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Zentralisierte Mobilität – eine Kritik am Allheilwundermittel Öffis

Die Umweltverschmutzung, die insbesondere in Städten durch die Abgase überwiegend von Autos verursacht werden, sollen für die meisten linken und grünen Bewegungen, weit bis in radikale Spektren hinein, durch den Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel und die Reduzierung des Individual(auto)verkehrs gelöst werden. So gibt es nicht wenige, die eine autofreie Innenstadt fordern und einen Ausbau der Öffis, teilweise sogar einen kostenfreien öffentlichen Nahverkehr. Zwar hätte ich jetzt auch nichts gegen eine autofreie Innenstadt und gratis Öffis – auch wenn ich das eigentlich auch heute schon habe, denn natürlich zahle ich dafür wann immer es mir möglich ist nicht, jedoch wäre es schon schön, wenn der Stress durch Kontrolleur*innen gebustet zu werden, wegfallen würde –, jedoch bin ich misstrauisch gegenüber dem Allheilwundermittel „öffentlicher Nah- (und Fern-)Verkehr“.

Denn wenn ich an Öffis denke, dann denke ich an Kontrolleur*innen und daran, dass das Fahren ohne Fahrschein eine Straftat ist. Und dass viele, die die Geldstrafe für das Fahren ohne Fahrschein nicht bezahlen konnten – denn häufig holen sich gerade die Menschen keine Tickets, die halt auch einfach keine Kohle haben –, ersatzweise im Knast dafür sitzen. Ich denke daran, dass bei allen Angeboten am Bahnhof Konsumzwang herrscht und Geld verlangt wird – selbst für die öffentlichen Toiletten – und dass wer kein gültiges Ticket besitzt, sich auch nicht dort aufhalten darf. Und ich denke insbesondere an eine inzwischen fast umfassende Kameraüberwachung, an DB und MVG Securities, an Kontrolleur*innen, an KVR Hilfssheriffs, an „verdachtsunabhängige“ – also meist rassistisch motivierte – Schwerpunktkontrollen durch Bull*innen an Bahnhöfen, an Vertreibungspolitiken gegenüber denjenigen, die aus der Gesellschaft ausgestoßen sind, wie beispielsweise Menschen ohne Dach über dem Kopf. Ich denke daran, dass die Bundespolizei an Bahnhöfen sitzt, daran, dass insbesondere im Grenzbereich Bull*innen Züge einfach anhalten und mithilfe von racial profiling nach illegal Einreisenden durchsuchen. Ich denke daran, wie sie im Zuge von groß angekündigten Protesten (z. B. G20, aber auch kleinere Sachen wie der 1000-Kreuze-Marsch in Salzburg) Züge nach den Leuten, die dort hinfahren wollen könnten, durchsuchen oder die Kund*innenlisten von Fernbussen nach polizeibekannten Namen auschecken oder auch den Leuten an den Bahnhöfen auflauern, am Start- wie am Zielpunkt. Ich denke daran, dass Menschen immer wieder dadurch gebustet werden, dass Bull*innen das Videomaterial des MVV und der MVG durchgucken, um Leute zu identifizieren und herauszufinden, wo sie ihnen am besten auflauern können, indem sie zum Beispiel regelmäßige Routen einer Person auskundschaften.

Und das bringt mich zum Nachdenken darüber, wie einfach die Kontrolle über die Menschen dank öffentlicher Verkehrsmittel wird. Wie sehr mein Weg, den ich wähle, um an mein Ziel zu gelangen, davon geprägt ist, welche öffentlichen Verkehrsmittel mich zu meinem Ziel bringen können. Dass ich gewisse Ziele gar nicht ansteuere oder seltener als ich es eigentlich tun würde, weil diese so beschissen zu erreichen sind. Und zwar nicht weil es eh super weit weg ist, sondern weil die Öffis dahin nur so schlecht fahren. Ich denke darüber nach, dass die angebotenen Öffis eigentlich dazu da sind, Menschen zu ihrer Arbeit und zu den Konsumzentren zu bringen. Ich denke daran, dass meine Wege so vorhersehbar werden, dass sie für überwachende und kontrollierende Instanzen leicht nachzuvollziehen sind.

Überwachung beschränkt sich nicht auf die öffentlichen oder Massenverkehrsmittel, jedoch ist es dort besonders einfach. Und kann besonders gut mit „Sicherheit“s-Argumenten ein- und durchgeführt werden. Öffentliche Verkehrsmittel sind ein Hort der Überwachung und Kontrolle, so sichtbar, wie es sonst selten in Deutschland zu finden ist. Gruseln sich doch noch viele bei der Vorstellung einer umfassenden Videoüberwachung auf Straßen und öffentlichen Plätzen, so sind sie doch bei öffentlichen Verkehrsmitteln bereits an eine solche umfassende Überwachung gewöhnt. Auch sogenanntes „Sicherheits“-Personal ist hier so omnipräsent wie sonst selten irgendwo.

Öffentliche Verkehrsmittel brauchen große Organisationen, seien es der Staat, Unternehmen, Genossenschaften oder die Räterepublik, um realisiert zu werden. Sie schaffen ein Angebot, das ihnen Macht verleiht, das ihnen erlaubt, die Wege von Menschen zu beeinflussen und zu kontrollieren, einigen die Nutzung dieser Verkehrsmittel zu untersagen, andere in der Ansteuerung ihrer Ziele zu bevorzugen. Öffentliche Verkehrsmittel schaffen Hierarchien und begünstigen die Kontrolle über Menschen.

Wozu braucht es eigentlich solche Massentransportmittel? Warum sind Menschen so viel unterwegs, und zu einigen Zeiten so richtig geballt? Durch Schul-und Lohnarbeitszwang, durch den hektischen Rhythmus, den die Wachstumsideologie unseres Wirtschaftssystems vorgibt, hetzen alle dafür von A nach B, kommen nie zur Ruhe. Nur deshalb werden die Wege auch so vorhersehbar, dass sie sich aufs Hervorragendste durch immer gleiche Wege auffangen und steuern lassen. Die Mobilität, wie sie heute erforderlich ist, ist Resultat des Kapitalismus, denn ansonsten gäbe es selten die Notwendigkeit, solche Massen regelmäßig zu irgendetwas transportieren zu müssen. Wir können uns öffentliche Verkehrsmittel ein bisschen wie ein Fließband in einer Fabrik vorstellen, die für den reibungslosen Betrieb unserer Gesellschaft und unseres Wirtschaftssystems verantwortlich sind.

Statt eine andere Mobilität zu fordern oder sich zu erträumen, wie beispielsweise den Ausbau von öffentlichen Verkehrsmitteln, sollten wir uns die Frage stellen, wozu es einer solchen Mobilität eigentlich bedarf. Und welchem Zweck sie dient. Ich bin nicht für mehr Autoverkehr. Jedoch betrachte ich öffentliche Verkehrsmittel als herrschaftsvoll und bevormundend, als eine staatliche Lösung. Denn ganz gleich, wer am Ende die Verwaltung der Öffis innehat, folgen öffentliche Verkehrsmittel einer staatlichen Logik, die ich aber zerstören möchte.

Die Mobilitätswende ist auch keine Lösung

Wer von einem Ort an einen anderen gelangen möchte, der*dem bieten sich heute zahlreiche Möglichkeiten: Der sogenannte öffentliche Nahverkehr, in der Regel bestehend aus Bussen und Schienenfahrzeugen, verbindet verschiedene Orte innerhalb einer Metropole miteinander, für Fernreisen stehen Bahn, Flugzeug oder Auto zur Verfügung und im Bereich der so hochgestochen benannten „Mikromobilität“ stehen Fahrräder oder andere – meist absurde – Gefährte zur Verfügung, etwa E-Roller, Segways, und anderer Unsinn [1]. Zusammen bilden all diese Verkehrsmittel die Mobilität unserer Gesellschaft. Sie ermöglichen es uns, den täglichen Weg zur Arbeit zurückzulegen und – sofern mensch es sich leisten kann – innerhalb kürzester Zeit selbst die entlegensten Orte der Welt zu besuchen.

Die Infrastruktur, die erforderlich ist, um Mobilität in diesem Ausmaß zu ermöglichen verschlingt dabei nicht nur Unmengen von Energie, sondern bildet auch einen Zentralismus, der es einzelnen Unternehmen und dem Staat ermöglicht, enorme Kontrolle über das Leben der Menschen auszuüben. Die Linienführung des öffentlichen Verkehrs beispielsweise ist häufig darauf ausgelegt, Menschen von ihrem Wohnort in die Fabriken und Unternehmen zu befördern und wieder zurück. Zudem gibt es häufig eine Fokusierung aller größeren Linien auf ein Zentrum, wie beispielsweise in München durch die Stammstrecke der S-Bahn und die U-Bahnknotenpunkte am Sendlinger Tor, Odeonsplatz und Hauptbahnhof. Das führt dazu, dass wir unser Leben entlang der Linien dieses Verkehrsnetzes ausrichten, denn der (rein zeitliche) Aufwand, den es bedeutet, einen Ort abseits dieser Verkehrswege zu besuchen, ist es uns oft nicht wert. Zusätzlich sind öffentliche Verkehrsmittel das ideale Instrument, um Menschenströme zu kontrollieren, mithilfe von Kameras jede*n einzelne*n zu erfassen und wenn gewünscht auch vor Ort festzusetzen: Bei Demonstrationen, Fußballspielen, bei Ausnahmesituationen jeder Art und zur Fahndung nutzen Bull*innen die Kameras des öffentlichen Verkehrs.

Ähnlich verhält es sich an Flughäfen, die vom Staat ebenfalls genutzt werden, um penibel zu kontrollieren und zu erfassen, wer wann wohin reist und der Fernverkehr mit der Bahn unterscheidet sich vom Nahverkehr ebenfalls kaum. Bleibt nur noch das Auto. Als deutlich individualistischeres Verkehrsmittel ist jedoch auch dieses keineswegs frei von Kontrolle. Staatliche Zulassung und die ständige Erfassbarkeit mittels Nummernschild führt dazu, dass bereits heute mithilfe von Verkehrskameras jederzeit erfasst werden kann, welche Autos einen bestimmten Ort passiert haben. Die Bull*innen nutzen dieses Instrument bereits heute zur Fahndung im Anschluss an bestimmte Straftaten. Eine noch bessere Überwachung der von einer Person zurückgelegten Wege leisten die zahlreichen Sharing-Anbieter*innen in allen Ausprägungen. Egal ob Auto (Car2Go, DriveNow, Sixt, Miles, Oply, u.v.m.), Fahrrad (Donkey Republik, MVG, DB, Jump von Uber, usw.) oder E-Scooter (Lime, Voi, Tier, Circ, dot, Bird und Jump von Uber): Überall werden Start- und Endpunkt, ja sogar die exakte Route der Nutzer*innen penibel erfasst und gespeichert.

Kurz gesagt: Alle gängigen Mobilitätsangebote bilden in ihrem Betrieb bzw. ihrer täglichen Nutzung zentralistische Strukturen aus, die es mehr als einfach machen, Nutzer*innen zu kontrollieren [2] und Staat und Unternehmen bedienen sich dieser Möglichkeiten fleißig.

Doch es ist nicht nur der Betrieb von Verkehrsmitteln, der eine zentralistische Struktur mit Überwachungs- und Kontrollmöglichkeiten schafft. Auch ihre Produktion ist nur dank aufwendiger Technologie, die eine zentralistische und herrschaftsvolle Ordnung erfordert, möglich. Ob Auto, Flugzeug oder Eisenbahn: Überall ist die Produktion auf Unmengen von Rohstoffen angewiesen, für deren Abbau Menschen ausgebeutet und versklavt und die Natur zerstört werden. Ohne ein weltumspannendes Logistiksystem – ermöglicht durch das Militär und betrieben von wenigen Unternehmen –, das diese Rohstoffe von ihren Gewinnungsorten an die Produktionsstandorte verfrachtet, wäre die Herstellung keines dieser Transportmittel möglich. Das wird sich auch durch die Umstellung auf andere Energiequellen nicht ändern: Die Akkus strombetriebener Fahrzeuge benötigen Unmengen an Lithium, einem Alkalimetall, das hauptsächlich im sogenannten Lithiumdreieck zwischen Chile, Bolivien und Argentinien gewonnen wird. Dabei hat der Abbauprozess dort katastrophale Folgen für die Umwelt: Durch den hohen Wasserverbrauch bei der Gewinnung und giftige Abwässer trocknen Flüsse und Feuchtgebiete aus, der Boden in umliegenden Siedlungen wird kontaminiert und die Bewohner*innen der umliegenden Regionen leiden unter Wasserknappheit und verseuchtem Trinkwasser. Die Gewinne schöpfen dabei globale private Unternehmen ab. Außerdem benötigen leistungsstarke Elektromotoren – ebenso wie viele Windkraftanlagen – sehr viel Neodym, eine der sogenannten seltenen Erden, für die in der Region von Baotou in China nicht nur die Umwelt zerstört wird, sondern auch rund 6.000 Menschen unter katastrophalen Bedingungen ausgebeutet werden. Und nicht zuletzt ist – wie in fast allen smarten Geräten mit Elekronikbauteilen – auch in Autos, Zügen und Flugzeugen jede Menge Tantal (in Flugzeugen auch Niob) aus den Coltanminen im Kongo verbaut. Dort arbeiten zahlreiche Bewohner*innen der Region wie Sklav*innen in den Minen, während der Staat und verschiedene Milizen wechselweise die Kontrolle über diese Minen übernehmen und mit den Gewinnen den militärischen Konflikt finanzieren. Die größten Gewinne schöpfen dabei wie so oft westliche Unternehmen ab.

All das sind nur einige Beispiele für koloniale Herrschaftsverhältnisse, ohne die die Produktion der wichtigsten Verkehrsmittel hier nicht möglich wäre. Beispiele dafür, dass die schiere Existenz von Autos, Zügen, Flugzeugen und Co. Herrschaft und Umweltzerstörung bedeutet. Dabei ist es keine Lösung, die Antriebstechnologie oder die Technologie zur Energiegewinnung zu ändern, denn auch diese Technologien sind auf gleiche und ähnlich geförderte Rohstoffe angewiesen oder bedingen wiederum (koloniale) Herrschaft und Umweltzerstörung. Eine Mobilität wie die heutige jenseits dieser Herrschaft ist undenkbar.

Aus diesem Grund und auch weil die zentralistische Bereitstellung aller Mobilitätsangebote der*demjenigen, die*der deren Bereitstellung übernimmt, sei es der Staat, eine Firma oder ein Kollektiv, eine machtvolle Position zusichert, bleibt aus meiner Sicht gar nichts anderes übrig, als jede Form heutiger Mobilität zu zerschlagen, denn nur zwischen den Trümmern der Herrschaft lässt sich nach einer Perspektive von Freiheit suchen.

 

 

[1] Daneben gibt es auch zweifelsfrei sinnvolle Mobilitätshilfen für Menschen, die sonst in ihrer Mobilität erheblich eingeschränkt wären, etwa Rollstühle und verschiedene Formen von Gehhilfen. Gefährte, die diesen Zweck erfüllen, werden in diesem Artikel nur bedingt behandelt.

[2] Eine Ausnahme bildet da das Fahrrad. Verkehrskameras sind in der Regel nicht auf Fahrradwege fokusiert und Fahrräder haben ohnehin kein Kennzeichen.