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Wenn der Hund kläfft …

Eine Antwort auf Christoph Joppichs „Recherche“ „Gegen iPhones und die da oben. Anarchistische Verschwörungsmythen in München“, die sich sicher gut als Bericht an die STASI gemacht hätte …

… Aber es ist ja nur ein Bericht an eine Organisation, die von einer ehemaligen STASI-Informantin geleitet und vom Staat finanziert wird …

„Der schlimmste Virus ist blinder Gehorsam“, „Die Angst vor dem Tod raubt uns den Mut zu leben“, das sind Parolen, die als Graffiti Münchens Fassaden zieren und mit denen Christoph Joppich ein Problem hat. Seiner Meinung nach sind sie nämlich „verschwörungsmythisch“. Ebenso wie Parolen der Art „Smash your iPhone“, „FCK 5G“, „TV kills your brain“ und „Revolte und Randale statt Lockdown und Netflix“ für ihn von einem „stark vereinfachten Weltbild“ zeugen. Jaja, der gute alte Christoph Joppich eben, der in seiner Jugend immer den gesamten ersten Band von Karl Marxens Kapital – übrigens eine eher schlechte, bzw. stark vereinfachte Analyse der Herrschaft, unter anderem weil sie sämtliche nicht-wirtschaftlichen Aspekte ausklammert – an die Hausfassaden seines Wohnortes getaggt hat …

Und weil der Hobby-Bulle Christoph Joppich aus den „Ähnlichkeiten in Schrift und Farbe“ nicht so ganz schlau geworden ist, hat er wohl einmal nachgeforscht, was denn dieses eingekreiste A bedeutet. Und siehe da, obwohl er all diese Parolen für „aus anti-emanzipatorisch und rechtsoffenen Millieus kommen[d]“ hält, findet er dabei heraus, dass das eingekreiste A ein Symbol von Anarchisten ist. Allerdings ist der Anarchismus keine „herrschaftskritische Strömung in der politischen Linken“, wie der Möchtegern-Bulle Joppich schlussfolgert, aber es wäre vermutlich verschwendete Liebesmüh, ihn hier eines Besseren zu belehren.

Nun, durch eine Google-Suche findet der Hobbycop Joppich auch den Zündlumpen und nun sind für ihn „die meisten Zweifel an der Urherber:innenschaft besagter Schmierereien beseitigt“. Er entdeckt sogar noch ein paar weitere Parolen, die er offensichtlich geschmacklos findet, darunter „Die beste Corona Party ist alles anstecken“, „die tödlichsten Viren sind der Kapitalismus und der Staat“ und „der Planet brennt, wann brennen die Banken?“ Und was ihm so richtig bitter aufstößt: Neben den Bildern der Graffiti finden sich dort auch zahlreiche Texte, die einem Ordnungsfanatiker und Hobbycop wie ihm so gar nicht gefallen können. Es ist mir zu langweilig zu wiederholen oder zu widerlegen, was dieser seltsame Möchtegern-Bulle nun im Detail alles anstößig findet, teilweise verbreitet er auch schlicht Lügen, etwa dass in der Übersetzung „Bis in ihre [inneren] Gemächer“ Schwangerschaftsabbrüche in die Nähe der Eugenik gestellt werden würden – tatsächlich übt dieser Artikel auch eine Kritik an genetischer Selektion durch Schwangerschaftsabbrüche in Folge pränataler Diagnostik, die eine Trisomie 21 feststellt; seltsam, dass so selbsternannte „Faschismusexpert*innen“ wie Christoph Joppich da nicht die Parallele zur Eugenik sehen … Und dass dieser dann noch die Frechheit besitzt, dem Zündlumpen „Relativierungen des NS-Regimes“ vorzuwerfen – ohne das im Übrigen irgendwie zu belegen – kann man nur mit einem herablassenden Lächeln kommentieren.

„Diffuse Personifizierungen“ wie „Bill Gates“ oder „Söder“ oder die „WHO“ oder das „Robert-Koch-Institut und ihre Handlanger“ (was ist an all dem bitte diffus?) sind Joppich zufolge „wesentliches Merkmal von strukturellem Antisemitismus“, weil hier „komplexe Zusammenhänge auf einzelne Personen reduzier[t]“ würden. Aber was genau ist denn hier komplex? Wenn Bill Gates vorschlägt, die Menschen einzusperren, wenn Söder das real umsetzt, wenn die WHO dasselbe wie Bill Gates empfiehlt und das Robert-Koch-Institut auch, dann qualifizieren diese Leute sich doch ganz eindeutig dazu, von all jenen angegriffen zu werden, die nicht beherrscht werden wollen, oder? Und meinetwegen kann man dieser Liste auch gerne noch einen Christoph Joppich hinzufügen, wenn der auch findet, dass Menschen beherrscht werden sollten.

Aber jenseits dieser praktischen Fragen will ich vielleicht einmal die Gelegenheit nutzen, die nicht nur von einem Christoph Joppich so stumpfsinnig sinnentleerte Begrifflichkeit des strukturellen Antisemitismus zu kritisieren. Wenn man sich gegen jene richtet, die mit ihren Vorschlägen, Taten und ganz offen ausgesprochenen – es braucht ja in Zeiten von Corona gar keiner Verschwörung mehr, es wird ja alles offen diskutiert – Plänen die Menschen verwalten, kontrollieren, enteignen, entmündigen, bevormunden, usw., also kurz gesagt beherrschen (wollen), was hat das mit strukturellem Antisemitismus zu tun? Wenn man dem Begriff des strukturellen Antisemitismus irgendetwas abgewinnen will, was nicht einfach dazu dienen soll, jegliche Angriffe auf jene zu delegitimieren, die Menschen beherrschen (wollen), was ihn folglich zu einer Methode der Aufstandsbekämpfung machen würde, dann beinhaltet das notwendigerweise die Konstruktion eines Feindbildes, eines Sündenbocks, usw., das/der anstelle – nicht als Teil – eines Systems der Herrschaft angegriffen werden soll. Wenn beispielsweise – das klassische Beispiel – „das Kapital“ in ein „Finanzkapital“ und ein „Produktivkapital“ unterteilt wird und dabei ausschließlich das Finanzkapital als „böse“ betrachtet wird, das Produktivkapital aber als „gut“ oder „neutral“, obwohl selbstverständlich auch das „Produktivkapital“ die Menschen ihrer Leben enteignet, sie in der Folge versklavt und verdinglicht, dann macht die Anwendung des Begriffs des strukturellen Antisemitismus meiner Ansicht nach wenigstens halbwegs Sinn, denn dann wird aufgrund irgendeiner Ideologie ein Feindbild aufgebaut, das die realen Herrschaftsverhältnisse verschleiert oder zumindest „verkürzt“, das heißt unvollständig wiedergibt. Allerdings ist deshalb nicht jeder Angriff auf Vertreter*innen von etwas, was andere „Finanzkapital“ nennen mögen und im Zündlumpen vielleicht manchmal als „Spekulant*innen“ bezeichnet wird, strukturell antisemitisch. Denn Spekulant*innen auf dem Wohnungsmarkt beispielsweise tragen ziemlich real dazu bei, dass die Mietpreise steigen, ebenso wie das auch die München überströmenden Yuppies mit ihrem Verlangen jene Viertel, in denen das Leben pulsiert zu bevölkern, tun oder die Technologiefirmen und Elite-Universitäten, die Wohlsituierte aus der ganzen Welt nach München locken, oder die nur so aus dem Boden sprießenden Hipster-Läden und -Cafes, usw. usw. Selbst wenn man nun geflissentlich jene Kritiken ignoriert, die auch diese Akteur*innen benennen oder die Angriffe auf diese, wie sie in München durchaus immer wieder stattfinden und -fanden ignoriert, dann könnte man noch immer nicht von strukturellem Antisemitismus sprechen, denn selbst dann könnte nicht plausibel behauptet werden, dass solche Angriffe einer Ideologie entspringen, bei der die Spekulant*innen alleine verantwortlich gemacht werden für die Verdrängung in München, während allen anderen Akteur*innen ihre Rolle abgesprochen würde. Und ebenso weiß, wer den Zündlumpen wirklich liest und nicht wie Christoph Joppich meint, mal eben nach ein paar Schlagworten suchen zu können und im Resultat dann begriffen zu haben, was die Essenz der in den mittlerweile 84 Ausgaben elaborierten Kritik sei, dass neben „Bill Gates, Söder, WHO und Robert-Koch-Institut“ so ziemlich die meisten Akteur*innen dessen, was uns heute als „komplexe Zusammenhänge“ der Herrschaft, die zumindest für jene, die dieser feindlich gegenüberstehen, oft so komplex gar nicht sind, präsentiert wird, schon einmal ihr Fett weg bekommen haben. Und dass dem, was Christoph Joppich als „faschistoide Mordlust“ oder gar „Vernichtungsphantasien“ (wer relativiert hier nun?!) betitelt und was im Zündlumpen viel treffender mit „Tyrannenmord“ bezeichnet wird, das Sabotieren, zum Beispiel durch Abfackeln, der technologischen Infrastruktur, also zum Beispiel jener Funkmasten die vielleicht, aber vielleicht auch eher nicht Corona übertragen, was aber ohnehin nicht die Frage ist, auf die es ankommt, vorgezogen wird, das passt ihm ja auch nicht.

Nun, Christoph Joppich, vielleicht hältst du in Zukunft lieber deine Fresse, bevor du dich noch mehr blamierst, als du es ohnehin schon getan hast. Und was den STASI-Verein (jaja, ich weiß, so nennen euch die Rechten, aber wo sie recht haben …) angeht, für den du schreibst: Dass ihr versucht, Anarchist*innen anzuschwärzen ist ja weder angesichts der Tatsache, dass ihr vom deutschen Staat finanziert werdet, noch angesichts eurer ideologischen Grundpfeiler verwunderlich und auch dass ihr Hobby-Bullen erlaubt, ihren Dreck bei euch zu publizieren wäre ja nicht das erste Mal. Aber glaubt ihr wirklich, dass solch ein schwachsinniger Artikel ein Beitrag zu eurem Stiftungszweck wäre, Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus zu bekämpfen?

Wer sich für Jesus hält, „sollte“ von Anarchie schweigen …

„Denn sie wissen, was sie tun“, das ist der Titel eines Aufrufs, den Zündlumpen, die „in einem Maße technik-feindliche“ Zeitung In der Tat, „dass sie es nicht über sich bringt, ihre Publikation im Internet einem möglichst breiten Publikum zur Verfügung zu stellen“, sowie, wenn ich es richtig verstehe, ein Graffito und ein Plakat zu boykottieren. Warum sich die Unterzeichner*innen mit einem seine Lehren der Barmherzigkeit verwerfenden Jesus vergleichen, weiß ich nicht. Aber anders als der ans Kreuz geschlagene Jesus, der seinem Vater, Gott zuruft, seinen Kreuzigern zu vergeben, „denn sie wissen nicht, was sie tun“, dürstet es die Unterzeichner*innen wohl eher nach Vergeltung. Vergeltung für etwas, von dem vermutlich nicht einmal sie selbst so genau wissen, was das sein soll. Aber wen interessiert das schon? Sehen wir uns doch lieber die Bergpredigt dieser Jesusse an, vielleicht enthüllen uns ihre Lehren des Altruismus, der „Solidarität“ und der „überwiegend notwendigen Maßnahmen und Einschränkungen“ ja entgegen aller Erwartungen doch noch irgendwelche Weisheiten.

Das Gleichnis von derjenigen, die lieber an Corona sterben wollte, aber dann doch social distancing betreiben musste

Es stand einmal an einer Mauer – und irgendwo dahinter munkelt man, sei ein Pflegeheim gewesen –, der Spruch „I’d rather die of corona than live in a social coma“, was so viel bedeutet wie „Lieber sterbe ich an Corona, als in einem sozialen Koma zu leben.“ Da ging eine*r vorbei und las dieses Graffito und ärgerte sich sehr. Er*sie war nämlich mäßig begeistert davon, dass da jemand auf die Idee gekommen war, nicht in einem sozialen Koma, sprich einem Lockdown zu leben bzw. leben zu wollen. Überhaupt schien diese Person im Allgemeinen nicht besonders viel Ahnung von irgendetwas zu haben, sie war ja das letzte Jahr kaum vor die Tür gekommen und hatte wohl auch nur sehr wenige soziale Kontakte gehabt. Sonst hätte sie vielleicht gewusst, dass es sehr viele „pflegebedürftige Menschen“ gibt, die gar nicht selbst entscheiden, ihre Kontakte zu „reduzieren“, sondern die in ihren Einrichtungen regelrecht eingesperrt wurden und werden. Aber leider hatte die medial bis zum Erbrechen wiederholte staatliche Propaganda dieser Person so gehörig das Gehirn gewaschen, dass sie glaubte, dass die Eingesperrten im Altersheim doch tatsächlich allesamt freiwillig Gefangene wären. Und mit derartigen Gedanken beschäftigt entging dieser Person sogar, dass es eigentlich gar kein „Vorschlag“ war, der dort an der Wand stand, sondern der individuelle Wunsch der verfassenden Person. Aber individuelle Bedürfnisse waren dieser Person ohnehin fremd. Es ging ihr ja nicht um das Individuum, sondern um etwas ganz anderes … [1]

Das Gleichnis derjenigen, die „Egoismus über ur-anarchistische Werte wie Solidarität, Respekt und gegenseitige Hilfe stellten.“

Zu dieser Zeit begab es sich aber, dass eine Zeitung, die sich bereits voll Stolz aus dem „Spektrum der ernstzunehmenden Projekte“ – zumindest aus Sicht dieser Person – verabschiedet hatte, schrieb, dass wer auch immer fände, dass „die halbe Menschheit, wenn nicht sogar die ganze eingesperrt“ gehöre – denn es ist zwar ein weit verbreiteter, aber dennoch ein Irrglaube, dass Leute, die das finden und bei denen man „angesichts ihres schwächelnden Zustands“ nicht davon absehen mag, von uns nicht „eins auf die Fresse“ bekommen würden –, folgerichtig „eins auf die Fresse verdient hätte“. Und das ärgerte die Person noch viel mehr. Und da dachte sie sich: Wenn ich diese Aussage und die erläuternden Sätze drum herum nur gänzlich verdrehe, dann kann ich sie mit „Euthanasie-Programmen der Nazis“ vergleichen. Und so merkte sie gar nicht, dass sie in ihrem Wahn eigentlich nur wirr redete. Die Einsperrung der Menschheit wird so zu einem „Mindestmaß an Solidarität“ in der „anarchistischen Weltanschauung“ dieser sich allzu altruistisch gebenden Person, die offenbar mindestens noch einmal nachlesen sollte, was die Begriffe „Sozialdarwinismus“, „Egoismus“ und „Euthanasie“ bedeuten.

Das Gleichnis derjenigen, die es nicht über sich brachten ihre Publikation im Internet einem möglichst breiten Publikum zur Verfügung zu stellen

Dieses Gleichnis findest du nur in der Printausgabe, es ist aber das Witzigste.

Und die Moral von der Geschicht?

Ach komm, als würde ich eine Geschichte mit einer Moral erzählen.

Manch eine*r findet ja: „Mit Leuten, die diese Grundsätze nicht begriffen haben, kann man als Anarchist*in nicht unter einer Fahne laufen.“ Ich vertrete da eine gänzlich andere Meinung: Wer als Anarchist*in unter einer Fahne läuft … naja, muss ich es wirklich sagen?

Ein*e Anarchist*in


[1] Meine Interpretation ist, dass es dieser Person sowie all den anderen, die die besagte Bergpredigt mit unterzeichnet haben, sozusagen um das Gegenteil geht, nämlich darum eine Art von Moral aufzustellen, mit der die individuellen Bedürfnisse, Sehnsüchte, Verlangen, usw. gebunden werden sollen.

[Virus Radio] Das Elend der Linken – Track 2

Virus Radio

Chhhhhhhhhhhhhhhhhhrz… ch. ch.. chhh…

Fffrrz…

Halllooo, liebe Hörers. Heute endlich der zweite Track der Remix-Single DAS ELEND DER LINKEN von DJeiiii Superspreader auf Viiirus Radio, 666 Megahertz. Heute haben wir als featuring verschiedenste konformistische Rebellen eingeladen, wozu scheinbar auch gewisse faule Säcke gehören. Wobei wir ja behaupten, dass fast alle konformistische Rebellen sind, ausser jenen, denen wir sogar jegliches Rebellentum absprechen müssen. So bekommen darin auch nicht nur die Linken ihr fett weg, aber darum gehts ja auch gar nicht. Vielleicht glaubt manch einer, das passe nun nichtmehr ganz zur Single. Aber, auch wo das Thema in den Hintergrund tritt, und in analytische, allgemeinere und sogar positivere Gefilde abgeschweift wird, findet die Entwicklung irgendwie davon ausgehend (oder besser: weggehend) statt.

Auch gewisse Styles des kommenden Pandemiestufe 666 Mixes werden schon angetönt, ihr könnt also gespannt sein was da noch kommt…

Barrikade.info wird heute noch nicht in einem Skit verballhornt, aber bald, versprochen! Denn diese krude Seite, die nichteinmal eine Kommentarfunktion besitzt, ist sogar noch schlimmer als Indymedia. Aber heute einfach nur ein relativ roher Mix für die Single, vielleicht bringt ja der wilde Rythmus die einen oder anderen dazu, die Langeweile der grossteils zuhausegebliebenen Linken für was besseres einzutauschen, wer weiss?…

Mich würde das zumindest freuen!

Das Elend der Linken feat. konformistische Rebellen (fauler Sack Mix)

Nun endlich wird wohl bald das Geschäft abgewickelt sein. Impfstoffe (wahrscheinlich GVO) sind nun mal aber langsam marktreif, und die Pharma hört ihre Kassen schon klingeln. Was für ein Geschäft! Seit man 2009 die Definition einer Pandemie kurzerhand umbenannte, also diejenige der WHO, und – folgerichtig – die einer ganzen gedächtnislosen Welt… seit dieser (nun) folgenreichen Umschreibung bürokratischer Klauseln, hat sich die neue Definition schon aufs Beste bewährt. Zwar wirft man immernoch mit drohenden und anderen Todeszahlen um sich, mal geht es um die drohende Überfüllung der Intensivstationen, schon geht es um die eigentliche komplette Aufhaltung der Verbreitung, manchmal auch darum, dass möglicherweise auch das jeweils lokale heruntergekommene Gesundheitswesen keine leicht überdurchschnittlichen Grippewellen mehr verträgt… aber eigentlich ist das ja alles letztlich egal. Zumindest für die WHO. Darum, die Pandemiestufe 6 und ihre Konsequenzen plausibel zu erklären können sich gerne die Staaten, die Medien, oder am besten die Masse der Bürger selbst kümmern. Hauptsache das Geschäft läuft. Wobei das Geschäft ja eigentlich falsch ist, weil es ganz unterschiedliche Geschäfte sind.

Denn letztendlich wurde viel mehr daraus, als bloss ein weiterer Werbegag für die Pharma, so wie damals mit dem Tamiflu. Ob das alles so geplant war? Wohl haben es sich zumindest einige schon überlegt. Denn die allerlei Pandemieplanspiele, welche immer Mal wieder stattfanden, betrachteten sicher auch einige ökonomische Aspekte. Bill Gates etwa rechnet sich schon länger aus, dass sich sowas rentieren könnte. Wobei es klar ist, dass die Vorstellung von sowas schon vorhanden war. Oder man denke an die Rockefeller Foundation, welche bereits 2010 ganz interessiert das Lockstep-Konzept als Möglichkeit diskutierte. (Ja, diese Leute gibts, und sie machen ihre Pläne)

Zumindest ein bisschen mehr als ein Werbegag, vielmehr eine Erpressung eines nicht allzu geringen Teils der Weltbevölkerung, welche durch solche Mätzchen ja eigentlich erst richtig konsitutiert wird. Einer Weltbevölkerung, welche scheinbar nicht (mehr?) fähig ist, sich selbst ein Bild zu machen, sondern längst die spektakulär vermittelten Bilder als Schablone (oder Smartphone) vor die Realität hält. Der Wirklichkeitsverlust hat enorme Dimensionen erreicht, und verlangt nun eine Einwärtsspirale, hinein in das Unwirkliche der verzerrten Repräsentationen, da ja gerade die perfekte Repräsentation der Welt als feindlicher Ort, aus dem der Rückzug die einzige Lösung ist, erfunden wurde. Die unsichtbare Gefahr, welche die Bundesregierung als gespiegeltes Feuer in Brillengläsern darstellt. Das geht immer weiter hinein, und das Second Life propagiert sich selbst, wobei Vergleiche mit einer Matrix nicht allzuweit hergeholt sind. Die Welt als Phantom und Matrize, analysierte ein Philosoph schon vor gut 60 Jahren Radio und Rundfunk.

Also hinein mit euch, hinein mit dir. Sei ein Held. Sei faul. Dass einmal der deutsche Staat die Faulheit propagieren würde, hätte man wohl kaum erwartet. Trotzdem tut er es in den gegenwärtigen Mobilisierungsvideos für die allgemeine Abwesenheit, die Vergleiche mit dem Krieg nicht ansatzweise verhüllend, vielmehr hervorhebend. Und ja: auch der Stayathome-Veteran wird ein Idiot gewesen sein, und mit seinem Einsatz und den Folgeschäden anderen gedient haben. Der künftige, stolze Opa, der damit prahlt, dass dessen Nerdtum “damals” zur Vorbildhaftigkeit gekürt wurde, wird die Verachtung verdient haben, welche auch die Kriegshelden verdient haben, der von seinen Schlachten erzählt. Auch wenn ich eher denke, dass diese Figur letztendlich fiktiv bleiben wird.

Das Recht auf Faulheit, welches auch Anarchisten immer mal wieder propagiert haben, ist es nicht mehr länger subversiv? Aber: der Nerd, ist er nicht eben trotz allem produktiv? Ist er nicht sehr arbeitsam? Ist seine Form des Konsums nicht eben auch Arbeit. Oder eben triste perspektivenlose Reproduktion des Kapitals.

Die Überflüssigen werden nun in die Zweitrealität verbannt, und als Vorbild gilt der, der diesen Weg schon zuvor freiwillig ging. Die Rekuperation der Regierung von arbeitsscheuem Verhalten, wobei sich einige sogar einen Generalstreik herbeifantasieren, ist relativ erfolgreich. Insgesamt ist eine wertkritische, die Arbeit kritisierende Bewegung Grossteils in ungefährliche Bahnen gelenkt worden und hat grösstenteils den lockdown begrüsst. Die marxistische Theorie insgesamt hat der gegenwärtigen Unterdrückung und Einsperrung eigentlich nichts entgegenzusetzen. Denn wer nur die Ausbeutung sieht und nicht die Herrschaft (um von der Technologie nicht zu sprechen), der sieht eben nur die Hälfte des Problems.

Es ist wahr, dass anfänglich viele die Situation genutzt haben, um Arbeit & Co. zu schwänzen. Es ist intelligent, dieses Moment, dass eigentlich nicht so einkalkuliert war und zunächst der normalen Verwaltung der Bevölkerung eher entgegenstand, dass dieses Moment nun vereinnahmt wird. Es ist notwendig, zu verstehen, wie weit der subversive Gehalt gewisser Gesten entleert wurde und wieweit diese Verweigerungen überhaupt so subversiv waren, zumindest da all die Coronastreikenden eben Grossteils ihren eigenen Ausreden auf den Leim gegangen sind und sich nun darin verstrickt haben. Es ist zumindest jetzt offensichtlich geworden, dass diese Verweigerungen eher als Einzug ins gelobte Land der VR verstanden werden müssen. Das technologische Universum, dass nun den normalen direkten menschlichen Austausch ersetzen soll, kriegt so einen Schub, wobei die Technologie allerdings ohnehin die anstossende Kraft ist. Eben die Einwärtsspirale verursacht, eine Suchtdynamik, welche eigentlich ja auch allen bewusst ist…

Der technologische Prozess wirkt auch subversiv, aber nur um sich selber zu stabilisieren und voranzubringen. Jegliche aufständische und revolutionäre Subversion muss also als erstes vermeiden, in solche Bahnen gelenkt zu werden. Denn diese bedeuten die Eindämmung des Stroms, oder vielmehr dessen Einleiten in den Sog der Technologie, der letztlich produktiv ist. Produktiv für die Welt der Technologie und des Kapitals. Da mehr Kontrolle versprechend. Da mehr Information. Und dieses sich selbst zur Information machen, dass gerade ist die neue Arbeit, auch wenn diese gamifiziert ist. Oder sogar nicht nur gamifiziert, sondern effektiv ein Spiel zu sein scheint.

Es ist schwierig, das eigene Verhältnis zu dieser Realität auszumachen. Es ist klar, dass man nicht ausserhalb ist. Es ist klar, dass die Arbeit zu verweigern nur in ein neues Elend führt, wenn nicht versucht wird, die Arbeit zu zerstören. Die Welt der Arbeit. Diese Welt, die komplett auf der Arbeit aufgebaut ist. Das heisst: nicht zu funktionieren. Dass heisst: gegen die eigene Rolle zu revoltieren. Und diese Rolle ist nun auch die Rolle des “faulen Sacks” (sic!), der zuhause sitzt und gamt. Denn die Macht hat mehr und mehr verstanden, dass jede Rolle und Identität benutzt werden kann. Dass keine von ihnen eigentlich gefährlich ist, solange sie identifiziert und ins Schauspiel eingebaut werden kann.

Und das massenmobilisierende Schauspiel, welches abläuft, hat allzu passende Rollen parat. So etwa der Verschwörungstheoretiker (gelegentlich auch aka. Impfgegner aka. Schwurbler etc.), der als Vogelscheuche vor jeder Kritik hinhalten darf. Eine Vogelscheuche, die erfunden werden müsste, wenn es sie nicht gäbe. So kann jede Form des Hinweises auf gewisse Tatsachen damit kontaminiert werden (etwa Event 201, oder Pandemiestufe 6, oder Schweinegrippe, oder Bill Gates´ rupturistischer “World Health Imperialism”, oder id2020). Wobei damit der QAnon-Bewegung bestens geholfen ist. Während die Oma von Nebenan nun darauf hofft, das Trump uns vom Lockdown befreit. Teile und herrsche, jaja…

Es ist klar, man kann den Lockdown kritisieren, ohne ein Wort über Bill & Melinda Gates Foundation, die Geschichte der WHO, Rockefeller Foundation und z.B. Gavi zu verlieren. Das wurde auch zur Genüge gemacht. Es ist ebenso klar, dass es eine Sackgasse ist, einfach auf Gates & Co. abzuflashen. Aber es ist die logische Entwicklung, angesichts der Tatsache, dass die Hypnose durch “Corona, Corona, Corona…” schlicht durch “Gates, Gates, Gates…” ersetzt wird. Jene, welche nun einen Corona-Ausschuss machen, etc., sie reagieren von ihrer Perspektive, und für sie sind auch die spezifischen Verantwortlichen logischerweise äusserst wichtig. Denn schliesslich will man sie legal zur Verantwortung ziehen. Vielleicht auch lynchen. All das ist soweit verständlich, und: wieso nicht? Aber es bleibt halt in der Dimension eines politischen Spektakels. Der Zuschauer kommt so nicht vom Hocker. Er bleibt Zuschauer oder wird sogar aktiver Anhänger, geht auf die Strasse… aber die grundlegende Frage, welche für uns spannend ist, wird nicht berührt.

Und dann natürlich der antifaschistische Zuschauer. Er sieht die Nazis aus den Löchern kriechen, und schon wird alles, was sich gegen diese Nazis stellt (wenn überhaupt), zum Freund. Die eigene Perspektivenlosigkeit und Kritiklosigkeit lässt einen nicht verstehen, dass man eigentlich längst Konformismus durchsetzt und die Abweichung von der gesellschaftlichen Norm bekämpft. Es ist zwar nicht falsch, frei nach Adorno die Leute von Querdenken & Co. als ““konformistische Rebellen”, die sich gegen „das System“ erheben und doch wollen, dass alles so bleibt, wie es ist” zu bezeichnen, wie es die Initiative Aufklärung statt Verschwörungsideologien!”. Aber so wie Adornos Kritik dadurch der Lächerlichkeit preisgegeben wird, dass er den Studenten die sein Institut besetzten die Bullen auf den Hals hetzte, so entzieht auch diese Kritik sich selbst den Boden, da man die Querdenker nicht in der Rebellion sondern im Konformismus überbieten zu wollen scheint. Und auch zur Aufklärung trägt man eigentlich nichts bei. Zumindest fällt es mir schwer zu sehen was…

Die Art des Angriffs gegen diese oppositionelle Bewegung erleichtert folglich die Selbstinszenierung der Faschisten als subversive Rebellen umso mehr. Das alles ist offensichtlich. Und mit den Maskenfetischisten, welche sich zurechtreden, dass es keinen Maskenzwang gäbe (oder wieso wird dann verschiedentlich Maskenzwang in Anführungszeichen gesetzt?), lässt sich eben kaum gegen autoritäre Ideologien argumentieren. Die ideologische Verbrämtheit ist kaum zu überbieten. Und der Antifant eben eine Rolle, welche die Macht längst zu benutzen versteht. Welche man zu mobilisieren versteht. Wobei “die Macht” und “man” natürlich etwas allzu anonym ist.

Die Polizei säubert natürlich jetzt die eigenen Reihen von den Faschisten, da man einen Putsch befürchtet, wobei man wiederum der sich formierenden faschistischen Bewegung, ob nun unter dem allesvereinenden Q oder reichsbürgerlich oder anders, neue Dynamik gibt. Das alles ist nützlich. Teile und herrsche, versteht sich.

Der Zuschauer ist verwirrt, er hat noch mehr Angst vor Kritik oder er geht den blödesten Kritikern in die Hände, die sich finden lassen. Wobei man sagen muss, dass noch nicht alles komplett verblödet ist. Ein Wodarg z.B. scheint ein ganz nüchterner Referenzpunkt. Aber Rätedemokratie, Imperative Mandate und all so Zeug bleibt halt Flickwerk und ist letztlich nur ein Ausweichen vor der kompletten Infragestellung jeglicher Herrschaft. Aber ob Seiten wie Rubikon wirklich eine Zweigstelle Richtung QAnon und Verblödung sind, oder ob nicht manch einer darüber mehr und mehr zu einer subversiven und radikaleren, vielleicht sogar anarchistischen Kritik durchdringen mag, das wird sich wohl noch zeigen. Schlimmer als z.B. die SZ ist Rubikon zumindest allemal nicht. Denn diese führt direkt in den kompletten Coronawahn, während sie mit einer Redaktion die Stayathome praktiziert wohl ganz formell sämtlichen journalistischen Anspruch aufgegeben hat und zeitweise schlicht und einfach irgend ein Bild der Welt herbeifantasierte. Aber lesen sollte man vielleicht ohnehin beides, und alles, und den Horizont nicht auf die eigene Blase beschränken. Denn gerade diese reproduzieren sich ja immer besser, wobei Zensur und individualisierte Ergebnisse das nötige dazutun, dass sich alles immer schön selbst bestätigt.

Aber ohnehin: im Postfaktizismus sind Tatsachen und Annahmen an Identitäten und Rollen gebunden. Und so ist alles kontaminiert (nicht nur mit Corona (-;). Und während die eine Realität der einen Partei gehört, gehören der anderen andere Tatsachen etc. Und so wird es verwaltet, lässt es sich am besten verwalten. Und eigene Analyse macht ohnehin fast niemand mehr.

Und letztlich sind es alles Leute, die ihre Geschäfte abwickeln. Ihre Interessen verteidigen. Oder dich mobilisieren wollen. Von Ken Jebsen zu Korrektiv, von Bill Gates zu Trump, von Söder zu Bolsonaros, von der Sozialdemokratie zu QAnon, von Widerstand2020 zur Rosa-Luxemburg-Stiftung, von Links bis Rechts, über die Mitte… von Drosten bis zum Corona-Ausschuss… ja: von Querdenken bis zur Antifa… alle werden sie dich nicht befreien und nicht beschützen. Sie wollen mit dir Kapital machen, und sei es ideologisches oder politisches Kapital. Sie wollen diese Gesellschaft verwalten, auf die eine oder andere Art und Weise. Verteidigen deren Grundlagen. Sie repräsentieren keinen anderen Horizont als jenen, der dich auf einen Zuschauer oder ein Rädchen reduziert oder als Kanonenfutter verheizt, alleine zuhause oder wieder bei der Arbeit… wobei die Möglichkeit wirklicher Befreiung verbaut wird.

Angesichts dieses Bombardements mit Scheisse, indem man nicht mehr weiss, wo einem der Kopf steht, stehen soll… ist das beste vielleicht eine gehörige Dosis Ignoranz! Kopf nach unten und raus und ein Feuer gelegt oder etwas zerdeppert oder geplündert. Die totale Revolte ist wohl das einzige, was noch übrigbleibt. Die Ablehnung jeder Verantwortung für eine Welt, in der wir gefangen sind. Generalisierte Meuterei! Das Aufnehmen der einzigen “Verantwortung”, die real und drängend ist: sich die Mittel zu geben, um aus dieser Scheisse endlich rauszukommen. Um diese Zivilisation zu zerstören, mit samt ihren Computern, Antennen, Medien, Journalisten, Gurus, Politikern, Pharmazeutikas, Wohnblocks, Arbeitsstätten und Autobahnen… auf das nichts mehr übrig bleibt von ihrer Wissenschaft, der Gentechnologie, der Bevölkerungspolitik, ihrer Medizin ebenso wie der Religion und Mystik, welche diese begleiten.

Ja, das ist der einzige Ausweg aus dem Dilemma. Denn nur so werden wir vielleicht irgendwann nicht mehr verwaltet, registriert, getrackt, in Rollen gepresst, kategorisiert, ausgebeutet, unterdrückt und eingesperrt werden. Ansonsten können wir sicher sein, dass es so weitergeht. Oder ist es nicht so?

Jaja, traritrara… das wars dann für heute. Neue Remixe kommen bestimmt, denn es ist uns wert, diesen Scheiss zu analys- und dokumentieren. Auf dass niemand die ganzen Peinlichkeiten vergesse! Auf dass nicht nach dem Krieg alle behaupten, sie wären auch dagegen gewesen. Auf dass die Dolchstosslegende 2.0 der Wahrheit entspreche! Der Wahrheit einer fürchterlichen, verbrecherischen sozialen Revolte!

Deshalb also die Blossstellung des Elends der Linken, in der sich schon so manche ehrliche Rebellion verlaufen hat und versickert oder versumpft ist. In welchem etliche Anarchisten, Chaoten und unermüdliche Revolteure nach wie vor allzu tief drinstecken und festsitzen. Und welche allen andern als die Sackgasse entpuppt werden muss, die sie ist…

Yoah! Tschüss und bis zum näxten mal!

Chizihizi… tsiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii… Chrr.

Zzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzzz…

 

Ein ewig zankendes Ehepaar

[linke Triggerwarnung: Dieser Text beinhaltet arschoft Wörter wie Linke, links, Linkstum.]

Seit dem Ausbruch der Pandemie, ist die Kritik und auch offene Feindschaft zur linken Bewegung und dem Sumpf von oberflächlichem, politischen Aktivismus, lauter geworden. Eine Enttäuschung und Verbitterung folgte auf die Nächste. War es schon vorher klar, dass Linke gerne einen Dialog mit dem Staat halten – durch Forderungen, durch unreflektierte Akzeptanz des legalen Rahmens, durch ihre vom Parlamentarismus abgeleitete, ähnliche Strukturierung – so ist das Ausmaß des Gehorsams, der Reproduktion autoritärer Moral, der Passivität und der Scheinhandlungen aus diesem Lager, gefühlt, noch nie so offensichtlich gewesen, wie seit Anfang 2020. Menschen, die sich anti-autoritär nannten, was eine scheinbare Nähe zu anarchistischen Ideen vermuten lässt, übernehmen die neue Bedeutung von Wörtern wie „Solidarität“, „solidarischem Handeln“, aus dem erweiterten Wortschatz der staatlichen Polemik. Ja, wir müssen, wie schon immer, die Linke hinter uns lassen, wenn wir vertrauensvolle Beziehungen aufbauen wollen, und es uns mal wieder reicht von einer Meute umgeben zu sein, mit der sich zwar schöne, oberflächliche Sauf-Soli-Partys feiern lassen, die aber immer wieder panisch unter den staatlichen Mantel flieht, sobald es im ausgenüchterten Zustand ernst wird…

Aber! Bei aller Liebe zur Kritik, Reflektion, usw. Ist es ein Loslassen und Überwinden vom Linkstum, wenn wir uns ununterbrochen an der Scheiße, die es én masse auskotzt, abarbeiten?

Ich denke nicht. Das klingt eher nach einer nicht überwundenen Beziehung, nach dem Festhalten an Rache, oder nach Eifersucht. Eifersucht auf die Aufmerksamkeit, die linke Ideen, oder besser gesagt linkes Content, bekommen. Und ich schlage keine Vergebung vor, bei einer linken Öffentlichkeit, die immer wieder ihr befriedendes Potential beweist, indem sie bei sich intensivierenden Kämpfen, den Reset-Knopf drückt. Es ist einfach schrecklich…

Aber ist es nicht ähnlich beschissen, dies permanent zu kommentieren?!

Anstatt Meinungen zu verhöhnen und zu verspotten, die sie dem Bürgertum anbiedern, ist es doch wichtiger eigene Kämpfe zu führen. Wenn dann, bei diesen stattfindenden Kämpfen, die Linke (oder Rechte) mit ihren Integrationsversuchen ankommt, dann muss sie sabotiert und weggejagt, werden; also ihre Politiker*innen², sowie das Dogma aus den Köpfen müssen vertrieben werden.

Sich der Linken zu widmen, ohne konkreten Kontext, oder sie schlicht zu provozieren, zeigt womöglich eine wirre Ziellosigkeit auf. Außerdem schafft es die Linke auch hier diejenige*n, zu blockieren, die sich eigentlich von ihr abwenden wollen.

Auch ich hasse die linke Bewegung und kann manchmal nicht anders, wenn ich das Kreisgewichse geschichtsvergessener, linker Schein-widerständler*innen, höre, als zynisch zu lachen, oder mir deren Rotze aus den Gehörkanälen zu saugen, um sie ordentlich auszureihern. Doch bin ich mir diesem Trauma bewusst. Ja, es ist ein Trauma, eines dass mich mit Ressentiments erfüllt, weshalb ich es überwinden will.

Denn, ich schätze ein zufriedenes, freudvolles Lächeln nach einem gelungenen Angriff auf Auswüchse von Patriarchat, Kapitalismus und anderen Formen der Herrschaft, ob in Text- oder Waffenform. Und so sehr ein zynisches Lachen Menschen über Wasser halten kann, so bevorzuge ich doch die eben genannte, herzliche Freude.

Soll die Linke doch gegen faschistische Corona-Leugner*innen hetzten. Anstatt ihnen zu sagen wie oberflächlich diese Reaktion auf die faschistische Bedrohung ist, oder ihnen ihren Konformismus vorzuhalten, wäre es Zeit eigene antifaschistisch-anarchistische Vorschläge zu liefern/Kämpfe zu führen. Oder den anarchistischen Kampf gegen den Staat schädlicher und sichtbar zu machen. Denn eine alte Gemeinsamkeit zwischen Linken&Kommunist*innen und Faschist*innen&Rechten, bleibt: Sie kämpfen beide für eine Staatsmacht. Die heiligen Infektionsschutzgesetze auf der einen Seite und das super-tolle Grundgesetz auf der anderen Seite. Der Staat und seine Exekutive ermöglichen diese Gesetze – von den gerade viele Leute in der Bevölkerung abgefuckt sind. Wenn wir seine Macht erodieren (auf der Straße und in den Köpfen), müssen wir uns weniger um Linke und Rechte kümmern, welche stets von dieser Macht profitieren (wollen).

Die Linke zu bekämpfen, heißt viel Zeit darauf zu verschwenden, lediglich einen Auswuchs der Herrschaft zu bekämpfen¹, und damit noch einen, der sich aktuell sehr schlecht in ein Projekt verwandeln lässt.

Neben dem krassen Problem bewaffneter Nazi-Untergrundstrukturen stinkt der vorschlagsarme Kampf gegen die Linke da schon ab.

Also sehr geehrtes Zündlumpenproletariat, lasst doch ab von der Linken, denn ihr könnt jener vertrauen.

Dass sie euch immer wieder enttäuscht, wenn ihr sie so nah an euch ranlasst.


²=mit Politiker*innen meine ich nicht nur alle jene, die sich selbst als solche bezeichnen. Ich meine auch Alle, die sich als Sprecher*innen, Organisator*innen einnisten, und dadurch immer mehr Verantwortung und Macht anhäufen, alle die, die Individuen zu einer zählbaren, gleichförmigen Masse reduzieren.

¹=ersetze in diesem Satz das Wort die Linke durch die Rechte, und du weißt ein Stück weit, woher diese übersteigerte, anti-linke Tendenzkommt.

[Virus Radio] Das Elend der Linken – Track 1

von DJ SUPERSPREADER

Mit einigen Remixen wird der eigentlich eher langweilige Track DAS ELEND DER LINKEN, ein Klassiker *gähn* 2020 extra neu für euch aufgelegt. Heute spielen wir den ersten Remix, gefeatured von der autonomen Antifa, mit ihrem neuen Antivirus-Programm (diesmal nicht für Windows), welche dem ganzen den moralistischen Touch gibt, der ja nötig ist, damit ihr auch wirklich ausgelassen dancen können. Heyyyy!

Aber zuerst habe ich für euch noch ein tolles Intro im Set, welches das ganze episch einleitet, während danach die Party erst so richtig los geht. Yeah!

„Hate the media“

(Verstoss gegen die Moderationskriterien-mix)

Da der Zündlumpen nach wie vor auf Indymedia toleriert wird, einer Seite welche sich ganz besonders darin hervortut, die Linksradikale als Bewegung zu erhalten, hier ein kleinen Introtrack also. Während Indymedia zwar als Plattform für etliche, beileibe nicht linke, anarchistische Publikationen hinhielt, tat es sich hervor, sämtliches, was zu einer eventuellen Aufklärung des Coronawitzes führen könnte, nach staatlichen oder noch strengeren Massstäben zu zensieren (und zwar Sachen die nicht sozialdemokratischer waren als viele andere Indymedia-Publikationen). Indymedia hat sich also trotzalledem darin hervorgetan, den offiziellen Kampf gegen „Fake News“ mitzuführen, damit es ja nicht zu schnell gehe, bis sich die Erkenntnis Bahn bricht, dass es sich bei Corona um eine nicht allzu spezielle Grippemutation handelt. Trotzdem hat man den Zündlumpen toleriert. Wieso? Haben wir nicht genügend gegen Bill Gates, WHO, Antonio-Amadeus Stiftung, Robert Koch, Drosten, die Prolockdown-Linken, die Maskenträger und andere Covidioten angeschrieben, um eine Zensur verdient zu haben? Haben wir zu lange gewartet, um deutlich zu werden? Wieso tragt ihr noch immer zu eurer eigenen Zersetzung bei?
Solche Fragen stelle ich mir manchmal. Und dann denke ich mir: naja, immerhin verbreiten sich so die Ideen. Und man hat die Gelegenheit noch etwas Skandal zu machen.
Bevor also Indymedia endlich down ist, hoffen wir noch, dass sie uns Plattform bieten um die radikale Linke etwas zu zersetzen. Danke.

Natürlich betrachte ich es auch skeptisch, dass ihr meinen Mix verbreitet, denn schliesslich tragen wir damit auch dummerweise zur Aufwertung eurer Sendung bei, welche sich so mit seiner Toleranz und Extravaganz schmücken kann, und behaupten kann, voll an der Zeit zu sein. Aber so what! Die Hörer werden schon verstehen, woher der Wind weht, und dass Indymedia teil des miefigen Kadavers ist. Und deshalb, Täterätätä:

Das Elend der Linken feat. Antifa

(stayathome-klaustrophobia-mix)

Die Rolle der Linken war jene einer mobili- und moralisierenden Kraft, welche nur schon durch die Andeutung einer Kritik der Aktion der herrschenden, geschweige denn einer möglichen Virusleugnung auf die Palme brachte. Sämtliches Repertoir, welches an anderen Gegenständen eingeübt wurde, wurde eingesetzt, um schlicht und ergreifend Konformismus zu vertreten.

Die Absurdität dieser Sache zu dokumentieren ist eine komische Aufgabe die ich mir setze. Sie fängt damit an, dass die Linken subtil die “Verleugnung” (dass nicht nur die Verleugnung ihnen “Verleugngung” heisst, ist offensichtlich) des Virus als eine Art No-Go-Zone eingerichtet haben. Was das Problem mit der “Coronaleugnung” sei nur schon zu fragen ist eine Art Blasphemie, und zwar eine ähnliche Blasphemie wie die Gottesleugnung. Da allerdings die antifaschistische Linke natürlich die Leugnung Gottes nicht als dieses Tabu meinen kann, ist es ganz klar, dass die Herkunft dieses Kampfes gegen das Leugnen sich um den Holocaust dreht. Nun sind es gerade die Linken, welche den “Hygienedemonstranten” immer wieder, teilweise berechtigterweise, teilweise unberechtigterweise, Faschismusrelativierungen vorgeworfen haben. Jeder Vergleich mit 1933 wird ihnen zur Relativierung der Shoah, so als hätte diese schon 1933 stattgefunden, während aber die eigene, wirklich komplett absurde und geschmacklose Holocaustverharmlosung gerade von den angeblichen Antifaschisten hunderte Male wiederholt wurde. Nämlich der Vergleich von Corona mit dem Holocaust, bzw. der Vergleich der Coronaleugnung als quasi ähnlich (ich wage nur zu sagen “ähnlich” schlimm, auch wenn “gleich” eigentlich die Vorstellung dieser Leute zu sein scheint, und der Vergleich allzu direkt ist) schlimm wie die Holocaustleugnung. Dieser perfide Trick ist scheinbar bisher niemandem aufgefallen. Er bleibt den fanatisierten Konformisten unbewusst, ebenso wie ihnen der strukturells Antisemitismus der ganzen Corona-Hysterie entgangen zu sein scheint (Angst vor einem unsichtbaren, unheilvollen Feind, den man z.B. für „die Krise“ verantwortlich macht; Massenmobilisierung dagegen, als Ablenkung vor wirklichen Problemen etc.).

Aber dieses Denken in “strukturell”, dieses “strukturell” jenes zeigt eben vielmehr gerade seine komplette Beschränktheit auf. Natürlich ist es wahr, dass einige der “Hygienedemonstranten” faschistisch sind, und dass diese Faschisten mit ihrer “Coronaleugnung” durchaus nur ihre eigentliche Bereitschaft zur sozialdarwinistischen “Vernichtung lebensunwerten Lebens” verhüllen. Aber aufgrund dessen dann die Fragestellung überhaupt zu Tabuisieren, ist absurd, zeigt nur den eigenen Willen zur Zensur, und das man den Faschisten scheinbar nichts Substanzielles entgegenzusetzen hat.

Und wie auch? Der Kampf gegen den Faschismus ohne den – glaubwürdigen – Kampf gegen die Faschisisierung der Gesellschaft ist eben Spiegelfechterei. Und wer verlangt, man solle die gegenwärtige Faschisierung einfach ignorieren, weil diese a) unter demokratischem Regime stattfinde, b) unter den Vorzeichen “Schutz der Risikogruppen” (also unter umgekehrten Vorzeichen als der historische Faschismus) stattfinde und c) die als faschistisch geltenden Kräfte (Populismus etc.) nicht die treibenden Akteure sind, der beweist eben nur seinen Demokratismus, Protektionismus und Progressivismus. Und natürlich ist es uninteressant, den gegenwärtigen lockdown einfach als faschistisch abzustempeln. Nicht weil das historische Realitäten relativieren, sondern vielmehr, weil die Gegenwart damit relativiert würde! Und weil diese wenig historische Vergleichbarkeiten kennt, ausser die Kontinuität des Notstandsregierens in all seinen Formen, welche heute ihre totale Eskalation erfährt.

“Der Kampf gegen den Faschismus beginnt mit dem Kampf gegen den Bolschewismus”, sagte in den 1920er-Jahren Otto Rühle, und man fragt sich, wo heute dieser Kampf beginnen müsste. Gegen die Totalität der Herrschaft und des Kapitals zu kämpfen, ist zumindest unsere Absicht. Aber diese will und wollte die Linke ja niemals sehen, sondern vielmehr interessierte sie immer nur eine andere Verwaltung dieser Realität. Für den Staat ist die Verwaltung der Gesellschaft durch die Kanalisierung in links und rechts allerdings eine genehme Sache, und dass die Linke, und zwar bis in die radikaleren Gefilde, heute ihr widerliches, spiessig-moralistisches Gesicht derart offen gezeigt hat, gezeigt hat, dass es ihre Ideologie ist, welche mit dieser Aktion umgesetzt wurde, sei nur festgestellt.

„Ich hoffe aber, dass uns diese Krise näher zusammenbringt.“ (Bill Gates, Tagesschau)

Dass es der linke, kosmopolitische und liberale Arm des Kapitals ist, auf dessen Mist ideologisch und praktisch die gegenwärtige Bewegung (des lockdowns, stayathome, etc) gewachsen ist, sieht jeder, dazu muss man noch nicht einmal allzu genau hinschauen. Dass dabei sämtliche Grenzen geschlossen, sämtliche Menschen isoliert, sämtliche „Freiheiten“ aufgehoben wurden, und was weiss ich noch alles… dass das alles von einer Bewegung die „No Borders“, „Solidarität“ und „Freiheit“ auf ihre Fahnen schreibt eigentlich unterstützt wurde, ist halt so (und zwar auch dadurch, dass nicht davon gesprochen wurde, dadurch, dass man sich beeilte, sofort in der „neuen Normalität“ zu denken, etc.). Auch die radikale Linke hat sich als linker Flügel des Bestehenden entpuppt, wie schon etliche Male zuvor. Aber als linker, ultraautoritärer Flügel. Dass dabei gerade viele theoretische Versatzstücke von der Macht eingesetzt wurden, um ihre Aktion auszuführen und zu decken, sei nur so behauptet. Nur schon die AHA-Regeln könnten auch eine Erfindung eines Awarenessteams sein, welche ja die Normierung des Kontakts zwischen Menschen immer wieder zu absurden Formen treiben wollen.

Ergo die verständliche Präsenz von Faschisten, extremen Rechten, Völkischen und Reichsbürgern an diesen Demos. Diese sind ja ohnehin gegen die Herrschaft des Politisch Korrekten, gegen die Herrschaft der Linken, und soweit haben sie ja auch recht. Es ist dabei durchaus anzunehmen, dass bei diesem Kampf gegen lockdown nicht nur Demagogie dabei ist, sondern ebenso eine ehrliche Opposition gegen linken Totalitarismus, oder wie auch immer man das nennen will. Dass sich die Faschisten dabei den Platz, teils sogar Respekt bei diesen demokratischen Demonstrationen errungen haben, ist keine Wunder. Schliesslich wirken die Faschisten auch halb so gefährlich, angesichts dessen, dass nicht sie die Grenzen geschlossen, die Gesellschaft lagerisiert, jedes Fest verboten, etc. haben. Und dass das schon so ist. Und wenn dann Leute gegen einen demonstrieren, welche einem vorwerfen, mit Faschisten zu demonstrieren und gleichzeitig vorschreiben wollen, man solle doch Maske tragen, zuhause bleiben, sich an die Vorschriften handeln, wieso sollte man dann das irgendwie ernst nehmen?

Soviel Verständnis also für diese Demonstrationen, welche ich aber persönlich nicht besuche. Wieso nicht? Weil mich Demonstrationen ohnehin anwiedern, und weil ich das Grundgesetz noch nichteinmal als Klopapier verwenden würde. Vielmehr denke ich, dass die Subversion anderswo stattfindet als auf legalen Demonstrationen, eingehegt und kontrolliert und politisiert. Momente wie in Stuttgart brodeln überall, dort suche man den Aufstand, oder noch besser: bei sich selbst, und nicht bei jenen, welche sich die alte Normalität, das geringere Übel, sei es Demokratie oder Kaiserreich, zurückwünschen…

Dass diese demokratischen Demonstrationen nun das einzige sind, über was alle Reden, ist allerdings eben ein gutes Ablenkungsmanöver davon, dass man auch selbst etwas tun könnte – gegen die eigene Unterdrückung zu rebellieren, und zwar auf undemokratische Art. Und das Augenmerk, welches die Antifas darauf legen, ist nur ihre Art, die Option der Revolte zu verdecken – vergessen zu machen, dass es noch anderes gibt als die falsche Opposition und die Verteidigung des Bestehenden. Dass der lockdown mehr fragen aufwirft, als ob nun die neue oder alte oder ganz alte Normalität die bessere sei…

„Aber laßt uns dies klarstellen: wenn wir gezwungen sind, zwischen „dem Viralen“ und der Zivilisation der Sicherheit zu wählen, werden wir das Virale wählen. Wenn wir grob werden müssen, werden wir uns für „Grenzverletzungen“ aussprechen müssen.“ (Hakim Bey, 1996)

Bezeichnenderweise waren es vor allem jene Städte und Orte, in denen ein Teil der anarchistischen Bewegung bereits vor Jahren einen Bruch mit der Linken durchgeführt hat und sich auf eigene Beine gestellt hat, wo auch die Aktionsfähigkeit bewahrt wurde, und durch den lockdown nicht eine totale Paralyse stattgefunden hat. Während die Linken stayathome teils in den eigenen WG‘s durchsetzten, gab es eben andere, welche nicht auf den politisch korrekten Grund warteten, um rauszugehen. Die verantwortungslos genug waren, die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen, die sich nicht Mobilmachen liessen, vom Apell zur Abwesenheit.

Die Linksradikalen, Autonomen und auch Anarchisten, welche zu Hause blieben, oder das zumindest von anderen forderten (denn natürlich predigt man das Wasser oft nur…), beweisen die Impotenz ihrer Analysen, dieser Gesellschaft irgendetwas substanzielles entgegenzusetzen. Und wenn sie die Analysen sogar hätten, so fehlt ihnen vielleicht selbst einfach die Substanz, nach jahrelanger (Re-)Sozialisierung in einem Milieu, welches die Revolte letztlich neutralisieren muss.

Und doch waren es gerade die „eigenen Räume“, die sie aufgegeben haben. Kulturzentren, Squats, subkulturelle Treffpunkte – alles im lockdown. Die immer unhygienischen, versifften Orte, welche wohl für Risikogruppen nie sehr heimelig waren – auf staatliche Anordnung geschlossen, wenn nicht sogar schon davor.

„Die Hygiene, die sich als Ordnung der bürgerlichen Familie entwickelte, diente der Normalisierung der (sub-)proletarischen Schichten, da sie in ihren Formen zu leben und zu wohnen am weitesten von Normen der bürgerlichen Gesellschaft entfernt waren. Die Hygiene dringt in die Ordnung der Familie ein. Die verschiedenen Formen der familiären Organisation der unteren Schichten sollten normiert werden. Die Kolonialisierung der Familie findet über die Ausbreitung von Normen öffentlicher und privater Hygiene statt…“ bemerkte der allzu postmoderne Jürgen Mümken.

Ebenso kann, wie es dieser auch ausführt, immer wieder festgemacht werden, wie geschichtliche Hygienewellen zu einer massiven Verfestigung der Macht beigetragen haben, wie gerade die Herrschaft ihre Entwicklungsschübe aus solchen „lockdown“-Situationen, Situationen der Durchsetzung neuer „Hygienestandards“, entwickelt hat. Aber das wollte man nicht wissen. Und auch wenn gewisse postmoderne Philosophen sich ausführlichst mit diesen Themen beschäftigt haben: scheinbar hat es nicht dazu geführt, die Mentalität zu entwickeln, welche nötig ist, solche Situationen zu vereiteln. Allerdings nicht – das war ja auch gar nicht die Absicht.
Die Geschichte solcher lockdowns zu schreiben, und auch deren Benutzung zu Zwecken der Aufstandsbekämpfung, wäre bestimmt nicht ganz zwecklos. Ein Fragment des frühen Kommunisten Wilhelm Weitling (bevor es Marxismus überhaupt gab, jaja), geschrieben im Jahre 1838, weist zumindest darauf hin, dass auch diese spezifische Taktik bereits Geschichte hat. Oder war er nur ein phöser Choleraleugner?

„Wenn ein kleines Kind einen Gegenstand verlangt, den man ihm nicht geben will, so macht man es auf irgend einen anderen Gegenstand aufmerksam, um es von seiner Forderung abzulenken. Ebenso machen es unsere Bedrücker mit dem Volke in den Tagen der Krisis. Nach den dreissiger Jahren bediente man sich dazu der Kriegsgerüchte und der Furcht vor der Cholera. Diese letztere wurde besonders unter der Leitung der Regierungen ein kräftiges Mittel, alle revolutionären Tendenzen einzuschüchtern.
Erinnert ihr euch noch alle der Quarantäne-Anstalten vor beinahe jeder grossen Stadt, der Absperrungen von Dörfern, Städten, Provinzen und Ländern, des Verbots des Reisens, der Räucherungen des Geldes und der Briefe usw. Was mich anbetrifft, so kann ich diese Krankheit nicht leugnen, muss aber gestehen, dass ich damals nie an ihre wirkliche, fürchterliche Existenz geglaubt habe. Ich dachte mir eben, das ist eine Epidemie wie jede andere, die man aber absichtlich so grell herausmalt, um sie dadurch zum Schreckbild gegen die revolutionären Bewegungen zu gebrauchen.

O, sie sind klug wie die Schlangen und wir sind einfältig wie die Tauben; man hätte damals mit unsern Schädeln Mauern einrennen können, so hätten wir doch nichts gemerkt.“

„In unserer Furcht vor allen Grenzverletzungen entdecken wir, daß wir selbst neu klassifiziert und als Virus eingestuft worden sind. Diesmal sieht der Mißbraucher/Terrorist nicht nur aus wie Du und ich – er ist Du und ich. Die „Obdachlosen sind kriminell“; jene, die nicht „entrückt“ werden, haben klarerweise „gesündigt“.“ (Hakim Bey, 1996)

Wie auch immer. Die Einfältigkeit allzu vieler Anarchisten und anderer ehrlicher Revolutionäre ist eklatant. In der Naivität wird jede bewusste Kalkulation der Herrschenden abgeleugnet, da man sich nicht eingestehen kann, dass man ihnen sowas eben doch nicht zugetraut hätte. Die klassischen „Verschwörungstheoretiker“, die man glaubte und glaubt, durch Ignoranz bekämpfen zu können, haben es zwar schon lange gesagt, aber richtig glauben können sie es trotzdem nicht: „die“ wollen uns alle einsperren… „jaja, bestimmt“ *augenzwinker*… aber natürlich waren „die“ letztlich andere, und die Paranoia des Verschwörungstheoretikers ist immer noch ein Klammern daran, verstehen zu wollen, wie er das ganze demokratisch kontrollieren könnte, ohne Eigentum und Staat anzutasten, also ohne die Grundlagen, welche Machteliten produzieren, anzugreifen. Denn dies würde auch seine mittelständische Position in Frage stellen, „gute Macht und böse“, christlicher Dualismus in massenverblödeter Form. Aber die Reaktion vieler, allzu vieler, auch Anarchisten, ist jene, einfach so zu tun, als wäre so ein Lockdown halt Business as usual. Als hätte sich nichts geändert. Halt einfach eine Entwicklung des Systems – als hätte man das ohnehin erwartet. Dass man anfang 2020 ohne vorhergehenden Aufstand, ohne massive gesellschaftliche Konflikte, Militärputsch, u.Ä., plötzlich nicht mehr auf die Strasse darf – „ohne triftigen Grund“, keine Versammlungen mehr stattfinden, keine Feste, kein gar nichts. Das will man vergessen. Und allzuoft ebenso, was für ein Teil konformistischer Dynamik man selber war, wie man selber eben konformistisch reagiert hat. Aber das zu vergessen, spielt nur der Herrschaft in die Hände. Vielmehr sollten wir uns doch selber fragen: „wieso habe ich so reagiert?“ Paralysiert, mediengläubisch… wieso mich daran gehalten… wenn es denn so war.

Während ich mir z.B. persönlich immer gedacht habe, man hätte noch ein paar Jahre Zeit, bis man im totalitären Dystopia aufwacht, und man befinde sich dann im Untergrund – bestimmt bewaffnet… was weiss ich… wenn ich mir also ein solches Szenario ausgemalt habe, in irgendwelchen Tagträumen, so immer auch, dass sich dadurch etwas massiv ändern würde. „Bis hierher und nicht weiter!“ Irgendwann ist das Fass voll… Und wie wenig habe ich so reagiert? Und wie wenige um mich rum haben so reagiert? Und natürlich haben wir reagiert. Nicht nur reagiert, wir waren sogar ziemlich agil. Und wer sonst konnte das von sich sagen? Aber trotzdem…

Die Antwort auf die Situation war unangemessen – weil sie uns auf kaltem Fuss erwischt hat. Weil die Szenarien, welche wir erwarten andere waren. Weil wir eigenen Analysen zu wenig getraut haben. Und weil der Angriff schlicht und einfach unerwartet kam.

Und nun versuchen alle diesen unangenehmen Moment zu vergessen – damit es das nächste Mal wieder so ist? Oder sind wir am Brodeln. Am Nachdenken, um das nächste Mal solch einen kritischen Moment der Macht ausnutzen zu können. Und: was heisst das nächste Mal? Ist es denn überhaupt fertig?

Haben wir uns schon „an die neue Normalität“ gewöhnt? Unsre neuen Nischen gefunden, oder alte wieder eröffnet? Sind wir wirklich fähig, so zu leben?

Es wäre beschämend…


Puh, das war mal ein Bombentrack! Auch wenn der Schluss etwas seicht war, meiner Meinung nach. Aber zumindest hatte er zwischendrin einen richtig hämmernden Effekt, gings euch nicht auch so?….

….uuuuund in den nächsten Sendungen erwarten euch noch mehr Remixe, einige davon bombastisch, einige wieder featuring Antifa, und bei einem Remix haben wir sogar ein featuring mit einen Promi auftreiben können: Billy Gates!!! Wer weiss ob uns Indymedia dann noch mag? Wer weiss ob die Linke das überleben wird? Billy Gates wird mit uns einen exklusiven, martialischen, Pandemdiestufe 666 mix machen, soviel sei schon einmal angedeutet! Aber genug für heute, Kinder. Es war eine nice Show und wir hören uns in bald wieder, haltet die Ohren steif!

Chrrrrz… pfffff… tssssssssssss.. chhchchch

Ratschläge an die Föderierten den Bruch mit der Linken betreffend

Kommentar zu Jens Störfrieds 2. Persiflage

oder

mit einem linken Anarchisten zanken

„Teil des Problems“ heisst halt Teil des Problems und „blöd formuliert“ führt halt zu entsprechenden Reaktionen. Darüber zu streiten, wer mit Beleidigungen angefangen hat, ist natürlich eine lächerliche Diskussion, und so genau mag ich mich nicht entsinnen (Ich würde es mir aber vielleicht sogar zugute halten) – aber ist es nicht so, dass verschiedene Leute auch Verschiedenes beleidigend finden. Und zeigen sich nicht gerade darin auch Unterschiede?

Ohnehin, Jens, bisher habe ich mich eigentlich immer eher belustigt gefühlt als verletzt, wenn ich deinen Senf gelesen habe, und deine Sticheleien und Anzapfversuche bieten zugegebenermassen gute Vorlagen für das Aufräumen mit gewissen Vorurteilen. Und dazu habe ich mich auch hier – oh Launen meiner Natur – mal wieder hinreissen lassen.

Es wäre ein Missverständnis deinerseits, wenn du glaubst, ich hätte nicht verstanden was du mit bürgerlich meinst. Das Gerücht, dass du aber weiterhin konsequent streust, nämlich, dass wir, bzw. „unser Lager“ kämpfen würden, „ohne andere Strukturen und Beziehungen aufzubauen“, ist eben nach wie vor falsch. Und ich glaube, dass du das auch weisst. Nur brauchen wir dazu eben keine Föderation. Der springende Punkt ist also, dass du – in guter Tradition der Organisatoren und Moralisten – versuchst, den informellen aufständischen Anarchisten (oder wie auch immer du sie bezeichnen willst), ihre Realität abzusprechen, nämlich jene, dass sie allemal „andere Beziehungen und Strukturen“ erschaffen und umsetzen. Womit du gleichzeitig sagst: wer „andere Beziehungen und Strukturen“ erschaffen will, braucht eine formelle Gruppe, die FdA, die Plattform, oder irgend etwas ähnliches… ist es nicht so?

Und persönlich würde ich sagen, gerade das Klammern an formellen Grüppchen, Föderationen, Namen, etc. ist Ausdruck eines bürgerlichen Bewusstseins. Und zwar in jenem Sinne einer „Form des Bewusstseins als eines, welches einer „bürgerlichen“ Gesellschaft entspringt“ und an deren Formen haften bleibt.

So würde ich die „Grundfragen, in denen wir ziemlich unterschiedliche Ansichten haben“ definieren. Und deine Formulierung des Unterschiedes wird eben unsererseits immer wieder allergische Reaktionen hervorrufen, denn was für eine Witz ist es, wenn ich mir meine Gefährten und Projekte anschaue, und uns dann einer sagt wir hätten keine „anderen Beziehungen und Strukturen“, seien alles Narzissten, u.Ä. Das ist belustigend!

Persönlich dreht sich für mich der Konflikt vor allem um diese Frage, welche verschieden formuliert werden kann. Man könnte sagen, dass du eine Form „aggregativer Organisierung“ vertrittst, oder den Vorschlag einer „akkumulierenden Bewegung“ – anarchistische Synthese halt. Die alte Tradition der Organisatoren. Und wir individuelle Initiative ohne Formalitäten etc.

Von der FAU (Freie Arbeiter-Union), zur AAU-E (Allgemeine Arbeiter-Union Einheitsorganisation), zur AFD (Anarchistische Föderation Deutschland), zur FKAD (Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands), zum FFS (Föderation freiheitlicher Sozialisten), und wie die Vorläufer heutiger Organisatoren alle noch heissen, waren diese immer auch Sackgassen der freien Initiative und Vereinigung. Solche Organisationen bilden früher oder später eine Führungsschicht von Intellektuellen heraus, oder versinken in irrelevantem Sektierertum. Und dies gerade auch auf Grundlage der Föderation. Diese Dinge wurden oft von den jeweiligen Zeitgenossen analysiert, etc. Und natürlich kann man den Leuten, welche solche Projekte umsetzen, den guten Willen nicht per se absprechen.

Aber es ist eben allzu oft ein Stehenbleiben vor letzten Konsequenzen anarchistischer Theorie, uns führt letztlich zu einer Sammlung der Masse oder der Anarchisten auf dieser inkonsequenten Basis. Und ist somit allzu oft „Teil des Problems“, allerdings ein kompliziert zu analysierender und bekämpfender.

So sehe ich auch die FdA (Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen, zeitgenössisch), welche vor allem ein relativ bedeutungsloses Milieu zu sein scheint, welches aber möglicherweise einiges an lebendiger Energie auf ihren unfruchtbaren Boden locken kann. Wo diese vertrocknen wird…

Wo solche Vorstellungen, wie dass man zur eigenen Beruhigung schon jetzt über „antifaschistische Schutztruppen“ (was nichts anderes als eine Polizei ist) und Exil für „Verbrecher“ reden müsse, grassieren. Also ein Umfeld, in dem die rückständigsten Vorurteile reproduziert werden. Sämtliche anarchistischen Diskussionen über Gefängnisse der letzten 30 Jahre ignoriert werden. Oder halt abgelehnt. Verworfen? Aber nicht widerlegt!

Persönlich betrachte ich eine solche Organisation und auch Leute, welche solche Ideen vertreten, als links. Es ist genau dieser „Sozialismus“, dieses radikale Reformstreben (mit direkter Aktion meinetwegen), welche einen solchen Anarchismus zu einem Teil der Linken macht. Und deswegen wird es schwierig, Jens, dass du den radikalen Linken einfach entgehst, indem du kein Bier mit ihnen trinkst. Denn vielzuviel Linksradikales vertrittst du ja nach wie vor selbst.

Ich würde deshalb vorschlagen, dass du den Bruch mit der Linken jenen überlässt, welche ihn wirklich machen wollen, anstatt dass du versuchst, synthetisch Dinge zu übernehmen, welche du dadurch eher neutralisierst. Das haben eben nicht alle gern.

Denn deine Paraphrasierung jener Texte, was ist sie anderes, als der Versuch, Konzepte zu retten, die Teil der Linken sind? Was anderes, als die subversive Kritik zu verdauen, damit sie anderen nicht zu schwer im Magen liegt? Das Scheitern der radikalen Linken, oder vielmehr: ihr gegenwärtiges (vielleicht vorübergehendes) offenes Zusammenspannen mit der Macht, führt dich natürlich verständlicherweise zur Lektüre jener Texte, die ihr intimes Verhältnis mit der Macht schon herausgestellt haben, bevor dies dermassen offensichtlich war. Diese Lektüre mag dich weiterbringen, aber letztlich können deine Persiflagen kaum überdecken, dass du die radikale Linke vermisst, und dass du letztlich eben in deinem Denken nicht darüber hinauskommst, linksradikal zu sein. Das heisst, noch einmal übersetzt: dass du dich zu Linksradikalen verhältst, wie diese zur Linken, und diese wiederum zur bestehenden Totalität. Und letztlich heisst das: zur sozialen Revolte verhältst du dich wie sie alle, nämlich als Aussenstehender oder Organisator. Und wenn du selber handelst, so in der Logik des Aktivismus. Und wenn es gewaltig ist, so in der Logik der Militanz. Und wenn du etwas veränderst, so in der Logik der Politik. Versteh mich also nicht falsch: ich habe nie geglaubt, dass das Trennende die „Gewaltfrage“ sei. Vielmehr spreche ich einfach aus aus einer anderen Galaxie als du, auch wenn sich beide anarchistisch schimpfen mögen.

Soviel scheint mir das Problem zu sein, der Graben, den wir eben nicht wirklich kleiner machen wollen. Aber das weisst du ja alles. Es schadet aber bestimmt nicht, es zu wiederholen. Weniger für dich, als für jene, welche das vielleicht wirklich noch nicht verstanden haben.

Im Übrigen habe ich nirgends ein Recht auf Antwort behauptet, sondern vielmehr deine intellektuelle Feigheit.

Ein heute allzu wohlgesinnter Eigenbrödler

Fickt euren Konsens!

Ist es dir schon einmal passiert, dass Personen in deiner Nähe dich fragen, ob es in Ordnung sei, wenn sie neben dir etwas essen, wenn sie ihr Oberteil ausziehen, wenn sie rauchen, usw.? Und ganz ehrlich, was hast du dir dann gedacht? Dachtest du: „Oh, das ist aber nett, dass du mich fragst, das finde ich sehr rücksichtsvoll von dir“, oder dachtest du eher „Du Opfer, kannst du nicht einmal essen/rauchen/entspannen, ohne dass du dafür das Einverständnis aller brauchst?!“ Auf die Gefahr hin, dass ich den folgenden Text spoilere: Wenn du dich aufrichtig über die Rücksichtnahme der fragenden Person gefreut hast, dann wird dir der folgende Text mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht gefallen. Aber das ist doch kein Grund, die Lektüre hier abzubrechen, oder?

Zugegeben: Natürlich ist das Ganze kein Entweder-Oder.  Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen aufeinander Rücksicht nehmen, ich kann verstehen, dass in bestimmten Kontexten die Angst davor, etwas falsches zu tun, so bestimmend ist, dass die Frage um Erlaubnis weniger das Verlangen nach Zustimmung ausdrückt, sondern vielmehr ein Ausdruck der Unsicherheit ist und manchmal erkundige ich mich selbst bei anderen Menschen, ob sie mit bestimmten Handlungen gerade einverstanden sind oder nicht. Und doch habe ich zumindest in bestimmten Kontexten den Eindruck, dass vor lauter ritualisierter und sinnentleerter Rücksichtnahme aufeineinander eine Situation kreiert wird, in der strengere Regeln herrschen und Fehlverhalten schärfer sanktioniert wird, als in der übrigen Gesellschaft. Jaja, ich weiß, dass ich das sage muss daran liegen, dass ich in beinahe jeder Hinsicht privilegiert wäre und mir die Einsicht fehle, dass eine solche Stimmung notwendig ist, um sichere Räume für weniger Privilegierte zu schaffen, blablabla, alles langweilige und altbekannte Versuche vom Thema abzulenken. Und nur keine Sorge, Menschen wie ich meiden diese Räume meistens und stören nicht den Frieden eurer fantastischen Parallelwelt. Jede*r, wie es ihr*ihm gefällt. Wenn dieses ganze Polizieren aber von sich behauptet es wäre anarchistisch, wenn das ganze Wettgeeifere, wer der vorsichtigste Elefant im Porzellanladen ist, dazu dient, neue Autoritäten zu begründen und wenn alle, die dieses lächerliche Spiel nicht mitspielen wollen, zunehmend als eigentlich autoritär abgestempelt und auf die ein oder andere Art und Weise gezwungen werden sollen, sich den neuen Regeln des Opferdaseins zu unterwerfen, dann scheint es mir an der Zeit, die Illusion einer konfliktfreien Welt, in der es für alles einen Konsens gibt und geben müsse zu zerstören und beim Namen zu nennen: Sie ist nichts weiter als eine neue Form der Herrschaft.

Konsens. Das ist ein Wort mit vielen verschiedenen Bedeutungen. Allgemein meint es wohl das Einverständnis aller Beteiligten mit irgendetwas. Konsensuale Sexualität beispielsweise beschreibt eine Idealvorstellung von Sexualität, bei der immer sichergestellt wird, dass alle Beteiligten mit allen Handlungen einverstanden sind. Und auch wenn ich oft eher den Eindruck habe, dass Konsens in diesem Kontext ein Lippenbekenntnis ist, das vermeidet, sich damit auseinandersetzen zu müssen, dass es keine reine, konfliktfreie und rein positive Sexualität gibt, habe ich im Grunde nichts gegen Konsensuale Sexualität einzuwenden. Schließlich beschreibt Konsens hier das Einverständnis aller Beteiligten eines notwendigerweise willentlichen Akts der Interaktion. Aber das Prinzip Konsens wird häufig auch auf Situationen übertragen, in denen eine Interaktion zwischen Personen nicht notwendigerweise willentlich stattfindet. Wenn ich beispielsweise etwas essen oder rauchen oder mein Oberteil ausziehen oder – toppaktuell – keine Maske tragen möchte, sich in meiner Umgebung aber andere Personen befinden, die entsprechend sehen, hören und riechen, was ich tue und denen etwas davon missfallen könnte, so stellt dies einen Konflikt widerstreitender Bedürfnisse dar, bei denen es jedoch keinerlei Notwendigkeit gibt, diese in Einklang zu bringen. Es mag teilweise friedliche Lösungen für diese Konflikte geben, es mag etablierte Normen geben, die Lösungen für diese Konflikte vorschreiben bzw. vorsehen und es mag nett von mir sein, wenn ich meine Bereitschaft zeige, eine friedliche Lösung für diese Konflikte zu finden. Aber selbst wenn ich mich nicht an eine dieser Normen halte, wenn ich keine friedliche Lösung akzeptiere und keine Bereitschaft zeige eine solche zu finden, so übe ich durch mein Verhalten keinerlei Herrschaft [1] über andere Menschen aus. Wer aber umgekehrt der Meinung ist, es wäre meine Pflicht, auch in solchen Situationen einen Konsens zu finden und andernfalls das essen/rauchen/mich entkleiden zu unterlassen, die*der beweist doch umgekehrt, dass er*sie irgendein Bedürfnis dazu hat, andere Menschen zu zwingen nach seinen*ihren Vorstellungen zu handeln. Und während schon diese Konsensvorstellung letztlich nichts anderes als eine Regel beschreibt, bei der es in der Verantwortung des*der Regelbrecher*in liegt, sich um Legitimation für diesen Regelbruch zu bemühen, gibt es auch Situationen in denen der Begriff Konsens ganz unverblümt an die Stelle des Begriffs Verhaltenskodex tritt.

Aktionskonsens, anarchistischer/antifaschistischer/linker Grundkonsens, Gruppenkonsens, usw., all das sind Begriffe, die immer dann, wenn von ihnen Gebrauch gemacht wird, eigentlich keinen Konsens, sondern vielmehr einen Non-sense beschreiben. Ermahnungen wie „Bitte haltet euch an den Aktionskonsens“ und Feststellungen wie „Er*sie hat sich nicht an den Aktionskonsens gehalten“, erfreuen sich trotz ihres paradoxen Sinngehalts in gewissen Kreisen einer überraschenden Beliebtheit und müssen zuweilen gar als Legitimation für unterschiedlich geartete Sanktionierungen herhalten. Zugleich enttarnen manche Entscheidungsprozesse von Gruppen/Organisationen, bei denen Entscheidungen entweder „im Konsens“ getroffen werden sollen und wenn das „nicht möglich“ sei, mit z.B. einfacher „Mehrheit“, was der Begriff „Konsens“ wenigstens in diesem Zusammenhang eigentlich meint.

Wenn du nämlich ein „Troll“ bist, die*der sich unseren Vorstellungen auch nach aller zumutbarer Überzeugungsarbeit nicht fügen will, dann torpedierst du unser schönes Konsensprinzip und hinderst uns daran, unsere Vorstellungen zu verwirklichen, deshalb überstimmen wir dich dann einfach. So oder so ähnlich scheint die Angelegenheit von solchen Leuten gesehen zu werden. Und gerade dann, wenn man Gefahr läuft, dass man selbst beispielsweise im Zweifel überstimmt werden könnte, weil möglicherweise viele Leute zu einer „Aktion“ oder einem Camp oder sonstwohin kommen könnten, die das fragliche anders sehen, so bedient man sich eines anderen Kniffs. Man legt den „Aktionskonsens“ oder die Camp-/Veranstaltungs-Verhaltensregeln einfach im Vorhinein, d.h. im kleinen Kreis der Organisator*innen/Möchtegern-Anführer*innen fest und weist diese einfach als Konsens aus. Ein Konsens also, zu dem die meisten Personen nie befragt wurden, geschweige denn ihre Zustimmung gegeben haben.

Aber ich will hier gar nicht allzu sehr herumargumentieren, dass das ja eigentlich kein Konsens sei, weil ich es im Grunde egal finde. Es verhält sich ein bisschen, wie Stirner es vielleicht formulieren würde:

„Dächte man sich auch selbst den Fall, daß jeder Einzelne im Volke den gleichen Willen ausgesprochen hätte und hierdurch ein vollkommener „Gesamtwille“ zu Stande gekommen wäre: Die Sache bliebe dennoch dieselbe. Wäre ich nicht an meinen gestrigen Willen heute und ferner gebunden? Mein Wille in diesem Falle wäre erstarrt. Die leidige Stabilität! Mein Geschöpf, nämlich ein bestimmter Willensausdruck, wäre mein Gebieter geworden. Ich aber in meinem Willen, Ich, der Schöpfer, wäre in meinem Flusse und meiner Auflösung gehemmt. Weil ich gestern ein Narr war, müßte Ich’s zeitlebens bleiben. So bin Ich im Staatsleben besten Falls – ich könnte ebensogut sagen: schlimmsten Falls – ein Knecht Meiner selbst. Weil ich gestern ein Wollender war, bin Ich heute ein Willenloser, gestern freiwillig, heute unfreiwillig.“

Oder kürzer und vielleicht einfacher ausgedrückt: Wenn irgendetwas ohnehin den Willen aller (Beteiligter) widerspiegelt, wozu es dann aufschreiben, festhalten oder aussprechen. Wenn ein Konsens wirklich Konsens ist, ist es dann nicht absolute Zeitveschwendung überhaupt davon zu reden? Für viele offensichtlich nicht. Aber sind sie nicht eigentlich Wollende, die danach trachten, ihren Willen aufzuschreiben, nur um morgen Willenlose zu werden? Oder wollen sie vielleicht andere zu Willenlosen machen?

Aber wozu sich selbst und andere zu Willenlosen machen? Wozu dieser Konsens, nach dem so viele zu trachten scheinen? Warum seine Zeit damit verbringen, irgendwelche Regeln aufzustellen, die – vorausgesetzt einer*einem ginge es wirklich um eine konsensuale Einigkeit – selten den Prozess ihres Entstehens überdauern werden? Unabhängig davon, wie all die in die Welt hinaus postulierten Konsense zustande kamen, kann vielleicht ein Blick auf deren weitere Verwendung hier Aufschluss geben. Wo immer es einen postulierten Konsens gibt, scheint es auch eine oder mehrere Personen zu geben, denen an der Verbreitung dieses Konsenses (durch Plakate, etc.) gelegen ist und auch Personen (meist dieselben), die auf die allseitige „Einhaltung“ dieses Konsenses achten und im Falle von Regelverstößen zumindest für Ermahnung, gelegentlich auch für Sanktionierung sorgen. „Du hast wiederholt gegen unseren Konsens verstoßen, du bist hier nicht länger willkommen.“ Wer kennt diesen Satz nicht? Aber wäre nicht etwas wie „Verpiss dich, ich habe keine Lust mehr auf dich“ oder „Ich glaube deine Ideen passen mit den meinen nicht zusammen, ich finde du solltest gehen“ nicht um ein Vielfaches ehrlicher? Aber wo bliebe da die Legitimation des eigenen Handelns? Wäre es dann nicht genauso legitim bzw. illegitim, wenn die andere Person antworten würde „Verpiss dich doch selber“? Ja, wäre es. Aber wo ist das Problem? Fällt es wirklich so schwer sich einzugestehen, dass das eigene Handeln und die eigenen Vorstellungen keinen universellen Wahrheitsgehalt beanspruchen können? Fällt es wirklich so schwer, nicht das „richtige“ zu tun, sondern vielmehr das, was den eigenen Vorstellungen entspricht? Braucht das eigene Handeln wirklich die Legitimation des „objektiv Richtigen/Sinnvollen“ bzw. der Mehrheitsauffassung der Gruppe? Und wie passt das dann noch mit dem im Zusammenhang mit Konsens so oft zitierten „Minderheitenschutz“ zusammen, wenn sich am Ende doch der „Konsens“ seiner (vermeintlich) mehrheitlichen Befürworter*innen gegen die (vermeintliche) Minderheit seiner Opponent*innen richtet?

Konsens in diesem Sinne scheint also eine Kollektivität zu meinen, die sich gegen diejenigen Individuen richtet, die aufgrund bestimmter Einstellungen/Eigenschaften außerhalb dieser Kollektivität verortet werden. Statt die sich ergebenden Konflikte offen auszutragen, wird mit dem Verweis auf einen Konsens der Konflikt verschüttet und stattdessen ein anderer, gänzlich uninteressanter und letztlich herrschaftsvoller Konflikt ausgetragen, nämlich der der Gruppe gegen ein die Einheit störendes Element. Der eigentliche Anlass tritt dabei meist in den Hintergrund und gar nicht so selten kommt es vor, dass die Verteidiger*innen des Konsens vom ursprünglichen Konflikt gar nichts wissen oder bloß Gerüchte gehört haben, also für eine Sache streiten, ohne sich überhaupt ein eigenes Bild verschafft zu haben. Aber so ist das schließlich in der utopischen Welt des Konsens: Dissens hat darin keinen Platz.

Bei all der Hingabe so vieler Menschen, sich irgendwelche hirngespinstigen Utopien einer „besseren Welt“ oder einer „befreiten Gesellschaft“ auszumalen, in der für jede*n Menschen bereits ein Platz vorgesehen ist, und diese dann noch als „anarchistisch“ zu verkaufen, frage ich mich zuweilen dennoch, woher es eigentlich kommt, dabei auch noch einen „Konsens“ realisieren zu wollen. Wer bist du, du Utopist*in, dass du glaubst, andere würden deine Wahnvorstellung einer schönen neuen Welt doch tatsächlich als ihre eigene Utopie übernehmen? Und selbst wenn du meist bei anderen Utopist*innen abgeschaut haben dürftest, so wird dir doch hoffentlich klar sein, dass zumindest die Menschen, für die du (in der Regel) die repressiven Organe deiner neuen Gesellschaft vorgesehen hast, wohl kaum deinen „Konsens“ teilen dürften. Oder gibt es in deiner Vorstellung einer Gesellschaft das Verbrechen gar nicht mehr?

Schaut man sich an, welche Institutionen bzw. „Strukturen“ heute (bei Camps und Veranstaltungen) und in Zukunft dafür sorgen sollen, dass der Konsens auch ein Konsens bleibt, so findet man die altbekannten autoritären Institutionen wieder: Awareness-Teams, Transformative Justice Gruppen oder „Antifaschistische Schutztruppen“, wie es wenig verschleiert in gewissen sozialrevolutionären Programmen heißt. Auffällig finde ich dabei, dass all diese Vorschläge einer gemeinsamen oder wenigstens ähnlichen, provokanterweise könnte man sagen konsensualen, Analyse zu entspringen scheinen: Einer in ihrer Ausprägung meist liberalen Privilegientheorie, die die Einteilung von Menschen aufgrund von Identitäten in Privilegierte und Unterprivilegierte/Diskriminierte zumindest vielfach befürwortet und die Menschen so als von ihrer Identität determiniert behandelt. Freilich ist der Konsens einer solchen Analyse dann in der Regel, dass Diskriminierungen nicht geduldet werden, ebenso wie das nur allzu schwammige nicht „die eigenen Privilegien checken“, das gar keine konkrete Diskriminierung einer anderen Person erfordert, sondern schlicht darin bestehen kann, vorzuschlagen sich selbst gegen Diskriminierungen, Übergriffe, usw. zur Wehr zu setzen, anstatt dafür Institutionen wie beispielsweise Awareness-Teams, Transformative Justice-Gruppen oder „Antifaschistische Schutztruppen“ zu gründen oder diese in Anspruch zu nehmen.

Auffällig ist dabei, dass die Institutionen, die also häufig einen autoritären und kollektiven Regelwerk-Konsens verteidigen, den Begriff Konsens zugleich auch auf der individuellen Ebene, also von Individuum zu Individuum verwenden. Wer kennt sie nicht, die platten und nichtssagenden Awarenessplakate „Nein heißt Nein“ [2], wie sie in so vielen Räumen (kriminal-)“präventiv“ aushängen. Hier geht es um konsensuale Sexualität und für all diejenigen, von denen die Urheber*innen des Plakats wohl glauben, dass sie zu blöd wären, zu verstehen, was das heißt, finden sich darauf Erklärungen wie „Eine schlafende Person kann niemals zustimmen!“, ganz so als würde das irgendwer glauben. Aber ich denke es gibt einen Grund, warum so gut wie alle Materialien zum Thema konsensuale Sexualität entweder banal und oberflächlich sind oder – bzw. meist zusätzlich – auf die fieseste Art pädagogisch. Wer etwa glaubt, die Befürchtung mancher Personen, für den propagierten „konsensualen“ Sex dieser Art müsse man eigentlich jedes Mal vorher ein Formular ausfüllen und unterzeichnen, sei übertrieben und Ausdruck einer Abneigung gegen konsensualen Sex, der*die sollte sich mal die „Ja, Nein, Vielleicht-Liste“ [3] ansehen, die von zahlreichen Awareness-Befürworter*innen verbreitet wird. Immerhin fehlt das Unterschrifts-Feld am Ende, aber ansonsten erinnert das Ganze durchaus an ein behördliches Formular. Das mag manch eine*r vielleicht für ein erotisches Vorspiel halten, soetwas auszufüllen – was allerdings wenigstens nicht der erklärte Zweck der Liste ist –, ich bin mir jedoch sicher, für die meisten ist es das nicht. Und das alleine ist Grund genug, so eine Liste niemals auszufüllen. Außerdem zeigt diese Liste die Armut der Vorstellung von Sexualität ihrer Befürworter*innen auf und wirft dabei die Frage auf, inwiefern die engstirnigen Vorstellungen von Sexualität solcher Leute sich nicht einfach in die gesellschaftliche Prüderie einreihen.

Aber das „Nein heißt Nein“-Plakat und die „Ja, Nein, Vielleicht-Liste“ sind nur Beispiele dafür, wie wenig es selbst den Befürworter*innen einer ausdrücklich konsensualen Sexualität gelingt, diesen Begriff mit Inhalt zu füllen. Ist das vielleicht ein Hinweis darauf, dass das Ganze nur ein Lippenbekenntnis für etwas ist, von dem man einfach hofft, dass es schon funktionieren wird? Ich meine woher kommt der Optimismus, dass man einfach immer nur fragen müsse, ob man jemanden hier berühren, da ablecken oder dort küssen dürfe und schon hätte man eine konsensuale Sexualität geschaffen, bei der eigentlich nichts mehr schief gehen könne und wenn doch, ja dann …

Zu gerne würde ich einmal sehen, wie eine der Personen, die immer meinen „ich weiß nicht was daran so schwer sein soll, einfach immer vor jedem Schritt zu fragen“, diesen dämlichen Tipp in die Praxis umsetzt. Und das ist kein Argument dafür, einfach draufloszuficken, weils ja eh keine konsensuale Sexualität gibt. Nur woher kommt dieser Optimismus, Sexualität mit all den gesellschaftlichen Stigmata und Erwartungshaltungen, all den Idealen und Normen, all der Entfremdung und all der Überhöhung sei etwas, das ganz einfach konsensual ablaufen würde, wenn man eine dreischrittige Anleitung befolgt. Diese Vorstellung ist höchstens Verdrängung derjenigen, die sich ja, indem sie Räume betreiben/gestalten, in denen vorrangig orgiastische Balzveranstaltungen stattfinden und in denen „PC“ mehr als irgendwo sonst „für Pussy Crushing“  zu stehen scheint, selbst in die Reihen derer begeben, die Sexualität zu dem machen, was sie in dieser Gesellschaft zu sein scheint.

Um diese Utopie aufrechtzuerhalten ist es notwendig von Zeit zu Zeit zu vertuschen, dass es eben nicht immer einen Konsens gab, gibt und geben wird – und zwar weder auf individueller Ebene zwischen zwei Individuen, noch auf einer kollektiven Ebene. Und das geschieht dann eben durch den Ausschluss derjenigen, die diese Utopie stören. Derjenigen, die bezichtigt werden übergriffig gewesen zu sein – was ja nicht ausschließt, dass sie es tatsächlich gewesen sein mögen –, ebenso wie derjenigen, die den „Konsens“ dieser Gemeinschaft an Utopist*innen gelegentlich in Frage stellen. Wozu da überhaupt einen Unterschied machen?

Anstatt vom Ideal eines Konsenses auszugehen ist es vielleicht sinnvoller, zunächst einmal die Realität des Konflikts anzuerkennen und statt der Hoffnung alle Konflikte zu einem Konsens zu führen, ja führen zu müssen, sich damit anzufreunden Konflikte auszutragen. Und wer weiß, vielleicht stellt sich dann ja tatsächlich in vielen Konflikten der vielbeschworene Konsens ein. Ein individueller Konsens jedoch, der eine Lösung für diese Konflikte darstellt, nicht ein normativer Konsens, der diese verschüttet.

Anmerkungen

[1] Es mag wenige Ausnahmen geben, in denen das für die beschriebenen Verhaltensweisen nicht gelten muss, beispielsweise, wenn ich in einer Situation, in der eine andere Person keine Möglichkeit hat, Abstand zu mir zu halten und obwohl sie mich darauf hingewiesen hat, etwas esse, was bei dieser Person in der fraglichen Distanz erhebliche allergische Reaktionen auslöst, kann man sich durchaus darüber streiten, ob ich dann Herrschaft ausübe oder nicht. Aber solche seltensten Ausnahmen will ich hier getrost außen vor lassen.

[2] http://defma.blogsport.de/images/dt_v2_2_p.pdf

[3] http://queertopia.blogsport.de/images/JaNeinVielleichtListe.pdf

An einen Waschlappen

„Theoriefeind ist, wer Feind meiner Theorie ist“ (Mao Zedong)

Jens Störfried hat sich Mal wieder damit hervorgetan, die phösen „Einzelgänger*innen“, die er als „Teil des Problem[s]“ (sic!) betrachtet, anzufeinden. Darauf hat mich ein Gefährte kürzlich hingewiesen. Dies in einem Text, in welchem er darüber spricht, mit wem er Bier trinkt und mit wem nicht (auf jeden Fall nicht mit Nihilisten und Individualisten, so scheint es). Aus der Sicht von Jens Störfrieds bürgerlicher Subjektivität nimmt sein Trinkverhalten natürlich höchste Wichtigkeit ein, denn in seiner privilegierten studentischen Selbstbezüglichkeit denkt er, Texte wie Radikale Linke, ich trenne mich von dir würden sein irrelevantes Trinkverhalten mit radikalen Linken kritisieren. So scheint das zumindest.

Jaja, die Welt hört beim Bauchnabel auf.

Nun ist der Text, welchen er persiflagiert nicht von mir, somit werde ich auch seine Persiflage nicht beantworten. „Nicht mein Bier“, könnte man sagen. Aber ich weise darauf hin, dass Störfried mir immer noch eine Antwort schuldig ist. Und wenn der allzu friedliche Störfried sich den Vorwurf der intellektuellen Feigheit nicht gefallen lassen will, so müsste er sich wohl mal die Mühe machen, seine Vorwürfe der Bürgerlichkeit gegen individualistische, nihilistische und aufständische Anarchisten zu belegen. Diese Vorwürfe behaupte ich nämlich in meinem Text in der In Der Tat #3 widerlegt zu haben! Trotzdem wiederholt er diese ständig, sich zu Unrecht dabei auf Kropotkin beziehend (den er mittlerweile immerhin gelesen hat), ohne irgendwelche Argumente zu bringen. Und gleichzeitig behauptet er, es wäre ihm an Debatte gelegen. Jaja.

Persönlich glaube ich zwar, dass die Zeitung „Waschlappen. Zeitschrift für einen pragmatischen Anarchismus“ nicht existiert, in welcher Jensens Text angeblich erschienen ist. Aber des Witzes halber wollen wir annehmen, dass es sie gibt. Denn natürlich würde „Waschlappen zu Störfried passen, dessen Waschlappismus doch längst erwiesen ist. Ebenso das „pragmatisch“, wobei Pragmatismus ja oft an Opportunismus zu grenzen pflegt…

Im übrigen zitiere ich, zur Debatte, aus der Zeitung Die Erstürmung des Horizonts #1 vom November 2014: „Was die Beschäftigung mit der Linken aus einer anarchistischen Sichtweise aber noch notwendiger macht, ist, dass die Linke (…) auf dem revolutionären Terrain aufkreuzt (jedenfalls in ihren radikalen Teilen), und dort den Gestank der Politik verbreitet.“ Jens, schreib das doch in dein Stammbuch. Und überlege dir, ob du nicht selbst zu jenen gehörst, welche derartige Gerüche verbreiten…

Dass der Anarchismus Teil der „sozialistischen Bewegung“ sei, ist eine langweilige Diskussion, hängt von beliebigen Definitionen ab und besagt eigentlich rein gar nichts. Mein persönlicher Anarchismus besteht aus sozialen und antisozialen Anteilen, und auch wenn ich dem Sozialen hohe Wichtigkeit beimesse, ist mir in diesem Bereich das -istisch höchst suspekt.

Jenseits deines Trinkens mit fragwürdigen Leuten, Jens, frage ich mich, ob du deinen Waschlappen nicht letztlich in Benzin tränken solltest, um ihn in einen Zündlumpen zu verwandeln. Oder willst du ewig damit Lampen putzen?

Ein umherschweifender Eigenbrödler

Jens Störfried, du alter Pragmatiker!

Ob das nun eine späte, stellvertretende „Rache“ für die Insurrektionalistische Sonderausgabe zu Corona des sonst „sterbenslangweiligen Förderationsorgans“ Gai Dao sein soll, die sich anonyme Herausgeber*innen vor einigen Monaten erdreistet haben, zu publizieren? [1] Oder wollte sich der olle Störfried doch einfach nur einmal an einer neuen Textgattung, der Persiflage, versuchen? Jedenfalls greift er den Text „Radikale Linke, ich trenne mich von dir“ aus Zündlumpen Nr. 054 auf und stellt unter dem Titel „Radikale Linke, ich trinke noch ein Bier mit dir“ seine eigenen Ansichten zu diesem Thema zur Diskussion. Wenn ich so arrogant sein darf, hierzu ein vorläufiges Fazit zu ziehen, Jens: Für eine bissige Polemik scheint dir – vielleicht wegen all der „solidarischen Kritik“, auf die du dich sonst so oft beschränkst – noch ein wenig die Übung mit dieser Art von Text zu fehlen, aber mach dir nichts draus, in etwas Benzin getränkt, entpuppt sich schließlich auch ein Waschlappen als brauchbarer Zündlumpen.

Aber was hat der engagierte und allzeit konstruktive anarchistische Erneurer (gleich vier „Für eine neue anarchistische …“-Texte – zu Synthese, Theorie, Organisation und Ethik – hat er jüngst veröffentlicht), denn nun inhaltlich zu dem Thema zu sagen? Wenn ich ihn richtig verstehe, dann will er die Radikale Linke differenziert betrachten, hält dies – indem er statt von sich selbst von Anarchist*innen spricht – vielmehr für ein dem Anarchismus als „Hauptströmung der sozialistischen Bewegung“ (für seinen Anarchismus mag das ja gelten) inhärentes Verhältnis und wünscht sich bei aller Abgrenzung des Anarchismus von radikaler Linken dann doch eine gelegentliche gemeinsame Tätigkeit: „Deswegen nehme ich ein ambivalentes Verhältnis zwischen Anarchist*innen und der antiautoritären radikalen Linken wahr. Mögen sie sich selbst bestimmen und immer zusammen tätig sein, wo es sinnvoll und praktikabel ist!“ Nun, viel Spaß dabei. Und das meine ich – ausnahmsweise – keineswegs sarkastisch. Es ist mir ziemlich egal, wo und mit wem Jens Störfried sein Bier trinkt, ja nicht einmal die Sorte Bier ist mir wichtig. Und sollte er eines Tages zum Rotwein wechseln, weil er des Bieres überdrüssig ist, so müssten sich die gesellschaftlichen Situationen doch erheblich verändern, dass mir selbst das nicht egal wäre. Und in keinem Fall wünsche ich Jens Störfried, dass er am nächsten Morgen mit einem Kater erwacht.

Doch wie du sicher schon erraten hast, wäre es des Aufwands doch ein wenig zu viel, einen Text zu verfassen, nur um zu sagen, wie egal es mir ist, ob Jens Störfried eine Haltung teilt, die ich zwar mit Sicherheit teile, jedoch in der hier vorliegenden Form nicht einmal zu Papier gebracht habe. Und so folgt hier nun ein scheinbar berüchtigtes Prozedere, nämlich das Vollpöbeln eines Strohkopfes, pardon Strohmannes. Und für all diejenigen, die eher schwache Nerven haben und mit solch kompromissloser und ohnehin flegelhaft vorgebrachter Kritik schnell überfordert sind, hält Jens Störfried ja bereits eine Ausflucht parat: Haltet euch ruhigen Gewissens vor Augen, dass es mir eigentlich nur darum gehe, die eigene „Kränkung“ zu überwinden. Vielleicht stimmt das ja sogar …

Als „umherschweifende[r] Einzelgänger“ bin ich für Jens Störfried sowieso „Teil des Problems und nicht dessen Lösung“. Aber warum? Ja wie kommt es, dass – nicht nur bei Jens Störfried – sogenannte „Individualisten“ und „Nihilisten“ als Problem gesehen werden? Und das gar noch, wenn sie ohnehin als „umherschweifende Einzelgänger“ abgestempelt werden, die „konsequenterweise […] die Gesellschaft, welche sie hervorgebracht hat [bekämpfen]“? Ich meine angenommen – eine unbegründete Annahme, die einer Überprüfung vermutlich nicht (so pauschal) standhalten würde – das zu tun würde tatsächlich aus einer „privilegierten“ Position resultieren, wie Jens Störfried argumentiert, und so nicht jeder*m möglich sein (was die Biografien unterschiedlichster Individualist*innen auf der ganzen Welt offensichtlich widerlegen), was wäre dann das fucking Problem dabei? Wenn für „die meisten von Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung betroffenen Menschen […] die Notwendigkeit der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen [anstünde]“, was selbst bei Störfried „nur durch die Überwindung der bestehenden Gesellschaftsordnung erfolgen kann“, was sollten sie denn dann gegen jene haben, die die Verhältnisse, die ihre derzeitigen Lebensbedingungen prägen, angreifen – und das auf eine Art und Weise, die für sie nicht schon eine bestimmte Rolle nach dem Zusammenbruch der Gesellschaftsordnung vorsieht? Was sollen sie im Gegenzug mit denen anfangen, die dieser Theorie zufolge genauso „privilegiert“ wären, solche Angriffe zu verüben, aber ihre „Privilegien“ lieber darauf verwenden „Skills [zu] verbreiten, Geschichten auf[zu]schreiben, Bildung und Erfahrung [zu] vermitteln, verschiedene Gruppen in Dialoge [zu] verstricken, […]“ und zu allem Überfluss auch noch „gemeinsame Diskussionen um Strategien und Visionen [zu] entwickeln“? Sprich mit jenen, die herumsitzen und eine Avantgarde mimen, jenen, die sich einladen (und bezahlen) lassen, dafür, dass sie ihrer „Leidenschaft“, ihrem „Aktivismus“ (Jens Störfried) nachgehen und kluge oder weniger kluge Vorträge und Workshops abhalten? Es ist ja nicht so, dass ich finde, man sollte nicht den eigenen Leidenschaften nachgehen. Aber wenn man die eigenen Leidenschaften als revolutionärer verkaufen will, als die derjenigen, die wenn sie – auf „poetische“ Weise (Jens Störfried in „Endlich neue Tatsachen!“ aus Gai Dao #99) – von Leidenschaft sprechen, in der Regel ein Feuer meinen, das die Herrschaft niederbrennt, dann sollte man vielleicht etwas mehr als nur trockene Texte anzubieten haben, in denen doch tatsächlich als „Eckpunkt der sozialen Revolution“ die „Verbannung“ – von alten und neuen Verbrecher*innen – „in menschenwürdige Umgebung auf 5 bis 30 Jahre bei jährlicher Prüfung einer möglichen Rückkehr in die alte oder eine andere Gemeinschaft“ vorkommt, neben „antifaschistischen Schutztruppen“, die Polizeiaufgaben übernehmen und einer „Nutzung von Medienanstalten“ zur „Beeinflussung der Massenkommunikation“ (siehe Jonathan Eibisch, alias Jens Störfried in „Für eine neue anarchistische Synthese!“ S. 12 f.). Und während sich der Störfried Gedanken um eine „neue“ totale Herrschaft macht, zu der man sich im Sinne eines „ωir“s (Ja, das ist absichtlich kein gewöhnliches W am Anfang dieses Wortes) freiwillig assoziiert, spiegelt für ihn die „„absolute Kompromisslosigkeit“ gegenüber „jeder Ordnung und Moral““ derjenigen, die so einen Quark – wie will man das anders nennen – ablehnen, „letztendlich bloß die Isoliertheit und den Fatalismus bürgerlicher Individuen“ wider.

Wenn ich mich mit Jens Störfried hoffentlich darauf einigen kann, dass durchaus ein Widerspruch besteht, zwischen dem – für ihn „pubertären“ – Affekt „jegliche Ordnung abzulehnen“ und der Existenz innerhalb – oder am Rande, das spielt keine Rolle – der Gesellschaft, Zivilisation, oder wie mensch es auch nennen mag, so kann es für mich doch keine „pragmatische alltägliche Praxis“ geben, die diesen Widerspruch einfach so stehen lässt. Während sich Jens Störfried „hier und jetzt sozial-revolutionär orientier[t] und formier[t], [sich] darin selbst ernst [nimmt], Verantwortung über[nimmt] und für emanzipatorische Bestrebungen kämpf[t]“, bedeutet das glücklicherweise nicht, dass diese Form des Selbstbetrugs die einzige Art und Weise ist, mit diesem Widerspruch umzugehen. Wozu mich sozial-revolutionär orientieren und formieren und mich dann auch noch ernst nehmen, wenn der Angriff doch meinem individuellen Verlangen und Vergnügen entspricht? Wozu und vor allem welche Verantwortung übernehmen und wem gegenüber? Etwa die Verantwortung die Gesellschaft „zu überwinden“? Hast du diese Verantwortung übernommen, Jens Störfried? Und wenn ja, dann rechtfertige dich doch mal, wie es kommt, dass „ωir“, wenn ich mich da nur mal für den Moment und aus rein funktionalen Gründen mit dir assoziiere, noch immer in dieser Gesellschaft leben. Oder ist es nur die Verantwortung, sich an die „formierte“ Linie zu halten? Und worin besteht diese Linie dann? Mich dünkt ohnehin, die Sache mit der Verantwortung ist nur eine leere Phrase, eine Abgrenzung zu jenen verantwortungslosen Anarchist*innen wie mir, die jede Verantwortung schon aus Prinzip zurückweisen, weil das Konzept von Verantwortung zumindest in diesem Sinne auch nur einer weiteren (sich anarchistisch gebenden) Moralerei entstammt, die, wenn sie tatsächlich die für sich behauptete universelle Wahrheit beanspruchen könnte, unnötig wäre, aufzuschreiben oder überhaupt von ihr zu reden. Aber das ist ja der Trick bei diesem Konzept, für Kant ebenso wie für Kropotkin und heute auch für den Jens Störfried: den eigenen Willen oder auch nur die eigenen Ansichten als universelle Wahrheit zu verkaufen.

Sicher würde Jens Störfried das nun als „Theoriefeindlichkeit“ abtun und vielleicht wäre ich sogar geneigt, diese Bezichtigung anzunehmen. Wenn Jens Störfried schreibt „Mangelnde Selbstreflektion, Geschichtsvergessenheit und die geringe Bereitschaft zur produktiven Auseinandersetzung kompensieren sie [theoriefeindliche Anarchist*innen] mit romantischem Kitsch, der problematischen Feier ihrer (meist post-bürgerlichen) Subjektivität, einer Fetischisierung von sich „echt“ anfühlenden „Taten“ und zur Schau gestellten rebellischen Phrasen“, dann mag man geneigt sein, ihm zu widersprechen, aber formuliert man einige seiner Behauptungen ein wenig wohlwollender, ergibt das schon ein anderes Bild: Wenn „mangelnde Selbstreflektion“, wie sich in Jens Störfrieds Text abzeichnet eigentlich eher mangelnde Kompromissbereitschaft und einen mangelnden Pragmatismus meint, wenn „Geschichtsvergessenheit“ bedeutet, mit der Vorstellung zu brechen, man sei Produkt einer sich von einer*m unabhängig entwickelnden Geschichte und als solches nicht im Stande die eigenen Lebensumstände durch Taten zu verändern, wenn die „geringe Bereitschaft zur produktiven Auseinandersetzung“ bedeutet, dass man auf lächerliche Unterstellungen wie die von Jens Störfried höchstens polemisch antworten wird, dann gibt es eigentlich überhaupt nichts zu kompensieren. Auch wenn ich nicht wüsste, wie es kommt, dass Jens Störfried etwa den „Echtheitsgehalt“ von Taten in Frage stellt, er eine Begründung, warum Taten fetischisiert und rebellische Phrasen „zur Schau gestellt“ werden würden, schuldig bleibt und eine „post-bürgerliche“ Subjektivität, wenn man nicht weiter definiert, was man damit meint, eigentlich nur eingesteht, dass es jemandem gelungen ist, Bürgerlichkeit zu überwinden. Theoriefeindlichkeit würde dann bedeuten, sich nicht (länger) in irgendwelchen Theorien zu verlieren, die das Leben soweit abstrahieren, das sich der Widerspruch gegen die herrschenden Verhältnisse schließlich ebenfalls nur noch auf theoretischer Ebene vollziehen kann. Theoriefeindlichkeit würde dann bedeuten, keine Trennung zwischen einer erst noch zu entwickelnden Theorie und einer daraus resultierenden Praxis zu praktizieren, sondern –  meinetwegen jede solche Theorie über den Haufen werfend – das eigene Handeln an den realen Begebenheiten und den anarchistischen Vorstellungen zu orientieren, nicht auf eine Art und Weise, die die eine*n umgebende Herrschaft in Einklang mit diesen Vorstellungen bringt, sondern auf eine Art und Weise, die diese Herrschaft kompromisslos angreift, zumindest mit dem Ziel sie zu zerstören und sich nicht in ihr einzurichten. Wenn man das als Theoriefeindlichkeit bezeichnen will, dann bin ich überzeugter Theoriefeind und überlasse das selbstreferentielle Theoriespinnen gerne den Jens Störfrieds dieser Welt.

Ein unmedikamentierter Narzisst, äh hoppla, Egoist

Fußnoten

[1] Damals kommentierte ein sichtlich angefressener Jens Störfried: „Übrigens haben gewisse Leute, die sich selbst als „Insurrektionalist*innen“ bezeichnen, ein Fakesimile dieser Gai Dao-Sonderausgabe erstellt. Vermutlich, um den Austausch über verschiedene Positionen und Stile anzuregen. So inspirierend manche Gedankengänge aus diesem Spektrum immer wieder sind, beruhen sie jedoch meiner Ansicht nach weitgehend auf problematischen Grundannahmen. Die Autor*innen wissen dies natürlich und so bleibt ihnen zur Rechtfertigung ihrer Positionen lediglich der Verweis auf die vermeintliche „Gesamtscheiße“ und die romantische Verklärung von liberaler Freiheit und des bürgerlichen Individuums. Weil sie es nicht aushalten, mit ihren eigenen Widersprüchen umzugehen und weil ihnen eigentlich kaum wer zuhört, bauen sie sich im konstruktiven Anarchismus einen Strohmann auf, den sie vollpöbeln können. Die Abwertung anderer um die eigene Kränkung zu überwinden, die reflexhafte Abwehr von Kritik und die Ausflucht in die idealistische Traumwelt eines post-zivilisatorischen „puren“ Lebens, lässt sich mustergültig als unbearbeiteter Narzissmus interpretieren. Er birgt die Gefahr, ins Autoritäre umzukippen. Doch wird er mit der individualistischen Leistungs- und Selbstdarstellungsgesellschaft untergehen, die ihn hervorgebracht hat. In dieser Hinsicht erscheint die reine Negation durchaus als erstrebenswert.“

Von der Handlung zur Identität

Ein vertiefender Beitrag zur Debatte um Anonymität mit den »Feministischen Autonomen Zellen«

Als Verfasser*in des Textes „Wozu dann der Name?“ in Zündlumpen Nr. 048 möchte ich mich im Folgenden mit der Reaktion der Feministischen Autonomen Zellen „Wegen alledem“ auseinandersetzen sowie einige meiner ursprünglichen Argumente noch einmal vertiefen. Ich werde dabei Textstellen aus „Wegen alledem“ nur entsprechend durch meine Positionen kontextualisiert zitieren, weshalb ich die vorherige Lektüre dieses Textes, sowie ggf. meines ursprünglichen Disskussionsbeitrags empfehle. Und weil aufgrund der bisherigen Beiträge zu dieser Debatte zu befürchten steht, dass mein Beitrag als Diskussionsbeitrag dazu gedeutet werden könnte, wie sich die FAZ – derer ich kein Teil bin – „organisieren“ sollten, möchte ich ausnahmsweise einmal vorab klarstellen, was sowieso klar sein sollte: Wenn ich auch meine Gedanken und Überlegungen zu Anonymität und (informeller) Organisation versuche darzulegen, so können andere, die möglicherweise auch andere Ziele als ich verfolgen, zu anderen Schlussfolgerungen gelangen. Den Wert einer solchen Debatte sehe ich vor allem darin, dass sich in der Konfrontation mit anderen Positionen vor allem die eigenen Ansichten schärfen, überdenken und manchmal auch ganz über den Haufen werfen lassen.

Feministische Militanz?

Der Vorwurf musste ja kommen: „wieso wird eigentlich im ganzen Artikel kein Wort über unsere feministische Positionierung oder die (leider so rare) Verbindung von Feminismus und Militanz verloren?“ und weiter: „Dass Feminismus als das Grundthema unserer Texte und Organisierung im gesamten Zündlumpen-Text ignoriert wird, zeigt leider deutlich, was wir mit Unsichtbarmachung unserer Sache im linken militanten Diskurs meinen.“ Aber welchen „linken militanten Diskurs“ meint ihr? Ich betrachte mich weder als links, noch als militant in einem Sinne, in dem es mir wert wäre, einen eigenen Diskurs darum zu führen. Ich betrachte mich vielmehr als Anarchist*in, als aufständische*r Anarchist*in, wenn mensch so will. Meine Militanz, wenn mensch das wiederum so nennen will, ist antipolitisch, unorganisiert – bzw. informell organisiert –, individuell und auf die Zerstörung jeglicher Herrschaft gerichtet. Sie verfolgt kein Programm außer vielleicht dem der totalen Destruktiven Verneinung. Warum verliere ich in meinem ursprünglichen Artikel also „kein Wort über [eure] feministische Positionierung oder die […] Verbindung von Feminismus und Militanz“? Weil es darum schlicht nicht geht: Mein Artikel beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern ich es für sinnvoll halte, den eigenen Angriffen einen (wiederkehrenden) Namen zu geben, bzw. ausschweifende Communiqués  dazu zu verfassen. Was spielt es dabei für eine Rolle, dass ihr euch als feministisch bezeichnet?

Was für mich eine völlig andere Frage ist, scheint für euch aber auch jenseits eines bloßen Delegitimierungs-Arguments gegenüber meinem Text (wie sonst soll ich den Vorwurf der Unsichtbarmachung verstehen, wenn sich doch zugleich in meinem Text mit den FAZ und ihren Aktionen auseinandergesetzt wird) eine Rolle zu spielen. „Queere, arme ‚kranke‘, rassifizierte und FLINT* Menschen und alle, die von gesellschaftlichen Normen abweichen, sind ständig gezwungen, mehr oder minder öffentliche ‚Bekenntnisse‘, ‚outings‘ zu produzieren“, schreibt ihr, und später beklagt ihr noch die „leider seltenen ‚outings‘ anonymer Aktionsgruppen als FLINT* Gruppen“. Hier scheint die gute alte Identitätspolitik Einzug in euer Militanzkonzept zu halten und eure Militanz zur identitätsstiftenden Angelegenheit zu machen. Es erinnert mich an die Schriften der Roten Zora, in denen häufig von „Gegenmacht“ (Ein Konzept, das auch von den Revolutionären Zellen und anderen militanten Gruppen gebraucht wurde und wird) und „Frauenmacht“ (was ebenso wie das Konzept der „Gegenmacht“ zumindest in „Mili’s Tanz auf dem Eis“ später kritisch gesehen wird) die Rede war und immer wieder das Frausein essentialisiert und als für die Gruppe identitätsstiftend ins Spiel gebracht wird [1]. Dabei geht es mir nicht darum, zu kritisieren, wenn sich Personen nicht länger in Zusammenhängen „organisieren“ wollen, in denen sie marginalisiert werden und in denen sie den Eindruck haben, ihre eigenen Projekte nicht realisieren zu können – Im Gegenteil, ich bin ohnehin der Ansicht, dass eine Organisation zerstört werden sollte, sobald sie den Projektualitäten ihrer „Mitglieder“ im Wege steht. Es geht mir auch nicht darum, zu kritisieren, wenn sich Menschen gemeinsam mit Menschen innerhalb ihrer sozialisierten Identitäten „organisieren“, verschwören, verbünden wollen. Wenn diese Identitäten dann aber die eigenen Angriffe und Handlungen zu überdauern scheinen, wenn es weniger auf eine Handlung ankommt, als auf die Identität der*desjenigen, die*der diese tätigt und vielleicht zusätzlich noch suggeriert wird, mensch würde für alle Menschen, die diese Identität (zu) teilen (scheinen), sprechen, so scheint mir diese Konstellation mitnichten geeignet, irgendein Herrschaftsverhältnis radikal anzugreifen. Das gilt übrigens nicht nur für Identitäten wie „wir, queere Militante“, „wir, eine FLINT* Aktionsgruppe“ oder „wir, eine Frauenkampfgruppe“, sondern insbesondere auch für „wir, militante Linke“ oder „wir, Militante“, wie Lina Gaso in „Jenseits von Militanz: Revolutionäre Gewalt“ (In der Tat Nr. 2) argumentiert.

Was mich aber bei „outings“ als „FLINT-Gruppen“ und der Ermutigung, sich als solche zu „outen“, wie ich das im Text der FAZ wahrnehme, ganz besonders verstört ist die eigentliche Kontraproduktivität des Ganzen und das implizite Fortschreiben einer der weitverbreitetsten und dämlichsten Legenden über diejenigen, die sich entscheiden anzugreifen, nämlich dass dies (vor allem) nicht nur „Männer“ seien, sondern gar solche, die nicht „von gesellschaftlichen Normen abweichen“ würden. Ist es nicht die größtmögliche Abweichung von „gesellschaftlichen Normen“, die bestehende Gesellschaft, das Eigentum, das Patriarchat, den Staat oder wie mensch es auch nennen will, anzugreifen? Und sicher mag es diese und jene Zusammenhänge geben, aber es würde mich doch sehr verwundern und meinen eigenen Erfahrungen zentral widersprechen, wenn sich die gängigen gesellschaftlichen Klischees über diejenigen, die sich entscheiden anzugreifen, im Großen und Ganzen als wahr erweisen würden. Das heißt nicht, dass ich es nicht respektiere, wenn Individuen wie beispielsweise die Anarchistin und Nihilistin Kaneko Fumiko [2] so heftig um Anerkennung ihrer Gefährlichkeit kämpfen (wollen), dass sie bereit sind dafür hingerichtet zu werden. Aber für die Anerkennung der Gefährlichkeit nicht eines Individuums, sondern einer Identität scheint mir ein solches Unterfangen – mit Verlaub – recht bescheuert. Geht es denn darum, das in einer Gesellschaft präsente Bild einer Identität zu verändern (und was würden beispielsweise liberale Feminist*innen dazu sagen, wenn dieses Unterfangen erfolgreich wäre und FLINT* Personen fortan als „Terrorist*innen“ gelten würden) oder geht es nicht vielmehr darum, jede Vorstellung von Identität und die Gesellschaft selbst – zumindest so wie sie heute existiert – zu zerstören?

Die*der anonyme Angreifer*in widersetzt sich in dieser Hinsicht trotz der dämlichen gesellschaftlichen Projektionen – warum ihnen auch irgendeinen Wert beimessen? – jeglicher Identität. „Die anonyme Aktion hat keinen Besitzer, keinen Meister, gehört niemandem. Das heißt sie gehört allen denen, die sie teilen. Als Schatten unter Schatten sind wir alle gleich. Niemand ist vorne um zu führen, niemand ist hinten um zu folgen.“ [3] Niemand blendete den Zyklopen Polyphem und doch scheitert die List des Odysseus [4] an seiner Eitelkeit: Als er glaubt entkommen zu sein, gibt er sich Polyphem doch noch zu erkennen: „Ich, Odysseus war es, der euch blendete“. Und so kommt es, dass Polyphem seinem Vater Poseidon nun Odysseus Namen enthüllen kann, der diesen und seine Gefährt*innen auf eine zehnjährige Irrfahrt schickt, die außer Odysseus keine*r überlebt [5].

„Warum könnt ihr uns nicht ertragen?“, fragt ihr und ich gebe diese Frage zurück: Warum könnt ihr es nicht ertragen, euch in den Nebel der Anonymität zu kleiden? Das soll eine Pathologisierung „starke[r] Frauenfiguren“ sein? „In der Finsternis jedoch gibt es keine Namen, keine Identität, es gibt nur eine heterogene Bewegung, kochend wie Magma, fragmentarisch, wild. Niemand befiehlt, niemand gehorcht. Akte wie Worte haben Wert wegen ihrem Sinn, wegen ihrem Inhalt, wegen ihren Konsequenzen. Nicht wegen dem Ruf ihrer Autoren.“ [6]

Der große ganze Zusammenhang in einem Communiqué

„Für uns ist zentral, Aktionen zu wählen, die wir richtig, machbar und effektiv finden – denn Militanz bedeutet auch Verantwortung für sorgfältige Arbeit, gerade, weil es danach keinen Dialog geben kann. Dafür betreiben wir ausführliche Recherchen und wollen unser Wissen teilen – auch, wenn lange Hintergrundtexte sicher höherschwelliger sind und nicht von allen (zu Ende) gelesen werden. […] Die Vorstellung, (bestimmte) Aktionen und politische Gegner*innenschaften seien sowieso selbsterklärend, halten wir […] für eine Position Erfahrener und Älterer in der „Szene“, die hierarchiebildend wirkt: Wenn als selbstverständlich dargestellt wird, warum etwas auf eine bestimmte Weise getan, warum die*derjenige nicht gemocht wird, kann das nur noch schwer er- oder hinterfragt werden.“

Warum wähle ich den Angriff? Weil ich es leid bin, das „Richtige“ zu tun, weil ich es leid bin, „Verantwortung“ zu übernehmen, weil ich es leid bin, Rechenschaft für mein Handeln vor irgendjemandem (außer vielleicht mir selbst – aber einem Selbst frei von jeglicher Moral) abzulegen, weil ich es leid bin, „politisch“ zu handeln. Ich weiß, mensch kann diese Begriffe für sich selbst anders definieren und es ist mir weder daran gelegen, eure Definition dieser Begriffe pauschal mit der allgemein anerkannten Definition dieser gleichzusetzen, noch daran, an dieser Stelle eine weitere Nebendebatte dazu aufzumachen, und doch bin ich überzeugt, dass diese Begrifflichkeiten und die damit transportierten Konzepte den Ursprung unserer unterschiedlichen Vorstellungen bilden. Ist ein Angriff selbsterklärend? Muss er das in jedem Sinne, gerade im politischen, sein? Ja und Nein. Ja, ich halte jeden Angriff, der mit der Logik dieser Gesellschaft bricht für selbsterklärend und Nein, ich finde nicht, dass mensch politische Gegner*innenschaften nachvollziehbar finden muss, um einen Angriff zu verstehen. Abgesehen davon glaube ich, dass diese das in der Regel für die meisten Leute, die bereit sind, genau hinzusehen, sind. Wo immer Aufstände oder Riots ausbrechen, passiert in der Regel ungefähr das Gleiche: Bullen werden angegriffen und Barrikaden werden errichtet, Läden werden geplündert, Banken verwüstet, Regierungsgebäude angegriffen, Kameras gesmasht, wenn irgendwie möglich Telekommunikation unterbrochen, Medienhäuser gestürmt, Knäste zerstört und Gefangene befreit, usw., ferner werden manchmal Kirchen niedergebrannt, Armenviertel zerstört (damit es keinen Ort gibt, an den mensch zurückkehren kann), die Industrie lahmgelegt, das Energieversorgungsnetz zerstört, u.v.m. Kurz: Den Menschen ist recht klar, wer und was sie unterdrückt, das muss einer*einem kein Marx sagen, kein Engels, Lenin, Mao, Castro, Che Guevara, Nelson Mandela und auch kein*e Anarchist*in. Und auch als (vorrangige) Feminist*innen werdet ihr in dieser Aufzählung zentrale patriarchale Institutionen finden, die ihr den Menschen nicht besser benennen könntet. Dabei gehen die allermeisten Aufstände und Riots mitnichten von irgendwechen politischen Akteur*innen aus. Die meisten Aufstände sind vielmehr apolitisch, in sich unvereinnahmbar und ersterben in dem Moment, in dem sie neue Anführer*innen (Politiker*innen) hervorbringen, die im Namen der Menschen zu sprechen beanspruchen.

Was hat dies nun mit militanten „Aktionen“ bzw. apolitischen Angriffen zu tun? Ziele dieser Angriffe sind (in der Regel) ganz ähnliche Institutionen, wie diejenigen, die auch während Aufständen angegriffen werden. Wenn es nun aber gar keine politischen Akteur*innen sind, die Aufstände auslösen, woher kommt dann die Arroganz so vieler Militanter, ihre Angriffe für besonders außergewöhnlich und erklärungsbedürftig zu halten? Und umgekehrt gefragt: Wenn ihre Angriffe tatsächlich erklärungsbedürftig wären, weil auch während eines Aufstands niemand – und zwar diesmal im Sinne von keine*r – auf die Idee kommt, diese zu verüben, inwiefern macht es dann überhaupt Sinn diese zu erklären? Entweder handelt es sich bei diesen dann um Angriffe, die aus einer recht individuellen Motivation heraus stattfinden, oder aber die dem Angriff vorangehende Analyse, die versucht, diesen in einen sozialen Kontext einzubetten, ist gescheitert, weil sich mit dem Angriff herausstellt, dass es diesen sozialen Kontext nie gegeben hat.

Aber es stimmt ja auch gar nicht, dass nicht in hunderten und tausenden anarchistischen (und anderen militanten – wobei dort ja besonders häufig nur in Communiqués zu den Angriffen) Schriften, wie Zeitungen, Magazinen, Flyern, Plakaten, Büchern, Radiosendungen, ja manchmal sogar Filmen grundsätzlich erklärt werden würde, warum sich Individuen für den Angriff entscheiden, was die zugrundeliegende Analyse ist und sogar welche Strategien hinter diesen Angriffen stehen. Ferner gibt es eine Fülle von Anleitungen, wie bestimmte Angriffe durchgeführt werden können, Auflistungen von Akteur*innen, die irgendwer für angreifenswert hält (aber es oft nicht selbst tun will), und nicht zuletzt weltweite Berichterstattungen über stattgefundene Angriffe auf anarchistischen Blogs, in anarchistischen Zeitungen und sogar in „sozialen Medien“. Wie jämmerlich und erbärmlich ist da ein zwei/drei, höchstens einmal zehnseitiges Communiqué, das einen einzelnen Angriff in hübsche oder weniger hübsche Worte kleidet, ihn in einen Gesamtkontext stellen und nebenbei noch „ausführliche Recherchen“ und „Wissen teilen“ will, im Vergleich zu den hunderttausenden Seiten der Analyse, Recherche und Wissen dieser Publikationen, die sich nicht nur auf einen einzelnen Angriff beziehen, sondern auf alle, sowohl die publik gewordenen, als auch die stillen, sowohl die materiellen Angriffe, als auch die immateriellen Angriffe, die zum Beispiel Herrschaftsbeziehungen in den eigenen Denkmustern angreifen. Wie ineffizient ist es, ein seitenlanges Comuniqué zu jedem Angriff zu schreiben, im Vergleich zu einem allgemeinen Text mit einer Analyse, einer Anleitung oder einer Recherche, der über das äußerst kurzlebige Spektakel des Angriffs selbst seine Relevanz behält? Oder wer keine Lust hat, selbst etwas zu schreiben, die*der kann sich hier auch genausogut einen der tausenden existierenden Texte aneignen, mehrere zu einem neuen Text collagieren oder seine*ihre Ideen auf andere Art und Weise verbreiten. Und wo bleibt da der Angriff? Der spiegelt sich in all diesen Texten ebenso wider, unabhängig davon, wie gewandt eine*r ist, diesen mit klugen Worten zu bewerben.

Die Propaganda der Tat und die „patriarchale Vorstellung ‚alles was zählt, ist die Aktion'“

Die „Aktion“ ist für mich so ziemlich das Letzte was zählt, dafür jedoch die „Tat“ oder meinetwegen auch „Handlung“ umso mehr. Während eine „Aktion“ zumindest in dem Sinne, in dem dieser Begriff derzeit innerhalb einer „radikalen Linken“ gebraucht wird, für mich die absolut politisierteste, symbolischste und unalltäglichste Handlung überhaupt darstellt, kurz, eine von mir selbst und meinen Ideen entfremdete Vorstellung des Handelns, das mir dazu dient, in all der übrigen Zeit, in der ich gerade keine „Aktion“ durchführe oder wenigstens plane, die Verwirklichung meiner Ideen unter Mottos wie „es gibt kein richtiges Leben im Falschen“, oder „der Kapitalismus/das Patriarchat zwingt uns eben, bei der Verwirklichung unserer Ideen Kompromisse einzugehen“, oder „nach der Revolution …“ guten Gewissens beiseitezuschieben. Die „Tat“ oder „Handlung“ dagegen ist nicht politisch. Sie ist untrennbar mit meinen Emotionen, meinen Fehlern, meinem Scheitern und meinem Spaß verbunden. Sie entspringt dem individuellen Verlangen nicht (länger) auf eine Revolution zu warten, nur um dann vermutlich alle auf sie gesetzten Hoffnungen getrübt zu sehen, sondern hier und jetzt zur Tat zu schreiten und meine Ideen zu verwirklichen und alles, was mich in dieser Verwirklichung einschränkt auf kompromisslose Art und Weise anzugreifen.

Ob ich stehlen gehe um etwas zu essen zu haben oder um meine Miete zu zahlen, ob ich meiner Wut Luft mache, indem ich einen Bagger, einen Mobilfunkmast, einen Stromverteilerkasten, einen Amazon-Locker oder einfach nur das nächstgelegene (Bonzen-)Auto abfackle, ob ich meine*n Chef*in verprügle, weil ich das ewige herumkommandiert werden nicht mehr ertrage, ob ich eine*n Freund*in im Knast besuche, ob ich mich bei einer anderen Person dafür entschuldige, sie verletzt zu haben, ob ich eine*n Bull*in, die*der gerade eine andere Person kontrolliert zusammenschlage oder ob ich für ein (gem)einsames Abendessen koche. All das sind Taten, all diese Taten spiegeln meine Ideen wider, wenngleich das nicht bedeutet, dass dies kein widersprüchliches Leben wäre, in all diesen Taten kann ich scheitern, bei all diesen Taten werde ich mehr oder weniger Spaß empfinden und zu keiner dieser Taten werde ich irgendwelche Erklärungen abgeben.

Eine „Aktion“ dagegen, scheint erst durch die Abgabe einer Erklärung, warum mensch diese für richtig hält und warum mensch sich dafür entschieden hat, diese in die Tat umzusetzen zu einer solchen zu werden. Und weil es eben lächerlich ist, Erklärungen der Art „Heute habe ich Nudeln mit Tomatensoße gekocht, weil das in mir schlummernde revolutionäre Subjekt etwas zu essen brauchte und ich mich aber nicht getraut habe, einfach im Restaurant nebenan die Zeche zu prellen. Ich finde diese Aktion richtig, weil ich sonst früher oder später verhungern würde und wenn ich verhungere dient dies der Revolution nicht so sehr, wie wenn ich nun eben diese Aktion mache, um auch in Zukunft Aktionen mit mehr ‚revolutionärem Gehalt‘ machen zu können.“ abzugeben, muss sich der Begriff der „Aktion“ eben auf ganz bestimmte militante oder wenigstens scheinbar militante, bzw. massenhafte oder wenigestens scheinbar massenhafte bzw. spektakuläre oder wenigstens spektakulär inszenierte Formen des Handelns beschränken. Und so ist es kaum verwunderlich, dass der Begriff der „Aktion“ bloß Raum für immer waghalsigere, spektakulärere und vor allem erfolgreichere „Aktionen“ lassen kann, da jeder Versuch, diesen Begriff auszuweiten, um beispielsweise persönliche, individuelle und ja an sich häufig für das handelnde Individuum weitaus folgenreichere Taten, als so manch eine Spektakuläre, lächerlich erscheinen lassen muss. Zum Beispiel sei hier ein auf Barrikade.info veröffentlichtes Bekenntnis erwähnt, bei dem vier „Menschen mit Vulva“ claimen, öffentlich auf die „Dreirosenbrücke in Basel gepinkelt“ zu haben und (wie) zum Beweis, dass sie dieses Spektakel auch wirklich nicht erfunden haben, gar noch ein Bild mit vier deutlich erkennbaren Urinspuren veröffentlichten. „Wir wollen so für uns und unsere FLINT*-Geschwister einen Raum reclaimen, der durch eine Präsenz von cis-männlichen Menschen besetzt ist,“ [7] schreiben sie und geben damit ihre als Tat selbst keineswegs zu beanstandende oder überhaupt zu bewertende Handlung in Form einer „Aktion“ der Lächerlichkeit (weil sie sich besonders wichtig nimmt; weil sie nach Legitimation lechzt; weil sie die Individualität einer Handlung zugunsten irgendeines – nur scheinbar – allgemeinen Bewertungsmaßstabs aufgibt) preis (wobei das Ganze natürlich auch einfach als Witz verstanden werden könnte). Und das ist jetzt nur ein Beispiel. Ich hätte hier ebensogut ein Communiqué zu einem Bankraub anführen können, hatte aber gerade keines zur Hand.

Ob die Vorstellung einer „Aktion“ (bzw. dem ihr irgendwo inhärenten „alles was zählt ist die Aktion“) nun patriarchal ist oder nicht, das will ich nicht bewerten, auch wenn mensch sich bei dem Selbstbewusstsein, mit dem sich manchmal selbst zu den lächerlichsten und für viele nur allzu alltägliche bzw. individuelle und apolitische Handlungen mit großen Worten und der Bemühung einer Menge „Theorie“ bekannt wird, vielleicht schon fragen muss, inwiefern das auf eine in der Regel als „männliche Sozialisation“ referenzierte, patriarchale Verhaltensweise verweist. Aber ich denke auch hier ist ein Communiqué, das sich um wenige weitere Aspekte in der Vor- und Nachbereitung einer Aktion, sowie die Emotionen der Handelnden bemüht, nicht die einzig denkbare Form, sich solchen Themen zu widmen.

Eine Organisation auf „dauerhafter Basis“ oder eine kurzlebige, informelle Organisation, die „mit dem nächsten ‚Lebensabschnitt‘ ihrer Mitglieder [zerfällt]“?

Ist es erforderlich, „Reflexionen, Entwicklungen, Umdenken und Fehler“ über einzelne Aktionen hinaus sichtbar zu machen und wie kann das funktionieren? Die FAZ haben für sich die Antwort gefunden, eine auf lange Zeit angelegte Organisationsstruktur zu schaffen, deren Ziel es ist, militante „Aktionen“ langfristig zu ermöglichen. Das „bedeutet […] viel Arbeit unter hohen Sicherheitsstandards und Risiken“ und ist in der Vergangenheit dennoch häufig schief gegangen, etwa weil Observationen irgendwann doch einmal zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort stattgefunden haben, weil sich Fehler und Nachlässigkeiten eingeschlichen haben, usw. Aber das muss jede*r, der*die sich auf diese Art organisieren will für sich wissen. Was ich nicht so recht verstehe ist die Langlebigkeit und Statik einer solchen Organisation. Ich empfinde es als bedrückend mich für alle Ewigkeit (oder auch nur einige Jahre) einer Organisation zu verschreiben, auch wenn natürlich immer klar ist, dass ich diese „Mitgliedschaft“ theoretisch jederzeit aufkündigen kann und natürlich auch werde, wenn mir das Ganze nicht mehr taugt. Aber wenn dies so ist, warum dann überhaupt eine solche Organisation gründen und aufbauen, die darauf ausgelegt sein soll, Jahre und Jahrzehnte zu bestehen, ohne dass mit ihr ein konkretes Projekt verbunden ist? Und wenn dies nicht so wäre? Herrje, dann dürfte ich mich nicht mehr Anarchist*in nennen!

Aber was meine ich mit einem konkreten Projekt? Auf jeden Fall nicht „Militanz“ zum Selbstzweck. Um militante Angriffe zu verüben benötige ich ja keine Organisation per se. Alle mir bekannten Angriffe der FAZ – das muss ja aber nicht der Weißheit letzter Schluss sein – lassen sich zu zweit, zu dritt oder gar alleine bewerkstelligen. Das dafür notwendige „Wissen“, etwa wie mensch Spuren vermeidet oder wie mensch ein Fahrzeug in Brand setzt, findet sich in leicht beschaffbaren Publikationen, wie beispielsweise der PRISMA [8] und ähnlichen Anleitungsheftchen, sowie gelegentlich in periodischen Publikationen aufständischer Anarchist*innen und militanter Autonomer. Sicher, es gibt eine Menge unveröffentlichter Tricks für verschiedenste Dinge, aber wer Lust hat, findet auch beim experimentieren schnell heraus, wie mensch die Dinge noch ein wenig optimieren kann. Wer sich tiefer in die Materie einarbeiten möchte, findet auch zahlreiche Publikationen dazu, wie die Cops arbeiten [9], was meines Erachtens nach enorm dabei hilft, Spuren zu vermeiden, aber oft auch ein wenig paranoid machen kann. Jedenfalls erscheint mir eine Organisation, die ihre Mitglieder dazu befähigen soll, militante Angriffe durchzuführen, nicht besonders sinnvoll bzw. notwendig. Mit einem konkreten Projekt meine ich vielmehr, den Kampf gegen zum Beispiel den Bau eines Gefängnisses. Eine informelle Organisation dazu (einen Namen würde ich dieser trotzdem nicht geben) macht dann solange Sinn, bis entweder der Bau dieses Knasts gestoppt wurde oder mensch keine Perspektive mehr in diesem Projekt sieht. Hinsichtlich einer solchen Projektualität kann es meiner Meinung nach Sinn machen, Erfahrungen, (eigene) Entwicklungen, usw. zu teilen [10]. Aber welchen Sinn soll es machen, die Erfahrungen eines Kampfes gegen den Bau eines Gefängnises gemeinsam mit denen eines Kampfes gegen eine Gaspipeline oder einer Stromtrasse, etc. zu dokumentieren? Nach außen scheint mir das keinen Sinn zu ergeben und nach innen – so denn die Beteiligten an den Kämpfen tatsächlich die Gleichen sind –, erfordert dies ja auch keine feste Organisation.

Ähnlich verhält es sich meiner Meinung nach mit dem Austausch zu bestimmten militanten Techniken und Taktiken. Wer hier Erfahrungen weitergeben will kann dies ja tun und wer das öffentlich tun will, ist vielleicht ohnehin besser beraten eine Art zweite PRISMA herauszugeben.

Ich jedenfalls finde den Zerfall von Organisationen, wenn ihr Zweck überholt oder erfüllt ist, oder die einzelnen „Mitglieder“ einfach nicht mehr die gleichen Ideen teilen, einen fruchtbaren Prozess, in dem lähmende Strukturen und festgefahrene Muster, die oft mit der Zeit entstehen immer wieder aufgebrochen werden. Eine andere Form der Organisation kann zumindest ich mir sicher nicht vorstellen.

Anmerkungen

[1] Um nur ein Beispiel zu geben: „Erst in der Trennungsphase begriffen wir, daß nicht nur ‚unsere‘ patriarchal denkenden und handelnden Männer in ihrer Unfähigkeit und Borniertheit eine fruchtbare Zusammenarbeit verhinderten, sondern daß autonome FrauenLesbenorganisierung für uns hier und heute – auch im militanten Kampf – eine grundsätzliche politische Notwendigkeit ist. Gemeinsame Organisierung mit Männern bindet nicht nur unsere Energien in der ständigen Auseinandersetzung um die Behauptung von FrauenLesbenpositionen, sondern sie bindet uns auch in von Männern gesetzte Diskussionsprozesse ein, bringt uns immer wieder auf das Gleis der Orientierung an männlichen Normen, die wir selbst oft tief verinnerlicht haben. Sie blockiert uns damit in unserem Denken und unserer Entwicklung und steht der Herausbildung einer revolutionär-feministischen Perspektive ständig im Wege.“ Aus Mili’s Tanz auf dem Eis.

[2] Weil die Gerichte ihre Beteiligung an einer Verschwörung zur Ermordung des japanischen Kaisers nicht ernst nahmen (und zum Teil wohl auch ihre männlichen Gefährt*innen nicht), drohte Kaneko Fumiko vor Gericht (1925/1926) damit, dass sie den Kaiser ermorden würde, wenn das Gericht sie freilassen würde. Siehe auch „Because I Wanted To. Kaneko Fumiko on nihilism and why she wanted to kill the Emperor of Japan“ und Kaneko Fumiko. „The prison memoirs of a Japanese woman„.

[3] Aus „Namenlos. Beiträge zu einer anarchistischen Diskussion über Anonymität und Angriff„, erschienen bei Edition Irreversibel, S. 21. Kursivierungen von mir ergänzt.

[4] Als der „Kriegsheld“ Odysseus auf seinem Heimweg auf einer Insel landet und dort mit seinen Gefährten von einem Zyklopen gefangen gehalten wird, stellt er sich mit „Niemand“ vor. Nachdem Odysseus später den Zyklopen Polyphem geblendet hat, um ihm zu entkommen und dieser bei seinen Zyklopenfreund*innen um Hilfe bittet, erweist sich dieses Wortspiel als hilfreich, da die Zyklopen Polyphem nicht zu Hilfe eilen, als er ihnen auf die Frage, wer ihn geblendet habe, antwortet: Niemand.

[5] Diese mythologische Analogie ist ebenfalls der Broschüre Namenlos entlehnt.

[6] Namenlos, S. 22 f.

[7] Vgl. https://barrikade.info/article/3468

[8] Zu finden beispielsweise auf der Webseite https://militanz.noblogs.org (Ich empfehle, auf diese Seite nur mit TOR zuzugreifen!)

[9] Konkret würde ich für den Einstieg „Maßnahmen gegen Observation“ und die Bullenpublikation „Kriminaltechnik Expertise“ empfehlen (ACHTUNG: Links verweisen beide auf militanz.noblogs.org. Ich empfehle die Verwendung von TOR).

[10] Ein Beispiel für soetwas ist die Broschüre bzw. das Buch Stein für Stein, die den Kampf gegen den Bau eines Gefängnisses in Belgien dokumentiert und reflektiert.