werden sich sonst noch die Zeichen einer Fragilität abzeichnen und was kann getan werden, um einen Pflasterstein durch sie zu werfen? Was wird an Zugkraft gewinnen? Der ersterbende Ruf der Pflichterfüllung für irgendeine Sache, oder die eingeborene Leidenschaft für das Abenteuer des Lebens jenseits moralischer Verpflichtungen. Ungeachtet aller schrecklichen Anzeichen, dass die Quelle allen Lebens und aller Versorgung, das Land, auf dem wir leben, einen kritischen Zustand überschreitet, während die Maschinen-Welt, die verantwortlich für die Vergiftung ist, sich anschickt sie zu ersetzen, lässt sich noch immer Trost finden, das Flüstern des Windes durch die Zweige, das Gefühl der Sonne auf deinem Gesicht oder die Gischt, die deine Füße umspült, der in den Augen einer Eule reflektierte Schein einer Feuer-erhellten Nacht, welchen Zuspruch wir auch immer brauchen, um uns aufzumuntern und uns das gebrochene Herzen durchstehen zu lassen, muss gefunden werden. Zusammen mit der notwendigen Munition. Oder anders ausgedrückt, wie die Botschaft, die den anarchistischen Bombenanschlag auf die BBVA Bankfiliale in Paseo de Husares in Madrid verkündet: „Unser Hass ist stärker als der ihre.

Selbsterschaffung, Dezivilisierung, Erneuerung der Ökologie und eine Anstrengung die „Harmonie widerstreitender Spannungen“ in eine ewige Bewegung auszuweiten, das nennen wir unsere Anarchie. Die Qualität unserer Leben wird nicht durch sozialen Komfort oder materiellen Wohlstand definiert, sondern verhält sich proportional zu dem Schaden, den es uns gemeinsam gelingt, dem zuzufügen, was uns Schaden zufügt. Was gäbe es für eine bessere Herausforderung für diejenigen, die keine Angst davor haben, bei dem Versuch zu sterben?


[1] Man vergleiche das mit der uralten Jarawa-Hordengesellschaft, die die Welt damit verblüffte, dass sie den Tsunami und das Erdbeben, die die Andaman- und Nicobar-Inseln im Indischen Ozean 2004 erschütterten, vollständig überlebte, obwohl sie so nahe am Epizentrum des asiatischen Erdbebens waren, dass der Tsunami sie beinahe unmittelbar traf. Es war angenommen worden, dass sie zusammen mit vielen der Siedler*innen der Inseln umgekommen seien, bis indische Militärhelikopter von den Indigenen mit Pfeilen beschossen wurden, als sie über den Wald flogen. Regierungsvertreter*innen und Anthropolog*innen glauben, dass das  Generationen alte Wissen über das Land und die Wind- und Meeresströmungen, sowie die Bewegungen der Tiere mehr als 60.000 Jahre umfasse, in denen die Inseln von ihnen bewohnt worden sind und die Stämme so durch Vorzeichen vor dem Tsunami gewarnt worden sind und sich vorbereiten konnten. Zum Vergleich: die vom Staat umgesiedelten Menschen auf den Inseln, die Ackerbau, Schweinezucht und Christentum übernommen hatten, wurden schwer getroffen. Noch immer gönnt der Fortschritt den überlebenden Waldbewohner*innen keine Ruhe, durch zivilisatorische Übergriffe durch Straßen, Rodungen, westliches Essen und Krankheiten tötet er sie beständig.

[2] Zum Beispiel wurden die meisten Toten in Büros, auf Verkehrsadern oder in Appartmentblocks zerquetscht, als Chile im Februar 2010 von dem sechstgrößten Erdbeben, das je gemessen wurde, erschüttert wurde, und Evakuierungen wurden von Vorfällen wie der brennenden Chemiefabrik außerhalb Santiagos veranlasst, nicht nur von den strukturellen Beschädigungen. Und was die gefährlichen Materialien, die beim Bau verwendet werden, betrifft: Die Opfer verschiedener industriellen Krankheiten, die von den Trümmern des New Yorker World Trade Centers „Ground Zero“ (sowohl langfristig als auch von der unmittelbaren Staubwolke aus enorm giftigen Karzinogenen, Dioxinen, Blei, usw.) stammen, sind zahlreicher, als diejenigen, die unmittelbar durch den Al-Qaida-Angriff getötet wurden.

[3] Philippinische Bäuer*innen, die von einem noch jüngeren Sturm namens „Agatan“ getroffen worden waren, haben sich darüber beklagt, dass die nicht-traditionellen Getreidesorten, die nun eingesetzt werden, wenn sie auch höhere Erträge abwerfen, schwächer und weniger resilient gegenüber den Fluten und Stürmen sind, verglichen mit jenen, die noch immer in den Jabonga-Hochebenen eingesetzt werden; außerdem ist ihr Anbau teurer und hängt von synthetischen Chemikalien ab. Nun, nach dem Sturm, sind die Gemeinschaften abhängig von den ausgegebenen Nahrungsmitteln.

[4] Es gibt natürlich auch andere, die die „Notwendigkeit“, unsere biologischen Formen als Individuen abzulegen und die wachsenden Herausforderungen einer bloß organischen Existenz vollständig zu überwinden, willkommen heißen und die „Singularität“ vertreten, die Cyborg-Anpassung von Menschen (die reich genug sind) durch Implantate, Gehirn- und Organ-„Upgrades“, selbst die Extraktion des eigenen „Gedächtnisses“ in eine Computersimulation. Und andere wiederum rechnen ernsthaft mit der Kolonisierung anderer Planeten, wenn dieser hier erodiert. Das ist das Ausmaß der kulturellen Psychose.

[5] Wie der beinahe universelle Einbruch der Biodiversität aufgrund von beinahe ausschließlich dem Verlust der Habitate/Zersplitterung, Jagd oder Erlegung, Schadstoffen,
konkurrierenden, neueinheimischen Spezies und Klimawandel genannt wird.

[6] Siehe Return Fire vol. 1, S. 81.

Übersetzung aus dem Englischen: „…Under a Changing Sky“ in Return Fire Vol. 2.

Nieder mit der Demokratie! Es lebe die Revolution!

Im Jahr 1904 machte sich im russischen Reich eine aufständische Stimmung breit, welche im folgenden Jahr dann auch explodieren sollte. Zu dieser Zeit gab es in Bialystok, im heutigen Polen, eine kleine Gruppe Anarchist:innen, welche ihre Ideen in Flugblättern, Zeitungen und durch Angriffe auf Industrielle und Bullen artikulierten. Das unten übersetzte Flugblatt gilt als eines der ersten anarchistischen Flugblätter auf russisch, da anarchistische Propaganda zuvor fast ausschließlich durch Reden und in Diskussionen verbreitet wurde und erst zu diesem Zeitpunkt Anfang des 20. Jahrhunderts ein Großteil der Ausgebeuteten des Lesens mächtig war. So ist das folgende Flugblatt zu Lesen: Eine klare Analyse und ein dementsprechender Vorschlag wird in einfache Sprache verpackt.

Während die Bevölkerung zu jener Zeit noch unter dem absolutistischen Zarenreich lebte, machten die Anarchist:innen klar, dass auch die sich ankündigenden liberalen und demokratischen Reformen, welche 1905 tatsächlich in Kraft traten, nichts an der Ausbeutung und Unterdrückung der Massen verändern würden. Denn nur eine Revolution könne diese befreien. Dieser Gewissheit ist auch die Entschlossenheit geschuldet, mit welcher sich in den folgenden Monaten und Jahren Anarchist:innen und andere Revolutionär:innen an den Kämpfen und Revolten im russischen Reich beteiligten. In Folge der Ereignisse von 1905 kam es von St.Petersburg bis Warschau, von Odessa bist Riga, von Moskau bis nach Minsk zu etlichen bewaffneten Aufständen, die Staatsmacht wurde punktuell vertrieben, tausende Villen und Schlösser von Großgrundbesitzern abgefackelt, hunderte Bullen erschossen und etliche Banken enteignet. Fester Bestandteil dieses aufständischen Kampfes war eine klare und deutliche Propaganda und Analyse, einhergehend mit öffentlichen Diskussionen und dem Drucken, Schmuggeln und Verteilen von Zeitungen und Flugblättern. Viele junge Anarchist:innen ließen in jenen Monaten ihr Leben und Viele, welche diese Ereignisse überlebt hatten, landeten später in bolschewistischen Kerkern und Lagern.

Einiges, was die anarchistische Analyse von damals an Schärfe hatte, scheint heute verloren gegangen zu sein: Denn auch wenn die Gefährt:innen von damals noch keine Sekunde in einer Demokratie verbracht hatten, waren sie sich vollkommen bewusst darüber, dass diese nur die tatsächlichen Herrschaftsverhältnisse verschleiern würde. „Nieder mit der Demokratie! Es lebe die Revolution!“ – war ihr Spruch, welcher im klaren Widerspruch zu irgendeinem evolutionären Modell zur Veränderung der Gesellschaft stand und steht. Heute, im Angesicht eines „Rechtsrucks“ der Regierungen und einer erstarkenden faschistischen Bewegung, scheinen viele Antiautoritäre die bestehende Gesellschaftsordnung vor einem Rückwärtslaufen der Geschichte bewahren zu wollen und so verpflichtet ihr antifaschistisches Bewusstsein sie nicht selten dazu den Gang zur Wahlurne anzutreten. Für uns kann das Wählen der eigenen Herrscher aber kein pragmatischer real-politischer Kompromiss sein. Auch im hier und jetzt wollen wir die in der Geschichte und auf der Welt zu jedem Moment präsente Möglichkeit bekräftigen, das System der Ausbeutung und Unterdrückung hinwegzufegen und gegen dieses anzukämpfen, um in Richtung eines Lebens ohne Beherrschung und Ausbeutung zu gehen.

Und was tun im Angesicht der faschistischen Drohung? Kämpfen, mit den gleichen Mitteln, mit den gleichen Idealen. Viele der oft jüdischen Anarchist:innen sahen sich 1905 im russischen Reich mit antisemitischen Pogromen konfrontiert und waren bereit ihre Freunde und Bekannte mit der Waffe in der Hand vor den Faschist:innen zu verteidigen. Eine revolutionäre Bewegung ist das beste Mittel gegen den Faschismus und sie macht den Faschist:innen UND den Demokrat:innen Angst – eine Bewegung, die sowohl alleine und verstreut, als auch koordiniert und kollektiv zur Tat schreiten kann.

Die Anarchistin Fanny Kaplan, welche bereits an den Aufständen 1905 aktiv teilnahm, entschied sich 1918 dazu den roten Diktator Lenin alleine umzubringen und verletzte diesen schließlich schwer durch drei Kugeln. Dieser Angriff hatte sicherlich seinen Anteil an Lenins frühem Ableben sechs Jahre später.

Scholem Schwarzbard, der 1919 die antisemitischen Pogrome in der Ukraine erlebte, entschloss sich 1926 dazu, den in die Pogrome involvierten nationalistischen Kommandanten Simon Petliura in seinem Exil in Paris zu rächen und erschoss diesen auf offener Straße. Beispiele wie diese gibt es unzählige in der anarchistischen Geschichte und alle zeigen sie: Faschist:innen und Tyrannen bekämpft man nicht in der Wahlkabine, sondern auf der Straße. Auch heute werden Treffpunkte von Faschist:innen und ihre Autos und Privathäuser attackiert, genauso wie die Firmen und Strukturen der Ausbeutenden und Regierenden.

Lassen wir uns nicht von den demokratischen Diskursen einlullen und besinnen uns auf das, was wir wollen: Eine soziale Revolution.

Die Demokratie

Das ganze liberale Russland ist aufgewühlt. Es richtet seine Augen nach oben in Richtung des neuen Ministers Sviatopolk. Von dort erwartet es Reformen, von dort hört man die Hymnen des Liberalismus… Man sagt, dass das Ende des autokratischen Zarentums naht, dass man bald frei sei, dass die Wissenschaft erblühen und das Volk sich von der Unterdrückung erholen würde. Einige, und zwar die Liberalen, werden das Monument der Nationalen Freiheit dekorieren, während sie gleichzeitig aufpassen werden, damit dasselbe sie mit einer riesigen polizeilichen Armee beschützt. Die anderen – die Sozialdemokraten und Sozialrevolutionäre – hyperventilieren vor Enthusiasmus und überzeugen die Arbeiter, dass die Demokratie eine ausgezeichnete Waffe für die folgende Arbeiterbefreiung ist. Deswegen freuen sich alle… Mit Leidenschaft machen sie sich an ihre heilige Arbeit – das demokratische Nest muss errichtet werden. Und die Sozialisten begleiten sie mit den sozialistischen Hymnen. Aber für euch, für die Arbeiterklasse – gibt es irgendeinen Grund zur Freude? Wäre es nicht gut darüber nachzudenken, was die Demokratie ist und was sie uns gibt und geben kann?

Demokratie bedeutet die Regierung des Volkes. Das Volk sendet seine Repräsentanten ins Parlament und die versammelten Abgeordneten verteidigen dort die Interessen der Gruppen, die sie gesandt haben. Sehr essenziell scheint das Wahlrecht zu sein. Das Volk fragt sich oft – zwar nicht immer und nicht überall – ob es jene Entscheidungen gutheißt. In manchen Ländern streben die Demokraten eine direkte Gesetzgebung durch das Volk an, damit dasselbe das Gesetz erlassen kann. In der Demokratie werdet ihr die Meinungs-, die Presse- und die Versammlungsfreiheit haben. In manchen Ländern gibt es mehr von diesen Freiheiten, in anderen weniger.

Wie ihr seht, versteht man unter der Demokratie die Regierung des Volkes. Aber ihr, die Arbeiter, müsst darüber nachdenken, welche Bedeutung die Demokratie für euren Kampf hat und haben kann. Darüber könnt ihr allerdings erst entscheiden, nachdem ihr eine Tatsache vergessen habt, nämlich dass die bestehende Gesellschaft in Klassen geteilt ist. Das bedeutet, dass auf der einen Seite die Eigentümer stehen, welche die Ländereien, die Maschinen, die Produkte und die Häuser und alles für die menschliche Existenz Notwendige in der Hand haben; auf der anderen Seite gibt es die Arbeiter, die Nichts besitzen und ihre Körper, Hirne und Seele dem Kapital verkaufen, die Arbeitslosen und Bauern, die hungern und betrogen werden und welche die Lebenskraft aus sich selbst und Mutter Erde aufzehren, belastet von Schulden und Steuern.

Ihr: die Klasse. Euer Glück und Frieden, eure sinnvolle Existenz hängt nur von einer einzigen Bedingung ab: Mit Gewalt müsst ihr die Reichtümer der Erde in eure Hände nehmen und den Staat zerstören, jenen Staat, der euch immer regiert und stets die Reichen vor euren Revolten verteidigt. Arbeiter, jetzt müsst ihr verstehen, dass obwohl ihr durch eure Lebensumstände bedingt eine Klasse seid, ihr noch fern davon seid, auch durch eure Taten und euer Bewusstsein eine Klasse zu sein. Dem ist so weil der Großteil von euch oft nicht als eine Klasse handelt, die ihre eigenen Klasseninteressen hat… Nein, ihr verteidigt die Herren, eure Feinde. Es gibt viele Gründe für euer Unglück. Einer davon ist, dass die Pfaffen, die Wissenschaftler, die Anwälte und die Künstler aus der besitzenden Klasse versuchen die Tatsache zu verbergen, dass ihr die Feinde dieses Systems seid, seine Sklaven und sein Kanonenfutter. Sie wollen euch überzeugen, dass ihr und eure Feinde ein Volk seid, eine Nation. Aber euer Ziel, eure Aufgabe, euer einziges Streben muss es sein dem Adel und den Eigentümern Alles zu nehmen und die Soziale Revolution in Gang zu bringen. Und dafür müsst ihr kämpfen. Ihr, die Arbeitslosen, müsst euch stehlen, an was es euch fehlt und ihr müsst bewaffnet sein. Der Arbeiter muss aufhören seine Muskeln anzubieten um die Reichtümer der anderen zu vermehren und muss das Eigentum angreifen. Die Bauern müssen sich das Land nehmen und die Wälder der Großgrundbesitzer plündern. Gibt es andere Mittel des Kampfes? Nein! Die Klasse hat immer nur, was sie sich erobert hat. Die Kraft der Arbeiterklasse liegt in der Gewalt, denn sie besitzt nichts anderes – weder jemanden, der sie verteidigt, noch eine Armee, die anstatt ihrer kämpft. Wird die notwendige Gewalt lange andauern? Solange der Staat existiert, welcher den Rücken des Eigentum erzeugt und schützt – die größte Stütze der Gewalt und Bösartigkeit.

Vergesst diese drei Punkte nicht: Ihr seid jeder Nation gegenüber eine feindliche Klasse; ihr verwandelt euch in eine Klasse, wenn ihr handelt und eure Handlungen werden durch Gewalt ausgeführt. Mit diesem Wissen wird es sehr einfach sein die folgende Frage zu beantworten: Welche Bedeutung hat die Demokratie für euch?

Die Demokratie ist tatsächlich die Regierung des Volkes. Somit sind die Mehrzahl der Fragen schon beantwortet. Und obwohl jede Regierung in der Vergangenheit und in der Zukunft ein Mittel der Unterdrückung war, schadet es nicht ein bisschen darüber nachzudenken, was eine solche Regierung des Volkes bedeutet. Es ist so, dass im Volk der Wolf und das Lamm nebeneinander Platz nehmen, das Raubtier und die zerfetzte Beute. Das Raubtier sind die Eigentümer und die Opfer die Enteigneten. Die Regierung des Volkes muss beim Verabschieden seiner Gesetze ein paar Kompromisse eingehen: Könnt ihr euch auch nur für einen Moment vorstellen euch an einen Tisch mit euren Feinden zu setzen? Was bedeutet die Mehrzahl der Stimmen für euch? Es ist nicht notwendig und muss nicht erwähnt werden, dass wirklich freie Menschen in Zukunft ihre Sachen nicht auf diese Art und Weise entscheiden werden… Ihr Arbeiter, denkt darüber nach, welchen Sinn die Mehrheit der bürgerlichen Stimmen für euch haben kann… Zwischen euch und der Bourgeoisie gibt es einen qualitativen und nicht unbedingt einen quantitativen Unterschied. Ihr wollt zerstören, was sie schützen und in jedem Moment dieses Kampfes seid ihr Feinde. Und wenn sie in der Mehrzahl sind, auch wenn dies nur durch die Hilfe eurer unbewussten und durch Angst genötigten Brüder passieren kann, ist es immer notwendig zu kämpfen, mit Gewalt zu kämpfen. Die Gewalt ist der einzige Quell eurer Kraft. Genau weil ihr Viele seid, darf man sich nicht vor ihnen niederknien, sondern muss beginnen zu kämpfen.

Und so bieten sie euch, denjenigen die nur Kinder einer Klasse und nicht einer Nation sind, an die Regierung des Volkes zu bilden… Warum? Sie wollen, dass ihr Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft werdet, damit ihr die Notwendigkeit vergesst, diese zu zerstören. Und eure Feinde sollen sich tatsächlich um die Meinung der Mehrheit sorgen? Ach was! Wenn es einen Streik gibt und die Arbeiter, also die Mehrheit einer Stadt, rebellieren, antworten sie mit Schüssen und Gefängnisstrafen. Es ist glasklar, dass die Demokratie euch zu verstehen gibt: Sprich aus, auf was du Lust hast, schreib, was du willst… aber fass‘ weder das Privateigentum noch den Staat an! Und eure Interessen stehen all dem entgegen, denn sie drängen euch sich alles zu nehmen, die Fundamente zu hinterfragen und den Staat niederzureißen und zu destabilisieren.

Wenn ihr Demokraten seid, könnt ihr deswegen die Freiheiten genießen, solange ihr die Grundlagen (das Eigentum) nicht in Frage stellt und wenn ihr keine Demokraten seid und euch in den Klassenkampf begebt, werdet ihr diese Freiheiten nicht haben. Sie können euch von der Versammlungs-, Vereins-, Meinungs-, und Pressefreiheit erzählen. Aber ihr müsst mit anderen Zielen zusammen kommen – um zu lesen, zu studieren und eure Kräfte zu entwickeln, um das Eigentum auf effektive Art und Weise angreifen zu können. Wenn ihr es nicht tut, seid ihr Sklaven – elende, unbeholfene und dumme Sklaven. Denn wenn die Bourgeoisie versteht, dass eure Treffen und eure Gewalt etwas miteinander zu tun haben… Ah! Sie werden euch eure Freiheiten nicht mehr genießen lassen, obwohl eure Rechte per Gesetz abgesichert sind. Deswegen dürft ihr um euch treffen, sprechen und schreiben zu können von keiner demokratischen Garantie abhängen, sondern in eure Gewalt vertrauen. Sie wird jedweden Versuch aufhalten, der verhindern könnte, dass ihr euch trefft oder auf anarchistische Art und Weise sprecht. Deswegen sind die demokratischen Freiheiten ein Betrug und haben keinen Wert für den revolutionären Klassenkampf.

Ihr müsst auch beachten, dass ihr euch als eine Klasse mit Taten ausdrücken müsst. Der Arbeiter, der für gewöhnlich für seinen Eigentümer stimmt, da er den Kapitalisten auf den Leim gegangen ist, wird ab dem Moment, wenn er an einem Streik teilnimmt, sich gegen den Eigentümer stellen und wird es auch in Zukunft tun, denn er wird die Feindschaft verstehen, die zwischen den beiden Klassen existiert oder schlichtweg deswegen, weil die Eigentümer wegen seines Versuches ein Stück Brot für seine Kinder zu retten auf ihn schießen werden. Deswegen drückt sich der Willen der Klasse in Aktionen aus, die Unruhe auslösen und destabilisieren. Wenn ein Arbeiter wählt, wenn deutlich wird, dass er nicht im Widerspruch zu den Feinden steht, sei es weil er keinen Klasseninstinkt in seinen Venen hat oder sei es dem Gift des betrügerischen Konzeptes der Nation geschuldet, handelt er direkt im Sinne der besitzenden Klasse. Der Wille der Klasse liegt in der Desorganisation der Nation. Der Wille der Nation ist es uns als eine Klasse zu desorganisieren.

Die Lüge und der Betrug sind die Hymnen der bürgerlichen Freiheit. Es ist eine Lüge zu glauben, dass ihr auf dem Weg der Demokratie zum Sozialismus gelangen werdet. Man muss sich entscheiden, ob man als eine Klasse handeln will, die es wagt in Konflikt mit der bürgerlichen Mehrheit zu treten oder nicht – entscheiden, ob man auf dem Boden des Gesetzes bleiben will oder als Klasse das Gesetz permanent brechen will. Es ist offensichtlich: Wen ihr euch von den Demokraten überzeugen lasst, werdet ihr über das reden, nach was euch der Sinn steht – über die glückliche Zukunft, den Sozialismus oder was auch immer – aber zur gleichen Zeit werdet ihr tun, was die Bourgeoisie will und ihre Gesetze nicht übertreten, die das Eigentum beschützen. Und wenn ihr euch in den Klassenkampf stürzen werdet, werdet ihr der Bourgeoisie feindliche Sachen antun. Es gibt zwei Wege, zwei entgegengesetzte und unversöhnliche Wege, so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Der eine sagt: „Mitsamt der Bourgeoisie werden wir die Autokratie umstürzen, danach schaffen wir eine Demokratie und werden die legalen Mittel des Kampfes benutzen.“ Der andere sagt: „Ihr, die Arbeiter, müsst als Klasse gegen jedes Gesetz sein. Wenn sich euch ein Verteidiger der Autokratie nähert, wird er euch sagen: „Der Zar ist euer Vater und die Untertanen sind seine Kinder, welche er wie seine eigenen hütet.“ Darauf müsst ihr antworten: „Das ist eine Lüge. Wir brauchen keine Väter, weder weltliche noch himmlische, denn alle von ihnen unterdrücken uns und schützen das Privateigentum.“ Wenn sich euch ein Demokrat nähert und sagt: „Nimm die Meinungsfreiheit und die Freiheit der Presse und der Versammlung, aber rebelliere nicht und mach nichts kaputt… So sind wir die Kinder der gleichen Nation.“, antworte ihm, dass „deine Freiheit nur jenen gilt, welche es interessiert das Privateigentum zu bewahren, aber unser Glück und unsere Befreiung hängt einzig davon ab, wie oft wir die Grundlagen deines Systems zum Wanken bringen. Deine Freiheit ist mein Grab, deine Nationalhymne ist die Beerdigungsmelodie beim Begräbnis des Klassenkampfes. Und deswegen: Nieder mit der Autokratie, nieder mit der Demokratie und es lebe die Gewalt der proletarischen Bewegung!“

Und so werdet ihr die Demokratie betrachten; wenn ihr versteht, dass es eure Aufgabe ist die soziale Revolution vorzubereiten; wenn ihr bemerkt, dass ihr für diesen Schlag alle Reichtümer benutzen müsst, damit jeder Arbeiter in Einklang mit seinen Fähigkeiten seine Bedürfnisse befriedigen kann; dass euer Ziel die Zerstörung jedes Staates ist, denn jeder Staat ist eine Mauer und eine Stütze, die das Eigentum schützt und unterstützt; wenn ihr versteht, dass die absolute Persönlichkeitsentwicklung nur in Kommunen ohne Staat möglich sein wird… also, samt all dem seid ihr keine Befürworter der arhia (Autorität), sondern ihr habt euch in Befürworter der anarhia (ohne Autorität) verwandelt und deswegen werdet ihr unter der Fahne des kommunistischen Anarchismus sein. Und nur wenn die Arbeiter dies als ihr Ziel beabsichtigen und diese Taktik annehmen, wird die Phrase von der Klassenbefreiung aufhören ein bloßes Wort zu sein. Nur so wird der Klassenkampf wie ein Sturm am bürgerlichen Horizont aufkommen; nur dann wird die bourgeoise Gesellschaft zum ersten Mal wanken, diese monströse Bestie, welche die proletarischen Kräfte erdrückt und sich von diesen ernährt.

Nieder mit der Autokratie!

Nieder mit der Demokratie!

Es lebe der kommunistische Anarchismus!

Es lebe die soziale Revolution!

Die russischen Kommunisten-Anarchisten

[Anarquistas de Bialystok 1903-08]

Porträt der unsichtbaren Frau vor ihrem Spiegel

Als Kind träumte ich davon, die Unsichtbare Frau zu sein. Ich schwor mir, dass Unsichtbarkeit der einzige Wunsch sein würde, den ich tätigen würde, wenn ich einmal an einer Wunderlampe reiben würde. Ich müsste mich am Morgen nicht mehr anziehen, um in die Schule zu gehen – ich bräuchte nicht einmal zur Schule gehen! –, ich müsste nicht mehr zum Friseur gehen, nicht mehr sauber und hübsch sein, müsste nicht mehr gefallen und höflich sein … Im Klassenzimmer an meinem Tisch sitzend sagte ich mir, dass ich als Unsichtbare Frau maximal von meinem Geschenk profitieren würde, mir alle meine Sehnsüchte erfüllen würde. Ich stellte mir vor, wie ich mich straffrei aus den Süßigkeitenregalen im Supermarkt bedienen, alle Filme im Kino sehen und all diese mysteriösen Orte besuchen würde, die kleinen Mädchen verboten wurden, etwa das Zimmer meiner Mutter oder die Umkleideräume der Jungen.

Während ich aufwuchs, lernte ich auf die harte Tour, dass es nicht nur keine Unsichtbarkeit gab, sondern auch dass sichtbar zu sein ein Fluch ist. Gesehen zu werden, benannt zu werden, bedeutet, dass dir dein Leben genommen wird.

Als erstes wurde ich gezwungen ein „Mädchen“ zu sein, eines dieser minderwertigen und schwachen Wesen, das nur in Beziehung zu anderen existieren darf, das um jeden Preis verführen muss und auf alle achtgeben und dabei ständig lächeln muss, das ordentlich sein muss, keine schmutzigen Worte sagen darf, ihr Kleid nicht dreckig machen darf und in jeder Hinsicht perfekt sein muss, während es vor allem nicht zu clever sein darf, weil keine*r ein Mädchen mag, das zu gerissen war.

Dann erfuhr ich mit Verblüffung, dass ich „Chinesisch“ wäre, ein Objekt der Kuriosität, des Exotizismus und Misstrauens, das beständig gefragt wird, wo sie her kommt, ob sie gerne Katzen isst, ob sie wegen ihrer komisch geneigten Augen schlecht sieht, ob sie irgendwelche schmutzigen Worte auf „Chinesisch“ kennt, wenn man sie nicht an ihrem Pferdeschwanz zieht oder sich ihr nur annähert, um sie im Anschluss von sich zu stoßen, um eventuell eine Fäulnis-Rauchwolke oder Chow-Mein festzustellen; Wenn man nicht ohne Umschweife als Verkörperung der Gelben Gefahr angesehen wird, die das Überleben der Weißen und Christlichen Nation gefährdet.

Später wurde ich zu meiner großen Verzweiflung eine „Lesbe“, eine „Muschi-Leckerin“, ein Objekt der sexuellen Phantasie innerhalb des Spielraums dessen, in dem solch ein Zustand dazu dient, den Träger des Phallus (da jede Lesbe nur eine solche ist, weil sie schlecht gefickt wurde und sich eigentlich heimlich danach sehnt, die wahre Ekstase zu erfahren, die ihr ein Schwanz verschaffe) zu erregen, wenn sie nicht ein perverses Wesen ist, das durch ihre Laster die schieren Grundlagen der Familie und der Zivilisation bedroht. Als ich später in den Armen eines Mannes gesehen wurde, wechselte ich sofort in ein anderes Lager, in das der unentschlossenen „Bisexuellen“, der flatterhaften, ungebundenen, Paare trennenden HIV-Überträgerin, die unfähig ist, ihre Homosexualität einzugestehen und folglich jedes Vertrauens unwürdig ist.

All das ist nur das Vorspiel dessen, was mich erwartete, als die Zeit kam, mein Überleben zu sichern. Ich wurde zuerst zu einer „menschlichen Ressource“, einem verachtenswerten Wesen, der Definition nach unproduktiv und selbstsüchtig wegen seiner Forderung angemessen bezahlt zu werden, um überleben zu können, ein Wesen, das beständig verdächtigt wird, ein*e Dieb*in zu sein, ein*e Betrüger*in, die*den wir auf die Ebene eines Untermenschen herabsetzen können, indem wir ihr diktieren, wie sie sich selbst beschäftigen solle, aussuchen, mit wem sie zusammen sein darf und Gehorsam verlangen, sowie Zeichen der Unterwürfigkeit gegenüber ihren Vorgesetzten und Kunden.

In einem unbeholfenen Versuch, der Hölle der Arbeit zu entfliehen, endete ich als „Hure“ und „Pornodarstellerin“, also sozusagen entweder als eine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit, Ordnung und Sitten, oder als ein Opfer (allzu oft zu entfremdet und dumm, um sich dessen bewusst zu sein) des Patriarchats und der jahrhundertealten männlichen Unterdrückung, die angeblich die Ausbeutung des Systems unterstützt, indem sie sich weigert, ein bereitwilliges Opfer zu sein und sich von den großen karitativen Seelen retten zu lassen, die besser als sie wissen, was gut für sie ist.

Schließlich erfuhr ich mit Verblüffung, dass ich eine „Intellektuelle“ sei, was in dem Winkel der Erde, in dem ich lebe, bedeutet, dass ich ein verachtenswertes Wesen sei, das die Verbindung zur Realität verloren hat und dessen parasitäre Aktivitäten eine Pest für die Wettbewerbsfähigkeit und den Wohlstand der Nation ist.

Das ist der Grund, warum ich „Anarchist*in“ wurde, in der mehr oder weniger bewussten Anstrengung, denjenigen, die mich betrachteten, ein Bild in ihre Gesichter widerzuspiegeln, das mehr zu dem passte, was ich für mein wahres Selbst hielt. Zu meinem Unglück wurde ich als „Anarchist*in“ zu einer*m Terrorist*in, einer*m Apostel der Gewalt, einem Fenster-Zertrümmerer gepaart mit einer Bombenlegerin, während ich zugleich ein*e klägliche*r und naive*r Träumer*in war, unwissend gegenüber den historischen Gesetzen, irgendein*e unreife*r und nicht ernst zu nehmende Rebell*in – wenn nicht eine Ignorantin beschränkter intellektueller Fähigkeiten, die in der Gesellschaft niemals etwas verändern würde und der öffentlichen Debatte nur schade.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine andere Wahl, als „Scheiß drauf“ zu schreien und zu meinem Kindheitstraum zurückzukehren, indem ich zu „Anabraxas“, der*dem unsichtbaren Mann/Frau wurde.

Du wirst Anabraxas niemals im Fernsehen sehen. Du wirst ihre Stimme niemals im Radio hören. Weil sie weder im Personenstandsregister steht, noch in dem der Steuerbehörde und erst recht nicht auf Wahllisten, da ihr Name nicht einmal auf irgendeinem Plastikausweis steht oder auf einem Grabstein. Anabraxas ist niemand in den Augen von Leviathan. Sie ist ein tot geborenes Kind, die Braut des unbekannten Soldaten, ein Gespenst, eine leere Hülle, ein Mantel mit Löchern, die die Luft durchdringen lassen. Wenn die*derjenige, der*die hinter Anabraxas versteckt ist, so mysteriös ist, wenn sie darauf besteht, unsichtbar zu bleiben und außerhalb der Reichweite, dann liegt das daran, dass das der Preis dafür ist, in einem gebührenden Abstand von den Fleisch-zerfetzenden Zahnrädern und Rädern der Gesellschaft zu bleiben.

Anabraxas konzentriert sich auf eine einzige Aufgabe: Mein Leben zu erschaffen und meine Beziehung zur Welt und zu anderen gemäß meiner eigenen Vorstellung zu gestalten – in anderen Worten, mir meine Existenz im Hier und Jetzt im Rahmen meiner eigenen Möglichkeiten wiederanzueignen. Anabraxas ist ein Werkzeug, das es mir erlaubt, alle Identitäten anzufechten, die sie mir, seit ich geboren bin, aufzuzwingen versuchen. Ich kenne nur eine Sache: Meine Eigene. Offenbar wünsche ich mir mit ganzem Herzen, dass jeder das gleiche tut, denn wenn Individuen gegen ihre eigene Unterdrückung revoltieren und aufbegehren, dann nennt man das was dabei herauskommt „Aufstand“.

Wenn Anabraxas unsichtbar ist, dann liegt das daran, dass ich mir die Taktik des Aufstands zueigen gemacht habe, die darin besteht zu verschwinden. Aufstand ist die Befreiung eines Raumes, einer Zeit durch Individuen, die ihre Ausbeutung, ihre Unterwerfung und die Institutionen, die sie ausüben, verweigern. Er kann strategisch verschiedene Formen annehmen, so wie die Temporäre Autonome Zone, Nomadismus, Wege der Umgehung. Er kann von kleinem oder großem Ausmaß sein, nur wenige Minuten andauern oder ein ganzes Leben. Er ist sowohl der Schlag gegen die Institutionen als auch das direkte Experimentieren mit einem Leben, wie es gelebt werden sollte, das heißt, ohne Beschränkungen und Hindernisse.

Aufstand ist das Gegenteil von Aufopferung und Moral. Die*der Aufständische handelt nicht für das Gemeinwohl, für die Befreiung aller, für die Errichtung einer besseren Welt, sondern um uns selbst die Mittel zu verleihen, vom Überleben zum Leben überzugehen, zu schmecken – und sei es nur für wenige Sekunden –, was es wahrhaft heißt lebendig zu sein, bevor wir in die kalten Hände des Todes geworfen werden. Zeit und Raum des Aufstands werden gelebt wie eine sexuelle Begegnung – nicht als Austausch, sondern nur als ein Geben; eine temporäre Vereinigung um auf ein gemeinsames und konkretes Ziel hinzuarbeiten; kein anderer Zweck, keine andere Bedeutung der Handlung, als das Vergnügen, daran teilzunehmen; die Erschaffung von Begierde und die Verwirklichung von uns selbst durch die egoistische Lust nach dem anderen. Und es ist die Vervielfachung und die Summierung der aufständischen Erfahrungen, die die Apparate der Macht schließlich niederreißen werden.

Aufstand entschlüpft dem öffentlichen Raum, den Orten der Schlichtung und Verdinglichung, den Räumen, die der Freiheit durch die Macht eingeräumt wurden. Das Individuum, das an ihm teilnimmt, nimmt sich der Apparate der Macht an, lebt, begehrt und kehrt dann zurück ins Unsichtbare. In einer Gesellschaft, die danach strebt, alles zu enthüllen, in der gesehen zu werden gleichbedeutend ist mit wahrgenommen, integriert und kontrolliert zu werden, in der der Gipfel des sozialen Erfolgs die Berühmtheit ist – was anhaltende Schlichtung ohne irgendeinen anderen Zweck als den der Verwandlung des Individuums in eine Ware bedeutet – gibt es keinen anderen Ausweg als die Ausflucht, das Verschwinden in die Unsichtbarkeit.

Bis es endlich möglich sein wird zu leben, heilsam und frei im hellen Tageslicht.


[Übersetzung aus dem Englischen. Anne Archet. Portrait of the Invisible Woman in Front of Her Mirror in Return Fire Vol. 3]

Angriffe auf die technologische Herrschaft

20.11. Provinz von Verona (Italien) Vier Funkmasten (Mobilfunk-, Rundfunk-, Fernsehen) werden mit Farbe attackiert.
30.11. Montreal Island (Kanada) Mehrere autonome Gruppen unterbrechen den Schienenverkehr in der Gegend von Montreal Island. Es werden „Jumper“-Kabel verwendet, die das Signal geben, dass gerade ein Güterzug vorbeifährt, wodurch das Schienennetz an mehreren Schlüsselverbindungen gestört wird. „Arterien, die den Fluss des Kapitals durch den Kontinent ermöglichen, Wege zum Transport von Bitumen und anderen Produkten der Ressourcenausbeutung, Kolonisierung und des Todes. Schienen sind schon immer das Instrument kolonialer Expansion gewesen.“
04.12. British Columbia (Kanada) Sabotage eines Strommastes durch das Lockern einiger Bolzen und das Durchtrennen eines Abspannseils, die Stromlinie dient u. a. auch dazu eine im Bau befindlichen Anlage von LNG Canada (Verflüssigung von Erdgas) mit Strom zu versorgen.
15.12. Narasapura (Indien) Ein Aufstand erschüttert die Wistron IPhone-Fabrik in Narasapura. Fast 2000 Arbeiter*innen begehren dagegen auf nicht den vereinbarten Lohn ausgezahlt bekommen zu haben. Arbeiter*innen legen Feuer, beschädigen Maschinen, werfen Fenster ein und Autos auf dem Parkplatz um. Autos werden angezündet und tausende IPhones entwendet. Der Aufstand zwingt die Fabrik dazu zwei Wochen lang ihre Produktion einzustellen.
31.12. Berlin Während eines nächtlichen Spaziergangs wird ein E-Scooter angezündet und die Fassade des Berliner Firmengebäudes des Software-Konzerns SAP mithilfe von Hammerschlägen zertrümmert.
04.01. Saint-Pierre-la-Palud (Frankreich) Ein Funkmast wird angezündet. Ironischerweise wird durch diesen Brandanschlag das Alarmsystem der lokalen Feuerwehr in acht Kasernen gestört. Die Polizei erklärt, dass das Kabel zwischen dem Mast und der technischen Basisstation Feuer gefangen hätte.

„Gutes Fernsehen“: ein Hindernis dafür unregierbar zu werden

Kurze Vorbemerkung des Übersetzers:

Während des Stay-at-Home-Diktats ist es verlockend seine Zeit risikolos mit endlosem Netflix-, Amazon-Prime-, Hulu-, etc. Konsum auf- und auszufüllen. Ein nie enden wollender Stream an Serien ermöglicht es eine:r sich von den Maßnahmen und der eigenen – meist freiwilligen – Unterwerfung abzulenken. Man hockt vereinzelt daheim vor dem Bildschirm, während man innerlich, sozial und emotional verkümmert. Wer dabei immer noch glaubt, dass es ein Zurück zur „alten Normalität“ geben wird, kann nur noch als naiv bezeichnet werden. Eine gesamtgesellschaftliche Umstrukturierung ist im Gange hin zu einem kybernetischen, planetaren Freiluftgefängnis und wer jetzt ausschließlich daheim lungert und sich Serien ballert, stimmt zu. Hier geht es nicht um eine moralische Verurteilung, sondern um ein nüchternes Festhalten von Tatsachen. Und wenn wir nicht nur von Freiheit schwätzen, sondern diese auch erringen wollen, gilt es diese Umstrukturierung zu konfrontieren. Ein erster Schritt für viele könnte ein Bruch mit dem sein, was im nachfolgenden Text als „gutes Fernsehen“ beschrieben wird.


„Unregierbar werden“ [„Become ungovernable“] ist eine Parole, die Anarchist:innen dieser Tage gerne verwenden. Es klingt cool und passt zur anarchistischen Ästhetik von Revolte und spektakulärem Konflikt. Es bedeutet unmittelbar nicht viel, aber das ist ihre Schönheit, denn die Bedeutung verschiebt sich mit jeder Person und den Besonderheiten ihres Lebens. Mit keiner Revolution, stattdessen aber Umweltkatastrophen, Staatsgewalt und Amokläufen am Horizont, liefert die Parole einen Pfad nach vorne anstatt in Anbetracht auf unsere no-future Zukunft zu verzweifeln: sich der Unterwerfung gegenüber dem Gesetz, der Pflicht und der Passivität des alltäglichen Lebens zu verweigern.

Aber, unregierbar „werden“? Wie in „dein eigenes Leben in ein Unregiertes verwandeln“? Das ist es, wo die Dinge schwierig werden. Der Kapitalismus und die Technologie, die durch ihn entwickelt wurde, haben Umstände geschaffen, die die Schaffung langfristiger Lebensgewohnheiten außerhalb von Passivität und Konsumieren nahezu verunmöglichen. Die Spielzeuge der Informationstechnologie sind klein, aber enthalten Terabytes an Ablenkung, immer die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer:innen zu sich hinziehend, wie das massive Gravitationsfeld eines kleinen schwarzen Loches. Selbst die Energieschübe eines spektakulären Moments der Krise, die durch den Kapitalismus hervorgerufen wurde, mag die Leute kurzzeitig von ihrer täglichen Tech-Routine abbringen, für Tage, Wochen oder sogar Monate, aber das System hat Werkzeuge, um die Leute wieder zurückzuziehen. Es gäbe hier eine Menge zu untersuchen, aber dieser Artikel beschäftigt sich nur mit einem Element: „gutem Fernsehen“.

Wir leben in der Ära des „guten Fernsehens“ oder der „goldenen Ära des Fernsehens“, einem relativ neuen Phänomen, wo Fernseh-Serien als intelligent, packend und sogar als künstlerische Arbeiten angepriesen werden. Bis ins letzte Jahrzehnt hatte der „Flimmerkasten“ gewissermaßen einen schlechten Ruf. Während die meisten der Masse von ihm eingesogen wurden, wie sie es heute auch sind, schien es, dass die Leute damals zumindest wussten, dass es eine geistlose Unterhaltung war und verdrehten ihre Augen gegenüber dem eingespielten Lachen im Hintergrund, den Spieleshows und der Gefühlsduselei.

Da das Fernsehen in aller erster Linie ein Vehikel für die Werbung war, wurden die Shows so gestaltet, dass sie dem kleinsten gemeinsamen Nenner entsprachen und deshalb die unkontroverseste und normativste Porträtierung der Charaktere und des Lebens enthielt. Sie zeigten fast ausschließlich attraktive weiße Schauspieler:innen, die statische und eindimensionale Klischeecharaktere spielten. Mit dem „guten Fernsehen“ haben die Shows überzeugende fortlaufende Geschichten, Komödien wurden schärfer und Charaktere haben ein weiteres Spektrum an Emotionen und sind nicht mehr länger nur weiße heterosexuelle Personen. Zusätzlich werden Nischenzuseherschaften mit subkulturellen Anekdoten, politischen Witzen, Ästhetik und Ton geködert, was es den Zuseher:innen ermöglicht, sich leichter mit spezifischen Serien zu identifizieren. In anderen Worten: Das Ansehen des Fernsehens ist in die Höhe gegangen und Fernsehen wird damit nicht mehr als etwas angesehen, das vermieden werden sollte.

Die „gute“ Qualität der Programme ging in die Höhe mit dem Erfolg von HBOs „The Sopranos“ und „The Wire“ in den frühen 2000ern. Die düsteren und stimmungsvollen Sopranos nutzten subtile literarische Techniken und komplexen Symbolismus, während sie Geschichten über das organisierte Verbrechen erzählten, als Metaphern und Kritiken des gegenwärtigen amerikanischen Lebens. The Wire, ähnlich pessimistisch, beschrieb detailliert die Lügen und Widersprüche rund um den Drogenkrieg im urbanen Amerika, um aufzuzeigen, wie schwierig und naiv Reformversuche sein können. Die Sopranos waren ein kommerzieller Erfolg, The Wire zwar nicht so sehr außerhalb liberaler und akademischer Kreise, jedoch demonstrierten diese beiden Serien der Fernsehindustrie, dass Zuseher:innen an Serien interessiert waren, die einen Aufwand beinhalteten und eine Sorgfalt, die in sie gesteckt wurde und damit mehr als nur geistlose Unterhaltung. Folglich wurden Serien wie True Detektive produziert, die unzählige literarische und philosophische Quellen und Referenzen aufweisen.

Auch wenn sie nicht immer so tiefgründig sind wie The Sopranos oder The Wire, hat es seither eine Verbreitung von Serien gegeben, welche fortlaufende Geschichten erzählen, wie die Soap-Opern der Vergangenheit, nur mit viel mehr Sorgfalt, die in die Ausarbeitung der Charaktere und den Plot gesteckt wird, genauso wie ein höheres Budget für das Gestalten der Kulisse und das Anstellen der Schauspieler:innen. Im Gegensatz zu episodischen Serien, wo alles mehr oder weniger am Ende der Folge zum Normalzustand zurückkehrt, sind diese Serien ähnlich einem Buch, wo jede Folge ein Kapitel darstellt. Episoden hören oft mit einem Cliffhanger auf oder mit einem dramatischen Moment, der eine große Aufregung kreiert und damit Vorfreude auf die nächste Folge schafft. Oder sie werden auf einen Schlag als Staffel veröffentlicht, damit man sie „binge-watchen“ kann. Verglichen mit deinem banalen jedoch sorgenvollen Leben unter dem techno-industriellen Kapitalismus geben diese Serien mit ihren fortlaufenden Geschichten der Zuseher:in eine eskapistische Fantasie eines Lebens als Abenteuer, jedoch von der Sicherheit des Schlafzimmers oder der Couch.

Wahrscheinlich resultierend vom unmittelbaren Feedback der Zuseher:innen in Internetforen und in den sozialen Medien haben Marktforscher:innen die Inhalte für die Medienunternehmen verfeinert, sowohl, was sie in der Vergangenheit schlecht gemacht haben, als auch, wie sie Serien für spezifische Demographien stricken müssen. Zusätzlich wurden Kulturkritiken integriert, die von Akademiker:innen in den 90ern verfasst wurden und die ausführlich beschrieben, dass Serien und Filme rassistisch, homophob und sexistisch waren. Dieses Material, einschließlich der tumblr-Sphäre, in der Serien, anhand dieser Kriterien, praktisch in Echtzeit kritisiert werden, ist alles zugänglich für Marktforscher:innen, um es zu untersuchen und um so ihre Produkte der Generation der Millenials zu vermarkten, die sich für soziale Gerechtigkeit zu interessieren scheint. Das hat mittlerweile zu bestimmten Serien geführt, die jetzt einen höheren Prozentsatz an Schauspieler:innen of Color und queeren Charakteren haben, was ihre Anziehungskraft erweitern kann, besonders wenn eine jüngere Zuseherschaft geködert werden soll.

Für jene, die an der Befreiung von Unterdrückung, Ausbeutung und anderen Systemen der Kontrolle interessiert sind, ist gutes Fernsehen eine schlechte Nachricht. Das Fernsehen ist eine Technologie der sozialen Kontrolle und die Welt wäre ein besserer Ort, wenn sie zerstört wäre. Jedoch scheint es, als wie wenn das Gegenteil geschehen würde, und Leute zunehmend dahin gesogen werden einen signifikanten Teil ihrer Zeit damit zu verbringen, diese Serien zu schauen. Sei es gutes Fernsehen oder 90er Sitcoms, diese Technologie isoliert die Leute voneinander und folglich fördert sie die Einsamkeit und Angst im Kapitalismus. Serien rahmen [frame] diese Gesellschaft und all ihre ekelhaften Mechanismen und sozialen Beziehungen als natürlich. Und sie töten die Vorstellungskraft, indem sie uns in eine Position der Passivität zwingen, wo wir in einen Empfängermodus versetzt werden, während wir mit Bildern, Archetypen und Geschichten überflutet werden. Fernsehen ist schlecht als solches, und im besonderen, weil es Revolte verhindert und Leute davon abhält, tätig zu werden gegen die albtraumhafte Welt um sie herum.

Isolation und die Ideologie, die der Technologie inhärent ist.

Der Kapitalismus erzeugt Isolation. In keiner anderen Gesellschaft in der Geschichte haben die Menschen eine solche Trennung zwischen sich selbst und den anderen erfahren. Das liegt daran, dass getrennte Leute leichter zu kontrollieren sind. Wo Leute einander regelmäßig begegnen, existiert das Potential für eine Vielzahl an Interaktionen, Verhaltensweisen und Beziehungen, die sich über die Zeit entwickeln können. In diesen Räumen wird es möglich für Leute Vertrauen aufzubauen, sich über Frustrationen auszutauschen und vielleicht rebellische Akte gemeinsam durchzuführen. Streiks, Krawalle und das Aufbauen subversiver Bande braucht Räume, um sich zu entfalten. Es gibt einen Grund, wieso totalitäre Gesellschaften Gesetze einführen, die verbieten, dass sich mehr als eine gewisse Anzahl von Leuten in der Öffentlichkeit versammeln. Das Fernsehen ist das liberale demokratische Mittel für dieses Problem, in dem es Leute zu freiwilliger Isolation antreibt.

Das Kapital, das grob und vereinfacht definiert werden kann als „Geld, das in etwas investiert wird, um mehr Geld zu machen“, kolonisiert über die Zeit hinweg zunehmend die Welt und transformiert sie, damit die Investitionen profitabel sein können. Dieser Prozess involviert die Evolution der Technologien in eine Richtung, die den Status Quo unterstützt und die Gewohnheiten und kulturellen Normen zementiert, die von diesem Status profitieren. Wir kommen nach dem Arbeiten erschöpft nach Hause und die attraktivste Option ist es, auf der Couch zu kollabieren, vielleicht eine Beziehungsperson neben uns, während amüsierende Spektakel auf dem Bildschirm vorbeiziehen, bis wir schlafen gehen und unsere Körper wieder genug aufladen, um uns wieder in die Arbeit zu schleppen. Das ist nicht natürlich. Das ist die Umwelt, die über die Zeit dominant geworden ist, da sie für das Kapital nützlich ist – das ist der Kapitalismus.

Sich hinzusetzen und eine Serie zu schauen ist besonders verführerisch, da es tatsächlich keinerlei Aufwand erfordert. Es ist die einfachste Option Langeweile zu vertreiben und sich von Sorgen abzulenken. Im Gegensatz dazu erfordert das Sozialisieren mit anderen aktives Zuhören und emotionale Energie. Die Möglichkeit das Falsche zu sagen, sich zu blamieren oder verletzt und unglücklich zu werden durch etwas, das jemand sagt, besteht immer. Deshalb zieht uns das Fernsehen, das viel leichter zu handhaben ist, weg von den sozialen hin zu den getrennten privaten Welten.

Gutes Fernsehen tötet dabei die Kreativität, da es keinen Grund zu denken oder damit zu ringen gibt, was man mit seiner Zeit anstellen soll, wenn dich der Bildschirm immer mit unmittelbarer Unterhaltung verbinden kann. Das Fernsehen füllt die leeren Stellen in deiner täglichen Routine. Es gibt keine Dringlichkeit sich mit einer Gesellschaft zu konfrontieren, die alles zerstört durch Umweltkatastrophen, Krieg und Unterdrückung, da die Möglichkeit sich abzulenken oder uns leicht zu unterhalten immer besteht.

Die Leute verlieren rasant das Talent miteinander von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren. Diese Tendenz, die Jahrhunderte alt ist, wird schlimmer mit jeder Generation, mit der Zunahme der Vermittlung durch die Informationstechnologien. Es ist ein allgemeines kulturelles Trope zu bemerken, dass die Leute kaum wirklich miteinander kommunizieren. In unserer Zeit ist die Verlockung der vermittelnden Technologie oder der freiwilligen Isolation durch das Zuhausebleiben und Serienschauen ein Resultat und ein weiterer Grund für dieses Phänomen. Je unsicherer wir sind, desto mehr bleiben wir drinnen, je mehr wir drinnen bleiben, desto unsicherer werden wir.

Zusätzlich dazu, dass Leute in die Isolation gezogen werden, präsentieren das Fernsehen und ähnliche Medienformate, wie Filme, die Welt unhinterfragt, wie sie ist. Die Porträts des Lebens kopieren die Struktur unserer Leben, die wir jetzt leben und verstärken deshalb die Hegemonie dieser Lebensformen in unseren Köpfen. Das ist keine intentionale Strategie der Eliten, die sich das in einem verrauchten Hinterzimmer ausgemacht haben, sondern in die Technologie selbst eingeschrieben.

Das alltägliche Leben, soziale Beziehungen, Wertesysteme, Technologie und sogar die Geographie der Infrastruktur sind dem Kapitalismus spezifisch, zu dieser Stufe seiner Entwicklung. Die tagtägliche Erfahrung aufzuwachen, in die Arbeit zu fahren, zu arbeiten, nach Hause zu fahren, Netflix zu schauen und schlafen zu gehen, ist eine von Millionen möglichen Lebensformen, die existieren können. Der Kapitalismus hat die Welt kolonisiert und hält uns damit davon ab, fast jede andere mögliche Lebensform zu entdecken und/oder zu erschaffen. Jedoch haben die Charaktere in den Serien und Filmen ein in etwa ähnliches Alltagsleben wie wir. (Wenn die Dinge abweichen, dann in spezifischen Genres, wie Fantasy oder Science Fiction, wo diese Abweichung Teil des Reizes ist.) Wenn wir diese Spektakel auf fortlaufender Basis konsumieren, werden die Rhythmen und Formen des Alltagsleben unter dem Kapitalismus in unseren Köpfen zementiert, so dass es scheint, dass kein anderes Leben möglich sein könnte.

Um klar zu sein, das Fernsehen „verteidigt“ diese Konzeptualisierung des Lebens nicht. Stattdessen präsentiert es Karikaturen unseres tagtäglichen Lebens, unserer Beziehungen und der Art und Weise, was wir alles als Normalität hinnehmen müssen. Wie jede Ideologie verschleiert sie sich dabei als natürlich. Jedwede gutartigen Intentionen subversiven Inhalt für das Fernsehen zu produzieren und Visionen, wie das Fernsehen in einer post-kapitalistischen Welt aussehen könnte, würden genau dieselben Umstände schaffen für Isolation und Ideologie.

Abschließend

Ich will das Fernsehen und die Welt, die es spiegelt, bis zu den Grundfesten zerstören. Die Welt, von der ich träume, kennt natürlich Geschichten, Rollenspiele und andere ähnliche Formen des Spiels, jedoch nicht so eine geistbetäubende und passive wie das Fernsehen.

Ich weiß nicht, was sich Leser:innen von diesem Artikel mitnehmen sollen. Ich kenne nur mein eigens Leben und ich habe kein Interesse daran, Leuten zu erzählen, was sie in ihrem alltäglichen Leben tun sollen. Jedoch weiß ich, dass diese Gesellschaft mystifiziert, was sie den Leuten antut und ich habe Interesse daran, diese Dinge aufzuzeigen, wenn ich sie sehe. Dass das Fernsehen durchschnittlich grob fünf Stunden täglich die Leute in den USA aussaugt [1], scheint mir wichtig zu bemerken und darüber nachzudenken, was das für uns heißt. Besonders für jene von uns, die eine Revolte und ein Leben kreieren wollen, basierend auf den eigenen subversiven Begierden.

Frei übersetzt aus dem Englischen. Originaltitel: „Good TV as a Roadblock to Becoming Ungovernable, or Anything Else Really“; Original veröffentlicht in Plain Words #4, Winter 2017/2018, Bloomingto, Indiana. Oder: https://plainwordsbloomington.noblogs.org/post/2017/09/16/good-tv-as-a-roadblock-to-becoming-ungovernable-or-anything-else-really/#more-430

Anmerkungen

[1] https://www.nytimes.com/2016/07/01/business/media/nielsen-survey-media-viewing.html

Über Tyrannenmorde und Briefbomben

Ein Nachtrag

Ich scheine mich in dem Artikel Corona und der Totalitarismus des Technologischen (Zündlumpen #078) missverständlich ausgedrückt zu haben, zumindest scheint mir eine Auslegung meiner Worte zu kursieren, die ich so jedenfalls nicht gemeint habe. Vielleicht sind es auch die sarkastisch gemeinten – an sich unnötigen, aber aus einer Gemütslage der Belustigung ergänzten – Post-Scriptum-Notizen, die schließlich die Entstellung des Gesagten vollenden. Wie auch immer. Als ich am Ende des Artikels folgendes schrieb, wollte ich damit nicht ausdrücken, dass ich per se für ein Wiederaufleben der Waffe der Briefbombe sei und schon gar nicht, dass ich es für eine per se kluge Idee halte, eine*n x-beliebigen Briefträger*in mit einer hochexplosiven, tödlichen Sendung auf den Weg zu schicken:

In einer Welt, in der man letztlich höchstens als Postbot*in ins Freie zu treten vermag, mag sich der*die eine oder andere vielleicht auch unwillkürlich des eingangs erwähnten Beispiels von der Briefbombe für den Autoren von Mirror Worlds erinnern. Was wäre auch naheliegender, wo doch auch sonst alles in Paketen seinen Bestimmungsort erreicht? Und wenn es auch nicht die Freiheit sein mag, die da im Inneren eines Päckchens zwischen den täglichen Amazon-Bestellungen vor sich hin schlummert, so wäre es doch vielleicht ein Schritt in ihre Richtung.

Aber besser noch, als sich nur der Tyrannen der Spiegelwelten zu entledigen, wäre doch, wir würden nicht zögern, auch den Spiegel ein für alle Mal zu zertrümmern, der hier freilich statt aus Glas aus Glasfasern und Funkwellen besteht.

Vielleicht ist die Briefbombe eine verunglückte Metaphorik gewesen. Warum sollte man, wenn man als „Postbot*in ins Freie [tritt]“ und an der Türe irgendeines Herrschenden klingelt nicht auch gleich einen Revolver benutzen? Sei’s drum. Die Briefbombe erschien mir wegen des eingangs erwähnten Beispiels vom Angriff des Freedom Clubs auf David Gelernter, dessen Spiegelwelten-Metapher mein Text aufgreift und dem Querverweis auf die Amazon-Päckchen passender. Aber vielleicht hätte der scheinbar rein positiven Bezugnahme auf den Freedom Club auch zumindest ein Verweis auf meine eigene Kritik an einigen dessen Grundannahmen vorangehen können … Vielleicht lohnt sich das ja auch einmal in einem zukünftigen Artikel, denn zumindest angesichts der jüngsten Episode der Technologisierung könnte es sich auch lohnen, einige Passagen aus Industrial Society and its Future erneut zu lesen.

Aber hier will ich mich nun auf einige Nachträge beschränken, die das Mittel der Briefbombe betreffen. Vielleicht ist das eigentlich auch langweilig, weil mein Vorschlag ohnehin auf die „Zertrümmerung des Spiegels“ abzielte, also die Zerstörung der Infrastruktur, die dieses technologische Delirium, in dem wir uns wiederfinden, ermöglicht. Vielleicht ist es müßig in jedem Detail nachzuzeichnen, was mich veranlasste, auch Überlegungen zum Tyrannenmord anzustellen, aber bedeutend scheint mir in diesem Kontext einerseits zu sein, dass derzeit durchaus Kritiken kursieren, die sich mit der spezifischen Rolle der (neuen?) Tyrannen des globalen Lockdowns beschäftigen und denen ich zumindest insofern etwas abgewinnen kann, dass ich durchaus sehe, dass es spezifische Akteur*innen gibt, die diese Entwicklung entscheidend vorantreiben, um ihre Profite aus ihr zu ziehen, andererseits, was vielleicht aus ersterem resultiert, dass wo eine vormals demokratische Herrschaft sich de facto wieder zu einer „archaischeren“ Form, einer Herrschaft im Ausnahmezustand, einer Herrschaft eines oder weniger Tyrannen zu entwickeln scheint, vielleicht auch das in der Demokratie – wegen des scheinbar endlosen Nachschubs an Tyrannen? – an Bedeutung eingebüßt habende Mittel des Tyrannenmordes wieder an Bedeutung gewinnen könnte. Ich habe dazu keine abschließende Meinung. Gerade in Zeiten jedoch, in denen die scheinbare Allmacht einer einzelnen Person oder einer kleinen Gruppe von Personen so sehr in den Vordergrund tritt, dass sie jeglichen Widerstand dadurch zu lähmen droht, da entfesselte die Ermordung eines oder mehrerer dieser Tyrannen, seien es nun Zaren, König*innen, Diktator*innen, Polizeipräsident*innen, Richter*innen oder Industriebosse gewesen, diesen Widerstand manchmal. Und dabei ist es egal, ob es eine Granatenexplosion, Ein Schuss aus einem Revolver, ein Stich mit einer Feile oder eben eine Zeit-/Briefbombe ist, die zum Abtreten des Tyrannen führt. Oder nicht? Es macht sicher einen gewaltigen Unterschied, warum ein bestimmtes Mittel gewählt wird und natürlich auch, ob es seinem Zweck schließlich gerecht wird. Als Georg Elser damit scheiterte, Hitler durch eine zeitgezündete Bombe bei einer Rede vor einigen seiner fanatischsten Anhänger*innen zu töten, musste er wie viele vor und nach ihm die bittere Erfahrung machen, dass gerade dann, wenn man sich technologischer/technischer Mittel zur Begehung einer Tat bedient, die die Auslösung in die Zukunft verschieben, einem auch zunehmend mehr die Kontrolle über deren Verlauf entgleitet. Um 13 Minuten verfehlte Elser sein Ziel, stattdessen starben acht Personen und 63 weitere wurden verletzt. Bis auf die Angestellten der Brauerei (zumindest diejenigen, die nicht ebenfalls Nazis waren) in der die Explosion stattfand, allesamt Nazi-Funktionäre oder solche, die zum Aufstieg des Nationalsozialismus beigetragen hatten. Alternativ auch nicht schlecht, aber das Beispiel gehört wohl zu den wenigeren Fällen von Bombenattentaten, die auch unbeabsichtigte, aber in Kauf genommene Opfer forderten, von denen sich schwerlich sagen lässt, dass ihr Tod oder ihre Verletzungen auch nicht schlecht im Hinblick auf das verfolgte Ziel der*des Attentäter*in waren. Bevor eine zweite Granate im März 1981 endlich den Zar Alexander II tötete, tötete die erste, die seine Kutsche beschädigte und den Zaren zum Aussteigen zwang, beispielsweise auch einen Passanten und verletzte mehrere andere. Nur ein*e Feind*in des Individuums könnte das als „Kollateralschäden“ abtun, auch wenn es ebenso unnötig ist, die Attentäter*innen deshalb moralisch zu maßregeln.

Moralische Maßregelung ist ohnehin niemals das Niveau, auf das eine Debatte über unsere Mittel hinauslaufen sollte, wohl aber sollten wir einander kritisieren, wenn das eine oder andere gewählte Mittel in einem bestimmten Kontext sich als nicht mit antiautoritären Zielen vereinbar entpuppt. Und so verhält es sich eben auch mit Briefbomben. Auch wenn dies nicht wirklich mein Vorschlag war (zumindest meinte ich durchaus, dass man selbst die*der Postbot*in wäre), so kann ich gut nachvollziehen, dass eine Briefbombe, mit der man statt sich selbst, die*den Postbot*in, die*der sie ausliefert, in Gefahr bringt, nicht gerade das Musterbild antiautoritären Handelns ist. Es mag zwar bequem sein, die Logistik des Systems zur Übermittlung des eigenen Widerstands an seinen Bestimmungsort zu gebrauchen, aber wo wir uns auf diese hierarschische und unterdrückerische Institution verlassen, können wir nicht von uns behaupten, dass unser Gebrauch von ihr antiautoritär wäre, nur weil es unser Ziel ist, eine der Autoritäten des Systems anzugreifen. Und auch wenn dies nun nicht im Entferntesten etwas mit meinem Vorschlag zu tun hat, aber manchmal vielleicht ebenfalls mit Briefbomben in Verbindung gebracht wird, so bleibt mir der antiautoritäre Gehalt einer Briefbombe schleierhaft, die – sei es aus Bequemlichkeit oder aus anderen Gründen (z.B.: öffentliche Aufmerksamkeit) – an das Büro einer Institution geschickt wird, wohlwissend, dass sie dort nicht von den Verantwortlichen entpackt werden wird, sondern von irgendwelchen niederen Angestellten. Aber selbst wenn ich eine Briefbombe an eine*n der Herrschenden persönlich adressiere, aber weiß oder zumindest annehmen muss, dass dessen*deren Post nicht von ihr*ihm selbst bearbeitet, sondern von einem Büro, einer*m Sekretär*in geöffnet wird, so erscheint mir dieser Akt mehr als nur zynisch zu sein, ein Akt, der das die Briefbombe entpackende Individuum verachtet, es als Opfer für eine zweifelhafte Drohgebärde (denn warum sollte sich der Tyrann bedroht fühlen, wenn er doch weiß, dass all seine Post von solchen Sklav*innen entpackt wird und man sie*ihn auf diesem Wege auch in Zukunft nicht treffen wird) in Kauf nimmt, weil ich entweder zu faul oder zu feige war, einen besseren Weg zu ersinnen. Es scheint mir etwas anderes zu sein, im Versuch sie*ihn zu töten auch die Leibgarde einer*s Tyrann*in zu töten, weil diese zwischen ihr*ihm und mir steht und es mir willentlich verunmöglicht, an sie*ihn heranzukommen. Aber ein Mitglied der „Leibgarde“ (in Anführungszeichen, weil das Briefe-entpacken vermutlich in der Regel aus administrativen Gründen, nicht zum Schutze der*des Tyrann*in durch Angestellte erfolgen dürfte) zu töten, weil ich dem*der Tyrann*in Angst machen will und vielleicht noch den unwahrscheinlichen Wunsch hege, dass die*der Tyrann*in zufällig in der Nähe ist, wenn eine Briefbombe explodiert, das ist kein Angriff in diesem Sinne, sondern ein politisch-symbolischer Akt auf Kosten eben dieser Person.

Diesen Gedanken will ich verstanden wissen, bevor ich überhaupt über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, den Sinn und Unsinn eines modernen Tyrannenmordes in der techno-industriellen Zivilisation nachdenken will und mir leuchtet ein, dass ich das in meinem vorherigen Artikel nicht genügend klar gemacht habe, als ich dies alles mehr in einer Nebenbemerkung abspeiste, als sorgfältiger auszuführen, was ich damit meine. Ich denke ich will mich auch in diesem Nachtrag nicht viel ausführlicher mit diesem Thema beschäftigen, als ich es nun schon getan habe, einerseits weil ich meine Gedanken dazu noch nicht hinreichend sortiert habe, andererseits, weil ich die bei weitem interessantere Perspektive darin sehe, die technologische Infrastruktur zu sabotieren und zu zerstören, ohne die die modernen Tyrannen ihre neue Herrschaft vielleicht gar nicht erst voll entfalten können und die alten, potenziell im Aussterben begriffenen Tyrannen ebenfalls Schwierigkeiten haben werden, ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten. Jedenfalls scheinen mir Angriffe dieser Art ein Durchbrechen dessen, was ich zuvor Spiegelwelt genannt habe, einen Ausbruch aus dem technologischen Delirium des Internets und seiner virtualisierten Erfahrung der Welt also, zu ermöglichen. Und dies erscheint mir eine der Grundbedingung dafür zu sein, dass der der Technologisierung zugrunde liegende soziale Konflikt ausgetragen, der soziale Krieg gegen die techno-industrielle Zivilisation seinen Lauf nehmen kann.

[Nigeria] Gefängnisausbrüche, niedergebrannte Polizeiwachen, Regierungsgebäude und Banken …

Infolge der Aufstände, die mit der Forderung nach Abschaffung der berüchtigten Special Anti-Robbery Squad (SARS) (dt. etwa Spezialeinsatzkommando für Raubüberfälle; Anm. d. Übers.) Polizeikräfte in Nigeria begann, haben Revolutionär*innen Polizeiwachen, Regierungsgebäude und Banken überall im Land niedergebrannt. Revolutionär*innen haben außerdem in den Staaten Ondo und Delta Aktionen durchgeführt, die es Gefangenen ermöglichten zu fliehen.

Am Mittwoch wurde außerdem das Oberste Gericht auf Lagos Island [1] in Brand gesetzt.

Ein großer nigerianischer Fernsehsender mit Beziehungen zu einem Mitglied der regierenden Partei wurde ebenfalls niedergebrannt, während der Palast des ältesten traditionellen Anführers von Lagos geplündert wurde.

Militante widersetzen sich der Ausgangssperre, greifen Banken und das Rathaus von Aba an

Trotz einer 24-Stunden-Ausgangssperre, die von der Staatsregierung von Aba verordnet wurde, setzten Militante der EndSARS-Bewegung am Mittwoch das Rathaus von Aba in Brand, in dem das Sekretariat des Regierungsdistrikts Aba South sitzt.

Vor dem Eintreffen der Protestierenden waren die Beamten der Nigerianischen Sicherheits und Bürgerwehr (NSCDC), einer paramilitärischen Gruppe geflohen.

Militante haben außerdem drei First Generation Banken und ein Einkaufszentrum im Stadtbereich um die Etche-Straße angegriffen.

Die Revolutionär*innen hatten bereits am Dienstag die Polizeiwache der Dragons Squad gestürmt und zwei Polizist*innen der Einrichtung getötet. Zuvor hatten sie die Polizeiwache von Eziama an der Aba-Ikot Ekpene Straße angegriffen.

Die Protestierenden widersetzten sich einer 24 stündigen Ausgangssperre und zogen durch den zentralen Asa-Aba Motor Park von wo sie die Tore zum Rathaus von Aba aufbrachen und es in Brand steckten. Selbst mehrere von der Polizei errichtete Straßensperren um zentrale Straßen in der Stadt, die von Soldat*innen geschützt wurden, konnten die Militanten nicht davon abhalten, öffentliche Gebäude abzufackeln. Die Verkehrskontrollposten der Polizei wurden in den meisten Gebieten der Stadt zerstört.

Zwei Polizeiwachen, die von Ekeaba und Kpiri Kpiri wurden am Dienstag von Revolutionär*innen in Abakaliki, der Hauptstadt von des Staates Ebonyi niedergebrannt.

Über 600 Militante zogen von einem Ort zum Nächsten und sangen dabei Kriegslieder.

Die in den Wachen stationierten Polizist*innen waren aus Angst vor Angriffen geflohen, als sie sie näherkommen hörten.

Unter anderem setzten die Militanten den Hauptsitz des Fernsehsenders Television Continental (TVC), der Lagos Concession Company (LCC) in Lekki, den Lagos BRT Kopfbahnhof in Oyingbo und das Unternehmenshauptquartier der Nigerianischen Hafenaufsicht (NPA), sowie den Palast des Obas (eine Art König, Anm. d. Übers.) von Lagos, HRH Rilwan Akioulu II in Brand.

Polizeiwache von Igando niedergebrannt, Polizist getötet

In Lagos griffen Revolutionär*innen die Polizeiwache von Igando an, brannten sie nieder und töteten einen Polizisten. Ein anderer Polizist, von dem gesagt wurde, dass er der Leiter der Wache sei, wurde zu Brei geschlagen und zum sterben zurückgelassen. Sowohl die Polizeiwachen von Makinde und Ajah, als auch das Gebäude der Regionalentwicklungsbehörde von Ejigbo wurden ebenfalls angegriffen. Die Angriffe waren die Rache für die Ermordung von 12 Protestierenden durch Sicherheitspersonal in der Nacht des Dienstags an der Mautschranke von Lekki.

Der Leiter der Wache wurde mit Holzplanken angegriffen. Eines der Schweine, das auf die Revolutionär*innen schoss, wurde von den Militanten zu Boden geworfen und zu Tode geprügelt. Andere Polizist*innen flohen. Daraufhin stürmten die Kämpfer*innen die Wache und trugen Elektronik und andere Wertgegenstände heraus.

Polizeiwache von Makinde angegriffen

Als die Revolutionär*innen die Division von Makinde angriffen, schlugen sie die Polizist*innen in die Flucht. Schnell stellten sie fest, dass Verstärkungsanforderungen bei anderen Polizeiwachen unbeantwortet blieben, während die militanten Jugendlichen sich auf einige der Polizisten stürzten, in die Wache eindrangen und ihrer Waffen und Uniformen plünderten. Drei Banken der neuen Generation wurden von den Militanten ebenfalls angegriffen.

In Imo wird sich der Ausgangssperre widersetzt und Polizeiwachen niedergebrannt

Im Staat Imo brannten einige Pro-EndSARs Protestierende am Mittwoch einige Polizeiwachen nieder; trotz einer von der Staatsregierung verordneten 24-stündigen Ausgangssperre. Die betroffenen Polizeiwachen umfassen die Polizeiwachen von Nworieubi im Regierungsbezirk Mbaitoli die Polizeiwache der Bezirkspolizei von Orji im Regierungsbezirk Owerri North, sowie im Njaba lokalen Verwaltungsbezirk. Auch die Bezirkspolizeiwache von Umuguma im Regierungsbezirk Owerri West und andere Polizeiwachen wurden von den Protestierenden angegriffen.

Ondo: APC, PDP Büros und SARS Büro niedergebrannt und ein Gefängnisausbruch

In Akure im Staat Ondo drangen Revolutionär*innen in das Sekretariat der Demokratischen Volkspartei PDP ein und setzten sie in Brand. Das passierte nur Stunden nachdem das Sekretariat der regierenden All Progressive Congress-Partei APC des Staates Ondo ebenfalls zerstört worden war. Auch zwei Fahrzeuge wurden von den Militanten in Brand gesteckt. Das Büro der Special Anti-Robbery Squad SARS in der Hauptstadt ebenfalls niedergebrannt. Das PDP Staatssekretariat in Alagbaka in der Metropole von Akure wurde von nicht weniger als 50 Militanten in Brand gesteckt.

Am Donnerstag brachen Militante in das Okitipupa Gefängnis im Staat Ondo ein und befreiten die Gefangenen.

Nicht weniger als 58 Gefangene wurden während des Angriffs befreit.

Ein Fahrzeug wurde abgebrannt und mehrere Gegenstände wurden während des Angriffs zerstört.

Es wird berichtet, dass Protestierende um den Kings Square a, 19. Oktober in der Stadt Benin, der Hauptstadt des Staates Edo die Mauern des Hauptgebäudes des Nigerianischen Staatsgefängnisses eingrissen hätten.

Gefängnisausbruch im Okere Gefängnis in Warri im Staat Delta

In der Strafanstalt von Warri wurde von einem Gefängnisausbruch berichtet, als Revolutionär*innen das Gebäude stürmten und zahlreiche Gefangene aus der Einrichtung entkamen.

Der Angriff der Militanten gab den Gefangenen die Gelegenheit den Gefängniszaun niederzureißen und in die Freiheit zu entkommen.

Ein Teil des Gefändnisses, in dem die Akten der Gefangenen aufbewahrt werden, wurde von den rebellierenden Gefangenen niedergebrannt.

Der äußere Teil des Gefängnisgebäudes wurde von den Militanten ebenfalls in Brand gesteckt.

Revolutionär*innen in Nigeria werden mit großem Mut gegen die Unterdrückungskräfte tätig. Bewaffneter Kampf, der auf die Polizeikräfte abzielt und Handlungen, die es Gefangenen erlauben, in die Freiheit zu entfliehen sind inspirierend für Kämpfe auf der ganzen Welt. Anarchist*innen und Abolitionist*innen sollten ihre internationale Solidarität mit den Aufständen in Nigeria durch Direkte Aktionen zeigen.

Anmerkungen

[1] Lagos Island ist die Hauptinsel von Lagos, der größten Stadt Nigerias. Auf ihr befinden sich die meisten Regierungsgebäude, sowie der Palast des traditionellen Königs von Lagos.

 

Übersetzung eines englischen Berichts bei AMW English vom 23. Oktober 2020.

Randale anlässlich des Alkoholverbots in Münchner S-Bahnen 2011

Um das „subjektive Sicherheitsempfinden“ von Fahrgästen zu steigern, wurde Ende 2011 ein allgemeines Alkoholverbot in Münchner S-Bahnen verhängt. Dass das bei all denjenigen, die sich nicht gerade bedroht fühlen, wenn jemand in ihrer Nähe einen Schluck Bier oder Wein zu sich nimmt, nicht gerade auf Begeisterung stieß, war abzusehen.

Nachdem mehrere tausend Menschen einem Aufruf zu einem „MVV-Abschiedstrinken“ gefolgt waren, eskalierte die Situation im Laufe der Nacht an mehreren Bahnhöfen und in den S-Bahnen: Trennwände, Beleuchtungen, Deckenverkleidungen und Glasscheiben fielen der Wut der Menschen zum Opfer. Insgesamt rund 50 S-Bahnen seien nach dieser Nacht beschädigt gewesen, resümierte die Bahn in den Folgetagen und sah darin den Beweis dafür, dass das Alkoholverbot in S-Bahnen eine angemessene „Maßnahme“ sei.

Naja, offenbar kann sich hier jede*r ihre eigene Interpretation zurechtlegen …

Die Münchner Bierkrawalle im März 1844

Eine königlich verordnete Bierpreiserhöhung um einen Pfennig löste im März 1844 viertägige Krawalle in München aus, die mit einer Rücknahme der Bierpreiserhöhung und sogar einer späteren Senkung des ursprünglichen Bierpreises beendet wurden.

Nachdem zuvor bereits der Brotpreis erhöht worden war, eskalierte die Situation in München am 01. März 1844, dem Tag der Bierpreiserhöhung wohl spätestens damit, dass die ersten Zechen ausgestellt wurden. Je nach Quelle sammelten sich daraufhin, ebenso wie an den folgenden Tagen mehrere hundert bis mehrere tausend Arbeiter*innen auf den Straßen Münchens, warfen Scheiben öffentlicher Gebäude und Brauereien ein, zerstörten die Einrichtungen und errichteten Barrikaden. Die Meute zog sogar vor den Palast des Königs, wo sie vom Militär, das sich zuvor – wohl aus Sympathie mit dem Anliegen – geweigert hatte, die Aufstände niederzuschlagen, gestoppt wurde. Nachdem dem König in den folgenden Tagen ein prestigeträchtiger Theaterbesuch vermiest wurde und die Ausschreitungen weiter anhielten, nahm der König die Bierpreiserhöhung am 05. März 1844 zurück. Daraufhin endeten die Ausschreitungen.

„Um dem Militär und der arbeitenden Klasse einen gesunden und wohlfeilen Trunk zu bieten.“ wurde einige Monate später, im Oktober 1944 der Bierpreis sogar noch einmal um 1 1/2 Kreuzer herabgesetzt.

Der britische Revolutionärsschnösel Engels, der die Ereignisse aus der Ferne mit den Worten „Wenn das Volk einmal gelernt hat, dass es der Regierung […] Angst einjagen konnte, dann wird es schnell erkennen, dass es eben so einfach ist, ihr auch bei wichtigeren Angelegenheiten das Fürchten zu lehren“ kommentierte, verkannte dabei schon damals, dass es weder eine wichtigere, noch eine unwichtigere Angelegenheit als eine Bierpreiserhöhung gibt, um zu revoltieren. Als neuer Möchtegern-Anführer der Revolution braucht es für Engels freilich irgendeinen gewichtigen Anlass, der spätestens nüchtern betrachtet dann seine eigene Herrschaft legitimieren soll. Wer jedoch aufrichtig gegen jede Form der Herrschaft rebelliert, die*der braucht doch sicher keine „wichtigere Angelegenheit“ als die Erhöhung des Bierpreises oder vielleicht neurdings ein Alkoholverbot. Wenn die möchtegern-revolutionären Autoritäten von mir verlangen aus diesen oder jenen richtigen Gründen zu rebellieren, dann erfüllt mich die Revolte aus den aus ihrer Sicht „falschen Gründen“ doch mit der größten Genugtuung. Also her mit dem Bier und dann nichts wie weg mit der Flasche in Richtung der Bullen!

Übrigens kam es auch nach 1844 immer wieder zu kleineren Randalen aufgrund von unliebsamen Regelungen hinsichtlich des Bieres in München. Beispielsweise im Oktober 1848.