Tag Archives: Nr. 031

Willkommen zurück aus dem Urlaub

Die Sommerferien neigen sich dem Ende zu. Das bedeutet für viele Menschen das Ende ihres alljährlichen Urlaubs. Aus weit entfernten Ländern oder beliebten Regionen in der weiteren Umgebung des eigenen Wohnortes kehren sie nun zurück an ihre Arbeitsplätze, in die Erziehungsanstalten oder zurück in den beengenden Alltag der Hauswirtschaft. In den dunkelsten Stunden ihrer alltäglichen Existenz zehren sie dort aus den Erinnerungen vergangener Urlaube oder der Vorfreude auf den nächsten Urlaub.

In Urlaub zu fahren ist für die Menschen heute zugleich Statussymbol und Ausbruch aus dem Alltag, der angesichts von monotoner Arbeit, sozialen und familiären Verpflichtungen oder irgendwelchen eigenen oder fremden Bildungszielen für viele Menschen zu einem Gefängnis ihrer eigenen Sehnsüchte geworden ist. Wer es sich leisten kann, fliegt in „exotische“ Gegenden, speist in teuren Restaurants, residiert in luxuriösen Hotels oder berauscht sich an irgendeiner fremden „Kultur“. Tatsächlich ist es für Menschen mit dem richtigen Pass gar nicht unbedingt notwendig, reich zu sein, um entfernte Regionen der Erde zu besuchen. Wer sich teure Hotels nicht leisten kann oder diese ohnehin schnöde findet, die*der versucht sich im sogenannten Rucksacktourismus. Der gute Wechselkurs westlicher Währungen macht das sogar für verarmte Hipster möglich.

So strömen dann während der Juli- und Augustwochen die Bewohner*innen der im internationalen Vergleich privilegierten Länder in Scharen hinaus in die Welt, um sich an den pitoresken Stränden der Welt zu sonnen, irgendeinen Berg zu erklimmen, seltsame Sportarten zu treiben, fremde Städte zu besichtigen oder mit dem eigenen Rucksack und etwas Münzgeld durch ein „exotisches“ Land zu pilgern und sich an der fremden „Kultur“, der Schönheit (scheinbar) unberührter Natur, der Gastfreundschaft der dort lebenden Menschen, dem eigenen Reichtum im Kontrast zur Armut der dort lebenden Menschen und der eigenen Freiheit dorthin gehen zu können, wo mensch möchte, zu berauschen.

Die entfremdende Erfahrung dieses Konzepts von Urlaub, bei dem Tourist*innen einen Ort, zu dem sie keinerlei Bezug haben (dass mensch jedes Jahr dort hinfährt, um sich dort bedienen zu lassen zählt für mich nicht als Bezug), regelrecht heimsuchen und diesen kollektiv nach ihren eigenen Vorstellungen verändern, wird nur von dem Zynismus übertroffen, mit dem die Rückkehrer*innen dann häufig von dem einfachen, harten, aber (angeblich) glücklichen Leben der Menschen berichten, denen sie während ihrer Vergnügungsreise begegnet sind. Es sind jene oberflächlichen Erfahrungen, die heimgekehrte Tourist*innen dann in den Augen ihrer Freund*innen und Bekannten zu Expert*innen für ein fremdes Land oder eine fremde „Kultur“ machen. Dabei könnte mensch die gleichen platten und anmaßenden Erkenntnisse über das Leben in anderen Regionen der Welt ebenso in einem der unzähligen, sogenannten Reiseführer nachlesen.

Auf der anderen Seite wiederum verwandeln sich die vom Tourismus heimgesuchten Regionen dieser Welt häufig Schritt für Schritt in jene Klischees, denn was den Erwartungen der neokolonialen Eroberer*innen entspricht, verkauft sich gut. Zugleich setzen in den Tourismusmetropolen dieser Welt Verdrängungsprozesse ein, die all diejenigen Menschen, die dort leben und es sich nicht leisten können, mit Geld um sich zu werfen wie Tourist*innen, aus ihren Vierteln und Städten, ja manchmal sogar aus ganzen Regionen vertreiben. Zudem bringen Tourist*innen nicht selten heftige Konflikte in eine Region. Wer nur einige Tage oder wenige Wochen an einem Ort verweilt und zudem auf der Suche nach ausschweifenden Erfahrungen ist, die den üblichen tristen Alltag ausgleichen sollen, die*der hat oft kein Interesse daran, Rücksicht auf andere zu nehmen. Laute Partymeilen und völlig enthemmtes, rücksichtsloses Verhalten sind oft ein schaler Beigeschmack von Tourismus. Eben das, was mensch hier in München während der drei Wochen Ende September/Anfang Oktober ansatzweise nachempfinden kann.

Warum das alles? Sind den Menschen, die jedes Jahr so begeistert in Urlaub fahren die Auswirkungen ihres Handelns auf das Leben anderer Menschen derart egal? Fragt mensch nach, kommen meist die immer gleichen Antworten: Der Tourismus sei ja ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor für eine Region heißt es dann selbstbewusst von heimlichen Anhänger*innen des Neoliberalismus, mensch selbst betreibe ja nicht diese Form des Tourismus, erklären die ignoranten Rucksack-Hipster und diejenigen, die überzeugt davon sind, dass es ohnehin kein richtiges Leben im Falschen gäbe zucken schuldbewusst die Schultern und erzählen irgendetwas marxistisches von Reproduktion.

Dabei muss mensch sicher nicht Marx gelesen haben, um zu verstehen, dass die beliebte Fahrt in den Urlaub eine Kompensation unerfüllter Sehnsüchte sind. Statt danach zu streben ihr Leben selbst zu bestimmen, die Fesseln der Lohnarbeit abzustreifen und endlich nach den eigenen Vorstellungen zu leben, fahren die modernen Arbeitssklav*innen lieber einmal im Jahr – bzw. so oft sie es sich leisten können – in Urlaub. Was sie befriedet, schafft dabei anderen Menschen zusätzliche Probleme.

Aber wäre es nicht befriedigender, gegen die Zustände, die uns alle gefangenhalten in einem Leben, das nicht unseres ist, zu rebellieren? Wie wäre es, statt im nächsten Jahr das Auto für den Urlaub vollzutanken nur einen Kanister Benzin und eine Packung Streichhölzer zu kaufen und der eigenen Wut und Kreativität wenigstens einmal im Jahr freien Lauf zu lassen? Umweltschonender wäre es in jedem Fall.

Entfremdung und DIY

100.000 Hochglanzflyer in schickem Design und knalligen Farben. Deutschlandweit verschickt, von hunderten Organisationen unterzeichnet und doch verstauben die Flyer stapelweise in den unterschiedlichen lokalen Lagern, in den gängigen Flyerauslagen, wo wieder einmal viel zu viele dieser Flyer ausgelegt wurden oder werden von denjenigen, denen sie dann doch ausgehändigt wurden, achtlos zur Seite gelegt. Ein Szenario wie es bei fast jeder größeren Massenveranstaltung vorkommt.

Streuverlust nennen das die einen, ich nenne es Entfremdung. Entfremdung nicht nur durch die Entstellung der eigenen Positionen bis zur Unkenntlichkeit durch die Beteiligung an einer Massenorganisation, sondern auch durch die mangelnde Verbundenheit mit diesem Stück Papier, dessen Text von irgendeinem dafür gebildeten, sonst nicht näher bekannten Komitee geschrieben, das von irgendeiner Agentur gelayoutet und irgendeiner Druckerei gedruckt wurde und mir nun von irgendwem lieblos in die Hand gedrückt wurde, mit gestresstem Blick und ohne Zeit für ein kurzes Gespräch darüber. Selbst wenn ich mir die Mühe machen würde, die Webseite zu besuchen, die unten auf dem Flyer abgedruckt ist, würde mich doch nur eine ebenso anonyme Seite erwarten mit irgendeinem Gelaber davon, warum es wichtig sei, sich einer einheitlichen Masse bei einer x-beliebigen Demonstration anzuschließen, um das jeweilige Ziel – z.B. „Klimaschutz“, „Gegen Rechts sein“, usw. – zu erreichen. Vielleicht würde ich noch irgendein professionell produziertes Mobilisierungsvideo finden, in dem irgendwelche Anführer*innenfiguren das gleiche Gelaber noch einmal in eine Kamera sprechen und als ihre Position verkaufen.

Kein Wunder, dass ich nie zu solchen Veranstaltungen gehe. Wenn mir dagegen ein*e Freund*in oder auch nur irgendein*e entfernte*r Bekannte*r einen winzigen Zettel mit einem augenzwinkernden Blick in die Hand drückt, auf dem gerade mal ein Stichwort, eine Uhrzeit und eine Ortsangabe sind, die mensch entweder kennt oder bei der mensch sich eine Wegbeschreibung geben lassen muss, dann bin ich – sofern ich Zeit habe – mit deutlich größerer Wahrscheinlichkeit am Start. Und dutzende andere ebenfalls.

Ebenso ist es auch mit vielem anderen, zum Beispiel mit diesem Text: Wenn ich mir dieses Anliegen von der Seele geschrieben habe, werde ich diesen Text alleine oder mit anderen, die diese Ansichten teilen oder ihre Verbreitung unterstützenswert finden, layouten, drucken und verteilen. Vielleicht wird dieser Text in einer Zeitung erscheinen, aber auch dann weiß ich, dass diejenigen, die diesen Text layouten und drucken meine Werte teilen oder zumindest nicht für unvereinbar mit ihren eigenen halten – sonst würden sie den Text nicht verbreiten – und wenn die Zeitung dann gedruckt ist, werde ich möglicherweise bei ihrer Verteilung behilflich sein.

Das alles ist mir wichtiger, als maximale Professionalität, wichtiger als ein professionelles Lektorat, Layout oder Druck. Dabei bedeutet das nicht, dass diejenigen Dinge, die nach diesem DIY-Prinzip hergestellt wurden, weniger professionell sein müssen, aber selbst wenn sie das sind, finde ich, dass sie meist mehr Aussage haben, als die oft aussagelosen, genormten, professionellen Erzeugnisse. Sie vermitteln ihren Adressat*innen nicht den Eindruck, dass der Inhalt eigentlich egal ist und hinter der Form zurücktritt, sie vermitteln die Lebendigkeit der transportierten Inhalte.

DIY-Erzeugnisse vermitteln nicht den Eindruck, dass mensch es mit einer Autorität, die sich hinter ihnen verbirgt zu tun hat. Egal ob Musik, Text(e), Bilder oder ganz andere Erzeugnisse: Alles bleibt hinterfragbar und jede*r ist in der Lage auf etwas mit eigenen DIY-Beiträgen zu antworten.

Für mich ist das wertvoller, als mit einem professionalisierten und entfremdenden Erzeugnis 100.000 Menschen zu erreichen. Für mich zählt die Qualität, niemals die Masse!

Erneuter Angriff auf das griechische Generalkonsulat

In der Nacht auf den 11. September wurde das griechische Generalkonsulat in München erneut mit Bitumen angegriffen:

In der Nacht vom 10.9. auf den 11.9.2019 wurde das griechische Generalkonsulat in München Ziel einer Farbattacke. Dabei wurde die Fassade mit Bitumen besprüht und das Tor mit den Worten „Exarchia Resists (A)“ verziert. Die Aktion ist unsere Antwort auf die Repression des griechischen Staates gegen die Squats! In Solidarität mit allen Gefangenen! No surrender – No truce!

Quelle: Indymedia

Zuletzt war das grischische Generalkonsulat, ebenfalls in Solidarität mit den Squats in Exarchia Anfang September angegriffen worden (siehe Zündlumpen Nr. 30).

Scheiben eines Büros in Schwabing eingeworfen

In der Nacht auf Freitag, den 06. September wurden die Scheiben eines Bürogebäudes in der Kurfürstenstraße mit Pflastersteinen eingeworfen.

Vermutlich handelt es sich bei dem Bürogebäude um den Sitz der Immobilienfirma „L Homes“ in der Kurfürstenstraße 43. Unter dem Slogan „Art of Living“ (dt.: „Die Kunst zu Leben“) realisiert „L Homes“ Luxussanierungen und den Neubau von Luxus-Eigentumswohnungen in München und Umgebung und trägt so maßgeblich zur Gentrifizierung von Stadtvierteln bei.

Vermutlich wollten sich das die nächtlichen Angreifer*innen nicht gefallen lassen. Sie beschädigten mehrere Schaufensterscheiben des Büros und verursachten damit laut Angaben der Bull*innen Schaden in Höhe von mehreren Tausend Euro.