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Gegen seine Geschichte, Gegen Leviathan! – Kapitel 2

Bei dem folgenden Text handelt es sich um das 2. Kapitel der deutschen Übersetzung von Against History, Against Leviathan!, die wir seit Ausgabe #080 in einer Vorabfassung kapitelweise abdrucken.

Das 1. Kapitel findest du hier, alle bisher erschienenen Kapitel hier.

Da es sich bei den hier veröffentlichten Übersetzungen um eine vorläufige Fassung handelt, freuen sich die Übersetzer*innen ganz besonders über Hinweise auf Fehler, Gedanken zu Ungenauigkeiten in der Übersetzung und Verbesserungsvorschläge. Ihr könnt sie direkt per E-Mail an gegen-leviathan@riseup.net kontaktieren.

2.

Ein Gepanzerter fragt: Wenn das Goldene Zeitalter so wertvoll, so wunderschön, so rein gewesen ist, warum haben die Menschen es dann hinter sich gelassen? Wenn sich die Zivilisierten an es erinnern, warum kehren sie nicht zu ihm zurück? Wenn es so angenehm gewesen ist, warum werfen Landwirte dann nicht ihre Pflüge weg und kehren zu Grabstöcken zurück? (Wer diese Fragen stellt, fragt auch: Wenn du so clever bist, warum bist du dann nicht reich?)

Es gibt Antworten auf diese Fragen. Aber der Fragensteller will diese nicht hören. Er kennt die Antwort bereits. Die Menschheit verließ den Naturzustand, weil die Zivilisation eine höhere Entwicklung ist. (Eine höhere Entwicklung gegenüber was? Das wird der Gepanzerte niemals verraten. Er kehrt schnell zu etwas anderem zurück.)

Die Theorie der höheren Entwicklung ist so alt wie die Zivilisation selbst. Eine der einflussreicheren modernen Versionen stammt von einem Anwalt des 19. Jahrhunderts, der im Hinterland von New York lebte, von Lewis Henry Morgan.

Als Berater für spekulierende Geschäftsleute, als republikanischer Politiker und Rassist fand Morgan dennoch die Zeit, eine Studie über seine Nachbarn im Hinterland von New York anzustellen, über eines der zerstreuten Überbleibsel der einst zahlreichen irokesischen Gemeinschaften. Morgans rassistische Vorgänger Washington und Jefferson haben darauf bestanden, dass die Irokesen Kinder seien, aber Morgan war der Ansicht, dass die Irokesen einen Zustand zwischen Kindheit und Adoleszenz erreicht hätten.

Morgan verallgemeinerte seinen Rassismus zu einer Leiter, von der jede Stufe vor rassistischer Politur nur so glänzt. Er betrieb keinerlei Anstrengung, seine Geringschätzung zu verbergen, im Gegenteil, er trug sie offen zur Schau; eine solche Geringschätzung war (und ist bis heute) ein Zeichen von Vornehmheit in Amerika. Er nannte die unterste Stufe, den Zustand der Kleinkindheit, Wildheit. Die nächste Stufe, den Zustand der Kindheit, Barbarei. Und natürlich nannte er die höchsten Stufen Zivilisation, die allerhöchste amerikanische Zivilisation. Auf dieser höchsten Stufe saß Morgan zusammen mit der Großen Weißen Rasse. Die amerikanischen Professoren fühlten sich so sehr geschmeichelt, dass sie Morgan zum Präsidenten der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften wählten.

Später würden die Professoren ihre Wahl bereuen. Der Aufwiegler Karl Marx und der revolutionäre Geschäftsmann Friedrich Engels borgten sich Morgans rassistische Leiter aus. Marx beabsichtigte die Leiter auszubessern, aber er fand dazu nie Zeit. Es war Engels, der schließlich Morgans Leiter ausbesserte. Er flickte nicht gerade viel. Er borgte sie sich vollständig intakt, inklusive all der rassistischen Politur durch Morgans Nomenklatur: Wildheit, Barbarei, usw. Engels besserte lediglich die Spitze der Leiter aus. Er benannte Morgans oberste Stufe um und fügte der Leiter noch eine weitere, höhere Stufe hinzu.

Engels änderte den Namen von Morgans Großer Weißer Rasse in Kapitalistische Klasse und platzierte darüber die Anführer*innen und Anhänger*innen von Marx politischer Partei. Und in dieser Form wurde Morgans rassistische Leiter zur offiziellen Religion der UdSSR, Chinas, Osteuropas und anderer Länder, in denen die Namen der Stufen als ein Katechismus in die Köpfe der Schulkinder eingehämmert werden.

Natürlich wollten die amerikanischen Professoren mit dieser Leiter nichts mehr zu tun haben, nachdem diese den Aufwieglern in die Hände gelangt war. Sie vergaßen Morgan. (Das kann an Orten, an denen das Gedächtnis von der Gunst der Verleger*innen des geschriebenen Wortes abhängt, sehr leicht vollbracht werden.)

Aber der Rassismus verflüchtigte sich nicht aus Amerika und Morgans Leiter war eine zu gute Sache, um sie den Aufwiegler*innen zu überlassen. Der Archäologe V. G. Childe, wenngleich er selbst Marxist war, verlieh der Leiter eine Aura der Wohlanständigkeit, indem er ihre Stufen mit all den jüngsten eindeutigen Beweisen füllte. Und die Leiter kehrte nach Amerika zurück, weniger als eine offizielle Religion, sondern vielmehr als ein letzter Ausweg, als etwas, dessen man sich in Notfällen bedienen konnte. Verweise auf den »Naturzustand« lösen stets solche Notfälle aus.

Die Leiter, die Theorie der höheren Entwicklungen, erklärt natürlich, warum die Menschen den Naturzustand hinter sich ließen. Zu diesem Zweck wurde sie entwickelt. Der Titel von Engels Buch lautet Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. Die Erklärung ist einfach, klar, tatsächlich mechanisch und sie kann in Grundschulen unterrichtet werden. Alles, was wir tun müssen, ist uns von lebendigen Wesen abwenden und uns auf Dinge konzentrieren. Die Leiter ist ein Ding. Ebenso wie ihre Stufen. Und die Verbindungen zwischen niedrigeren und höheren Stufen sind ebenso Dinge. Sie sind Apparate. Childe nannte sein Buch irreführenderweise Der Mensch schafft sich selbst [Man Makes Himself] und erweckte dadurch den Eindruck, dass er von einem lebendigen Wesen sprechen würde. Für Childe ist der Mensch selbst ein Ding, ein Gefäß für Objekte und Bauteile; Materie ist der Kern und der Mensch der Auswuchs.

Der Apparat, der verantwortlichfür den Übergang des Menschen von der Wildheit genannten Stufe zu der Barbarei genannten Stufe ist, ist ein Apparat, der Materielle Bedingungen genannt wird, oder vollinhaltlicher die Ebene der Entwicklung der Produktivkräfte. Derselbe Apparat ist verantwortlich für das Erklimmen aller höheren Stufen.

Marx und Engels und ebenso Morgan lebten zu einer Zeit, als die materiellen Bedingungen, buchstäblich der Boden selbst, den Füßen der ehemaligen Herrscher entglitt, den verhassten Baronen und Bischöfen: Kapitalistische Eigentümer von Minen und Fabriken kauften das Land der Aristokraten auf. Marx und Engels prognostizierten, dass der Boden auch den Füßen der Kapitalisten auf eine ähnliche Weise entgleiten würde und sie projizierten ihren Wunsch auf die erste Morgendämmerung.

Im Sinne dieser Projektion existierte der Mensch seit tausenden Generationen als Wilder. Dann, ungefähr vor dreihundert Generationen, wurden die materiellen Bedingungen günstig für etwas höheres als diese Wildheit. Diese Bedingungen umfassten Landwirtschaft, Metallurgie, das Rad, usw. Als er erst einmal all diese Dinge hatte, war der Mensch in der Lage einen Überschuss zu produzieren, einen Gewinn. (Turner erliegt diesem Teil der Theorie ebenfalls.) Dieser Überschuss, dieser Gewinn, ist das, was die schöne neue Welt fördert, buchstäblich füttert, die nun möglich geworden ist: Könige, Armeegeneräle, Sklavenbesitzer und Bosse von Arbeitskolonnen. Der Mensch habe immer Herrscher gewollt, Berufsheere, Sklaverei und Arbeitsteilung, aber er hätte diese Träume nicht realisieren können, bis die materiellen Bedingungen dafür reif waren. Und sobald sie reif dafür geworden seien, seien alle fortschrittlich eingestellten Wilden ohne Zögern zur nächsthöheren Stufe gesprungen.

(Tue mir einen Gefallen, Leser*in, und überprüfe die Theorie der höheren Entwicklungsstufen noch einmal. Dann sage mir, ob du meine Karrikatur noch immer übertrieben findest.)

Die Theorie der höheren Entwicklungsstufen kann kleinen Kindern erzählt werden, weil sie ein Märchen ist. Ich habe nichts gegen Märchen. Aber die Verfechter*innen dieses Märchens behaupten, dass es etwas anderes wäre; sie verachten Märchen.

***

Die sogenannten materiellen Bedingungen waren nichts anderes als Hilfsmittel fürs Schlemmen, Umherspazieren und Sichtreibenlassen. Sie waren wie Spazierstöcke für Greise. Ihre Vielfalt und Komplexität belegen den Einfallsreichtum von Menschen. Aber die Zentralität solcher Dinge ist für uns kein Beweis dafür, dass Menschen im Naturzustand um Früchte, Nüsse und Spazierstöcke kreisten. So wenig wir auch über ihre Sternstunden wissen, wissen wir doch, dass diese keine Industriemessen, Feiern neuer Erfindungen oder Maschinenausstellungen waren. Dinge mögen nützlich gewesen sein, aber sie waren Belanglosigkeiten im Vergleich mit den Augenblicken, in denen man in Kontakt mit dem Ursprung, der Quelle des Lebens, des Seins selbst kam.

Die Belanglosigkeiten sind uralt und mögen früher weitaus vielfältiger gewesen sein, als sie es heute sind. Als die Früchte noch auf hochliegenden Ästen reiften, wurden alle möglichen Arten von hakenförmigen Stöcken, Stricken und Leitern entwickelt, um die Früchte zu erreichen, bevor es die Affen taten.

Die Menschen verstanden sich selbst als Cousinen der Tiere. Viele ihrer Gerätschaften ermöglichten es ihnen, die Handlungsweisen der Tiere zu kopieren. An den Ufern der Flüsse und Seen entwickelten die Menschen alle möglichen Arten von Flößen und Kanus, um wie Enten und Schwäne zu schwimmen. Sie lagerten Nüsse, um sie nach dem Vorbild der Eichhörnchen im Winter zu verzehren. Sie verstreuten Samen nach dem Vorbild der Vögel. Sie webten Netze nach dem Vorbild der Spinnen. Sie pirschten sich an Wild heran nach dem Vorbild der Wölfe. Wölfe haben starke Zähne und Kiefer. Die Menschen schärften Stöcke und Steine. (Unsere Archäologen stellen sie dar, als hätten sie wie Zeks den ganzen Tag damit zugebracht, sie abzuplätten. Diese Menschen waren nicht von etwas gezwungen, was Tonybee »gesichtslose Institutionen« nennt. Sie hatten keinen Grund dazu, mit dem Abblätten weiter zu machen, wenn es ihnen keinen Spaß mehr machte.)

Moderne Gräber haben selbst die Überbleibsel altertümlicher Städte an Orten in Anatolien und im vorderen Orient ausgegraben, Orte, die später Shanidar, Jericho, Catal Höyük, Hacilar genannt wurden.In Shanidar teilte die gesamte Gemeinschaft eine Höhle als Winterunterschlupf; die Höhlenbewohner*innen nutzten Metalle. In Jericho mauerten sich die Menschen selbst ein, indem sie eine Mauer errichteten, vermutlich um sich vor feindlichen Eindringlingen zu schützen. Diese Menschen scheinen kaum bis gar keine Anpflanzung betrieben zu haben. Im Norden von ihnen lebten Menschen, die Samen anpflanzten und Tiere hielten, aber keine Städte oder Mauern errichteten. Und auf der anderen Seite der Welt waren die Vorfahren oder Vorgänger*innen der Ojibwa, die am Lake Superior Metallurgie betrieben und wunderschönen Kupferschmuck und -werkzeuge herstellten.

Keines dieser Völker entwickelte »gesichtslose Institutionen«. Sie blieben eine Sippschaft. Sie fuhren fort alles, was sie besaßen und was sie erlebten, zu teilen. Die Kupfer-Nutzer*innen vom Lake Superior pflanzten keine Samen an oder hielten Tiere. Vielleicht hätten sie es gekonnt, aber sie hatten keinen weltlichen Grund dazu. Sie hielten Hunde. Hunde haben sich offensichtlich selbst domestiziert, entweder aus einer unbegreiflichen Liebe zu Menschen oder aus einem parasitären Antrieb. Aber welche Befriedigung würde es einem verschaffen, Züchtungen parasitärer, hundeartiger Rothirsche oder Elche zu entwickeln?

Die materiellen Objekte, die Spazierstöcke und Kanus, die Grabstöcke und Mauern, waren Dinge, die ein einzelnes Individuum schaffen konnte, oder sie waren Dinge, wie eine Mauer, die die Zusammenarbeit vieler zu einem einzigen Anlass erforderten. Ich würde vermuten, dass die Erbauer*innen der ersten Mauer von Jericho in dem Moment, als sie damit fertig waren, aufhörten Mauerbauer*innen zu sein; sie kehrten zu wichtigeren Aktivitäten zurück. Ich würde sogar vermuten, dass sie die Mauer errichteten, um den wichtigeren Aktivitäten ungestört nachzugehen.

Was die überschüssigen Erzeugnisse, die berümten Gewinne angeht, die diese Werkzeuge angeblich möglich gemacht hätten: Sahlins und andere haben gezeigt, dass sowohl Gemeinschaften mit vielen Werkzeugen als auch Gemeinschaften mit wenigen, welche, die in üppigen Umgebungen und welche, die in rauen Umgebungen lebten, alle von Überschüssen umgeben waren. Nachdem all die Menschen ihre Ration gegessen hatten, nachdem all die Insekten und Vögel und Tiere ihre Ration gegessen hatten, gab es noch immer eine ganze Fülle, die auf die Erde fiel und Triebe des nächsten Frühjahrs düngte. Viele Tiere und viele Menschen lagerten das, wovon sie erwarteten, es während eines durchschnittlichen Winters zu benötigen, aber keine*r hortete mehr als das; freie Menschen brauchten das nicht zu tun.

***

Die meisten der Werkzeuge sind uralt und die Überschüsse sind seit der ersten Morgendämmerung reif, aber sie erschufen keine gesichtslosen Institutionen. Die Menschen, lebendige Wesen, erschufen beides. Und es ist nicht der Mensch oder die Menschheit, die dafür verantwortlich ist, sondern eine isolierte Gemeinschaft, eine kleine Minderheit in Tonybees Worten.

Zudem erschafft diese kleine Minderheit derartige Institutionen nicht in den günstigsten materiellen Bedingungen, beispielsweise in den üppigen Wäldern der Great Lakes oder den ergiebigen Wäldern Afrikas oder Eurasiens. Sie machen das unter den ungünstigsten materiellen Bedingungen, in einer erbitterten, rauen Umgebung.

Gräber haben tatsächlich Tafeln ausgegraben und entziffert, die Licht auf die ersten Augenblicke gesichtsloser Institutionen werfen.

Die Tafeln sind auf Sumerisch geschrieben, einer Sprache, die in Zentralasien entstanden sein könnte. Die Autor*innen sind die ersten schriftkundigen Menschen. Die Dörfer, in denen sie leben, werden Erech, Ur, Eridu und Lagasch genannt. Die Dörfer befinden sich im Tal zwischen den Flüssen Tigris und Euphrat. Der Ort wird später Fruchtbarer Halbmond genannt werden, um zu erklären, warum Esel Schwänze haben.

Die ersten Tafeln beschreiben den Ort nicht so günstig. Sie beschreiben ihn als einen höllischen Ort und lassen eine*n sich wundern, warum diese Menschen dort bleiben. Sie sind erpicht darauf, Landwirtschaft in einem Urwald zu betreiben. Die Flüsse treten jährlich über ihre Ufer, düngen das Tal und verwandeln es in ein Moor.

Frauen pflanzen Samen. In einem Jahr ist die Flut so gewaltig, dass sie die Erde sowie die Häuser mit sich fortträgt. Im nächsten Jahr gibt es nicht genug Wasser und die Pflanzen vertrocknen und sterben in der sengenden Hitze der Sonne.

Sicherlich müssen die Dorfbewohner*innen daran gedacht haben, in die günstigeren materiellen Bedingungen Zentralasiens zurückzukehren, wo sie nicht so viel Zeit und Energie auf das bloße Überleben aufwenden mussten, wo sie Zeit für erfreulichere Aktivitäten hatten.

Aber sie sind hartnäckig. Die Großmütter rufen die alten Männer zu einem Rat zusammen. Diese Männer hatten geträumt. Die Frauen ermahnten die Männer von einer verlässlichen Wasserversorgung zu träumen, weder zu wenig, noch zu viel.

Die Männer sind offensichtlich beleidigt wegen solcher Banalitäten von ihren mentalen Transporten weggerufen zu werden. Sie müssen vermutlich zu einem zweiten Rat und dann einem Dritten einberufen werden, letzterer während einer Hungersnot.

Die alten Männer reagieren träge. Sie könnten gesehen haben, wie Biber sich eine verlässliche Wasserversorgung gewährleisten. Sie träumen. Sie sehen, dass das, was benötigt wird, ein Damm, Kanäle und Entwässerungsgräben wären. Aber wer würde diese errichten? Sicherlich nicht die alten Männer. Sie sind keine Biber. Sie rufen die jungen Männer zusammen und erklären den Traum.

Die jungen Männer haben bisher nichts getan, daher sind sie begierig sich als bereitwillige und edelmütige Geber zu zeigen.

Aber keine*r weiß, wie man fortfahren solle. Die alten Männer mögen oder mögen nicht die Pläne erträumt haben, aber sie werden sicherlich nicht die tatsächliche Umsetzung beaufsichtigt haben. Sie wählten einen starken jungen Mann, einen Lugal; sie sagen ihm, er solle die Biber beobachten. Die alten Männer kehren dann zu ihren wichtigeren philosophischen Unterfangen zurück.

Der Lugal, was auf Sumerisch starker Mann bedeutet, mag von den Bibern lernen oder auch nicht und er mag die Pläne machen oder auch nicht. Auf jeden Fall beaufsichtigt er das Projekt. War er nicht von den Ältesten dazu auserwählt worden?

Als die Gräben und Kanäle gegraben sind, kehrt der Lugal unter seinesgleichen zurück, stolz, aber noch nicht hochmütig. Nichts hat sich bisher verändert. Solche kooperativen Unterfangen waren selten, aber nicht ungewöhnlich in Gemeinschaften der Sippschaft.

Aber das hier ist Erech, ein Ort, von dem die Götter offensichtlich nicht wollen, dass dort Menschen leben. Eine einzige Flut spült die ganze Arbeit ins Meer. Die Frauen rufen die alten Männer zu einem weiteren Rat zusammen. Diese Mal wählen die Ältesten einen noch stärkeren jungen Mann aus und drängen ihn, die Biber gewissenhafter zu studieren oder tiefgreifender zu träumen. Und dieses Mal halten die Ufer und Deiche, zumindest anfänglich.

Aber Erech bleibt ein materiell miserabler Ort und binnen Kurzem beginnen die Ufer zu bröckeln. Der erfahrene Lugal wird beauftragt, die Ufer und Dämme zu reparieren. Der Lugal und seine Cousins beschweren sich, dass sie schon vor einem Mond hätten gerufen werden sollen, als die Ufer noch repariert hätten werdenkönnen; Nun müssen sie das gesamte Werk wieder errichten. Das passiert zweimal, höchstens dreimal, bevor der Lugal darauf besteht, einen Sitz im Rat der Ältesten zu bekommen, um ein Mitspracherecht darauf zu haben, wann die Deiche repariert werden.

Frühlinge vergehen und Winter vergehen, voller Festessen, Festivals, Tänze und Spiele.

Die Ältesten von Ur und selbst die von Lagasch bestimmten Lugals, um die Bewässerungswerke von Erech zu studieren.

Ein Ältester von Erech und dann ein weiterer sterben in hohem Alter; sie werden im Rat durch Neuankömmlinge ersetzt.

Nun ist der Lugal ein erfahrenerer Ältester als die Neuankömmlinge und er äußert sich über andere Dinge als Deiche. Er wird hochmütig und seine Cousins stehen hinter ihm. Er und sie sind schließlich diejenigen, die Erech eine verlässliche Wasserversorgung verschaffen. Der Lugal wagt es sogar einer alten Großmutter zu sagen, wo sie ihre Samen nicht pflanzen solle.

Eines Tages wird der Lugal tot aufgefunden, ermordet von einer Gottheit, einer Gottheit, von der bekannt ist, dass sie in engem Kontakt mit der beleidigten Großmutter steht. Ein neuer Lugal wird auserwählt, ein weniger hochmütiger und die Ältesten achten sorgsam darauf, ihn aus ihrem Rat herauszuhalten.

Es gibt keinen eindeutigen Beweis für irgendetwas davon. Tatsache ist, dass die sumerischen Tafeln geheimnisvoll stumm hinsichtlich der Taten der Frauen und Ältesten zur Zeit der ersten Lugale bleiben. Und sowie die Zeit voranschreitet, helfen die Tafel-Schreiberlinge den Menschen dabei zu vergessen, dass die sumerischen Frauen wichtig waren, dass die Ältesten einst in einem Rat saßen, dass es ein Zeitalter vor dem ersten Lugal gab.

***

Aber zurück zu meiner Geschichte.

Die Menschen aus Ur und Lagasch haben ihre Bewässerungsarbeiten vollendet. Diese wurden jedes Jahr umfangreicher.

In einem Jahr überfluteten die Entwässerungsgräben von Lagasch die Kanäle von Ur und fluteten und ruinierten die Arbeit Urs.

Das machte den Lugal von Ur, der Urlugal genannt wurde, so wütend, dass er seine speerbewaffneten Cousins gegen die von Lagasch anführte. Die erzürnte Jugend von Ur zerstörte die Bewässerungswerke ihrer Nachbarn und verfolgte fliehende Menschen aus Lagasch bis in die Wüste. In ihrer Wut ermordeten sie mehrere Fremde, Wüstennomaden, deren Pfade sie kreuzten.

Als schließlich die belagerten Lagaschianer*innen um ein Ende der Gewalt bettelten, legten die Sieger mit Urlugal an ihrer Spitze den Besiegten eine höllisch schwere Bürde auf. Die Menschen von Ur forderten Entschädigung von den Lagaschiern, die ihre eigenen Bewässerungsanlagen und die von Ur wiederaufbauen mussten. Lagaschier, die unwillig oder unfähig wären, eine solche Bürde zu tragen, sollten den Menschen von Ur große Geschenke zu bestimmten Zeiten bringen.

Urlugal ist entschlossen, den Überblick über all die Geschenke, die ihm zum Tribut geschuldet wurden, zu behalten, da er ebenso hartnäckig ist wie diejenigen seiner Vorfahren, die den Fruchtbaren Halbmond nicht aufgaben. Um den Überblick über die Geschenke und die Schenkenden zu behalten, schickt er einen oder zwei seiner Cousins nach Erech, um die Zeichen zu studieren, die einige der Männer des Erechlugals auf Lehmtafeln gemacht hatten, um den Überblick über die besten Zeiten, um die Dämme zu reparieren, zu behalten. Die Männer des Urlugals fertigten bald selbst Lehmtafeln an und auf diese Tafeln meißelten sie keilförmige Zeichen, um die Namen derer in Lagasch zu kennzeichnen, die noch immer Tributgeschenke schulden, sowie die Mengen.

All diese Ereignisse geschehen nicht in der Lebenszeit eines einzigen Urlugals. Urlugal ist nur einer der Namen der Lugale Urs. Die Sumerer hatten hunderte, vielleicht tausende Lugale und die Schriftgelehrten erfanden noch mehr Namen von Lugalen, um die Zeit zwischen sich und der ersten Morgendämmerung zu füllen. Für die Sumerer ist die Zeit zwischen ihnen und den Anfängen nicht so gering, wie sie später für die Christen sein wird. Die zähen Sumerer schätzen in Millionen.

Ich bin bei Urlugal hängen geblieben, wegen seines sprechenden Namens und so will ich bei ihm bleiben. Er sammelt noch immer Tribute von Lagasch ein. Seine Neffen amüsieren sich bestens dabei, die Kanalarbeiten ihrer Nachbarn zu beaufsichtigen, anstatt sie selbst zu erledigen.

Nun treffen beunruhigende Nachrichten ein. Einige von Urlugals Cousins gingen jagen, möglicherweise in den Wäldern des Libanon. Einer von ihnen kehrt zurück, mit kaum genug Leben in ihm, um seine Geschichte zu erzählen. Die Jäger wurden von speerbewaffneten Nomad*innen angegriffen; alle außer dem Erzähler wurden getötet. Die Angreifer waren möglicherweise versippt mit den Fremden, die von den Männern des Urlugals während des Raubzugs gegen Lagasch getötet worden waren.

Urlugal bereitet sich sofort darauf vor, seine stärksten Cousins gegen die mörderischen Fremden anzuführen. Die Ältesten versuchen die Hitzköpfe zu beruhigen, indem sie darauf hinweisen, dass die Fremden die Opfer von Urlugals ursprünglichem Überfall rächten und ein weiterer Überfall nur zu mehr Vergeltungsmaßnahmen führen würde. Aber die Hitzköpfe lassen sich nicht stoppen.

Urlugal und seine Cousins, noch immer von ihrem Sieg über Lagasch beschwingt, ziehen in den Wald Libanons aus. Tatsächlich finden sie ein Lager der Fremden. Sie machen es dem Erdboden gleich und ermorden die meisten der Nomaden. Auf ihrem Weg zurück mit den gefangengenommenen Tierherden werden die Männer von Ur von einer anderen Bande Fremder angegriffen. Der Wald scheint vor Fremden nur so zu wimmeln.

Urlugal und viele seiner Cousins werden getötet. Die Überlebenden lassen ihre Beute zurück und fliehen in Unordnung zurück nach Ur.

Ganz Ur schäumt vor Wut. Jemand erinnert die wütende Meute an die Vorhersage der Ältesten und wird sofort getötet. Die Überlebenden und ihre Cousins schreien nach der Ernennung des stärksten und entschlossensten unter ihnen zum Lugal. Die Sieger über Lagasch würden nicht von irgendwelchen Fremden geschlagen werden, sie würden nicht die Fliegen für Spinnen sein, die nicht in Städten leben und keine Samen anpflanzen. Der Rat der Ältesten ernennt bedrängt vom Zorn der ganzen Stadt zögerlich den neuen Lugal.

Die wütenden Krieger ziehen gegen die Fremden aus. Sie senden Späher voraus, um nicht in einen weiteren Hinterhalt zu geraten. Sie transportieren ihre Verpflegung, sowie Lugal selbst in Gespannen auf Rädern; der Lugal kann so seine Stärke für den eigentlichen Kampf aufsparen und die Männer von Ur können sich schneller bewegen als alle Fremden. Sie entdecken verschiedene Lager von Nomaden und machen alle dem Erdboden gleich.

Sie kehren nach Ur zurück – dieses Mal nicht nur mit den gefangenen Herden, sondern auch mit den gefangenen Fremden. Die zurückgekehrten Krieger werden von ihrer besorgten Sippe in die Arme geschlossen. Zwei Wochen lang gibt es Feste, Tänze und Feiern in ganz Ur. Die Ältesten, Männer und Frauen bringen den Geistern und Mächten, die diesen Sieg möglich machten, großzügige Opfer dar. Ganz besondere Opfer werden der Gottheit des Lugals dargeboten.

Als die Feiern enden, kehren die beschwingten Krieger, die Helden, nicht zu ihren Kanalreparaturen zurück. Das Pensum der Lagaschianer neigt sich dem Ende zu. Tatsächlich beschweren sich die Lagaschianer, dass sie bereits mehr für Ur getan haben, als sie jemals eingewilligt hätten. Wer wird die Reparaturen nun machen? Die Cousins der Lugals haben die besiegten Lagaschianer lange beaufsichtigt und sie sind von der Aussicht nicht begeistert, den Platz der Besiegten einzunehmen.

Die gefangengenommenen Fremden werden an die Arbeit an den Kanälen geschickt. Jede*r der Cousins des Lugals ist nun selbst ein Lugal, ein Vorgesetzter. Das sumerische Wort dafür lautet Ensi. Das ist ein Unter-Lugal, ein Assistent des Lugals, ein Chef, aber nicht der Chef.

Die Nomaden fahren fort, die Jäger und Reisenden aus Ur zu bedrängen. Aber die Nachrichten ihrer Überfälle sind nicht mehr so erschreckend. Der Lugal führt häufige Expeditionen gegen die unverständlich semitisch sprechenden Fremden an.

Die Ältesten erheben keine Einwände mehr gegen diese Expeditionen und beschränken sich umsichtigerweise auf visionäre und philosophische Aktivitäten. Gelegentlich konsultiert der Lugal einen alten Mann oder eine alte Frau hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit eines Sieges, aber ansonsten nimmt er eine respektvolle Distanz zu ihnen ein.

Der Lugal blickt diesen Expeditionen nun freudig entgegen, da jeder neue Überfall neue Fremde nach Ur bringt. Mittlerweile gibt es genug Fremde in Ur, um die Kanäle jede Saison zu reparieren. Bald werden die Gefangenen früherer Expeditionen für Expeditionen gegen neue Angreifer rekrutiert.

Bald reparieren Fremde nicht nur Deiche. Sie reparieren auch die Häuser alter Männer und Frauen. Sie erledigen die Hausarbeiten des Lugals und bald auch die der Ensis.

Die sumerischen Frauen lassen noch immer die Pflanzen auf dem Feld entstehen, aber nun tun sie das, indem sie engen und beständigen Kontakt mit der Erde und den Geistern, die für die Nährung der Pflanzen verantwortlich sind, halten. Die tatsächliche Verstreuung der Samen wird von den gefangengenommenen Fremden erledigt.

Und wer sind die Fremden? Sicherlich können wir sie als die ersten Zeks identifizieren! Sie sind Arbeiter, Proletarier, Vollzeitarbeiter. Die sumerische Sprache stammt aus einem anderen Zeitalter. Ebenso wie sie kein Wort für König, Herrscher, Kaiser oder Präsident besitzt, besitzt sie auch kein Wort für Zek, Arbeiter, Sklave. Die Sumerer fahren fort den Lugal Lugal zu nennen und sie fahren fort, die Fremden Fremde zu nennen. Aber in einem unfassbar kurzen Zeitraum gibt Ur die exotische Welt der Seher*innen und Visionen auf.

***

Ich habe im Präsens gesprochen. Ur ist Jetzt. Es ist kein bisschen exotisch. Es ist unsere Welt.

Was ist passiert?

Ich habe die marxistische Erklärung bereits verworfen. Günstige materielle Bedingungen erschufen nicht den ersten Lugal von Erech. Materielle Bedingungen blieben dieselben, wie die, die sie seit Generationen gewesen sind und die Menschen von Erech hatten keinen Zugang zu den besten von ihnen. Die materiellen Bedingungen begannen sich erst nach dem ersten Lugal zu verändern und seitdem haben sie sich rapide verändert.

Pierre Clastres würde sagen, dass es eine Revolution gegeben hat – keine materielle, sondern eine politische Revolution. Das wird dem Ganzen ziemlich gerecht, aber es stellt sich erst rückblickend als wahr heraus. Die Sumerer erleben offensichtlich einen großen Wandel; wir können das eine Revolution nennen, aber sie erleben es nicht als eine solche.

Vom Standpunkt der Sumerer her ändert sich nichts. Auf eine gewisse Art und Weise verlassen sie den Naturzustand niemals. Vielleicht ist es das, was den Exotizismus ausmacht, der dem, was wir »frühe Zivilisationen« nennen werden, anhaften wird. Die Sumerer sind nicht zu Zeks geworden. Sie sind noch immer Besessene. Die sumerischen Frauen gebären noch immer nicht als Maschinen für die Produktion von Soldaten und Arbeitern, sondern als lebendige Wesen in engem Kontakt mit den Quellen des Seins. Die sumerischen Männer, besonders die älteren, suchen noch immer den Kontakt mit den Geistern des Windes, der Wolken, selbst mit denen des Himmels selbst. Tatsächlich widmen sie sich ihrer Suche vollständiger, als sie es jemals zuvor gekonnt hätten. Nun widmen sie all ihre Energie den Tänzen, Festivals und Zeremonien. Sie müssen sich nicht länger mit den Banalitäten des materiellen Überlebens herumschlagen. Die Banalitäten werden allesamt für sie erledigt.

Ferner bieten der Lugal und seine Männer den Geistern weitaus großzügigere Geschenke dar, als jemals zuvor hätte gegeben werden können. Die Männer des Lugals haben sogar dauerhafte Schreine für alle Geister und Mächte errichtet, unglaublich schöne Schreine und um die Schreine herum haben sie Gärten angelegt und diese mit all den Kreaturen der Wüste und des Waldes gefüllt.

Niemals zuvor haben die Menschen den Wesen, die für das Leben verantwortlich sind, eine solche Huldigung, einen solchen Respekt gezollt. Es stimmt, dass der Lugal seiner eigenen Gottheit den größten Schrein errichtet. Das ist offensichtlich anmaßend von Seiten des hochmütigen Lugals, da er nicht wissen kann, dass die Geister die hierarchische Konstellation, in die er sie bringt, akzeptieren. Das ist eine Art von Revolution. Aber die Sumerer werden sich nicht jetzt wegen seiner Hochmütigkeit gegen den Lugal wenden. Sie haben sich daran gewöhnt und anstatt sie zu verärgern, lässt sie sie nun mit einem gewissen Stolz lächeln. Dank ihm können sie sich so vollständig dem Wohlergehen ihrer Stadt widmen.

Ich muss gegenüber meiner*m Kritiker*in zugeben, dass die Sumerer sich nicht von einem einzigen der neuen Werkzeuge trennen würden. Sie sehnen sich nicht danach, zum zeitlosen goldenen Zeitalter zurückzukehren. Sie befinden sich im Goldenen Zeitalter, mehr als jemals zuvor.

Aber die goldenen Sumerer sind nicht länger alle aus Sumerien. Tatsächlich existieren die goldenen Sumerer gemäß einiger späterer wissenschaftlicher Erzählungen überhaupt nicht. Sie werden durch ein simples Wort abgesetzt. Das Wort lautet Tempel. Die Anhänger*innen von Inanna, der liebevollen Tochter des Mondes; die Kommunikant*innen von Anu, dem Geist des Himmels, sind nicht die Anwender*innen der neuen Werkzeuge. Sie sind nicht die Verwalter*innen der Entwässerungsarbeiten, die Erbauer*innen der großen Paläste, die Helden der militärischen Gefechte. Sie sind das, was wir Priester und Priesterinnen, Orakel und Wahrsager*innen nennen. Alles, was in Sumerien vom Naturzustand übrig geblieben ist, ist zu dem geschrumpft, was wir Religion nennen.

Vielleicht empfinden einige der Frauen, die keine Samen mehr aussäen oder einige der Männer, die nicht mehr jagen oder das Vieh hüten, eine gewisse Nostalgie nach den alten Tagen. Aber es gibt keinen Hinweis auf eine »zurück zur Erde«-Bewegung unter den sumerischen Geistlichen. Die Schriftgelehrten, die die Tafeln meißeln, sind Angestellte des Lugals; Sie sind nicht angestellt, um die Nostalgie der Geistlichen aufzuzeichnen. Die einzigen Hinweise, die wir besitzen, sind die Gärten, die die Männer des Lugals anlegen und für die Bewohner*innen des Tempels füllen.

Diese Tempelgärten sind rätselhaft üppig für kleine Städte, die von nichtstädtischen Aussichten umgeben sind und die in Fußweite zu Wäldern und Bergen liegen – und die Sumerer sind so gute Wanderer. Kann es sein, dass, wie Turner vorschlägt, die Welt außerhalb der Städte bereits zur Wildnis wird?

Wir sollten das sorgfältig betrachten. Die Welt außerhalb von Ur ist nicht die Wildnis, wie sie unsere Welt kennzeichnen würde. Ihre Wildnis ist sicherlich nicht der Wald oder die Wüste, die Pflanzen oder die Tiere, da die naturliebenden Tempelbewohner*innen all das in die Stadt gebracht haben.

Könnte es sein, dass ihre Wildnis die Wildnis ist, die vom Lugal und seinen Männern erschaffen wird: die Schlachtfelder, die alle sumerischen Städte umgeben, die Szenen der Überfälle und Gegen-Überfälle, die Szenen der Folter, der Massaker und Gefangennahme? Eine Priesterin, die an einem Waldteich mit dem Mond kommunizieren will, musste dorthin mit einer bewaffneten Eskorte aufbrechen. Es war praktischer geworden, einen geschrumpften Teich und Wald in die Einfriedung von Ur zu bringen.

Während die ehemalige freie Gemeinschaft zu einem Tempel geschrumpft war, so ist ein Auswuchs dieser Gemeinschaft zu extremer Größe angewachsen, da der Tempel nun von einer geschäftigen Stadt umgeben ist, die in jeder Hinsicht außer in ihrer Religion beinahe modern ist – vielleicht nicht absolut modern, aber zumindest gut verständlich für uns.

Es gibt Reiche und es gibt Arme, da die Familien von Ensis keine Sippschaft mit den Fremden eingehen und auch sonst nichts mit ihnen teilen. Es gibt einen Markt, da die gut Situierten ihr Essen nicht länger selbst sammeln, anbauen oder jagen. Es gibt Arbeitsprojekt-Manager und ihre Arbeitskolonnen. Es gibt Generäle und ihre Soldaten. Es gibt Archivare und selbst eine Schule für Schriftgelehrte. Und alles läuft wie ein Räderwerk.

Schauen wir genauer hin. Wenn die Menschen im Tempel golden sind, dann sind diejenigen draußen weniger edlen Metalls.

Die semitisch-sprachigen Mitglieder der Arbeitskolonnen, verheiratet und mit einem oder mehreren Kindern, noch nicht besonders sumeranisiert, erinnern sich besserer Tage. Es mag nicht vollkommen verrückt sein zu behaupten, dass diese ersten Zeks ihre Ensis kaum mehr lieben, als spätere Zeks die ihren lieben werden. Einige der Siege, die auf den Tafeln gefeiert werden, sind Siege gegen die Fremden, die sich bereits in Sumerien befinden; oder anders ausgedrückt: Es sind Siege über rebellierende Zeks.

Die Fremden werden misshandelt, überstrapaziert und verachtet. Sie sind weder frei noch unversehrt. Sie sind die Enteigneten. Einige ihrer Kinder mögen einer besseren Zukunft entgegenblicken, besonders diejenigen, die in den Krieg ziehen und andere Fremde tapfer genug abschlachten. Die Sumerer sind bislang nicht zu einer höheren Ebene des erblichen Elends fortgeschritten. Aber selbst so ist die Vielzahl sumerischer Zeks in keinem Sinne golden.

Rousseau und vor ihm de La Boétie werden sich über Situationen wie diese wundern. In jeder Arbeiterkolonne gibt es viele Zeks und nur einen Ensi. Was hält die Zeks davon ab, sich gegen den Ensi zusammenzutun? Warum reproduzieren die Menschen ein miserables alltägliches Leben?

Lasst uns die Ensis betrachten. Sie sind materiell wohlhabend. Aber sie werden von Ängsten heimgesucht und wenigstens ein Ensi ist paranoid. Er hat Angst von den Zeks in seiner Kolonne ermordet zu werden. Er hat bereits mehrere Verschwörer*innen hingerichtet. Er hat Angst, dass die Nachricht seiner Inkompetenz den Lugal erreichen könnte. Und – die Götter bewahren! – er hat den Verdacht, dass jemand im Tempel einen Groll gegen ihn hegt.

Aber da gibt es noch etwas über den Ensi. Seine Zeks sind nicht frei oder unversehrt. Aber ebensowenig ist er es. Außer wenn sie sich gegen einen Ensi erheben oder verbünden, sind die Zeks nicht von ihrer eigenen Natur oder ihrem eigenen Wesen, ihren eigenen Entscheidungen oder Wünschen bestimmt. Die Aufgaben, mit denen sie ihre Tage verbringen, sind nicht ihre eigenen. Aber diese Aufgaben sind auch nicht die des Ensis.

Der Ensi weiß von einer Arbeiterkolonne, deren Aufseher von Zek-Verschwörern ermordet wurde. Der ermordete Mann wurde durch einen Mann mit einem anderen Aussehen und gänzlich anderen Interessen ersetzt. Doch als er einmal Aufseher war, tat der neue Mann die genau gleichen Dinge wie der ermordete Aufseher und auf beinahe dieselbe Art und Weise.

Seltsame Gedanken schießen dem Ensi durch den Kopf. Könnte es sein, fragt er sich, dass der einzige Mann in Ur, der frei ist, der Lugal ist? Nun fragt er sich, ob selbst das wahr ist. Er hat von einer Stadt gehört, deren Lugal zusammen mit den meisten seiner Ensis in einem Aufstand der Zeks getötet wurde. Als der Ensi die Geschichte zum ersten Mal hörte, war er nicht überrascht, dass es einen Aufruhr gab, dass viele der Aktivitäten, die dem Willen des Lugals entsprangen, zum Stillstand kamen. Aber nun erinnert er sich, dass nur sehr wenige Aktivitäten vollständig zum Erliegen kamen, selbst während der Zwischenregierung zwischen den beiden Lugals. Er erinnert sich sogar, dass kein Rat der Ältesten den toten Lugal ersetzte; die Ältesten blieben im Tempel und verschlossen seine Tore. Viele der Aktivitäten der Stadt, wichtige noch dazu, gingen weiter wie bisher, wie das Räderwerk der Nachkommen des Ensis.

Noch seltsamere Gedanken spuken dem Ensi durch den Kopf. Für ihn scheint es, dass die Stadt einen eigenen Willen besitzt. Aber er weiß, dass dem nicht so ist. Der einzige in der Stadt mit einem Willen ist der Lugal. Die Ensis führen nur den Willen des Lugals aus. Und wenn die Zeks überhaupt einen Willen besitzen, dann den Willen auszubrechen. Der Ensi schlussfolgert, dass es zwecklos ist, darüber nachzugrübeln. Denken ist die Aufgabe der Priester*innen und Orakel.

Einer der entfernten Nachfahren des Ensis in einem viel späteren Ur, ein Schriftgelehrter namens Thomas Hobbes, wird wissen, dass der Ensi versucht die Zivilisation mit Vorstellungen zu verstehen, die aus dem Naturzustand stammen. Dieser Hobbes wird wissen, dass Ur sich nicht länger im Naturzustand befindet, es nicht länger eine Gemeinschaft selbstbestimmter Menschen ist.

***

Hobbes wird wissen, dass Ur nicht bloß eine Stadt ist. Ur ist ein Staat, vielleicht sogar der erste Staat. Und ein Staat, wird Hobbes sagen, ist ein »künstliches Tier«. Er ist etwas Brandneues, etwas, von dem weder der Mensch noch die Natur geträumt haben. Er ist »dieser große Leviathan, der Gemeinwohl oder Staat genannt wird, auf Latein Civitas, der schließlich ein künstlicher Mensch ist.«

Wie der denkende Ensi wird Hobbes wissen, dass dieser künstliche Mann kein eigenes Leben besitzt und er wird fragen, »Können wir nicht sagen, dass alle Automaten (Maschinen, die sich selbst durch Federn und Räder bewegen, wie das eine Uhr tut) ein künstliches Leben besitzen?«

Der Ensi kann sich noch keine Uhr vorstellen. Der fortgeschrittenere Hobbes wird nicht länger in der Lage dazu sein, sich die Natur oder Menschen vorzustellen. Er wird fragen, »Was ist das Herz anderes als eine Feder; und die Nerven anderes als so viele Seile, und die Gelenke anderes als so viele Räder …?« In einer Welt der Uhren wird der Leviathan Hobbes nicht so seltsam erscheinen, wie er dem Ensi erscheint.

Hobbes wird den Leviathan als einen künstlichen englischen Gentleman beschreiben: maskulin, blond, mit einer Krone auf seinem Kopf, einem Zepter in der einen Hand und einem Schwert in der anderen, während sein Körper aus Myriaden gesichtsloser Menschen zusammengesetzt ist, den Zeks.

Hobbes wird darauf bestehen, dass der Leviathan den Kopf eines Mannes hat. Er mag mit dem noch späteren Dichter Yeats darin übereinstimmen, dass das Ungeheuer »den Körper eines Löwen und den Kopf eines Mannes« hat. Aber er wird auf den Kopf des Mannes bestehen. Er wird wissen, dass die Zeks kopflos sind, dass sie die Federn und Seile sind, die den Körper betätigen. Er wird denken, dass das Monster einen freien und unversehrten Mann enthält, den Lugal. Hobbes wird in der Lage dazu sein, den Lugal einen König, Monarch, Herrscher oder bei einem anderen Namen zu nennen, weil seine Sprache durch die dazwischenkommende Ausbreitung von Leviathanen bereichert worden sein wird.

Der philosophische Ensi weiß bereits besser als Hobbes, dass das Ungeheuer weder den Körper noch den Kopf eines Mannes hat, weder englisch noch sumerisch. Der Ensi weiß, dass selbst der Lugal, der freieste Mann in Ur nicht morgens jagen, nachmittags fischen und abends tanzen gehen kann, wie ihn sein eigener Geist bewegt. Er kannte einen Lugal, der nur zweimal zum Jagen gegangen war und beim zweiten Mal, als der Lugal im Wald war, durch seinen Lieblings-Ensi als Lugal ersetzt wurde, und der ehemalige Lugal musste in einer benachbarten Stadt um Asyl bitten. Der Ensi weiß, dass ein Lugal, der sich selbst von seinem eigenen Geist bestimmen ließe, schnell von Ensis oder sogar Zeks gestürzt werden würde und dass selbst der Tempel in Aufruhr wäre.

Der Ensi, weniger fortgeschritten als Hobbes, ist jedoch vertrauter mit lebendigen Wesen als mit Federn und Uhren. Er kann sich den Leviathan weder mit einem menschlichen Kopf noch mit dem Körper eines Löwen vorstellen. Er mag Hobbes erste Beschreibung nutzen und sich das Ungeheuer als ein künstliches Ungeheuer vorstellen, aber nicht als ein Tier, das so anmutig und gelenkig ist wie ein Löwe.

Er mag es sich als einen Wurm vorstellen, einen gigantischen Wurm, keinen lebendigen Wurm, sondern einen Kadaver eines Wurmes, einen monströsen Kadaver, dessen Körper aus zahlreichen Segmenten besteht, dessen Haut mit Speeren und Rädern und anderen technologischen Gerätschaften übersät ist. Er weiß aus seiner eigenen Erfahrung, dass der gesamte Kadaver durch die Bewegungen der in ihm gefangenen Menschen zum Leben erweckt wird, den Zeks, die die Federn und Räder bedienen, ebenso wie er weiß, dass der kadaverhafte Kopf bloß von einem Zek bedient wird, dem Kopf Zek.

Unter den Spekulationen, die dieser Hobbes seinem Ur als Opfer darbietet, wird die Behauptung sein, dass die Zeks sich tatsächlich selbst zur Gefangenschaft innerhalb des Kadavers verpflichtet hätten, oder wie er es ausdrücken wird, dass der Kopf eine Vereinbarung mit dem Körper getroffen hätte, wenn nicht im Hobbes’schen Ur, so zumindest im ursprünglichen Ur.

Der philosophischen Ensi, der sich inzwischen im Tempel zur Ruhe gesetzt hat, weiß das bereits besser. Er weiß, dass die Zeks Fremde sind, die mit Gewalt nach Ur gebracht wurden, bevor sie überhaupt die Sprache des Lugals verstanden; die Zeks willigten damals in keinen Vertrag ein und sie haben es auch seitdem nicht getan.

Der Ensi erinnert sich sogar, dass die besiegten Lagaschianer, die sich selbst dazu verpflichteten, die Kanäle Urs zu reparieren, diese Vereinbarung nur unter vorgehaltenen Speeren trafen.

Zudem hat kein Lugal jemals Hobbes‘ Behauptung vorgebracht; er wäre lachend abgesetzt worden. Der Lugal weiß, dass ihn selbst die Ältesten nicht ernennen, da die Ältesten keinerlei Ernennungen mehr machen; sie kümmern sich um die Schreine. Der Lugal behauptet, dass seine Macht von dem brutalen Geist stammt, der im Tempelturm oder dem künstlichen Berg wohnt. Diese ausladende, menschgemachte Phallusform ist der wahre Kopf des Leviathan und er schließt keine Verträge.

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[Chambéry, Frankreich] Jedem seine Art sich an der Justiz zu rächen

Verärgert darüber, dass ihm wegen Trunkenheit am Steuer der Führerschein Ende letzten Jahres entzogen wurde, hat sich ein 68-Jähriger in den letzten Wochen in eine Mini-Vendetta gegen das Justizsystem gestürzt.

Dreimal innerhalb von zehn Tagen sind Fahrzeuge, die auf den Parkplatz des Justizpalastes in Chambéry fuhren, über absichtlich am Eingang auf dem Boden platzierte Nägel gefahren und fanden sich mit platten Reifen wieder. Eine Überwachung wurde daraufhin von den Cops eingerichtet und ein viertes Mal konnte damit verhindert werden: sie verhafteten am 17. Februar einen 68-Jährigen, der erneut an derselben Stelle Nägel deponieren wollte, „Nägel mit breiten Köpfen, die auf Klebeband gebastelt worden waren“, präzisiert man bei der Polizei. Der Mann wurde einen Tag lang in Gewahrsam genommen und muss sich jetzt wegen Sachbeschädigung vor Gericht verantworten.

Quelle: Sans Nom

Ein FAQ zu antizivilisatorischen Kritiken

In letzter Zeit erreichten uns auf diversen Wegen zahlreiche Fragen zu antizivilisatorischer Kritik. Fragen, die uns natürlich schon lange bekannt sind, sind es doch häufig nur als Fragen getarnte Diffamierungsversuche. Und doch hat sich in einem Anflug von Belustigung eine Person die Zeit genommen, einige dieser Fragen aus ihrer Sicht mal mehr und mal weniger respektvoll zu beantworten. Also sperrt eure Lauscher auf, ihr heuchlerischen Fragensteller_innen, so ausführlich wird wohl keine_r von uns je wieder auf eine der folgenden Fragen antworten.

1. Frage: Ist es nicht eigentlich ableistisch, gegen die Zivilisation zu sein?

Nein.

Aber bedeutet die Zerstörung der Zivilisation und die Zerstörung der Technologie nicht, dass überlebensnotwendige Medikamente nicht mehr produziert werden können und Menschen, die auf sie angewiesen sind, folglich sterben müssen?

Möglicherweise mag das im Endeffekt so sein, ja. Allerdings sind die Medikamente, die die heutige wissenschaftliche Medizin hervorgebracht hat, ebenso wie diese Medizin selbst keineswegs alternativlos. Unterschiedliche Gemeinschaften haben schon immer auch ohne eine solche Medizin gewährleistet, dass ihre auf Unterstützung angewiesenen Mitglieder gepflegt, versorgt und geheilt werden. Ich empfinde es als müßig, hier nun für jede erdenkliche Erkrankung zu untersuchen, inwiefern das realistisch scheint, sehe mich dazu auch gar nicht in der Lage. Zudem liegt eine solche Untersuchung nicht in meinem Interesse, da ich selbst und mein Umfeld eben nur von bestimmten Erkrankungen betroffen bin/sind und daher auch nur diese in einem solchen Sinne für mich von Relevanz sind. Ich überlasse weitere Untersuchungen gerne denjenigen, die sich damit befassen wollen. Ich kann und will aber auch gar nicht ausschließen, dass eine Zerstörung der Zivilisation, so wie ich sie vertrete, für einige Menschen bedeuten kann, dass sie nicht mehr an überlebensnotwendige Medikamente kommen und in der Folge dessen versterben. Das bedauere ich.

Allerdings bin ich nicht der Auffassung, dass diese Möglichkeit umgekehrt zu einer Erhaltung der Zivilisation und ihrer Institutionen führen sollte. Sicherlich begrüße ich es, im Prozess der Zerstörung der Zivilisation möglichst viel Rücksicht darauf zu nehmen, was welche Konsequenzen für wen hat und nach Möglichkeit auch alles mögliche zu tun, um diese Konsequenzen möglichst milde zu gestalten, aber die bloße Existenz dieser Konsequenzen ändert für mich nichts an der Tatsache, dass ich die Zivilisation als etwas begreife, das beseitigt werden muss. Man mag mir hier vorwerfen, dass ich mich hierbei nicht übertrieben bemühe, Lösungen zu entwickeln, das Überleben eines jeden einzelnen Menschen zu gewährleisten, damit kann ich aber ganz gut leben. Ist das Ableismus? Ich finde nicht, aber in einer postmodernen Debatte, in der Begriffe wie dieser ohnehin auf eine völlig sinnentleerte Art und Weise gebraucht werden, mag die*der ein oder andere das dennoch behaupten. Aber wenn man diesen Vorwurf nun gegen mich und andere Kritiker*innen der Zivilisation erhebt, die möglicherweise ähnlich argumentieren, so finde ich, dass man diesen Vorwurf dann aber eben auch gegen diejenigen, die die Zivilisation verteidigen, erheben muss. Wobei man hier nicht nur den Vorwurf des Ableismus, sondern auch gleich noch den des Klassismus, des Rassismus und Sexismus erheben müsste. Denn die Medizin als lebenserhaltend zu betrachten ist eine Seite der Medaille, die andere Seite beinhaltet die Degradierung von Menschen zu Versuchsobjekten, an denen die Heilmethoden, die später den Reichen (im globalen Kontext ebenso wie im nationalen) zugute kommen, entwickelt werden. Das trifft nicht nur erkrankte Menschen, sondern dank strukturell kolonialer medizinischer Feldversuche, der Anwerbung von armen Menschen für medizinische Studien, die die Unversehrtheit ihres Körpers gegen ein geringes Entgelt verkaufen müssen (nicht selten auch untentgeltlich anbieten müssen, z.B. in Gefängnissen, Psychiatrien, usw.), sowie verschiedener sexistischer Projektionen auf soziale Mechanismen sowie die Körper der Versuchsopfer eben auch rassifizierte, vergeschlechtlichte und verarmte Menschen. Wer die Medizin also als überlebensnotwendig für die einen verteidigt, nimmt diese körperliche Ausbeutung (nicht selten bis hin zum Tod) anderer Menschen (und Tieren sowieso) dabei immer billigend in Kauf.

Antizivilisatorischen Kritiken in diesem Kontext Ableismus vorzuwerfen, kann ich daher bestenfalls als zynisch verstehen, in der Regel gehe ich aber davon aus, dass dies nur ein vorgeschobenes Argument ist, das alleine der Delegitimierung dieser Positionen dienen soll.

Abgesehen von diesem Aspekt ist natürlich die Zivilisation selbst dafür verantwortlich, dass wir heute so viele „disablete“ Menschen kennen. Gerade mentale Dis_abilities sind jenseits der Zivilisation in der Regel kaum als solche zu verstehen und selbst wenn doch bietet eine nicht-zivilisierte Welt kaum Barrieren für diese Menschen. Mit körperlichen Behinderungen verhält sich das ähnlich: Querschnittsgelähmte Verkehrsopfer, Kriegsversehrte, „Contergan-Kinder“, radioaktivitätsinduzierte Mutationen, Arbeitsunfälle, Asthma und Allergien, Impfschäden, medizinische Verstümmelungen, pardon, „Kunstfehler“ usw., für zahllose körperliche Behinderungen zeichnet die Zivilisation verantwortlich. All das nützt den bereits Versehrten freilich auch nichts mehr. In diesem Sinne ist die Verteidigung der Zivilisation natürlich im wahrsten Sinne des Wortes anti-ableistisch, weil sie eben die Produktion von Disabilities implizit befürwortet. Dem allerdings einen positiven Wert abzugewinnen fällt allen, die sich nicht bereits auf den verschlungensten postmodernen Irrwegen verirrt haben, freilich schwer.

Aber es ist doch zumindest sozialdarwinistisch, wenn ohne Zivilisation nur der Stärkere überlebt …

Wie kommst du denn darauf, dass dem so wäre? Auch ohne Zivilisation könnten Menschen in Gemeinschaften leben, in denen sie aufeinander acht geben, einander unterstützen und gegenseitig voneinander profitieren. Wenn du davon ausgehst, dass ohne Zivilisation, das heißt vor allem ohne eine herrschende Ordnung welcher Ausprägung auch immer, die Menschen einander bekriegen würden, bis nur die Stärksten überleben, dann sagt das etwas über dein Menschenbild aus, aber nichts darüber, wie das tatsächlich verlaufen würde.

Das zum einen, aber wo du mich schon fragst, wie würdest du es nennen, wenn in einer Welt die Mehrheit der Menschen (die Schwächeren) gezwungen ist, ihre Arbeitskraft, ihre Körper zu „verkaufen“, um überleben zu können, während eine Klasse an Stärkeren davon profitiert? Wie würdest du es nennen, wenn an einem Ende der Welt Menschen an Anstrengung, Hunger oder Umweltgiften elendig verrecken, während diejenigen, die von ihrem Tod profitieren, am anderen Ende der Welt förmlich in ihrem Luxus zu ersticken drohen? Ich würde das ja „Survival of the Fittest“ in eben jenem Sinne nennen, in dem man von Sozialdarwinismus sprechen mag.

***

Übrigens ist gerade erst die Übersetzung einer Broschüre gegen die Zivilisation erschienen, namens Eine ikonoklastische Ungeheuerlichkeit, in der einige Menschen mit Behinderung und ohne Scheu, diese Identität auch auszuspielen, selbst das Wort ergreifen.

2. Ist es nicht transfeindlich gegen die Zivilisation zu sein?

Nein.

Aber wie sollen trans Personen dann an ihre Hormone kommen?

Nun, die Vorstellung, dass alle trans Personen Hormone nehmen würden, ist schlichtweg falsch, aber ich will das mal nicht als „Transfeindlichkeit“ auslegen.

Ansonsten weiß ich nicht, wie diejenigen trans Personen, die Hormone nehmen, an diese kommen sollen, es interessiert mich auch nicht die Bohne. Personen, die das möchten, können sich ja mit der nicht-zivilisatorischen Herstellung von Hormonen beschäftigen und eine Lösung dafür finden (für die zivilisatorische Herstellung von Hormonen gilt übrigens das, was ich bereits bei Frage 1 geantwortet habe). Vielleicht gibt es ja in den Fabriken der Pharmariesen auch genug Hormonvorräte, um jeglichen Bedarf auf hunderte Jahre zu decken. Hormonbehandlungen sind Teil einer technologischen Herangehensweise an die in den Körpern von trans Personen offenbar werdenden Problematiken einer Vergeschlechtlichung. Zumindest ich vertrete eine Beseitigung des Apparats der Vergeschlechtlichung zusammen mit der Zivilisation. Dass es ohne eine Vergeschlechtlichung, ja ohne überhaupt irgendwelche Subjektkonstruktionen überhaupt noch ein sinnvolles Verständnis des trans-Seins gibt, wage ich zu bezweifeln, aber das bleibt freilich denjenigen zu entscheiden, die sich dann als trans- oder nicht-trans Personen verstehen möchten. In diesem Sinne denke ich, muss ich meine eingangs getätigte Aussage vielleicht wieder revidieren. Transfeindlich würde ich mein Denken zwar nicht nennen, aber ich kann es auch nicht gerade als transfreundlich oder überhaupt transbegünstigend bezeichnen, weil es anstrebt, die in trans Identitäten eingefangenen Subversivitäten des binären Geschlechtersystems auf jegliche Form von Geschlecht auszuweiten. Manch eine*r mag das transfeindlich nennen. Das ist aber ebenso produktiv, wie trans Leute homofeindlich zu nennen, weil sie ja die Geschlechterbinarität unterlaufen und damit das Konzept von Homosexualität untergraben würden.

3. Frage: Willst du zurück ins Mittelalter?

Nein.

Müsste ich mich auf eine Epoche der leviathanischen Geschichtsschreibung festlegen, dann wäre das mit Sicherheit nicht das Mittelalter, sondern die Steinzeit.

Aber schau, ich möchte mich auf überhaupt keine Epoche festlegen, du bist offensichtlich die_derjenige, der_dem es nicht möglich zu sein scheint, dir eine Welt außerhalb des von einer mehr oder weniger abstrusen Geschichtsschreibung bestimmten Zeitstrahls vorzustellen. Das bedeutet letztlich, dass du diese Welt so wie sie ist, bereits so sehr verinnerlicht hast, dass ein anderer Verlauf dir gar nicht mehr vorstellbar zu sein scheint, so wie das schon bei den Herren Marx und dem Gesocks, das sich auf ihn berief, aber auch bei den anderen Befürworter*innen dieser techno-industriellen Zivilisation war. Aus deiner Perspektive lässt sich die Frage nach einer Welt ohne Zivilisation also gar nicht stellen. Das ist bedauerlich, aber du wirst sicher verstehen, dass es nicht in meinem Interesse liegt, dir etwas zu erklären, was du nicht verstehen willst. Als Annäherung bleibe ich daher bei der Epoche der Steinzeit. Wäre also nett, wenn du so freundlich wärst, das Mittelalter in Zukunft rauszuhalten.

Aber warum die Steinzeit? Nun du weißt ja, wie das ist, heute fischen, morgen jagen und niemals arbeiten. Außerdem mag ich Nacktheit, Fellbekleidung und Speere.

4. Frage: Willst du, dass Millionen oder Milliarden von Menschen verhungern und von Seuchen dahingerafft werden?

Nein.

Aber ohne die hygienischen Umgebungen der Zivilisation werden doch überall Seuchen wüten.

Nein.

Die Mobilität und die einander angeglichenen Lebensbedigungen der Zivilisation machen die schnelle und globale Ausbreitung von Krankheitserregern überhaupt erst möglich. Hygienische Umgebungen der Zivilisation sind insofern auch nur in einem zivilisatorischen Kontext ein geeigneter und notwendiger Schutz vor Infektionskrankheiten.

Und ohne die landwirtschaftliche Nahrungsproduktion werden möglicherweise alle Menschen verhungern.

Das ist tatsächlich eine sehr komplizierte Frage, die ich jedoch gerne von einer anderen Seite her beleuchten würde, nämlich von der Gegenthese ausgehend: Durch die landwirtschaftliche Nahrungsproduktion werden möglicherweise alle Menschen verhungern. Das ist selbst unter prozivilisatorischen Wissenschaftler*innen, Agrarverbänden, Staaten und neuerdings sogar saatgutpatentierenden Unternehmen Konsens. Gründe dafür gibt es viele, vor allem spielen aber eine schwindende Biodiversität und bedrohte Nahrungsketten, sowie schwindendes Ackerland durch den industriellen Ackerbau eine herausragende Rolle. Auch wenn die Industrialisierung der Landwirtschaft diese Probleme erheblich vergrößert hat, gilt auch für die vorindustrielle Landwirtschaft, dass durch sie viel mehr Energie in die Produktion von Nahrungsmitteln investiert werden muss, als etwa beim Sammeln und Jagen wild wachsender und lebender oder durch nicht-landwirtschaftliche Aussaat angepflanzte Nüsse, Wurzeln und Früchte, sowie in Herden gehütetes Vieh. Auch wenn ich denke, dass man jede landwirtschaftliche Bestrebung zumindest als potenziell zivilisatorisch und herrschaftsbegründend betrachten muss, so denke ich nicht, dass in einer postzivilisierten Welt landwirtschaftsähnliche Aussaat keine Rolle mehr spielen würde, denn klar ist, dass die Biosphäre, die von einem durch die Zivilisation ausgebeuteten Planeten derzeit erhalten bleiben würde, kaum in der Lage ist, alle Menschen oder auch nur einen großen Teil zu ernähren. Ich will ja ohnehin niemandem sagen, wie sie*er sich zu ernähren hat, sondern habe höchstens Vorstellungen davon, inwiefern ich landwirtschaftliche Unterfangen sabotieren will, weil sie die Biosphäre auf eine Art und Weise zerstören, die auch mein Leben beeinträchtigt oder weil sie an die Beanspruchung des Landes (Eigentum) geknüpft ist, ebenso wie ich Vorstellungen habe, wie ich mich gerne ernähren würde und das beinhaltet keine Landwirtschaft.

Ich denke jede_r für sich und seine Community muss und wird einen Weg finden, sich zu ernähren, auch wenn ich der Natur der Sache wegen natürlich weder irgendwem garantieren kann, noch will, dass er*sie nicht von einer Hungersnot betroffen sein wird. Aber wieder einmal gilt auch hier: Wer hier meine Kritik mit einem solch hohen Maßstab misst, die*der sollte freilich auch die Zivilisation an dem selben Maßstabe messen: Irgendwelche Zyniker haben ausgerechnet, wie viele Kinder pro Minute verhungern, irgendwelche Zyniker haben gezählt, wie viele Menschen an chronischer Unterernährung leiden. Das ist die momentane Realität und die Aussichten für die Zukunft, das sagen eben selbst die Zivilisator*innen, werden düsterer, sowie die Grundlagen für die Landwirtschaft aber auch eine natürliche Regeneration der Biosphäre immer mehr schwinden. Und wer mir nun kommt, dass der weltweite Hunger nur an einer Verteilungsungerechtigkeit liege, mag schon recht haben, aber diese Verteilungsungerechtigkeit lässt sich innerhalb einer Zivilisation eben niemals beseitigen, weil jede Zivilisation eine soziale Schichtung und damit auch ein Verteilungsungleichgewicht hervorbringt.

Letzte Frage: Indem du ständig auf die Zivilisation verweist, anstatt dich für Probleme des antizivilisatorischen Denkens zu rechtfertigen, machst du es dir da nicht ein wenig einfach?

Keinesfalls. (Mein) antizivilisatorisches Denken entwickelt sich eben aus genau der Erkenntnis, dass die Zivilisation verantwortlich für Herrschaft und alle möglichen aus ihr resultierende Beziehungen ist. Daher will mein Antizivilisationismus diese eben als eine Ursache beseitigen. All die Fragen, die mir hier gestellt wurden, resultieren jedoch aus einer Moralerei, die eine Beseitigung der Zivilisation durch Abgleich mit einer herrschenden Moral kritisiert, nicht jedoch die Zivilisation selbst mit der selben Moralerei bemisst. Während kritisiert wird, dass Menschen ohne Zivilisation aus diesem oder jenem Grund sterben könnten oder würden, werden die Toten der Zivilisation als gegeben, sozusagen als unvermeidbar ignoriert. Nur so kann diese Moralerei funktionieren und so soll sie freilich auch funktionieren, denn sie dient dazu, die Zivilisation zu rechtfertigen. Wenn ich es mir einfach machen würde, dann würde ich also vielmehr soetwas entgegnen wie „bleib mir mit deiner bürgerlichen/humanistischen/sozialistischen Moral gestohlen“. Stattdessen mache ich mir hier sogar die Mühe, die mir entgegengehaltene Moral in Widersprüche zu verstricken. Und das obwohl ich nichts für diese Moral übrig habe. Du siehst, ich bin hier mehr auf deine Argumente eingegangen, als du auf meine.

Stürme der Revolte

[E]s ist nicht die subversive Propaganda, nicht die Bildung einer revolutionären Organisation, die die Revoltierenden auf die Straße treibt. Es ist das Elend, materiell und emotional, dieses Lebens, das wir täglich mit uns schleppen. Wenn dies bereits in der Vergangenheit wahr war, dann stimmt es heute noch viel mehr, da hinter den Hügeln keine Sonne der Zukunft mehr zu erahnen ist, sondern vielmehr die Nacht des urweltlichen Chaos. Angesichts dieser Dunkelheit verschließen sich die Militanten weiterhin im eigenen Kloster, aus Angst, mit dem gewöhnlichen Gesindel verwechselt zu werden, während sich die Intellektuellen weiterhin die Frage stellen über die Krise der Repräsentanz. Doch es gibt nichts zu verurteilen oder zu verherrlichen in den modernen Revolten, diese Revolten, die unsere gewöhnlichen Orientierungskompasse außer Funktion setzen. Es gibt alles zu konfrontieren. […] Am Horizont zeichnet sich ein schwarzer Himmel ab, der nur heftige Stürme verspricht.Senken wir die Segel und werfen wir die Anker aus, entschlossen, stehen zu bleiben, weil die Gefahr, einen Schiffbruch zu erleiden, zu groß ist, oder stärken wir unser Boot so gut wie möglich und lösen wir die Taue?

Aus „Das Unvorhergesehene. Vom Zentrum zur Peripherie“. Hourriya Nr. 3.

Spanien Nach der Verhaftung des stalinistischen Rappers Pablo Hasél wegen Beleidigung des Königshauses und Verherrlichung von Gewalt am 15. Februar kommt es bereits seit zwei Wochen in verschiedenen Städten in Spanien, insbesondere in Pablos Heimatstadt Barcelona zu Demonstrationen und Ausschreitungen. So wurde etwa in Barcelona unter anderem eine Copkarre abgefackelt. Dabei sympathisieren die Menschen nicht unbedingt mit den Ansichten des Rappers, sein Fall ist wohl nur – wie so oft – der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. So ist eine zentrale Forderung vieler Teilnehmer der Demonstrationen das Recht auf freie Meinungsäußerung. In den Medien wird dennoch über das Ausmaß der Wut und die Motivationen der Randalierer gerätselt. Dass die Wut über die Verhaftung von Pablo Hasél hinausgeht, ist wohl offensichtlich. Wie unerklärlich aber ist eine Wut, während wir in einem Freiluftgefängnis leben, einem Staat und dem Kapitalismus unterworfen sind und jegliche Lebensgrundlage immer weiter zerstört wird?

Chile Infolge der Ermordung einer Person durch die Cops am hellichten Tag im Stadtzentrum der Kleinstadt Panguipulli – ein Straßenjongleur hatte sich geweigert sich einer Identitätskontrolle unterziehen lassen und wurde daraufhin „in Notwehr“ erschossen – am 5. Februar – eine weitere Ermorderung durch die Cops von vielen in Chile – kommt es zu Ausschreitungen in Panguipulli, die insbesondere das Rathaus und mehrere institutionelle Gebäude in Ruinen zurücklassen. Daraufhin brechen auch in der Hauptstadt Santiago Riots aus, wo die Kommissariate in Maipú und Puente Alto angegriffen worden und in den folgenden Tagen drei Busse des RED-Netzes (ex-Transantiago) in rauchende Skelette verwandelt werden, nachdem man den Chauffeur und die Passagiere aussteigen lassen hat.

Niederlande Am Samstag, den 23. Januar tritt erstmals eine nächtliche Ausgangssperre von 21 Uhr bis 4 Uhr 30 in Kraft. „Doch gewaltbereite Jugendliche halten sich nicht daran und ziehen randalierend durch die Straßen“, berichten die Medien. Samstagnacht kommt es zu den ersten Krawallen, Sonntagnacht kommt es dann in etwa zehn Städten – darunter Amsterdam, Den Haag und Rotterdam – zu schweren Unruhen, ebenso Montagabend. Die Cops sprechen von den schwersten Unruhen seit 40 Jahren. Kurz vor Beginn der Ausgangssperre versammeln sich die Leute im Stadtzentrum und ziehen dann in großen Gruppen plündernd und randalierend durch die Straßen. Feuer werden gelegt, Autos zerstört, Bushaltestellen demoliert und Geschäfte geplündert. Cops werden mit Steinen und Feuerwerkskörpern angegriffen. In der Stadt Urk wird ein lokales Coronavirus-Testzentrum angezündet.

Tunesien Mitte Januar kommt es über gut zwei Wochen im ganzen Land zu gewaltsamen Ausschreitungen. Die Ausschreitungen beginnen mit dem zehnten Jahrestag der Flucht des tunesischen Herrschers Zine El Abidine Ben Ali am 14. Januar. Trotz Ausgangssperre gehen insbesondere junge Menschen auf die Straßen, errichten Barrikaden, bewerfen die Cops mit Steinen und Molotowcocktails, plündern Geschäfte. Viele der Proteste kommen aus den Arbeitervierteln. Um die 1000 Menschen werden im Laufe dieser Proteste verhaftet. Ein Demonstrant stirbt, nachdem er von einer Tränengasgranate getroffen wurde. In einigen Städten wird das Militär auf die Straßen geschickt, um die Unruhen zu ersticken. In Tunesien haben die Menschen mit einer durch die Corona-Krise noch verschärften Wirtschaftskrise, mit Korruption und einer hohen Armut zu kämpfen und das Misstrauen gegen die herrschende Elite und die etablierten Parteien ist weit verbreitet.

Brüssel, Belgien Am 9. Januar stirbt ein 23-jähriger schwarzer Mann in Polizeigewahrsam infolge einer Corona-Kontrolle. Bei Protesten vor der entsprechenden Polizeistation am 13. Januar eskalieren diese. Die Polizeistation wird angezündet, Copkarren werden beschädigt, Cops mit Steinen beworfen, Mülleimer angezündet und Straßenbarrikaden errichtet. Mehr als hundert Menschen werden vorläufig verhaftet.

Mein frakturierter Geist und Körper: Eine Kritik der Zivilisation und der modernen Medizin

Mit meinen Behinderungen zu leben ist mindestens schwierig, um es milde auszudrücken. Nicht weil ich in unserer vergifteten, standardisierten Welt nicht funktionieren kann, sondern weil von mir erwartet wird, es zu tun. Meine “Probleme” werden von den Unwissenden nicht bemerkt. Sie sind so gut wie immer da. In meinem frakturierten Geist und Körper. Ich habe Osteogenesis Imperfecta (OI) und DID, das bedeutet ich habe die Glasknochenkrankheit und eine dissoziative Identitätsstörung.

Nein, sprich nicht M. Night Shyamalans Split oder Glass an.

Osteogenesis Imperfecta hat meine Zähne geschwächt, meine Gelenke ruiniert und meine Muskeln verwüstet. Ich habe das Glück, bisher noch keinen Knochen gebrochen zu haben und ich befinde mich in meinen 20ern. Einige werden von dieser Behinderung in ihrer Kindheit getötet, andere leben ihr ganzes Leben ohne zu wissen, dass sie sie haben.

Dissoziative Identitätsstörung macht sich bei denen, die es mit ihr zu tun haben, früh bemerkbar. Sie besteht aus der Anwesenheit zweier oder mehr ausgeprägten Persönlichkeitszuständen, zusammen mit einem Erinnerungsverlust zwischen den beiden Zuständen. Wenn beispielsweise ich [Artxmis] die Kontrolle über den Körper habe [fronting], dann weiß eine andere Identität nicht, was ich in dieser Zeit getan, gefühlt oder gedacht habe. Das gilt für beide Seiten. Es gibt Zeiten, in denen mir Sekunden an Erinnerung fehlen oder Monate. Ich kann mich an den Großteil meiner Unterstufe in der Highschool nicht erinnern.

All das zusammen führt zu einem beinahe unsichtbaren Leiden. Ich muss damit kämpfen Stufen zu erklimmen und stabile Beziehungen zu führen.

Aber trotzdem lehne ich Zivilisation, Technologie und Domestizierung ab.

Ich erhöhe trotzdem Wildnis, begehre nach einer Verwilderung und hasse die moderne Medizin.

Ich tue das nicht, weil ich selbsthassend wäre oder ableistisch, sondern aus dem Gegenteil. Ich hoffe, dass diejenigen, die mit mentalen und körperlichen Krankheiten kämpfen, in der Wildnis Zuspruch finden können und auf der Asche der Zivilisation tanzen. Am Rande bemerkt: Ich bin nicht der Meinung, dass eine Wanderung eine Depression heilt.

Zivilisation ist eine standardisierende Kraft. Sie nimmt Individuen und versucht diese zu organisieren, kategorisieren und zu beherrschen. Sie präsentiert auch eine enge Matrix »idealer« Mitglieder. Denjenigen, die nicht in diese Kategorie passen, bleiben zwei Optionen: sich anpassen oder verstoßen werden. Darin liegt oft die Rolle der modernen Medizin. Sie behandelt viele der Außenseiter*innen der Zivilisation. Sie kann am besten als ein Filtersystem betrachtet werden.

(Mit moderner Medizin beziehe ich mich in den meisten Fällen auf die westliche/koloniale Medizin. Allerdings kann man allgemein argumentieren, dass die mit dem Aufstieg jeder Zivilisation entstandene Medizin auf die gleiche Art und Weise kritisiert werden kann.)

Sowie die Zivilisation wächst, benötigt sie eine größere Arbeitskraft. Das ist der größte Effekt vieler Rechtebewegungen. Frauenrechte verschafften neben anderen legalen und sozialen Möglichkeiten für Frauen ihnen vor allem einen breiteren Zugang zur Arbeitskraft der Zivilisation. Medizin in ihrer modernen Form funktioniert auf eine ähnliche Art und Weise. Wenn man nicht in die Zivilisation [den Techno-Kapitalismus, die industrielle Gesellschaft, sozialistische Experimente, etc.] hineinpasst, muss man sich anpassen.

Wenn wir diese vorangehende Feststellung übernehmen, können wir anfangen zu verstehen, dass es der modernen Wissenschaft nicht darum geht, Menschen zu helfen oder sie zu ermächtigen, sondern um die Anpassung von allem und jedem, um der Mainstream-Gesellschaft nützlich zu werden. Viele werden auf genetische Krankheiten oder Erkrankungen wie Krebs verweisen. Das Evolution Institute behauptet neben anderen, dass es einen Widerspruch zwischen unseren evolutionären Merkmalen und unserer derzeitigen Umwelt gibt. Fehlendes Ausgesetztsein von Bakterien und Krankheiten als Kinder hat verheerende Auswirkungen auf unser Immunsystem. Landwirtschaft bringt unsere Zähne und unser Verdauungssystem komplett durcheinander. Die Domestizierung von Pflanzen und Tieren hat neue Krankheiten erschaffen, die unserer Spezies zuvor unbekannt waren.

Selbst die Gebärkultur hat einen Einfluss auf Brustkrebs! Das Evolution Institute behauptet, »moderne Fortpflanzungsmuster tragen auch zum Brustkrebsrisiko bei. In Jäger*innen/Sammler*innen-Bevölkerungen beginnen Frauen in der Regel mit etwa 18 Jahren Kinder zu haben, haben durchschnittlich 5 Kinder und stillen diese mit ungefähr drei Jahren ab. Das unterscheidet sich erheblich von modernen Bevölkerungen, in denen Frauen typischerweise mit etwa 26 Jahren Kinder bekommen, durchschnittlich 1,86 Kinder bekommen und sie typischerweise vor dem 6. Monat abstillen. Unsere Vorfahren hatten vermutlich Fortpflanzungsmuster, die denen heutiger Jäger*innen/Sammler*innen gleichen, und hatten daher weit weniger Menstruationszyklen als wir modernen Menschen. Moderne Fortpflanzungsmuster wie diese sind mit einem höheren Risiko hormoninduzierten Brustkrebses verbunden.«

Zusätzlich dazu, wie man die Effekte der Zivilisation während der eigenen Lebenszeit wahrnimmt, mögen diese sogar Einfluss auf die Anfälligkeit für Krankheiten vor der Geburt haben. Epigenetik wird folgendermaßen definiert: »Epigenetik ist die Wissenschaft vererblicher Veränderungen der Genexpression (aktive vs. passive Gene), die keine Veränderung der zugrundeliegenden DNA-Sequenz beinhalten – eine Veränderung des Phänotyps ohne eine Veränderung des Genotyps –, die umgekehrt beeinflussen, wie die Zellen die Gene lesen«, aus What Is Epigenetics.

Beispielsweise sind diejenigen, die in dichten urbanen Regionen leben, besonders um bestimmte Schadstoffquellen wie Luft- und Wasserverschmutzungen herum, einem höheren Risiko für kardiovaskulären Krankheiten [Herzkrankheiten; Anm. d. Übers.] und Krebs ausgesetzt. Das gilt einer Studie von 2017 namens »Epigenetics and Health Disparities« zufolge besonders für afroamerikanische Gemeinschaften.

Eine Studie von 2009 mit dem Titel »Epigenetic mechanisms in schizophrenia« behauptet, dass urbane Umgebungen eine Rolle bei psychischen Störungen spielen. Die Studie kam zu folgendem Schluss: »Statistiken legen nahe, dass sich Psychosen in urbanen Umgebungen und in niedrigeren sozioökonomischen Gruppen anhäufen. Beispielsweise haben afro-karibische Immigrant*innen im Vereinigten Königreich und besonders ihre Nachkommen ein ungefähr 10-fach größeres Risiko an Schizophrenie zu erkranken und ethnische Minderheiten in Großbritannien haben immerhin ein 3-fach größeres Risiko für Schizophrenie. Diese Beobachtungen haben manche dazu veranlasst vorzuschlagen, dass Schizophrenie eine Krankheit epidemiologischer Übertragung sein könnte, oder in anderen Worten eine Krankheit, deren Wahrscheinlichkeit mit der Entwicklung einer Gesellschaft ansteigt.«

Die moderne Medizin ist auch eine zentralisierte Praxis. Sie versucht sich selbst auf ein Gefilde der Gesellschaft zu beschränken – die »tatsächliche medizinische Verwendung«. Damit meine ich die medizinische Verwendung, wie sie innerhalb des modernen Selbstbewusstseins verstanden wird. Impfungen, komplizierte Operationen oder andere medizinische Verfahren. Sie findet außerdem innerhalb einer vielgestaltigen hierarchisierten Kultur statt – Ärzte unterschiedlicher Spezialisierungen, Krankenpfleger*innen, Krankenpfleger-Assistent*innen, usw.

Vergleiche das mit der Medizin in prä-zivilisierten Kulturen. Diese Form war eine Schnittmenge aus den Gefilden sozialer Zusammenhänge, wie religiösen Praktiken und Friedensstiftung, der Ethnobotanik und anderem bioregionalem Wissen, ebenso wie der »tatsächlicher medizinischer Verwendung«. Medizinische Praktiken variierten natürlich zwischen den Kulturen. Sie mag in den Händen von Medizinmännern, Hexenärztinnen, Schaman*innen und anderen spirituellen Anführer*innen gelegen haben oder von der größeren Gemeinschaft praktiziert worden sein. Einige Kulturen mögen einen stärkeren Akzent auf Zeremonien und Magie gelegt haben, weil sie Krankheit als Geist-verbunden betrachtet haben. Andere mögen weniger religiöse Pflanzen- und Kräuterpraktiken genutzt haben.

Psychiatrie ist ungeachtet vieler scheinbarer Vorteile darauf fixiert, Menschen zu »reparieren«, damit sie fähig sind zu arbeiten. Psychiater*innen sind wie Mechaniker*innen oder Techniker*innen, die Maschinen reparieren, damit die Fabrik weiter funktionieren kann. Manche argumentieren sogar, dass sie [die Psychiatrie] keine Form der Medizin im eigentlichen Sinne sei, sondern eine soziale Institution, die sich unter dem Deckmantel der modernen Medizin versteckt und ihre Glorifizierung für ihre eigenen Zwecke nutzt.

Persönlich war ich, und bin es noch immer, eine lebhafte Person. Mir wurde in der ersten Klasse ADHS diagnostiziert und Medikamente verabreicht. Auch wenn ich zu jung war, um mich heute noch an die Details zu erinnern, war ich von dieser Diagnose wirklich verletzt und sie hat noch immer anhaltende Auswirkungen auf mich. Viele haben ähnliche Geschichten und Erfahrungen.

Um eine*n bestimmte*n anti-technologischen Denker*in zu zitieren: »Das Konzept von Geisteskrankheit‹ ist in unserer Gesellschaft größtenteils durch den Grad definiert, in dem sich ein Individuum im Einklang mit den Anforderungen des Systems verhält und das ohne Anzeichen von Stress zu zeigen tut.«

Wie andere argumentiert haben und ich selbst weiter oben ist die zivilisierte Medizin und vielleicht jegliche Wissenschaft nichts als ein Trend in Richtung der Anpassung der Individuen an die Bedürfnisse der Zivilisation selbst. Wo endet das? Erfindungen wie CRISPR verstehen sich selbst als die Lösung erblicher Anlagen von Krankheit, aber wir können ihnen nicht aufrichtig zugestehen, dass sie nur zu diesem Zweck verwendet werden und nicht für rassistische oder faschistische Zwecke. Es fällt einer nicht schwer, sich vorzustellen, was Führer wie Hitler mit einer solchen Entwicklung anstellen würden.

Tatsächlich dränge ich Unterstützer*innen der Psychiatrie und Psychologie dazu, ihren Einsatz im nationalsozialistischen Deutschland in den 30er und 40er Jahren zu erkunden. Das Programm wurde »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« genannt. Es zielte auf diejenigen mit oder die Kinder derer mit diagnostizierter geistiger Zurückgebliebenheit, Schizophrenie oder sogar Alkoholismus ab. Die Aktion T4 war der systematische eugenische Massenmord derer in psychiatrischen Krankenhäusern. Zwischen 270.000 und 300.000 starben. Genutzt wurden Methoden wie Gaskammern, die die Grundlage für den Holocaust bildeten.

Ähnliche Praktiken existierten auch außerhalb Deutschlands, zum Beispiel in den Vereinigten Staaten im frühen 19. Jahrhundert. Henry G. Goddard, amerikanischer Psychologe und Eugeniker, war einer der vielen, die darüber diskutierten, wie man mit den »untauglichen« oder »schwachsinnigen« umgehen solle. Für ihn war eine Segregation die vorrangige politische Maßnahme, um eine Mischung »schlechter« Gene zu vermeiden. Andere auf diesem Gebiet argumentierten für Immigrationsstopps, sogar Vernichtungen. Oft hatten verarmte Frauen das höchste Risiko, für »untauglich« befunden zu werden.

Ich werde nicht lügen und vorgeben, dass einige prä-zivilisierte Kulturen nicht auch kranke oder behinderte Menschen missbrauchten, verstießen oder anderweitig missachteten. Mein Punkt ist, ans Licht zu bringen, dass die moderne Medizin einer der vielen Versuche ist, die zahlreichen Widersprüche der modernen Gesellschaft zu lösen, oftmals diejenigen, die widersprüchlich zwischen unserer Evolution und unserer derzeitigen Umgebung sind. Ich vertrete zudem keine idealistische Rückkehr zum paläolithischen Leben. Es ist absolut vorstellbar, dass eine zukünftige Medizin eine Synthese vergangener und gegenwärtiger Methoden bildet.

Ich kann ebensowenig irgendwelche gesicherten Vorteile der Medizin und Wissenschaft in unserem Zeitalter leugnen, aber Anarchist*innen würden genausowenig die amerikanische Polizei auf Basis dessen akzeptieren, dass sie auch Gutes tun, wenn sie Vergewaltiger*innen fangen. Sie greifen die Polizei an, weil sie zunächst das System als Ganzes erzwingen und darauffolgendes oder bloß damit einhergehendes »Gutes« ein zweitrangiges Anliegen ist. Die moderne Medizin ist eine ähnliche Institution.

 


Artxmis Graham Thoreau in Eine ikonoklastische Ungeheuerlichkeit: Behinderung gegen die Zivilisation, erschienen als Übersetzung aus dem Englischen beim Maschinenstürmer Distro.

Wilde Medizin

Vor dreißig Jahren ist eine Autoimmunerkrankung in meinem Blut aufgetaucht. Ich habe die giftigen künstlichen Medikamente recherchiert und die Verschreibungen abgesetzt. Rheumatolog*innen, die Spezialist*innen, die die höchste Todesrate durch ihre Rezeptblöcke verursachen, behandelten mich wie eine*n Aussätzige*n, weil ich ihre Expertise verweigerte. Dann behandelten sie mich wie eine bizarre Kuriosität, als ich ihnen erzählte, wie ethnobotanische Heilmittel linderten, was mich plagte. Sie fühlten sich entmachtet, als sie mich baten, die Namen der Pflanzen zu buchstabieren, um sie in meinen Akten zu dokumentieren.

Selbst wenn das moderne Gesundheitswesen sicher und effektiv wäre, kollaboriert die Medizin noch immer mit der Zivilisation darin, genug »Zuckerbrot« auszuteilen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, während sie die Schichten der »Armen« und »Reichen« getrennt hält. Die Ungleichheit des institutionalisierten Gesundheitswesens dient der Zivilisation als Warnung davor aus der Reihe zu tanzen, sonst wirst auch du in Hunger und Elend schmachten. Aber wie Schulen und Jobs ist auch die Medizin ein Trick, den Ökozid der Zivilisation voranzutreiben, der seine Wurzeln im Glauben an den Fortschritt hat. Es ist schlicht zu erschreckend, diesen Glauben als falsch zu betrachten, wir sind bereits so tief in der Falle des Fortschritts eingesunken, dass es sich anfühlt, als gäbe es keine andere Option; und so ist der Fortschritt zur einzigen Welt geworden, die die Menschen kennen.

Was ist der Preis des Fortschritts? Die Medizin nimmt am hochmütigen Massaker an der »besitzlosen« Erde und an den Tieren in der Moderne teil – indem sie Labortiere foltert und tötet, Wasserläufe mit giftigen Medikamenten verschmutzt, die Mutationen bei Fischen und Amphibien hervorbringen und das Land mit Bergen von synthetischen Abfallprodukten zumüllt. Sie verfüttert gesundheitsschädliche getötete Tierkörper an stationäre Herzpatient*innen, die später weitere Medikamente und Operationen benötigen – wie eine gut geölte Maschine.

Es ist nicht so, dass ich die moderne Medizin automatisch ablehne, aber ich bin aus dem Bauch heraus wählerisch. Gebrochene Knochen – ok, ich nehme einen Gips. Ich fühle mich berechtigt, die Techno-topie der Moderne auszunutzen, wo und wie ich will. Sie hat den Menschen das wilde Wissen, das wilde Zuhause, in dem wilde Nahrung und Medizin lebt, gestohlen. Sie verursacht eine Katastrophe voller menschlicher und nichtmenschlicher Erkrankungen und Tode und verdient ebensoviel Vertrauen und Respekt wie ein*e pathologische*r Serienmörder*in. Von der technologischen Umweltverschmutzung über Autounfälle, Wohnungsbrände, Suizide aufgrund von Depressionen bis hin zu Klimawandel-Katastrophen; die Liste ist endlos. Während die präzivilisatorische Wildnis ein anderes Set an gefährlichen Risiken bereithielt, verblassen die frühen menschlichen Erkrankungen und Tode im Vergleich dazu.

Die neandertalische Heilkunst, die sowohl akute als auch chronische schwerwiegende Bedürfnisse mit einfachen, effektiven Heilmitteln behandelte, war weitverbreitet. Es gab Individuen mit Verletzungen und Krankheiten, die ein hohes Maß an täglicher Fürsorge für Monate und sogar Jahre benötigten. Feldhofer 1 [wissenschaftliche Bezeichnung eines Neandertaler-Fossils; Anm. d. Übers.] (ca. 40.000 Jahre vor unserer Zeit) erholte sich von einem schwerwiegenden Armbruch, der eine Fixierung seines Armes erforderte, sowie die Versorgung mit Essen, Wasser und Schutz und erhielt eine Langzeitbehandlung einer chronischen Krankheit. Shanidar I [ebenfalls ein Neandertaler-Fossil; Anm. d. Übers.] (ca. 45.000 Jahre vor unserer Zeit) erhielt für mindestens eine Dekade Fürsorge, um mit einem verkümmerten Arm, einem beschädigten Bein und vermutlich einem blinden Auge sowie Gehörverlust zu überleben. La Chapelle aux Saints [ebenfalls ein Neandertaler-Fossil; Anm. d. Übers.] (ca. 60.000 Jahre vor unserer Zeit) wurde wegen einer schwerwiegenden Arthrose und einer systemischen Erkrankung umsorgt. Bloß durch sich kümmernde Begleiter*innen und primitive Mittel, keine Notwendigkeit ein Blutbad zu begehen.

Frühe Menschen kümmerten sich auch selbst um ihre eigenen medizinischen Bedürfnisse. Beispielsweise fanden Anthropolog*innen einen erkrankten Neandertaler aus der El Sidrón-Höhle mit einem eiternden Zahn und einem Darmparasiten, der Durchfall verursacht. Eine DNA-Analyse seines Zahnsteins ergab, dass er eine beständige Ernährung aus Pappeln zu sich nahm, die das natürliche Schmerzmittel Salicylsäure enthielt, den Wirkstoff in Aspirin, sowie Pflanzen, die von Penicillium-Pilzen bedeckt waren, dem Penicillin des Antibiotikums. Frühere Menschen, wie alle Tiere, fanden ihre Medizin und Heilstrategien durch tiefgehende Beziehungen, Instinkte und scharfe primäre Sinne, die in der Zivilisation schwinden.

Die Wissenschaft bezweifelt und spottet über primitive Weisheit. Gesundheits-Animalität wiederzuerwecken verschiebt den Ort der Kontrolle zurück in Richtung Ökologie, wieder eingesetzter Zugehörigkeit und Symbiose. Während fortgeschrittene medizinische Technologien die Heilkunst früherer Zeiten besonders für Kinder übertreffen, gilt jedoch: Wie viele Verletzungen und Krankheiten werden von der Technologie verursacht? Und ist sie den Preis des Techno-Ökozids für alle wert? Ich habe das Gefühl, dass die meisten Tiere, inklusive mir, wilde Heilkunst und die Rückgabe unseres gestohlenen Landes und unseres Lebens bevorzugen. Der Fortschritt erwidert: Willst du, dass ein Kind an einer leicht zu behandelnden Infektion stirbt? Genausowenig, wie ich ein Kind von einer Kugel niedergestreckt haben will, Großmutters Pillen fressen will oder angesichts dessen, was die Menschen der Welt antun, Suizid begehen möchte.

Referenzen

  • Derricourt, Robin M. Unearthing Childhood: Young Lives in Prehistory, 2018.
  • Ryan, Christopher. Civilized to Death: The Price of Progress, 2019.
  • Spikins, Penny. How Compassion Made us Human: the Evolutionary Origins of Tenderness, Trust and Morality, 2015
  • Spikins, Penny, et al. »Living to Fight Another Day: The Ecological and Evolutionary Significance of Neanderthal Healthcare« in Quaternary Science Reviews, Vol. 217, 2019 S. 98-118.
  • Weyrich, Laura S., et al. »Neanderthal Behaviour, Diet, and Disease Inferred from Ancient DNA in Dental Calculus.« Nature, International Journal of Science, Vol. 544, 2017, S. 357-361.

 


Ria Del Montana in Eine ikonoklastische Ungeheuerlichkeit: Behinderung gegen die Zivilisation, erschienen als Übersetzung aus dem Englischen beim Maschinenstürmer Distro.

Wenn das Draußenchillen zur Ordnungswidrigkeit wird

Rückblick auf ein Jahr Ausgangsbeschränkungen

Seit nunmehr einem Jahr sind wir mit Ausgangssperren unterschiedlichen Ausmaßes konfrontiert. Zum einen die sogenannten „Ausgangsbeschränkungen“, die das Verlassen der eigenen Wohnung – so weit eine solche vorhanden – nur aus „triftigen Gründen“ erlaubt. Von Dezember bis Februar gab es in Bayern zusätzlich eine „nächtliche Ausgangsperre“ zwischen 21 und 5 Uhr. Inzwischen wird diese auf die Regionen beschränkt, die irgendeinen Inzidenzwert überschreiten. Nach nunmehr gut einem Jahr „Ausgangsbeschränkungen“ und zwei Monaten Ausgangssperre wollen wir unsere Erfahrungen mit dieser neuen Situation, wie wir sie in München erlebt haben, rekapitulieren.

„Ausgangssperre“ bzw. dessen Euphemisierung „Ausgangsbeschränkung“; als diese Worte letzten März begannen durch die Presse zu geistern, blickte man entsetzt in andere Länder, die Straßensperren errichteten und das Militär in die Straßen beorderten. Mit Beginn der Ausgangssperre in München fuhren Lautsprecherwagen der Bullen durch die Straßen und verkündeten die neuen Bestimmungen, auch viele Streifen waren zu sehen. An den ersten Tagen waren die Straßen wie leergefegt und die Menschen, die man sah – besonders in Parks tummelten sich an schönen Tagen durchaus die Massen –, waren krampfhaft darum bemüht irgendeinen Sport zu machen, und sei es nur sich einen Frisbee gegenseitig zuzuwerfen. Man war unsicher, wie stark würde die Kontrolle sein, wie sehr würden autoritäre Maßnahmen aufgezogen, würden auch so Scheine eingeführt werden, in denen man aufschreiben muss, wohin man gedenkt zu gehen? Würden Straßensperren errichtet werden, ja würde sogar das bundesdeutsche Tabu gebrochen werden und das Militär auf die Straßen geschickt? Erinnern wir uns an die Diskussionen darum, ob es ernsthaft verboten sei sich draußen alleine auf eine Bank zu setzen, was selbst den so obrigkeitshörigen Deutschen ein bisschen übertrieben schien und durchaus Widerstandsreaktionen – auch am Anfang – hervorrief. Ich erinnere mich an Szenen, wie Bullen versuchten Leute, die zu zweit an einem öffentlichen Tisch saßen, dazu aufzufordern sich zu entfernen, was trotzig verweigert wurde. Oder wie die Bullen zwei Personen, die nebeneinander auf einer Bank saßen, dazu aufforderten den Abstand zwischen ihnen zu vergrößern, ganz als seien sie Anstandsdamen aus einem früheren Jahrzehnt. Ich erinnere mich, wie ich auf der Polizeiwache saß und sich die Cops gegenseitig darin brieften, „Ausgangsbeschränkung“ zu sagen und nicht „Ausgangssperre“ und wie alle paar Minuten der Funkspruch kam, dass irgendwer irgendwen bezüglich Corona-Maßnahmen verpfiffen hätte.

Heute wissen wir: Zumindest bisher hat sich die deutsche und bayerische Politik dagegen entschieden die Mittel einzusetzen, die nötig wären, um derartige Ausgangsbeschränkungen tatsächlich durchzusetzen. Kein Militär, keine (oder ganz selten sehr punktuelle) Abriegelungen, keine Dauerkontrollen, keine albernen Zettel, die man ausfüllen muss. Stattdessen lieber eine Konzentration darauf Parties jeglicher Ausprägung zu unterbinden und auf die Jagd nach sonstigen größeren und kleineren Menschenansammlungen. Da kommt mir besonders der Sommer in den Sinn, als es jeden Abend, insbesondere am Wochenende, am Isarufer und im Englischen Garten zu massiven Schikanen der Cops gegenüber den Leuten kam.

Auch die nächtliche Ausgangssperre, die die letzten beiden Monate galt, war keine absolute. Menschen, die in der Nacht lohnarbeiteten, durften sich draußen aufhalten, auch medizinische Notfälle und die Versorgung eines Haustieres waren Gründe, die gewichtig genug waren, um vor die eigene Haustüre treten zu dürfen. Das führte dazu, dass die Straßen zwar schon im Vergleich zu früheren Zeiten ab 21 Uhr wie leergefegt waren, man jedoch, solange man (scheinbar) alleine und eher nicht mit dem Auto unterwegs war, von den Cops eigentlich ignoriert wurde. Und so lange man eine gute Ausrede parat hatte, war auch eine Kontrolle kein größeres (wenn auch nerviges) Problem.

Tatsächlich darf man gerade, so weit ich weiß, immer noch nur aus triftigem Grund sein Zuhause verlassen. Heute fühlt sich das allerdings anders an als letzten März. Denn inzwischen ist klar, dass, solange man größere Gruppenbildungen in der Öffentlichkeit vermeidet, man normalerweise unbehelligt bleibt. Dass die Ausgangsbeschränkungen ein Vorwand mehr sein können für mehr oder weniger willkürliche Polizeikontrollen, bleibt natürlich bestehen, was allerdings die vorherige Situation zwar durchaus verschärft, es aber trotzdem nicht zu einem absoluten Novum macht – denn davor durften die Schweine im Umkreis von fünfhundert Metern rund um Bahnhöfe (also quasi überall) anlasslos Menschen kontrollieren; allerdings brauchte man damals natürlich keinen „triftigen Grund“ dafür, sich überhaupt draußen aufzuhalten.

Was sich allerdings verändert hat: die Kontrolle darüber, dass sich keine (zusammengehörigen) Menschenansammlungen bilden und ihren relativen Erfolg. Dass man gerade die letzten Monate den Eindruck bekam, dass die Strategie Erfolg hätte, liegt meiner Ansicht nach allerdings eher am Wetter als an den Maßnahmen. Denn dadurch,dass jede Möglichkeit, sich öffentlich in Räumen zu treffen, durch Schließung der Bars, Cafés, Restaurants, Clubs usw. sehr effektiv verhindert wird, ist bei kalten Temperaturen ein Ausweichen nach draußen, wie es im Sommer der Fall war, nicht sehr verlockend. Die letzten frühlingshaften Tage haben jedoch gezeigt, dass es sich die Leute nicht nehmen lassen, das Wetter draußen zu genießen, Ausgangsbeschränkung hin oder her.

Ansonsten haben die Ausgangsbeschränkungen bei mir dazu geführt, den Raum und meine Position darin anders wahrzunehmen als davor. Denn so deutlich wurde mir und wahrscheinlich auch vielen anderen noch nie vor Augen geführt, dass jede vermeintliche (Bewegungs-)Freiheit nichts Selbstverständliches ist, sondern etwas Geduldetes, das einem jederzeit entzogen werden kann, wenn es die Herrschenden so wünschen. Für viele war das auch „vor Corona“ schon Realität, alle, die sich „illegal“ in ein Land begeben oder sich in diesem aufhalten, können ein Lied davon singen. Würdest du all deine Papiere verbrennen und dich für staatenlos erklären, würdest du dich dem Eigentumsanspruch eines Staates an dich entziehen, so würdest du spätestens an der Grenze, aber auch bereits bei der ersten Kontrolle feststellen, dass es keinen Ort gibt, an dem du dich überhaupt bewegen darfst. Alle, die versuchen, sich einfach irgendwo niederzulassen, wo es ihnen gefällt, wissen, dass eine solche Freiheit nur dann gegeben ist, wenn man den Eigentumsregeln gehorcht – sich diesen Ort kauft oder mietet und „öffentliche“ sowie „private“ Räume anderer als tabu für die eigene Niederlassung respektiert. Obdachlose etwa werden regelmäßig von den Schlafplätzen, die sie sich eingerichtet haben, vertrieben, ihre Unterkünfte, die sie sich gebaut haben, zerstört. Unsere Umgebung ist eine massiv kontrollierte, Bewegungsfreiheit eine Illusion. Eine so umfassende Einschränkung der Bewegungsfreiheit auch gegenüber der Subjekte eines Staates macht den Duldungscharakter dieser „Freiheit“ lediglich besonders deutlich.

Was allerdings auch deutlich wird: Wie immer ist die Unterwerfung der Menschen und ihre Gefangennahme auch von der Kooperation der Unterworfenen abhängig. Um eine Ausgangssperre durch den Einsatz physischer Gewalt durchzusetzen, müsste ein massiver Polizei- und Militärapparat aufgefahren, müsste jede Straße besetzt, überall Kontrollpunkte eingerichtet oder auch die Überwachungstechnologie massiv ausgebaut werden [1]. Doch das war und ist bis heute in Bayern und Deutschland nicht nötig. Während der nächtlichen Ausgangssperre waren meiner Beobachtung nach nicht mehr Bullen auf den Straßen unterwegs als sonst. Trotzdem waren die Straßen menschenleer. Das hatte bestimmt auch mit dem Wetter zu tun. Ich denke, dass eine nächtliche Ausgangssperre im Sommer anders aussehen würde. Trotzdem war es gespenstisch. Was war für die Durchsetzung einer solchen Ausgangssperre nötig? Wie bekommt man 13 Millionen Menschen dazu nach 21 Uhr nicht mehr hinauszugehen, nicht einmal, um nach dem sogar erlaubten Besuch bei der Freundin einfach heimzufahren? Massives Bombardement durch die Medien und Angst. Angst vor dem Virus und Angst vor der Strafe. Psychische Kontrolle statt physische. Die psychische Kontrolle und die mediale Erreichbarkeit der Menschen geht sogar so weit, dass sich die Herrschenden darauf verlassen können, dass sich die Leute wöchentlich, ja teilweise sogar fast täglich darüber informieren, was gerade erlaubt ist und was nicht und das auch noch für welche Region.

Aber zurück zu meiner Wahrnehmung des Raums und meiner Position darin. Insbesondere städtische Umgebungen zeigen ihren kontrollierten und Kontrolle erleichternden Charakter. Jede Straßenlaterne wird zum Feind, jede Straße macht einem nur bewusst, dass diese den Bullen helfen, sich schneller durch die Stadt zu bewegen und dass einem dort jederzeit Bullen begegnen können. Man begrüßt den Schatten und die Dunkelheit und das bisschen Natur, das es auch in der Stadt noch gibt. Einige Vorteile hatte diese Ausgangssperre immerhin. Denn da sie nicht durch massive physische Kontrolle durchgesetzt wurde, sondern durch psychische, konnte man sich – solange man Streifen aus dem Weg ging – vollkommen unbeobachtet durch die Stadt bewegen und das bereits ab 22 oder 23 Uhr. Auch jetzt noch – da jedes nächtliche Indoor-Angebot immer noch verboten ist – ist man zu vergleichsweise früher Abendstunde häufig ungestört. Die Ausgangsbeschränkungen haben mich gelehrt, mich anders im so deutlich wie nie zuvor als feindlich organisiert sichtbaren Raum zu bewegen. Während ich anfangs das Gefühl hatte, von jedem Fenster aus beobachtet zu werden und es nicht fassen konnte, dass ich jetzt nicht einfach unbefangen nach draußen gehen könnte und mich mit Leuten treffen, hat sich inzwischen eine gewisse Gewöhnung eingestellt, eine gewisse Routine, wenn ich hinausgehe und wenn ich mich mit Leuten treffe. Man hat seine Strategien und seinen Umgang gefunden, hat neue Fähigkeiten erworben.

Ich bin gespannt, was der Frühling und der Sommer uns bringen mag. Momentan schwafeln sie ja schon von einer „dritten Welle“, stellen die Leute bereits darauf ein, dass es über Ostern hinaus so weitergehen wird. Denn der Wille nach draußen zu gehen und Sonne und Wärme zu genießen und auch die Sehnsucht nach menschlichem Kontakt sind stark, trotz unserer tiefen Domestizierung. Die enorme Verkleinerung unseres Käfigs wurde von vielen nur mithilfe des Versprechens, es sei lediglich vorübergehend und nur für ein paar Wochen, akzeptiert. In Düsseldorf haben sie inzwischen ein sogenanntes „Verweilverbot“ erlassen. Man darf draußen nicht mehr stehen bleiben, sich nicht hinsetzen oder hinlegen. Alles, was das Leben noch vom bloßen Funktionieren in dieser Gesellschaft unterscheidet, wird uns genommen. Wie lange lassen es sich die Leute eingehen, dass das Einzige, das zählt, das ÜBERleben ist? Wobei das Motiv des „Überlebens“ und „Leben rettens“ die Rechtfertigung dafür ist, die Herrschaft so auszuweiten wie man will und es als psychologischer Trick dient, um die Leute dazu zu bekommen alles zu akzeptieren und sich zu unterwerfen und zu gehorchen und diese Gesellschaft um jeden Preis aufrechtzuerhalten; eine Gesellschaft, deren Strukturen überhaupt erst für so viele Todesgefahren verantwortlich sind.

Erkämpfen wir uns unseren Raum. Bleiben wir nicht dabei stehen, ihn so zurückzuerlangen, wie er vorher war, sondern befreien wir uns von dieser Kontrolle des Raums, von der Durchdringung jedes Quadratzentimeters durch Herrschaftsbeziehungen, zerschlagen wir unsere Käfige und befreien wir uns von unserer Domestizierung. Denn die Wildnis kennt weder Grenzen noch kontrollierte Umgebungen noch Ausgangsbeschränkungen.

Anmerkungen

[1] Auch wenn natürlich dieser Punkt durchaus seine Verschärfungen in diesem Jahr erfahren hat und der Ausbau technologischer Überwachungsmöglichkeiten unter dem Stichwort „Digitalisierung“ massiv gefördert wird. Stichwort Corona-App, Auswertung von Handydaten zur Nachverfolgung von Infektionsherden, elektronische Meldung ans Gesundheitsamt bei Grenzübergängen, Einsatz von Drohnen zur Überwachung von Menschenansammlungen etc.

„Bullenschweine“ und „ACAB“ – Angriffe auf die Polizei

Schmeiße gleich Steine auf Scheißschweine
Sie erwarten dass ich gleich bleibe
wo einschreibe und einen Beweis zeige
für meine Produktivität für Diskussion schon zu spät
Und ich schreibe es an die Wände
bis ihr Hurensöhne seht
Was erlaubst du dir?
Es steht ein grüner Mann an deiner Tür
Kein Freund, kein Helfer, nur ein Bastard mit ner Knarre
Ja, was denkst du dir? Jeder Cop hat das Verlangen
dich zu catchen für die Sterne auf der Jacke
Und sie sind dran interessiert
was für Sachen ich so mache
wenn ich nicht gerade im Winkel ihrer Kamera steh
Ein Mensch ohne Persönlichkeit
ein Rädchen im System

Das Leben ist ein offener Vollzug
und ein Freistaat
Ein Widerspruch in sich
Der Versuch das zu verschleiern
dass man meine Freiheit bricht
Schon wieder vor Gericht
Doch ich hab nichts zu sagen
verdammt in Gedanken
bin ich aufgestanden
und den Krawattenträgern
an den Kragen gegangen

Auf was sollten wir warten?
Wir bleiben unkontrollierbar
für immer Partners in Crime
Spucke auf die Streifenwagen
kein Wort an die Polizei…

ATP Crew „089*1312“

Recklinghausen, 25. Februar Die Innenräume von drei Streifenwägen, die auf dem Wachhof der freiwilligen Feuerwehr Süd abgestellt waren, werden angezündet. Erst durch Notrufe rückt die Feuerwehr aus, aufgrund der räumlichen Nähe (sie muss lediglich aus der Halle fahren) werden zwei weitere Streifenwägen, die ebenfalls dort abgestellt waren, „vor Brandschaden bewahrt“.

Mamoudzou (Mayotte), 20. Februar In der Hauptstadt der französischen Kolonie Mayotte (einer Inselgruppe zwischen Madagaskar und Mosambik) wird in der Nacht auf Freitag, den 20. Februar, eine Bullenzivikarre angezündet. Nachdem ein Cop den Wagen am Straßenrand geparkt hatte, um das Büro des GELIC (Ermittlungsgruppe gegen illegale Immigration) aufzusuchen, wurde dieses kurzerhand in Brand gesetzt. Offenbar ist es das erste Mal, das in Mayotte eine Bullenkarre angezündet wurde.

Innsbruck, 05. Februar Eine vor der Polizeiinspektion Innsbruck-Hötting abgestellte Bullenkarre brennt gegen 3:45 Uhr ab. Einige Schweine des Postens versuchen das Feuer mit Handfeuerlöschern zu löschen, ziehen sich aber lediglich eine Rachvergiftung zu (HAHA). Auch die Wache musste hinterher aufgrund der starken Rauchentwicklung erst einmal belüftet werden.

Essen, 18. Januar Unter einen vor der Polizeiwache Essen-Rellinghausen geparkten Streifenwagen wird ein Brandsatz platziert. In derselben Nacht wird die Wache in Essen-Kettwig mit Steinen und Farbe angegriffen.

Leipzig, 17. Januar In der Nacht zu Sonntag wird der Copposten in Leipzig-Connewitz angegriffen. Gegen 2:45 Uhr fliegen Pflastersteine, Böller und Farbbomben gegen den Eingangsbereich. Bereits einige Stunden vorher solle jemand eine leere Flasche gegen die Scheibe des Eingangs geworfen haben. Bereits am Vortag war die Bullenwache in Leipzig-Plagwitz übrigens mit dem Schriftzug „ACAB“ versehen worden.

Dresden, 08. Januar Während Cops Leute in ihren Wohnungen belästigen, weil diese eine „illegale Corona-Party“ feierten, werden zwei Bullenkarren mit den Aufschriften „ACAB“ und „Bullenschweine“ verziert. Ein Wagen musste daraufhin abgeschleppt werden, weil auch die Frontscheibe beschmiert war.

 

Bullenkarre beschmiert

Am Sonntag, den 31. Januar, stellten Cops in Nymphenburg an einer geparkten Copkarre „eine Schmierschrift mit Sprühlack“ fest. Wie immer in solchen Fällen, verschweigt uns der Bullenpressebericht, was der Inhalt dieser „Schmierschrift“ war. Vielleicht rätselhafte Buchstabenkombinationen wie „ACAB“? Vielleicht Liebesgrüße an die Cops, vielleicht auch eine Beleidigung? Wir wissen es nicht. Aufgrund von Videoaufzeichnungen (Wo kamen die her? Auch das verschweigen sie. Evtl. aus dem Auto selbst?) und einer sofort eingeleiteten Fahndung konnten sie leider tatsächlich jemanden festnehmen.

Sabotagen gegen das (Telekommunikations-)Netz der Herrschaft – eine Sammlung

„Ich bin total empört, angewidert, dass Leute ausgerechnet gegen die Infrastruktur vorgehen, die wir benötigen, um mit diesem Gesundheitsnotstand umzugehen.“
Stephen Powis, medizinischer Direktor des nationalen Gesundheitsdienstes in England, Anfang April

Seit Jahrzehnten wird um uns ein unsichtbares Netz errichtet, das die Aufrechterhaltung von Herrschaft immer subtiler und gleichtzeitig engmaschiger, allumfassender macht. Mit der „Corona-Krise“ wird dieses Netz nun massiv ausgebaut. Angeblich könne nur der Ausbau der Digitalisierung die Krankheit bekämpfen, eine erstaunliche Aussage, würde manch einer wohl finden, der sich noch daran erinnern kann, dass man früher der Ansicht war, dass eine Krankheit mit Heilmethoden bekämpft wird und nicht mit mehr Internet, aber wer kann das schon? Die neue Devise lautet: Alle dauerhaft vor den Bildschirm verbannen, nur dann sind wir wirklich sicher. Wer braucht schon reale Begegnungen, reale Erlebnisse, wenn man mehr oder weniger dasselbe (LOL) hygienisch und sicher digital haben kann? Doch die Umstellung auf Zoom, Netflix & Co., Home Schooling, Home Office usw. ist erst der Anfang. Eine vollkommen smarte Umgebung ist das Ziel. Die Voraussetzung: ein funktionierendes leistungsstarkes Netz. Doch nicht alle sehen tatenlos zu, wie sich dieses Netz verfeinert. Letztes Jahr wurde insbesondere das Abfackeln von Mobilfunkmasten in einigen Ländern wie etwa Italien, Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden äußerst beliebt. Doch auch in Deutschland nehmen die Funkmastbrände zu. Neben flammenden Funkmasten gibt es eine weitere Vielzahl an anderen Sabotageakten gegen das Telekommunikationsnetz. Einige schöne Sabotagen seit Jahresbeginn (mit einem unabsichtlichen Schwerpunkt auf Frankreich) haben wir hier für euch gesammelt:

Crest (Frankreich), 17. Februar Nicht einmal 24 Stunden nach einem Brandanschlag auf einen Mobilfunkmast im benachbarten Gigors-et-Lozeron (übrigens der sechste im Département Drôme seit letzten Jahr) beschädigt ein Feuer einen Hauptverteiler in Crest. Unbekannte werfen durch ein eingeschlagenes Fenster im Erdgeschoss des dreistöckigen Gebäudes einen Brandsatz in den Technikraum, indem sich auch der Hauptverteiler befindet. 4000 Telefon- und 6000 Internetkunden, darunter auch 200 Unternehmen, sind von den Schäden betroffen. Auch das Mobilfunknetz sei eingeschränkt. Der Hauptverteiler ist der zentrale Verteiler einer Kommunikationsverkabelung einer Liegenschaft. Hier werden alle Kunden mit der entsprechenden Infrastruktur verbunden.

Brézins (Frankreich), 17. Februar Das Telekommunikationsinfrastruktur-Unternehmen Constructel Constructions et Telecom wird Ziel eines Brandangriffs. Fünf Kastenwägen werden zerstört, ebenso ein Lager mit Kabeltrommeln. Zwei Tage später wird ein zweiter Standort von Constructel in Grenoble Ziel eines Angriffs. Diesmal trifft es einen Funkmast, eine Glasfaserkabeltrommel und einen Firmenwagen. Constructel ist in der Errichtung von Telekommunikations- und Glasfasernetzen spezialisiert.

Rom (Italien), 16. Februar Glasfaserkabel entlang der TAV-Bahnstrecke werden angezündet.

Yutz (Frankreich), 03. Februar Am Fuß eines Funkmastes in Yutz werden Glasfaserkabel durchtrennt. Die Folge: 52 Funkmasten, die an diese Kabel angeschlossen sind, fallen aus, das Mobilfunknetz der Anbieter SFR und Bouygues sind für die Dauer der Reparatur, die etwa einen Tag in Anspruch nimmt, außer Gefecht.

Étampes (Frankreich), 30. Januar Ein Multifunktionsgehäuse (die großen weißen Kästen am Straßenrand) wird aufgehebelt und alle Kabel, die sich im Inneren befinden, durchtrennt. In Folge finden sich mehrere Dutzend Kunden, die direkt an diesen Kasten angeschlossen sind, ohne Internet, Telefon und Fernsehen wieder. Vier Tage sind nötig, um die Schäden zu beheben. Auch in den Orten Cugnaux (Ende Januar) und L’Arbresle (Anfang Februar) haben mehrere hundert Kunden mit der Vandalisierung von Multifunktionsgehäusen (einmal 850 Kabel durchtrennt und einmal Feuer gelegt) zu kämpfen. Teilweise dauern die Reparaturen mehrere Wochen. Das liegt daran, dass Glasfaserkabel relativ aufwändig wieder zusammengefügt werden müssen (angeblich dauert es auch wegen der Einhaltung von Corona-Abstandsregelungen momentan länger). Übrigens wird die Sabotage von Multifunktionsgehäusen auch gerne bei Einbrüchen benutzt, um Alarmanlagen auszuschalten.

Osnabrück, 22. Januar Ein Bagger gerät auf einer Baustelle, die Straßenbauarbeiten zur Verlegung von Glasfaserkabeln für ein schnelles und 5G-fähiges Internet durchführt, in Brand.

Les Cars (Frankreich), 11. Januar Ein Funkmast des Unternehmens TDF wird in Brand gesetzt. Das Feuer beginnt in ca. 100 Metern Höhe des 230 Meter hohen Mastes. 1,4 Millionen Menschen können kein Fernsehen, kein Radio und teilweise keinen Mobilfunk empfangen. Mehrere hundert Meter entfernt fängt ein Mobilfunkmast des Anbieters Orange ebenfalls Feuer. Es dauert voraussichtlich mehrere Wochen, um die Schäden zu beheben.