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Bullenkarre trifft Bullenhass

Am vergangenen Samstag, den 25. Juli,wurde eine Bullenkarre Opfer eines Tritts gegen die Heckstoßstange, welche daraufhin zerbrach. Aufgrund eines in der Nähe befindlichen Hobbycops wurde kurze Zeit später eine Person in Gewahrsam genommen. Bei Durchsicht ihres Handys wurde ein Foto festgestellt, auf dem sie vor derselben Karre mit ausgestrecktem Mittelfinger posierte.

Viele Bullenkarren stehen immer wieder spontan unbewacht irgendwo herum. Ein kleiner ebenso spontaner Tritt, für den es weder Vorbereitung noch Material braucht, kann bereits mehrere hundert Euro Schaden verursachen und für einen kleinen Moment den Hass etwas lindern. Und falls wieder ein Hobbycop in der Nähe steht… kann ein weiterer kleiner Tritt bestimmt auch nicht schaden!

[Frankfurt a.M.] Krawalle am Opernplatz

In der Nacht auf Sonntag, den 19. Juli 2020 kam es am Opernplatz in Frankfurt am Main zu Ausschreitungen. Weil sich einige Leute die Schikanen der Bullen dort nicht länger gefallen lassen wollten, bewarfen sie diese mit Flaschen und beschädigten auch einige ihrer Fahrzeuge. Fünf der Schweine wurden bei den Ausschreitungen verletzt. Presseberichten zufolge jubelte die Menge von 500 bis 800 Personen, wenn eine Flasche ihr Ziel fand.

Die Cops nahmen 39 Personen fest, mussten sie aber am Montag alle wieder gehen lassen.

[Montreal] 7 Bullenkarren auf dem Parkplatz der Wartungswerkstadt der Polizei abgefackelt

Bullen sind Mörder. Wir haben ihre Fahrzeuge abgefackelt. Das kannst du auch.

Wir haben drei Brandsätze genutzt: quaderförmige Plastikflaschen, die zu 3/4 mit einer Mischung aus Benzin und Motoröl gefüllt sind. Wir nutzten Kraftkleber, um zwei einzeln verpackte Grillanzünder-Würfel (die du im Campingbedarfsladen, Baumärkten und Lebensmittelläden findest) an die Seite jeder Flasche zu kleben.

Unter jedem Auto platzierten wir eine Flasche (mit den Grillanzündern nach oben), schoben sie unter den Reifen und entzündeten den Anzünder.

Wir haben Brandsätze gewählt, die ungefähr eine Minute nachdem wir sie platziert haben, vollständig zünden. Dadurch wollten wir uns mehr Zeit zum Wegkommen verschaffen und die Wahrscheinlichkeit verringern, dass die Brandsätze gelöscht werden, bevor sie zünden.

Für eine Welt ohne die Polizei und die rassistische Ordnung, die sie schützen. Solidarität mit den schwarzen Aufständischen und allen anderen, die sich zur Wehr setzen.

– Anarchist*innen –

Quelle: Montreal Counter-Information, 22. Juli 2020

[Leipzig] Bitumen und Steine gegen Bullenwache

Gleich zweimal an zwei aufeinanderfolgenden Tagen wurde der Außenposten der Polizei in Leipzig-Connewitz vergangenes Wochenende angegriffen. Am Freitag, den 17. Juli 2020 warfen einige Angreifer*innen mit Bitumen gefüllte Farbgläser an Fassade und Scheiben der Wache, am Samstag, den 18. Juli 2020 bombadierten mehrere Personen den gleichen Außenposten der Bullen mit Steinen.

Streifenwagen mit Farbe bespritzt

Als Cops am Montagabend (20. Juli 2020) gegen 21 Uhr ihren Streifenwagen am Mariahilfplatz abstellten, und unbeobachtet zurückließen, machte(n) sich dies eine oder mehrere Personen zunutze und besudelte(n) den Streifenwagen auf der „gesamten linken Seite“ mit weißem Lack. So harmlos das Ganze auch aussieht, so folgenreich war das Ganze wohl: „Da auch die Seitenfenster davon betroffen sind, kann das Fahrzeug nicht mehr eingesetzt werden bis die Schmiererei von einem Fachbetrieb entfernt wird.“ schreiben die Cops in ihrem Pressebericht. Hoffentlich wird’s teuer!

Polizei nutzt Gästelisten von Restaurants und Co. für Ermittlungen

Es ist keine Überraschung, aber dennoch gut, sich nochmal vor Augen zu halten: Wer derzeit in ein Restaurant, einen Biergarten, eine Bar, ein Kino, usw. geht und dabei seinen*ihren Namen dort angibt, sollte sich klarmachen, dass diese Informationen jederzeit nach Belieben von den Bullen verwendet werden können.

Denn auch wenn seitens des Staates stets versichert wurde, dass eine solche Verwendung nur zum Zwecke der Nachverfolgung von Coronainfektionen dienen soll (was ja schon schlimm genug ist), bilden dieses Daten schließlich sehr gut ab, wer sich wann in welchem Bereich der Stadt aufhgehalten hat. Das ist freilich auch den Bullen klar und so griff alleine die Münchner Polizei bislang mindestens drei Mal auf diese Daten zu, um Verdächtige in irgendwelchen Fällen zu ermitteln. Also schön immer nur (wechselnde) falsche Namen angeben oder lieber gleich einen großen Bogen um alle Kneipen machen, die sich durch diese Listen als Ermittlungsgehilfen der Cops andienen.

»In München hasst mittlerweile fast jede*r die Polizei«

… so fasste kürzlich eine zufällig vorbeikommende Beobachterin einer der zahlreichen Bullenkontrollen in der Nähe der Isar die Situation in München, wie ich finde sehr treffend, zusammen. Und ergänzte dann im Verlaufe eines sich spontan ergebenden Gesprächs unter Leidensgefährt*innen noch »das haben sie [die Bullen] sich in den letzten Wochen aber auch redlich verdient«. Auch wenn ich finde, dass Bullen sich schon immer den Hass der Menschen »redlich verdient« haben, kann ich sehr gut verstehen, was die Person meinte: Die ständigen Schikanen und Kontrollen der Bullen in den letzten Wochen an der Isar, im Englischen Garten, am Gärtnerplatz und überall sonst, wo sich am Wochenende Menschen zusammenfinden, haben viele Menschen, die bisher von der Polizei weitestgehend verschont geblieben waren, mit der Realität bekannt gemacht, dass Draußen Gefahrengebiet ist, eine Zone des Konflikts zwischen einer straff organisierten, uniformierten und bewaffneten Gang, die nach totaler Kontrolle strebt und den einzelnen Individuen und Gruppen von Menschen, nicht uniformiert, nicht organisiert und höchstens mit Glasflaschen und Steinen bewaffnet, die eigentlich nur eines wollen: Von den Cops in Ruhe gelassen werden.

Und weil ihnen allen dies nicht vergönnt ist, weil es mittlerweile kaum mehr möglich ist, zu dritt an der Isar zu sitzen, ohne dass einer ein aufdringlicher Wichser mit einer Hochleistungstaschenlampe in die Fresse leuchtet, weil selbst der Spaziergang – mit oder ohne Hund – nicht selten in einer »verdachtsunabhängigen Intensivkontrolle« endet, weil an den »Brennpunkten« der Stadt uniformierte Aufsichten rumlungern, mit ihren Autoscheinwerfern und Blaulichtern ein dystopisches Ambiente verbreiten oder ab einer bestimmten Uhrzeit die Runde machen, um Musikboxen »einzusammeln«, weil es für all diejenigen, die sich dem nicht in vorauseilendem Gehorsam fügen, nicht nur eine Flut an lächerlichen Anzeigen hagelt, sondern ab und an auch Prügel mit dem Schlagstock, Nächte in Gewahrsamszellen und all das übrige, bislang vor allem den »üblichen Verdächtigen« bekannte Repertoire an Repression: Deshalb liegt überall dort, wo die Cops auftauchen, eine knisternde Spannung in der Luft, deshalb warnen sich einander völlig unbekannte Personen gegenseitig vor den Bullen, deshalb sind „Fick die Cops“ oder „Scheiß Bullen“ mancherorts so eine Art allgemeiner Gruß bzw. allgemein gebrauchte Floskeln, um die Stille zwischen zwei Gesprächen zu überbrücken, geworden, deshalb werden Barrikaden und gesmashte Bullenwägen mit allgemeinem Jubel begrüßt und deshalb passiert es mittlerweile fast täglich, dass auch die Bullen mal wieder eins auf die Fresse kassieren, dass festgenommene Personen von anderen befreit werden und dass sich einander völlig unbekannte Personen spontan gegen die Bullen verbünden. »Sobald die Polizei auftaucht, gibt es ein neues Feindbild: die Polizei«, titelte jüngst sogar die Süddeutsche und beschreibt damit ausnahmsweise einmal treffend die Situation an Wochenenden in der Münchner Innenstadt und an der Isar. Und selbst die Cops scheinen wenigstens ein bisschen Angst zu haben, wenngleich noch lange nicht genug: Das ständige Pendeln zwischen totaler Deeskalation – etwa wenn USK-Beamt*innen in voller Montur geradezu auf den Knien betteln, dass ihren Anweisungen doch bitte Folge geleistet werde – und totaler Eskalation – wenn die gleichen Cops dann nach einer halben Stunde behelmt und mit Schlagstock in der Hand wiederkommen, um ihre unerhörten Bitten dann doch mit physischer Gewalt durchzusetzen – offenbart in meinen Augen die Unsicherheit der Münchner Polizei, die sich sichtlich schwer damit tut, modernere Polizeitaktiken umzusetzen, bei denen sie eben nicht jeden Gesetzesverstoß ahnden, um eine potenziell gefährliche Menschenmasse im Großen und Ganzen im Griff zu behalten. In Bayern und München im Besonderen ist man es seitens der Polizei eben gewohnt, Stärke zu zeigen und um jeden Preis für Ordnung zu sorgen, das lässt sich nicht so ohne weiteres ablegen.

Dabei könnte eben diese nervige Angewohnheit der Bullen uns vielleicht doch einmal zum Vorteil gereichen: Denn wer überall für Ordnung sorgen will, verliert in den Momenten, in denen an mehreren Orten zugleich chaotische Situationen entstehen selbst dann die Kontrolle, wenn eigentlich eine Übermacht an Bullen im Einsatz ist – was zusätzlich auch mächtig an den polizeilichen »Personalressourcen« zehrt. Wenn die Cops gegen 12 damit beginnen, Feiernde an der Isar aufzuscheuchen, kreieren sie gewissermaßen selbst eine solche chaotische Situation, denn nur weil eine*n die Bullen von irgendwo vertreiben, ist der Abend selbstverständlich noch lange nicht vorbei. Und warum nicht auf dem Heimweg noch schnell ein paar Müllcontainer auf die Straße ziehen, um wenigstens die Mobilität der Bullen einzuschränken oder seinem Frust durch ein kleines Feuerchen Luft machen? Beides konnte mensch an den vergangenen Wochenenden beobachten und beides sorgte für sichtliche Irritationen bei den Cops, denen vielleicht langsam dämmert, dass ihnen die Kontrolle über die Situation zunehmend entgleitet.

Und an all die Krawalltouristen und wütenden Jugendlichen da draußen, die ihr überall in der Stadt auf die Eskalation lauert: Ihr seid nicht alleine, lasst uns gemeinsam überall in der Stadt unkontrollierbare Situationen schaffen.

 

[Würzburg] Bullenkarre brennt nach vereiteltem Rave

Als in Würzburg am Freitag, den 10. Juli 2020 die Besatzung eines Streifenwagens damit beschäftigt war, einen Rave zu unterbinden, entschloss(en) sich kurzerhand eine/einige in der Nähe befindliche Person(en), den abgestellten Streifenwagen in Brand zu setzen. Zwar konnte dieser von anderen Cops gelöscht werden, bevor er vollständig ausbrannte, fahruntüchtig war er jedoch trotzdem und einen Schaden von mehreren tausend Euro hat das kleine Feuerchen zudem verursacht.

Für die unterfränkische Polizeigewerkschaft ist dies ein “Feiger und schwerer Angriff gegen den Rechtsstaat”. Hoffen wir, dass sie Recht behält.

Wer Bulle spielt …

… muss eben auch den Hass ertragen, der einer*einem dabei entgegenschlägt. Das musste vergangenen Freitag, den 26. Juni 2020, auch eine Filmproduktionsfirma lernen. Ein Mitarbeiter hatte ein als Polizeifahrzeug präpariertes Fahrzeug über Nacht in Haidhausen abgestellt und siehe da, als er es am folgenden Tag wieder abholen wollte, prangten in schwarz die bekannten Lettern „A.C.A.B.“ auf der Beifahrer*innenseite des Fahrzeugs.

Der Schaden beläuft sich laut herbeigerufenen, echten Cops auf rund 2.000 Euro, auch wenn mensch sich fragt, welcher Schaden? Ein Film mit einem mit „A.C.A.B.“ verzierten Polizeiwagen dürfte derzeit doch gleich viel besser beim Publikum ankommen, oder nicht?

Ein Polizist, der mich erwürgt // gebannte ZuschauerInnen, die mir die Luft zum Atmen nehmen // unausgelebte Wut, die mich erstickt

Die Regelmäßigkeit der Gewalt lässt mich solange kalt, bis es plötzlich doch ein Mord aus der Reihe der vielen schafft ein Gefühl auszulösen. Der Mord an George Floyd ist so einer, was aber besonders an den wütenden Reaktionen liegt, von denen wir so viel lesen durften. Wie viele Morde und wie viel Elend lasse ich jeden Tag unbeachtet? Wie viele andere auf der Demo in München, bin auch ich zornig. Ich bin verdammt sauer und ich spüre auch, wie das Knie mir in den Nacken drückt, mir die Kehle einquetscht und die Luft immer weniger wird. Aber heute mit ein paar Tagen Abstand zur friedlichen Demo in Andenken an George Floyd und antirassistischem Inhalt, einigem Grübeln, da machen mich noch einige Tatsachen mehr wütend und verursachen einen Kloß im Hals, der da nicht hingehört. Mir bleibt nichts anderes übrig als mit einem gewissen Zynismus zu versuchen etwas auszudrücken, dass mich irritiert, ein wenig ratlos zurücklässt und mich von den Forderungen und den Protestierenden entfernt. Aber der Zynismus liegt eigentlich in der Sache selbst, nämlich, dass über einen Menschen gesprochen werden muss, obwohl derer unzählige existieren; über einen rassistischen Ausrutscher einer rassistischen Polizeibehörde, die für Tote verantwortlich ist, die in dem Moment gerechtfertigt werden, sobald über Ausnahmen und Unregelmäßigkeiten im Polizeidienst gesprochen wird. Im gewissen Sinne sind Polizisten mit Waffen zu vergleichen: Waffen werden dafür entworfen um zu töten und jemand, der an der Waffe ausgebildet wird, wird für das Töten ausgebildet – ob er oder sie sich aktiv zum/zur Mörder/In macht ist irrelevant – und folglichgesteht man dem Mord seine Richtigkeit zu, wenn man den falschen Mord ihm gegenüberstellt.Die falsche Benutzung zu kritisieren, ist wie die Bedingungsanleitung von irgendeinem Gerät zu lesen: was soll man nicht, wie ist das zu benutzen, welche Garantien, etc., also könnte man auch einfach schweigen. Ein Schweige-Demo machen? Das Instandsetzen, das Befähigen zum Töten, die Erzeugung von Machtgefällen, die das Töten ermöglichen (sollen), das ist zu kritisieren und liegt gewissermassen außerhalb von der Bedienungsanleitung, dem Bedienten und dem stummen und stupiden Be-Diener.Tun wir kurz etwas, das George Floyd jetzt nicht mehr tun kann: stellen wir uns vor, wie ein Beamter in seinem, über uns herausragenden Recht, uns gegen unseren Willen anhält, befragt, fesselt, zu Boden zwingt und uns schließlich sein Knie in unseren Nacken drückt, in unserem Ringen nach Luft, noch einen Atemzug zu tun, sich Panik breit macht und die Angst und die Ahnung das Ganze vielleicht nicht zu überleben um sich greift. Es gibt zwei Protagonisten: George, der gerade dabei ist unter Qualen zu sterben und ein Polizist – und mit ihm aus logischen Gründen: jeder Polizist vor Ort und auf der Welt –, der dabei ist ihn zu ersticken. Unter jene beiden, die ich als Handelnde bezeichnen würde – auch wenn ich nur widerwillig und eher aus argumentativen Gründen den sterbenden George Floyd als Handelnden bezeichne, schließlich wird dieser gegen seinen Willen und Zutun und in entsprechende Richtung Handelnde, durch fremde Hände umgebracht – gesellt sich noch ein weiterer Protagonist. Und in diesem Fall, ist es wieder nicht nur ein Individuum, sondern eine ganze Bevölkerung, die sich in der Betrachtung ergötzt und erschafft: der Zuschauer und die Zuschauerin.

Denn, unser Gedankenexperiment findet nicht versteckt, im Dunkeln statt, sondern tagsüber, auf offener Straße mit Passanten und Menschen, die vermeintlich erleben, was sich vor ihren Augen abspielt, und derer nicht ein oder zwei, sondern potentiell die gesamte Weltbevölkerung, die heute in der Lage ist, sich diese Situation als kurzes Filmchen immer und immer wieder anzuschauen, in jedem beliebigen Augenblick und an jedem Ort dieser Welt. Diese zuschauende Mehrheit ist sogar in die Lage versetzt die besonders unerträglichen Momente zu überspringen, diese ihre Realität einfach zu pausieren und sich einem anderen Erleben zuzuwenden.George Floyd hat weder vorspulen können um es endlich hinter sich zu haben, noch war er fähig das ganze anzuhalten und auszusteigen oder umzuschalten, weil es ihm zu heftig wurde. Während wir in unserem Gedankenexperiment am leben bleiben, weil wir uns unseren Tod nicht vorstellen könnenist die Realität und das direkte Erleben von George Floyd einfach weitergelaufen. Gestorben ist er mit den Knien jedes einzelnen Polizeibeamten einer Gesellschaft im Nacken, die Einzelne in die Macht versetzt andere zu demütigen. Gestorben ist er auch mit Milliarden ZuschauernInnen, die den Moment des letzten Atemzugs abwartend untätig im Kreis stehen und vor ihren Bildschirmen gebannt sitzen… George Floyd – wenn auch als tausendstes Beispiel – ist allein gestorben, als er selbst. Hätte er einen kurzen Zeitpunkt auf Pause drücken können, um sich umzublicken und zu fragen, was die Um-ihn-herum-Abwartenden gedenken zu unternehmen oder zu unterlassen, hätten die ZuschauerInnen, die Befragten, sich mit der Frage auseinandersetzen müssen, ob sie einen Tod verhindern wollen oder ob sie ihn sterben lassen wollen, um ihn dann zu beklagen.

Eine lange Zeit habe ich den Fernsehzuschauer und die Fernsehzuschauerin als das Inbild der Passivität betrachtet, wie hätte man sich auch eine Steigerung dessen noch vorstellbar machen können? Aber der/die heutige Zuschauer/in, hat wieder eigene Augen, bewegt sich durch die Stadt und liegt nicht lethargisch auf der Couch und lässt sich die äußere Welt gefiltert und gekürzt ins eigene Haus liefern. Heute benutzt ein Gros der Zuschauer/innen die eigenen Augen wieder selbst als Filter auf der Suche nach der Story und begibt sich sogar in Situationen um darin vermeintlich zu handeln. Weil die Zugänglich-Machung selbst von Information heute schon als aktives Teilnehmen und Gestalten der Realität erfasst wird, reicht es dem Handelnden bereits aus das Zuschauen zu ermöglichen um sich selbst als Handelnde/r zu sehen. Der Zuschauende denkt er/sie handelt indem er/sie das Zuschauen ermöglicht, vergisst aber dabei des er/sie doppelt zuschaut: als anwesend am Ort des Geschehens, wo ja ein tatsächliches Eingreifen möglich wäre und als abwesend am Ort des Geschehens, weil er/sie sich selbst hinter die Kamera/Smartphone verbannt hat. Und genau das ist die Tendenz der Gesellschaft: sie verkauft die Unbeweglichkeit als Beweglichkeit, gibt die Passivität im falschen Moment als Handlung aus, die immer und auf jeden Moment angewandt werden kann und soll, sie verwandelt das Draußen, das Außerhalb der Couch-TV-Beziehung in ein globales Kino und lässt sogar für den Zweck der Dokumentation und Unterhaltung einen Mord geschehen… das ist die Realität.

Wenn es keine anderen Ideen und Handlungsvorschläge auf einer Demo als Antwort auf einen Polizeimord, abseits der BML-Rufe gibt, dann sehe ich schwarz und denke mir jetzt, nach der Enttäuschung, die ich auf diesem Protest, der eher ein Event gewesen ist, dass die Organisatior/Innen und Besucher/Innen eigentlich zu jenen gehören, die wenn sie nicht aktiv die Luft mitabgedrückt haben, so doch passiv mit zugeschaut haben und den Bullen gewähren haben lassen, wie er vor ihren Augen einen Mensch aus dem Leben gezwang. Wären die konkreten Zuschauer/Innen an diesem Tag an diesem Ort ihrer Einbildung nicht auf den Leim gegangen, müssten wir wahrscheinlich heute, nicht zu tausenden einen Toten beklagen, sondern einen Angriff auf einen Polizeibeamten verteidigen mit dem ein Mord verhindert wurde… Ist das die Schlußfolgerung, oder benötigen wir mehr Tote um auch weiterhin als Betroffene von jedweder Unterdrückung über unsere Unterdrückung sprechen zu dürfen?

Ich, für meinen Teil, verteidige lieber einen Angriff auf Polizisten, als mich bei den Mördern und Mitmördern über einen von ihnen Ermordeten zu beklagen.

kainändae