Tag Archives: Nr. 073

[Hamburg] Kaputte Scheiben bei Telio

„In der Nacht auf den 17.8.20 hat es bei Telio in der Holstenstraße 205 gescheppert.

Telio ist der Monopolanbieter in der Gefängnistelefonie und präsentiert sich auch selbst gerne als den europaweiten Marktführer. Dank dieser Stellung kann Telio Preise festlegen, die man durchaus als Wucher verbuchen kann. Vor 2014 berechnete Telio in der JVA Burg für Ortsgespräche 0,10€, für Ferngespräche 0,20€, für Gespräche ins Mobilfunknetz 0,70€ und für Auslandsgespräche bis zu 2,60€/Minute. Von dem wenigen Geld, was den Gefangenen zur Verfügung steht, streicht Telio einen beträchtlichen Anteil ein, bereichert sich also auf Kosten der Gefangenen, die offensichtlich keine andere Wahl haben, als telio zu nutzen. Das betrifft auch die Angehörigen, Freund*innen und Unterstützer*innen von Gefangenen, die oft deren Telio-Konten aufladen und dafür auch noch eine Gebühr zahlen müssen.

Komplizenhafte Grüße an die 3 von der Parkbank und alle rebellischen Gefangenen.“

[Karlsruhe] Fahrzeuge von Big Security abgefackelt

In der Nacht auf den 01. August 2020 wurden in Karlsruhe drei Fahrzeuge des Sicherheitsunternehmens Big Security abgefackelt. In einem Communique stellen die Angreifer*innen diesen Angriff in einen Zusammenhang mit der räumungsbedrohten Liebig 34 in Berlin und skizzieren die Gründe für ihren Angriff.

„[…] Für die Sicherung des Konzeptes Stadt und damit auch für die Sicherung von Interessen wie Aufwertung von Stadtvierteln, das Anlocken von Investor*innen usw. und die damit einhergehende Verdrängung, sowie wer an verschieden Orten erwünscht ist und wer eben nicht, sind verschiedene Akteur*innen verantwortlich. Neben vielen anderen sind das Polizei, Ordnungsamt, Justiz und auch private Sicherheitsfirmen. Letztere sind diejenigen, die Ausschluss und Eigentum durchsetzen. […]“

[Achim bei Bremen] Baukran auf Amazon-Baustelle in Brand gesteckt

„Ende letzten Jahres hat Amazon den Kaufvertrag für eine Gewerbefläche an der A27 in Achim abgeschlossen. Wer sich jetzt dorthin begibt, sieht riesige Kräne und anderes schweres Gerät in die Luft ragen, die eine gigantische Halle aus Stahl und Beton aus dem Boden stampfen. Dort, wo vor kurzem noch eine Brachfläche war, werden zukünftig 2.000 Menschen unter stetiger Überwachung in einer fensterlosen Halle einer schlecht bezahlten Arbeit nachgehen – nur, um dann bald ganz von Robotern ersetzt zu werden.

[…]

Wir haben uns entschieden, den Bau nicht ganz reibungslos vonstatten gehen zu lassen. In den frühen Morgenstunden des 30.Juli 2020 haben wir mit 20 Liter eines Gemischs aus Benzin und Diesel und mehreren Brandsätzen auf der Baustelle Feuer gelegt und einen 40 Meter hohen Kran angezündet.

Anstatt uns dem scheinbar Unvermeidlichen hinzugeben, haben wir uns entschlossen, in den toten Winkeln der Bau-Watch Kameras mit ihrem durchdringenden grünen Lichtschein und außerhalb der Blicke der Securities, die diese Baustelle Tag und Nacht bewachen müssen, zum unkalkulierbaren Risiko für das kybernetische Kapital zu werden.

[…]“

Eine Tirade gegen den Frieden

„Wenn du friedlich bist, dann sind wir auch friedlich“, so tönten zwei Mitglieder einer bekannten, uniformierten und hochbewaffneten Gang neulich erst wieder rum. Mein Fluchtversuch war gescheitert. Die Bullen hatten mich eingeholt, an die Hauswand gepresst und mit Handschellen gefesselt. Nun wollten sie mich auch noch dazu bewegen, zwischen ihnen eingepfercht weitere 600 Meter zu ihrer Bullenwache zu laufen. Sie zogen und zerrten an mir herum, damit ich mich bewegte, worauf ich absolut keine Lust verspürte.

Dieser Satz, mit dieser subtilen Drohung, der so ausgelutscht ist, ich kann ihn einfach nicht mehr hören. Ich pack ihn nicht mehr länger, er macht mich so wütend. Dieser ihr Friede, von dem sie reden, was soll das für ein Frieden sein? Friedlich ist, den Bullen zu folgen. Friedlich ist, immer zu tun, was sie sagen. Friedlich ist, Autoritäten und dem Staat ständig und in jeglicher Hinsicht zu gehorchen. Dann bist du friedlich. Am allerfriedlichsten bist du wahrscheinlich, wenn du dir präventiv selbst schon mal Handschellen anlegst, wenn Bullen in deiner Nähe auftauchen. Wisst ihr was, ihr Bullen? Ich scheiß auf euren Frieden. Diesem Frieden hinterherzueifern stellt sich mir als mir nicht sonderlich empfehlenswert dar.

Friedlich zu sein, das scheint Teil dieser Universalmoral zu sein, die es angeblich gibt. Ein allgemeingültiger Wert, wenn nicht gar das höchste Gut von allen. Wenn du friedlich bist, dann bist “gut”. Dann wirst du “respektiert” in dieser scheiß Gesellschaft, so heißt es. Hautpsache friedlich! Dein ganzes Leben sollst du so gestalten, jeden einzelnen Tag, jede Minute und Sekunde. Um deines Seelenfriedens willen! Wenn du nicht friedlich bist oder nicht sein willst, dann handelst du im “falsch”. Friedlich sein, das ist jedenfalls “richtig”. Un-friedlich sein, was auch immer das im Detail genau dann bedeutet, das ist es nicht. Denn Unfriede durchbräche ja die Monotonie des Alltags, die fortwährende, Dekaden andauernde Routine und das Hamsterrad von Aufstehen – Losgehen – Lohnarbeiten – Heimkommen – Schlafen. Und das geht sowas von gar nicht!

Friedlich zu sein bedeutet, nicht aufzumucken, den Kopf unten zu halten. Still und unauffällig und reibungslos vor dich hin zu leben. Das zu tun, was von dir gefordert wird. Überall, immer. “Es hat doch keinen Sinn, jetzt zu eskalieren. Bleiben wir lieber friedlich”. Ich kann diesen Scheiß nicht mehr hören.

Warum? Warum friedlich?! Ich will nicht den Kopf unten halten. Ich will nicht das tun, was mensch mir sagt, was ich tun soll, weil es angeblich das Richtige sei. Ich will nicht friedlich sein. Ich will diese Gesellschaft, alles was sie ist, was sie ausmacht, kaputthauen. Bis nichts mehr übrig ist von ihr als rauchende Trümmer. Ich will nicht zu “friedlichen” Mitteln greifen. Ich will keine Petition starten gegen was auch immer. Ich will keine Mehrheit hinter mich scharen, um so mit demokratischen und ach so friedlichen Mitteln, etwas zu ändern. “Boah, checkt ihr es nicht?!” will ich all den Menschen zurufen die mich zu solcher Art “politischer Teilhabe” ermuntern wollen. Ich will keine friedlichen Reformen, keine Mediation, keine Kompromisse. Ich will nicht an diesem System herumdoktoren und damit daran teilhaben. Ich will den Bruch, den totalen, den direkten Angriff, ich will den Aufstand. Nix da mit friedlich.

Der wird aber nicht kommen, wenn es heißt, oh nein, wir bleiben alle total friedlich. Ist doch egal, was für ne Scheiße um uns herum abläuft, nein, wir sind friedlich. Friedlich, das ist rational und vernünftig. Unfriedlich, das ist dagegen auch Wut im Bauch und Emotionalität. Und das geht ja nicht in diesem sterilen Gefängnissystem, wo friedlich befriedet meint. Wo friedlich heißt, so weiter wie zuvor, wo friedlich ein Nichtstun ist. Warum? Was soll das? Endlich aufbegehren, mit allen Mitteln, die einem zu Verfügung stehen! Nix da mit friedlich den Kopf senken und weiter fressen, was sie einem vorwerfen. Ihr Frieden, er ist nicht mein Frieden, er kann es nicht sein. Friede bedeutet, dass alles so bleibt, wie es ist. Ich will keinen Frieden – ich will Freiheit. Absolute Freiheit und Herrschaftslosigkeit. Das ist mit diesem ihrem Frieden nicht zu haben. Ich nehme eine unsichere Freiheit so viel lieber in Kauf als ein friedliches, sicheres, hierarchisches Eingesperrtsein – in ewiger Feindschaft und Hass gegen Staat, Bullen und Frieden.

Jenseits einer weiteren Geschlechterbinarität

Vorbemerkung der*des Übersetzenden

Der folgende Text entstand um 2016 in Pittsburgh, USA. Ihm liegt also ein etwas anderer Kontext zugrunde, als der, in dem er hier veröffentlicht wird. Insbesondere der Teil des Textes, der sich mit der Entstehung einer neuen Geschlechterbinarität zwischen Femme und Masc auseinandersetzt, mag hier auf den ersten Blick keine Rolle zu spielen. Ich denke jedoch, dass sich wesentliche Aspekte dieser Beobachtung durchaus auf den hiesigen Kontext übertragen lassen. Auch wenn die Binaritäten von Femme und Masc meines Wissens nach keine besonders relevante Rolle im hießigen (anarchistischen) Diskurs um Gender spielen, so lassen sich dennoch ähnliche Dynamiken beobachten, wo etwa „FLINT*“ als Gegenkonstruktion zu „Cis-Männern“ auftritt oder Charakterisierungen von Geschlechteridentitäten als „Nicht Cis-Männer“ existieren.

Auch wenn ich (in den meisten Fällen) die ursprüngliche Absicht der Verwendung solcher Identitäten durchaus in dem Wunsch begründet sehe, die (eigene) Ausgangsposition innerhalb des Systems von Geschlecht zu bestimmen (wie das etwa auch hinsichtlich der Binaritäten „weiß“ und „nicht weiß“ bzw. „PoC“ und „weiß“ beobachtet werden kann), beobachte ich auch, wie diese Bezugnahme auf die (eigene) Ausgangsposition oft zunehmend zur Reproduktion von Geschlechteridentitäten führt. Wenn beispielsweise Kritiken an bestimmten Praxen mit einer (vermeintlichen oder tatsächlichen; ich finde nicht, dass das eine Rolle spielt) „cis-männlichen“ Autor*innenschaft erklärt und damit als „unberechtigt“ beiseitegeschoben werden ohne dass das Anliegen der Kritik einer genaueren Betrachtung gewürdigt wird, was ist das dann anderes als eine Essentialisierung bestimmter Handlungen und Denkweisen als Geschlechter(rollen)? Ob eine*r vom Ausgangspunkt als „FLINT* Person“ oder als „cis-männliche Person“ zu dem Schluss gelangt, die Institutionen des Patriarchats oder von Gender anzugreifen, inwiefern ist dieser Ausgangspunkt dann noch relevant? Und wenn ein solcher Angriff stattfindet, ist es dann relevant, wer – im Sinne einer Identität – ihn ausführt (siehe dazu auch die Debatte um Anonymität mit den „Feministischen Autonomen Zellen“ in Zündlumpen Nr. 72 – Link 1, Link 2 – und 48)? Ist es relevant, ob eine „FLINT*-Person“, ein „cis-Mann“ oder eine Person, die sich weigert, irgendeine dieser Identitäten anzunehmen, diesen ausführt? Immerhin ist das verfolgte Ziel – die Zerstörung von Patriarchat – ja das gleiche, oder nicht? Und wenn ich zu dem Schluss käme, dass – eine gleiche oder zumindest kompatible Analyse und das allseitige Ziel der Zerstörung von Patriarchat und Geschlechterrollen vorausgesetzt – die Identität der Angreifer*innen einen Unterschied macht – und zwar jenseits der individuellen Ebene, in der jede*r, egal ob FLINT* oder cis-Mann oder sonstetwas sich auf ihre*seine eigene Weise von ansozialisierten Verhaltensweisen lösen muss –, perpetuiere ich dann nicht sogar eine bestimmte Vorstellung von Geschlechterrollen, zumindest aber die Vorstellung von Gender, als eine Ordnung von zueinander in Beziehung stehenden Identitäten, die der Aufrechterhaltung einer bestimmten Gesellschaftsordnung (Zivilisation) dient?

Dies ist der Kontext in dem ich diesen Text als einen zusätzlichen Beitrag zu dieser und ähnlichen Debatten übersetzt habe.

Jenseits einer weiteren Geschlechterbinarität

Ich gebrauche die Begriffe Patriarchat und Gender in einem austauschbaren Sinne, da ich Gender als einen Herrschafts- und Unterdrückungsapparat betrachte, der sich mit dem Apparat des Patriarchats überlappt und untrennbar mit ihm verbunden ist. Um mehr über diese Betrachtungsweise zu erfahren, empfehle ich die Lektüre von Gender-Nihilismus – Ein Anti-Manifest und Destroy Gender.

Gegen Femme, Gegen Gender, Gegen alle Binaritäten

In den letzten Jahren war innerhalb radikaler Millieus der Trend zu beobachten, den Begriff Femme anstelle von Frau zu gebrauchen. Die Gründe für diese Veränderung der Sprache variieren von Person zu Person, je nachdem wen du fragst, aber der allgemeine Grund für diese Veränderung ist es, „unser“ Verständnis von Patriarchat inklusiver zu machen, um all diejenigen zu integrieren, die sich nicht exakt als Frauen definieren. Wikipedia definiert Femme folgendermaßen:

„Femme ist eine Identität, die von Frauen (inklusive trans Frauen) und nichtbinären Menschen in Bezug auf ihre Weiblichkeit gebraucht wird. Als Gender-Identität markiert sie üblicherweise ein Individuum, das ’nichtbinär ist oder queeren femme Geschlechts und adressiert ganz besonders und in sich feminitätsfeindlichkeit [femmephobia] und die systematische Abwertung von Weiblichkeit als Teil ihrer Politik‘. Die Bezeichnung wird ausschließlich für queere Personen benutzt, unabhängig davon, ob diese sich als weiblich definieren oder nicht.“

Dieser [begriffliche] Austausch ist nicht nur semantischer Natur. Er ist das Ergebnis davon, dass nicht mehr nur Frauen als die unterdrückten Subjekte des Patriarchats gesehen werden, sondern alle femme oder weiblichen Personen. Er ist auch Ausdruck davon, dass Unterdrückung nicht länger nur als die eigene Beziehung zu vergeschlechtlichter Gewalt, sondern auch als die eigene Beziehung zu Ästhetik, Weiblichkeit, Verhaltensweisen und sozialen Normen gesehen wird.

Zuvor bestand „unser“ Verständnis von Patriarchat darin, dass nur Frauen vom Patriarchat und (ver)geschlecht(lichter Gewalt) unterdrückt werden konnten. Das heißt, dass unser Verständnis von Patriarchat niemals tief genug ging, um zu verstehen, dass es eine Vielzahl von Erfahrungen und Subjektivitäten gibt, die nicht einfach in eine von zwei Kategorien (Unterdrückte und Unterdrücker*innen, Männlich oder Weiblich, etc.) gepresst werden können. Für jede*n, die*der solche Ideen vertrat, ist es eine positive Entwicklung von dieser strohdummen Analyse des Patriarchats und des Apparats von Geschlecht [Gender] hin zu einer Interpretation, die mehr Erfahrungen als diese beinhaltet. Aber wie alle Interpretationen und Theorien, greift auch diese in ihren Zielen und ihrer Analyse zu kurz. Zu der Bezeichnung femme überzugehen bewirkt wenig, wenn nicht nichts, im Hinblick auf patriarchale Kategorisierung/Identifikation/Normalisierung, Binaritäten, die Reproduktion des Patriarchats oder seiner ökonomischen Grundlagen und es schafft nicht wirklich eine Theorie von Unterdrückung, die alle Subjektivitäteten/Erfahrung einzubeziehen vermag.

Was bedeutet es, Femme zu sein?

Wer ist femme? Wer ist tatsächlich unterdrückt? Wer ist femme genung, um als unterdrückt zu gelten? Sind alle Frauen femme?

Wie bei allen Theorien der Unterdrückung gilt auch hier: wenn es ein/e unterdrückte/s Subjekt/Klasse gibt, dann muss es auch ein/e unterdrückende/s Subjekt/Klasse geben (wie weiße, die nicht-weiße unterdrücken oder die Reichen/Bourgeoisie, die die Armen/das Proletariat unterdrücken). Unter dem vorherigen Verständnis von Patriarchat, in dem Frauen die einzige Klasse bildeten, die von Gender unterdrückt wurden, wurden Männer als die unterdrückende Klasse betrachtet. Dem gegenwärtigen Verständnis von Patriarchat zufolge sind Femme die unterdrückte Klasse und Mascs die Unterdrücker*innen. Alle Identitäten werden dadurch definiert, wer von anderen für wen gehalten wird.

Der Webseite everydayfeminism.com zufolge ist femme „eine explizit queere Bezeichnung, eine Gender-Expression die eine große Bandbreite an Identitäten umfasst. Homosexuelle und queere cis-Männer, trans Männer und genderqueere Leute werden oft als femme identifiziert. Zu sagen, dass Femme nur Frauen wären, transportiert eine vergeschlechtlichte Binarität, die viele Menschen ausschließt.“ Neben der fragwürdigen Verwendung des Begriffs queer als Sammelbegriff versucht diese Definition von femme die Erfahrungen vieler einzubeziehen, die sich nicht als Frauen definieren. Während sie einige femme homosexuelle/trans Männer und nichtbinäre Personen einschließt, schließt sie andererseits Frauen, die nicht femme sind, aus. Frauen, die nicht femme sind, wie butch Frauen und trans Frauen, die ihr Geschlecht verbergen, werden beiseite gelassen, entweder um sie vollständig zu ignorieren oder um als „männlich“ und somit Unterdrücker*innen klassifiziert zu werden. Als ob butch Frauen für die Kämpfe von femmes verantwortlich wären, als ob eine*r als femme homosexueller Mann nicht ein Verfechter patriarchaler Kontrolle sein könne, als ob unsere realen Erfahrungen mit Gender und Gewalt unseren persönlichen Bezeichnungen untergeordnet wären.

Weder Masc, noch Femme, sondern Einzigartig

Dieser Gedankengang bricht nicht damit, eine „Geschlechterbinarität“ zu transportieren, sondern erfindet diese neu, durch die Einteilung der Menschen entlang der Grenzen zwischen Unterdrückt/Femme und Unterdrücker*in/Masc, auch wenn diese Einteilung nicht so strikt auf Gender und Biologismen basiert wie die vorherige (und noch immer dominante) Geschlechterbinarität. Er teilt die Menschen basierend auf Ästhetik und Verhaltensweisen statt basierend auf Biologismen oder Selbstverortung in Kategorien ein. Beinahe alles ist eine Verbesserung zu biologischem Determinismus, aber diese Veränderung geht nicht weit genug, um binäres Denken zu beenden. Bevor mich irgendwer in der Szene nach meinem Namen und meinem Pronomen fragt, werde ich als „Masc“ eingestuft wegen meiner Gesichtsbehaarung und aufgrund der Art und Weise wie ich mich kleide. Meine persönlichen Erfahrungen mit vergeschlechtlichter Gewalt werden nur dann ernst genommen, wenn ich mich als als trans Frau oute. Unsere Theorien sollten vom Ausgangspunkt dessen starten, wie wir vergeschlechtlichte Gewalt in unseren alltäglichen Leben erlebt haben, nicht von Identitäten. Unsere Beziehungen zueinander sollten auf unseren Affinitäten und Ähnlichkeiten zueinander bassieren, anstatt auf den Kategorien einer kleinster-gemeinsamer-Nenner-Politik. Das alltägliche Leben ist viel zu kompliziert, um in zwei Kategorien reduziert zu werden.

Lerne die neue Binarität kennen, sie ist die gleiche wie die alte

Einige Jahre zuvor, bevor die Bezeichnung Femme die allgemein gebräuchliche inklusive Form der Benennung von Personen, die vom Patriarchat unterdrückt werden, wurde, war in radikalen Millieus die Bezeichnung „nicht-Männer“ gebräuchlich. Die theoretischen Mängel von nicht-Männern sind ähnlich zu denen des Begriffs Femme. Baedan, ein antizivilisatorisches, nihilistisches und anarchistisches Magazin, das die Themen Gender, Queerness und Domestizierung behandelt, hat diese theoretischen Mängel herausgearbeitet. Sie kritisieren die Bezeichnung nicht-männer dafür, dass sie nicht die Art von inklusiver Bezeichnung sei, die sie vorgibt zu sein, da sie nicht über binäre Kategorien hinausgeht und sie das Policing der Kategorisierung fortsetzt.

„Eine jüngere Antwort auf diese Kritiken war die Einführung des Konzepts nicht-Männer. Die meisten Versuche, diese Kategorie zu definieren, sind extrem unbeholfen. Manchmal soll dieser Begriff nicht-cismänner bezeichnen, manchmal bedeutet er, dass Schwule bei bestimmten Treffen nicht erwünscht sind. Manchmal bedeutet er schlicht Frauen plus trans Personen. Einige Feminist*innen haben sogar gesagt, dass die Kategorie manchmal ‚emaskulierte Männer of Color‘ umfasse. Für gewöhnlich ist der Begriff nur eine postmoderne Umschreibung für Frauen [1]. Wie andere Kategorien funktioniert auch diese nur dann, wenn sie eine klare Grenze hat und diese Grenze wird immer Schauplatz von Policing sein. Auf jeder Ebene ist dies ununterbrochen problematisch. Die am wenigsten problematischen Definitionen […] sind so vage, dass sie keinerlei praktischen Nutzen haben. Und in der praktischen Anwendung entfalten diese Theorien immer ihre Gewalt. Die Aussicht, dass eine politische Organisation aus vorrangig cisgeschlechtlichen Frauen bestimmen, welche genderqueeren oder transfemininen Individuen nicht-männlich genug sind, um Teil ihrer Gruppen zu werden ist geradezu ekelerregend. Dieses kategoriale Policing spiegelt all die anderen wider. Lerne die neue Binarität kennen, sie ist die gleiche wie die alte. Ein Weg aus diesem Dilemma könnte sein, nicht von Identitäten auszugehen, sondern vielmehr von Erfahrungen. Sich die Mitverschwörer*innen aufgrund geteilter Erfahrungen einer Bandbreite an vergeschlechtlichter Gewalt auszusuchen. Einige Befürworter*innen der Bezeichnung nicht-Männer haben das ähnlich definiert („die, die vergewaltigt werden“, „die, die die Carearbeit leisten“), aber keine dieser Erfahrungen sind auf die Identität beschränkt und ein phänomenologisches oder empirisches Bezugssystem zu akzeptieren würde die Nützlichkeit dieser Kategorie vollkommen zunichte machen. Wenn das Konzept aber entweder nutzlos oder problematisch ist, warum wurde/wird dann so viel Aufwand in den Versuch, das Konzept zu bewahren gesteckt? Was wir hier tatsächlich sehen ist der verzweifelte Versuch, binäre Kategorien zu bewahren, in einer Welt, in der diese längst begonnen haben, zu zerfallen.“

– Against the gendered Nightmare, Beadan 2: A Queer Journal of Heresy.

Egal ob es sich um Männer/Frauen, männlich/weiblich, afab/amab, nicht-Männer/Männer oder femme/masc handelt, alle Binaritäten erfordern Policing und Ausschluss um aufrechterhalten und definiert zu werden. Binäre Kategorisierung ist nur eine Methode, die vom Apparat des Genders genutzt wird, um zu herrschen. Binäre Kategorien erfordern Policing, Ausschluss, Regulierung, Normalisierung und Hierarchie.

Kein dritter Weg

„Die Revolution zielte auf neue Einrichtungen, die Empörung führt dahin, Uns nicht mehr einrichten zu lassen, sondern Uns selbst einzurichten, und setzt auf »Institutionen« keine glänzende Hoffnung.“ [2]

– Der Einzige und sein Eigentum, Max Stirner

Die Probleme hinter der Femme/Masc-Binarität beginnen weder mit ihrer Verbreitung in dem Millieu, noch werden sie damit enden, dass eine andere Begrifflichkeit an ihre Stelle tritt. Ich schlage keine Alternativen oder Erweiterungen dieser Kategorien vor, sondern ihre totale Aufgabe. Das kann nur durch einen aufständischen Bruch mit Gender passieren. Aufstand wäre die totale Untergrabung der Steuerung: Den Apparat der Steuerung aufzugeben und zu zerstören und unsere Angelegenheiten in die eigenen Hände zu nehmen.

„Um konkreter zu werden, bedeutet das, dass wir Communities und Räume haben, die nicht nur sicher sind, sondern gefährlich für diejenigen, die unseren Verlangen und unseren Räumen im Wege stehen. Nicht nur ein Lesekreis Safespace, sondern zurückgewonnenen Territorien, in denen die Bedürfnisse der Arbeiter*innen/Frauen/der Ausgeschlossenen (frei von Geschlecht/vergeschlechtlichter Gewalt) erfüllt werden können. Diese Räume können uns nicht einfach durch eine höhere Macht gegeben werden. Durch Besetzungen von Grenzregionen und Produktionsstätten oder weniger formelle Territorien des Widerstands, wie Freund*innen, die einander den Rücken freihalten, werden wir  die Gemeingüter schaffen oder sie zurückerobern.“

– Destroy Gender

 

Übersetzung aus dem englischen: Lena Kafka. „Beyond Another Gender Binary“ in „Destroy Gender„.

Anmerkungen

[1] Ich denke in vielen anarchistischen Kontexten des deutschsprachigen Raums lässt sich diese Kritik guten Gewissens auf die Bezeichnung „FLINT*“ übertragen bzw. zuweilen auch auf das vielerorts gebräuchliche „Frauen*“, auch wenn beide Begriffe vielleicht leicht abweichende Besonderheiten mit sich bringen. (Anm. d. Übers.)

[2] Dieses Zitat ist der ursprüngliche Wortlaut aus dem Einzigen und sein Eigentum. Im englischen Artikel ist eine recht ungenaue Übersetzung zitiert, die sich etwa folgendermaßen ins Deutsche rückübersetzen lässt und die den Unterschied, den Stirner zwischen Revolution und Empörung macht, außen vor lässt: „Der Aufstand verlangt von uns, uns nicht länger einrichten zu lassen, sondern uns selbst einzurichten und keine glänzenden Hoffnungen auf Institutionen zu setzen.“ (Anm. d. Übers.)

Es geht durch

„Ich muss mir unbedingt einen verfickten Rucksack zocken“

Am Vortag habe ich alles gut ausgekundschaftet. Ich habe den Rucksack ausgesucht, den ich mitnehmen will; denjenigen, viel billiger, von dem ich das Etikett nehmen will; die Kameras und ihre toten Winkel; die Fressen der Zivi-Dektektive und die Anzahl der Securities in Uniform.
Ich verstecke das Fahrrad in einer kleinen Straße, 200 Meter entfernt. Man weiß ja nie, falls man rennen muss. Aber kurz bevor ich reingehe, merke ich, dass meine neuen Lederschuhe meine Zehen spalten. Und meine pseudo-eleganten Jeans, die man mir geliehen hat, sind ziemlich eng.
„Man hat mir die Beine eingegipst, verdammt!“
OK, ich sehe zwar seriöser aus als in Jogginghose und Turnschuhen, aber es könnte ziemlich schwierig werden zu rennen. Auch mit Fahrrad. Ein langer Atemzug, dieser lange und langsame, der auf einen Schlag die Lunge und den Magen aufbläht. Die automatischen Türen öffnen sich wie ein Theatervorhang. Licht. Ich lege die ersten Meter entschlossenen Schrittes zurück und spiele den 0815-Konsumenten, kreuze den Blick des Securities am Eingang, grüße und hoffe, dass ich es nicht übertreibe.

„Hallo, ich komme, um dich auszuplündern, fetter Bastard.“

Ich verbringe eine Viertelstunde damit, durch die Gänge zu spazieren, um die Atmosphäre zu spüren, zu überprüfen, dass ich nicht verfolgt werde, mich zu entspannen, tief einzuatmen, noch stärker auszuatmen. Ich setze mein Schauspiel fort, bis die beiden Bausteine, die mir als Treter dienen, mir mit Amputation drohen. Auf in Richtung Gang mit den Wanderrucksäcken. Am Badeeck vorbei und das Gefängnisfeld vermeiden.
Schnell mach ich mich an die Arbeit: ich reiße das Etikett, das an einer Plastikschnur hängt, vom Rucksack für 15 Mäuse ab, mache dann drei Tänzelschritte nach rechts – als wäre ich eine im Decathlon lebende Krabbe –, um mich vor das Objekt meiner Begierde zu platzieren.

„Scheiße, verfickte Scheiße, was sollen alle diese Etiketten, verdammt?“

Am Vortag hatte es nur eins gehabt. Heute ist der Rucksack damit bedeckt: Rabattetikett, Etikett mit Gebrauchsanweisung des Herstellers, angenähtes Etikett mit einem Barcode, Quechua-Sticker, vollkommen durcheinander. Ich verliere keine Zeit und scheiße auf die Feinheiten: ich reiße alle ab und passe dabei auf, meine Hände die ganze Zeit im Regal zu lassen, damit die Kamera nicht checkt, was ich da mache. Ich verstecke das ganze Papier in einem anderen Rucksack und mache mehr schlecht als recht das Etikett für den 15-Euro-Rucksack um einen Gurt. Ich packe ihn und steuere direkt die Kassen an. In der Schlange werfe ich zwei, drei flüchtige Blicke auf den Security am Eingang, um zu schauen, ob er mir zwei, drei flüchtige Blicke zuwirft. Tango-Charlie, negativ.

„Es geht durch, es geht durch, es geht durch…“

Die Kassiererin nimmt den Rucksack, dreht ihn um, dreht ihn nochmal um, betrachtet ihn genauer, dreht ihn wieder um. Sie sucht den Barcode, der angenäht gewesen war, gibt dann auf und scannt letztendlich das Etikett, das ich am Ende des Nylonfadens hinzugefügt habe. Ich atme aus. „Das macht dann 15,99 € bitte.“
Nur noch zehn Meter und ich bin draußen. Ich schaue den Security nicht an, aus Angst, dass er meine Gedanken lesen könnte. Einfach geradeaus gehen, mit einem halb-entschlossenen, halb-dümmlichen Auftreten.

2 Meter.
1,5 Meter.
Ich piepse an den Türmen!
„Wie blöd bin ich. Gottverdammte, verfickte Scheiße!“

– „Guten Tag, mein Herr, kann ich bitte Ihren Kassenzettel sehen?“
– „Natürlich, hier.“
Das Schwein holt sein IPhone raus und gibt die Nummer des Kassenzettels ein. Was treibt er da, verdammt? Ich überlege die Beine in die Hand zu nehmen, aber er versperrt mir den Weg und die Türen sind zu. Ich glotze flüchtig auf seinen Bildschirm, wo – Überraschung der Moderne – das Foto des ersten Rucksacks angezeigt wird, des Rucksacks, bei dem ich das Etikett geklaut habe.

„OK, das war’s, Ende des Spiels. Ich habe nicht die Kohle, um den Rucksack zu bezahlen. Das ist das dritte Mal, dass ich in diesem Laden erwischt werde. Ich bin erledigt, werde Frikassee und Reis aus einem Sodexo-Tablett in einer Zelle der Maison Poulaga [1] fressen müssen.
Nicht schlimm, ich bereite mich vor… und los geht’s.“

Der Security schaut das Foto auf dem Bildschirm an, senkt den Blick und vergleicht es mit dem Rucksack, der zwischen meinen Füßen steht. Er schaut wieder auf seinen Bildschirm, um noch einmal zu vergleichen. Er macht das drei Mal. Das Herz ist in die Schläfen umgezogen; dieses sanfte Empfinden, dass man sie mit mit einem Schlagbohrer zermalmt. Die Sekunden ziehen sich unendlich in die Länge und dieser verdammte Security nimmt sich lange Zeit, wie um ein Fehlersuchbild zu lösen…

Er reicht mir den Kassenzettel.
– „Noch einen schönen Tag, mein Herr.“
– „Ihnen auch einen schönen Tag.“ = „Fick dich, du blöder Wichser.“

WASISTDAPASSIERT?

Tatsächlich hatte der Rucksack nichts mehr, das ein Piepsen hätte verursachen können, es war der Security, der die Türme mit der Fernbedienung, die er in seiner Tasche hatte, zum Piepsen gebracht hat (sie machen das oft, um rechtfertigen zu können, dass sie den Kunden anhalten, den sie verdächtigen). Ich habe Glück gehabt, weil der erste Rucksack, von dem ich den Barcode geklaut hatte, dem anderen, den ich haben wollte und der sich zwischen meinen Beinen befand, als der Security beide verglich, sehr ähnlich sah (Farbe und Form). Auch bemerkenswert: auf seinem IFlop ist das Bild des Produkts wirklich winzig und der Security kann es nicht wirklich detailliert anschauen. Wenn beide Produkte sich sehr ähnlich sehen wie in meinem Fall, ist es schwer für ihn, sie auseinanderzuhalten…

Übersetzt aus dem Französischen, „Ça passe“ aus der Broschüre „La Broschourre – Petit manuel de vol à l’étalage“

Anmerkungen der Übersetzung

[1] „Maison Poulaga“ ist eine kleine französische Fast-Food-Restaurant-Kette für Hähnchengerichte, die ihr Corporate Design an das der Bullen angelehnt hat: die Angestellten tragen Uniformen, die denen der Bullen ähneln, ihre Lieferfahrzeuge ähneln Bullenfahrzeugen, im Restaurant befindet sich die Kasse hinter Gitterstäben usw.

Bullenkarre trifft Bullenhass

Am vergangenen Samstag, den 25. Juli,wurde eine Bullenkarre Opfer eines Tritts gegen die Heckstoßstange, welche daraufhin zerbrach. Aufgrund eines in der Nähe befindlichen Hobbycops wurde kurze Zeit später eine Person in Gewahrsam genommen. Bei Durchsicht ihres Handys wurde ein Foto festgestellt, auf dem sie vor derselben Karre mit ausgestrecktem Mittelfinger posierte.

Viele Bullenkarren stehen immer wieder spontan unbewacht irgendwo herum. Ein kleiner ebenso spontaner Tritt, für den es weder Vorbereitung noch Material braucht, kann bereits mehrere hundert Euro Schaden verursachen und für einen kleinen Moment den Hass etwas lindern. Und falls wieder ein Hobbycop in der Nähe steht… kann ein weiterer kleiner Tritt bestimmt auch nicht schaden!