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Interview mit den Organisator*innen der Proteste gegen den 1000-Kreuze-Marsch in Salzburg

Am 25. Juli findet in Salzburg ein „1000-Kreuze-Marsch“ statt. Was ist das? Und wer steckt da dahinter?

InitiatorInnen (hier verwenden wir bewusst das Binnen-I) sind vor allem „Human Life International“, „Euro Pro Life“ und die „Lebenszentren“ München und Salzburg. Also christiliche FundamentalistInnen bzw. AbtreibungsgenerInnen verschiedener Couleur.

Der Gebtszug, den sie „1000-Kreuze-Marsch“ nennen ist ein ein Treffen christlicher AntifeministInnen aus Österreich, Bayern und Südtirol. Weiße Holzkreuze tragend trotten sie durch Salzburg mit dem Zweck, Propaganda gegen reproduktive Selbstbestimmung und Emazipation zu verbreiten.

Ihr organisiert dagegen Proteste. Wie werden die aussehen? Und wie kann mensch sich beteiligen?

Los gehts um 11:30 am Hauptbahnhof mit der Pro Choice Demo als Gegenveranstaltung. Die Demo wird entlang belebter Routen durch die Stadt ziehen, dabei werden wir laut sein für reproduktive Selbstbestimmung. Voll toll wären auch Grußworte oder sogar Redebeiträge, die wir verlesen können (schickt diese am besten an unsere Mailadresse) Mindestens die erste Reihe wird aus FLINT*-Personen bestehen, je nach Anzahl auch ein ganzer Block. Die Demo endet in der Nähe des Ortes, an dem die Fundis sich ca. eine Stunde später versammeln werden, um ihren Trauermarsch zu beginnen (am Mozartplatz). Danach werden wir versuchen, den Marsch zu blockieren – die genauen Blockadepunkte werden sich spontan ergeben, da noch nicht klar ist, welche Route die Fundis gehen werden. Bildet Banden (oder wütende Mobs), haltet die Augen offen und ergreift zusammen mit uns jede sich bietende Gelegenheit, um sich ihnen in den Weg zu stellen!

In Deutschland ist ein Schwangerschaftsabbruch unter bestimmten Umständen straffrei für die*den durchführenden Ärzt*in und die schwangere Person. In allen anderen Fällen machen sich schwangere Person und Ärzt*in strafbar. Radikale Abtreibungsgegener*innen kämpfen dagegen für eine uneingeschränkte Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen. Wie ist die Situation in Österreich?

Die Situation ähnelt der in Deutschland. Auch in Österreich gibt es bestimmte Umstände (Indikationen), die erfüllt sein müssen, um sich damit nicht strafbar zu machen. Die Schwangerschaft darf nur in den ersten drei Monaten abgebrochen werden, und auch dann nur, wenn vorher eine Beratung stattgefunden hat. Eine Wartezeit nach der Beratung wie in Schland gibt es noch nicht – allerdings versucht die Kampagne „#Fairändern“ diese einzuführen.

Ein (Neben-)Argument radikaler Abtreibungsgegner*innen ist, dass aufgrund von Pränataldiagnostik diagnostizierte Erkrankungen, die schließlich zur Entscheidung führen, eine Abtreibung vorzunehmen, eine problematische genetische Selektion sind. Wie steht ihr zu dem Thema?

Es ist kein Zufall, dass die ultra-religiöse Rechte ihren Hebel zur vollständigen Kriminalisierung an diesem Punkt ansetzt. Zum Tragen kommt die embryopathische Indikation meist nicht aus Be_hindertenfeindlichkeit der schwangeren Person, sondern wegen der sozialen Auswirkungen auf die Person, die das Kind bekommt.

Wir finden es perfide, dass „#Fairändern“ Menschen mit Beeinträchtigungen für ihre reaktionären Zwecke instrumentalisieren. Diskriminierung und Abwertung von Menschen mit Beeinträchtigung ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Das Ziel von „#Fairendern“ und ähnlichen Gruppierungen ist es eben nicht, dieses Problem anzugehen, sondern unter diesem Deckmantel Schwangere zum Austragen jeder Schwangerschaft zu zwingen.

Sie sprechen Frauen (für sie werden nur Frauen schwanger) die Kompetenz ab, selbstständig Entscheidungen treffen zu können. Dazu kommen die Stigmatisierung von Be_hinderten, fehlende soziale Sicherung, die unzureichende Infrastruktur – Probleme, zu denen die Initiator_innen der Kampagne direkt beitragen, in dem sie als Politiker_innen vor allem der ÖVP Gesetzesänderungen ermöglicht haben, die eben diesen Leuten auch noch Gelder streicht.

Zudem ignorieren sie seit Jahrzehnten die Forderungen der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung (Be_hindertenbewegung) und blockieren diese aktiv.

Hervorzuheben ist außerdem, dass auch Frauen und gebärfähige Menschen mit Be_einträchtigungen ungewollt schwanger werden. Auch für diese Gruppen wäre es fatal, die Zugänglichkeit zu Abbrüchen weiter einzuschränken – die bestehende Gesetzeslage schafft schon jetzt teils unüberwindbare Barrieren (zum Beispiel die Fristenregelung in Kombination mit weiten Anreisewegen zu Kliniken, die Abbrüche vornehmen, um nur die offensichtlichste zu nennen).

Fazit: Die Thematik sprängt wahrscheinlich den Rahmen dieser Zeitung, eine feministische Debatte dazu, gemeinsam mit Betroffenen („nichts über
uns ohne uns!“), ist dringend nötig und leider lange überfällig.

Schwangerschaftsabbrüche zu reglementieren folgt einem machtpolitischen Anspruch, der dem patriarchalen Staat Kontrolle über potenziell gebärfähige Körper zusichert. Welche Perspektiven seht ihr umgekehrt, durch den Kampf gegen die Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen auch den staatlichen Einfluss allgemein zurückzudrängen? Oder geht es euch bei diesem Thema ausschließlich um Schadensbegrenzung?

Natürlich geht es uns auch um Schadensbegrenzung. Es würde unglaublich viel Schaden angerichtet, wenn die von Kirche und Staat vertretene Auffassung, Frauen und Schwangere wären nicht entscheidungkompetent, noch weiter als bisher Lebensrealitäten bestimmen würde.

Darüber hinaus geht es uns allerdings um mehr als das, nämlich um nicht weniger als ein gutes Leben für alle Menschen. Ein gutes Leben für alle braucht sowohl einen anonymen, barrierefreien Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen, als auch eine tatsächliche Gleichstellung von Menschen mit Be_hinderung. Dazu sind konkret unter anderem fortschrittliche Sexualaufklärung, (barriere)freier Zugang zu Verhütung und allem voran die Aufhebung der patriarchalen Arbeitsteilung nötig. Die heterosexuelle Kleinfamilie dient im Inneren als Keimzelle des Staates, die Sicherung der Macht des Staates über alle Bürger_innen funktioniert somit über die Macht von Männern über Frauen (in der immer noch hegemonialen binären Logik gedacht). Wir verstehen reproduktive Selbstbestimmung nicht als isolierten Kampf, sondern als Querschnittmaterie, die im Kampf um eine befreite Gesellschaft eine zentrale Rolle einnimmt.

Einer der Organisatoren des 1000-Kreuze-Marschs in Salzburg, Wolfgang Hering, wohnt in München. Auch der Verein EuroProLife ist in München ansässig. Sehr ihr da Möglichkeiten, den 1000-Kreuze-Marsch in Salzburg von München aus zu sabotieren?

Zugfahrt begleiten (die Münchner Fundis haben ja davor in MUC ne „Gebetsprozession“ zu ner Klinik, die Abbrüche durchführt, mit Ende gegen 11:45 Uhr, danach werdens wohl mit dem Bayernticket anreisen – seid kreativ!), sabotieren wo geht. Die Fundis während der Fahrt mit Pro-Choice-Songs oder Stöhnen oder was auch immer euch einfällt ein bisschen aus der Fassung bringen …

Am Abend, nach dem Marsch, reisen sie wieder gemeinsam nach München, da gilt dann wohl das gleiche. Hoffentlich werden sie bei der Rückkehr ein bisschen erschrocken über den Zustand ihrer Autos sein …

Einen Zugtreffpunkt von München zum 1000-Kreuze-Marsch in Salzburg gibt es nach derzeitigem Kenntnisstand der Redaktion leider nicht. Die Antisexistische Aktion München hat jedoch eine Empfehlung dafür ausgesprochen, den Zug um 8:56 Uhr ab Gleis 10 vom Hauptbahnhof München aus zu nehmen. Vielleicht finden sich Anreisende dort ja spontan zusammen.