Tag Archives: Aufstand & Revolte

Angriffe auf die technologische Herrschaft

20.11. Provinz von Verona (Italien) Vier Funkmasten (Mobilfunk-, Rundfunk-, Fernsehen) werden mit Farbe attackiert.
30.11. Montreal Island (Kanada) Mehrere autonome Gruppen unterbrechen den Schienenverkehr in der Gegend von Montreal Island. Es werden „Jumper“-Kabel verwendet, die das Signal geben, dass gerade ein Güterzug vorbeifährt, wodurch das Schienennetz an mehreren Schlüsselverbindungen gestört wird. „Arterien, die den Fluss des Kapitals durch den Kontinent ermöglichen, Wege zum Transport von Bitumen und anderen Produkten der Ressourcenausbeutung, Kolonisierung und des Todes. Schienen sind schon immer das Instrument kolonialer Expansion gewesen.“
04.12. British Columbia (Kanada) Sabotage eines Strommastes durch das Lockern einiger Bolzen und das Durchtrennen eines Abspannseils, die Stromlinie dient u. a. auch dazu eine im Bau befindlichen Anlage von LNG Canada (Verflüssigung von Erdgas) mit Strom zu versorgen.
15.12. Narasapura (Indien) Ein Aufstand erschüttert die Wistron IPhone-Fabrik in Narasapura. Fast 2000 Arbeiter*innen begehren dagegen auf nicht den vereinbarten Lohn ausgezahlt bekommen zu haben. Arbeiter*innen legen Feuer, beschädigen Maschinen, werfen Fenster ein und Autos auf dem Parkplatz um. Autos werden angezündet und tausende IPhones entwendet. Der Aufstand zwingt die Fabrik dazu zwei Wochen lang ihre Produktion einzustellen.
31.12. Berlin Während eines nächtlichen Spaziergangs wird ein E-Scooter angezündet und die Fassade des Berliner Firmengebäudes des Software-Konzerns SAP mithilfe von Hammerschlägen zertrümmert.
04.01. Saint-Pierre-la-Palud (Frankreich) Ein Funkmast wird angezündet. Ironischerweise wird durch diesen Brandanschlag das Alarmsystem der lokalen Feuerwehr in acht Kasernen gestört. Die Polizei erklärt, dass das Kabel zwischen dem Mast und der technischen Basisstation Feuer gefangen hätte.

„Gutes Fernsehen“: ein Hindernis dafür unregierbar zu werden

Kurze Vorbemerkung des Übersetzers:

Während des Stay-at-Home-Diktats ist es verlockend seine Zeit risikolos mit endlosem Netflix-, Amazon-Prime-, Hulu-, etc. Konsum auf- und auszufüllen. Ein nie enden wollender Stream an Serien ermöglicht es eine:r sich von den Maßnahmen und der eigenen – meist freiwilligen – Unterwerfung abzulenken. Man hockt vereinzelt daheim vor dem Bildschirm, während man innerlich, sozial und emotional verkümmert. Wer dabei immer noch glaubt, dass es ein Zurück zur „alten Normalität“ geben wird, kann nur noch als naiv bezeichnet werden. Eine gesamtgesellschaftliche Umstrukturierung ist im Gange hin zu einem kybernetischen, planetaren Freiluftgefängnis und wer jetzt ausschließlich daheim lungert und sich Serien ballert, stimmt zu. Hier geht es nicht um eine moralische Verurteilung, sondern um ein nüchternes Festhalten von Tatsachen. Und wenn wir nicht nur von Freiheit schwätzen, sondern diese auch erringen wollen, gilt es diese Umstrukturierung zu konfrontieren. Ein erster Schritt für viele könnte ein Bruch mit dem sein, was im nachfolgenden Text als „gutes Fernsehen“ beschrieben wird.


„Unregierbar werden“ [„Become ungovernable“] ist eine Parole, die Anarchist:innen dieser Tage gerne verwenden. Es klingt cool und passt zur anarchistischen Ästhetik von Revolte und spektakulärem Konflikt. Es bedeutet unmittelbar nicht viel, aber das ist ihre Schönheit, denn die Bedeutung verschiebt sich mit jeder Person und den Besonderheiten ihres Lebens. Mit keiner Revolution, stattdessen aber Umweltkatastrophen, Staatsgewalt und Amokläufen am Horizont, liefert die Parole einen Pfad nach vorne anstatt in Anbetracht auf unsere no-future Zukunft zu verzweifeln: sich der Unterwerfung gegenüber dem Gesetz, der Pflicht und der Passivität des alltäglichen Lebens zu verweigern.

Aber, unregierbar „werden“? Wie in „dein eigenes Leben in ein Unregiertes verwandeln“? Das ist es, wo die Dinge schwierig werden. Der Kapitalismus und die Technologie, die durch ihn entwickelt wurde, haben Umstände geschaffen, die die Schaffung langfristiger Lebensgewohnheiten außerhalb von Passivität und Konsumieren nahezu verunmöglichen. Die Spielzeuge der Informationstechnologie sind klein, aber enthalten Terabytes an Ablenkung, immer die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer:innen zu sich hinziehend, wie das massive Gravitationsfeld eines kleinen schwarzen Loches. Selbst die Energieschübe eines spektakulären Moments der Krise, die durch den Kapitalismus hervorgerufen wurde, mag die Leute kurzzeitig von ihrer täglichen Tech-Routine abbringen, für Tage, Wochen oder sogar Monate, aber das System hat Werkzeuge, um die Leute wieder zurückzuziehen. Es gäbe hier eine Menge zu untersuchen, aber dieser Artikel beschäftigt sich nur mit einem Element: „gutem Fernsehen“.

Wir leben in der Ära des „guten Fernsehens“ oder der „goldenen Ära des Fernsehens“, einem relativ neuen Phänomen, wo Fernseh-Serien als intelligent, packend und sogar als künstlerische Arbeiten angepriesen werden. Bis ins letzte Jahrzehnt hatte der „Flimmerkasten“ gewissermaßen einen schlechten Ruf. Während die meisten der Masse von ihm eingesogen wurden, wie sie es heute auch sind, schien es, dass die Leute damals zumindest wussten, dass es eine geistlose Unterhaltung war und verdrehten ihre Augen gegenüber dem eingespielten Lachen im Hintergrund, den Spieleshows und der Gefühlsduselei.

Da das Fernsehen in aller erster Linie ein Vehikel für die Werbung war, wurden die Shows so gestaltet, dass sie dem kleinsten gemeinsamen Nenner entsprachen und deshalb die unkontroverseste und normativste Porträtierung der Charaktere und des Lebens enthielt. Sie zeigten fast ausschließlich attraktive weiße Schauspieler:innen, die statische und eindimensionale Klischeecharaktere spielten. Mit dem „guten Fernsehen“ haben die Shows überzeugende fortlaufende Geschichten, Komödien wurden schärfer und Charaktere haben ein weiteres Spektrum an Emotionen und sind nicht mehr länger nur weiße heterosexuelle Personen. Zusätzlich werden Nischenzuseherschaften mit subkulturellen Anekdoten, politischen Witzen, Ästhetik und Ton geködert, was es den Zuseher:innen ermöglicht, sich leichter mit spezifischen Serien zu identifizieren. In anderen Worten: Das Ansehen des Fernsehens ist in die Höhe gegangen und Fernsehen wird damit nicht mehr als etwas angesehen, das vermieden werden sollte.

Die „gute“ Qualität der Programme ging in die Höhe mit dem Erfolg von HBOs „The Sopranos“ und „The Wire“ in den frühen 2000ern. Die düsteren und stimmungsvollen Sopranos nutzten subtile literarische Techniken und komplexen Symbolismus, während sie Geschichten über das organisierte Verbrechen erzählten, als Metaphern und Kritiken des gegenwärtigen amerikanischen Lebens. The Wire, ähnlich pessimistisch, beschrieb detailliert die Lügen und Widersprüche rund um den Drogenkrieg im urbanen Amerika, um aufzuzeigen, wie schwierig und naiv Reformversuche sein können. Die Sopranos waren ein kommerzieller Erfolg, The Wire zwar nicht so sehr außerhalb liberaler und akademischer Kreise, jedoch demonstrierten diese beiden Serien der Fernsehindustrie, dass Zuseher:innen an Serien interessiert waren, die einen Aufwand beinhalteten und eine Sorgfalt, die in sie gesteckt wurde und damit mehr als nur geistlose Unterhaltung. Folglich wurden Serien wie True Detektive produziert, die unzählige literarische und philosophische Quellen und Referenzen aufweisen.

Auch wenn sie nicht immer so tiefgründig sind wie The Sopranos oder The Wire, hat es seither eine Verbreitung von Serien gegeben, welche fortlaufende Geschichten erzählen, wie die Soap-Opern der Vergangenheit, nur mit viel mehr Sorgfalt, die in die Ausarbeitung der Charaktere und den Plot gesteckt wird, genauso wie ein höheres Budget für das Gestalten der Kulisse und das Anstellen der Schauspieler:innen. Im Gegensatz zu episodischen Serien, wo alles mehr oder weniger am Ende der Folge zum Normalzustand zurückkehrt, sind diese Serien ähnlich einem Buch, wo jede Folge ein Kapitel darstellt. Episoden hören oft mit einem Cliffhanger auf oder mit einem dramatischen Moment, der eine große Aufregung kreiert und damit Vorfreude auf die nächste Folge schafft. Oder sie werden auf einen Schlag als Staffel veröffentlicht, damit man sie „binge-watchen“ kann. Verglichen mit deinem banalen jedoch sorgenvollen Leben unter dem techno-industriellen Kapitalismus geben diese Serien mit ihren fortlaufenden Geschichten der Zuseher:in eine eskapistische Fantasie eines Lebens als Abenteuer, jedoch von der Sicherheit des Schlafzimmers oder der Couch.

Wahrscheinlich resultierend vom unmittelbaren Feedback der Zuseher:innen in Internetforen und in den sozialen Medien haben Marktforscher:innen die Inhalte für die Medienunternehmen verfeinert, sowohl, was sie in der Vergangenheit schlecht gemacht haben, als auch, wie sie Serien für spezifische Demographien stricken müssen. Zusätzlich wurden Kulturkritiken integriert, die von Akademiker:innen in den 90ern verfasst wurden und die ausführlich beschrieben, dass Serien und Filme rassistisch, homophob und sexistisch waren. Dieses Material, einschließlich der tumblr-Sphäre, in der Serien, anhand dieser Kriterien, praktisch in Echtzeit kritisiert werden, ist alles zugänglich für Marktforscher:innen, um es zu untersuchen und um so ihre Produkte der Generation der Millenials zu vermarkten, die sich für soziale Gerechtigkeit zu interessieren scheint. Das hat mittlerweile zu bestimmten Serien geführt, die jetzt einen höheren Prozentsatz an Schauspieler:innen of Color und queeren Charakteren haben, was ihre Anziehungskraft erweitern kann, besonders wenn eine jüngere Zuseherschaft geködert werden soll.

Für jene, die an der Befreiung von Unterdrückung, Ausbeutung und anderen Systemen der Kontrolle interessiert sind, ist gutes Fernsehen eine schlechte Nachricht. Das Fernsehen ist eine Technologie der sozialen Kontrolle und die Welt wäre ein besserer Ort, wenn sie zerstört wäre. Jedoch scheint es, als wie wenn das Gegenteil geschehen würde, und Leute zunehmend dahin gesogen werden einen signifikanten Teil ihrer Zeit damit zu verbringen, diese Serien zu schauen. Sei es gutes Fernsehen oder 90er Sitcoms, diese Technologie isoliert die Leute voneinander und folglich fördert sie die Einsamkeit und Angst im Kapitalismus. Serien rahmen [frame] diese Gesellschaft und all ihre ekelhaften Mechanismen und sozialen Beziehungen als natürlich. Und sie töten die Vorstellungskraft, indem sie uns in eine Position der Passivität zwingen, wo wir in einen Empfängermodus versetzt werden, während wir mit Bildern, Archetypen und Geschichten überflutet werden. Fernsehen ist schlecht als solches, und im besonderen, weil es Revolte verhindert und Leute davon abhält, tätig zu werden gegen die albtraumhafte Welt um sie herum.

Isolation und die Ideologie, die der Technologie inhärent ist.

Der Kapitalismus erzeugt Isolation. In keiner anderen Gesellschaft in der Geschichte haben die Menschen eine solche Trennung zwischen sich selbst und den anderen erfahren. Das liegt daran, dass getrennte Leute leichter zu kontrollieren sind. Wo Leute einander regelmäßig begegnen, existiert das Potential für eine Vielzahl an Interaktionen, Verhaltensweisen und Beziehungen, die sich über die Zeit entwickeln können. In diesen Räumen wird es möglich für Leute Vertrauen aufzubauen, sich über Frustrationen auszutauschen und vielleicht rebellische Akte gemeinsam durchzuführen. Streiks, Krawalle und das Aufbauen subversiver Bande braucht Räume, um sich zu entfalten. Es gibt einen Grund, wieso totalitäre Gesellschaften Gesetze einführen, die verbieten, dass sich mehr als eine gewisse Anzahl von Leuten in der Öffentlichkeit versammeln. Das Fernsehen ist das liberale demokratische Mittel für dieses Problem, in dem es Leute zu freiwilliger Isolation antreibt.

Das Kapital, das grob und vereinfacht definiert werden kann als „Geld, das in etwas investiert wird, um mehr Geld zu machen“, kolonisiert über die Zeit hinweg zunehmend die Welt und transformiert sie, damit die Investitionen profitabel sein können. Dieser Prozess involviert die Evolution der Technologien in eine Richtung, die den Status Quo unterstützt und die Gewohnheiten und kulturellen Normen zementiert, die von diesem Status profitieren. Wir kommen nach dem Arbeiten erschöpft nach Hause und die attraktivste Option ist es, auf der Couch zu kollabieren, vielleicht eine Beziehungsperson neben uns, während amüsierende Spektakel auf dem Bildschirm vorbeiziehen, bis wir schlafen gehen und unsere Körper wieder genug aufladen, um uns wieder in die Arbeit zu schleppen. Das ist nicht natürlich. Das ist die Umwelt, die über die Zeit dominant geworden ist, da sie für das Kapital nützlich ist – das ist der Kapitalismus.

Sich hinzusetzen und eine Serie zu schauen ist besonders verführerisch, da es tatsächlich keinerlei Aufwand erfordert. Es ist die einfachste Option Langeweile zu vertreiben und sich von Sorgen abzulenken. Im Gegensatz dazu erfordert das Sozialisieren mit anderen aktives Zuhören und emotionale Energie. Die Möglichkeit das Falsche zu sagen, sich zu blamieren oder verletzt und unglücklich zu werden durch etwas, das jemand sagt, besteht immer. Deshalb zieht uns das Fernsehen, das viel leichter zu handhaben ist, weg von den sozialen hin zu den getrennten privaten Welten.

Gutes Fernsehen tötet dabei die Kreativität, da es keinen Grund zu denken oder damit zu ringen gibt, was man mit seiner Zeit anstellen soll, wenn dich der Bildschirm immer mit unmittelbarer Unterhaltung verbinden kann. Das Fernsehen füllt die leeren Stellen in deiner täglichen Routine. Es gibt keine Dringlichkeit sich mit einer Gesellschaft zu konfrontieren, die alles zerstört durch Umweltkatastrophen, Krieg und Unterdrückung, da die Möglichkeit sich abzulenken oder uns leicht zu unterhalten immer besteht.

Die Leute verlieren rasant das Talent miteinander von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren. Diese Tendenz, die Jahrhunderte alt ist, wird schlimmer mit jeder Generation, mit der Zunahme der Vermittlung durch die Informationstechnologien. Es ist ein allgemeines kulturelles Trope zu bemerken, dass die Leute kaum wirklich miteinander kommunizieren. In unserer Zeit ist die Verlockung der vermittelnden Technologie oder der freiwilligen Isolation durch das Zuhausebleiben und Serienschauen ein Resultat und ein weiterer Grund für dieses Phänomen. Je unsicherer wir sind, desto mehr bleiben wir drinnen, je mehr wir drinnen bleiben, desto unsicherer werden wir.

Zusätzlich dazu, dass Leute in die Isolation gezogen werden, präsentieren das Fernsehen und ähnliche Medienformate, wie Filme, die Welt unhinterfragt, wie sie ist. Die Porträts des Lebens kopieren die Struktur unserer Leben, die wir jetzt leben und verstärken deshalb die Hegemonie dieser Lebensformen in unseren Köpfen. Das ist keine intentionale Strategie der Eliten, die sich das in einem verrauchten Hinterzimmer ausgemacht haben, sondern in die Technologie selbst eingeschrieben.

Das alltägliche Leben, soziale Beziehungen, Wertesysteme, Technologie und sogar die Geographie der Infrastruktur sind dem Kapitalismus spezifisch, zu dieser Stufe seiner Entwicklung. Die tagtägliche Erfahrung aufzuwachen, in die Arbeit zu fahren, zu arbeiten, nach Hause zu fahren, Netflix zu schauen und schlafen zu gehen, ist eine von Millionen möglichen Lebensformen, die existieren können. Der Kapitalismus hat die Welt kolonisiert und hält uns damit davon ab, fast jede andere mögliche Lebensform zu entdecken und/oder zu erschaffen. Jedoch haben die Charaktere in den Serien und Filmen ein in etwa ähnliches Alltagsleben wie wir. (Wenn die Dinge abweichen, dann in spezifischen Genres, wie Fantasy oder Science Fiction, wo diese Abweichung Teil des Reizes ist.) Wenn wir diese Spektakel auf fortlaufender Basis konsumieren, werden die Rhythmen und Formen des Alltagsleben unter dem Kapitalismus in unseren Köpfen zementiert, so dass es scheint, dass kein anderes Leben möglich sein könnte.

Um klar zu sein, das Fernsehen „verteidigt“ diese Konzeptualisierung des Lebens nicht. Stattdessen präsentiert es Karikaturen unseres tagtäglichen Lebens, unserer Beziehungen und der Art und Weise, was wir alles als Normalität hinnehmen müssen. Wie jede Ideologie verschleiert sie sich dabei als natürlich. Jedwede gutartigen Intentionen subversiven Inhalt für das Fernsehen zu produzieren und Visionen, wie das Fernsehen in einer post-kapitalistischen Welt aussehen könnte, würden genau dieselben Umstände schaffen für Isolation und Ideologie.

Abschließend

Ich will das Fernsehen und die Welt, die es spiegelt, bis zu den Grundfesten zerstören. Die Welt, von der ich träume, kennt natürlich Geschichten, Rollenspiele und andere ähnliche Formen des Spiels, jedoch nicht so eine geistbetäubende und passive wie das Fernsehen.

Ich weiß nicht, was sich Leser:innen von diesem Artikel mitnehmen sollen. Ich kenne nur mein eigens Leben und ich habe kein Interesse daran, Leuten zu erzählen, was sie in ihrem alltäglichen Leben tun sollen. Jedoch weiß ich, dass diese Gesellschaft mystifiziert, was sie den Leuten antut und ich habe Interesse daran, diese Dinge aufzuzeigen, wenn ich sie sehe. Dass das Fernsehen durchschnittlich grob fünf Stunden täglich die Leute in den USA aussaugt [1], scheint mir wichtig zu bemerken und darüber nachzudenken, was das für uns heißt. Besonders für jene von uns, die eine Revolte und ein Leben kreieren wollen, basierend auf den eigenen subversiven Begierden.

Frei übersetzt aus dem Englischen. Originaltitel: „Good TV as a Roadblock to Becoming Ungovernable, or Anything Else Really“; Original veröffentlicht in Plain Words #4, Winter 2017/2018, Bloomingto, Indiana. Oder: https://plainwordsbloomington.noblogs.org/post/2017/09/16/good-tv-as-a-roadblock-to-becoming-ungovernable-or-anything-else-really/#more-430

Anmerkungen

[1] https://www.nytimes.com/2016/07/01/business/media/nielsen-survey-media-viewing.html

Über Tyrannenmorde und Briefbomben

Ein Nachtrag

Ich scheine mich in dem Artikel Corona und der Totalitarismus des Technologischen (Zündlumpen #078) missverständlich ausgedrückt zu haben, zumindest scheint mir eine Auslegung meiner Worte zu kursieren, die ich so jedenfalls nicht gemeint habe. Vielleicht sind es auch die sarkastisch gemeinten – an sich unnötigen, aber aus einer Gemütslage der Belustigung ergänzten – Post-Scriptum-Notizen, die schließlich die Entstellung des Gesagten vollenden. Wie auch immer. Als ich am Ende des Artikels folgendes schrieb, wollte ich damit nicht ausdrücken, dass ich per se für ein Wiederaufleben der Waffe der Briefbombe sei und schon gar nicht, dass ich es für eine per se kluge Idee halte, eine*n x-beliebigen Briefträger*in mit einer hochexplosiven, tödlichen Sendung auf den Weg zu schicken:

In einer Welt, in der man letztlich höchstens als Postbot*in ins Freie zu treten vermag, mag sich der*die eine oder andere vielleicht auch unwillkürlich des eingangs erwähnten Beispiels von der Briefbombe für den Autoren von Mirror Worlds erinnern. Was wäre auch naheliegender, wo doch auch sonst alles in Paketen seinen Bestimmungsort erreicht? Und wenn es auch nicht die Freiheit sein mag, die da im Inneren eines Päckchens zwischen den täglichen Amazon-Bestellungen vor sich hin schlummert, so wäre es doch vielleicht ein Schritt in ihre Richtung.

Aber besser noch, als sich nur der Tyrannen der Spiegelwelten zu entledigen, wäre doch, wir würden nicht zögern, auch den Spiegel ein für alle Mal zu zertrümmern, der hier freilich statt aus Glas aus Glasfasern und Funkwellen besteht.

Vielleicht ist die Briefbombe eine verunglückte Metaphorik gewesen. Warum sollte man, wenn man als „Postbot*in ins Freie [tritt]“ und an der Türe irgendeines Herrschenden klingelt nicht auch gleich einen Revolver benutzen? Sei’s drum. Die Briefbombe erschien mir wegen des eingangs erwähnten Beispiels vom Angriff des Freedom Clubs auf David Gelernter, dessen Spiegelwelten-Metapher mein Text aufgreift und dem Querverweis auf die Amazon-Päckchen passender. Aber vielleicht hätte der scheinbar rein positiven Bezugnahme auf den Freedom Club auch zumindest ein Verweis auf meine eigene Kritik an einigen dessen Grundannahmen vorangehen können … Vielleicht lohnt sich das ja auch einmal in einem zukünftigen Artikel, denn zumindest angesichts der jüngsten Episode der Technologisierung könnte es sich auch lohnen, einige Passagen aus Industrial Society and its Future erneut zu lesen.

Aber hier will ich mich nun auf einige Nachträge beschränken, die das Mittel der Briefbombe betreffen. Vielleicht ist das eigentlich auch langweilig, weil mein Vorschlag ohnehin auf die „Zertrümmerung des Spiegels“ abzielte, also die Zerstörung der Infrastruktur, die dieses technologische Delirium, in dem wir uns wiederfinden, ermöglicht. Vielleicht ist es müßig in jedem Detail nachzuzeichnen, was mich veranlasste, auch Überlegungen zum Tyrannenmord anzustellen, aber bedeutend scheint mir in diesem Kontext einerseits zu sein, dass derzeit durchaus Kritiken kursieren, die sich mit der spezifischen Rolle der (neuen?) Tyrannen des globalen Lockdowns beschäftigen und denen ich zumindest insofern etwas abgewinnen kann, dass ich durchaus sehe, dass es spezifische Akteur*innen gibt, die diese Entwicklung entscheidend vorantreiben, um ihre Profite aus ihr zu ziehen, andererseits, was vielleicht aus ersterem resultiert, dass wo eine vormals demokratische Herrschaft sich de facto wieder zu einer „archaischeren“ Form, einer Herrschaft im Ausnahmezustand, einer Herrschaft eines oder weniger Tyrannen zu entwickeln scheint, vielleicht auch das in der Demokratie – wegen des scheinbar endlosen Nachschubs an Tyrannen? – an Bedeutung eingebüßt habende Mittel des Tyrannenmordes wieder an Bedeutung gewinnen könnte. Ich habe dazu keine abschließende Meinung. Gerade in Zeiten jedoch, in denen die scheinbare Allmacht einer einzelnen Person oder einer kleinen Gruppe von Personen so sehr in den Vordergrund tritt, dass sie jeglichen Widerstand dadurch zu lähmen droht, da entfesselte die Ermordung eines oder mehrerer dieser Tyrannen, seien es nun Zaren, König*innen, Diktator*innen, Polizeipräsident*innen, Richter*innen oder Industriebosse gewesen, diesen Widerstand manchmal. Und dabei ist es egal, ob es eine Granatenexplosion, Ein Schuss aus einem Revolver, ein Stich mit einer Feile oder eben eine Zeit-/Briefbombe ist, die zum Abtreten des Tyrannen führt. Oder nicht? Es macht sicher einen gewaltigen Unterschied, warum ein bestimmtes Mittel gewählt wird und natürlich auch, ob es seinem Zweck schließlich gerecht wird. Als Georg Elser damit scheiterte, Hitler durch eine zeitgezündete Bombe bei einer Rede vor einigen seiner fanatischsten Anhänger*innen zu töten, musste er wie viele vor und nach ihm die bittere Erfahrung machen, dass gerade dann, wenn man sich technologischer/technischer Mittel zur Begehung einer Tat bedient, die die Auslösung in die Zukunft verschieben, einem auch zunehmend mehr die Kontrolle über deren Verlauf entgleitet. Um 13 Minuten verfehlte Elser sein Ziel, stattdessen starben acht Personen und 63 weitere wurden verletzt. Bis auf die Angestellten der Brauerei (zumindest diejenigen, die nicht ebenfalls Nazis waren) in der die Explosion stattfand, allesamt Nazi-Funktionäre oder solche, die zum Aufstieg des Nationalsozialismus beigetragen hatten. Alternativ auch nicht schlecht, aber das Beispiel gehört wohl zu den wenigeren Fällen von Bombenattentaten, die auch unbeabsichtigte, aber in Kauf genommene Opfer forderten, von denen sich schwerlich sagen lässt, dass ihr Tod oder ihre Verletzungen auch nicht schlecht im Hinblick auf das verfolgte Ziel der*des Attentäter*in waren. Bevor eine zweite Granate im März 1981 endlich den Zar Alexander II tötete, tötete die erste, die seine Kutsche beschädigte und den Zaren zum Aussteigen zwang, beispielsweise auch einen Passanten und verletzte mehrere andere. Nur ein*e Feind*in des Individuums könnte das als „Kollateralschäden“ abtun, auch wenn es ebenso unnötig ist, die Attentäter*innen deshalb moralisch zu maßregeln.

Moralische Maßregelung ist ohnehin niemals das Niveau, auf das eine Debatte über unsere Mittel hinauslaufen sollte, wohl aber sollten wir einander kritisieren, wenn das eine oder andere gewählte Mittel in einem bestimmten Kontext sich als nicht mit antiautoritären Zielen vereinbar entpuppt. Und so verhält es sich eben auch mit Briefbomben. Auch wenn dies nicht wirklich mein Vorschlag war (zumindest meinte ich durchaus, dass man selbst die*der Postbot*in wäre), so kann ich gut nachvollziehen, dass eine Briefbombe, mit der man statt sich selbst, die*den Postbot*in, die*der sie ausliefert, in Gefahr bringt, nicht gerade das Musterbild antiautoritären Handelns ist. Es mag zwar bequem sein, die Logistik des Systems zur Übermittlung des eigenen Widerstands an seinen Bestimmungsort zu gebrauchen, aber wo wir uns auf diese hierarschische und unterdrückerische Institution verlassen, können wir nicht von uns behaupten, dass unser Gebrauch von ihr antiautoritär wäre, nur weil es unser Ziel ist, eine der Autoritäten des Systems anzugreifen. Und auch wenn dies nun nicht im Entferntesten etwas mit meinem Vorschlag zu tun hat, aber manchmal vielleicht ebenfalls mit Briefbomben in Verbindung gebracht wird, so bleibt mir der antiautoritäre Gehalt einer Briefbombe schleierhaft, die – sei es aus Bequemlichkeit oder aus anderen Gründen (z.B.: öffentliche Aufmerksamkeit) – an das Büro einer Institution geschickt wird, wohlwissend, dass sie dort nicht von den Verantwortlichen entpackt werden wird, sondern von irgendwelchen niederen Angestellten. Aber selbst wenn ich eine Briefbombe an eine*n der Herrschenden persönlich adressiere, aber weiß oder zumindest annehmen muss, dass dessen*deren Post nicht von ihr*ihm selbst bearbeitet, sondern von einem Büro, einer*m Sekretär*in geöffnet wird, so erscheint mir dieser Akt mehr als nur zynisch zu sein, ein Akt, der das die Briefbombe entpackende Individuum verachtet, es als Opfer für eine zweifelhafte Drohgebärde (denn warum sollte sich der Tyrann bedroht fühlen, wenn er doch weiß, dass all seine Post von solchen Sklav*innen entpackt wird und man sie*ihn auf diesem Wege auch in Zukunft nicht treffen wird) in Kauf nimmt, weil ich entweder zu faul oder zu feige war, einen besseren Weg zu ersinnen. Es scheint mir etwas anderes zu sein, im Versuch sie*ihn zu töten auch die Leibgarde einer*s Tyrann*in zu töten, weil diese zwischen ihr*ihm und mir steht und es mir willentlich verunmöglicht, an sie*ihn heranzukommen. Aber ein Mitglied der „Leibgarde“ (in Anführungszeichen, weil das Briefe-entpacken vermutlich in der Regel aus administrativen Gründen, nicht zum Schutze der*des Tyrann*in durch Angestellte erfolgen dürfte) zu töten, weil ich dem*der Tyrann*in Angst machen will und vielleicht noch den unwahrscheinlichen Wunsch hege, dass die*der Tyrann*in zufällig in der Nähe ist, wenn eine Briefbombe explodiert, das ist kein Angriff in diesem Sinne, sondern ein politisch-symbolischer Akt auf Kosten eben dieser Person.

Diesen Gedanken will ich verstanden wissen, bevor ich überhaupt über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, den Sinn und Unsinn eines modernen Tyrannenmordes in der techno-industriellen Zivilisation nachdenken will und mir leuchtet ein, dass ich das in meinem vorherigen Artikel nicht genügend klar gemacht habe, als ich dies alles mehr in einer Nebenbemerkung abspeiste, als sorgfältiger auszuführen, was ich damit meine. Ich denke ich will mich auch in diesem Nachtrag nicht viel ausführlicher mit diesem Thema beschäftigen, als ich es nun schon getan habe, einerseits weil ich meine Gedanken dazu noch nicht hinreichend sortiert habe, andererseits, weil ich die bei weitem interessantere Perspektive darin sehe, die technologische Infrastruktur zu sabotieren und zu zerstören, ohne die die modernen Tyrannen ihre neue Herrschaft vielleicht gar nicht erst voll entfalten können und die alten, potenziell im Aussterben begriffenen Tyrannen ebenfalls Schwierigkeiten haben werden, ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten. Jedenfalls scheinen mir Angriffe dieser Art ein Durchbrechen dessen, was ich zuvor Spiegelwelt genannt habe, einen Ausbruch aus dem technologischen Delirium des Internets und seiner virtualisierten Erfahrung der Welt also, zu ermöglichen. Und dies erscheint mir eine der Grundbedingung dafür zu sein, dass der der Technologisierung zugrunde liegende soziale Konflikt ausgetragen, der soziale Krieg gegen die techno-industrielle Zivilisation seinen Lauf nehmen kann.

[Nigeria] Gefängnisausbrüche, niedergebrannte Polizeiwachen, Regierungsgebäude und Banken …

Infolge der Aufstände, die mit der Forderung nach Abschaffung der berüchtigten Special Anti-Robbery Squad (SARS) (dt. etwa Spezialeinsatzkommando für Raubüberfälle; Anm. d. Übers.) Polizeikräfte in Nigeria begann, haben Revolutionär*innen Polizeiwachen, Regierungsgebäude und Banken überall im Land niedergebrannt. Revolutionär*innen haben außerdem in den Staaten Ondo und Delta Aktionen durchgeführt, die es Gefangenen ermöglichten zu fliehen.

Am Mittwoch wurde außerdem das Oberste Gericht auf Lagos Island [1] in Brand gesetzt.

Ein großer nigerianischer Fernsehsender mit Beziehungen zu einem Mitglied der regierenden Partei wurde ebenfalls niedergebrannt, während der Palast des ältesten traditionellen Anführers von Lagos geplündert wurde.

Militante widersetzen sich der Ausgangssperre, greifen Banken und das Rathaus von Aba an

Trotz einer 24-Stunden-Ausgangssperre, die von der Staatsregierung von Aba verordnet wurde, setzten Militante der EndSARS-Bewegung am Mittwoch das Rathaus von Aba in Brand, in dem das Sekretariat des Regierungsdistrikts Aba South sitzt.

Vor dem Eintreffen der Protestierenden waren die Beamten der Nigerianischen Sicherheits und Bürgerwehr (NSCDC), einer paramilitärischen Gruppe geflohen.

Militante haben außerdem drei First Generation Banken und ein Einkaufszentrum im Stadtbereich um die Etche-Straße angegriffen.

Die Revolutionär*innen hatten bereits am Dienstag die Polizeiwache der Dragons Squad gestürmt und zwei Polizist*innen der Einrichtung getötet. Zuvor hatten sie die Polizeiwache von Eziama an der Aba-Ikot Ekpene Straße angegriffen.

Die Protestierenden widersetzten sich einer 24 stündigen Ausgangssperre und zogen durch den zentralen Asa-Aba Motor Park von wo sie die Tore zum Rathaus von Aba aufbrachen und es in Brand steckten. Selbst mehrere von der Polizei errichtete Straßensperren um zentrale Straßen in der Stadt, die von Soldat*innen geschützt wurden, konnten die Militanten nicht davon abhalten, öffentliche Gebäude abzufackeln. Die Verkehrskontrollposten der Polizei wurden in den meisten Gebieten der Stadt zerstört.

Zwei Polizeiwachen, die von Ekeaba und Kpiri Kpiri wurden am Dienstag von Revolutionär*innen in Abakaliki, der Hauptstadt von des Staates Ebonyi niedergebrannt.

Über 600 Militante zogen von einem Ort zum Nächsten und sangen dabei Kriegslieder.

Die in den Wachen stationierten Polizist*innen waren aus Angst vor Angriffen geflohen, als sie sie näherkommen hörten.

Unter anderem setzten die Militanten den Hauptsitz des Fernsehsenders Television Continental (TVC), der Lagos Concession Company (LCC) in Lekki, den Lagos BRT Kopfbahnhof in Oyingbo und das Unternehmenshauptquartier der Nigerianischen Hafenaufsicht (NPA), sowie den Palast des Obas (eine Art König, Anm. d. Übers.) von Lagos, HRH Rilwan Akioulu II in Brand.

Polizeiwache von Igando niedergebrannt, Polizist getötet

In Lagos griffen Revolutionär*innen die Polizeiwache von Igando an, brannten sie nieder und töteten einen Polizisten. Ein anderer Polizist, von dem gesagt wurde, dass er der Leiter der Wache sei, wurde zu Brei geschlagen und zum sterben zurückgelassen. Sowohl die Polizeiwachen von Makinde und Ajah, als auch das Gebäude der Regionalentwicklungsbehörde von Ejigbo wurden ebenfalls angegriffen. Die Angriffe waren die Rache für die Ermordung von 12 Protestierenden durch Sicherheitspersonal in der Nacht des Dienstags an der Mautschranke von Lekki.

Der Leiter der Wache wurde mit Holzplanken angegriffen. Eines der Schweine, das auf die Revolutionär*innen schoss, wurde von den Militanten zu Boden geworfen und zu Tode geprügelt. Andere Polizist*innen flohen. Daraufhin stürmten die Kämpfer*innen die Wache und trugen Elektronik und andere Wertgegenstände heraus.

Polizeiwache von Makinde angegriffen

Als die Revolutionär*innen die Division von Makinde angriffen, schlugen sie die Polizist*innen in die Flucht. Schnell stellten sie fest, dass Verstärkungsanforderungen bei anderen Polizeiwachen unbeantwortet blieben, während die militanten Jugendlichen sich auf einige der Polizisten stürzten, in die Wache eindrangen und ihrer Waffen und Uniformen plünderten. Drei Banken der neuen Generation wurden von den Militanten ebenfalls angegriffen.

In Imo wird sich der Ausgangssperre widersetzt und Polizeiwachen niedergebrannt

Im Staat Imo brannten einige Pro-EndSARs Protestierende am Mittwoch einige Polizeiwachen nieder; trotz einer von der Staatsregierung verordneten 24-stündigen Ausgangssperre. Die betroffenen Polizeiwachen umfassen die Polizeiwachen von Nworieubi im Regierungsbezirk Mbaitoli die Polizeiwache der Bezirkspolizei von Orji im Regierungsbezirk Owerri North, sowie im Njaba lokalen Verwaltungsbezirk. Auch die Bezirkspolizeiwache von Umuguma im Regierungsbezirk Owerri West und andere Polizeiwachen wurden von den Protestierenden angegriffen.

Ondo: APC, PDP Büros und SARS Büro niedergebrannt und ein Gefängnisausbruch

In Akure im Staat Ondo drangen Revolutionär*innen in das Sekretariat der Demokratischen Volkspartei PDP ein und setzten sie in Brand. Das passierte nur Stunden nachdem das Sekretariat der regierenden All Progressive Congress-Partei APC des Staates Ondo ebenfalls zerstört worden war. Auch zwei Fahrzeuge wurden von den Militanten in Brand gesteckt. Das Büro der Special Anti-Robbery Squad SARS in der Hauptstadt ebenfalls niedergebrannt. Das PDP Staatssekretariat in Alagbaka in der Metropole von Akure wurde von nicht weniger als 50 Militanten in Brand gesteckt.

Am Donnerstag brachen Militante in das Okitipupa Gefängnis im Staat Ondo ein und befreiten die Gefangenen.

Nicht weniger als 58 Gefangene wurden während des Angriffs befreit.

Ein Fahrzeug wurde abgebrannt und mehrere Gegenstände wurden während des Angriffs zerstört.

Es wird berichtet, dass Protestierende um den Kings Square a, 19. Oktober in der Stadt Benin, der Hauptstadt des Staates Edo die Mauern des Hauptgebäudes des Nigerianischen Staatsgefängnisses eingrissen hätten.

Gefängnisausbruch im Okere Gefängnis in Warri im Staat Delta

In der Strafanstalt von Warri wurde von einem Gefängnisausbruch berichtet, als Revolutionär*innen das Gebäude stürmten und zahlreiche Gefangene aus der Einrichtung entkamen.

Der Angriff der Militanten gab den Gefangenen die Gelegenheit den Gefängniszaun niederzureißen und in die Freiheit zu entkommen.

Ein Teil des Gefändnisses, in dem die Akten der Gefangenen aufbewahrt werden, wurde von den rebellierenden Gefangenen niedergebrannt.

Der äußere Teil des Gefängnisgebäudes wurde von den Militanten ebenfalls in Brand gesteckt.

Revolutionär*innen in Nigeria werden mit großem Mut gegen die Unterdrückungskräfte tätig. Bewaffneter Kampf, der auf die Polizeikräfte abzielt und Handlungen, die es Gefangenen erlauben, in die Freiheit zu entfliehen sind inspirierend für Kämpfe auf der ganzen Welt. Anarchist*innen und Abolitionist*innen sollten ihre internationale Solidarität mit den Aufständen in Nigeria durch Direkte Aktionen zeigen.

Anmerkungen

[1] Lagos Island ist die Hauptinsel von Lagos, der größten Stadt Nigerias. Auf ihr befinden sich die meisten Regierungsgebäude, sowie der Palast des traditionellen Königs von Lagos.

 

Übersetzung eines englischen Berichts bei AMW English vom 23. Oktober 2020.

Randale anlässlich des Alkoholverbots in Münchner S-Bahnen 2011

Um das „subjektive Sicherheitsempfinden“ von Fahrgästen zu steigern, wurde Ende 2011 ein allgemeines Alkoholverbot in Münchner S-Bahnen verhängt. Dass das bei all denjenigen, die sich nicht gerade bedroht fühlen, wenn jemand in ihrer Nähe einen Schluck Bier oder Wein zu sich nimmt, nicht gerade auf Begeisterung stieß, war abzusehen.

Nachdem mehrere tausend Menschen einem Aufruf zu einem „MVV-Abschiedstrinken“ gefolgt waren, eskalierte die Situation im Laufe der Nacht an mehreren Bahnhöfen und in den S-Bahnen: Trennwände, Beleuchtungen, Deckenverkleidungen und Glasscheiben fielen der Wut der Menschen zum Opfer. Insgesamt rund 50 S-Bahnen seien nach dieser Nacht beschädigt gewesen, resümierte die Bahn in den Folgetagen und sah darin den Beweis dafür, dass das Alkoholverbot in S-Bahnen eine angemessene „Maßnahme“ sei.

Naja, offenbar kann sich hier jede*r ihre eigene Interpretation zurechtlegen …

Die Münchner Bierkrawalle im März 1844

Eine königlich verordnete Bierpreiserhöhung um einen Pfennig löste im März 1844 viertägige Krawalle in München aus, die mit einer Rücknahme der Bierpreiserhöhung und sogar einer späteren Senkung des ursprünglichen Bierpreises beendet wurden.

Nachdem zuvor bereits der Brotpreis erhöht worden war, eskalierte die Situation in München am 01. März 1844, dem Tag der Bierpreiserhöhung wohl spätestens damit, dass die ersten Zechen ausgestellt wurden. Je nach Quelle sammelten sich daraufhin, ebenso wie an den folgenden Tagen mehrere hundert bis mehrere tausend Arbeiter*innen auf den Straßen Münchens, warfen Scheiben öffentlicher Gebäude und Brauereien ein, zerstörten die Einrichtungen und errichteten Barrikaden. Die Meute zog sogar vor den Palast des Königs, wo sie vom Militär, das sich zuvor – wohl aus Sympathie mit dem Anliegen – geweigert hatte, die Aufstände niederzuschlagen, gestoppt wurde. Nachdem dem König in den folgenden Tagen ein prestigeträchtiger Theaterbesuch vermiest wurde und die Ausschreitungen weiter anhielten, nahm der König die Bierpreiserhöhung am 05. März 1844 zurück. Daraufhin endeten die Ausschreitungen.

„Um dem Militär und der arbeitenden Klasse einen gesunden und wohlfeilen Trunk zu bieten.“ wurde einige Monate später, im Oktober 1944 der Bierpreis sogar noch einmal um 1 1/2 Kreuzer herabgesetzt.

Der britische Revolutionärsschnösel Engels, der die Ereignisse aus der Ferne mit den Worten „Wenn das Volk einmal gelernt hat, dass es der Regierung […] Angst einjagen konnte, dann wird es schnell erkennen, dass es eben so einfach ist, ihr auch bei wichtigeren Angelegenheiten das Fürchten zu lehren“ kommentierte, verkannte dabei schon damals, dass es weder eine wichtigere, noch eine unwichtigere Angelegenheit als eine Bierpreiserhöhung gibt, um zu revoltieren. Als neuer Möchtegern-Anführer der Revolution braucht es für Engels freilich irgendeinen gewichtigen Anlass, der spätestens nüchtern betrachtet dann seine eigene Herrschaft legitimieren soll. Wer jedoch aufrichtig gegen jede Form der Herrschaft rebelliert, die*der braucht doch sicher keine „wichtigere Angelegenheit“ als die Erhöhung des Bierpreises oder vielleicht neurdings ein Alkoholverbot. Wenn die möchtegern-revolutionären Autoritäten von mir verlangen aus diesen oder jenen richtigen Gründen zu rebellieren, dann erfüllt mich die Revolte aus den aus ihrer Sicht „falschen Gründen“ doch mit der größten Genugtuung. Also her mit dem Bier und dann nichts wie weg mit der Flasche in Richtung der Bullen!

Übrigens kam es auch nach 1844 immer wieder zu kleineren Randalen aufgrund von unliebsamen Regelungen hinsichtlich des Bieres in München. Beispielsweise im Oktober 1848.

[Frankfurt a.M.] Krawalle am Opernplatz

In der Nacht auf Sonntag, den 19. Juli 2020 kam es am Opernplatz in Frankfurt am Main zu Ausschreitungen. Weil sich einige Leute die Schikanen der Bullen dort nicht länger gefallen lassen wollten, bewarfen sie diese mit Flaschen und beschädigten auch einige ihrer Fahrzeuge. Fünf der Schweine wurden bei den Ausschreitungen verletzt. Presseberichten zufolge jubelte die Menge von 500 bis 800 Personen, wenn eine Flasche ihr Ziel fand.

Die Cops nahmen 39 Personen fest, mussten sie aber am Montag alle wieder gehen lassen.

[Athen, Griechenland] Riots bei Protesten gegen das neue drakonische Gesetz zum Verbot von Demonstrationen

09. Juli 2020, Athen, Griechenland. Ein vom sich selbst als sozialistisch bezeichnenden Minister für öffentliche Ordnung (Michalis Chrisohoidis), der Teil einer rechten Regierung (Neue Demokratie) ist, mit Unterstützung der selbsternannten sozialistischen Partei (KINAL) eingereichter, Junta-inspirierter [1] Gesetzesvorschlag wurde am Donnerstag vom griechischen Parlament verabschiedet. Dieser enthält neue Beschränkungen, um das Recht auf Demonstrationen einzuschränken und zu zerstören, ein Recht, das für sogenannte Demokratien so essentiell ist. Zum Beispiel kann mensch durch das neue Gesetz für die Teilnahme an einer Demonstration, die nicht durch die Polizei erlaubt wurde, verhaftet werden. Dutzende Jahre lang wurde soetwas überall auf der Welt Polizeistaat oder Diktatur genannt, dabei ist der Name der regierenden Partei Griechenlands „Neue Demokratie“, was vermutlich das selbe bedeutet, oder warum sollte mensch sonst das Bedürfnis empfinden, der politischen Theorie der „Demokratie“, die sich seit über 2500 Jahren verfestigt hat, das Wort „Neu“ voranzustellen?

Deshalb zogen tausende Menschen durch die Innenstadt von Athen und protestierten gegen das neue Gesetz und eine große Zahl von Ihnen schaffte es, zum griechischen Parlament auf dem Syntagma-Platz vorzudringen, während darin über das Gesetz diskutiert wurde. Der Anblick hunderter Polizist*innen, die das Gebiet um das Parlament während eines derart sensiblen Themas des Protests umstellt hatten, verschärfte die Situation und schon bald verwandelte sich die Demonstration in einen Riot, der das Atmen unerträglich machte, als die Polizei das Gebiet mit Sickgas-Granaten „bombadierte“.

Nach einer Dekade währenden Finanzkrise wird in Griechenland in diesem Jahr eine große Rezession durch den Einfluss der Pandemie erwartet. Das neue Gesetz, das gestern verabschiedet worden ist, scheint exakt darauf hinzudeuten, was kommen wird: Die extreme Reaktion der griechischen Gesellschaft auf das von der griechischen Regierung und dem Bürgermeister Athens (Kostas Bakoyannis) während der Quarantäne und dem was folgte hinausgeworfene Geld. Kein Wunder, dass die griechische Regierung entschieden hat, tausende neue Polizist*innen einzustellen, anstelle von Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen während der Covid-19-Pandemie. Aber, wie schon zuvor bemerkt, lautet der Name der regierenden Partei „Neue Demokratie“ …

 

Übersetzung aus dem Englischen. Ursprünglich unter dem Titel „Athens: Protest turns to riot against the new draconian law of banning protests (Greece)“ erschienen, bei Act For Freedom Now.

Anmerkungen:

[1] „Die Junta“ bezeichnet die griechische Militärdiktatur von 1967 bis 1974. (Anm. d. Übers.)

Der Aufstand in Minneapolis und die Zerstörung des 3. Polizeireviers

Einige Auszüge aus einem Interview zu den Ereignissen in Minneapolis:

„(…) Die Community der Twin Cities hat in den letzten paar Jahre schon mehrere Beachtung findende Polizeimorde an Individuen gesehen. 2015 wurde Jamar Clard von der Polizei ermordet während er am Boden lag, Hinrichtungsstil, mit Pistole, auf kurze Distanz, nur ein Block vom 4. Polizeirevier von Minneapolis entfernt. Während den Protesten welche folgten gab es eine mehrwöchige Belagerung des 4. Reviers welche in Molliangriffen auf die Polizeistation kulminierte, ebenso gab es andere Scharmützel zwischen Protestierenden und Polizei. Während jener Zeit tauchten weisse Rassisten [white supremancists] auf und schossen auf mehrere Black Lives Matter Aktivisten.

Dann erschossen die Bullen 2016 in den Twin Cities [Minneapolis & St. Paul] Philando Castile während einer Verkehrskontrolle, bei der er auf dem Mitfahrersitz eines Autos mit seiner Partnerin und Kind sass, welche seine letzten Momente live auf Facebook streamte während er ausblutete. Während den Protesten welche auf den Mord an Philando Castile folgten wurden Autobahnen von Protestierenden blockiert und eskalierte Taktiken, einschliesslich des Feuerns von Mörserfeuerwerken in Polizeilinien, angewandt.

Dieses öffentliche Lynchen durch die Polizei, zusammen mit tausenden mehr in den letzten Jahren in den Vereinigten Staaten, sind nur ein kleiner Teil eines viel grösseren historischen Kontexts, von dem, was zum Aufstand über das polizeiliche Lynchen von George Floyd führte. Wenn der gegenwärtige Aufstand in den Vereinigten Staaten darin scheitert eine reale und unmittelbare substantielle Veränderung zu schaffen, dann wird der Konflikt, den man in diesem Land in den letzten Wochen gesehen hat rasch zu eskalieren fortfahren und möglicherweise in einen ausgewachsenen Bürgerkrieg auslaufen.

Farbige Menschen stehen auf und konfrontieren ihre Unterdrücker, teilweise aufgrund der Tatsache, dass es eine hohe statistische Wahrscheinlichkeit gibt, dass sie von der Polizei ermordet werden, egal ob sie zurückschlagen oder nicht. Einfach ausgedrückt: es gibt für die Leute keine Angst zurückzuschlagen weil es keine Hoffnung und keine Zukunft gibt es anders zu tun.

(…)

Am Tag nachdem George Floyd von der Polizei ermordet wurde, begaben sich die Protestierenden der Community zum Polizeirevier im 3. Bezirk, all die Wut und Hoffnungslosigkeit vom Kampf gegen vergangene Polizeimorde im Gepäck. Die Protestierenden zertrümmerten Polizeiautos während die Bullen sich, blast ball Granaten [Eine Art Blendschockgranaten mit Tränengas kombiniert] werfend und mit weniger-tödlicher Munition schiessend vor der schnell vorstossenden Menge zurückzogen.

Am nächsten Tag versammelten sich Protestierende einmal mehr ausserhalb des 3. Reviers, errichteten Barrikaden in den Strassen und schmissen Steine auf die Fenster der Polizeistation. Schwerbewaffnete Bullen mit Riot-Helmen, Schlagstöcken, Pistolen und grossen Gewehren standen vor dem Hauteingang zur Station. Taktische Einheiten standen auf einer hohen Ebene entlang des Daches der Wache und schossen auf die Protestierenden mit „weniger-tödlicher“ 40mm Markierungsgeschossen [marker rounds], Granaten und Tränengas.

Die Situation spielte sich ab wie eine revolutionäre Kriegswiedereinsetzung, in welcher die Polizei Salven von Projektilen in die Gesichter und Genitalien der Protestierenden feuerte, aber ohne dass die Protestierenden Salven zurückfeuerten. Es begannen Protestierende zu Boden zu gehen, schreiend, da ihre Augen zerstört wurden, und Luftröhren kollabierten durch den Hochgeschwindigkeitseinschlag von den 40mm Markierungsgeschossen.

Ärzte und andere Freiwillige trugen die Verwundeten zu nahestehenden Fahrzeugen, welche schnell ins Spital fuhren, während andere damit begannen, naheliegende Läden zu plündern und Gebäude anzuzünden. Dies verringerte die Stärke der Polizeikräfte die das 3. Revier verteidigten, insofern als diese schnell verschiedene Rioteinheiten abziehen mussten um die Feuerwehr zu den Feuern in der Stadt zu eskortieren.

Bei Einbruch der Dunkelheit hatte die Polizei komplett die Kontrolle über die Stadt verloren und die Protestierenden besetzten verschiedene Blocks rund um das 3. Revier. Mit dem folgenden Tag hatte sich die Nachricht in den Twin Cities verbreitet, dass die Polizei nicht fähig war das Chaos und das Plündern zu stoppen, welches um den Mittag rum in St. Paul bei hellem Tageslicht begonnen hatte. Bullen von verschiedenen Zuständigkeitsbereichen befanden sich einer viel grösseren Menge von Protestierenden und umherziehenden Gruppen von mit Brecheisen und anderem Brechwerkzeugen bewaffneten Plünderern gegenüber. Während Blocks von Geschäften in St. Paul in Flammen aufgingen, begaben sich Protestierende an diesem Abend wieder zum 3. Revier hin. Verschiedene grosse Strukturen im Gebiet rund um das 3. Revier, welche der vorangegangenen Nacht zu Asche reduziert wurden, qualmten noch immer.

Derweil suchten Protestierende welche Gasmasken und Helme trugen Steine und Sperrholz zusammen um den eskalierten Kampf gegen die Polizei vorzubereiten. Polizisten auf dem Hausdach setzten ihre Strategie, auf die Protestierenden hinunterzufeuern, fort. Inzwischen wussten die Protestierenden welche Taktiken und Munition von der Polizei zu erwarten war und spürten auch eine extreme Hoffnungslosigkeit, hatten sie doch den Tag zuvor ihre Freunde schreckliche Verletzungen erleiden sehen. Einige Protestierende brachten kugelsichere Kevlar-Anzüge, Molotov Cocktails, Steinschleudern, Motorsägen, Paintballausrüstung, Pistolen, und sogar Sturmgewehre. Es war klar, dass diese Nacht anders als jede andere Nacht sein würde und dass, auf die eine oder andere Art, die Community die Polizeistation runterbrennen würde.

Als die Strassenschlacht in Grösse und Intensität wuchs, erkannten die Bullen bald, dass ihre Leben in höchster Gefahr waren.

Tausende von Protestierenden stiessen mit Schildwällen durch die Wolken von Tränengas vor, zerdepperten Fenster auf Bodenhöhe, während Protestierende von hinten den Vorstoss mit dem feuern von Mörserfeuerwerk gegen die Polizei, welche mit „weniger-tödlichen“ Gewehren vom Dach schoss, deckten. Ein Polizist auf dem Fach schien direkt vom Mörserfeuerwerk getroffen zu sein, was ihn eine Granate fallen liess, welche adrupt in seinem Gesicht explodierte. Die Bullen auf dem Dach zogen sich schnell ins Gebäude zurück, während eine andere Gruppe versuchte den Vorstoss der Protestierenden ausserhalb des Gebäudes zu flankieren.

Als die Sonne unterging waren die Feuer in der Stadt Berichten zufolge von 30 Meilen entfernt zu sehen, im nahegelegenen Staat von Wisconsin. Als die Dunkelheit einsetzte begann die Polizei das 3. Revier zu evakuieren. Die Menge stiess zur Polizeibarrikade vor, warf Steine nach den Bullen und riss Zäune nieder während dutzende Polizisten um ihr Leben rannten, raus auf der Hinterseite des 3. Reviers. Ein Konvoi von panischen Polizisten fuhr ihre Einheitswagen durch deren eigenes geschlossenes Einganstor, während hinten ein gepanzertes BearCat-Gefährt 40mm Markierungsgeschosse in die rapide vorrückende Protestmenge schoss, so fuhren sie hinaus in die Nacht. Mündungsfeuer konnten in die Nacht blitzend gesehen werden, da Tausende Protestierende jubelten und durch das Abfeuern von Magazinen und Feuerwerk feierten.

Protestierende begannen schnell durch verschiedene Eingänge zugleich in die Wache einzubrechen, einige vorne und einige hinten. Man sah Protestierende Überwachungskameras zertrümmern, während andere Molotov Cocktails in die Fenster des zweiten Stocks schmissen. Die Leute arbeiteten zusammen um die Türen zur Wache aufzubrechen, behelfsmässige Rammböcke benutzend, während andere Äxte, Vorschlaghämmer, Schrotflinten und Handkreissägen benutzten. Nach einem ziemlichen Aufwand schwangen die Türen auf und die Protestierenden stürmten in das 3. Revier. Bewaffnete Protestierende welche Pistolen und Sturmgewehre trugen bewegten sich mit der Menge vor. Feuer und Schatten konnten in den Fenstern gesehen werden als einige Protestierende draussen mit neuerworbenen Polizeiuniformen, Riothelemn, Kevlarwesten und Polizeiknüppeln paradierten. Die komplette Wache wurde umgehend zertrümmert und geplündert während eine andere Gruppe von Individuen IED’s [improvised explosive devices; dt.: Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung; USBV] reintrug, aus Propangasbehältern gemacht, um das Gebäude zu sprengen. Am Ende der Belagerung war die komplette Front des 3. Reviers in Flammen gehüllt, mit Protestierenden die in den Strassen von Süd-Minneapolis feierten. Diese Nacht rief der Gouverneur von Minnesota die Armee der National Garde um die Kontrolle über sowohl St. Paul als auch Minneapolis zurückzuerlangen.

Die folgenden Tagen waren voll mit schnellst eskalierenden Konflikten zwischen der Community, Polizei und Armee, welche auch damit begann Sturmgewehre mit scharfer Munition zu tragen. Mehr Gebäude gingen in Minneapolis in Flammen auf.

Die meisten der abgefackelten Geschäfte waren jene, welche die Armen und Farbigen für Jahrzehnte ausgesaugt hatten, wie etwa Zahltagskreditvergeber [pay-day loans; etwas wie „Minikredit“] und Banken.

Gruppen von Plünderern konnte man dabei beobachten, wie sie elektrische Sägen an Geldautomaten benutzten während andere mit Pistolen dabeistanden und ihre Räubereien beschützten. Während jedem nächtlichen Scharmützel beamten Laser zwischen Protestierenden und Heckenschützen der Polizei hin und her, während militärische UH-60 Black Hawk Helikopter und Raubtierdrohnen [so wird das Drohnenmodell „General Atomics MQ-1″ genannt] über der Stadt kreisten.

Nach Tagen der Unruhe begann die Community sich neu zu versammeln und am Ort an dem George Floyd ermordert wurde eine friedliche Besetzung zu formen. Dort kann man Mitglieder der Community sehen wie sie Dosenfrass verteilen, ein Barbeque grillen und Pläne diskutieren die Polizeibehörde abzuschaffen.

(…)

In Minneapolis kommen jetzt die Arbeiterklasse-Leute aller Farben in den Strassen zusammen und benutzen verschieden Formen der direkten Aktion um Druck auf jene an der Macht auszuüben, die Polizeibehörde abzuschaffen. Nach den ersten paar Tagen des intensiven urbanen Konflikts in den Twin Cities kommt die Community jetzt zusammen um die Grundbedürfnisse ihrer Nachbarn zu unterstützen. Die Gegend im Süden von Minneapolis, wo George Floyd ermordet wurde, ist jetzt von der Community blockiert und besetzt, dort werden verschiedene Dienstleistungen für umsonst für die Bedürftigten angeboten, so wie Essen und medizinische Versorgung. Polizeipatrouillen haben in vielen Teilen der Twin Cities drastisch abgenommen seit der Aufstand begann. Während die Belagerung des 3. Reviers darin erfolgreich war, die Polizei dazu zu bringen, die Community zu verlassen, ist die befriedigendste Errungenschaft wie die Community zusammenkommt um alternativen zu den unterdrückerischen Polizierungsmethoden zu finden, welche sie so lange geplagt haben.“

Aus: ‘Something has changed in the power dynamic’; https://anarchistnews.org/content/%E2%80%98something-has-changed-power-dynamic%E2%80%99

[Libanon] Chronik der Revolte gegen die durch Corona noch weiter verschärfte Wirtschaftskrise

Bericht vom 28.04. – Die Revolte ist stärker als ihre Ausgangssperre

Im Libanon, auch wenn die Quarantänebestimmungen [confinement], die am 14. März eingerichtet worden waren, diesen Montag ihr Ende nahmen, sind die Maßnahmen der „Entquarantänisierung“ [dé-confinement] nicht weniger drastisch, insbesondere mit der Einrichtung einer Ausgangssperre. Dies konnte dennoch nicht verhindern, dass sich die Straßen entflammten (insbesondere die Banken). Am Abend des Montags, den 27. April in Tripolis, im Norden des Landes, haben tausende Personen den Quarantänebestimmungen und der Ausgangssperre getrotzt, indem sie auf die Straße gingen, um zahlreiche Banken anzuzünden und sich den bewaffneten Milizen des Staates zu stellen. Mindestens ein Militärfahrzeug brannte durch den Wurf eines Molotowcocktails ab. Die Repression durch die Armee ist  heftig: 40 Personen mussten ins Krankenhaus und ein junger 26-jähriger Mann starb, nachdem er während Auseinandersetzungen mit den Militärs durch eine Kugel verletzt worden war.

Männer, Frauen und Kinder marschierten in den Straßen und schrien „Revolution! Revolution!“. Die Protestierenden wurden in dem Moment von der Armee zurückgedrängt, als sie zum Haus eines Parlamentariers wollten, demgegenüber sie feindlich sind. Einige haben Steine geworfen, die Armee antwortete mit Schüssen in die Luft, um die Menge in der Zone rund um den Al-Nour-Platz zu zerstreuen. Unter anderen wurden ein Jeep der Armee und mehrere Bankfilialen durch den Wurf von Molotow-Cocktails in Brand gesetzt.

Am selben Abend wurden die Räume der Zentralbank in Sidon (im Süden) Ziel von Stein- und Böllerwürfen, wie die nationale Informationsagentur berichtete. In derselben Stadt war bereits am Samstag abend ein Sprengsatz gegen eine Bank geworfen worden.

Die letzten Tage hatte es tagsüber mehrere Demonstrationen gegeben, insbesondere durch Autokolonnen in der Hauptstadt, trotz der Quarantänebestimmungen, die am 14. März durch die Autoritäten ins Lebens gerufen worden waren, die auch eine nächtliche Ausgangssperre etablierten.

Am Abend des 26. April wurden mehrere libanesische Banken in Tripolis und Mina (im Norden) durch Unbekannte angegriffen. Diese Angriffe bildeten die Fortsetzung von ähnlichen Ereignissen in Tyr und Saïda im südlichen Libanon, im Laufe des Wochenendes, während der Libanon mit seiner schlimmsten Wirtschafts- und Finanzkrise seit 30 Jahren konfrontiert ist. Des Nachts hat ein Gruppe Personen die Fassade der Bank Byblos in Mina angegriffen, ehe sie die Flucht ergriff. Im Zentrum von Tripolis, sind es die Filialen der BLOM Bank und der BBAC, die Ziel von Molotow-Cocktails wurden, die Männer, die Schutzmasken trugen, warfen. […]

„Die Politiker lenken unsere Aufmerksamkeit mit dem Coronavirus ab, um weiter stehlen zu können“, skandierten am 16. April Demonstrierende, ehe sie von den Streitkräften der Armee niedergeprügelt wurden.

Der Libanon hatte am 17. Oktober 2019 eine große Bewegung der Revolte erlebt, bei der der Al-Nour-Platz in Tripolis während langer Monate das Nervenzentrum der Revolution vom 17. Oktober gewesen war: an bestimmten Tagen waren Hunderttausende im ganzen Land auf die Straße gegangen, um ihre Wut herauszuschreien und danach zu handeln. Die Banken wurden regelmäßig Ziel, von der Straße der Komplizenschaft mit der politischen Macht beschuldigt und beschuldigt zur ungebremsten öffentlichen Verschuldung und dem Staatsbankrott beigetragen zu haben. Seit Monaten grassiert eine sehr schwere Wirtschaftskrise im Libanon, die durch die Coronapandemie und die Präventionsmaßnahmen, die darauf folgten, noch verschlimmert wurde.

Circa 45 % der Bevölkerung lebt laut offiziellen Schätzungen inzwischen unter der Armutsgrenze. 2020 sollte die Wirtschaft laut internationalem Währungsfond eine massive Schrumpfung von 12 % erleben. Der Libanon erfährt auch eine Abwertung seiner nationalen Währung im Vergleich zum Dollar, was eine heftige Inflation zur Folge hatte.

Der Coronavirus ist die geringste aller Sorgen der Libanes*innen, die verhungern. Die Gesamtanzahl an Personen, die sich seit dem 21. Februar am Virus angesteckt haben, beläuft sich auf 672. Und bisher gab es 21 Tote.

[Überwiegend vom „L’Orient-Le Jour“ vom 28.04.2020 übernommen, mit einigen Ergänzungen von Démesure.]

Aus dem Französischen übersetzt von Sans Attendre Demain.

Bericht vom 29.04. – Hin zu einer Ansteckung der Revolte? (28. April 2020, aktualisiert)

Diesen Dienstag, den 29. April, haben sich die Meutereien am zweiten Tag in Folge in Tripolis fortgesetzt. Am Vorabend hat die Nachricht vom Tod eines Demonstranten, Fawaz Fouad Samman, der am Vorabend von Kugeln während Auseinandersetzungen mit der Armee getötet wurde, die Feuer der Revolte in mehreren Städten geschürt, insbesondere im Süden des Landes, wie in Beyruth und in Saïda. Diese neue Nacht der Zusammenstöße soll 81 Verwundete unter den Sicherheitskräften (51 Militärs allein schon in Tripolis verwundet, darunter 6 Offiziere) verursacht haben. Um die zwanzig Personen wurden in Tripolis verhaftet.

In Tripolis, der zweitgrößten Stadt des Landes, hatten sich mehrere Tausend Menschen auf den Al-Nour-Platz eingefunden, unter dem Slogan „Das wird verheerend sein“, Anspielung auf die Natur der Demonstration: hunderte junge Leute haben die Straßen verbarrikadiert, zahlreiche Banken geplündert und angezündet (insbesondere die der libano-französischen Bank), Pflastersteine aus den Gehsteige gerissen, um sie auf die Militärs zu werfen und zwei Militärfahrzeuge abgefackelt. Sie sind mithilfe von Tränengas und Gummikugeln auseinandergetrieben worden. Die Soldat*innen haben ebenfalls die Verfolgung einiger Individuen aufgenommen, die mehrere Fahrzeuge der Armee beschädigt haben. Diese Unruhen haben direkt nach der Beerdigung des jungen Familienvaters stattgefunden, die am frühen Nachmittag organisiert worden war, inmitten einer angespannten Menge, die gekommen war, um ihm die letzte Ehre zu erweisen trotz der Bedrohung durch den Coronavirus. Auf dem Bahsas-Platz wurden zwei Soldaten durch Steinwürfe verletzt und ein Militärfahrzeug ist beschädigt worden.

Bevor die Spannung auf dem Al-Nour-Platz stieg, hatten Demonstrant*innen Steine auf die Residenz des ehemaligen Premierministers Nagib Mikati à Mina geworfen. Die Armee und die Sicherheitskräfte, groß eingesetzt, setzten massiv Gas ein, um die Demonstrierenden zu vertreiben. Daraufhin zerschlugen Protestierende die Fassaden von Bankfilialen in der Nähe.

„Ich will meine Stimme gegen den Hunger, die Armut, die Inflation und die Ungerechtigkeit erheben“, rief ein 41-jähriger Demonstrant aus, Khaled. Dieser Ersatzteilverkäufer für Motorräder sagt, dass er nicht mehr in der Lage sei, die Bedürfnisse seiner drei Kinder zu befriedigen, seit er seine Arbeit verloren hat, innerhalb einer Situation, die mit der Pandemie immer schlimmer geworden ist.

Am anderen Ende des Landes, in Saïda (Süden) fand eine Versammlung vor dem Sitz der Bank des Libanons (BDL) statt, wo ein bisschen später Demonstrant*innen erst Böller, dann circa ein Dutzend Molotow-Cocktails in Richtung des Gebäudes warfen, was mehrere kleine Brände verursachte und die Armee auf den Plan rief. Nach der Intervention der Armee zum Schutz der BDL verteilten sich die Meuternden im Stadtzentrum und zerstörten die Fassaden von mindestens einem Dutzend Banken. Um die fünfzehn Fahrkartenautomaten wurden ebenfalls zerstört. Auch in Beyruth kam es zu Demonstrationen, die in Steinwürfen gegen die BDL endeten.

Seit Beginn der Quarantänemaßnahmen trifft die Misere mit voller Wucht die libanesische Bevölkerung. Das Land erlebt eine noch nie dagewesene Steigerung der Inflation in wenigen Wochen (+ 150 %). Der Wirtschaftsminister Raoul Nehmé meldete eine allgemeine Preiserhöhung um 55 %, ohne zu präzisieren, in Bezug auf welche Periode diese stattfinde.

[Zusammengesetzt aus Meldungen der libanesischen und französischen Presseagenturen, 28. und 29.04.20]

Quelle: Sans Attendre Demain, stellenweise gekürzt

Bericht vom 30.04. – Die Bewegung der Revolte setzt sich fort

Am dritten Tag in Folge sind tausende Menschen in mehreren Städten im Libanon gegen die Verantwortlichen der immer weiter wachsenden Misere (Banken, Politiker,…) auf die Straße gegangen, obwohl die Lockerung der Quarantänemaßnahmen ab Montag eingeleitet worden war. Im Gegensatz zum Vortag kam es ein bisschen überall mit Einbruch der Nacht zu Demonstrationen und Meutereien, so wie in Tripolis.

In Tripolis, Epizentrum der Bewegung, stellten sich hunderte Demonstrant*innen dem Militär am Mina-Kreisverkehr. Des Weiteren blockierten sie die Straße, die zum Al-Nour-Platz führt, mit brennenden Reifen und forderten die Freilassung von Menschen, die am Vortag verhaftet worden waren (ungefähr zwanzig Personen).

Die Armee von ihrer Seite aus berichtet, dass 23 Soldaten während der Zusammenstöße in Tripolis (Norden) und Saïda (Süden) verletzt worden sind, darunter einer, dem mehrere Finger amputiert werden mussten.

In vielen Städten protestierten Menschen, zündeten Bankfilialen an, warfen Böller und Molotow-Cocktails auf die Armee. „Wir haben die Monopole und die Diebstähle durch die Geschäftsleute satt“, skandierten Demonstrant*innen in Beyruth.

Die Bewegung der Revolte, die seit mehreren Monaten in mehreren Regionen am Köcheln ist, ist aufs schönste in diesen letzten Tagen vor dem Lockern der Quarantänemaßnahmen seit letztem Montag wieder aufgeflammt.

[Via L’Orient-Le Jour aus Meldungen der iranischen Presseagenturen, 29. und 30.04.2020]

Quelle: Sans Attendre Demain, stark gekürzt