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[Gloucester] Rund 5000 Rebhühner befreit

In der Nacht des 19. Augusts befreiten einige Aktivist*innen unter dem Label „Animal Liberation Front“ rund 5000 Rebhühner von einer Farm in der Nähe von Gloucester (UK). Die Rebhühner sollten zwei Wochen später auf dem Schießstand der Farm erschossen werden. Den Zeitpunkt wählten die Tierbefreier*innen dabei nicht zufällig. Sie wollten sicherstellen, dass die Rebhühner in Freiheit überlebensfähig seien und maximalen wirtschaftlichen Schaden anrichten, als sie die Käfigtüren öffneten und die Rebhühner in die Freiheit entließen.

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Mensch und Umwelt – Ein apriorisches Herrschaftsverhältnis

Umweltschutz, Umweltaktivismus, Umweltbewegung, Umweltfreundlich, Umweltgerecht, Umweltkatastrophe … Was ist eigentlich diese Umwelt, von der so oft gesprochen wird? Was ist eine Umweltkatastrophe und wie schützt mensch diese Umwelt davor, oder geht es darum überhaupt? Und wenn nicht, worum geht es dann?

Ähnlich wie mit dem Begriff Natur wird mit dem Begriff Umwelt eine – oft unbestimmte – Ganzheit bezeichnet, die in der Regel alle nichtmenschlichen Lebewesen, deren typischen Lebensraum und deren Beziehungen zueinander meint. Dabei werden die Begriffe Natur und Umwelt häufig gar synonym verwendet; statt Umweltschutz sagen manche auch Naturschutz, eine Umweltkatastrophe wird häufig auch als Naturkatastrophe bezeichnet. Tatsächlich ähneln sich diese beiden Begriffe sehr stark.

Der Naturbegriff fasst die Gesamtheit nichtmenschlicher Lebewesen und deren – von Menschen bestenfalls unberührten – Lebensraum als eine ahistorische Gegebenheit, d.h. eine Gegebenheit, die nicht Ergebnis eines Prozesses ist, sondern mehr oder weniger schon immer so war, auf. Diese weitestgehend ahistorische Betrachtungsweise ist vermutlich auf den starken Einfluss der kreationistischen christlichen Mythologie auf die eurozentrische Philosophie zurückzuführen: Obwohl das Konzept der Evolution mittlerweile weitestgehend akzeptiert ist, wird die Natur üblicherweise auch weiterhin als eine Ganzheit betrachtet, die es zumindest in der bestehenden Form zu bewahren gelte. Dabei knüpfen auch scheinbar entgegengesetzte Naturbegriffe, die die Geschichte der Menschheit als Kampf gegen die Natur ansehen, an ähnliche Ideologiefragmente an. Auch sie betrachten „die Natur“ als eine (unveränderliche) Ganzheit. Lediglich der Schluss ist ein anderer, nämlich dass diese Ganzheit schädlich sei und beseitigt, statt geschützt werden müsse.

Der Umweltbegriff konstruiert die gleiche Ganzheit, ändert jedoch das Bezugssystem. Der Naturbegriff geht von einer*m Schöpfergött*in aus, der Umweltbegriff, bestimmt „den Menschen“ zu seinem Ausgangspunkt, denn Um | welt beschreibt die welt schließlich aus einer Perspektive, die ausschließlich von der*dem Betrachter*in abhängt: Umwelt ist demnach die Welt, die den Menschen umgibt, aber noch mehr: sie existiert nur dadurch, dass der Mensch sie betrachtet. Wenn der Mensch sich selbst in den Mittelpunkt seiner Welt stellt, nennt mensch das auch anthropozentrisch.

Das offenbart bereits das wesentliche zugrundeliegende Herrschaftsverhältnis des anthropozentrischen Umwelt-/Naturbegriffs: Gegenüber allen nichtmenschlichen Lebewesen erfährt „der Mensch“ dabei eine klare Aufwertung, aber das ist nicht alles: Während Menschen gemeinhin als Individuen betrachtet werden, verschmelzen alle anderen Lebewesen zu einer Gesamtheit, die nur als Einheit Beachtung findet. Das ist keineswegs ausschließlich begrifflich so zu verstehen, sondern spiegelt sich beispielsweise sehr deutlich in sogenannten Artenschutzbewegungen wider: Artenschützer*innen geht es nur selten um den Schutz eines einzelnen Individuums, ihnen geht es vielmehr darum, eine Art zu bewahren. Das erinnert mich persönlich oft an ein populäres Märchen aus einem der wohl bekanntesten Märchenbücher der Welt. Darin gibt es einen Schöpfergott, der erzürnt über einige Individuen seiner Schöpfung ist. Deshalb will er seine gesamte Schöpfung vernichten. Weil er danach aber einen Neustart wagen möchte und sich den Akt der Schöpfung wohl nicht mehr so ohne weiteres zutraut, befielt er seinem Diener, ich glaube er heißt Noah, eine Arche zu bauen und von jeder Tierart – übrigens auch von der menschlichen Spezies – zwei Individuen vor der zur Vernichtung allen übrigen Lebens geplanten Sintflut zu retten. Noah wäre demzufolge der erste Artenschützer gewesen.

Nun, in der Geschichte von Noah und seinem notorisch wütenden Schöpfergott werden zwar pflanzliche Lebewesen mehr oder weniger ignoriert, dafür werden menschliche und nichtmenschliche tierische Lebewesen zumindest relativ gleich behandelt – auch wenn es ausschließlich menschliche Lebewesen waren, die den Schöpfergott erzürnten und die tierischen Lebewesen für sie mitbüßen müssen, aber das ist vielleicht ein spezifisches Problem eines Gottes, der keine Blitze schleudern kann: Eine Sintflut ist nun einmal eine Massenvernichtungswaffe und nimmt per se wenig Rücksicht auf Individuen.

Heute ist das anders: Heute werden Menschen als Individuen behandelt, während andere Lebewesen in der gängigen Vorstellung nur sehr wenige bis gar keine individuellen Rechte besitzen. Das etabliert ein Herrschaftsverhältnis, bei dem der Mensch über alle anderen Lebewesen herrscht. Diverse Umweltschutzbewegungen haben es sich zum Ziel gemacht, dieses Herrschaftsverhältnis aufzubrechen – auch wenn Umweltschutz von Vielen erklärtermaßen nur im Interesse der Menschheit betrieben wird, etwa um eine „Umweltkatastrophe“, die unsere Lebensbedingungen zerstören würde, zu verhindern. Doch inwiefern lässt sich ein Herrschaftsverhältnis aufbrechen, bei dem die Beherrschten nicht oder nur eingeschränkt als Individuen betrachtet werden?