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Betäubte Wut – Einige Worte über die befriedende Funktion der Psychiatrie

Die Psychiatrie gehörte seit langem zu meinen Phobien. Ich habe Jahre mit der Vorahnung verbracht, dass ich eines Tages dort enden würde, dass mein Wahnsinn, meine Wut, meine Einzigartigkeit eines Tages dort stranden würden, eines Tages dort erlischen würden. Ich dachte, dass meine Wünsche dem Existierenden so entgegen gesetzt seien, dass diese Widersprüche nur durch die Zwangseinweisung gelöst werden könnten, ein wahrer Segen für die Macht, die sich mit Leichtigkeit der zu lebendigen Geister entledigt.

Ihre Welt hat mich schon immer intensiv leiden lassen. Und als ich entdeckt habe, dass ich nicht die einzige Person war, die mit diesem permanenten Schmerz lebte, habe ich gleichzeitig versucht ihn zu bekämpfen und vor ihm zu fliehen. Ich erinnere mich an die Momente, in denen ich vor innerer Wut brannt, in denen ich, während ich die Stadt von einem Aussichtspunkt aus betrachtete, fühlte, dass ein Schlag meines Herzens ihres Geschäftsviertel entzünden könnte, ihre Kommissariate, ihre Unternehmen, ihre Banken, ihre kalte Welt.

Heute ist es mir nicht mehr möglich solche Gefühle zu empfinden. Ich habe zwei Jahre meines kurzen Lebens im wattigen Universum der psychiatrischen Medikation verloren. Überspringen wir das Trauma der wahnhaften Psychose, die Tage mit Blackout auf dem Bett liegend, die Tage, die ich damit verbracht habe ohne Ziel in einer geschlossenen Klinikabteilung herumzuirren und die Chimäre zu nähren, dass ich hier bald herauskomme, die demütigenden Bestrafungen, die Isolation und alles, was die psychiatrische Zwangseinweisung bedeuten kann. Ich habe sechs Monate gebraucht, um wieder ein Lächeln auf mein Gesicht zu zeichnen, ich habe fast ein Jahr gebraucht, um aufs Neue lachen zu können. Aber jetzt, wo ich die Oberhand über die offensichtlichen Effekte eines psychiatrischen Traumas und der medikamentösen harten Drogen habe, ist der Schmerz, den ich heute empfinde, gedämpfter. Es ist der Schmerz, dass es nicht möglich war um eine geliebte Person zu trauern, die deren Welt auch fliehend verlassen hat. Es ist ein Schmerz, der es nicht möglich macht die Momente kollektiver Aufregung zu empfinden. Es ist ein Schmerz, weil ich nur eine gemäßigte Freude empfinde, nur ein Leid, das von seiner Tiefe abgetrennt wurde. Es ist der Schmerz darüber, gleichgültig geworden zu sein gegenüber allem, was kommen könnte, darüber das Leben ohne Leidenschaft zu durchqueren. Es ist der Schmerz darüber, mit Widersprüchen durch Ist-mir-alles-egal-ismus fertig geworden zu sein. Es ist der Schmerz darüber, keine emotionale Nahrung mehr zu haben, mit denen ich die radikalen Ideen nähren könnte, die mein Leben ausgemacht haben und diese um jede Praxis gebracht zu haben, aus Bequemlichkeit. Es ist der Schmerz darüber, die Wut nur noch wie eine Erinnerung zu kennen.

Indem ich meine Erfahrung mit der anderer verglichen habe, indem ich mit vertrauten Personen diskutiert habe, indem ich die Fakten analysiert habe, habe ich realisiert, dass ich mich nicht verändert habe, sondern dass ich lediglich in einer chemischen Zwangsjacke stecke, und dass ich aufgegeben habe, mich gegen sie zu wehren, weil ich vergessen habe, dass sie existiert. Man hat mir klar gemacht, dass mich der Lohnarbeit zu unterwerfen positiv wäre, damit meine Dosis reduziert werden könne, auf die ich keinen Einfluss habe, weil das, was ich sage, keine Berücksichtigung findet und weil jede Kritik oder zu klare Willensäußerung aufzuhören als „Nichteingehen“ auf die Behandlung gewertet wird, die mit der Verlängerung der Verabreichung von Depotinjektionen bestraft werden, mit denen man weder die Möglichkeit hat zu schummeln noch zu experimentieren.

Um Stück für Stück aufzuhören, um so die Risiken zu minimieren, bleibt mir nichts anderes übrig mich während der Zeit zu fügen, in der die heilige Objektivität des Psychiaters (der, er, weiß, was gut für mich ist) es für nötig hält, indem ich bei jedem Termin meine Normalität und meine soziale und wirtschaftliche Integration in diese Welt der Toten beweise. Parallel verhilft mir der chemische Effekt der Neuroleptika diese Situation der Unterwerfung mit einer gewissen Gleichgültigkeit zu ertragen. Bis wann?

Da, wo die psychiatrische Behandlung zur Integration führt, führt die Behandlung mit Neuroleptika zur individuellen Befriedung durch die Vernichtung jeglichen Gefühls, das zu stark werden droht. Ade liebe Wut zu leben. So kanalisiert die Psychiatrie unter dem Deckmantel der „Heilung“ alles, was die autoritäre Gesellschaft nicht händeln oder tolerieren kann und verwandelt die Zu-Lebendigen in Kohorten betäubter Individuen, fügsam und rentabel, bereit sich in die infernale Maschine des Kapitals zu integrieren (möge es verrecken!). Dass ich meiner Klarheit beraubt wurde, verbittert mich und ich hoffe, dass ich eines Tages die Fähigkeit wiederfinden werde, das Leben voll zu empfinden. Um wieder anzufangen zu leben und zu kämpfen.

Meine Solidarität mit allen Psychiatrisierten und ihren Liebsten.

Nieder mit allen Mächten!

Übersetzt aus dem Französischen. Das Original wurde 2012 unter dem Titel „Rage endormie – Quelques mots sur la fonction pacificatrice des la psychiatrie“ bei Le Cri du Dodo veröffentlicht.

Radikale Linke, ich trenne mich von dir!

Nach mehreren Jahren, die ich als Anarchistin in der radikalen Linken zugebracht habe, weil ich dachte, dass ich dort Leute finde, die meine Ideen teilen (was teilweise durchaus auch passiert ist), bin ich heute an einem Punkt, an dem ich frage, wie ich jemals glauben konnte, dass Anarchismus und die radikale Linke irgendwie kompatibel sind. Dass ich diesem Irrtum erlegen bin, liegt dabei auch an der selbstverständlichen Teilhabe vieler anarchistischer Menschen an der radikallinken Bewegung und der Selbstverständlichkeit, mit der der Anarchismus als Teil linker Ideologien verstanden wird (vielleicht auch verstärkt durch den Verfassungsschutz, der beides – die linksradikale Bewegung und den Anarchismus – als „linksextremistisch“ einstuft). Dabei versammeln sich unter dem Begriff der radikalen Linken komplett konträre Ideen. Autoritärkommunist*innen von der DKP, der FDJ oder der MLPD, die Partei Die Linke und ihre vielen Sub- und Jugendorganisationen und Stiftungen, autonomere kommunistische Gruppen und libertäre Kommunist*innen, autonome und postautonome Gruppen und Anarchist*innen, all diese Menschen und Ideen werden unter dem Begriff „Die radikale Linke“ oder „Die linksradikale Bewegung“ zusammengefasst. So gehört der Anarchismus für viele linksradikale Menschen zur radikalen Linken irgendwie dazu, auch wenn er von vielen als naiv und theorielos belächelt wird, dem mensch lediglich zugestehen müsse (wobei das längst nicht alle tun, die sich der linksradikalen Bewegung zugehörig fühlen), dass seine Kritik am Autoritarismus vielleicht doch nicht vollkommen verkehrt sein könnte. Jedoch, so seufzt mensch kopfschüttelnd, würden Menschen, die sich ausschließlich für Anarchismus interessierten, nicht sehen, dass die anarchistische Theorie die Komplexität der Welt nicht umfasse, was mensch daran erkennen könne, dass Anarchist*innen keine solche Bibel wie Marx‘ „Kapital“ vorweisen könnten und keine kompliziert schreibenden intellektuellen Autoritäten hätten, die den akademischen Diskurs mitgestalten würden und in der universitären Landschaft Ansehen genießen würden. Mal abgesehen davon, dass es leider schon Menschen gibt, die meinen zu Anarchismus ihren Beitrag leisten zu können, indem sie zu Anarchismus forschend die Karriereleiter im Wissenschaftsbetrieb erklimmen, so ist es natürlich klar, dass Anarchist*innen mit ihrem Misstrauen gegenüber Autoritäten jeglicher Art und ihrem Hass gegenüber staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen sowie dem Lehrbetrieb und dem Vertrauen auf ihr eigenes Urteilsvermögen und ihr Vermögen für sich selbst und nur für sich selbst zu sprechen, keine solchen Publikationen oder Theorien vorweisen können. Anarchismus wird häufig (je nach Individuen auch nur bis zu einem gewissen Grad) diffamiert, jedoch gleichzeitig vorgeblich integriert. Kommunismus mit anarchistischen Elementen zu würzen halten viele für die fruchtbarste Kombination aus beiden. Dabei werden anarchistische Ideen bis zur Unkenntlichkeit verfälscht, bis auf einmal außerparlamentarische Opposition, angemeldete Demonstrationen und Kundgebungen, Forderungen an den Staat, durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderte Projekte, feste Gruppen, Plena mit Redeleitung und Redeliste, kapitalistische Verlage, symbolische Handlungen wie das Zünden eines Bengalos auf einer Demo usw. – das ganze langweilige Repertoire linken Aktivismusses – auch für Menschen, die sich als anarchistisch betrachten, zum Inbegriff anarchistischer Rebellion wird.

Zwar mögen viele ab und zu auch mal Kritik an autoritären Strukturen innerhalb der radikalen Linken üben, jedoch sind sie immer noch der Meinung, dass sie grundsätzlich dieselben Ideen teilen. Jahrelang habe auch ich das geglaubt, jedoch wird mir in letzter Zeit immer mehr bewusst, dass wir einfach rein gar nichts gemeinsam haben. Wie der Name der radikalen Linken bereits verrät, verortet diese sich weit links innerhalb eines parlamentarischen (Parteien-)Systems und versteht sich als außerparlamentarische Opposition. Das bedeutet, dass Menschen sich dafür entscheiden, außerparlamentarisch für ihre Positionen einzustehen und auch mal – in einem gewissen Rahmen – über die Grenzen des Legalen hinauszugehen und damit Veränderungen innerhalb des Systems zu erzwingen. Für viele schließt das auch die Zusammenarbeit mit politischen Parteien und ihren diversen Unterorganisationen nicht aus. Das bedeutet aber natürlich immer noch am parlamentarischen Prozess teilhaben zu wollen, nur eben außerhalb der Parlamente. Außerparlamentarisch ist eben nicht antiparlamentarisch. Es bedeutet keine radikale Absage an den Staat und Herrschaft im Allgemeinen. „Links“ zu sein macht nur im Kontext eines parlamentarischen Verständnisses Sinn. Klar ist ein Begriff erst einmal nur ein Begriff und viele Leute, die sich der radikalen Linken zugehörig fühlen, verstehen sich klar als Anarchist*innen und lehnen Staat und Herrschaft ab. Außerdem gehört grundsätzlich zur radikalen Linken (im Gegensatz zur demokratischen Linken) der Wunsch nach einer Veränderung oder sogar einem Umsturz des aktuell vorherrschenden Systems. Da jedoch die Basis der radikalen Linken kommunistischer Natur ist, eint die meisten dabei die Vision einer neuen, „gerechteren“ Gesellschaftsordnung, die je nach Personen und Ideen diffus bis sehr konkret ist und unterschiedlich autoritär, selten aber eine Ablehnung jeglicher Ordnung umfasst. Außerdem geben sich viele (vorerst) mit dem Einstehen für Reformen oder mit Teilkämpfen zufrieden oder hoffen wohl auch darauf, dass aus solchen Teilkampf-Bewegungen irgendwann eine „revolutionäre Masse“ entsteht, die das aktuelle System ins Schwanken bringt.

Doch kann Anarchismus deswegen nicht trotzdem Teil der radikalen Linken sein? Wenn ich mir diese Frage stelle, dann halte ich es für lohnenswert darüber nachzudenken, inwiefern Kommunismus und Anarchismus – die Ideen, die Basis der radikalen Linken sind – sich unterscheiden. Und das ist eindeutig die Haltung gegenüber Herrschaft und Staat. Anarchismus lehnt beides klar ab, während der Kommunismus beides als Mittel zum Zweck annehmbar findet. „Die radikale Linke“ im Gegensatz zum Kommunismus ist dabei die diffusere, durch die Erfahrungen mit den realsozialistischen Regimen sowie durch demokratische und anarchistische Einflüsse weniger einheitliche, weniger autoritäre Weiterentwicklung des klassischen autoritären Kommunismus, mit mehr Diversität, mehr unterschiedlichen Meinungen, einem weniger konkreten Plan als bei den alten klassischen kommunistischen Kadern. Basis der radikalen Linken bleibt allerdings der Kommunismus, wenn auch für die meisten mit deutlich weniger autoritären Ideen.

Damit kann für mich Anarchismus aber nicht Teil der radikalen Linken sein, denn Anarchismus bedeutet für mich, Herrschaft in jeglicher Form abzulehnen und anzugreifen. Das bedeutet auch den Staat und alle seine Organe und Institutionen als meine Feind*innen zu betrachten. Es bedeutet für mich auch mich dem politischen Spiel in seiner Gänze zu verweigern. Weder möchte ich für andere sprechen oder mich für die Rechte einer Gruppe einsetzen, noch für Rechte im Allgemeinen, da das Justizsystem und seine ganze Ideologie herrschaftsvoll ist. Ich schließe keine Bündnisse, ich gründe keine Gruppe oder gar eine Partei, ich unterwerfe mich keiner Ideologie und keinen Anführer*innen, ich verhandle nicht, ich gehe keine Kompromisse ein, ich präsentiere mich nicht als Avantgarde oder Alternative. Ich kämpfe für meine Freiheit und ich suche nach Kompliz*innen, mit denen ich mich verschwören kann. Ich möchte keine neue Gesellschaftsordnung, denn die Vorstellung einer Gesellschaftsordnung ist bereits autoritär, sondern ich möchte mich befreien von jeder Ordnung und Moral, die mich in meinem Handeln einschränkt. Das bedeutet für mich aber auch besonders absolute Kompromisslosigkeit bezüglich meiner herrschaftsfeindlichen Ideen. Das ist aber nicht kompatibel mit der radikalen Linken, die in großen Teilen keine klare Feindschaft zur Herrschaft hat, ja teilweise sogar Herrschaft begrüßt, wenn sie von den „richtigen“ Leuten ausgeübt wird. Mich als Teil der radikalen Linken zu verstehen oder mich da entsprechend zu verorten oder teilzuhaben, bedeutet für mich diese Kompromisslosigkeit aufzugeben. Es bedeutet, dass ich vermittle, dass Anarchismus und autoritäres Gedankengut – und dazu gehört auch sich für oder gegen einzelne Gesetze stark zu machen oder Bündnisse mit demokratischen oder sonstigen nicht herrschaftsfeindlichen Personen einzugehen – kompatibel sind. Das widerspricht der anarchistischen Idee grundlegend – und macht sie damit zur hohlen Phrase, die keinen Inhalt mehr hat. Ich bin überhaupt kein Fan davon sich mit irgendeiner Identität zu schmücken oder sich irgendeine schicke Bezeichnung zu geben und besonders sich einer Gruppenideologie unterwerfen, trotzdem werde ich misstrauisch, wenn Menschen Vorbehalte gegen den Begriff des Anarchismus‘ oder der Anarchie hegen und sich lieber innerhalb der radikalen Linken als die vermeintlich „losere“ Zugehörigkeit verorten, denn da für mich Anarchismus bzw. Anarchie nicht mehr als die radikale Ablehnung von Herrschaft in jeglicher Form bedeutet ganz im Gegensatz zum Begriff der radikalen Linken, kann das für mich nur bedeuten, dass diese Person Herrschaft nicht grundsätzlich feindlich gegenüber steht. Damit teilen wir aber sicher keinen Konsens, nicht einmal minimal, was unsere Ideen betrifft.

Was bringt es mir Anarchismus als Teil der radikalen Linken zu sehen? Wieso gibt es überhaupt einen solchen Überbegriff, der so viele unterschiedliche Ideen unter einem allgemeinen Namen vereint? Der Anarchismus und der Kommunismus haben eine lange gemeinsame Geschichte. Vom Anarchosyndikalismus und Anarchokommunismus bis zum Plattformismus haben viele Menschen versucht Anarchismus und Kommunismus miteinander zu vereinen. Von Anfang an gab es aber auch immer Anarchist*innen, die keine Gemeinsamkeiten mit den Kommunist*innen entdecken konnten. Die ihre individuelle Freiheit durch die autoritären Ideen des Kommunismus und entsprechender anarchistischer Akteur*innen bedroht sahen und die sich bis heute nicht als Teil der linksradikalen oder kommunistischen „Bewegung“ sahen. Der Kommunismus ebenso wie die kommunistischen Varianten des Anarchismus bedürfen immer einer „Masse“, dass also eine ganze Menge Menschen sich zusammentun, um gemeinsam mit einem Ziel zu handeln und durch ihre Masse Veränderungen zu erzwingen. Wie zu solch einer Größe kommen, insbesondere wenn die goldenen Zeiten der Massenorganisationen vorbei sind? Da scheint es auf jeden Fall praktisch alle möglichen Ideen unter dem Begriff der „radikalen Linken“ zu versammeln. Wer die Diskurse innerhalb der radikalen Linken zumindest ein bisschen verfolgt, wird wohl nicht umhin kommen, immer wieder die Rufe nach Einheit und die Warnung vor Spaltung zu vernehmen. Angeblich hätten doch alle dasselbe Ziel und mensch müsse sich ja nicht wegen irgendwelcher Kleinigkeiten in die Haare kriegen. Wie oft habe ich diesen Ruf vernommen, wenn ich oder andere Kritik an etwas übten. Sei es Kritik an der Roten Hilfe, orthodoxen Marxist*innen, an Antisemitismus oder autoritärem Verhalten, gerade wenn diese Kritik auch publizistisch geäußert wurde, bekam ich zu hören, dass mensch solche Streitigkeiten ja „intern“ führen könne, aber doch nicht nach außen getragen werden müssten, und dass mensch ja trotzdem mit allen solidarisch sein müsse. Gerade in Zeiten des Rechtsrucks, heißt es momentan beispielsweise, müssten doch alle „progressiven“ oder „emanzipatorischen“ Kräfte zusammenhalten. Schon ein raffinierter Move, erst Anarchist*innen in das Universum der radikalen Linken mit aufzunehmen, um dann Kritik mit dem Vorwurf der Spaltung zu begegnen und zu konformem Verhalten zu ermahnen, denn nur in der Masse und in der Einheit sei mensch stark, ansonsten würde mensch den „konterrevolutionären“, den „faschistischen“ Kräften oder aktuell der AfD in die Karten spielen. Ein Trick, den Kommunist*innen im revolutionären Russland 1917 bis 1921 angewendet haben oder in Spanien 1937 und der bis heute wunderbar funktioniert. Wer auf Gegenmacht setzt, braucht Einheit und Masse. Wer, wie ich und wie ich Anarchismus verstehe, jede Macht bekämpft und nur für sich, als Individuum steht, jeglicher Masse, jeglicher Einheit misstrauend und die Erstickung von inhaltlicher Kritik mithilfe von rhetorischen Tricks verachtet und sich dem politischen Spiel widersetzt, die*der spielt weder rechten noch linken autoritären Arschlöchern in die Hände, sondern kämpft egal, von woher der politische Wind weht, für seine*ihre eigene Freiheit. Auch deswegen wehre ich mich so vehement gegen die Zuordnung des Anarchismus zur radikalen Linken. Denn ich sehe, wie Menschen dadurch versuchen mich und meine Kritik zum Schweigen zu bringen, mich zu politischem Kalkül ermahnen, mich für sich und ihre Ideen, die nicht die meinen sind, zu benutzen. Ich sehe, dass Menschen, mit denen ich nichts gemeinsam habe, die autoritäre Ideen vertreten, der Meinung sind, dass WIR auf derselben Seite einer einheitlichen Front stehen würden. Ich sehe, dass viele nicht an einer ernsthaften Diskussion rund um Ideen interessiert sind, sondern nur als Sieger*innen aus einer Debatte hervorgehen wollen, sich nur profilieren wollen, Autorität erlangen wollen. Ich sehe, wie all diese Dynamiken lähmen und ersticken.

Deshalb erkläre ich meinen Bruch mit der radikalen Linken! Möge sie an ihrer Einheitsfrontmentalität und ihrer Sympathie für den Kommunismus und Politik im Allgemeinen zugrunde gehen!

[Russland] Die Dunkle Seite des Netzwerk-Falls

Wir haben bereits früher über unsere Haltung zum Netzwerk-Fall [1] und damit verbundene Widersprüchlichkeiten geschrieben. Seither hat sich nichts zum Besseren gewandelt. Teilnehmer*innen wählten die Rolle typischer Opfer des Regimes und blieben damit von den Übrigen [Opfern] ununterscheidbar. Das war geeigneter für Eltern, Menschenrechtsaktivist*innen und liberale Kreise, die von einem neuen 1937 [2] schrieen. Das Verfahren gegen die Gruppe aus Penza endete nun und die Angeklagten erhielten hohe Strafen zwischen 6 und 18 Jahren.

Am schlimmsten von allem ist, dass die Öffentlichkeit mit den Autoritäten zusammenarbeitete. Der FSB [Inlandsgeheimdienst] versuchte das Verbrechen einer anarchistischen Verschwörung zu beweisen, während die Öffentlichkeit leidenschaftlich die bloße Existenz einer anarchistischen Organisation leugnete, ohne sich mit ihrer „Kriminalität“ auseinanderzusetzen. Dabei war in diesem Fall die bloße Existenz des anarchistischen Untergrunds von größtem Wert, er verlieh der grausamen Bestrafung, die stattfand, einen Sinn: Immerhin hatte es jemand gewagt, die verhasste Autorität herauszufordern. Wer weiß, hätten die Leute aktiv Position als Mitglieder des anarchistischen Untergrunds bezogen, hätten es die Autoritäten möglicherweise nicht gewagt, sie mit so großen Worten zu popularisieren.

Stattdessen wurden sie zu weiteren Opfern des russischen repressiven Systems, die demonstrativ bestraft wurden, um die Bevölkerung einzuschüchtern. Weder die Autoritäten noch die Öffentlichkeit scherten sich darum, welche Ideen diese Typen hatten, Anarchismus blieb eine leere Phrase ohne jeden Inhalt. Für die Autoritäten scheinen Rechtfertigungen und Gewaltlosigkeit unangenehm zu sein; die schwachen werden immer nur umso stärker geschlagen und bestraft, umso mehr sie ihre Unschuld betonen. In diesem Fall wurde die größtmögliche Einschüchterung erreicht, die von der Öffentlichkeit weitestgehend aufgegriffen und verbreitet wurde. Wir können diese Entwicklung nur bedauern.

Wir könnten hier enden, wenn die Situation nicht noch schlimmer wäre. Es gibt dunkle Seiten in dieser Angelegenheit, die von der Solidaritätsgruppen und anderen beständig verschwiegen wurden. Im Herbst 2019 beschuldigten mehrere Frauen Arman Sagynbayev des Sadismus, der Vergewaltigung und des Verrats [3]. Es stellte sich heraus, dass Angehörigen der Gruppe aus Penza und einer Reihe anderer Anarchist*innen diese Fakten bis zu einem bestimmten Grad bekannt waren. Die Gruppe aus Penza verstieß Sagynbayev sogar „wegen seiner nicht tolerierbaren Einstellung zu Frauen“, aber blieb dennoch in irgendeiner Form in Kontakt mit ihm. Dennoch war Sagynbayev nicht der größte Scheißkerl von ihnen allen.

Anfangs war bekannt, dass Kulkov und Ivankin des Drogenhandels angeklagt waren. Es schien bloß eine persönliche, unbedeutende Episode zu sein. Mit der Zeit stellte sich durch die Materialien des Verfahrens und die  bei Chernov gefundene Korrespondenz jedoch die wahre Tragweite dieser „persönlichen Episode“ heraus. Mindestens sieben (!) Menschen der Gruppe aus Penza waren an der Produktion von und dem Handel mit Drogen im großen Stil beteiligt, die von Pchelintsev geleitet wurde. Vermutlich waren nur Shakursky und Kuskov, die den anderen nicht ganz so nahe standen, nicht in die Dinge eingeweiht. Das alleine ist für uns Grund genug, diesen Leuten verärgert den Rücken zuzuwenden und eine öffentliche Debatte über diese Situation zu führen. Wie kann dieses „Drogenkartell aus Penza“ als Revolutionär*innen und Held*innen betrachtet werden?

Die Fakten sind noch schockierender. Wegen der Drogen in die Falle gegangen entschieden Kulkov, Invankin und Poltavec zu fliehen. Mit ihnen flohen zwei weitere Mitglieder des Drogengeschäfts, die später entschieden, nach Hause zurückzukehren. Aber dort kamen sie niemals an. Sie wurden als unerwünschte Zeug*innen getötet. Für uns spielt es keine Rolle, wer sie getötet hat, für uns sind das die typischen Konsequenzen davon, das Kollektiv in eine Bande Drogenhändler*innen zu verwandeln.

Die Unterstützer*innengruppe fürchtete, dass derartige Informationen das Ansehen anderer Angeklagter im Netzwerk-Verfahren beschädigen könnten. Seit Februar 2019 zeichnete die Unterstützer*innengruppe ein positives Bild der Angeklagten aus Penza, indem sie die Gefühle und die Solidarität all derer, die an sie glaubten, manipulierten, in Russland und überall auf der Welt. Wie mensch sieht, führt die Deckung von Schuften, selbst wenn sie mit den besten Absichten erfolgt, stets zu den schlimmsten Konsequenzen für alle. Wegen dieser Art der Einstellung gegenüber der anarchistischen Bewegung ist es unmöglich, dem ABC Moskau weiterhin zu trauen. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass sie nicht weiterhin derartige Informationen vertuschen.

Wir wollen gegenüber Anarchist*innen auf der ganzen Welt betonen, dass die Mitglieder der Autonomen Gruppen des Netzwerks aus Petersburg und anderen Städten nichts mit den schändlichen Ereignissen in Penza zu tun haben.

Wir rufen auf zur Solidarität mit Ilya Romanov, Viktor Filinkov, Julian Boyarshinov, Azat Miftakhov und Evgeny Karakashev.

Übersetzung aus dem Englischen von „The Dark Side of the Network Case“ bei Anarchia Today

[1] Der Text ist im Original auf der Seite Anarchia Today nachzulesen. Eine Deutsche Übersetzung ist im Juni 2018 als Broschüre mit dem Titel „Russische Realitäten“ erschienen.

[2] Das ist wohl eine Anspielung auf die großen Säuberungen Stalins von 1936 bis 1938. Erstmals wurde dieser Vergleich von einem der Rechtsanwälte in dem Verfahren gezogen.

[3] Nachzulesen hier: http://arman.people.ru.net/en/

Mobilfunksendemast in Unterhaching in Brand gesetzt

Am Mittwoch Morgen gegen 06:00 Uhr setzte(n) ein(ige) Angreifer*in(nen) im Perlacher Forst nahe der Autobahn 995 einen Funkmast und zwei Trafoschaltschränke mittels eines Brandsatzes in Flammen. Weil ein vorrüberfahrender Autofahrer den Brandschein bemerkte, konnte die Feuerwehr das Feuer leider rechtzeitig löschen, bevor es auf den Funkmast übergriff. Dennoch entstand ein Schaden in Höhe von mehreren tausend Euro.

Das mithilfe von Mobilfunksendemasten aufgespannte Datennetz ist ein wichtiger Baustein für die voranschreitende technologische Umstrukturierung Münchens. Es ermöglicht nicht nur beständigen Empfang für (internetfähige) Mobilfunkgeräte, die so permanent Daten über ihre Besitzer*innen an verschiedene Konzerne preisgeben (können), sondern erlaubt auch allerlei smarten Geräten, miteinander zu kommunizieren und so ein Netz der Kontrolle aufzuspannen. Egal ob Kameras, (Mikro-)Mobilitätsangebote, intelligente Straßenlaternen oder eben die vielen smarten Gadgets, die so viele Menschen freiwillig mit sich herumtragen, all diese Geräte tragen dazu bei, uns alle auf subtile Art und Weise kontrollierbar zu machen. Mit der bevorstehenden Einführung des neuen Mobilfunkstandards 5G werden die Maschen dieses Netzes nur noch enger werden: Tausende zusätzliche Antennen werden dafür sorgen, dass jeder Winkel dieser Stadt von den ausgesandten Funkwellen erfasst werden wird.

Der Angriff auf den Funkmast im Perlacher Forst ist dabei nicht der Erste Angriff auf diese Infrastruktur in München. Im November 2019 brannte ein Sendemast in der Landsberger Straße, nachdem Angreifer*innen auf einer Plattform in 40 Metern Höhe Feuer gelegt hatten, im März und Dezember 2019 setzten Angreifer*innen mehrere Glasfaserleitungen von Vodafone und den Stadtwerken an Brücken in Brand und seit Monaten sieht mensch überall in der Stadt sabotierte E-Scooter, Leihfahrräder und Co.