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[Virus Radio] Das Elend der Linken – Track 1

von DJ SUPERSPREADER

Mit einigen Remixen wird der eigentlich eher langweilige Track DAS ELEND DER LINKEN, ein Klassiker *gähn* 2020 extra neu für euch aufgelegt. Heute spielen wir den ersten Remix, gefeatured von der autonomen Antifa, mit ihrem neuen Antivirus-Programm (diesmal nicht für Windows), welche dem ganzen den moralistischen Touch gibt, der ja nötig ist, damit ihr auch wirklich ausgelassen dancen können. Heyyyy!

Aber zuerst habe ich für euch noch ein tolles Intro im Set, welches das ganze episch einleitet, während danach die Party erst so richtig los geht. Yeah!

„Hate the media“

(Verstoss gegen die Moderationskriterien-mix)

Da der Zündlumpen nach wie vor auf Indymedia toleriert wird, einer Seite welche sich ganz besonders darin hervortut, die Linksradikale als Bewegung zu erhalten, hier ein kleinen Introtrack also. Während Indymedia zwar als Plattform für etliche, beileibe nicht linke, anarchistische Publikationen hinhielt, tat es sich hervor, sämtliches, was zu einer eventuellen Aufklärung des Coronawitzes führen könnte, nach staatlichen oder noch strengeren Massstäben zu zensieren (und zwar Sachen die nicht sozialdemokratischer waren als viele andere Indymedia-Publikationen). Indymedia hat sich also trotzalledem darin hervorgetan, den offiziellen Kampf gegen „Fake News“ mitzuführen, damit es ja nicht zu schnell gehe, bis sich die Erkenntnis Bahn bricht, dass es sich bei Corona um eine nicht allzu spezielle Grippemutation handelt. Trotzdem hat man den Zündlumpen toleriert. Wieso? Haben wir nicht genügend gegen Bill Gates, WHO, Antonio-Amadeus Stiftung, Robert Koch, Drosten, die Prolockdown-Linken, die Maskenträger und andere Covidioten angeschrieben, um eine Zensur verdient zu haben? Haben wir zu lange gewartet, um deutlich zu werden? Wieso tragt ihr noch immer zu eurer eigenen Zersetzung bei?
Solche Fragen stelle ich mir manchmal. Und dann denke ich mir: naja, immerhin verbreiten sich so die Ideen. Und man hat die Gelegenheit noch etwas Skandal zu machen.
Bevor also Indymedia endlich down ist, hoffen wir noch, dass sie uns Plattform bieten um die radikale Linke etwas zu zersetzen. Danke.

Natürlich betrachte ich es auch skeptisch, dass ihr meinen Mix verbreitet, denn schliesslich tragen wir damit auch dummerweise zur Aufwertung eurer Sendung bei, welche sich so mit seiner Toleranz und Extravaganz schmücken kann, und behaupten kann, voll an der Zeit zu sein. Aber so what! Die Hörer werden schon verstehen, woher der Wind weht, und dass Indymedia teil des miefigen Kadavers ist. Und deshalb, Täterätätä:

Das Elend der Linken feat. Antifa

(stayathome-klaustrophobia-mix)

Die Rolle der Linken war jene einer mobili- und moralisierenden Kraft, welche nur schon durch die Andeutung einer Kritik der Aktion der herrschenden, geschweige denn einer möglichen Virusleugnung auf die Palme brachte. Sämtliches Repertoir, welches an anderen Gegenständen eingeübt wurde, wurde eingesetzt, um schlicht und ergreifend Konformismus zu vertreten.

Die Absurdität dieser Sache zu dokumentieren ist eine komische Aufgabe die ich mir setze. Sie fängt damit an, dass die Linken subtil die “Verleugnung” (dass nicht nur die Verleugnung ihnen “Verleugngung” heisst, ist offensichtlich) des Virus als eine Art No-Go-Zone eingerichtet haben. Was das Problem mit der “Coronaleugnung” sei nur schon zu fragen ist eine Art Blasphemie, und zwar eine ähnliche Blasphemie wie die Gottesleugnung. Da allerdings die antifaschistische Linke natürlich die Leugnung Gottes nicht als dieses Tabu meinen kann, ist es ganz klar, dass die Herkunft dieses Kampfes gegen das Leugnen sich um den Holocaust dreht. Nun sind es gerade die Linken, welche den “Hygienedemonstranten” immer wieder, teilweise berechtigterweise, teilweise unberechtigterweise, Faschismusrelativierungen vorgeworfen haben. Jeder Vergleich mit 1933 wird ihnen zur Relativierung der Shoah, so als hätte diese schon 1933 stattgefunden, während aber die eigene, wirklich komplett absurde und geschmacklose Holocaustverharmlosung gerade von den angeblichen Antifaschisten hunderte Male wiederholt wurde. Nämlich der Vergleich von Corona mit dem Holocaust, bzw. der Vergleich der Coronaleugnung als quasi ähnlich (ich wage nur zu sagen “ähnlich” schlimm, auch wenn “gleich” eigentlich die Vorstellung dieser Leute zu sein scheint, und der Vergleich allzu direkt ist) schlimm wie die Holocaustleugnung. Dieser perfide Trick ist scheinbar bisher niemandem aufgefallen. Er bleibt den fanatisierten Konformisten unbewusst, ebenso wie ihnen der strukturells Antisemitismus der ganzen Corona-Hysterie entgangen zu sein scheint (Angst vor einem unsichtbaren, unheilvollen Feind, den man z.B. für „die Krise“ verantwortlich macht; Massenmobilisierung dagegen, als Ablenkung vor wirklichen Problemen etc.).

Aber dieses Denken in “strukturell”, dieses “strukturell” jenes zeigt eben vielmehr gerade seine komplette Beschränktheit auf. Natürlich ist es wahr, dass einige der “Hygienedemonstranten” faschistisch sind, und dass diese Faschisten mit ihrer “Coronaleugnung” durchaus nur ihre eigentliche Bereitschaft zur sozialdarwinistischen “Vernichtung lebensunwerten Lebens” verhüllen. Aber aufgrund dessen dann die Fragestellung überhaupt zu Tabuisieren, ist absurd, zeigt nur den eigenen Willen zur Zensur, und das man den Faschisten scheinbar nichts Substanzielles entgegenzusetzen hat.

Und wie auch? Der Kampf gegen den Faschismus ohne den – glaubwürdigen – Kampf gegen die Faschisisierung der Gesellschaft ist eben Spiegelfechterei. Und wer verlangt, man solle die gegenwärtige Faschisierung einfach ignorieren, weil diese a) unter demokratischem Regime stattfinde, b) unter den Vorzeichen “Schutz der Risikogruppen” (also unter umgekehrten Vorzeichen als der historische Faschismus) stattfinde und c) die als faschistisch geltenden Kräfte (Populismus etc.) nicht die treibenden Akteure sind, der beweist eben nur seinen Demokratismus, Protektionismus und Progressivismus. Und natürlich ist es uninteressant, den gegenwärtigen lockdown einfach als faschistisch abzustempeln. Nicht weil das historische Realitäten relativieren, sondern vielmehr, weil die Gegenwart damit relativiert würde! Und weil diese wenig historische Vergleichbarkeiten kennt, ausser die Kontinuität des Notstandsregierens in all seinen Formen, welche heute ihre totale Eskalation erfährt.

“Der Kampf gegen den Faschismus beginnt mit dem Kampf gegen den Bolschewismus”, sagte in den 1920er-Jahren Otto Rühle, und man fragt sich, wo heute dieser Kampf beginnen müsste. Gegen die Totalität der Herrschaft und des Kapitals zu kämpfen, ist zumindest unsere Absicht. Aber diese will und wollte die Linke ja niemals sehen, sondern vielmehr interessierte sie immer nur eine andere Verwaltung dieser Realität. Für den Staat ist die Verwaltung der Gesellschaft durch die Kanalisierung in links und rechts allerdings eine genehme Sache, und dass die Linke, und zwar bis in die radikaleren Gefilde, heute ihr widerliches, spiessig-moralistisches Gesicht derart offen gezeigt hat, gezeigt hat, dass es ihre Ideologie ist, welche mit dieser Aktion umgesetzt wurde, sei nur festgestellt.

„Ich hoffe aber, dass uns diese Krise näher zusammenbringt.“ (Bill Gates, Tagesschau)

Dass es der linke, kosmopolitische und liberale Arm des Kapitals ist, auf dessen Mist ideologisch und praktisch die gegenwärtige Bewegung (des lockdowns, stayathome, etc) gewachsen ist, sieht jeder, dazu muss man noch nicht einmal allzu genau hinschauen. Dass dabei sämtliche Grenzen geschlossen, sämtliche Menschen isoliert, sämtliche „Freiheiten“ aufgehoben wurden, und was weiss ich noch alles… dass das alles von einer Bewegung die „No Borders“, „Solidarität“ und „Freiheit“ auf ihre Fahnen schreibt eigentlich unterstützt wurde, ist halt so (und zwar auch dadurch, dass nicht davon gesprochen wurde, dadurch, dass man sich beeilte, sofort in der „neuen Normalität“ zu denken, etc.). Auch die radikale Linke hat sich als linker Flügel des Bestehenden entpuppt, wie schon etliche Male zuvor. Aber als linker, ultraautoritärer Flügel. Dass dabei gerade viele theoretische Versatzstücke von der Macht eingesetzt wurden, um ihre Aktion auszuführen und zu decken, sei nur so behauptet. Nur schon die AHA-Regeln könnten auch eine Erfindung eines Awarenessteams sein, welche ja die Normierung des Kontakts zwischen Menschen immer wieder zu absurden Formen treiben wollen.

Ergo die verständliche Präsenz von Faschisten, extremen Rechten, Völkischen und Reichsbürgern an diesen Demos. Diese sind ja ohnehin gegen die Herrschaft des Politisch Korrekten, gegen die Herrschaft der Linken, und soweit haben sie ja auch recht. Es ist dabei durchaus anzunehmen, dass bei diesem Kampf gegen lockdown nicht nur Demagogie dabei ist, sondern ebenso eine ehrliche Opposition gegen linken Totalitarismus, oder wie auch immer man das nennen will. Dass sich die Faschisten dabei den Platz, teils sogar Respekt bei diesen demokratischen Demonstrationen errungen haben, ist keine Wunder. Schliesslich wirken die Faschisten auch halb so gefährlich, angesichts dessen, dass nicht sie die Grenzen geschlossen, die Gesellschaft lagerisiert, jedes Fest verboten, etc. haben. Und dass das schon so ist. Und wenn dann Leute gegen einen demonstrieren, welche einem vorwerfen, mit Faschisten zu demonstrieren und gleichzeitig vorschreiben wollen, man solle doch Maske tragen, zuhause bleiben, sich an die Vorschriften handeln, wieso sollte man dann das irgendwie ernst nehmen?

Soviel Verständnis also für diese Demonstrationen, welche ich aber persönlich nicht besuche. Wieso nicht? Weil mich Demonstrationen ohnehin anwiedern, und weil ich das Grundgesetz noch nichteinmal als Klopapier verwenden würde. Vielmehr denke ich, dass die Subversion anderswo stattfindet als auf legalen Demonstrationen, eingehegt und kontrolliert und politisiert. Momente wie in Stuttgart brodeln überall, dort suche man den Aufstand, oder noch besser: bei sich selbst, und nicht bei jenen, welche sich die alte Normalität, das geringere Übel, sei es Demokratie oder Kaiserreich, zurückwünschen…

Dass diese demokratischen Demonstrationen nun das einzige sind, über was alle Reden, ist allerdings eben ein gutes Ablenkungsmanöver davon, dass man auch selbst etwas tun könnte – gegen die eigene Unterdrückung zu rebellieren, und zwar auf undemokratische Art. Und das Augenmerk, welches die Antifas darauf legen, ist nur ihre Art, die Option der Revolte zu verdecken – vergessen zu machen, dass es noch anderes gibt als die falsche Opposition und die Verteidigung des Bestehenden. Dass der lockdown mehr fragen aufwirft, als ob nun die neue oder alte oder ganz alte Normalität die bessere sei…

„Aber laßt uns dies klarstellen: wenn wir gezwungen sind, zwischen „dem Viralen“ und der Zivilisation der Sicherheit zu wählen, werden wir das Virale wählen. Wenn wir grob werden müssen, werden wir uns für „Grenzverletzungen“ aussprechen müssen.“ (Hakim Bey, 1996)

Bezeichnenderweise waren es vor allem jene Städte und Orte, in denen ein Teil der anarchistischen Bewegung bereits vor Jahren einen Bruch mit der Linken durchgeführt hat und sich auf eigene Beine gestellt hat, wo auch die Aktionsfähigkeit bewahrt wurde, und durch den lockdown nicht eine totale Paralyse stattgefunden hat. Während die Linken stayathome teils in den eigenen WG‘s durchsetzten, gab es eben andere, welche nicht auf den politisch korrekten Grund warteten, um rauszugehen. Die verantwortungslos genug waren, die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen, die sich nicht Mobilmachen liessen, vom Apell zur Abwesenheit.

Die Linksradikalen, Autonomen und auch Anarchisten, welche zu Hause blieben, oder das zumindest von anderen forderten (denn natürlich predigt man das Wasser oft nur…), beweisen die Impotenz ihrer Analysen, dieser Gesellschaft irgendetwas substanzielles entgegenzusetzen. Und wenn sie die Analysen sogar hätten, so fehlt ihnen vielleicht selbst einfach die Substanz, nach jahrelanger (Re-)Sozialisierung in einem Milieu, welches die Revolte letztlich neutralisieren muss.

Und doch waren es gerade die „eigenen Räume“, die sie aufgegeben haben. Kulturzentren, Squats, subkulturelle Treffpunkte – alles im lockdown. Die immer unhygienischen, versifften Orte, welche wohl für Risikogruppen nie sehr heimelig waren – auf staatliche Anordnung geschlossen, wenn nicht sogar schon davor.

„Die Hygiene, die sich als Ordnung der bürgerlichen Familie entwickelte, diente der Normalisierung der (sub-)proletarischen Schichten, da sie in ihren Formen zu leben und zu wohnen am weitesten von Normen der bürgerlichen Gesellschaft entfernt waren. Die Hygiene dringt in die Ordnung der Familie ein. Die verschiedenen Formen der familiären Organisation der unteren Schichten sollten normiert werden. Die Kolonialisierung der Familie findet über die Ausbreitung von Normen öffentlicher und privater Hygiene statt…“ bemerkte der allzu postmoderne Jürgen Mümken.

Ebenso kann, wie es dieser auch ausführt, immer wieder festgemacht werden, wie geschichtliche Hygienewellen zu einer massiven Verfestigung der Macht beigetragen haben, wie gerade die Herrschaft ihre Entwicklungsschübe aus solchen „lockdown“-Situationen, Situationen der Durchsetzung neuer „Hygienestandards“, entwickelt hat. Aber das wollte man nicht wissen. Und auch wenn gewisse postmoderne Philosophen sich ausführlichst mit diesen Themen beschäftigt haben: scheinbar hat es nicht dazu geführt, die Mentalität zu entwickeln, welche nötig ist, solche Situationen zu vereiteln. Allerdings nicht – das war ja auch gar nicht die Absicht.
Die Geschichte solcher lockdowns zu schreiben, und auch deren Benutzung zu Zwecken der Aufstandsbekämpfung, wäre bestimmt nicht ganz zwecklos. Ein Fragment des frühen Kommunisten Wilhelm Weitling (bevor es Marxismus überhaupt gab, jaja), geschrieben im Jahre 1838, weist zumindest darauf hin, dass auch diese spezifische Taktik bereits Geschichte hat. Oder war er nur ein phöser Choleraleugner?

„Wenn ein kleines Kind einen Gegenstand verlangt, den man ihm nicht geben will, so macht man es auf irgend einen anderen Gegenstand aufmerksam, um es von seiner Forderung abzulenken. Ebenso machen es unsere Bedrücker mit dem Volke in den Tagen der Krisis. Nach den dreissiger Jahren bediente man sich dazu der Kriegsgerüchte und der Furcht vor der Cholera. Diese letztere wurde besonders unter der Leitung der Regierungen ein kräftiges Mittel, alle revolutionären Tendenzen einzuschüchtern.
Erinnert ihr euch noch alle der Quarantäne-Anstalten vor beinahe jeder grossen Stadt, der Absperrungen von Dörfern, Städten, Provinzen und Ländern, des Verbots des Reisens, der Räucherungen des Geldes und der Briefe usw. Was mich anbetrifft, so kann ich diese Krankheit nicht leugnen, muss aber gestehen, dass ich damals nie an ihre wirkliche, fürchterliche Existenz geglaubt habe. Ich dachte mir eben, das ist eine Epidemie wie jede andere, die man aber absichtlich so grell herausmalt, um sie dadurch zum Schreckbild gegen die revolutionären Bewegungen zu gebrauchen.

O, sie sind klug wie die Schlangen und wir sind einfältig wie die Tauben; man hätte damals mit unsern Schädeln Mauern einrennen können, so hätten wir doch nichts gemerkt.“

„In unserer Furcht vor allen Grenzverletzungen entdecken wir, daß wir selbst neu klassifiziert und als Virus eingestuft worden sind. Diesmal sieht der Mißbraucher/Terrorist nicht nur aus wie Du und ich – er ist Du und ich. Die „Obdachlosen sind kriminell“; jene, die nicht „entrückt“ werden, haben klarerweise „gesündigt“.“ (Hakim Bey, 1996)

Wie auch immer. Die Einfältigkeit allzu vieler Anarchisten und anderer ehrlicher Revolutionäre ist eklatant. In der Naivität wird jede bewusste Kalkulation der Herrschenden abgeleugnet, da man sich nicht eingestehen kann, dass man ihnen sowas eben doch nicht zugetraut hätte. Die klassischen „Verschwörungstheoretiker“, die man glaubte und glaubt, durch Ignoranz bekämpfen zu können, haben es zwar schon lange gesagt, aber richtig glauben können sie es trotzdem nicht: „die“ wollen uns alle einsperren… „jaja, bestimmt“ *augenzwinker*… aber natürlich waren „die“ letztlich andere, und die Paranoia des Verschwörungstheoretikers ist immer noch ein Klammern daran, verstehen zu wollen, wie er das ganze demokratisch kontrollieren könnte, ohne Eigentum und Staat anzutasten, also ohne die Grundlagen, welche Machteliten produzieren, anzugreifen. Denn dies würde auch seine mittelständische Position in Frage stellen, „gute Macht und böse“, christlicher Dualismus in massenverblödeter Form. Aber die Reaktion vieler, allzu vieler, auch Anarchisten, ist jene, einfach so zu tun, als wäre so ein Lockdown halt Business as usual. Als hätte sich nichts geändert. Halt einfach eine Entwicklung des Systems – als hätte man das ohnehin erwartet. Dass man anfang 2020 ohne vorhergehenden Aufstand, ohne massive gesellschaftliche Konflikte, Militärputsch, u.Ä., plötzlich nicht mehr auf die Strasse darf – „ohne triftigen Grund“, keine Versammlungen mehr stattfinden, keine Feste, kein gar nichts. Das will man vergessen. Und allzuoft ebenso, was für ein Teil konformistischer Dynamik man selber war, wie man selber eben konformistisch reagiert hat. Aber das zu vergessen, spielt nur der Herrschaft in die Hände. Vielmehr sollten wir uns doch selber fragen: „wieso habe ich so reagiert?“ Paralysiert, mediengläubisch… wieso mich daran gehalten… wenn es denn so war.

Während ich mir z.B. persönlich immer gedacht habe, man hätte noch ein paar Jahre Zeit, bis man im totalitären Dystopia aufwacht, und man befinde sich dann im Untergrund – bestimmt bewaffnet… was weiss ich… wenn ich mir also ein solches Szenario ausgemalt habe, in irgendwelchen Tagträumen, so immer auch, dass sich dadurch etwas massiv ändern würde. „Bis hierher und nicht weiter!“ Irgendwann ist das Fass voll… Und wie wenig habe ich so reagiert? Und wie wenige um mich rum haben so reagiert? Und natürlich haben wir reagiert. Nicht nur reagiert, wir waren sogar ziemlich agil. Und wer sonst konnte das von sich sagen? Aber trotzdem…

Die Antwort auf die Situation war unangemessen – weil sie uns auf kaltem Fuss erwischt hat. Weil die Szenarien, welche wir erwarten andere waren. Weil wir eigenen Analysen zu wenig getraut haben. Und weil der Angriff schlicht und einfach unerwartet kam.

Und nun versuchen alle diesen unangenehmen Moment zu vergessen – damit es das nächste Mal wieder so ist? Oder sind wir am Brodeln. Am Nachdenken, um das nächste Mal solch einen kritischen Moment der Macht ausnutzen zu können. Und: was heisst das nächste Mal? Ist es denn überhaupt fertig?

Haben wir uns schon „an die neue Normalität“ gewöhnt? Unsre neuen Nischen gefunden, oder alte wieder eröffnet? Sind wir wirklich fähig, so zu leben?

Es wäre beschämend…


Puh, das war mal ein Bombentrack! Auch wenn der Schluss etwas seicht war, meiner Meinung nach. Aber zumindest hatte er zwischendrin einen richtig hämmernden Effekt, gings euch nicht auch so?….

….uuuuund in den nächsten Sendungen erwarten euch noch mehr Remixe, einige davon bombastisch, einige wieder featuring Antifa, und bei einem Remix haben wir sogar ein featuring mit einen Promi auftreiben können: Billy Gates!!! Wer weiss ob uns Indymedia dann noch mag? Wer weiss ob die Linke das überleben wird? Billy Gates wird mit uns einen exklusiven, martialischen, Pandemdiestufe 666 mix machen, soviel sei schon einmal angedeutet! Aber genug für heute, Kinder. Es war eine nice Show und wir hören uns in bald wieder, haltet die Ohren steif!

Chrrrrz… pfffff… tssssssssssss.. chhchchch

Unter welcher Flagge ziehst du in den Krieg?

34 Millionen Euro Sachschaden sollen erzielt werden, wenn die Liebig 34 in den nächsten Tagen von einem martialischen Aufgebot an Cops geräumt werden wird. 34 Millionen, das ist selbst für die aktivsten Brandstifter*innen eine Summe, die sie alleine bestenfalls in 10 Jahren, vielleicht sogar erst am Ende ihrer Karriere als Militante erreichen dürften. Mit eingeworfenen Schaufensterscheiben und umlackierten Firmenfahrzeugen braucht mensch sich da gar nicht aufhalten. Die paar tausend Euro Sachschaden – die ja rmeist von den Cops noch weit übertrieben sind –, sie sind bedeutungslos. Nein, was eine solche Summe erfordert sind Totalschäden an Autos – etwa weil sie ausgebrannt sind –, aber nur an den hochpreisigen, es sind brennende Baufahrzeuge, die immerhin meist eher im Bereich um die 100.000 Euro zu Buche schlagen und es sind brennende Mobilfunkmasten, Bahnanlagen und andere Hightech-Infrastruktur, zumindest wenn ich mir einmal die Sachschaden-Resultate solcher Angriffe in den letzten Jahren vor Augen führe. Du glaubst, wenn du das Auto von irgendeinem Immobilien-Arschloch besprühst, hättest du etwas zu der ausgegebenen Schadenssumme beigetragen? Pustekuchen, das macht vielleicht 0,03 Promille (!!!) der Schadenssumme aus, 0,0003 Promille, wenn die*der Eigentümer*in sich selbst mit Nagellackentferner zu helfen vermag. Und doch könnte der Beitrag eines besprühten Autos größer sein, als der einer brennenden Bahnanlage, etwa weil er der richtigen Person genug Drohung ist, um ihren Beitrag zur Räumung nicht zu leisten. Manchmal soll ja sogar gar kein Sachschaden für so etwas ausreichen, man denke beispielsweise an die Immobilienmaklerin, die einst einen Gruß aus Connewitz ausgerichtet bekam, vielleicht hat es ihre Haltung ja geändert, wer weiß.

Die Logik des Sachschadens, ja sie hat ihren Reiz, tröstet sie eine*n doch immer wieder über die eigentliche Wirkungslosigkeit der eigenen Angriffe hinweg. Und ich will ja gar nicht sagen, dass hoher Sachschaden gerade in einer profitorientierten Welt nicht durchaus seinen Reiz hat, aber doch sollte man sich nicht allzu große Illusionen ob des Ganzen machen: Im Endeffekt werden Sachschäden in der Regel von Versicherungen gezahlt und wer glaubt, damit wenigstens den Versicherungen Schaden zuzufügen, die*der hat noch nicht verstanden, wie dieses Business funktioniert: Die haben doch längst darauf gewettet, dass eine*r wie du ausrastet und mal den ein oder anderen Bagger abfackelt. Für sie ist das nicht mehr als ein bisschen hin- und hergeschubse von Zahlen. Einerseits zahlen sie der Baufirma einen neuen Bagger, andererseits kassieren sie ihren Wettgewinn anderswo ab. Das ist freilich kein Grund, den Bagger nicht abzufackeln, schon alleine weil dann ja erstmal ein neuer Bagger hergeschafft werden muss, bevor es weitergehen kann, aber gerade wer sich alleine auf dem verursachten Sachschaden eines Angriffs ausruht, ja wer diesen Sachschaden zum alleinigen Wert eines Angriffs erhebt, die*der sollte vielleicht auch mal darüber nachdenken, ob es nicht vielleicht auch recht unangenehme Akteur*innen gibt, die von dem ganzen Sachschaden profitieren – zum Beispiel die Autoindustrie. Jaja, wo soll man in einer zunehmend kybernetischen Welt, in der die destruktive Zerstörung auch nur eine weitere Feedback-Schleife zu sein scheint, überhaupt noch angreifen?

Aber vielleicht ist das auch gar nicht die relevante Frage. Vielleicht geht es vielmehr darum, welche Ziele ein Angriff verfolgt. Möglichst viel Sachschaden, um den Preis einer Räumung in die Höhe zu treiben? Was heißt das im Umkehrschluss? Und vor allem, wie muss das von außen interpretiert werden? Und da geht es mir nicht um irgendeine bescheuerte „Vermittelbarkeit“ des Angriffs. Aber wenn ich vernehme, „Wenn die Liebig 34, die Rigaer 94, das Syndikat oder irgendein anderes Szeneobjekt geräumt wird, dann treiben wir den Preis für die Räumung durch 1 Million – oder eben 34 Millionen – Euro Sachschaden in die Höhe“, dann frage ich mich schon: Was ist denn, wenn diese Räume nicht geräumt werden? Gibt es dann keinen „Sachschaden“ – also keine Angriffe? Beschränkt sich der „Sachschaden“ dann nur auf die paar Tags in der Umgebung dieser Räume, auf die paar Anti-Gentrifizierungs-Spaziergänge im direkten Umfeld dieser Objekte? Natürlich nicht, das ist mir schon klar, aber dennoch scheint die Intensität des Angriffs zu Zeiten der Räumung irgendeines Szeneobjektes in Berlin schon immer deutschlandweit zuzunehmen. Die Wahrnehmung außerhalb einer (militanten) Szene muss aber sowieso sein: Wenn diese Leute ihre Räume verlieren, dann stiften sie Chaos, wenn sie aber ihre Räume behalten (dürfen), dann sind sie eigentlich ganz friedlich oder beschränken sich zumindest auf ein „Gefahrengebiet“. Und ist diese Deutung nicht irgendwo doch nicht so weit hergeholt?

Letztlich ist die Drohung mit soundsoviel Sachschaden im Falle einer Räumung ja schon ein zutiefst politisches Manöver. Sicher, man weigert sich, direkt mit der Politik zu verhandeln, aber die außerparlamentarische Erpressung „Verzicht auf Räumung oder Sachschaden“ verbleibt doch in der Logik der Politik. Befriedung muss ja nicht notwendigerweise dadurch stattfinden, dass die Menschen in die Parlamente eingebunden werden. Es reicht ja bereits, ihnen die Illusion zu geben, sie könnten sich dem ganzen politischen Unsinn widersetzen, der Staat würde es nicht wagen, sie anzufassen. Und während man dann vielleicht seine eigene Gefährlichkeit mehr zelebriert als praktiziert, wartet der Staat auf eine opportune Gelegenheit, um diesem ganzen Rebell*innentum irgendwann dann doch mit seinem übermächtigen Arsenal ein Ende zu bereiten. Ob 1000 Cops, 2500, 5000 oder gar 20.000? Was spielt es für eine Rolle? Wenn man ehrlich ist, reichen sogar 20 Bullen mit Sturmgewehren und es ist aus mit der Rebellion, denn in seiner ganzen Gefährlichkeit hat man dann doch eine wesentliche Sache versäumt: sich zu bewaffnen. Und bei all den (Gegen)machtspielchen um ein „Gefahrengebiet“ mit dem Staat, geht da nicht etwas wesentliches verloren? Dass es nämlich nicht darum geht, ein Haus, eine Straßenecke, ein Viertel oder auch einen Wald gegen den Staat zu verteidigen, sondern vielmehr darum, den Staat zu beseitigen und mit ihm alle Institutionen, die ihn gleich wieder aufs neue hervorbringen könnten/würden. Oder geht es darum überhaupt? Sicher nicht allen, die sich für einen Erhalt der Liebig 34, der Rigaer 94, des Syndikats, des Hambacher Forsts, usw. eingesetzt haben und einsetzen. Gewissermaßen ist der – letztlich nicht nur auf militanter Ebene geführte – Verteidigungskampf dieser Räume eine Art kleinster gemeinsamer Nenner. Ein Bündnis mit nur allzu liberalen Kräften, die schließlich versuchen auch die systemfeindlichen Kräfte zu rekuperieren und die – das haben sie oft genug unter Beweis gestellt – einem radikalen Kampf gegen das System ohnehin bei der erstbesten Gelegenheit in den Rücken fallen.

Ich habe keine klare Antwort auf diese Fragen und es geht mir nicht darum, die Entscheidungen derjenigen, die sich dem Kampf um Räume wie die Liebig 34 angeschlossen haben, zu kritisieren. Aber in einer Zeit, in der es wenigstens so scheint, als hätte sich die gesamte militante Szene – der das Politik machen immerhin auch sonst nicht unbedingt fremd zu sein scheint – unter dem Banner des Erhalts der Liebig 34 vereint, einem Banner, das letztlich eine (lokal)politische Forderung vertritt, scheint es mir angemessen, diese Fragen einmal mehr aufzuwerfen. Möge jede*r darauf seine*ihre eigene Antwort finden.

Wer schreibt denn da?

Ein kleiner Überblick über Methoden der modernen Forensischen Linguistik zur Autorschaftsbestimmung

Der folgende Artikel versucht aus einer nicht fachlichen Perspektive einen Überblick zu geben und eine entsprechende Einordnung vorzunehmen. Es gibt einige wissenschaftliche Publikationen zu diesem Thema, die für eine bessere Einschätzung ausgewertet werden könnten. Es geht mir hier aber vor allem darum, das Thema einmal aufzuwerfen und nicht darum, eine fundierte und abschließende Betrachtung zu liefern. Wenn du also irgendetwas besser weißt, dann immer her mit den Informationen!

Spuren vermeiden, die einer später einmal – vielleicht noch nach Jahren und Jahrzehnten – zum Verhängnis werden könnten, das dürfte wohl für die Meisten von Interesse sein, die ab und an zur Tat schreiten und dabei in Konflikt mit dem Gesetz geraten. Fingerabdrücke vermeiden, DNA-Hinterlassenschaften vermeiden, Schuhabdrücke und Textilfaser-Spuren vermeiden oder zumindest getragene Kleidung im Anschluss entsorgen, Videoaufnahmen vermeiden, Werkzeugspuren vermeiden, Aufzeichnungen jeder Art vermeiden, Observationen erkennen usw., all das dürfte dabei zumindest mehr oder weniger jeder, die des öfteren Verbrechen begeht und sich dabei vor Identifizierung schützen will, ein Anliegen sein. Aber wie steht es mit jenen Spuren, die oft erst im Nachhinein eines Verbrechens aus dem Drang heraus, die eigene Tat wenigstens anonym oder auch unter Verwendung eines wiederkehrenden Pseudomyms zu erklären, entstehen? Beim Verfassen und Publizieren eines Communiqués oder eines Bekenner*innenschreibens?

Mein Eindruck ist, dass diesen Spuren trotz einer rasanten technologischen Entwicklung der Analysekapazitäten in vielen Fällen keine besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Das kann Absicht sein, Nachlässigkeit oder auch ein Kompromiss aus miteinander konkurrierenden Bedürfnissen. Ohne hier einen allgemeinen Vorschlag zum Umgang mit diesen Spuren unterbreiten zu wollen – das muss schließlich jede für sich wissen –, möchte ich vor allem skizzieren, mit welchen Methoden die Ermittlungsbehörden in Deutschland und anderswo derzeit (wahrscheinlich) arbeiten, was grundsätzlich möglich scheint und was in Zukunft möglich werden könnte.

Vielleicht sollte ich vorab noch bemerken, dass freilich alles oder zumindest das allermeiste, was ich hier vorstelle wissenschaftlich ebenso wie juristisch umstritten ist. Ich bin auch weniger an der juristischen Verwertbarkeit von Sprachanalysen interessiert – und an der wissenschaftlichen sowieso nicht –, als daran, ob es plausibel erscheint, dass diese Ermittler*innen einer auf die Spur bringen, denn selbst wenn eine Spur gerichtlich nicht verwertbar ist, so kann es dennoch dazu führen, dass diese zur Ermittlung einer anderen, verwertbaren Spur führt.

Autorenerkennung beim BKA

Das Bundeskriminalamt unterhält eigenen Angaben zufolge eine Abteilung, die sich der Ermittlung der Autor*innenschaft bei Texten widmet. Im Fokus stehen dabei Texte mit einem Bezug zu Straftaten wie Bekenner*innenschreiben, aber auch „Positionspapiere“ unter anderem aus dem „linksextremistischen Spektrum“. Alle gesammelten Texte werden aufbereitet durch sprachwissenschaftliche Untersuchungen in einer sogenannten Tatschreibensammlung erfasst und sind mit dem Kriminaltechnischen Informationssystem Texte (KISTE) vergleich- und durchsuchbar. Den Angaben des BKA zufolge werden die Texte unter anderem klassifiziert nach den folgenden biografischen Merkmalen ihrer (vermeintlichen) Autor*innen: Herkunft, Alter, Bildung und Tätigkeit.

Alle eingehenden Texte werden zudem mit bereits erfassten Texten verglichen, um zu bestimmen, ob mehrere Texte möglicherweise von der gleichen Autor*in verfasst wurden.

Im Rahmen fallspezifischer Ermittlungen können die gespeicherten Texte zudem mit Texten, deren Autor*innenschaft bekannt ist verglichen werden, um zu bestimmen, ob diese von der gleichen Autor*in verfasst wurden, oder ob dies ausgeschlossen werden kann.

Soweit die offiziellen Angaben des BKA zu dieser Abteilung. Was bedeutet das in der Praxis?

Ich denke, dass man davon ausgehen kann, dass zumindest alle Bekenner*innenschreiben in dieser Datenbank erfasst werden und daraufhin analysiert werden, ob von der/den gleichen Autor*in(en) noch weitere Bekenner*innenschreiben vorhanden sind. Aber die Feststellung, dass auch „Positionspapiere“ erfasst werden, lässt noch weitere Schlüsse zu: Zumindest erscheint es möglich, dass neben Texten mit strafrechtlicher Relevanz auch andere Texte eingespeichert werden, die einer bestimmten Szene zugeordnet werden. Beispielsweise Texte aus entsprechenden Zeitungen, Erklärungen von politischen Gruppen/Organisationen, Aufrufe, Blogbeiträge, usw. Im schlimmsten Fall würde ich also davon ausgehen, dass alle publizierten Texte auf bekannten „linksextremistischen“ Webseiten (da ist es schließlich recht einfach, an diese ranzukommen), sowie den Ermittlungsbehörden interessant erscheinende Texte aus Printpublikationen in diese Datenbank eingespeist werden.

Das würde bedeuten, dass dem BKA zu jedem Bekenner*innenschreiben ein Cluster aus Texten mit vermeintlich gleicher Autor*innenschaft vorliegt. Diese können dabei aus anderen Bekenner*innenschreiben bestehen sowie eben auch aus jenen Texten, die sonst noch so in die Datenbank eingespeist wurden. Neben Tatserien können so also auch weitere Hinweise auf Täter*innen gewonnen werden, etwa Pseudonyme, Gruppenbezeichnungen – oder schlimmstenfalls Namen – unter denen eine Verfasser*in eines Bekenntnisses andere womöglich andere Texte verfasst hat, aber je nach Text auch alle möglichen anderen Informationen, die dieser liefert, darunter häufig Hinweise auf Wohn- und Wirkungsort einer Person, thematische Schwerpunkte, biografische Charakteristika, Bildungsweg, usw. Allesamt Informationen, die mindestens dazu genutzt werden können, um den Kreis der Verdächtigen einzuschließen.

Was bei all dem noch unklar bleibt ist, welche weiteren Vergleichsproben das BKA möglicherweise vorhält. Von den meisten Personen gibt es sicher eine ganze Reihe Texte, auf die Ermittlungsbehörden Zugriff haben (könnten) und die im Falle eines Verdachts oder möglicherweise zum Teil auch vorsorglich – wenn eine Person etwa mit einem Eintrag wie „Gewalttäter linksextrem“, etc. bekannt ist – in die Datenbank eingespeist werden könnten. Das kann alles sein, wo dein Name drunter steht, vom Schreiben an eine Behörde bis hin zu einem Leserbrief in der Zeitung unter deinem Namen. Ich will hier absichtlich nur die offensichtlichsten Quellen nennen, um nicht versehentlich den Ermittlungsbehörden die entscheidende Inspiration zu verschaffen, aber ich bin sicher du kannst für dich selbst beantworten, welche Texte von dir zugänglich sein könnten. Gelingt es den Profilern des BKA erst einmal den Verdächtigenkreis auf ein spezifisches Charakteristikum einzugrenzen, das den Abgleich mit massenhaft vorhandenen Textproben ermöglicht (Wenn beispielsweise davon ausgegangen wird, dass ein*e Wissenschaftler*in einer bestimmten Disziplin für ein Schreiben verantwortlich ist, könnten alle Publikationen in diesem Fachbereich als Vergleichsproben herhalten. Das wäre zum Beispiel eine mögliche (Teil-)Erklärung dafür, wie das mit Andrej Holm im Verfahren gegen die militante Gruppe gelaufen sein könnte, zumindest wenn man unterstellt, dass das BKA nicht nur nach „Gentrifizierung“ gegooglet hat), so halte ich es durchaus für möglich, dass solche Analysen auch durchgeführt werden.

Methoden der Autorenerkennung und des Autoren-Profilings

All das betrachtet aber nur, was das BKA von sich behauptet zu können und führt diese Überlegungen weiter. Aber wie funktioniert denn nun eigentlich die Autorenerkennung, bzw. das Autorenprofiling?

Wer kennt sie nicht, die Angst davor, dass eine*n vielleicht der*die Deutschlehrer*in enttarnen wird, nachdem auf der Toilette eine Spottdichtung über eine*n Lehrer*in aufgetaucht ist und sich die ganze Schule darüber lustig macht, wie man nur „Leerer“ statt „Lehrer“ schreiben könne. Aber glücklicherweise ist dann doch das gesamte Deutschkollegium darauf hereingefallen, das Narrativ vom Fehler zu übernehmen und die Augen vor einem nur allzu treffenden Wortspiel zu verschließen. Die Forensische Linguistik scheint doch ein wenig Übung oder zumindest eine kriminalistische Motivation zu erfordern, wer weiß. Jedenfalls war die Fehleranalyse, von der wohl die meisten schon einmal gehört haben dürften, zusammen mit der Stilanalyse einem Werbeartikel der Sprachbullin Christa Baldauf zufolge um 2002 herum eines der wichtigsten Analyseinstrumente des BKA. Rechtschreibfehler, Grammatikfehler, Interpunktion, aber auch Tippfehler, Neue oder Alte Rechtschreibung, Hinweise auf Tastatureigenheiten, usw., all das dient den Sprachbullen dazu, Hinweise auf den*die Autor*in zu sammlen. Wenn ich beispielsweise „muß“ statt „muss“ schreibe, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass ich zu Schulzeiten einige der jüngeren Rechtschreibreformen nicht mehr mitbekommen habe. Wenn ich dagegen Begriffe, die man der Rechtschreibung zufolge mit „ß“ schreibt, ständig mit „ss“ schreibe, könnte das bedeuten, dass auf meiner Tastatur kein „ß“ vorhanden ist. Wenn ich zum Beispiel von „dem Butter“ spreche, könnte das ein Hinweis darauf sein, dass ich in Bayern aufgewachsen bin, usw. Ich könnte all diese Dinge aber auch nur vortäuschen, um die Sprachbullen in die Irre zu führen. Auch das, also die Plausibilität meines Fehlerprofils, ist Teil einer solchen Analyse. Ähnlich untersucht auch die Stilanalyse Eigenheiten meines Schreibstils. Was für Begriffe verwende ich, weist mein Satzbau spezifische Muster auf, gibt es wiederholt auftretende Begriffskonstellationen, die vielleicht sogar in verschiedenen Texten auftauchen, usw. Ich denke jede*r, die*der sich seine*ihre Texte genauer ansieht, wird einige eigene stilistische Charakteristika erkennen.

Solche qualitativen Analysen dienen vor allem dem Profiling der Verfasser*innen. Zwar können auf diese Art und Weise sicher auch unterschiedliche Texte einander zugeordnet werden, aber der eigentliche Wert solcher Analysen liegt darin, Dinge wie, Alter, „Bildungsgrad“, „Szenezugehörigkeit“, regionale Herkunft, ja manchmal vielleicht sogar Hinweise auf Berufstätigkeiten/Ausbildung, usw. bestimmen zu können. Auch Versuche, Dinge wie Geschlecht zu bestimmen, sind bekannt, scheinen aber in der Regel nicht ganz so einfach zu sein.

Demgegenüber gibt es auch eher quantitative und statistische Analysen, die von Worthäufigkeiten über Wortkonstellationen bis hin zur syntaktischen Satzstruktur alle quantitativ messbaren Sprachcharakteristika untersuchen. Diese unter dem Begriff Stilometrie geführten Verfahren sind teilweise sehr umstritten, weil nicht genau gesagt werden kann, was mit ihnen eigentlich gemessen wird/werden soll, liefern gerade in Kombination mit Ansätzen des Machine Learnings aber zum Teil erstaunliche Ergebnisse. Ich denke, dass diese Ansätze daher vor allem dazu genutzt werden dürften, verschiedene Texte nach ihren Ähnlichkeiten zu clustern.

Der klare Vorteil solcher quantitativen Analysen ist, dass diese massenhaft durchgeführt werden können. Sämtliche digital verfügbaren oder digitalisierbaren Texte lassen sich so analysieren. Vom Posting in sozialen Medien bis hin zum Buch können mit diesen Verfahren Texte erfasst werden. Zwar ist der Erfolg dieser Verfahren derzeit noch relativ bescheiden und vielfach hat sich herausgestellt, dass angeblich ähnliche Texte sich häufig mehr in ihrer Gattung geähnelt haben, als in ihrer Autor*innenschaft, aber wenn man davon ausgeht, dass individuelle Schreibstile durchaus quantitative Muster hinterlassen könnten, so heißt das im Umkehrschluss, dass wenn diese Muster erst einmal bekannt sind, eine massenhafte Zuordnung von Texten zu Autor*innen möglich sein wird.

Und was nun?

Es gab und gibt natürlich verschiedene Lösungsansätze mit diesem Wissen umzugehen und vermutlich kann man von keinem sagen, er sei besser oder schlechter als ein anderer. Wer ohnehin keine Communiqués verfasst, die*der geht diesem Problem großteils aus dem Weg, ist aber insoweit trotzdem von dem Problem betroffen, dass Beteiligungen an Publikationen und Urheberschaften von anderen Texten auf gleiche Art und Weise ermittelt werden können. Wer Texte vor Veröffentlichung verfremdet, etwa indem mehrere Personen nacheinander Passagen daraus neu- und umformulieren, etc. läuft Gefahr, bei wiederholt ähnlichen Konstellationen ebenfalls verwertbare sprachliche und stilistische Charakteristika herauszubilden oder auch daran zu scheitern, Charakteristika erfolgreich zu verschleiern. Wer meint, er*sie könne auf das Ganze scheißen, weil ohnehin keine Textproben von einer*m vorliegen oder auch, weil er*sie überzeugt ist, dass die juristische Beweiskraft der Autorenerkennung zu wacklig ist, die*der riskiert, dass in Zukunft doch irgendwie Textproben von einer*einem verfügbar sein könnten (etwa weil sie*er erfolgreich einer Autor*innenschaft überführt wird) oder sich die juristische Würdigung des Verfahrens ändert. Wer darauf vertraut, dass die Technologie (noch) nicht gut genug ist, kann durch zukünftige Entwicklungen überrascht werden. Wer technische Lösungen nutzt, um seine*ihre Autor*innenschaft zu verfremden läuft Gefahr, dabei neue Charakteristika und Spuren zu hinterlassen und zudem schlecht geschriebene Communiqués zu produzieren, die ohnehin keine*r lesen will. Wer sowieso nie irgendwelche Texte schreibt, die*der schreibt eben keine Texte.

Also tue, was immer dir am meisten zusagt, nur tue es ab nun – sofern du das nicht ohnehin schon tatest – eben mit dem Wissen um diese Spuren und dem mulmigen Gefühl im Bauch, das schon so manch eine*n im richtigen Moment davor bewahrt haben soll, einen leichtfertigen Fehler zu begehen.

Ratschläge an die Föderierten den Bruch mit der Linken betreffend

Kommentar zu Jens Störfrieds 2. Persiflage

oder

mit einem linken Anarchisten zanken

„Teil des Problems“ heisst halt Teil des Problems und „blöd formuliert“ führt halt zu entsprechenden Reaktionen. Darüber zu streiten, wer mit Beleidigungen angefangen hat, ist natürlich eine lächerliche Diskussion, und so genau mag ich mich nicht entsinnen (Ich würde es mir aber vielleicht sogar zugute halten) – aber ist es nicht so, dass verschiedene Leute auch Verschiedenes beleidigend finden. Und zeigen sich nicht gerade darin auch Unterschiede?

Ohnehin, Jens, bisher habe ich mich eigentlich immer eher belustigt gefühlt als verletzt, wenn ich deinen Senf gelesen habe, und deine Sticheleien und Anzapfversuche bieten zugegebenermassen gute Vorlagen für das Aufräumen mit gewissen Vorurteilen. Und dazu habe ich mich auch hier – oh Launen meiner Natur – mal wieder hinreissen lassen.

Es wäre ein Missverständnis deinerseits, wenn du glaubst, ich hätte nicht verstanden was du mit bürgerlich meinst. Das Gerücht, dass du aber weiterhin konsequent streust, nämlich, dass wir, bzw. „unser Lager“ kämpfen würden, „ohne andere Strukturen und Beziehungen aufzubauen“, ist eben nach wie vor falsch. Und ich glaube, dass du das auch weisst. Nur brauchen wir dazu eben keine Föderation. Der springende Punkt ist also, dass du – in guter Tradition der Organisatoren und Moralisten – versuchst, den informellen aufständischen Anarchisten (oder wie auch immer du sie bezeichnen willst), ihre Realität abzusprechen, nämlich jene, dass sie allemal „andere Beziehungen und Strukturen“ erschaffen und umsetzen. Womit du gleichzeitig sagst: wer „andere Beziehungen und Strukturen“ erschaffen will, braucht eine formelle Gruppe, die FdA, die Plattform, oder irgend etwas ähnliches… ist es nicht so?

Und persönlich würde ich sagen, gerade das Klammern an formellen Grüppchen, Föderationen, Namen, etc. ist Ausdruck eines bürgerlichen Bewusstseins. Und zwar in jenem Sinne einer „Form des Bewusstseins als eines, welches einer „bürgerlichen“ Gesellschaft entspringt“ und an deren Formen haften bleibt.

So würde ich die „Grundfragen, in denen wir ziemlich unterschiedliche Ansichten haben“ definieren. Und deine Formulierung des Unterschiedes wird eben unsererseits immer wieder allergische Reaktionen hervorrufen, denn was für eine Witz ist es, wenn ich mir meine Gefährten und Projekte anschaue, und uns dann einer sagt wir hätten keine „anderen Beziehungen und Strukturen“, seien alles Narzissten, u.Ä. Das ist belustigend!

Persönlich dreht sich für mich der Konflikt vor allem um diese Frage, welche verschieden formuliert werden kann. Man könnte sagen, dass du eine Form „aggregativer Organisierung“ vertrittst, oder den Vorschlag einer „akkumulierenden Bewegung“ – anarchistische Synthese halt. Die alte Tradition der Organisatoren. Und wir individuelle Initiative ohne Formalitäten etc.

Von der FAU (Freie Arbeiter-Union), zur AAU-E (Allgemeine Arbeiter-Union Einheitsorganisation), zur AFD (Anarchistische Föderation Deutschland), zur FKAD (Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands), zum FFS (Föderation freiheitlicher Sozialisten), und wie die Vorläufer heutiger Organisatoren alle noch heissen, waren diese immer auch Sackgassen der freien Initiative und Vereinigung. Solche Organisationen bilden früher oder später eine Führungsschicht von Intellektuellen heraus, oder versinken in irrelevantem Sektierertum. Und dies gerade auch auf Grundlage der Föderation. Diese Dinge wurden oft von den jeweiligen Zeitgenossen analysiert, etc. Und natürlich kann man den Leuten, welche solche Projekte umsetzen, den guten Willen nicht per se absprechen.

Aber es ist eben allzu oft ein Stehenbleiben vor letzten Konsequenzen anarchistischer Theorie, uns führt letztlich zu einer Sammlung der Masse oder der Anarchisten auf dieser inkonsequenten Basis. Und ist somit allzu oft „Teil des Problems“, allerdings ein kompliziert zu analysierender und bekämpfender.

So sehe ich auch die FdA (Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen, zeitgenössisch), welche vor allem ein relativ bedeutungsloses Milieu zu sein scheint, welches aber möglicherweise einiges an lebendiger Energie auf ihren unfruchtbaren Boden locken kann. Wo diese vertrocknen wird…

Wo solche Vorstellungen, wie dass man zur eigenen Beruhigung schon jetzt über „antifaschistische Schutztruppen“ (was nichts anderes als eine Polizei ist) und Exil für „Verbrecher“ reden müsse, grassieren. Also ein Umfeld, in dem die rückständigsten Vorurteile reproduziert werden. Sämtliche anarchistischen Diskussionen über Gefängnisse der letzten 30 Jahre ignoriert werden. Oder halt abgelehnt. Verworfen? Aber nicht widerlegt!

Persönlich betrachte ich eine solche Organisation und auch Leute, welche solche Ideen vertreten, als links. Es ist genau dieser „Sozialismus“, dieses radikale Reformstreben (mit direkter Aktion meinetwegen), welche einen solchen Anarchismus zu einem Teil der Linken macht. Und deswegen wird es schwierig, Jens, dass du den radikalen Linken einfach entgehst, indem du kein Bier mit ihnen trinkst. Denn vielzuviel Linksradikales vertrittst du ja nach wie vor selbst.

Ich würde deshalb vorschlagen, dass du den Bruch mit der Linken jenen überlässt, welche ihn wirklich machen wollen, anstatt dass du versuchst, synthetisch Dinge zu übernehmen, welche du dadurch eher neutralisierst. Das haben eben nicht alle gern.

Denn deine Paraphrasierung jener Texte, was ist sie anderes, als der Versuch, Konzepte zu retten, die Teil der Linken sind? Was anderes, als die subversive Kritik zu verdauen, damit sie anderen nicht zu schwer im Magen liegt? Das Scheitern der radikalen Linken, oder vielmehr: ihr gegenwärtiges (vielleicht vorübergehendes) offenes Zusammenspannen mit der Macht, führt dich natürlich verständlicherweise zur Lektüre jener Texte, die ihr intimes Verhältnis mit der Macht schon herausgestellt haben, bevor dies dermassen offensichtlich war. Diese Lektüre mag dich weiterbringen, aber letztlich können deine Persiflagen kaum überdecken, dass du die radikale Linke vermisst, und dass du letztlich eben in deinem Denken nicht darüber hinauskommst, linksradikal zu sein. Das heisst, noch einmal übersetzt: dass du dich zu Linksradikalen verhältst, wie diese zur Linken, und diese wiederum zur bestehenden Totalität. Und letztlich heisst das: zur sozialen Revolte verhältst du dich wie sie alle, nämlich als Aussenstehender oder Organisator. Und wenn du selber handelst, so in der Logik des Aktivismus. Und wenn es gewaltig ist, so in der Logik der Militanz. Und wenn du etwas veränderst, so in der Logik der Politik. Versteh mich also nicht falsch: ich habe nie geglaubt, dass das Trennende die „Gewaltfrage“ sei. Vielmehr spreche ich einfach aus aus einer anderen Galaxie als du, auch wenn sich beide anarchistisch schimpfen mögen.

Soviel scheint mir das Problem zu sein, der Graben, den wir eben nicht wirklich kleiner machen wollen. Aber das weisst du ja alles. Es schadet aber bestimmt nicht, es zu wiederholen. Weniger für dich, als für jene, welche das vielleicht wirklich noch nicht verstanden haben.

Im Übrigen habe ich nirgends ein Recht auf Antwort behauptet, sondern vielmehr deine intellektuelle Feigheit.

Ein heute allzu wohlgesinnter Eigenbrödler

Fickt euren Konsens!

Ist es dir schon einmal passiert, dass Personen in deiner Nähe dich fragen, ob es in Ordnung sei, wenn sie neben dir etwas essen, wenn sie ihr Oberteil ausziehen, wenn sie rauchen, usw.? Und ganz ehrlich, was hast du dir dann gedacht? Dachtest du: „Oh, das ist aber nett, dass du mich fragst, das finde ich sehr rücksichtsvoll von dir“, oder dachtest du eher „Du Opfer, kannst du nicht einmal essen/rauchen/entspannen, ohne dass du dafür das Einverständnis aller brauchst?!“ Auf die Gefahr hin, dass ich den folgenden Text spoilere: Wenn du dich aufrichtig über die Rücksichtnahme der fragenden Person gefreut hast, dann wird dir der folgende Text mit hoher Wahrscheinlichkeit gar nicht gefallen. Aber das ist doch kein Grund, die Lektüre hier abzubrechen, oder?

Zugegeben: Natürlich ist das Ganze kein Entweder-Oder.  Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen aufeinander Rücksicht nehmen, ich kann verstehen, dass in bestimmten Kontexten die Angst davor, etwas falsches zu tun, so bestimmend ist, dass die Frage um Erlaubnis weniger das Verlangen nach Zustimmung ausdrückt, sondern vielmehr ein Ausdruck der Unsicherheit ist und manchmal erkundige ich mich selbst bei anderen Menschen, ob sie mit bestimmten Handlungen gerade einverstanden sind oder nicht. Und doch habe ich zumindest in bestimmten Kontexten den Eindruck, dass vor lauter ritualisierter und sinnentleerter Rücksichtnahme aufeineinander eine Situation kreiert wird, in der strengere Regeln herrschen und Fehlverhalten schärfer sanktioniert wird, als in der übrigen Gesellschaft. Jaja, ich weiß, dass ich das sage muss daran liegen, dass ich in beinahe jeder Hinsicht privilegiert wäre und mir die Einsicht fehle, dass eine solche Stimmung notwendig ist, um sichere Räume für weniger Privilegierte zu schaffen, blablabla, alles langweilige und altbekannte Versuche vom Thema abzulenken. Und nur keine Sorge, Menschen wie ich meiden diese Räume meistens und stören nicht den Frieden eurer fantastischen Parallelwelt. Jede*r, wie es ihr*ihm gefällt. Wenn dieses ganze Polizieren aber von sich behauptet es wäre anarchistisch, wenn das ganze Wettgeeifere, wer der vorsichtigste Elefant im Porzellanladen ist, dazu dient, neue Autoritäten zu begründen und wenn alle, die dieses lächerliche Spiel nicht mitspielen wollen, zunehmend als eigentlich autoritär abgestempelt und auf die ein oder andere Art und Weise gezwungen werden sollen, sich den neuen Regeln des Opferdaseins zu unterwerfen, dann scheint es mir an der Zeit, die Illusion einer konfliktfreien Welt, in der es für alles einen Konsens gibt und geben müsse zu zerstören und beim Namen zu nennen: Sie ist nichts weiter als eine neue Form der Herrschaft.

Konsens. Das ist ein Wort mit vielen verschiedenen Bedeutungen. Allgemein meint es wohl das Einverständnis aller Beteiligten mit irgendetwas. Konsensuale Sexualität beispielsweise beschreibt eine Idealvorstellung von Sexualität, bei der immer sichergestellt wird, dass alle Beteiligten mit allen Handlungen einverstanden sind. Und auch wenn ich oft eher den Eindruck habe, dass Konsens in diesem Kontext ein Lippenbekenntnis ist, das vermeidet, sich damit auseinandersetzen zu müssen, dass es keine reine, konfliktfreie und rein positive Sexualität gibt, habe ich im Grunde nichts gegen Konsensuale Sexualität einzuwenden. Schließlich beschreibt Konsens hier das Einverständnis aller Beteiligten eines notwendigerweise willentlichen Akts der Interaktion. Aber das Prinzip Konsens wird häufig auch auf Situationen übertragen, in denen eine Interaktion zwischen Personen nicht notwendigerweise willentlich stattfindet. Wenn ich beispielsweise etwas essen oder rauchen oder mein Oberteil ausziehen oder – toppaktuell – keine Maske tragen möchte, sich in meiner Umgebung aber andere Personen befinden, die entsprechend sehen, hören und riechen, was ich tue und denen etwas davon missfallen könnte, so stellt dies einen Konflikt widerstreitender Bedürfnisse dar, bei denen es jedoch keinerlei Notwendigkeit gibt, diese in Einklang zu bringen. Es mag teilweise friedliche Lösungen für diese Konflikte geben, es mag etablierte Normen geben, die Lösungen für diese Konflikte vorschreiben bzw. vorsehen und es mag nett von mir sein, wenn ich meine Bereitschaft zeige, eine friedliche Lösung für diese Konflikte zu finden. Aber selbst wenn ich mich nicht an eine dieser Normen halte, wenn ich keine friedliche Lösung akzeptiere und keine Bereitschaft zeige eine solche zu finden, so übe ich durch mein Verhalten keinerlei Herrschaft [1] über andere Menschen aus. Wer aber umgekehrt der Meinung ist, es wäre meine Pflicht, auch in solchen Situationen einen Konsens zu finden und andernfalls das essen/rauchen/mich entkleiden zu unterlassen, die*der beweist doch umgekehrt, dass er*sie irgendein Bedürfnis dazu hat, andere Menschen zu zwingen nach seinen*ihren Vorstellungen zu handeln. Und während schon diese Konsensvorstellung letztlich nichts anderes als eine Regel beschreibt, bei der es in der Verantwortung des*der Regelbrecher*in liegt, sich um Legitimation für diesen Regelbruch zu bemühen, gibt es auch Situationen in denen der Begriff Konsens ganz unverblümt an die Stelle des Begriffs Verhaltenskodex tritt.

Aktionskonsens, anarchistischer/antifaschistischer/linker Grundkonsens, Gruppenkonsens, usw., all das sind Begriffe, die immer dann, wenn von ihnen Gebrauch gemacht wird, eigentlich keinen Konsens, sondern vielmehr einen Non-sense beschreiben. Ermahnungen wie „Bitte haltet euch an den Aktionskonsens“ und Feststellungen wie „Er*sie hat sich nicht an den Aktionskonsens gehalten“, erfreuen sich trotz ihres paradoxen Sinngehalts in gewissen Kreisen einer überraschenden Beliebtheit und müssen zuweilen gar als Legitimation für unterschiedlich geartete Sanktionierungen herhalten. Zugleich enttarnen manche Entscheidungsprozesse von Gruppen/Organisationen, bei denen Entscheidungen entweder „im Konsens“ getroffen werden sollen und wenn das „nicht möglich“ sei, mit z.B. einfacher „Mehrheit“, was der Begriff „Konsens“ wenigstens in diesem Zusammenhang eigentlich meint.

Wenn du nämlich ein „Troll“ bist, die*der sich unseren Vorstellungen auch nach aller zumutbarer Überzeugungsarbeit nicht fügen will, dann torpedierst du unser schönes Konsensprinzip und hinderst uns daran, unsere Vorstellungen zu verwirklichen, deshalb überstimmen wir dich dann einfach. So oder so ähnlich scheint die Angelegenheit von solchen Leuten gesehen zu werden. Und gerade dann, wenn man Gefahr läuft, dass man selbst beispielsweise im Zweifel überstimmt werden könnte, weil möglicherweise viele Leute zu einer „Aktion“ oder einem Camp oder sonstwohin kommen könnten, die das fragliche anders sehen, so bedient man sich eines anderen Kniffs. Man legt den „Aktionskonsens“ oder die Camp-/Veranstaltungs-Verhaltensregeln einfach im Vorhinein, d.h. im kleinen Kreis der Organisator*innen/Möchtegern-Anführer*innen fest und weist diese einfach als Konsens aus. Ein Konsens also, zu dem die meisten Personen nie befragt wurden, geschweige denn ihre Zustimmung gegeben haben.

Aber ich will hier gar nicht allzu sehr herumargumentieren, dass das ja eigentlich kein Konsens sei, weil ich es im Grunde egal finde. Es verhält sich ein bisschen, wie Stirner es vielleicht formulieren würde:

„Dächte man sich auch selbst den Fall, daß jeder Einzelne im Volke den gleichen Willen ausgesprochen hätte und hierdurch ein vollkommener „Gesamtwille“ zu Stande gekommen wäre: Die Sache bliebe dennoch dieselbe. Wäre ich nicht an meinen gestrigen Willen heute und ferner gebunden? Mein Wille in diesem Falle wäre erstarrt. Die leidige Stabilität! Mein Geschöpf, nämlich ein bestimmter Willensausdruck, wäre mein Gebieter geworden. Ich aber in meinem Willen, Ich, der Schöpfer, wäre in meinem Flusse und meiner Auflösung gehemmt. Weil ich gestern ein Narr war, müßte Ich’s zeitlebens bleiben. So bin Ich im Staatsleben besten Falls – ich könnte ebensogut sagen: schlimmsten Falls – ein Knecht Meiner selbst. Weil ich gestern ein Wollender war, bin Ich heute ein Willenloser, gestern freiwillig, heute unfreiwillig.“

Oder kürzer und vielleicht einfacher ausgedrückt: Wenn irgendetwas ohnehin den Willen aller (Beteiligter) widerspiegelt, wozu es dann aufschreiben, festhalten oder aussprechen. Wenn ein Konsens wirklich Konsens ist, ist es dann nicht absolute Zeitveschwendung überhaupt davon zu reden? Für viele offensichtlich nicht. Aber sind sie nicht eigentlich Wollende, die danach trachten, ihren Willen aufzuschreiben, nur um morgen Willenlose zu werden? Oder wollen sie vielleicht andere zu Willenlosen machen?

Aber wozu sich selbst und andere zu Willenlosen machen? Wozu dieser Konsens, nach dem so viele zu trachten scheinen? Warum seine Zeit damit verbringen, irgendwelche Regeln aufzustellen, die – vorausgesetzt einer*einem ginge es wirklich um eine konsensuale Einigkeit – selten den Prozess ihres Entstehens überdauern werden? Unabhängig davon, wie all die in die Welt hinaus postulierten Konsense zustande kamen, kann vielleicht ein Blick auf deren weitere Verwendung hier Aufschluss geben. Wo immer es einen postulierten Konsens gibt, scheint es auch eine oder mehrere Personen zu geben, denen an der Verbreitung dieses Konsenses (durch Plakate, etc.) gelegen ist und auch Personen (meist dieselben), die auf die allseitige „Einhaltung“ dieses Konsenses achten und im Falle von Regelverstößen zumindest für Ermahnung, gelegentlich auch für Sanktionierung sorgen. „Du hast wiederholt gegen unseren Konsens verstoßen, du bist hier nicht länger willkommen.“ Wer kennt diesen Satz nicht? Aber wäre nicht etwas wie „Verpiss dich, ich habe keine Lust mehr auf dich“ oder „Ich glaube deine Ideen passen mit den meinen nicht zusammen, ich finde du solltest gehen“ nicht um ein Vielfaches ehrlicher? Aber wo bliebe da die Legitimation des eigenen Handelns? Wäre es dann nicht genauso legitim bzw. illegitim, wenn die andere Person antworten würde „Verpiss dich doch selber“? Ja, wäre es. Aber wo ist das Problem? Fällt es wirklich so schwer sich einzugestehen, dass das eigene Handeln und die eigenen Vorstellungen keinen universellen Wahrheitsgehalt beanspruchen können? Fällt es wirklich so schwer, nicht das „richtige“ zu tun, sondern vielmehr das, was den eigenen Vorstellungen entspricht? Braucht das eigene Handeln wirklich die Legitimation des „objektiv Richtigen/Sinnvollen“ bzw. der Mehrheitsauffassung der Gruppe? Und wie passt das dann noch mit dem im Zusammenhang mit Konsens so oft zitierten „Minderheitenschutz“ zusammen, wenn sich am Ende doch der „Konsens“ seiner (vermeintlich) mehrheitlichen Befürworter*innen gegen die (vermeintliche) Minderheit seiner Opponent*innen richtet?

Konsens in diesem Sinne scheint also eine Kollektivität zu meinen, die sich gegen diejenigen Individuen richtet, die aufgrund bestimmter Einstellungen/Eigenschaften außerhalb dieser Kollektivität verortet werden. Statt die sich ergebenden Konflikte offen auszutragen, wird mit dem Verweis auf einen Konsens der Konflikt verschüttet und stattdessen ein anderer, gänzlich uninteressanter und letztlich herrschaftsvoller Konflikt ausgetragen, nämlich der der Gruppe gegen ein die Einheit störendes Element. Der eigentliche Anlass tritt dabei meist in den Hintergrund und gar nicht so selten kommt es vor, dass die Verteidiger*innen des Konsens vom ursprünglichen Konflikt gar nichts wissen oder bloß Gerüchte gehört haben, also für eine Sache streiten, ohne sich überhaupt ein eigenes Bild verschafft zu haben. Aber so ist das schließlich in der utopischen Welt des Konsens: Dissens hat darin keinen Platz.

Bei all der Hingabe so vieler Menschen, sich irgendwelche hirngespinstigen Utopien einer „besseren Welt“ oder einer „befreiten Gesellschaft“ auszumalen, in der für jede*n Menschen bereits ein Platz vorgesehen ist, und diese dann noch als „anarchistisch“ zu verkaufen, frage ich mich zuweilen dennoch, woher es eigentlich kommt, dabei auch noch einen „Konsens“ realisieren zu wollen. Wer bist du, du Utopist*in, dass du glaubst, andere würden deine Wahnvorstellung einer schönen neuen Welt doch tatsächlich als ihre eigene Utopie übernehmen? Und selbst wenn du meist bei anderen Utopist*innen abgeschaut haben dürftest, so wird dir doch hoffentlich klar sein, dass zumindest die Menschen, für die du (in der Regel) die repressiven Organe deiner neuen Gesellschaft vorgesehen hast, wohl kaum deinen „Konsens“ teilen dürften. Oder gibt es in deiner Vorstellung einer Gesellschaft das Verbrechen gar nicht mehr?

Schaut man sich an, welche Institutionen bzw. „Strukturen“ heute (bei Camps und Veranstaltungen) und in Zukunft dafür sorgen sollen, dass der Konsens auch ein Konsens bleibt, so findet man die altbekannten autoritären Institutionen wieder: Awareness-Teams, Transformative Justice Gruppen oder „Antifaschistische Schutztruppen“, wie es wenig verschleiert in gewissen sozialrevolutionären Programmen heißt. Auffällig finde ich dabei, dass all diese Vorschläge einer gemeinsamen oder wenigstens ähnlichen, provokanterweise könnte man sagen konsensualen, Analyse zu entspringen scheinen: Einer in ihrer Ausprägung meist liberalen Privilegientheorie, die die Einteilung von Menschen aufgrund von Identitäten in Privilegierte und Unterprivilegierte/Diskriminierte zumindest vielfach befürwortet und die Menschen so als von ihrer Identität determiniert behandelt. Freilich ist der Konsens einer solchen Analyse dann in der Regel, dass Diskriminierungen nicht geduldet werden, ebenso wie das nur allzu schwammige nicht „die eigenen Privilegien checken“, das gar keine konkrete Diskriminierung einer anderen Person erfordert, sondern schlicht darin bestehen kann, vorzuschlagen sich selbst gegen Diskriminierungen, Übergriffe, usw. zur Wehr zu setzen, anstatt dafür Institutionen wie beispielsweise Awareness-Teams, Transformative Justice-Gruppen oder „Antifaschistische Schutztruppen“ zu gründen oder diese in Anspruch zu nehmen.

Auffällig ist dabei, dass die Institutionen, die also häufig einen autoritären und kollektiven Regelwerk-Konsens verteidigen, den Begriff Konsens zugleich auch auf der individuellen Ebene, also von Individuum zu Individuum verwenden. Wer kennt sie nicht, die platten und nichtssagenden Awarenessplakate „Nein heißt Nein“ [2], wie sie in so vielen Räumen (kriminal-)“präventiv“ aushängen. Hier geht es um konsensuale Sexualität und für all diejenigen, von denen die Urheber*innen des Plakats wohl glauben, dass sie zu blöd wären, zu verstehen, was das heißt, finden sich darauf Erklärungen wie „Eine schlafende Person kann niemals zustimmen!“, ganz so als würde das irgendwer glauben. Aber ich denke es gibt einen Grund, warum so gut wie alle Materialien zum Thema konsensuale Sexualität entweder banal und oberflächlich sind oder – bzw. meist zusätzlich – auf die fieseste Art pädagogisch. Wer etwa glaubt, die Befürchtung mancher Personen, für den propagierten „konsensualen“ Sex dieser Art müsse man eigentlich jedes Mal vorher ein Formular ausfüllen und unterzeichnen, sei übertrieben und Ausdruck einer Abneigung gegen konsensualen Sex, der*die sollte sich mal die „Ja, Nein, Vielleicht-Liste“ [3] ansehen, die von zahlreichen Awareness-Befürworter*innen verbreitet wird. Immerhin fehlt das Unterschrifts-Feld am Ende, aber ansonsten erinnert das Ganze durchaus an ein behördliches Formular. Das mag manch eine*r vielleicht für ein erotisches Vorspiel halten, soetwas auszufüllen – was allerdings wenigstens nicht der erklärte Zweck der Liste ist –, ich bin mir jedoch sicher, für die meisten ist es das nicht. Und das alleine ist Grund genug, so eine Liste niemals auszufüllen. Außerdem zeigt diese Liste die Armut der Vorstellung von Sexualität ihrer Befürworter*innen auf und wirft dabei die Frage auf, inwiefern die engstirnigen Vorstellungen von Sexualität solcher Leute sich nicht einfach in die gesellschaftliche Prüderie einreihen.

Aber das „Nein heißt Nein“-Plakat und die „Ja, Nein, Vielleicht-Liste“ sind nur Beispiele dafür, wie wenig es selbst den Befürworter*innen einer ausdrücklich konsensualen Sexualität gelingt, diesen Begriff mit Inhalt zu füllen. Ist das vielleicht ein Hinweis darauf, dass das Ganze nur ein Lippenbekenntnis für etwas ist, von dem man einfach hofft, dass es schon funktionieren wird? Ich meine woher kommt der Optimismus, dass man einfach immer nur fragen müsse, ob man jemanden hier berühren, da ablecken oder dort küssen dürfe und schon hätte man eine konsensuale Sexualität geschaffen, bei der eigentlich nichts mehr schief gehen könne und wenn doch, ja dann …

Zu gerne würde ich einmal sehen, wie eine der Personen, die immer meinen „ich weiß nicht was daran so schwer sein soll, einfach immer vor jedem Schritt zu fragen“, diesen dämlichen Tipp in die Praxis umsetzt. Und das ist kein Argument dafür, einfach draufloszuficken, weils ja eh keine konsensuale Sexualität gibt. Nur woher kommt dieser Optimismus, Sexualität mit all den gesellschaftlichen Stigmata und Erwartungshaltungen, all den Idealen und Normen, all der Entfremdung und all der Überhöhung sei etwas, das ganz einfach konsensual ablaufen würde, wenn man eine dreischrittige Anleitung befolgt. Diese Vorstellung ist höchstens Verdrängung derjenigen, die sich ja, indem sie Räume betreiben/gestalten, in denen vorrangig orgiastische Balzveranstaltungen stattfinden und in denen „PC“ mehr als irgendwo sonst „für Pussy Crushing“  zu stehen scheint, selbst in die Reihen derer begeben, die Sexualität zu dem machen, was sie in dieser Gesellschaft zu sein scheint.

Um diese Utopie aufrechtzuerhalten ist es notwendig von Zeit zu Zeit zu vertuschen, dass es eben nicht immer einen Konsens gab, gibt und geben wird – und zwar weder auf individueller Ebene zwischen zwei Individuen, noch auf einer kollektiven Ebene. Und das geschieht dann eben durch den Ausschluss derjenigen, die diese Utopie stören. Derjenigen, die bezichtigt werden übergriffig gewesen zu sein – was ja nicht ausschließt, dass sie es tatsächlich gewesen sein mögen –, ebenso wie derjenigen, die den „Konsens“ dieser Gemeinschaft an Utopist*innen gelegentlich in Frage stellen. Wozu da überhaupt einen Unterschied machen?

Anstatt vom Ideal eines Konsenses auszugehen ist es vielleicht sinnvoller, zunächst einmal die Realität des Konflikts anzuerkennen und statt der Hoffnung alle Konflikte zu einem Konsens zu führen, ja führen zu müssen, sich damit anzufreunden Konflikte auszutragen. Und wer weiß, vielleicht stellt sich dann ja tatsächlich in vielen Konflikten der vielbeschworene Konsens ein. Ein individueller Konsens jedoch, der eine Lösung für diese Konflikte darstellt, nicht ein normativer Konsens, der diese verschüttet.

Anmerkungen

[1] Es mag wenige Ausnahmen geben, in denen das für die beschriebenen Verhaltensweisen nicht gelten muss, beispielsweise, wenn ich in einer Situation, in der eine andere Person keine Möglichkeit hat, Abstand zu mir zu halten und obwohl sie mich darauf hingewiesen hat, etwas esse, was bei dieser Person in der fraglichen Distanz erhebliche allergische Reaktionen auslöst, kann man sich durchaus darüber streiten, ob ich dann Herrschaft ausübe oder nicht. Aber solche seltensten Ausnahmen will ich hier getrost außen vor lassen.

[2] http://defma.blogsport.de/images/dt_v2_2_p.pdf

[3] http://queertopia.blogsport.de/images/JaNeinVielleichtListe.pdf

An einen Waschlappen

„Theoriefeind ist, wer Feind meiner Theorie ist“ (Mao Zedong)

Jens Störfried hat sich Mal wieder damit hervorgetan, die phösen „Einzelgänger*innen“, die er als „Teil des Problem[s]“ (sic!) betrachtet, anzufeinden. Darauf hat mich ein Gefährte kürzlich hingewiesen. Dies in einem Text, in welchem er darüber spricht, mit wem er Bier trinkt und mit wem nicht (auf jeden Fall nicht mit Nihilisten und Individualisten, so scheint es). Aus der Sicht von Jens Störfrieds bürgerlicher Subjektivität nimmt sein Trinkverhalten natürlich höchste Wichtigkeit ein, denn in seiner privilegierten studentischen Selbstbezüglichkeit denkt er, Texte wie Radikale Linke, ich trenne mich von dir würden sein irrelevantes Trinkverhalten mit radikalen Linken kritisieren. So scheint das zumindest.

Jaja, die Welt hört beim Bauchnabel auf.

Nun ist der Text, welchen er persiflagiert nicht von mir, somit werde ich auch seine Persiflage nicht beantworten. „Nicht mein Bier“, könnte man sagen. Aber ich weise darauf hin, dass Störfried mir immer noch eine Antwort schuldig ist. Und wenn der allzu friedliche Störfried sich den Vorwurf der intellektuellen Feigheit nicht gefallen lassen will, so müsste er sich wohl mal die Mühe machen, seine Vorwürfe der Bürgerlichkeit gegen individualistische, nihilistische und aufständische Anarchisten zu belegen. Diese Vorwürfe behaupte ich nämlich in meinem Text in der In Der Tat #3 widerlegt zu haben! Trotzdem wiederholt er diese ständig, sich zu Unrecht dabei auf Kropotkin beziehend (den er mittlerweile immerhin gelesen hat), ohne irgendwelche Argumente zu bringen. Und gleichzeitig behauptet er, es wäre ihm an Debatte gelegen. Jaja.

Persönlich glaube ich zwar, dass die Zeitung „Waschlappen. Zeitschrift für einen pragmatischen Anarchismus“ nicht existiert, in welcher Jensens Text angeblich erschienen ist. Aber des Witzes halber wollen wir annehmen, dass es sie gibt. Denn natürlich würde „Waschlappen zu Störfried passen, dessen Waschlappismus doch längst erwiesen ist. Ebenso das „pragmatisch“, wobei Pragmatismus ja oft an Opportunismus zu grenzen pflegt…

Im übrigen zitiere ich, zur Debatte, aus der Zeitung Die Erstürmung des Horizonts #1 vom November 2014: „Was die Beschäftigung mit der Linken aus einer anarchistischen Sichtweise aber noch notwendiger macht, ist, dass die Linke (…) auf dem revolutionären Terrain aufkreuzt (jedenfalls in ihren radikalen Teilen), und dort den Gestank der Politik verbreitet.“ Jens, schreib das doch in dein Stammbuch. Und überlege dir, ob du nicht selbst zu jenen gehörst, welche derartige Gerüche verbreiten…

Dass der Anarchismus Teil der „sozialistischen Bewegung“ sei, ist eine langweilige Diskussion, hängt von beliebigen Definitionen ab und besagt eigentlich rein gar nichts. Mein persönlicher Anarchismus besteht aus sozialen und antisozialen Anteilen, und auch wenn ich dem Sozialen hohe Wichtigkeit beimesse, ist mir in diesem Bereich das -istisch höchst suspekt.

Jenseits deines Trinkens mit fragwürdigen Leuten, Jens, frage ich mich, ob du deinen Waschlappen nicht letztlich in Benzin tränken solltest, um ihn in einen Zündlumpen zu verwandeln. Oder willst du ewig damit Lampen putzen?

Ein umherschweifender Eigenbrödler

Jens Störfried, du alter Pragmatiker!

Ob das nun eine späte, stellvertretende „Rache“ für die Insurrektionalistische Sonderausgabe zu Corona des sonst „sterbenslangweiligen Förderationsorgans“ Gai Dao sein soll, die sich anonyme Herausgeber*innen vor einigen Monaten erdreistet haben, zu publizieren? [1] Oder wollte sich der olle Störfried doch einfach nur einmal an einer neuen Textgattung, der Persiflage, versuchen? Jedenfalls greift er den Text „Radikale Linke, ich trenne mich von dir“ aus Zündlumpen Nr. 054 auf und stellt unter dem Titel „Radikale Linke, ich trinke noch ein Bier mit dir“ seine eigenen Ansichten zu diesem Thema zur Diskussion. Wenn ich so arrogant sein darf, hierzu ein vorläufiges Fazit zu ziehen, Jens: Für eine bissige Polemik scheint dir – vielleicht wegen all der „solidarischen Kritik“, auf die du dich sonst so oft beschränkst – noch ein wenig die Übung mit dieser Art von Text zu fehlen, aber mach dir nichts draus, in etwas Benzin getränkt, entpuppt sich schließlich auch ein Waschlappen als brauchbarer Zündlumpen.

Aber was hat der engagierte und allzeit konstruktive anarchistische Erneurer (gleich vier „Für eine neue anarchistische …“-Texte – zu Synthese, Theorie, Organisation und Ethik – hat er jüngst veröffentlicht), denn nun inhaltlich zu dem Thema zu sagen? Wenn ich ihn richtig verstehe, dann will er die Radikale Linke differenziert betrachten, hält dies – indem er statt von sich selbst von Anarchist*innen spricht – vielmehr für ein dem Anarchismus als „Hauptströmung der sozialistischen Bewegung“ (für seinen Anarchismus mag das ja gelten) inhärentes Verhältnis und wünscht sich bei aller Abgrenzung des Anarchismus von radikaler Linken dann doch eine gelegentliche gemeinsame Tätigkeit: „Deswegen nehme ich ein ambivalentes Verhältnis zwischen Anarchist*innen und der antiautoritären radikalen Linken wahr. Mögen sie sich selbst bestimmen und immer zusammen tätig sein, wo es sinnvoll und praktikabel ist!“ Nun, viel Spaß dabei. Und das meine ich – ausnahmsweise – keineswegs sarkastisch. Es ist mir ziemlich egal, wo und mit wem Jens Störfried sein Bier trinkt, ja nicht einmal die Sorte Bier ist mir wichtig. Und sollte er eines Tages zum Rotwein wechseln, weil er des Bieres überdrüssig ist, so müssten sich die gesellschaftlichen Situationen doch erheblich verändern, dass mir selbst das nicht egal wäre. Und in keinem Fall wünsche ich Jens Störfried, dass er am nächsten Morgen mit einem Kater erwacht.

Doch wie du sicher schon erraten hast, wäre es des Aufwands doch ein wenig zu viel, einen Text zu verfassen, nur um zu sagen, wie egal es mir ist, ob Jens Störfried eine Haltung teilt, die ich zwar mit Sicherheit teile, jedoch in der hier vorliegenden Form nicht einmal zu Papier gebracht habe. Und so folgt hier nun ein scheinbar berüchtigtes Prozedere, nämlich das Vollpöbeln eines Strohkopfes, pardon Strohmannes. Und für all diejenigen, die eher schwache Nerven haben und mit solch kompromissloser und ohnehin flegelhaft vorgebrachter Kritik schnell überfordert sind, hält Jens Störfried ja bereits eine Ausflucht parat: Haltet euch ruhigen Gewissens vor Augen, dass es mir eigentlich nur darum gehe, die eigene „Kränkung“ zu überwinden. Vielleicht stimmt das ja sogar …

Als „umherschweifende[r] Einzelgänger“ bin ich für Jens Störfried sowieso „Teil des Problems und nicht dessen Lösung“. Aber warum? Ja wie kommt es, dass – nicht nur bei Jens Störfried – sogenannte „Individualisten“ und „Nihilisten“ als Problem gesehen werden? Und das gar noch, wenn sie ohnehin als „umherschweifende Einzelgänger“ abgestempelt werden, die „konsequenterweise […] die Gesellschaft, welche sie hervorgebracht hat [bekämpfen]“? Ich meine angenommen – eine unbegründete Annahme, die einer Überprüfung vermutlich nicht (so pauschal) standhalten würde – das zu tun würde tatsächlich aus einer „privilegierten“ Position resultieren, wie Jens Störfried argumentiert, und so nicht jeder*m möglich sein (was die Biografien unterschiedlichster Individualist*innen auf der ganzen Welt offensichtlich widerlegen), was wäre dann das fucking Problem dabei? Wenn für „die meisten von Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung betroffenen Menschen […] die Notwendigkeit der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen [anstünde]“, was selbst bei Störfried „nur durch die Überwindung der bestehenden Gesellschaftsordnung erfolgen kann“, was sollten sie denn dann gegen jene haben, die die Verhältnisse, die ihre derzeitigen Lebensbedingungen prägen, angreifen – und das auf eine Art und Weise, die für sie nicht schon eine bestimmte Rolle nach dem Zusammenbruch der Gesellschaftsordnung vorsieht? Was sollen sie im Gegenzug mit denen anfangen, die dieser Theorie zufolge genauso „privilegiert“ wären, solche Angriffe zu verüben, aber ihre „Privilegien“ lieber darauf verwenden „Skills [zu] verbreiten, Geschichten auf[zu]schreiben, Bildung und Erfahrung [zu] vermitteln, verschiedene Gruppen in Dialoge [zu] verstricken, […]“ und zu allem Überfluss auch noch „gemeinsame Diskussionen um Strategien und Visionen [zu] entwickeln“? Sprich mit jenen, die herumsitzen und eine Avantgarde mimen, jenen, die sich einladen (und bezahlen) lassen, dafür, dass sie ihrer „Leidenschaft“, ihrem „Aktivismus“ (Jens Störfried) nachgehen und kluge oder weniger kluge Vorträge und Workshops abhalten? Es ist ja nicht so, dass ich finde, man sollte nicht den eigenen Leidenschaften nachgehen. Aber wenn man die eigenen Leidenschaften als revolutionärer verkaufen will, als die derjenigen, die wenn sie – auf „poetische“ Weise (Jens Störfried in „Endlich neue Tatsachen!“ aus Gai Dao #99) – von Leidenschaft sprechen, in der Regel ein Feuer meinen, das die Herrschaft niederbrennt, dann sollte man vielleicht etwas mehr als nur trockene Texte anzubieten haben, in denen doch tatsächlich als „Eckpunkt der sozialen Revolution“ die „Verbannung“ – von alten und neuen Verbrecher*innen – „in menschenwürdige Umgebung auf 5 bis 30 Jahre bei jährlicher Prüfung einer möglichen Rückkehr in die alte oder eine andere Gemeinschaft“ vorkommt, neben „antifaschistischen Schutztruppen“, die Polizeiaufgaben übernehmen und einer „Nutzung von Medienanstalten“ zur „Beeinflussung der Massenkommunikation“ (siehe Jonathan Eibisch, alias Jens Störfried in „Für eine neue anarchistische Synthese!“ S. 12 f.). Und während sich der Störfried Gedanken um eine „neue“ totale Herrschaft macht, zu der man sich im Sinne eines „ωir“s (Ja, das ist absichtlich kein gewöhnliches W am Anfang dieses Wortes) freiwillig assoziiert, spiegelt für ihn die „„absolute Kompromisslosigkeit“ gegenüber „jeder Ordnung und Moral““ derjenigen, die so einen Quark – wie will man das anders nennen – ablehnen, „letztendlich bloß die Isoliertheit und den Fatalismus bürgerlicher Individuen“ wider.

Wenn ich mich mit Jens Störfried hoffentlich darauf einigen kann, dass durchaus ein Widerspruch besteht, zwischen dem – für ihn „pubertären“ – Affekt „jegliche Ordnung abzulehnen“ und der Existenz innerhalb – oder am Rande, das spielt keine Rolle – der Gesellschaft, Zivilisation, oder wie mensch es auch nennen mag, so kann es für mich doch keine „pragmatische alltägliche Praxis“ geben, die diesen Widerspruch einfach so stehen lässt. Während sich Jens Störfried „hier und jetzt sozial-revolutionär orientier[t] und formier[t], [sich] darin selbst ernst [nimmt], Verantwortung über[nimmt] und für emanzipatorische Bestrebungen kämpf[t]“, bedeutet das glücklicherweise nicht, dass diese Form des Selbstbetrugs die einzige Art und Weise ist, mit diesem Widerspruch umzugehen. Wozu mich sozial-revolutionär orientieren und formieren und mich dann auch noch ernst nehmen, wenn der Angriff doch meinem individuellen Verlangen und Vergnügen entspricht? Wozu und vor allem welche Verantwortung übernehmen und wem gegenüber? Etwa die Verantwortung die Gesellschaft „zu überwinden“? Hast du diese Verantwortung übernommen, Jens Störfried? Und wenn ja, dann rechtfertige dich doch mal, wie es kommt, dass „ωir“, wenn ich mich da nur mal für den Moment und aus rein funktionalen Gründen mit dir assoziiere, noch immer in dieser Gesellschaft leben. Oder ist es nur die Verantwortung, sich an die „formierte“ Linie zu halten? Und worin besteht diese Linie dann? Mich dünkt ohnehin, die Sache mit der Verantwortung ist nur eine leere Phrase, eine Abgrenzung zu jenen verantwortungslosen Anarchist*innen wie mir, die jede Verantwortung schon aus Prinzip zurückweisen, weil das Konzept von Verantwortung zumindest in diesem Sinne auch nur einer weiteren (sich anarchistisch gebenden) Moralerei entstammt, die, wenn sie tatsächlich die für sich behauptete universelle Wahrheit beanspruchen könnte, unnötig wäre, aufzuschreiben oder überhaupt von ihr zu reden. Aber das ist ja der Trick bei diesem Konzept, für Kant ebenso wie für Kropotkin und heute auch für den Jens Störfried: den eigenen Willen oder auch nur die eigenen Ansichten als universelle Wahrheit zu verkaufen.

Sicher würde Jens Störfried das nun als „Theoriefeindlichkeit“ abtun und vielleicht wäre ich sogar geneigt, diese Bezichtigung anzunehmen. Wenn Jens Störfried schreibt „Mangelnde Selbstreflektion, Geschichtsvergessenheit und die geringe Bereitschaft zur produktiven Auseinandersetzung kompensieren sie [theoriefeindliche Anarchist*innen] mit romantischem Kitsch, der problematischen Feier ihrer (meist post-bürgerlichen) Subjektivität, einer Fetischisierung von sich „echt“ anfühlenden „Taten“ und zur Schau gestellten rebellischen Phrasen“, dann mag man geneigt sein, ihm zu widersprechen, aber formuliert man einige seiner Behauptungen ein wenig wohlwollender, ergibt das schon ein anderes Bild: Wenn „mangelnde Selbstreflektion“, wie sich in Jens Störfrieds Text abzeichnet eigentlich eher mangelnde Kompromissbereitschaft und einen mangelnden Pragmatismus meint, wenn „Geschichtsvergessenheit“ bedeutet, mit der Vorstellung zu brechen, man sei Produkt einer sich von einer*m unabhängig entwickelnden Geschichte und als solches nicht im Stande die eigenen Lebensumstände durch Taten zu verändern, wenn die „geringe Bereitschaft zur produktiven Auseinandersetzung“ bedeutet, dass man auf lächerliche Unterstellungen wie die von Jens Störfried höchstens polemisch antworten wird, dann gibt es eigentlich überhaupt nichts zu kompensieren. Auch wenn ich nicht wüsste, wie es kommt, dass Jens Störfried etwa den „Echtheitsgehalt“ von Taten in Frage stellt, er eine Begründung, warum Taten fetischisiert und rebellische Phrasen „zur Schau gestellt“ werden würden, schuldig bleibt und eine „post-bürgerliche“ Subjektivität, wenn man nicht weiter definiert, was man damit meint, eigentlich nur eingesteht, dass es jemandem gelungen ist, Bürgerlichkeit zu überwinden. Theoriefeindlichkeit würde dann bedeuten, sich nicht (länger) in irgendwelchen Theorien zu verlieren, die das Leben soweit abstrahieren, das sich der Widerspruch gegen die herrschenden Verhältnisse schließlich ebenfalls nur noch auf theoretischer Ebene vollziehen kann. Theoriefeindlichkeit würde dann bedeuten, keine Trennung zwischen einer erst noch zu entwickelnden Theorie und einer daraus resultierenden Praxis zu praktizieren, sondern –  meinetwegen jede solche Theorie über den Haufen werfend – das eigene Handeln an den realen Begebenheiten und den anarchistischen Vorstellungen zu orientieren, nicht auf eine Art und Weise, die die eine*n umgebende Herrschaft in Einklang mit diesen Vorstellungen bringt, sondern auf eine Art und Weise, die diese Herrschaft kompromisslos angreift, zumindest mit dem Ziel sie zu zerstören und sich nicht in ihr einzurichten. Wenn man das als Theoriefeindlichkeit bezeichnen will, dann bin ich überzeugter Theoriefeind und überlasse das selbstreferentielle Theoriespinnen gerne den Jens Störfrieds dieser Welt.

Ein unmedikamentierter Narzisst, äh hoppla, Egoist

Fußnoten

[1] Damals kommentierte ein sichtlich angefressener Jens Störfried: „Übrigens haben gewisse Leute, die sich selbst als „Insurrektionalist*innen“ bezeichnen, ein Fakesimile dieser Gai Dao-Sonderausgabe erstellt. Vermutlich, um den Austausch über verschiedene Positionen und Stile anzuregen. So inspirierend manche Gedankengänge aus diesem Spektrum immer wieder sind, beruhen sie jedoch meiner Ansicht nach weitgehend auf problematischen Grundannahmen. Die Autor*innen wissen dies natürlich und so bleibt ihnen zur Rechtfertigung ihrer Positionen lediglich der Verweis auf die vermeintliche „Gesamtscheiße“ und die romantische Verklärung von liberaler Freiheit und des bürgerlichen Individuums. Weil sie es nicht aushalten, mit ihren eigenen Widersprüchen umzugehen und weil ihnen eigentlich kaum wer zuhört, bauen sie sich im konstruktiven Anarchismus einen Strohmann auf, den sie vollpöbeln können. Die Abwertung anderer um die eigene Kränkung zu überwinden, die reflexhafte Abwehr von Kritik und die Ausflucht in die idealistische Traumwelt eines post-zivilisatorischen „puren“ Lebens, lässt sich mustergültig als unbearbeiteter Narzissmus interpretieren. Er birgt die Gefahr, ins Autoritäre umzukippen. Doch wird er mit der individualistischen Leistungs- und Selbstdarstellungsgesellschaft untergehen, die ihn hervorgebracht hat. In dieser Hinsicht erscheint die reine Negation durchaus als erstrebenswert.“

Wieder einmal einer dieser Wissenschaftler …

Bedarf der Artikel „Sozialdarwinistische Rebellion. Teile der insurrektionalistischen Anarchist*innen nehmen Abschied von Linken und entdecken die »Pandemieskeptiker*innen« als Sympathieträger“ von Ewgeniy Kasakow, der in der linken Zeitung „Analyse und Kritik“ Nr. 662 abgedruckt wurde, überhaupt eines Kommentares? Vielleicht nicht, wer aber mal wieder so richtig schmunzeln will und ohnehin Zugang zu einer kostenpflichtigen Ausgabe dieser Zeitung hat oder weiß, wo man sich eine klauen kann, der*dem sei dieser Artikel wärmstens empfohlen. Neben den üblichen Klischees von wegen „Insurrektionalismus“ hätte etwas, bzw. auch etwas mehr mit dem Kommenden Aufstand zu tun (vgl. dazu Wolfi Landstreicher, Eine Verkaufsmasche für den Aufstand), gibt Ewgeniy Kasakow auch ein paar gute Lektüretipps, unter anderem empfiehlt er – bzw. er empfiehlt das nicht gerade, aber das ist doch schließlich die beste Empfehlung – die Zeitschrift „In der Tat“, die Zeitung „Fernweh„, „Die Erstürmung des Horizonts“, die „Alles geht weiter“, den Text „Die Ideologie der Wissenschaft“ und auch diese Zeitung, den Zündlumpen. Allesamt lesenswerte Publikationen, finde ich. Ein paar Lektüretipps hat Ewgeniy Kasakow aber vergessen, um die ich seine Liste an Lektüreempfehlungen unbedingt noch erweitern will: In „Die Smartifizierung der Macht – Beiträge zu einer Offensive gegen das technologische Netz“ (mit z.B. Gefangen im Netz) mag es zwar nicht um Corona gehen, dafür aber viel um die Technologien und Ideologien, die unter dem Vorwand der „Pandemie“ gerade endgültig etabliert werden, verschiedene Publikationen des jungen „Maschinenstürmer Distros“ greifen die „ursprünglich abwertende Bezeichnung »Nihilismus«“ sicher nicht als Erste positiv auf (Was muss einem ehemaligen Doktorand einer „Forschungsstelle Osteuropa“, der sich unter anderem dauernd im Habitus des Besserwissenwollens auf die Russische Revolution bezieht, eigentlich alles entgangen sein?!) und die Zeitschrift „Ramasuri„, von der gerade eine zweite Ausgabe erschienen ist, ist trotz einiger Liebäugeleien mit der (radikalen) Linken auf jeden Fall auch eine Lektüre wert.