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[Virus Radio] Das Elend der Linken – Track 1

von DJ SUPERSPREADER

Mit einigen Remixen wird der eigentlich eher langweilige Track DAS ELEND DER LINKEN, ein Klassiker *gähn* 2020 extra neu für euch aufgelegt. Heute spielen wir den ersten Remix, gefeatured von der autonomen Antifa, mit ihrem neuen Antivirus-Programm (diesmal nicht für Windows), welche dem ganzen den moralistischen Touch gibt, der ja nötig ist, damit ihr auch wirklich ausgelassen dancen können. Heyyyy!

Aber zuerst habe ich für euch noch ein tolles Intro im Set, welches das ganze episch einleitet, während danach die Party erst so richtig los geht. Yeah!

„Hate the media“

(Verstoss gegen die Moderationskriterien-mix)

Da der Zündlumpen nach wie vor auf Indymedia toleriert wird, einer Seite welche sich ganz besonders darin hervortut, die Linksradikale als Bewegung zu erhalten, hier ein kleinen Introtrack also. Während Indymedia zwar als Plattform für etliche, beileibe nicht linke, anarchistische Publikationen hinhielt, tat es sich hervor, sämtliches, was zu einer eventuellen Aufklärung des Coronawitzes führen könnte, nach staatlichen oder noch strengeren Massstäben zu zensieren (und zwar Sachen die nicht sozialdemokratischer waren als viele andere Indymedia-Publikationen). Indymedia hat sich also trotzalledem darin hervorgetan, den offiziellen Kampf gegen „Fake News“ mitzuführen, damit es ja nicht zu schnell gehe, bis sich die Erkenntnis Bahn bricht, dass es sich bei Corona um eine nicht allzu spezielle Grippemutation handelt. Trotzdem hat man den Zündlumpen toleriert. Wieso? Haben wir nicht genügend gegen Bill Gates, WHO, Antonio-Amadeus Stiftung, Robert Koch, Drosten, die Prolockdown-Linken, die Maskenträger und andere Covidioten angeschrieben, um eine Zensur verdient zu haben? Haben wir zu lange gewartet, um deutlich zu werden? Wieso tragt ihr noch immer zu eurer eigenen Zersetzung bei?
Solche Fragen stelle ich mir manchmal. Und dann denke ich mir: naja, immerhin verbreiten sich so die Ideen. Und man hat die Gelegenheit noch etwas Skandal zu machen.
Bevor also Indymedia endlich down ist, hoffen wir noch, dass sie uns Plattform bieten um die radikale Linke etwas zu zersetzen. Danke.

Natürlich betrachte ich es auch skeptisch, dass ihr meinen Mix verbreitet, denn schliesslich tragen wir damit auch dummerweise zur Aufwertung eurer Sendung bei, welche sich so mit seiner Toleranz und Extravaganz schmücken kann, und behaupten kann, voll an der Zeit zu sein. Aber so what! Die Hörer werden schon verstehen, woher der Wind weht, und dass Indymedia teil des miefigen Kadavers ist. Und deshalb, Täterätätä:

Das Elend der Linken feat. Antifa

(stayathome-klaustrophobia-mix)

Die Rolle der Linken war jene einer mobili- und moralisierenden Kraft, welche nur schon durch die Andeutung einer Kritik der Aktion der herrschenden, geschweige denn einer möglichen Virusleugnung auf die Palme brachte. Sämtliches Repertoir, welches an anderen Gegenständen eingeübt wurde, wurde eingesetzt, um schlicht und ergreifend Konformismus zu vertreten.

Die Absurdität dieser Sache zu dokumentieren ist eine komische Aufgabe die ich mir setze. Sie fängt damit an, dass die Linken subtil die “Verleugnung” (dass nicht nur die Verleugnung ihnen “Verleugngung” heisst, ist offensichtlich) des Virus als eine Art No-Go-Zone eingerichtet haben. Was das Problem mit der “Coronaleugnung” sei nur schon zu fragen ist eine Art Blasphemie, und zwar eine ähnliche Blasphemie wie die Gottesleugnung. Da allerdings die antifaschistische Linke natürlich die Leugnung Gottes nicht als dieses Tabu meinen kann, ist es ganz klar, dass die Herkunft dieses Kampfes gegen das Leugnen sich um den Holocaust dreht. Nun sind es gerade die Linken, welche den “Hygienedemonstranten” immer wieder, teilweise berechtigterweise, teilweise unberechtigterweise, Faschismusrelativierungen vorgeworfen haben. Jeder Vergleich mit 1933 wird ihnen zur Relativierung der Shoah, so als hätte diese schon 1933 stattgefunden, während aber die eigene, wirklich komplett absurde und geschmacklose Holocaustverharmlosung gerade von den angeblichen Antifaschisten hunderte Male wiederholt wurde. Nämlich der Vergleich von Corona mit dem Holocaust, bzw. der Vergleich der Coronaleugnung als quasi ähnlich (ich wage nur zu sagen “ähnlich” schlimm, auch wenn “gleich” eigentlich die Vorstellung dieser Leute zu sein scheint, und der Vergleich allzu direkt ist) schlimm wie die Holocaustleugnung. Dieser perfide Trick ist scheinbar bisher niemandem aufgefallen. Er bleibt den fanatisierten Konformisten unbewusst, ebenso wie ihnen der strukturells Antisemitismus der ganzen Corona-Hysterie entgangen zu sein scheint (Angst vor einem unsichtbaren, unheilvollen Feind, den man z.B. für „die Krise“ verantwortlich macht; Massenmobilisierung dagegen, als Ablenkung vor wirklichen Problemen etc.).

Aber dieses Denken in “strukturell”, dieses “strukturell” jenes zeigt eben vielmehr gerade seine komplette Beschränktheit auf. Natürlich ist es wahr, dass einige der “Hygienedemonstranten” faschistisch sind, und dass diese Faschisten mit ihrer “Coronaleugnung” durchaus nur ihre eigentliche Bereitschaft zur sozialdarwinistischen “Vernichtung lebensunwerten Lebens” verhüllen. Aber aufgrund dessen dann die Fragestellung überhaupt zu Tabuisieren, ist absurd, zeigt nur den eigenen Willen zur Zensur, und das man den Faschisten scheinbar nichts Substanzielles entgegenzusetzen hat.

Und wie auch? Der Kampf gegen den Faschismus ohne den – glaubwürdigen – Kampf gegen die Faschisisierung der Gesellschaft ist eben Spiegelfechterei. Und wer verlangt, man solle die gegenwärtige Faschisierung einfach ignorieren, weil diese a) unter demokratischem Regime stattfinde, b) unter den Vorzeichen “Schutz der Risikogruppen” (also unter umgekehrten Vorzeichen als der historische Faschismus) stattfinde und c) die als faschistisch geltenden Kräfte (Populismus etc.) nicht die treibenden Akteure sind, der beweist eben nur seinen Demokratismus, Protektionismus und Progressivismus. Und natürlich ist es uninteressant, den gegenwärtigen lockdown einfach als faschistisch abzustempeln. Nicht weil das historische Realitäten relativieren, sondern vielmehr, weil die Gegenwart damit relativiert würde! Und weil diese wenig historische Vergleichbarkeiten kennt, ausser die Kontinuität des Notstandsregierens in all seinen Formen, welche heute ihre totale Eskalation erfährt.

“Der Kampf gegen den Faschismus beginnt mit dem Kampf gegen den Bolschewismus”, sagte in den 1920er-Jahren Otto Rühle, und man fragt sich, wo heute dieser Kampf beginnen müsste. Gegen die Totalität der Herrschaft und des Kapitals zu kämpfen, ist zumindest unsere Absicht. Aber diese will und wollte die Linke ja niemals sehen, sondern vielmehr interessierte sie immer nur eine andere Verwaltung dieser Realität. Für den Staat ist die Verwaltung der Gesellschaft durch die Kanalisierung in links und rechts allerdings eine genehme Sache, und dass die Linke, und zwar bis in die radikaleren Gefilde, heute ihr widerliches, spiessig-moralistisches Gesicht derart offen gezeigt hat, gezeigt hat, dass es ihre Ideologie ist, welche mit dieser Aktion umgesetzt wurde, sei nur festgestellt.

„Ich hoffe aber, dass uns diese Krise näher zusammenbringt.“ (Bill Gates, Tagesschau)

Dass es der linke, kosmopolitische und liberale Arm des Kapitals ist, auf dessen Mist ideologisch und praktisch die gegenwärtige Bewegung (des lockdowns, stayathome, etc) gewachsen ist, sieht jeder, dazu muss man noch nicht einmal allzu genau hinschauen. Dass dabei sämtliche Grenzen geschlossen, sämtliche Menschen isoliert, sämtliche „Freiheiten“ aufgehoben wurden, und was weiss ich noch alles… dass das alles von einer Bewegung die „No Borders“, „Solidarität“ und „Freiheit“ auf ihre Fahnen schreibt eigentlich unterstützt wurde, ist halt so (und zwar auch dadurch, dass nicht davon gesprochen wurde, dadurch, dass man sich beeilte, sofort in der „neuen Normalität“ zu denken, etc.). Auch die radikale Linke hat sich als linker Flügel des Bestehenden entpuppt, wie schon etliche Male zuvor. Aber als linker, ultraautoritärer Flügel. Dass dabei gerade viele theoretische Versatzstücke von der Macht eingesetzt wurden, um ihre Aktion auszuführen und zu decken, sei nur so behauptet. Nur schon die AHA-Regeln könnten auch eine Erfindung eines Awarenessteams sein, welche ja die Normierung des Kontakts zwischen Menschen immer wieder zu absurden Formen treiben wollen.

Ergo die verständliche Präsenz von Faschisten, extremen Rechten, Völkischen und Reichsbürgern an diesen Demos. Diese sind ja ohnehin gegen die Herrschaft des Politisch Korrekten, gegen die Herrschaft der Linken, und soweit haben sie ja auch recht. Es ist dabei durchaus anzunehmen, dass bei diesem Kampf gegen lockdown nicht nur Demagogie dabei ist, sondern ebenso eine ehrliche Opposition gegen linken Totalitarismus, oder wie auch immer man das nennen will. Dass sich die Faschisten dabei den Platz, teils sogar Respekt bei diesen demokratischen Demonstrationen errungen haben, ist keine Wunder. Schliesslich wirken die Faschisten auch halb so gefährlich, angesichts dessen, dass nicht sie die Grenzen geschlossen, die Gesellschaft lagerisiert, jedes Fest verboten, etc. haben. Und dass das schon so ist. Und wenn dann Leute gegen einen demonstrieren, welche einem vorwerfen, mit Faschisten zu demonstrieren und gleichzeitig vorschreiben wollen, man solle doch Maske tragen, zuhause bleiben, sich an die Vorschriften handeln, wieso sollte man dann das irgendwie ernst nehmen?

Soviel Verständnis also für diese Demonstrationen, welche ich aber persönlich nicht besuche. Wieso nicht? Weil mich Demonstrationen ohnehin anwiedern, und weil ich das Grundgesetz noch nichteinmal als Klopapier verwenden würde. Vielmehr denke ich, dass die Subversion anderswo stattfindet als auf legalen Demonstrationen, eingehegt und kontrolliert und politisiert. Momente wie in Stuttgart brodeln überall, dort suche man den Aufstand, oder noch besser: bei sich selbst, und nicht bei jenen, welche sich die alte Normalität, das geringere Übel, sei es Demokratie oder Kaiserreich, zurückwünschen…

Dass diese demokratischen Demonstrationen nun das einzige sind, über was alle Reden, ist allerdings eben ein gutes Ablenkungsmanöver davon, dass man auch selbst etwas tun könnte – gegen die eigene Unterdrückung zu rebellieren, und zwar auf undemokratische Art. Und das Augenmerk, welches die Antifas darauf legen, ist nur ihre Art, die Option der Revolte zu verdecken – vergessen zu machen, dass es noch anderes gibt als die falsche Opposition und die Verteidigung des Bestehenden. Dass der lockdown mehr fragen aufwirft, als ob nun die neue oder alte oder ganz alte Normalität die bessere sei…

„Aber laßt uns dies klarstellen: wenn wir gezwungen sind, zwischen „dem Viralen“ und der Zivilisation der Sicherheit zu wählen, werden wir das Virale wählen. Wenn wir grob werden müssen, werden wir uns für „Grenzverletzungen“ aussprechen müssen.“ (Hakim Bey, 1996)

Bezeichnenderweise waren es vor allem jene Städte und Orte, in denen ein Teil der anarchistischen Bewegung bereits vor Jahren einen Bruch mit der Linken durchgeführt hat und sich auf eigene Beine gestellt hat, wo auch die Aktionsfähigkeit bewahrt wurde, und durch den lockdown nicht eine totale Paralyse stattgefunden hat. Während die Linken stayathome teils in den eigenen WG‘s durchsetzten, gab es eben andere, welche nicht auf den politisch korrekten Grund warteten, um rauszugehen. Die verantwortungslos genug waren, die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen, die sich nicht Mobilmachen liessen, vom Apell zur Abwesenheit.

Die Linksradikalen, Autonomen und auch Anarchisten, welche zu Hause blieben, oder das zumindest von anderen forderten (denn natürlich predigt man das Wasser oft nur…), beweisen die Impotenz ihrer Analysen, dieser Gesellschaft irgendetwas substanzielles entgegenzusetzen. Und wenn sie die Analysen sogar hätten, so fehlt ihnen vielleicht selbst einfach die Substanz, nach jahrelanger (Re-)Sozialisierung in einem Milieu, welches die Revolte letztlich neutralisieren muss.

Und doch waren es gerade die „eigenen Räume“, die sie aufgegeben haben. Kulturzentren, Squats, subkulturelle Treffpunkte – alles im lockdown. Die immer unhygienischen, versifften Orte, welche wohl für Risikogruppen nie sehr heimelig waren – auf staatliche Anordnung geschlossen, wenn nicht sogar schon davor.

„Die Hygiene, die sich als Ordnung der bürgerlichen Familie entwickelte, diente der Normalisierung der (sub-)proletarischen Schichten, da sie in ihren Formen zu leben und zu wohnen am weitesten von Normen der bürgerlichen Gesellschaft entfernt waren. Die Hygiene dringt in die Ordnung der Familie ein. Die verschiedenen Formen der familiären Organisation der unteren Schichten sollten normiert werden. Die Kolonialisierung der Familie findet über die Ausbreitung von Normen öffentlicher und privater Hygiene statt…“ bemerkte der allzu postmoderne Jürgen Mümken.

Ebenso kann, wie es dieser auch ausführt, immer wieder festgemacht werden, wie geschichtliche Hygienewellen zu einer massiven Verfestigung der Macht beigetragen haben, wie gerade die Herrschaft ihre Entwicklungsschübe aus solchen „lockdown“-Situationen, Situationen der Durchsetzung neuer „Hygienestandards“, entwickelt hat. Aber das wollte man nicht wissen. Und auch wenn gewisse postmoderne Philosophen sich ausführlichst mit diesen Themen beschäftigt haben: scheinbar hat es nicht dazu geführt, die Mentalität zu entwickeln, welche nötig ist, solche Situationen zu vereiteln. Allerdings nicht – das war ja auch gar nicht die Absicht.
Die Geschichte solcher lockdowns zu schreiben, und auch deren Benutzung zu Zwecken der Aufstandsbekämpfung, wäre bestimmt nicht ganz zwecklos. Ein Fragment des frühen Kommunisten Wilhelm Weitling (bevor es Marxismus überhaupt gab, jaja), geschrieben im Jahre 1838, weist zumindest darauf hin, dass auch diese spezifische Taktik bereits Geschichte hat. Oder war er nur ein phöser Choleraleugner?

„Wenn ein kleines Kind einen Gegenstand verlangt, den man ihm nicht geben will, so macht man es auf irgend einen anderen Gegenstand aufmerksam, um es von seiner Forderung abzulenken. Ebenso machen es unsere Bedrücker mit dem Volke in den Tagen der Krisis. Nach den dreissiger Jahren bediente man sich dazu der Kriegsgerüchte und der Furcht vor der Cholera. Diese letztere wurde besonders unter der Leitung der Regierungen ein kräftiges Mittel, alle revolutionären Tendenzen einzuschüchtern.
Erinnert ihr euch noch alle der Quarantäne-Anstalten vor beinahe jeder grossen Stadt, der Absperrungen von Dörfern, Städten, Provinzen und Ländern, des Verbots des Reisens, der Räucherungen des Geldes und der Briefe usw. Was mich anbetrifft, so kann ich diese Krankheit nicht leugnen, muss aber gestehen, dass ich damals nie an ihre wirkliche, fürchterliche Existenz geglaubt habe. Ich dachte mir eben, das ist eine Epidemie wie jede andere, die man aber absichtlich so grell herausmalt, um sie dadurch zum Schreckbild gegen die revolutionären Bewegungen zu gebrauchen.

O, sie sind klug wie die Schlangen und wir sind einfältig wie die Tauben; man hätte damals mit unsern Schädeln Mauern einrennen können, so hätten wir doch nichts gemerkt.“

„In unserer Furcht vor allen Grenzverletzungen entdecken wir, daß wir selbst neu klassifiziert und als Virus eingestuft worden sind. Diesmal sieht der Mißbraucher/Terrorist nicht nur aus wie Du und ich – er ist Du und ich. Die „Obdachlosen sind kriminell“; jene, die nicht „entrückt“ werden, haben klarerweise „gesündigt“.“ (Hakim Bey, 1996)

Wie auch immer. Die Einfältigkeit allzu vieler Anarchisten und anderer ehrlicher Revolutionäre ist eklatant. In der Naivität wird jede bewusste Kalkulation der Herrschenden abgeleugnet, da man sich nicht eingestehen kann, dass man ihnen sowas eben doch nicht zugetraut hätte. Die klassischen „Verschwörungstheoretiker“, die man glaubte und glaubt, durch Ignoranz bekämpfen zu können, haben es zwar schon lange gesagt, aber richtig glauben können sie es trotzdem nicht: „die“ wollen uns alle einsperren… „jaja, bestimmt“ *augenzwinker*… aber natürlich waren „die“ letztlich andere, und die Paranoia des Verschwörungstheoretikers ist immer noch ein Klammern daran, verstehen zu wollen, wie er das ganze demokratisch kontrollieren könnte, ohne Eigentum und Staat anzutasten, also ohne die Grundlagen, welche Machteliten produzieren, anzugreifen. Denn dies würde auch seine mittelständische Position in Frage stellen, „gute Macht und böse“, christlicher Dualismus in massenverblödeter Form. Aber die Reaktion vieler, allzu vieler, auch Anarchisten, ist jene, einfach so zu tun, als wäre so ein Lockdown halt Business as usual. Als hätte sich nichts geändert. Halt einfach eine Entwicklung des Systems – als hätte man das ohnehin erwartet. Dass man anfang 2020 ohne vorhergehenden Aufstand, ohne massive gesellschaftliche Konflikte, Militärputsch, u.Ä., plötzlich nicht mehr auf die Strasse darf – „ohne triftigen Grund“, keine Versammlungen mehr stattfinden, keine Feste, kein gar nichts. Das will man vergessen. Und allzuoft ebenso, was für ein Teil konformistischer Dynamik man selber war, wie man selber eben konformistisch reagiert hat. Aber das zu vergessen, spielt nur der Herrschaft in die Hände. Vielmehr sollten wir uns doch selber fragen: „wieso habe ich so reagiert?“ Paralysiert, mediengläubisch… wieso mich daran gehalten… wenn es denn so war.

Während ich mir z.B. persönlich immer gedacht habe, man hätte noch ein paar Jahre Zeit, bis man im totalitären Dystopia aufwacht, und man befinde sich dann im Untergrund – bestimmt bewaffnet… was weiss ich… wenn ich mir also ein solches Szenario ausgemalt habe, in irgendwelchen Tagträumen, so immer auch, dass sich dadurch etwas massiv ändern würde. „Bis hierher und nicht weiter!“ Irgendwann ist das Fass voll… Und wie wenig habe ich so reagiert? Und wie wenige um mich rum haben so reagiert? Und natürlich haben wir reagiert. Nicht nur reagiert, wir waren sogar ziemlich agil. Und wer sonst konnte das von sich sagen? Aber trotzdem…

Die Antwort auf die Situation war unangemessen – weil sie uns auf kaltem Fuss erwischt hat. Weil die Szenarien, welche wir erwarten andere waren. Weil wir eigenen Analysen zu wenig getraut haben. Und weil der Angriff schlicht und einfach unerwartet kam.

Und nun versuchen alle diesen unangenehmen Moment zu vergessen – damit es das nächste Mal wieder so ist? Oder sind wir am Brodeln. Am Nachdenken, um das nächste Mal solch einen kritischen Moment der Macht ausnutzen zu können. Und: was heisst das nächste Mal? Ist es denn überhaupt fertig?

Haben wir uns schon „an die neue Normalität“ gewöhnt? Unsre neuen Nischen gefunden, oder alte wieder eröffnet? Sind wir wirklich fähig, so zu leben?

Es wäre beschämend…


Puh, das war mal ein Bombentrack! Auch wenn der Schluss etwas seicht war, meiner Meinung nach. Aber zumindest hatte er zwischendrin einen richtig hämmernden Effekt, gings euch nicht auch so?….

….uuuuund in den nächsten Sendungen erwarten euch noch mehr Remixe, einige davon bombastisch, einige wieder featuring Antifa, und bei einem Remix haben wir sogar ein featuring mit einen Promi auftreiben können: Billy Gates!!! Wer weiss ob uns Indymedia dann noch mag? Wer weiss ob die Linke das überleben wird? Billy Gates wird mit uns einen exklusiven, martialischen, Pandemdiestufe 666 mix machen, soviel sei schon einmal angedeutet! Aber genug für heute, Kinder. Es war eine nice Show und wir hören uns in bald wieder, haltet die Ohren steif!

Chrrrrz… pfffff… tssssssssssss.. chhchchch

Ratschläge an die Föderierten den Bruch mit der Linken betreffend

Kommentar zu Jens Störfrieds 2. Persiflage

oder

mit einem linken Anarchisten zanken

„Teil des Problems“ heisst halt Teil des Problems und „blöd formuliert“ führt halt zu entsprechenden Reaktionen. Darüber zu streiten, wer mit Beleidigungen angefangen hat, ist natürlich eine lächerliche Diskussion, und so genau mag ich mich nicht entsinnen (Ich würde es mir aber vielleicht sogar zugute halten) – aber ist es nicht so, dass verschiedene Leute auch Verschiedenes beleidigend finden. Und zeigen sich nicht gerade darin auch Unterschiede?

Ohnehin, Jens, bisher habe ich mich eigentlich immer eher belustigt gefühlt als verletzt, wenn ich deinen Senf gelesen habe, und deine Sticheleien und Anzapfversuche bieten zugegebenermassen gute Vorlagen für das Aufräumen mit gewissen Vorurteilen. Und dazu habe ich mich auch hier – oh Launen meiner Natur – mal wieder hinreissen lassen.

Es wäre ein Missverständnis deinerseits, wenn du glaubst, ich hätte nicht verstanden was du mit bürgerlich meinst. Das Gerücht, dass du aber weiterhin konsequent streust, nämlich, dass wir, bzw. „unser Lager“ kämpfen würden, „ohne andere Strukturen und Beziehungen aufzubauen“, ist eben nach wie vor falsch. Und ich glaube, dass du das auch weisst. Nur brauchen wir dazu eben keine Föderation. Der springende Punkt ist also, dass du – in guter Tradition der Organisatoren und Moralisten – versuchst, den informellen aufständischen Anarchisten (oder wie auch immer du sie bezeichnen willst), ihre Realität abzusprechen, nämlich jene, dass sie allemal „andere Beziehungen und Strukturen“ erschaffen und umsetzen. Womit du gleichzeitig sagst: wer „andere Beziehungen und Strukturen“ erschaffen will, braucht eine formelle Gruppe, die FdA, die Plattform, oder irgend etwas ähnliches… ist es nicht so?

Und persönlich würde ich sagen, gerade das Klammern an formellen Grüppchen, Föderationen, Namen, etc. ist Ausdruck eines bürgerlichen Bewusstseins. Und zwar in jenem Sinne einer „Form des Bewusstseins als eines, welches einer „bürgerlichen“ Gesellschaft entspringt“ und an deren Formen haften bleibt.

So würde ich die „Grundfragen, in denen wir ziemlich unterschiedliche Ansichten haben“ definieren. Und deine Formulierung des Unterschiedes wird eben unsererseits immer wieder allergische Reaktionen hervorrufen, denn was für eine Witz ist es, wenn ich mir meine Gefährten und Projekte anschaue, und uns dann einer sagt wir hätten keine „anderen Beziehungen und Strukturen“, seien alles Narzissten, u.Ä. Das ist belustigend!

Persönlich dreht sich für mich der Konflikt vor allem um diese Frage, welche verschieden formuliert werden kann. Man könnte sagen, dass du eine Form „aggregativer Organisierung“ vertrittst, oder den Vorschlag einer „akkumulierenden Bewegung“ – anarchistische Synthese halt. Die alte Tradition der Organisatoren. Und wir individuelle Initiative ohne Formalitäten etc.

Von der FAU (Freie Arbeiter-Union), zur AAU-E (Allgemeine Arbeiter-Union Einheitsorganisation), zur AFD (Anarchistische Föderation Deutschland), zur FKAD (Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands), zum FFS (Föderation freiheitlicher Sozialisten), und wie die Vorläufer heutiger Organisatoren alle noch heissen, waren diese immer auch Sackgassen der freien Initiative und Vereinigung. Solche Organisationen bilden früher oder später eine Führungsschicht von Intellektuellen heraus, oder versinken in irrelevantem Sektierertum. Und dies gerade auch auf Grundlage der Föderation. Diese Dinge wurden oft von den jeweiligen Zeitgenossen analysiert, etc. Und natürlich kann man den Leuten, welche solche Projekte umsetzen, den guten Willen nicht per se absprechen.

Aber es ist eben allzu oft ein Stehenbleiben vor letzten Konsequenzen anarchistischer Theorie, uns führt letztlich zu einer Sammlung der Masse oder der Anarchisten auf dieser inkonsequenten Basis. Und ist somit allzu oft „Teil des Problems“, allerdings ein kompliziert zu analysierender und bekämpfender.

So sehe ich auch die FdA (Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen, zeitgenössisch), welche vor allem ein relativ bedeutungsloses Milieu zu sein scheint, welches aber möglicherweise einiges an lebendiger Energie auf ihren unfruchtbaren Boden locken kann. Wo diese vertrocknen wird…

Wo solche Vorstellungen, wie dass man zur eigenen Beruhigung schon jetzt über „antifaschistische Schutztruppen“ (was nichts anderes als eine Polizei ist) und Exil für „Verbrecher“ reden müsse, grassieren. Also ein Umfeld, in dem die rückständigsten Vorurteile reproduziert werden. Sämtliche anarchistischen Diskussionen über Gefängnisse der letzten 30 Jahre ignoriert werden. Oder halt abgelehnt. Verworfen? Aber nicht widerlegt!

Persönlich betrachte ich eine solche Organisation und auch Leute, welche solche Ideen vertreten, als links. Es ist genau dieser „Sozialismus“, dieses radikale Reformstreben (mit direkter Aktion meinetwegen), welche einen solchen Anarchismus zu einem Teil der Linken macht. Und deswegen wird es schwierig, Jens, dass du den radikalen Linken einfach entgehst, indem du kein Bier mit ihnen trinkst. Denn vielzuviel Linksradikales vertrittst du ja nach wie vor selbst.

Ich würde deshalb vorschlagen, dass du den Bruch mit der Linken jenen überlässt, welche ihn wirklich machen wollen, anstatt dass du versuchst, synthetisch Dinge zu übernehmen, welche du dadurch eher neutralisierst. Das haben eben nicht alle gern.

Denn deine Paraphrasierung jener Texte, was ist sie anderes, als der Versuch, Konzepte zu retten, die Teil der Linken sind? Was anderes, als die subversive Kritik zu verdauen, damit sie anderen nicht zu schwer im Magen liegt? Das Scheitern der radikalen Linken, oder vielmehr: ihr gegenwärtiges (vielleicht vorübergehendes) offenes Zusammenspannen mit der Macht, führt dich natürlich verständlicherweise zur Lektüre jener Texte, die ihr intimes Verhältnis mit der Macht schon herausgestellt haben, bevor dies dermassen offensichtlich war. Diese Lektüre mag dich weiterbringen, aber letztlich können deine Persiflagen kaum überdecken, dass du die radikale Linke vermisst, und dass du letztlich eben in deinem Denken nicht darüber hinauskommst, linksradikal zu sein. Das heisst, noch einmal übersetzt: dass du dich zu Linksradikalen verhältst, wie diese zur Linken, und diese wiederum zur bestehenden Totalität. Und letztlich heisst das: zur sozialen Revolte verhältst du dich wie sie alle, nämlich als Aussenstehender oder Organisator. Und wenn du selber handelst, so in der Logik des Aktivismus. Und wenn es gewaltig ist, so in der Logik der Militanz. Und wenn du etwas veränderst, so in der Logik der Politik. Versteh mich also nicht falsch: ich habe nie geglaubt, dass das Trennende die „Gewaltfrage“ sei. Vielmehr spreche ich einfach aus aus einer anderen Galaxie als du, auch wenn sich beide anarchistisch schimpfen mögen.

Soviel scheint mir das Problem zu sein, der Graben, den wir eben nicht wirklich kleiner machen wollen. Aber das weisst du ja alles. Es schadet aber bestimmt nicht, es zu wiederholen. Weniger für dich, als für jene, welche das vielleicht wirklich noch nicht verstanden haben.

Im Übrigen habe ich nirgends ein Recht auf Antwort behauptet, sondern vielmehr deine intellektuelle Feigheit.

Ein heute allzu wohlgesinnter Eigenbrödler

Fickt euren Konsens!

Ist es dir schon einmal passiert, dass Personen in deiner Nähe dich fragen, ob es in Ordnung sei, wenn sie neben dir etwas essen, wenn sie ihr Oberteil ausziehen, wenn sie rauchen, usw.? Und ganz ehrlich, was hast du dir dann gedacht? Dachtest du: „Oh, das ist aber nett, dass du mich fragst, das finde ich sehr rücksichtsvoll von dir“, oder dachtest du eher „Du Opfer, kannst du nicht einmal essen/rauchen/entspannen, ohne dass du dafür das Einverständnis aller brauchst?!“ Auf die Gefahr hin, dass ich den folgenden Text spoilere: Wenn du dich aufrichtig über die Rücksichtnahme der fragenden Person gefreut hast, dann wird dir der folgende Text mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht gefallen. Aber das ist doch kein Grund, die Lektüre hier abzubrechen, oder?

Zugegeben: Natürlich ist das Ganze kein Entweder-Oder.  Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen aufeinander Rücksicht nehmen, ich kann verstehen, dass in bestimmten Kontexten die Angst davor, etwas falsches zu tun, so bestimmend ist, dass die Frage um Erlaubnis weniger das Verlangen nach Zustimmung ausdrückt, sondern vielmehr ein Ausdruck der Unsicherheit ist und manchmal erkundige ich mich selbst bei anderen Menschen, ob sie mit bestimmten Handlungen gerade einverstanden sind oder nicht. Und doch habe ich zumindest in bestimmten Kontexten den Eindruck, dass vor lauter ritualisierter und sinnentleerter Rücksichtnahme aufeineinander eine Situation kreiert wird, in der strengere Regeln herrschen und Fehlverhalten schärfer sanktioniert wird, als in der übrigen Gesellschaft. Jaja, ich weiß, dass ich das sage muss daran liegen, dass ich in beinahe jeder Hinsicht privilegiert wäre und mir die Einsicht fehle, dass eine solche Stimmung notwendig ist, um sichere Räume für weniger Privilegierte zu schaffen, blablabla, alles langweilige und altbekannte Versuche vom Thema abzulenken. Und nur keine Sorge, Menschen wie ich meiden diese Räume meistens und stören nicht den Frieden eurer fantastischen Parallelwelt. Jede*r, wie es ihr*ihm gefällt. Wenn dieses ganze Polizieren aber von sich behauptet es wäre anarchistisch, wenn das ganze Wettgeeifere, wer der vorsichtigste Elefant im Porzellanladen ist, dazu dient, neue Autoritäten zu begründen und wenn alle, die dieses lächerliche Spiel nicht mitspielen wollen, zunehmend als eigentlich autoritär abgestempelt und auf die ein oder andere Art und Weise gezwungen werden sollen, sich den neuen Regeln des Opferdaseins zu unterwerfen, dann scheint es mir an der Zeit, die Illusion einer konfliktfreien Welt, in der es für alles einen Konsens gibt und geben müsse zu zerstören und beim Namen zu nennen: Sie ist nichts weiter als eine neue Form der Herrschaft.

Konsens. Das ist ein Wort mit vielen verschiedenen Bedeutungen. Allgemein meint es wohl das Einverständnis aller Beteiligten mit irgendetwas. Konsensuale Sexualität beispielsweise beschreibt eine Idealvorstellung von Sexualität, bei der immer sichergestellt wird, dass alle Beteiligten mit allen Handlungen einverstanden sind. Und auch wenn ich oft eher den Eindruck habe, dass Konsens in diesem Kontext ein Lippenbekenntnis ist, das vermeidet, sich damit auseinandersetzen zu müssen, dass es keine reine, konfliktfreie und rein positive Sexualität gibt, habe ich im Grunde nichts gegen Konsensuale Sexualität einzuwenden. Schließlich beschreibt Konsens hier das Einverständnis aller Beteiligten eines notwendigerweise willentlichen Akts der Interaktion. Aber das Prinzip Konsens wird häufig auch auf Situationen übertragen, in denen eine Interaktion zwischen Personen nicht notwendigerweise willentlich stattfindet. Wenn ich beispielsweise etwas essen oder rauchen oder mein Oberteil ausziehen oder – toppaktuell – keine Maske tragen möchte, sich in meiner Umgebung aber andere Personen befinden, die entsprechend sehen, hören und riechen, was ich tue und denen etwas davon missfallen könnte, so stellt dies einen Konflikt widerstreitender Bedürfnisse dar, bei denen es jedoch keinerlei Notwendigkeit gibt, diese in Einklang zu bringen. Es mag teilweise friedliche Lösungen für diese Konflikte geben, es mag etablierte Normen geben, die Lösungen für diese Konflikte vorschreiben bzw. vorsehen und es mag nett von mir sein, wenn ich meine Bereitschaft zeige, eine friedliche Lösung für diese Konflikte zu finden. Aber selbst wenn ich mich nicht an eine dieser Normen halte, wenn ich keine friedliche Lösung akzeptiere und keine Bereitschaft zeige eine solche zu finden, so übe ich durch mein Verhalten keinerlei Herrschaft [1] über andere Menschen aus. Wer aber umgekehrt der Meinung ist, es wäre meine Pflicht, auch in solchen Situationen einen Konsens zu finden und andernfalls das essen/rauchen/mich entkleiden zu unterlassen, die*der beweist doch umgekehrt, dass er*sie irgendein Bedürfnis dazu hat, andere Menschen zu zwingen nach seinen*ihren Vorstellungen zu handeln. Und während schon diese Konsensvorstellung letztlich nichts anderes als eine Regel beschreibt, bei der es in der Verantwortung des*der Regelbrecher*in liegt, sich um Legitimation für diesen Regelbruch zu bemühen, gibt es auch Situationen in denen der Begriff Konsens ganz unverblümt an die Stelle des Begriffs Verhaltenskodex tritt.

Aktionskonsens, anarchistischer/antifaschistischer/linker Grundkonsens, Gruppenkonsens, usw., all das sind Begriffe, die immer dann, wenn von ihnen Gebrauch gemacht wird, eigentlich keinen Konsens, sondern vielmehr einen Non-sense beschreiben. Ermahnungen wie „Bitte haltet euch an den Aktionskonsens“ und Feststellungen wie „Er*sie hat sich nicht an den Aktionskonsens gehalten“, erfreuen sich trotz ihres paradoxen Sinngehalts in gewissen Kreisen einer überraschenden Beliebtheit und müssen zuweilen gar als Legitimation für unterschiedlich geartete Sanktionierungen herhalten. Zugleich enttarnen manche Entscheidungsprozesse von Gruppen/Organisationen, bei denen Entscheidungen entweder „im Konsens“ getroffen werden sollen und wenn das „nicht möglich“ sei, mit z.B. einfacher „Mehrheit“, was der Begriff „Konsens“ wenigstens in diesem Zusammenhang eigentlich meint.

Wenn du nämlich ein „Troll“ bist, die*der sich unseren Vorstellungen auch nach aller zumutbarer Überzeugungsarbeit nicht fügen will, dann torpedierst du unser schönes Konsensprinzip und hinderst uns daran, unsere Vorstellungen zu verwirklichen, deshalb überstimmen wir dich dann einfach. So oder so ähnlich scheint die Angelegenheit von solchen Leuten gesehen zu werden. Und gerade dann, wenn man Gefahr läuft, dass man selbst beispielsweise im Zweifel überstimmt werden könnte, weil möglicherweise viele Leute zu einer „Aktion“ oder einem Camp oder sonstwohin kommen könnten, die das fragliche anders sehen, so bedient man sich eines anderen Kniffs. Man legt den „Aktionskonsens“ oder die Camp-/Veranstaltungs-Verhaltensregeln einfach im Vorhinein, d.h. im kleinen Kreis der Organisator*innen/Möchtegern-Anführer*innen fest und weist diese einfach als Konsens aus. Ein Konsens also, zu dem die meisten Personen nie befragt wurden, geschweige denn ihre Zustimmung gegeben haben.

Aber ich will hier gar nicht allzu sehr herumargumentieren, dass das ja eigentlich kein Konsens sei, weil ich es im Grunde egal finde. Es verhält sich ein bisschen, wie Stirner es vielleicht formulieren würde:

„Dächte man sich auch selbst den Fall, daß jeder Einzelne im Volke den gleichen Willen ausgesprochen hätte und hierdurch ein vollkommener „Gesamtwille“ zu Stande gekommen wäre: Die Sache bliebe dennoch dieselbe. Wäre ich nicht an meinen gestrigen Willen heute und ferner gebunden? Mein Wille in diesem Falle wäre erstarrt. Die leidige Stabilität! Mein Geschöpf, nämlich ein bestimmter Willensausdruck, wäre mein Gebieter geworden. Ich aber in meinem Willen, Ich, der Schöpfer, wäre in meinem Flusse und meiner Auflösung gehemmt. Weil ich gestern ein Narr war, müßte Ich’s zeitlebens bleiben. So bin Ich im Staatsleben besten Falls – ich könnte ebensogut sagen: schlimmsten Falls – ein Knecht Meiner selbst. Weil ich gestern ein Wollender war, bin Ich heute ein Willenloser, gestern freiwillig, heute unfreiwillig.“

Oder kürzer und vielleicht einfacher ausgedrückt: Wenn irgendetwas ohnehin den Willen aller (Beteiligter) widerspiegelt, wozu es dann aufschreiben, festhalten oder aussprechen. Wenn ein Konsens wirklich Konsens ist, ist es dann nicht absolute Zeitveschwendung überhaupt davon zu reden? Für viele offensichtlich nicht. Aber sind sie nicht eigentlich Wollende, die danach trachten, ihren Willen aufzuschreiben, nur um morgen Willenlose zu werden? Oder wollen sie vielleicht andere zu Willenlosen machen?

Aber wozu sich selbst und andere zu Willenlosen machen? Wozu dieser Konsens, nach dem so viele zu trachten scheinen? Warum seine Zeit damit verbringen, irgendwelche Regeln aufzustellen, die – vorausgesetzt einer*einem ginge es wirklich um eine konsensuale Einigkeit – selten den Prozess ihres Entstehens überdauern werden? Unabhängig davon, wie all die in die Welt hinaus postulierten Konsense zustande kamen, kann vielleicht ein Blick auf deren weitere Verwendung hier Aufschluss geben. Wo immer es einen postulierten Konsens gibt, scheint es auch eine oder mehrere Personen zu geben, denen an der Verbreitung dieses Konsenses (durch Plakate, etc.) gelegen ist und auch Personen (meist dieselben), die auf die allseitige „Einhaltung“ dieses Konsenses achten und im Falle von Regelverstößen zumindest für Ermahnung, gelegentlich auch für Sanktionierung sorgen. „Du hast wiederholt gegen unseren Konsens verstoßen, du bist hier nicht länger willkommen.“ Wer kennt diesen Satz nicht? Aber wäre nicht etwas wie „Verpiss dich, ich habe keine Lust mehr auf dich“ oder „Ich glaube deine Ideen passen mit den meinen nicht zusammen, ich finde du solltest gehen“ nicht um ein Vielfaches ehrlicher? Aber wo bliebe da die Legitimation des eigenen Handelns? Wäre es dann nicht genauso legitim bzw. illegitim, wenn die andere Person antworten würde „Verpiss dich doch selber“? Ja, wäre es. Aber wo ist das Problem? Fällt es wirklich so schwer sich einzugestehen, dass das eigene Handeln und die eigenen Vorstellungen keinen universellen Wahrheitsgehalt beanspruchen können? Fällt es wirklich so schwer, nicht das „richtige“ zu tun, sondern vielmehr das, was den eigenen Vorstellungen entspricht? Braucht das eigene Handeln wirklich die Legitimation des „objektiv Richtigen/Sinnvollen“ bzw. der Mehrheitsauffassung der Gruppe? Und wie passt das dann noch mit dem im Zusammenhang mit Konsens so oft zitierten „Minderheitenschutz“ zusammen, wenn sich am Ende doch der „Konsens“ seiner (vermeintlich) mehrheitlichen Befürworter*innen gegen die (vermeintliche) Minderheit seiner Opponent*innen richtet?

Konsens in diesem Sinne scheint also eine Kollektivität zu meinen, die sich gegen diejenigen Individuen richtet, die aufgrund bestimmter Einstellungen/Eigenschaften außerhalb dieser Kollektivität verortet werden. Statt die sich ergebenden Konflikte offen auszutragen, wird mit dem Verweis auf einen Konsens der Konflikt verschüttet und stattdessen ein anderer, gänzlich uninteressanter und letztlich herrschaftsvoller Konflikt ausgetragen, nämlich der der Gruppe gegen ein die Einheit störendes Element. Der eigentliche Anlass tritt dabei meist in den Hintergrund und gar nicht so selten kommt es vor, dass die Verteidiger*innen des Konsens vom ursprünglichen Konflikt gar nichts wissen oder bloß Gerüchte gehört haben, also für eine Sache streiten, ohne sich überhaupt ein eigenes Bild verschafft zu haben. Aber so ist das schließlich in der utopischen Welt des Konsens: Dissens hat darin keinen Platz.

Bei all der Hingabe so vieler Menschen, sich irgendwelche hirngespinstigen Utopien einer „besseren Welt“ oder einer „befreiten Gesellschaft“ auszumalen, in der für jede*n Menschen bereits ein Platz vorgesehen ist, und diese dann noch als „anarchistisch“ zu verkaufen, frage ich mich zuweilen dennoch, woher es eigentlich kommt, dabei auch noch einen „Konsens“ realisieren zu wollen. Wer bist du, du Utopist*in, dass du glaubst, andere würden deine Wahnvorstellung einer schönen neuen Welt doch tatsächlich als ihre eigene Utopie übernehmen? Und selbst wenn du meist bei anderen Utopist*innen abgeschaut haben dürftest, so wird dir doch hoffentlich klar sein, dass zumindest die Menschen, für die du (in der Regel) die repressiven Organe deiner neuen Gesellschaft vorgesehen hast, wohl kaum deinen „Konsens“ teilen dürften. Oder gibt es in deiner Vorstellung einer Gesellschaft das Verbrechen gar nicht mehr?

Schaut man sich an, welche Institutionen bzw. „Strukturen“ heute (bei Camps und Veranstaltungen) und in Zukunft dafür sorgen sollen, dass der Konsens auch ein Konsens bleibt, so findet man die altbekannten autoritären Institutionen wieder: Awareness-Teams, Transformative Justice Gruppen oder „Antifaschistische Schutztruppen“, wie es wenig verschleiert in gewissen sozialrevolutionären Programmen heißt. Auffällig finde ich dabei, dass all diese Vorschläge einer gemeinsamen oder wenigstens ähnlichen, provokanterweise könnte man sagen konsensualen, Analyse zu entspringen scheinen: Einer in ihrer Ausprägung meist liberalen Privilegientheorie, die die Einteilung von Menschen aufgrund von Identitäten in Privilegierte und Unterprivilegierte/Diskriminierte zumindest vielfach befürwortet und die Menschen so als von ihrer Identität determiniert behandelt. Freilich ist der Konsens einer solchen Analyse dann in der Regel, dass Diskriminierungen nicht geduldet werden, ebenso wie das nur allzu schwammige nicht „die eigenen Privilegien checken“, das gar keine konkrete Diskriminierung einer anderen Person erfordert, sondern schlicht darin bestehen kann, vorzuschlagen sich selbst gegen Diskriminierungen, Übergriffe, usw. zur Wehr zu setzen, anstatt dafür Institutionen wie beispielsweise Awareness-Teams, Transformative Justice-Gruppen oder „Antifaschistische Schutztruppen“ zu gründen oder diese in Anspruch zu nehmen.

Auffällig ist dabei, dass die Institutionen, die also häufig einen autoritären und kollektiven Regelwerk-Konsens verteidigen, den Begriff Konsens zugleich auch auf der individuellen Ebene, also von Individuum zu Individuum verwenden. Wer kennt sie nicht, die platten und nichtssagenden Awarenessplakate „Nein heißt Nein“ [2], wie sie in so vielen Räumen (kriminal-)“präventiv“ aushängen. Hier geht es um konsensuale Sexualität und für all diejenigen, von denen die Urheber*innen des Plakats wohl glauben, dass sie zu blöd wären, zu verstehen, was das heißt, finden sich darauf Erklärungen wie „Eine schlafende Person kann niemals zustimmen!“, ganz so als würde das irgendwer glauben. Aber ich denke es gibt einen Grund, warum so gut wie alle Materialien zum Thema konsensuale Sexualität entweder banal und oberflächlich sind oder – bzw. meist zusätzlich – auf die fieseste Art pädagogisch. Wer etwa glaubt, die Befürchtung mancher Personen, für den propagierten „konsensualen“ Sex dieser Art müsse man eigentlich jedes Mal vorher ein Formular ausfüllen und unterzeichnen, sei übertrieben und Ausdruck einer Abneigung gegen konsensualen Sex, der*die sollte sich mal die „Ja, Nein, Vielleicht-Liste“ [3] ansehen, die von zahlreichen Awareness-Befürworter*innen verbreitet wird. Immerhin fehlt das Unterschrifts-Feld am Ende, aber ansonsten erinnert das Ganze durchaus an ein behördliches Formular. Das mag manch eine*r vielleicht für ein erotisches Vorspiel halten, soetwas auszufüllen – was allerdings wenigstens nicht der erklärte Zweck der Liste ist –, ich bin mir jedoch sicher, für die meisten ist es das nicht. Und das alleine ist Grund genug, so eine Liste niemals auszufüllen. Außerdem zeigt diese Liste die Armut der Vorstellung von Sexualität ihrer Befürworter*innen auf und wirft dabei die Frage auf, inwiefern die engstirnigen Vorstellungen von Sexualität solcher Leute sich nicht einfach in die gesellschaftliche Prüderie einreihen.

Aber das „Nein heißt Nein“-Plakat und die „Ja, Nein, Vielleicht-Liste“ sind nur Beispiele dafür, wie wenig es selbst den Befürworter*innen einer ausdrücklich konsensualen Sexualität gelingt, diesen Begriff mit Inhalt zu füllen. Ist das vielleicht ein Hinweis darauf, dass das Ganze nur ein Lippenbekenntnis für etwas ist, von dem man einfach hofft, dass es schon funktionieren wird? Ich meine woher kommt der Optimismus, dass man einfach immer nur fragen müsse, ob man jemanden hier berühren, da ablecken oder dort küssen dürfe und schon hätte man eine konsensuale Sexualität geschaffen, bei der eigentlich nichts mehr schief gehen könne und wenn doch, ja dann …

Zu gerne würde ich einmal sehen, wie eine der Personen, die immer meinen „ich weiß nicht was daran so schwer sein soll, einfach immer vor jedem Schritt zu fragen“, diesen dämlichen Tipp in die Praxis umsetzt. Und das ist kein Argument dafür, einfach draufloszuficken, weils ja eh keine konsensuale Sexualität gibt. Nur woher kommt dieser Optimismus, Sexualität mit all den gesellschaftlichen Stigmata und Erwartungshaltungen, all den Idealen und Normen, all der Entfremdung und all der Überhöhung sei etwas, das ganz einfach konsensual ablaufen würde, wenn man eine dreischrittige Anleitung befolgt. Diese Vorstellung ist höchstens Verdrängung derjenigen, die sich ja, indem sie Räume betreiben/gestalten, in denen vorrangig orgiastische Balzveranstaltungen stattfinden und in denen „PC“ mehr als irgendwo sonst „für Pussy Crushing“  zu stehen scheint, selbst in die Reihen derer begeben, die Sexualität zu dem machen, was sie in dieser Gesellschaft zu sein scheint.

Um diese Utopie aufrechtzuerhalten ist es notwendig von Zeit zu Zeit zu vertuschen, dass es eben nicht immer einen Konsens gab, gibt und geben wird – und zwar weder auf individueller Ebene zwischen zwei Individuen, noch auf einer kollektiven Ebene. Und das geschieht dann eben durch den Ausschluss derjenigen, die diese Utopie stören. Derjenigen, die bezichtigt werden übergriffig gewesen zu sein – was ja nicht ausschließt, dass sie es tatsächlich gewesen sein mögen –, ebenso wie derjenigen, die den „Konsens“ dieser Gemeinschaft an Utopist*innen gelegentlich in Frage stellen. Wozu da überhaupt einen Unterschied machen?

Anstatt vom Ideal eines Konsenses auszugehen ist es vielleicht sinnvoller, zunächst einmal die Realität des Konflikts anzuerkennen und statt der Hoffnung alle Konflikte zu einem Konsens zu führen, ja führen zu müssen, sich damit anzufreunden Konflikte auszutragen. Und wer weiß, vielleicht stellt sich dann ja tatsächlich in vielen Konflikten der vielbeschworene Konsens ein. Ein individueller Konsens jedoch, der eine Lösung für diese Konflikte darstellt, nicht ein normativer Konsens, der diese verschüttet.

Anmerkungen

[1] Es mag wenige Ausnahmen geben, in denen das für die beschriebenen Verhaltensweisen nicht gelten muss, beispielsweise, wenn ich in einer Situation, in der eine andere Person keine Möglichkeit hat, Abstand zu mir zu halten und obwohl sie mich darauf hingewiesen hat, etwas esse, was bei dieser Person in der fraglichen Distanz erhebliche allergische Reaktionen auslöst, kann man sich durchaus darüber streiten, ob ich dann Herrschaft ausübe oder nicht. Aber solche seltensten Ausnahmen will ich hier getrost außen vor lassen.

[2] http://defma.blogsport.de/images/dt_v2_2_p.pdf

[3] http://queertopia.blogsport.de/images/JaNeinVielleichtListe.pdf

An einen Waschlappen

„Theoriefeind ist, wer Feind meiner Theorie ist“ (Mao Zedong)

Jens Störfried hat sich Mal wieder damit hervorgetan, die phösen „Einzelgänger*innen“, die er als „Teil des Problem[s]“ (sic!) betrachtet, anzufeinden. Darauf hat mich ein Gefährte kürzlich hingewiesen. Dies in einem Text, in welchem er darüber spricht, mit wem er Bier trinkt und mit wem nicht (auf jeden Fall nicht mit Nihilisten und Individualisten, so scheint es). Aus der Sicht von Jens Störfrieds bürgerlicher Subjektivität nimmt sein Trinkverhalten natürlich höchste Wichtigkeit ein, denn in seiner privilegierten studentischen Selbstbezüglichkeit denkt er, Texte wie Radikale Linke, ich trenne mich von dir würden sein irrelevantes Trinkverhalten mit radikalen Linken kritisieren. So scheint das zumindest.

Jaja, die Welt hört beim Bauchnabel auf.

Nun ist der Text, welchen er persiflagiert nicht von mir, somit werde ich auch seine Persiflage nicht beantworten. „Nicht mein Bier“, könnte man sagen. Aber ich weise darauf hin, dass Störfried mir immer noch eine Antwort schuldig ist. Und wenn der allzu friedliche Störfried sich den Vorwurf der intellektuellen Feigheit nicht gefallen lassen will, so müsste er sich wohl mal die Mühe machen, seine Vorwürfe der Bürgerlichkeit gegen individualistische, nihilistische und aufständische Anarchisten zu belegen. Diese Vorwürfe behaupte ich nämlich in meinem Text in der In Der Tat #3 widerlegt zu haben! Trotzdem wiederholt er diese ständig, sich zu Unrecht dabei auf Kropotkin beziehend (den er mittlerweile immerhin gelesen hat), ohne irgendwelche Argumente zu bringen. Und gleichzeitig behauptet er, es wäre ihm an Debatte gelegen. Jaja.

Persönlich glaube ich zwar, dass die Zeitung „Waschlappen. Zeitschrift für einen pragmatischen Anarchismus“ nicht existiert, in welcher Jensens Text angeblich erschienen ist. Aber des Witzes halber wollen wir annehmen, dass es sie gibt. Denn natürlich würde „Waschlappen zu Störfried passen, dessen Waschlappismus doch längst erwiesen ist. Ebenso das „pragmatisch“, wobei Pragmatismus ja oft an Opportunismus zu grenzen pflegt…

Im übrigen zitiere ich, zur Debatte, aus der Zeitung Die Erstürmung des Horizonts #1 vom November 2014: „Was die Beschäftigung mit der Linken aus einer anarchistischen Sichtweise aber noch notwendiger macht, ist, dass die Linke (…) auf dem revolutionären Terrain aufkreuzt (jedenfalls in ihren radikalen Teilen), und dort den Gestank der Politik verbreitet.“ Jens, schreib das doch in dein Stammbuch. Und überlege dir, ob du nicht selbst zu jenen gehörst, welche derartige Gerüche verbreiten…

Dass der Anarchismus Teil der „sozialistischen Bewegung“ sei, ist eine langweilige Diskussion, hängt von beliebigen Definitionen ab und besagt eigentlich rein gar nichts. Mein persönlicher Anarchismus besteht aus sozialen und antisozialen Anteilen, und auch wenn ich dem Sozialen hohe Wichtigkeit beimesse, ist mir in diesem Bereich das -istisch höchst suspekt.

Jenseits deines Trinkens mit fragwürdigen Leuten, Jens, frage ich mich, ob du deinen Waschlappen nicht letztlich in Benzin tränken solltest, um ihn in einen Zündlumpen zu verwandeln. Oder willst du ewig damit Lampen putzen?

Ein umherschweifender Eigenbrödler

Jens Störfried, du alter Pragmatiker!

Ob das nun eine späte, stellvertretende „Rache“ für die Insurrektionalistische Sonderausgabe zu Corona des sonst „sterbenslangweiligen Förderationsorgans“ Gai Dao sein soll, die sich anonyme Herausgeber*innen vor einigen Monaten erdreistet haben, zu publizieren? [1] Oder wollte sich der olle Störfried doch einfach nur einmal an einer neuen Textgattung, der Persiflage, versuchen? Jedenfalls greift er den Text „Radikale Linke, ich trenne mich von dir“ aus Zündlumpen Nr. 054 auf und stellt unter dem Titel „Radikale Linke, ich trinke noch ein Bier mit dir“ seine eigenen Ansichten zu diesem Thema zur Diskussion. Wenn ich so arrogant sein darf, hierzu ein vorläufiges Fazit zu ziehen, Jens: Für eine bissige Polemik scheint dir – vielleicht wegen all der „solidarischen Kritik“, auf die du dich sonst so oft beschränkst – noch ein wenig die Übung mit dieser Art von Text zu fehlen, aber mach dir nichts draus, in etwas Benzin getränkt, entpuppt sich schließlich auch ein Waschlappen als brauchbarer Zündlumpen.

Aber was hat der engagierte und allzeit konstruktive anarchistische Erneurer (gleich vier „Für eine neue anarchistische …“-Texte – zu Synthese, Theorie, Organisation und Ethik – hat er jüngst veröffentlicht), denn nun inhaltlich zu dem Thema zu sagen? Wenn ich ihn richtig verstehe, dann will er die Radikale Linke differenziert betrachten, hält dies – indem er statt von sich selbst von Anarchist*innen spricht – vielmehr für ein dem Anarchismus als „Hauptströmung der sozialistischen Bewegung“ (für seinen Anarchismus mag das ja gelten) inhärentes Verhältnis und wünscht sich bei aller Abgrenzung des Anarchismus von radikaler Linken dann doch eine gelegentliche gemeinsame Tätigkeit: „Deswegen nehme ich ein ambivalentes Verhältnis zwischen Anarchist*innen und der antiautoritären radikalen Linken wahr. Mögen sie sich selbst bestimmen und immer zusammen tätig sein, wo es sinnvoll und praktikabel ist!“ Nun, viel Spaß dabei. Und das meine ich – ausnahmsweise – keineswegs sarkastisch. Es ist mir ziemlich egal, wo und mit wem Jens Störfried sein Bier trinkt, ja nicht einmal die Sorte Bier ist mir wichtig. Und sollte er eines Tages zum Rotwein wechseln, weil er des Bieres überdrüssig ist, so müssten sich die gesellschaftlichen Situationen doch erheblich verändern, dass mir selbst das nicht egal wäre. Und in keinem Fall wünsche ich Jens Störfried, dass er am nächsten Morgen mit einem Kater erwacht.

Doch wie du sicher schon erraten hast, wäre es des Aufwands doch ein wenig zu viel, einen Text zu verfassen, nur um zu sagen, wie egal es mir ist, ob Jens Störfried eine Haltung teilt, die ich zwar mit Sicherheit teile, jedoch in der hier vorliegenden Form nicht einmal zu Papier gebracht habe. Und so folgt hier nun ein scheinbar berüchtigtes Prozedere, nämlich das Vollpöbeln eines Strohkopfes, pardon Strohmannes. Und für all diejenigen, die eher schwache Nerven haben und mit solch kompromissloser und ohnehin flegelhaft vorgebrachter Kritik schnell überfordert sind, hält Jens Störfried ja bereits eine Ausflucht parat: Haltet euch ruhigen Gewissens vor Augen, dass es mir eigentlich nur darum gehe, die eigene „Kränkung“ zu überwinden. Vielleicht stimmt das ja sogar …

Als „umherschweifende[r] Einzelgänger“ bin ich für Jens Störfried sowieso „Teil des Problems und nicht dessen Lösung“. Aber warum? Ja wie kommt es, dass – nicht nur bei Jens Störfried – sogenannte „Individualisten“ und „Nihilisten“ als Problem gesehen werden? Und das gar noch, wenn sie ohnehin als „umherschweifende Einzelgänger“ abgestempelt werden, die „konsequenterweise […] die Gesellschaft, welche sie hervorgebracht hat [bekämpfen]“? Ich meine angenommen – eine unbegründete Annahme, die einer Überprüfung vermutlich nicht (so pauschal) standhalten würde – das zu tun würde tatsächlich aus einer „privilegierten“ Position resultieren, wie Jens Störfried argumentiert, und so nicht jeder*m möglich sein (was die Biografien unterschiedlichster Individualist*innen auf der ganzen Welt offensichtlich widerlegen), was wäre dann das fucking Problem dabei? Wenn für „die meisten von Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung betroffenen Menschen […] die Notwendigkeit der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen [anstünde]“, was selbst bei Störfried „nur durch die Überwindung der bestehenden Gesellschaftsordnung erfolgen kann“, was sollten sie denn dann gegen jene haben, die die Verhältnisse, die ihre derzeitigen Lebensbedingungen prägen, angreifen – und das auf eine Art und Weise, die für sie nicht schon eine bestimmte Rolle nach dem Zusammenbruch der Gesellschaftsordnung vorsieht? Was sollen sie im Gegenzug mit denen anfangen, die dieser Theorie zufolge genauso „privilegiert“ wären, solche Angriffe zu verüben, aber ihre „Privilegien“ lieber darauf verwenden „Skills [zu] verbreiten, Geschichten auf[zu]schreiben, Bildung und Erfahrung [zu] vermitteln, verschiedene Gruppen in Dialoge [zu] verstricken, […]“ und zu allem Überfluss auch noch „gemeinsame Diskussionen um Strategien und Visionen [zu] entwickeln“? Sprich mit jenen, die herumsitzen und eine Avantgarde mimen, jenen, die sich einladen (und bezahlen) lassen, dafür, dass sie ihrer „Leidenschaft“, ihrem „Aktivismus“ (Jens Störfried) nachgehen und kluge oder weniger kluge Vorträge und Workshops abhalten? Es ist ja nicht so, dass ich finde, man sollte nicht den eigenen Leidenschaften nachgehen. Aber wenn man die eigenen Leidenschaften als revolutionärer verkaufen will, als die derjenigen, die wenn sie – auf „poetische“ Weise (Jens Störfried in „Endlich neue Tatsachen!“ aus Gai Dao #99) – von Leidenschaft sprechen, in der Regel ein Feuer meinen, das die Herrschaft niederbrennt, dann sollte man vielleicht etwas mehr als nur trockene Texte anzubieten haben, in denen doch tatsächlich als „Eckpunkt der sozialen Revolution“ die „Verbannung“ – von alten und neuen Verbrecher*innen – „in menschenwürdige Umgebung auf 5 bis 30 Jahre bei jährlicher Prüfung einer möglichen Rückkehr in die alte oder eine andere Gemeinschaft“ vorkommt, neben „antifaschistischen Schutztruppen“, die Polizeiaufgaben übernehmen und einer „Nutzung von Medienanstalten“ zur „Beeinflussung der Massenkommunikation“ (siehe Jonathan Eibisch, alias Jens Störfried in „Für eine neue anarchistische Synthese!“ S. 12 f.). Und während sich der Störfried Gedanken um eine „neue“ totale Herrschaft macht, zu der man sich im Sinne eines „ωir“s (Ja, das ist absichtlich kein gewöhnliches W am Anfang dieses Wortes) freiwillig assoziiert, spiegelt für ihn die „„absolute Kompromisslosigkeit“ gegenüber „jeder Ordnung und Moral““ derjenigen, die so einen Quark – wie will man das anders nennen – ablehnen, „letztendlich bloß die Isoliertheit und den Fatalismus bürgerlicher Individuen“ wider.

Wenn ich mich mit Jens Störfried hoffentlich darauf einigen kann, dass durchaus ein Widerspruch besteht, zwischen dem – für ihn „pubertären“ – Affekt „jegliche Ordnung abzulehnen“ und der Existenz innerhalb – oder am Rande, das spielt keine Rolle – der Gesellschaft, Zivilisation, oder wie mensch es auch nennen mag, so kann es für mich doch keine „pragmatische alltägliche Praxis“ geben, die diesen Widerspruch einfach so stehen lässt. Während sich Jens Störfried „hier und jetzt sozial-revolutionär orientier[t] und formier[t], [sich] darin selbst ernst [nimmt], Verantwortung über[nimmt] und für emanzipatorische Bestrebungen kämpf[t]“, bedeutet das glücklicherweise nicht, dass diese Form des Selbstbetrugs die einzige Art und Weise ist, mit diesem Widerspruch umzugehen. Wozu mich sozial-revolutionär orientieren und formieren und mich dann auch noch ernst nehmen, wenn der Angriff doch meinem individuellen Verlangen und Vergnügen entspricht? Wozu und vor allem welche Verantwortung übernehmen und wem gegenüber? Etwa die Verantwortung die Gesellschaft „zu überwinden“? Hast du diese Verantwortung übernommen, Jens Störfried? Und wenn ja, dann rechtfertige dich doch mal, wie es kommt, dass „ωir“, wenn ich mich da nur mal für den Moment und aus rein funktionalen Gründen mit dir assoziiere, noch immer in dieser Gesellschaft leben. Oder ist es nur die Verantwortung, sich an die „formierte“ Linie zu halten? Und worin besteht diese Linie dann? Mich dünkt ohnehin, die Sache mit der Verantwortung ist nur eine leere Phrase, eine Abgrenzung zu jenen verantwortungslosen Anarchist*innen wie mir, die jede Verantwortung schon aus Prinzip zurückweisen, weil das Konzept von Verantwortung zumindest in diesem Sinne auch nur einer weiteren (sich anarchistisch gebenden) Moralerei entstammt, die, wenn sie tatsächlich die für sich behauptete universelle Wahrheit beanspruchen könnte, unnötig wäre, aufzuschreiben oder überhaupt von ihr zu reden. Aber das ist ja der Trick bei diesem Konzept, für Kant ebenso wie für Kropotkin und heute auch für den Jens Störfried: den eigenen Willen oder auch nur die eigenen Ansichten als universelle Wahrheit zu verkaufen.

Sicher würde Jens Störfried das nun als „Theoriefeindlichkeit“ abtun und vielleicht wäre ich sogar geneigt, diese Bezichtigung anzunehmen. Wenn Jens Störfried schreibt „Mangelnde Selbstreflektion, Geschichtsvergessenheit und die geringe Bereitschaft zur produktiven Auseinandersetzung kompensieren sie [theoriefeindliche Anarchist*innen] mit romantischem Kitsch, der problematischen Feier ihrer (meist post-bürgerlichen) Subjektivität, einer Fetischisierung von sich „echt“ anfühlenden „Taten“ und zur Schau gestellten rebellischen Phrasen“, dann mag man geneigt sein, ihm zu widersprechen, aber formuliert man einige seiner Behauptungen ein wenig wohlwollender, ergibt das schon ein anderes Bild: Wenn „mangelnde Selbstreflektion“, wie sich in Jens Störfrieds Text abzeichnet eigentlich eher mangelnde Kompromissbereitschaft und einen mangelnden Pragmatismus meint, wenn „Geschichtsvergessenheit“ bedeutet, mit der Vorstellung zu brechen, man sei Produkt einer sich von einer*m unabhängig entwickelnden Geschichte und als solches nicht im Stande die eigenen Lebensumstände durch Taten zu verändern, wenn die „geringe Bereitschaft zur produktiven Auseinandersetzung“ bedeutet, dass man auf lächerliche Unterstellungen wie die von Jens Störfried höchstens polemisch antworten wird, dann gibt es eigentlich überhaupt nichts zu kompensieren. Auch wenn ich nicht wüsste, wie es kommt, dass Jens Störfried etwa den „Echtheitsgehalt“ von Taten in Frage stellt, er eine Begründung, warum Taten fetischisiert und rebellische Phrasen „zur Schau gestellt“ werden würden, schuldig bleibt und eine „post-bürgerliche“ Subjektivität, wenn man nicht weiter definiert, was man damit meint, eigentlich nur eingesteht, dass es jemandem gelungen ist, Bürgerlichkeit zu überwinden. Theoriefeindlichkeit würde dann bedeuten, sich nicht (länger) in irgendwelchen Theorien zu verlieren, die das Leben soweit abstrahieren, das sich der Widerspruch gegen die herrschenden Verhältnisse schließlich ebenfalls nur noch auf theoretischer Ebene vollziehen kann. Theoriefeindlichkeit würde dann bedeuten, keine Trennung zwischen einer erst noch zu entwickelnden Theorie und einer daraus resultierenden Praxis zu praktizieren, sondern –  meinetwegen jede solche Theorie über den Haufen werfend – das eigene Handeln an den realen Begebenheiten und den anarchistischen Vorstellungen zu orientieren, nicht auf eine Art und Weise, die die eine*n umgebende Herrschaft in Einklang mit diesen Vorstellungen bringt, sondern auf eine Art und Weise, die diese Herrschaft kompromisslos angreift, zumindest mit dem Ziel sie zu zerstören und sich nicht in ihr einzurichten. Wenn man das als Theoriefeindlichkeit bezeichnen will, dann bin ich überzeugter Theoriefeind und überlasse das selbstreferentielle Theoriespinnen gerne den Jens Störfrieds dieser Welt.

Ein unmedikamentierter Narzisst, äh hoppla, Egoist

Fußnoten

[1] Damals kommentierte ein sichtlich angefressener Jens Störfried: „Übrigens haben gewisse Leute, die sich selbst als „Insurrektionalist*innen“ bezeichnen, ein Fakesimile dieser Gai Dao-Sonderausgabe erstellt. Vermutlich, um den Austausch über verschiedene Positionen und Stile anzuregen. So inspirierend manche Gedankengänge aus diesem Spektrum immer wieder sind, beruhen sie jedoch meiner Ansicht nach weitgehend auf problematischen Grundannahmen. Die Autor*innen wissen dies natürlich und so bleibt ihnen zur Rechtfertigung ihrer Positionen lediglich der Verweis auf die vermeintliche „Gesamtscheiße“ und die romantische Verklärung von liberaler Freiheit und des bürgerlichen Individuums. Weil sie es nicht aushalten, mit ihren eigenen Widersprüchen umzugehen und weil ihnen eigentlich kaum wer zuhört, bauen sie sich im konstruktiven Anarchismus einen Strohmann auf, den sie vollpöbeln können. Die Abwertung anderer um die eigene Kränkung zu überwinden, die reflexhafte Abwehr von Kritik und die Ausflucht in die idealistische Traumwelt eines post-zivilisatorischen „puren“ Lebens, lässt sich mustergültig als unbearbeiteter Narzissmus interpretieren. Er birgt die Gefahr, ins Autoritäre umzukippen. Doch wird er mit der individualistischen Leistungs- und Selbstdarstellungsgesellschaft untergehen, die ihn hervorgebracht hat. In dieser Hinsicht erscheint die reine Negation durchaus als erstrebenswert.“

Von der Handlung zur Identität

Ein vertiefender Beitrag zur Debatte um Anonymität mit den »Feministischen Autonomen Zellen«

Als Verfasser*in des Textes „Wozu dann der Name?“ in Zündlumpen Nr. 048 möchte ich mich im Folgenden mit der Reaktion der Feministischen Autonomen Zellen „Wegen alledem“ auseinandersetzen sowie einige meiner ursprünglichen Argumente noch einmal vertiefen. Ich werde dabei Textstellen aus „Wegen alledem“ nur entsprechend durch meine Positionen kontextualisiert zitieren, weshalb ich die vorherige Lektüre dieses Textes, sowie ggf. meines ursprünglichen Disskussionsbeitrags empfehle. Und weil aufgrund der bisherigen Beiträge zu dieser Debatte zu befürchten steht, dass mein Beitrag als Diskussionsbeitrag dazu gedeutet werden könnte, wie sich die FAZ – derer ich kein Teil bin – „organisieren“ sollten, möchte ich ausnahmsweise einmal vorab klarstellen, was sowieso klar sein sollte: Wenn ich auch meine Gedanken und Überlegungen zu Anonymität und (informeller) Organisation versuche darzulegen, so können andere, die möglicherweise auch andere Ziele als ich verfolgen, zu anderen Schlussfolgerungen gelangen. Den Wert einer solchen Debatte sehe ich vor allem darin, dass sich in der Konfrontation mit anderen Positionen vor allem die eigenen Ansichten schärfen, überdenken und manchmal auch ganz über den Haufen werfen lassen.

Feministische Militanz?

Der Vorwurf musste ja kommen: „wieso wird eigentlich im ganzen Artikel kein Wort über unsere feministische Positionierung oder die (leider so rare) Verbindung von Feminismus und Militanz verloren?“ und weiter: „Dass Feminismus als das Grundthema unserer Texte und Organisierung im gesamten Zündlumpen-Text ignoriert wird, zeigt leider deutlich, was wir mit Unsichtbarmachung unserer Sache im linken militanten Diskurs meinen.“ Aber welchen „linken militanten Diskurs“ meint ihr? Ich betrachte mich weder als links, noch als militant in einem Sinne, in dem es mir wert wäre, einen eigenen Diskurs darum zu führen. Ich betrachte mich vielmehr als Anarchist*in, als aufständische*r Anarchist*in, wenn mensch so will. Meine Militanz, wenn mensch das wiederum so nennen will, ist antipolitisch, unorganisiert – bzw. informell organisiert –, individuell und auf die Zerstörung jeglicher Herrschaft gerichtet. Sie verfolgt kein Programm außer vielleicht dem der totalen Destruktiven Verneinung. Warum verliere ich in meinem ursprünglichen Artikel also „kein Wort über [eure] feministische Positionierung oder die […] Verbindung von Feminismus und Militanz“? Weil es darum schlicht nicht geht: Mein Artikel beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern ich es für sinnvoll halte, den eigenen Angriffen einen (wiederkehrenden) Namen zu geben, bzw. ausschweifende Communiqués  dazu zu verfassen. Was spielt es dabei für eine Rolle, dass ihr euch als feministisch bezeichnet?

Was für mich eine völlig andere Frage ist, scheint für euch aber auch jenseits eines bloßen Delegitimierungs-Arguments gegenüber meinem Text (wie sonst soll ich den Vorwurf der Unsichtbarmachung verstehen, wenn sich doch zugleich in meinem Text mit den FAZ und ihren Aktionen auseinandergesetzt wird) eine Rolle zu spielen. „Queere, arme ‚kranke‘, rassifizierte und FLINT* Menschen und alle, die von gesellschaftlichen Normen abweichen, sind ständig gezwungen, mehr oder minder öffentliche ‚Bekenntnisse‘, ‚outings‘ zu produzieren“, schreibt ihr, und später beklagt ihr noch die „leider seltenen ‚outings‘ anonymer Aktionsgruppen als FLINT* Gruppen“. Hier scheint die gute alte Identitätspolitik Einzug in euer Militanzkonzept zu halten und eure Militanz zur identitätsstiftenden Angelegenheit zu machen. Es erinnert mich an die Schriften der Roten Zora, in denen häufig von „Gegenmacht“ (Ein Konzept, das auch von den Revolutionären Zellen und anderen militanten Gruppen gebraucht wurde und wird) und „Frauenmacht“ (was ebenso wie das Konzept der „Gegenmacht“ zumindest in „Mili’s Tanz auf dem Eis“ später kritisch gesehen wird) die Rede war und immer wieder das Frausein essentialisiert und als für die Gruppe identitätsstiftend ins Spiel gebracht wird [1]. Dabei geht es mir nicht darum, zu kritisieren, wenn sich Personen nicht länger in Zusammenhängen „organisieren“ wollen, in denen sie marginalisiert werden und in denen sie den Eindruck haben, ihre eigenen Projekte nicht realisieren zu können – Im Gegenteil, ich bin ohnehin der Ansicht, dass eine Organisation zerstört werden sollte, sobald sie den Projektualitäten ihrer „Mitglieder“ im Wege steht. Es geht mir auch nicht darum, zu kritisieren, wenn sich Menschen gemeinsam mit Menschen innerhalb ihrer sozialisierten Identitäten „organisieren“, verschwören, verbünden wollen. Wenn diese Identitäten dann aber die eigenen Angriffe und Handlungen zu überdauern scheinen, wenn es weniger auf eine Handlung ankommt, als auf die Identität der*desjenigen, die*der diese tätigt und vielleicht zusätzlich noch suggeriert wird, mensch würde für alle Menschen, die diese Identität (zu) teilen (scheinen), sprechen, so scheint mir diese Konstellation mitnichten geeignet, irgendein Herrschaftsverhältnis radikal anzugreifen. Das gilt übrigens nicht nur für Identitäten wie „wir, queere Militante“, „wir, eine FLINT* Aktionsgruppe“ oder „wir, eine Frauenkampfgruppe“, sondern insbesondere auch für „wir, militante Linke“ oder „wir, Militante“, wie Lina Gaso in „Jenseits von Militanz: Revolutionäre Gewalt“ (In der Tat Nr. 2) argumentiert.

Was mich aber bei „outings“ als „FLINT-Gruppen“ und der Ermutigung, sich als solche zu „outen“, wie ich das im Text der FAZ wahrnehme, ganz besonders verstört ist die eigentliche Kontraproduktivität des Ganzen und das implizite Fortschreiben einer der weitverbreitetsten und dämlichsten Legenden über diejenigen, die sich entscheiden anzugreifen, nämlich dass dies (vor allem) nicht nur „Männer“ seien, sondern gar solche, die nicht „von gesellschaftlichen Normen abweichen“ würden. Ist es nicht die größtmögliche Abweichung von „gesellschaftlichen Normen“, die bestehende Gesellschaft, das Eigentum, das Patriarchat, den Staat oder wie mensch es auch nennen will, anzugreifen? Und sicher mag es diese und jene Zusammenhänge geben, aber es würde mich doch sehr verwundern und meinen eigenen Erfahrungen zentral widersprechen, wenn sich die gängigen gesellschaftlichen Klischees über diejenigen, die sich entscheiden anzugreifen, im Großen und Ganzen als wahr erweisen würden. Das heißt nicht, dass ich es nicht respektiere, wenn Individuen wie beispielsweise die Anarchistin und Nihilistin Kaneko Fumiko [2] so heftig um Anerkennung ihrer Gefährlichkeit kämpfen (wollen), dass sie bereit sind dafür hingerichtet zu werden. Aber für die Anerkennung der Gefährlichkeit nicht eines Individuums, sondern einer Identität scheint mir ein solches Unterfangen – mit Verlaub – recht bescheuert. Geht es denn darum, das in einer Gesellschaft präsente Bild einer Identität zu verändern (und was würden beispielsweise liberale Feminist*innen dazu sagen, wenn dieses Unterfangen erfolgreich wäre und FLINT* Personen fortan als „Terrorist*innen“ gelten würden) oder geht es nicht vielmehr darum, jede Vorstellung von Identität und die Gesellschaft selbst – zumindest so wie sie heute existiert – zu zerstören?

Die*der anonyme Angreifer*in widersetzt sich in dieser Hinsicht trotz der dämlichen gesellschaftlichen Projektionen – warum ihnen auch irgendeinen Wert beimessen? – jeglicher Identität. „Die anonyme Aktion hat keinen Besitzer, keinen Meister, gehört niemandem. Das heißt sie gehört allen denen, die sie teilen. Als Schatten unter Schatten sind wir alle gleich. Niemand ist vorne um zu führen, niemand ist hinten um zu folgen.“ [3] Niemand blendete den Zyklopen Polyphem und doch scheitert die List des Odysseus [4] an seiner Eitelkeit: Als er glaubt entkommen zu sein, gibt er sich Polyphem doch noch zu erkennen: „Ich, Odysseus war es, der euch blendete“. Und so kommt es, dass Polyphem seinem Vater Poseidon nun Odysseus Namen enthüllen kann, der diesen und seine Gefährt*innen auf eine zehnjährige Irrfahrt schickt, die außer Odysseus keine*r überlebt [5].

„Warum könnt ihr uns nicht ertragen?“, fragt ihr und ich gebe diese Frage zurück: Warum könnt ihr es nicht ertragen, euch in den Nebel der Anonymität zu kleiden? Das soll eine Pathologisierung „starke[r] Frauenfiguren“ sein? „In der Finsternis jedoch gibt es keine Namen, keine Identität, es gibt nur eine heterogene Bewegung, kochend wie Magma, fragmentarisch, wild. Niemand befiehlt, niemand gehorcht. Akte wie Worte haben Wert wegen ihrem Sinn, wegen ihrem Inhalt, wegen ihren Konsequenzen. Nicht wegen dem Ruf ihrer Autoren.“ [6]

Der große ganze Zusammenhang in einem Communiqué

„Für uns ist zentral, Aktionen zu wählen, die wir richtig, machbar und effektiv finden – denn Militanz bedeutet auch Verantwortung für sorgfältige Arbeit, gerade, weil es danach keinen Dialog geben kann. Dafür betreiben wir ausführliche Recherchen und wollen unser Wissen teilen – auch, wenn lange Hintergrundtexte sicher höherschwelliger sind und nicht von allen (zu Ende) gelesen werden. […] Die Vorstellung, (bestimmte) Aktionen und politische Gegner*innenschaften seien sowieso selbsterklärend, halten wir […] für eine Position Erfahrener und Älterer in der „Szene“, die hierarchiebildend wirkt: Wenn als selbstverständlich dargestellt wird, warum etwas auf eine bestimmte Weise getan, warum die*derjenige nicht gemocht wird, kann das nur noch schwer er- oder hinterfragt werden.“

Warum wähle ich den Angriff? Weil ich es leid bin, das „Richtige“ zu tun, weil ich es leid bin, „Verantwortung“ zu übernehmen, weil ich es leid bin, Rechenschaft für mein Handeln vor irgendjemandem (außer vielleicht mir selbst – aber einem Selbst frei von jeglicher Moral) abzulegen, weil ich es leid bin, „politisch“ zu handeln. Ich weiß, mensch kann diese Begriffe für sich selbst anders definieren und es ist mir weder daran gelegen, eure Definition dieser Begriffe pauschal mit der allgemein anerkannten Definition dieser gleichzusetzen, noch daran, an dieser Stelle eine weitere Nebendebatte dazu aufzumachen, und doch bin ich überzeugt, dass diese Begrifflichkeiten und die damit transportierten Konzepte den Ursprung unserer unterschiedlichen Vorstellungen bilden. Ist ein Angriff selbsterklärend? Muss er das in jedem Sinne, gerade im politischen, sein? Ja und Nein. Ja, ich halte jeden Angriff, der mit der Logik dieser Gesellschaft bricht für selbsterklärend und Nein, ich finde nicht, dass mensch politische Gegner*innenschaften nachvollziehbar finden muss, um einen Angriff zu verstehen. Abgesehen davon glaube ich, dass diese das in der Regel für die meisten Leute, die bereit sind, genau hinzusehen, sind. Wo immer Aufstände oder Riots ausbrechen, passiert in der Regel ungefähr das Gleiche: Bullen werden angegriffen und Barrikaden werden errichtet, Läden werden geplündert, Banken verwüstet, Regierungsgebäude angegriffen, Kameras gesmasht, wenn irgendwie möglich Telekommunikation unterbrochen, Medienhäuser gestürmt, Knäste zerstört und Gefangene befreit, usw., ferner werden manchmal Kirchen niedergebrannt, Armenviertel zerstört (damit es keinen Ort gibt, an den mensch zurückkehren kann), die Industrie lahmgelegt, das Energieversorgungsnetz zerstört, u.v.m. Kurz: Den Menschen ist recht klar, wer und was sie unterdrückt, das muss einer*einem kein Marx sagen, kein Engels, Lenin, Mao, Castro, Che Guevara, Nelson Mandela und auch kein*e Anarchist*in. Und auch als (vorrangige) Feminist*innen werdet ihr in dieser Aufzählung zentrale patriarchale Institutionen finden, die ihr den Menschen nicht besser benennen könntet. Dabei gehen die allermeisten Aufstände und Riots mitnichten von irgendwechen politischen Akteur*innen aus. Die meisten Aufstände sind vielmehr apolitisch, in sich unvereinnahmbar und ersterben in dem Moment, in dem sie neue Anführer*innen (Politiker*innen) hervorbringen, die im Namen der Menschen zu sprechen beanspruchen.

Was hat dies nun mit militanten „Aktionen“ bzw. apolitischen Angriffen zu tun? Ziele dieser Angriffe sind (in der Regel) ganz ähnliche Institutionen, wie diejenigen, die auch während Aufständen angegriffen werden. Wenn es nun aber gar keine politischen Akteur*innen sind, die Aufstände auslösen, woher kommt dann die Arroganz so vieler Militanter, ihre Angriffe für besonders außergewöhnlich und erklärungsbedürftig zu halten? Und umgekehrt gefragt: Wenn ihre Angriffe tatsächlich erklärungsbedürftig wären, weil auch während eines Aufstands niemand – und zwar diesmal im Sinne von keine*r – auf die Idee kommt, diese zu verüben, inwiefern macht es dann überhaupt Sinn diese zu erklären? Entweder handelt es sich bei diesen dann um Angriffe, die aus einer recht individuellen Motivation heraus stattfinden, oder aber die dem Angriff vorangehende Analyse, die versucht, diesen in einen sozialen Kontext einzubetten, ist gescheitert, weil sich mit dem Angriff herausstellt, dass es diesen sozialen Kontext nie gegeben hat.

Aber es stimmt ja auch gar nicht, dass nicht in hunderten und tausenden anarchistischen (und anderen militanten – wobei dort ja besonders häufig nur in Communiqués zu den Angriffen) Schriften, wie Zeitungen, Magazinen, Flyern, Plakaten, Büchern, Radiosendungen, ja manchmal sogar Filmen grundsätzlich erklärt werden würde, warum sich Individuen für den Angriff entscheiden, was die zugrundeliegende Analyse ist und sogar welche Strategien hinter diesen Angriffen stehen. Ferner gibt es eine Fülle von Anleitungen, wie bestimmte Angriffe durchgeführt werden können, Auflistungen von Akteur*innen, die irgendwer für angreifenswert hält (aber es oft nicht selbst tun will), und nicht zuletzt weltweite Berichterstattungen über stattgefundene Angriffe auf anarchistischen Blogs, in anarchistischen Zeitungen und sogar in „sozialen Medien“. Wie jämmerlich und erbärmlich ist da ein zwei/drei, höchstens einmal zehnseitiges Communiqué, das einen einzelnen Angriff in hübsche oder weniger hübsche Worte kleidet, ihn in einen Gesamtkontext stellen und nebenbei noch „ausführliche Recherchen“ und „Wissen teilen“ will, im Vergleich zu den hunderttausenden Seiten der Analyse, Recherche und Wissen dieser Publikationen, die sich nicht nur auf einen einzelnen Angriff beziehen, sondern auf alle, sowohl die publik gewordenen, als auch die stillen, sowohl die materiellen Angriffe, als auch die immateriellen Angriffe, die zum Beispiel Herrschaftsbeziehungen in den eigenen Denkmustern angreifen. Wie ineffizient ist es, ein seitenlanges Comuniqué zu jedem Angriff zu schreiben, im Vergleich zu einem allgemeinen Text mit einer Analyse, einer Anleitung oder einer Recherche, der über das äußerst kurzlebige Spektakel des Angriffs selbst seine Relevanz behält? Oder wer keine Lust hat, selbst etwas zu schreiben, die*der kann sich hier auch genausogut einen der tausenden existierenden Texte aneignen, mehrere zu einem neuen Text collagieren oder seine*ihre Ideen auf andere Art und Weise verbreiten. Und wo bleibt da der Angriff? Der spiegelt sich in all diesen Texten ebenso wider, unabhängig davon, wie gewandt eine*r ist, diesen mit klugen Worten zu bewerben.

Die Propaganda der Tat und die „patriarchale Vorstellung ‚alles was zählt, ist die Aktion'“

Die „Aktion“ ist für mich so ziemlich das Letzte was zählt, dafür jedoch die „Tat“ oder meinetwegen auch „Handlung“ umso mehr. Während eine „Aktion“ zumindest in dem Sinne, in dem dieser Begriff derzeit innerhalb einer „radikalen Linken“ gebraucht wird, für mich die absolut politisierteste, symbolischste und unalltäglichste Handlung überhaupt darstellt, kurz, eine von mir selbst und meinen Ideen entfremdete Vorstellung des Handelns, das mir dazu dient, in all der übrigen Zeit, in der ich gerade keine „Aktion“ durchführe oder wenigstens plane, die Verwirklichung meiner Ideen unter Mottos wie „es gibt kein richtiges Leben im Falschen“, oder „der Kapitalismus/das Patriarchat zwingt uns eben, bei der Verwirklichung unserer Ideen Kompromisse einzugehen“, oder „nach der Revolution …“ guten Gewissens beiseitezuschieben. Die „Tat“ oder „Handlung“ dagegen ist nicht politisch. Sie ist untrennbar mit meinen Emotionen, meinen Fehlern, meinem Scheitern und meinem Spaß verbunden. Sie entspringt dem individuellen Verlangen nicht (länger) auf eine Revolution zu warten, nur um dann vermutlich alle auf sie gesetzten Hoffnungen getrübt zu sehen, sondern hier und jetzt zur Tat zu schreiten und meine Ideen zu verwirklichen und alles, was mich in dieser Verwirklichung einschränkt auf kompromisslose Art und Weise anzugreifen.

Ob ich stehlen gehe um etwas zu essen zu haben oder um meine Miete zu zahlen, ob ich meiner Wut Luft mache, indem ich einen Bagger, einen Mobilfunkmast, einen Stromverteilerkasten, einen Amazon-Locker oder einfach nur das nächstgelegene (Bonzen-)Auto abfackle, ob ich meine*n Chef*in verprügle, weil ich das ewige herumkommandiert werden nicht mehr ertrage, ob ich eine*n Freund*in im Knast besuche, ob ich mich bei einer anderen Person dafür entschuldige, sie verletzt zu haben, ob ich eine*n Bull*in, die*der gerade eine andere Person kontrolliert zusammenschlage oder ob ich für ein (gem)einsames Abendessen koche. All das sind Taten, all diese Taten spiegeln meine Ideen wider, wenngleich das nicht bedeutet, dass dies kein widersprüchliches Leben wäre, in all diesen Taten kann ich scheitern, bei all diesen Taten werde ich mehr oder weniger Spaß empfinden und zu keiner dieser Taten werde ich irgendwelche Erklärungen abgeben.

Eine „Aktion“ dagegen, scheint erst durch die Abgabe einer Erklärung, warum mensch diese für richtig hält und warum mensch sich dafür entschieden hat, diese in die Tat umzusetzen zu einer solchen zu werden. Und weil es eben lächerlich ist, Erklärungen der Art „Heute habe ich Nudeln mit Tomatensoße gekocht, weil das in mir schlummernde revolutionäre Subjekt etwas zu essen brauchte und ich mich aber nicht getraut habe, einfach im Restaurant nebenan die Zeche zu prellen. Ich finde diese Aktion richtig, weil ich sonst früher oder später verhungern würde und wenn ich verhungere dient dies der Revolution nicht so sehr, wie wenn ich nun eben diese Aktion mache, um auch in Zukunft Aktionen mit mehr ‚revolutionärem Gehalt‘ machen zu können.“ abzugeben, muss sich der Begriff der „Aktion“ eben auf ganz bestimmte militante oder wenigstens scheinbar militante, bzw. massenhafte oder wenigestens scheinbar massenhafte bzw. spektakuläre oder wenigstens spektakulär inszenierte Formen des Handelns beschränken. Und so ist es kaum verwunderlich, dass der Begriff der „Aktion“ bloß Raum für immer waghalsigere, spektakulärere und vor allem erfolgreichere „Aktionen“ lassen kann, da jeder Versuch, diesen Begriff auszuweiten, um beispielsweise persönliche, individuelle und ja an sich häufig für das handelnde Individuum weitaus folgenreichere Taten, als so manch eine Spektakuläre, lächerlich erscheinen lassen muss. Zum Beispiel sei hier ein auf Barrikade.info veröffentlichtes Bekenntnis erwähnt, bei dem vier „Menschen mit Vulva“ claimen, öffentlich auf die „Dreirosenbrücke in Basel gepinkelt“ zu haben und (wie) zum Beweis, dass sie dieses Spektakel auch wirklich nicht erfunden haben, gar noch ein Bild mit vier deutlich erkennbaren Urinspuren veröffentlichten. „Wir wollen so für uns und unsere FLINT*-Geschwister einen Raum reclaimen, der durch eine Präsenz von cis-männlichen Menschen besetzt ist,“ [7] schreiben sie und geben damit ihre als Tat selbst keineswegs zu beanstandende oder überhaupt zu bewertende Handlung in Form einer „Aktion“ der Lächerlichkeit (weil sie sich besonders wichtig nimmt; weil sie nach Legitimation lechzt; weil sie die Individualität einer Handlung zugunsten irgendeines – nur scheinbar – allgemeinen Bewertungsmaßstabs aufgibt) preis (wobei das Ganze natürlich auch einfach als Witz verstanden werden könnte). Und das ist jetzt nur ein Beispiel. Ich hätte hier ebensogut ein Communiqué zu einem Bankraub anführen können, hatte aber gerade keines zur Hand.

Ob die Vorstellung einer „Aktion“ (bzw. dem ihr irgendwo inhärenten „alles was zählt ist die Aktion“) nun patriarchal ist oder nicht, das will ich nicht bewerten, auch wenn mensch sich bei dem Selbstbewusstsein, mit dem sich manchmal selbst zu den lächerlichsten und für viele nur allzu alltägliche bzw. individuelle und apolitische Handlungen mit großen Worten und der Bemühung einer Menge „Theorie“ bekannt wird, vielleicht schon fragen muss, inwiefern das auf eine in der Regel als „männliche Sozialisation“ referenzierte, patriarchale Verhaltensweise verweist. Aber ich denke auch hier ist ein Communiqué, das sich um wenige weitere Aspekte in der Vor- und Nachbereitung einer Aktion, sowie die Emotionen der Handelnden bemüht, nicht die einzig denkbare Form, sich solchen Themen zu widmen.

Eine Organisation auf „dauerhafter Basis“ oder eine kurzlebige, informelle Organisation, die „mit dem nächsten ‚Lebensabschnitt‘ ihrer Mitglieder [zerfällt]“?

Ist es erforderlich, „Reflexionen, Entwicklungen, Umdenken und Fehler“ über einzelne Aktionen hinaus sichtbar zu machen und wie kann das funktionieren? Die FAZ haben für sich die Antwort gefunden, eine auf lange Zeit angelegte Organisationsstruktur zu schaffen, deren Ziel es ist, militante „Aktionen“ langfristig zu ermöglichen. Das „bedeutet […] viel Arbeit unter hohen Sicherheitsstandards und Risiken“ und ist in der Vergangenheit dennoch häufig schief gegangen, etwa weil Observationen irgendwann doch einmal zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort stattgefunden haben, weil sich Fehler und Nachlässigkeiten eingeschlichen haben, usw. Aber das muss jede*r, der*die sich auf diese Art organisieren will für sich wissen. Was ich nicht so recht verstehe ist die Langlebigkeit und Statik einer solchen Organisation. Ich empfinde es als bedrückend mich für alle Ewigkeit (oder auch nur einige Jahre) einer Organisation zu verschreiben, auch wenn natürlich immer klar ist, dass ich diese „Mitgliedschaft“ theoretisch jederzeit aufkündigen kann und natürlich auch werde, wenn mir das Ganze nicht mehr taugt. Aber wenn dies so ist, warum dann überhaupt eine solche Organisation gründen und aufbauen, die darauf ausgelegt sein soll, Jahre und Jahrzehnte zu bestehen, ohne dass mit ihr ein konkretes Projekt verbunden ist? Und wenn dies nicht so wäre? Herrje, dann dürfte ich mich nicht mehr Anarchist*in nennen!

Aber was meine ich mit einem konkreten Projekt? Auf jeden Fall nicht „Militanz“ zum Selbstzweck. Um militante Angriffe zu verüben benötige ich ja keine Organisation per se. Alle mir bekannten Angriffe der FAZ – das muss ja aber nicht der Weißheit letzter Schluss sein – lassen sich zu zweit, zu dritt oder gar alleine bewerkstelligen. Das dafür notwendige „Wissen“, etwa wie mensch Spuren vermeidet oder wie mensch ein Fahrzeug in Brand setzt, findet sich in leicht beschaffbaren Publikationen, wie beispielsweise der PRISMA [8] und ähnlichen Anleitungsheftchen, sowie gelegentlich in periodischen Publikationen aufständischer Anarchist*innen und militanter Autonomer. Sicher, es gibt eine Menge unveröffentlichter Tricks für verschiedenste Dinge, aber wer Lust hat, findet auch beim experimentieren schnell heraus, wie mensch die Dinge noch ein wenig optimieren kann. Wer sich tiefer in die Materie einarbeiten möchte, findet auch zahlreiche Publikationen dazu, wie die Cops arbeiten [9], was meines Erachtens nach enorm dabei hilft, Spuren zu vermeiden, aber oft auch ein wenig paranoid machen kann. Jedenfalls erscheint mir eine Organisation, die ihre Mitglieder dazu befähigen soll, militante Angriffe durchzuführen, nicht besonders sinnvoll bzw. notwendig. Mit einem konkreten Projekt meine ich vielmehr, den Kampf gegen zum Beispiel den Bau eines Gefängnisses. Eine informelle Organisation dazu (einen Namen würde ich dieser trotzdem nicht geben) macht dann solange Sinn, bis entweder der Bau dieses Knasts gestoppt wurde oder mensch keine Perspektive mehr in diesem Projekt sieht. Hinsichtlich einer solchen Projektualität kann es meiner Meinung nach Sinn machen, Erfahrungen, (eigene) Entwicklungen, usw. zu teilen [10]. Aber welchen Sinn soll es machen, die Erfahrungen eines Kampfes gegen den Bau eines Gefängnises gemeinsam mit denen eines Kampfes gegen eine Gaspipeline oder einer Stromtrasse, etc. zu dokumentieren? Nach außen scheint mir das keinen Sinn zu ergeben und nach innen – so denn die Beteiligten an den Kämpfen tatsächlich die Gleichen sind –, erfordert dies ja auch keine feste Organisation.

Ähnlich verhält es sich meiner Meinung nach mit dem Austausch zu bestimmten militanten Techniken und Taktiken. Wer hier Erfahrungen weitergeben will kann dies ja tun und wer das öffentlich tun will, ist vielleicht ohnehin besser beraten eine Art zweite PRISMA herauszugeben.

Ich jedenfalls finde den Zerfall von Organisationen, wenn ihr Zweck überholt oder erfüllt ist, oder die einzelnen „Mitglieder“ einfach nicht mehr die gleichen Ideen teilen, einen fruchtbaren Prozess, in dem lähmende Strukturen und festgefahrene Muster, die oft mit der Zeit entstehen immer wieder aufgebrochen werden. Eine andere Form der Organisation kann zumindest ich mir sicher nicht vorstellen.

Anmerkungen

[1] Um nur ein Beispiel zu geben: „Erst in der Trennungsphase begriffen wir, daß nicht nur ‚unsere‘ patriarchal denkenden und handelnden Männer in ihrer Unfähigkeit und Borniertheit eine fruchtbare Zusammenarbeit verhinderten, sondern daß autonome FrauenLesbenorganisierung für uns hier und heute – auch im militanten Kampf – eine grundsätzliche politische Notwendigkeit ist. Gemeinsame Organisierung mit Männern bindet nicht nur unsere Energien in der ständigen Auseinandersetzung um die Behauptung von FrauenLesbenpositionen, sondern sie bindet uns auch in von Männern gesetzte Diskussionsprozesse ein, bringt uns immer wieder auf das Gleis der Orientierung an männlichen Normen, die wir selbst oft tief verinnerlicht haben. Sie blockiert uns damit in unserem Denken und unserer Entwicklung und steht der Herausbildung einer revolutionär-feministischen Perspektive ständig im Wege.“ Aus Mili’s Tanz auf dem Eis.

[2] Weil die Gerichte ihre Beteiligung an einer Verschwörung zur Ermordung des japanischen Kaisers nicht ernst nahmen (und zum Teil wohl auch ihre männlichen Gefährt*innen nicht), drohte Kaneko Fumiko vor Gericht (1925/1926) damit, dass sie den Kaiser ermorden würde, wenn das Gericht sie freilassen würde. Siehe auch „Because I Wanted To. Kaneko Fumiko on nihilism and why she wanted to kill the Emperor of Japan“ und Kaneko Fumiko. „The prison memoirs of a Japanese woman„.

[3] Aus „Namenlos. Beiträge zu einer anarchistischen Diskussion über Anonymität und Angriff„, erschienen bei Edition Irreversibel, S. 21. Kursivierungen von mir ergänzt.

[4] Als der „Kriegsheld“ Odysseus auf seinem Heimweg auf einer Insel landet und dort mit seinen Gefährten von einem Zyklopen gefangen gehalten wird, stellt er sich mit „Niemand“ vor. Nachdem Odysseus später den Zyklopen Polyphem geblendet hat, um ihm zu entkommen und dieser bei seinen Zyklopenfreund*innen um Hilfe bittet, erweist sich dieses Wortspiel als hilfreich, da die Zyklopen Polyphem nicht zu Hilfe eilen, als er ihnen auf die Frage, wer ihn geblendet habe, antwortet: Niemand.

[5] Diese mythologische Analogie ist ebenfalls der Broschüre Namenlos entlehnt.

[6] Namenlos, S. 22 f.

[7] Vgl. https://barrikade.info/article/3468

[8] Zu finden beispielsweise auf der Webseite https://militanz.noblogs.org (Ich empfehle, auf diese Seite nur mit TOR zuzugreifen!)

[9] Konkret würde ich für den Einstieg „Maßnahmen gegen Observation“ und die Bullenpublikation „Kriminaltechnik Expertise“ empfehlen (ACHTUNG: Links verweisen beide auf militanz.noblogs.org. Ich empfehle die Verwendung von TOR).

[10] Ein Beispiel für soetwas ist die Broschüre bzw. das Buch Stein für Stein, die den Kampf gegen den Bau eines Gefängnisses in Belgien dokumentiert und reflektiert.

Thesen zum Scheitern der Linken im allgemeinen

Es fällt den fraglichen, radikaleren Linken schwer, sich einzugestehen, bei welchen verheerenden Massnahmen sie gerade als – mindestens – propagandistischer Flügel mitgewirkt haben. So ist es klar, dass all jene, welche diese Massnahmen kritisiert haben, mit irgend einem Label angeschmiert werden müssen, welches sie in eine rechte Ecke stellt. Und wieso nicht Sozialdarwinismus?

Die Konkret hat meinen Artikel „Tod den Statistikern“ in ZL Nummer 64 als „sozialdarwinistisch“ und „links“ eingestuft (1). Beides Etiketten von Ideologien und Bewegungen welche ich ablehne. Ich will hier dabei auf den Artikel antworten, welcher auf Englisch gratis im Netz verfügbar ist. Ich beziehe mich dabei auf die englische Version, da mir das Bezahlen eines Artikels zu blöd und zu teuer ist. Leider bin ich arm, und falls ich mal Geld hätte, sollte ich mich vielleicht lieber um eine Krankenversicherung bemühen als mein Geld für die Konkret hinauszuwerfen.

Der Artikel, in dem die fragliche Anfeindung geschieht, fasst die gegenwärtigen Klischees über was es bedeute, wenn man den lockdown und Co. ablehnt, bestens zusammen. Die Kritik verlässt dabei nicht ein einziges Mal den Bereich der Ideologie, weil es klar ist, dass ausserhalb der Ideologie die Individuen die man in die Kategorie „Risikogruppen“ steckt, durchaus nicht die Profiteure des ganzen Regimes waren, sind und sein werden. Vielmehr steigt statistisch (und mehr als um eine statistische Gruppe handelt es sich ja nicht, auch wenn die hier kritisierten sich vielleicht gern als Repräsentanten sehen würden) das Todes-, Armuts- und Krankheitsrisiko gerade dieser Gruppen zurzeit massiv an. Das kann sich jeder ausrechnen, der die gegenwärtige Gesellschaft auch nur ein bisschen verstanden hat. Und da „im Kampf gegen Corona“ – nur so ganz nebenbei natürlich – eine komplette präventive Konterrevolution stattgefunden hat, sich gerade die Linke bis in ihre radikalen Gefilde selbst für diesen Kampf, das heisst: für die Konterrevolution, mobilisiert und ansonsten grösstenteils demobilisiert hat… Ist davon auszugehen, dass die gegenwärtige Gesellschaft so leider noch etwas weiterbesteht. Zumindest aber wird die Revolution von der Fraktion #stayathome nicht ausgehen, welche in ihrem „Einvernehmen mit der Polis, dem Staat“ (Herbert Marcuse) so solidarisch war, der Polizei und dem Militär die Strasse zu überlassen. Dass die kommenden und stattfindenden Revolten und Aufstände weitergehen werden, dass das Zusammenbruchsszenario, dass sich vor unseren Augen abspielt, nicht aufzuhalten ist… dass jede chaotische Revolte, wenn sie auch katastrophal verläuft, für uns ein Lichtblick sein wird im Vergleich zu den Bürgerkriegs- oder lockdown-Regimes, oder vielleicht sogar dem Weltkrieg (wer lacht da?!), welche jetzt bevorstehen, sei nur so subtil angedeutet. Und auch eine politische Revolution wird daran nichts ändern. Diese ganze Zivilisation sollte endlich im Orkus verschwinden, zu dieser Erkenntnis werden vielleicht bald Milliarden von Menschen gelangen. Welche sich effektiv um die Krankenhausbedingungen in Europa wenig kümmern werden, ebensowenig um den Nationaldünkel gewisser Linker, etc. Denn das tun sie jetzt schon nicht. Sie werden nämlich mehr an ihren Hunger denken und vielleicht auch an ihr komplettes Ausgeschlossensein aus der schönen hygienischen Welt wo die Corona-App oder irgendwas vergleichbares ihnen den Zugang verwehrt. Wer weiss.

Wenn der totale Gesundheitsprotektionismus kritisiert wird, dann muss das ja sozialdarwinistisch sein, sagt die Konkret. Die neueste Stufe der Enteignung, oder zumindest deren aktuelle Formalisierung, nämlich das Verbot, über den eigenen Körper und das gesundheitliche Risiko, welchem man diesen aussetzt, zu verfügen, ist ja eigentlich das, was in meinem Artikel kritisiert werden sollte. Diese Enteignung betrifft ja jetzt gerade alle, nicht nur die sogenannten Risikogruppen, welche man als Grund angibt, und welche davon in der bestehenden Gesellschaft ja immer besonders betroffen waren und sind. Und wie ja auch schon darauf hingewiesen wurde: diese Enteignung war eben auch eines der Motti der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik: „Deine Gesundheit gehört nicht dir„.

Da die nationalsozialistische Art dieser Enteignung sich dabei eben vor allem durch ihre sozialdarwinistische Ideologie und Praxis von der heutigen unterscheidet, ist es wohl eines der letzten Argumente, welche für all die leider all zu realen „Massnahmen“, für diese despotische Masseneinsperrung, hergeholt werden können. Aber leider bleibt der ganze Solidaritätsdiskurs eine lächerliche Heuchelei. Wer es sich immer noch so zurechtreden will, als wäre mit Corona (welches auch Bestandteil der Grippe wäre, wenn es besonders gefährlich wäre – also vielleicht nicht „nur“ (was eine andere Diskussion ist), aber zumindest „eine“ Grippe) eine besonders soziale Phase der gegenseitigen Hilfe eingeleutet worden, der ist schlicht noch geblendet von propagandistischen Manipulationen welche bei linkstümlerischen Menschen scheinbar besonders gut ziehen. Oder er hat sich ein autoritäres Regime schon lange herbeigewünscht?

Zumindest persönlich respektiere ich nur die Basis der Freiwilligkeit als Grundlage zu Beziehung. Ansonsten stellt sich da schnell eine gewisse Feindseligkeit ein. Wenn nun effektiv Leute von mir Verlangen, ich solle mich um ihretwillen „zuhause“ einsperren, und ich mich weigere, und eben letztlich davon absehe, sie zu schlagen, auch wenn ich mein logisches Recht dazu behaupte, dann hat das nichts damit zu tun, dass ich diese als „lebensunwertes Leben“ betrachte. Auch wünsche ich mir keine „Herrschaft der Natur“ über sie, was auch immer das bedeuten soll. Vielmehr fände ich es durchaus schön und bin auch bereit dazu, in einer Welt der gegenseitigen Hilfe zu leben, in welcher die Realität all der „Risikogruppen“ nicht in Heime abgeschoben wird… aber ehrlich gesagt auch eine Welt, in welcher der Tod weder abgeschafft ist noch als Hauptfeind betrachtet wird, sondern als Bestandteil des Lebens. Wahrscheinlich wäre meine Utopie eine Dystopie für Bloch und Stephan Weigand und Rebecca Maskos. Die hoffen auf eine weitere Entwicklung des technologischen Albtraums, in welchem man das Leben fürs Überleben aufopfert, sei’s auf der Arbeit, im lockdown, überall… in welcher Einsperrung ein ewiger Bestandteil ist, als normal und lebenswert gilt. Nein Danke! #stayathome ist wohl in etwa das exakte Gegenteil einer „besseren, befreiten Gesellschaft„. Das „Versprechen des längsten und bestmöglichen Lebens„, ist das Versprechen welches euch das „falsche Ganze der Herrschaft“ (letzte 3 Zitate aus Konkret, Go die!) akzeptieren lässt. So scheint es zumindest.

Im Gegensatz dazu wird die Revolution wie ein Fest sein. Ein Fest das hoffentlich niemals enden wird. An dem alle teilnehmen können, „ob jung oder alt, rollend oder humpelnd, „multimorbid“ oder sehr normal“ (Konkret). Was zählt ist den Bereich der Angst zu verlassen, der Angst vor dem Tod nicht zuletzt. Denn, wie ein Sticker, welcher an vielen Strassenecken hier zu sehen ist, sagt: „Die Angst vor dem Tod raubt uns den Mut zu leben„. Und klar wird dabei gestorben werden. Klar wird dabei auch früh gestorben werden. Aber ohne die Opferung, ohne den Tod im Leben, welcher unser heutiges Leben so oft ausmacht.

Leben, nicht blosses Überleben! Für die Zerstörung der Ökonomie! Für ein Ende mit jeglicher Einsperrung!

(1) Rebecca Maskos/Stephan Weigand – Go die! -Corona crisis shows that social Darwinist ideas are taken up by left wing politic / respektive auf deutsch, laut website: Geht sterben! Die Corona-Krise zeigt, dass auch in der Linken sozialdarwinistisches Gedankengut verbreitet ist. In Konkret 7/2020. Zitate aus dem Text habe ich aus dem Englischen rückübersetzt und mich an Wortwahl nicht allzu sehr aufgehangen, schliesslich kenne ich die exakte Wortwahl nicht…

Im Anarchie-Test durchgefallen …

Eine Antwort auf die Antwort auf eine Kritik (Zündlumpen Nr. 065, „Eine Verschwörung und ihre eifrigen Verschwörer*innen“) von mir an dem Artikel „Neulich im Supermarkt … ‚Der Ball muss rollen‘!“ von nigra.

Vielleicht mag es irrelevant erscheinen, aber ich würde zu Beginn doch gerne etwas zu meinen Ansichten klarstellen. Zu Beginn deines Artikels unterstellst du mir, ich sei „jemensch, der*die die einzige und echte Idee von Anarchie und Radikalität für sich gepachtet zu haben scheint.“ Eine Polemik deinerseits, geschenkt, aber wenn du darauf folgend einige Anführungszeichen in meinem ursprünglichen Text deutest, quasi als Beweis dieser These, so muss ich dir sagen, dass du irrst. Nicht dass ich die FdA ernst nehmen würde – um das überhaupt in Erwägung zu ziehen, müsste mir dann doch zuerst einmal irgendwer plausibel erklären, was der Zweck dieser Organisation sein soll, ohne dass diese Erklärung eine Umschreibung des Begriffs „Organisation“ selbst darstellt –, aber das heißt noch längst nicht, dass ich dich oder irgendeine andere Person als Anarchist*in nicht ernst nehmen würde, wenn du/sie erklärt, du/sie sei(st) Anarchist*in. Für mich stellt der Begriff Anarchist*in keine Identität dar und auch wenn ich mich selbst ebenfalls als Anarchist*in bezeichnen würde, stört es mich nicht, dass wir trotz dieses geteilten Labels offensichtlich nicht besonders viele Ideen teilen. Wenn ich einen Begriff wie „FdA-Mitglied“ in Anführungszeichen setze, dann eigentlich vielmehr, weil ich mich eigentlich ein bisschen schlecht fühle, dich auf deine Mitgliedschaft bei der FdA zu reduzieren, was ich ja begrifflich dennoch – aus funktionalen Gründen – unweigerlich tue. Und um das eben ein wenig abzuschwächen setze ich diese lächerlich-identitäre Phrase dann eben in Anführungszeichen. Gleichermaßen gilt das freilich auch für den Begriff „radikale Linke“. Meinetwegen kann sich also durchaus „jede*r dahergelaufene Heini zur radikalen Linken zählen“, mir ist das gleich, nur fühle ich mich ein wenig schlecht, wenn ich über die „radikale Linke“ spreche, als wäre das eine allgemeine Identität und deswegen setze ich das dann eben in Anführungszeichen – nicht die beste Lösung, das gebe ich zu, aber pragmatischerweise dann eben doch häufig das Mittel der Wahl. Ironischerweise zähle ich mich selbst übrigens gar nicht zur „radikalen Linken“. Wenn du also meinen (streng geheimen) „Anarchie-Test“ bestehen wollen würdest – ich wüsste übrigens auch nicht warum du das wollen solltest –, dann hättest du sicherlich bessere Chancen, wenn du dich da auch nicht dazu zählen würdest. ;-)

Was soll nicht alles meine Sache sein?

Nun, nachdem ich nun meine Anführungszeichen-Motivation so ausführlich dargelegt habe, kann ich eigentlich auch gleich etwas zu meiner nicht vorhandenen moralischen Motivation sagen, nach der du fragst. Deine ~grundlegende~ moralische Motivation beschreibst du folgendermaßen „Es soll allen Menschen auf der Welt gut gehen und niemensch soll an den Verhältnissen leiden“ und weil ich diese Motivation für mich verneine fragst du dich zurecht, was denn verflucht noch mal meine Motivation, Anarchist*in zu sein ist. „Den Staat scheiße finden und aus Prinzip alles, was von ihm kommt, auch wenn es sich zufällig in einem Punkt mit meinen Zielen deckt, ablehnen“, schlägst du vor. Warum nicht? Aber ich denke das ist nicht meine Motivation, sondern vielmehr die Konsequenz daraus. Ich denke ich würde meine Motivation Anarchist*in zu sein recht egoistisch beschreiben, vielleicht mit „Mir geht nichts über Mich!„, naja vielleicht nicht ganz so angestaubt, vielleicht lieber „Meine ~Motivation~ Anarchist*in zu sein ist es selbst ein Leben jenseits von Herrschaft zu führen“? „Pfui über den Egoisten, der nur an sich denkt!„, mag dir da in den Sinn kommen. Aber ganz ehrlich, bei deiner ~Motivation~ frage ich mich etwas dieser Art: „Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein.

Hmm, jetzt werde ich wieder polemisch … Naja, legen wir den Stirner wieder beiseite, der ist prädestiniert für Polemik, du machst schließlich auch noch ganz gute weitere Vorschläge, was meine ~Motivation~ – oder sagen wir besser eine Konsequenz daraus – sein könnte: „Die Förderung Erneuerbarer Energien ablehnen, weil die Förderung eine staatliche und im Kapitalismus eingebettete ist?“ Ich würde vielleicht noch bescheiden ergänzen, dass „Erneuerbare Energien“ die Zivilisation aufrechterhalten und Teil der technologischen Herrschaft sind, aber ansonsten würde ich deinen Vorschlag durchaus übernehmen. Nur die „Atomkraftwerke wieder ans Netz bringen“, da muss ich passen. Ich denke das Stromnetz zerstören, das wäre da aus meiner Sicht die passendere Perspektive, wenn du schon fragst. Das ist eine „Schwarz-Weiß-Welt“ „ohne Zweifel und Kompromisse“? Du machst dir ja keine Vorstellungen …

Aufbruch in die kybernetische Gesellschaft?

Als du in deinem ursprünglichen Text „Neulich im Supermakt … ‚Der Ball muss rollen'“ schriebst, dass ~unsere~ – wer ist dieses wir?! – Motivation auch jetzt sein sollte, „Leid zu minimieren“ und dabei vorschlugst „Und wir alle können es verhindern, indem wir uns zurücknehmen. Und „zurücknehmen“ heißt nicht, gar nichts zu tun, sondern es anders und mit Bedacht zu tun.“, was wolltest du damit zum Ausdruck bringen? Ich warf dir daraufhin in meinem Text (Zündlumpen Nr. 065) vor, zum Gehorsam aufzurufen, was du nun von dir weist, mit den Worten „Du sollst dein Hirn einschalten und vielleicht andere Wege finden, dich zu engagieren und aktiv zu sein. Was ist daran so schwer zu kapieren, dass der Virus sich unter bestimmten Umständen leichter verbreitet? Mir sagt mein gesunder Menschenverstand, dass Mund-Nasen-Schutz, Hände waschen, Abstand halten und das Vermeiden von Menschenmassen helfen, die Ausbreitung zu verlangsamen.“ Auch wenn es mir sicherlich erheblich an „gesundem Menschenverstand“ mangeln muss, weil ich so gar nicht verstehen kann, wie – und ebenso was und warum – es helfen soll, die „Ausbreitung [des Virus] zu verlangsamen“, wenn ich all das von dir vorgeschlagene tue, bin ich es dennoch Leid, hier die tausendste Neuauflage der Diskussion um die „Gefährlichkeit“ des Coronavirus durch die Brille der Wissenschaft zu führen. Ich bin sicher, dass diese Frage in naher Zukunft von all jenen, die diesen Streit so leidenschaftlich führen, zur Genüge aufgeklärt werden wird. Was auch immer dabei herauskommen mag, für mich spielt es nicht den Hauch einer Rolle: Mag sein, dass ich mich selbst anders vor einer Infektion ~geschützt~ hätte, wenn mir eine glaubhafte Statistik vorgelegt worden wäre, die gezeigt hätte, dass die Hälfte oder wenigstens ein Drittel der Infizierten am Virus verrecken, aber unter keinerlei Umständen hätte mich das dazu verleitet, mich selbst zu Quarantänisieren und schon gar nicht, soetwas von anderen einzufordern (was sollte das auch für einen Sinn ergeben). Und eben das ist die Debatte, die wir beide hier führen: Ist es zum Wohle einer (vermeintlichen oder tatsächlichen) Mehrheit der Menschen vertretbar, sich selbst „zurückzunehmen“? Ich hatte ja Eingangs bereits mit Stirners Worten gesprochen, also will ich hier versuchen, das noch einmal mit eigenen Worten zu umschreiben, bzw. meine eigene – sicher graduell unterschiedliche – Perspektive dazu auszuformulieren:  Es ist die herkömmliche Legitimation der Zivilisation – und oft auch des Staates als schlichtender Akteur –, die Interessenskonflikte zwischen Individuen und die „Einschränkung der eigenen Freiheit zugunsten der Freiheit anderer“ auf diese Weise zu beschreiben: Statt zu sagen, diese*r oder jene*r solle sich zum Wohle anderer oder zum Wohle der Allgemeinheit „zurücknehmen“, könnte ich auch sagen „die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt“ oder irgendeine ähnliche weitverbreitete und doch inhaltsleere Phrase. Ob es nun der Staat ist, der diese „Freiheit“ des Individuums, die als von anderen Individuen bedroht interpretiert wird, „garantiert“ oder eine (anarchistische oder weniger anarchistische) Moral, das scheint mir nur eine Frage der Form zu sein. Es ist aus meiner Sicht auch der am wenigsten interessante Aspekt: Viel wichtiger finde ich die Fragen: Bedrohen die Individuen sich wirklich gegenseitig in ihrer Freiheit? Wie groß ist diese Bedrohung und wie groß ist sie im Verhältnis zur Bedrohung der Freiheit durch die Etablierung einer Moral oder der diskursiven Allgemeinheit? Ich bin überzeugt, dass es immer Konflikte zwischen Individuen geben wird, dass diese Konflikte auch immer wieder mit Gewalt gelöst werden werden und dass das unzivilisierte Individuum immer auch die „Freiheit eines anderen einschränken“ wird, wie es die bürgerlich-demokratische Ideologie beschreibt. Dagegen kann sich ein einzelnes Individuum ebenso wie mehrere Individuen zugleich stets zur Wehr setzen oder auch nicht, ich kann einen Konflikt auf Leben und Tod austragen oder nachgeben, ich kann mich rächen, ich kann auf Rache verzichten, ich kann kämpfen und ich kann sterben. Jedoch aus Angst vor dem ungezähmten Individuum irgendeine Institution, sei es die des Staates oder die der Moral, zu errichten, die über jedem Individuum steht und die die Konflikte zwischen Individuen zivilisiert und in bestimmte Bahnen lenkt, das ist für mich die eigentliche Bedrohung der Freiheit. Denn das ist für mich der Beginn von Herrschaft. Und das (vermeintliche oder tatsächliche) „Wohl der Allgemeinheit“ verweist auf eine ebensolche Institution, nämlich gewissermaßen auf die der Gesellschaft, die der Zivilisation selbst. Und daher kann ich es nur ablehnen, das „Wohl der Allgemeinheit“ als Maßstab für mein Handeln anzuerkennen!

Was sich speziell anlässlich des Coronavirus hier vielleicht noch anmerken lässt, ist, dass sich hier ganz deutlich gezeigt hat, wie die Herrschaft sich solch utilitaristischer Argumentationsmuster ganz bewusst bedient, um ihre Interessen durchzusetzen. Denn auch wenn mir noch immer unklar ist, was das ~vernünftige~ Interesse der Herrschaft gewesen sein soll – aber die Herrschaft handelt ja nicht notwendigerweise ~vernünftig~ –, die Menschen einzusperren und gegen sich aufzubringen – siehe all die Rebellionen und Revolten weltweit –, außer dass man vielleicht ausprobieren wollte, was die Menschen sich alles gefallen lassen und wie weit man gehen kann, so ist doch deutlich erkennbar, dass sich mit der Entscheidung, Ausgangssperren zu verhängen, Mundschutz vorzuschreiben, usw. auch von einem Tag auf den nächsten die – ach so objektiven – wissenschaftlichen Einschätzungen gewandelt haben: War der Mundschutz anfangs noch als kontraproduktiv gebrandmarkt worden – da, als du ihn wohl schon auf Empfehlung spanischer Anarchist*innen getragen hast –, galt er plötzlich als essentiell und all diejenigen, die nicht über Nacht einen solchen parat hatten oder einfach keine Lust verspürt haben, einen zu tragen, wurden in der Öffentlichkeit, von den Medien, der Polizei und den Politiker*innen als potenzielle Mörder*innen behandelt, die „rücksichtslos“ andere infizieren würden. Das ist nur ein Beispiel, es gibt noch viele weitere, dafür, dass das „allgemeine Wohl“ der Menschen, für das auch du dich so sehr zu interessieren scheinst, eben sehr stark verhandelbar ist, von der Perspektive der*desjenigen, die*der es definiert abhängt und sich dementsprechend hervorragend als Instrument zur Durchsetzung eines persönlichen Programms eignet. Und das Gute daran – aus Sicht der Herrschaft –: Ist es ersteinmal gelungen, irgendetwas als dem „allgemeinen Wohl“ zuträglich darzustellen, so gebietet die (christliche) Moral all ihren Anhänger*innen, unabhängig davon ob diese sich nun als Anarchist*innen, Demokrat*innen, Kaisertreue oder Kapitalist*innen verstehen, danach zu handeln.

Aus dieser Analyse entspringt auch mein Vorwurf, du würdest zum Gehorsam aufrufen und diesen muss ich auch jetzt, wo ich deinen Appell ans „Hirneinschalten“ und den „gesunden Menschenverstand“ lese – was bei mir freilich beides ins Leere laufen muss – wiederholen. Nichts davon ist ein Argument für das „Zurücknehmen“, beides vielmehr eine Rechtfertigung für das Gehorchen! „Was ist daran so schwer zu kapieren, dass der Virus sich unter bestimmten Umständen leichter verbreitet?“, fragst du. Ja was eigentlich? Ist es nicht die Zivilisation mit ihren Hochgeschwindigkeits- und Massentransportmitteln, mit ihren global angeglichenen Lebensbedingungen, ihren immer sterileren urbanen Lebensräumen, ihrer (industriellen) Verwertbarmachung ihrer Umwelt, ihrem Herrschaftsanspruch über sämtliches Leben auf diesem Planeten, die diese Umstände ausmacht? Aber es ist nicht die Zivilisation, die du mit deinem Vorschlag des sich „Zurücknehmens“ angreifst, im Gegenteil: Mund-Nasen-Schutz tragen, Hände waschen, Abstand halten und das Vermeiden von Menschenmassen, alles Dinge, die du aufzählst, sind vielmehr der Innbegriff der bereits begonnenen techno-industriellen Zivilisation, die mit ihren kybernetischen Modellen sämtliche Individuen voneinander isoliert, nur um sie technologisch vermittelt und kontrolliert wieder „zusammenzubringen“. Wenn ich deiner Meinung nach nun also „andere Wege finden“ soll, um mich „zu engagieren und aktiv zu sein“ – für mich heißt das „zu leben“, weil ich weder engagiert, noch aktiv bin –, dann – das unterstelle ich dir jetzt einfach, du kannst ja widersprechen, wenn du findest zu Unrecht – meinst du damit einen Schritt hin zu dieser furchtbaren technologischen Dystopie: Du meinst ich soll hinter einem Bildschirm verschwinden, soll, wenn denn überhaupt, andere Individuen nur noch mit maskiertem Gesicht treffen, soll jegliche Wärme zwischenmenschlichen Kontakts (ein Lächeln, eine Umarmung, eine reale Begegnung, usw.) aus meinem Leben verbannen und fortan ein kühles, nüchternes, rationales und vorhersehbares Leben als Teil der Maschine führen. Kurz: Du erwartest von mir genau das selbe wie der Staat, selbst wenn du es anders – aber nicht allzusehr anders – begründen magst. Und wenn du später auch betonst, dass du und deine Gang andere Menschen niemals verurteilt habt, „wenn sie anders als [ihr] gehandelnt haben“, weil ~ihr~ Anarchist*innen seid und „differenziert denken [könnt]“, wenn du nahelegst, dass es in einer „anarchistischen Gesellschaft“ (Anführungszeichen, weil ich mit dem Begriff nichts anfangen kann) keine Quarantäne gäbe, weil sich „in einer freien Gesellschaft sozialisierte Menschen völlig selbstverständlich in sie begeben“, dann stehen mir vor Schaudern alle Körperhaare zu Berge und ich muss an Huxleys schöne neue Welt denken, aber auch an die strahlenden Utopien der heutigen Vertreter*innen einer transhumanistischen Techno-Gesellschaft und trotz der Angst vor deiner Antwort drängt es mich, dir folgende Frage zu stellen: Begeben sich in dieser ~freien~ Gesellschaft dann auch alle darin sozialisierten Verbrecher*innen gleich nach ihren Taten von selbst und freiwillig in die Knäste oder gibt es gar keine Verbrecher*innen mehr?

Du hältst „Ausgangssperren für falsch“, aber plädierst dafür, dass die Menschen sich – zumindest meistens – selbst und freiwillig in Quarantäne begeben? Was ist das anderes als ein Plädoyer für die kybernetische Gesellschaft in der die materielle Repression des Staates dank der subtileren Institutionen von Herrschaft obsolet geworden ist?!

Noch ein paar Worte zur Wissenschaft

Du fragst mich, ob wissenschaftliche Erkenntnisse zwingend immer falsch sind. Ich denke das ist die falsche Frage. Ich denke Ziel der Wissenschaft ist es, die „Natur“, d.h. die auf diesem Planeten existierenden Lebewesen beherrschbar zu machen, indem das Leben in abstrakte Modelle gepresst wird. „Ist 5 x 5 nicht immer 25?“ Es mag als gigantischer Klugschiss aufgefasst werden, wenn ich das nun verneine und ich bin mir fast sicher, dass du dich – zumindest insgeheim – darüber lustig machen wirst, aber das ist mir egal, denn das Beispiel eignet sich zu gut um zu erläutern, was ich meine. Die Mathematik ist schließlich nichts als ein Hirngespinst. Ein derzeit besonders einflussreiches vielleicht, aber eines, dessen praktischer Nutzen sich mir jenseits der Zivilisation nicht erschließt. In der Realität gibt es nicht mehrere Instanzen von ein und derselben Sache. Wenn ich einen Stein finde und dann noch einen und später vielleicht noch einen, welchen Sinn macht es da, diese Steine zu zählen? Schließlich sind sie alle verschieden und sie zu zählen würde nur dann Sinn machen, wenn ich aus ihrer Abstraktion und deren Anzahl irgendeinen Wert ziehen wollte. Zählen würde ich dann also nicht die konkreten Steine (da habe ich ja von jedem nur einen), sondern irgendein Idealbild von einem Stein. Vielleicht so wie bei Geldmünzen. Auch da ist keine identisch zur anderen, aber weil es darum nicht geht, sondern bloß um das Ideal ihres Wertes ergibt es für mich einen Sinn zu zählen. Eine*r mag nun einwenden, dass es für dieses oder jenes Beispiel vielleicht doch jenseits des Zweckes der Wissenschaft einen tieferen Sinn gibt, etwas zu zählen. Aber selbst wenn: Ich bin überzeugt, dass es eine völlig andere „Mathematik“ – in Anführungszeichen, weil ich etwas institutionalisiertes wie die heutige Mathematik selbst wenn sie eine andere Form hätte, ebenso unbrauchbar fände – sein wird, die sich dann als nützlich erweisen wird. Und wer weiß: Möglicherweise ergibt 5 x 5 dann selbst in der konventionellen Algebra nicht mehr 25.

Vielleicht ist das ein wenig abstrakt, aber die Viren-Frage ist möglicherweise anschaulicher. Vielleicht klammern wir die Frage danach, ob es Viren überhaupt gibt im Wesentlichen aus, dafür beschränke ich mich hier auch auf die wertneutrale Feststellung, dass es zumindest wenn mensch hier den Erkenntnissen der Wissenschaft Glauben schenken will, für die Menschen vor 1892 keine Viren gab. Aber die Frage, ob „Viren in der Anarchie nicht mehr ansteckend“ seien, finde ich eigentlich sowieso spannender: Ich vermute mal in deiner Anarchie sind sie es genauso wie heute auch. Für meine Anarchie ist das schon schwieriger zu beantworten. Und das gar nicht einmal, weil meine Anarchie vor allem ein Raum der Negativität ist. Nein, das ist eine gute Frage: Wenn denn die Zivilisation erst einmal zerstört ist und wir anachronistischerweise einmal annehmen, dass das Konzept eines Virus diese paradoxerweise überdauern wird, dann hängt es doch hochgradig von der Lebensweise der Menschen ab, ob und in welchem Grad Viren (von Mensch zu Mensch) dann noch – in diesem Grad und Sinne – ansteckend sind. Aber nehmen wir doch einfach einmal an, dass grundsätzlich schon. Eine Pandemie wäre dann doch sehr unwahrscheinlich, wenn es keine Zivilisation mehr gibt, die sowohl ähnliche Umweltbedingungen, als auch effiziente Verbreitungswege garantiert und garantieren würde.

Wusstest du übrigens, dass an Impfungen und anderen Virenmedikamenten zuerst im militärischen Kontext geforscht wurde? Weil es nämlich ein Problem für die Kolonisator*innen war – und natürlich umgekehrt auch für indigene Bevölkerungen, aber für die interessiert(e) sich die medizinische Forschung natürlich nicht –, wenn sie sich mit Viren – gegen die die indigene Bevölkerung längst immun war – ansteckten und daran verreckten oder wenigstens für einige Zeit „kampfunfähig“ waren. Die Deutung dieses Fakts bleibt dann jeder*jedem selbst überlassen.

Es grüßt aus dem „anarchistischen Großstadt-Kiez“ München in die ferne Provinz von Ortenau:
Niemand

Ein Nekrolog auf Identitätspolitik

Ich begann mit dem Schreiben dieses Textes einige Monate vor den Krawallen nach George Floyds Tod. Der Aufstand, der mittlerweile zu einem globalen Ereignis geworden ist, hat mich motiviert, meine Perspektive in diesem Text darzulegen. Meine Erfahrungen in Minneapolis vom 26. bis zum 30. Mai haben meine Verachtung für Identitätspolitik gestärkt, weshalb ich diese um zusätzliche Kritiken daran, die aufgrund dieser Erfahrungen entstanden sind, ergänzt habe.

Gehen wir zurück zu einer Zeit und einem Ort, an dem die Menschen Pager und Münztelefone nutzten. Als Verandas und öffentliche Parks die Orte waren, an denen man herumlungerte. Eine Zeit, in der Konflikte von Angesicht zu Angesicht geklärt wurden und Scheißelabern direkte Konsequenzen im realen Leben hatte. Das waren die Zeiten vor „Callout-Culture“, „Troll-baiting“ und anderen internetdominierten Aktivitäten. Manche sagen das Internet und die Ausbreitung von Technologie hätten den Kampf gegen Unterdrückung vorangebracht. Meine Meinung? Das Internet ist der Ort, an dem alle Potenziale für soziale Revolte absterben. Zusätzlich zu unsinnigen Petitionen und endlosen Memes kann die [Selbst-] Wahrnehmung als Rebell*in durch Selbstmitleidsorgien und akademische Loyalität erzielt werden, anstatt durch praktische Direkte Aktion. Während das Internet die ideale Brutstätte für Tastatur-Krieger*innen und überhebliche Akademiker*innen ist, bewirkt es auch die Rückentwicklung der sozialen Fähigkeit von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren. Konfliktlösung nimmt die Formen eines undefinierten Internet-Schauspiels und meist auch die einer widerlichen, dem realen Leben nachempfundenen Nachbildung von Richter, Geschworenen und Henker an. Interaktion von Angesicht zu Angesicht ist beinnahe unnötig in der Techno-Gesellschaft, in der ein Smartphone zu einem persönlichen Bedarfsartikel geworden ist, der scheinbar mit den Händen seines Besitzers verwachsen ist. Von einem individuell verdunkelbaren Bildschirm kann nun das ganze Spektrum emotionalen Ausdrucks aus einem Pufferspeicher von Emotionen digital repräsentiert werden.

Das Internet ist auch ein Ort, an dem die Lynchmob-Mentalität der „Callout-Culture“ die Menschen ermutigt, sich gegenseitig als eindimensionale Wesen zu betrachten, die sich ausschließlich durch Fehler und Unvollkommenheiten definieren. Im Namen von „sozialer Gerechtigkeit“ und dem „Outing von Tätern“ entsteht ein neuer Etatismus, der Angst und Schuld dazu nutzt, die Konformität von Allies zu erzwingen. Und ähnlich dem Bestraftwerden durch den Staat, kann ein Individuum, wenn es einmal im Internet verurteilt wurde, niemals wieder diesem Stigma entfliehen. Stattdessen bleibt jegliche persönliche Entwicklung unbedeutend im Vergleich zu der statischen Natur vergangener Fehler. Unabhängig von persönlicher Entwicklung ist ein verurteiltes Individuum auf ewig dazu verdammt, der Aussage seiner Online-Darstellung unterworfen zu sein.

In meiner Erfahrung als „marginalisierte Stimme“ habe ich gesehen, wie Identitätspolitik von Aktivist*innen als Werkzeug der sozialen Kontrolle instrumentalisiert wurde, das gegen alle genutzt wurde, die in das identitäre Schema des „Unterdrückers“ passten. Der ursprüngliche Machtkampf um Gleichheit hat sich in eine olympische Sportart für sozialen Einfluss verwandelt, die die gleiche soziale Hierarchie umkehrt, die ursprünglich hätte zerstört werden sollen. Viele Identitätspolitiker*innen, die ich getroffen habe sind mehr daran interessiert „weiße Schuld“ für ihren persönlichen (und sogar finanziellen) Vorteil zu nutzen, als die Organisationsstrukturen des Rassismus [white supremacy] physisch anzugreifen. Ich habe erlebt, wie die Opferrolle dazu genutzt wurde, haarsträubende Lügen und Schikanen zu rechtfertigen, die durch persönliche Rache motiviert waren. Viel zu häufig habe ich gesehen, wie Identitätspolitik eine Kultur schafft, in der persönliche Erfahrungen auf passives Schweigen reduziert werden. Aber all das ist nichts Neues. Jede*r, die*der sich selbst (seit einiger Zeit) als Anarchist*in definiert, wird schon einmal die eine oder andere Form von „call-out“ oder „silencing“ gesehen oder auch selbst erlebt haben. Warum erwähne ich das also? Weil diese Scheiße immer noch passiert und ich immer noch so viele Menschen sehe, denen der Mut fehlt, sie offen zu konfrontieren.

Ich erwarte nicht, dass dieser Text der Identitätspolitik zu einem plötzlichen Ende verhilft. Vielmehr drücke ich meine Feindschaft ihr gegenüber und ihrem autoritären, anti-individualistischen Charakter aus. Ich sehe noch immer selbstbezeichnende Anarchist*innen über „weiße“ Dreads lästern (ebenso wie ich Menschen sehe, die ihre Dreads unter sozialem Druck abschneiden). Ich sehe noch immer Menschen, die das Wählengehen rechtfertigen, wie sie es bei Obama getan haben (dieses Mal für Bernie [Sanders] [1]). Und ich sehe noch immer „Allies“, die ihre Frustration in sich hinein fressen, weil sie zu verängstigt sind, den Autoritarismus, den sie vor sich sehen, zu konfrontieren.

Wie viele „weiße“ Anarchist*innen wurden Rassist*innen (oder Privilegierte) genannt und für ihre Weigerung an der vergangenen Wahl 2020 teilzunehmen, angedisst?

Stell dir vor, wie Anarchie aussähe, wenn die Menschen sich weigern würden, den herablassenden Forderungen von Identitätspolitiker*innen zu gehorchen. Würden sich die Menschen freier fühlen, ihre Leben jenseits der engstirnigen Grenzen vorgegebener Identitäten zu erforschen? Würden sie sich furchtlos ermächtigen, sich ihre eigene Meinung zu bilden? Gibt es irgendeine Freude zu erleben innerhalb der angespannten Farce des akademischen Elitarismus?

Wäre dieser Text weniger stichhaltig, wenn er nicht von einer queeren Person of Color geschrieben worden wäre? Was, wenn er von einem „weißen“ „cis“ „Mann“ stammen würde? Warum wäre das relevant?

Im Großen und Ganzen wäre es das nicht. Denn schließlich geht es hier nicht nur um Identität, sondern um anti-autoritäre Anarchie. Wenn es eine Sache gibt, die ich in den letzten paar Jahren zur Genüge beobachten konnte, dann ist es Identitätspolitik, die sich wie eine Plage ausbreitet und jeden sozialen Raum verschlingt – ironischerweise inklusive den anarchistischer Kreise. Für mich bedeutet Anarchie die Zerstörung sämtlicher sozial konstruierter Identitäten und aller Einschränkungen, die diese der Vorstellungskraft setzen. Anarchie ist eine individualistische Erfahrung, die sich selbst im Gefängnis zugewiesener Identitäten gefangen sieht. Statt dieses Gefängnis gemeinsam mit der Gesellschaft, die es errichtet, zu zerstören, ist der heutige Anarchismus zu einem Friedhof erstorbenen Potenzials, internalisierter Opferrollen und eines ideologischen Wettkampfes darum, wer „am meisten unterdrückt“ ist, geworden.

Anstatt Identität selbst anzugreifen und den Apparat, der dieses Paradigma aufrechterhält, vergeudet mensch seine Energie damit, sich gegenseitig fertig zu machen, indem mensch die Komplexität individueller Einzigartigkeit ausblendet und die staatliche Rolle einnimmt, einander aufgrund von Zugehörigkeit zu identitären Kategorien zu definieren. Eine bestimmte Identität anzunehmen bestätigt nur die Existenz dieser Identität als eine universelle Wahrheit und damit – aufgrund der kolonialen Intention zugewiesener Identitäten – auch die Knechtschaft und Versklavung einiger durch andere als eine ebenso universelle Wahrheit.

Ich weigere mich daran teilzunehmen, Versklavung als Voraussetzung meiner Existenz hochzuhalten und deshalb sind diese „Wahrheiten“ nichts weiter als politische Märchenerzählungen. Sie sind Produkt einer perfektionierten, sozial entwickelten Gottesvorstellung, die wie ein parasitärer Cordyceps [2] in den Verstand eindringt und unbedingten Gehorsam einfordert. Bestandteil dieser mentalen Manipulation ist ein durch die Einkerkerung der industriellen Gesellschaft institutionalisierter Verstand. Identitätspolitik ist die verstaubte Kette der Kolonisation, poliert von denen, die ihr persönlichen Wert beimessen. Diese „Wahrheiten“ sind die sozialen Konstrukte der Kontrolle, die ein Leben der Rebellion im tiefen und finsteren Brunnen der Reform in Ketten legen. Und während sich viele dort eingerichtet haben, bin ich ausgebrochen, um das unendliche unbekannte Terrain des Hedonismus und der anti-politischen Anarchie zu erforschen. „Schwarze“, „Braune“ oder „Weiße“ Macht [Power] ist die Antithese der Freiheit; sie ist die ideologische Wohltätigkeitsarbeit einer zivilisierten, humanistischen Form der Rebellion. Identitätspolitik ist die Sterilisation der Individualität, die sie sowohl gehorsam gegenüber der kollektivistischen Autorität, als auch gutgläubig gegenüber dem nationalistischen Mythos der Überlegenheit macht.

Letztlich ist der „Mensch“ ein Tier, das innerhalb sozial konstruierter Kategorien in eine Hierarchie des ökonomischen Status domestiziert wurde. Und auch wenn sich diese Hierarchie über die Jahre verändert hat, wird sie dennoch beständig durch die Beziehung derer, die Befehle erteilen und derer, die gehorchen, aufrecht erhalten. Unabhängig davon, wie die Kategorien innerhalb dieser Hierarchie positioniert sind, bleibt die Hierarchie autoritär; die Gruppe dominiert das Individuum. Was einen „Menschen“ definiert, ist der Grad seines Gehorsams und seiner Unterwürfigkeit gegenüber zivilisierten Rollen und Verhaltensweisen, die die industrielle Gesellschaft erfordert. Je weniger kooperativ ein „Mensch“ ist, desto wahrscheinlicher wird dieser „Mensch“ mit einem Tier verglichen werden. Das Tier ist das unerwünschte Wesen – selbst für die Identitätspolitiker*innen, die es vorziehen, den ideologischen Anthropozentrismus der Kolonisateur*innen zu übernehmen. Vielleicht erklärt das, warum es so wenig Diskussion um Tierbefreiung im links-anarchistischen Diskurs gibt. Die marginalisierte Stimme soll lieber als gleichwertig zu den zivilisierten Kolonisator*innen porträtiert werden, als als verlorengegangene Beziehung zwischen ihrer Animalität und der Erde. Im Zentrum linker Politik steht das humanistische Ziel sozialer Gleichheit innerhalb des industriellen Fortschritts – während die Erde zugleich weiterhin in Nationalstaaten zerteilt bleibt und für die anthropozentrische Ausbeutung und Ausbreitung verwüstet wird.

Meine Meinung ist, dass solange eine*r eine persönliche Beziehung zur „menschlichen“ Identität – ähnlich wie der zu „weißen“ oder „männlichen“ Identitäten – pflegt, das Individuum das koloniale Paradigma von zivilisiert vs. wild bekräftigt. Und solange diese Bekräftigung andauert, bleibt das Individuum auch anfällig dafür in anderen identitären Konstrukten gefangen zu werden, die das ungezähmte Potential weiter unterdrücken.

Ich frage mich, wann bzw. ob Anarchist*innen im Allgemeinen jemals über die Gruppen-Mentalität des Linksradikalismus hinaus hin zum individualistischen Aufstand gelangen werden, in dem sie die Konfrontation von Identität als einen Akt der persönlichen Emanzipation begreifen. Werden Anarchist*innen eines Tages begreifen, dass alles über dem Individuum eine Autorität darstellt, egal ob es sich dabei um „die Kommune“, die „Bewegung“ oder die kulturelle Herrschaft von Identität handelt? Vielleicht einige, aber ich bin mir sicher, nicht alle.

Die heilige Opferrolle

Nach 45-minütiger Fahrt sind wir endlich da. Wir haben einen langen Tag des Ladendiebstahls hinter uns und das ist unser letzter Halt. Ich bin an der Reihe und ich nehme mir vor, den Laden mit Waren im Wert von mindestens 500 Dollar zu verlassen, um diese später online zu verkaufen. Aber ich habe ein schlechtes Gefühl bei diesem Laden. Anders als die Läden davor ist dieser Laden wesentlich kleiner, was bedeutet, dass die Ladendetektive die Türen besser im Blick behalten können. Größere Läden haben meist ausgedehntere Ein- und Ausgangsbereiche. Außerdem ist es schwieriger, alle Einkäufer*innen durch die Kameras im Auge zu behalten, je größer ein Geschäft ist. Ich entscheide mich, trotzdem zu gehen. Sei dir nie sicher über irgendetwas, wenn du es nicht bereits versucht hast.

Ich gehe hinein, nehme mir einen Wagen und schaue mich nach den Waren um, die ich klauen will. Ich checke auch die Schlangen an den Kassen und den Kundenserviceschalter. Zwei der Mitarbeiter*innen am Kundenserviceschalter sind damit beschäftigt, sich zu unterhalten, die Kassen sind alle, bis auf eine am Eingang und zwei am Ausgang, geschlossen. Am Eingang steht ein*e Mitarbeiter*in, die*der die Einkaufswägen abwischt. An einer der Kassen sitzt ein*e Kassierer*in, während die andere unbesetzt ist. Ich speichere die Situation als „zu einfach“ aussehend ab, aber ich entscheide mich, mich zunächst darauf zu fokussieren, wo die Dinge sind, die ich brauche. Nachdem ich meinen Einkaufswagen beladen habe, beginne ich meine Reise in Richtung Ausgang. Jede*r, die*der Ladendiebstahl zum Lebensunterhalt begeht, weiß, dass das der aufregende Teil ist. Die ganze Zeit bis zu diesem Moment war ich nur ein*e gewöhnliche*r Einkäufer*in. Aber nun, da ich auf den Ausgang zugehe, werfe ich mein Kostüm der*des „Einkäufers*in“ ab und bereite mich auf die kriminelle Erfahrung der*des „Ladendiebs*in“ vor. Als mein Herz zu pochen beginnt, kann ich spüren wie meine Nerven ein Wohlgefühl auslösen – eine beruhigende Antwort als eine temporäre Ablenkung von der Panik, um meine Sinne scharf und fokussiert zu halten. Ich muss auf alles vorbereitet sein. Und noch immer muss ich mein(e) „gewöhnliche*r Einkäufer*in“-Gesicht und -Körpersprache bewahren. Als ich die „zu leichte“ Bahn zum Ausgang durchquere, sieht alles gut aus.

Die Menschen am Kundenservice unterhalten sich immer noch und widmen mir keine Aufmerksamkeit, der*die eine Kassierer*in ist zu beschäftigt, irgendwen anzurufen, um mich zu bemerken. Ich hole meinen Fake-Kassenzettel heraus und gehe ganz gewöhnlich durch die ersten Schleusentüren des Ausgangs. Wenn ich gesehen oder erwischt worden wäre, wäre das der Moment in dem sich mir von hinten jemand nähern würde oder ich jemanden nach meiner Schulter greifen spüren würde. Als ich die zweiten Schleusentüren passiere, ist noch immer alles gut. Zeit, mich auf den Weg zur Rückseite des Parkplatzes zu machen – und dann passiert es …

Jede*r, die*der lange genug geklaut hat, kennt diese gefürchteten Worte: „Entschuldigen Sie … Entschuldigen Sie!“, höre ich jemanden hinter mir rufen. Ich tue so, als hätte ich nichts gehört. Dann höre ich schnelle Schritte von hinten auf mich zukommen. „Entschuldigung, ich muss Ihren Kassenzettel sehen“, sagt er, als er mir seinen Ladendetektiv-Ausweis vorhält. Fuck. Wo hat mich dieser geleckte Hipster gesehen? Muss in der Kleidungsabteilung hinter mir gewesen sein … Vielleicht war diese Bahn eine verdammte Falle. Egal. Lass den Einkaufswagen stehen und geh weg. Ich beginne wegzulaufen und höre „Nein, nein … Wir müssen wieder reingehen und Papierkram ausfüllen. Keine Sorge, Sie werden nicht angezeigt.“ Ja klar, Papierkram mit all meinen Daten ausfüllen und für ihre Akten fotografiert werden – vergisss es. Ich laufe weiter davon. Ein anderer Ladendetektiv kommt rausgerannt und ist am Telefon. Er ruft die Polizei. Ich erkenne sofort, dass der erste Typ mich heimlich hinhalten wollte, bis die Polizei eintrifft! Ich sprinte los. Ich höre, wie die beiden mir dicht hinterherrennen. Ich überquere die Sraße und stürze in eine Wohnwagensiedlung. Im Zickzack renne ich zwischen den Wohnwagen weiter und verstecke mich schließlich in einem Blechschuppen. Ich zwinge mich, ruhig und tief durchzuatmen. Ich beruhige mich und lausche, wie die beiden in der Nähe nach mir suchen.

Als ich sie schließlich nicht mehr höre, texte ich meinen Kompliz*innen meinen ungefähren Aufenthaltsort. Ich verlasse den Schuppen, versuche einige Dinge aufzuräumen, die heruntergefallen sind, als ich dort hineingestürmt bin. Die Bullen müssen jede Sekunde hier sein. Ich sehe, wie das Auto meiner Kompliz*innen langsam vorüberfährt und winke sie zu mir. Ich springe hinein und lege mich auf den Boden, als wir wegfahren.

Ich hätte meinem Instinkt vertrauen sollen. Das war Pech. Aber es hätte schlimmer kommen können. Statt die Nacht in einer Zelle zu verbringen, sitze ich gemütlich hier und schreibe diesen Text. Aber das ist die Realität des Ladendiebstahls – oder jedes Verbrechens, was das angeht. Egal wie viele Male du damit durchkommst, es ist wichtig darauf vorbereitet zu sein, eines Tages gefasst zu werden. Sei bereit dafür. Und wenn es passiert, untersuche die Panik, die Emotionen und die physischen Reaktionen deines Körpers … Lerne sie kennen. So dass du das nächste Mal, wenn du ein Verbrechen begehst, ein besseres Verständnis vom worst-case-Szenarion besitzt. Für mich ist das elementar und es gibt keinen Platz für die Opferrolle oder einen Ausruf der Unschuldigkeit.

Während Covid-19 die Bedingungen für staatliche Repression in Form von „Ausgangssperren“ schuf, hat es ironischerweise zugleich meine Möglichkeiten für illegalistisches Vergnügen erweitert! Viele Unternehmen blieben wochenlang unbeaufsichtigt, was bedeutet, dass Sachbeschädigungen länger unbemerkt blieben. Inmitten der Panik waren die Supermarkt-Detektiv*innen und das Sicherheitspersonal damit beschäftigt, die Anzahl der Gegenstände, die die Menschen bezahlten zu überprüfen, ohne die Wagenladungen an Lebensmitteln zu bemerken, die heimlich zur anderen Tür hinausgeschoben wurden.

Bevor sie ihre Läden schlossen, deaktivierten viele Geschäfte wie REI, L.L Bean und andere ihre Sicherheitsschranken. Ich vermute, dass dies aufgrund der großen Menge an Menschen geschah, die diese mit bezahlten Waren passierten, auf denen ein versteckter Diebstahlschutz noch immer aufgeklebt war. Vielleicht wurden die Schleusen abgeschaltet, um einen sekündlich losgehenden Alarm zu vermeiden. Das eröffnete die gute Gelegenheit, gesicherte Waren stressfrei hinauszutragen.

Die letzten Wochen ließen in mir alte Erinnerungen an die Zeit aufsteigen, zu der ich Anarchie noch als eine Aktivität verstand, die nur solange andauerte, wie eine Erste-Mai-Demo, eine Demonstration oder ein nächtliches Vergnügen. Ich erinnere mich daran, dass ich das Gefühl hatte, Anarchie sei der Moment, in dem ich schwarze Hosen, Schuhe und Handschuhe trug und mit einem T-Shirt vermummt war. Nach diesen Aktivitäten galt es, in die „wirkliche Welt“ zurückzukehren. Zurück zur Lohnsklaverei, zurück zur täglichen Routine des Mietezahlens und Abzählens meiner Lebensmittelgutscheine für den Supermarkt. Sicher, neben den Büchertischen bei Punkkonzerten und radikalen Veranstaltungen gab es die gelegentlichen klandestinen Aktivitäten. Aber es gab diesen Zwiespalt, der immer eine Trennung kreierte, die Anarchie zu einer Art extrakurrikularen Aktivität machte. Sicher widmete ich mein Leben der Rebellion; Das ganze Konzept eines Zine-Distros, das ich später „Warzone Distro“ nennen würde, entwickelte ich, während ich meine Arbeitszeit auf dem Scheißhaus verstreichen ließ. Trotz der Lohnsklaverei war ich immer damit beschäftigt, den einfachsten Weg einzuschlagen und für den größtmöglichen Lohn so wenig wie nur möglich zu arbeiten. Ich war der*die Arbeiter*in, die*der seine*ihre Überstunden an andere weitergab. Einen halben Tag Arbeit für eine leichte LKW-Ladung? Scheiße Mann, ich bin raus!

Mit der Zeit war mir Anarchie als bloße extrakurrikulare Aktivität nicht mehr genug. Und was ich damit meine, ist, dass ich zunehmend intoleranter gegenüber Bossen, Lohnsklaverei, Weckern, Mietezahlen und Münzen abzählen wurde. Ich erinnerte mich daran, wie es war Kind zu sein und keine solche Verpflichtungen zu haben. Ich erinnerte mich an meine ganztägigen Abenteuer draußen, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Jeder Tag war ein neues Abenteuer und jeden Tag lernte ich etwas Neues über mich selbst. Dann, als verantwortungsbewusste*r Erwachsene*r lernte ich etwas Neues über mich. Ich hasste das Erwachsensein, mich erwachsen zu verhalten und die performative Rolle und Identität des „Erwachsenwerdens“. Aber ich versuchte nicht wieder zum Kind zu werden. Diese Tage waren vorbei. Ich fragte mich, wie ein anarchistisches Leben, das die Erwachsenen/Kind Binarität überwinden würde, aussehen könnte.

Schnell vergangene Jahre später stehe ich hier, arbeitslos, aber nicht länger Münzenzählend, älter, aber jugendlicher als ich jemals war. Einige sagen, ich verkörpere die schlimmste aller Welten; hedonistisch, gewaltsam und kindisch. Selbstverständlich obliegt es der subjektiven Interpretation, was diese Worte bedeuten und wie diese auf mich angewandt werden, aber eines ist sicher: Ich fühle mich freier als ich mich je gefühlt habe. Und ich habe eine Liebesaffäre mit dem Verbrechen. Es ist eine intime Erfahrung – Verbrechen in wütender Verachtung für die Gesellschaft und das Gesetz zu begehen. Brüche zu erzeugen und damit durchzukommen vervollkommnet mein Verlangen nach Anarchie mit jedem Moment. Heutzutage erlebe ich den ganzen Tag draußen, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Und mit jeder kriminellen Aktivität lerne ich mich besser kennen. Aufgrund der Tatsache, dass meine lustvollen Tage des Lebengenießens entweder im Gefängnis oder mit meinem plötzlichen Tod enden werden, lerne ich, die Gegenwart der Vergangenheit und der Zukunft vorzuziehen.

Eine Sache, die ich über Verbrechen gelernt habe, ist das einzigartige Gefühl, das mit dem Gesetzebrechen einhergeht, ein Sinn für individuelle Handlungsmöglich- und Unmöglichkeiten, ein Sinn für Stärken und Schwächen. All das kann durch die Erfahrung des Gesetzebrechens entdeckt werden. Und es ist diese Erfahrung, die ich ausweiten will, um mehr über mich selbst zu lernen, um unkontrollierbar im anti-sozialen Sinn zu werden.

Ich blicke auf meine Vergangenheit zurück, in der ich vom Kult der Identitätspolitik eingesperrt war. Ich erinnere mich daran, dass ein Grund dafür, die Opferrolle einzunehmen, war, soziale Aufmerksamkeit zu generieren und die (marginalisierten) Identitäten, die mir zugewiesen worden waren, in einem positiven Licht zu zeichnen. „Sieh mich an! Eine verantwortungsvolle queere Person of Color, die einer Arbeit nachgeht und ein*e gesetzestreue*r Bürger*in ist!“ Aber warum? Um zu beweisen, wie ähnlich ich all diesen „weißen“, hart arbeitenden proletarischen Helden war, die Amerika braucht, um sein koloniales Establishment aufrechtzuerhalten? Ein*e andere*r Lohnsklav*in, die*der passiv und bereitwillig die eigene Versklavung akzeptiert? Um ein*e weitere*r Christ*in of Color zu werden, die*der vorgibt, dass es ein imaginäres Königreich dort oben gibt für all diejenigen von uns Strolchen, die niemals eine faire Chance im Leben hatten? Scheiß auf all das.

Der Grund aus dem all die Rassist*innen, Homofeind*innen, Patriarchen und Patriot*innen Menschen wie mich fürchten, liegt jenseits von Identitätspolitik; Ich bin ein*e erbitterte Feind*in ihrer Kontrolle und Ordnung. Das gesellschaftliche Schloss, das sie zu errichten und aufrechtzuerhalten trachten, wird immer Ziel meiner Sabotage sein!

Ich denke die meisten Menschen können nachvollziehen und verstehen, dass es nicht nötig ist, sozial zugewiesene Identitäten anzunehmen, um zu verstehen wie die Gesellschaft diese als Werkzeuge der sozialen Kontrolle einsetzt. Ich denke es ist ebenso leicht zu erkennen, inwiefern Identität als Werkzeug der Revolution beschränkt ist und vielmehr zu internen Konflikten in vielen revolutionären Projekten geführt hat. Aber was mich umhaut, ist die Tatsache, dass so viele diese Identitäten nicht sofort als vorrangige persönliche Form der Rebellion zurückweisen. Ich denke mensch kann sagen, dass diese Identitäten die Hierarchien, die sie aufrechterhalten, gerade deshalb aufrechterhalten, weil sie so häufig von linken Organisationen für moralische Überzeugung genutzt werden. Durch Opferrolle und Unschuld wird Identitätspolitik als eine alle ansprechende Methode zur Schaffung einer kollektiven Gesinnung genutzt, die das Individuum letztlich ermutigt, unabhängiges Denken zugunsten eines Gottkomplexes von Moralität und Kollektivismus aufzugeben. Ich denke das spielt auch eine große Rolle im Etatismus und der Zurückweisung von illegalistischer Revolte.

Ich lehne die statische, ziviliserte Binarität von Schuld und Unschuld ab und damit auch die Internalisierung der Opferrolle. Ich habe keine Verwendung für eine „Call-out-Culture“ oder einen Internet-Lynchmob gegen meine Feind*innen. Im Internet werden alle meine Versuche öffentliche Unterstützung gegen eine*n Feind*in zu erlangen, nur einen anderen Feind (den Staat) informieren und ihn ermächtigen, mir meine Verantwortlichkeit zu stehlen. Schuld und Unschuld sind auch eine legalistische Binarität, die nur dazu dient, nach einem moralischen Determinismus zu urteilen. Ich verachte den Staat und alle seine Manifestationen, sowie seine Repression gegen das Chaos. Deshalb bin ich kein Opfer; Ich bin (selbst)erklärte*r Feind*in in einem Krieg gegen ihn [den Staat]. Ich erwarte kein Mitleid, keine Begnadigung oder Wohltätigkeit, weder von ihm, noch von seinen Befürworter*innen.

Es war der Tag, an dem Chicago sein Ausgangssperren-Dekret verhängte. Mein*e Kompliz*in und ich waren in meiner Heimatstadt bei meiner Mutter zu Besuch. Als wir, nachdem wir meiner Mutter ein paar Lebensmittel besorgt hatten, heimfuhren, bemerkte ich jemanden alleine auf einer Parkbank sitzen. Ihr Name ist „Big Momma“. Ich war überrascht, sie draußen in der Kälte zu sehen und nicht in einer der lokalen Zufluchtsstätten. Wir fanden heraus, dass die Unterkünfte ihre Türen geschlossen hatten, vermutlich wegen Covid-19. Ich fragte mich, wie viele andere draußen in der Kälte waren …

Mein*e Kompliz*in und ich gingen zu einem Park, in dem ich früher Food Not Bombs [eine Art Volksküche; Anm. d. Übers.] veranstaltet hatte und zu meiner Überraschung hatten dort um die 20 Personen ein Camp vor der Belüftungsanlage eines Gebäudes errichtet, aus der warme Luft strömte. Wir gingen hinüber und fragten die Menschen, wie es ihnen gehe. Einige Menschen, die mich noch von aktivistischen Projekten Jahre zuvor kannten, kamen aufgeregt herbeigelaufen, um mich zu begrüßen. Sie alle gehörten zu den Unglücklichen, die zumindest für dieses Wochenende aus den Unterkünften ausgesperrt worden waren. Mein*e Kompliz*in und ich gingen zurück zum Wagen und heckten einen Plan aus.

Eine halbe Stunde später stehen wir in einem anderen Lebensmittelgeschäft. Anders als sonst ist es nicht ganz leicht, Lebensmittel aus diesem Geschäft zu tragen ohne sie zu bezahlen. Aufgrund der erhöhten Sicherheit an der Tür wegen Covid-19 und der Angst vor Plünderungen hat sich das Szenario verändert. Aber es ist noch immer möglich, einen vollen Einkaufswagen aus dem Laden zu schieben. Wir befüllen den unteren Teil des Wagens mit Wasserflaschen, zahlreichen Brotlaiben, Erdnusbutter, Marmelade und über 20 Packungen gemischter Nüsse, frischen Äpfeln und Bananen. Fertig. Ich voraus bahnen wir uns den Weg zur Tür. Meine Aufgabe ist es, um die Ecke nach zwei Angestellten an den Selbstbedienungskassen zu spähen, um sicherzustellen, dass sie uns nicht beobachten. Wenn sie gerade schauen, würde ich mein Handy herausholen, als würde ich einen Anruf tätigen. Falls nicht, gehe ich einfach weiter. Mein*e Kompliz*in ist mit dem Wagen dicht hinter mir. Die Luft ist rein. Die ersten Schleusentüren … die zweiten Schleusentüren … Alles ist gut gelaufen. Schließlich erreichen wir den Wagen und beladen den Kofferraum. Geschafft! Nächster Halt ist ein anderer Lebensmittelladen, aber wir werden dort keine Lebensmittel besorgen: Wir überfallen die Männer- und Frauentoiletten, um große Rollen Toilettenpapier abzustauben. Manchmal ist es ein wenig laut, die Spender zu öffnen, aber es geht relativ einfach mit jeder Art von Hausschlüssel. Wir füllen zwei Rucksäcke mit je drei großen Rollen und schon sind wir fertig.

Zurück bei meiner Mutter waschen wir unsere Hände sorgfältig, bevor wir Beutel um Beutel Peanutbutter-Jelly-Sandwiches zubereiten. Nachdem wir damit fertig sind, kehren wir zurück zum Camp der Obdachlosen. Jede Person bekommt zwei Sandwiches, zwei Äpfel, Zwei Bananen, getrocknete Früchte und eine Flasche Wasser. Zusätzlich hüllen wir die Toilettenpapier-Rollen in Plastiktüten vom Supermarkt, um sie trocken zu halten und übergeben sie. Wir bleiben noch eine Weile, lachen gemeinsam und reden Scheiße über die Cops. Es tat gut, neue Bekanntschaften zu schließen und alten Freund*innen zu begegnen. Es tat gut zu sehen, dass sie alle zurechtkommen und trotz der Umstände des Wetters und der geschlossenen Unterkünfte guter Dinge waren. Wir gingen und beschlossen auch in anderen Parks nach den Menschen zu sehen. Wir fanden ein paar einsame Wölfe, die freudig nahmen, was wir an Wasser und Sandwiches übrig hatten. Dann kehrten wir zurück zum Haus meiner Mutter, wo wir die Nacht verbrachten. Ich öffnete den Kühlschrank und musste kichern, als ich all das gestohlene vegane Essen sah und überlegte, was ich zum Abendessen wollte.

Der Allyship-Feigling

Meiner Meinung nach begann das Konzept des „Allyship“ mit guten Absichten, aber ebenso wie andere Aspekte der Identitätspolitik wurde es schlecht und hätte dringend entsorgt werden müssen. Ich empfinde „Allyship“ folgendermaßen: Wenn du ein politisches Buzzword und Konzept brauchst, um dich zu motivieren, dich mit Menschen jenseits gegenderter oder rassifizierter Kategorien zu verbünden, dann ist deine „Solidarität“ unaufrichtig. Wenn deine Art zu kommunizieren voller vorab von einem „Woke Ally 1×1“-Workshop genehmigter Themen ist, bist du zu einer freilaufenden Marionette geworden. Aufrichtige gegenseitige Hilfe oder Solidarität benötigt keine trendigen Twitter-Phrasen, um dich zu motivieren, Beziehungen zu knüpfen. In anderen Worten: Gib dich nicht mit mir ab, nur weil du gelesen hast, dass das das Richtige ist, oder weil dein*e progressive*r College-Professor*in dir das gesagt hat. Kriech mir nicht in den Arsch und laufe mir hinterher, weil ich eine viktimisierte, „marginalisierte“ oder „PoC Stimme“ bin. Oder weil deine Freund*innen und Kamarad*innen dich dazu drängen. Lass nicht zu, dass etwas so Künstliches wie sozial konstruierte Kategorien unsere Beziehung definieren. Gib dich mit mir nur ab, wenn du persönlich Interesse an unserer Interaktion und meiner Persönlichkeit hast und du – das ist das wichtigste – das aus individuellem Verlangen willst. Ich glaube nicht an erzwungene gegenseitige Hilfe: Damit machst du zwei Menschen zugleich zur*zum Idiot*in.

Es gibt auch diejenigen, die aufgrund von rassifizierten oder vergeschlechtlichten Zuschreibungen annehmen, sie wüssten, wie andere Menschen denken. Das sind die Identitätspolitiker*innen, die sowohl als Polizei als auch als Repräsentant*innen anderer auftreten und versuchen, Allyship durch Schuldgefühle und Anprangerungskampagnen zu erzwingen. Sie nutzen ihre Identität, um sich selbst als unverantwortlich zu erklären, während sie zugleich eine passiv-agressive Form der Kommunikation zur Einschüchterung nutzen. Aber meiner Ansicht nach ist niemand verpflichtet ihnen oder irgendjemand anderem, besonders nicht aufgrund von etwas so flachem wie Identität, zuzuhören oder sie zu unterstützen. Ich bin stets derer überdrüssig, die sprechen, als würden sie die Interessen von Menschen vertreten, die sie nie getroffen haben. Es ist idiotisch zu glauben, dass nur weil Menschen sozial ähnliche Identitäten zugewiesen bekommen, jedes Individuum den Stereotypen dieser Identitäten entspricht.

Identitätspolitik war erfolgreich darin, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie die zivilisierte Gesellschaft funktioniert, aber als Lösung, um diese Gesellschaft einzureißen, führt sie nur dazu, Identitäten zu beschränken, zu Nationalismus, internalisierten Opferrollen und weiteren Stereotypen für Menschen, die dagegen ankämpfen.

Du willst etwas über die Erfahrungen einer Person erfahren? Sprich doch mit ihr direkt. Triff keine Annahmen aufgrund von sozialen Konstruktionen. Du willst deine Solidarität zu Menschen zeigen? Behandle sie als Individuen mit einzigartigen Erfahrungen und Geschichten, nicht als bloße Schwarmmitglieder irgendwelcher homogenisierter Gruppen. Und für all diejenigen, die noch immer gehorchen ohne zu hinterfragen gilt noch immer: Ein anderes Wort für Weißer Ally ist Feigling!

Die Woke Führung

Persönlich mag ich das Wort „bilden“ nicht, um den Austausch von Ideen zwischen zwei Individuen zu beschreiben. „Bilden“ impliziert die Etablierung universeller „Wahrheiten“ anstelle des horizontalen Austauschs persönlicher Perspektiven. Der Kontext, in dem ich das Wort „Bilden“ am häufigsten wahrnehme, kreiert eine soziale Hierarchie zwischen denjenigen, die „woke“ [dt. etwa ~politisch achtsam~, bzw. etwas polemisch ausgedrückt ~politisch konform~] sind und denjenigen, die das nicht sind. Lernen Menschen überhaupt irgendetwas, wenn die Kommunikation von Ideen von oben herab stattfindet? Vielleicht. Aber ich bevorzuge es, diese Hierarchie nicht zu befördern.

Individuelle Menschen sind mehr als nur „weiß“, „braun“ oder „schwarz“, „Männer“ oder „Frauen“ oder welche soziale Konstruktion ihnen auch immer bei ihrer Geburt zugewiesen wurde. Deshalb kommt die Kommunikation aufgrund identitätsbasierter Annahmen so gut wie immer herablassend rüber. Ich sehe Scheiße wie „Bilde deine Freunde“ oder „lass dich bilden“, als würde auf eine Kirche der sozialen Gerechtigkeit verwiesen, in der mensch „erweckt“ würde. Und offensichtlich ist die kapitalistische Mentalität, Informationen zu verkaufen, ohne Frage gerechtfertigt. Einige glauben die „Arbeit“, Fragen zu beantworten, sei einen Lohn wert und zitieren etwas vom Umfang einer Google-Suche, wenn eine*r nicht in der Lage dazu ist, sie zu bezahlen. Ironischerweise kommen viele Fragen in guter Absicht und stammen von gutmeinenden Aktivist*innen, die es ertragen, zunächst von oben herab behandelt zu werden. Meiner Meinung nach entmutigt diese elitäre Art des Antwortens gegenüber wohlmeinenden Menschen diese, indem sie deren persönliche Geschichten trivialisiert und ihnen einredet, andere als an der Spitze stehend zu akzeptieren. Dieser Methode des „Bildens“ liegt ein Kollektivismus zugrunde, der die Grundlage für ein weiteres soziales System des Zwangs legt. Ich habe kein Interesse daran, mich daran zu beteiligen. Ich kann eine kritische Perspektive einnehmen oder einem Punkt widersprechen ohne einen Austausch zu hierarchisieren.

Ich betrachte jeden individuellen Verstand als rauschenden, wilden Strom von Ideen, die über die Ufer treten, wenn der Damm der sozialen Unterwerfung zusammenbricht. Die Gesellschaft verhindert kollektiv jegliche Wildheit, indem sie das Individuum domestiziert und letzlich ein im Käfig eingesperrtes Tier aus dem Verstand macht. Unter all der sozialen Konditionierung gibt es ein einzigartiges Individuum, das sich selbst in chaotischem Widerspruch gegen die Gesellschaft entdeckt.

Gleichförmigkeit ist die Feindin des freien Ausdrucks. Es gibt keine „Bildung“, nur eine verbreitete Meinung, die von denen, die beabsichtigen für andere zu denken, durchgesetzt wird. Ich denke, Ideen und Perspektiven können auf eine Art und Weise ausgetauscht werden, die keinem autoritären Modell der Kommunikation von oben herab gleicht. Ich bin kein*e Lehrer*in und ich strebe nicht danach, andere zu bilden. Stattdessen teile ich meine persönlichen Erfahrungen und Ideen, sowie sie entstehen und sich entwickeln, mit der Welt in dem Verständnis, dass andere uneinverstanden sind und einzigartige eigene Erfahrungen haben.

Beispielsweise habe ich gelernt, dass das illegalistische Leben nicht jeder*jedem taugt. Ich habe einige Menschen, die eine Weile so gelebt haben, unter dem Gewicht des realen Stresses krimineller Aktivitäten zusammenbrechen sehen. Wenn ich also diese Worte über Kriminalität schreibe – ebenso wie meine Verachtung gegenüber Identitätspolitik – spreche ich nur für mich selbst. Als ich anfing „Descending into Madness“ zu schreiben, war ich in der selben Nacht mit zwei Taschen im Wert von je über 300 Dollar aus einem REI in Seattle gelaufen. Die Sicherheitstürme schlugen keinen Alarm, als ich mit zwei Diebstahlsicherungen durch sie durchging. Ehe ich hinauslief dachte ich bei mir selbst, dass meine kriminellen Aktivitäten nahelegen, dass ich dem Wahnsinn verfallen [descending into madness] sei, weil das zu versuchen verdammt noch mal verrückt war. Aber ich war erfolgreich. Und auf der Autofahrt nach Hause bemerkte ich, dass wenn ich solche mutigen Verrücktheiten nicht befördern würde, ich möglicherweise niemals bemerkt hätte, dass die Sicherheitstürme in diesen Geschäften nicht funktionierten.

Meiner Meinung nach führt die „woke Führung“ des Linksradikalismus den Anarchismus über eine Klippe in einen zunehmenden Zerfall [3]. Vor Angst und Scham, die von einer neuen Ordnung erzwungen wird, werden einige Anarchist*innen es niemals zu Selbstemanzipation oder unabhängigem Denken als Zurückweisung der Autorität eines Gruppendenkens bringen. Viele Menschen bezeichnen sich trotz einer engstirnigen, liberalen Definition von Anti-Diskriminierung selbst als Anarchist*innen – einer Definition, die Anti-Diskriminierung auf die moralistischen, humanistischen Grenzen der zivilisierten Gesellschaft beschränkt. Es ist kein Zufall, dass die meiste anti-diskriminatorische Praxis einen staatlichen Apparat erfordert, um Gesetze durchzusetzen, die gleiche Rechte schaffen. Und während es an gleichen Rechten für alle Menschen im Kapitalismus nichts auszusetzen gibt, wird mit diesem Sieg die staatliche Reform statt des antiautoritären Angriffs gefeiert. Und an der Spitze dieser staatlichen Macht stehen die „Community-Anführer*innen“ oder diejenigen, die kein Interesse daran haben, Herrschaft zu kritisieren. Stattdessen haben sie ihre soziopolitischen Karrieren mit belanglosen Reformen im Namen „der Gemeinschaft“ gemacht und Radikale diffamiert – indem sie sie als Aufrührer*innen bezeichnen. Und hinter diesen Anführer*innen stehen „weiße“ anarchistische Allies, verwirrt und frustriert, die sich zwischen den Alternativen entscheiden müssen, ein*e Rassist*in genannt zu werden, weil sie die Scheiße in Brand stecken oder eine*n gute*n Ally genannt zu werden, weil sie den Arsch eines*einer „schwarzen“ Predigers*in küssen.

Was du oder ich als „taktisch“ oder nicht bezeichnen, ist nicht wirklich relevant. Dies ist weniger ein Krieg im herkömmlichen Sinne als ein Sturm – unkontrollierbar und chaotisch. Das ist eines der Probleme mit der linken Charakterisierung „der Bewegung“ als etwas Einheitliches, Monolithisches und ideologisch Konsistentes. Das ist sie nicht. Das wird sie nie sein. „Die Bewegung“ besteht aus einer Million Individuen mit ihren eigenen individuellen Ansichten, Meinungen und Handlungen und es hilft niemandem irgendetwas, wenn du jede*n verspottest, die*der die Dinge nicht genauso macht, wie du es gerne hättest. – Baba Yaga

Ein anderes Wort für „Schwarze*r Anführer*in“ [Black Leadership] ist Autoritarismus

Am Ende unserer Demo kommen wir am Dritten Revier an der Ecke East Lake St./Minnehaha Ave an. Organisator*innen von Black Lives Matter beginnen etwas über Forderungen, gemischt mit einigen Gebeten und dumpfen Anfeuerungsrufen in ihr Megafon zu heulen. Ich bemerke, wie sich jemand hinter mir langsam heranschleicht und anfängt mit seiner Faust gegen das Fenster zu schlagen. Weil sie fürchten, es könne zerbrechen, beginnen drei in der Nähe Stehende leise, ihn zu ermahnen: „Das ist nicht der richtige Ort dafür, bleib freidlich!“ Die Person antwortet leise, aber mit wütender Anspannung in seiner Stimme, „Das ist das verdammte Problem, Ihr Motherfucker wollt nie etwas tun, außer zu marschieren und Sprechchöre zu rufen.“ Entmutigt läuft er weg. „Ich bin deiner Meinung, wirklich“, sage ich zu ihm. „Das ist es, was läuft – Scheiß auf den anderen Scheiß,“ antwortet er und geht weg. Ungefähr eine Minute später verliere ich die Geduld, der BLM Rede übers Friedlichsein zuzuhören und entscheide, nach dieser Person zu suchen. Ich gehe um die Ecke zur Hinterseite der Polizeiwache und bemerke einen Aufruhr. Eine Gruppe von 5-7 „schwarzen“ Typen blockieren die hinteren Glastüren der Polizeiwache und diskutieren mit rund 20 „schwarzen“ und „braunen“ wütenden Jugendlichen – inklusive dem von vorhin. Unfähig meine eigene Frustration an mich zu halten, lasse ich mich ebenfalls auf eine Diskussion mit den Polizei-Verteidiger*innen ein. Schließlich, inmitten des Gebrülls beginnen einige „schwarze“ und „braune“ Jugendliche damit „fuck 12“ [4] neben die Blockade zu sprühen. Von der Menschenmenge hinter mir, die sich mittlerweile verdreifacht hat, ertönt Jubel. An den Türen bricht ein Gerangel los und dann zerschmettert ein einzelner Stein ein Fenster der Polizeiwache, gefolgt von einem Hagel aus Steinen, Gehwegplatten, Flaschen und allem anderen in Reichweite. Die Gruppe von 5-7 „schwarzen“ Pazifist*innen schreien vor Verzweiflung, um die Zerstörung zu stoppen, gehen sogar soweit, Menschen physisch festzuhalten, aber werden schließlich überwältigt. Sie versuchen die bereits geworfenen Steine aufzusammeln und finden sich dabei in zahlreichen physischen Konfrontationen wieder. Menschen von vor dem Gebäude rennen herbei und stimmen in den Vandalismus mit ein. Nachdem alle Fenster eingeworfen sind, bewegt sich die Meute auf den Parkplatz der Polizei zu und beginnt, die Polizeifahrzeuge zu zerstören. Ich schnappe gerade nach Luft, als ich eine Blendgranate explodieren höre. Die Polizei kommt aus einer anderen Tür gerannt und beginnt, Gummischrot und Tränengas zu verschießen. Die Meute wird versprengt, aber unter hysterischem Lachen der Freude und Erfüllung. Das Dritte Revier liegt in Trümmern – und ich ahnte nicht, dass das erst der Anfang sein sollte.

Am nächsten Tag tauchte eine größere Menge vorrangig „schwarzer“ und „brauner“ Jugendlicher auf und setzte den Krieg gegen das Dritte Revier fort. Bis zur Nacht wurde von den Menschen auf diesen Straßen ein Radius von drei Meilen von der Kontrolle der Polizei befreit. Das Dritte Revier wurde aufgebrochen und gestürmt. Die Polizei verließ das gesamte Areal. Ihre Wache wurde in Brand gesteckt und Polizeifahrzeuge wurden auf die Straße gefahren und abgefackelt. In ein Gebäude, das an den Parkplatz angrenzte, wurde eingebrochen und dieses wurde mit anderen Läden nebenan in Brand gesteckt. Die Menschen feierten ihren Sieg, indem sie ihre Waffen in die Luft abfeuerten. Fremde sangen und tanzten um ausgebrannte Polizeifahrzeuge, gaben sich im Vorbeilaufen High-Fives und teilten geplünderte Lebensmittel untereinander. Vor brennenden Gebäuden standen angeregt plaudernde Menschen, während andere Steine auf die Überreste von Ladenfenstern warfen, um Zielen zu üben.

Auch wenn das Ganze wie eine perfekte Utopie ausgesehen haben mag, so war es doch nicht von der Realität entkoppelt. Zwischen kleinen Fraktionen von Menschen brachen Kämpfe aus und lange währende persönliche Konflikte wurden in den nun Cop-freien Straßen geklärt. Ladeninhaber*innen schossen auf Plünderer*innen und töteten sie und Sozialwohnungen wurden niedergebrannt. Aber das ist der Unterschied zwischen den zuckerüberzogenen Lehrbuch-Ideologien der Politik und roher, unvermittelter Wut. Die Revolution folgte keinen Lehren von Mao oder religiösen Botschaften eines Gottes. Die Feuer, Plünderungen und Angriffe auf die Polizei brauchten keinen Marxismus, kein Transkript des kommenden Aufstands oder einen akademischen Kurs zur Geschichte des Anarchismus. Alles Benötigte war der chaotische Ausdruck von Wut gegen die Repräsentationsformen von Herrschaft.

Wie es zu erwarten war, gaben viele Menschen im Internet – darunter auch viele selbstbezeichnende Anarchist*innen – ihr Urteil zu der Situation ab – die meisten davon aus einer ideologischen Position, die Gleichförmigkeit einen Wert einräumt und „akzeptablen“ Formen der Revolte engstirnige Grenzen setzt. Meiner Erfahrung nach entwickeln sich Aufstände wie dieser am Besten, wenn sie nicht kontrolliert oder organisiert werden. Je mehr der Ausdruck der Wut kontrolliert und organisiert wird, desto weniger anarchistisch wird er – und wird schließlich befriedet, um einer bestimmten politischen Vision in den Sattel zu verhelfen. Für mich ist das nicht wünschenswert und außerdem unrealistisch. Zerstörung ist Zerstörung, Gewalt wird immer Gewalt sein und von einem Aufstand irgendetwas Geringeres zu erwarten ist bestenfalls naiv. Während einige am Rand sitzen und spezifische Taktiken und Formen des emotionalen Ausdrucks moralisieren, missachten sie die Realität, dass ein ausgewachsener Krieg keine inhärente Moral kennt. Geschäfte, die vernagelt und als „Schwarzen gehörend“ ausgewiesen wurden, wurden nicht durch irgendeine moralische Überlegung ausgespart; auch in sie wurde eingebrochen, sie wurden geplündert und anschließend niedergebrannt.

Außerdem hat die Polizei meiner Meinung nach umso weniger Möglichkeiten, sich den Protesten anzupassen und sie zu dominieren, desto unkontrollierbarer und unverwaltbarer ein Aufstand bleibt. Die Polizei hatte nicht die geringste Kontrolle über hunderte Individuen, die so chaotisch rebellierten, dass sie sie überwältigten und in die Flucht schlugen.

Während der nächsten Tage fanden Angriffe gegen das 5. Polizeirevier statt, während Liberale, Pazifist*innen und Identitätspolitiker*innen sich still zurückzogen, um sich für ihre Unfähigkeit, den ersten Riot zu kontrollieren, zu rächen. Das Internet wurde zu ihrem Ausgangspunkt für eine der schlimmsten Lügenkampagnen und Panikmache, die ich je gesehen habe.

Als die Siege brennender Bullenwägen und Polizeiwachen online kursierten, traten Liberale von überall aus den Staaten auf die Bühne, in einem verzweifelten autoritären Versuch, ihre ideologische Moral und ihr politisches Programm durchzusetzen. Sie verbreiteten ein Narrativ, in dem jede*r, die*der an den Sabotageakten teilnimmt, als „Nazi“ [white supremacist] oder „Undercover Bulle“ gebrandmarkt wurde, die*der den Aufstand „infiltrieren“ würde.

Bei einigen dieser Liberalen handelt es sich um die gleichen „schwarzen“ Personen, die gescheitert waren, „schwarze“ und „braune“ Rebell*innen an Plünderungen und der Zerstörung von Eigentum zu hindern. Sie waren daran gescheitert, alle „weißen“ Menschen davon zu überzeugen, die Riots zu verlassen (weil sogar einige „weiße“ Menschen wussten, dass nicht alle „schwarzen“ und „braunen“ Menschen ein Problem mit ihrer Anwesenheit hätten, sondern sie als Kompliz*innen schätzten). Und in dem Versuch, kapitalistische, reformistische Werte zu wahren, strebten Liberale aller Hautfarben danach, die Plünderungen und den Vandalismus zu stoppen, indem sie die sozialen Medien mit offensichtlich falschen Informationen fluteten. Diese falschen Informationen sind gespickt mit Schlagwörtern wie „Agent Provocateur“ und „Nazis“, um die Leser*innen emotional dazu zu bringen innerhalb einer falschen Dichotomie Seite zu beziehen. Und diejenigen, die nicht physisch auf den Straßen sind oder zusammen mit der Polizei die Rebellen bekämpfen, sind die Zielgruppe dieser beschränkten, ungenauen Darstellungen der Realität.

Unterschiedliche ideologische Motive führen zu unterschiedlichen Interpretationen der Ereignisse. Und da Liberale und Pazifist*innen dazu tendieren, die sozialen Medien zu dominieren, während andere auf den Straßen beschäftigt sind, haben sie [dort] einen Vorteil. Da Liberale alle Personen of Color moralisch als gehorsame und aufopferungsvolle Held*innen framen, haben die meisten Menschen Schwierigkeiten, sich klarzumachen, dass Personen of Color verantwortlich für die Zerstörung von Eigentum und die Teilnahme an gewaltsamen Formen des Protests sind. Das spielt ebenfalls mit, wenn „weiße“ Personen für als moralisch verwerflich betrachtete Formen der Revolte verantwortlich gemacht werden. Riots/Aufstände sind niemals vollkommen utopisch und angenehm. Sie sind die gefährlichen Elemente der Befreiung, die auftreten, wenn alle anderen Möglichkeiten gescheitert sind. Egal ob Menschen Angst vor Gewalt haben oder nicht, wird das nichts an der Tatsache ändern, dass die Polizei tötet und auch weiterhin töten wird, solange das Konzept der Vollstreckung von Gesetzen existiert. Meiner Meinung nach gibt es keine „Verbesserung“ der Polizei und es gibt keine „Gerechtigkeit“, wenn sich jemand bereits sechs Fuß tief unter der Erde befindet.

Und Polizist*innen sind nicht alle „weiß“. Auch „schwarze“ Cops töten „schwarze“ Menschen.

Das Schlimmste an der Online-Deutung der Ereignisse ist, dass die Menschen, die diese Falschinformationen verbreiten, der Online-Welt nicht auch die Freude, das Lächeln, das Singen und Tanzen der Rebell*innen diverser Hautfarbe vermittelten, als diese die Zerstörung des 3. Polizeireviers feierten.

Scheiße, stell dir vor du wärst eine Person of Color, die ihr Leben lang von der Polizei schikaniert wird und dann kommt der Tag und die Nacht, in der du tatsächlich eine Polizeiwache brennen siehst und die Polizei sich vollkommen aus diesem Gebiet zurückzieht. All das wird aus der Geschichte getilgt, wenn Liberale das einer Gruppe von Menschen – Rassist*innen – zuschreiben, die gar nicht Teil dieser Kämpfe waren.

Bis heute, verbreiten noch immer Menschen diese Verschwörungstheorien im Internet, etwa das berühmte „Ziegelstein-Köder“-Video, in dem Cops (hinter ihrem eigenen Gebäude, nicht in einer Allee, wie ursprünglich behauptet) Ziegelsteine entladen. Auch wenn ich nicht mit absoluter Sicherheit sagen kann, dass gar keine Nazis anwesend waren (ich meine, ich konnte einige in Pickups vorüberfahren sehen, die white power-Scheiße riefen und auch einen „braunen“ Typen, der in einem Truck vorüberfuhr und Pro-Polizei-Slogans rief und eine Konföderierten-Flagge schwenkte), aber ich habe sicherlich keine von ihnen während der Kämpfe gesehen. Ich habe „schwarze“ Menschen einander unterhaken sehen, um die Riot-Polizei zu beschützen, ich habe weiße Allies gesehen, die andere „weiße“ Menschen der Polizei übergaben, im Namen der Unterstützung „Schwarzer“, und schließlich wie die Polizei die Kontrolle zurückgewann und diese befriedenden Bemühungen nutzte, um friedliche Protestierende niederzuknüppeln.

Ungezähmte Delinquenz

Meiner Meinung nach offenbaren die letzten Monate die Schwächen der Zivilisation ziemlich offensichtlich. Als panische Reaktion auf soziale Spannungen und spontane Ausbrüche illegaler Aktivitäten hat die Kontrolle der Regierung zugenommen. Covid-19 durchbrach die Ordnung der täglichen Produktivität und der zivilisierten Sklaverei und verschaffte den Menschen mehr Zeit, um über ihre Leben nachzudenken und den Wert ihrer freien Zeit außerhalb der Arbeit schätzen zu lernen. Die Aufstände in Reaktion auf die Ermordung George Floyds offenbarten die Schwächen der polizeilichen Macht und Kontrolle – selbst in ihrem Hoheitsgebiet. An diesem Punkt habe ich keine Vorstellung, was als Nächstes kommt.

Ich gebe zu, es faszinierend zu finden, nichtmenschliche Lebewesen und die Natur inmitten der industriellen Verzweiflung gedeihen zu sehen. Klarere Himmel, verschiedene Tiere auf den Straßen, Überschwemmungen, die die Grundmauern dieser Betonwüste lockern. Ich kann nicht umhin, beides, die Pandemie und diese andauernden Brüche mit der Autorität  besser als eine Rückkehr zur Normalität zu empfinden, einer Normalität, in der der Tod durch die industrielle Zivilisation und den Staat ebenso Routine ist wie in einem Schlachthaus.

Ich frage mich, welche Art von Unterhaltungen die Menschen miteinander oder mit sich selbst während dieser erblühenden Destabilisierung der domestizierten Ordnung führen. Werden mehr und mehr Menschen diese Gelegenheit ergreifen, um ihrem Ärger und ihrer Frustration durch zufällige Akte der Gewalt und Sabotage gegeneinander Luft zu machen? Gegen die Vollstreckung der Gesetze? Gegen die Institutionen, die aufgrund der finanziellen Einbußen geschwächt sind und nun anfälliger sind als jemals zuvor? Ich kann nur hoffen, dass die Aufstände in irgendeiner Form weitergehen – offen oder im Untergrund, was für mich persönlich wünschenswerter wäre.

Werden die Menschen auf die Rückkehr der alltäglichen Misere der Monotomie hoffen oder werden sie die Tiefen permanenter Unsicherheit erforschen? Zur Arbeit zurückkehren oder zur Ungezähmtheit? Ich vermute nur die Zeit wird darüber Aufschluss geben.

Aber hier kann ich nur für mich selbst sprechen. Meine Anarchie ist die meine, ebenso wie es meine Gedanken und Worte in diesem Text sind. Ich schreibe nicht, um irgendeinen Club von Internet-Anarchist*innen zu beeindrucken, die mit intellektuellen Texten jonglieren, um in Selbstlob zu verfallen. Ich mache mein Tagebuch öffentlich in dem antagonistischen Versuch, das Opfer- und anti-individualistische Narrativ des Linksradikalismus, das den gegenwärtigen Anarchismus dominiert, zu verhöhnen.

Ich sehne mich nicht nach einer Rückkehr zur Normalität und der alltäglichen Misere industrieller Produktion. Ich habe kein Verlangen danach, lächerliche „Siege“, wie das zur Verantwortungziehen der Polizei, Entlassungen oder Gefängnisstrafen zu feiern, die nur von der Wiedererrichtung ihres zerstörten Reviers oder möglicherweise eines ebenso autoritären „community-basierten“ Ersatzes gefolgt sein werden. Ich sehne mich nach nichts anderem als nach der totalen Abschaffung von jeder Regierung und Normierung. Und vermutlich werden diejenigen, die irgendeine Form elitistischer Macht besitzen mich unbequem finden und eine Diffamierungskampagne gegen mich starten, um meine Schriften und mich aus ihrer Bewegung zu verbannen. Aber sie haben keine Ahnung, dass die Tage und Nächte zwischen weiten Feldern und den Sternen und zwischen Baumwipfeln und dem Boden das Terrain meines Abenteuers ist!  Und damit einher geht eine Wonne, die Anarchie als eine pulsierende Lebenserfahrung ausmacht, anstatt einem Maß von digitalem Sozialkapital oder einer eingefrorenen Theorie aus einem akademischen Journal.

Das Internet hat eine Kultur geschaffen, die verzweifelt nach sozialer Kontinuität und digitaler Bestätigung sucht. Es ist die Brutstätte für „neue“ Konzepte des Anarchismus, die nichts weiter sind als kommunistische Leichen mit Hipster-Ästhetik. Antizivilisatorische Anarchie durchsetzt vom Linksradikalismus zeigt nun die Ausdehnung ihrer Macht durch endlose Twitter-Debatten über „Ökofaschismus“. Twitter – ein Ort wo die Wiederaneignung des eigenen Lebens und Körpers durch die Jünger*innen der Privilegien-Politik beschämt wird – ist ein Friedhof an Stimmen, die ihren eigenen Tod-durch-Internet verherrlichen.

Mein Animalismus strebt nicht danach, das Aussehen und die Verhaltensweisen existenter Tiere zu adaptieren. Stattdessen ist er die Silhouette einer illegalistischen, ungezähmten Bedrohung, die um die brennenden Gefängnisse der Domestizierung tanzt. Meine Ablehnung der Opferrolle ist eine Absage sowohl an die Mitleidspolitik moralitätsbasierter Organisierung, als auch an das Heiligtum der Unschuld. Meine Anarchie ist ein Nekrolog auf die Identitätspolitik. Sie ist ein persönlicher Aufstand ohne Zukunft, ein Traum ohne die Anästhesie der Hoffnung, ein Ausdruck der Wonne mit der Lebensdauer einer explodierenden Bombe.

Dieser Text ist all den Rebell*innen gewidmet, deren einzige Interaktion mit Autorität in Feuer und Zerstörung besteht … Ich bin für immer von eurem mutigen Zorn jenseits rassifizierter und vergeschlechtlichter Grenzen inspiriert … Gewidmet der Jugend, die am 26. Mai Geschichte schrieb, den Rebell*innen, die umkamen und denen, die derzeit für ihre Beteiligung an diesem Krieg gegen den Staat gefangen gehalten werden. RIP George Floyd

 

Übersetzung des englischen Originaltextes „An Obituary for Identity Politics“ von Flower Bomb, erschienen beim Warzone Distro.

Anmerkungen

[1] Ein demokratisch-sozialistischer US-Politiker, der wiederholt als Präsidentschaftskandidat antrat und dabei Unterstützung von vielen (radikalen) Linken der USA bekam (Anm. d. Übers.).

[2] Eine parasitäre Pilzgattung (Anm. d. Übers.).

[3] Nun, ich denke wenn dem so wäre, so wäre der Anarchismus ja auch irgendwie selbst schuld, wenn er sich von irgendetwas oder irgendwem „führen“ lässt. Aber vielleicht ist es – bei allem Verständnis für Polemik – auch ein wenig über die Strenge geschlagen, Anarchist*innen (in den USA und sonstwo) so sehr über einen Kamm zu scheren (Anm. d. Übers.).

[4] „Fuck 12“ bedeutet soviel wie „Fuck the Police“ [Fick die Polizei]. Die 12 bezieht sich dabei meines Wissens nach ursprünglich auf die Cop-interne – moglicherweise lokale – Einheitsnummerierung für das Drogendezernat (12). Die Bezeichnung wird allerdings allgemein für alle Bullen verwendet (Anm. d. Übers.).

Eine Verschwörung und ihre eifrigen Verschwörer*innen

Einige unbequeme Gedanken über die Pandemie, Verschwörungstheorien, den Staat, die Medien und einige – gar nicht besonders radikale – Linke

Anlässlich des staatlich verordneten Ausnahmezustands der letzten Wochen und Monate unter dem Vorwand der Pandemie schienen sich die Geister zu scheiden in jene, die sich brav unterwarfen, die staatlichen Maßnahmen mittrugen und teilweise gar für deren Einhaltung sorgten und jene, die Widerstand gegen diese Bevormundung leisteten. Nun, da der Ausnahmezustand zwar nicht aufgehoben wurde, jedoch zunehmend weniger Beachtung bei den Menschen findet und der Staat selbst nach einem Weg zu suchen scheint, sich der eigenen Verordnungen möglichst unauffällig zu entledigen, scheint es mir an der Zeit die Bruchlinien, die hier zutage traten nachzuzeichnen und zu vertiefen, in der Absicht unendliche Feindschaft zu schüren, all jenen gegenüber, die sich im Angesicht der Pandemie auf die Seite des Staates stellten.

Die Corona-Verschwörung

Verschwörungen haben ja in der Regel etwas Heimliches. Wenn von einer Verschwörung die Rede ist, dann stellt sich eine*r vor, dass sich irgendwo im Kerzenschein einige Individuen zu etwas verabreden, was mensch offen nicht besprechen kann. Wenn ich diesen Maßstab anlege, dann fällt es schwer, die Quarantänisierung und Einsperrung von mehr als der Hälfte der auf der Erde lebenden Menschen als Verschwörung zu bezeichnen, denn immerhin wurden nicht nur die entsprechenden Dekrete und Verordnungen öffentlich erlassen, sondern auch die Absicht diese zu erlassen wurde offen kommuniziert und es ist auch nicht so gewesen, dass sich zuvor irgendwer erst noch die nötige Macht hätte verschaffen müssen, im Gegenteil, allesamt waren es gewählte Repräsentant*innen, die den Befehl gaben, ihre Bürger*innen zuhause einsperren zu lassen. Es ist die Demokratie, die ihre Bürger*innen einsperren lässt und die Kritik, dass sich die Demokratie in eine Diktatur verwandeln würde, vermag ich nicht wirklich nachzuvollziehen. Also wo ist hier die Verschwörung?

Und doch gibt es sie, die Verschwörung. Keine im Kerzenschein getroffene Vereinbarung zum Staatsstreich, aber eine bestimmte Form der Gleichschaltung von Wissenschaft, Medien, Staaten und all ihren Apologet*innen. Als verkündet wurde, dass das populäre Coronavirus Deutschland erreicht hatte, da schien quasi über Nacht klar geworden zu sein, welche Haltung mensch zu vertreten hatte. Vorangegangene Diskussionen darum, ob das Virus nun wie eine Grippe sei, ob eine Pandemie durch autoritäre staatliche Maßnahmen bekämpft werden solle, ja sogar ob das Tragen eines Mundschutzes sinnvoll sei, sie alle waren beiseite gewischt. Plötzlich war alles klar. Es war so, wie dieser Drossel, nein Drosten auf seine paternalistische Art im Fernsehen erklärte. Und das absurde: Wenn er zwei oder drei Wochen später das Gegenteil von dem sagte, was er vorher gesagt hatte, dann war es ebenso klar, dass seine Sicht der Dinge die Richtige war. Seine, die vom Robert-Koch-Institut und die der Regierung im Allgemeinen. Wer es da noch wagte, eine andere Meinung zu vertreten, die*der wurde mundtot gemacht. Durch „Faktencheks“ in den Medien, die ganz unverholen die Fakten vielmehr verdrehten, als zu beleuchten oder einfach vom Thema ablenkten, um eine ganz andere, gar nicht in den Raum gestellte Behauptung zu wiederlegen, durch die angesehene(re)n Wissenschaftler*innen des RKI und der Charité Berlin, so wie das im wissenschaftlichen Diskurs oft gängige Praxis ist, aber auch durch alle möglichen Apologet*innen der staatlichen Seite, darunter auch viele „radikale Linke“, die so absurde Argumente wie „das ist eine Frage der Solidarität“ (sich an Ausgangs- und Kontaktsperren zu halten) entwickelten bzw. übernahmen, um denjenigen ein schlechtes Gewissen einzureden, die trotz der Mär von der ach so tödlichen Pandemie nicht darauf verzichten wollten, zu leben.

Wir haben es hier also mit einer Verschwörung zu tun, deren Verschwörer*innen sich nicht notwendigerweise abgesprochen haben – was ich aber zugleich bei einigen nicht ausschließen würde –, sondern durch eine gemeinsame Ideologie und das geheime Verlangen anderen ihre Vorstellungen aufzuzwingen geeint werden. Mensch muss das freilich nicht „Verschwörung“ nennen, es gibt einen anderen Begriff dafür: Demokratie.

Alternative Verschwörungstheorien und jede Menge Diffamierungen als Verschwörungstheoretiker*innen

Was für mich der Herrschaftsform der Demokratie inhärent ist, das sehen andere, diejenigen, die bislang die Lügen von der Demokratie als Garant der Freiheit geglaubt haben, als Wesenszug diktatorischer Regime. Eine Aussetzung und Beschneidung ihrer in der Verfassung verbrieften Grundrechte, dabei kann es sich ihrer Auffassung nach nur um einen diktatorischen Vorgang handeln. Ich teile diese Auffassung nicht, aber ich kann nachvollziehen, dass eine*r, die*der schon in der Grundschule beigebracht wurde, dass die Demokratie Garant der Freiheit aller Menschen sei und die*der seither niemals die Herrschaft der Demokratie direkt und in dieser Härte zu spüren bekommen hat, dazu neigt, nun eine Wendung hin zur Diktatur zu sehen. Das wiederum führt dazu, dass die Rolle einzelner, zweifelslos autoritärer Akteur*innen in dieser Situation überbewertet wird. Denn wenn es nun eine Diktatur geben soll, dann braucht es auch eine*n Diktator*in. Bill Gates scheint sich beispielsweise für diese Rolle anzubieten, ebenso wie die WHO, bestimmte Technologiekonzerne, usw. Auf sie projezieren einige Menschen, die die Verschwörung wittern, aber nicht die Erkenntnis teilen, dass es die Herrschaft der Demokratie ist, die sie da zu spüren bekommen, ihre Feindschaft. Aber liegen sie deswegen wirklich komplett falsch? Sind ihre Verschwörungstheorien nun absurder als die Ansichten derer, die tatsächlich zu glauben scheinen, dass die staatliche Einsperrung zu ihrem Besten sei?

Freilich, das wissen vor allem „radikale Linke“, gibt es immer auch Verschwörungstheorien, die nicht von der Realität, sondern von einem Feindbild genährt werden. Wer hinter all dem ~die Jüd*innen~, Reptiloide, die Rothschilds oder andere antisemitische Feindbilder sieht, die*der legt vielmehr Zeugnis von seiner*ihren kruden Ansichten ab, als dass sie*er sich einer Realität annähern würde. Wenn sich nun der Einspruch vieler „radikaler Linker“ und „Antifas“, die es sich wohl zum Ziel gemacht haben, die entstehenden Protestbewegungen gegen die staatlichen Maßnahmen zu sezieren, gegen solcherlei Ansichten richten würde, ich stünde selbstverständlich auf ihrer Seite. Doch das ist vielfach nicht der Fall. Im Schulterschluss mit den Medien diffamieren viele nicht etwa nur die Anhänger*innen rechter und antisemitischer Verschwörungstheorien, sondern gleich alle diejenigen, die sich an Protesten gegen die staatlichen Maßnahmen beteiligen als Anhänger*innen derselben. In ihrem Wahn, diese kühne Behauptung zu belegen, wird jede kritische Äußerung über zentrale Akteur*innen im momentanen Machtgefüge zur Verschwörungstheorie, jeder Vergleich mit dem Nationalsozialismus zur Geschichtsrelativierung.

Ich will das an einigen Beispielen zeigen. So berichtete ein im antifaschistischen Kontext sehr häufig rezipierter Journalist am 09. Mai über eine Demo gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen auf dem Marienplatz bei Twitter: „Tausende Verschwörungsideolog_innen, christliche Fundis, #AfD-ler, „#Corona-Rebellen“, Geschichtsrelativierer_innen drängen sich in #München dicht an dicht auf dem Marienplatz. @polizeimuenchen räumt wieder gar nichts.“ Dazu veröffentlichte er ein Bild auf dem eine Person mit einem Schild zu sehen ist, auf dem geschrieben steht: „Nie wieder: Diktatur, Dr. Mengele“. Zusätzlich ist auf dem Schild eine durchgestrichene Spritze zu sehen. Ich will an dieser Stelle mal für den Moment ignorieren, dass hier offenbar an die Polizei apelliert wird, die Demo zu räumen, darauf werde ich später noch zu sprechen kommen. Stattdessen will ich versuchen, zu deuten, was denn nun die Kritik an diesem Schild sein soll. Ich nehme einmal an, der Verfasser des Beitrags verortet die Trägerin des Schildes unter der Kategorie „Geschichtsrelativierer_innen“, weil ein Vergleich zwischen dem Nationalsozialist Josef Mengele und Impfungen gezogen wird. Aber wo ist die Relativierung? Auf den ersten Blick erscheint es geschmacklos, den als „Todesengel“ berüchtigten Lagerarzt von Auschwitz, der an den Todgeweihten grausame medizinische Experimente vollführte in Zusammenhang mit einer Impfung zu bringen. Allerdings nur auf den ersten Blick. Jakov Balabau etwa berichtete davon, dass Mengele einmal 48 Häftlinge ermordete, um ihnen anschließend Blutproben zu entnehmen, in der Hoffnung aus ihrem Blut einen Impfstoff gegen Malaria gewinnen zu können. Und war es nicht das Robert-Koch-Institut – ja, das sorgte sich schon damals im Auftrag des Reichsgesundheitsamtes um Viren –, das ab 1942 Häftlinge des KZ Buchenwalds mit Fleckfieber infizierte, um Impfstoffe an ihnen zu testen? Und was ist mit den 1200 Häftlingen des KZ Dachaus, die von Claus Schilling, dem damaligen Direktor der tropenmedizinischen Abteilung am RKI, mit Malaria infiziert wurden, um Impfstoffe an ihnen zu testen? Ich kenne freilich nicht die Motivation der Person, die dieses Schild gemalt hat, aber wer Impfungen und die moderne Medizin im Allgemeinen mit den nationalsozialistischen Gräueltaten in Verbindung bringt, die*der zeigt doch vielmehr Kontinuitäten in der modernen Medizin auf – die mit der Eugen…, ups, Genetik ja sogar zentrale Ideologiefragmente des Nationalsozialismus übernommen zu haben scheint –, als irgendetwas zu relativieren, oder? Und falls da jemandem nun das Argument einfällt, dass es der Medizin heute ja nur um das Heil der Menschen gehe, es der nationalsozialistischen Medizin jedoch um etwas anderes gegangen sei, so möge die*der mich bitte erleuchten, um was es der Medizin damals wohl gegangen sein mag, außer dem – sogar zum allgemeinen Gruße erhobenen – „Heil“ der Menschen – wenngleich freilich nur bestimmter Menschen, aber das ist heute wohl kaum anders.

Ein anderes Beispiel bietet das „Linke Bündnis gegen Antisemitismus München“, auf deren Webseite ebenfalls über eine der Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen berichtet wird: „Auf […] Plakaten wird die „Zwangsimpfung“ abgelehnt und in einen Zusammenhang gebracht mit der vermeintlichen Implantation von Mikrochips zur Kontrolle der Geimpften und dem 5G-Mobilfunknetz, das gegenwärtig eingerichtet wird; die Vorstellung, durch das 5G-Netz würde Corona verbreitet, führte in Großbritannien bereits dazu, dass Handymasten niedergebrannt wurden. Darin zeigt sich auch das Gewaltpotential derartiger Verschwörungstheorien.“ Mir scheint hier sind die radikalen Gegner*innen von Verschwörungstheorien selbst einer Verschwörungstheorie aufgesessen. Nämlich der, dass diejenigen Menschen, die die Mobilfunkmasten in Großbritannien und anderswo auf der Welt abfackeln allesamt glauben würden, dass Corona über das 5G-Netz verbreitet werden würde. Bislang und hoffentlich auch in Zukunft haben die Bullen überall auf der Welt so gut wie keine Verdächtigten ermittelt. Und die wenigen Bekenntnisse zu den Taten, enthalten keinerlei Hinweise auf derartige Gedanken. Wohlgemerkt unterstützte – in Großbritannien – ein Großteil der abgefackelten Mobilfunkmasten 5G überhaupt nicht und während die staatsaffirmativen Medien dies als „Dummheit“ der Brandstifter*innen deuten, erscheint das doch relativ unglaubwürdig angesichts dessen, dass mensch auf zahlreichen Online-Karten ermitteln kann, wo sich 5G-Masten befinden und aufgrund der Tatsache, dass die meisten Angreifer*innen offenbar ziemlich genau wussten, was sie da taten. Aber wie auch immer, in jedem Fall bleibt es eine reine, ja vielmehr haltlose Spekulation den Angreifer*innen zu unterstellen, sie würden glauben, dass Corona über das 5G-Netz verbreitet werden würde. Hier wird offenbar, dass mensch beim „Linken Bündnis gegen Antisemitismus“ (LBGA) offenbar durchaus selbst geneigt ist, beliebigen Verschwörungstheorien Glauben zu schenken, wenn sie denn nur von den richtigen Stellen, dem Staat und den Medien in Umlauf gebracht werden. Blind werden hier noch die abenteuerlichsten Diffamierungen und sogar der Gewaltbegriff der Medien übernommen, Hauptsache das Ganze dient einem bestimmten Zweck.

Schulterschluss mit Staat und Polizei?

Warum greife ich diese Beispiele auf? Ist mir daran gelegen, die Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen gegen Angriffe von Linken in Schutz zu nehmen? Schwerlich. Ich glaube nicht, dass (angemeldete und) friedliche Demonstrationen eine gute Idee sind, um dem Staat die Stirn zu bieten. Ich glaube auch nicht an einen politischen Abschaffungsprozess und mit Sicherheit bin ich mit vielen der auf diesen Demonstrationen geäußerten Parolen nicht einverstanden. Aber das würde mich dennoch niemals dazu verleiten, an der momentan stattfindenden, pauschalen Verurteilung derjenigen Menschen teilzunehmen, die auf diesen Demonstrationen ihr Uneinverständnis ausdrücken. Und zwar weder indem ich diese mit lächerlichen Behauptungen und vorgeblichen Beweisen als Verschwörungstheoretiker*innen oder Rechte stigmatisiere, noch – und ich bin trotz nicht allzu guter Meinung von der „radikalen Linken“ schon ein wenig erstaunt, dass das wirklich zur Debatte steht –, indem ich den Schulterschluss mit den Bullen suche.

Wenn ein von der „radikalen Linken“ wiederholt zu Vorträgen eingeladener und auch ansonsten breit rezipierter Journalist die Polizei dafür kritisiert, dass sie eine Demonstration nicht aufgelöst hat, wenn das „Linke Bündnis gegen Antisemitismus“ schreibt „Obwohl sämtliche Sicherheitsvorschriften wie die Abstandsregel von 1, 5 Metern missachtet wurden und auch kein Mundschutz o. ä. getragen wurde, schritt die Polizei nicht ein, die eigentlich die Versammlung hätte auflösen können und müssen“, dann offenbart das die Staatstreue dieser Akteur*innen. Ihnen geht es nicht darum, Herrschaft in Frage zu stellen, nein, sie stehen auf Seiten des Staates, wenn er nur ihre eigenen Interessen vertritt. Schlimmer noch: Selbst wenn er es offensichtlich gerade nicht tut, erwägen sie den Repressionsbehörden zuzuarbeiten, um ihre eigenen Feind*innen zu bekämpfen bzw. besser gesagt bekämpfen zu lassen. Wenn das a.i.d.a-Archiv auf seiner Webseite die Termine von unangemeldeten Demonstrationen der Gegener*innen der Corona-Maßnahmen veröffentlicht, so kommt das in etwa einer Denunziation bei den Behörden gleich. Wenn Personen, die Zugang zu den Chatgruppen für diese Demonstrationen haben in sozialen Medien oder auf Indymedia bekannt machen, wenn sich Menschen dort zu (illegalen) Treffen verabreden, dann sind sie kaum besser als der snitchende Nachbar, der die Bullen ruft, weil er auf meinem Balkon eine fremde Person entdeckt hat.

Und es ist nicht nur der demokratische Flügel der „radikalen Linken“, der in den letzten Wochen die Polizei bereitwillig als „Freund und Helfer“ („Unser größtes Ziel ist es, vom Verbrecher ebenso sehr gescheut wie vom deutschen Volksgenossen als vertrauensvoller Freund und Helfer angesehen zu werden!“, Heinrich Himmler) anerkannte. Stolz berichteten jüngst einige Anarchist*innen der „Plattform Ruhr“ bei Indymedia von einer Auseinandersetzung mit Faschos, bei der nicht nur „ein solidarischer Fahrgast […] die Polizei“ rief (wie kann mensch das solidarisch nennen?!), sondern in deren Folge sich die Anarchist*innen auch noch damit brüsteten, die Nazis bei den Cops angezeigt zu haben – „gezwungenermaßen“ und mit erheblichem Widerwillen versteht sich, und eigentlich ja quasi nur, weil die Cops sie mit vorgehaltener Waffe dazu zwangen. Achso, nein, eigentlich doch aus freien Stücken: „Als die Nazis eine Anzeige auf Körperverletzung stellten, sahen wir uns gezwungen diese zu erwidern.“ [1]

Sind das alles Einzelfälle? Oder entspringt dieses Verhalten vielmehr einer innerhalb der „radikalen Linken“ allgemein akzeptierten Strategie, die keine wirkliche Opposition zu Staat und Herrschaft einnimmt, sondern stattdessen danach trachtet, Mehrheitsverhältnisse zu ihren Gunsten zu verschieben? Vermutlich weder das eine, noch das andere. Bei all dem nach außen propagierten geschlossenen Auftreten sollte mensch nicht darauf hereinfallen, dass die Bezeichnung „radikale Linke“ ganz unterschiedliche und sich teilweise eigentlich widersprechende Ansichten unter einem Banner vereint. Letztlich werden hier Demokrat*innen mit Kommunist*innen, Liberale mit Anarchist*innen, Autonome mit Postautonomen, Feminist*innen mit Klimaaktivist*innen in einen Topf geworfen und es wäre schlichtweg lächerlich, die einen für das zu kritisieren, was andere äußerten oder taten. Betrachtet mensch allerdings die im Kontext der Corona-Pandemie getätigten Äußerungen und Positionierungen vieler, die sich als „radikale Linke“ bezeichnen, so kann mensch dennoch nicht umhin, erhebliche Kontinuitäten von der Argumentation für Quarantänisierungen bis hin zur tatsächlichen Zusammenarbeit mit dem Staat, wie in den oben genannten Beispielen zu sehen, beobachten.

Ein auf der Webseite der FdA-Anarchist*innen gespiegelter Erguss des „FdA-Mitglieds“ nigra fasst in einem Absatz paradigmatisch zusammen, was ich in den letzten Wochen als Haltung vieler „radikaler Linker“ vernommen habe:

„Ja, die Pandemie ist scheiße, nervt und die Gegenmaßnahmen schränken unser alltägliches Leben ein. Aber was ist denn die Alternative? So zu tun, als ob es sie gar nicht gäbe? Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über Bord werfen und den Tod von vielen Menschen in Kauf nehmen, damit wir wieder Party machen und willenlos shoppen können? Alle Bestrebungen aller linken und anarchistischen Bewegungen haben eine grundlegende moralische Motivation: Es soll allen Menschen auf der Welt gut gehen und niemensch soll an den Verhältnissen leiden. Leid zu minimieren sollte auch jetzt unsere Motivation sein. Es leiden und sterben echte Menschen. Und wir alle können es verhindern, indem wir uns zurücknehmen. […].“ [2]

Nun, nigra, ich will da nur für mich sprechen und nicht wie du für alle „anarchistischen Bewegungen“, aber ich habe mit Sicherheit keine solche „moralische“ Motivation, wie die von der du sprichst. Ich soll mich „zurücknehmen“ um zu verhindern, dass „echte Menschen“ leiden und sterben? Ich soll also gehorchen und mich der staatlichen Autorität fügen, die du wie vorher in deinem Artikel bemerkt, in diesem Fall lieber nicht ablehnst, weil du sie selbst für richtig hältst („Ich befürworte einige der Maßnahmen und Regeln nicht, weil sie vom Staat kommen, sonndern weil ich sie nach meinem bisherigen Wissensstand für zielführend und richtig halte“)? Gehorchen, statt rebellieren, das ist über kurz oder lang häufig die Devise sentimentaler und bornierter Pazifist*innenarschlöcher gewesen, mit der sie versuchten, echten Widerstand gegen die schlimmsten autoritären Zumutungen zu ersticken. Die „wissenschaftlichen Erkenntnisse“, von denen du da sprichst, sind sie nicht Teil eines Herrschaftsgefüges? Und wenn du die Alternative aus „Leid und Tod“ von Menschen und dem „uns zurücknehmen“ aufmachst, wie kommt es da, dass du offenbar so erfolgreich ausklammerst, dass dieses „sich zurücknehmen“, dieses den Dingen ihren Lauf lassen schon in der Präpandemischen Normalität nichts als „Leid und Tod“ hervorgebracht hat? Und wenn ich als Anarchist*in antreten würde, um jedem „Leid und Tod“ entgegenzutreten, toleriere ich dann in deiner Welt auch die sterile Herrschaft von Ausgangssperren, Quarantänisierungen und medizinisch-wissenschaftlich-technologischer Bevormundung, die mich und mehr als die Hälfte der Menschen auf diesem Planeten einsperrt? Wenn deine Antwort auf diese Fragen ja lautet – und das vermittelt mir zumindest dein Artikel –, dann stehst du für mich auf Seiten des Staates.

Während nigra hier offensichtlich wenigstens mit einem Anflug von schlechtem Gewissen die Seite des Staates wählt, kritisieren andere „radikale Linke“ bei der „Solidarischen Stadt München“, einer Art humanitärer Hilfsorganisation zur erleichterten Durchsetzung von Quarantänisierungen der Risikogruppen lieber, dass die staatlichen Maßnahmen nicht „ausreichen“ und bieten sich auch sofort an, um „weitergehende Maßnahmen“ zu erarbeiten, die unter anderem einen weiteren Ausbau des medizinischen-Herrschaftssystems beinhalten:

Doch reichen diese Maßnahmen? Müssen wir nicht überaus kritisch die Ausnahmeregelungen begutachten und hinterfragen? Sollten wir als solidarische Nachbarschaften und Stadtgesellschaft nicht weitergehende Maßnahmen ausarbeiten?

Das passt durchaus zum Programm solcher Organisationen, die durch ihre karitative Arbeit, bei der sie (große) Organisationen schaffen, die die sozialen Folgen der autoritären Maßnahmen abdämpfen und dabei soziale Spannungen befrieden – nicht etwa weil den Menschen in Not geholfen wird, sondern weil Unmut in demokratische Bahnen zugunsten irgendwelcher Polit-Organisationen kanalisiert wird.

Ebenso befriedend agiert auch die Rote Hilfe München, die auf ihrer Webseite unkommentiert eine juristische Einschätzung eines Anwaltsunternehmens veröffentlichte, in der zwar zu dem Schluss gelangt wird, dass die derzeitigen Verordnungen von Ausgangsperre und Kontaktverbot juristisch wohl nicht haltbar seien, jedoch zugleich empfohlen wird, sich an die Verordnungen zu halten: „Wir weisen hier ausdrücklich darauf hin, dass wir dazu raten, sich an die Regelungen der Verordnung zu halten.“ Eine Organisation, die sich ansonsten mit übertriebenem Eifer der juristischen „Aufarbeitung“ staatlicher Repression widmet, eine Organisation, die zugleich immer wieder Gelder für Klagen gegen irgendwelche Gesetze, Verwaltungsakte, etc. beim Verfassungsgericht sammelt – ganz so als wäre es eine Perspektive, den Staat vor sich selbst zu verklagen, ruft im Angesicht der allgemeinen häuslichen Einsperrung der Menschen dazu auf, zu gehorchen? Neben dem Wort „lächerlich“, das mir dazu als erstes einfällt, kann ich das und alle anderen Ansätze, die nun aufbrechenden Konflikte zu befrieden, ebenfalls nur als Partergreifung für den Staat betrachten.

Die Bruchlinien vertiefen

Es mag keine große Überraschung sein, dass sich viele „radikale Linke“ angesichts der Pandemie mehr oder weniger auf die Seite der autoritären staatlichen Maßnahmen stellen. Es scheinen die gleichen Bruchlinien wie sonst auch zu sein, die sich hier auftuen. Bruchlinien zwischen Anarchist*innen und „radikalen Linken“, aber eben auch zwischen jenen „radikalen Linken“, die ihre Feindschaft zum Staat – oder wenigstens zu diesem Staat – ernst meinen und jenen, für die diese „Feindschaft“ eher ein modisches Lippenbekenntnis zu sein scheint.

Was für gewöhnlich jedoch Teil theoretischer Auseinandersetzungen zu bleiben pflegt, das manifestiert sich nun im Angesichts des pandemischen Ausnahmezustands zunehmend im alltäglichen Handeln der Menschen. Ich habe den Eindruck, dass sich gerade überdeutlich im Handeln der Menschen zeigt, wer keinesfalls jemals ein*e Verbündete*r im Kampf gegen Herrschaft war, ist oder sein wird. Dabei möchte ich diese Gelegenheit nutzen, um die Bruchlinien, die sich hier auftun, zu vertiefen. Ich möchte unendliche Feindschaft all jenen gegenüber schüren, die sich als Freund*innen des Staates entpuppen:

Möget ihr an eurem eigenen Gehorsam ersticken!

 

[1] https://de.indymedia.org/node/83989

[2] https://fda-ifa.org/neulich-im-supermarktder-ball-muss-rollen/