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Scheiß auf Pädagogik!

Wie auch immer die Wissensvermittlung in der Schule aussah, irgendwie war sie immer scheiße. Gerade die neuere Pädagogik setzt viel auf Referate, Gruppenarbeiten, Unterrichtsstunden, die Schüler*innen halten müssen oder ein Stationensystem, über das Schüler*innen sich selbst Inhalte erarbeiten sollen. Mir war ja Frontalunterricht am liebsten. Denn dann erwartete mensch keine aktiven Handlungen von mir und ich musste mich auch nicht dem stellen, dass ich in der Klasse komplett ausgeschlossen war, was jede Gruppen- oder Partner*innenarbeit zur Hölle machte. Der Sinn hinter diesen neuen Ansätzen: Selbstständiges proaktives Lernen und Vorbereiten auf den Berufsalltag, in dem mensch auch in der Lage sein müsse Dinge zu präsentieren und sich zu erarbeiten. Frontalunterricht gilt inzwischen zu sehr als Indoktrination, zu sehr als die Schüler*innen einfach mit irgendwelchen Informationen vollpumpen, dabei sollen sie doch Skills erlernen, um auf dem Arbeitsmarkt bessere Chancen zu haben. Super, während mensch früher wenigstens den Zwangsapparat Schule mehr oder weniger passiv ertragen musste, muss er jetzt proaktiv daran teilnehmen. Denn Schüler*innen sollen immer noch nicht aussuchen können, was sie lernen wollen, sondern haben einen gewissen Unterrichtsstoff zu inhalieren. Also immer noch das gleiche Konzept von fremdbestimmtem Abrichten, aber jetzt soll mensch auch noch was dafür tun und den Job der Lehrer*innen übernehmen. Damit die Schüler*innen den Eindruck bekommen ernstgenommen zu werden und mit dem vorgeblichen Ziel ihnen Selbstständigkeit beizubringen. Am Arsch, denn das einzige, was mensch hier beigebracht bekommt, ist, seine Unterdrückung mitzugestalten und für diese Performance auch noch bewertet zu werden, so wie es in der Lebensphase der Lohnsklaverei – nach der Lebensphase der Lernsklaverei – ebenfalls der Fall sein wird. Kein Wunder, dass diese neue Pädagogik selten auf Gegenliebe bei Schüler*innen stößt. Denn diese zwingt sie auch noch zu ihrem Elend aktiv beizutragen, indem sie selber zu Lehrer*innen gemacht werden, durch das Halten von Referaten bis zu ganzen Unterrichtsstunden etc. Es erfordert deutlich mehr Arbeit und wer sich dem verweigert, muss damit rechnen durchzufallen und dann noch länger der Lernsklaverei ausgesetzt zu sein.

Umso erschreckender finde ich es, dass einige Veranstaltungen zum Thema Anarchismus (und natürlich ganz besonders verbreitet bei Veranstaltungen zu Themen der Radikalen Linken) sich anfühlen wie eine Unterrichtsstunde. Besonders Vorträge sind äußerst beliebt. Ein Mensch (oder auch mehrere) steht vorne, meist auf einem Podest, hat eine Präsentation vorbereitet, hat eine Einstiegsfrage vorbereitet, ruft Leute auf, damit sie beispielsweise Zitate von einer Folie vorlesen. Auch Workshops verursachen in mir häufig den heftigen Wunsch zu fliehen, weil ich mich an Gruppenarbeit erinnert fühle. Letztens, bei einer Veranstaltung zum Thema „Anarchismus im Alltag“ ging es sogar so weit, dass die referierende Person Arbeitsaufgaben verteilte, um sich dann zurückzuziehen und zwanzig Minuten später die Ergebnisse auf ihre Richtigkeit zu überprüfen.

In allen genannten Fällen bauten die Menschen also eine Lehrer*innen-Schüler*innen-Beziehung auf. Sie waren da, um zu lehren. Doch ist das denn schlimm? Schließlich haben Menschen entschlossen, irgendein Wissen, das sie haben, mit anderen teilen zu wollen und die, die die angebotene Veranstaltung besuchen, tun dies ja (hoffentlich) freiwillig, um etwas von dieser Person eventuell zu lernen. Jedoch beobachte ich immer wieder, wie nicht nur ich äußerst unwillig und ungehalten reagiere, wenn Menschen auf pädagogische Art und Weise versuchen Dinge zu vermitteln – etwa wenn eine Person eine andere darum bittet, doch bitte zusammenzufassen, was sie gerade gesagt hat oder etwas vorzulesen etc. – und dass die meisten erleichtert sind, wenn es sich bei der angebotenen Veranstaltung um einen Vortrag – also Frontalunterricht – handelt und mensch nichts von ihnen erwartet. Viele Veranstaltungen fühlen sich wie Schule an. Und wenn mensch bedenkt, was für eine Zwangsanstalt eine Schule ist, sollte mensch das zu denken geben.

Ein Prinzip des Anarchismus, wie ich ihn verstehe, richtet sich gegen Expert*innentum, dagegen, dass Menschen in einem Gebiet zur Koryphäe werden, während anderen gesagt wird, dass sie entweder zu dumm dafür sind, oder dass mensch dafür erst einmal ein fünfjähriges (staatlich zertifiziertes) Studium braucht, ehe mensch auch daran zu denken wagen sollte, irgendetwas in die Richtung zu tun. DIY, do it yourself, so lautet die Devise. Scheiß auf Expert*innen, durch die Konzentration des Wissens bei ihnen wirst du in eine Abhängigkeit gedrängt, wird einer Person Autorität zugesprochen, bekommt diese Person eine Machtposition. Deshalb können natürlich trotzdem Menschen Sachen besser als andere – je nach Erfahrung und Interesse – und wenn wir keine Expert*innen wollen, ist es ja auf jeden Fall eine tolle und wichtige Sache, sein Wissen und seine Erfahrung auch zu teilen. Wie stelle ich das jedoch an, ohne mich zum*r Expert*in aufzuschwingen, zum*r Lehrer*in, die den dummen Kinderchen aus ihrem weisen Wissensschatz etwas erzählt? Zum einen kann natürlich jede*r anbieten eigenes Wissen oder Erfahrung zu teilen. Dafür braucht mensch kein Diplom. Jedoch müssen wir auch reflektieren, auf welche Art und Weise wir Wissen teilen wollen. Dabei scheint es mir bereits wichtig, dass mensch den Anspruch hat Wissen zu teilen und nicht Wissen zu vermitteln. Denn bereits in der Haltung einer*s Wissenvermittlers*in erhebe ich mich innerlich über die anderen, denn ich möchte sie bilden. Wenn ich stattdessen jedoch davon ausgehe, dass ich Wissen teilen möchte – wenn es denn jemanden interessiert –, dann betrachte ich die anderen als gleiche Individuen, als Gefährt*innen, die auf derselben Ebene sind wie ich. Jeder Versuch der Pädagogik, von der Bitte doch die eigenen Ergebnisse mit Edding auf ein großes Blatt Papier zu schreiben über der Verteilung von Arbeitsaufträgen, macht mich zum*zur Lehrer*in, mit dem Ziel den Lerneffekt zu vergrößern. Wenn ich jedoch einfach nur mein Wissen teilen möchte, dann ist mir der Lerneffekt der anderen egal, die, die teilnehmen, können selbst entscheiden, wieviel sie davon mitnehmen wollen und auf welche Art und Weise. Das ist nicht mein Bier. Ich bin nicht dazu da die anderen zu erziehen, sondern lediglich dazu da meine Geschichte denen zu erzählen, die sie gerne hören möchten. Grundsätzlich würde ich solche Veranstaltungen auch so betrachten, dass mensch sich über Wissen austauscht, dass mensch also die anderen nicht als „Unwissende“ betrachtet, sondern als welche mit einem anderen Wissen, das dann mit mir als der veranstaltenden Person in Interaktion tritt. Wenn ich mich als refererierende/veranstaltende Person als getrennt oder losgelöst von den anderen betrachte, dann gehe ich an die Veranstaltung auf andere Weise heran als wie wenn ich die anderen als (potenzielle) Gefährt*innen betrachte. Deshalb suche ich auch den Austausch mit den Leuten und versuche nicht sie zu bilden. Wenn wir mit einer solchen Perpektive im Kopf und mit einem Hass auf alles Schulische eine wissensteilende Veranstaltung machen, dann ist das meiner Meinung und Erfahrung nach für alle ein Gewinn.