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Die Katastrophenpsychose

Weitsichtiges aus den späten 1980er Jahren. Aktueller denn je. Man denke nicht nur an die gegenwärtige Coronahysterie sondern auch an die – gerade nicht ganz so präsenten – FFF…

Für eine lange Zeit ist jetzt schon eine terroristische Erpressung am Laufen, welche mehr und mehr zur polizistenmässigen Logik des Notstands führt. Die Medien führen die Aufgabe aus Probleme hervorzuheben und die apokalyptischen Bilder der Bedrohung durch die Katastrophe zu nutzen um grosse Volksmassen zu deren Verhinderung zu mobilisieren.

Man sollte sich selbst fragen was hinter dem von den Medien präsentierten Bild des bevorstehenden Albtraums der ökologischen Katastrophe steht. Diese wird präsentiert als etwas, was jenseits des Bereichs der gesellschaftlichen Verhältnisse oder des Klassenkonflikts gelöst werden soll.

Wir haben starke Zweifel bezüglich des Zeigens von guten Absichten, welche von Politikern aller Sorten und Farben gezeigt werden (einschliesslich der Umweltaktivisten) und ihrem plötzlichen Interesse an der Gesundheit der Bevölkerung.

Wir glauben das hinter der Bombardierung mit Neuigkeiten über die ökologische Alarmstufe Rot in Gebieten hoher industrieller Konzentration, wo Sicherheitslevels der Verschmutzung der Atmosphäre grosszügig übertreten wurden, ein anderer, viel weniger edler Kampf liegt: ein Machtkampf zwischen der alten, kapitalistisch-industriellen Klasse und der neuen, aufkommenden welche sich aus der öffentlichen und privaten Bürokratie zusammensetzt, angesichts der Position welche die letzteren innerhalb des technologischen Apparats des Kapitals und des Staates erreicht haben.

Wir wissen dass die Vorstellung der Katastrophe, in diesem Falle der ökologischen, die Massen gefühlsmässig dazu drängt, jenseits jeglicher Motivation welche von ihrer spezifischen Ausbeutungsbedingung herkommt zu kämpfen, also weniger für soziale Veränderung und mehr für ihr eigenes bedrohtes Überleben. Das drängt sie dazu, den Gedankengang welcher zur Konservierung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnung führt zu übernehmen.

Der Planet ist am Sterben, wir wissen es alle. Er ist voll Gift und es fehlt ihm Sauerstoff aufgrund der atmosphärischen Verschmutzung. Die Flüsse sind biologisch tot; Seen und Meere sind zu Müllhalden reduziert; der Treibhauseffekt wird hervorgebracht durch das Erhöhen der Menge von Karbondioxid dank der massiven Arbeit der Entwaldung einer der Hauptlungen der Erde, des amazonischen Regenwaldes. Zunehmende Dürre führt zur Vergrösserung von gewaltigen Wüsten, und wir sind der Tragödie behilflich, welche Völker und Tierarten in ihre Ausrottung führt, der Logik des Profits und der Herrschaft geopfert.

Jede Klasse, welche nach der Herrschaft strebt, bringt ihre eigene Welt und ihre eigene Logik mit sich. Die aufsteigenden Bürokraten benutzen Ökologie um den Prozess der Übernahme der alten Welt zu beschleunigen.

Aber was kann dies in der Masse auslösen – zunehmend verängstigt durch die Möglichkeit der Katastrophe und die Verinnerlichung der Notstandslogik – wenn nicht ein totales Haften an den repressiven Verhaltensnormen welche von der kybernetischen Macht diktiert werden. Mit wissenschaftlicher Pünktlichkeit lädt sie Millionen proletarisierter Individuen ein neben den Institutionen daran teilzunehmen und zu mobilisieren, neue Kontrollorgane zu erschaffen und einzusetzen und die neuen Autoritäten mit der Schubkraft eines neuen demokratischen Radikalismus zu sanktionieren.

Jenseits des unmittelbaren Dramas gab der Atomunfall von Chernobil dem Kapital und allen Staaten die Chance kalt mit Elementen zu experimentieren, auf welche die repressiven Projekte der Kontrolle und des Konsens angewandt werden können, und zwar durch die Ausbeutung der Idee eines permanenten Notstands.

Die Ausnahmeintervention löst folglich nicht das Problem sondern dient dazu, Kontrolle zu installieren um den Konflikt auf dem gesellschaftlichen Territorium auszulöschen, durch die Erpressung der Pflicht zur Kollaboration zwischen den Klassen. Alle Notstandsmassnahmen welche als für das allgemeine gesellschaftliche Interesse notwendig präsentiert werden, geben faktisch aber einem Prozess des Privilegs und der Unterwerfung Raum, angesichts der Ungleichheit der bestehenden materiellen Bedingungen.

Die Grünen und die Umweltverbände suchen nicht nach einer Lösung für das Problem der Verschmutzung, sondern nach einem Kapillargefäss [capillary] und der Verbreitung der Kontrolle um sie in in eine Profitquelle zu verwandeln. Man entdeckt die am wenigsten verschmutzten Teile der Städte der höheren gesellschaftlichen Schicht vorbehalten sind; die Armen kriegen die Quadratmeter von Zement und Abfalldeponien an den Stadträndern.

Es ist also Zeit, anstatt solchen Kräften unkritisches Lob zu spenden, ihre Rolle als die neuen gesellschaftlichen Befrieder zu enthüllen, welche über das aufgetakelte Spektakel der Erpressung, dass „der Planet um jeden Preis gerettet werden muss“, hinausgehen, und sich anbieten die bestehende Entfremdung auf eine alternative Art zu verwalten, aber immer auf Ausbeutung und Unterdrückung basierend.

Wir denken, dass der Kampf gegen die Herrschaft des Menschen über den Menschen die einzige Ausgangsbasis ist. Sie ist die einzige welche fähig ist die Verantwortlichen für die Zerstörung von sowohl dem Planeten als auch dem sozialen Reichtum anzugreifen. Wir müssen konkret auf die Befreiung der Menschheit und der Natur in einem globalen Sinne abzielen.

Die Grünen und die Umweltaktivisten sind sogenannte Ökologisten, deren Ziel nicht ein sauberer ökologischer Planet ist; ihre Politik ist ein grüner Apartheid welcher „grüne Inseln“ will, vorgesehen für den Komfort der Privilegierten. Die internationalen Umweltverbände sind die Multinationalen der „Ökologie“, Kapitalismus überarbeitet und verbessert nach dem Schaden, welchen er durch die vorhergehende Phase der maximalen Industrialisierung angerichtet hat.

Der soziale Kampf im ökologischen Sinne ist nur dann brauchbar, wenn er die Herrschaftsbeziehung angeht, die Strukturen von Kapital und Staat, und seine subversive Kraft zeigt, welche die Aussicht einer neuen Welt beinhaltet, nicht die alternative Verwaltung der alten.

[übersetzt aus dem Englischen. the catastrophe psychosis; in: Insurrection. Anarchist paper September 1989; London]

[Ägypten] Proteste gegen Präsidenten

In Ägypten kam es am Wochenende letzte Woche in mehreren Städten zu ersten (unautorisierten) Protesten seit Jahren durch tausende Menschen. Auslöser war ein Video eines im Exil lebenden Insiders, der dem aktuell herrschenden General al-Sisi (der sich 2013 an die Macht geputscht hatte) Korruption vorwarf und zu Protesten aufrief. Die Regierung reagierte mit Tränengas, Gummigeschossen und Verhaftungen.

Vier Schweine leicht verletzt

Am Freitag, den 18.09., wurden in der Klenzestraße mehreren Autos die Spiegel abgetreten. Eine Snitch – möge sie dafür so richtig auf die Fresse kriegen – verständigte daraufhin die Schweine, die daraufhin versuchten drei in der Nähe befindliche Personen zu schikanieren. Diese reagierten allerdings erfreulicherweise äußerst aggressiv, eine Person versuchte zu fliehen und wehrte sich erheblich, als die Cops sie trotzdem erwischten, wodurch vier Schweine (leider nur) „leicht verletzt wurden“. Die eine Begleitperson bedachte die Schweine daraufhin „mit abwertenden Äußerungen“ – die leider im Bullenbericht nicht genauer spezifiziert werden, aber man kann an dieser Stelle ja seiner Fantasie freien Lauf lassen, mir würde da spontan „Hackfressen“, „Dünnschissgurgler“, „Klosteinlutscher“, „Scheißhausfliegen“, „Abwasserschlürfer“ und „Drecksarschlöcher“ in den Sinn kommen – und versuchte die andere Person zu befreien. Natürlich wurden daraufhin alle drei festgenommen, auf die Wache gebracht und nach erledigter „Bearbeitung“ wieder entlassen. Hoffen wir, dass bei der nächsten Schikaneaktion die Cops nicht nur „leichte“ Verletzungen davontragen…

[Leipzig] Bullenkarre abgefackelt – Solidarität mit den Gefangenen vom Wochenende

Wir haben am 05.09. einen Streifenwagen der Bullen mit Feuer unbrauchbar gemacht. Während in Connewitz Menschen dabei waren, Bullen und Luxusbuden anzugreifen, schritten wir im Leipziger Westen auf dem Gelände der Landesbeschaffungsstelle zur Tat. Bullen standen schon immer zwischen leeren Wohnungen und denen, die sie brauchen und sind somit äußerst legitimes Ziel von Angriffen!

Noch ein Paar Gedanken zum Wochenende:

„Die Steinwürfe lenken von der Gentrifizierungsthematik ab!“
Ja, ja. Wie viel wurde denn in den letzten Jahren bundesweit über die Gentrifizierung in Leipzig gesprochen? Wenig, bis garnicht. Nach dem Wochenende waren alle Regionalblätter voll damit und auch die Tagesschau berichtete von rasant steigenden Mieten in Leipzig. Diese Öffentlichkeit wurde durch militante Aktionen erzeugt und nicht dadurch, dass sich ein Paar Lokalpolitiker*innen im „Bündnis für bezahlbares Wohnen“ zusammen setzen. Die selben Journalist*innen die in ihren Artikeln schreiben, die Debatte würde durch Riots in den Hintergrund rücken, schreiben in selbigen Artikeln das erste Mal überhaupt zum Thema Gentrifizierung in Leipzig! Aber was sollen sie auch anderes machen, ihre Aufgabe ist es unter anderem die bürgerliche Gesellschaft zu stabilisieren und mit staatstrangender Propaganda die Menschen zu befrieden. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern wird von den meisten Mainstreamjournalist*innen, in ihrer Definition, als vierte Gewalt im Staat auch genau so gesehen!

„Wenn ihr keinen Stein geworfen hättet, gäbe es jetzt schon bezahlbaren Wohnraum!“
Die Politiker*innen, die gerade fleißig dabei sind, dieses (Schein)Argument rauf und runter zu beten, hofieren seit Jahren Imobilienspekulant*innen, wie die CG-Gruppe oder ähnliche Stadtplaner mit Großmachtsfantasien. Sie planen eine Stadt, in der nur noch Reiche wohnen können und die Ärmeren aus der umliegenden Provinz zum Schuften pendeln dürfen. In der kapitalistischen Logik ist keine andere Form der Stadt denkbar; arme Menschen arbeiten in Jobs, die wenig Steuern abwerfen, oder verdienen erst gar kein Geld mit Lohnarbeit, sie können sich auch die Wohnungen, die gerade gebaut werden, einfach nicht leisten und werden deswegen nur gebraucht, um ihre Arbeitskraft auszubeuten und nicht um tatsächlich ein würdiges Leben in der Stadt zu führen. Politiker*innen werden immer die Interessen der Reichen vertreten, weil die moderne Stadt abhängig von Profitmaximierung und Aufwertung ist. Wir werden nicht anfangen an die Jungs und Lazars zu apellieren, sie stehen uns feindlich gegenüber, genau wie die Bullen!

„Gewalt ist kein legitimes Mittel, seine politischen Ziele durchzusetzen!“
Die alte Mähr der Gewaltlosigkeit. Die bürgerliche Gesellschaft muss, um ihre Legitimität zu behalten, ständig behaupten, sie wäre gewaltfrei. Das Gegenteil ist der Fall: Menschen werden aus ihren Wohnungen geworfen, Frauen* haben täglich mit patriarchalen Verhältnissen zu kämpfen, Leute werden von Bullen schikaniert, verprügelt und ermordet, weil sie nicht dem „klassischen nordeuropäischen Phenotyp“ entsprechen. Alles Aufgezählte ist Gewalt, strukturelle, physische und psychische. Eine kapitalistische, patriarchale, rassistische Gesellschaft produziert diese Gewalt und braucht sie um antagonistische Bestrebungen zu unterdrücken. Natürlich ist es auch Gewalt, wenn Bullen von Steinwürfen verletzt werden; doch wenn sich Menschen, die täglich von den verschiedensten Unterdrückungmechanismen betroffen sind, gegen die (Bullen) wehren, die schon immer dafür da waren, die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse zu schützen, dann ist Gegengewalt verständlich und legitim. Keine revolutionäre Umwälzung der Menschheitsgeschichte ist mit Blumen und und nettem Reden erreicht worden, obwohl es beides natürlich auch trotzdem braucht. Um sich gegen die alltägliche Gesellschaft zu behaupten braucht es Organisierung und kreative Ausdrucksformen von Widerstand!

Wütende und kämpferische Grüße an die Gefangenen; wir sind nicht Alle!
Nieder mit den Bullen!
Für die Anarchie!

Quelle: Indymedia

[Bradford (GB)] Der 90. Mobilfunkmast geht in Flammen auf

Am Donnerstag, den 10. September gegen 4 Uhr 30 auf der Otley Road in Bradford (West Yorkshire) ist ein mit einer 5G-Antenne versehener Mast absichtlich in Brand gesetzt worden. Das am Fuß entzündete Feuer ist bis nach oben geklettert und hat alles auf seinem Weg zerstört.

Am nächsten Tag, mit den dem Mast selbst zugefügten strukturellen Schäden konfrontiert, musste derselbe in drei Teile geschnitten und abmontiert werden. Mindestens 90 Mobilfunkantennen wurden, häufig durch Feuer, seit letztem April und der Zeit des Shutdowns, laut den offiziellen Zahlen, sabotiert.

Wie es inzwischen in einigen Ländern Brauch geworden ist, haben sich die Geier und Papageien des Staates sofort auf die Hypothese gestürzt, dass es sich um 5G-Verschwörungstheoretiker*innen handele, auch wenn dieser Angriff anonym stattgefunden hat und es viele andere Gründe dafür gibt sich an solchen Strukturen der Telekommunikation zu vergreifen. Diese Erfindung trägt zur Entfremdung und der Fütterung dieser techno-wissenschaftlichen Welt bei, die unsere Existenzen entleert und die Ausübung der Macht durch Kontrolle perfektioniert.

Gegen jeden Virus, einschließlich desjenigen der technologischen Pandemie, das Feuer ist auf jeden Fall ein gutes Heilmittel. Auf zum nächsten!

Quelle: Sans nom

Heile Welt

Und es ist mal wieder so weit. Man darf nur noch vier Menschen treffen. Oder zwei Haushalte. Maskenpflicht nun auch auf der Straße. Nur in der Innenstadt bisher, aber mal schauen für wie lange. Vorher durfte man übrigens nur zehn Leute treffen. Das wusste ich gar nicht. Immerhin ein Trost, denn das bedeutet, dass mich keiner in den letzten Wochen darauf aufmerksam gemacht hat. Doch jetzt ist München „Risikogebiet“. Andere Gefahrenlage. Nicht ganz so wie im März, aber es geht in eine ähnliche Richtung. Meine Reaktion allerdings ist heute anders als damals. Kein Schock mehr, keine Wut, keine Fassungslosigkeit, eher ein müdes Achselzucken, ein leicht amüsiertes Lächeln, eventuell gerade noch ein Kopfschütteln. Maskenpflicht auf offener Straße, ja warum nicht? Ist was Neues, hatten wir noch nicht. Inzwischen bin ich stolze*r Besitzer*in von mehreren Stoffmasken und vielen Papiermasken – lassen sich leicht zocken, denn es gibt sie endlich überall. „Faceshields“, Stoffmasken mit eingebauten Filtern, so seltsame Plexiglasmasken, die nur Mund und Nase bedecken (keine Ahnung wie die heißen), für jeden Geschmack ist was dabei. Einbahnstraßensysteme in Geschäften, Bibliotheken und sonstigen öffentlichen Einrichtungen. Den*die Fahrer*in in Bus und Tram darf man heute endgültig nicht mehr ansprechen, nun wird es einer*m sogar physisch unmöglich gemacht. Und jedes Mal, wenn ich ein Gebäude betrete – ob öffentlich oder nicht –, überkommt mich der Reflex eine Maske aufziehen zu wollen – ehe ich mich besinne und einmal tief und befreit – maskenlos – ein- und ausatme, wenn mir wieder einfällt, dass es mir an jenem Ort (noch) nicht aufgezwungen wird. Inzwischen krieg ich schon Atemnot, wenn ich das Ding auch nur in die Nähe meines Gesichtes bewege und meine Ohren jucken. Auch wenn ich wo ich nur kann vermeide, das Ding zu tragen, trage ich es doch viel zu oft. Ein netter Nebeneffekt: Vermummter Ladendiebstahl, also das behalte ich bei, solange es geht, selbst wenn doch irgendwann einmal – Ende 2021 meinen einige, doch wird das wirklich je wieder geschehen? – die Maskenpflicht in Läden aufgehoben wird. Normalität hat sich eingeschlichen. Masken tragende Menschen fallen mir nicht einmal mehr auf. Vage erinnere ich mich noch an die Zeiten, als ich noch jedes Mal verwundert den Kopf geschüttelt habe, wenn ich eine Person mit Mund-Nasen-Schutz herumlaufen sehen habe (nicht dass ich damals – ja damals, vor gerade einmal einem halben Jahr – wusste, dass man das Ding „Mund-Nasen-Schutz“ nennt, und wie normal ist es heute). Abstand, AHA-Regel, Risikogruppe, Risikogebiet, Infektionsgemeinschaft, Zoom. Hygiene-Hysterie. Fand ich schon immer hart übertrieben, aber wer hätte gedacht, dass das so weit gehen kann und wird? Also ich nicht. Irgendwo ist das alles superwitzig. An manchen Orten sind so viele Pfeile auf dem Boden und an der Wand und so viele Schilder überall, dass man nur noch total verwirrt ist. Die Masken konkurrieren in gegenseitiger Hässlichkeit und die Verschmelzung von Mensch und Maschine ist in greifbare Nähe gerückt. Bestimmt haben wir bald „smarte“ Masken, die laufend Fieber messen und den Speichel auf Coronaviren testen und die Ergebnisse in Echtzeit an irgendwelche Institute übermitteln. Eine App gibt es ja immerhin schon. Man braucht niemandem etwas zu implantieren, damit er zum Cyborg mutiert.

Plexiglas-Käfige überall und Absperrband, an direkten Kontakt ist man ja gar nicht mehr gewöhnt, so ohne Plexiglas, wie war das eigentlich früher gewesen? Keine Ahnung. Da München jetzt Risikogebiet ist, darf man an viele Orte nicht mehr hinfahren, es sei denn, man legt zwei negative Corona-Tests vor. 14 Tage Quarantäne, Knast quasi, ist alternativ auch ok. „Quarantäne-Verweigerer“ wurden übrigens teilweise zwei Wochen lang von Bullen in Hotels eingesperrt. Totale Entmündigung? Mei, waren wir eigentlich auch schon immer gewöhnt, jetzt ist es nur noch ein bisschen offensichtlicher als sonst. Wenn halt auch die Leute so scheiße unvernünftig sind! Wollen Spaß am Leben haben, wollen leben, nicht nur vegetieren, wo hat man denn so was schon gehört? These unresponsible party people, what the fuck! Da muss man ja zu ihrem Schutz eingreifen, das geht einfach gar nicht. Besser jede*r stirbt vereinsamt in seinem Plexiglas-Käfig an Langeweile und an Zoom-Kaffekränzchen als an Corona. Dass jede Woche etwas anderes gilt, ist auch schon normal. Zum Glück sagen uns die Zeitungen und das Internet, was gerade gilt. Stell dir vor, das Internet wäre kaputt und die Medien niedergebrannt, wie würden wir dann wissen, welches Verhalten gerade von Nöten ist, um dem Virus Einhalt zu gebieten und welche Strafe droht bei Nichteinhaltung? Dann müssten wir selbst denken und handeln und uns mit unserer unmittelbaren Umgebung auseinandersetzen, hinausgehen in diese virusverseuchte Welt! Ein Skandal! Ein schöner Traum, wäre er umsetzbar? – Übrigens: Es gibt auch noch andere Viren, noch viel mehr Viren, wie haben wir es bisher nur geschafft uns in dieser Virenschleuder-Welt masken-, Plexiglas- und schutzlos zu bewegen? Wir waren so verantwortungslos, haben so viele Menschen getötet mit unserem Leichtsinn. Waren jedes Mal, wenn wir jemanden umarmt haben, unsolidarisch. Berührung außerhalb unserer Infektionsgemeinschaft, wie konnten wir das nur tun? Uns dicht gedrängt in einer Menschenmasse aufhalten, wie hat sich das eigentlich noch mal angefühlt? Dass wir nicht ausgerastet sind, weil wir gespürt haben, wie alle möglichen Viren sich sammeln und auf uns einstürmen, um uns zu zerstören. Wie konnten wir nur?

Doch nun leben wir ja glücklicherweise in einer heilen Hygiene-Welt, die so richtig heil wäre, wenn nicht diese verantwortungslosen party people wären! Wer sind eigentlich diese Leute, die positiv auf Corona getestet werden, wie viele von denen machen freiwillig diese fucking Tests, die dann diese Statitisken ermöglichen? Aber wie wir ja schon in der Schule gelernt haben: Glaube nur einer Statistik, die du auch selbst gefälscht hast, vielleicht ist das auch einfach scheißegal. Man sorgt sich ja nur um die Gesundheit aller. Dass auch jemand als krank gilt, der keine Symptome hat, das wundert uns inzwischen auch nicht mehr. Es reicht, dass jemand das Virus hat, dass es in einem drin (kurzzeitig) wohnt, um in die Zahlen aufgenommen zu werden. Wer macht so einen Test, obwohl er gar nichts merkt? Ja ja, die Reiselust, der Arbeitszwang, die Freizeitindustrie, wenn wir Zugang dazu wollen, dann müssen wir uns schon testen lassen. Wie konnten wir das früher übersehen, dass viel mehr Leute eine Krankheit haben als es von außen bemerkbar ist? Immerhin, für einige reicht es auch zu wissen, dass du keine Symptome hast. Wenn du in manche Läden willst, musst du dir nur vorher Fieber messen lassen, musst keine zwei Corona-Tests vorlegen. Das ist schon unverantwortlich, oder? Wir werden erst sicher sein, wenn wir wirklich überall zwei negative Corona-Tests (aktuelle natürlich!) vorlegen müssen. Oh, vielleicht auch erst dann, wenn wir zu niemandem sonst mehr Kontakt haben. Und nicht mehr rausgehen, sondern uns alleine in unserem klinisch desinfizierten Raum aufhalten. Und uns täglich von einer App auschecken lassen. Dauerkontrolle unserer körperlichen Vorgänge. Ist eh dringend nötig, denn wie gesagt, was alle vergessen, es gibt noch mehr Viren als Corona! Und Bakterien! Und Krebs! Und Unfälle! Und…! Und…!

Wie schnell sich alles verändern kann. Früher gab es keine Viren, zumindest nicht so wie heute. Heute spüre ich, wie sie überall auf mich lauern. Die schützende Hand des Staates spüre ich auch so deutlich wie nie zuvor. Wie sie versucht, die Viren von mir fernzuhalten. Aber ich spüre auch, dass dieser Schutz nie vollkommen sein wird. Dass es immer Verantwortungslose geben wird, die – und sollte das Netz der Kontrolle auch noch so dicht werden – immer wieder durch die Maschen schlüpfen werden und machen, was sie wollen. Ich spüre, dass jede Verordnung, und war sie anfangs auch noch so stark, mit der Zeit ihre Wirkung verliert, wie nach anfänglicher Starre alles wieder anfängt sich zu bewegen. Die Drohung von heute gerät morgen in Vergessenheit. Die Maßnahmen werden subtiler. Lokaler. Flexibler. So verwirrend, dass keiner mehr folgen kann und keiner den Überblick behalten. So wie unsere schöne neue Hygiene-Welt zur Normalität geworden ist, so jagen die Drohungen auch nicht mehr denselben Schrecken ein wie vor einem halben Jahr. Denn Leben ist Chaos und Bewegung, nicht Starre und Kontrolle. Maximal vier Leute treffen dürfen, da kann ich nur noch lachen. Vor einem halben Jahr habe ich mich nicht daran gehalten, heute werde ich es auch nicht tun. Und im Gegensatz zu damals beim ersten Lockdown, habe ich es nicht mehr mit etwas absolut Neuem zu tun. Ich habe meine ersten Schritte in dieser neuen Weltordnung bereits getan. Ich habe mich gesammelt. Noch einmal lasse ich mich nicht überrumpeln!

„Der größte Lump im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant“ – ein wirklicher guter Spruch

Ein wolkenloser, sonniger Tag. Da so etwas in diesem am Ende der Welt und fern ab von allem gelegenen Landstrich so gut wie nie vorkommt, ist es somit eigentlich ein exzeptionell netter Nachmittag. Die Fenster des großen Raumes stehen offen, die Vögel zwitschern, die Blätter der Bäume bewegen sich in einem lauen Lüftchen, ich kann die Sonne und den Himmel sehen. Das Zimmer ist ziemlich leer und angenehm ruhig, bis auf zwei Menschen, die an Schreibtischen sitzen und mich immer mal wieder mustern.

Es wäre also alles ganz in Ordnung; bis auf den Umstand, und, zugegeben, dies verdunkelt diesen Tag ein beträchtliches bisschen, dass ich mit Handschellen an eine Bank gekettet bin wie ein Hund, mich in einer Bull*innenenwache befinde, und die Leute an den Schreibtischen Arschlöcher Cops sind, beschäftigt damit, meine „Daten zu erfassen”, während ich mich langweile. Zum Glück ist eine Uhr nicht weit, sodass ich die Sekunden zählen kann, bis sie mich dann endlich wieder gehen lassen. Meine Wut über die plötzliche Festnahme, die mich noch auf der Fahrt zur Wache vollkommen ausfüllte, ist verraucht. Seit geraumer Zeit versuche ich nun schon aus purer Langeweile irgendwie die Handschellen zu öffnen (auch wenn mir die Nutzlosigkeit dieses Unterfanges inzwischen vollkommen bewusst ist), als ein*e Passant*in Eintritt verlangt.

Nun muss ich sagen, Menschen, die freiwillig Bull*innenwachen aufsuchen sind mir seit jeher suspekt. Genauer gesagt, ich mag sie nicht. Noch genauer gesagt, empfinde ich so ein subtiles Hassgefühl gegen jede*n, die*der glaubt, die „Hilfe” einer Polizei in Anspruch nehmen zu wollen. Momentan habe ich ja nicht sonderlich viel zu tun, sodass ich sogar kurz so etwas wie Dankbarkeit für die Abwechslung empfinde. Eines der Arschlöcher bemüht sich auch schon zum Eingang, um die Person in einem Nebenzimmer zu empfangen. Weil die Tür halb offen steht, kann ich alles mithören.

Ich finde es immer wieder krass mitzuerleben, mit welcher Diskrepanz Cops Leute behandlen; zu welcher Scheinheiligkeit sie fähig sind. Arschloch 1 war sich, zusammen mit Arschloch 2, gerade noch in brutalen Gewaltfantasien ergangen, was sie mit mir anstellen würden, sollte es mir tatsächlich gelingen, aus den Handschellen zu schlüpfen. Innerhalb von wenigen Sekunden legt er den Schalter um: „Was können wir für Sie tun?”, säuselt er dem Menschen entgegen, der vor ihm steht, aller Ansicht nach aufgeregt, in so was Tollem wie einer Bull*innenwache zu stehen. Nun, es stellt sich heraus, er will eine „Meldung machen”. An einer Straßenecke sei ihm gerade versucht worden, Drogen zu verkaufen. Arschloch 1 zeigt sich sehr interessiert, fragt, ob die besagte Person noch immer dort sei. (Ja). Mit der Aufforderung, sich wieder zurück an die Straßenecke zu begeben, und einer Streife, die eilends hinzubeordert werden soll, diese Person zu zeigen, läuft der Mensch freudig von dannen.

Und ich wollte und konnte es irgendwie nicht glauben. Ja, klar wusste ich vorher schon theoretisch, dass es solche Leute gibt. Nur war es mir bisher so abstrakt, so unvorstellbar vorgekommen, sodass ich trotzdem weiterhin geglaubt habe, dass Leute, die eine Anzeige erstatten gehen, weil der Impfpass des Hundes geklaut wurde, das Ende der Fahnenstange sind. Die Wut, die ich erloschen geglaubt habe, lodert wieder auf, stärker als je zuvor. Wie kann mensch auf solch eine Idee kommen, erfüllt von einer ominösen “Bürgerpflicht”, eifrigst andere zu denunzieren?! Ist doch scheißegal, wenn da wer Drogen verkauft, du musst sie ja nicht kaufen, wenn du nicht willst!! Aber nein, der*die brave Bürger*in rennt zu den Cops! SAG MAL, GEHTS NOCH??? WAS IST EIGENTLICH LOS MIT DIR??

Später habe ich dann in einem anderen Kontext von einer Gefährtin den Satz „Der größte Lump im ganzen Land ist und bleibt der Denunziant” gehört und sah sofort wieder diesen beglückten Menschen von der Wache vor mir. Seitdem begleitet dieser Ausspruch mich. Ja, schon während der sogenannten Coronamaßnahmen hat es mich unglaublich wütend gemacht, zu lesen, dass Menschen andere Leute, die noch nicht vor Angst gelähmt waren und sich nicht einsperren lassen wollten, froh und fröhlich und in dem Gewissen „nur das Richtige zu tun”, anzeigen. Es nun aber hautnah mitzuerleben, das war doch noch was anderes und hat meiner Wut noch einmal ordentlich Zündkraft verliehen.

WAS ist denn bitte los mich euch?! Wie kommt ihr auf den absurden und skurrilen Gedanken, andere Menschen bei den Bullen anzuschwärzen? Ich finde keine Worte für den Hass, den ich dafür empfinde. Und ich verstehe es auch nicht. Euer „Gewissen” würde es von euch „verlangen”, anderen Leuten Repression, Folter, manchmal Mord, kurzum, den Bull*innen
auszuliefern? Das will nicht in meinen Kopf. Ich hasse euch dafür. Andere Menschen den Cops auf dem Silbertablett zu servieren, und sich dann noch darüber zu freuen, eine „ gute Tat” vollbracht zu haben… Löst eure Konflikte gefälligst selbst!! Hau den Leuten in die Fresse, wenn sie dich ärgern. Oder halt auch nicht! Verschwöre dich mit deine Freund*innen! Plant zusammen, was ihr tun wollt. Rede. Räche. Prügel. Ignoriere. Mir egal. ABER. RUF. NICHT. DIE. BULLEN.

„Ich habe doch nur meine Bürgerpflicht erfüllt!” Mensch findet diesen Satz in allen möglichen Ausführungen, Sorten und Geschmacksrichtungen. Am schönsten ist es, wenn er garniert wird mit einem „eigentlich will ich das ja nicht, aber…!” Er wird dann von Lehrer*innen benutzt: „Kind, mir bleibt leider gar nichts anderes übrig, als deinen Eltern zu sagen, dass du gespickt hast!”, von Kolleg*innen: „mir sind die Hände gebunden, ich muss der Chefin sagen, dass du immer zu spät kommst,” und, mein persönlicher Favorit, auch von Bull*innen: „Wenn du dich wehrst, müssen wir eine Widerstandsanzeige schreiben, und das wollen wir nicht!”

Es ist der schlimmste Satz, den es für mich gibt. Denn du hast immer, immer, immer eine Wahl – wenn du nicht denunzieren willst, dann tue es nicht. Schluss. Aber dieses höhere-Moral-anrufen, dieses, ich muss es für das größere Wohl von ja, wem eigentlich? tun, das ist extrem scheiße. Es gibt keine höhere Moral. Es gibt kein Universalrecht, keine Bürgerpflicht, es gibt keine göttlichen Gesetze, wenn es du es nicht willst; es gibt nur dich und das, was du willst. Wenn du denunzieren willst (wofür ich dir ordentlich in die Fresse hauen werde) dann tue es wenigstens, weil du es willst, und schieb nicht irgendwas vor. Das ist einfach nur pathetisch und absolut zum Kotzen. Klar will dein*e Lehrer*in dich anschwärzen. Klar will dein*e Kolleg*in dich verpetzen, und KLAR wollen die Bullen dich anzeigen! Dieses sich Ducken hinter vermeintlichen moralischen Überlegenheitsgründen, hinter “Recht und Ordnung”, ist für mich das Schlimmste, was es gibt.

Die Person von der Bullenwache? Sie hätte sich auf ne Parkbank setzen und die Sonne genießen können. Mit Freund*innen eine Runde spazieren gehen, den Wolken zusehen oder Eis essen. Aber für was entschied sie sich, ihre Zeit auszugeben? Für in eine Bull*innenenwache gehen und Leute anschwärzen. Wegen Recht und Ordnung. Ich merke, dass ich schreie, dass ich auf die Tastatur haue vor Wut. Und dass ich Leute, die so etwas tun, so tief dafür verabscheue und so verachte, dass ich keine Worte übrig habe, es zu beschreiben.

An die Suizidalen

Eine Übersetzung eines offenen Briefes aus dem Jahre der ersten Finanzkrise des 21. Jahrhunderts, 2008, welcher heute – angesichts der nun kontrolliert eingeleiteten „Krise“ inklusive Masseneinsperrung wieder topaktuell ist. Vielleicht aktueller denn je, wird doch die Realität, in welcher wir nun zu Leben gezwungen sind, verständlicherweise noch manchen Lebenswillen ersticken… so lange wir uns noch zwingen lassen.

An die Suizidalen…

Es wird viel über Suizid geredet heutzutage, weil die Zeiten hart sind… Die Restrukturierung des Kapitalismus, Massenentlassungen, die Verbannung der Industrie, die steigenden Kosten von Konsumgütern, Soziale Hilfeleistungen die immer exklusiver werden, etc…. Man könnte glauben dass es der Zusammenbruch des Kapitalismus ist, aber das Kapital verstärkt bloss seine Fundamente ein bisschen mehr mit der Welle der Selbstmorde unter den Angestellten von France Telekom, Peugeot, Renault, der Zunahme von Berufskrankheiten, dem Konsum von Antidepressivas und Psychotropikas um die Ausbeutungspille ein bisschen ringer runterzuwürgen. Man hört sogar hin und wieder, dass Arbeiter in den vier Enden der Welt revoltieren, dass sie oft zu isoliert sind um ihre Kämpfe zur Vollendung zu bringen, dass sie manchmal in einem Meer von Blut ertränkt werden. Wenn viele hartnäckig sind und nicht aufgeben, so resignieren andere, und manchmal, suizidal, machen sie die ultimative Entscheidung.

Wenn wir diese Worte an euch wenden, Männer und Frauen, die von allem angeekelt sind und die ihr von Nichts und Niemandem mehr abgehalten werden könnt von eurem tragischen Schicksal, ist es nicht um euch an eine inexistente Pflicht zu erinnern, angesichts eines Lebens, welches den Aufwand nicht mehr wert ist.

Es mangelt uns nicht an Respekt für eure Entscheidung, weil nur ihr und ihr allein den Schmerz und die Beklemmung ermessen könnt, welche euer Leben verderben. Wer auch immer diesen Schmerz nicht fühlt, diese Beklemmung, wer nie von diesen Dingen berührt wurde, weil sie vom Glück geküsst oder vom Glauben verblendet sind, hat kein Recht eure fatale Entschlossenheit zu rügen.

Wir wollen euch also keine Predigt halten, noch euch davon abhalten, euren Vorsatz umzusetzen. Wir haben nur die Absicht euch um einen Gefallen zu bitten, ein kleiner Gefallen von denen von euch, die entschieden haben diese Welt zu verlassen, aber einer der uns – die wir, für den Moment, entschieden haben zu bleiben – eine immense Freude bereiten würde. Da ihr entschlossen seid, die grosse Reise zu beginnen, könntet ihr, während ihr auf eurem Weg seid, nicht eure Aufmerksamkeit auf einige von den Widrigkeiten richten, welche eure Tage auf dieser Erde so untragbar gemacht haben?

Den letzten Schritt allein machen zu wollen ist verständlich, ist menschlich. Aber ihn mit Begleitung zu machen ist erhaben, göttlich. Ausserdem, was hast du zu fürchten? Für einmal wird niemand kommen um dich zu behelligen, dir die Konsequenzen deiner Geste vorzuwerfen. Um ein Beispiel zu machen könntest du dein Gift erst schlucken, nachdem du es dem Abgeordneten gefüttert hast, welcher es dich über Jahre trinken liess. Willst du dir ein bisschen Kugeln ins Gehirn jagen? Gut, aber nicht bevor du sie in den Kopf des Bankdirektors gejagt hast, welcher dich ruinierte. Wenn du einen Strang um deinen Hals ziehen willst, wieso nicht vorher am Hals des Industriebarons üben, welcher dich entlassen hat? Bevor du ins jenseits gehst könntest du den Bischof überraschen, der dein Gewissen exkommunizierte, indem du ihm ein unmittelbares Treffen mit dem höchsten Meister arrangierst. Und wieso nicht den Bullen, der neben dir auf den Zug oder die U-Bahn wartet, mit unter die Räder nehmen? Es würde ihn endlich seine Unsitte die Freiheit anderer einzusperren verlieren lassen. Fühle dich nicht angegriffen, aber wir haben nie verstanden wieso das Gericht oder die Börse die Vorstellungskraft von verzweifelten Leuten wie dir nicht derart anregen, wie es Schulen in der USA zu tun scheinen: ein Zielschiessen auf Richter, auf Finanzspekulanten, wäre ein berührendes Abschiedsgeschenk für deine Unglücksgefährten.

Kannst du dir vorstellen was passieren würde wenn nur ein Fünftel der kompromisslosen Selbstmörder von jedem Land ihren letzten Atemzug mit dem eines niederträchtigen Machtmenschen vereinigen würden? Zu eurem Verdienst – ihr, die gewöhnlich verunglimpften Selbstmörder – würden wir eine Anhebung des moralischen Bewusstseins erleben; in den höchsten Kreisen würden sie zweimal darüber nachdenken bevor sie andere menschliche Wesen in die Verzweiflung treiben, welche die eure ist.

Vielleicht würden wir Feiglinge, unfähig eine Revolution zu machen, die Kraft finden euer Werk – welches ihr grosszügigerweise begonnen habt – zu einem Ende zu bringen.
Wir bitten euch, wir flehen euch an, um Gnade, ihr grossen Verzweifelten der fünf Kontinente, habt ein letztes Mal ein Herz.
Sterbt nicht alleine und ignoriert, verspottet die Schlussfolgerung einer Existenz die schon jetzt jeder Freude beraubt ist.
Wählt eine institutionelle Grösse und sterbt gemeinsam.
Statt diese Zeitung auf die Strasse zu schmeissen, ersticke einen Wächter damit.

[Übersetzung von zwei leicht unterschiedlichen Texten, einmal: Lettera agli aspiranti suicidi; in: Machete n. 2, aprile 2008; bzw. To the Aspiring Suicides; A tabula rasa (Flyer)]