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[Virus Radio] 50 Shades of Lockdown

pfffrrzzz…. kkkkz….

München ausser Kontrolle… hundertfü…

Pfffrrrz…. kcchhrrz. ….

50 Shades of Lockdown

 

von DJ Superspreader

Iiiich habe die Schlagzeilen jetzt nicht zur Hand, aber ihr werdet es in Bayern kaum übersehen haben: Skandal. 150 Leute feiern ein Fest. «München ausser Rand und Band»? Schön wärs… vielmehr ist heute Skandal was bis vor kurzem die letzten Jahrtausende normal war – Fremde feiern zusammen und kommen sich dabei unkontrolliert nahe. Ganz offensichtlich zuviel für jene, welchen die AHA-Regel schon als ihre neue Komfortzone gilt.

Auch ich war einer der «150» Partygänger. Selbst habe ich allerdings nicht – wie man vielleicht erwarten könnte – aufgelegt. Vielmehr liess ich mich in den stickigen Gewölben etwas zur Musik gehen – und bin durch Müdigkeit vom Tanzen dann doch «zu früh», oder besser: gerade noch früh genug nach «hause» gegangen.

Vor allem hat mir der atzig-primitive Hooligan-Techno gefallen, während mich das hin und widrige Abgleiten in poppige Gefilde eher weniger hingerissen hat. Aber auf jeden Fall eine Abwechslung wert, so was, hin und wieder zumindest… ein gutes Fest – es empfiehlt sich…

Emma Goldmann zur letzten Corona-Party (war sie auch da?)

«Ein Schlag ins Gesicht all jener, die sich an die Regeln halten»? Nun gut! Und zur Feier des Skandals und um die Schmach der Regeltreue noch schmachvoller zu machen, verschiebe ich den nächsten «Das Elend der Linken»-Remix auf andermal. Billy Gates konnte ohnehin nicht, und auch die Antifa lässt sich nicht im Studio blicken. Heute deshalb also viel passender: FIFTY shades ooOOF LOCKDOWN!

Hier in einem rustikalen, teilweise geschmacklosen Mix, der fast so abgeschmackt und surreal ist wie die uns umgebende Realität. Anstatt nun also noch hunderte Male zu schleifen, um die sensiblen Gemüter des Publikums nicht allzu sehr zu strapazieren, hier ein Mix, ein Schlag ins Gesicht wie von einem Hooligan!

Andere mögen in der Selbstzensur eine Tugend sehen – wir nicht. Und deshaaaaaaalb:

* * *

50 Shades of lockdown feat. Themroc (ultimate trigger-mix)

Oder

«Das in sich geschlossene Knast-System hat in Zeiten der Krankheit durchaus Vorteile»

(Drinnen wie Draußen; Süddeutsche Zeitung 13. Mai 2020)

Einiges über das sexuelle und emotionale Elend des Stayathome

Während alle von exponentiellen Kurven schwafeln, und dabei gekonnt die sexuelle Aufladung ignorieren – über sowas redet man ja schliesslich nicht, vor allem macht man darüber keine Witze. Todernste Gesichter – schliesslich beteiligen wir uns ja gerade an der neuesten Form der Massenmobilisierung zur Abwesenheit. Und das ist schliesslich eine Ernste Sache.

Diese perverse Neigung eines Teils der Bevölkerung, ist er masochistisch? 50 Shades of Grey beschäftigte doch die Phantasie der ausgehungerten Langweiler des Westens ziemlich ausgiebig. Und warum wünscht man sich denn so sehr, eingesperrt zu werden? Woran ist da die Lust? Und dann diese Lust an Massenpanik und Denunziation… Es mag ja jedem sein ganz persönlicher Fetisch gegönnt sein, trotz allem – wenn der Punkt erreicht ist, wo man merkt, dass dieser die eigene Freiheit direkt angreift, sollte es mit der Toleranz vielleicht bald vorbei sein…

Ich überlasse es anderen Hobby- und auch gelehrten Psychologen, der psychischen Dynamik dieser Orgie des Autoritarismus nachzugehen. Ich bin mit meiner eigenen Paranoia schon genug beschäftigt, wenn die Realität meine Schlimmsten Dystopien übertrifft – vielleicht hätte ich damals doch Verschwörungstheoretiker werden sollen… dann hätte die Realität zumindest meine Hirngespinste nicht massiv übertroffen.

Was mich mehr interessiert (auch aus persönlichen Gründen), ist, was das Ergebnis dieses Massenwahns auf die Sexualmoral der Gesellschaft sein muss. Auch wenn einige Regierungsstellen nun von ihren Subjekten verlangen, dass sie doch bitte mit ihren Mitbewohnern vögeln sollen, und nicht mit wildfremden, so ist es doch klar, das nicht alle, welche in ihre Kleinfamilien eingesperrt werden, plötzlich Inzest treiben wollen. Zwar mag es sein, dass fast jeder insgeheim oder auch unbewusst Inzestfantasien habe, aber diese auszuleben, während man gerade zusammen sich zuhause einsperrt, setzt dann eben doch diesen eher bedenklichen Masochismus voraus, welcher oben angesprochen wurde. Und viel eher ist es so, dass in ganz vielen dieser Keimzellen der Gesellschaft zwar einige ihre Inzestfantasien ausgelebt haben mögen, aber wahrscheinlich hat es sich dabei im Grossteil der Fälle um Vergewaltigungen gehandelt. Das ist nun mal einfach naheliegend.

Und nein, dass alles ist nicht lustig gemeint oder so. Und wenn etwas sehr ernst ist, so der Wahn und die Verblendung, welche über diese ganze lockdown-Geschichte vorherrscht. Und es geht weit über Missbrauch hinaus. Die sexuelle und asexuelle Gewalt, welche in sämtlichen Haushalten, welche die Gebote der Regierungen ernst nehmen, losgebrochen sind – Kollateralschaden. Ein offizielle einkalkulierter Kollateralschaden, trotz der anfänglichen Skrupel einer gewissen Kanzlerin. Und so sind natürlich die Frauen, welche die Frauenhäuser überfüllt haben, auch nicht gänzlich unbeachtet von jenen, welche sich immer um die Opfer gekümmert haben – den Linken etc. Wie die Obdachlosen, Flüchtlinge, etc. Leave no one behind – sagt man ja in Rückzugsgefechten auf dem Schlachtfelt – im amerikanischen Militärjargon. Opfer eines perversen Krieges gegen… den Virus – du könntest es in dir haben. Ich genauso…

Aber was ist mit dem Zweck des Krieges selber? Das heisst, nicht dem Kollateralschaden, sondern dem beabsichtigten Schaden.

Das bezeichnete Ziel ist die letztjährige Grippemutation. Aber, wenn man blindwütig gegen Gespenster kämpft, in einer Scheinrealität, in einem Szenario, das schlicht und einfach gerade nicht stattfindet… so trifft man eben ganz anderes. Und dabei ist die Absicht unwichtig. Wer im Wahn glaubt, durch die Einsperrung von Menschen in erster Linie ein Virus zu bekämpfen, der mag sich in seinem Wahn ja Wohltäter dünken – er verlangt aber real die Einsperrung, Distanzierung usw. von Menschen, welche – sogar bloss möglicherweise – auch die Eigenschaft haben, dass sie ein vielbeachtetes Virus «aufgenommen» haben. «Es in sich haben.» Der Angriff ist zwar auf den Träger des Virus – aber dieser wird komplett ausgeblendet. Es geht ja nicht um ihn. Angeblich. Homo homini virus.

Der Zugriff funktioniert, weil der Wahn eben nicht ein individueller, sondern ein Massenwahn ist. Allerdings wohl der weitestmöglich vermasste Wahn welchen die komplett isolierten Subjekte umsetzen. Und er setzt wie angegossen bei einem verbreiteten, paranoiden Wesenszug an, einer panischen Angst vor physischen Kontakt. Vor allem mit Fremden.

Jedes „du bist unverantwortlich, bleib zu Hause und schütz die armen Risikogruppen“, beinhaltet nicht nur einen möglichen Kollateralschaden. Sondern eben einen direkten Schaden. Und dieser ist nicht „nur“, dass Menschen eingesperrt werden, oder vielmehr: dass an Individuen der strikte Befehl geht, sich selbst einzusperren (was vielleicht noch widerlicher ist). Vielmehr ist der Effekt sozial, kulturell, individuell… er ist umfassend. Es ist die Anordnung, eine Vorstellung des Lebens umzusetzen, welche bisher vielleicht irgendwelche Kellerkinder-Nerds gehabt haben. Es ist die Abtötung sämtlicher Beziehungen, ausser jenen zu den „eigenen vier Wänden“, den darin befindlichen Zeitgenossen und – oftmals vor allem – zu den darin befindlichen Geräten. Oder dem Gerät, in dem man sich befindet? Wer weiss.

Es rät sich auch, den Film Themroc nocheinmal zu betrachten, und dass diese surreale Revolte vielleicht immer mehr eine notwendige Fantasie wird. Letzter Ausweg? Er zeigt zumindest die Sackgasse auf, in der sich die Menschen befinden. Eben nicht erst seit gestern befinden. Vielleicht hat ja gerade der Surrealismus genug im Unbewussten gewühlt, um zur Analyse der nun erklärten Epoche beizutragen. Wer weiss…

Die Wände rausschlagen, das Domizil als letztliches Gefängnis…

Oder eben die komplette und wortwörtlichste Domestizierung. Verhaustierung. Das alleine vor dem Gerät wixxen. Der von Fanfaren begleitete Einzug ins gelobte Land der VR hinterlässt die Realität menschenleer…

Dass das Kapital seine von Grund auf eigene Welt auf erschaffen will, nachdem die Gesellschaft zerstört wurde, die Natur zerstört wurde, was schon eine Zeit her ist, war schon lange klar. Die Grundrisse wurden schon länger entworfen, die Fundamente gesetzt, das Feld bereitet – aber jetzt beginnt er richtig, der Aufbau. Der grosse Reset. Auf zum Smart Planet.

Verarmte Beziehungen, durch Technologie vermittelt, und einen gehörigen Abstand. Thats the way, A H A.

Es ist schockierend, das niemand um sich schlägt. Aber: wahrscheinlich tut es ja wer. Nur – man wird nichts davon sehen. Nichts davon hören.

Es ist schwierig. Denn: wenn die eigene Wohnung das wirkliche Gefängnis ist – wer wagt es, es zu zerstören. Als Gefängnis zumindest, immerhin…?

Anders als vielfach angenommen sind wir die Opfer, während die Insassen von Moria viel näher an ihrer Menschlichkeit sind, wenn sie „ihr“ Lager niederbrennen! Wer kann hier von wem lernen?

Aber hier, im befestigten Freiluftgefängnis Europa, geschlossene Grenzen, komplette Lagerisierung… War nicht das Lager der „Nomos der Moderne“?

Das Sozialleben ist reguliert, jede Infektionsgemeinschaft isoliert, und Begegnung das Verbrechen, welches verhindert werden soll. Die Barriere für jegliche Nähe, all das… ich wüsste nicht wie ich reagieren würde, wenn das meine Realität wär!

…und einsam und verlassen, frustriert von der x-ten Masturbation in irgendeinem Sex Chat oder vor einem Porno springt sie aus dem 30 Stock. Hurra! Es wollte ja niemand mit ihr Reden. Und vor allem fürchtete sie sich selber davor. War es nicht gefährlich? Und wenn sie jemanden anlächelte, so drang das leider nicht durch die Maske durch. Und: ist das überhaupt ein triftiger Grund – menschliche Wärme? Liebe? Ein Lächeln? Sexualität? Müsste dir das nicht dein Computer geben? Streichel doch dein Smartphone… oder geh halt auf Tinder…. – – Und so hat sie sich schön an die Abstandregeln gehalten. Toll, nicht?

Die Technologie ist von nun an deine Realität. Und diese ist tot.

Abstand, Hygiene, Alltagsmaske – erinnert dich das Plakat an der Tramhaltestelle.

Nimm dich wahr als im magischen AHA-Kreis stehend, in den niemand eintreten darf, ohne dir zu nahe zu treten. Vielleicht schon ein Übergriff? In deine Blase. Und jaja, es ist ja toll, wenn Leute erzählen, dass sie darüber eigentlich ganz froh sind. Toll! Echt sensibel so was zu sagen. Sich alles zurechzureden.

Jegliche sexuelle Spannung wird noch einmal mehr in kontrollierte Bahnen gelenkt, worüber sich die Prüden aller Sorten – und sei es die queerste Prüderie – freuen. Endlich sind meine Grenzen respektiert. Und Tinder hat gewonnen. Tinder und Zoom und was weiss ich.

Das Gefängnis soll also jeder in seinem Kopf mit sich tragen. Die Magie dabei ist, dass das ganze angeblich „für andere“ getan würde. Für Andere, denen man so helfen würde. Toll! Diene deinem Nächsten. Unterwerfe dich.

Aber was rede ich hier von «soll»? Es tun ja schon alle. Es spiegelt nur eine Verwirklichung, eine Verstärkung und Formalisierung dessen wieder, was ohnehin schon ist… wird…

Homo homini virus macht natürlich die Annäherungsversuche unserer Schafe nicht gerade einfacher. Wenn jedes Schaf in seinen individuellen oder Päärchenstall gestellt wird (orgiastische WG’s nach Vorbild der Phalantastères sind wohl die Ausnahme oder sogar ein Mythos), dann kann es sich natürlich den anderen noch schwerer Annähern. Bravo!

Diese hässlichen Körper, Schleime, Säfte, Speichel… alles ansteckend! Pass auf, denn da draussen wartet der böse Wolf. Pass auf, da draussen: alles Wölfe, alles Viren…

„Versteck dich im Gesamtkondom“, sang einst eine Band diesen Zeitgeist parodierend… in den 90ern. Da war sowas noch ein bisschen übertrieben. Aber heute?

Wer den Traum der Herrschenden träumt, mag sich darüber freuen. Dem Transhumanismus steht Tür und Tor offen, man muss die Schafe nur ein bisschen einschüchtern – schon hat man sie: im Stall.

Wohin mit diesem Pessimismus? Es ist allzu langweilig, nocheinmal das Elend unerträglich zu machen indem man es publiziert. Ich will Wände niederreissen. Ich will alles anzünden. Was kümmern mich sämtliche Viren der Welt, wenn ich emotional verrecke?

Einen Scheissdreck!

Was kümmern mich eure Werte, eure Moral und eure Hygiene? Sie ersticken jeden freudigen Lebenstrieb, jedes spontane Aufeinander-Zugehen, jedes Abenteuer mit Unbekannten… Aber trotz allem findet es noch statt, das Leben! Das Leben ist nicht totzukriegen!

Und es werden schreckliche, unhygienische, unmoralische, unverantwortliche und wilde Feste sein in welchem wir die Grundlagen eurer Zivilisation – deren Wesen das Lager ist – angreifen… Noch haben wir uns nicht umgebracht! Noch haben wir das Feuer in uns und werden es so gut es geht in reale Feuer verwandeln! Noch wissen wir unseren Wahnsinn im Verbrechen auszuleben! Noch habt ihr uns nicht alle eingesperrt und gezähmt.

Wir mögen wenige sein, wir mögen verrückt sein… aber auf unserer Seite haben wir das Feuer! Das Feuer der Jugend und das Feuer der Revolte und einen direkten Draht zum Leben!

Die Revolution wird eine hochgradig ansteckende Orgie sein oder sie wird nicht sein!

* * *

Jaaaa…. das war doch mal was. Ein bisschen viel Pathos vielleicht, aber dieses ist vielleicht auch nötig, wenn denn die abgekapselten Inseln der erstarrten Iche und deren charakterliche Verhärtungen etwas angekratzt werden sollen… auch wenn da natürlich ganz unterschiedliche Methoden experimentiert werden könnten, wie man sowas aufbricht.

Aber genug für heute. Jetzt gehts raus aus dem Studio, in die Welt, die da ja immer noch existiert. Wer weiss, wann die nächste Corona-Party steigt? Wer weiss, ob ich davon höre oder sie verpasse? Wer weiss, ob der Reiz des Festes nicht noch zum Verderben der «Neuen Normalität» werden wird?

«Die beste Corona-Party wird die soziale Revolution» habe ich letzthin auf eine Parkbank getaggt. Ob sie das wird? Ob da der Optimismus mit mir durchgegangen ist? Es wäre natürlich dumm, darauf zu warten, auf die Revolution. Vielmehr ist sie ja genau jener Prozess, in welchem Individuen beginnen, die Dinge selber in die Hand zu nehmen. Jaja…

Für heute also Schluss mit dem Virus Radio, vielleicht kommt beim nächsten Mal ja auch der eine oder andere Promi zu Besuch. Wer weiss… ich hoffe zumindest, ich verpasse die Sendung nicht. Denn einerseits ist es schon ein ziemlicher Aufwand, so einen Piratensender zu betreiben, und andererseits gibt es ja auch besseres zu tun. Das remixen des Elends der Linken scheint mir zwar irgendwie sinnvoll, aber vielleicht ist es ja auch verlorene Müh. Wer weiss?

Pfffrfrrrkk…

CHRZzzzzZ.

[Chile] Der Triumph der Demokratie und der falschen Kritiker*innen

Veröffentlicht am 26.10.2020

Gefunden auf anarquia.info, die Übersetzung ist von panopticon

Während Tausende Chilen*innen den Wahlsieg zur Änderung der Verfassung feiern, führen wir weiterhin Krieg gegen alle Formen der Macht.

Heute feiern der chilenische Staat, die politischen Parteien und die offizielle Presse gemeinsam mit der Bürgerschaft den ekelerregenden Triumph der Demokratie, des institutionellen Weges und der bürgerlichen und republikanischen Kultur, als wäre es der Triumph einer Fussballweltmeisterschaft.Wie werden die „Revoltierenden“, die heute stolze Wähler geworden sind, diesen Widerspruch aufrechterhalten? Wir wissen es nicht.

Was wir wissen, ist, dass diejenigen, die gestern die „Brutalität“ der Repression anprangerten, heute freundlich an den Wahlurnen empfangen wurden, begleitet von Polizei und Militär.

Was wir auch wissen, ist, dass auf dem frischen Blut des Bürgersteigs, auf dem vor drei Tagen der junge Anibal Villarroel durch Polizeikugeln getötet wurde, heute so idealisierte Menschen tanzen und singen, die von der Demokratie berauchst sind.

Chile gewann, der Staat gewann, die Gesellschaft gewann, und sein Wunsch, unter einem neuen Sozialpakt mit der Herrschaft zu leben, gewann den mehrheitlichen Willen, einen neuen gesellschaftlichen Konsens zu schaffen. Am Ende des Tages, mit mehr oder weniger Barrikaden, siegte dieselbe alte Schrift, die in den Palästen der Macht geschrieben und historisch umgeschrieben wurde, um die Aufstände zu stoppen und die Rebellionen auf institutionelle und parteiische Wege umzulenken.

Und die Macht lacht, lacht und lacht. Sie lacht, weil Institutionen gültig gemacht werden. Sie lacht, weil sie nun „bewusstere“ und demokratischere Bürger*innen zur Verfügung haben wird, die freiwillig mithelfen werden, auf die Störrischen, die Entgegengesetzten, die Aufständischen, die „Verrückten“, die „Gewalttätigen“ hinzuweisen, die sich voller widerlicher Höflichkeit in ihre Veränderungsprozesse einmischen. Die Macht lacht, weil sie weiß, dass selbst mit schuldiger Hoffnung einige der selbsternannten Anarchist*innen an die Urnen gingen, um sich offiziell dem Feind zu ergeben, ihren Ideen abzuschwören, in ihren Überzeugungen zu kapitulieren, die so flüssig und flüchtig sind wie die Erinnerung an das so romantisierte „Volk“.

Wir, die stolze Minderheit der Aufrührer, führen weiterhin Krieg gegen die Macht, ohne Verwirrung zu stiften, indem wir uns im Chaos vervielfältigen und stärken.

Weil unsere Revolte nicht am 18. Oktober begonnen hat und nicht mit einer ekelhaften Volksabstimmung enden wird.

TOD DEM ZUSTAND UND DEM KARNEVAL DER DEMOKRATIE.
DIE ANARCHIE LEBT IN DEM STÄNDIGEN ANGRIFF AUF DIE HERRSCHAFT.
DURCH DEN PERMANENTEN AUFSTAND OHNE ANFÜHRER ODER FÜHRUNG,
MIT UNSEREN TOTEN IN UNSERER ERINNERUNG UND UNSEREN GEFANGENEN IN UNSEREN KÄMPFEN,
WIR BEFINDEN UNS IMMER NOCH IM KRIEG MIT ALLEN FORMEN DER MACHT.

Anárquicxs no pacificadxs del sur de Abya Yala ($hile).
26. Oktober 2020.

[Frankfurt] Steine, Flaschen und Eier für das Bullenpack

Ein bisschen nervös scheint die Polizei in deutschen Innenstädten ja schon zu sein. Wo immer versucht werden soll, Menschenansammlungen durch Präsenz zu unterbinden, da kann es schließlich auch zu Zusammenstößen kommen, zwischen Polizei und jenen Menschen, die eben nicht einfach gehen wollen, jenen, die vielleicht nicht nur, aber immerhin ganz besonders in den letzten Monaten von den Bullen schikaniert wurden.

Und ab und an bricht sich all die angestaute Wut, all der Hass auf die Cops dann eben auch Bahn. So dieses Wochenende wieder einmal in Frankfurt, wo die Bullenschweine bei einer Kontrolle von umstehenden mit Steinen, Flaschen und angeblich auch Eiern beworfen worden sind.

„Für mich ist es unerträglich, wenn sich Personen gegen die Polizei spontan zusammenrotten.“ Kommentierte der Frankfurter Polizeipräsident diese Auseinandersetzung.

Und wo nun der neuerliche Lockdown ohnehin jede Zusammenrottung früher oder später zu einer Zusammenrottung gegen die patroullierende Polizei macht, nichts wie raus auf die Straßen. Machen wir den Cops ihr Leben unerträglich!

[Nigeria] Gefängnisausbrüche, niedergebrannte Polizeiwachen, Regierungsgebäude und Banken …

Infolge der Aufstände, die mit der Forderung nach Abschaffung der berüchtigten Special Anti-Robbery Squad (SARS) (dt. etwa Spezialeinsatzkommando für Raubüberfälle; Anm. d. Übers.) Polizeikräfte in Nigeria begann, haben Revolutionär*innen Polizeiwachen, Regierungsgebäude und Banken überall im Land niedergebrannt. Revolutionär*innen haben außerdem in den Staaten Ondo und Delta Aktionen durchgeführt, die es Gefangenen ermöglichten zu fliehen.

Am Mittwoch wurde außerdem das Oberste Gericht auf Lagos Island [1] in Brand gesetzt.

Ein großer nigerianischer Fernsehsender mit Beziehungen zu einem Mitglied der regierenden Partei wurde ebenfalls niedergebrannt, während der Palast des ältesten traditionellen Anführers von Lagos geplündert wurde.

Militante widersetzen sich der Ausgangssperre, greifen Banken und das Rathaus von Aba an

Trotz einer 24-Stunden-Ausgangssperre, die von der Staatsregierung von Aba verordnet wurde, setzten Militante der EndSARS-Bewegung am Mittwoch das Rathaus von Aba in Brand, in dem das Sekretariat des Regierungsdistrikts Aba South sitzt.

Vor dem Eintreffen der Protestierenden waren die Beamten der Nigerianischen Sicherheits und Bürgerwehr (NSCDC), einer paramilitärischen Gruppe geflohen.

Militante haben außerdem drei First Generation Banken und ein Einkaufszentrum im Stadtbereich um die Etche-Straße angegriffen.

Die Revolutionär*innen hatten bereits am Dienstag die Polizeiwache der Dragons Squad gestürmt und zwei Polizist*innen der Einrichtung getötet. Zuvor hatten sie die Polizeiwache von Eziama an der Aba-Ikot Ekpene Straße angegriffen.

Die Protestierenden widersetzten sich einer 24 stündigen Ausgangssperre und zogen durch den zentralen Asa-Aba Motor Park von wo sie die Tore zum Rathaus von Aba aufbrachen und es in Brand steckten. Selbst mehrere von der Polizei errichtete Straßensperren um zentrale Straßen in der Stadt, die von Soldat*innen geschützt wurden, konnten die Militanten nicht davon abhalten, öffentliche Gebäude abzufackeln. Die Verkehrskontrollposten der Polizei wurden in den meisten Gebieten der Stadt zerstört.

Zwei Polizeiwachen, die von Ekeaba und Kpiri Kpiri wurden am Dienstag von Revolutionär*innen in Abakaliki, der Hauptstadt von des Staates Ebonyi niedergebrannt.

Über 600 Militante zogen von einem Ort zum Nächsten und sangen dabei Kriegslieder.

Die in den Wachen stationierten Polizist*innen waren aus Angst vor Angriffen geflohen, als sie sie näherkommen hörten.

Unter anderem setzten die Militanten den Hauptsitz des Fernsehsenders Television Continental (TVC), der Lagos Concession Company (LCC) in Lekki, den Lagos BRT Kopfbahnhof in Oyingbo und das Unternehmenshauptquartier der Nigerianischen Hafenaufsicht (NPA), sowie den Palast des Obas (eine Art König, Anm. d. Übers.) von Lagos, HRH Rilwan Akioulu II in Brand.

Polizeiwache von Igando niedergebrannt, Polizist getötet

In Lagos griffen Revolutionär*innen die Polizeiwache von Igando an, brannten sie nieder und töteten einen Polizisten. Ein anderer Polizist, von dem gesagt wurde, dass er der Leiter der Wache sei, wurde zu Brei geschlagen und zum sterben zurückgelassen. Sowohl die Polizeiwachen von Makinde und Ajah, als auch das Gebäude der Regionalentwicklungsbehörde von Ejigbo wurden ebenfalls angegriffen. Die Angriffe waren die Rache für die Ermordung von 12 Protestierenden durch Sicherheitspersonal in der Nacht des Dienstags an der Mautschranke von Lekki.

Der Leiter der Wache wurde mit Holzplanken angegriffen. Eines der Schweine, das auf die Revolutionär*innen schoss, wurde von den Militanten zu Boden geworfen und zu Tode geprügelt. Andere Polizist*innen flohen. Daraufhin stürmten die Kämpfer*innen die Wache und trugen Elektronik und andere Wertgegenstände heraus.

Polizeiwache von Makinde angegriffen

Als die Revolutionär*innen die Division von Makinde angriffen, schlugen sie die Polizist*innen in die Flucht. Schnell stellten sie fest, dass Verstärkungsanforderungen bei anderen Polizeiwachen unbeantwortet blieben, während die militanten Jugendlichen sich auf einige der Polizisten stürzten, in die Wache eindrangen und ihrer Waffen und Uniformen plünderten. Drei Banken der neuen Generation wurden von den Militanten ebenfalls angegriffen.

In Imo wird sich der Ausgangssperre widersetzt und Polizeiwachen niedergebrannt

Im Staat Imo brannten einige Pro-EndSARs Protestierende am Mittwoch einige Polizeiwachen nieder; trotz einer von der Staatsregierung verordneten 24-stündigen Ausgangssperre. Die betroffenen Polizeiwachen umfassen die Polizeiwachen von Nworieubi im Regierungsbezirk Mbaitoli die Polizeiwache der Bezirkspolizei von Orji im Regierungsbezirk Owerri North, sowie im Njaba lokalen Verwaltungsbezirk. Auch die Bezirkspolizeiwache von Umuguma im Regierungsbezirk Owerri West und andere Polizeiwachen wurden von den Protestierenden angegriffen.

Ondo: APC, PDP Büros und SARS Büro niedergebrannt und ein Gefängnisausbruch

In Akure im Staat Ondo drangen Revolutionär*innen in das Sekretariat der Demokratischen Volkspartei PDP ein und setzten sie in Brand. Das passierte nur Stunden nachdem das Sekretariat der regierenden All Progressive Congress-Partei APC des Staates Ondo ebenfalls zerstört worden war. Auch zwei Fahrzeuge wurden von den Militanten in Brand gesteckt. Das Büro der Special Anti-Robbery Squad SARS in der Hauptstadt ebenfalls niedergebrannt. Das PDP Staatssekretariat in Alagbaka in der Metropole von Akure wurde von nicht weniger als 50 Militanten in Brand gesteckt.

Am Donnerstag brachen Militante in das Okitipupa Gefängnis im Staat Ondo ein und befreiten die Gefangenen.

Nicht weniger als 58 Gefangene wurden während des Angriffs befreit.

Ein Fahrzeug wurde abgebrannt und mehrere Gegenstände wurden während des Angriffs zerstört.

Es wird berichtet, dass Protestierende um den Kings Square a, 19. Oktober in der Stadt Benin, der Hauptstadt des Staates Edo die Mauern des Hauptgebäudes des Nigerianischen Staatsgefängnisses eingrissen hätten.

Gefängnisausbruch im Okere Gefängnis in Warri im Staat Delta

In der Strafanstalt von Warri wurde von einem Gefängnisausbruch berichtet, als Revolutionär*innen das Gebäude stürmten und zahlreiche Gefangene aus der Einrichtung entkamen.

Der Angriff der Militanten gab den Gefangenen die Gelegenheit den Gefängniszaun niederzureißen und in die Freiheit zu entkommen.

Ein Teil des Gefändnisses, in dem die Akten der Gefangenen aufbewahrt werden, wurde von den rebellierenden Gefangenen niedergebrannt.

Der äußere Teil des Gefängnisgebäudes wurde von den Militanten ebenfalls in Brand gesteckt.

Revolutionär*innen in Nigeria werden mit großem Mut gegen die Unterdrückungskräfte tätig. Bewaffneter Kampf, der auf die Polizeikräfte abzielt und Handlungen, die es Gefangenen erlauben, in die Freiheit zu entfliehen sind inspirierend für Kämpfe auf der ganzen Welt. Anarchist*innen und Abolitionist*innen sollten ihre internationale Solidarität mit den Aufständen in Nigeria durch Direkte Aktionen zeigen.

Anmerkungen

[1] Lagos Island ist die Hauptinsel von Lagos, der größten Stadt Nigerias. Auf ihr befinden sich die meisten Regierungsgebäude, sowie der Palast des traditionellen Königs von Lagos.

 

Übersetzung eines englischen Berichts bei AMW English vom 23. Oktober 2020.

[Italien] Neue Konfrontationen gegen die Ausgangssperre

[Wie es häufig der Fall ist, sobald diese Art Straßensituation ausbricht, die uns überraschend begegnet, werden sich viele fragen, wer diese Meuterer sind, die gegen die Ausgangssperre in Italien (quasi eine Wiederkehr dieser guten alten Normalität) protestieren und was sie wollen, und dabei versuchen ihre Wut in kleine Kästchen zu quetschen, anstatt sich zu fragen, was wir wollen, wir, mit revolutionären anarchistischen Ideen, Praktiken und Perspektiven, die sich nicht auf diese neue Restriktion der Herrschaft beschränken. Nicht nur, um innerhalb dieser Proteste zu agieren (oder auch nicht), sondern auch daneben oder außerhalb davon.

Seitens der Sprecher*innen des Staates haben die großen italienischen Zeitungen zum Beispiel entschieden, an diesem Morgen des 27. Oktober den, je nach Städten, sehr heterogenen Charakter der anfänglichen Demonstrationen hervorzuheben, ein bisschen wie bei den französischen Gelbwesten, ebenso wie den Aspekt der „Stadtguerilla“, und dabei beispielsweise in Turin auf die beiden verfeindeten Ultra-Gruppen der beiden Fußballvereine (Juventur und le Torino) verwiesen, wie auch auf Gruppen von jungen „immigrierten Vandalen“, wie auch auf diverse „Verschwörungstheoretiker“ und Einzelhändler: man muss dazusagen, dass die Zerstörung und manchmal Plünderung der Luxusboutiquen in der Via Roma (Apple Store, Gucci, Geox, etc.) und in vielen anderen angrenzenden Straßen durch 600 Randalierer beispielsweise der Bereitschaftspolizei bis spät in die Nacht Arbeit verschafft hat. In Mailand ebenso, wo es insbesondere die Einkaufsstraße Corso Buenos Aires war, die „Freiheit, Freiheit“ rufend durchlaufen wurde, dann die Umgebung der Stazione Centrale, wo eine große Zeitung aus dem Norden großen Spaß daran hatte, auf „die Gruppe [von 300 Demonstranten hinzuweisen], die gleichzeitig aus Italienern und aus Ausländern bestand, aus einigen Militanten der Forza Nuova [rechtsradikale Gruppe], aber auch aus Anarchisten“. Übrigens soll es Prügeleien gegeben haben zwischen Faschos, die dagegen waren, Schaufenster zu zerstören, und sich damit als informelle Ordner versuchten („man rührt keine Läden an, wir sind für was anderes da“), und Gruppen Jüngerer unterschiedlichster Herkunft, die im Gegenteil gekommen waren, um ihrer Wut Ausdruck zu verleihen, und das nicht nur gegen die Polizei.

Das verspricht zukünftig einige schöne Polemiken*, die man hier [in Frankreich] bereits von den berühmten limitanten Milieus kennt, natürlich hinsichtlich der Stadt und der Kontexte, die variieren können (Neapel ist nicht Triest, Mailand ist nicht Rom, etc.), zwischen sich karikaturenhaft an diesen Demonstrationen beteiligen, um die Faschos von dort zu vertreiben (einschließlich mit Praktiken, die sie schwieriger teilen), letztere zu übertrumpfen und andere Möglichkeiten zu bieten, oder diesen lokal verrosteten Versammlungen entfliehen, um die Gelegenheit zu nutzen, dass die Cops dort gut beschäftigt sind, um woanders und anders zu agieren… einschließlich gegen andere weniger offensichtliche Ziele als die Cops und das städtische Mobiliar gerichtet und ohne irgendetwas von der Herrschaft zu fordern.

In Turin wie auch in Mailand gab es auch Angriffsversuche von den „Regionsbesetzungen“ [sièges de Région] (diese Versammlungen fangen häufig einige Stunden vor der Ausgangssperre auf großen Plätzen an, ehe sie zu wilden Demos werden), und in Neapel, den dritten Tag in Folge, haben hunderte junge Leute erneut die Cops auf bewegliche Art und Weise angegriffen und mit städtischem Material Barrikaden gebaut. Lasst uns schlussendlich auch präzisieren, dass es wilde, verwüstende Versammlungen ohne Umzug [cortège] in anderen Städten als Turin, Mailand und Neapel gegeben hat – manchmal auf Initiative rechtsradikaler Kreise und von Händlern, aber nicht nur – wie Pescara, Vicenza, Perugia, Genova, Foggia, Pesaro, Triest, Bologna, Florenz, Lecce (mit Slogans wie „Lieber das Risiko eingehen an Covid zu sterben als die Gewissheit zu verhungern“), Campobasso, etc. Die offiziellen Zahlen von diesem Morgen melden mindestens 5 Verhaftete in Turin (darunter zwei für die Plünderung von Gucci und einer für Vuitton) und 28 in Mailand (darunter 13 Minderjährige und eine Anarchistin).

* Man könnte beispielsweise diese Sammlung an anarchistischen Texten bezüglich der Gelbwestenbewegung (wieder) lesen [24 Seiten, August 2019, nur auf Französisch]

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AFP, 26. Oktober 2020 (Auszug)

Die Schließung der Restaurants und Bars ab 18 Uhr und von allen Theatern, Kinos und Sporthallen für einen Monat hat die Wut und Sorge in einem Land geweckt, das bereits sehr hart von zwei Monaten Lockdown im Frühjahr getroffen worden war und das dieses Jahr die schlimmste Rezession seit dem zweiten Weltkrieg erwartet.

Nach bereits bewegten Versammlungen an diesem Wochenende in mehreren Städten der Halbinsel, haben sich die Demonstrationen an diesem Montag fortgesetzt, mit ihren Prozessionen der Gewalt im Norden und im Süden des Stiefels.

In Mailand, Hauptstadt der Lombardei (Norden), die Region, die die höchste Anzahl an Infektionen meldet, haben sich mehrere hundert Demonstranten Montag abend im Stadtzentrum der Bereitschaftspolizei entgegengestellt. Straßenbahnen wurden beschädigt, Mülltonnen angezündet, Zweiräder umgeworfen und einige Schaufenster eingeworfen, wie es die Bilder zeigen, die von den italienischen Medien live gesendet werden.

Die Ordnungskräfte antworteten auf die Flaschen-, Rauchbomben- und Molotowcocktailwürfe mit Tränengas. Ähnliche Ereignisse fanden auch in der Nachbarstadt Turin statt, wo laut der Polizei mehrere Demonstranten verhaftet wurden.

In Neapel, der großen Stadt im Süden, haben mehrere tausend Personen die Abdankung des Präsidenten der Region Kampanien gefordert, ehe sie sich zerstreuten. Sporadische Konfrontationen zwischen vermummten Demonstranten und den Cops folgten hingegen während des ganzen Abends.

Quelle: Sans Nom, Artikel vom 27.10.2020, übersetzt aus dem Französischen

Farbe für Immobilienbüro im Westend

In der Nacht auf Montag, den 26.10.2020 bekam ein Immobilienbüro in der Parkstraße im Münchner Westend den Unmut eines oder mehrerer Angreifer*innen über das Treiben seiner Eigentümer*innen zu spüren: Durch mehrere Farbkugeln wurde die Fassade des Büros besudelt. Bemerkt wurde der Schaden wohl erst am Morgen darauf, als ein übereifriger Anwohner, dem schmutzige Fassaden wohl ein Dorn im Auge sind, die Cops rief.

Lasst uns das Gefühl vom Draußen-Sein nicht vergessen, und auch nicht den Geschmack von Freiheit

Dieser Text erschien bereits im April 2020 während des ersten weltweiten Lockdowns unter Vorwand des Coronavirus. Angesichts täglicher Meldungen über erneute Lockdowns wegen einer „zweiten Welle“ aus allen Regionen weltweit und besonders anlässlich eines in Deutschland anstehenden zweiten Lockdowns ist seine Wiederveröffentlichung aktueller, als wir je angenommen hätten. [Anm. d. Red.]

Innerhalb von nur einer Woche kann sich heutzutage sehr viel ändern. Die Welt scheint sich so schnell zu drehen, mensch könnte jede Minute seinen Browser refreshen und sehen, dass schon wieder eine neue Maßnahme der sozialen Kontrolle in Kraft getreten ist.

Zunächst waren die Läden noch voll von panischen Einkäufer*innen, und wir konnten dieselbigen mit den Armen voller gestohlener Waren verlassen, später dann haben wir uns verstohlen durch unsere eigenen Nachbarschaft bewegt, haben heimlich Dinge in nun leeren Läden mitgehen lassen, haben uns klandestin in Hinterhöfen getroffen, einfach nur um der sozialen Interaktion willen, und mussten dann dazu übergehen, Zettel mit uns zu führen, die uns das “Recht” auf das Atmen von frischer Luft einräumen sollen. Und all das innerhalb von nur einer Woche.

Niemals zuvor schien die Polizei so präsent zu sein und noch nie war sie so freudig erregt wie jetzt, da sie den Status der sozialen Helden zugesprochen bekommen hat. Und wir, wir, ducken uns tiefer als jemals zuvor, wenn wir in der Nacht unser Unwesen treiben und das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos hören.

Die Gefühle von Angst als auch von Regeltreue sind schon fast mit Händen zu greifen, selbst sogenannnte Anarchist*innen ermutigen uns dazu, zu Hause zu bleiben und den drakonischen Gesetzen zu gehorchen, die unsere Leben einschränken. Sie sagen, es gehe um Sicherheit, wir sagen, es geht um Kontrolle.

An einigen Orten sind nächtliche Ausgangssperren das neue “normal” geworden; so hat zum Beispiel der französische Präsident allen Stadtverwaltungen erlaubt, wo immer und wann immer sie wollen zwischen 20 Uhr und 6 Uhr eine Ausgangssperre zu verhängen. Aber Ausgangssperren werden die Verbreitung des Virus nicht stoppen. Sie werden lediglich dazu führen, dass Leute, die lieber in der Nacht Sport treiben, oder Angehörige von Risikogruppen, die es vorziehen ihre Hunde dann auszuführen, wenn die Straßen leerer sind, um die Risiken einer Ansteckung für sich gering zu halten, gezwungen werden, all das tagsüber zu tun. Gerade Ausgangssperren sind ein deutliches Zeichen dafür, welcher eigentliche Zweck hinter diesen staatlichen Maßnahmen steckt: Es geht nicht darum, ein Virus in Schach zu halten, sondern darum, eine Bevölkerung in Schach zu halten.

Gerade jetzt, wo die Unruhe steigt, wo in zahllosen Gefängnissen überall auf der Welt Unruhen, Riots und Hungerstreiks ausbrechen, wo die wirtschaftliche Dreifachbedrohung bestehend aus ‘keiner Arbeit – Miete zahlen müssen – Mäuler stopfen müssen’ zunimmt, wo die dauernde Belästigung durch die Polizei immer größer wird, da steigt die Wut in möglichen Teilnehmer*innen an insurrektionalistischen Aufständen beim Anblick der Balkone, auf denen die Leute jetzt immer so passiv sitzen und applaudieren. Der Staat ist sich diesem Risiko nur allzu bewusst, sie wissen um die Möglichkeiten, dass ein Massenmietstreik ausbricht und dass sich die Leute einfach nehmen werden, was sie zum Leben brauchen, und der Staat weiß auch um das Risiko, dass, wie es ja schon passiert ist, nun zunehmend Cops angegriffen werden, wenn sie andere Menschen tyrannisieren.

Wenn es dem Staat nicht gelingt, diese Wut unter Kontrolle zu bekommen, oder es ihm nicht gelingt, sie einzig und allein auf das Virus zu richten, dann wird er überrannt werden; der Winter ist bald vorbei, und mit jedem Tag, den die Menschen drinnen verbringen, sehen die sonnigen Straßen einladender aus. “Bleibt zuhause” sagen sie, aber wie lange können sie das noch wiederholen? In Spanien, Italien, Marokko und Tunesien (und wahrscheinlich noch vielen anderen, unbenannten Orten), reicht es nicht mehr, dass immer nur zu sagen, sondern es muss auch mit Gewalt durchgesetzt werden. Jeden Tag ist dort die Armee auf den Straßen, die die Straßen verbarrikadiert, Bewegungsfreiheiten einschränkt und Leute tyrannisiert (in Spanien zum ersten Mal seit dem Fall des Francoregimes). Überall auf der Welt tun Polizeieinheiten oder die Armee so etwas momentan.

Als Nihilist*innen fanden wir den jetzt berühmt gewordenen Ausspruch vom “social distancing” ja schon immer gut. Wir haben uns schon immer von dieser verabscheuungswürdigen Gesellschaft und allem, was sie uns bieten möchte, ferngehalten. Wir haben “Arbeit” ersetzt durch “Kriminalität” (wofür es nur ein paar wenige Menschen und offene Räume braucht, wobei “Arbeit” Hunderte von Menschen in engen, geschlossene Räumen benötigt), wir beschränken unseren Kontakt zu der ansteckendesten Krankheit von allen, der Autorität, und wir begnügen uns mit engen Beziehungen zu Freund*innen und Mitverschwörer*innen während wir uns von Chef*innen, Kolleg*innen, Verwaltungsbeamt*innen, Fahrkartenkontrolleur*innen, Cops und so weiter fernhalten.

Aber das ist nicht die Art von social distancing, die sie von uns wollen. Sie wollen nicht die Art von social distancing, die das mörderische Unterfangen beenden würde, einen überfüllten Bus zum überfüllten Arbeitsplatz zu nehmen oder die uns daran hindern würde, eine Polizeiwache zu betreten. Sie wollen die Art von social distancing, die uns auseinander bringt.

Jede*r von uns ist neuerdings zu einer tickenden Zeitbombe mutiert, ist eine abstoßende, kranke, infektiöse und monströse Kreatur, die sich und andere hassen sollte und sich von anderen Menschen so weit wie möglich fern zu halten hat. Für diejenigen von uns, die von der Gesellschaft schon vorher als abstoßend befunden wurden (Queere, Transmenschen, Sexarbeiter*innen, Junkies, HIV positive Menschen) mag das kein sonderlich neues Gefühl sein, aber jetzt betrifft das Krankheitsstigma uns alle.

Es hat dazu geführt, dass wir Angst vor menschlichem Kontakt haben, Angst vorm Umarmen, vorm Küssen, vor Treffen auf offener Straße oder bei uns zu Hause, es hat dazu geführt, dass wir mit unseren Liebsten “zoomen” anstatt sie im realen Leben zu treffen, dass wir Google Maps für virtuelle Spaziergänge mit Freund*innen nutzen, anstatt wirklich und wahrhaftig rauszugehen, mit dem Wind auf unserem Gesicht oder der Sonne auf unserem Rücken.

Wir sind genau dort, wo uns der Staat haben will; einsam und isoliert, alleine und depressiv, es ist uns nicht möglich, die Haut von denen, die wir lieben anzufassen oder die Hand ein*er Freund*in zu halten, und gleichzeitig sind wir über unsere IP und Mac Adressen unglaublich leicht lokalisierbar, aufspürbar und überwachbar.

Einige von uns sehen die, die sie lieben, vielleicht über Monate hinweg nicht. Wir sind “gelockdowned”, die Möglichkeiten zur freien Bewegung werden weniger und weniger und viele von uns akzeptieren das, weil wir den Glauben, dass wir das Risiko sind, internalisiert haben.

Aber das Problem sind nicht wir, nicht mal das Virus selbst ist das Problem. Das Problem sind Staaten, denen es egal ist, ob gewisse Leute sterben, Staaten, die immer mehr und mehr Macht anhäufen wollen, Staaten, die jetzt völlig ungestraft überall all die neusten Maßnahmen zur Überwachung austesten. Selbst sentimentale Liberale, die oft wenigstens noch die schlimmsten Auswüchse von Überwachung kritisiert haben, verstehen diese jetzt als “nötig” und feiern es sogar, wenn solche Maßnahmen eingeführt werden. Um hier mal den größten linken Schwachkopf Owen Jones (britischer Politiker der britischen linken Labor Partei), Held der Linken, aus Großbritannien zu zitieren “Ich hätte ja nie gedacht, dass ich mal erleichtert sein würde, zusammen mit Millionen anderer von einem Polizeistaat unter der Führung von rechten Tories (rechtskonservative Partei in GB) unter Hausarrest gestellt zu werden.”

Doch wir weigern uns, der Verzweiflung anheim zu fallen. Wir weigern uns, diese neue Form des Existierens auszuhalten. Innerhalb unserer eingegrenzten Aufenthaltsorte haben wir Wege und Mittel gefunden, um die Isolation zu durchbrechen, um geheime Treffen abzuhalten, Zusammenkünfte und Parties zu organisieren. Wir fälschen Schreiben über angebliche Arzttermine mit deren Hilfe wir uns weiter von unserem Wohnort wegbewegen können als offiziell erlaubt. Wir tauschen Adressen von Freunden untereinander, sodass wir uns innerhalb der Stadt von Ort zu Ort bewegen können ohne uns je zu weit von “zu Hause” wegzubewegen. Wir lernen andere Arten der Fortbewegung kennen und nutzen; denen schon lange bekannt, für die die Tore Europas seit jeher geschloßen sind (Laster, Güterzüge, andere Fortbewegungmittel, die für den “Warenverkehr” benötigt werden, usw). Wir finden neue Wege, um uns durch die Stadt zu bewegen, wie Seitengässchen, U-Bahn Tunnel, Bahnschienen und entdecken alte Methoden der Fortbewegung wieder, wie zum Beispiel das gute alte Fahrrad.

Außerdem haben wir gemerkt, dass es Anhaltspunkte dafür gibt, dass Maske und Handschuhe dazu beitragen die Polizei, wenn du denn zufällig auf sie triffst, davon zu überzeugen, dass du ein “gesetzestreuer Bürger” bist. Es reduziert die Wahrscheinlichkeit, an Checkpoints aufgehalten zu werden und wenn doch, dann erhöht es die Chancen, dass du ohne weitere Probleme wieder laufen gelassen wirst. Das sind scheinbar gute Neuigkeiten.

Klar gibt es da draußen viele, die uns verantwortungslos nennen, die uns erzählen, dass wir uns selbst und andere gefährden würden. Zusätzlich zu dem “Fick dich”, das wir ihnen entgegenschleudern, lässt sich noch Folgendes sagen. Wir entscheiden selbst, uns dem Risiko auszusetzen, unsere Freund*innen und die Menschen, die wir lieben, entscheiden sich selbst dazu, sich dem Risiko auszusetzen. Wie schon gesagt, social distancing ist etwas das wir mit einem Großteil der Gesellschaft bereits tun. Außerdem ist Entscheidungsfreiheit genau das, worum es hier geht, wir ENTSCHEIDEN uns dafür, uns dem Risiko auszusetzen, Supermarktmitarbeiter*innen oder Deliveroo Lieferant*innen haben keine solche Wahl, über ein Risiko zu entscheiden, dem sie aber ausgesetzt sind, ebenso wie Gefangene keine Wahl haben; all diese Leute haben am Tag zehn mal mehr soziale Interaktionen als wir es haben und stellen für sich selbst und andere ein viel größeres Risiko dar, als wir es tun, wenn wir unsere Freund*innen besuchen. Der Unterschied ist, dass die Leute den Wert, den eine Wirtschaft hat, als wichtig erachten, ebenso wie sie die Herrschaft von Gesetzen anbeten. Sich gegenseitig bringen sie aber keine Wertschätzung entgegen, und auch nicht ihrem eigenes Glück und ihrer Freiheit.

Wenn wir die Straßen jetzt aufgeben, bekommen wir sie dann je zurück?

Wenn wir verinnerlichen, dass es normal ist, Abstand zu denen zu halten, an denen uns etwas liegt und Nähe nur zu denen zu suchen, mit denen zusammen wir Wert anhäufen, werden wir uns dann je wieder daran erinnern, wie mensch Nähe zu anderen aufbaut?

Wenn wir unsere Leben einmal dem Staat aushändigen, bekommen wir sie dann je zurück?

Warum sollten wir den Befehlen jener gehorchen, die systematisch Gesundheitssysteme kaputtgemacht haben, jene Gesundheitssysteme, die jetzt Leben retten könnten?

Warum sollten wir denen zuhören, die so viele Millionen Menschen an AIDS und EBOLA haben sterben lassen, weil die es nicht wert waren, gerettet zu werden, aber jetzt in Panik verfallen, weil es endlich ein Virus gibt, dass auch vor weißen reichen Männern nicht Halt macht?

Warum sollten wir denen zuhören, die Zigmillionen in Banken, die Polizei, Armeen, große Konzerne und Grenzkontrollen pumpen und den Rest von uns verrotten lassen?

Ist es denn immer noch nicht klar geworden, dass der Feind der ist, der uns erzählt, dass wir Abstand voneinander halten sollen, wogegen wir widersprechen? Wir sagen: Abstand vom Staat, nicht Abstand von unseren Freund*innen.

Wenn mehr von uns diese Geisteshaltung annehmen würden, wenn mehr von uns auf den Straßen wären, dann wäre es für sie schwieriger, uns zu kontrollieren. Ja, das würde auch heißen, dass es mehr Infektionen gäbe, mehr Tote, mehr Brualität; aber hinterfrage dich mal ernsthaft, lebst du gerade eigentlich? Zu Hause sitzend, mit einem kostenlosen Porn Hub Abo und einer betäubenden Droge deiner Wahl…? Können wir bitte wenigstens ein bisschen mehr “Leben” vor dem Tod haben…

 

Übersetzung des Textes “We must not forget the feel of the outdoors not the taste of freedom”, aus dem zine “It’s the end of the world as we know it, volume II” im April im Down and and out Distro erschienen