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Gegen seine Geschichte, Gegen Leviathan! – Kapitel 3

Das Mehrprodukt, der berühmte Gewinn, verhalf Leviathan nicht zu seinem Aufstieg. Im Gegenteil: Es ist Leviathan, der den Gewinn ermöglicht. Gemeinschaften von Menschen brauchten diesen Gewinn kein bisschen mehr als Gemeinschaften von Wölfen.

Bienen benötigen einen Gewinn, um ihre Königin zu ernähren. Der Leviathan benötigt einen Gewinn, nicht nur um seine Götter und ihre Schreinwärter*innen zu ernähren, sondern vor allem um den Lugal, die Ensis und die Schriftgelehrten, sowie die Federn und Räder, mit denen Kriege geführt werden, zu verpflegen.

Der erste Leviathan revolutionierte nicht die materiellen Produktionsbedingungen, sondern begründete sie; er ist an sich synonym zu den materiellen Produktionsbedingungen. Der erste Leviathan revolutionierte die Bedingungen der Existenz selbst und nicht bloß die der menschlichen Wesen, sondern die aller lebendigen Wesen und der von Mutter Erde selbst.

Das Mehrprodukt taucht zusammen mit den Gefäßen auf, in denen es gelagert wird. Menschliche Gemeinschaften besaßen bereits seit langem Körbe und Vasen, wenngleich kaum mehr als sie von ihren Winterlagern in ihre Frühlingslager transportieren konnten. Sie benötigten sie nicht. Mit dem Aufstieg des ersten Leviathans findet eine buchstäbliche technologische Revolution in der Gefäßherstellung statt. Turner und vor ihm Mumford haben die rapide Vermehrung von Eimern, Vorratsgefäßen und Tontöpfen erwähnt, die nun auftauchen.

Tatsächlich ist das von Mauern eingeschlossene und mit Korn gefüllte Ur an sich ein großes Fass, ein stadtgroßer Vorratsspeicher.

Mehrprodukt ist bloß ein anderer Name für Leviathans materiellen Inhalt, für seine Eingeweide. Es kann für sich kaum existieren, der Luft ausgesetzt ist es “reif” dafür, dass sich um es der Kadaver des Ungetüms formt.

Gemeinschaften freier Menschen haben üblicherweise genug Essen aufbewahrt, um durch einen durchschnittlichen Winter zu kommen und obwohl einige ihrer Träumer*innen exzellente Meteorologen waren, mussten sie häufig knausern und sparen, wenn der Himmel die*den Träumer*in überlistete.

Der erste Leviathan lagerte erst genug für den schlimmsten vorstellbaren Winter und dann für mehrere, da die freien Menschen nicht mehr die Arbeit verrichten. Ein lebendiges Wesen, das so vollgestopft wäre, würde ersticken oder platzen. Es gibt Massen von jedem vorstellbaren Produkt. Und wo es Massen gibt, da gibt es Handel.

Handel ist sehr alt. Im Naturzustand ist Handel etwas, das die Menschen mit ihren Feinden treiben. Sie handeln nicht mit ihrer Sippschaft.

Eine Person gibt Dinge, ebenso wie sie Lieder oder Geschichten oder Visionen an ihre Sippschaft weitergibt. Die*der Empfänger*in mag sich oder mag sich nicht bei einer anderen Gelegenheit revanchieren. Das Geben ist die Quelle der Zufriedenheit. Wir mögen davon so weit entfernt sein, dass wir das nicht verstehen werden. Das ist unsere Unzulänglichkeit, nicht ihre.

Sie handelt nur mit Feinden. Wenn eine feindliche Gruppe, egal ob nah oder fern, etwas hat, das sie möchte, geht sie und einige gut bewaffnete Cousinen mit etwas zu den Feind*innen, das diese wollen könnten. Sie bietet ihr Geschenk an und die Feinde bieten lieber auf der Stelle das Ding an, das sie will oder sie wird ihr Geschenk sofort zurück in ihr Dorf tragen.

Kurz nach dem Aufkommen des ersten Urs nimmt der Handel überhand. Beinahe Jede*r ist nun Jedermans Feind*in. Wenn du jemandem ein Geschenk gibst, dann erwartest du das zu bekommen, für das du gekommen bist; du führst peinlich genau Buch darüber auf deiner Tontafel und wehe dem, der das unterlässt.

Der bloße Anblick der Massen lässt eine neue menschliche Eigenschaft entstehen. Diese Eigenschaft wird sich so weit verbreiten, dass wir nicht mehr glauben werden, dass sie nicht schon immer existierte: Gier.

Du kannst sehen, dass über die Hälfte des Korns in den Speichern jedes Jahr ungenutzt verrottet. Und du weißt, dass es im Zagros-Gebirge und in der Levante Lager von Fremden gibt, die kaum genug Essen lagern, um sich durch einen harten Winter zu bringen. Die im Zagros-Gebirge tragen wunderschöne Fellbekleidung und die in der Levante gewinnen einen violetten Farbstoff aus Muscheln.

Du, der Bruder einer*s Priester*in und der Cousin einer*s Ensis, ziehst mit vierzig Wagenladungen Korn, dem Jahresertrag von vierzig Zeks, in das Zagros-Gebirge. Du startest gegen Ende eines langen, harten Winters. Du bekommst zehn Pelzgewänder für jede Wagenladung. Du kehrst mit dem, was nach einer kleineren Ladung aussieht nach Ur zurück, aber als du erst einmal in Ur bist, sind die Menschen bereit, dir für jedes Gewand eine Wagenladung Korn und mehr zu geben. Bald schon hast du mehr Gewänder und Korn als jeder andere Mann in Ur.

Aber eines Winters erreichst du das Lager der Fremden und sie weigern sich, dir zehn Gewänder für eine Wagenladung zu geben. Sie behaupten, dass sie nicht so viele Felle hätten. Vielleicht ist ihnen gedämmert, dass sie ausgeplündert werden, dass die Beziehung, die sie mit dir eingegangen sind, keine Beziehung zwischen ihren Fellen und deinem Korn ist, sondern zwischen ihnen und den Zeks, die das Korn ernten und dass du ein Dieb bist, der von beiden stiehlt.

Also stürzt du mit deinem Korn zurück nach Ur und kehrst mit deiner*m Cousin*e der*dem Ensi und einer Bande gut bewaffneter Männer ins Lager der Fremden zurück. Die Männer der*s Ensis streifen die Gewänder von den Rücken der Fremden ab. Doch es gibt immer noch nicht genügend Gewänder, also kehren die Männer der*s Ensis mit einigen der Söhne und Töchter der Fremden nach Ur zurück.

Ur hat die Stufe des Außenhandels erreicht.

***

 

Es gibt einige Hinweise dafür, dass die sumerischen Händler*innen ihrer Gier in den Osten bis nach Indien und in den Westen bis nach Anatolien und vielleicht sogar bis in die Ägäis, sowie bis zum ersten oder zweiten Wasserfall des Nils in den Süden gefolgt sind. Bevor ich über ihre Reisen spekuliere, muss ich auf ein anderes Thema eingehen, da die modernen Vorurteile mit den wenigen Hinweisen, die es gibt, Schindluder getrieben haben.

Viele, wenn nicht die meisten der frühen Archäolog*innen waren aufgeklärte, fortschrittliche und unverfrorene Rassist*innen. Das Aufkommen der mörderischen Leviathane war für sie ein großer Moment und sie behaupteten, dass der Leviathan der entsprechenden Rasse der Vater all der anderen Leviathane wäre.

Ein wenig später, während der Ära der Völkergemeinschaft, wurde der Rassismus ein klein wenig gedämpft. Es wurde gesagt, dass die Menschen in Ägypten sowie die in Persien und Indien alle mit dem Genie ausgestattet gewesen wären, um Maschinen des permanenten Krieges zu entwickeln, dass sie durch Zufall alle ihre eigenen Leviathane während der gleichen paar Generationen unabhängig voneinander entwickelt hätten.

Die Meisterleistung einen Leviathan zu erschaffen wird als ein Zeichen von Genie betrachtet. Aber ist diese Heldentat ein Zeichen von Genie oder eines der Geisteskrankheit? Wer außer Schwachköpfen würde ohne einen guten Grund dafür den Naturzustand verlassen und sich in die Eingeweide des Kadavers eines künstlichen Wurmes begeben? Die Annahme, dass zahlreiche menschliche Gemeinschaften dieser Idiotie zu einem bestimmten Zeitpunkt, jede aus ihrer eigenen Initiative, unterliegen, ist weder plausibel noch wohlwollend. Es bedarf vielmehr einer Genialität, um das Ungeheuer von sich fern zu halten.

Es gibt viele Wege, das Monster von sich fern zu halten. Unglücklicherweise für die menschlichen Gemeinschaften, führen nicht alle diese Wege zu einer sicheren Zuflucht. Um mich kurz zu fassen, werde ich diese Wege auf zwei beschränken: Die Gemeinschaft kann sich selbst physisch außer Reichweite des Ungeheuers halten, oder sie kann bleiben wo sie ist und versuchen, dem Ungeheuer standzuhalten.

Die frühesten Tafeln zeichnen die Bewegungen von Gemeinschaften außerhalb des Gebiets von Sumerien nicht auf. Es wird angenommen werden, dass die letzten Immigrant*innen des Double-Kontinents auf der anderen Seite der Erde von Ur, die Inuit-Stämme, um ungefähr die Zeit beginnen, von Siberien nach Alaska und Grönland überzusiedeln, als sich der erste Leviathan in Bewegung setzt. Es wird keinen Beweis dafür geben, dass diese Menschen von anderen in einer frühen Version der heute berühmten Analogie fallender Dominosteine verdrängt werden. Tonybee und andere werden solche Bewegungen in späteren Zeitaltern dokumentieren, als die Feldzüge chinesischer Generäle Menschen, die an der chinesischen Mauer lagerten, verdrängten, die wiederum alle anderen vor sich herschoben, durch ganz Eurasien bis vor die Tore Roms. Wir werden wissen, dass eine große Anzahl eurasischer Gemeinschaften sich erfolgreich außerhalb der Reichweite des Ungeheuers halten, bis der Leviathan namens UdSSR in unserer Zeit die letzte von ihnen verschlingen wird.

Physisches Entfernen, also fliehen oder wie wir sagen werden, herausfallen, entzieht eine*n effektiv der Reichweite des Ungeheuers. Aber schließlich wird niemand endgültig fliehen, da der Leviathan die Größe der Welt schrumpfen und alle Zufluchtsorte in freie Felder verwandeln wird.

Und nicht alle Gemeinschaften wollen fliehen. Ihre Täler, Haine und Oasen, die Orte an denen ihre Vorfahren begraben sind, sind mit vertrauten und oft freundschaftlichen Geistern erfüllt. So ein Ort ist geweiht. Er ist das Zentrum der Welt. Die Landmarken dieses Ortes sind die Orientierungsprinzipien der Psyche des Individuums. Ohne sie hat das Leben keine Bedeutung. Für eine solche Gemeinschaft ist das Verlassen ihres Ortes gleichbedeutend mit einem gemeinschaftlichen Selbstmord.

Also bleiben sie, wo sie sind. Und sie werden von den bizarren Lippen des Monsters geküsst. Artefakte sumerischen Ursprungs werden in frühen ägyptischen sowie indischen Stätten gefunden werden. Wir werden nicht wissen, wer diese Artefakte trägt, aber wir werden wissen, dass es im Zeitalter des ersten Urs einfacher ist von Mesopotamien zum Nil zu laufen, selbst nachdem Urlugal damit beginnt, die Region in eine “sich verdunkelnden Ebene, weggefegt von verworrenen Rufen zum Kampf und zur Flucht, wo unwissende Armeen des Nachts zusammentreffen” zu verwandeln. Verglichen mit dem, was moderne Leviathane mit dieser Region machen werden, ist die sich verdunkelnde Ebene aus Urlugals Zeitalter ein friedlicher Garten und der Cousin einer*s Ensis würde keine Probleme haben, in ihm zu wandeln.

Von den weiter entfernten Orten werden wir wissen, dass als die Meeres- und Landkarawanen zwischen dem Fruchtbaren Halbmond und Indien erstmals in den Aufzeichnungen erwähnt werden, diese nicht als etwas Neues, sondern als etwas sehr Altes erwähnt werden und die erste Erwähnung der Seidenstraße nach China wird keine Antrittsrede sein.

Leviathane werden irgendwann riesig, so groß wie Kontinente. Aber wir sollten diese ungeheuren Ausmaße nicht auf die frühen Tage projizieren und von diesen ersten Kontakten annehmen, dass diese häufig stattfanden und viele Menschen umfassten. Unter bestimmten Umständen kann ein Kiesel an einer Quelle den Verlauf des gesamten Flusses verändern. Wir kennen alle den späteren Reisenden Marco Polo, der auf den Geschmack chinesischer Pizza, Spaghetti und Ravioli kam und diesen Geschmack über die gesamte Länge von Eurasien brachte und damit den Speiseplan Italiens vollständig umkrempelte. Ich würde vermuten, dass nur zwei Besuche, der erste von dem kaufmännischen Cousin des Ensis und der zweite vom Ensi und seiner Strafexpedition, einen starken Eindruck auf jede Gemeinschaft im Naturzustand machen würde. Und sumerische Kaufleute reisten weit, sowohl zu Lande als auch zu Wasser, an entferte Orte, die sie Dilmun, Magan und Meluhha nannten.

Ich lasse die*den Leser*in über die Details solcher Begegnungen spekulieren. Ich werde nur sagen, dass nachdem die Kinder der Schuldner*innen von den speerbewaffneten Schlägertypen gekidnappt worden sind, ein Mitglied der Gemeinschaft, das von den positiven Wundern der Zivilisation spricht, ein Trottel ist, nicht nur in den Augen seiner Sippe, sondern auch in den unseren.

***

Hier stoßen wir auf ein Problem, das die Menschen seit dem Zeitalter des ersten Urs geplagt hat, das Problem des Widerstands. Einige von uns werden sich rückblickend wünschen, dass die Gemeinschaften in Reichweite Urs das erste Monster in seinem Unterschlupf zerstört hätten, solange es isoliert und noch nicht besonders groß gewesen ist.

Offensichtlich haben zahlreiche Gemeinschaften im Zagros-Gebirge und den persischen Ebenen genau das versucht, aber sind gescheitert.

Andere, weniger zuversichtlich, vielleicht der Macht ihrer Götter angesichts des Anblicks von Panzern und Rädern weniger gewiss, machen das Zweitbeste nach dem Fliehen; sie mauern sich ein und damit die Klauen des Monsters aus. Die Mauern beschützen diese Widerstandleistenden vor den Klauen Urs, aber halten die Widerständler*innen nicht aus Leviathans Eingeweiden heraus.

Warum scheitern die Widerständler*innen? Das ist eine wichtige Frage, die Frage des Lebens gegen den Tod. Norman O. Brown macht das zum Titel eines sehr informativen Buches.

Vorstaatliche Gemeinschaften waren Zusammenkünfte lebendiger, aber sterblicher Individuen. All ihre Geheimnisse, all ihre Gepflogenheiten wurden direkt weitergegeben, durch das gesprochene Wort. Wenn die Verwahrerin wichtiger, unkommunizierter Geheimnisse starb, starben ihre Geheimnisse mit ihr. Feindschaften und Grolle starben mit ihren Inhaber*innen. Die Visionen und die Gepflogenheiten waren so verschieden wie die Individuen, die sie erlebten und ausübten; deshalb gab es einen solchen Reichtum. Aber die Visionen und Gepflogenheiten waren ebenso sterblich wie die Menschen. Sterblichkeit ist ein untrennbarer Teil des Lebens: Sie ist das Ende des Lebens.

Wir projizieren noch immer moderne Institutionen in den Naturzustand. Es gab keine Institutionen im Naturzustand.

Institutionen sind unpersönlich und unsterblich. Sie teilen diese Unsterblichkeit mit keinem lebenden Wesen unter der Sonne. Natürlich sind sie keine lebendigen Wesen. Sie sind Segmente eines Kadavers. Institutionen sind kein Teil des Lebens, aber ein Teil des Todes. Und der Tod kann nicht sterben.

Ensis sterben und Zeks sterben, aber die Arbeitskolonnen “leben” weiter. Generäle und Soldat*innen sterben, aber Urs Armee “lebt” weiter und wächst sogar an und wird tödlicher. Das Gefilde des Todes wächst, aber die Lebenden sterben. Das erzeugt Probleme, mit denen die Widerständler*innen bisher nicht in der Lage gewesen sind umzugehen.

Diejenigen, die versuchen, den ersten Leviathan zu zerstören, indem sie seine Mauern erstürmen, die Guti und andere aus dem Zagros-Gebirge, die Elamiten von den persischen Ebenen, die Kanaaniten und andere Semiten aus der Levante können keine einfache Kriegspartei mit einem inoffiziellen Stammesführer entsenden wie in den alten Tagen. Eine Kriegspartei aus einem einzigen Lager würde nicht einmal die Vororte von Ur erreichen. Sie müssen sich mit anderen Lagern verbünden, mit so vielen wie möglich, bevor sie überhaupt einen ernsthaften Überfall erwägen können. Und wenn sie sich erst einmal verbündet haben und angreifen, können sie sich nicht einfach zerstreuen und zu dem dörflichen Leben zurückkehren, wie sie es zuvor immer gekonnt hatten. Sie mögen sogar Urs Hauptarmee besiegen, aber noch bevor ihre Siegesfeier endet, erreicht sie die Kunde, dass Urs unsterbliche Armee bereits weitere ihrer Sippe niedergemetzelt hat.

Da sie sich also die Mühe gemacht hatten, sich zu verbünden, blieben sie verbündet. Die jungen Männer legen ihre Speere nicht ab. Das ist bisher ungekannt, aber wie sonst sollen sie dem Monster Widerstand leisten? Sie haben sich selbst dazu verpflichtet zu bleiben und sie fühlen sich genötigt, die schrecklichen Konsequenzen zu ertragen.

Ihre bewaffneten Männer verfahren mit den Fremden so, wie die Fremden mit ihnen verfahren sind. Sie kehren mit gefangenen Sumerern zurück und die Gefangenen werden für lokale Schreine und Befestigungsanlagen an die Arbeit geschickt.

Die Technologie schreitet rasant voran. Das Gefilde des Todes breitet sich aus. Bald gibt es viele Leviathane. Es gibt Elam in den persischen Ebenen, es gbt Mari und Ebla und andere in der Levante und es ist die Rede von einem Leviathan der Guti irgendwo in den Bergen. Die mutigen Kämpfer*innen waren nur erfolgreich darin, sich selbst zu besiegen.

***

Diejenigen, die sich selbst einmauern, tappen in eine ähnliche Falle.

Gemeinschaften haben schon früher Mauern errichtet, zum Beispiel in Jericho. Aber sie haben die Mauer nur einmal errichtet. Mauerbauen war bei ihnen keine Institution. Die draußen lagernden Feind*innen waren nicht die unsterbliche Armee des Urlugals. Sie waren eine andere Gemeinschaft, die entweder an einen anderen Ort zog oder die unter denen von Jericho Ehemänner und Ehefrauen fanden und aufhörten Feind*innen zu sein.

Das ist nicht mehr der Fall für die Erbauer*innen der Mauern an den Ufern des Nils, für diejenigen, die das ummauerte Mohenjo Daro an den Ufern des Indus errichteten, für diejenigen, die sich selbst geringfügig später in Festungen in Zentralanatolien einschlossen.

Die leviathanischen Invasor*innen sind keine Gemeinschaften freier Sterblicher. Sie sind Abgesandte von etwas, das weder weggeht noch stirbt. Selbst ihre Erinnerungen sind nicht menschlich, sondern bestehen aus Steinen, die in Beuteln getragen werden. Jerichos Mauern reichen nicht länger. Die Mauen müssen hoch und stark sein und sie müssen ebenso oft repariert werden wie die Dämme von Erech.

Die Jahreszeiten vergehen und die Generationen gehen dahin, und immer noch müssen die Mauern gewartet werden. Und Generation für Generation repariert sie.

Die Seherin, die von der Notwendigkeit dieser Mauern geträumt hatte, hat ihre letze wichtige Vision erlebt. Von diesem Tag an hat ihre Sippe ihr nur spärlich Aufmerksamkeit gewidmet; sie hat ihren Bruder, Pharao, umschwänzelt, der in seiner Person die Ämter des sumerischen Priesters und des sumerischen Lugals vereint.

Mauern können nicht dauerhaft mit einer vorübergehenden Arbeitsteilung in Stand gehalten werden. Zunächst werden die Besteller*innen des Bodens eingeladen, beim Bau der Mauer zu helfen, im Austausch gegen anregende Visionen sowie Korn, das von den Männern Pharaos von anderen Bauern geplündert worden ist. Und die freien Bauern bauen, offenbar aus eigenem Antrieb, erhabene wunderschöne Mauern und Säulen und Schreine, mit Oberflächen, die reich mit gemeißelten und gemalten Motiven geschmückt sind, die jeder*m am Nil etwas bedeuten.

Aber eine permanente Arbeitsteilung ist zwanghaft, schlicht weil sie dauerhaft ist und Zwang ist an den Ufern des Nils bald so gewöhnlich wie an denen des Tigris. Was von einer Generation freiwillig getan wurde, wird von der nächsten erwartet und ihr aufgezwungen. Ägypten ist nicht länger ein Ort, an dem die Menschen Gepflogenheiten teilen; es ist nun ein Ort, an dem einige anderen Gesetze auferlegen. Gepflogenheiten waren immer Lebensweisen; Gesetze sind keine Gepflogenheiten freier Menschen. Gesetze sind die Gepflogenheiten Leviathans.

Die Arbeiten, die für Pharao verrichtet werden, sind nicht frei gewählt; es sind aufgezwungene Aufgaben, erzwungene Arbeit.

Und wie ein lebendiger Wurm, der sich selbst aus einem einzigen Segment wiederherstellt, wird vom Haushalt das Pharaos ein vollständiger Leviathan ausgeschieden. Die Erbauer*innen und Handwerker sind nicht länger eingeladen. Pharao führt nun Armeen nach Norden an, nach Sinai und in der Levante, in den Süden nach Nubien. Er kehrt mit Gefangenen zurück. Er legt denen, die nicht gefangen genommen werden, schwere Tribute auf und lässt Tribut-Eintreiber*innen in entfernten Garnisonen zurück. Wie der Lugal hat er nun Schriftgelehrte, die Aufzeichnungen über die Tribute führen und er entsendet Strafexpeditionen.

Auch Pharao hat nun ein künstliches Gedächtnis, eine Datenbank, wie wir sie nennen würden. Seine Schriftgelehrten haben ihrerseits eine Schrift entwickelt, ebenso wie die Schriftgelehrten im entfernten Mohenjo Daro am Indus. Die Zeichen und Materialien sind verschieden, aber das Ziel ist das gleiche. Und Pharaos Schriftgelehrte, wie die des Lugals, haben ein künstliches Jahr entwickelt, einen Kalender, die früheste Form einer Uhr, um die Tage vorherzusehen, wenn die Feldfrüchte der Schuldner*innen reif werden.

Wie traurig! All das wird getan, um die alten Gewohnheiten vor dem Angriff eines Ungeheuers mit “einem Blick so ausdruckslos und unbarmherzig wie die Sonne” zu bewahren. All das wird wegen der Geister des Tals gemacht, für die Gottheiten der alten Gemeinschaft.

Wir müssen uns erinnern, dass aufgeklärte Fortschrittliche, die all das für die Produktivkräfte, für die Wissenschaft und Technologie, für den Leviathan selbst tun, noch nicht geboren wurden. Vielleicht findet man in den beeindruckend säkularen Städten Sumeriens bereits die Vorgänger*innen moderner Fortschrittlicher, aber selbst dort kommt der Gott im Tempelturm zuerst.

In Ägypten gibt es nicht einmal einen Funken fortschrittlicher Aufklärung und für mindestens hundert Generationen wird es dort auch keinen geben. Dort ist das Ziel all der Gewalt, der Gefangennahme von Fremden, dem Zerfleischen von Gemeinschaften, die alte Gemeinschaft zu bewahren, das Leben gegen den großen Kadaver zu verteidigen. All das Morden der Überfälle, Invasionen und Kriege ist geheiligtes Morden. Es wird im Namen des Lebens getan, im Namen der Geister der Tiere, der Pflanzen, des Flusses, der Unterwelt und des Himmels.

Aber die Welt der Geister schrumpft, wie sie es in Sumerien getan hat, und wird auf den Tempel eingeschränkt, der in Ägypten zugleich auch der Haushalt des Pharaos ist.

Unglücklicherweise für die Ägypter kann das Leben nicht in einem abgedichteten Gefäß bewahrt werden. Es verkümmert und schließlich stirbt es.

Der traurige, langsame Tod kann auf den Gemälden Ägyptens, seinen Skulpturen, in seinen Überlieferungen und in seinen Schreinen gesehen werden.

Die frühesten Maler*innen und Bildhauer*innen atmen offensichtlich noch immer die Luft der Gemeinschaft, die Pharaos Haushalt als intakt zu bewahren beabsichtigt. Diese Menschen sind noch immer in Kontakt mit Frauen, die ihre Körper verlassen und die Unterwelt besuchen, mit Männern, die sich selbst gen Himmel strecken und fliegen, mit Menschen, die tatsächlich mit dem Schakal und dem Steinbock sprechen, da sich die Götter noch immer unter die Menschen mischen. Pharaos erste Handwerker kennen noch solche Seher*innen, aber nicht sehr viele und die nächste Generation kennt nur noch weniger.

Es gibt noch immer Seher*innen, die Visionen und Offenbarungen haben, aber wer weiß, welche Fremden sie inspiriert haben? Schließlich kann nur noch den Visionen des Pharaos vertraut werden und Pharao sich selbst auf die Visionen der Alten zu beschränken.

Die Götter hören von dem Tag an, an dem Pharao sich vornimmt, die Götter zu verteidigen und zu bewahren, auf, sich unter die Menschen zu mischen. Und ungeachtet aller Anstrengungen Pharaos sterben die Götter. Ich denke es liegt an seinen Anstrengungen, dass sie sterben. Ich behaupte nicht, viel über Gottheiten zu wissen, aber es scheint, dass sie Leviathane ebensowenig gutheißen können, wie die Menschen Plagen gutheißen; Götter sind unter den ersten Opfern des Kadavers, das Ungeheuer ist gottesmörderisch.

Der Tod der ägyptischen Götter ist dokumentiert. Nach zwei oder drei Generationen unter Pharaos Schutz springen oder fliegen die Figuren auf den Mauern und Säulen des Tempels nicht länger; sie atmen nicht einmal mehr. Sie sind tot. Sie sind leblose Kopien der vormals lebenden Figuren. Die Kopist*innen sind exakt, wir würden sagen pedantisch; sie scheinen zu glauben, dass gewissenhaftes Kopieren der Originale die Kopien zum Leben erwecken wird.

Ein ähnlicher Tod und Verfall muss auch die Lieder und Zeremonien verblassen lassen. Was einst eine vergnügliche Feier, selbstaufgebende, orgiastische Kommunion mit dem Jenseitigen war, schrumpft auf leblose Rituale, offizielle Zeremonien, die vom Kopf des Staates und seinen Beamten geleitet werden, zusammen. Es wird alles zu einem Theater und alles ist inszeniert. Es geht nicht länger um Teilen, sondern um die Show. Und es erfasst die*den Teilnehmer*in nicht länger, die*der nun zu einer*m bloßen Zuschauer*in wird. Er fühlt sich von der Macht des Haushalts von Pharao vermindert, eingeschüchtert und verängstigt.

Unsere Gemälde, Musik, Tänze, alles, was wir Kunst nennen, wird das Erbe dieser todgeweihten spirituellen Aktivität sein. Was wir Religion nennen, wird ein weiteres totes Erbe sein, aber auf einer so fortgeschrittenen Ebene der Verwesung, dass ihre einst lebendige Quelle nicht länger erahnt werden kann.

***

Während die Ekstase der ehemals lebendigen Gemeinschaft im Tempel dahinschmachtet und einen langsamen und qualvollen Tod erleidet, verlieren die Menschen außerhalb der Bezirke des Tempels, aber innerhalb derer des Staates, ihre innere Ekstase. Der Geist in ihnen dörrt aus. Sie werden zu beinahe leeren Hüllen. Wir haben gesehen, dass dies sogar in Leviathanen passiert, die, zumindest ursprünglich, aufgebrochen waren, um einem solchen Schwund Widerstand zu leisten.

Während die Generationen dahingehen, werden die Individuen innerhalb der künstlichen Eingeweide des Kadavers, die Ensis ebenso wie die Zeks, das Bedienungspersonal der Segmente des großen Wurmes, zunehmend den Federn und Rädern, die sie bedienen, ähnlicher; so sehr, dass sie später irgendwann als nichts anderes als Federn und Räder erscheinen. Sie werden niemals vollständig zu Automaten reduziert; Hobbes und seine Nachfolger*innen werden das bedauern.

Menschen werden niemals vollständig zu leeren Hüllen. Ein Funken Leben bleibt in den gesichtslosen Ensis und Zeks zurück, die eher wie Federn und Räder erscheinen als wie Menschen. Sie sind potenzielle Menschen. Sie sind schließlich die lebendigen Wesen, die dafür verantwortlich sind, dass der Kadaver zum Leben erwacht, sie sind diejenigen, die den Leviathan reproduzieren, abstillen und bewegen. Sein Leben ist nichts anderes als ein geborgtes Leben; weder atmet er, noch vermehrt er sich; er ist nicht einmal ein lebendiger Parasit; er ist eine Ausscheidung und sie sind diejenigen, die ihn ausscheiden.

Die zwanghafte und obligatorische Reproduktion des Lebens des Kadavers ist das Thema von mehr als einem Essay. Warum machen die Menschen das? Das ist das große Rätsel des zivilisierten Lebens.

Es genügt nicht zu sagen, dass die Menschen dazu gezwungen sind. Die ersten eingefangenen Zeks mögen es nur deshalb tun, weil sie physisch gezwungen werden, aber physischer Zwang erklärt nicht mehr, warum die Kinder der Zeks sich an ihren Schalthebeln festklammern. Nicht dass der Zwang vergeht. Er tut es nicht. Arbeit ist immer erzwungene Arbeit. Aber etwas anderes passiert, etwas, das den physischen Zwang ersetzt.

Zuerst wird die auferlegte Aufgabe als Bürde betrachtet. Der neu eingefangene Zek weiß, dass er kein Klempner ist, er weiß, dass er ein freier Kanaanäer ist, der bis zum Rand mit ekstatischem Leben gefüllt ist, da er noch immer die Geister der Berge und Wälder der Levante in sich pulsieren fühlt. Das Klempnern ist etwas, das er auf sich nimmt, um nicht abgeschlachtet zu werden; es ist etwas, das er bloß trägt, wie eine schwere Rüstung oder eine hässliche Maske. Er weiß, dass er die Rüstung abwerfen wird, sobald der Ensi ihm den Rücken zuwendet.

Aber die Tragödie dessen ist, dass je länger er die Rüstung trägt, desto weniger ist er in der Lage sie zu entfernen. Die Rüstung klebt an seinem Körper. Die Maske wird mit seinem Gesicht verklebt. Versuche die Maske zu entfernen werden zunehmend schmerzhaft, da die Haut dazu neigt, sich mit ihr abzulösen. Es gibt immer noch ein menschliches Gesicht unter der Maske, ebenso wie es noch immer einen potentiell freien Körper unter der Rüstung gibt, aber ihre bloße Enthüllung erfordert beinahe übermenschliche Anstrengung.

Und als ob all das nicht schlimm genug wäre, beginnt auch noch etwas mit dem inneren Leben des Individuums zu passieren, mit seiner Ekstase. Sie beginnt auszutrocknen. Ebenso wie die lebendigen Geister der ehemaligen Gemeinschaft schrumpften und starben, als sie in den Tempel eingesperrt wurden, so schrumpft und stirbt auch der lebendige Geist des Individuums innerhalb der Rüstung. Sein Geist kann in einem geschlossenen Gefäß nicht besser atmen, als die Götter es konnten. Er erstickt. Und sowie das Leben in ihm schwindet, lässt es eine wachsende Leere zurück. Der klaffende Abgrund wird so schnell wieder gefüllt, wie er sich auftut, aber nicht mit Ekstase, nicht mit lebendigen Geistern. Die Leere wird mit Federn und Rädern gefüllt, mit toten Dingen, mit der Substanz des Leviathan.

***

Der einst freie Mensch wird zunehmend zu dem, von dem Hobbes denken wird, dass er es ist. Die Rüstung, die einst außen getragen worden ist, hüllt sich um das Innere des Individuums. Die Maske wird zum Gesicht des Individuums. Oder wie wir sagen werden: Die Einschränkung wird verinnerlicht. Das ekstatische Leben, die Freiheit schrumpft zu einer bloßen Möglichkeit. Und Möglichkeit ist, wie Sartre hervorheben wird, Nichts.

Diese Reduzierung wird in den Städten Sumers am sichtbarsten, an den Leviathanen, die in dieser Hinsicht auch erstaunlich modern sind. Sie wird so sichtbar, dass die Sumerer*innen sie selbst zu bemerken beginnen. Es sind nicht die zunehmend betäubenden Ritualisierungen der Aktivitäten des Tempels, die sie plagen, und genausowenig die sogar noch auffälligere innere Leere der Ensis und ihrer Familien. All das scheint als Konsequenzen akzeptiert zu werden, die aus dem Bedarf an einer verlässlichen Quelle an Wasser und Zeks resultieren. Was sie plagt, ist, dass die Nachfahren der ersten Sumerer selbst zu Zeks reduziert werden. Das wichtigste Werkzeug dieser Reduzierung ist der Handel, oder wie wir es nennen würden, das Geschäft. Die sumerische Stadt ist mehr als jeder andere frühe Leviathan ein Paradies für Geschäftsleute.

Ein Geschäftsmann ist ein Mensch, der seiner lebendigen Menschlichkeit vollständig entleert wurde. Er ist der Definition nach eine Person, die in und durch die körperlichen Eingeweide des Leviathans gedeiht. Menschen, die zu Dingen reduziert sind, sind unter den Objekten in den Eingeweiden des Ungeheuers und sie sind offensichtlich Freiwild für diese Jagd nach Profit. Die Maxime der Geschäftsleute ist, schon lange bevor Adam Smith sie publizieren wird: Jeder Mensch für sich selbst und die Götter gegen alle.

Wir haben bereits gesehen, wie der sumerische Geschäftsmann eine Gemeinschaft von Fremden zu Schuldner*innen, dann zu Zahlungsunwilligen und schließlich zu Zeks reduzierte. Er wendet nun die gleich ökonomische Weisheit gegen die Fremden innerhalb Sumers an und schließlich hört er damit auf, zwischen Fremden und Sumerern zu unterscheiden.

Die Reduzierung geht zur Zeit der Herrschaft von Urukagina so weit, dass selbst der Lugal davon gestört wird. Und dieser Lugal entscheidet, etwas dagegen zu unternehmen, oder veröffentlicht zumindest eine Tafel, die eine solche Intervention behauptet.

Dieser Urukagina, der das Amt des Lugals von Lagesch zu einer Zeit ausübt, als seine südlichen Nachbar*innen bereits die Ufer des Nils mit den ersten Pyramiden verziert hatten, mag nicht der erste Reformer gewesen sein. Er ist der erste dokumentierte Reformer. Er ist der Erste von Vielen, die das Wohlergehen des gesamten Wurmes über das Wohlergehen eines einzelnen Segments stellen. Er kann sehen, dass die gierigen Profitsuchenden, die bloß ein Segment des Ganzen ausmachen, den Zusammenhalt des Kadavers beeinträchtigt hatten, seine Fähigkeit sich zu bewegen, indem sie seine gesamten Eingeweide aufgefressen hatten. Er proklamiert, dass die Vipern “keine Früchte im Garten des armen Mannes sammeln sollten”, sie sollten die Sumerer nicht zu Zeks reduzieren.

Indem er das Wohlergehen des gesamten Wurmes über das seines angeschwollenen Segments stellt, entfesselt dieser Lugal, wie viele seiner liberalen Nachfolger*innen, Kräfte, die ihn erdrücken. Sich auf die Erinnerung an frühere Phasen der Existenz des Wurmes verlassend, nimmt er an, die beste oder geeignetere Anordnung der Segmente des Wurmes zu kennen.

Der erste Urlugal maßte sich an die Hierarchie der Götter zu kennen und kam mit seiner Anmaßung durch, weil die Götter bereits schwach waren und im Sterben lagen.

Urukagina kommt nicht durch, weil das Segment, das er angreift, obwohl es der Definition nach tot ist, nicht schwach ist. Vergeltung folgt in Form einer Invasion aus Umma. Urukagina wird von Lugalzaggizi aus Umma seines Amtes enthoben. Urukagina wird wie seine liberalen Ensis und die meisten ihrer Zeks getötet und Lagasch wird dem Erdboden gleich gemacht.

Die Stadt Umma ist weder für ihre Macht noch ihren Mut bekannt und sie erwirbt diese Fähigkeiten nicht plötzlich. Ihr Machthaber Lugalzaggizi erobert Lagasch nicht mit Ummas Streitkräften. Die notwendigen Armeen ebenso wie die benötigte Technologie für eine solche Invasion stammen von dem Segment, das Urukagina angegriffen hatte. Lugalzaggizi ist das Instrument für den Sturz des Reformers, nicht nur weil er die Mächtigen verficht, sondern auch weil er etwas weiß, dass Urukagina nicht wusste.

Lugalzaggizi versteht, dass der Kopf des Leviathans sich nicht dort befindet, wo er sich ein Jahr oder eine Generation zuvor befunden hat und genausowenig dort, wo Urukagina denkt, dass er sein sollte. Ebenso wie der Gott des Lugals stets der Gott in der phallusförmigen Zikkurat [Tempelturm] ist, so ist auch das mächtigste Segment des Leviathans immer sein Kopf. Das ist leviathanisches Recht, und Lugalzaggizi, nicht Urukagina, ist der wahre Verteidiger des Wurmes.

Lugalzaggizis Eintreten für die Mächtigen verschafft ihm Verbündete in allen sumerischen Städten. Vielleicht sind sie alle von Reformern befallen, die eine Nostalgie für eine frühere leviathanische Ordnung haben. Lugalzaggizis Armeen überrollen sie alle.

Bevor all die Leichen begraben werden, ist Lugalzaggizi der Lugal von Umma, Lagasch, Ur und Erech. Seine Schriftgelehrten beschreiben ihn als den Mann von Erech, den Einen und Einzigen. Das Tal von Tigris und Euphrat wird von einem einzigen Leviathan besetzt. Sumer ist zum ersten Mal eins. Der Wurm hat all seine Vorgänger aufgefressen. Lugalzaggizis Schriftgelehrte beschreiben ihn auch als den Lugal der Lugals, ein Ausdruck, den seine semitisch-sprechenden Subjekte als König der Könige und Herr der Herrscher übersetzen.

Aber die Tage selbst dieses Allmächtigen sind gezählt. Ebenso wie die Sumerischsprechenden nicht länger nur Priester und Ensis sind, sind die Semitischsprechenden nicht länger nur Zeks. Durch Heirat, physische Tüchtigkeit und Kriecherei befinden sich die Großenkel der Zeks im Palast und im Tempel. Die im Tempel wagen es, den sumerischen Gottheiten die Namen der vor langem vergessenen, semitischen Gottheiten zu verleihen und geben der Tochter des Mondes den landesüblichen Namen Ischtar. Die sumerischsprechenden Priester*innen scheint das nicht weiter zu kümmern; viele von ihnen müssen wissen, dass die sumerischen Götter nicht länger mehr als Namen sind. Zudem sind viele der Brüder der semitischsprechenden Priester*innen Ensis – tatsächlich sind es so viele, dass es leichtsinnig wäre, darauf zu bestehen, dass Ischtars eigentlicher Name Inanna ist. Zudem sind in den entlegenen Städten entlang des Weges von Sumer zur Levante und dem Sinai nicht nur semitischsprechende Ensis, sondern sogar einige, die das Amt des Lugals ausüben. Ein solcher ist Sargon, der Akkade.

Sargon ist in jeder Hinsicht sumerisch, außer in seiner Sprache. Er begann seine Karriere offensichtlich als ein Ensi des Lugals von Ur, für den er die Steuern einer Provinz in der Levante eingetrieben hatte. Als Ur Lugalzaggizi unterlag, nannte Sargon seine Provinz Akkad und nahm den Posten des Lugals ein. Er hatte Lugalzaggizis fetten Leviathan, etwas, das wir ein Imperium nennen würden, eine ganze Generation lang beobachtet. Plötzlich versteht er etwas, das selbst Lugalzaggizi nicht weiß; seine Schriftgelehrten sagen, dass ihm das von Ischtar gesagt worden sei. Sargon weiß, dass der phallusförmige Kopf des Leviathan allen Mächtigen gehört, nicht nur den sumerischsprechenden Mächtigen.

All die Mächtigen, die sich auch nur das kleinste bisschen herabgewürdigt fühlen, sehen in Sargon einen Helden. Dem Vorbild Lugalzaggizis folgend nimmt er seinen Mentor gefangen und fegt durch die Städte, die die ersten Leviathane hervorgebracht haben.

Ein einziger Leviathan, so lang wie der Nil und um einiges länger, erstreckt sich nun über den gesamten Fruchtbaren Halbmond. Seine Eingeweide umfassen das mesopotamische Umma, Ur, Lagasch und Erech, sowie all die Städte entlang der Straßen in der Levante.

Sargon, der seine Karriere als Steuereintreiber begonnen hatte, weiß so wie jeder Pharao oder Lugal, was der Wurm am Besten kann. Er frisst Abgaben, nicht nur um den Lugal und seine Ensis zu ernähren, die nun semitische Namen haben, sondern vor allem um die zunehmend gewaltsamen Götter im Tempel zu ernähren, Götter, die so tot sind wie der Leviathan selbst und ebenso hungrig.

***

Die Taten und Schicksale von Urukagina, Lugalzaggizi und Sargon sind der Gegenstand dessen, was wir “Geschichte” nennen. Mary Jane Shoultz hat dieses Wort entmystifiziert. Wenn wir von tatsächlicher Geschichte, Geschichte im eigentlichen Sinne sprechen, meinen wir seine Geschichte. Sie ist eine exklusiv maskuline Angelegenheit. Wenn Frauen in ihr auftauchen, dann tun sie das eine Rüstung tragend und ein Phallussymbol handhabend. Solche Frauen sind maskulin.

Diese gesamte Angelegenheit dreht sich um Phallussymbole: den Speer, den Pfeil, die Zikkurat [Tempelturm], den Obelisk, den Dolch und später natürlich das Projektil und die Rakete. All diese Objekte sind zugespitzt und sie sind alle dazu geschaffen, einzudringen und zu töten. Die mesopotamische Zikkurat [Tempelturm] und der ägyptische Obelisk, männergemachte Berge, die in den Himmel weisen, sagen den Tag voraus, an dem Männer die Ozonschicht der Atmosphäre zerreißen und sich selbst in den luftleeren Raum schießen werden, in dem einst nur Götter zu fliegen vermochten.

Viele, von Euripides bis Bachofen, Schultz, Grass und Turner werden sich fragen, warum seine Geschichte so exklusiv maskulin ist. Sie werden sich an die Zuchthengst-artige Rolle des menschlichen Mannes im Naturzustand erinnern und sich fragen, ob die leviathanischen Kunststücke, die seine Geschichte ausmachen, die Rache der Männer sind.

Mit dem Aufstieg der Leviathane werden Frauen entwürdigt, domestiziert, missbraucht und instrumentalisiert und dann fahren die Schriftgelehrten fort, die Erinnerung daran auszulöschen, dass Frauen einmal wichtig gewesen waren. Diamond sagt, dass die Literatur, die Shoultz männliche Literatur nennt, bestenfalls dazu geeignet ist, die Vergangenheit aus dem Gedächtnis zu tilgen.

In den alten Gemeinschaften erinnerte sich an das, was eine*r der Ältesten vergaß, wahrscheinlich ein*e andere*r und Traditionen konnten nur schwer verloren gehen, außer die gesamte Gemeinschaft wurde ins Unheil gestürzt.

Aber sobald sich das soziale Gedächtnis auf den Schriftrollen und Tafeln der Schriftgelehrten einnistet, konnte eine einzelne Weisung des Pharaos oder Lugals einen ganzen Abschnitt der Vergangenheit oder sogar die gesamte auslöschen. In Ägypten werden viele frühe Kartuschen und Namenstafeln gefunden werden, die den kaum wahrnehmbaren Namen einer Frau tragen, der Matriarchin; auf allen von ihnen ist der Name der Frau von späteren Schriftgelehrten ausradiert, die dann den Namen eines Mannes in der Kartusche platzierten.

Die Frau ist die Mutter; sie ist die Erde; sie gebärt das Leben. Aber der Mann fühlt sich nicht länger unterlegen; er hat sich im Leviathan eingelebt, der geschlechtslos ist und kein Leben gebiert, der aber kein Leben zu gebären braucht, da er unsterblich ist. Durch die leviathanische Rüstung ermächtigt schlagen die Männer zurück.

Turner wird eine der Gutenachtgeschichten, die von den sumerisierten Akkadianern, die die Macht mit Sargon teilen, erzählt wurden, zitieren. Sie erinnern sich noch immer an die ursprüngliche Mutter, Tiamat, die erste Spenderin des Lebens. Aber nun verstehen sie sie als ebenso tot wie Leviathan, indem sie sagen, dass der Himmel und die Erde selbst aus ihrem zergliederten Kadaver geformt sind. Marduk, Sargons Gott, ist ihr Zergliederer. In Turners Worten “zertrümmert” Marduk “ihren Schädel, teilt ihren Körper wie eine Auster und die folgsamen Winde blasen ihr Blut fort.” Turner wird hervorheben, dass der gewaltsame Marduk eine lange Linie erdhassender Nachfahren haben wird; unser zeitgenössischer Lugal Reagan wird versuchen der letzte von ihnen zu sein.

Seine Geschichte ist eine Chronik der Taten der Männer am Phallus-Ruder von Leviathan und in ihrer weitesten Bedeutung ist sie die “Biografie” dessen, was Hobbes den Künstlichen Mann nennen wird. Es gibt so viele seiner Geschichten, wie es Leviathane gibt.

Aber seine Geschichte neigt dazu, zu einer einzigen zu werden, aus demselben Grund, aus dem Sumerien und nun der gesamte Fruchtbare Halbmond zu einem Einzigen wird. Der Leviathan ist ein Kanibale. Er frisst seine Zeitgenossen, ebenso wie seine Vorfahren. Er liebt eine Vielfalt von Leviathanen ebensowenig, wie er die Erde liebt. Sein Feind ist alles außerhalb von ihm selbst.

Seine Geschichte wird mit Ur geboren, dem ersten Leviathan. Vor oder außerhalb des ersten Leviathans gibt es keine Geschichte [His-story].

Die freien Individuen einer Gemeinschaft ohne Staat hatten per Definition keine Geschichte [His-story]: Sie waren nicht von dem unsterblichen Kadaver umfasst, der der Gegenstand seiner Geschichte ist. Eine solche Gemeinschaft war eine Vielheit an Individuen, eine Ansammlung von Freiheiten. Die Individuen hatten Biografien und sie waren diejenigen, die von Interesse waren. Aber die Gemeinschaft als solche hatte keine “Biografie”, keine Geschichte [His-story].

Nichtsdestotrotz besitzt der Leviathan eine Biografie, eine künstliche. “Der König ist tot, lang lebe der König!” Generationen sterben, aber Ur lebt weiter. Innerhalb des Leviathans ist eine interessante Biografie ein Privileg, das nur sehr wenigen oder nur einem verliehen wird; der Rest hat langweilige Biografien, einander so ähnlich wie die ägyptischen Kopien einst wunderschöner Originale. Was nun von Interesse ist, ist die Geschichte Leviathans, zumindest für seine Schriftgelehrten und His-toriker.

Für andere, wie Macbeth wissen wird, ist die Geschichte Leviathans, wie die seiner Herrscher, “eine Erzählung, die von einem Idioten erzählt wird, voller leerem Schall, die nichts bedeutet.” Der Herrscher wird von einem Invasor oder einem Thronräuber getötet und seine großen Taten sterben mit ihm. Die unsterbliche Geschichte des Wurms endet, wenn er von einem anderen unsterblichen verschlungen wird. Die Geschichte des Verschlingens ist der Gegenstand der Weltgeschichte [World His-story], die schon in ihrem Namen einen einzigen Leviathan prophezeit, der die gesamte Erde in seinen Eingeweiden eingeschlossen hat.

***

Rückzüge menschlicher Gefangener aus den Eingeweiden toter Würmer sind schließlich ebenso häufig wie das Verschlingen kleiner Leviathane durch größere. Die Menschen revoltieren nicht nur. Die Menschen verlassen, fliehen, entkommen tatsächlich. Sie versuchen das die ganze Zeit. Sie haben häufig Erfolg.

Sargons Herrschaft war lang. Sein Imperium überdauerte zwei Generationen. Es endete, als “alle Lande gegen ihn revoltierten und ihn in Akkad heimsuchten”, in den Worten einer Keilschrifttafel. Nichts bleibt von dem enormen Leviathan übrig, der sich über den gesamten Fruchtbaren Halbmond erstreckte.

Unglücklicherweise blieben Segmente des zersetzten Wurmes über das Land verstreut und jedes Segment neigt dazu, sich selbst wieder zu einem vollständigen Wurm zusammenzusetzen. Tote Dinge haben Mächte, die lebendigen Wesen fehlen. Biolog*innen werden versuchen, den Lebenden diese seltsame Fähigkeit des Toten durch einen Prozess, der Klonen genannt wird, zu verleihen.

Einige der Fragmente, diejenigen, die die Reichen und Mächtigen enthalten, haben Erfolg darin, einen neuen Wurm zum Leben zu erwecken und ein neuer Leviathan straft die Desserteure, indem er sie zu unverhohlener Sklaverei, zu immerwährendem Zektum erniedrigt. Sargons Nachfolger Rimusch erweitert den Kadaver des Wurms sogar noch um die Elamiter in den persischen Ebenen.

In allen Gegenden gibt es Revolten und schließlich wird Rimusch von seinen eigenen Wachen getötet. Ihm folgt Naram-sin nach, von seinen eigenen Schriftgelehrten “Gott von Akkad” genannt, aber das Imperium dieses Gottes befindet sich in einem fortwährenden Zerfall. Die Gefangenen in den Eingeweiden dieses Leviathans laden königlose Nomaden aus allen Gegenden ein, ihnen zu helfen, das Ungeheuer von innen zu zerreißen.

Die Intestinalkriege [Eingeweidekriege] dauern bis lange in die Herrschaft des nächsten Nachfolgers an. Schließlich ziehen sich die Elamiter zurück, ziehen sich die Ladaschianer zurück und dann zerbricht das gesamte Ungeheuer in kleine Stücke. Die Zeks verlassen sogar die Kanäle.

Der große Leviathan ist zerstört, für manche Menschen dauerhaft. Ein ähnlicher Leviathan wird in diesem Teil der Welt erst vier Generationen später wiederauferstehen. Anarchie kehrt zum Fruchtbaren Halbmond zurück.

Unglücklicherweise ist dies nicht die Anarchie eines früheren Zeitalters. Die Menschen, die sich vom Leviathan zurückgezogen haben, sind verkrüppelt. Ihre Rüstung lässt sich nicht ablösen. In vielen bleibt die Möglichkeit menschlich zu sein Nichts. Die Gegend selbst ist von den kriegführenden Leviathanen in eine unwirtliche Wüste verwandelt worden. Und einige der Verbündeten, beispielsweise die Gutianer*innen, die eingeladen worden waren, den großen Wurm zu stürzen, versuchen ihrerseits einen eigenen Wurm zum Leben zu erwecken, der auf dem Vorbild derer von Lugalzaggizi und Sargon basiert. Nichtsdestotrotz ziehen sich die Gefangenen zurück, offensichtlich bevorzugen sie diese beschädigte Anarchie der leviathanischen Ordnung.

Während eben jener Generation, in der die Anarchie ins ehemalige Sumer-Akkadien zurückkehrt, kehren sich die Wehrpflichtigen des Pharaos von ihren Pyramiden- und Palastbau-Anweisungen ab und wenden sich gegen den Pharao und gegen all die offiziellen Bräuche seiner Priester*innen und stellen ebenfalls einen gewissen Grad von Anarchie im Niltal wieder her. Die Zeks des Pharaos kehren zu ihren Dörfern zurück und versuchen das Leben so fortzusetzen, wie es in den alten Tagen gelebt worden war. Frakturierte Segmente des Ungeheuers, das vom Memphis-Monarchen angeführt worden war, liegen verstreut an den Ufern des Nils. Die ehemaligen Agenten des gefallenen Pharaos versuchen einige dieser Segmente wieder zum Leben zu erwecken. “Siebzig Könige in siebzig Tagen“ offenbaren den Grad ihres Erfolgs.

Und eine oder zwei Generationen nach dem Zusammenbruch dieser beiden Giganten (Archäolog*innen sind sich uneinig hinsichtlich der Chronologie) scheitert ein dritter Versuch, einen Leviathan zu begründen. Mohenjo Daro am Indus wird von seinen Insass*innen verlassen. Die Details dieses Rückzugs werden nicht bekannt sein, weil die Schrift nicht entschlüsselt werden wird. Dieser Rückzug wird für Menschen mit zivilisierten Gehirnen ein Rätsel sein und seine Gründe werden in Fluten, Dürren, Invasionen und sogar einer “tektonischen Verschiebung” gesucht werden. Wenn man davon überzeugt ist, dass die Menschen niemals die Eingeweide der Zivilisation verlassen würden, dann muss man sich in tektonische Verschiebungen flüchten um zu erklären, warum die Menschen fliehen. Aber wenn man nicht so überzeugt davon ist, dann ist das Rätsel nicht, warum die Menschen fliehen, sondern warum sie so lange in ihr bleiben, wie sie es tun.

Die Menschen am Indus bleiben viele Generationen lang davon verschont, von einem Staat gefesselt zu werden. Diejenigen am Tigris und am Nil bleiben nicht so lange verschont.

Hier sollte hervorgehoben werden, dass die Segmente zersetzter Leviathane einen ungerechten Vorteil gegenüber Gemeinschaften freier Menschen haben. Die Segmente sind wie Maschinen. Wenn sie bloß verlassen worden sind und nicht allzu eingerostet sind, können sie von jedem guten Mechaniker geölt und wieder in Betrieb genommen werden. Die Segmente, die tote Dinge sind, mögen rosten; sie sterben jedoch nie.

Aber menschliche Gemeinschaften bleiben tot, wenn sie erst einmal tot sind. Gemeinschaften lebendiger Wesen sind in dieser Hinsicht klar unterlegen. Um es etwas anders auszudrücken: Der Tod steht immer auf Seiten der Maschinen.

Das hat tragische Konsequenzen für diejenigen, die schließlich erfolgreich darin waren, sich von dem schweren Kadaver zu entlasten. Sie können nicht in ihre alten Gemeinschaften zurückkehren, da diese durch Generationen des Plünderns, Kidnappings und Mordens von Zivilisationen zerstört wurden. Die Menschen können nicht fortfahren; sie müssen von vorne anfangen. Wir sollten nicht annehmen, dass die Gepflogenheiten, die wir Kultur nennen werden, und die über tausende Generationen genährt und kultiviert wurden, über Nacht regeneriert werden könnten. Es mag gut sein, dass solche Gepflogenheiten die Kultivierung vieler Generationen erfordern.

Aber die Menschen, die darum kämpfen, einen Neustart zu machen, haben kein Zeitalter, in dem sie das tun könnten. Sie befinden sich inmitten leviathanischer Segmente, Maschinen, die jede*r gute Mechaniker*in reaktivieren und dazu nutzen kann, die Anstrengungen einer ganzen Generation in einem einzigen Feldzug ins Nichts zu stürzen.

Das ist genau das, was passiert. Am Nil werden in Theben und Herakleopolis Segmente des zersetzten Leviathans instand gesetzt und beide wachsen zu vollständigen Würmern heran. Im Tigris-Euphrat-Tal, genauer gesagt, in Erech, erlangt der Machthaber Utukhegal die Kontrolle über den schwerfälligen Wurm, den die Guti zum Leben erweckt haben, nur um von seinem eigenen Stellvertreter enttrohnt zu werden; aber sein Stellvertreter, Urnammu, hat Erfolg darin, den gesamten sumerisch-akkadischen Leviathan wieder zum Leben zu erwecken und ihn erneut von der Levante bis nach Elam auszudehnen. All die Anstrengungen, einen Neubeginn zu starten, werden zunichte gemacht; sie werden nicht unterbrochen; sie werden vernichtet.

Nach zwei Generationen ziehen sich die Gefangenen des wiedererweckten Ungeheuers erneut zurück. Dieses Mal wird der sumerisch-akkadische Leviathan für alle Zeiten verlassen. Aber gepanzerte Ssumerianisierte Semiten bestehen darauf, die Segmente zu flicken und bei Aschschur erwecken sie einen neuen Wurm zum Leben, der mit Zeks von neuen semitischen Fremden bemannt ist, den Amoritern.

Fünf Generationen später starten die Nachfahren der Amoriter-Zeks in Babylon einen eigenen Leviathan, wobei sie fortfahren, die Bosse der Arbeiter-Gangs “Aufseher von Amoritern” zu nennen. Und fünf Generationen danach dehnt der Amoriter Hammurabi den babylonischen Wurm über die antiken Gefilde Urukaginas aus, während die ehemaligen Herren der Amoriter, die Assyrer, ihren Wurm über die westlichen Provinzen von Lugalzaggizis Gefilde ausdehnen.

Unterdessen haben unbekannte Menschen aus den Wäldern und Bergen der Guti Teile der mesopotamischen Rüstung durch ganz Eurasien nach China getragen, von denen gesagt wird, dass sie der Ursprung der Yang-Shao-Kultur seien. Nur zwei Generationen später gibt es eine Schrift und eine Xia-Dynastie, deren Gründer, Yû, die Bereitstellung einer verlässlichen Wasserversorgung zugeschrieben wird.

Im Westen des Fruchtbaren Halbmonds, in Anatolien, wo die Frauen viele Generationen lang fortfahren werden, die unbegrenzte Fruchtbarkeit der Erde zu feiern, befinden sich an zwei oft von assyrischen Händlern besuchten Orten bereits aufkommende Würmer, die den Ägyptern und Assyrern später als Hethiter bekannt sein werden.

Jedes neue Modell besitzt Zusätze, die seinen Vorgängern fehlten. Die Segmente, die vom Zerfall von Sargons Ungeheuer in der Levante übrig geblieben sind, werden generalüberholt in mobile, oktopusähnliche Monströsitäten, die den phönizischen Handel an Orte bringen, die weit außerhalb der Reichweite stationärerer Würmer liegen. Die phönizischen Händler*innen in Byblos und Ugarit überholen sogar die hyroglyphischen und keilförmigen Schriften zu einem weitaus effizienteren kommerziellen Werkzeug, dem Alphabet.

Menschliche Gemeinschaften entwickeln sich zurück, während die Würmer fortschreiten. Die größte Errungenschaft des Leviathans ist es, wie L. Mumford behaupten wird, Menschen zu Dingen zu reduzieren, sie zu effizienten mechanischen Kampfeinheiten umzuarbeiten.

All das ist deprimierend. Das Gefilde des Todes breitet sich aus. Und da der Tod sich zum Leben verhält wie die Nacht zum Tage, schrumpft das Leben zusammen, während sich das Gefilde des Todes ausbreitet. Die unmenschliche Erzählung bedeutet wahrhaft nichts menschliches.

Nachdem ich einige der Hauptprotagonisten genannt habe, die sich gegen menschliche Gemeinschaften und gegen Mutter Erde selbst in Stellung brachten, wende ich mich einer kleinen Gruppe von Menschen zu, die sich den Eingeweiden eines der großen Leviathane entzogen. Diese Menschen waren zum Zeitpunkt ihrer Entziehung für alle außer sich selbst unbedeutend und wären unbedeutend geblieben, wenn ihre jüdischen, christlichen und muslimischen Erben nicht den Schatten ihrer Entziehung in jedes vormals sichere Refugium auf dem Globus getragen hätten.

Diese Menschen sind natürlich die Israeliten, die sich der ägyptischen Zivilisation entzogen und an dieser Stelle muss ich sagen, dass ich von dem gepanzerten Fragensteller überrascht bin, der selbstgefällig die positiven Wunder der Zivilisation in mein Gesicht schleuderte, da ein Teil seines Panzers aus den Überbleibseln dieser kleinen Gruppe besteht, die vor den Wundern floh.

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Alles in bester Ordnung

Das zügellose Ich – und das sind wir ursprünglich und in unserem geheimen Inneren bleiben Wir’s stets – ist der nie aufhörende Verbrecher im Staate. Der Mensch, den seine Kühnheit, sein Wille, seine Rücksichtslosigkeit und Furchtlosigkeit leitet, der wird vom Staate, vom Volke mit Spionen umstellt. Ich sage, vom Volke! Das Volk – Ihr gutherzigen Leute, denkt Wunder, was Ihr an ihm habt – das Volk steckt durch und durch voll Polizeigesinnung. – Nur wer sein Ich verleugnet, wer „Selbstverleugnung“ übt, ist dem Volke angenehm.

Polizeigewalt

Als am 25. Mai 2020 der schwarze George Floyd bei einer Polizeikontrolle von den Cops getötet wird, wird in den etablierten wie weniger etablierten Medien eine vermeintlich ungewöhnlich radikale Frage diskutiert: Sollte man die Polizei nicht besser abschaffen oder zumindest radikal abbauen? „Defund the Police“, „Kürzt der Polizei die Mittel“, diese Forderung geistert durch die Medien, und Minneapolis, die Stadt, in der George Floyd getötet wurde, kündigt an ihre Polizeistruktur grundlegend umzubauen. Damit wird eine Forderung populär, die von diversen schwarzen linken Organisationen in den USA wie „Black lives matter“ oder der Initiative „A World without Police“ sowie anderen Vertreter:innen der abolitionistischen Bewegung [1] bereits seit Jahren propagiert wird. Polizei und Gefängnisse müssten erst „abgeschafft“ werden, ehe sie reformiert werden könnten, meint beispielsweise Mariame Kaba, abolitionistische Aktivistin, unter anderem Direktorin des Project NIA, einer Organisation zur Beendigung von Jugendinhaftierungen. Mehr Geld für Sozialarbeit und psychologische Krisenhilfe fordern demokratische Reformisten wie letztens auch die Grüne Jugend. Die Polizei habe zu viele Zuständigkeiten, die sich durch andere Institutionen und Ansätze besser lösen ließen, wie etwa wenn es um den Umgang mit Drogen, Obdachlosigkeit und psychischen Erkrankungen geht.
Radikalere Abolitionist:innen wie etwa A World without Police – die gleichnamige Broschüre aus dieser Initiative wird beispielsweise von ABC Wien verbreitet [2]– haben da eine größere Vision:

Die einzige Möglichkeit, Polizeigewalt zu beenden, ist die Polizei als Ganzes abzuschaffen – als Teil einer revolutionären Veränderung der Gesellschaft, die den vorhandenen Wohlstand und Ressourcen auf alle verteilt.

Die Abschaffung der Polizei und des Knastes wird dabei nicht isoliert betrachtet, sondern formuliert die Sehnsucht nach einer befreiten Gesellschaft, in der die Abschaffung der Polizei nur ein Teilaspekt eines radikal anderen Miteinanders sein soll. Teil dieser Utopie ist dabei immer die Suche nach „Alternativen“ zu Polizei und Knast, um die „Sicherheit“ und den „Schutz“ der Menschen zu gewährleisten. Ob Grüne Jugend oder A World without Police, die etwa die Polizeikräfte „durch Systeme gemeinschaftlicher Sicherheit und Konfliktlösung“ ersetzen wollen, konkreter beispielsweise durch „basisdemokratisch aufgestellte Sicherheitsteams, in denen diejenigen das Sagen haben, die auf Schutz angewiesen sind“, es braucht einen Ersatz für das, was die Polizei aktuell leistet oder leisten soll.

Doch was bedeutet das, wenn ich nach „Alternativen“ zur Polizei suche? Was ist es, was ich erhalten will? Was ist „die Polizei“ überhaupt? Wo kommt sie her, was sind die Ideen und Vorstellungen, die dahinter stehen? Gibt es da wirklich etwas, das erhaltenswert ist? Oder muss die Polizei in ihrer Gesamtheit zerstört werden? Aber was bedeutet das? Ich möchte im Folgenden versuchen, diese Fragen zu erkunden. Dabei geht es mir nicht nur darum, den propagierten Reformismus der abolitionistischen Bewegung zu kritisieren, sondern ich möchte versuchen tiefer zu gehen, der Essenz der Idee der „Polizei“ nachzuspüren und mir die Frage stellen, worauf wir uns eigentlich beziehen, wenn wir über die „Polizei“ reden, und zu entlarven, dass die „Polizei“ – nicht nur als der berühmte Bulle im Kopf – unsere Vorstellungen eines menschlichen Miteinanders so tief durchdrungen hat, dass auch eine Welt ohne Polizei in den allermeisten Fällen eine polizierte Welt sein wird.

Dabei möchte ich keine einheitliche Geschichte der Polizei erzählen, keinen Entwicklungsstrang, keine Erzählung irgendeines „Fortschritts“ oder „Antifortschritts“, sondern eher Fragmente sammeln, Diskurse und Ideen wie auch Geschichten über die Polizei und das Polizieren.

Polizeigeschichten

Der Begriff der „police“ oder „Policey“ taucht erstmals im 15. und 16. Jahrhundert im Heiligen Römischen Reich, Frankreich und England auf. Er leitete sich vom Altgriechischen ab, vom Begriff „politeia“ und ist damit mit der griechischen „polis“, den antiken Stadtstaaten, verbunden und mit dem Begriff der „Politik“ eng verwandt. „Polis“ heißt übersetzt einfach „Stadt“ oder „Staat“, was im antiken Griechenland identisch war. „Politik“ bezeichnete in den antiken Stadtstaaten all diejenigen Tätigkeiten und Fragestellungen, die das Gemeinwesen – also die Polis – betrafen. Interessant ist hier das berühmteste Werk des griechischen Philosophen Plato, die Politeia, zu betrachten. In der Politeia diskutiert Plato darüber, inwiefern Gerechtigkeit in einem idealen Staat hergestellt werden kann. In Platos idealem Staat soll die Bevölkerung aus drei Ständen bestehen: den Bauern und Handwerkern, den Kriegern oder Wächtern und den „Philosophenherrschern“. Dabei sind die Wächter diejenigen, die den Staat bewachen sollen. Sie sollen den Staat nach außen wie nach innen verteidigen – nach heutigen Begriffen sollen die Wächter also militärische wie polizeiliche Aufgaben erfüllen –, wenn auch darauf zu achten sei, dass die Wächter nicht zu unterdrückerisch gegen die eigene Bevölkerung vorgehen dürften. Den Staat zu verteidigen bedeutet bei Plato auch, eine optimierte Stabilität dieses Staates herzustellen – was etwa beinhaltet dafür zu sorgen, dass die Bürger immer in einer optimalen Anzahl an Menschen für den Staat vorhanden sind, aber auch dass kulturelle „schädliche Neuerungen“ von den Bürgern ferngehalten werden müssten, also in die Fortpflanzung der Bürger im Sinne des Staates einzugreifen und alles, das die Menschen von ihrer Subjektivierung als Bürger entfernt, von diesen fernzuhalten.

Die „Policey“ des 15. und 16. Jahrhunderts – wenn auch noch nicht allgemein definiert und teilweise unterschiedlich verwendet – umfasste meist – angelehnt an die „Politik“ der Polis – einen Zustand der guten, allgemeinen Ordnung eines Gemeinwesens sowie einer allgemeinen „Wohlfahrt“ und „Sittenaufsicht“. So wurde 1530 in Augsburg eine „Reichspolizeiordnung“ beschlossen, die neben dem, was wir auch heute noch in Strafgesetzbüchern finden, auch Dinge wie Gotteslästerung, Fluchen und Schwören, Trinken, die ständische Kleiderordnung, Trompeter und Spielleute, Betteln und Müßiggang oder den Verkauf unterschiedlicher Waren wie etwa Ingwer regelte und für die Nichtbefolgung konkrete Strafen festlegte. Dabei gab es aber noch keine Institution der „Polizei“, die dafür sorgte, dass diese Regeln eingehalten werden, sondern es gab eine Fülle an unterschiedlichen Umsetzungen und Zuständigkeiten. So hatten die Zünfte in den Städten etwa häufig eigene, konkurrierende „Polizeien“, die dann mit den städtischen Wachen in Konflikt gerieten. Vielerorts übernahmen Söldner – häufig ehemalige Soldaten – die oftmals sehr niedrig angesehene Aufgabe, andere Menschen zu drangsalieren, oft waren es auch feudale Garden und Wachen, die über die Einhaltung solcher „Ordnungen“ wachten.

Die Verteidigung des Eigentums insbesondere reisender Kaufleute und der Adligen war ein wichtiger Bestandteil früher Polizeiarbeit, der Kampf gegen „Müßiggang“ und „Bettelei“ ein anderer. In der Schweiz – wenn auch nicht nur da – spielte der Kampf gegen nicht sesshafte, umherwandernde Menschen – da deutlich schwerer kontrollierbar und eine Gefahr für Eigentum und Leben insbesondere der reichen Kaufleute und Adligen –, wie „Zigeuner“, Räuberbanden, Vaganten, Fahrende und Bettler eine wichtige Rolle für die Entwicklung der frühen Polizei. Ehemalige Soldaten sollten als sogenannte „Landjäger“ das „Gesindel“ vertreiben. Im 17. Jahrhundert übernahmen im Heiligen Römischen Reich „Vogte“, niedere Adlige, die Etablierung einer „guten Ordnung“. Wachleute und Nachtwächter übernahmen dann die Aufgaben, etwa zu kontrollieren, ob sich jemand im Wirtshaus nicht an die Tischmanieren hielt oder sich nicht seines Standes gemäß kleidete. In den USA waren die Vorläufer der modernen Polizei ab circa 1700 sogenannte „slave patrols“, Sklavenpatrouillen, die Sklavenrevolten niederschlagen und geflohene Sklav·innen wieder einfangen sollten.

Das moderne Konzept der Polizei als vom Staat bezahlte und geförderte Beamte wurde von deutschsprachigen und französischen Juristen und Beamten im 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts entwickelt. Einflussreich war Nicolas Delamares Traité de la Police von 1705, ebenso wie die von Philipp von Hörnigk entwickelte Polizeiwissenschaft. Einer der bedeutendsten Theoretisierer der Polizei ist Johann Heinrich Gottlob von Justi, der 1756 die „Grundsätze der Policey-Wissenschaft“ folgendermaßen definiert:

“In weitläuftigem Verstande begreifet man unter der Policey alle Maaßregeln in innerlichen Landesangelegenheiten, wodurch das allgemeine Vermögen des Staats dauerhaftiger gegründet und vermehret, die Kräfte des Staats besser gebrauchet und überhaupt die Glückseligkeit des gemeinen Wesens befördet werden kann.”

Aufgabe des Staates sei, dass er das größtmögliche „Glück“ für die größtmögliche Anzahl seiner Bürger ermögliche. „Polizei“ bzw. ius politiae (Polizeigewalt) erwuchs zum wichtigsten Bestandteil der einheitlichen absoluten Staatsgewalt. Die Polizei sei wichtigstes Instrument zur Gewährleistung der „Herrlichkeit“ des Staates. Sie vergrößere die Stärke des Staates, während sie diesen in guter Ordnung halte. Gleichzeitig solle sie das „Glück“ aller Staatsbürger fördern. Sie solle sich nicht nur um die Durchsetzung von Gesetzen kümmern, sondern sei auch für die öffentliche Gesundheit, die Stadtplanung und die Überwachung von Preisen zuständig – ganz im Sinne von Platos Politeia. Alle möglichen Aspekte im Leben eines Untertans wurden immer umfassender reguliert. Resultat dieser Ideen war der absolutistische „Wohlfahrtsstaat“ des 17. und 18. Jahrhunderts, heute besser bekannt und verrufen als „Polizeistaat“.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam Kritik am Polizeistaat auf. Der Bürger dürfe „nicht zu seinem Glück gezwungen werden“. Die Aufgabe der Polizei liege ausschließlich in der sogenannten „Gefahrenabwehr“ und der Verhinderung von Straftaten. Wohlfahrtspolizeiliche Ziele müssten dabei aber nicht etwa aufgegeben, sondern lediglich eingeschränkt bzw. an andere Institutionen ausgelagert oder anders realisiert werden. Die französische Revolution organisierte die Polizei in diesem Sinne vollkommen neu und lieferte die Basis für das bis heute bestehende Verständnis und die Organisation von Polizeiarbeit:

„Die Polizei wird eingesetzt, um die öffentliche Ordnung, die Freiheit, das Eigentum, die individuelle Sicherheit aufrechtzuerhalten. Ihre Haupteigenschaft ist die Wachsamkeit. Die Gesellschaft betrachtet als Masse ist Objekt ihrer Fürsorge.“

Umgesetzt wurde diese Beschränkung allerdings noch lange nicht, weder in Frankreich noch in deutschsprachigen Gegenden. Erst mit der Weimarer Republik wurde dies im deutschsprachigen Raum mehr oder weniger umgesetzt. Im NS erweiterten sich die Befugnisse der Polizei massiv und eine neue Form des absolutistischen Polizeistaats, der totalitäre Polizeistaat, zum „Schutz der deutschen Volksgemeinschaft“ erschaffen. Nach der Niederlage 1945 erstand die Polizei in der Bundesrepublik in der heute bekannten Form wieder auf (übrigens mit weitreichenden personellen Überschneidungen, ebenso wie es bereits beim Übergang der Weimarer Schutzpolizei zur nationalsozialistischen Polizei der Fall gewesen ist. Aber das nur am Rande). In der DDR hingegen war die Polizei nun für den „Schutz der sozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung“ zuständig, mit den allseits bekannten polizeistaatlichen Konsequenzen.

Polizeivorstellungen

Was können wir aus diesen Geschichten und Fragmenten herausdestillieren? Was macht die Polizei aus? Auch wenn die Polizeiidee einer Entwicklung und einem Wandel unterworfen war, denke ich, dass sich gewisse Grundvorstellungen bereits herauskristallisieren.

So gehört zur „Polizei“ grundlegend die Vorstellung eines „Gemeinwesens“ oder einer „Gesellschaft“, die Vorstellung von etwas Kollektivem also, das über dem einzelnen Individuum steht, das die an einem Ort befindlichen Menschen gänzlich und unfreiwillig umfasst und eine abstrakte Gesamtheit bildet, die durch „schädliches“ Verhalten Einzelner innerhalb oder außerhalb dieses kollektiven Gebildes Schaden nehmen könnte, was wiederum zum Schaden aller gereichen würde. Deshalb muss das einzelne Individuum diesem übergeordneten Kollektiv untergeordnet werden und eine formelle Struktur gebildet werden, etwa einen Staat, um dieses „Gemeinwesen“ zu schützen. Die Verteidigung dieser Struktur gegenüber äußeren wie inneren Feinden, die „dauerhafte Gründung und Vermehrung des Vermögens des Staates“, die Herstellung einer Stabilität dieser Struktur ist dabei ein, vielleicht auch erstes Ziel der Polizeiarbeit. Das bedeutet, dass kollektives wie individuelles Verhalten, das diese Struktur gefährden könnte, bekämpft werden muss. Das Individuum spielt dabei keine Rolle, nur die „Masse“ wird dirigiert, als entindividualisierte Zellen des „Gemeinwesens“, die verwaltet und wie Schachfiguren an die richtige Stelle platziert werden müssen. Wir können das Bild dieses „Gemeinwesens“ durchaus organisch betrachten. In Leviathan, einem äußerst einflussreichen staatstheoretischen Werk der Aufklärung, beschreibt Hobbes den Staat als einen riesigen, einheitlich handelnden Körper, zusammengesetzt aus zahlreichen Menschen, die diesen Riesen mit ihren Handlungen zum Leben erwecken. Betrachten wir den Staat als ein solches Ungetüm – und der moderne Staat ist auf jeden Fall damit halbwegs treffend beschrieben –, dann muss dafür gesorgt werden, dass seine Bestandteile, oder in der modernen Variante der Körpervorstellung seine „Zellen“ ihre Aufgaben erfüllen, die diesen Riesen zum Leben erwecken, d. h. sie können nicht die Freiheit haben zu tun und zu lassen, was sie wollen. Um seine „Zellen“ zu einer für den Leviathan notwendigen Disziplin zu bewegen, braucht es eine Identifizierung der Staatssubjekte mit ihrem Staat. Unterschiedliche Methoden können dabei angewandt werden. Eine ist die Diffamierung individueller Freiheit, des ungezügelten Ichs, als „Egoismus“ und die Propagierung der Aufgabe dieser individuellen Eigenheit zum Wohle einer abstrakten und damit beliebig mit Inhalt befüllbaren „Gemeinschaft“ – genannt „Altruismus“. Eine andere ist den dem Staat unterworfenen „Zellen“ einen Nutzen durch die Teilhabe zu versprechen.

So ist Teil der Polizei-Vorstellung auch, dass der Staat oder eine andere Struktur in der Lage seien, dieses „Gemeinwesen“ zu verbessern, indem dieser die Beziehungen von Menschen und anderen Lebewesen auf eine „gute“ Art und Weise „ordnet“ und so das „Glück“ der meisten befördern würde, der „Wohlfahrt“ dienen würde. Was „Glück“ oder „Wohlfahrt“ dabei sein soll, bestimmen natürlich jene, die in diesem Konstrukt das Sagen oder Einfluss haben, ebenso wie sie bestimmen, wer genau davon wie „profitieren“ solle und wie diese „Ordnung“ auszusehen hat. Diese „Ordnung“ wird in dieser Erzählung einem furchterregenden „Chaos“ gegenübergestellt. Hobbes etwa stellt seinen Staat einem staatenlosen „Naturzustand“ entgegen, der, gemäß seiner Vorstellung, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, als einzige Schlachterei unter den Menschen beschrieben wird – ein erstaunlicher Vergleich, schließlich wäre es zumindest mir neu, dass Wölfe ein solches Verhalten an den Tag legen würden. Nur ein Staat könne mithilfe der Errichtung eines Gewaltmonopols und durch Zwang auferlegte. für alle verbindliche Regeln, sogenannte Gesetze, diesen „Urdrang“ des Menschen bändigen. Nur durch die auferlegte Herrschaft des Leviathan, vor der sich jeder fürchte, könne jeder ohne Furcht vor seinem Nächsten leben und so erst zu Freiheit und Autonomie gelangen. Diese Verdrehung, die ich nicht anders als mit dem berühmten und überstrapazierten Satz aus Orwells 1984 , „Freiheit ist Sklaverei“ zusammenzufassen vermag, setzt sich in der beständigen Panikmache vor diversesten „Gefahren“ fort, etwa altbekannt die vor Mördern, Vergewaltigern und Kinderschändern, aber auch die vor Terroristen, Islamisten oder neuerdings die vor einem Virus. Gleichzeitig werden die Menschen davon entwöhnt, ja es wird ihnen sogar verboten, ihre Konflikte und sonstige Widrigkeiten direkt und selbst zu klären oder auszutragen. Das führt sogar so weit, dass – zumindest in Deutschland – Menschen die Cops rufen, wenn ihre Nachbarn zu laut sind, anstatt dass sie einfach selbst hingehen, um den Konflikt direkt mit diesen auszutragen. Durch diese bewusst herbeigeführte „Hilflosigkeit“ der Menschen und dem geschürten, manchmal trotzdem nicht einmal real vorhandenen „Sicherheitsbedürfnis“, das dann wiederum nur der Staat befriedigen und nur er für Schutz sorgen könne, wird dann die Unterwerfung der Individuen gerechtfertigt und sogar als Freiheit verkauft.

Polizeimethoden

Irgendwo sind alle diese Ideen einfach nur Blabla, um die Herrschaft derjenigen, die mithilfe der geschaffenen Struktur gefestigt und aufrechterhalten werden soll, zu legitimieren und die eigenen Vorstellungen, wie Menschen zu leben haben, durchzusetzen, sowie die Handlungen der dieser Herrschaft unterworfenen Menschen so zu beeinflussen oder zu bestimmen, dass sie der eigenen Machterhaltung und dem eigenen Profit dienen. Das bedeutet nicht, dass diejenigen, die die Gestaltung dieser „Ordnung“ mitbestimmen oder grundlegend setzen, nicht tatsächlich daran glauben, eine für alle „gute Ordnung“ zu entwerfen. Doch egal ob aus reiner Machtgeilheit oder aus Philanthropie, beide eint, dass sie andere Menschen in eine „Ordnung“ bringen wollen, die ihren Zielen entgegenkommt, dass also auf die Menschen Einfluss genommen werden müsse, etwa bei Plato Geburten kontrolliert und Zensur betrieben werden müsse, damit die Menschen auf eine die Ordnung aufrechterhaltende und dieser Ordnung entsprechenden Art und Weise handeln. Viele Kritiker des kapitalistischen demokratischen Nationalstaates werfen dieser Ordnung vor, das Versprechen darauf das größtmögliche Wohl für alle herzustellen, nicht zu erfüllen, und stellen ihm ihre eigene Utopie einer Ordnung entgegen, von der angeblich tatsächlich alle profitieren würden und die die größtmögliche Freiheit für alle etablieren würde.

Womit wir es bei dieser Art der Kritik also zu tun haben, ist eine Kritik an den Methoden und der Form, jedoch keine grundsätzliche Verwerfung von (An-)Ordnungsvorstellungen. Da sind sie nicht die einzigen, denn es gab immer viel Diskussion hinsichtlich der Methoden und Mittel zur Durchsetzung oben genannter Ziele und wieviel (physischer) Zwang und Strafe dabei eingesetzt werden sollte oder dürfe. Bereits Plato wollte nicht, dass die „eigene Bevölkerung“ zu sehr von den Wächtern unterdrückt werde, aber ein bisschen dann doch, kaschiert als das angeblich dialektische Verhältnis zwischen „Freiheit“ und „Sicherheit“, zwischen denen man eine optimale Balance finden müsse.

Während etwa in feudalen Zeiten „polizeiliche“ Institutionen ebenso wie Gerichte und Strafen auf die sichtbare und öffentlich zelebrierte körperliche Bestrafung verbotenen Verhaltens, auf das Schauspiel der Zerstörung des Körpers des Delinquenten setzte und die „Ordnung“ häufig mithilfe von offener physischer Gewalt durchgesetzt wurde, setzte mit der Aufklärung eine „Humanisierung“ und Subtilisierung dieser Kontrollinstrumente ein, die sich zukünftig nach wissenschaftlichen, „vernünftigen“ und demokratischen Prinzipien organisieren sollten. „Willkürliche“ Herrschaft und Strafen, die härter waren als das, was die Person verübt hatte, passte den protestantischen Aufklärern nicht. Mit der Absetzung der Aristokratie als die herrschende Klasse und der Emanzipation des Bürgers, der Bourgeoisie, als neue herrschende Klasse musste ein anderes Herrschaftsverhältnis her, eines, das vermeintlich auf Vernunft basierte. Die auch heute noch auf den Grundsätzen der Aufklärung basierenden polizeilichen Institutionen erheben den Anspruch, ihre Tätigkeit an gewissermaßen „objektiven“ Kriterien zu orientieren, die philosophisch und demokratisch entwickelt wurden, um ein Zusammenleben zu sichern, das im Sinne zumindest der Mehrheit bzw. der meistmöglichen Anzahl an Menschen sei.

Der Staat solle dabei das Instrument zur Durchsetzung dieser Vernunft sein. Dabei wird scheinbar jeder gleich machtlos angesichts verschriftlichter Vorschriften und Gesetze. Ein Cop hält sich nur an die Vorschriften, ein Richter ans Gesetz. Ein jeder orientiert sich an einer leblosen Sache, die weil sie leblos ist, als höhere Sache gilt, der man sich ja auch nur unterwirft. Ein jeder nur ein Rädchen in einem System, das vorgeblich dem Wohl aller dient. Ganz im Sinne von Hobbes‘ Leviathan. Gott – herrschaftliche Legitimationsstrategie vor der Aufklärung – heißt nun Vernunft und Wissenschaft.

Außerdem verschiebt sich der Fokus auf die „Prävention“ unerwünschten Verhaltens anstatt der altbewährten Bestrafung – „es ist besser zu verhindern, dass Verbrechen überhaupt stattfinden anstatt sie zu bestrafen“, proklamierte etwa der utilitaristische Philosoph Jeremy Bentham – ebenso wie auf die „Resozialisierung“ aka Umerziehung von Menschen, die trotzdem gegen Regeln verstoßen, unter anderem mithilfe von nicht körperlich sichtbaren Bestrafungen, die je nach „Besserungsgrad“ minimiert werden können. „Die Strafe soll, wenn ich so sagen darf, eher die Seele treffen als den Körper“, bemerkte der Aufklärer de Mably 1789.

Im 19. Jahrhundert wird in Großbritannien die Strategie des „policing by consent“ entwickelt. Angesichts von Arbeiterstreiks und -aufständen, die teilweise dadurch verschärft wurden, dass die Cops zahlreiche Protestierende niederschossen, musste eine neue Strategie her. Der Begründer der Londoner Metropolitan Police Force, ein Politiker namens Peel, entwickelte 1829 das „policing by consent“, das zustimmungsbasierte Polizieren. Diese Idee sollte revolutionäre Bewegungen in reformistische verwandeln, die in der Polizei ihren Partner und nicht ihren Gegner sehen. Die Idee dabei war, dass je mehr die Leute sich selbst polizieren, umso weniger brutale Gewalt zur Durchsetzung der Staatsordnung aufgewendet werden muss.

„Die Polizei muss die willige Kooperation der Öffentlichkeit bei der freiwilligen Befolgung des Gesetzes sicherstellen, um in der Lage zu sein den Respekt der Öffentlichkeit zu sichern und aufrechtzuerhalten… Der Kooperationsgrad der Öffentlichkeit, der gesichert werden kann, senkt proportional die Notwendigkeit offene brutale physische Staatsgewalt anzuwenden.“

So beschreibt Peel seine Idee. Die Polizei darf also nicht als von außen aufgedrückte Unterdrückungs-, Überwachungs- und Kontrollstruktur wahrgenommen werden, sondern muss als Ausdruck des Gemeinwillens, als „Bürger im Dienste des Bürgers“ angesehen werden, an Gesetze gebunden wie alle und nur gegen diejenigen vorgehend, die sich nicht an Gesetze halten. In diesem Sinne steht auch das 1926 in der Weimarer Republik geprägte – und von Heinrich Himmler begeistert wieder aufgenommene und bis heute verbreitete – Motto „Die Polizei – dein Freund und Helfer“. Peel prägte auch den Satz: „Die Polizei ist die Öffentlichkeit und die Öffentlichkeit ist die Polizei“, denn die erfolgreichste Polizei ist diejenige, die die Gesellschaft so durchsetzt hat, dass sie eins mit ihr geworden ist, wo sich die Leute von selbst an die Regeln halten, ohne darüber nachzudenken, diese als selbstverständlich betrachten und andere daran hindern, diese Regeln zu brechen.

Polizeigesellschaft

Humanismus: die Kunst einem Monster Lippenstift aufzutragen und es dazu zu bringen ganz süß zu gucken, während man ihm weiche mitleidsgefärbte Kleider anzieht; die Kunst die eigene Verteidigung einer solchen Unmenschlichkeit menschlich erscheinen zu lassen.
Good cop bad cop

Seit dem 18. Jahrhundert, also eigentlich seit Beginn der Institutionalisierung der Polizei, wird darüber nachgedacht, auf welche Art und Weise die Anwendung physischer Gewalt minimiert werden kann, ohne dabei die Kontrolle über die Bevölkerung zu verlieren, um so die Akzeptanz der bestehenden Herrschaftsstrukturen und ihrer Regeln zu steigern. Die meisten Kritiken am Polizeistaat – damals wie übrigens auch heute – beschränkten sich darauf, dass es nicht Sache einer physische Gewalt anwendenden Institution sei, gewisse Dinge zu regeln, dass das „unmenschlich“ sei, sondern dass es andere Institutionen oder Ansätze gebe, die besser für die Regelung dieser Dinge geeignet seien. Welcher Dinge? Handlungen, Beziehungen und Situationen, die die „Ordnung“ stören könnten, etwa dadurch, dass die Befriedung der Bevölkerung nicht mehr funktioniert, es also Potenzial für Revolten gibt, oder dass die Mitglieder dieser Ordnung ihre Aufgaben nicht (mehr) erfüllen (können). So ist beispielsweise der „Kampf“ gegen Armut, Drogenmissbrauch oder Obdachlosigkeit – Beispiele derjenigen, die etwa mehr Sozialarbeiter für diese Angelegenheiten anstelle von Cops fordern – Versuche das Versagen des Glücksversprechens des Staates zu kaschieren oder aufzufangen, ebenso wie Revolten aufgrund von existenzieller Not zu verhindern und andererseits mithilfe von „Resozialisierungs“programmen etwa von Obdachlosen oder Drogenabhängigen diese in den Körper des Leviathan als nützliche Zellen zu reintegrieren.

„Polizei“ als Etablierung und Aufrechterhaltung einer „Ordnung“ umfasst die Einfügung der Subjekte des Leviathans in seinen Körper. Doch was bedeutet das konkret? Ein altes Synonym zur „Policey“ ist „Mannszucht“. Heute kennen wir noch das „Zuchthaus“, die „Züchtigung“ oder „züchtig“ zu sein. Dabei sind die „Züchtigung“ oder das „Züchtigsein“ Dinge, das wir meist mit vielleicht etwas veraltet wirkenden Erziehungsmethoden assoziieren. Ob veraltet oder nicht, können wir allerdings sagen, dass Erziehung eine ganze Menge mit der Polizei zu tun hat.

part. policiert, in gute bürgerliche ordnung (polizei) gebracht, wol eingerichtet; gebildet, gesittet, civilisiert
„Polizieren“, Grimms Wörterbuch

Wer poliziert ist, ist laut Grimmschen Wörterbuch „gebildet, gesittet, civilisiert“. Jemand Unpoliziertes ist also ungebildet, unzivilisiert, ungesittet. Wer eine „schlechte Erziehung“ genossen hat – oder, in moderneren Worten ausgedrückt, „einen niedrigen Bildungsstandard hat“ –, der läuft Gefahr eher „straffällig“ zu werden, sprich ordnungsgefährdendes Verhalten an den Tag zu legen. Eine gute Bildung und Erziehung ist ein wichtiges Anliegen für den Staat. Die „Erziehung“ ist auch begrifflich eng mit der „Zucht“ verwandt. Das mittelhochdeutsche zühter und das althochdeutsche zuhtari bedeuten ursprünglich „Lehrer“ oder „Erzieher“. Die „Policey“ als „Mannszucht“ dient als lebenslange Erziehungsinstanz. Wer schon einmal in einem Gerichtsprozess saß, kennt den erzieherischen Charakter der ganzen Veranstaltung. Erziehung ist nichts anderes als die Einschränkung der Handlungen des freien, ungezügelten Individuums auf die erwünschten, die in unserer Gesellschaft die des arbeitenden Bürgers sind. Polizei ist auch Schule, Erziehen ist Polizieren.

Doch kehren wir zur „Zucht“ zurück. In Victor Hugos Roman Les Misérables – Geschichte eines Brotdiebes, der nach neunzehn Jahren Zwangsarbeit versucht ein moralisch „besserer“ Mensch zu werden, dabei einen Industriestandort gründet und Bürgermeister wird, dessen Versuche sich zu „rehabilitieren“ aber immer dann scheitern, sobald die Menschen von seiner Vergangenheit erfahren – begegnen wir einem Bischof – der Seelsorger des Protagonisten, der durch seine Freundlichkeit diesen zur Moral bekehrt –, der beim Anblick von Bauern, die Brennesseln aus dem Feld herausreißen und daneben in der Sonne verdorren lassen, murmelt:

Meine Freunde, behaltet dies, es gibt weder schlechtes Kraut noch schlechte Menschen. Es gibt nur schlechte Gärtner.

Der Bischof weiß, wie nützlich Brennesseln sind und was man alles damit machen könnte und ist betrübt über die Dummheit der Bauern. Ebenso ist der Protagonist mithilfe von Fürsorge „bekehrbar“ und kann zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft werden, was aber durch sein Stigma als ehemaliger Strafgefangener immer wieder von der Gesellschaft zunichte gemacht wird. Ich finde das ganze Buch sehr bezeichnend für die Idee, die hinter der Polizei steht sowie für gängige Polizeikritiken, und speziell die Brennesselszene in diesem Kontext äußerst interessant. Die Moral von der Geschicht‘: der Protagonist, die „Brennessel“ könnte und ist ein so nützliches Mitglied der Gesellschaft, doch dadurch, dass ihm die Vergangenheit nicht verziehen wird, kann er dieses Potenzial nicht ausleben. Auf andere „liberale“ oder „emanzipatorische“ Kritiken übertragen, ist das Argument, dass jeder Mensch Fähigkeiten habe, die für die Gesellschaft nutzbar gemacht werden könnten, und die Methoden der Institution der Polizei und der Strafjustiz seien dafür häufig nicht geeignet, teilweise schüfen diese auch erst die Probleme, die sie vorgeben zu lösen. Die Polizei sei häufig „ein schlechter Gärtner“, doch durch eine Umstellung der Methoden, etwa durch Güte, könnte der Garten Gesellschaft viel mehr erblühen und seine Elemente maximal nützlich verwertet werden. Vieles von dem, was als „Unkraut“ entfernt wird, könnte sehr wertvoll für die Gesellschaft sein.

Der Garten im Gegensatz zum wilden Wald oder zur wilden Ebene ist das passende Pendant zur Gesellschaft im Gegensatz zur Freiheit, zum wilden, ungezähmten, freien „Naturzustand“, den Hobbes so verteufelt. Der Garten ist die geordnete, kontrollierte Umgebung, in dem jede Pflanze, jedes Tier danach sortiert wird, ob es für den Zweck des Gartens nützlich ist oder bekämpft werden muss. Und auch hier kann der Gärtner sich irren, Nützliches zerstören und Schaden anrichten und ihm werden andere widersprechen und andere Theorien haben, wie der Garten in seiner ganzen Pracht erblühen kann, doch der Garten selbst bleibt unangetastet. So wie der Gärtner seine Blumen und Nutzpflanzen zieht, Regenwürmer ansiedelt, einen Kompost anlegt und die Schnecken vergiftet, so wird der neugeborene Mensch ge- – pardon erzogen und kultiviert, einer guten „Zucht“ bzw. „Erziehung“ unterworfen, er wird zivilisiert und domestiziert, er wird poliziert.

So gibt es viele Institutionen, „Fachbereiche“, Vereine und akademische Fakultäten, die sich mit der optimalen „Zucht“ der Menschen beschäftigen und sich darum streiten, welcher Dünger die besten Resultate bringt. Was ist die effektivste Methode, um unerwünschtes Verhalten zu eliminieren und erwünschtes zu produzieren? Wie lege ich den Garten am besten an, um das beste Resultat zu erzielen, wie erschaffe ich den Raum, indem am besten das gewünschte Resultat zutage tritt? Die Psychologie, die Pädagogik, die Verhaltensforschung und die Sozialwissenschaft, die soziale Arbeit, die Architektur – etwa durch das Entwerfen „sicherer“ Wohnviertel – haben erstaunliche Arbeit geleistet, um die Produktion erwünschten Verhaltens zu steigern. „Sanftere“ Methoden als der Knüppel verringern bei vielen den Widerstand spürbar. Die Forschungen in diesem Bereich mögen die Erkenntnis geliefert haben, dass das Polizieren mithilfe physischer Gewalt nicht immer das geeignete Mittel zur Verhaltenskontrolle ist, sondern mehr als „Mittel letzter Wahl“ gebraucht bzw. zumindest der Anschein dessen vermittelt werden sollte. Eine Trennung der „Unverbesserlichen“, derjenigen also, bei denen subtilere Methoden der Verhaltenskontrolle nicht funktionieren, von denen, die für andere Mittel anfällig sind, isoliert diese „aufständischen“/kriminellen Elemente und macht sie so leichter kontrollierbar.

In einem Verständnis der Polizei als Kriegsführung gegen das ungezähmte Individuum zur Herstellung des Bürgers und des Arbeiters muss auch die moderne Unterscheidung von Militär und Polizei infragegestellt werden. In anderen Ländern als Deutschland mag diese Unterscheidung eh lächerlich erscheinen, in denen das Militär immer dann zum Einsatz kommt, wenn die klassische Polizei und die anderen Institutionen nicht mehr in der Lage sind, das Verhalten ihrer Bürger zu kontrollieren – eine Intervention, die sicherlich trotz aller „antifaschistischen“ Lippenbekenntnisse auch in Deutschland bei einem Aufstand zu erwarten wäre. Moderne Militärstrategiepapiere sehen in der zunehmend globalisierten Welt mit zunehmend gefestigten Nationen ohnehin in der Aufstandsbekämpfung das militärische Aufgabenfeld des 21. Jahrhunderts, Polizei- und Militärstrategien und -technologien befruchten sich gegenseitig, greifen ergänzend ineinander. Das Militär kommt dann zum Tragen, wenn eine neue Ordnung etabliert werden soll, etwa durch eine militärische Besatzung, oder um eine spürbar ins Wanken geratene Ordnung wieder zu stabilisieren, also quasi um die ursprüngliche Besatzung zu wiederholen. Doch eine Ordnung kann sich besser festigen, wenn die Besatzung nicht mehr als solche empfunden wird. Die militärische Besatzung eines Gebietes wird von den meisten als Freiheitseinschränkung betrachtet werden und entsprechenden Widerstand hervorrufen. Aufgabe einer Polizei ist es, eine solche ursprüngliche Besatzung so weit zu subtilisieren und zu etablieren, dass sie als von den Bewohner·innen eines Gebietes als erwünscht und als Garantin ihrer Freiheit wahrgenommen wird. Während das Militär zumindest in bisherigen Konflikten häufig den Krieg zwischen Staaten oder sonstigen Machtgefügen geführt hat und Gebiete neu besetzt, führt die Polizei in einem dann bereits gefestigten Staatsgefüge einen sozialen Krieg gegen die immer potenziell widerständischen Menschen innerhalb dieser Staaten.

Polizeianarchie?

da jeder nur für sich will leben,
nichts zum gemeinen nutz hingeben,
da geht zu grund all policei.
Georg Rollenhagen (1542-1609), froschmevseler.

Wenn wir Polizei als das Herstellen einer guten Ordnung betrachten, und wir davon ausgehen, dass eine Ordnung nur durch die Kontrolle über die Handlungen der in diese Ordnung eingegliederten Menschen (und anderen Lebewesen) hergestellt werden kann, dann ist natürlich auch klar, dass jeglicher Versuch, eine Ordnung jedweder Art herzustellen, beinhalten muss, das Verhalten der Menschen der erwünschten Ordnung anzupassen, es anzuordnen, also zu polizieren. Dass die Errichtung eines Gemeinwesens, einer Gesellschaft die Einrichtung einer Polizei, egal wie diese genannt werden wird, zur Folge haben wird. Dass alle Versuche und Vorschläge der Reformierung wie auch der Abschaffung der Polizei neue Polizeien errichten.

In gewissen anarchistischen Kreisen werden viele identitätsbasierte Befreiungskämpfe positiv rezipiert, die das Aufstellen „eigener Sicherheitskräfte“ als die Lösung bzw. die Alternative zur Polizei propagieren. Schillerndstes aktuelles Beispiel ist da die „Asayish“, die Institution zur Etablierung der öffentlichen Sicherheit in Rojava, die gerne als ein solches gelungenes Beispiel der „eigenen“ Sicherheitskultur beworben wird. So erklärte der Verwalter der Rojava-Asayish Ciwan İbrahim 2016, die Asayish sei eine „Sicherheitsinstitution, die sich nicht über, sondern innerhalb der Gesellschaft verorte“. Man könnte meinen Ciwan İbrahim hätte Peel gelesen, den Erfinder der britischen „Bobbies“, aber auch wenn dem nicht so ist, fällt es mir schwer irgendeinen Unterschied zum peelschen „Die Polizei ist die Öffentlichkeit und die Öffentlichkeit ist die Polizei“ oder dem deutschen „Die Polizei – dein Freund und Helfer“ zu sehen. Doch sie unterschieden sich schon von den Sicherheitskräften der Staaten, beteuert Ciwan İbrahim, denn:

Zuallerst basiert unsere Sicht auf gesellschaftlichen Problemen, nicht auf „Verbrechen und Strafe“. Was wir im Allgemeinen erreichen wollen ist nicht nur ein Individuum in einem Strafgericht zu bestrafen und so eine temporäre Lösung anzuwenden. Unser tatsächliches Ziel ist es die Ursache dieses Problems herauszufinden und sie umzudrehen, um sie ineffektiv zu machen und es zu verunmöglichen sie in ein Verbrechen umzuwandeln. Zum Beispiel wenn es ein Diebstahls- oder Schmuggeldelikt gibt, dann finden wir die Organisatoren und zerschlagen das Netzwerk.

Revolutionär neu, behauptet Ciwan İbrahim. Ich muss sagen, dass mir speziell bei diesem genannten Beispiel kein bisschen klar wird, inwiefern diese Methode sich von „kapitalistisch-demokratischen“ Polizeitaktiken unterscheidet, schließlich wäre mir neu, dass beispielsweise Interpol und jede sich mit Organisierter Kriminalität beschäftigende Polizeieinheit nicht versuchen würde, die Organisatoren ausfindig zu machen und die Netzwerke zu zerschlagen. Doch auch wenn man über dieses genannte Beispiel hinwegsieht, so ist das Ziel der Asayish, „nicht nur“ zu bestrafen, sondern auch die Grundbedingungen zur Begehung von Straftaten zu beseitigen, absolut identisch mit den Theorien zum präventiven Polizieren aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die Behauptung Ciwan İbrahims in den kapitalistischen Demokratien gehe es um nur um das Bestrafen von „Verbrechen“, ist einfach falsch, und wie wir gesehen haben geht es im modernen Polizeiverständnis ganz viel auch darum die Bedingungen zur Begehung von Straftaten zu eliminieren.

Zur Frauen-Asayish, die als das besondere Element der Asayish propagiert wird und die sicherlich auch denen gefällt, die sich wünschen, dass „Sicherheitsteams“ von denjenigen gestellt werden, die „auf Schutz angewiesen sind“ – wie es etwa die vom ABC Wien beworbene Broschüre „Eine Welt ohne Polizei“ vorschlägt –, möchte ich gerne mal ganz ketzerisch die Geschichte von der Weiblichen Kriminalpolizei (WKP) in Deutschland erzählen: Nachdem in Deutschland bereits seit 1903 von Frauenrechtsvereinen durchgesetzte sogenannte Polizeifürsorgerinnen Prostituierte und minderjährige Straftäter betreuten, Heimeinweisungen erließen, Sozialprognosen für Straffällige erstellten und sonstige mit dem Strafvollzug zusammenhängende Sozialarbeit verrichteten – begründet mit der besseren Eignung von Frauen zum Umgang mit diesen Gruppen (Jugendliche und erwachsene Frauen) aufgrund spezifisch „weiblicher“ Eigenschaften wie Fürsorglichkeit und Mütterlichkeit und der Kritik an einem spezifisch „männlichen Blick“ auf „sittlich gefährdete“ Mädchen und Frauen –, wurde ebenfalls auf Betreiben von Feministinnen hin 1926/27 die Weibliche Kriminalpolizei eingerichtet, die – ähnlich zu der Frauen-Asayish in Rojava – überwiegend für „sittenpolizeiliche“ Aufgaben – etwa der Umgang mit Opfern sexualisierter Gewalt, Prostituierten und minderjährigen Straftätern – zuständig war. Dass Frauen keine „besseren“ Cops sind oder sonstwie die Zugehörigkeit zu einer solchen Gruppe nicht dazu führt, dass die Polizei auf einmal eine ganz andere Institution wird, wie teilweise die Forderungen danach, dass Betroffene von Diskriminierung o. ä. Polizeiaufgaben übernehmen sollen, suggerieren, zeigt nichts eindrucksvoller – auch wenn ich es eigentlich müßig finde, mir überhaupt die Mühe zu machen auf eine solch absurde Behauptung einzugehen – als die Rolle der WKP im Nationalsozialismus. Die WKP übernahm im nationalsozialistischen Deutschland rassepolitische Aufgaben, beteiligte sich an der sogenannten Bereitstellung von Judentransporten wie auch an der Errichtung nationalsozialistischer Jugendheime in überfallenen Gebieten. Die lesbische Kriminaldirektorin Friederike Wieking – in den 20er Jahren in der Berliner Frauenbewegung aktiv und ranghöchste Polizeibeamtin im Dritten Reich – trug dabei etwa ab 1941 die Verantwortung für das Jugendschutzlager Moringen und ab 1942 für das Mädchenlager Uckermark – beides KZs für Jugendliche und junge Erwachsene. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die WKP als Institution erhalten – Einstellungsvoraussetzung war vorher einen sozialen Beruf erlernt zu haben – und wurde in den 70er Jahren aufgelöst und in die Kriminalpolizei integriert. Beispiele wie die Asayish oder andere Sicherheitsinstitutionen solcher „revolutionärer und emanzipatorischer Befreiungsbewegungen“, die als ein völlig neues Konzept und eine reale bessere Alternative zur Polizei beworben werden, erinnern mich einfach nur daran, wie die Sowjetunion das Gulag als einen wertvollen Schritt propagierte, um dem Ziel näherzukommen Gefängnisse abzuschaffen und die Menschen durch Arbeit zum Sozialismus zu führen.

Auch gewisse Konzepte der abolitionistischen Bewegung, wie etwa Community Accountability oder Transformative Justice, werden als Alternativen zur Polizei diskutiert. Besonders im Trend liegt dabei die deutsche Variante der Community Accountability, die sogenannten „Awareness-Teams“. Auf vielen anarchistischen Veranstaltungen ist man auf einmal mit ihnen konfrontiert, während sie teilweise sogar uniformiert, etwa in rosa Hemdchen, Warnwesten oder mit lila oder sonstwie kennzeichnender Armbinde – mmh, vielleicht waren es auch Buttons gewesen – über das Gelände patrouillieren. Die Kritik, dass sie polizieren würden, wird meist damit abgeschmettert, dass ein Awareness-Team nicht genauso organisiert und strukturiert sei wie eine Polizei. Eine solche Betrachtungsweise ist allerdings oberflächlich und ignoriert die Ideen, die zur Einrichtung einer „Polizei“, wie wir sie heute kennen, geführt haben. Wenn wir das Polizieren als Handlungen verstehen, die dazu dienen das Verhalten der Menschen so weit unter Kontrolle zu bringen, dass bestenfalls nur noch erwünschtes Verhalten zutage trete, dann zeigt das gerne vorgebrachte Argument, dass Awareness-Teams noch so lange nötig seien, bis die Menschen endlich alle „reflektiert“ seien, bis es sich von selbst abschaffen würde, dass offenbar Awareness-Teams als Teil einer Infrastruktur gesehen werden, die auf das Ziel hinarbeitet alle Menschen zu „reflektieren“. Was anderes aber als das Verhalten von Individuen zu polizieren soll dieses „Menschen reflektieren“ bitte sein? Andere argumentieren, dass ein Awareness-Team nur dazu da sei, eine Ansprechstelle zu schaffen, doch damit bildet es immer noch einen Teil in der Infrastruktur zur Verhaltenskontrolle und wir wissen ja, wie eng „soziale“ und „Wohlfahrts“institutionen mit der Polizei verknüpft sind und auch die praktischen Umsetzungen solcher Awareness-Strukturen haben diese Verknüpfung bisher nur immer wieder bestätigt.

Nur weil ich etwas einen anderen Namen gebe und an den Methoden schraube, bedeutet das nicht, dass ich das, was ich vorgebe oder auch meine zu bekämpfen, tatsächlich zerstört habe. Und solange ich unbedingt einen Garten möchte anstatt eines Urwalds, werde ich ordnend eingreifen müssen, um diesen Garten zu erhalten. Deshalb sehe ich auch alle „anarchistischen“ Konzepte, die in irgendeiner Form eine Gesellschaft errichten wollen, als problematisch an, da sie immer mit dem Problem konfrontiert sein werden ihre Ordnung einführen, erhalten und verteidigen zu müssen. Den ungezähmt geborenen Menschen mithilfe von „Bildung“ zum reflektierten Menschen, der für die Anarchie bereit ist, zu erziehen, wie es einige „Transformationstheorien“ propagieren, bedeutet die Zähmung des wilden Individuums und seine Unterwerfung. Mir scheint es auch kein Wunder, dass insbesondere bei Verfechter·innen solcher „anarchistischen Utopien“ die Grenzen zwischen Basis- oder Rätedemokratie und ihrer angeblich anarchistischen „befreiten Gesellschaft“ nicht klar gezogen sind, ja teilweise auch als Synonyme oder zumindest nicht als Widerspruch zu den eigenen Ideen behandelt werden. Sowieso gibt es ja die Vertreter·innen des Anarchismus, die behaupten Anarchismus sei die „echte“ oder „radikale Demokratie“ im Gegensatz zu den heutigen kapitalistischen Demokratien, in der die Menschen sich endlich „selbst verwalten“ könnten. Doch was kann ich von einer auch radikalen Demokratie, die sich selbst verwaltet, schon erwarten als dass ich mich im Zweifel selbst poliziere, auch wenn ich nicht denke, dass es dabei bleiben wird, wenn ich mir so die Konzepte von „antifaschistischen Schutzgruppen“ („Für eine neue anarchistische Synthese!“) oder „basisdemokratisch aufgestellten Sicherheitsteams“ („Eine Welt ohne Polizei“), von Transformative Justice und Awareness-Teams so ansehe, die für im Hier und Jetzt als auch „nach der sozialen Revolution“ diskutiert werden.

Wer die Herrschaft hasst, kann die Polizei nicht „ersetzen“, sondern muss sie zerstören. Dafür muss man aber auch bereit sein die Kontrolle aufzugeben. Die Kontrolle über andere Menschen wie über andere Lebewesen. Wir brauchen den Mut im Urwald zu leben anstatt uns in unseren Garten zurückzuziehen. Das meine ich absolut wörtlich. Ein ungezähmtes, freies Leben kann es nur außerhalb von Mauern und Zäunen geben, außerhalb der Gesellschaft, außerhalb der Zivilisation stattfinden. Heißt das, Freiheit kann es nur als Einsiedler alleine in einer Höhle geben? Ich denke nicht. Jedoch können Beziehungen meiner Meinung nach nur herrschaftsfrei bleiben, solange sie direkt zueinander möglich sind und solange eine Gemeinschaft nicht über das Individuum gestellt wird. Aber heißt das denn, dass ich mir alles von anderen gefallen lassen muss? Gegenfrage: Lässt man sich nicht viel mehr gefallen, wenn man sich einer (Selbst-)Verwaltung und Gesetzen unterwirft, gebildet und mithilfe von Massenkommunikationsmitteln mit Propaganda bombardiert wird und mit einer Umgebung konfrontiert ist, die sich durch ihre „sichere Architektur“ auszeichnet und einer Ordnung zur besten Ausbeutung der sogenannten „natürlichen Ressourcen“? So wie ich mich gegen eine solche Einschränkung meiner Freiheit zur Wehr setze, kann ich doch auch meine Konflikte selbst klären, kann diejenigen bekämpfen, die meinen mich als Individuum in ihren Plänen übergehen oder zerstören zu können. Die Kontrolle anderer über mich allerdings damit bekämpfen zu wollen diese anderen zuerst zu kontrollieren, Freiheit dadurch garantieren zu wollen, dass ich die Freiheit aller einschränke, ist sicherlich keine Anarchie. Anarchie ist halt doch Chaos und eben nicht Ordnung, wie gewisse sich vor Kontrollverlust fürchtende Anarchist·innen immer versichern.

Angesichts einer solch verinnerlichten Sehnsucht nach Kontrolle über jegliches Leben und den sich immer weiter verfeinernden Technologien und Theorien zur immer weiteren Subtilisierung und Verinnerlichung dieser Kontrolle sieht es erstmal düster aus. Doch da eine vollständige Determinierung aller Handlungen eines Individuums auch bei allen Versuchen totalitärster Methoden an den Individuen selbst scheitern, die sich nicht auf Maschinen reduzieren lassen, wenn es auch noch so sehr versucht wird, kann auch das Netz der Kontrolle nie so engmaschig werden, dass kein Widerstand mehr zutage treten wird. Ein Garten bleibt nur durch die beständige Intervention des Gärtners ein Garten. Also lasst uns nicht den Garten übernehmen und selbstverwalten, sondern töten wir den Gärtner in unserem Kopf und ziehen mutig in die Wildnis. Denn wie es Helfrich Sturz bereits im 18. Jahrhundert erkannte:

der policierte mensch ist … nicht so zufrieden mit seinem zustande als der wilde.

Endnoten

[1] Historisch war der Abolitionismus eine Bewegung, die sich für die Abschaffung der Sklaverei einsetzte und war unter anderem in den USA sehr stark. Mit Abschaffung der Sklaverei kämpften Abolitionist·innen in den USA weiter gegen die Unterdrückung der Schwarzen. Ein Fokus liegt dabei auf der Kritik am Knast, denn dort wird die Sklaverei häufig durch Zwangsarbeit ohne oder gegen geringfügigsten Lohn fortgeführt, insbesondere an Schwarzen, die in den USA (nicht nur da) überproportional oft im Gefängnis sitzen.

[2] [UPDATE] ABC Wien hat die genannte Broschüre inzwischen von ihrer Webseite gelöscht.


Spannende Lektüren bei Entstehung dieses Textes
  • „What is Policing?“ in: The Master’s Tools: warfare and insurgent possibility
  • „Good cop bad cop“ in: Cop-out. The significance of Aufhebengate
  • „Policing on the Global Scale. On the Relationship Between Current Military Operations, Crowd Control Techniques, the Technologies of Surveillance and Control and Their Increasing Intrusion into our Daily Lives“
  • „Ich will Bullen töten, bis ich selbst sterbe. Für die Annihilation der Polizei und die Zerstörung der Menschheit“
  • „Nicht Freund, nicht Helfer – Feind!“ in: Yegussa
  • „I survived Awareness“
  • „The Continuing Appeal of Nationalism“
  • „Fragmentarische Notizen gegen die Justiz“
  • „Der Einzige und sein Eigentum“

Warum der Königsmord kein Thema von gestern ist …

Es ist ja schon eine ganze Weile her, dass das Haupt der Statue von König Ludwig II an der Corneliusbrücke abgetrennt wurde und sein Leib für den Krieg eingeschmolzen wurde. Seitdem thronte das Haupt des Monarchen dort auf einer Säule. Am Wochenende des 09. bis 11. April jedoch waren die Fans des Königs in Aufruhr. Es war verschwunden, das kostbare Haupt des Königs. Waren es Kunstdiebe? Oder Edelmetallsammler? Als man den Kopf nebenan inmitten der Isar findet, verschiebt sich der Verdacht: Vandalen? „War es gezielte Königs-Schändung?“ fragt die Presse.

Vielleicht. Es wäre zumindest erfreulich. Unterdessen hat die Feuerwehr das Haupt des Königs vom Grund der Isar wieder an die Oberfläche getaucht und der Polizei übergeben, die diese Frage nun ermitteln will. Mit Unterstützung eines eher seltsamen Hobbydetektivs, der sogar eine Belohnung von 2000 Euro ausgelobt hat, für Hinweise die zur Ergreifung der Königsschänder*innen führen. Dabei ist es ja eine Sache, eine persönliche Obsession für den berühmten bayerischen „Märchenkönig“ zu haben und die Corneliusbrücke zukünftig zusätzlich zum königlichen Haupt noch mit einem königlichen Leib verunstalten zu wollen, aber eine ganz andere, eine Belohnung auszusetzen, für die Ergreifung von Tätern! Zumindest braucht man sich bei letzterem nicht wundern, wenn man dann den wohlverdienten Hass derer abbekommt, die weder für die Statuen irgendwelcher Herrscher*innen etwas übrig haben, noch es schätzen, wenn deren Bonzen-Mäzene ihnen die Bullen auf den Hals hetzen.

Ach ja, eines noch: Ob schwul oder nicht, für einen König – egal ob lebendig oder als Statue – gibt es nur einen einzigen angemessenen Ort: Ertränkt in der Isar.

E-Ladesäule mit Hackfleisch beschädigt

Hatte jemand Hackfleisch containert und es nicht mehr für gut befunden und dann den erstbesten Spot verwendet, der dieser Person unter die Augen kam, um es loszuwerden? Oder wusste sie tatsächlich, dass Hackfleisch eine Ladesäule für E-Autos nachhaltig beschädigen würde?

Wie auch immer diese Sabotage zustandekam, erwies sie sich auf jeden Fall als äußerst erfolgreich. Das Hackfleisch wurde in den Bereich zwischen Stecker und Steckerleiste einer E-Ladesäule in der Marklandstraße im Stadtteil Fasangarten geschmiert und legte diese lahm. Dadurch, dass das Hackfleisch bis in die Kontakte vorgedrungen war, mussten beide Stecker der Ladestation ausgetauscht werden.

Sabotage mit Lebensmitteln hat ja seit jeher eine gewisse Konjunktur. Ein Klassiker ist da natürlich das Bewerfen von Gebäuden mit Eiern oder Tomaten und sonstigem (faulem) Gemüse (als eins von vielen Anwendungsgebieten). Doch auch davon, dass Menschen (vergorene) Milch oder sonstige stinkende Flüssigkeiten in Lüftungsschlitze von Autos schütten, hört man immer mal wieder. Das Verschütten stinkender Flüssigkeiten im Allgemeinen ist natürlich auch ganz groß im Kurs. Hackfleisch scheint mir bisher noch nicht so weit verbreitet – vielleicht muss sich das ändern…

Katastrophismus XXIII

Die Expertenbürokratie, welche zusammen mit der Entwicklung der Planung auftauchte, stellt für alle Verwalter der Herrschaft eine gemeinsame Sprache und die Repräsentationen her, mittels welcher die Letzteren ihre eigene Aktivität verstehen und rechtfertigen. Mit ihren Diagnosen und Voraussagen, formuliert in der Neosprache der rationalen Kalkulation, kultiviert sie die Illusion einer technowissenschaftlichen Kontrolle von „Problemen“. Das Programm eines vollständig verwalteten Überlebens zu verteidigen ist ihre Aufgabe. Es ist diese Bürokratie, die regelmässig Alarmsignale und Warnungen herausgibt. Dabei zählt sie darauf, dass die Notlage, welche sie ausruft, sie befähigt direkter in die Verwaltung der Herrschaft eingebunden zu werden. In ihrer Kampagne für die Schaffung eines Ausnahmezustands hat ihr niemals die Unterstützung von linken Staatsanhängern und anderen bürgerbewegten [citizenists] gefehlt, und hat künftig also kaum Widerstand von den Verwaltern der Wirtschaft zu erwarten, da die meisten von ihnen die Perspektive einer endlosen Katastrophe als eine permanente Wiederauferstehung der Produktion durch die Suche nach „Ökokompatibilität“ betrachten. Eine Sache ist nun klar: wenn die Zeit für das alte Keynesianische Rezept der öffentlichen Wohlfahrtsprogramme – zusammengefasst in der Formel „Löcher graben um diese wieder aufzufüllen“ – gekommen ist, wird es genügend bereits gegrabene „Löcher“, zu reparierende Verheerungen, Abfälle zum recyclen, Verschmutzung zu reinigen, etc. geben. („Wir werden das reparieren müssen, was nie zuvor repariert wurde, verwalten, was niemand zuvor verwaltet hat“, Hervé Juvin, Produire le monde. Pour une croissance écologique, 2008).

Die Ausbildung dieses neuen „Labour Corps“ bedeutet bereits Kriegsfuss. So wie der New Deal die Unterstützung praktisch aller linken Intellektuellen und Aktivisten in den USA erhalten hat, mobilisiert der neue ökologische Kurs des bürokratischen Kapitalismus alle „gutherzigen Apparatschiks“ auf Weltebene. Letztere sind jung, Spezialisten, enthusiastisch, kompetent und ehrgeizig: kampferprobt in den NGOs und anderen Vereinen, in Führung und Organisation, fühlen sie sich fähig „die Dinge voranzutreiben“. Überzeugt, dass sie die höheren Interessen der Menschheit verkörpern und die Geschichte auf ihrer Seite haben, sind sie mit einem absolut reinen Gewissen ausgestattet und, als wäre das noch nicht genug, dem Wissen, dass die Gesetze auf ihrer Seite sind: die Gesetze die bereits in den Büchern stehen und all jene, welche sie zu verkünden hoffen. Denn sie wollen mehr Gesetze und Vorschriften, und hier ist es, wo sie mit dem Rest der Progressiven, „Anti-Liberalen“ und Militanten der Partei des Staates übereinstimmen, für welche „Gesellschaftskritik“ – ganz im Stile Bourdieus – darin besteht, die „Regierten“ dazu aufzurufen, „den Staat“ gegen seine „neoliberale Demontage“ „zu verteidigen“.

Nichts macht die Art und Weise klarer, in welcher der Katastrophismus der Experten etwas anderes ist als eine „Bewusstwerdung“ über die reale Katastrophe des entfremdeten Lebens, als die Art in welcher er versucht jeden Lebensaspekt und jedes Detail des persönlichen Verhaltens zu einem Gegenstand der Staatskontrolle zu machen, Regeln, Vorschriften und Verboten gemäss. Jeder zum Katastrophismus konvertierte Experte weiss, dass er ein Verwahrer des wahren Glaubens ist, der unpersönlichen Rationalität, welche das grundlegende Ideal des Staates ist. Wenn er seine Anklagen und Empfehlungen an politische Führer richtet, ist sich der Experte der Tatsache bewusst, dass er das höhere Interesse der kollektiven Verwaltung repräsentiert, die Imperative des Überlebens der Massengesellschaft. (Er wird vom „politischen Willen“ sprechen, der nötig ist, wenn er sich auf diesen Aspekt des Themas bezieht.) Die Verwaltung durch die Experten ist nicht nur aufgrund ihres Habitus etatistisch, da nur ein verstärkter Staat ihre Lösungen anwenden kann: sie ist strukturell etatistisch, in all ihren Methoden, ihren intellektuellen Kategorien und ihren „Mitgliedschaftskriterien“. Diese „Jesuiten des Staates“ haben ihren Idealismus (ihren „Spiritualismus“ wie es Marx nannte), die Überzeugung, dass sie für die Erlösung des Planeten arbeiten; aber dieser Idealismus fällt in der alltäglichen Praxis oft einem vulgären Materialismus anheim, in dessen Augen es nicht eine einzige spontane Lebensäusserung gibt, die nicht auf den Zustand eines passiven Objekts reduziert werden könnte, empfänglich dafür verwaltet zu werden: um das Programm der bürokratischen Verwaltung („Natur produzieren“) aufzuerlegen, ist es notwendig alles zu bekämpfen und zu eliminieren was unabhängig, ohne Hilfe der Technologie, existiert und das folglich irrational sein muss (wie es, bis gerade gestern noch, die Kritiken an der industriellen Gesellschaften waren, die ihr voraussehbares Verhängnis verkündeten).
Der Kult der unpersönlichen wissenschaftlichen Objektivität, des Wissens ohne Subjekt, ist die Religion der Bürokratie. Und unter ihren Lieblingsfrömmigkeiten ist – aus offensichtlichen Gründen – die Statistik, die Staatswissenschaft par excellence, welche diesen Status im Grunde im militaristischen und absolutistischen Preussen des 18. Jahrhunderts erreichte, welches auch – wie [Lewis] Mumford beobachtete – die erste Gesellschaft war, welche die Uniformität und die Unpersönlichkeit des modernen öffentlichen Schulsystems im grossen Massstab auf die Erziehung anwandte. So wie in Los Alamos das Labor in ein Gefängnis verwandelt wurde, ist das, was das Weltlabor nun ankündigt, so wie es die Experten darstellen, eine Barackenökologie. Der Datenfetischismus und der kindliche Respekt für alles was in Form einer Gleichung präsentiert werden kann, hat nichts mit der Angst vor dem Irrtum zu tun, sondern vielmehr mit der Angst vor der Wahrheit, die der Nichtexperte ohne Rückgriff auf irgendwelche Zahlen formulieren kann. Das ist der Grund wieso der Nichtexperte erzogen und informiert werden muss, so dass er sich im Vorhinein der ökologisch-wissenschaftlichen Autorität fügen kann, welche ihm die neuen Regeln diktieren wird, die so notwendig für das geschmeidige Funktionieren der sozialen Maschine sind. In den Stimmen jener, die leidenschaftlich die Statistiken wiederholen, welche von der katastrophistischen Propaganda verbreitet werden, ist es nicht die Revolte die widerhallt, sondern Unterwerfung unter die Ausnahmezustände im Voraus, die Akzeptanz der kommenden Disziplinarregimes, und die Unterstützung für die bürokratische Macht die vorgibt durch den Gebrauch von Zwangsmassnahmen das kollektive Überleben sicherzustellen.

[Übersetzung eines Kapitels aus dem Buch: „Catastrophism, disaster management and sustainable submission“ von René Riesel und Jaime Semprun, Roofdruk Edities, April 2014. Das Original von 2008 (!) ist französisch und heisst „Catastrophisme, administration du désastre et soumission durable“, Edition de l`encyclopédie des nuisances]

Anarchismus und Egoismus

Es ist unter den Anarchisten noch vielfach der Aberglaube verbreitet, dass der Egoismus der Anarchie feindlich gegenüber stehe. Dass diese Annahme vollständig irrthümlich ist, wollen wir hier kurz zu beweisen suchen.
Der Egoismus ist die Triebfeder aller menschlichen Handlungen. Ein jedes Lebewesen überhaupt sucht sich zu behaupten und zu geniessen. Welche Schranken setzt nun der Anarchismus dem Egoismus? Der Anarchismus hat nur ein Gebot: Du sollst nicht herrschen. Dies ist die einzige Schranke, welche der Anarchismus dem Egoismus bietet. Dagegen wird der Anarchismus dem Egoismus tausend Freiheiten gewähren, welche in der heutigen Gesellschaft verboten sind. Es wird daher im Interesse des Egoismus sein, wenn die Anarchie erstehen wird, und daher kann er sie nur willkommen heissen.
Ja, wir erwarten die Anarchie von dem Interesse der Menschen; wir denken nicht, dass die Anarchie aus der Nächstenliebe erstehen wird. Wenn wir uns gegen die heutige Gesellschaft empören, so geschieht es aus einem egoistischen Grunde: weil wir von ihr ungerecht behandelt werden, und uns selbst behaupten wollen.
Es ist nicht der Egoismus an und für sich, welcher unserer Propaganda im Wege steht, es ist die Unwissenheit und die übergrosse Duldsamkeit. Wenn doch die Arbeiter so egoistisch werden wollten, und die Ausbeuter nicht mehr länger anerkennen würden! Wenn doch die Arbeiter so gescheidt würden, um ihre wirklichen Feinde zu erkennen! Wenn sie doch so egoistisch würden, um sich gegen ihre Tyrannen zu empören!
Die Früchte des Egoismus richten sich je nach der Intelligenz des Menschen. Der Egoismus eines beschränkten Kopfes wird immer eine beschränkte Gestalt annehmen; der Egoismus eines Genies wird immer eine geniale Form annehmen. Und wenn es auch dem Pfennigfuchser und dem religiösen Sektirer unverständlich bleibt, die Wahrheit bleibt immer die selbe: dass alle Handlungen dem Egoismus entspringen.
Unsere Aufgabe ist daher nicht, den Egoismus zu bekämpfen; dies wäre ebenso erfolglos wie zwecklos. Wir können nur die Unwissenheit bekämpfen, wir können den Arbeitern zeigen, wie sie um ihre Arbeit betrogen und bestohlen werden, und dass die Polizei und Militär nur Handlanger der Unterdrücker sind. Ist das Proletariat einmal zu dieser Erkenntniss gekommen, dann wird der Egoismus das richtige Ziel nicht verfehlen.
Viele Leute denken, das Ziel des Egoismus sei ein gefüllter Geldsack oder ein Schmorbauch, etc. Dies sind jedoch nur Auswüchse wie sie unter den heutigen Verhältnissen gezeitigt werden. Der Egoismus bestrebt das Wohl und die Eigenheit des Individuums. Und hierfür giebt es keinen besseren Boden als die Anarchie.

E i n   a n a r c h i s t i s c h e r   E g o i s t.

[Londoner Arbeiter-Zeitung No. 5; 25. Januar 1896]

Wenn ein Taifun im Knast wütet

Ein Rebell erzählt von seinem Kampf gegen das Knastsystem

„Der Taifun“ – Das ist der Spitzname, den Andreas Krebs im Kampfsport erhielt und wie ihn auch viele Mitgefangene nannten, „da er schlagartig wie ein Sturm auf seine Gegner zugeht, … bis zum bitteren Ende, egal wie letztendlich alles ausgeht“. 17 Jahre hat Andreas Krebs in Deutschland in Strafhaft verbracht, bald vier Jahre sitzt er nun in Italien. Letzten August sind seine Erinnerungen erschienen. Sie erzählen überwiegend von seinen Erlebnissen in Haft und seinem beständigen Kampf gegen das Knastsystem.

Mehrmals versuchte er aus diversen Haftanstalten zu flüchten, leider erfolglos. Er erzählt von den Misshandlungen, die er im Knast erfahren hat, von bestechlichen Beamten und treuen Freundschaften, die er mit Mitgefangenen schloss, von Verrat, von Suizid im Gefängnis, von Nazi-Gefängnissen und natürlich von seinen Kämpfen, den Hungerstreiks, die er machte, den Berichten aus der Haft, die er unter anderem in der Gefangeneninfo veröffentlichte, und natürlich von seiner Art Konflikte zu lösen, die ihm gegenüber Pflegern (so nennt Andreas die Gefängniswärter) und Mitgefangenen Respekt verschaffte und die er einsetzte, um sich zu wehren, Verbesserungen durchzusetzen oder Mitgefangenen zu helfen.

„Doch diesmal schwor ich mir, haue ich dem nächstbesten eine in die Fresse, und so ist es dann auch gekommen, dass ich die ersten beiden Beamten so übel hergenommen habe, dass sie das ihr Leben nicht vergessen werden… Mir war es den Preis wert, denn dafür habe ich den beiden zuerst richtig Schaden zugefügt… Es war leider notwendig so manchen Spitzel oder Großmaul, der versuchte den Kleineren zu unterdrücken und um seinen Einkauf abzuziehen, in seine Schranken zu weisen. Ich konnte nicht mitansehen, wie Unrecht untereinander geschah, wie sich die Gefangenen gegenseitig fertigmachten, anstatt sich mit der überschüssigen Energie auf das System zu konzentrieren und dagegen anzukämpfen.“

Andreas politisiert sich in der Strafhaft. Er unterhält engen Briefkontakt mit Gefangenen der RAF aus der zweiten und dritten Generation. Dieser Briefwechsel sowie seine konstante Rebellion gegen das Knastsystem wird die Behandlung, die er durch das Knastsystem erhält, mit prägen, denn er gilt als Unruhestifter und gefährlicher Linksterrorist, wird von einer Anstalt in die nächste verlegt, wird verprügelt und in Isolationshaft gesteckt, ans Bett gefesselt und gedemütigt. Einmal versuchen die LKAs mehrerer Bundesländer ihn zu bestechen, um Informationen über gesuchte Mitglieder der RAF zu erhalten.

Nach 17 Jahren Haft wird er endlich entlassen. Er hält Vorträge über den Knast auf den Anti-Knast-Tagen in Wien und in Hamburg, kämpft auch draußen weiter gegen den Knast. Es fällt ihm allerdings schwer zurechtzukommen, denn die Zeit im Knast hat ihm zugesetzt. Er lernt seine Frau Jutta kennen und, müde von den dauernden Belästigungen durch die Cops, die Andreas auch nach der Entlassung nicht in Ruhe lassen, lassen sich die beiden in Süditalien nieder. 2016 dann wehrt sich Andreas gegen den Angriff seines äußerst aggressiven Arbeitgebers, dieser stirbt in der Auseinandersetzung. Andreas wird festgenommen und in U-Haft gesteckt. Doch Angehörige des Toten arbeiten in diesem Knast und er wird daraufhin massiv misshandelt. Schnell wird klar, dass es keinen „fairen Prozess“ geben wird, denn das gesamte lokale Justizsystem sympathisiert mit dem Toten oder ist mit dessen Familie verbandelt. Er wird in Hausarrest entlassen, was er dazu nutzt, um nach Deutschland unterzutauchen. Dort wird er jedoch eines Tages vom MEK festgenommen und 2018 nach Italien ausgeliefert. In erster und zweiter Instanz wird er wegen Mordes verurteilt, momentan versucht er dieses Urteil anzufechten, die Verhandlung findet voraussichtlich im April statt.

Zeitgleich hat Andreas mit einer unbehandelten Krebserkrankung zu kämpfen. Seit Beginn seiner gesundheitlichen Probleme weigert sich die italienische Strafjustiz eine ärztliche Behandlung durchführen zu lassen. Inzwischen haben sich die Metastasen im ganzen Körper ausgebreitet. Er hat voraussichtlich nur noch wenige Monate zu leben, trotzdem werden ihm Medikamente, Behandlung oder auch Haftentlassung aufgrund von schwerer Krankheit verweigert.

Das letzte Kapitel seiner Erinnerungen besteht aus Tagebucheinträgen von Februar und März 2020, die von seinem Alltag im italienischen Knast berichten, von seiner Krankheit und von den Auswirkungen der „Corona-Krise“ auf die Häftlinge. Besuche werden gestrichen, der versprochene Ersatz via Videotelefonie funktioniert aufgrund schlechter Internetverbindung nur mäßig und aufgrund weniger Computer hat sich die „Besuchszeit“ auch noch verkürzt. Gefangene sind panisch, Beamte überfordert, Berichte von Revolten, getöteten Gefangenen, aber auch der erfolgreichen Flucht von 60 Gefangenen erreichen Andreas Haftanstalt.

„Und wieder ein neuer Tag, diesmal kracht es gerade unter den Gefangenen gewaltig und alle sind total angespannt. Kann kaum schreiben, so sehr nimmt mich dieser Zustand gerade mit. Irre und noch nie habe ich so was erlebt. Es ist wie in einem Horrorfilm und draußen soll angeblich niemand auf der Straße zu sehen sein, außer die Bullen.“

„Und nun ist es also richtig passiert, es herrscht Ausnahmezustand. Seit sieben Uhr befinde ich mich wieder beim Arbeiten und habe nur noch ein Grinsen auf meinem Gesicht, weil hier alles drunter und drüber geht. Wir haben einen Infekt und weitere werden folgen. Dazu eine hysterische Ärztin, die einfach nur noch rumschreit und sogar die Beamten zum Explodieren bringt. Hat einfach ihre Arbeitsstelle verlassen…Es herrscht absolutes Chaos und die Beamten versuchen nun selbst medizinisch tätig zu werden… Als die Ärztin so laut um sich schrie…, kam ein aufgeschrecktes Rudel von mehreren Beamten ans Gitter gerannt, das elektronisch aus der Zentrale geöffnet werden muss. Die war allerdings nicht besetzt, denn auch dieser Beamte ging einfach weg und ließ alles stehen und liegen.“

„Heute gab es eine Massenschlägerei zwischen Beamten und Gefangenen. Für einen kurzen Augenblick gingen wir als Sieger hervor und die Pfleger waren gezwungen sich zurückzuziehen… Diese Schlägerei blieb ohne Konsequenzen, denn sie sind immer noch bemüht uns alle zu beruhigen…“

Der letzte Eintrag vom 26. März letztes Jahr, ist verzweifelt, doch auch durchdrungen von Andreas unermüdlichem Kampfgeist.

„Wie es weiter geht, weiß ich nicht, keinen Plan wie alles enden soll und meine Hoffnung, Wünsche und Träume sind erst mal auf Eis gelegt. Solange wie ich kann, werde ich weiter kämpfen, kämpfen bis zum Letzten! Ich hoffe, dass irgendetwas eines Tages auch Früchte trägt. Ich hoffe so sehr!“

Im Buch sind außerdem noch Auszüge aus den Briefen, Artikeln und Interviews angehängt, die er im Laufe der Jahre in seinem Kampf gegen das Knastsystem veröffentlicht hat. Eine „schwarze Liste der Gefängnisindustrie“ rundet das Buch ab.

Andreas‘ Erinnerungen geben einen tiefen Einblick in das Knastsystem. Es sind düstere Geschichten, auch wenn er immer wieder lustige Anekdoten einzustreuen vermag. Die Hässlichkeit des Justizsystems tritt in diesen Berichten deutlich zutage. Mut gibt nur der unermüdliche Kampfgeist von Andreas, sein Einsatz gegen den Knast und für seine Mitgefangenen, sein Erfindungsreichtum und seine Wärme, die auch 21 Jahre Knast ihm nicht austreiben konnten.

„Ich habe gelernt, dass im Knast wirklich alles möglich ist, wenn man nur will! Wenn man nur den Willen dafür aufbringt und sich gut untereinander organisiert, schafft man wirklich alles.“

Wenn ihr das Buch bestellen wollt, könnt ihr an andreaskrebs@riseup.net schreiben. In anarchistischen Bibliotheken solltet ihr das Buch auch finden. Ansonsten freut sich Andreas über Post. Ihr könnt ihm an folgende Adresse schreiben:

Andreas Krebs
Sez. 4 / Stz. 5
Mediterraneo
Via Roma Verso Scampia 250
CAP 80144 Napoli (NA)
Italien

Wenn ihr irgendwie Geld erübrigen könnt, freut er sich auch über Spenden. Er muss im italienischen Knast alles, auch seine Vitaminpräparate und Spezialnahrung, selbst bezahlen und braucht auch Geld für die nächste Gerichtsinstanz, die ziemlich teuer ist:

Empfänger: Krebs
IBAN: DE 90 1005 0000 1067 1474 26
BIC: BELADE BEXXX
Verwendungszweck: Spende/Andreas Krebs

Andreas Krebs Salih: Der Taifun. Erinnerungen eines Rebellen. Oktober 2020.

Fragmente für einen aufständischen Kampf gegen den Militarismus und die Welt, die ihn benötigt

Die Anarchisten sind schliesslich gegen den Antimilitarismus (oh weh, da habt ihr den Versprecher, seht, ein Versprecher passiert nie völlig zufällig, tatsächlich sind die Anarchisten auch gegen eine gewisse Art von “Antimilitarismus”). Wie auch immer, um unangenehme Missverständnisse zu vermeiden, lasst uns versuchen, deutlicher zu sein. Ich korrigiere mich: die Anarchisten sind gegen den Militarismus. Daran besteht kein Zweifel. Sie sind gegen den Militarismus, und dies nicht im Namen von einer einstimmigen pazifistischen Auffassung. Sie sind vor allem gegen den Militarismus, weil sie eine andere Auffassung des Kampfes haben. Das heisst, sie haben nichts gegen Waffen, sie haben nichts gegen das Konzept der Verteidigung vor der Unterdrückung. Aber sie haben hingegen viel gegen einen bestimmten, vom Staat gewollten und befehligten, und von den repressiven Strukturen organisierten Gebrauch der Waffen. Sie haben viel einzuwenden gegen einen militärischen Gebrauch der Waffen. Während sie aber einverstanden sind, oder zumindest in ihrer überwiegenden Mehrheit einverstanden sind, mit dem Gebrauch der Waffen gegen den Unterdrücker, mit dem Gebrauch der Waffen gegen jene, die unterdrücken und ausbeuten, mit dem Gebrauch der Waffen in einem Befreiungskrieg. Mit dem Gebrauch der Waffen gegen bestimmte Personen, gegen bestimmte Realisierungen der Ausbeutung.

Es ist also falsch, zu sagen: „Die Anarchisten sind Antimilitaristen, was das gleiche ist, wie zu sagen, dass sie Pazifisten sind”. Die Anarchisten sind nicht gegen den Militarismus, weil sie alle Pazifisten wären. Sie haben nichts gegen das Symbol der Waffe, und ebenso wenig können sie eine Verurteilung des bewaffneten Kampfes im Generellen akzeptieren, um hier diesen streng technischen Begriff zu gebrauchen, der eine ausgedehnte Betrachtung verdienen würde. Sie sind hingegen völlig einverstanden mit einem bestimmten Gebrauch der Waffen: Welchen? Jenen, bei dem diese Gegenstände gebraucht werden, um sich zu befreien, da keine Befreiung auf friedliche Weise möglich sein wird. Denn jene, die die Macht besitzen, werden nie so höflich sein, sich in aller Seelenruhe beiseite zu stellen, ohne Widerstand zu leisten und ohne zu versuchen, diese um jeden Preis zu erhalten.

Aus Alfredo Bonanno. »Wie ein Dieb in der Nacht.«

Was ist Krieg? Was ist Militarismus?

Über die unterschiedlichen Epochen haben sich Kriege auf verschiedene Arten und Weisen geäußert. Einige (frühe) Eroberungsfeldzüge, bei denen sich eine zivilisatorische Imperialmacht bisher nur von staatenlosen Gemeinschaften bewohnte Gebiete einverleibt, mögen dabei zumindest seitens der staatenlosen Gemeinschaften anders geführt worden sein, als jene Kriege in denen die Armeen von Monarchen, Aristokraten, Kauf- und Geschäftsleuten, Kirchen oder Nationalstaaten aufeinandertreffen. Möglicherweise haben sie sogar mehr mit bestimmten modernen Formen des Krieges gemein, auf die ich noch zurückkommen werde. Vorerst will ich die Frage danach, was Krieg und Militarismus ist jedoch ausgehend von jenen althergebrachten Konflikten unter den Herrschenden beantworten, in denen sie ihre Armeen aufeinander hetzen, um irgendwelche Herrschaftsansprüche zu klären oder gar persönliche Streits auszutragen.

Der Fürst, der eine eigene Armee befehligt etwa, er mag mannigfaltige Gründe haben, um gegen die Armee eines anderen in den Krieg zu ziehen. Vielleicht wurde er gedemütigt, vielleicht buhlt er damit um die Liebe einer Prinzessin, bzw. vielmehr die Anerkennung und Gunst ihres Vaters, vielleicht behagt ihm der Verlauf einer seiner Reichsgrenzen nicht und er möchte sie ein Stück nach außen verschieben, vielleicht will er einen Schatz erobern oder sich das Recht zur Ausbeutung weiterer Bauern sichern. Manchmal trachtet er einem anderen, höherstehenden Fürsten nach dessen Position, manchmal mag er auch eine Eingebung Gottes gehabt haben oder irgendeinen Mythos allzu ernst genommen haben. Egal was sein Grund ist: Für seine Untertanen und Söldner dürfte dies schwerlich Grund genug sein, ihr Leben und ihre Unversehrtheit für ihn und seine Sache zu geben. Es mag vielleicht sogar den einen oder anderen Untertan geben, der zwar ebenfalls nicht für des Fürsten Sache in den Krieg zieht, allerdings die eigene Sache (einen höheren Posten, einen Anteil der Beute, usw.) mit der des Fürsten verbunden betrachtet. Die Zahl solcher Untertanen wird aber immer gering sein und wie auch der Fürst sind sie selbst ebensowenig bereit, ihren eigenen Kopf hinzuhalten, wenn Schwerter auf Schilde prallen, Pfeile Rüstungen durchbohren und Lanzen an dem zerbersten, was vielleicht einmal der unversehrte Leib eines Menschen gewesen sein mag.

Um eine Armee aufzustellen muss sich der Fürst also etwas einfallen lassen, wie er das Interesse irgendwelcher Untertanen – es müssen ja auch nicht notwendigerweise die eigenen sein – wecken kann, den ihnen zugedachten Platz im Gemetzel einzunehmen und dort – wenn es sein muss – bis zum bitteren Ende zu bleiben. Eine einfache Möglichkeit, dieses Interesse zu wecken besteht darin, seine Krieger*innen zu bezahlen. Der Fürst nennt diese Söldner und er weiß um das Problem, dass diese wankelmütig sein werden. Schließlich hat er sie nur durch Bezahlung oder das Versprechen einer Bezahlung – manchmal auch durch das Versprechen eines Anteils einer reichen Beute, ein äußerst gewiefter Trick, weil er auch gleich das Interesse des Söldners siegreich zu sein weckt – dazu bewegen können, ihm zu dienen. Und der Fürst weiß, dass nicht nur er Geld besitzt, sondern auch sein Feind. Auch kommt es nicht selten vor, dass Söldner angesichts einer feindlichen Streitmacht oder während der Schlacht mit ihr mitsamt ihrem Sold und den an sie ausgegebenen Waffen desertieren, dass sie sich als kampfuntauglich erweisen oder dass sie sich überhaupt weigern, etwas zu tun, wofür sie ihrer Auffassung nach nicht genügend Sold erhalten haben. Söldnerheere sind deshalb nicht besonders beliebt bei unserem Fürst. Das sogenannte Lehnssystem ist ein Versuch, diese rein monetäre Bindung der Söldner um eine Abhängkeit der fortan Vasallen genannten Untertanen zu ersetzen. Im Austausch für das Recht, selbst einmal Despot zu sein und einen kleinen Teil der Ländereien des Fürsten zu verwalten, die darauf lebenden Bauern zu knechten und einen gewissen sozialen Status zu erlangen, leistet der Vasall seinem Fürsten, dem Lehnsherren alle möglichen Dienste, vor allem zieht er für ihn in den Krieg – und verpflichtet auch einige seiner Untertanen dazu. Was der Söldner für das bisschen Sold, das er bekam nicht zu tun bereit war, das tut der Vasall, dieser edle Ritter, nun mit Freuden im Austausch für etwas noch viel schmutzigeres: Eine schmucke Rüstung und eine Position in der Verwaltung des Reiches seines Fürsten. Der Militarismus ist geboren.

Der fortan gepanzerte Vasall wird im Gegensatz zum Söldner nie wieder in der Lage dazu sein, seine eigene Sache zu vertreten, denn wenn er von einem langen, ermüdenden und kräftezehrenden Feldzug an die heimische Feuerstelle zurückkehren wird, dann wird er sich dort um die Verwaltung des Reiches seines Lehnsherren kümmern, er wird den Bauern auf dem von ihm verwalteten Land Steuern abpressen, wird die nötige Bürokratie erledigen und sich auf die nächste Schlacht vorbereiten, denn nach dem Krieg ist für ihn vor dem Krieg. Er mag glauben, dass es seine Sache wäre, für die er hier eintritt, aber er wird zeitlebens höchstens ein betrogener Egoist bleiben.

Sein Lehnsherr dagegen, unser Fürst, er reibt sich in seiner Burg, seiner Pfalz oder seinem Schloss die Hände und stößt auf seinen cleveren Einfall an. Nicht nur, dass er sich fortan nicht mehr darum zu kümmern braucht, seine Ländereien zu verwalten, er kann nun wann immer er will, Kriege führen und seine Vasallen werden ihm beinahe bedingungslos folgen. Schnell werden diese Vasallen, der sogenannte Schwertadel, Untervasallen einsetzen und diese wiederum Untervasallen. Die dabei entstehenden Hierarchien ermöglichen nicht nur die Verwaltung schnell wachsender Reiche, sondern bestimmen auch die Heeresordnug und sichern funktionierende Befehlsketten. Denn nicht nur im Krieg werden Gehorsam und vor allem Disziplin fortan die wichtigste Tugend eines Untertanen sein, auch in Friedenszeiten wird diese militaristische Tugend beständig eingeübt, wenn die Vasallen ihren jeweiligen Herren im zivilen Staatsleben dienen.

Diese militaristische Ordnung bleibt trotz zahlreicher Machtstreitigkeiten, Intrigen und Putsch(versuche) solange bestehen, bis eine neue Klasse nach der Macht greift und dieses System von außen stürzen wird: Das Bürgertum. Spätestens nachdem in Frankreich die Köpfe des Adels rollen, bedarf es auch einer Umstrukturierung des Militärs. Ein sich zur neuen Oberklasse erhobener Mittelstand kann freilich nicht die militärischen Dienste des Adels für sich in Anspruch nehmen und ohnehin wäre dessen Treue nun nicht mehr gesichert, wo wir es nicht länger mit kleinen Despoten in der Gunst eines befehlshabenden Fürsten zu tun haben. Das Bürgertum bedient sich weiterhin der militaristischen Logik, benötigt nun aber neue Untertanen, die für ihre Sache streiten werden. In Frankreich und den USA und später auch in der gesamten westlichen Welt entstehen die ersten Nationen und es wird der Mythos einer nationalen Einheit, der Nationalismus sein, der fortan die Untertanen für die Sache der Herrschenden in den Krieg mobilisieren wird. Können die Vasallen noch als betrogene Egoisten gelten, weil sie geglaubt haben mögen, dass sie für ihre eigene Sache, d.h. für ihre Macht, ihren Einfluss und ihren Status in die Schlacht zogen, so gelingt es dem Bürgertum jeglichen Egoismus im Militärwesen auszurotten. Man zieht fortan für eine fiktive, aber einem eigen geglaubte Nation, fürs Vaterland, in den Krieg, ist bereit, sich fürs Vaterland das halbe Gesicht wegschießen zu lassen, Gliedmaßen weggesprengt zu bekommen oder später auch Giftgas zu inhalieren. Die verwalterische Teilhabe an der Herrschaft, die die Disziplin der Vasallen auch in Friedenszeiten sicherte, entfällt und wird durch etwas viel schrecklicheres ersetzt: Fabriken. Im Takt der Maschine zu funktionieren, das wird fortan die nötige Disziplin des Marschierens im Gleichschritt in Friedenszeiten pflegen. Und während die Vasallen in Friedenszeiten gewährleisten mussten, dass sie allzeit genügend Kriegspferde zur Verfügung hätten, produziert die neue Unterklasse, das sogenannte Proletariat, in den Fabriken schnell auch in Friedenszeiten das Kriegsgerät, mit dem es im Kriege verstümmelt werden wird.

Die organisatorischen zivilen Hierarchien, die in der bürgerlichen Demokratie formell aufgelöst wurden, die aber im Kriege funktionierende Befehlsketten garantierten, werden in den Fabriken eintrainiert, die nicht zufällig nach einer militaristischen Logik organisiert sind. Auch wenn die meisten heutigen Staaten ein stehendes Berufsheer besitzen, das unter diesem Gesichtspunkt betrachtet vielleicht mehr dem Söldnerwesen gleichen mag, das ohnehin nie völlig verschwunden war – Söldner-Hilfstruppen waren oft einfach notwendig, um genügend Soldaten aufbieten zu können –, so zeigen doch die Erfahrungen der Weltkriege, sowie der Kriege der jüngeren Vergangenheit, dass eine Mobilisierung der Arbeiter*innen nicht nur notwendig ist, sondern dank der allgemeinen militaristischen Disziplin und dem antrainierten Gehorsam auch allzu gut funktioniert.

***

Aber das Zeitalter der Kriege der Nationen, es scheint sich dem Ende zuzuneigen, ja bis auf wenige Ausnahmen bereits vorbei zu sein. Spätestens mit dem Ende des kalten Krieges haben sich die zwei verbliebenen, militärisch-imperialen Fraktionen in eine internationale Staatengemeinschaft integriert, in der Konflikte weniger über herkömmliche territoriale Kontrolle, sondern zunehmend über Ansprüche auf Ressourcen und weltpolizeiliche Uneinstimmigkeiten entstehen. Das heißt freilich nicht, dass es keine Kriege mehr gäbe. Aber wir müssen unser Verständnis von Krieg aktualisieren, wenn wir heutige Militäroperationen ausreichend verstehen wollen.

Die Kadaver der nationalen Armeen, sie bestehen zwar aus einer Reihe nostalgischer Gründe weiter, werden jedoch in Militärbündnissen wie der NATO zu einem neuen Militär zusammengeschweißt und in internationalen Interventionseinheiten wie den UNO-Blauhelmen für vorrangig weltpolizeiliche Missionen eingesetzt, die der Sicherung von Rohstoffen dienen. Obwohl das internationale Kapital auf dieses staatlich organisierte Militär beinahe beliebig zugreifen kann, stellt es in verschiedenen Teilen der Welt zunehmend auch eigene Sicherheitstruppen auf (beispielsweise in Südamerika), die dort den Ausbau einer extraktivistischen Infrastruktur überwachen und Widerstand dagegen niederschlagen. Wo allerdings der Haupteinsatzzweck eines zunehmend internationaleren Militärs die Niederschlagung von Aufständen, die Intervention in Bürgerkriege und der Schutz wirtschaftlicher Interessen der Kapitalistenklasse ist, da bröckeln auch die nationalistischen Mobilisierungsstrategien. Auch wenn sich offenbar noch immer jede Menge Nazis in den Reihen des Militärs tummeln, die dort ihre Sehnsucht stillen, ihrem Vaterland zu dienen, lässt sich eine Mehrheit der Menschen nicht länger so plump täuschen. Anstatt feindlicher Nationen bedarf es in Zeiten globaler Völkerverständigung und internationaler Staatengemeinschaft nun eines neuen Feindes, gegen den wenigstens die Sympathien der Menschen für die Streikräfte ihres Landes erweckt werden können. Und in Zeiten, in denen das internationale Militär den Einsatz im städtischen Raum trainiert, in denen Bürgerkriegsszenarien und Aufstandsbekämpfung vom Militär eingeübt werden, da ist es auch erforderlich, dass sich dieser Feind unter der Bevölkerung versteckt.

Der Feind heißt spätestens seit 2001, aber nicht erst seitdem, internationaler Terrorismus. Und es ist vermutlich ein genialer Schachzug, dass er so ohne weiteres kaum auszumachen ist. Bereits zuvor erprobte rassistische Motive lassen sich gegen ihn ebenso mobilisieren, wie ordnungspolitische Ängste vor einer anarchistischen oder anderweitig subversiven, aufständischen Verschwörung, die Chaos in eine gleichgeschaltete und im Gleichschritt getaktete Welt bringt. Und natürlich lassen sich Revolten in der Dritten Welt, in denen die Versklavten gegen ihre Ausbeuter*innen aufbegehren, ebenso leicht zu Terrorismus erklären, wie das Regime eines Landes, das sich weigert den Ölinteressen eines Imperiums zu entsprechen.

Wie viele US-Amerikaner*innen können sich mit denen identifizieren, die unter den beiden Bürotürmen des Welthandels begraben worden sind, wie wenige waren es im Vergleich mit den Toten des Afghanistan- und Irakkriegs? Und doch genügt dieses Ereignis und dessen propagandistische Ausschlachtung nicht nur zahlreiche US-Amerikaner*innen, sondern auch unzählige Europäer*innen gegen etwas zu mobilisieren, das es so vermutlich gar nicht gibt, bzw. das rückwirkend betrachtet überhaupt erst durch diese Kriege entstanden ist. Aber der „Krieg gegen den Terror“ hat nicht nur in den entlegenen Regionen der Weltmächte Kriege gegen ein Gespenst ausgelöst, sondern auch eine Kriegsführung gegen die eigenen Bevölkerungen in den Metropolen der Macht begründet. Fortan ist jede*r Bürger*in potenzielle*r Terrorist*in. Und zwar in dem Grade, in dem er*sie „arabisch“ aussieht, muslimischen Glauben praktiziert oder anderweitig rassifiziert werden kann. Die seit 2001 frei drehende US-Flugsicherheitsbehörde TSA etwa ist der Überzeugung Terrorist*innen nicht nur an althergebrachten Rassemerkmalen wie Hautfarbe oder Kopfform zu erkennen, sondern auch an der spezifisch-terroristischen Barthaartrimmung.

Der Krieg gegen internationalen Terrorismus ist auch in Europa die ultimative rassistische Argumentationsstrategie gegen Migration geworden. Wer aus den Kriegsgebieten dieser Welt in Richtung der wohlhabenderen Metropolen flieht, könnte ja ein*e Terrorist*in sein. Wer dagegen in den Metropolen ausrastet und Amok läuft, der*die bleibt der verhältnismäßig harmlose, irregeleitete Amokläufer aus der Nachbarschaft. Ich muss hier sicherlich nicht alle Aspekte der Angst vor dem Terrorismus erläutern, sie dürfte den meisten Leser*innen nur allzu präsent, ihre gezielte Schürung und anschließende Instrumentalisierung durch die Politik in Form von technologischer Aufrüstung der Polizei – die mittlerweile Panzer fährt und Handgranaten zu ihrem Arsenal zählen darf – und des Militärs, sowie ein Ausbau der Grenzregime, ganz besonders in Europa, noch in Erinnerung sein.

Es lässt sich festhalten, dass das Gespenst des Terrorismus, wie es uns heute durch die gehirngewaschenen Köpfe spukt, das ideale und mit großem Aufwand produzierte Feindbild ist, um die Militärstrategien zu legitimieren, die von einem zunehmend global aufgestellten Militär zur Sicherung eines weltumspannenden Imperiums trainiert werden.

***

Doch auch dieses modernisierte Verständnis von Krieg muss dieser Tage überdacht werden, erleben wir doch seit mittlerweile mehr als einem Jahr eine neue Form des Kriegs, genauer gesagt, des Bürgerkriegs. Der Terrorismus, er ist weithin obsolet geworden, füllt höchstens noch die Randspalten der Tageszeitungen. Stattdessen füllt ein anderer, noch fiktiverer Feind, die Schlagzeilen: Covid-19. Dieser unsichtbare Superterrorist, der die Menschen unsichtbar und hinterhältig heimsucht, der hinter jeder Brührung, was sage ich, hinter jeder Begegnung, lauert, er ist der ultimative Feind und seine Bekriegung, sie erfordert eine ganz besondere Form der Massenmobilisierung: Die Mobilisierung zur Abwesenheit. Der moderne Kriegsheld, er – oder sie, diese moderne Armee hat nun wirklich jegliche Geschlechterunterschiede überwunden – lümmelt sich zuhause auf dem Sofa, frisst Junkfood in sich hinein und verfolgt gespannt den minütlich über alle Bildschirme flimmernden Frontbericht. Und auch wenn dort mittlerweile längst keine Toten mehr gezählt werden, sondern nur mehr noch von einer wenig aussagekräftigen „Inzidenz“ die Rede ist, fiebern die kriegsbegeisterten Massen noch immer mit. Und alle anderen? „Die Beste Medizin heißt Disziplin“, so oder so ähnlich lautet der Slogan einer der jüngsten Werbekampagnen der Bundesregierung, mit der die Nation zum „Durchhalten“ aufgefordert wird. Und Disziplin ist wahrhaft vonnöten, um als Soldat*in in diesem Krieg zu kämpfen. Der klassische Krieg kannte von Zeit zu Zeit wenigstens einen „Fronturlaub“, ebenso wie wenigstens ein Teil der Bevölkerung gar nicht in den Krieg zu ziehen brauchte, der moderne Virenkrieg dagegen rekrutiert die gesamte Bevölkerung und kennt höchstens eine „Lockerung der Maßnahmen“ und selbst dabei fragt sich die*der aufmerksame Beobachter*in, wie es kommt, dass eine immer weiter verschärfte Maßnahmensituation (Lockdown und Kontaktbeschränkungen sind eigentlich die ganze Zeit geblieben und zuletzt noch um Ausgangssperren erweitert worden) doch immer wieder als „Lockerung“ verkauft werden kann.

Und wer nun aufrichtig behaupten wird, die Kriegsrhetorik bisher nicht bemerkt zu haben und folglich der Ansicht sein mag, dass es sich hier überhaupt nicht um einen Krieg handele, die*der möge mir vielleicht erklären, wie es kommt, dass außgerechnet Rheinmetall und andere Rüstungskonzerne Corona-Schutzmasken produzieren.

Aber es ist freilich nicht bloß die Kriegsrhetorik, sozusagen zum guten Zweck (was auch immer das wäre), mit der wir es hier zu tun haben. Wem auch immer das entgangen sein mag, den*die erinnere ich gerne noch einmal daran, dass wir uns in einem globalen Ausnahmezustand befinden. Ein Ausnahmezustand, der nicht nur die zuvor bestehenden, nationalen Grenzen schloss, sondern der auch ganz neue Grenzregime errichtet hat. Ob globales Freiluftgefängnis (wobei „Freiluft“ mittlerweile als allzu optimistisch entlarvt wurde) oder das von einem philosophierenden Demokraten aufgestellte „Lager als Nomos der Moderne“, das heute gar nicht mehr besonders philosophisch zu sein scheint, die momentane Realität hat etwas von beidem. Auch wenn das Quarantäne-Gefängnis (meist) keine Fenstergitter und Stacheldrahtzäune mehr kennt, sondern hier und da mit elektronischen Fußfesseln auf modernere Instrumente der Einsperrung zurückgreift und anderswo in einem gigantischen Selbstversuch die noch modernere Form der Selbsteinsperrung testet, das Risikogebiet-Lager (oft – es gibt durchaus Ausnahmen) keine allzu festen Grenzen kennt, keine Einzäunung und Flüchtende meines Wissens nach zumindest in Deutschland – Vorfälle in direkten Nachbarstaaten und anderswo auf der Welt stellen das natürlich auch für hier in Aussicht – bisher nicht von Wärtern erschossen wurden, so muss einem die Corona-Maske doch gehörig die Sinne vernebelt haben, wenn man diese Analysen noch immer zurückweist. Dazu kommen jede Menge neuer Papiere, vom Passierschein in Form eines negativen Coronatests und einer Bescheinigung des Arbeitgebers bis hin zum internationalen Ausweisdokument eines elektronischen Impfpasses. Greencard wird das zuweilen unkritisch von der Kriegspropaganda genannt.

Aber während an all den neuen Grenzen wenigstens vorerst noch nicht allzu oft geschossen wird, Grenzübertritte je nach Person und Situation auch einmal geduldet werden und die Bullenschweine immerhin metaphorisch auf 1,5 Meter Abstand bleiben, hat sich die Situation an den Nationalstaatsgrenzen, sowie ganz besonders an den europäischen Außengrenzen noch einmal dramatisch verschärft. Die Situation in den noch viel realeren Lagern vor dem Festland, die weder des Stacheldrahts, noch den scharf schießenden Wachen entbehren, sie verschärft sich immer mehr. Und die ohnehin immer nur humanistische Hilfe der Linken… Sie befindet sich im Lockdown. Meist aus Überzeugung. Als im letzten Jahr die Bilder des brennenden Morias einen Funken Hoffnung aufkeimen ließen, da forderten die Linken ein neues, hygienischeres Lager. Aber was hat das mit dem Krieg zu tun? Leider eine ganze Menge, beweist es doch, dass es in Deutschland erstmals in der Geschichte eine spezifisch Linke Armee gibt. Jene, die früher den „Dienst an der Waffe“ ablehnten und im Zweifel lieber „Zivilidienst“ verrichteten, man hat sie auf ihrem ursprünglichen Metier rekrutiert: In den Krankenhäusern und Pflegeheimen, eben dort, wo man schon früher lieber Patienten den Hintern abwischte, anstatt sich die Waffe aushändigen zu lassen und zu desertieren. Und folglich ist es heute auch nicht das Sturmgewehr, mit dem die Corona-Avantgarde in die Schlacht zieht, sondern die – nur für die größten Idioten harmloser wirkende – Spritze. Das bevorzugte Werkzeug des „Todesengels“, möchte man da fast einwerfen.

Was bedeutet das also für ein anarchistisches Verständnis von Krieg? Fest steht: weniger moderne Formen des Kriegs sind mit diesem modernen Krieg ebensowenig ausgestorben, wie der Krieg gegen den Terrorismus die althergebrachten Staaten- und Bürgerkriege nicht obsolet gemacht hat. Der Virenkrieg, auch wenn einem eigentlich unmissverständlich seine Kriegspropaganda ins Auge springen muss, er wird von vielen gar nicht als Krieg wahrgenommen. In Tradition des Anti-Terror-Kampfes, des „Friedenseinsatzes“ von Blauhelmen und dem „diplomatischen Wert“ der Atombombe verspricht der Virenkrieg ebenfalls Frieden oder schlimmer noch, Gesundheit. Und er scheint dieses Narrativ dadurch sogar zu perfektionieren. Die militaristische Logik der Disziplin, die derzeit jeglichem sozialen Leben auferlegt wird, die irrationale und willkürliche Reglementierung aller sozialen Beziehungen außerhalb der bereits seit Ewigkeiten institutionalisierten Beziehungen der Familie, sie dienen der Rekrutierung einer Armee von Moralist*innen und Denunziant*innen, die fortan effizienter als jede Polizei Delinquent*innen disziplinieren und verfolgen soll.

Der moderne Krieg, er wird also nur noch in den Peripherien mit Waffengewalt ausgetragen, er gibt nur noch die „Unbelehrbaren“, die „Terrorist*innen“, die „Verbrecher*innen“, usw. der vernichtenden Gewalt von Armeen preis und zieht es selbst bei diesen vor, sie zu verhaften, einem Gericht vorzuführen und ins Gefängnis – oder in ein Lager – sperren zu lassen. Unterdessen jedoch kennt er zunehmend weniger eine Unterscheidung zwischen Territorien des Friedens und jenen des Krieges. Ist es die Polizei, die sich zunehmend die Strategien des Militärs aneignet oder ist es vielmehr das Militär, das selbst in den Gebieten des Krieges eine polizeiliche Logik verfolgt? Ich denke schon diese Frage offenbart einen gewaltigen Irrtum: Polizei und Militär sind in Wahrheit ein und das selbe; sind es möglicherweise immer schon gewesen. Die Propaganda des modernen Rechtsstaats mag hier naheliegenderweise ein anderes Bild zeichnen, aber ebenso wie der Krieg von manchen immer schon als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln betrachtet wurde und wieder andere zu dem Schluss kamen, dass umgekehrt, die Politik die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln sein müsse, unterscheidet sich die Polizei vom Militär ebenfalls höchstens in den angewandten Mitteln und selbst hier hat die Entwicklung moderner Kriegstechnologien und eine jüngere, militärische Aufrüstung der Polizei diese Unterschiede zunehmend verwischt.

Falsche Verbündete im Kampf gegen den Militarismus

Man muss nicht auf das Manifest der Sechzehn zurückgreifen – in welchem bekannte Anarchisten dazu aufriefen, sich dem Lager Frankreichs wegen seiner revolutionären Tradition anzuschließen und gegen den kaiserlichen Absolutismus Deutschlands zu kämpfen – um angesichts des Krieges Beispiele für den kompletten Verlust der Orientierung und des Gespürs für die involvierten Interessen seitens der Anarchisten zu finden. Der Großteil des heutigen „antifaschistischen“ Diskurses reproduziert im Miniaturformat die gleichen Fehler und spiegelt die Ideen des in den 70er Jahren weit verbreiteten „Antiimperialismus“ wieder: Demokraten vs. Faschisten hier, Staaten der Dritten Welt gegen Staaten des Westens dort. In jüngster Zeit akzeptieren die Unterstützer des Kampfes gegen „den Faschismus“ der Dschihadisten in Syrien sogar die Streitkräfte der US-Luftwaffe im eigenen Lager. Eine Position die bereits während jenes Krieges präsent war, welcher zum Zerfall des ehemaligen Jugoslawien in den 90er Jahren führte. In gleichem Maße verteidigen viele mit gerümpfter Nase die internationalen Interventionen, um die Grausamkeiten einzudämmen, die während der „Bürgerkriege“ in vielen afrikanischen Ländern begangen wurden (bevorzugt die Interventionen der Blauhelme, welche weniger Ablehnung provoziert als die der französischen Fremdenlegion oder die einer Koalition der NATO). Heutzutage hat es fast den Anschein, dass die westlichen Armeen eher freiwillige Rekruten einsetzen, anstatt einer Massenrekrutierung, um ihre Drecksarbeit durchzuführen. Sprich, der einzige Faktor der uns davor verschont zu sehen, wie Libertäre sich in die Armeen einreihen, um die „Bösen“ zu bekämpfen, die noch stärker konter-revolutionär sind, als die Anhänger der kommerziellen Demokratie.

Aus Die Reihen Durchbrechen. Gegen den Krieg, Gegen den Frieden, für die soziale Revolution.

Man sollte meinen, das erübrige sich zu bemerken, dass ein Staat niemals ein Verbündeter im Kampf gegen den Militarismus sein könne. Und doch scheinen vergangene und jüngere Parteinahmen von Antimilitarist*innen dringend einer solchen Klarstellung zu bedürfen. Und wenn ich in diesem Kontext Staat sage, so meine ich auch jede militaristische Bestrebung mit der Absicht, einen Staat zu gründen oder anderweitig staatliche Aufgaben zu übernehmen. Was aus einer antimilitaristischen Perspektive, so wie ich sie verstehe, mindestens unlogisch erscheint, lässt sich mit einer anarchistischen Perspektive dagegen überhaupt nicht vereinbaren. Was sich bereits früher in Solidaritätsbewegungen mit dem bolschewistischen Regime, der Fatah und Hamas oder in der Kuba-Solidaritätsbewegung beobachten ließ, findet seinen Ausdruck dieser Tage beispielsweise bei jenen, die buchstäblich die Fahnen von YPG und YPJ schwenken. Schöne Anarchist*innen und Antimilitarist*innen sind das, die da die Banner militärischer Verbände spazieren tragen, die Verhaftungen durchführen, Gefängnisse und Lager betreiben und von ihren Söldner*innen die militaristische Disziplin des Tötens auf Befehl einfordern.

Aber es ist weniger interessant, die Tatsache, dass dies so ist, festzuhalten, sondern weitaus spannender ist doch die Frage des Warum? Wie kommt es, dass unverhohlen militaristische und autoritäre Organisationen schließlich von ihren eigentlichen Gegner*innen verteidigt werden als „geringeres Übel“ – was noch die ehrlichste Betrachtungsweise ist – oder gar als „Notwendigkeit“ im Krieg gegen den imperialistischen Militarismus. Dass der Antimilitarismus hier als eine Mobilisierungsstrategie für den Militarismus dient, mag wie eine grausame Ironie erscheinen, ich unterstelle jedoch, dass hier vielmehr jene Rekuperationen des Antimilitarismus sichtbar werden, die die Abwesenheit von Krieg, die Ordnung des sozialen Friedens und die repressive Kontrolle über jegliche diese Ordnung störenden Tendenzen zum Ziel eines jeden Antimilitarimus umzudeuten versuchen. Dies mag vielleicht auch das Ziel eines humanistischen, kommunistischen oder demokratischen Antimilitarismus sein, als Ziel eines anarchistischen Antimilitarismus scheint es mir jedoch völlig unzureichend. Spannend finde ich am aktuellen Beispiel der Rojava-Solidarität, die auch unter Anarchist*innen, wenn sie nicht gar unkritisch übernommen wird, so doch weitestgehend unkommentiert bleibt, wie eine bestimmte Art und Weise der Argumentation reproduziert wird, die umgekehrt bei einer staatlichen, kapitalistischen oder nationalistischen Legitimation von und Propaganda für Militarismus zu Recht kritisiert wird. Es ist das Narrativ einer nationalen Verteidigung – auch wenn dieses nationale Motiv vielleicht verschleiert werden mag und sich teilweise hinter identitätspolitisch ansprechenderen Begriffen wie „Frauenrevolution“ (jaja, das Ziel 40% der Posten mit Frauen besetzen zu wollen und die gezielte Präsentation weiblicher Militärs durch die Propaganda scheint da heute bereits zu genügen) oder „ökologischer Revolution“ verbirgt – gegen einen im Anmarsch befindlichen Feind. Ein Narrativ, das sofortige „Lösungen“ verlangt, die oberste Priorität haben und denen folglich alles andere untergeordnet werden muss und wird. Dieses Narrativ dient nicht nur der Legitimation einer Miliz, sondern es soll auch all das Übrige rechtfertigen, was vielleicht durch die Propaganda der neuen Verwaltung anders versprochen wird, in der Praxis jedoch entsprechend autoritär daherkommt. „Noch keine Zeit gehabt, sich darum zu kümmern.“ Eben ganz die Propaganda, derer sich auch etablierte Staaten bedienen, wenn sie im Kriegszustand die Arbeiter*innenschaft zu persönlichem Verzicht zugunsten der Interessen der Nation aufrufen und zugleich die militärischen Operationen im In- und Ausland als dringlich, alternativlos, sowie als Grundvoraussetzung für eine Bearbeitung des entsprechenden Problems in der Zukunft darstellen.

Es mag vielleicht überraschen, dass gerade eine antimilitaristische Bewegung dieses Narrativ nicht als ein klassisches Stilmittel der Kriegspropaganda erkennt und man könnte sicher noch seitenlange Überlegungen niederschreiben, warum das so überraschend vielleicht gar nicht ist. Aber ich will stattdessen zum eigentlichen Thema dieses Textes zurückkommen: Wie könnte eine aufständische Perspektive aussehen, die nicht nur den Militarismus des türkischen Regimes, den der NATO und den des IS angreift, sondern die sich eben auch gegen den Militarismus von YPG und YPJ und ihrer sozialdemokratischen bis leninistischen Parteien, der PYD und der PKK, sowie überhaupt gegen jede Herrschaft, auch gegen die dessen, was Demokratischer Konförderalismus genannt wird und sowieso nur in den Augen eines Trotzkisten, der sich kurzerhand zum Anarchisten erklärt hat, als anarchistisch im Sinne des Begriffs gelten kann, richtet?

Fluchtpunkte einer antimilitaristischen Praxis des Angriffs

(i) Die Kriegsproduktion

Jüngere antimilitaristische Kampagnen, die im Burgfrieden dessen, was manchmal die „Festung Europa“ genannt wird, agierten, haben die Produktion von Waffen, Munition und sonstigem Kriegsgerät als ein Feld der Intervention für sich entdeckt. Wenn der aus dieser Produktion stammende Nachschub die Frontlinien des Krieges, die sich anderswo auf der Welt befinden, nicht mehr erreicht, so würde auch der Krieg zum Erliegen kommen. Und tatsächlich: Ohne eine ununterbrochene Kette an Nachschublieferungen wären die Kriege der Vergangenheit und Gegenwart unmöglich fortzusetzen (gewesen). Soweit jedenfalls die Theorie des Ganzen.

Gemessen an ihrer Praxis müssen diese Interventionen bislang jedoch als weitgehend gescheitert betrachtet werden. Blockaden vor Produktionsstandorten der Rüstungsidustrie, oft lange im Voraus angekündigt und somit in die Produktionspläne dieser Firmen einplanbar, hielten oft nur wenige Stunden an und lösten sich nicht selten nach einer gewissen Zeit von selbst wieder auf, als die Teilnehmer*innen der Blockade Hunger verspürten oder in die Annehmlichkeit ihrer Nachtlager zurückkehren wollten, oder an die Rückreise denken mussten, um am nächsten Tag wieder ihrer Arbeit nachzugehen. Ich will mit dieser Beurteilung überhaupt nicht klein reden, dass solche kollektiven Bemühungen des Protests nicht ihren eigenen Wert haben, aber wer glaubt, mit der Teilnahme an einer derart vorhersehbaren, einkalkulierbaren und im höchsten Maße symbolischen Blockade tatsächlich einen Beitrag dazu zu leisten, dass die Kriegsproduktion in dem Maße blockiert wird, dass das irgendeinen Effekt auf die Kriegsführung in den Kriegsgebieten hätte, die*der lügt sich schlicht selbst etwas vor. Aber es gab nicht nur diese Form massenhafter Blockaden: Sabotagen an Gleisen, Brandanschläge auf Firmenfahrzeuge von Rüstungskonzernen und ihren Zulieferern, sowie den Fahrzeugen von Logistikunternehmen, die deren Kriegsgerät verschickten, usw., sowie eine vielleicht noch größere Serie an Farbangriffen auf die Sitze dieser Unternehmen boten und bieten bis heute eine militante Perspektive der Intervention in die Kriegsproduktion.

Und doch: Mir wäre es neu, dass dabei jemals die Nachschublieferungen an die Fronten der Kriege zum Erliegen gekommen wären. Zu geringfügig war die Unterbrechung der Produktion, zu unbedeutend die Sabotage der Logistik. Nichts, was nicht durch eine zusätzliche Nachtschicht aufgeholt hätte werden können. Und der finanzielle Schaden? Nun ja, sagen wir die Geschäftsführungen der betroffenen Unternehmen rechnen in anderen Dimensionen.

Es ist keineswegs meine Absicht, diese Interventionsversuche klein zu reden, Leute zu entmutigen auch dann anzugreifen, wenn der Feind übermächtig zu sein scheint und der eigene Handlungsspielraum im Vergleich zu klein, der eigene Widerstand zu unbedeutend erscheint. All das ist für mich kein Grund, vom Angriff abzusehen. Vielmehr denke ich, dass es sich lohnt, etablierte Strategien von Zeit zu Zeit zu überdenken und gegebenfalls einer Überarbeitung zu unterziehen, wenn sich herausstellt, dass das eigene Handeln in ihnen weitestgehend wirkungslos verhallt oder kalkulierbar wird.

Die heutige Hightech-Produktion – und die Produktion von Kriegsgerät fällt definitiv in diese Kategorie – ist an sich eine äußerst labile Angelegenheit. Sie ist abhängig von zahlreichen teuren und schwer zu beschaffenden Ressourcen – ironischerweise jene Ressourcen um deren Sicherung sich der ein oder andere Krieg dreht – und besteht aus einer langen Produktionskette an Zwischenprodukten und deren Logistik an die Produktionsstandorte, an denen das Endprodukt, sei es nun ein Panzer, ein Militärjet, eine Drohne, ein Raketenwerfer oder irgendetwas anderes, aus tausenden oder Millionen von Einzelteilen zusammengesetzt wird. Die produzierenden Unternehmen durchschauen oft selbst nicht vollständig, wer die Zulieferer ihrer Zulieferer sind und noch weniger, wer deren Zulieferer wiederum beliefert. Das gilt, selbst wenn es in der Rüstungsindustrie – mehr noch, als irgendwo sonst – durchaus Bestrebungen gibt, diese Produktionsketten nachzuvollziehen und – sofern sie für den Produktionsprozess unverzichtbar sind – entsprechend abzusichern, zumindest teilweise auch für die Hersteller von Panzern, Flugzeugen, Drohnen und Co. Es soll in der Geschichte der Produktion von Hightech-Gütern – und auch in der der Rüstungsindustrie – jedenfalls schon das ein oder andere Mal vorgekommen sein, dass Produktionshallen tagelang still standen, weil eine bestimmte Mutter, die nicht ohne weiteres im Baumarkt nachgekauft werden konnte, nicht geliefert worden war oder weil ein Zulieferer Bankrott machte und erst einmal Ersatz für das von ihm gelieferte Bauteil aufgetrieben werden musste. Und als vor einigen Jahren einmal die Weltmarktpreise für seltene Erden explosionsartig in die Höhe schnellten, weil China seine Exporte senkte, da gab es bei den Zulieferern der Autoindustrie – und was man für Autos braucht, das braucht man in der einen oder anderen Form oft auch für gepanzerte Fahrzeuge – erhebliche Lieferengpässe.

Ich will hier aber gar nicht allzu konkret werden. Jedenfalls scheint mir die Möglichkeit interessant zu sein, dass jenseits der oft mit Militärtechnologie überwachten, direkten Produktionsstandorte der Rüstungsindustrie in meist ohnehin unsympathischen Gegenden die vernachlässigte industrielle Peripherie dieser Sparte manchmal entlegen in kleinen Käffern, manchmal am Rande irgendwelcher weitaus sympathischeren Industriegebiete der Großstädte schlummern mag und eine große Menge Potenzial für zündenden antimilitaristischen Ideenreichtum liefert.

Auf eine ähnliche Art und Weise ließe sich vielleicht auch im Bereich der Logistik strategisch nachbessern. Die oftmalige Güterschienennetzanbindung der Produktionsstandorte von Rüstungsunternehmen und die Namen der Logistikunternehmen der die Werkstore passierenden LKWs könnten hier Ansatzpunkte offenbaren, auch wenn ich denke, dass der qualitative Gewinn für eine antimilitaristische Praxis des Angriffs hier vor allem darin bestehen könnte, tatsächliche Frachten an die und von der Rüstungsindustrie auszumachen und zu blockieren/zerstören, wenn nicht gleich das gesamte logistische System, in dem diese verschifft, verladen, mit der Bahn oder dem LKW transportiert werden angegriffen und sabotiert wird, anstatt sich auf – in diesem Sinne eher symbolische – Angriffe auf diese Logistikunternehmen im Allgemeinen zu beschränken, die zwar sicherlich einen finanziellen Schaden anrichten, jedoch effektiv kaum Auswirkungen auf den reibungslosen Betrieb der Kriegsproduktion haben dürften.

Dabei bleibt zu bemerken, dass verschiedene aufständische Projekte der Vergangenheit vor allem dort Erfolge verzeichnen konnten, wo sie entsprechende Schwachstellen in Produktions- und Lieferketten identifizierten und ihre Angriffe auf diese konzentrierten.

(ii) Die Infrastruktur des Krieges

Armeen fürchten seit jeher Wälder, Berge und Wildnis, sprich jene Umgebungen, in die ihre Zivilisation bislang nur spärlich oder überhaupt nicht vorgedrungen ist und in der es ihnen an notwendiger Infrastruktur, sowie oft auch an geografischem Wissen und Erfahrung mangelt, um ihre Umgebung erfolgreich zu kontrollieren. Kein Wunder, dass eigentlich sämtliche Spezialabteilungen des Militärs ihre „Elitesoldaten“ auf – außerhalb einer militärischen Ausbildung Todesmärsche genannte – Expeditionen durch die raue Wildnis schicken, sie entgegen der üblichen militaristischen Logik darin üben, in gewisser Weise eigenverantwortlich zu agieren, eigene Entscheidungen zu treffen und unabhängig von den Bewegungen anderer Einheiten ihrer Armeen zu kämpfen. Diese Spezialabteilungen sind das militärische Instrument, um in Gebiete vorzudringen, die frei sind von einer für die übliche militärische Intervention notwendigen, minimalen Infrastruktur. Aber gewissermaßen handelt es sich bei diesen Einheiten um ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Moderne Kriegstechnologie baut vor allem auf Drohnen, Satteliten, Aufklärungsflüge, (Infrarot-)Überwachungstechnologie, usw., um jederzeit selbst in die entlegensten Gebiete dieser Welt vordringen zu können. Und in den wenigen Fällen, in denen sich in der Vergangenheit die Wildnis als allzu undurchdringbar erwies, wusste man sich mit Pflanzengiften, Napalm und anderen biochemischen Waffen zu helfen. Die römischen Legionen rodeten Wälder, um das geeignete Schlachtfeld für ihre Truppen zu schaffen, die US-Army versprühte das Umweltgift „Agent Orange“, um ihre Feind*innen aus der Deckung zu locken. Das sind natürlich nur zwei der populärsten Beispiele dafür, wie sehr die totale Kontrolle über ihre Umgebung damals wie heute eine bedeutende Rolle für Militärs spielte. Auch wenn die strategische Zerstörung der Umwelt auch heute noch eine wichtige Rolle in diesem oder jenem militärischen Konflikt spielt, so lässt sich doch behaupten, dass die Kriegstechnologie zumindest nach Wegen sucht, Umweltzerstörungen eines solchen Ausmaßes (im Zuge ihres lokalen Einsatzes, denn natürlich zerstört alleine die Rohstoffproduktion für Militärgerät die Umwelt in gigantischem Ausmaß) nach Möglichkeit zu vermeiden und stattdessen mithilfe von HighTech in jeden bislang „toten Winkel“ vorzudringen.

Dabei spielen längst nicht nur die militärischen Technologien eine Rolle, mit denen bislang unbekanntes „Feindesland“ ad hoc während oder im Voraus einer militärischen Intervention erschlossen werden soll, sondern gerade dort, wo sich Kriege vornehmlich gegen einzelne Bevölkerungsgruppen in einem ansonsten erschlossenen Gebiet richten, seien es indigene Bevölkerungen, Rebell*innen, Invasor*innen, das was heute mit dem Begriff Terrorist*innen gemeint ist, oder schlicht verarmte Bevölkerungsteile, die nicht bereit sind, dem Bau einer Mine, einer Fabrik, einer Straße, usw. zu weichen, sind es vielmehr die „zivilen“ Technologien, die den Armeen und/oder der Polizei oder auch privaten Sicherheitskräften den Weg bereiten. Alles was dazu beiträgt, den Raum kontrollierbar zu machen, lässt sich selbstverständlich auch militärisch zu eben jenem Zwecke nutzen. Auf Straßen und Schienen kann das Militär schnell in jeden erschlossenen Winkel vordringen, Brücken helfen dabei, natürliche Hindernisse wie Flüsse, Schluchten und Täler zu überwinden und landwirtschaftlich genutzte Flächen ermöglichen es nicht nur, große Areale von einem einzigen Aussichtspunkt aus zu überblicken, sondern sie erleichtern vor allem auch das Vorrücken abseits der Straßen; soweit dürfte man das schon einmal mitbekommen haben. Tatsächlich sind dies jedoch nur die offensichtlichsten Infrastrukturen derer sich die Armeen bedienen. Für die Schiffahrt mithilfe von Schleusen und Talsperren begradigte und vertiefte Flussläufe ermöglichen einen verlässlichen Transport von Kriegsgerät bis weit ins Inland hinein, Häfen ermöglichen das schnelle Landen von Kriegsgerät, ebenso wie nicht nur Flughäfen militärisch genutzt werden können, sondern auch diverse schnurgerade Autobahnabschnitte als Start- und Landebahnen für Kampfflugzeuge dienen und teilweise auch als solche angelegt sind.

Jenseits einer solchen logistischen Infastruktur benötigt ein modernes Heer natürlich auch eine stabile und verlässliche Kommunikationsinfrastruktur. Eigens militärisch genutzte Sattelitenkommunikation, deren Bodenstationen sich auf Militärbasen überall auf der Welt befinden und vom Militär mobil aufgespannte Ad-Hoc-Funknetzwerke, über die verschiedene Einheiten untereinander und mit ihrem Kommandostab kommunizieren können sind ebenso zu nennen, wie bereits etablierte und durch diverse Funkmasten aufgespannte Behördenfunk- und Mobilfunknetze, die sich selbstverständlich auch zu militärischen Zwecken anzapfen lassen (der Behördenfunk ermöglicht es der Polizei immerhin bereits von beinahe überall nach Verstärkung zu funken). Insbesondere Drohnen und jede andere Form von unbemanntem Vehikel benötigt derartige Funknetze, um Informationen zu übermitteln, sowie Kommandos zu empfangen. Auch das vorrangig für das Internet verlegte Glasfasernetz lässt sich zu militärischer Kommunikation nutzen und ein funktionierendes Stromnetz, das so gut wie überall eine beinahe unbeschränkte Menge an Energie zu liefern vermag erleichtert jede militärische Operation. Nicht zu vernachlässigen ist dabei vor allem auch die in Städten überhand nehmende Beleuchtung, die es selbst Nachts ermöglicht, hunderte Meter weit in Straßenschluchten, Parks, Hinterhöfe, usw. hineinzublicken und aus der Nähe beinahe in jede dunkle Ecke blicken zu können. Und die ebenfalls überhand nehmende Videoüberwachung ermöglich schon jetzt ein immer engmaschigeres Netz polizeilicher Kontrolle.

Wir leben in einer vermessenen und kartographierten Welt, die solange ihre Infrastruktur intakt ist, militärisch leichter zu kontrollieren ist, als dies den Anschein macht, wenn man sich die Berichte über militärisch schwer kontrollierbare Guerilla-Widerstandskämpfer in anderen Teilen der Welt verinnerlicht. Dazu ist es jedoch erforderlich, sich in dieser Welt jenseits der kontrollierten Pfade bewegen zu lernen, eine Fähigkeit die nicht einfach über Nacht erlernt werden kann, ebenso wie es erforderlich ist, die neuralgischen Punkte ausfindig zu machen, die die kritischen Infrastrukturen zum kollabieren bringen. Und diese – selbst wenn im Detail – nur zu kennen genügt vielleicht nicht, wie in dem Text „Fahrtenbuch“ (Die Reihen durchbrechen) argumentiert wird, es bedarf auch des spezifischen Wissens, wie diese erfolgreich sabotiert werden können, von der Herstellung der dafür erforderlichen „Betriebsmittel“, bis zu deren fachgemäßen bzw. unfachgemäßen Gebrauch.

Ich denke, dass gerade dieser Aspekt des Wissens in Ländern, in denen gerade kein offener Krieg gegen die eigene Bevölkerung geführt wird, oft unterschätzt wird. Umso bedeutender wird dieses Wissen in dem Szenario eines Aufstandes, auf den wir schließlich nicht nur alle gespannt warten, sondern auf den wir uns auch vorbereiten. In einer solchen Situation zu wissen, wie die Infrastruktur des Krieges unschädlich gemacht werden kann, das könnte sich womöglich als entscheidend erweisen.

(iii) Die Kriegspropaganda

Für das Funktionieren des Militarismus und insbesondere für die Mobilisierung nicht nur der Soldat*innen im Kriege, sondern auch jener Teile der Bevölkerung, die einen Krieg immer mittragen, ist in der heutigen Epoche die Propaganda von entscheidender Bedeutung. Vielleicht vergleichbar mit der Weltkriegspropaganda erweist sich heute die Virenkriegspropaganda, die wir seit über einem Jahr erleben. Längst sind alle Medien, von den Zeitungen, übers Radio und Fernsehen bis hin zu den sogenannten sozialen Medien auf eine Art und Weise gleichgeschaltet, die ich persönlich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Und alle machen sie mit, vom wirtschaftsliberalen Tagesblatt bis zur linken Monatszeitschrift, vom Staatsrundfunk bis hin zu Techgiganten wie Google und Facebook, die auf ihren Internetplattformen die staatliche Sicht der Pandemie prominent bewerben und kritische Stimmen entweder algorithmisch abwerten und somit verstecken oder unverhohlen zensieren. Wer hätte das gedacht, dass die Unternehmen, die einst (natürlich zu Unrecht) von sich behauptet hatten, den Arabischen Frühling möglich gemacht zu haben, nun, wo es die westlichen Staaten sind, die (Internet)zensur vorantreiben, sich so bereitwillig als Vollstrecker andienen. Achso, ja, eigentlich stand das zu erwarten.

Die gesamte Kommunikationstechnologie, von der Zeitung über den Rundfunk bis hin zum Cybernetz, sie war schon immer das Mittel der Wahl propagandistischer Indoktrination. Wie sonst könnte man auch die Massen erreichen. Die heute vielfach behauptete Medienvielfalt, sie existiert ebensowenig wie das Internet ein Instrument der Meinungsfreiheit ist. All diese Technologien erweisen sich im Kriegszustand mehr als jemals zuvor als Werkzeuge der Propaganda.

Auch wenn man sicherlich so einiges darüber sagen könnte, mit welchen Strategien die Herrschenden es erreichen, bei einem Großteil der Bevölkerung nicht nur die notwendige Angst vor dem Virus zu schüren, sondern sie auch gleich noch auf die Notwendigkeit des längst tobenden Virenkrieges einzustimmen, so wäre diese Analyse im Endeffekt doch unnötig, würde vielleicht sogar nur den Herrschenden etwas bringen, die ihre Mechanismen dadurch verfeinern könnten. Aus der notwendigen Distanz betrachtet, muss man meines Erachtens nach zu dem Resultat kommen, dass es die schiere Existenz von Massenmedien ist, die diese Kriegspropaganda ermöglicht und folglich eine effektive Bekämpfung dieser nur auf die Zerstörung dieser Massenmedien hinauslaufen kann.