Tag Archives: Sachbeschädigung

[Chambéry, Frankreich] Jedem seine Art sich an der Justiz zu rächen

Verärgert darüber, dass ihm wegen Trunkenheit am Steuer der Führerschein Ende letzten Jahres entzogen wurde, hat sich ein 68-Jähriger in den letzten Wochen in eine Mini-Vendetta gegen das Justizsystem gestürzt.

Dreimal innerhalb von zehn Tagen sind Fahrzeuge, die auf den Parkplatz des Justizpalastes in Chambéry fuhren, über absichtlich am Eingang auf dem Boden platzierte Nägel gefahren und fanden sich mit platten Reifen wieder. Eine Überwachung wurde daraufhin von den Cops eingerichtet und ein viertes Mal konnte damit verhindert werden: sie verhafteten am 17. Februar einen 68-Jährigen, der erneut an derselben Stelle Nägel deponieren wollte, „Nägel mit breiten Köpfen, die auf Klebeband gebastelt worden waren“, präzisiert man bei der Polizei. Der Mann wurde einen Tag lang in Gewahrsam genommen und muss sich jetzt wegen Sachbeschädigung vor Gericht verantworten.

Quelle: Sans Nom

Sylvester in Corona-Zeiten – einige Schlaglichter

Berlin

„Eigentlich zog ich den Silvesterabend los, um dieses FCK 2020 nicht auch noch in der von Staat und Bullen angeordneten „Wohnhaft“ verbringen zu müssen. Also rechtzeitig auf zum Kotti zur nächsten „Böller Verbotszone“ Hermannplatz. Erwartet habe ich großartig nichts. Rund um den Kotti haben sich jede Menge Bullen positioniert, Lautsprecher- und Kamerawagen in Position, Hubschrauber in der Luft. Es ist weniger los als an anderen Silvester Nächten, dennoch ist der Kiez nicht wie im ersten Lockdown so erschreckend tot, Menschen sind draußen unterwegs, es böllert, Raketen fliegen. Kurz vor Mitternacht rumst es richtig Kottbusser Damm, Wannen rauschen hektisch heran, plötzlich viel Bewegung im Kiez, der showdown beginnt. Behelmte Bullen versuchen in die Sanderstraße einzudringen und stoßen auf massive Gegenwehr: Böller, Raketen, Flaschen, Steine fliegen, sie ziehen sich zurück, gehen nicht weiter gegen die Menschen in der Straße vor. Knapp eine Stunde prasselt ein mächtiges lautes Feuerwerk, Versuche sich der Ungehorsamen zu bemächtigen werden erfolgreich abgewehrt, hier und da sah man in der Dunkelheit auch mal einen Mollie fliegen. Anwohner*innen kommen vermehrt aus den Häusern, klatschen Beifall, genießen das Feuerwerk, genießen diesen Moment. So plötzlich wie es begann, war es dann auch wieder schlagartig vorbei.“

Wien

Nachdem es zu etlichen Sachbeschädigungen durch pyrotechnische Gegenstände in der Gegend um den Reumannplatz gekommen war, rückte die Polizei zu einem Großeinsatz aus. Der Mob beschoss Beamte mit Raketen bzw. Böllern, es kam zu neun vorübergehenden Festnahmen. Die Randalierer schlugen u. a. eine Auslagenscheibe eines Juweliers, eines Bäckers und Eissalons ein. Auch etliche Mülltonnen, Zeitungsständer, Auslagenscheiben, Bänke, Kaugummiautomaten sowie Fensterscheiben durch pyrotechnische Gegenstände zerstört wurden. Weiters wurde ein Christbaum in Benzin getränkt.

Lieuron (Bretagne, Frankreich)

In Lieuron ist eine illegale Techno-Party eskaliert. 2500 Menschen hatten sich Donnerstagabend dort zur Silvester-Party getroffen. Als die Polizei anrückte, um die Party aufzulösen, drehten die Feiernden durch. Die Feiernden warfen Steine und Flaschen auf Beamte, einige Sicherheitskräfte wurden verletzt. Ein Polizeiauto wurde in Brand gesetzt, drei weitere schwer beschädigt. Die Polizei zog sich zurück – und die Raver feierten den ganzen Freitag hindurch weiter. Erst am Samstagmorgen endete die Party.

[Italien] Neue Konfrontationen gegen die Ausgangssperre

[Wie es häufig der Fall ist, sobald diese Art Straßensituation ausbricht, die uns überraschend begegnet, werden sich viele fragen, wer diese Meuterer sind, die gegen die Ausgangssperre in Italien (quasi eine Wiederkehr dieser guten alten Normalität) protestieren und was sie wollen, und dabei versuchen ihre Wut in kleine Kästchen zu quetschen, anstatt sich zu fragen, was wir wollen, wir, mit revolutionären anarchistischen Ideen, Praktiken und Perspektiven, die sich nicht auf diese neue Restriktion der Herrschaft beschränken. Nicht nur, um innerhalb dieser Proteste zu agieren (oder auch nicht), sondern auch daneben oder außerhalb davon.

Seitens der Sprecher*innen des Staates haben die großen italienischen Zeitungen zum Beispiel entschieden, an diesem Morgen des 27. Oktober den, je nach Städten, sehr heterogenen Charakter der anfänglichen Demonstrationen hervorzuheben, ein bisschen wie bei den französischen Gelbwesten, ebenso wie den Aspekt der „Stadtguerilla“, und dabei beispielsweise in Turin auf die beiden verfeindeten Ultra-Gruppen der beiden Fußballvereine (Juventur und le Torino) verwiesen, wie auch auf Gruppen von jungen „immigrierten Vandalen“, wie auch auf diverse „Verschwörungstheoretiker“ und Einzelhändler: man muss dazusagen, dass die Zerstörung und manchmal Plünderung der Luxusboutiquen in der Via Roma (Apple Store, Gucci, Geox, etc.) und in vielen anderen angrenzenden Straßen durch 600 Randalierer beispielsweise der Bereitschaftspolizei bis spät in die Nacht Arbeit verschafft hat. In Mailand ebenso, wo es insbesondere die Einkaufsstraße Corso Buenos Aires war, die „Freiheit, Freiheit“ rufend durchlaufen wurde, dann die Umgebung der Stazione Centrale, wo eine große Zeitung aus dem Norden großen Spaß daran hatte, auf „die Gruppe [von 300 Demonstranten hinzuweisen], die gleichzeitig aus Italienern und aus Ausländern bestand, aus einigen Militanten der Forza Nuova [rechtsradikale Gruppe], aber auch aus Anarchisten“. Übrigens soll es Prügeleien gegeben haben zwischen Faschos, die dagegen waren, Schaufenster zu zerstören, und sich damit als informelle Ordner versuchten („man rührt keine Läden an, wir sind für was anderes da“), und Gruppen Jüngerer unterschiedlichster Herkunft, die im Gegenteil gekommen waren, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen, und das nicht nur gegen die Polizei.

Das verspricht zukünftig einige schöne Polemiken*, die man hier [in Frankreich] bereits von den berühmten limitanten Milieus kennt, natürlich hinsichtlich der Stadt und der Kontexte, die variieren können (Neapel ist nicht Triest, Mailand ist nicht Rom, etc.), zwischen sich karikaturenhaft an diesen Demonstrationen beteiligen, um die Faschos von dort zu vertreiben (einschließlich mit Praktiken, die sie schwieriger teilen), letztere zu übertrumpfen und andere Möglichkeiten zu bieten, oder diesen lokal verrosteten Versammlungen entfliehen, um die Gelegenheit zu nutzen, dass die Cops dort gut beschäftigt sind, um woanders und anders zu agieren… einschließlich gegen andere weniger offensichtliche Ziele als die Cops und das städtische Mobiliar gerichtet und ohne irgendetwas von der Herrschaft zu fordern.

In Turin wie auch in Mailand gab es auch Angriffsversuche von den „Regionsbesetzungen“ [sièges de Région] (diese Versammlungen fangen häufig einige Stunden vor der Ausgangssperre auf großen Plätzen an, ehe sie zu wilden Demos werden), und in Neapel, den dritten Tag in Folge, haben hunderte junge Leute erneut die Cops auf bewegliche Art und Weise angegriffen und mit städtischem Material Barrikaden gebaut. Lasst uns schlussendlich auch präzisieren, dass es wilde, verwüstende Versammlungen ohne Umzug [cortège] in anderen Städten als Turin, Mailand und Neapel gegeben hat – manchmal auf Initiative rechtsradikaler Kreise und von Händlern, aber nicht nur – wie Pescara, Vicenza, Perugia, Genova, Foggia, Pesaro, Triest, Bologna, Florenz, Lecce (mit Slogans wie „Lieber das Risiko eingehen an Covid zu sterben als die Gewissheit zu verhungern“), Campobasso, etc. Die offiziellen Zahlen von diesem Morgen melden mindestens 5 Verhaftete in Turin (darunter zwei für die Plünderung von Gucci und einer für Vuitton) und 28 in Mailand (darunter 13 Minderjährige und eine Anarchistin).

* Man könnte beispielsweise diese Sammlung an anarchistischen Texten bezüglich der Gelbwestenbewegung (wieder) lesen [24 Seiten, August 2019, nur auf Französisch]

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AFP, 26. Oktober 2020 (Auszug)

Die Schließung der Restaurants und Bars ab 18 Uhr und von allen Theatern, Kinos und Sporthallen für einen Monat hat die Wut und Sorge in einem Land geweckt, das bereits sehr hart von zwei Monaten Lockdown im Frühjahr getroffen worden war und das dieses Jahr die schlimmste Rezession seit dem zweiten Weltkrieg erwartet.

Nach bereits bewegten Versammlungen an diesem Wochenende in mehreren Städten der Halbinsel, haben sich die Demonstrationen an diesem Montag fortgesetzt, mit ihren Prozessionen der Gewalt im Norden und im Süden des Stiefels.

In Mailand, Hauptstadt der Lombardei (Norden), die Region, die die höchste Anzahl an Infektionen meldet, haben sich mehrere hundert Demonstranten Montag abend im Stadtzentrum der Bereitschaftspolizei entgegengestellt. Straßenbahnen wurden beschädigt, Mülltonnen angezündet, Zweiräder umgeworfen und einige Schaufenster eingeworfen, wie es die Bilder zeigen, die von den italienischen Medien live gesendet werden.

Die Ordnungskräfte antworteten auf die Flaschen-, Rauchbomben- und Molotowcocktailwürfe mit Tränengas. Ähnliche Ereignisse fanden auch in der Nachbarstadt Turin statt, wo laut der Polizei mehrere Demonstranten verhaftet wurden.

In Neapel, der großen Stadt im Süden, haben mehrere tausend Personen die Abdankung des Präsidenten der Region Kampanien gefordert, ehe sie sich zerstreuten. Sporadische Konfrontationen zwischen vermummten Demonstranten und den Cops folgten hingegen während des ganzen Abends.

Quelle: Sans Nom, Artikel vom 27.10.2020, übersetzt aus dem Französischen

Vier Schweine leicht verletzt

Am Freitag, den 18.09., wurden in der Klenzestraße mehreren Autos die Spiegel abgetreten. Eine Snitch – möge sie dafür so richtig auf die Fresse kriegen – verständigte daraufhin die Schweine, die daraufhin versuchten drei in der Nähe befindliche Personen zu schikanieren. Diese reagierten allerdings erfreulicherweise äußerst aggressiv, eine Person versuchte zu fliehen und wehrte sich erheblich, als die Cops sie trotzdem erwischten, wodurch vier Schweine (leider nur) „leicht verletzt wurden“. Die eine Begleitperson bedachte die Schweine daraufhin „mit abwertenden Äußerungen“ – die leider im Bullenbericht nicht genauer spezifiziert werden, aber man kann an dieser Stelle ja seiner Fantasie freien Lauf lassen, mir würde da spontan „Hackfressen“, „Dünnschissgurgler“, „Klosteinlutscher“, „Scheißhausfliegen“, „Abwasserschlürfer“ und „Drecksarschlöcher“ in den Sinn kommen – und versuchte die andere Person zu befreien. Natürlich wurden daraufhin alle drei festgenommen, auf die Wache gebracht und nach erledigter „Bearbeitung“ wieder entlassen. Hoffen wir, dass bei der nächsten Schikaneaktion die Cops nicht nur „leichte“ Verletzungen davontragen…

Bullenkarre trifft Bullenhass

Am vergangenen Samstag, den 25. Juli,wurde eine Bullenkarre Opfer eines Tritts gegen die Heckstoßstange, welche daraufhin zerbrach. Aufgrund eines in der Nähe befindlichen Hobbycops wurde kurze Zeit später eine Person in Gewahrsam genommen. Bei Durchsicht ihres Handys wurde ein Foto festgestellt, auf dem sie vor derselben Karre mit ausgestrecktem Mittelfinger posierte.

Viele Bullenkarren stehen immer wieder spontan unbewacht irgendwo herum. Ein kleiner ebenso spontaner Tritt, für den es weder Vorbereitung noch Material braucht, kann bereits mehrere hundert Euro Schaden verursachen und für einen kleinen Moment den Hass etwas lindern. Und falls wieder ein Hobbycop in der Nähe steht… kann ein weiterer kleiner Tritt bestimmt auch nicht schaden!

[Paris] Riots während des „Marschs für das Klima“

Am Samstag, den 21. September, fand in Paris die „Marche pour le Climat“ statt. „Einige Minuten nach Beginn der „Marche“, die von den Spezialist*innen der Tatenlosigkeit und des sozialen Friedens organisiert worden war, hat das normalerweise befriedete folklorische Flanieren eine ganz andere Wende genommen: Banken, Institute und Läden des fünften Arrondissement wurden angegriffen und mehrere Schaufensterscheiben sind zerschellt. Eine gute Anzahl Wütender haben die E-Scooter [!] sehr gut eingesetzt, die schwer genug sind, um die Fassaden von Banken, Versicherungsagenturen [und zweier] Kulturzentren zu zerschmettern… Andere haben auf der Fahrbahn die wilden Feuer gefüttert…“ Es wurde getaggt und Farbe auf Hauswände gespritzt, Bushaltestellen wurden zerlegt und Werbeplakate mit antikapitalistischen Plakaten überklebt, Mülleimer angezündet sowie unzählige Läden kaputt gehauen. Es kam zu einer wilden Demo, Barrikaden wurden errichtet und Menschen haben sich Schlachten mit den Bull*innen geliefert. 160 Menschen wurden in Gewahrsam genommen, neun von ihnen sind immer noch eingeknastet.

Quelle: Sans attendre demain