Tag Archives: Nihilismus

Jenseits einer weiteren Geschlechterbinarität

Vorbemerkung der*des Übersetzenden

Der folgende Text entstand um 2016 in Pittsburgh, USA. Ihm liegt also ein etwas anderer Kontext zugrunde, als der, in dem er hier veröffentlicht wird. Insbesondere der Teil des Textes, der sich mit der Entstehung einer neuen Geschlechterbinarität zwischen Femme und Masc auseinandersetzt, mag hier auf den ersten Blick keine Rolle zu spielen. Ich denke jedoch, dass sich wesentliche Aspekte dieser Beobachtung durchaus auf den hiesigen Kontext übertragen lassen. Auch wenn die Binaritäten von Femme und Masc meines Wissens nach keine besonders relevante Rolle im hießigen (anarchistischen) Diskurs um Gender spielen, so lassen sich dennoch ähnliche Dynamiken beobachten, wo etwa „FLINT*“ als Gegenkonstruktion zu „Cis-Männern“ auftritt oder Charakterisierungen von Geschlechteridentitäten als „Nicht Cis-Männer“ existieren.

Auch wenn ich (in den meisten Fällen) die ursprüngliche Absicht der Verwendung solcher Identitäten durchaus in dem Wunsch begründet sehe, die (eigene) Ausgangsposition innerhalb des Systems von Geschlecht zu bestimmen (wie das etwa auch hinsichtlich der Binaritäten „weiß“ und „nicht weiß“ bzw. „PoC“ und „weiß“ beobachtet werden kann), beobachte ich auch, wie diese Bezugnahme auf die (eigene) Ausgangsposition oft zunehmend zur Reproduktion von Geschlechteridentitäten führt. Wenn beispielsweise Kritiken an bestimmten Praxen mit einer (vermeintlichen oder tatsächlichen; ich finde nicht, dass das eine Rolle spielt) „cis-männlichen“ Autor*innenschaft erklärt und damit als „unberechtigt“ beiseitegeschoben werden ohne dass das Anliegen der Kritik einer genaueren Betrachtung gewürdigt wird, was ist das dann anderes als eine Essentialisierung bestimmter Handlungen und Denkweisen als Geschlechter(rollen)? Ob eine*r vom Ausgangspunkt als „FLINT* Person“ oder als „cis-männliche Person“ zu dem Schluss gelangt, die Institutionen des Patriarchats oder von Gender anzugreifen, inwiefern ist dieser Ausgangspunkt dann noch relevant? Und wenn ein solcher Angriff stattfindet, ist es dann relevant, wer – im Sinne einer Identität – ihn ausführt (siehe dazu auch die Debatte um Anonymität mit den „Feministischen Autonomen Zellen“ in Zündlumpen Nr. 72 – Link 1, Link 2 – und 48)? Ist es relevant, ob eine „FLINT*-Person“, ein „cis-Mann“ oder eine Person, die sich weigert, irgendeine dieser Identitäten anzunehmen, diesen ausführt? Immerhin ist das verfolgte Ziel – die Zerstörung von Patriarchat – ja das gleiche, oder nicht? Und wenn ich zu dem Schluss käme, dass – eine gleiche oder zumindest kompatible Analyse und das allseitige Ziel der Zerstörung von Patriarchat und Geschlechterrollen vorausgesetzt – die Identität der Angreifer*innen einen Unterschied macht – und zwar jenseits der individuellen Ebene, in der jede*r, egal ob FLINT* oder cis-Mann oder sonstetwas sich auf ihre*seine eigene Weise von ansozialisierten Verhaltensweisen lösen muss –, perpetuiere ich dann nicht sogar eine bestimmte Vorstellung von Geschlechterrollen, zumindest aber die Vorstellung von Gender, als eine Ordnung von zueinander in Beziehung stehenden Identitäten, die der Aufrechterhaltung einer bestimmten Gesellschaftsordnung (Zivilisation) dient?

Dies ist der Kontext in dem ich diesen Text als einen zusätzlichen Beitrag zu dieser und ähnlichen Debatten übersetzt habe.

Jenseits einer weiteren Geschlechterbinarität

Ich gebrauche die Begriffe Patriarchat und Gender in einem austauschbaren Sinne, da ich Gender als einen Herrschafts- und Unterdrückungsapparat betrachte, der sich mit dem Apparat des Patriarchats überlappt und untrennbar mit ihm verbunden ist. Um mehr über diese Betrachtungsweise zu erfahren, empfehle ich die Lektüre von Gender-Nihilismus – Ein Anti-Manifest und Destroy Gender.

Gegen Femme, Gegen Gender, Gegen alle Binaritäten

In den letzten Jahren war innerhalb radikaler Millieus der Trend zu beobachten, den Begriff Femme anstelle von Frau zu gebrauchen. Die Gründe für diese Veränderung der Sprache variieren von Person zu Person, je nachdem wen du fragst, aber der allgemeine Grund für diese Veränderung ist es, „unser“ Verständnis von Patriarchat inklusiver zu machen, um all diejenigen zu integrieren, die sich nicht exakt als Frauen definieren. Wikipedia definiert Femme folgendermaßen:

„Femme ist eine Identität, die von Frauen (inklusive trans Frauen) und nichtbinären Menschen in Bezug auf ihre Weiblichkeit gebraucht wird. Als Gender-Identität markiert sie üblicherweise ein Individuum, das ’nichtbinär ist oder queeren femme Geschlechts und adressiert ganz besonders und in sich feminitätsfeindlichkeit [femmephobia] und die systematische Abwertung von Weiblichkeit als Teil ihrer Politik‘. Die Bezeichnung wird ausschließlich für queere Personen benutzt, unabhängig davon, ob diese sich als weiblich definieren oder nicht.“

Dieser [begriffliche] Austausch ist nicht nur semantischer Natur. Er ist das Ergebnis davon, dass nicht mehr nur Frauen als die unterdrückten Subjekte des Patriarchats gesehen werden, sondern alle femme oder weiblichen Personen. Er ist auch Ausdruck davon, dass Unterdrückung nicht länger nur als die eigene Beziehung zu vergeschlechtlichter Gewalt, sondern auch als die eigene Beziehung zu Ästhetik, Weiblichkeit, Verhaltensweisen und sozialen Normen gesehen wird.

Zuvor bestand „unser“ Verständnis von Patriarchat darin, dass nur Frauen vom Patriarchat und (ver)geschlecht(lichter Gewalt) unterdrückt werden konnten. Das heißt, dass unser Verständnis von Patriarchat niemals tief genug ging, um zu verstehen, dass es eine Vielzahl von Erfahrungen und Subjektivitäten gibt, die nicht einfach in eine von zwei Kategorien (Unterdrückte und Unterdrücker*innen, Männlich oder Weiblich, etc.) gepresst werden können. Für jede*n, die*der solche Ideen vertrat, ist es eine positive Entwicklung von dieser strohdummen Analyse des Patriarchats und des Apparats von Geschlecht [Gender] hin zu einer Interpretation, die mehr Erfahrungen als diese beinhaltet. Aber wie alle Interpretationen und Theorien, greift auch diese in ihren Zielen und ihrer Analyse zu kurz. Zu der Bezeichnung femme überzugehen bewirkt wenig, wenn nicht nichts, im Hinblick auf patriarchale Kategorisierung/Identifikation/Normalisierung, Binaritäten, die Reproduktion des Patriarchats oder seiner ökonomischen Grundlagen und es schafft nicht wirklich eine Theorie von Unterdrückung, die alle Subjektivitäteten/Erfahrung einzubeziehen vermag.

Was bedeutet es, Femme zu sein?

Wer ist femme? Wer ist tatsächlich unterdrückt? Wer ist femme genung, um als unterdrückt zu gelten? Sind alle Frauen femme?

Wie bei allen Theorien der Unterdrückung gilt auch hier: wenn es ein/e unterdrückte/s Subjekt/Klasse gibt, dann muss es auch ein/e unterdrückende/s Subjekt/Klasse geben (wie weiße, die nicht-weiße unterdrücken oder die Reichen/Bourgeoisie, die die Armen/das Proletariat unterdrücken). Unter dem vorherigen Verständnis von Patriarchat, in dem Frauen die einzige Klasse bildeten, die von Gender unterdrückt wurden, wurden Männer als die unterdrückende Klasse betrachtet. Dem gegenwärtigen Verständnis von Patriarchat zufolge sind Femme die unterdrückte Klasse und Mascs die Unterdrücker*innen. Alle Identitäten werden dadurch definiert, wer von anderen für wen gehalten wird.

Der Webseite everydayfeminism.com zufolge ist femme „eine explizit queere Bezeichnung, eine Gender-Expression die eine große Bandbreite an Identitäten umfasst. Homosexuelle und queere cis-Männer, trans Männer und genderqueere Leute werden oft als femme identifiziert. Zu sagen, dass Femme nur Frauen wären, transportiert eine vergeschlechtlichte Binarität, die viele Menschen ausschließt.“ Neben der fragwürdigen Verwendung des Begriffs queer als Sammelbegriff versucht diese Definition von femme die Erfahrungen vieler einzubeziehen, die sich nicht als Frauen definieren. Während sie einige femme homosexuelle/trans Männer und nichtbinäre Personen einschließt, schließt sie andererseits Frauen, die nicht femme sind, aus. Frauen, die nicht femme sind, wie butch Frauen und trans Frauen, die ihr Geschlecht verbergen, werden beiseite gelassen, entweder um sie vollständig zu ignorieren oder um als „männlich“ und somit Unterdrücker*innen klassifiziert zu werden. Als ob butch Frauen für die Kämpfe von femmes verantwortlich wären, als ob eine*r als femme homosexueller Mann nicht ein Verfechter patriarchaler Kontrolle sein könne, als ob unsere realen Erfahrungen mit Gender und Gewalt unseren persönlichen Bezeichnungen untergeordnet wären.

Weder Masc, noch Femme, sondern Einzigartig

Dieser Gedankengang bricht nicht damit, eine „Geschlechterbinarität“ zu transportieren, sondern erfindet diese neu, durch die Einteilung der Menschen entlang der Grenzen zwischen Unterdrückt/Femme und Unterdrücker*in/Masc, auch wenn diese Einteilung nicht so strikt auf Gender und Biologismen basiert wie die vorherige (und noch immer dominante) Geschlechterbinarität. Er teilt die Menschen basierend auf Ästhetik und Verhaltensweisen statt basierend auf Biologismen oder Selbstverortung in Kategorien ein. Beinahe alles ist eine Verbesserung zu biologischem Determinismus, aber diese Veränderung geht nicht weit genug, um binäres Denken zu beenden. Bevor mich irgendwer in der Szene nach meinem Namen und meinem Pronomen fragt, werde ich als „Masc“ eingestuft wegen meiner Gesichtsbehaarung und aufgrund der Art und Weise wie ich mich kleide. Meine persönlichen Erfahrungen mit vergeschlechtlichter Gewalt werden nur dann ernst genommen, wenn ich mich als als trans Frau oute. Unsere Theorien sollten vom Ausgangspunkt dessen starten, wie wir vergeschlechtlichte Gewalt in unseren alltäglichen Leben erlebt haben, nicht von Identitäten. Unsere Beziehungen zueinander sollten auf unseren Affinitäten und Ähnlichkeiten zueinander bassieren, anstatt auf den Kategorien einer kleinster-gemeinsamer-Nenner-Politik. Das alltägliche Leben ist viel zu kompliziert, um in zwei Kategorien reduziert zu werden.

Lerne die neue Binarität kennen, sie ist die gleiche wie die alte

Einige Jahre zuvor, bevor die Bezeichnung Femme die allgemein gebräuchliche inklusive Form der Benennung von Personen, die vom Patriarchat unterdrückt werden, wurde, war in radikalen Millieus die Bezeichnung „nicht-Männer“ gebräuchlich. Die theoretischen Mängel von nicht-Männern sind ähnlich zu denen des Begriffs Femme. Baedan, ein antizivilisatorisches, nihilistisches und anarchistisches Magazin, das die Themen Gender, Queerness und Domestizierung behandelt, hat diese theoretischen Mängel herausgearbeitet. Sie kritisieren die Bezeichnung nicht-männer dafür, dass sie nicht die Art von inklusiver Bezeichnung sei, die sie vorgibt zu sein, da sie nicht über binäre Kategorien hinausgeht und sie das Policing der Kategorisierung fortsetzt.

„Eine jüngere Antwort auf diese Kritiken war die Einführung des Konzepts nicht-Männer. Die meisten Versuche, diese Kategorie zu definieren, sind extrem unbeholfen. Manchmal soll dieser Begriff nicht-cismänner bezeichnen, manchmal bedeutet er, dass Schwule bei bestimmten Treffen nicht erwünscht sind. Manchmal bedeutet er schlicht Frauen plus trans Personen. Einige Feminist*innen haben sogar gesagt, dass die Kategorie manchmal ‚emaskulierte Männer of Color‘ umfasse. Für gewöhnlich ist der Begriff nur eine postmoderne Umschreibung für Frauen [1]. Wie andere Kategorien funktioniert auch diese nur dann, wenn sie eine klare Grenze hat und diese Grenze wird immer Schauplatz von Policing sein. Auf jeder Ebene ist dies ununterbrochen problematisch. Die am wenigsten problematischen Definitionen […] sind so vage, dass sie keinerlei praktischen Nutzen haben. Und in der praktischen Anwendung entfalten diese Theorien immer ihre Gewalt. Die Aussicht, dass eine politische Organisation aus vorrangig cisgeschlechtlichen Frauen bestimmen, welche genderqueeren oder transfemininen Individuen nicht-männlich genug sind, um Teil ihrer Gruppen zu werden ist geradezu ekelerregend. Dieses kategoriale Policing spiegelt all die anderen wider. Lerne die neue Binarität kennen, sie ist die gleiche wie die alte. Ein Weg aus diesem Dilemma könnte sein, nicht von Identitäten auszugehen, sondern vielmehr von Erfahrungen. Sich die Mitverschwörer*innen aufgrund geteilter Erfahrungen einer Bandbreite an vergeschlechtlichter Gewalt auszusuchen. Einige Befürworter*innen der Bezeichnung nicht-Männer haben das ähnlich definiert („die, die vergewaltigt werden“, „die, die die Carearbeit leisten“), aber keine dieser Erfahrungen sind auf die Identität beschränkt und ein phänomenologisches oder empirisches Bezugssystem zu akzeptieren würde die Nützlichkeit dieser Kategorie vollkommen zunichte machen. Wenn das Konzept aber entweder nutzlos oder problematisch ist, warum wurde/wird dann so viel Aufwand in den Versuch, das Konzept zu bewahren gesteckt? Was wir hier tatsächlich sehen ist der verzweifelte Versuch, binäre Kategorien zu bewahren, in einer Welt, in der diese längst begonnen haben, zu zerfallen.“

– Against the gendered Nightmare, Beadan 2: A Queer Journal of Heresy.

Egal ob es sich um Männer/Frauen, männlich/weiblich, afab/amab, nicht-Männer/Männer oder femme/masc handelt, alle Binaritäten erfordern Policing und Ausschluss um aufrechterhalten und definiert zu werden. Binäre Kategorisierung ist nur eine Methode, die vom Apparat des Genders genutzt wird, um zu herrschen. Binäre Kategorien erfordern Policing, Ausschluss, Regulierung, Normalisierung und Hierarchie.

Kein dritter Weg

„Die Revolution zielte auf neue Einrichtungen, die Empörung führt dahin, Uns nicht mehr einrichten zu lassen, sondern Uns selbst einzurichten, und setzt auf »Institutionen« keine glänzende Hoffnung.“ [2]

– Der Einzige und sein Eigentum, Max Stirner

Die Probleme hinter der Femme/Masc-Binarität beginnen weder mit ihrer Verbreitung in dem Millieu, noch werden sie damit enden, dass eine andere Begrifflichkeit an ihre Stelle tritt. Ich schlage keine Alternativen oder Erweiterungen dieser Kategorien vor, sondern ihre totale Aufgabe. Das kann nur durch einen aufständischen Bruch mit Gender passieren. Aufstand wäre die totale Untergrabung der Steuerung: Den Apparat der Steuerung aufzugeben und zu zerstören und unsere Angelegenheiten in die eigenen Hände zu nehmen.

„Um konkreter zu werden, bedeutet das, dass wir Communities und Räume haben, die nicht nur sicher sind, sondern gefährlich für diejenigen, die unseren Verlangen und unseren Räumen im Wege stehen. Nicht nur ein Lesekreis Safespace, sondern zurückgewonnenen Territorien, in denen die Bedürfnisse der Arbeiter*innen/Frauen/der Ausgeschlossenen (frei von Geschlecht/vergeschlechtlichter Gewalt) erfüllt werden können. Diese Räume können uns nicht einfach durch eine höhere Macht gegeben werden. Durch Besetzungen von Grenzregionen und Produktionsstätten oder weniger formelle Territorien des Widerstands, wie Freund*innen, die einander den Rücken freihalten, werden wir  die Gemeingüter schaffen oder sie zurückerobern.“

– Destroy Gender

 

Übersetzung aus dem englischen: Lena Kafka. „Beyond Another Gender Binary“ in „Destroy Gender„.

Anmerkungen

[1] Ich denke in vielen anarchistischen Kontexten des deutschsprachigen Raums lässt sich diese Kritik guten Gewissens auf die Bezeichnung „FLINT*“ übertragen bzw. zuweilen auch auf das vielerorts gebräuchliche „Frauen*“, auch wenn beide Begriffe vielleicht leicht abweichende Besonderheiten mit sich bringen. (Anm. d. Übers.)

[2] Dieses Zitat ist der ursprüngliche Wortlaut aus dem Einzigen und sein Eigentum. Im englischen Artikel ist eine recht ungenaue Übersetzung zitiert, die sich etwa folgendermaßen ins Deutsche rückübersetzen lässt und die den Unterschied, den Stirner zwischen Revolution und Empörung macht, außen vor lässt: „Der Aufstand verlangt von uns, uns nicht länger einrichten zu lassen, sondern uns selbst einzurichten und keine glänzenden Hoffnungen auf Institutionen zu setzen.“ (Anm. d. Übers.)

Nihilismus ist nicht Nichts

Egal, wen du fragst, die meisten würden dir sagen, dass Nihilismus der Glaube an Nichts ist. Durch den Film „The Big Lebowksi“ bekannt geworden und durch faule Akademiker*innen und Philosoph*innen fortgeführt, hat dieses Missverständnis von Nihilismus zu einer Art Dämonisierung in anarchistischen Kreisen geführt. Der Primitivist John Zerzan lamentiert oft über Nihilismus, und sagt dabei Dinge wie „…du fängst an, Leute zu finden, die so nihilistisch sind, dass ihnen das Leben nur noch egal ist.“ Für Zerzan ist Nihilismus einfach, dass einer*m das Leben egal ist.

Sogar jemand, der zum Primitivismus entgegengesetzt steht, der Transhumanist William Gillis, meint, „Kann ein*e Nihilist*in ein*e Anarchist*in sein? Nein. Sicher nicht. Nihilismus ist die Philosophie unserer durch und durch soziopathischen Gesellschaft. Nihilismus ist alles, was wir bekämpfen.“ Wenn Primitivist*innen und Transhumanist*innen beide Nihilismus zusammen so aktiv hassen können, dann zeigt das vielleicht, dass sie mehr gemeinsam haben als mensch erst meinen könnte. Vielleicht ist Nihilismus ein bequemes Schreckgespenst für Anarchist*innen, die so festgefahren in ihren Ideologien sind, dass diese Ideologien angefangen haben, an Stelle des Anarchismus zu treten?

Ist Nihilismus lediglich, „dass einer*m das Leben egal ist“? Sicher nicht! Die ersten Nihilist*innen wurden so genannt, weil nichts, „das existierte, in ihren Augen Gefallen fand“. Das bedeutete nicht, dass diese Leute an nichts glaubten, oder dass ihnen das Leben egal war. Eher das Gegenteil! Für diejenigen, die die Grundlagen des Nihilismus formen würden, war das Leben wichtig genug, um die Dinge zurückzuweisen, die versuchten, das Leben zu fesseln. Die ersten Nihilist*innen sahen sich um, und sahen nichts, das sie gutheißen konnten und zogen dann los, um diese Dinge zu zerstören, während sie gleichzeitig Strukturen und Umstände schufen, die ihnen gefielen. Nihilismus stammt von Leuten, die ihre Wünsche durch Handlungen verwirklichen wollten. Wenn Nihilismus lediglich Leute wären, denen alles egal ist, wie Zerzan behauptet, dann könnte Nihilismus nicht für sich beanspruchen einen Zaren getötet und fast ein Reich gestürzt zu haben. Die Geschichte unterstützt nicht Mr. Zerzans Behauptungen.

Kann jemand Anarchist*in und Nihilist*in sein, was Mr. Gillis als unmöglich definiert? Natürlich! Tatsächlich, von Renzo Novatore zur Verschwörung der Feuerzellen (CCF) und  der Informellen Anarchistischen Föderation (FAI) sind Anarchist*innen seit über einem Jahrhundert Nihilist*innen gewesen und sind es fast so lange, wie der Begriff „Anarchismus“ in politischen Diskursen verwendet wird. Mr. Gillis stellt entweder großspurige Behauptungen auf, während er die Geschichte ignoriert, oder er behauptet, dass Personen und Gruppen, die deutlich mehr zur Schaffung von Anarchie beigetragen haben als er selbst, keine Anarchist*innen seien oder sogar Feind*innen des Anarchismus! Noch einmal, die Realität springt denen ins Gesicht, die falsche Behauptungen über Nihilismus aufstellen.

Mr. Gillis behauptet, dass Nihilismus „die Philosophie unserer durch und durch soziopathischen Gesellschaft“ sei. Wenn das nur der Fall wäre! Wenn nur unsere Gesellschaft in der Zurückweisung aufgezwungener Normen wurzeln würde und unterdrückende Strukturen angreifen würde! Das ist das, was Nihilist*innen tun… Ich verstehe nicht ganz, inwiefern das sie zu Feind*innen des Anarchismus macht.

„Verneinung jeder Gesellschaft, jeden Kultes, jeder Regel und jeder Religion. Aber ich sehne mich nicht nach dem Nirvana, genauso wenig, wie ich das Verlangen nach dem verzweifelten und kraftlosen Pessimismus von Schopenhauer habe, was schlimmer ist als der gewaltsame Verzicht auf das Leben selbst. Meins ist ein enthusiastischer und dionysischer Pessimismus, wie eine Flamme, die meinen lebendigen Überschwang entfacht, das sich über jedes theoretische, wissenschaftliche oder moralische Gefängnis lustig macht.“ – Renzo Novatore

Renzo Novatore, ein italienischer nihilistischer Anarchist aus dem frühen 20. Jahrhundert bekämpft ausdrücklich die Vorstellung, dass Nihilismus eine Art verbitterte Hoffnungslosigkeit sei, und weist Nihilismus als „kraftlosen Pessimismus“ zurück. Novatore versteht, dass Herrscher*innen in vielen Formen kommen können, sogar „theoretische, wissenschaftliche und moralische“. Sollten wir als Anarchist*innen nicht gegenüber allen Konzepten, die alle potenziell herrschaftsvoll sind, wachsam sein? Sollten wir nicht versuchen, das fühlbar zu bekämpfen, das uns zwingen will? Sollten wir nicht versuchen Bedingungen zu schaffen, die mehr unseren Sehnsüchten entsprechen? Für Mr. Gillis wären diese Handlungen viel zu nihilistisch, was bedeutet, dass er an einem Anarchismus festhält, der ziemlich wirkungslos zu sein scheint. Ich denke, dass Nihilismus ein Kompliment für den Anarchismus ist, wenn nicht sogar dem Anarchismus innewohnt.

Weit weg von einem Glauben an nichts, fordert uns der Nihilismus heraus zu handeln. Er ermutigt uns, die Welt zu schaffen, die wir sehen wollen, und dies jetzt sofort zu tun. Wie die Nihilist*innen von Bakunin übernahmen, „Die Leidenschaft zur Zerstörung ist auch eine kreative Leidenschaft!“ Nihilismus ist kein hoffnungsloses Ende, sondern ein fröhlicher Anfang!

„(Nihilismus) ist ein Extrem, über das mensch nicht hinausgehen kann, und doch ist er der einzig wahre Pfad, um darüber hinauszugehen; er ist das Prinzip des Neuanfangs.“ – Maurice Blanchot

Warum gibt es also diese gemeinsame Anstrengung gegen das Konzept des Nihilismus von vielen verschiedenen Ecken des Anarchismus? Warum sind manche Menschen so entschlossen, sich gegen das zu stellen, das laut Definition und historisch etwas ist, das sehr stark im Anarchismus verwurzelt ist? Ich denke, dass es exakt wegen der Art und Weise ist, auf die diese Gestalten sich selbst im Anarchismus positioniert haben. Die Unwilligkeit des Nihilismus Dogmen zu akzeptieren steht im Gegensatz zu den sehr dogmatischen Standpunkten, die Anarchist*innen wie Gillis und Zerzan vertreten. Da sie sich selbst in die Ecke als Transhumanist*innen und Primitivist*innen gedrängt haben, fühlen sich diese Leute von einem Nihilismus bedroht, der Transhumanismus oder Primitivismus als statische Ideologien zurückweisen würde. Schließlich ruft der Nihilismus nach einer Fluidität der Ideen, die im Gleichklang ist mit der Fluidität der Sehnsüchte, und die kein Interesse an „theoretischen Gefängnissen“ hat, die einen bestimmten Weg zur Anarchie propagieren. Gillis und Zerzan haben sich ein sehr spezifisches Set an Ideen aufgebaut, und sie verstehen, dass Nihilismus diese Ideen, auf denen sie sitzen, herausfordert…Entweder das, oder sie sind tatsächlich nur ungebildet und unwissend, was die wahren Ursprünge des Nihilismus anbelangt.

„Jede Gesellschaft, die du aufbaust, wird ihre Grenzen haben. Und außerhalb der Grenzen jeglicher Gesellschaft werden immer widerspenstige und heldenhafte Vagabund*innen mit ihren wilden und unberührten Gedanken umherziehen – diejenigen, die nicht leben können, ohne ständig neue und furchtbare Ausbrüche der Rebellion zu planen! Ich werde unter ihnen sein!“ – Renzo Novatore

Nihilismus stellt sich gegen die Vorschriften und Dogmen von vorgefertigten Ideologien. Er ermutigt dazu zu handeln und bewegt Menschen dazu, gleichzeitig das zu verneinen, das sie unterdrückt, als auch ihre Sehnsüchte zu verwirklichen. Weit davon entfernt, eine passive Zurückweisung des Lebens zu sein, ist der Nihilismus eine aktive Feier des Lebens, unserer Fähigkeit zu schaffen und zu zerstören. Nihilismus ist sich der Notwendigkeit bewusst, konstant wachsam gegenüber der Verkalkung zu sein, die in allen Ideologien und allen Gesellschaften auftaucht. Ohne diese Wachsamkeit ist auch die*der leidenschaftlichste Anarchist*in für genau die Herrschaft empfänglich, die sie*er meint zu bekämpfen.

„Besiegt im Schlamm oder siegreich in der Sonne, ich besinge das Leben und liebe es!“ – Renzo Novatore

Dieser Beitrag erschien auf Englisch unter dem Titel „Nihilism is not nothing“ am 02. November 2019 und wurde für diese Zeitung ins Deutsche übersetzt. Das Original findet ihr hier.