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Ekstase in Zeiten der Cholera

Anmerkung der Übersetzung

Noch nie standen den Herrschenden so viele Kommunikationsmittel zur Verfügung, um die Menschen live und in Echtzeit mit Daten, Verordnungen, Statistiken, herzergreifenden Reden und herzergreifenden Bildern vollzuscheißen und noch nie wurden die Menschen gleichzeitig so stark vor die Bildschirme verbannt wie heute. Konfrontiert mit einer unendlichen Flut an vermeintlich objektiven Zahlen ertrinken wir in einem Meer der scheinbaren Alternativlosigkeit. Medien, Werbung, Politik, alle ziehen an einem Strang in ihrem Ruf nach der absoluten Unterwerfung unter die neue #stayathome-Ideologie. Dass man dabei vollkommen offensichtlich manipuliert und verarscht wird… scheißegal. Denn eine Lüge braucht nur oft genug wiederholt werden, damit sie zur Wahrheit wird. Und wenn es nun mal jede*r sagt. Dann muss es auch stimmen. Dass der Impfstoff ganz offiziell eine Weiterverbreitung des Virus‘ nicht verhindert, hindert trotzdem Politiker, Medien und irgendwelche Ethikrat-Professor*innen nicht daran, die Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, als Massenmörder hinzustellen und – ganz in der Tradition des sozialdemokratischen wie nationalsozialistischen „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ –  zu fordern: Wer sich nicht impfen lässt, solle sich auch nicht beatmen lassen. Dass die Mortalitätsrate von Corona die der Grippe kaum übersteigt – geschenkt. Und dass eine Neuinfektionsrate (der berühmte Inzidenzwert) eine absolut irrelevante Zahl ist, wenn eine Krankheit so dramatisch auch nicht ist – egal. 200 oder 400 klingt schon krass, dass es allerdings 200 pro 100 000, als 0,2 % sind – was viel weniger krass klingt – wen interessiert’s? Dass 90 % aller „mit und an Corona Gestorbenen“ im Alters- oder Pflegeheim waren, bringt die Medien nur dazu zu skandalisieren, dass man die Menschen in diesen modernen Knästen für alt gewordene Menschen, die nicht mehr nützlich für diese Gesellschaft sind, nicht genug eingesperrt hat und nicht, dass zum einen das menschenverachtende System der Lagerhaltung von Menschen deutlich wird noch dass trotz allem überwiegend bereits stark geschwächte Menschen „an oder mit“ Corona sterben, was nun einmal Teil des Lebens ist, dass man im Alter irgendwann mal an etwas stirbt. Realität ist nichts mehr, das man direkt erlebt, sondern nunmehr endgültig (denn diese Tendenz ist Teil des seit Jahrtausenden vor sich gehenden Zivilisationsprozesses) etwas medial Produziertes, etwas Erzähltes, etwas Diskursives. Endgültig dahin verbannt die Welt vorgefiltert über unsere Bildschirme und Lautsprecher präsentiert zu bekommen, wissen wir einfach nicht mehr, was wir nun glauben sollen. Und selbst wenn wir von Anfang an der Berichterstattung gegenüber misstrauisch waren, ertappen wir uns immer wieder selbst dabei, ob wir uns vielleicht doch geirrt haben und dass ja schon was dran sein müsse und wie solle man denn sonst mit einer Pandemie umgehen? Um diese gewollt verursachte Verwirrung zu überwinden, scheint es mir hilfreich zu sein sich der Strategien der Meinungsbildung und der dahinterliegenden Ideologie bewusst zu werden, und sich der Intentionen der Machthabenden klar zu werden.

Der folgende Text liefert auf Basis von Foucaults Theorie der Biopolitik und Biomacht eine Analyse der Strategien der Machthabenden im Kontext der „Corona-Krise“ und der ideologischen Grundlagen für die Verwaltung der – ja, wie soll man es denn anders nennen – „Volksgesundheit“. Wenn ich diesen Text übersetzt habe, dann nicht, weil es mir darum geht eine rein wissenschaftliche Analyse der Macht um ihrer selbst Willen zu verfeinern, sondern darum in dem  Nebel voller Zahlen, Statistiken, Fotos von Särgen etc. noch (oder wieder) klar zu sehen und die Punkte auszumachen, an denen die Macht angegriffen und zerstört werden kann.

***

Anstatt ein Kommentar über die Zweckdienlichkeit – oder auch nicht – der vom Staat auferlegten Quarantänemaßnahmen zu sein, was eine ganz andere Diskussion wäre, ist das ein Kommentar zu biopolitischen Regierungstechniken und zum Verhalten der „Bevölkerung“ in dieser Zeit, von der es den Herrschenden gelang sie als „globale Gesundheitskrise“ zu definieren. Ich denke, dass die Weise, auf die wir in solchen Momenten reagieren, symptomatisch ist für die Funktionsweise der aktuellen Ordnung.

Knappe Notizen zu Biopolitik

  • Die Funktion eines Dispositivs* der Kontrolle ist es sicherzustellen, dass in dem Sinne „nichts wirklich passiert“, dass das Ausbrechen von unvorhersehbaren, rebellischen oder antagonistischen Realitäten innerhalb der Grenzen der offiziellen Realität (welche selbst durch genau dieselben Kontrollinstrumente modelliert wird) verhindert oder eliminiert wird.
  • Wir können die charakteristischen Kontrolltechniken der europäischen Modernität als „Biopolitik“ bezeichnen, das heißt als die Erschaffung eines Kapillarnetzes an Machtbeziehungen, das das Beherrschen von Leben („bios“) zum Ziel hat. „Das Leben beherrschen“ kann unterschiedliche Formen annehmen: Es kann die Kontrolle über die Gesundheit, Fortpflanzung, Demographie, Ernährung und Epidemiologie der Subjekte bedeuten; oder das Formen und die Kontrolle über deren intime Praxen, Wünsche, Vergnügungen und Vorstellungskraft.
  • In der westlichen Welt handelt Biomacht normalerweise mithilfe von Verführung, Manipulation, Anregungen, Handlungsempfehlungen oder Lenkung, also eher beispielsweise mithilfe von Techniken wie Therapie, Beratung oder Bildung als durch direkten Zwang. Ein erfolgreiches Instrument der Biomacht zwingt dich nicht dazu, einen bestimmten Weg einzuschlagen, sondern überzeugt dich davon, dass dieser der einzig begehrenswerte ist, oder sogar dass er der einzig mögliche Weg ist, den du einschlagen kannst. Aber natürlich kann die moderne Biopolitik dich auch in ein Konzentrationslager einsperren und mit dir verfahren, wie es ihr beliebt.
  • Der biopolitische Diskurs ist immer der gleiche: die Obrigkeit ergreift alle notwendigen Maßnahmen zu Eindämmung von Bedrohungen für die Gesundheit [1]: die „Ansteckenden“ (die eingesperrt werden müssen), die „Degenerierten“ (die vernichtet werden müssen), die „Primitiven“ (die erzogen und/oder integriert werden müssen), die Subversiven/Unregierbaren (die vereinnahmt, integriert, eingesperrt, isoliert oder vernichtet werden müssen). Und was auch immer der Staat als seinen Feind betrachtet, das wird als eine Krankheit dargestellt (Infektion, Seuche, Krebs, Plage, etc.), das den Körper der Nation angreift. Das bedeutet, dass wann immer die „biopolitische Modernität“ Unterdrückung, Ausgrenzung, Diskriminierung, Apartheid, Verhaftungen, Terror, Krieg, Folter, Völkermord usw. anordnet, sie diese als einen Akt zur Bewahrung der Gesundheit und des Wohlergehens der Nation oder der Bevölkerung rechtfertigt. Auf diesem Weg werden sogar die skrupellosesten Reigerungsmaßnahmen von den loyalen Bürgern als eine neutrale und wohltätige therapeutische Intervention, als einen Akt der Heilung betrachtet.
  • Eine der größten Ängste in der bourgeoisen Modernität ist die der „Ansteckung“: die Ansteckung unseres „natürlichen“ Geschlechts/unserer Geschlechtsidentität mit dem „anderen“ Geschlecht/der Geschlechtsidentität (die Verweiblichung „richtiger Männer“, die Vermännlichung „richtiger Frauen“); unserer „normalen“ Sexualität mit „perversen“ Sexualitäten; unserer Kultur und Zivilisation mit primitiven und barbarischen; unserer Nation mit Ausländern; unserer Privatsphäre mit anderen Menschen; unserer Rationalität und unserer Wahrheiten mit Irrationalität, Unsicherheit und Ambivalenz; und, natürlich, unserer Gesundheit mit unterschiedliche Krankheiten.
  • Innerhalb des – inzwischen globalen – biopolitischen Dispositivs der Macht ist die Einsperrung eines der Hauptregierungsinstrumente: die Bedrohung für die Gesundheit der Nation muss isoliert werden. Die Nazis erschaffen Konzentrations- und Vernichtungslager, um die jüdische Bevölkerung zu vernichten,  die sie als die Plage definieren, die den Körper der arischen Nation infiziert; der israelische Staat  verordnet ein System der Apartheid, der Mauern, des Stacheldrahts, von Check-Points, Blockaden, Hausdurchsuchungen, Konzentrationslagern, Gefängnissen, der Entführungen, des Mordes, des Terrors, der Folter usw., um die Palästinenser einzusperren, welche sie als eine Bedrohung für die Gesundheit der Nation definieren. Die europäischen Staaten „schützen ihre Grenzen“, um die Migranten draußen zu halten, die sie ebenfalls als eine Bedrohung für die Gesundheit der Nation definieren; die USA tun dasselbe, um die Mexikaner draußen zu halten, die sie als eine Infektion für die Nation definieren… usw. man findet tausende Beispiele.
  • Die Mehrheit der westlichen Bevölkerung wurde in einen Zustand des Infantilismus versetzt. Damit meine ich, dass man vom Willen, der Führung und der Ressourcen von jemand anderem komplett abhängig gemacht wird (im Fall des Kindes [2] beispielsweise ist es abhängig von der Familie, den Erziehern und dem Staat); und gleichzeitig die Disziplin und Kontrolle, die diese Autoritäten ausüben, für normal hält, für gut befindet, als Privileg, als Recht, als Freiheit oder als Liebe betrachtet.
  • „Krise“ ist das neue Lieblingswerkzeug der Biopolitik: in einen beständigen Krisenzustand versetzt, wird die infantilisierte Bevölkerung alles tun, um „ihr Leben zu retten“.
  • In Zeiten der biopolitischen Krise, wie der „pandemische Notfall“, den wir gerade erleben, amüsieren sich die Faschisten, die ja auch in besten Zeiten bei biopolitische Fantasien von Völkermord und „Säuberung“ aus dem Häuschen geraten. Die faschistischen Anführer vergleichen Migrantinnen mit dem Coronavirus; die Medien verkünden, dass Migranten die Infektion mitbringen; alle möglichen Formen der Brutalität werden mithilfe von Diskursen über die öffentliche Gesundheit gerechtfertigt, usw.
  • Je unterwürfiger jemand ist, desto aggressiver wird diese Person Überheblichkeit und Faschismus in Zeiten der Krise begrüßen: von der eigenen Hilflosigkeit terrorisiert, beginnt der loyale Bürger nach einem Sündenbock zu suchen, nach jemandem, auf den man den eigenen Selbsthass projizieren kann. Das kann beispielsweise einer der klassischen anderen der Modernität sein: Frauen, Migranten, „Nicht-Weiße“, „Homosexuelle“, etc. In unserem Fall des „biopolitischen Staatsterrors“ von 2020 sind die Sündenböcke „die Infizierten“, „die asymptomatisch Positiven“, „jene, die der Quarantäne nicht gehorchen und uns alle gefährden“ usw.

Einige Gedanken über das, was vor sich geht

  • Sobald endlich ein tödlicher und abscheulicher Feind – der Virus –gefunden worden war, ergriff der italienische Staat die Gelegenheit beim Schopf, um mit den Muskeln zu spielen und um seine Funktion als Vater der Nation, der alle seine Kinder retten, sie jedoch auch bestrafen wird, wenn es nötig ist – nur zu ihrem Besten natürlich –, wiederherzustellen. Die feierliche und heroische Rhetorik der Kriegspropaganda wurde wiederbelebt, um ein bisschen Patriotismus in die verkalkten Venen der Nation zu pumpen: „Italien leidet! Italien bringt Opfer! Italien steht zusammen! Italien kämpft! Wir werden obsiegen!“
  • Der Staat erweitert die Technik der Einsperrung auf die gesamte Bevölkerung und spuckt eine Unmenge an administrativen Maßnamen aus, die versuchen, das, was wir tun, sagen und denken können, zu kontrollieren. Uns wird versichert, dass die Auferlegungen, entschieden von Politikercliquen und Juristen, und unterstützt von der halbgöttlichen Autorität der biomedizinischen Kaste, der einzige Weg sind, um die Gesundheit der Bevölkerung zu retten und, warum nicht, auch der ganzen Welt.
  • Die meisten loyalen Bürger beklatschen die drakonischen Maßnahmen und einige fordern noch mehr Strenge; sie warten, voller Hoffnung, auf die Erlösung von oben, und stürmen die Apotheken und Supermärkte in einem Wettlauf um „das Überleben des stärkeren Konsumenten“. Das Höchste, das sie erwarten, ist die Rückkehr zur „Normalität“, zu den Machtbeziehungen „vor der Epidemie“, die jetzt die absolute Freiheit zu repräsentieren scheinen.
  • Typischerweise überfluten die Medien einen mit Aufrufen zu „sozialer Verantwortung“, die nur noch heuchlerisch klingen können, denn so wie sie sind, kommen sie von der überernährten, überprivilegierten Bevölkerung des reichen Europas, die in ihrem Alltag die krasseste Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben anderer Menschen zeigt und gegenüber dem, inwiefern ihre eigenen täglichen Handlungen die verschiedenen globalen Dispositive des Ausschlusses, der Verelendung und der Zerstörung füttern. Das Modell des „verantwortlichen Bürgers“, das sie heraufbeschwören, ist eine der typischen Figuren der faschistischen Bürgerlichkeit: entweder der „unschuldige Bürger“, der pflichtbewusst gehorcht oder die „Polizeibürgerin“, die den Behörden bei ihren Kontrollbemühungen hilft.
  • Es scheint, dass die loyalen Bürger auf perverse Art diese Weltuntergangsparanoia genießen [3]; endlich etwas Erregung, etwas Tragik in unserem faden Leben, das Gefühl Teil von etwas Wichtigem zu sein! Dieses Wiederaufflackern des Spektakels unter biopolitischen Vorzeichen erregt jede*n in einem hohen Maße und sie stürzen sich entzückt in leidenschaftliche Diskussionen über die Epidemie; polizieren die anderen; und ziehen neue Linien in ihrem eigenen Leben in der Logik und innerhalb der Stacheldrahtumzäunungen des Konzentrationslagers.
  • Dieser ganze biopolitische Einsatz fungiert als Dispositiv der Kontrolle: er verschafft den, inzwischen eher erschlafften, Säulen der bourgeoisen Ordnung eine neue Erektion und erlegt sie den Menschen als sakrosankte Gewissheiten und unstreitbare moralische Prinzipien auf. Ich denke, dass, in anderen Worten, das Hauptergebnis dieser biopolitischen Krise der neue Konsens ist, dass die bourgeoise Realität die einzig mögliche ist und dass der Staat, Para-Staat oder körperschaftliche Institutionen die einzigen Entitäten sind, die in der Lage sind eine solche Krise ordentlich zu bewältigen. Einige dieser letztlich erlassenen „Infektionseindämmungs“-Maßnahmen behaupten, implizit oder explizit, dass:
    • Menschen unfähig sind ihre eigenen Realitäten zu bewältigen, das heißt, dass sie unfähig sind autonom zu leben; deshalb haben Autoritäten – politische, administrative, biomedizinische, militärische, wirtschaftliche, mediale, der Bildung – das Recht und die Pflicht, die Situation in die Hand zu nehmen und welche Mittel auch immer zu nutzen, die ihnen angemessen erscheinen.
    • Die Pflicht und Verantwortung eines „guten Bürgers“ ist es zu gehorchen. Sich den Kontrollmaßnahmen zu widersetzen bedeutet eine „Bedrohung der Gesellschaft“ und gefährdet „unsere Gesundheit und unsere Lebensart“ und muss sofort unterdrückt werden.
    • Die senilen Proklamationen der klassischen liberalen politischen Philosophie werden bekräftigt. So sind die einzigen Orte, die für die Bürgerin als sicher deklariert werden, die Grenzen der Immobilie, die sie besitzt oder mietet; der Arbeitsplatz (welcher heutzutage häufig mit dem Zuhause verschmilzt); oder der Konsumort (der Supermarkt, das Einkaufszentrum, etc.); während unsere Erlösung in der Isolation liegt, darin nur an uns selbst und die eigene Familie zu denken und jede*n andere*n als Bedrohung zu behandeln (Internalisierung des „Social Distancing“). Gemäß den selben Verlautbarungen sind die einzigen „gesunden“ Sozialbeziehungen jene innerhalb der bourgeoisen Kernfamilie; oder mit der Arbeit verbunden. Die Gruppe, das Kollektiv und jede Form der Selbstorganisierung, die nicht unter diese Kategorien fällt, die von der Obrigkeit als repräsentativ für die „Zivilgesellschaft“  anerkannt werden, sind eine Bedrohung für das Wohlergehen der Gesellschaft, ein Infektionsherd.
    • Die Hauptzielsetzungen im Leben sind „Sicherheit“ und „Komfort“: die „Sicherheit“, die von der Obrigkeit und dem Gesetz gesichert wird; und der „Komfort“, den die kapitalistischen Kreisläufe aus Arbeit-Konsum-Freizeit verschaffen. Als solche können die begehrenswertesten Dinge im Leben nur durch Gehorsam gegenüber den Regeln der offiziellen Realität erhalten werden. Einschränkungen, Bestrafungen und Kontrollen sind eine Form des Schutzes unserer Privilegien als Bürger*innen der Metropole.
  • Ein solches Funktionieren des „Safe Spaces“ des Bürgers ist nach der Zelle in der Knastwirtschaft modelliert.
  • Diese Zusammenführung der Säulen der liberalen „Freiheit“ stimuliert einen weiteren Schriftt in Richtung eines faschistischen Modells der sozialen Organisierung, wo „Allgemeinwohl“ Kontrolle bedeutet, „Verantwortung“ Gehorsam und „Solidarität“ bedeutet, das Vater-/Mutterland gegen Bedrohungen zu verteidigen. So wird biopolitischer Absolutismus nahtlos dort errichtet, wo vorher „weiche“ Biopolitik herrschte, was mich an die typisch europäischen Schwankungen zwischen „Liberalismus“ und „Faschismus“ erinnert, von der die bourgeoise Ordnung versucht uns zu überzeugen, dass es sich um Antagonisten handelt, welche aber tatsächlich zwei synergetische Aspekte des modernen Regierens sind, das seine Kreuzzüge für die „Freiheit und Gleichheit (von weißen reichen Männern)“ mit kolonialen und heimischen Massakern beginnt und das sich bis heute auf immer ähnliche Weise fortsetzt.
  • So viele von uns haben sich an die Autoritäten gewandt – an den Staat, die medizinische Kaste, die Polizei, Unternehmen, etc. –, um Führung und Erlösung zu finden. So viele haben, mit paranoider Erregung, die herrschende Version der Realität verinnerlicht und sich an Übertragungen der Macht gewandt, an Kanäle, durch welche die herrschenden Diskurse zirkulieren. Sie starren fieberhaft auf ihre Bildschirme und wiederholen wie Papageien die offiziellen Mantras und Rituale: „Charakteristika des Coronavirus, Morbidität, Mortalität, Inzidenz, Virulenz, Symptomatologie, Prävention, Schutz, sanitäre Versorgung, Sicherheitsmaßnahmen, Selbstquarantäne, tu dies, vermeide das… Italien, die Wirtschaft, Wachstum/Rückgang, das BIP, Arbeit, Schulden, Fördermittel, Corona-Finanzpakete…“ Alle anderen Realitäten wurden von dieser offiziellen Realität verschluckt, die mit epidemiologischen Daten um sich wirft und Anweisungen ruft. Unsere rasante Verwandlung in Bauchrednerpuppen ist ein Zeichen für unsere Abhängigkeit von der Führung der elterlichen Stimme und des elterlichen Blicks.
  • Doch für die Handvoll an Leuten, die sich weigern, dass ihre Vorstellungskraft von den hypnotischen Mechanismen der biopolitischen Kontrolle kolononisiert wird und die, anstatt Gehorsam zu genießen, weiterhin darüber nachdenken, wie man den Konzentrationslagern der liberalen Demokratie entkommen kann, sind diese die richtigen Momente, um die Form und die Stärke unserer Autonomie kennenzulernen und im Gehen neue Pfade zu erkunden.

Anmerkungen der*s Autors*in

[1] Im modernen Staatsdiskurs kann die „Gesundheit“ einer Nation viele Formen annehmen, nicht nur die der „öffentlichen Gesundheit“; es können „die Wirtschaft“, „der Wohlstand“, „die Kultur“, „die Werte“, „das soziale Gefüge“, „die Institutionen“, „die Gesellschaftsordnung“, „Frieden“, „Sicherheit“ usw. gemeint sein, ein ganzer Strauß an hohlen Begriffen, die versuchen, der Gnadenlosigkeit biopolitischer Herrschaft einen hübschen Mantel umzuhängen.

[2] Kinder sind nicht per se infantil, aber die bourgeoise Ordnung hat ein unentrinnbares Netzwerk an Mechanismen und Institutionen errichtet, um sie gewaltsam zu infantilisieren. Ich beziehe mich auf das gigantische „Dispositiv des Kindes“, das, von den abstrakteren Fantasien über die Reinheit, Unschuld und „Natürlichkeit“ von Kindern zu Kinderspielzeugen und -filmen, von der Entwicklungspsychologie zu Erziehungsratgebern und von Erziehungsinstitutionen bis zu Gesetzbüchern, nicht nur die westliche Ideologie über das Kind reguliert, sondern auch die Subjektivität von Eltern und Kindern. Die Widersprüche dieser Ideologie sind interessant: zum Beispiel definiert die liberale Gesetzgebung Kinder als unfähig rationale Entscheidungen zu treffen, als zu Selbstständigkeit nicht in der Lage und als abhängig von den Ressourcen und der Erfahrung von erwachsenen Experten (woraus dann das Fehlen legaler Verantwortlichkeit bei Kindern folgt, ebenso wie die Erforderlichkeit eines erwachsenen Vormunds, Zensur, Altersbeschränkungen, Schutzalter, etc); und gleichzeitig versucht dieselbe westliche Ideologie jede_n davon zu überzeugen, dass Kinder frei, autonom und in der Lage sein sollten ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, etc.

[3] Ich verwende „Genuss“ auf die Art, wie es einige psychoanalytische Texte tun, um eine Form der „libidinösen Intensität“ oder „Erregung“ zu benennen, die, wenn auch ritualisiert und süchtig machend, weder angenehm noch vollkommen bewusst sein muss. Genuss ist meiner Meinung nach eng von Dispositiven der Kontrolle beherrscht, ja, diese Form der Kontrolle ist tatsächlich die Hauptinnovation der Regierung in den letzten zwei Jahrhunderten gewesen.

Anmerkungen der Übersetzung

[*] Der Begriff „Dispositiv“ wurde von Foucault zum Zwecke der Analyse entwickelt. Er dient dazu, ein bestimmtes Verhalten, einen Diskurs oder ein bestimmtes Selbstverhältnis zu fokussieren und nach seiner jeweiligen Akzeptanz zu fragen. Das Dispositiv koordiniert Machtbeziehungen. Es besteht aus einer Vielzahl unterschiedlicher Elemente wie Aussagen, Regeln, Praktiken, Institutionen etc.  Der zentrale Effekt dieser Koordination von Machtbeziehungen ist, dass zu Diskursen angereizt wird, die ein bestimmtes Wissen erzeugen. Dieses Wissen bringt Individuen dazu, sich auf bestimmte Weise zu denken und sich auf bestimmte Weise zur Welt und zu sich selbst zu verhalten.

 

Von M.E.K.A.N. Übersetzt aus dem Englischen. Originaltitel: Ecstasy in the Time of the Cholera, September 2020, veröffentlicht bei Pagini Libere.

Angriffe auf die technologische Herrschaft

20.11. Provinz von Verona (Italien) Vier Funkmasten (Mobilfunk-, Rundfunk-, Fernsehen) werden mit Farbe attackiert.
30.11. Montreal Island (Kanada) Mehrere autonome Gruppen unterbrechen den Schienenverkehr in der Gegend von Montreal Island. Es werden „Jumper“-Kabel verwendet, die das Signal geben, dass gerade ein Güterzug vorbeifährt, wodurch das Schienennetz an mehreren Schlüsselverbindungen gestört wird. „Arterien, die den Fluss des Kapitals durch den Kontinent ermöglichen, Wege zum Transport von Bitumen und anderen Produkten der Ressourcenausbeutung, Kolonisierung und des Todes. Schienen sind schon immer das Instrument kolonialer Expansion gewesen.“
04.12. British Columbia (Kanada) Sabotage eines Strommastes durch das Lockern einiger Bolzen und das Durchtrennen eines Abspannseils, die Stromlinie dient u. a. auch dazu eine im Bau befindlichen Anlage von LNG Canada (Verflüssigung von Erdgas) mit Strom zu versorgen.
15.12. Narasapura (Indien) Ein Aufstand erschüttert die Wistron IPhone-Fabrik in Narasapura. Fast 2000 Arbeiter*innen begehren dagegen auf nicht den vereinbarten Lohn ausgezahlt bekommen zu haben. Arbeiter*innen legen Feuer, beschädigen Maschinen, werfen Fenster ein und Autos auf dem Parkplatz um. Autos werden angezündet und tausende IPhones entwendet. Der Aufstand zwingt die Fabrik dazu zwei Wochen lang ihre Produktion einzustellen.
31.12. Berlin Während eines nächtlichen Spaziergangs wird ein E-Scooter angezündet und die Fassade des Berliner Firmengebäudes des Software-Konzerns SAP mithilfe von Hammerschlägen zertrümmert.
04.01. Saint-Pierre-la-Palud (Frankreich) Ein Funkmast wird angezündet. Ironischerweise wird durch diesen Brandanschlag das Alarmsystem der lokalen Feuerwehr in acht Kasernen gestört. Die Polizei erklärt, dass das Kabel zwischen dem Mast und der technischen Basisstation Feuer gefangen hätte.

[Massif de l’Étoile] Rundfunkantenne abgefackelt

In der Nacht vom 30. November auf den 1. Dezember 2020 wurde die Rundfunkantenne des französischen Telekommunikationsunternehmens TDF im Massif de l’Étoile in der Nähe von Marseille angezündet. Eine Niederspannungs-Hauptverteiler-Anlage am Fuß der Antenne war in Brand gesetzt worden, nachdem Personen die Tür zur Stromanlage aufgebrochen hatten. Das Feuer hatte sich von dort aus über die „Feeder“ – sehr dicke, schwarze Kabel – an der Antenne hochgefressen. 3,5 Millionen Menschen im französischen Südosten konnten daraufhin 2-3 Tage lang weder Fernsehen noch Radio empfangen. Auch beim 3G- und 4G-Mobilfunk kam es zu Störungen. Bis heute gibt es Einschränkungen im Empfang von Fernsehen und Radio und es wird geschätzt, dass es noch bis zu ein Jahr dauern könne, bis alle Schäden behoben seien. Das Unternehmen TDF betont auf seiner Webseite, dass es so schnell arbeite wie nur irgendwie möglich, da „in der aktuellen gesundheitlichen Lage […] unser Angebot mehr denn je unentbehrlich für die Bevölkerung“ sei. Die 150 Meter hohe Antenne im Massif de l’Étoile ist die zweitwichtigste Antenne in Frankreich. Laut TDF sind seit 2017 über vierzig Masten des Unternehmens sabotiert worden. Momentan investiert TDF „in enger Zusammenarbeit mit dem Staat“ 18 Millionen Euro, um seine Standorte sicherer zu machen.

Sylvester in Corona-Zeiten – einige Schlaglichter

Berlin

„Eigentlich zog ich den Silvesterabend los, um dieses FCK 2020 nicht auch noch in der von Staat und Bullen angeordneten „Wohnhaft“ verbringen zu müssen. Also rechtzeitig auf zum Kotti zur nächsten „Böller Verbotszone“ Hermannplatz. Erwartet habe ich großartig nichts. Rund um den Kotti haben sich jede Menge Bullen positioniert, Lautsprecher- und Kamerawagen in Position, Hubschrauber in der Luft. Es ist weniger los als an anderen Silvester Nächten, dennoch ist der Kiez nicht wie im ersten Lockdown so erschreckend tot, Menschen sind draußen unterwegs, es böllert, Raketen fliegen. Kurz vor Mitternacht rumst es richtig Kottbusser Damm, Wannen rauschen hektisch heran, plötzlich viel Bewegung im Kiez, der showdown beginnt. Behelmte Bullen versuchen in die Sanderstraße einzudringen und stoßen auf massive Gegenwehr: Böller, Raketen, Flaschen, Steine fliegen, sie ziehen sich zurück, gehen nicht weiter gegen die Menschen in der Straße vor. Knapp eine Stunde prasselt ein mächtiges lautes Feuerwerk, Versuche sich der Ungehorsamen zu bemächtigen werden erfolgreich abgewehrt, hier und da sah man in der Dunkelheit auch mal einen Mollie fliegen. Anwohner*innen kommen vermehrt aus den Häusern, klatschen Beifall, genießen das Feuerwerk, genießen diesen Moment. So plötzlich wie es begann, war es dann auch wieder schlagartig vorbei.“

Wien

Nachdem es zu etlichen Sachbeschädigungen durch pyrotechnische Gegenstände in der Gegend um den Reumannplatz gekommen war, rückte die Polizei zu einem Großeinsatz aus. Der Mob beschoss Beamte mit Raketen bzw. Böllern, es kam zu neun vorübergehenden Festnahmen. Die Randalierer schlugen u. a. eine Auslagenscheibe eines Juweliers, eines Bäckers und Eissalons ein. Auch etliche Mülltonnen, Zeitungsständer, Auslagenscheiben, Bänke, Kaugummiautomaten sowie Fensterscheiben durch pyrotechnische Gegenstände zerstört wurden. Weiters wurde ein Christbaum in Benzin getränkt.

Lieuron (Bretagne, Frankreich)

In Lieuron ist eine illegale Techno-Party eskaliert. 2500 Menschen hatten sich Donnerstagabend dort zur Silvester-Party getroffen. Als die Polizei anrückte, um die Party aufzulösen, drehten die Feiernden durch. Die Feiernden warfen Steine und Flaschen auf Beamte, einige Sicherheitskräfte wurden verletzt. Ein Polizeiauto wurde in Brand gesetzt, drei weitere schwer beschädigt. Die Polizei zog sich zurück – und die Raver feierten den ganzen Freitag hindurch weiter. Erst am Samstagmorgen endete die Party.

Eingestallt …

Gedanken über Einsperrung, Technologie und reale Beziehungen

(Geschrieben vor der Ankündigung der gegenwärtigen zweiten Welle der Masseneinsperrung, denke ich dass diese Gedanken trotzdem einen gewissen aktuellen wie auch bleibenden Wert haben könnten.)

I

Während der Zuschauer gebannt auf exponentielle Kurven blickte, und sich dabei seine Angst-Lust auf Apokalypse nicht eingestehen durfte, diente er der Macht in der Durchsetzung ihrer feuchten Träume, welche bisher wenige Diktatoren sich erfüllen konnten. Die exponentielle Kurve kam nie zum Höhepunkt, die Katharsis blieb hinausgezögert und der Weltuntergang liess auf sich warten… Kann der Zuschauer so befriedigt sein?

Die strikte Anordnung zur Abwesenheit, lockdown, hat den öffentlichen Beweis der kompletten Aushöhlung des sozialen Lebens erbracht, auf eine Art erbracht, die sogar jene, welche sie immer konstatiert haben, schockieren musste.

Gebannt auf ihre Bildschirme blickend, betrachteten die Zuschauer, wie sie sich selbst anfeuern, zuhause zu bleiben. Die Antiquitiertheit der Masse, der organisierte soziale Tod. Wenn die Türen verschlossen sind, ausser jene in die „virtuelle Welt“, eine kalte „Welt“, welche aus Bildschirmen und Kabeln und Geräten besteht – alle tot.

Wenn „Gesellschaft“ sich auf soziale menschliche Beziehungen basiert, so gibt es die Gesellschaft nicht mehr. Zwar mag ihre Keimzelle wieder zusammengeschweisst – widerlich zusammengeschweisst werden. Aber trotzdem sagt man mit gleicher Berechtigung, wie dass die Menschen in Gesellschaft leben würden, dass sie in Technologie „miteinander“ leben. Das natürlich nicht erst seit gestern. Aber: eben auch noch nicht so.

Die Utopie des Kapitals, eine von grundauf neue Gesellschaft zu erschaffen und sämtliche nicht es selbst seiende Sozietät zu zerstören, abzulösen… vor unseren Augen geht dieses Projekt seiner Verwirklichung entgegen. „Smart planet“? Ein realistischer Vorschlag…

II

Der Pessimismus ist naheliegend. Die Beschleunigung, welche die Macht sich durch diesen rupturistischen Schock gegeben hat, ist enorm. Aber es kann auch gesagt werden: der Punkt ist erreicht, wo man weniger spekulieren muss. Die Macht ist jedem freien Leben feindlich. Überhaupt lebensfeindlich. Die einzigen Einheiten die sie noch akzeptiert, sind jene, welche zu ihrer Reproduktion nötig sind. Und auch das ist wohl noch ein Manko. Dass unvermittelte menschliche Beziehungen überhaupt noch nötig sind – unpraktisch, hält es doch vom kompletten Sprung ins Posthumane noch zurück.

Arbeit, Konsum, Familie und Sport… der Rest ist von nun an ganz offiziell „zur Zeit erlaubt“, will heissen, auf Bewährung. Wobei die Bewährung welche der verwalteten Masse namens Bevölkerung gegeben wird, von dieser nicht eingehalten werden kann, in jenem Sinne, dass sie nicht weiss, was denn der Bewährungsbruch genau wäre (alles könnte einer sein). Selbst der kompletteste Gehorsam garantiert nichts, vor allem nicht, dass nicht ein nächster „Grund“ (und sei es derselbe) erschaffen werden könnte. Betrachtet man sich die gegenwärtige Schöpfung, so ist es klar, das jede Absurdität, die bis vor kurzem noch als normaler Bestandteil menschlichen Lebens gegolten hat, zur Begründung jeder noch so absurden Anordnung herbeigezogen werden kann. Aber auch das ist nichts Neues.

III

Es ist langweilig, bei den Philosophen des Ausnahmezustands um Rat zu suchen. Rechtsstaatlichkeit oder nicht, all dieser Quatsch. Wortspielereien über den wahren und den falschen Ausnahmezustand.
Die technologische Entwicklung geht voran, und die Menschheit, die in dieser Technologie lebt, wird ihr mehr und mehr angepasst oder passt sich ihr an. Wie herum auch immer. Der Horizont, die Totalität dieses Systems zu zerstören, ist unausweichlich. Die Situation, die die Macht geschaffen hat, und in welcher sie sich auch nicht ganz ungefährlich exponiert hat, macht die herrschende Totalität mehr als je sicht- und fühlbar. Sie war für einen Moment nicht zu ignorieren. Es geht nicht um Teilaspekte.

Diesen Moment zu überdecken, zu rechtfertigen und als solchen vergessen zu machen, ist was für die Macht jetzt nötig ist. Die Operation, welche bisher erfolgreich verlief, wird unangenehme Gefühle hinterlassen. Wenn die Anästhesie nicht mehr wirkt, der Höhepunkt des Enthusiasmus verstrichen ist, steht alles ein bisschen auf wackeligen Beinen. Der neue Konsens ist noch nicht ganz stabil.
Im Übrigen ist es kein neuer Konsens, sondern der alte, ohnehin immer bröckelnde, stetig neu zu erschaffende. Nur dass hinzugefügt wird, dass die Macht so weit gehen kann. Das finden noch nicht alle gut. Sie haben eine andere Meinung. Ein bisschen wird sie zwar unterdrückt, aber ebenso klar ist es, dass die Bereitstellung einer falschen Opposition bereits ganz gut gelungen ist. – Die Revolte kommt woanders her…

IV

Irgendwie kommt es mir vor, als würde ich hier Teils uralte Neuigkeiten auffrischen. Es soll hier dem Leser nicht der Gedanke kommen, als wäre „vor Corona“ irgendwie die staatlich-technologische Gefängnisgesellschaft noch nicht gewesen. Die Neigung ist naheliegend, sich bequem auf so eine falsche Vorstellung zurückzuziehen. Doch es würde zu einem höchst oberflächlichen Denken führen, würden einige Aussagen in diesem Text als Überraschungen und Neuheiten dargestellt werden. Der Schritt des lockdowns ist eigentlich ein logischer Bestandteil des technologischen Prozesses, und kann auch nur als solcher verstanden werden. Viele frühere Analysen (anarchistische, aber auch philosophische wie etwa die von Günther Anders) zeigen: was heute offensichtlich und allzu wortwörtlich geschieht, konnte schon als Beschreibung mindestens der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts angewandt werden. Was hat das zu bedeuten?

Während damals gewisse Thesen als Übertreibung gelten konnten, steht man heute mit einigem Befremden vor der Tatsache, dass das alles tatsächlich jetzt so kommt. Aber eigentlich müsste gesagt werden: es war bereits so, nur hat man zu wenig tief geblickt. Und gerade dieses Abrutschen in die Behauptung der Neuigkeit, der ausschliesslichen Beschreibung des Neuen als Neues statt als Ergebnis der Vergangenheit und Kontinuität lässt Platz für ein oberflächliches Denken und eine falsche Kritik, welche einen das Vorhergegangene zurückwünschen lässt.

Natürlich ist es wahr, dass es „vorher noch nicht so war“. Mindestens ebenso wahr ist es aber, dass es vorher „auch schon so war“.

V

Es fällt schwer, klar zu sehen. Vielleicht noch schwerer, klar sehen zu wollen.

Es ist vielleicht bequem, sich berieseln zu lassen, und irgendeine Nische in dieser Verschärfung der technologischen Realität zu suchen. Und sind wir nicht alle schon darin? Sind wir nicht alle schon beduselt?

Der Prozess der Derealisierung, als welcher das beschrieben werden kann (und welcher ebensogut als die Realisierung der Technologie beschrieben werden könnte), der menschlichen Derealisierung, er geht vor sich und wir befinden uns nicht ausserhalb davon.
Wie auch?

Auch wir leben in der Technologie. Und das nicht mehr oder weniger, je nach dem, wieviele Geräte wir benutzen oder nichtbenutzen. Womit nicht gesagt sei, dass für die Realisierung, die Verwirklichung des eigenen Aufstands nicht eine gewisse Distanz zur Gerätewelt hilfreich sei. Denn das Aufständische, und vor allem die soziale Revolution, welche der Beginn der Verwirklichung menschlicher Beziehungen… wäre, ist letztlich nichts wirklich über Gerätschaften vermittelbares. Übrigens auch nicht über dieses damit bedruckte Papier.

Das Schwierige ist nur: wie lassen sich solche menschlichen Beziehungen innerhalb der Technologie verwirklichen? Und die Antwort wäre: gar nicht.

Vielmehr ist es gerade, allen Gerüchten und falschen Behauptungen zum Trotz, die reale menschliche Präsenz und Diskussion welche jeden Aufstand ausmacht. Und dass der Aufstand heute in der Technologie stattfindet, und zwar dermassen, dass darin die technologische Kommunikation eine Rolle spielt, sollte nicht zum Fehler verleiten, dass die Geräte, die dabei auch benutzt werden, etwa diesen Aufstand ausmachen würden. Vielmehr macht es den Aufstand gerade aus, dass er sich aus der Technologie herausbewegt. Das zwar immer noch innerhalb der Technologie, aber im Widerspruch zur technologischen Realität. Ein Widerspruch, dessen Bewusstwerdung leider oft auf sich warten lässt, weshalb die gegenwärtigen sozialen Aufstände zumeist vor dieser Frage halt machen. Praktisch halt machen. Während die Mächtigen sich der Situation durchaus bewusst sind, wenn man ihr Geschwafel über „kritische Infrastruktur“ betrachtet.

VI

Die Technologie ist allgegenwärtig. Sie verwirklicht mittlerweile fast alle fantastischen Attribute die man früher der Fiktion von Göttern unterschob (allsehend, ins All fliegend, Alles zerstörend, jede Fantasie abbildend, Telepathie, etc.), und es könnte behauptet werden, dass sie die Verwirklichung der Fantasie des allmächtigen und einzigen christlichen Gottes sei. Die Fiktion „die Menschheit“ bedient dabei die Möglichkeit der Menschen, sich mit der Erschaffung der Technologie zu identifizieren. Allerdings ist es nicht so, als wäre sie unser Diener. Ebensowenig ist sie das Produkt „des Menschen“, sondern spezifischer Menschen und spezifischer Verhältnisse unter ihnen.

Es ist natürlich klar, dass es nicht nur Technologie gibt. Aber die Expansion der Technologie, welche – um gewisse Leute zufriedenzustellen – auch als Expansion der Ware beschrieben werden kann, geht potentiell ins Unendliche. Während sie jetzt schon überall ist, durch alle hindurchgeht und hinein, so kann sie das in Zukunft noch mehr tun. Das ist ihre Expansion. Unsere permanente Entmenschlichung.

VII

Gibt es ein Ausweichen vor der Frage der Zerstörung? Natürlich. Aber worin besteht es? In einer gedanklichen Unehrlichkeit und einer gewissen Form von Feigheit.

Ist die bestehende Totalität der Herrschaft schlimmer als vergangene oder gar besser? Die Frage bleibt irrelevant. Sie ist jene, mit der wir uns auseinanderzusetzen haben. Warum, das weiss jeder, der es bereits tut…

Wenn wir innerhalb einer künstlich erschaffenen Umwelt leben, welche von anderen kontrolliert wird und so gebaut ist, dass sie nur auf diese hierarchische Art und Weise kontrolliert werden kann – was bleibt anderes, als diese zu zerstören? Die Unterwerfung und die Akzeptanz.

Die bestehenden Städte, die Infrastruktur, die „virtuelle Realität“, Konsum und Arbeit, Familie und Wohnung – sie beweisen sich als die Grundlagen der realen Gefängnisgesellschaft. Sie zu zerstören, abzubrennen, zu demolieren und zu verlassen ist der einzige Ausweg der bleibt. Die restlichen Wege sind verschlossen, oder führen nur weiter in die Technologie herein.

VIII

Drei Optionen haben sich während der letzten Zeit immer differenzierter am gesellschaftlichen Horizont gezeigt:

a) totaler Gehorsam, stayathome, etc…
b) Demonstrieren und zurücksehnen der alten Rechtsstaatlichkeit – eine illusionäre und kontrollierbare Form des Protests, uninteressant, domestiziert und langweilig…
c) Krawall, Plündern, individuelle und kollektive Brandstiftung – ein schüchterner Anfang…

Der Rest ist nur das Fass, das kurz vor dem Überlaufen ist.
Wann, wenn nicht jetzt?
Wollt ihr auf ewig zuhause vergammeln?
Wollt ihr euch wie Vieh in den Stall treiben lassen?

 

Superspreader

Fahrzeugbrände in Schwabing und Untergiesing

In der Nacht auf Samstag, den 26. Dezember brannte in der Teutoburger Straße ein Lastwagen vollständig aus. Die Brandursache ist laut Medien unklar, ebenso wem dieser LKW gehörte. Bereits am 16. Dezember brannten in der Giselherstraße in Schwabing ebenfalls zwei PKW jeweils „im vorderen Bereich“ aus. Auch hier verschweigen die Medien, wem die Fahrzeuge gehörten. Spontane Selbstentfachung bei Münchner Fahrzeugen? Oder eher ein Hinweis darauf, dass diese Fahrzeuge die Wut motivierter Menschen traf?

Welche Firmen könnte eine solche Wut im wahrsten Sinne des Wortes entfachen? Tatsächlich wahrscheinlich fast jede, doch gibt es sicherlich einige, die da einen besonderen Stellenwert einnehmen. Logistikunternehmen etwa, die Kriegsgeräte transportieren wie DB Schenker. Das Technische Hilfswerk, das immer zur Stelle ist, um den Cops logistisch zur Seite zu stehen. Oder aber Firmen, die Überwachungstechnik und sonstige Technik zur gezielten Kontrolle und Unterwerfung von Menschen entwickeln und herstellen wie etwa Bosch oder Rohde & Schwarz. Firmen, die am Ausbau des technologischen Panoptikons beteiligt sind wie die Telekom, Vodafone und natürlich an vorderster Front Google, denen übrigens mal ein 15 Meter langer Truck im Juni 2019 in Frankfurt ausbrannte. Firmen, die direkt an der Überwachung und Kontrolle von Menschen arbeiten wie private Sicherheitsfirmen, wo einem*r natürlich sofort Securitas und Ehrl einfallen. Oder wie wäre es mit Firmen, die sich am Knastsystem bereichern, indem sie Gefangene zu Hungerlöhnen Akkordarbeit verrichten lassen wie BMW oder Siemens. Firmen, die Knäste bauen, wie es Züblin und VINCI tun. Oder auch große Immobilienfirmen, die für horrende Mieten und den besonders repressiven Umgang gegenüber Mieter*innen bekannt sind wie zum Beispiel Vonovia.  Wenn man etwas länger darüber nachdenkt und evtl. noch etwas recherchiert, gibt es tausende Firmen, die an der Verfeinerung der Unterwerfung des Menschen ihren Anteil haben. Und wie es der Zufall so will, ist deren Fuhrpark häufig vollkommen schutzlos all jenen ausgeliefert, die den Schutz der Dunkelheit und die dank nächtlicher Ausgangssperre menschenleeren Straßen dafür zu nutzen wissen, ihrer Wut für einen Moment etwas Linderung zu verschaffen. Häufig werden übrigens einfache Grillanzünder aus dem Supermarkt auf die Vorderreifen gelegt, um ein Fahrzeug in Brand zu setzen. Das Gummi eines Reifens brennt nämlich wie Sau! Bei LKWs (auch bei PKWs natürlich) ist es allerdings ratsam, vorher zu überprüfen, ob auch niemand darin schläft.

Update vom 23.01.2021: Bei den beiden Autos in Schwabing handelte es sich um Fahrzeuge der Firmen Dussmann und Vonovia, der brennende LKW in der Teutoburgerstraße gehörte einst zur Firma BauWatch, einem Anbieter für Videoüberwachung auf Baustellen.

„Gutes Fernsehen“: ein Hindernis dafür unregierbar zu werden

Kurze Vorbemerkung des Übersetzers:

Während des Stay-at-Home-Diktats ist es verlockend seine Zeit risikolos mit endlosem Netflix-, Amazon-Prime-, Hulu-, etc. Konsum auf- und auszufüllen. Ein nie enden wollender Stream an Serien ermöglicht es eine:r sich von den Maßnahmen und der eigenen – meist freiwilligen – Unterwerfung abzulenken. Man hockt vereinzelt daheim vor dem Bildschirm, während man innerlich, sozial und emotional verkümmert. Wer dabei immer noch glaubt, dass es ein Zurück zur „alten Normalität“ geben wird, kann nur noch als naiv bezeichnet werden. Eine gesamtgesellschaftliche Umstrukturierung ist im Gange hin zu einem kybernetischen, planetaren Freiluftgefängnis und wer jetzt ausschließlich daheim lungert und sich Serien ballert, stimmt zu. Hier geht es nicht um eine moralische Verurteilung, sondern um ein nüchternes Festhalten von Tatsachen. Und wenn wir nicht nur von Freiheit schwätzen, sondern diese auch erringen wollen, gilt es diese Umstrukturierung zu konfrontieren. Ein erster Schritt für viele könnte ein Bruch mit dem sein, was im nachfolgenden Text als „gutes Fernsehen“ beschrieben wird.


„Unregierbar werden“ [„Become ungovernable“] ist eine Parole, die Anarchist:innen dieser Tage gerne verwenden. Es klingt cool und passt zur anarchistischen Ästhetik von Revolte und spektakulärem Konflikt. Es bedeutet unmittelbar nicht viel, aber das ist ihre Schönheit, denn die Bedeutung verschiebt sich mit jeder Person und den Besonderheiten ihres Lebens. Mit keiner Revolution, stattdessen aber Umweltkatastrophen, Staatsgewalt und Amokläufen am Horizont, liefert die Parole einen Pfad nach vorne anstatt in Anbetracht auf unsere no-future Zukunft zu verzweifeln: sich der Unterwerfung gegenüber dem Gesetz, der Pflicht und der Passivität des alltäglichen Lebens zu verweigern.

Aber, unregierbar „werden“? Wie in „dein eigenes Leben in ein Unregiertes verwandeln“? Das ist es, wo die Dinge schwierig werden. Der Kapitalismus und die Technologie, die durch ihn entwickelt wurde, haben Umstände geschaffen, die die Schaffung langfristiger Lebensgewohnheiten außerhalb von Passivität und Konsumieren nahezu verunmöglichen. Die Spielzeuge der Informationstechnologie sind klein, aber enthalten Terabytes an Ablenkung, immer die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer:innen zu sich hinziehend, wie das massive Gravitationsfeld eines kleinen schwarzen Loches. Selbst die Energieschübe eines spektakulären Moments der Krise, die durch den Kapitalismus hervorgerufen wurde, mag die Leute kurzzeitig von ihrer täglichen Tech-Routine abbringen, für Tage, Wochen oder sogar Monate, aber das System hat Werkzeuge, um die Leute wieder zurückzuziehen. Es gäbe hier eine Menge zu untersuchen, aber dieser Artikel beschäftigt sich nur mit einem Element: „gutem Fernsehen“.

Wir leben in der Ära des „guten Fernsehens“ oder der „goldenen Ära des Fernsehens“, einem relativ neuen Phänomen, wo Fernseh-Serien als intelligent, packend und sogar als künstlerische Arbeiten angepriesen werden. Bis ins letzte Jahrzehnt hatte der „Flimmerkasten“ gewissermaßen einen schlechten Ruf. Während die meisten der Masse von ihm eingesogen wurden, wie sie es heute auch sind, schien es, dass die Leute damals zumindest wussten, dass es eine geistlose Unterhaltung war und verdrehten ihre Augen gegenüber dem eingespielten Lachen im Hintergrund, den Spieleshows und der Gefühlsduselei.

Da das Fernsehen in aller erster Linie ein Vehikel für die Werbung war, wurden die Shows so gestaltet, dass sie dem kleinsten gemeinsamen Nenner entsprachen und deshalb die unkontroverseste und normativste Porträtierung der Charaktere und des Lebens enthielt. Sie zeigten fast ausschließlich attraktive weiße Schauspieler:innen, die statische und eindimensionale Klischeecharaktere spielten. Mit dem „guten Fernsehen“ haben die Shows überzeugende fortlaufende Geschichten, Komödien wurden schärfer und Charaktere haben ein weiteres Spektrum an Emotionen und sind nicht mehr länger nur weiße heterosexuelle Personen. Zusätzlich werden Nischenzuseherschaften mit subkulturellen Anekdoten, politischen Witzen, Ästhetik und Ton geködert, was es den Zuseher:innen ermöglicht, sich leichter mit spezifischen Serien zu identifizieren. In anderen Worten: Das Ansehen des Fernsehens ist in die Höhe gegangen und Fernsehen wird damit nicht mehr als etwas angesehen, das vermieden werden sollte.

Die „gute“ Qualität der Programme ging in die Höhe mit dem Erfolg von HBOs „The Sopranos“ und „The Wire“ in den frühen 2000ern. Die düsteren und stimmungsvollen Sopranos nutzten subtile literarische Techniken und komplexen Symbolismus, während sie Geschichten über das organisierte Verbrechen erzählten, als Metaphern und Kritiken des gegenwärtigen amerikanischen Lebens. The Wire, ähnlich pessimistisch, beschrieb detailliert die Lügen und Widersprüche rund um den Drogenkrieg im urbanen Amerika, um aufzuzeigen, wie schwierig und naiv Reformversuche sein können. Die Sopranos waren ein kommerzieller Erfolg, The Wire zwar nicht so sehr außerhalb liberaler und akademischer Kreise, jedoch demonstrierten diese beiden Serien der Fernsehindustrie, dass Zuseher:innen an Serien interessiert waren, die einen Aufwand beinhalteten und eine Sorgfalt, die in sie gesteckt wurde und damit mehr als nur geistlose Unterhaltung. Folglich wurden Serien wie True Detektive produziert, die unzählige literarische und philosophische Quellen und Referenzen aufweisen.

Auch wenn sie nicht immer so tiefgründig sind wie The Sopranos oder The Wire, hat es seither eine Verbreitung von Serien gegeben, welche fortlaufende Geschichten erzählen, wie die Soap-Opern der Vergangenheit, nur mit viel mehr Sorgfalt, die in die Ausarbeitung der Charaktere und den Plot gesteckt wird, genauso wie ein höheres Budget für das Gestalten der Kulisse und das Anstellen der Schauspieler:innen. Im Gegensatz zu episodischen Serien, wo alles mehr oder weniger am Ende der Folge zum Normalzustand zurückkehrt, sind diese Serien ähnlich einem Buch, wo jede Folge ein Kapitel darstellt. Episoden hören oft mit einem Cliffhanger auf oder mit einem dramatischen Moment, der eine große Aufregung kreiert und damit Vorfreude auf die nächste Folge schafft. Oder sie werden auf einen Schlag als Staffel veröffentlicht, damit man sie „binge-watchen“ kann. Verglichen mit deinem banalen jedoch sorgenvollen Leben unter dem techno-industriellen Kapitalismus geben diese Serien mit ihren fortlaufenden Geschichten der Zuseher:in eine eskapistische Fantasie eines Lebens als Abenteuer, jedoch von der Sicherheit des Schlafzimmers oder der Couch.

Wahrscheinlich resultierend vom unmittelbaren Feedback der Zuseher:innen in Internetforen und in den sozialen Medien haben Marktforscher:innen die Inhalte für die Medienunternehmen verfeinert, sowohl, was sie in der Vergangenheit schlecht gemacht haben, als auch, wie sie Serien für spezifische Demographien stricken müssen. Zusätzlich wurden Kulturkritiken integriert, die von Akademiker:innen in den 90ern verfasst wurden und die ausführlich beschrieben, dass Serien und Filme rassistisch, homophob und sexistisch waren. Dieses Material, einschließlich der tumblr-Sphäre, in der Serien, anhand dieser Kriterien, praktisch in Echtzeit kritisiert werden, ist alles zugänglich für Marktforscher:innen, um es zu untersuchen und um so ihre Produkte der Generation der Millenials zu vermarkten, die sich für soziale Gerechtigkeit zu interessieren scheint. Das hat mittlerweile zu bestimmten Serien geführt, die jetzt einen höheren Prozentsatz an Schauspieler:innen of Color und queeren Charakteren haben, was ihre Anziehungskraft erweitern kann, besonders wenn eine jüngere Zuseherschaft geködert werden soll.

Für jene, die an der Befreiung von Unterdrückung, Ausbeutung und anderen Systemen der Kontrolle interessiert sind, ist gutes Fernsehen eine schlechte Nachricht. Das Fernsehen ist eine Technologie der sozialen Kontrolle und die Welt wäre ein besserer Ort, wenn sie zerstört wäre. Jedoch scheint es, als wie wenn das Gegenteil geschehen würde, und Leute zunehmend dahin gesogen werden einen signifikanten Teil ihrer Zeit damit zu verbringen, diese Serien zu schauen. Sei es gutes Fernsehen oder 90er Sitcoms, diese Technologie isoliert die Leute voneinander und folglich fördert sie die Einsamkeit und Angst im Kapitalismus. Serien rahmen [frame] diese Gesellschaft und all ihre ekelhaften Mechanismen und sozialen Beziehungen als natürlich. Und sie töten die Vorstellungskraft, indem sie uns in eine Position der Passivität zwingen, wo wir in einen Empfängermodus versetzt werden, während wir mit Bildern, Archetypen und Geschichten überflutet werden. Fernsehen ist schlecht als solches, und im besonderen, weil es Revolte verhindert und Leute davon abhält, tätig zu werden gegen die albtraumhafte Welt um sie herum.

Isolation und die Ideologie, die der Technologie inhärent ist.

Der Kapitalismus erzeugt Isolation. In keiner anderen Gesellschaft in der Geschichte haben die Menschen eine solche Trennung zwischen sich selbst und den anderen erfahren. Das liegt daran, dass getrennte Leute leichter zu kontrollieren sind. Wo Leute einander regelmäßig begegnen, existiert das Potential für eine Vielzahl an Interaktionen, Verhaltensweisen und Beziehungen, die sich über die Zeit entwickeln können. In diesen Räumen wird es möglich für Leute Vertrauen aufzubauen, sich über Frustrationen auszutauschen und vielleicht rebellische Akte gemeinsam durchzuführen. Streiks, Krawalle und das Aufbauen subversiver Bande braucht Räume, um sich zu entfalten. Es gibt einen Grund, wieso totalitäre Gesellschaften Gesetze einführen, die verbieten, dass sich mehr als eine gewisse Anzahl von Leuten in der Öffentlichkeit versammeln. Das Fernsehen ist das liberale demokratische Mittel für dieses Problem, in dem es Leute zu freiwilliger Isolation antreibt.

Das Kapital, das grob und vereinfacht definiert werden kann als „Geld, das in etwas investiert wird, um mehr Geld zu machen“, kolonisiert über die Zeit hinweg zunehmend die Welt und transformiert sie, damit die Investitionen profitabel sein können. Dieser Prozess involviert die Evolution der Technologien in eine Richtung, die den Status Quo unterstützt und die Gewohnheiten und kulturellen Normen zementiert, die von diesem Status profitieren. Wir kommen nach dem Arbeiten erschöpft nach Hause und die attraktivste Option ist es, auf der Couch zu kollabieren, vielleicht eine Beziehungsperson neben uns, während amüsierende Spektakel auf dem Bildschirm vorbeiziehen, bis wir schlafen gehen und unsere Körper wieder genug aufladen, um uns wieder in die Arbeit zu schleppen. Das ist nicht natürlich. Das ist die Umwelt, die über die Zeit dominant geworden ist, da sie für das Kapital nützlich ist – das ist der Kapitalismus.

Sich hinzusetzen und eine Serie zu schauen ist besonders verführerisch, da es tatsächlich keinerlei Aufwand erfordert. Es ist die einfachste Option Langeweile zu vertreiben und sich von Sorgen abzulenken. Im Gegensatz dazu erfordert das Sozialisieren mit anderen aktives Zuhören und emotionale Energie. Die Möglichkeit das Falsche zu sagen, sich zu blamieren oder verletzt und unglücklich zu werden durch etwas, das jemand sagt, besteht immer. Deshalb zieht uns das Fernsehen, das viel leichter zu handhaben ist, weg von den sozialen hin zu den getrennten privaten Welten.

Gutes Fernsehen tötet dabei die Kreativität, da es keinen Grund zu denken oder damit zu ringen gibt, was man mit seiner Zeit anstellen soll, wenn dich der Bildschirm immer mit unmittelbarer Unterhaltung verbinden kann. Das Fernsehen füllt die leeren Stellen in deiner täglichen Routine. Es gibt keine Dringlichkeit sich mit einer Gesellschaft zu konfrontieren, die alles zerstört durch Umweltkatastrophen, Krieg und Unterdrückung, da die Möglichkeit sich abzulenken oder uns leicht zu unterhalten immer besteht.

Die Leute verlieren rasant das Talent miteinander von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren. Diese Tendenz, die Jahrhunderte alt ist, wird schlimmer mit jeder Generation, mit der Zunahme der Vermittlung durch die Informationstechnologien. Es ist ein allgemeines kulturelles Trope zu bemerken, dass die Leute kaum wirklich miteinander kommunizieren. In unserer Zeit ist die Verlockung der vermittelnden Technologie oder der freiwilligen Isolation durch das Zuhausebleiben und Serienschauen ein Resultat und ein weiterer Grund für dieses Phänomen. Je unsicherer wir sind, desto mehr bleiben wir drinnen, je mehr wir drinnen bleiben, desto unsicherer werden wir.

Zusätzlich dazu, dass Leute in die Isolation gezogen werden, präsentieren das Fernsehen und ähnliche Medienformate, wie Filme, die Welt unhinterfragt, wie sie ist. Die Porträts des Lebens kopieren die Struktur unserer Leben, die wir jetzt leben und verstärken deshalb die Hegemonie dieser Lebensformen in unseren Köpfen. Das ist keine intentionale Strategie der Eliten, die sich das in einem verrauchten Hinterzimmer ausgemacht haben, sondern in die Technologie selbst eingeschrieben.

Das alltägliche Leben, soziale Beziehungen, Wertesysteme, Technologie und sogar die Geographie der Infrastruktur sind dem Kapitalismus spezifisch, zu dieser Stufe seiner Entwicklung. Die tagtägliche Erfahrung aufzuwachen, in die Arbeit zu fahren, zu arbeiten, nach Hause zu fahren, Netflix zu schauen und schlafen zu gehen, ist eine von Millionen möglichen Lebensformen, die existieren können. Der Kapitalismus hat die Welt kolonisiert und hält uns damit davon ab, fast jede andere mögliche Lebensform zu entdecken und/oder zu erschaffen. Jedoch haben die Charaktere in den Serien und Filmen ein in etwa ähnliches Alltagsleben wie wir. (Wenn die Dinge abweichen, dann in spezifischen Genres, wie Fantasy oder Science Fiction, wo diese Abweichung Teil des Reizes ist.) Wenn wir diese Spektakel auf fortlaufender Basis konsumieren, werden die Rhythmen und Formen des Alltagsleben unter dem Kapitalismus in unseren Köpfen zementiert, so dass es scheint, dass kein anderes Leben möglich sein könnte.

Um klar zu sein, das Fernsehen „verteidigt“ diese Konzeptualisierung des Lebens nicht. Stattdessen präsentiert es Karikaturen unseres tagtäglichen Lebens, unserer Beziehungen und der Art und Weise, was wir alles als Normalität hinnehmen müssen. Wie jede Ideologie verschleiert sie sich dabei als natürlich. Jedwede gutartigen Intentionen subversiven Inhalt für das Fernsehen zu produzieren und Visionen, wie das Fernsehen in einer post-kapitalistischen Welt aussehen könnte, würden genau dieselben Umstände schaffen für Isolation und Ideologie.

Abschließend

Ich will das Fernsehen und die Welt, die es spiegelt, bis zu den Grundfesten zerstören. Die Welt, von der ich träume, kennt natürlich Geschichten, Rollenspiele und andere ähnliche Formen des Spiels, jedoch nicht so eine geistbetäubende und passive wie das Fernsehen.

Ich weiß nicht, was sich Leser:innen von diesem Artikel mitnehmen sollen. Ich kenne nur mein eigens Leben und ich habe kein Interesse daran, Leuten zu erzählen, was sie in ihrem alltäglichen Leben tun sollen. Jedoch weiß ich, dass diese Gesellschaft mystifiziert, was sie den Leuten antut und ich habe Interesse daran, diese Dinge aufzuzeigen, wenn ich sie sehe. Dass das Fernsehen durchschnittlich grob fünf Stunden täglich die Leute in den USA aussaugt [1], scheint mir wichtig zu bemerken und darüber nachzudenken, was das für uns heißt. Besonders für jene von uns, die eine Revolte und ein Leben kreieren wollen, basierend auf den eigenen subversiven Begierden.

Frei übersetzt aus dem Englischen. Originaltitel: „Good TV as a Roadblock to Becoming Ungovernable, or Anything Else Really“; Original veröffentlicht in Plain Words #4, Winter 2017/2018, Bloomingto, Indiana. Oder: https://plainwordsbloomington.noblogs.org/post/2017/09/16/good-tv-as-a-roadblock-to-becoming-ungovernable-or-anything-else-really/#more-430

Anmerkungen

[1] https://www.nytimes.com/2016/07/01/business/media/nielsen-survey-media-viewing.html

Grüne und Rote Farbkugeln für Living Isar

Das Großbauprojekt Living Isar in der Nähe des Candidplatzes in Untergiesing hat in der Nacht auf Freitag, den 04. Dezember 2020 Besuch bekommen. Über einen geöffneten Bauzaun gelangten unbekannte Angreifer*innen auf das Baustellengelände und bewarfen dort die Fassade eines noch nicht fertiggestellten Gebäudes mit Farbkugeln, die mit roter und grüner Farbe gefüllt waren. Das Gebäude wurde dabei auf einer Länge von rund 30 Metern beschädigt, der Schaden liegt laut Bullen bei mehreren Tausend Euro.

Das Bauprojekt Living Isar, das auf dem ehemaligen Osram-Gelände entsteht und rund 423 neue Wohnungen zu horrenden Preisen schafft, ist vielen Anwohner*innen ein Dorn im Auge. Nicht nur, dass mit den dort entstehenden Luxuswohnungen garantiert die*der eine oder andere unsympathische Bonze ins Viertel gelockt wird, Großprojekte wie dieses tragen auch maßgeblich zur Aufwertung eines Viertels bei und ziehen damit Spekulant*innen und andere Akteur*innen der Verdrängung an. Die Folge sind drastisch steigende Mieten im ganzen Viertel und somit die Verdrängung all derer, die sich das Wohnen dort dann nicht mehr leisten können.

Im August 2019 brannte auf dem Gelände von Living Isar ein Baucontainer, der wohl ebenfalls von Feind*innen des Bauvorhabens in Brand gesteckt wurde, im November 2019 klirrten mehrere Scheiben auf der selben Baustelle.

Über Tyrannenmorde und Briefbomben

Ein Nachtrag

Ich scheine mich in dem Artikel Corona und der Totalitarismus des Technologischen (Zündlumpen #078) missverständlich ausgedrückt zu haben, zumindest scheint mir eine Auslegung meiner Worte zu kursieren, die ich so jedenfalls nicht gemeint habe. Vielleicht sind es auch die sarkastisch gemeinten – an sich unnötigen, aber aus einer Gemütslage der Belustigung ergänzten – Post-Scriptum-Notizen, die schließlich die Entstellung des Gesagten vollenden. Wie auch immer. Als ich am Ende des Artikels folgendes schrieb, wollte ich damit nicht ausdrücken, dass ich per se für ein Wiederaufleben der Waffe der Briefbombe sei und schon gar nicht, dass ich es für eine per se kluge Idee halte, eine*n x-beliebigen Briefträger*in mit einer hochexplosiven, tödlichen Sendung auf den Weg zu schicken:

In einer Welt, in der man letztlich höchstens als Postbot*in ins Freie zu treten vermag, mag sich der*die eine oder andere vielleicht auch unwillkürlich des eingangs erwähnten Beispiels von der Briefbombe für den Autoren von Mirror Worlds erinnern. Was wäre auch naheliegender, wo doch auch sonst alles in Paketen seinen Bestimmungsort erreicht? Und wenn es auch nicht die Freiheit sein mag, die da im Inneren eines Päckchens zwischen den täglichen Amazon-Bestellungen vor sich hin schlummert, so wäre es doch vielleicht ein Schritt in ihre Richtung.

Aber besser noch, als sich nur der Tyrannen der Spiegelwelten zu entledigen, wäre doch, wir würden nicht zögern, auch den Spiegel ein für alle Mal zu zertrümmern, der hier freilich statt aus Glas aus Glasfasern und Funkwellen besteht.

Vielleicht ist die Briefbombe eine verunglückte Metaphorik gewesen. Warum sollte man, wenn man als „Postbot*in ins Freie [tritt]“ und an der Türe irgendeines Herrschenden klingelt nicht auch gleich einen Revolver benutzen? Sei’s drum. Die Briefbombe erschien mir wegen des eingangs erwähnten Beispiels vom Angriff des Freedom Clubs auf David Gelernter, dessen Spiegelwelten-Metapher mein Text aufgreift und dem Querverweis auf die Amazon-Päckchen passender. Aber vielleicht hätte der scheinbar rein positiven Bezugnahme auf den Freedom Club auch zumindest ein Verweis auf meine eigene Kritik an einigen dessen Grundannahmen vorangehen können … Vielleicht lohnt sich das ja auch einmal in einem zukünftigen Artikel, denn zumindest angesichts der jüngsten Episode der Technologisierung könnte es sich auch lohnen, einige Passagen aus Industrial Society and its Future erneut zu lesen.

Aber hier will ich mich nun auf einige Nachträge beschränken, die das Mittel der Briefbombe betreffen. Vielleicht ist das eigentlich auch langweilig, weil mein Vorschlag ohnehin auf die „Zertrümmerung des Spiegels“ abzielte, also die Zerstörung der Infrastruktur, die dieses technologische Delirium, in dem wir uns wiederfinden, ermöglicht. Vielleicht ist es müßig in jedem Detail nachzuzeichnen, was mich veranlasste, auch Überlegungen zum Tyrannenmord anzustellen, aber bedeutend scheint mir in diesem Kontext einerseits zu sein, dass derzeit durchaus Kritiken kursieren, die sich mit der spezifischen Rolle der (neuen?) Tyrannen des globalen Lockdowns beschäftigen und denen ich zumindest insofern etwas abgewinnen kann, dass ich durchaus sehe, dass es spezifische Akteur*innen gibt, die diese Entwicklung entscheidend vorantreiben, um ihre Profite aus ihr zu ziehen, andererseits, was vielleicht aus ersterem resultiert, dass wo eine vormals demokratische Herrschaft sich de facto wieder zu einer „archaischeren“ Form, einer Herrschaft im Ausnahmezustand, einer Herrschaft eines oder weniger Tyrannen zu entwickeln scheint, vielleicht auch das in der Demokratie – wegen des scheinbar endlosen Nachschubs an Tyrannen? – an Bedeutung eingebüßt habende Mittel des Tyrannenmordes wieder an Bedeutung gewinnen könnte. Ich habe dazu keine abschließende Meinung. Gerade in Zeiten jedoch, in denen die scheinbare Allmacht einer einzelnen Person oder einer kleinen Gruppe von Personen so sehr in den Vordergrund tritt, dass sie jeglichen Widerstand dadurch zu lähmen droht, da entfesselte die Ermordung eines oder mehrerer dieser Tyrannen, seien es nun Zaren, König*innen, Diktator*innen, Polizeipräsident*innen, Richter*innen oder Industriebosse gewesen, diesen Widerstand manchmal. Und dabei ist es egal, ob es eine Granatenexplosion, Ein Schuss aus einem Revolver, ein Stich mit einer Feile oder eben eine Zeit-/Briefbombe ist, die zum Abtreten des Tyrannen führt. Oder nicht? Es macht sicher einen gewaltigen Unterschied, warum ein bestimmtes Mittel gewählt wird und natürlich auch, ob es seinem Zweck schließlich gerecht wird. Als Georg Elser damit scheiterte, Hitler durch eine zeitgezündete Bombe bei einer Rede vor einigen seiner fanatischsten Anhänger*innen zu töten, musste er wie viele vor und nach ihm die bittere Erfahrung machen, dass gerade dann, wenn man sich technologischer/technischer Mittel zur Begehung einer Tat bedient, die die Auslösung in die Zukunft verschieben, einem auch zunehmend mehr die Kontrolle über deren Verlauf entgleitet. Um 13 Minuten verfehlte Elser sein Ziel, stattdessen starben acht Personen und 63 weitere wurden verletzt. Bis auf die Angestellten der Brauerei (zumindest diejenigen, die nicht ebenfalls Nazis waren) in der die Explosion stattfand, allesamt Nazi-Funktionäre oder solche, die zum Aufstieg des Nationalsozialismus beigetragen hatten. Alternativ auch nicht schlecht, aber das Beispiel gehört wohl zu den wenigeren Fällen von Bombenattentaten, die auch unbeabsichtigte, aber in Kauf genommene Opfer forderten, von denen sich schwerlich sagen lässt, dass ihr Tod oder ihre Verletzungen auch nicht schlecht im Hinblick auf das verfolgte Ziel der*des Attentäter*in waren. Bevor eine zweite Granate im März 1981 endlich den Zar Alexander II tötete, tötete die erste, die seine Kutsche beschädigte und den Zaren zum Aussteigen zwang, beispielsweise auch einen Passanten und verletzte mehrere andere. Nur ein*e Feind*in des Individuums könnte das als „Kollateralschäden“ abtun, auch wenn es ebenso unnötig ist, die Attentäter*innen deshalb moralisch zu maßregeln.

Moralische Maßregelung ist ohnehin niemals das Niveau, auf das eine Debatte über unsere Mittel hinauslaufen sollte, wohl aber sollten wir einander kritisieren, wenn das eine oder andere gewählte Mittel in einem bestimmten Kontext sich als nicht mit antiautoritären Zielen vereinbar entpuppt. Und so verhält es sich eben auch mit Briefbomben. Auch wenn dies nicht wirklich mein Vorschlag war (zumindest meinte ich durchaus, dass man selbst die*der Postbot*in wäre), so kann ich gut nachvollziehen, dass eine Briefbombe, mit der man statt sich selbst, die*den Postbot*in, die*der sie ausliefert, in Gefahr bringt, nicht gerade das Musterbild antiautoritären Handelns ist. Es mag zwar bequem sein, die Logistik des Systems zur Übermittlung des eigenen Widerstands an seinen Bestimmungsort zu gebrauchen, aber wo wir uns auf diese hierarschische und unterdrückerische Institution verlassen, können wir nicht von uns behaupten, dass unser Gebrauch von ihr antiautoritär wäre, nur weil es unser Ziel ist, eine der Autoritäten des Systems anzugreifen. Und auch wenn dies nun nicht im Entferntesten etwas mit meinem Vorschlag zu tun hat, aber manchmal vielleicht ebenfalls mit Briefbomben in Verbindung gebracht wird, so bleibt mir der antiautoritäre Gehalt einer Briefbombe schleierhaft, die – sei es aus Bequemlichkeit oder aus anderen Gründen (z.B.: öffentliche Aufmerksamkeit) – an das Büro einer Institution geschickt wird, wohlwissend, dass sie dort nicht von den Verantwortlichen entpackt werden wird, sondern von irgendwelchen niederen Angestellten. Aber selbst wenn ich eine Briefbombe an eine*n der Herrschenden persönlich adressiere, aber weiß oder zumindest annehmen muss, dass dessen*deren Post nicht von ihr*ihm selbst bearbeitet, sondern von einem Büro, einer*m Sekretär*in geöffnet wird, so erscheint mir dieser Akt mehr als nur zynisch zu sein, ein Akt, der das die Briefbombe entpackende Individuum verachtet, es als Opfer für eine zweifelhafte Drohgebärde (denn warum sollte sich der Tyrann bedroht fühlen, wenn er doch weiß, dass all seine Post von solchen Sklav*innen entpackt wird und man sie*ihn auf diesem Wege auch in Zukunft nicht treffen wird) in Kauf nimmt, weil ich entweder zu faul oder zu feige war, einen besseren Weg zu ersinnen. Es scheint mir etwas anderes zu sein, im Versuch sie*ihn zu töten auch die Leibgarde einer*s Tyrann*in zu töten, weil diese zwischen ihr*ihm und mir steht und es mir willentlich verunmöglicht, an sie*ihn heranzukommen. Aber ein Mitglied der „Leibgarde“ (in Anführungszeichen, weil das Briefe-entpacken vermutlich in der Regel aus administrativen Gründen, nicht zum Schutze der*des Tyrann*in durch Angestellte erfolgen dürfte) zu töten, weil ich dem*der Tyrann*in Angst machen will und vielleicht noch den unwahrscheinlichen Wunsch hege, dass die*der Tyrann*in zufällig in der Nähe ist, wenn eine Briefbombe explodiert, das ist kein Angriff in diesem Sinne, sondern ein politisch-symbolischer Akt auf Kosten eben dieser Person.

Diesen Gedanken will ich verstanden wissen, bevor ich überhaupt über die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, den Sinn und Unsinn eines modernen Tyrannenmordes in der techno-industriellen Zivilisation nachdenken will und mir leuchtet ein, dass ich das in meinem vorherigen Artikel nicht genügend klar gemacht habe, als ich dies alles mehr in einer Nebenbemerkung abspeiste, als sorgfältiger auszuführen, was ich damit meine. Ich denke ich will mich auch in diesem Nachtrag nicht viel ausführlicher mit diesem Thema beschäftigen, als ich es nun schon getan habe, einerseits weil ich meine Gedanken dazu noch nicht hinreichend sortiert habe, andererseits, weil ich die bei weitem interessantere Perspektive darin sehe, die technologische Infrastruktur zu sabotieren und zu zerstören, ohne die die modernen Tyrannen ihre neue Herrschaft vielleicht gar nicht erst voll entfalten können und die alten, potenziell im Aussterben begriffenen Tyrannen ebenfalls Schwierigkeiten haben werden, ihre Herrschaft aufrechtzuerhalten. Jedenfalls scheinen mir Angriffe dieser Art ein Durchbrechen dessen, was ich zuvor Spiegelwelt genannt habe, einen Ausbruch aus dem technologischen Delirium des Internets und seiner virtualisierten Erfahrung der Welt also, zu ermöglichen. Und dies erscheint mir eine der Grundbedingung dafür zu sein, dass der der Technologisierung zugrunde liegende soziale Konflikt ausgetragen, der soziale Krieg gegen die techno-industrielle Zivilisation seinen Lauf nehmen kann.