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Eine Tirade gegen den Frieden

„Wenn du friedlich bist, dann sind wir auch friedlich“, so tönten zwei Mitglieder einer bekannten, uniformierten und hochbewaffneten Gang neulich erst wieder rum. Mein Fluchtversuch war gescheitert. Die Bullen hatten mich eingeholt, an die Hauswand gepresst und mit Handschellen gefesselt. Nun wollten sie mich auch noch dazu bewegen, zwischen ihnen eingepfercht weitere 600 Meter zu ihrer Bullenwache zu laufen. Sie zogen und zerrten an mir herum, damit ich mich bewegte, worauf ich absolut keine Lust verspürte.

Dieser Satz, mit dieser subtilen Drohung, der so ausgelutscht ist, ich kann ihn einfach nicht mehr hören. Ich pack ihn nicht mehr länger, er macht mich so wütend. Dieser ihr Friede, von dem sie reden, was soll das für ein Frieden sein? Friedlich ist, den Bullen zu folgen. Friedlich ist, immer zu tun, was sie sagen. Friedlich ist, Autoritäten und dem Staat ständig und in jeglicher Hinsicht zu gehorchen. Dann bist du friedlich. Am allerfriedlichsten bist du wahrscheinlich, wenn du dir präventiv selbst schon mal Handschellen anlegst, wenn Bullen in deiner Nähe auftauchen. Wisst ihr was, ihr Bullen? Ich scheiß auf euren Frieden. Diesem Frieden hinterherzueifern stellt sich mir als mir nicht sonderlich empfehlenswert dar.

Friedlich zu sein, das scheint Teil dieser Universalmoral zu sein, die es angeblich gibt. Ein allgemeingültiger Wert, wenn nicht gar das höchste Gut von allen. Wenn du friedlich bist, dann bist “gut”. Dann wirst du “respektiert” in dieser scheiß Gesellschaft, so heißt es. Hautpsache friedlich! Dein ganzes Leben sollst du so gestalten, jeden einzelnen Tag, jede Minute und Sekunde. Um deines Seelenfriedens willen! Wenn du nicht friedlich bist oder nicht sein willst, dann handelst du im “falsch”. Friedlich sein, das ist jedenfalls “richtig”. Un-friedlich sein, was auch immer das im Detail genau dann bedeutet, das ist es nicht. Denn Unfriede durchbräche ja die Monotonie des Alltags, die fortwährende, Dekaden andauernde Routine und das Hamsterrad von Aufstehen – Losgehen – Lohnarbeiten – Heimkommen – Schlafen. Und das geht sowas von gar nicht!

Friedlich zu sein bedeutet, nicht aufzumucken, den Kopf unten zu halten. Still und unauffällig und reibungslos vor dich hin zu leben. Das zu tun, was von dir gefordert wird. Überall, immer. “Es hat doch keinen Sinn, jetzt zu eskalieren. Bleiben wir lieber friedlich”. Ich kann diesen Scheiß nicht mehr hören.

Warum? Warum friedlich?! Ich will nicht den Kopf unten halten. Ich will nicht das tun, was mensch mir sagt, was ich tun soll, weil es angeblich das Richtige sei. Ich will nicht friedlich sein. Ich will diese Gesellschaft, alles was sie ist, was sie ausmacht, kaputthauen. Bis nichts mehr übrig ist von ihr als rauchende Trümmer. Ich will nicht zu “friedlichen” Mitteln greifen. Ich will keine Petition starten gegen was auch immer. Ich will keine Mehrheit hinter mich scharen, um so mit demokratischen und ach so friedlichen Mitteln, etwas zu ändern. “Boah, checkt ihr es nicht?!” will ich all den Menschen zurufen die mich zu solcher Art “politischer Teilhabe” ermuntern wollen. Ich will keine friedlichen Reformen, keine Mediation, keine Kompromisse. Ich will nicht an diesem System herumdoktoren und damit daran teilhaben. Ich will den Bruch, den totalen, den direkten Angriff, ich will den Aufstand. Nix da mit friedlich.

Der wird aber nicht kommen, wenn es heißt, oh nein, wir bleiben alle total friedlich. Ist doch egal, was für ne Scheiße um uns herum abläuft, nein, wir sind friedlich. Friedlich, das ist rational und vernünftig. Unfriedlich, das ist dagegen auch Wut im Bauch und Emotionalität. Und das geht ja nicht in diesem sterilen Gefängnissystem, wo friedlich befriedet meint. Wo friedlich heißt, so weiter wie zuvor, wo friedlich ein Nichtstun ist. Warum? Was soll das? Endlich aufbegehren, mit allen Mitteln, die einem zu Verfügung stehen! Nix da mit friedlich den Kopf senken und weiter fressen, was sie einem vorwerfen. Ihr Frieden, er ist nicht mein Frieden, er kann es nicht sein. Friede bedeutet, dass alles so bleibt, wie es ist. Ich will keinen Frieden – ich will Freiheit. Absolute Freiheit und Herrschaftslosigkeit. Das ist mit diesem ihrem Frieden nicht zu haben. Ich nehme eine unsichere Freiheit so viel lieber in Kauf als ein friedliches, sicheres, hierarchisches Eingesperrtsein – in ewiger Feindschaft und Hass gegen Staat, Bullen und Frieden.

Als Gruppe auftreten?

Wer unzufrieden mit dem Status Quo dieser Welt ist und etwas daran ändern möchte, wird sich meist nach einer politischen Gruppe umsehen, die einer*einem irgendwie gefällt und dieser beitreten. Diese Gruppe wird einen Namen tragen, meist ein Selbstverständnis haben, und wird dauernd besorgt um die Anzahl ihrer Mitglieder sein. Auch in linksradikalen Kreisen sind die meisten in politischen Gruppen organisiert, in die es mehr oder weniger schwer ist reinzukommen, die Veranstaltungen organisieren, Flyer-Texte schreiben, auf denen ihr Gruppenname prangt und Demos organisieren, sich in Bündnisse setzen, mehr oder weniger (anti-)autoritäre Wege der Entscheidungsfindung haben usw. Im Grunde haben alle diese Gruppen gemeinsam, mehr oder weniger den gleichen Weg wie jede Partei zu gehen, außer natürlich, dass es normalerweise nicht das Ziel linksradikaler Gruppen ist, irgendwann im Parlament zu sitzen. Was jedoch gleich ist, ist der Anspruch politisch zu handeln. Mit politischem Handeln meine ich hier alle die Schritte, die nicht eine Intervention im Sinne der Überzeugungen der einzelnen Individuen aus der Gruppe darstellen, sondern alles, was damit zu tun hat, eine Gruppenidentität zu schaffen und diese dann aufrechtzuerhalten, sowie alles Handeln, das danach strebt Mehrheiten zu bilden, eine Größe zu suggerieren und Vereinheitlichung zu erlangen, alle Handlungen, in denen es ausschließlich darum geht die Gruppe bekannt zu machen und wachsen zu lassen anstatt die Ideen, die mensch zum Handeln bewegt. Das Schaffen eines Gebildes, das unabhängig von seinen Mitgliedern lebendig wird, dass es deshalb aufrechtzuerhalten gilt, das ist politisches Handeln.

Jedes Selbstverständnis ist zum Beispiel Teil einer Gleichmacherei seiner Mitglieder. Jedes Bündnis, das darauf aus ist, eine möglichst große Masse zusammenzubringen, bei dem dann alle möglichen Kompromisse geschlossen werden, bei dem alle Gruppen einen Aufruf unterzeichnen, hängt der Ideologie einer Mehrheitsdiktatur an, deren Meinung nur etwas zählt, weil besonders viele dahinterstehen. Jede Person, die als Mitglied irgendwo für die ganze Gruppe spricht, als sei diese Gruppe ein eigenes Wesen, das diesen Menschen als Sprecher*in auserkoren hat, verschwindet als Individuum, um dem Gruppenungetüm Platz zu verschaffen. Je größer dabei eine Gruppe wird, desto größer werden Bürokratie, Formalismus und Entfremdung, desto mehr verschwindet das Individuum und seine Überzeugungen, Wünsche und Träume hinter einem Gebilde aus Gleichmacherei und Repräsentation. Jeder politischen Gruppe sind diese Elemente inhärent, denn bereits der Akt eine Gruppe mit eigenem Namen zu bilden, in deren Namen mensch zukünftig handeln möchte, ist bereits ein Akt der Entfremdung und bildet bereits die Grundlage für repräsentatives Handeln und die Unterordnung von Individuen unter eine Idee. Eine Gruppe zu bilden, unter deren Namen mensch zukünftig auftritt, ist bereits repräsentatives Handeln und hat damit den Zwang zu Vereinheitlichung und das Handeln über die Köpfe von anderen Menschen hinweg, also Elemente von Herrschaft, bereits in sich.

Es ist äußerst wichtig, dass jedes Individuum als Individuum handeln kann und Individuum bleibt. Sich einer Gruppe unterzuordnen zum Zwecke des politischen Handelns bedeutet bereits Herrschaftsstrukturen zu akzeptieren. Trotzdem macht es ja durchaus Sinn Gleichgesinnte zu finden, mit denen mensch sich verbünden kann, um in die aktuelle Gesellschaft, die einfach scheiße ist, zu intervenieren, sich zu wehren, für was Cooleres zu kämpfen. Denn zum einen macht es mit anderen zusammen mehr Spaß, mensch hat Gelegenheit sich auszutauschen, sich gegenseitig zu inspirieren, sich zu kritisieren und kritisch zu hinterfragen, zum anderen kann mensch sich auch gegenseitig unterstützen und stützen, sich gegenseitig stärken. Wie findet mensch sich also zusammen ohne Gefahr zu laufen, seine Individualität für eine Idee oder politische Gruppe aufzugeben? Ein Weg dies zu tun, wäre anstatt Gruppen Orte zu schaffen, an denen Menschen, die sich für Anarchismus interessieren, zusammenfinden können, durchaus auch mit speziellen Terminen, an denen Unterschiedliches besprochen wird, jedoch ohne dass mensch anerkanntes Mitglied sein muss. Orte des Kennenlernens, wo Menschen auch aufgrund von Affinität zusammenfinden und nicht, weil sie jetzt beide Mitglied derselben Gruppe sind und deshalb miteinander auskommen müssen. Das können Räume wie anarchistische Bibliotheken sein, oder Konferenzen und Camps, Veranstaltungen zu anarchistischen Themen, Diskussionsveranstaltungen, Cafés und sonstige offene Treffen. Dort haben Menschen Gelegenheit sich für Projekte und Ideen für Interventionen zusammenzufinden, ohne sich jedoch einem Gruppennamen unterzuordnen noch den Zwang zu haben, in dieser Konstellation fix zu bleiben. Zeitungen oder Internetplattformen können ebenfalls ein Medium sein sich auszutauschen. Dabei ist bei beiden Medien wichtig, dass nicht ein einheitlicher Kurs gefahren wird, in dem alle „Mitglieder“ einen Text abnicken müssen, der dann repräsentativ für die Meinung von allen sein soll, sondern eher ein Stimmengewirr von ganz vielen Menschen, die miteinander streiten und sich miteinander auseinandersetzen. In all diesen Formen liegt natürlich so weit eine Vereinheitlichung vor, dass es Möglichkeiten des Austausches über anarchistische Themen sein sollen und nicht etwa demokratische oder kommunistische oder aus sonstigen politischen Richtungen, doch das halte ich für ok. In einem Forum über Lieblingsbücher wäre es schließlich auch unangebracht über Autos zu reden. Was politische Gruppen zu Bündnistreffen machen, bei dem am Schluss ein Outcome rauskommen muss, mit dem alle beteiligten Gruppen leben können, kann in anarchistischer Variante einfach ein Moment des Austausches, der Inspiration, der Diskussion und des Bildens von Kompliz*innenschaften werden, aber ganz ohne Vereinheitlichungszwang, ohne dass mensch mehr braucht als nur einen Namen für das Treffen.

Wie weit sind Namensgebungen für so etwas ok? Grundsätzlich macht es ja schon Sinn, wenn Orte, Treffen, Zeitungen oder auch Verlage einen Namen haben, denn so sind sie greifbar und wiedererkennbar. Mensch muss allerdings darauf achten, dass der Name nicht zur Marke oder zur Identität wird, sondern nur so weit eine Bedeutung hat, wie es zur Identifizierung einer Sache notwendig ist. So wie auch ein Eigenname keine schlechte Sache ist, aber sobald dieser Eigenname Teil eines Personenkultes wird, wie bei Che Guevara oder Ghandi oder Martin Luther King oder Öcalan, ist irgendetwas ganz massiv schief gelaufen, denn dann wird diesem Namen eine Autorität zugestanden, wird dieser Name zur Projektionsfläche und es entsteht ein Anhänger*innenkult, der natürlich per se nicht anarchistisch sein kann.

Betrachten wir uns als Individuen und weder als Teil einer Masse noch als „Messias“, als Anführer*innen oder sonstige glorifizierte Lichtfiguren. Nur wenn wir weder bestimmten Personen noch einer Masse noch einer Gruppe Bedeutung zumessen, überwinden wir hierarchische Strukturen, Herrschaftsgedanken und Ideen von „Volkskörpern“, „Einheitsfronten“, „Einheitsparteien“ und sonstige totalitäre Tendenzen.