Tag Archives: Sabotage

[Köln] E-Scooter lassen sich zurückdrängen

„Greta und Kenny“ haben sich im Dezember testweise auf ein Viertel in Köln konzentriert und dort mehr als 200 E-Scooter „(z)erlegt“. Der in Köln größte Anbieter von Ausleih-Elektrorollern „Lime“ hatte sich entschieden, in den wärmeren Städten sein Angebot nicht witterungsbedingt zu reduzieren. Gezielte Sabotage hat die Anzahl der Roller im ausgewählten Viertel nun spürbar dezimiert. Mit einem kräftigen Schlag (Hammer oder Dorn) durch das Display in die darunter liegende Steuerelektronik verabschiedet sich der Roller komplett und kann nicht mehr entriegelt werden. Die Reparatur kostet mehrere hundert Euro; das Hipster-Mobil ist in der Regel für einige Tage aus dem Verkehr gezogen. Der Anbieter hat selbstverständlich reichlich Ersatz auf Lager, aber: Er weicht der Renitenz bei regelmäßiger Sabotage lieber aus. […] Weitere Schnell-Sabotage-Möglichkeiten gegen E-Scooter:
– QR-Code und 4-6stellige Rollerkennung mit kleiner Sprühdose oder dickem Stift unlesbar machen
– Kabelbinder durch Vorderrad und um die Rollerlenkstange verhindert ein Losfahren ohne Seitenschneider.“

Quelle: Indymedia

Türschloss von Immobilienbüro verklebt

Im Zeitraum zwischen dem 20. und 30. Dezember 2019 verklebten Unbekannte das Türschloss eines Büros in der Nordendstraße mit Flüssigkleber. Da das für „Linksextremismus“ zuständige K43 die Ermittlungen übernommen zu haben scheint, gehen wir davon aus, dass es sich bei dem Büro um ein Immobilienbüro gehandelt hat.

Diese Profiteur*innen von Aufwertung und Verdrängung waren wohl zumindest für kurze Zeit einmal selbst diejenigen, die aus den eigenen Räumlichkeiten ausgesperrt waren. Sie mussten einen Schlüsseldienst rufen, um die Tür zu öffnen und blieben laut Cops auf einem Schaden von mehreren hundert Euro sitzen.

Für das Verkleben von Türschlössern eignet sich kursierenden Anleitungen zufolge Sekundenkleber besonders gut. Einfach in die Schlossöffnung drücken, fertig. Einige Anleitungen empfehlen zusätzlich zum Kleber auch Stecknadeln in das Schloss zu stecken und diese abzubrechen.

Bull*innenauto tiefergelegt

Am Samstag, den 27.04. hatten ein paar Bull*innen ihre Autos in der Nähe des Hauptbahnhofs abgestellt, weil sie sich sich – wie Bull*innen das nunmal so machen – in der Nähe ein wenig wichtig machen wollten.

Da dachte sich offenbar irgendwer: Gute Gelegenheit es den Mackern mal zu zeigen und zerstach einem der abgestellten Autos den Reifen und schlitzte den Unterboden auf.

Die Bull*innen überprüften nicht, wie in der Fahrschule gelernt, vor der Weiterfahrt den Luftdruck ihrer Reifen und mussten deshalb wenige Meter später wieder anhalten, um das Rad zu wechseln. Ärgerlich für sie, dass sich dann nach dem zweiten Versuch der Weiterfahrt fortzusetzen, als die Lenkkraftverstärkung ausfiel, herausstellte, dass das Auto sowieso in die Werkstatt muss. Den Reifenwechsel hätten sie sich sparen können. Aber was soll’s, für Bull*innen gehört Reifenwechseln schließlich zu den sinnvollsten Beschäftigungen.

Feierabendterrorismus

Zu streiken ist immer netter als arbeiten zu gehen und sei es nur für einen Tag. Sich einen Stuhl zu nehmen und sich damit ab 5 vor 12 für den Rest des Tages nach draußen zu setzen, wie das Mobivideo für den „Frauenstreik“ am achten März aufruft, klingt ganz sympathisch, zumindest solange es nicht regnet und wenn mensch keine Kinder hat, die bis dahin schon ein Frühstück gerichtet und ein Pausenbrot geschmiert bekommen haben und zur Schule gebracht wurden, um dann, sobald das Kind abgesetzt wurde, noch halbtags in ein Büro zu hetzen, bis mittags das Kind wieder Vorrang hat. Zum Glück sind immerhin in Bayern, Baden-Württemberg und Hamburg Schulferien, d. h. zumindest viele Elternteile haben wahrscheinlich eh Urlaub und zusätzlich ist ja auch noch Freitag und für einige Lohnarbeitende – egal ob sie Kinder haben oder nicht – wie auch für Schüler*innen ist der Freitag nachmittag eh frei oder lässt sich auch mal freischaufeln. Ein schöner Streik mit erfreulich wenig Potenzial, auch nur irgendjemandem Stress zu machen. Genau wie geplant, denn „tatsächlich führen die Frauen weder einen Staatsstreich im Schilde, noch beabsichtigen sie, unbefristet zu streiken, solange bis allerorten gleiche Rechte gelten“, versichern die Organisator*innen auf ihrer Webseite.

Aber warum nicht? Genug Grund dazu gäbe es ja und was ist verkehrt daran, die eigene Rolle im aktuell HERRschenden System zu verweigern, bis wir endlich auf eine HERRschaftsfreie Art und Weise zusammenleben? So schreit das anarchistische Herz auf, um sodann „Sabotage!“ zu rufen, wenn es irgendwo den Aufruf zum Streik vernimmt. Das Mittel der Wahl zahlreicher Anarchist*innen in ihrem Befreiungskampf. Streik ist zwar durchaus auch schön und gut, doch gerade durch das berechtigte Misstrauen gegenüber „(proletarischen) Massen“ sozialistischer Befreiungsfantasien, vertraut der*die Anarchist*in lieber auf die (spontanen) Befreiungsakte einzelner Individuen und kleiner Gruppen. Ach, jedoch… wie sieht Sabotage in anarchafeministischen Bereichen aus? Die eigene Küche kaputtschlagen? Ins gemeinsame Bett kacken? Das eigene Auto anzünden (wenn mensch denn überhaupt eins hat)? Die Scheiben im Pflegeheim einwerfen? Grundsätzlich ist ein Weg von Anarchist*innen, die HERRschaft ausübenden Institutionen anzugreifen. Wo jedoch sind diese? Einige lassen sich ausmachen. Die Kirche, das Standesamt, der Bundestag, das Bundesamt für Arbeit, das Bundesverfassungsgericht. Wie jedoch da auch gerade den feministischen Standpunkt klar machen? Denn alle genannten Institutionen sind auch so Angriffspunkt anarchistischer Interventionen. Doch der gute alte orthodox-marxistische „Nebenwiderspruch“ der sogenannten „Frauenfrage“ löst sich ebenso wenig in der Abschaffung des Kapitalismus auf wie auch in der Abschaffung des Staates und seiner Institutionen. Sexistische und patriarchale HERRschaftsstrukturen müssen explizit bekämpft und zerschlagen werden. Nur wie? Denn diese HERRschaftsstrukturen strukturieren auch die intimsten Verhältnisse von Menschen zueinander. Sie äußern sich teilweise äußerst subtil, denn es geht dabei auch darum, wem was zugetraut wird, wem zugehört wird, wer ernstgenommen wird, wem welche Aufgaben automatisch übertragen werden oder wer diese auch automatisch übernimmt. Häufig sind diese HERRschaftsverhältnisse den Menschen nicht einmal bewusst. Und jede*r kann sie ausüben, auch wenn nicht jedem gegenüber.

Ein Streik – zumindest wenn er mehr als ein paar Stunden dauert – kann gewisse Automatismen aufdecken und Gewissheiten erschüttern. Die Problematik bleibt, dass eine traditionell weibliche Aufgabe die Care-Arbeit ist, sich also zu kümmern, und zwar um diejenigen, die nicht mehr in der Lage sind mit ihren eigenen Gefühlen wie mit denen anderer umzugehen, als auch insbesondere um diejenigen, die auf die Hilfe und Unterstützung anderer angewiesen sind. Hier zu streiken bedeutet, die von Care-Arbeit abhängigen Menschen alleine zu lassen. Die Druckmittel eines solchen Streiks würden also darin bestehen, dass diese Menschen leiden müssen. Durch die Organisation kollektiver Betreuungsangebote während des Streiks versuchen Initiativen wie die „Frauen*streik“-Menschen eine Vernachlässigung von von Care-Arbeit abhängigen Menschen zu verhindern. Jedoch nehmen sie ihrem Streik dadurch auch die Sprengkraft. Auch eine Verweigerung der Hausarbeit führt erst einmal dazu, dass sich die Lebensqualität der streikenden Person selbst verschlechtert.

Wie Sabotage da größeren Druck aufbauen kann, muss wohl kreativ erforscht werden. Die Möglichkeiten sind, wenn auch weniger gegenüber Freund*innen oder Lebenspartner*innen und in den eigenen vier Wänden, durchaus da: Botschaften an sexistische Clubs oder an Hauswände von sexistischen Personen, Angriffe auf Gebäude, Autos oder sonstigen Mobilien wie Immobilien, die sexistische und patriarchale HERRschaftsverhältnisse aufrechterhalten. Die „Rote Zora“, eine feministische Gruppe, hat sehr erfolgreich gute 20 Jahre lang, von den 70er bis zu den 90er Jahren feministische Sabotageakte verübt. Damals bezeichnete der Verfassungsschutz diese als „Feierabendterrorismus“. Mensch mag nicht mit all ihren Anschlagszielen oder ihren politischen Ansichten einverstanden sein, jedoch haben sie es verstanden Sabotage in ihre feministische Arbeit miteinzubeziehen. Bei den engsten Bekannten jedoch, die vielleicht sogar anarchistisch sind und trotzdem unbewusst sexistische und patriarchale HERRschaftsverhältnisse verinnerlicht haben, ebenso wie die, die von Care-Arbeit abhängig sind, hilft Sabotage wohl nicht weiter. Sabotage ist ein gutes Mittel, um gegen institutionalisierte HERRschaftsverhältnisse aufzubegehren oder auch mal gegen Personen, die es besonders verdient haben. Wenn es aber um verinnerlichte Verhaltens- und Umgangsweisen geht, die jede*r von uns in sich trägt, hilft wohl nur Reden, sich miteinander, auch mit sich selbst auseinanderzusetzen, zu kritisieren, zu informieren. Schließlich müssen wir Menschen überzeugen und neue Umgangsweisen miteinander ausprobieren und lernen, wenn wir eines schönen Tages Anarchismus wollen.