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Psychiatrie, du kannst verrecken.

Und bam! Da bin ich, den Bullen vorgeworfen. Zwei Beruhigungspillen in den Arsch und nix, nicht das kleinste Schläfchen. Sie ist schön, die medizinische Ethik, die zu nichts nutze ist, außer für den Profit einiger Pillen-Kapitalisten.

Dann das Leben vor diesen Staatshütern ausgepackt. Im Gegenzug Moralpredigt mit Staatsbeamtensauce. Der Aufenthalt fängt gut an…

Warten auf die Ambulanz-Arschkriecher, die nur ihren Job machen. Hinter Gittern. »Monsieur, könnte ich ein Glas Wasser bekommen?«. Infantilisierter und abhängiger als ein Kleinkind im Kindergarten.

Und dann wieder bam! In die Psychiatrie geworfen, auf Befehl der legalen Autoritäten. Bei der Ankunft: Weiße Kittel sagen »Achtung, er ist sehr unruhig«. Pff, wo denn, verdammte Bastarde?

Genug, um jeden Zweifel zur ZUSAMMENARBEIT zwischen psychiatrischen Diensten und der Polizei auszuräumen!

Wenn ich so unruhig gewesen wäre, dann hätte ich alles in dieser Wache kaputt gehauen. Dann hätte ich gerade so die Kränkung dieser dreckigen Spritzenpfaffen verstanden, dass man mir Handschellen anlegt und eine Zwangsjacke, mich in Gewahrsam nimmt oder dass man mich abknallt. Aber so…

Mich abknallen? Scheiße, das hätten sie mal lieber machen sollen, diese Polypen in weißen Kostümen, anstatt mir diese widerliche Gesellschaft und ihre hässlichen Kapo-Fressen aufzuzwingen!

Unmöglich rauszukommen, um eine zu rauchen. Ausgang verboten. Kameras, Alarmanlage und doppelte Türen. Und schon will mich der Copiater sehen. Pflichtbesuch. 15 Minuten Blabla später klebt mir schnellschnell das Etikett depressiv auf der Haut wie ein Stigma. Und die Gesellschaft kann diesem lieben Doktor danken für seine guten und treuen Dienste zum Vorteil der Eigentümer, der Bosse und der hohen Beamten, die stolz auf die Befriedung der Revolte sind, stolz darauf, den Prekarisierten der großen subproletarischen Müllhalde das Maul zu stopfen, die die letzten zehn Tage des Monats nur noch trockenes Brot und Nudeln mit wässriger Sauce essen.

Nachdem ich das Büro verlassen habe, lassen mich diese braven und anständigen Weißkittel, die sich nichts vorzuwerfen haben, Medikamente schlucken, ohne mich über meine Rechte aufzuklären. Aber es scheint, dass es keine Fälle von Machtmissbrauch in Copiatrien gibt. Außerdem steht das nicht in ihrem Ferienkatalog… Ein anderes Lügenland, das die Psychiatrie durcheinander bringt?

Dann sperrt man mich in einen winzigen Raum, nur mit Wasser und was zum Pissen und Scheißen. Die Medikamente schlagen ein wie ein Elektroschock: Krämpfe, Flashs, fast vollständige Bewegungsunfähigkeit, quälender Durst, Schwindel, unmöglich zu laufen ohne mich an den Wänden festzuhalten, Übelkeit, Pisse und Scheiße in den Bettlaken. „Scheiße, ich kratz ab, kein Wunder bei all dem, was sie mir gerade in die Fresse gestopft haben… Schnell, beschleunigt doch mein Ende!“

Zwei Wochen in diesem Loch verbracht. Unter dem wachsamen Blick des Krankenpflegercorps, zusammengeschweißt wie eine Bullenkette. Und er handelt auch so wie sie: mit Hilfe von Berichten, Pillen, Schlägen wenn nötig und Zwangsjacken.

Was tun? Lesen? Unmöglich, die Ärzte haben mir den Kopf zermatscht. Über Fußball diskutieren, über debile Fernsehserien, über Arbeit, über „Und was machst du so?“, über Familie…? Lieber verrecken, immer noch. Die Gefangenen der Copiatrie sind genauso brav, konformistisch und vorhersehbar wie die Knackis, wie all diese anständigen Leute, die perfekt darauf angepasst sind, dieser Scheißwelt zu dienen. Zustimmende Sklaven.

Dann erfahre ich, dass ich die Medikamente verweigern kann. Bei der Drogenlieferung zögere ich nicht, ich verweigere ihr Zeug, das mich kaputt macht, das meine Fähigkeit nachzudenken behindert und damit auch meine Fähigkeit mich zu verteidigen. Hab noch nie so überraschte und besorgt tuende Dealer gesehen wie diese „Pfleger“, wenn man ihnen mitteilt, dass man sich weigert, sich mit Medikamenten vollpumpen zu lassen. Das Schlafmittel genügt. In diesem Loch, in dem es dir verboten ist frische Luft zu schnappen, in dieser winzigen Zelle, die abgeschlossen wird und eine Schleuse mit zwei Türen besitzt, unmöglich zu schlafen, wenn deine Nachbarn 24 Stunden am Tag rumbrüllen.
Unterredung mit einem Pfleger, der erklärt „man hat eine Depression wie man einen Schnupfen hat“. Er behandelt mich wie einen Vollidioten, Lust ihm in die Fresse zu spucken.

Unterredung mit der Psychologin. Ihre wohlwollende Maske erinnert an das Lächeln einer Betschwester. Eindruck fünf Jahre alt zu sein, wenn du mit ihr sprichst. Debile Frage auf debile Frage. Nur Lust, ihren Kiefer mit der Ecke ihres Schreibtischs bekannt zu machen.

Unterredung mit dem Pflegeteam. Ich sei „respektlos“ gegenüber ihnen und den „Patienten“. Ohne Schmarrn. Wie im Kloster und überall anders in dieser Gesellschaft unterwirfst du dich, fügst dich in die ORDNUNG ein, oder MAN macht dich mundtot. Einziger tröstlicher Augenblick: eine Pflegerin heult, während ich ihr meine Haltung zur Psychiatrie, zur Welt drumherum und ihre Funktion als Bullin hinspucke. Scheiße, das war cool!

Erlaubnis zu gehen, nur um 15 Tage später wieder eingesperrt zu werden. Und das für mehrere Monate. Wenn du dein Gehirn durch von der Justiz befohlenene Behandlung zermatscht bekommst. Unfähig irgendetwas zu deichseln ohne komplett auszuflippen. Wenn der Knast die Schule des Verbrechens ist, macht die Psychiatrie nur krank.

DIE PSYCHIATRIE IST DER HÖCHSTE AUSDRUCK DER ORDNUNG. JE SCHNELLER SIE VERRECKT DESTO BESSER. ALL IHRE VERTEIDIGER IHR BRINGT MICH ZUM KOTZEN.

***

Zweite Einsperrung. 15 Tage später. Selbes Game.

Und wieder bam! Wieder bei den Bullen. Dieses Mal ohne Spritzen, die nichts bringen. Jemand anders wird davon profitieren können und an meiner Stelle wie eine Scheiße fallen!

Aber immer noch mit ihren idiotischen Moralpredigten. „Man muss arbeiten“, „Man muss seine Eltern respektieren“… Ja, ja, wie die Zehn Gebote was, du Clown.

Bis hin zu „Würde es Ihnen gefallen für uns zu arbeiten?“

Macht er Witze? In was für einem Film bin ich hier? Ist das versteckte Kamera? Für wen/was hält mich dieser Staatsdiener? Einen Jünger dieser Gesellschaft, der ihm seine stinkigen Füße leckt und ihm seine Pantoffeln und seine Zeitung holt, oder was?

Gehe in das Gefängnis, äh die Psychiatrie. Ein anderer Knast. Die erste Psychiatrie war zum Brechen voll. Leider nicht zum Explodieren. Mit einer Wolke Schlafmittel, die über und innerhalb derselben schwebt, kann man nicht darauf hoffen, mitanzusehen, wie sie zerstört wird. Wie in der Fabrik, in der du deine Gesundheit ruinierst im Austausch  für ein paar Steine als Gehalt, schlafen die Proletarier wie Schlafwandler. ALLES KAPUTTHAUEN steht nicht auf dem Programm. Außer gegen „all diese Ausländer, die uns die Jobs klauen!“. Ja, so isses, unter den Psychiatrisierten wie unter den Proletariern in der Fabrik gibts voll die scheißrassistischen Faschos.

Die Weißkittel hier sind genauso misstrauisch und zusammengeschweißt wie im anderen Loch.

Blöd die Lügenmärchen der Ordnungshüter wiederholend, „geben Sie acht, er ist gewalttätig!“ sagt ihnen ein Sanitäter. Ein anderer erwidert: „Das ist nicht das, was ich im Krankenwagen festgestellt habe…“ Puh! Endlich ein mehr oder weniger ehrlicher Lakai!

Gewalttätig, ich? Verbal ja, lieber einmal zu viel meine Wut gegen diese höllische Welt und ihre selbstzufriedenen Lakaien ausgekotzt. Aber Schläge, niemals! Außer man trampelt auf mir herum! Wenn ein Hund geschlagen wird, beißt er. Ich mache das genauso.

Also noch eine Lüge der Cops und der Sanitäter, die „Leben retten“ und es gibt welche, die dieses nicht verdienen in dieser verkorksten Welt…

„Was für Medikamente nehmen Sie?“, fragt mich die Pflegerin in ihrem Aquarium. „Nichts. Bis auf Schlafmittel.“

„Ich kann Ihnen keine ohne das Einverständnis des Arztes geben…“

Sie hält mich wohl für einen Vollidioten. Neuroleptika, Antidepressiva, Beruhigungsmittel kann sie mir ohne „ärztliche Verschreibung“ geben, aber ein Schlafmittel, das kann sie nicht? Ver-arsch-mich-nicht. „Ich folge den Anordnungen, ich wende die Hausregeln an.“… Der Job als Pflegerin in der Copiatrie ist auch nicht mehr wert als der des Kapo-Beamten im Migrationsministerium, der Migranten duldet oder abschiebt. „Just doing my job!“
Glücklicherweise hatte ich zwei Schlaftabletten in meiner Socke versteckt… Verhör mit dem „diensthabenden“ Copiater. 100 % ironieresistent. Er versteht nur die Hälfte von dem, was ich ihm sage und er merkt nicht einmal, dass ich ihn häufig verarsche. Ich hatte fast Lust ein Selfie mit ihm zu machen, so verblödet war er.

Man steckt mich in ein Zimmer mit einem Schlaflosen. Er hört nicht auf mit mir zu reden. Ich versteh nichts mehr von dem, was er mir sagt, so müde bin ich. Bin gezwungen ihm zu sagen, dass er die Klappe halten soll. Er ist beleidigt, aber hält die Klappe dann endlich. „ICH WILL SCHLAFEN, CHECKST DU DAS?“. Ich bedank mich nicht bei diesem Arsch.

Nächster Tag, Pflichtbesuch beim Chef. Der Copiater halt. Er schwitzt, zittert, wirkt teilweise abwesend. Er steht unter Pillen, das ist offensichtlich. Und wieder das Leben des armen Proletariers ausgepackt, schikaniert von den Institutionen der Arbeitsideologie wie jener, der er dient und die er verteidigt. Aus einer reaktionären Familie von total bescheuerten Proletariern. (– „Inakzeptabler Klassismus!“… – „HALTS MAUL!“).

„Sie nehmen keine Medikamente? Wie wollen Sie denn dann gesund werden?“

Ich sage ihm: „Nein, keine Medikamente. Sie machen mich krank und ich bin unfähig zu denken und mich zu wehren. Ich weigere mich zum formbaren Zombie zu werden, der Ihnen ausgeliefert ist. Mich macht Ihre Gesellschaft krank. Ich bin krank von der aufgezwungenen sozialen Gewalt, die ich schon immer voll in die Fresse kriege. Dieselbe Gewalt, die Sie hier an den Körpern reproduzieren, die den Bossen, den Steuern gehören, die Lakaien für totalitäre Institutionen wie die Ihre sind.“ Er wirkt überrascht und hält die Klappe.

Ich verstehe nicht, was in diesem Moment abgeht und füge hinzu: „Komm schon, verschreib mir schon dieses Medikament.“ Und ich frage dieses arme Schwein, „Was ist dieses Mal mein Barcode?“ „Melancholie. Bipolare Störung. Schizotypische Persönlichkeitsstörung. Paranoia“, antwortet er mir. Nur das. Nach nicht mal einer Stunde! Zu gut, der Typ! Das verschafft mir einige Tropheen in meinem Lebenslauf des vom Staat, Gerichtsvollziehern und Eigentümern Schikanierten!

Ich schlucke seine Tablette. Zwei Tage krank. Quasi identische Symptome wie im anderen Knast. Seitdem habe ich nie wieder ihre Drogen angerührt.

Ah, doch, ein einziges Mal. Sie haben mir dermaßen schwarze Ideen in den Kopf gesetzt, dass ich daran dachte mich umzubringen. Heilen, in dem man Leute in den Selbstmord treibt, die Bourgeoisie und ihre Gewerkschaften wie die CGT [Confédération Générale du Travail; zweitgrößter Gewerkschaftsbund Frankreichs; Anm. d. Übs.] sollten sich davon inspirieren lassen, um so Prolo-Parasiten wie mich, die auf ihre liebe Welt kotzen, zu vernichten.

Glücklicherweise sind in dieser psychiatrischen Klinik einige Gefangene nicht ganz so dämlich und gestaltlos wie in der anderen. Ein Punker, der wegen „Schizophrenie“ eingesperrt ist. Ein Künstler wegen „schwerer depressiver Phase“. Usw.

Einen stehlenden Hund schlägt man, einen „Kranken“ sperrt man ein. Gegen seinen Willen, oder „seinem Willen gemäß“. Vive la Vie, nicht wahr?

Die Teams des Nachtdienstes stinken ebenso nach Scheiße wie die Tagschichten. Wären sie noch patermaternalistischer, könntest du nur noch sterben. Genauso geeint und korporatistisch wie anderswo.

„Sie machen mir schlechtes Gewissen, obwohl ich nichts dafür kann! Ich mache nur meine Arbeit!“, kotzt mir eine Pflegerin hin. Ach nein? Du glaubst, dass dein Scheißknast ohne dich und deine Wachmann-Kollegen, die sich ihm zu Füßen werfen, um ihm für ein Gehalt zu dienen, existieren würde? Du glaubst, dass die Verwaltungen voller kleiner Papierdemokraten-Eichmanns wie ihr es seid, noch zu irgendetwas nütze wären, wenn sich alle weigern würden,wenn alle aus ihrer Rolle als Wachleute der psychiatrischen Macht und als Polizeispitzel desertieren würden?

„Aber das wäre ja Anarchie!“

Ja und? Die Freiheit tötet niemanden, Herrschaft allerdings…

Wie in der Armee: Es gibt nur die Deserteure und die Kriegsdienstverweigerer, die für ihre Handlungen vielleicht respektiert werden können. Wenn die ganze Armee desertieren würde, dann gäbe es keine mehr. So.
„Das hier ist kein Knast!“, behauptet ein Pfleger von der Nachtschicht. Der schlimmste von allen. Der autoritärste. Bei der kleinsten Reiberei schreibt er alles auf und petzt es seinem Chef. Eine richtige Snitch. Wenn du zu sehr protestierst, sperrt er dich in Isolation. Ich hoffe, dass irgendwer daran denken wird, die Reifen seiner Affenarsch-Karre aufzustechen oder Hakenkreuze in den Lack zu ritzen.

„Ach nein? Das ist hier kein Kerker?“, antworte ich ihm. OK, gut, das hier ist nicht La Santé [Pariser Gefängnis], aber trotzdem! Ausgangsverbote, Unterwerfung unter die copiatrische Autorität, penibel einzuhaltende Hausordnung unter Androhung von Strafen, ekliger, fast nicht essbarer Fraß, debile und todlangweilige Aktivitäten, Verbot von Liebes- und sexuellen Beziehungen, die „Patienten“ dürfen andere nicht auf ihren Zimmer besuchen, das Licht wird zu einer fixen Uhrzeit ausgemacht und die Türen werden abgesperrt, Kameras in den Gängen + Schleuse am Eingang, Isolationszellen, eine Kippe darf man nachts rauchen und nur eine, usw., usw., usw. Psychiatrie, Knast oder Kaserne, das ist mehr oder weniger die gleiche Scheiße!

Im Gegensatz zur anderen Psychiatrie herrscht hier nachts eine Grabesstille. Mit diesem faschistoiden nächtlichen Schließer ist das kein Wunder…

Während langer Tage der Langeweile erfahre ich, dass es mal einen Brand gegeben hat, den ein rebellischer „Patient“ gelegt hat. Das war vor Ewigkeiten. Ich habe gelacht und mir gedacht: „Sieh an, ein Freund.“

Da Verbote dazu da sind gebrochen zu werden, haben wir uns keine Umstände gemacht. Wir haben die Gemeinschaftsklos mit Klopapierrollen geflutet, die Feueralarme ausgelöst und heimlich geraucht, gesoffen und gevögelt, ehe ich zum Gassigehen rausgelassen wurde. Nach 10 Tagen Einsperrung wurde mir erlaubt auf dem Gelände spazieren zu gehen. Begleitet. Wie ein vierjähriges Kind, das seine Mami braucht, um die Straße zu überqueren.  Lust die Aufpasserin zu beleidigen, so sehr behandelt sie mich wie ein kleines Kind. Aber wenn ich das mache, kann es sein, dass ich in der Zelle lande. Ich halte die Klappe… Ich frage mich, was aus ihnen geworden ist, meinen Compas im Scheiß machen, im Abschießen und im Sex. Ich hoffe, dass sie nach ihrer Entlassung nicht noch einmal in diesem beschissenen Lager gelandet sind, auch nicht in einem anderen, wenn sie denn nicht drinnen gestorben sind.

In der Zwischenzeit Pflichttermin beim Psychologen. Wieder packe ich mein Leben aus. Geht auf die Eier und ist hyper-anstrengend. Besonders weil das NICHTS ändert, ABSOLUT GAR NICHTS, weder an meiner finanziellen noch an meiner sozialen hyper-prekären Lage. „Wir werden uns jede Woche sehen.“ Ja, klar! EINE STUNDE LANG LABERN NUR UM NICHTS ZU ÄNDERN. Lieber weiter lachen-rauchen-vögeln mit den paar von der Gesellschaft Angeekelten. Glück gehabt, dieser Psychologendiener ging in Urlaub. Einen Monat lang nicht da. Das war besser für alle. Trotz allem ein bisschen mehr „Freizeit“ eingeschlossen in den Mauern und hinterm „Stacheldracht“.

Während dieser Haft gab es eine Prügelei unter den Psychiatrisierten. Die Weißkittel, normalerweise so stolz und großmäulig, wenn es nichts zu befürchten gibt, haben sich nicht getraut auch nur einen Finger zu rühren. Sie haben es nicht gewagt, ihre Ärsche von ihren Kapostühlen zu heben, dermaßen aufgeheizt war die Stimmung. „Wir haben nichts gesehen.“ Ja klar! Es waren die Psychiatrisierten, die die „Free Fighter“ trennen mussten, ehe es zu Toten kam. Heißes Ambiente… Wenn es kein Risiko gibt, sind diese Wachleute der Psycho-Macht viel selbstsicherer, wie dann, wenn sie den „Patienten“, die sich zu heftig ausdrücken, das Telefon abstellen. Welche sie dann häufig mit starken Beleidigungen beschimpfen wie „FETTES SCHWEIN!“ „BLÖDE SCHLAMPE!“ und ähnlichem. Die sehr seltenen Augenblicke, in denen wir uns gut amüsieren, wenn diese Schilde der psychiatrischen Institution verbal fertiggemacht werden.

Da ich obdachlos war, musste ich mir nun eine Wohnung suchen. Suche eines zu 3/4 vernichteten Kämpfers. Null Hilfe. Die Familie, besser ists ihr aus dem Weg zu gehen. Sie widert mich an, kettet mich an, zieht mich runter. Die „Freunde“? Alle haben sich verpisst, oder fast. „Man wird nicht ohne Grund eingesperrt. Wo gehobelt wird, da fallen Späne…“ Die Sozialarbeiterin? Nur eine Befehlshaberin. Dafür bezahlt zu nichts nutze zu sein außer als unnützes Rädchen für die Ärmsten.

Nach mehreren Monaten der Einsperrung war die soziale Misere noch intensiver als vor der Einlieferung in die Copiatrie. Wie soll man denn in dieser Gesellschaft nicht austicken, die dich in ein finanzielles Desaster treibt, bis sie sich dich einverleibt hat? Bis du bis zum letzten Atemzug in ihr versunken bist?

Bevor ich freigelassen wurde, fragt mich der legale Dealer … Sorry, tut mir leid, ihr Linken, das ist mir rausgerutscht!… Ich korrigiere mich wie jemand Gutes: der von Papa Staat bezahlte Psychiater fragt mich: „Irgendwas hinzuzufügen?“ Ich antworte höflich: „Ja. Ich hoffe, dass früher oder später eine Revolte deinen ganzen Scheißknast zerstört, Arschloch.“

Ich verstehe die Leute, die sich irgendwann erschießen, wenn der Tod der einzige Ausweg aus dieser Gesellschaft voller Arschlöcher ist, die sich damit abgefunden haben ihr zu dienen und die Rebellischsten aufzuspüren und zu zerstören. Selbstmörder dieser Gesellschaft, ich drücke euch ganz fest. Die Lebenden, die zufrieden mit dieser grässlichen Welt sind, ich spucke euch meinen ganzen Hass in die Fresse.

„I will be back“

***

Mehr als ein Jahr ist seit der letzten Psychiatrisierung vergangen. 13 Monate Abstrampelei. Messer an der Kehle. Kopf ist aus dem Schneider, aber der Rest…

Danke Staat, danke Gesellschaft, danke ihr Millionen Kollaborateure, die ihr eure Rollen und Funktionen im Austausch für ein Stück Knochen akzeptiert. Die Domestizierung hat gut gearbeitet. Bis dahin all diejenigen verrecken zu lassen, die nicht in das Hamsterrad passen. Was würden wir nur ohne euch machen!

Schluss mit dem Besuch im Kommissariat und mit den Spritzen. Die Cops sind direkt zu mir gekommen. Tür eingeschlagen. Das alles, weil ich entschieden hatte mit allem Schluss zu machen, dermaßen verschuldet war ich. Dermaßen unterdrückt und ekelt mich diese Welt an.

BAM! Sobald sie reinkommen, legen sie mir Handschellen an. Weil diesmal war ich wirklich gepisst. „Aber ich habe niemanden getötet oder angegriffen, verdammt! Sind die irre oder was!?“

Marsch vorbei an den Gaffern, an den Tratschtanten, den aufrechten Bürgern, die ihr heiliges Vaterland lieben… „Was interessiert die das? Wollen Sie meine Spucke kosten, diese Herden an Idioten!?“

Ankunft in der Psychiatrie. Die Lakaien in Weiß wollen mir eine medikamentöse Behandlung verordnen. Ich lehne sie wie immer ab. Wie ihre Kollegen aus dem anderen Knast ziehen sie fassungslose Gesichter!

Hier ist der Fernseher superlaut, aber die Stimmung ist trist wie in einem Hospiz. „Gibt’s eine Beerdigung? Ist der Papst heute gestorben?“

„Medikamentenabholung!“ Und die Psychiatrisierten folgen in Reihen wie in der Grundschule… BOA! Kaum angekommen und dieses Kasernenambiente reizt in mir schon wieder Würgreiz alles vollzukotzen.

Medaille für den Chefpsychiater. Der innerhalb von 20 Minuten eine Diagnose stellt. Wieder ein Winner des Express-Urteils!

Er will mir auch eine medikamentöse Behandlung verordnen. Ich lehne ab. Er sagt, ich darf das. Er scheint „verständnisvoller“ zu sein als all die anderen Mediziner-Arschlöcher in den anderen Knästen. Aber mit der in diesem Loch verbrachten Zeit hat er sich als deutlich perverser entpuppt. Alles hinter dem Rücken der „Patienten“. Dr. Hinterlist wurde er heimlich genannt…

Einzelzimmer. Schick! Ein Palast im Knast! Der allerdings weder die Schreie der Psychiatrisierten, wenn sie eine Krise haben, filtert, noch die Fressen der Spritzenschließer!

Am nächsten Tag sehe ich beim Frühstück alle Psychiatrisierten. Wenige sprechen. Alle wirken von den Medikamenten zugedröhnt.
Die Tage vergehen und ich darf endlich rausgehen. Alleine, ohne Begleitbeamten diesmal. Aber die meisten Gefangenen sind ebenso resigniert wie in der Arbeit und in den anderen psychiatrischen Kerkern. Bis auf ein Typ und zwei Frauen.

Wir diskutieren, irgendwann fangen wir an heimlich zu rauchen und zu vögeln, in den hohen Gräsern und unter den Bäumen in der Sonne. Man kann unter dem Zaun hindurchkriechen. Wenn man vorsichtig ist und sich vorher gut umguckt. Die Psychiatrie hat ihre Schnüffler, die die Spaziergänger aufspüren, Berichte wie die Bullen schreiben und sie den Chefs präsentieren. Kein Zufall, dass man sie die Stasi vom Kaff nennt!

„Wann gibt es endlich Druck-Räume und Zimmer voller Sextoys in der Psychiatrie? Das wäre doch eine nette Reform!“ Wir lachen. Einige verlieben sich…

Aber lieber diese knastmedizinische Institution und ihre Krallen brennen sehen.

In totalitären Regimen dient sie dazu Oppositionelle zu Tode zu foltern. In „demokratischen“ Regimen dazu sie wieder für die Lohnarbeit und die Bosse auf Vordermann zu bringen, brav und schön unterwürfig gemacht dank der Pillen bis zum nächsten Zusammenbruch oder bis zum Grab. Mithilfe von ineffizienten Therapien, DIE MAN BEZAHLEN MUSS [in Frankreich bezahlt die Krankenkasse generell keine Psychotherapien, Anm. d. Übs.]… Ein saftiges Business von kapitalistischen Scharlatenen, das ist die Copiatrie und ihre White-Collar-Agenten. „Aber pst, nicht so laut, das reine Gewissen der Linken ist zerbrechlich und empfindlich…“

Hier passiert wenig. Aber wirklich wenig. Ich habe mich in meinem Leben noch nie so gelangweilt. Außer dass ich gute Bücher gelesen habe.

Die „Gruppentherapien“? Was für ein Witz! Was für eine Langeweile! Sermon auf Sermon, bei denen man höchstens ausflippt, weil man so viele Leute sieht, wie sie sich gegenseitig nachplappern und applaudieren! Wenn ihr Besuch verpflichtend gewesen wäre, hätte ich mich sicherlich direkt umgebracht!
Ich lasse Ausgaben der „Sans Remède“ [französischsprachige anarchistische antipsychiatrische Zeitschrift, Anm. d. Übs.] auf den debilen Papparazzi-Fernsehzeitschriften liegen. Eine Pflegerin checkts, schnappt sie sich und wirft sie in den Müll. Die Psychiatrie kann mit voller Kraft laufen. Dissidenz ist nicht erlaubt. Sonst, Isolation. Kompanieeee! Eins zwei, eins zwei, eins zwei! Zum gleichmäßigen Rhythmus der Drogenausgabe, die die Rechnung verlängert…

Eine „Patientin“ schneidet sich die Pulsadern auf. Sie wird in die Notaufnahme gebracht. Als sie wiederkommt, ist sie vollkommen zugedröhnt. Ein „Zombie“. Sie erkennt uns nicht mehr, sie läuft panisch und zitternd die Wände entlang, so als ob alle ihr Angst machen würden. Wie kann man nicht ein tiefes Verlangen danach verspüren diese Mauern in die Luft zu sprengen, wenn man diese Panik sieht, diese Tortur…?!?!

Ich denke an Grisélidis Réal [Schriftstellerin, Malerin und Prostituierte, Anm. d. Übs.], die auf die Herden der aufrechten Menschen spuckt, die sich an ihren Gesetzen festhalten und von ihrer Moral beschützt werden. Und ich denke mir: „Scheiße, das ist die perfekte Definition des Pflegers in der Psychiatrie!“

Die letzten zwei Jahre Abstrampelei waren sehr sehr hart gewesen. Aber ich habe mich über die anti-institutionellen und die antipsychiatrischen Bewegungen informiert. Es war zu gut etwas über die Rolle der Pfleger-Lakaien zu lernen, wie auch über die polizeiliche Funktion der Psychiatrie seit ihren Anfängen. Über die manchmal gewalttätigen Konflikte von informellen Gruppen gegen die Institution und ihre Hierarchie. Foucault, Laing, Sooper, Szasz, Lesage de la Haye, SPK, Basaglia, Sans Remède… nicht so die Art Literatur, die in den Kursen der zukünftigen Psychiatriekapos empfohlen wird, außer um zu lernen wie man besser den Abweichlern, den Feinden Fallen stellt! Auch nicht, um sie in diesen der Öffentlichkeit wie Zoos zugänglichen Festungen rumliegen zu lassen!

Also, ihr linken Copiater, die jetzt meinen „Die Antipsychiatrie ist verantwortlich für die Aufgabe der Kranken“: FICKT EUCH EINFACH INS KNIE! Es ist diese Scheißgesellschaft, die ihr unterstützt mit eurem Prestige, euren Privilegien und euren dicken Gehältern, die ihr verteidigt, in dem ihr mit der Polizei zusammenarbeitet, die „Kranke“ und Außenseiter schafft, die wieder auf den rechten Pfad gebracht werden müssen! Es sind eure Verlangen nach Einfluss auf und Kontrolle von Individuen, eure Verlangen nach Macht, die aus dieser eiternden Welt eine Copgesellschaft machen! Euer Paternalismus des behutsamen Heuchlers, eure guten Pfarrersgefühle und eure Expertentitel machen euch nicht sympathischer als die rechten Copiater, die genauso in die Bourgeoisie integriert sind wie ihr! INS SCHEISSHAUS MIT EUREM POLIZIERENDEN UND RANZIGEM PATERNALISMUS!

UND NIEDER MIT DIESER EKELERREGENDEN WELT UND SOLIDARITÄT MIT ALL DEN GEFANGENEN DER PSYCHIATRIE, DIE SICH NICHT DURCH IHRE MACHT ERDRÜCKEN LASSEN UND DIE DORT EIN MONSTERCHAOS STIFTEN!

FREI LEBEN ODER STERBEN!

Übersetzt aus dem Französischen. Veröffentlicht bei Ad Nihilo. Originaltitel: „Psychiatrie, tu peux crever.“ Juli 2020.

Von Menschenversuchen, Genetik und der Unterwerfung des Menschen: Ein Streifzug durch die Welt der Medizin

Wenn ich in ein Krankenhaus gehe, dann ist das erste, was ich tun muss – zumindest vorausgesetzt ich schwebe nicht in akuter Lebensgefahr –, meine Personalien anzugeben. Name, Geburtsdatum, Wohnort, Krankenversicherung. Später werde ich von der*dem behandelnden Ärzt*in penibel gefragt, wie es zu meiner Verletzung/meiner Krankheit gekommen ist und je nachdem welche Verletzungen ich aufweise kann es mir sogar passieren, dass das Krankenhauspersonal die Cops ruft, etwa weil ich Schuss- und/oder Stichverletzungen habe, Verletzungen, die von einer Schlägerei stammen. Je nachdem, welchen Eindruck ich bei den Ärzt*innen hinterlasse kann es mir außerdem passieren, dass ich zwangspsychiatrisiert werde, mir Psychopharmaka und Beruhigungsmittel verabreicht werden, ohne mich über deren Wirkung zu informieren, ich in eine geschlossene Pflegeeinrichtung eingewiesen werde, weil ich für dement oder unzurechnungsfähig gehalten werde oder mir auf ärztliche Empfehlung und richterlichen Beschluss ein gesetzlicher Vormund bestellt wird. Wenn ich mit einem als gefährlich geltenden Virus infiziert bin, kann ich auf Anordnung des ärztlichen Personals unter Quarantäne gestellt werden, wenn ich bei der Geburt in einem Krankenhaus uneindeutige Geschlechtsmerkmale besitze, kann es mir passieren, dass ich genitalverstümmelt werde, usw. Die Liste dessen, was einer*einem in medizinischer „Obhut“ so alles passieren kann, wäre vermutlich endlos.

Trotzdem vertrauen die meisten Menschen auf die Medizin und selbst diejenigen, die Ärzt*innen grundsätzlich mit einem gesunden Misstrauen gegenüberstehen, sehen sich bei zahlreichen Gelegenheiten dennoch auf deren Hilfe angewiesen. Ich will hier weder leugnen, dass die vorherrschende(n) Medizin(en) durchaus in vielen Fällen dazu beitragen, Krankheiten zu heilen, Schmerzen zu lindern und Leben zu retten, noch will ich die Entscheidung einer Person, sich auf die Medizin zu verlassen in irgendeiner Form moralisieren. Stattdessen geht es mir darum, nachzuzeichnen, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen die „moderne Medizin“ sich entfalten konnte und die Frage danach zu stellen, inwiefern diese Medizin die gesellschaftlichen Bedingungen unter denen wir leben, reproduziert.

Versuche an Menschen

Die Medizin ist eine recht empirische Wissenschaft, d.h. sie basiert auf Beobachtungen, die dann von den Wissenschaftler*innen (Ärzt*innen) entsprechend gedeutet werden. Als solche Wissenschaft ist die Medizin in ihrer heutigen Ausprägung vor allem auf Experimente angewiesen. Der menschliche Organismus – und ersatzweise auch tierische Organismen – wird dabei in der Regel als eine Art Maschine begriffen, deren Funktionsweise nur unzureichend bekannt ist, über deren Reaktion auf bestimmte Inputs jedoch mehr oder weniger präzise Vermutungen angestellt werden können. Mithilfe von Tests sollen diese Vermutungen bestätigt oder verworfen werden. Um beispielsweise ein Medikament gegen eine bestimmte Krankheit zu testen werden heute zunächst in Tierversuchen sogenannte „Versuchstiere“ mit dieser Krankheit infiziert und bekommen dann das zu testende Medikament verabreicht. Dabei wird dann beobachtet, ob die Krankheit dadurch geheilt wird und auch, welche Nebenwirkungen das Medikament verursacht – denn in der falschen Dosis sind die meisten Medikamente Gift für den menschlichen/tierischen Organismus. Stellt sich das Medikament dann als geeignet heraus, werden die gleichen Tests noch einmal an Menschen durchgeführt. Hier werden heute jedoch Menschen gewählt, die die entsprechende Krankheit bereits haben. Auch sollen diese Menschen sich freiwillig als Testobjekte bereiterklären, was sicher in vielen Fällen ein Euphemismus bleibt. Sowohl finanzielle Anreize, als auch Verheißungen der Form „du hast eine Krankheit, die dich umbringen wird, aber ich teste ein Heilmittel, dass diese vielleicht besiegen kann“ spielen heute eine große Rolle bei der Anwerbung „freiwilliger“ Testpersonen.

Was sich heute durch finanzielle Vergütungen subtiler regelt, wurde vor nicht allzu langer Zeit mit großem Zwang durchgeführt. Nicht nur in den Konzentrationslagern der Nationalsozialist*innen, sondern schon lange zuvor. Frühe Mediziner des Altertums sezierten zum Teil Menschen bei lebendigem Leibe, um mehr über die Anatomie und die Funktionsweise des menschlichen Organismus zu lernen. Später wurden alle möglichen Formen von Experimenten an Menschen durchgeführt, die zwangsweise aus Gefängnissen, sogenannten „Irrenanstalten“, aus Waisen- und Armenhäusern, sowie aus Kolonialgebieten verschleppt wurden, um an ihnen zu experimentieren. Sie wurden mit Krankheiten infiziert, um entsprechende Heilmittel zu testen, ihnen wurden Verletzungen zugefügt, damit diese sich entzündeten, um die Immunreaktionen des menschlichen Organismus besser zu verstehen, ihnen wurden bekanntermaßen giftige Substanzen verabreicht, um zu testen, welche Dosis für den Menschen tödlich ist, usw. All das macht mensch übrigens bis heute mit Tieren. Dabei standen die durch Experimente an sozial deklassierten Menschen erworbenen medizinischen Erkenntnisse damals noch viel stärker als heute vor allem den Menschen der privilegierten sozialen Klassen zur Verfügung. Kranken Arbeiter*innen stand so gut wie keine medizinische Versorgung zur Verfügung.

Seit Beginn/Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts gewannen auch Versuche mit psychedelischen Substanzen vor allem im Bereich der militärischen Medizin an Bedeutung. Von ihnen erhoffte mensch sich, den Menschen absoluten Gehorsam zu verabreichen, während mensch wiederum andere Substanzen testete, um die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit von Soldat*innen zu erhöhen. Zugleich experimentiert mensch mit derartigen Substanzen zur psychiatrischen Anwendung, wo diese dazu dienen sollen, unerwünschte kognitive Eigenschaften zu zerstören.

Während heute einerseits die grausamen und brutalen Versuche, die im Namen der Medizin zwagsweise an Menschen durchgeführt wurden, als ein dunkles Kapitel der Vergangenheit beiseite gelegt werden, werden mittlerweile vermehrt Berichte über genetische Experimente an Menschen bekannt und es wird diskutiert, ob es moralisch vertretbar sei, das Erbgut eines Menschen vor seiner Geburt zu beeinflussen, um ihm dadurch vermeintlich ein besseres Leben zu ermöglichen.

Absolute Kontrolle über den Menschen

Genetik, ebenso wie die (militärischen) Versuche mit Psychopharmaka weisen in eine bestimmte Richtung, die die Medizin eingeschlagen hat: Es geht ihr um nichts weniger, als um die totale Kontrolle des Menschen. Gesellschaftlich unerwünschtes Verhalten wird als psychische Erkrankung beschrieben und es wird versucht, dieses durch Psychopharmaka gewaltsam zu unterdrücken, Genetische „Defekte“, ebenfalls Abweichungen von einer bestimmten Norm sollen zukünftig mithilfe der Genetik „ausgemerzt“ werden. Während eine Veränderung des Erbguts von Menschen bislang noch umstritten ist, ist es gängige Praxis bei Pflanzen und Tieren, Lebewesen den eigenen Vorstellungen anzupassen und auf diese Art und Weise für das kapitalistische System besser verwertbar zu machen. Zugleich versucht mensch beispielsweise durch Pränataldiagnostik eine genetische Selektion ähnlich der Eugenik vorzunehmen, indem mensch bei Feststellung bestimmter „Erbkrankheiten“ werdenden Eltern zu einer Abtreibung rät.

Das Ziel einer solchen Medizin ist es, die Menschen an den für sie vorgesehenen Platz in der Gesellschaft zu verweisen. Es ist nicht das individuelle Interesse der Gesundheit eines einzelnen Menschen, dass diese Medizin antreibt, sondern das Ideal eines normierten und perfektionierten Übermenschen, dem sich dieser Vorstellung zufolge alle Menschen anzunähern haben.

Dass meine Interessen in der Medizin nur eine untergeordnete Rolle spielen, das erlebe ich schon mein Leben lang, wenn ich eine*n Ärzt*in aufsuche. Nie habe ich das Gefühl, dass ich irgendwie in die Entscheidungen über meinen (!) Körper einbezogen werde. Ich wurde schon behandelt ohne darüber informiert zu werden, was mir angeblich fehlt und was der Zweck der Behandlung sei, geschweige denn, ohne dass ich gefragt wurde, ob ich das möchte. Mir wurden Medikamente verschrieben, die meinen Körper schädigten, ohne dass ich darüber aufgeklärt wurde oder mir gesagt wurde, dass es auch ohne diese Medikamente ginge – das erfuhr ich, als ich diese selbst absetzte. Mir wurden Vorwürfe gemacht, weil ich nicht das getan hatte, was die*der Ärzt*in gesagt hatte, und so weiter. Dabei sind das keine außergewöhnlichen Erfahrungen, sondern Erlebnisse, die mehr oder weniger ausgeprägt die meisten Menschen gemacht haben dürften. Meines Erachtens nach liegt das daran, dass wir für die Medizin nur entweder weitere Experimente oder Kund*innen sind, mit denen Geld verdient werden kann.

Das Gesundheitssystem ausbauen?

Was wir gerade im Namen des Kampfes gegen das Coronavirus erleben spiegelt dieses Streben der Medizin nach der totalen Kontrolle über die Menschen ebenfalls wider. Statt sich darauf zu fokussieren, den Menschen, die geheilt werden wollen, zu helfen, ergeht sich beinahe die gesamte Medizinische Fachwelt derzeit darin, Empfehlungen abzugeben, wie sich alle Menschen verhalten sollten. Und sie empfiehlt das nicht etwa den Menschen direkt. Sie empfiehlt dies den verschiedenen Staaten, von denen sie wissen bzw. annehmen, dass diese ihre Empfehlungen dann autoritär durchzusetzen wissen. Statt dass also nach Wegen gesucht wird, erkrankten Menschen individuell zu helfen, zielt der medizinische Ansatz darauf ab, alle Menschen zu kontrollieren, in der Annahme durch diese Kontrolle eine Heilung eines Großteils der Menschen zu ermöglichen.

Mir ist dabei völlig egal, ob die Medizin schließlich Recht behalten wird oder ob sich das als gigantischer Irrtum erweisen wird; was ja auch immer von den Methoden der Messung abhängt. Für mich ist ausschlaggebend, dass die Ideologie der Medizin in diesem Fall, ebenso wie in allen anderen Fällen eine autoritäre Vorstellung von der totalen Kontrolle des Menschen zu sein scheint. Dabei erscheint es mir bemerkenswert, dass die Medizin ihre „Heilkunst“ um jeden Preis zu schützen versucht. Einerseits durch Patente an Medikamenten, die Geheimhaltung von Rezepturen, aber auch durch die Zugangsvoraussetzungen der Lehre. Es scheint mir darum zu gehen, dass die Fähigkeit zu heilen nichts ist, was sich jede*r einfach aneignen kann. Das würde schließlich auch der Vorstellung der totalen Kontrolle über den Menschen widersprechen, denn wenn jede*r in der Lage wäre, sich grundlegende Fertigkeiten des Heilens anzueignen und sich Menschen dadurch gegenseitig heilen würden (so wie das natürlich dennoch schon immer stattfand, wenn sich Menschen gegenseitig pflegen, wenn sie krank sind), wäre dieser ganze Prozess viel weniger einheitlich und kontrollierbar.

Vor diesem Hintergrund fällt es mir schwer, Kritiken nachzuvollziehen, die als Reaktion auf die derzeitige Corona-Pandemie einen Ausbau des Gesundheitssystems „fordern“ bzw. befürworten und/oder als Lösung in den Raum stellen. Das Gesundheitssystem auszubauen bedeutet doch nichts anderes, als dieses Expert*innentum einerseits und diese Ideologie der totalen Kontrolle über den Menschen andererseits fortführen zu wollen. Eine Medizin jenseits dieser Vorstellungen kann für mich nicht innerhalb dieses Gesundheitssystems liegen, ja nichteinmal in der Tradition dieser Medizin.

Für mich ist die derzeitige Medizin eine Institution, die ich zerstören muss, um frei sein zu können. Und ich wüsste nicht, warum der Ausbruch einer Pandemie daran etwas ändern sollte.

Betäubte Wut – Einige Worte über die befriedende Funktion der Psychiatrie

Die Psychiatrie gehörte seit langem zu meinen Phobien. Ich habe Jahre mit der Vorahnung verbracht, dass ich eines Tages dort enden würde, dass mein Wahnsinn, meine Wut, meine Einzigartigkeit eines Tages dort stranden würden, eines Tages dort erlischen würden. Ich dachte, dass meine Wünsche dem Existierenden so entgegen gesetzt seien, dass diese Widersprüche nur durch die Zwangseinweisung gelöst werden könnten, ein wahrer Segen für die Macht, die sich mit Leichtigkeit der zu lebendigen Geister entledigt.

Ihre Welt hat mich schon immer intensiv leiden lassen. Und als ich entdeckt habe, dass ich nicht die einzige Person war, die mit diesem permanenten Schmerz lebte, habe ich gleichzeitig versucht ihn zu bekämpfen und vor ihm zu fliehen. Ich erinnere mich an die Momente, in denen ich vor innerer Wut brannt, in denen ich, während ich die Stadt von einem Aussichtspunkt aus betrachtete, fühlte, dass ein Schlag meines Herzens ihres Geschäftsviertel entzünden könnte, ihre Kommissariate, ihre Unternehmen, ihre Banken, ihre kalte Welt.

Heute ist es mir nicht mehr möglich solche Gefühle zu empfinden. Ich habe zwei Jahre meines kurzen Lebens im wattigen Universum der psychiatrischen Medikation verloren. Überspringen wir das Trauma der wahnhaften Psychose, die Tage mit Blackout auf dem Bett liegend, die Tage, die ich damit verbracht habe ohne Ziel in einer geschlossenen Klinikabteilung herumzuirren und die Chimäre zu nähren, dass ich hier bald herauskomme, die demütigenden Bestrafungen, die Isolation und alles, was die psychiatrische Zwangseinweisung bedeuten kann. Ich habe sechs Monate gebraucht, um wieder ein Lächeln auf mein Gesicht zu zeichnen, ich habe fast ein Jahr gebraucht, um aufs Neue lachen zu können. Aber jetzt, wo ich die Oberhand über die offensichtlichen Effekte eines psychiatrischen Traumas und der medikamentösen harten Drogen habe, ist der Schmerz, den ich heute empfinde, gedämpfter. Es ist der Schmerz, dass es nicht möglich war um eine geliebte Person zu trauern, die deren Welt auch fliehend verlassen hat. Es ist ein Schmerz, der es nicht möglich macht die Momente kollektiver Aufregung zu empfinden. Es ist ein Schmerz, weil ich nur eine gemäßigte Freude empfinde, nur ein Leid, das von seiner Tiefe abgetrennt wurde. Es ist der Schmerz darüber, gleichgültig geworden zu sein gegenüber allem, was kommen könnte, darüber das Leben ohne Leidenschaft zu durchqueren. Es ist der Schmerz darüber, mit Widersprüchen durch Ist-mir-alles-egal-ismus fertig geworden zu sein. Es ist der Schmerz darüber, keine emotionale Nahrung mehr zu haben, mit denen ich die radikalen Ideen nähren könnte, die mein Leben ausgemacht haben und diese um jede Praxis gebracht zu haben, aus Bequemlichkeit. Es ist der Schmerz darüber, die Wut nur noch wie eine Erinnerung zu kennen.

Indem ich meine Erfahrung mit der anderer verglichen habe, indem ich mit vertrauten Personen diskutiert habe, indem ich die Fakten analysiert habe, habe ich realisiert, dass ich mich nicht verändert habe, sondern dass ich lediglich in einer chemischen Zwangsjacke stecke, und dass ich aufgegeben habe, mich gegen sie zu wehren, weil ich vergessen habe, dass sie existiert. Man hat mir klar gemacht, dass mich der Lohnarbeit zu unterwerfen positiv wäre, damit meine Dosis reduziert werden könne, auf die ich keinen Einfluss habe, weil das, was ich sage, keine Berücksichtigung findet und weil jede Kritik oder zu klare Willensäußerung aufzuhören als „Nichteingehen“ auf die Behandlung gewertet wird, die mit der Verlängerung der Verabreichung von Depotinjektionen bestraft werden, mit denen man weder die Möglichkeit hat zu schummeln noch zu experimentieren.

Um Stück für Stück aufzuhören, um so die Risiken zu minimieren, bleibt mir nichts anderes übrig mich während der Zeit zu fügen, in der die heilige Objektivität des Psychiaters (der, er, weiß, was gut für mich ist) es für nötig hält, indem ich bei jedem Termin meine Normalität und meine soziale und wirtschaftliche Integration in diese Welt der Toten beweise. Parallel verhilft mir der chemische Effekt der Neuroleptika diese Situation der Unterwerfung mit einer gewissen Gleichgültigkeit zu ertragen. Bis wann?

Da, wo die psychiatrische Behandlung zur Integration führt, führt die Behandlung mit Neuroleptika zur individuellen Befriedung durch die Vernichtung jeglichen Gefühls, das zu stark werden droht. Ade liebe Wut zu leben. So kanalisiert die Psychiatrie unter dem Deckmantel der „Heilung“ alles, was die autoritäre Gesellschaft nicht händeln oder tolerieren kann und verwandelt die Zu-Lebendigen in Kohorten betäubter Individuen, fügsam und rentabel, bereit sich in die infernale Maschine des Kapitals zu integrieren (möge es verrecken!). Dass ich meiner Klarheit beraubt wurde, verbittert mich und ich hoffe, dass ich eines Tages die Fähigkeit wiederfinden werde, das Leben voll zu empfinden. Um wieder anzufangen zu leben und zu kämpfen.

Meine Solidarität mit allen Psychiatrisierten und ihren Liebsten.

Nieder mit allen Mächten!

Übersetzt aus dem Französischen. Das Original wurde 2012 unter dem Titel „Rage endormie – Quelques mots sur la fonction pacificatrice des la psychiatrie“ bei Le Cri du Dodo veröffentlicht.