Tag Archives: Nr. 033

[Berlin] Glasbruch bei Engel & Völkers

„Wir haben in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag für Risse in der kapitalistischen Stadt gesorgt. Getroffen hat es die zwei Scheiben von Engel & Völkers in Friedenau, gemeint waren die ökonomischen Zwängen die dafür sorgen, das Menschen tagtäglich aus ihren Wohnungen fliegen, das horrende Dividenden bei Wohnungsunternehmen wie DW oder Vonovia ausgezahlt, das Menschen auf der Straße leben müssen… […] Das, was wir zum Leben brauchen, müssen wir uns nehmen. Tu mal was!“

Quelle: Indymedia

[Berlin] Schlösser mehrerer Immobilienbüros verklebt

„Als Vorboten der Tu mal Wat Aktionstage bleiben heute zahlreiche Immobilienbüros vorerst geschlossen. Denn wir haben in der Nacht vom 23.09. zum 24.09. etwa 20 Türschlösser in vier Bezirken mit Nadeln gespickt und Sekundenkleber verklebt. Wir haben uns für diese leicht nachahmbare Aktionsform entschieden, um weitere Menschen zu motivieren an den bevorstehenden Aktionstagen und darüber hinaus aktiv zu werden.“

[Paris] Riots während des „Marschs für das Klima“

Am Samstag, den 21. September, fand in Paris die „Marche pour le Climat“ statt. „Einige Minuten nach Beginn der „Marche“, die von den Spezialist*innen der Tatenlosigkeit und des sozialen Friedens organisiert worden war, hat das normalerweise befriedete folklorische Flanieren eine ganz andere Wende genommen: Banken, Institute und Läden des fünften Arrondissement wurden angegriffen und mehrere Schaufensterscheiben sind zerschellt. Eine gute Anzahl Wütender haben die E-Scooter [!] sehr gut eingesetzt, die schwer genug sind, um die Fassaden von Banken, Versicherungsagenturen [und zweier] Kulturzentren zu zerschmettern… Andere haben auf der Fahrbahn die wilden Feuer gefüttert…“ Es wurde getaggt und Farbe auf Hauswände gespritzt, Bushaltestellen wurden zerlegt und Werbeplakate mit antikapitalistischen Plakaten überklebt, Mülleimer angezündet sowie unzählige Läden kaputt gehauen. Es kam zu einer wilden Demo, Barrikaden wurden errichtet und Menschen haben sich Schlachten mit den Bull*innen geliefert. 160 Menschen wurden in Gewahrsam genommen, neun von ihnen sind immer noch eingeknastet.

Quelle: Sans attendre demain

wer mobbt hier wen?

Letztens spazierte ich durch Sendling, als ich einen Tag entdeckte, der mir seitdem quer im Magen liegt: „Yuppies aus der Hood mobben.“ Positive Bezugnahmen auf Mobbing verursachen bei mir immer heftigste Bauchschmerzen, denn ich selbst war Mobbing ausgesetzt gewesen und ich leide bis heute darunter. Es macht mich sogar richtig wütend, wenn offenbar jemand keine Ahnung hat, was Mobbing eigentlich bedeutet und es als gutes Mittel im Kampf gegen Gentrifizierung betrachtet. Mobbing als Kampfmethode oder sei es auch nur als Metapher zu verwenden, ist genauso widerlich wie Vergewaltigungsmetaphern zu gebrauchen: „Fick die MVG“ mit aufgemaltem Penis daneben ist zum Beispiel ein Tag, den mensch in Giesing findet.

Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen Mitteln, um sich gegen Feind*innen der Freiheit zur Wehr zu setzen und Mobbing. Mobbing ist, wenn eine oder mehrere Personen sich (mehr oder weniger) willkürlich eine Person heraussuchen, die sie systematisch fertig machen und sich dann fadenscheinige Begründungen dafür zurechtlegen, warum sie das tun. Meist ist dabei irgendeine Form von Strafgedanke für ein imaginiertes und zugeschriebenes „Fehlverhalten“, meist irgendeine Form der Normabweichung, die Ausrede, um Menschen fertigzumachen. Dabei trifft Mobbing häufiger Angehörige marginalisierter Gruppen, jedoch kann Mobbing grundsätzlich jede*n treffen. Mobbing zeichnet sich weiterhin dadurch aus, dass das Umfeld, in dem das Mobbing geschieht, nicht eingreift, wegsieht, es kleinredet oder sogar mitmacht oder zumindest mitlacht. Das Mobbingopfer wird isoliert, und dadurch, dass es isoliert ist, wird es noch mehr als „berechtigt“ angesehen, diese Person fertig zu machen, denn sie sei ja komisch, weil sie immer alleine rumhänge. Mobbing ist eine hässliche Gewaltspirale, aus der es meist keinen Ausweg zu geben scheint, außer dieses Umfeld komplett zu verlassen, in dem das Mobbing geschieht, sei es durch Gehen, Suizid oder Amoklauf. Mobbing ist so eine hässliche Form der Macht- und Gewaltausübung gegenüber einer Person, dass ich schreien könnte, wenn irgendwer Mobbing für eine geeignete Methode hält, um gegen Feind*innen der Freiheit vorzugehen. Mobbing ist eine widerliche Form des Psychoterrors, eine so heftige Form der autoritären Machtausübung, dass sie dazu führt, dass Personen, die von Mobbing betroffen waren, noch Jahre bis Jahrzehnte später an den Folgen leiden, und innerlich der Person, die eine*n fertiggemacht hat, immer noch Macht über sich geben, selbst, wenn diese schon längst kein Teil ihres Lebens mehr ist. Mobbing ist Machtausübung, ist Herrschaft im Kleinen (oder im Großen, je nach Maßstab). Es ist richtig heftig, was Mobbing für Auswirkungen auf jemanden haben kann. Minderwertigkeitskomplexe, Bindungsängste, Symptome posttraumatischer Belastungsstörung, Selbstunsicherheit, Alpträume. Noch heute, gut zehn Jahre, nach dem gut ein Jahr andauernden Mobbing und einem weiteren Jahre kompletter Isolation in meinem damaligen sozialen Gefüge – also meiner Schule damals –, habe ich mit Nachwirkungen zu kämpfen, habe ich Paranoia, dass eine Gruppe, die in der Nähe von mir lacht, sich über mich lustig macht, dass ich auf einmal in bestimmten Situationen, die wohl Triggerwirkung bei mir haben, Panik bekomme, dass ich komplett ausgeschlossen bin, dass mich keine*r mag, dass mich alle meiden, und das, obwohl ich eigentlich ganz sicher weiß, dass das nicht der Fall ist.

Es ist eine Sache, sich gegen Menschen auch mit Gewalt zur Wehr zu setzen, die Macht über dich ausüben wollen oder dies auch tun. Doch mensch muss sich da auch immer des Maßes bewusst sein, denn solche Handlungen können auch von Verteidigung bzw. Gegenangriff zu Mobbing und zur Ausübung von Herrschaft werden. Es ist eine Sache, wenn du für eine Sache angegriffen wirst, die real die Einschränkung der Freiheit von Menschen zur Folge hatte oder hat, du also einer wahren Kritik ausgesetzt bist, die mit einer tatsächlichen Machtposition zu tun hat. Mobbing ist allerdings etwas anderes.

Mobbing ist eine Methode der Isolation und Kleinmachung einer Person, eine Methode zur Selbstprofilierung und zur Machtausübung, Mobbing kann ein Machverhältnis umkehren, wenn du z. B. deine*n Lehrer*in mobbst, oder eine*n Bullen*in oder deine*n Chef*in. Es bleibt jedoch ein Machtverhältnis, in dem lediglich du die Rolle des*r Machtausübenden übernimmst. Mobbing zerstört Herrschaft nicht, Mobbing ist Herrschaft. Mobbing ist niemals eine Verteidigungs- und Angriffsstrategie im Kampf für die eigene Freiheit! Wer Mobbing für ein geeignetes Mittel hält, egal für was, ist mein*e Feind*in.

Die Tyrannei des Messbaren

Im Bad einer Freundin steht eine Waage. Seit Jahren stand ich nicht mehr auf so einem Ding, seit ich bei meinen Eltern zuhause ausgezogen bin, um genau zu sein, denn irgendwie war mir das Geld immer zu schade gewesen, um mir damit eine Waage fürs Bad zu kaufen. Neugierig stelle ich mich darauf, nur um beim Anblick der angegeben Zahl schockiert wieder herunterzuspringen. Das konnte doch nicht sein? Die Waage musste falsch eingestellt sein, kein Zweifel! Doch nein, sie funktionierte. Klar war mir aufgefallen, dass ich zugenommen hatte, denn die meisten meiner alten Klamotten passten mir nicht mehr so richtig. Doch mein Körper fühlte sich einfach gut und richtig an, ich freute mich über die größeren Brüste und im Spiegel sah er eigentlich immer noch aus wie damals, nur ein bisschen runder. Also eigentlich alles in bester Ordnung, bis diese Zahl mich aus meiner Zufriedenheit bezüglich meines Körpers riss. Ich brauchte einige Zeit, um mich von dem Schock zu erholen und noch ein bisschen mehr, um mich davon zu erholen, dass eine blöde Zahl auf so einem blöden Gerät ein so starkes Bodyshaming bei mir verursachen konnte, obwohl ich mich bis zu diesem Augenblick, als ich mich auf die Waage stellte, wohl in meinem Körper gefühlt hatte (so wohl, wie es möglich ist in einer Gesellschaft, in der Bodyshaming allerspätestens ab der Pubertät zum guten Ton gehört). Auch die Kleidergrößen vermitteln mir dieses Gefühl. 38 ist Durchschnitt, „medium“, bis dahin ist alles in Ordnung, doch jede Zahl darüber suggeriert mir, dass ich nicht mehr richtig bin: „large“, „extra large“ usw. Rein objektiv finde ich es interessant, dass so winzige Veränderungen an meinem Körper, ein bisschen breitere Schenkel, etwas größere Brüste, bereits solche Unterschiede in den Klamottengrößen verursachen. Ich sehe mich um und sehe lauter Menschen mit schönen, unglaublich verschiedenen Körpern und freue mich. Doch dann treffe ich meine Mutter, die mich begrüßt mit den Worten: „Du hast aber ganz schön zugenommen. Dein Vater und ich haben jetzt eine Diät angefangen, ich habe schon wieder fünf Kilo zugenommen, dein Vater sogar acht, wir sind beide viel zu dick.“ Ich betrachte den Körper meiner Mutter und meines Vaters und finde beide richtig so, wie sie sind. Doch die Waage und die Kleidergrößen sagen etwas anderes.

Ich bin beim Frauenarzt. Er betrachtet kritisch meine Bein- und Bauchbehaarung sowie die Haare, die mir am Hals wachsen, die den Ärzt*innen erst auffallen, seitdem ich sie nicht mehr rasiere. „Wir müssen unbedingt eine Hormonuntersuchung machen, ich glaube, Ihre männlichen und weiblichen Hormone sind im Ungleichgewicht.“ Die Ergebnisse kommen und tatsächlich: die männlichen Hormone liegen über dem „Normalbereich“, die weiblichen darunter. Und was jetzt? Was hat das für Folgen, frage ich ihn. Oh, eigentlich nicht so wirklich welche, außer Sie wollen Kinder, dann kann es ganz vielleicht relevant sein – nein, will ich nicht! –, aber wir können das auf jeden Fall behandeln! Sprachs und verschrieb mir eine männliche Hormone hemmende Pille. Damit meine Hormone wieder „im Gleichgewicht“ sind. Ein Messwert liegt im Normbereich, der andere nicht mehr und schon muss dringend etwas dagegen getan werden, auch wenn ich keine Beschwerden habe und keinen Wunsch nach Behandlung!

In einem wie dem anderen Fall fühlte ich mich total wohl,bis eine Zahl, die aus dem Normbereich fiel, mich daran erinnerte, dass ich nicht richtig war, dass ich etwas an mir ändern müsste. Genauso fühle ich mich wunderbar, bis ich auf die Uhr schaue und realisiere, dass ich schon längst schlafen müsste (weil ich einfach von der und der Uhrzeit bis zu der und der Uhrzeit schlafen muss, so habe ich das mal entschieden). Heute darf ich faul sein, weil Sonntag ist, morgen muss ich fleißig sein, weil Montag ist. Von 8 bis 17 Uhr muss ich arbeiten oder in die Schule gehen, egal, ob es mir körperlich und vom Gefühl her passt oder nicht. In der Schule werden meine Leistungen mithilfe von Zahlen bewertet, ich muss in einer gewissen Zeit ein gewisses Leistungspensum erreicht haben. Es gibt Fitness-Uhren, die Menschen anlegen können, um zu zählen, wie viele Schritte sie gehen, wie viel Steigung sie am Tag so überwinden und diese sollen ihnen helfen, durch das richtige Maß an Treppensteigen einen gesünderen Lebensstil zu entwickeln. Wer abnehmen will, kann mithilfe eines Punktesystems kontrollieren auch genau das Richtige in der richtigen Menge zu essen.

Wir sind daran gewöhnt nach Zahlen zu leben, statt nach unserem Willen und unserem Wohlbefinden. Alles, was messbar ist, Uhrzeiten, Hormonwerte, Gewicht, ist mit Normen und Normwerten verbunden. Es gibt die „richtigen“, „gesunden“ Werte und die „falschen“ und „ungesunden“ Werte. Die angebliche Objektivität und Rationalität der Wisenschaft hat eine besondere Form der Tyrannei geschaffen. Eine Tyrannei, die zum Ziel ein reibungsloses Funktionieren einer auf Effizienz und Produktivität getrimmten Leistungsgesellschaft gewährleisten soll. Noch bis zum 19. Jahrhundert arbeiteten Menschen nur so viel, wie sie es brauchten, um überleben zu können (was bei den meisten deutlich weniger war, als die Menschen heute so arbeiten). Dann verließen sie ihre Arbeit wieder. Das passte natürlich nicht zum Rhythmus der neu erfundenen Maschinen in den Fabriken und dem Gedanken, immer weiter wachsen zu müssen, also immer mehr produzieren zu müssen. Mehrere Generationen von Arbeiter*innen mussten erst einmal dazu „erzogen“ werden, sich an eine Uhr anzupassen anstatt nach Lust und Laune zu leben und zu arbeiten. Insbesondere die Einführung von Schulen führte dazu Menschen von jüngstem Alter an davon zu entfremden, in einem ihnen angenehmen Rhythmus das zu machen, worauf sie Lust haben, sondern fremdbestimmt mithilfe einer Uhr und mithilfe von Leistungskriterien und ständiger Überwachung und Bewertung ihren Pflichten nachzugehen (Quelle: Ludwig Unruh: „Hauptsache Arbeit? Zum Verhältnis von Arbeit und menschlicher Emanzipation“). Wer kopfschüttelnd auf die Schulen und das Arbeitsleben in Japan oder Südkorea schaut, übersieht, dass Schule und Arbeit hier in Deutschland genau nach demselben Prinzip aufgebaut sind und dass lediglich in vielen Fällen ein etwas geringeres Leistungspensum erwartet wird.

Das ändert jedoch nichts daran, dass messbare Daten uns unterdrücken und beherrschen, dass wir unsere Zeit damit verbringen, uns zu optimieren und an die Normwerte anzupassen. Dies begreifen wir jedoch häufig nicht als Unterdrückung, denn es ist ja angeblich rational vernünftig, wir tun es um unserer Gesundheit und unseres Wohlbefindens Willen. Wir haben uns dem Rhythmus und den Erfordernissen der Maschinen und des Kapitalismus angepasst und werden selbst zu Maschinen, messbar, wartbar, verwertbar, immer auf Abruf, produktiv, überwachbar, vorhersehbar. Es ist schwer sich der Tyrannei des Messbaren zu verweigern, denn unsere Gesellschaft ist davon durchdrungen. Immerhin macht es sie vorhersehbar und leichter angreifbar. Mensch kann sicher sein, dass Montagnacht kaum wer draußen unterwegs sein wird, denn die meisten müssen am nächsten Tag sehr früh aufstehen, um ihren wie auch immer gearteten getakteten Pflichten nachzugehen. Eine guter Moment, um die Werkzeuge der Tyrannei des Messbaren zu zerstören.