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„Bis in ihre inneren Gemächer“

Es wird oft angenommen, dass die Ideale der Aufklärung, des Rationalismus, des Liberalismus und der Fortschritt durch die Wissenschaft mit der Befreiung von Frauen verbunden sind. Auch Reproduktionstechnologien als Teil der Medizin werden als reiner Vorteil für Frauen betrachtet, die ihnen reproduktive Wahlfreiheit und Kontrolle über ihr Leben verleihen. Auch wenn darin eine gewisse Wahrheit liegt, so gibt es doch eine Schattenseite der liberalen Agenda, die bis zu den Ursprüngen der modernen Wissenschaft in der Wissenschaftlichen Revolution des 17. Jahrhunderts zurückverfolgt werden kann. Diese Revolution markierte einen Wandel der grundlegenden Weltanschauungen in der gesamten europäischen Gesellschaft und die Begründung der technokratischen, kapitalistischen Moderne.

Die mittelalterliche Welt

[Die mittelalterliche Weltanschauung Europas] betrachtete die Erde/Natur als weiblich und als ein an sich lebendiges  und vernetztes Ganzes. Es gab unterschiedliche Ausprägungen dieser Philosophie, einschließlich der Betrachtung der Alchemist*innen, die die Welt als eine Einheit gegensätzlicher und gleichwertiger männlicher und weiblicher Prinzipien betrachteten. Während das männliche Prinzip das aktive war, wurde das weibliche als das passive und fürsorgliche betrachtet. Zum Beispiel wurde geglaubt, dass der Himmel männlich war und die Erde durch Regen (Samen) befruchtete. […] Die mittelalterliche Weltanschauung spielte eine bedeutende Rolle darin, die uneingeschränkte Ausbeutung natürlicher Ressourcen zurückzuhalten. Zum Beispiel existierte in der mittelalterlichen Weltanschauung unsere Unterscheidung zwischen organischen und anorganischen Substanzen nicht: Man glaubte, dass Metalle von den Aussonderungen des erdlichen Mutterleibes gebildet wurden. Als die Marktwirtschaft aufkam und mit ihr der Bedarf an Mineralien, gab es im 16. Jahrhundert große Debatten um die Akzeptanz von Bergbau, wobei die Gegner*innen ihn nicht nur als die Sünde der Gier beschrieben, sondern auch als Vergewaltigung von Mutter Erde. Die Befürworter*innen antworteten darauf, indem sie die Natur als böse Stiefmutter darstellten, die sich weigere, ihre Kinder zu ernähren.

Organische Metaphern durchdrangen auch das politische Denken, wobei das Bild des „Staatskörpers“ sehr wörtlich genommen wurde. Während der Adel hierarchischen Philosophien anhing, die die aktive Rolle des Kopfes betonten, betrachteten Vitalist*innen wie Paracelsus Aktivität und Veränderung als der Natur innewohnend, was sich in einer [radikalen] Politik äußerte, die zu seiner Verfolgung durch verschiedene Staaten in Europa führte. In der Übergangsperiode, in der die Stabilität der mittelalterlichen Ordnung unter der Last des aufkommenden Marktkapitalismus zusammenbrach, hatten die Beziehungen zwischen metaphysischen Vorstellungen von Natur, Geschlecht, Politik und Fragen der politischen Macht eine große Bedeutung. Der Zusammenbruch der alten Ordnung und der damit einhergehende soziale Aufruhr lösten eine weitverbreitete Existenzangst aus, inklusive Ängsten vor Chaos, Anarchie und selbst einem Zerfall der Gesetze der Natur. Die destruktive Seite der Natur (Plagen, Hungersnöte, Unwetter) wurde in den Vordergrund gestellt und mit der männlichen Angst vor der widerspenstigen und gefährlichen Kraft weiblicher Sexualität verknüpft.

Folglich begann die jüdisch-christliche Vorstellung der Herrschaft des Mannes über die Natur und die Frauen Anhänger*innen zu finden und wurde von einem Backlash gegen Frauen begleitet, die versuchten ihren mittelalterlichen Rollen zu entfliehen und sich einen Platz in der neuen kommerziellen Wirtschaft zu suchen. Diese Politik kann sehr deutlich beispielsweise in Miltons Paradise Lost beobachtet werden. Auf der politischen Ebene der Eliten wurde der Konflikt in John Knox‘ First Trumpet Blast Against the Monstrous Regiment of Woman ausgetragen, einer Polemik gegen die drei katholischen Königinnen Marys von Schottland und England, die die aristotelische Orthodoxie unterstrichen, dass das männliche Prinzip des Geistes über das weibliche herrschen solle, um die Ordnung im Kosmos aufrechtzuerhalten. Für Frauen der niedrigeren Klassen nahm der männliche Backlash die gewaltsamere Form der Hexenverfolgungen an, die ein Angriff der Hierarchie der Kirche gegen [das Heidentum] waren.

Die Geburt der Technokratie

Die aufkommende mechanistische und wissenschaftliche Philosophie des 17. Jahrhunderts kristallisierte sich erstmals in den Schriften von Francis Bacon [1], der als Generalstaatsanwalt von England persönlich in die Hexenprozesse verwickelt war. Bacons größter Beitrag war die Idee der empirischen Methode der Wissenschaft und ein striktes Beharren auf induktiver Argumentation, d.h. auf das Argumentieren ausgehend von Beobachtungen in der Natur und den Ergebnissen von Experimenten statt der abstrakt-logischen Theorienbildung, die die Philosophie des Mittelalters ausgemacht hatte. Bacon, der ein großer Enthusiast der neuen „Handwerkskünste“ war, drückte als erster die Leitlinie der Technokratie aus – „Wissen ist Macht“. Indem er Aristoteles‘ Ansatz der Naturgeschichte hinsichtlich der Entdeckung von Erkenntnissen über die Natur kritisierte, betonte Bacon, dass die Natur die in ihrem Mutterleib und Schoß verborgenen Geheimnisse nicht preisgeben würde, außer wenn man sie durch die Interventionen der Wissenschaft „dazu bringe“, was er oft mit den Techniken der Staatsanwälte und Inquisitoren verband. Er bezieht sich auf die Natur oft als eine Hure, die durch die Wissenschaft gewaltsam gebändigt werden müsse. In seiner Utopie New Atlantis beschreibt er eine voll entwickelte politische Technokratie (z.B. eine Gesellschaft, die von Wissenschaftlern regiert wird), die vom Vater ihres wissenschaftlichen Instituts, das „Haus Salomons“, beherrscht wird.

Bacons Philosophie fand bei den aristokratischen Gründern der Royal Society [ein naturwissenschaftlicher Verein; Anm. d. Übers.] Anklang. 1664 beispielsweise verkündete Henry Oldenburg, der Vorstand der Gesellschaft, dass es seine Absicht sei, eine „maskuline Philosophie aufzustellen … wobei der Verstand des Mannes mit dem Wissen der verlässlichen Wahrheiten geadelt werden soll.“ Ungeachtet ihrer Betrachtung der Natur als bloße tote Materie fuhren solche Schreiber fort, die Natur als weiblich zu identifizieren. Robert Hooke beispielsweise betrachtete Materie als das „weibliche oder mütterliche Prinzip„, das „ohne Leben oder Bewegung, ohne Form und leer, dunkel und Macht, die von sich aus vollkommen inaktiv ist, bis sie vom zweiten Prinzip, das den Pater repräsentiert, befruchtet wird.

Diese Wissenschaftler waren eindeutig darin, dass der wissenschaftliche Ansatz gegenüber der Natur kraftvoll sein müsse und ihre Schriften sind voller sexueller Metaphern. Bacon behauptete, dass die Männer Frieden untereinander schließen müssten, um ihre „vereinten Kräfte gegen die Natur der Dinge“ zu wenden, „um ihre Burgen und Festungen zu erstürmen und zu besetzen.“ Anstatt in den „äußeren Höfen der Natur“ zu verbleiben, hielt Bacon seine Anhänger dazu an, „weiter einzudringen … bis in ihre inneren Gemächer.“ John Webster, ein etwas späterer Autor, argumentierte, dass ein solcher Ansatz nötig sei, um „ihre Kammer zu entriegeln“ und Oldenburg wiederholte diesen Tonfall, indem er argumentierte, dass Wissenschaftler „vom Vorzimmer der Natur bis in ihre innere Toilette eindringen“ müssten. Obwohl sich moderne Wissenschaftler*innen nicht offen in solchen Begrifflichkeiten ausdrücken, können auch in den Schriften von Wissenschaftler*innen des gesamten 19. und 20. Jahrhunderts Beispiele dafür gefunden werden.

Während dieser Periode unternahmen männliche Ärzte die erste von vielen Wellen der Verdrängung weiblicher Hebammen von der Begleitung der Geburten. Allerdings war ihr wissenschaftliches Selbstbewusstsein nicht im Einklang mit ihrem Verständnis davon, wie menschliche Reproduktion funktionierte. Indem sie die vom Patriarchat übernommene Annahme wiederholten, dass das aktive Prinzip im männlichen „Samen“ liege, bestanden diese Autoren darauf, dasss das Ei und der Mutterleib nichts anderes als passive Behältnisse für den Samen seien, die keinerlei Beitrag zu den Eigenschaften des Kindes leisten würden. Es ist geradezu ironisch, dass mein Exemplar von Carolyn Merchants The Death of Nature, der klassischen Beschreibung der misogynen Philosophie der Wissenschaftlichen Revolution, von seinen Herausgeber*innen als eine „fruchtbare“ [spermatische] (anstatt einer ovularen) Arbeit beschrieben wird.

In Bacons Vorstellung der Natur, sowie in der des anderen Schlüsselphilosophen der Wissenschaftlichen Revolution, René Descartes, ist Materie grundsätzlich passiv und bewegt sich oder verändert sich nur als Resultat einer äußeren Kraft, die als das Prinzip oder der Geist von Gott identifiziert wird. Das folgt den früheren aristokratischen Vorstellungen der Gesellschaft und des Kosmos: Es war kein Zufall, dass die erste wissenschaftliche Körperschaft den Namen „Royal Society“ [dt. etwa königliche Gesellschaft] trug. In der Mitte des 17. Jahrhunderts entwickelte sich mit der Arbeit von Isaac Newton und den Gründern der Royal Society ein „Billardkugel“- oder ein Uhrwerk-Modell der Natur zur dominanten Vorstellung des wissenschaftlichen Denkens, das im Einklang mit Descartes und Bacons mechanistischem Modell des Universums stand. Es war diese „Entzauberung“ der Natur, die den technokratischen Trieb nach vollständiger Kontrolle und die kapitalistischen Projekte der grenzenlosen Ausbeutung natürlicher Ressourcen legitimierte.

Die Grundlage der wissenschaftlichen Haltung zur Natur liegt in der Distanzierung des wahrnehmenden Subjekts von seinem [mask.] Objekt (Natur), eine Durchtrennung der Beziehung zwischen dem Wissenschaftler und der Natur, die genau das ist, was Wissenschaftler als notwendig beschreiben, um „Objektivität“ zu erlangen. In den 1660ern wurde dieser vergeschlechtlichte Unterschied sehr deutlich in den berühmten Experimenten zum Vakuum wiedergespiegelt, als die Wissenschaftler*innen einen Vogel in eine Glasglocke sperrten und dann die Luft absaugten und den Vogel dabei töteten. Gemäß zeitgenössischer Erzählungen protestierten weibliche Beobachter*innen vehement dagegen und zwangen die Männer, die Experimente in der tiefen Nacht durchzuführen, nachdem die Frauen zu Bett gegangen waren. Es ist diese Distanzierung des Subjekts vom Objekt, die die Frauenbewegung in ihrer zweiten Welle im späten 20. Jahrhundert als den „männlichen Blick“, durch den die Männer die Frauen objektifizieren, identifizierten.

Reproduktive Technologien

Dem technokratischen Projekt der Kontrolle über die Natur gelang es bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nicht, die menschliche Reproduktion in den Griff zu bekommen, bis es in Form der Eugenikbewegung auftrat. In dieser Periode war die Technokratie eine offen politische Bewegung von Wissenschaftlern und Ingenieuren, die argumentierten, dass die Probleme der Verwaltung der industriellen Gesellschaft zu komplex seien, um demokratischen Prozessen überlassen zu werden und dass die Verwaltung der Gesellschaft ihrer „apolitischen“ Führung anvertraut werden solle. Die Eugenikbewegung war eng mit der Technokratischen Bewegung verbunden und im Gegensatz zu der Vorstellung, die wir von Eugenik als einem extrem rechten Phänomen haben, betrachteten sich die meisten Eugeniker*innen als progressiv und humanitär. Die Eugenik war Teil einer allgemeinen managerhaften Tendenz in der Politik, die als Resultat des Scheiterns des laissez-faire-Kapitalismus des 19. Jahrhunderts entstand, um mit dem sozialen Aufruhr der industriellen Massengesellschaft fertig zu werden. In ihrem Herzen stand das technokratische Konzept der sozialen Kontrolle durch die Kontrolle der Natur, insbesondere der Zufälligkeit und der Unordnung, die aus der menschlichen sexuellen Reproduktion entstanden. Eugeniker*innen würden immer damit beginnen, zu fragen: „Wie können wir der Zucht unserer Nutztiere so viel Aufmerksamkeit widmen und doch nichts für die menschliche Zucht tun?“ Aber ihr Ziel waren die weiblichen Körper und deren reproduktive Fähigkeiten, nicht die der Männer.

Die Geschlechterpolitik der Eugenik erscheint widersprüchlich, wenn man sie nicht als eine Form der Technokratie versteht, die grundlegend auf die rationale Kontrolle der Reproduktion abzielt. Einige ihrer Aspekte erscheinen sehr deutlich anti-feministisch und repressiv gegenüber Frauen, beispielsweise die Tendenz ledige Mütter zu sterilisieren. Es ist kein Zufall, dass in der klassischen eugenischen Studie über eine arme weiße US-Familie diejenige Jukes, die angeblich bewies, dass vier Generationen der Familie kriminelle, „schwachsinnige“, Prostituierte, etc. waren, die Vorfahrin, von der all diese Lasten der Gesellschaft abstammte, eine Frau war, Ada Jukes. Wenn sie nur sterilisiert worden wäre, argumentierten die Eugeniker*innen, wäre der Gesellschaft die Last der folgenden Generationen erspart geblieben. Ähnlich beinhaltete auch der Fall vor dem Obersten Gerichtshof, der das Recht der US-Staaten begründete, Personen zwangszusteriliseren, eine Frau, Carrie Buck.

Auf der anderen Seite bot die Eugenikbewegung (die immer auch aus einem großen Anteil von Frauen bestand) Frauen auch Vorteile: Es waren weibliche Eugenikerinnen, Margaret Sanger in den USA [2] und Marie Stopes in England, die die Pioniere der Geburtenkontrolle für Frauen waren und die beispielsweise die Family Planning Association gründeten. Stopes und Sanger argumentierten immer, dass sie die Frauen von der Bürde vielfacher Schwangerschaften und der Pflege großer Familien erlösen würden, und doch war ebenso klar, dass sich ihre Anstrengungen auf die „niederen“ Klassen richteten.

Die Integration der Eugenik in die Technologische-Kontrolle-Bewegung des 20. Jahrhunderts (Fordismus) wird am besten von Aldous Huxleys Roman Brave New World umrissen. Er ist am bekanntesten für seine Vision künstlicher Mutterleibe und künstlicher Klasseneinteilung durch die Dosierung von Alkohol, der den in Flaschen abgepackten Föten verabreicht wird. In dieser Welt ist der Begriff „Mutter“ eine Beleidigung, die etwas ekelerregendes beschreibt, während es den Frauen schlicht nicht erlaubt ist, Sex abzulehnen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Eugenik sich einen extrem schlechten Namen gemacht hatte, verlagerten sich die Anstrengungen der Eugenik auf die Bevölkerungskontrolle in der Dritten Welt. Abermals, auch wenn die Kontrolle ihrer Empfängnisfähigkeit für viele Frauen in diesen Ländern unzweifelhaft ein wahrer Vorteil war, enthült der Fokus auf die Reproduktion von schwarzen Frauen, die angeblich ein Weltbevölkerungsproblem verursachen würden und die zwanghafte Natur vieler Bevölkerungskontrollprogramme den eugenischen Charakter dieser Bewegung. In den 1970ern und 80ern setzt das Abzielen auf arme Frauen und Frauen of Color mit gefährlichen Langzeitverhütungsmitteln wie Norplant und Depo-Provera diese Politik fort. Auch wenn oft angenommen wird, dass rassistische und Zwangssterilisierungsprogramme ein Phänomen der Vergangenheit wären, zeigen jüngste Skandale in Israel [3] und den USA [4], dass dies nicht der Fall ist.

Während die unverhohlene Eugenik über das 20. Jahrhundert hinweg abnahm [– und bevor sie in versteckter Form als Transhumanismus im 21. Jahrhundert wiederkehrte –], wurde die menschliche Reproduktion zu einem zunehmend technologisierten Prozess, in dem Schwangerschaft und das Gebären zunehmend medikamentiert und hospitalisiert wurden und Geburtshilfe und Gynäkologie zu der Domäne von vorrangig männlichen Ärzten wurden, wobei Hebammen eine zunehmend untergeordnete Rolle spielen. Technologische Interventionen in die Reproduktion beinhalten hormonelle Verhütung und Fruchtbarkeitsmedikamente, sowie die katastrophalen Erfahrungen von Medikamenten wie DES und Thalidomid. Die Technologisierung der Reproduktion hat durch die Entwicklung des Ultraschalls und andere pränatale Screening-Programme ihre eigene Logik der Qualitätskontrolle erschaffen. Im Jahre 1979 gelang Robert Edwards, einem bekennenden Eugeniker und Vorstandsmitglied der British Eugenics Society, erstmals eine In-vitro-Fertilisation (IVF) [dt. etwa „Befruchtung im Reagenzglas“].

Die Antwort der Feminist*innen auf reproduktive Technologien fiel entsprechend ihrer Haltung zu Technokratie unterschiedlich aus. Beispielsweise versuchte die radikale Feministin Shulamith Firestone in den frühen 1970ern mit ihrem Buch The Dialectic of Sex eine Art marxistische Herangehensweise zu entwickeln, in dem sie für den Gebrauch der Technologie zur Befreiung von Frauen von der Bürde der Reproduktion als einzigen Weg Gleichheit für Frauen zu erlangen, argumentierte. Am meisten Bekanntheit erlangte Firestones Argument dafür, dass Wissenschaftler*innen wie in Huxleys Brave New World Ektogenese entwickelt sollten, d.h. künstliche Mutterleibe, in denen Babys außerhalb des Körpers heranwachsen können.

Im Gegensatz dazu entwickelte in den 1980ern ein internationales Netzwerk aus Feminist*innen namens The Feminist International Network for Resistance to Reproductive and Genetic Engineering (FINRRAGE) eine ökofeministische Kritik der Reproduktionstechnologie und argumentierte, dass diese Teil des patriarchalen Versuchs sei, sich die Körper von Frauen zu eigen zu machen und zu kontrollieren. Einige dieser Autor*innen theorisierten, dass dieser Trieb die weibliche Fruchtbarkeit zu kontrollieren aus den fundamentalen männlichen Unsicherheiten, die von ihrer marginalen Rolle im Reproduktionsprozess resultieren, stammten und argumentierten, dass die Technologisierung der Reproduktion zur Eliminierung der letzten weiblichen Domäne des menschlichen Lebens führe. Folgende Generationen feministischer Autor*innen und Redner*innen fuhren fort mit den Widersprüchen des technokratischen Prozesses, der Kontrolle vs. der Wahlfreiheit, zu kämpfen und Frauen kämpften gegen die Medikalisierung durch die natürliche Geburtenbewegung.

Einige derzeitige Geschlechterfragen der Reproduktiven Technologie

IVF: Obwohl In-Vitro-Fertilisation nun seit über 30 Jahren praktiziert wird und Millionen von Frauen diese durchführen ließen, gibt es noch immer eine Leerstelle in der Erforschung von Langzeitfolgen für Frauen. IVF ist eine stressige und invasive Prozedur mit beachtlichen kurzzeitigen Beeinträchtigungen der Gesundheit, besonders dem Ovariellen Überstimulationssyndrom. Dieser Zustand kann in seiner milden Ausprägung bis zu 30 % der Frauen beeinträchtigen und es gibt keine einhelligen Meinungen darüber, wie viele Frauen von den mittleren und schweren Formen betroffen sind, wobei die Zahlen von einem bis zu acht Prozent reichen. In diesen Fällen werden Blutgefäße undicht, was zu einer großen Ansammlung von Flüssigkeit im Bauchraum führt. Obwohl die Zahlen uneindeutig sind, mag es wohl eine Tote pro Jahr durch OHSS im UK geben, aber es gibt keine systematische Auswertung dazu. Feministische Kritiken haben argumentiert, dass der Standard-Ansatz der In-Vitro-Fertilisation, der große Hormondosen nutzt, um 10 bis 15 Eizellen zu produzieren, von denen viele von schlechter Qualität sind, die Frauen unnötigen Risiken aussetzt. Es wird manchmal angenommen, dass diese hohen Dosen genutzt werden, um einen Vorrat überschüssiger Eizellen zu erzeugen, die dann in der Forschung genutzt werden können.

Eizellen-Spende: Diese Bedenken hinsichtlich Hormonbehandlungen sind besonders schwerwiegend für Frauen, die Eizellen für andere Frauen spenden, da sie nicht selbst beabsichtigen schwanger zu werden. Diese Frauen nehmen bedeutende Risiken auf sich und es hat große Kontroversen über die Ausbeutung von Frauen für Eizellenspenden gegeben. Beispielsweise existierte in den 1990ern und 2000ern ein Eizellenhandel in Europa, bei dem Frauen aus Osteuropa Eizellen im Gegenzug für geringe Zahlungen an „Fruchtbarkeits-Touristen“ aus westeuropäischen Ländern spendeten. In einigen Fällen machten die Kliniken große Profite aus diesem Handel, verabreichten den Spenderinnen extrem hohe Dosen an Hormonen, was zu Schäden der Gesundheit der Spenderinnen führte. Es gibt einige Hinweise auf Überlappungen zwischen den kriminellen Netzwerken, die illegal mit osteuropäischen Frauen handeln und dem Eizellen-Handel. 2009 änderte das UK seine Politik zu Eizellen-Spenden und erlaubte Zahlungen von bis zu 750 Pfund für Spenderinnen mit dem Ziel, dass Frauen aus dem UK die Versorgungsengpässe in den UK ausgleichen würden. Kritiken wie die No2Eggsploitation-Kampagne argumentierten, dass diese finanziellen Anreize vermutlich dazu führen würden, dass von Sozialhilfe lebende Frauen und Studentinnen mit großen Schulden die Risiken einer Eizellenspende aus rein finanziellen, statt aus altruistischen Gründen auf sich nehmen würden.

Leihmutterschaft: Im UK ist kommerzielle Leihmutterschaft nicht erlaubt (obwohl beträchtliche „Unkosten“-Zahlungen getätigt werden können). In der Folge hat sich ein internationaler Leihmutterschafts-Handel entwickelt, der sich auf Indien und die Ukraine konzentriert, wobei viele der gleichen Bedenken wie die von dem Handel mit Eizellen auch hier gelten. In Indien wird Leihmüttern nur ein kleiner Anteil der Gesamtgebühren bezahlt, während die Kliniken große Profite machen und oft müssen die Leihmütter Verträge unterzeichnen, die vereinbaren, dass die Klinik nicht für irgendwelche Schäden der Gesundheit der Frauen in Folge der Schwangerschaft und Geburt haftet. Die Frauen werden oft durch ihre Ehemänner oder Väter zur Leihmutterschaft als Einkommensquelle gezwungen (in Indien wird solche Arbeit als vergleichbar mit Prostitution betrachtet, und sie werden verpflichtet während ihrer Schwangerschaft in Schlafsälen der Befruchtungs-Klinik zu wohnen). Letztlich scheint sich diese Situation kaum von Babyzucht zu unterscheiden und ist ein besonders unschönes Beispiel der Ausbeutung von Menschen in Entwicklungsländern durch reiche Westliche.

Geschlechtauswahl: Die Entwicklung der Ultraschalluntersuchung in den 1980ern hat die weitverbreitete Abtreibung weiblicher Föten ermöglicht, besonders in Indien und China. Diese Praktiken, die aus der traditionellen patriarchalen Bevorzugung von Söhnen sowie komplexen sozialen Faktoren resultieren, haben das traditionelle Phänomen der weiblichen Kindstötung und den Tod junger Mädchen durch Vernachlässigung ausgeweitet. Das Ergebnis ist, dass in einigen Teilen Indiens das Verhältnis von Jungen zu Mädchen bis zu 125 Jungen auf 100 Mädchen betragen kann und es wird geschätzt, dass mehr als 100 Millionen Frauen in der Weltbevölkerung aufgrund geschlechtlicher Selektion fehlen. Umgekehrt führt das zu bedeutenden sozialen Problemen, inklusive einer großen Zahl von Männern, die nicht in der Lage sind, eine Ehefrau zu finden und der daraus resultierenden Zunahme des Frauenhandels in diesen Regionen. In den 1990ern erließ Indien ein Gesetz gegen pränatale Geschlechterselektion, aber das Gesetz wurde niemals geeignet umgesetzt und die großen Mengen an Geld, die in dieser Industrie verdient werden, zeigen, dass das Problem weiter wächst. Es scheint, dass die Praxis sich nun auch auf einige osteuropäische Länder wie Georgien ausgeweitet hat.

Schlussfolgerung

Anliegen dieses Beitrags war die Probleme der Reproduktionstechnologien in Beziehung zur allgemeinen Herrschaft der Technokratie zu setzen, die ein zentrales Element der kapitalistischen Moderne ist […]. Basierend auf Prinzipien der Kontrolle und Autorität über die widerspenstige Frau sind diese eng mit denen des traditionellen Patriarchats verwandt.

Diese fundamentalen Dynamiken der Technokratie kamen bei der Entwicklung der Reproduktionstechnologien unter dem Banner der Eugenik im 20. Jahrhundert zur Anwendung. Der allgemeine Trend in Richtung wachsender technologisch-medizinischer Kontrolle folgte aus der offensichtlichen Herausforderung, die ungeregelte menschliche Reproduktion für eine technokratische soziale Ordnung darstellt.

[…] Oft wird auch argumentiert, dass diese Technologien Frauen mehr Wahl ermöglichen (dieser große Slogan des marktorientierten Kapitalismus) und es kann nicht geleugnet werden, dass sie das auf gewisse Weise tun. Aber wie alle Technologien kontrollieren diese uns auch, indem sie kontrollieren, was die Optionen sind, ebenso wie durch den sozialen Druck einer Gesellschaft, die der Ansicht ist, dass Hightech und Kontrolle immer am besten wären. Keine*r muss vom Staat gezwungen werden, sich pränatalen Tests zu unterziehen und das Ergebnis – der Abbruch von 90 % aller Schwangerschaften, bei denen das Down-Syndrom festgestellt wurde, beispielsweise – ist eine vorhersehbare Folge, ohne dass irgendjemand dafür die Verantwortung tragen müsste. Eine Sache jedoch, die uns die Betrachtung dieser Entwicklungen in einem allgemeinen Rahmen der Technokratie zu verstehen ermöglicht, ist, dass diese Vorteile oft nur Techno-Flickwerk sind – technologische Lösungen für soziale/politische Probleme, die daran scheitern, die wahren Ursachen der Probleme anzugehen.

Die Bereitstellung von Verhütungsmitteln für Frauen in der Dritten Welt ist ein Paradebeispiel. Das Leiden der Frauen unter der Bürde so vieler Kinder wird durch eine Kombination aus Patriarchat – das Insistieren der Männer auf ihren sexuellen Rechten in der Ehe und dem Zeugen von Kindern – und Armut verursacht, die es zu einer rationalen Strategie macht, viele Kinder zu haben. Anstatt diese Probleme anzugehen, kam die Bevölkerungskontrollbewegung des Mitt-20. Jahrhunderts mit ihrer Technologie über diese Länder – Verhütung/Sterilisation, oft zwangsweise angewendet.

Eine beständige Eigenschaft von Techno-Flickwerk ist, dass es von innerhalb der technokratischen Ordnung für nützlich erachtet wird und so dazu beiträgt, diese Ordnung aufrecht zu erhalten, ebenso wie die Interessen, die hinter ihr stehen. Für Frauen in industrialisierten Ländern mag Verhütung das Risiko ungewollter Schwangerschaften reduziert haben und sie sexuell befreit haben, aber sie schuf auch eine Situation, in der von ihnen erwartet wurde, immer bereit zu sein Sex mit Männern zu haben, wenn diese es wünschten, anstatt den Frauen aufrichtig die Kontrolle über ihr sexuelles Leben und ihre Reproduktion zu verleihen.

Eine einfache Sache, die wir über den gesamten Prozess der Entwicklung dieser Technologie sagen können (wie das oft über die technologiegetriebene Entwicklung von Dritte-Welt-Ländern gesagt wurde), ist, dass sie schwerlich von den ausdrücklichen Wünschen ihrer beabsichtigten Nutznießer*innen angetrieben wird. Stattdessen wird sie von der Logik der Technokratie angetrieben, die Frauen auf bestimmte Weisen manchmal teilweise helfen mag.

Es gibt kaum Zweifel über den Verlauf fortwährender Reproduktionstechnologien und Technologien der genetischen Kontrolle – nicht bloß die freie-Märkte-Eugenik, die sich gerade entwickelt, sondern eine Welt, in der Sex vollständig von Reproduktion getrennt ist, so dass beide als Formen sozialer Kontrolle dienen, wie Huxley vorhergesagt hat. Schließlich mögen – wie die „Transhumanist*innen“ hoffen – beide vollkommen überflüssig werden, wenn die Menschen endlich den maskulinen Traum erreichen, der der Technokratie seit ihren Anfängen inhärent ist – die Flucht aus dem Materiellen, aus der körperlichen Existenz insgesamt, wenn wir zu Entitäten aus reinem Geist werden, die in Computern laufen. Diese Vision ist nicht bloß Anti-Weiblich, sondern Anti-Menschlich.

 

[1] Bacon betrachtete die Wissenschaft und den Kapitalismus als göttlich. Zusätzlich zu seiner Rolle bei den Hexenverfolgungen war er ein Verfechter der Kolonisation von Virginia und betrachtete Widerstand zu den Landumzäunungen, die in Großbritannien stattfanden, als Hochverrat; er folterte gefangen genommene Kämpfer*innen monatelang höchstpersönlich. Während er behauptete, danach zu streben, die „Grenzen des menschlichen Imperiums“ zu erweitern, um „alles möglich zu machen“, zerstörte er gewaltsam diejenigen, die nach einem anderen Leben strebten. [Anm. in Return Fire]

[2] Tatsächlich wurden gemäß Barbara Ehrenreich und Deirdre Englisch „zu ungefähr der Zeit, als Margaret Sangers Mutter ein kleines Mädchen war, die Geburtenkontrolle durch einige Elemente des Popular Health Movement in den Vereinigten Staaten vorangetrieben“. Zudem äußerte sie sich rassistisch über Aborigines und sprach vor den weiblichen Helfern des Ku-Klux-Klans und unterstützte Immigrationsbeschränkungen. [Anm. in Return Fire]

[3] Es wurde aufgedeckt, dass tausende äthiopische Immigrantinnen in Israel alle drei Monate routinemäßig mit Depo-Provera (ein „ultima ratio“ Verhütungsmittel, das andernfalls nicht verabreicht wird und das die Menstruation stoppt und mit Fruchtbarkeitsproblemen und Osteoporose in Verbindung gebracht wird) geimpft wurden, obwohl das zuvor vom Gesundheitsminister geleugnet wurde. Es wurde bereits in Transitlagern in Äthiopien damit begonnen, die Frauen zu impfen, einige ohne dass ihnen gesagt wurde, dass ihnen Verhütungsmittel verabreicht wurden und viele ohne dass sie von den Nebenwirkungen wussten. Diejnigen, die wussten, was ihnen verabreicht wurde, riskierten, dass ihre Immigration nach Israel verweigert werden würde, wenn sie sich weigerten und sie keine weitere medizinische Versorgung in den Camps bekommen würden. [Anm. in Return Fire]

[4] Insassinnen kalifornischer Gefängnisse wurden zur Sterilisation gezwungen, was zwischen 2006 und 2010 aufgedeckt wurde. Schwarze und Braune Bevölkerungen mit unterschiedlichen Graden medizinischen und finanziellen Zwangs zu bewegen war in den USA eine verbreitete Praxis, wo zwischen 1970 und 1976 auch zwischen 25 und 50 Prozent der indigenen Frauen sterilisiert wurden (vorrangig danach ausgewählt, „Vollblütige Indianerfrauen“ zu sein), dabei mindestens ein Viertel ohne ihre Einwilligung. [Anm. in Return Fire]


Übersetzung aus dem Englischen: „Into her inner chambers“ aus Return Fire Vol. 3. Dort ist der Text als Reprint von David Kings Artikel Technocracy, Gender and Reproductive Technology abgedruckt.

Die Zerstörung des individuellen und kollektiven Heilwissens und der Aufstieg der Medizin

Die Medizin ist heute eine der anerkanntesten und unhinterfragtesten Institutionen überhaupt. Sie gilt als Wissenschaft des Heilens und genießt den Ruf im Dienste des Menschen zu stehen. Wer ein Haus der Medizin aufsucht, die*der verspricht sich davon die Heilung oder Prävention einer Krankheit oder Verletzung und in vielen Fällen scheint die Medizin dieses Versprechen tatsächlich mehr oder weniger gut einzulösen. Doch die Medizin hat ihre Schattenseite: Gierig stiehlt sie ihr Wissen von Gemeinschaften, entlockt den Körpern von Menschen und Tieren durch brutale und skrupellose Folter die Geheimnisse des Lebens. Und ist dieses Wissen erst einmal in der Kathedrale der Medizin zusammengetragen, so wird es dort von deren Hohepriestern geizig behütet, damit es ja nicht in die Hände eines Ungeweihten falle. Denn die größte Angst der Medizin ist es, dass die Menschen ihre Gesundheit in die eigenen Hände nähmen. Denn dann blieben ihre Kathedralen leer.

Schon der „Eid des Hippokrates“, sozusagen der Stammvater der Medizin, schließt aus, dass Ärzt*innen ihr Wissen an Unbefugte weitergeben. Das ist zwar nichts Außergewöhnliches, immerhin wird man entsprechende Gelöbnisse für beinahe jede Zunft finden, wenn man nur sucht, und doch wird man heute nicht viele Berufe finden, die so exklusiv sind wie der des Arztes. In vielen Ländern werden Ärzte vom Staat zugelassen, doch bevor das beispielsweise in Deutschland überhaupt zur Debatte steht, müssen werdende Ärztinnen ein Medizinstudium absolvieren. Und dazu muss man erst einmal zugelassen werden. Die Studienplatzvergabe ist für die Bundesrepublik zentralisiert, wer keine Bestnoten (in der Regel einen Abiturschnitt von 1,0 bis 1,1) vorweisen kann, wird abgewiesen. Im Ausland studieren und damit das strenge Auswahlverfahren umgehen, können sich nur Reiche leisten – Kinder von Ärzt*innen beispielsweise. Und nicht nur der Zugang zur Ausbildung als Ärztin bleibt den allermeisten Menschen verwehrt, auch das Wissen um Medikamente gehört zu den bestgehüteten Geheimnissen. Kein Wunder. Im Jahr 2018 erwirtschafteten Pharmaunternehmen durch den Verkauf von Medikamenten weltweit rund 1,2 Billionen US-Dollar. Die Medizin „im Dienste der Menschheit“? Dass ich nicht lache!

Dabei ist eine Institution wie die Medizin, die über fast das gesamte Heilwissen einer Zivilisation verfügt, keine Naturgegebenheit. Erst die organisierte Zerstörung des Heilwissens der Menschen vor vielen hundert Jahren ermöglichte die Entstehung eines solchen Ungetüms, das heute die Menschen und ihre Gesundheit im Namen des Staates/der Staaten (oder eher im Namen des Kapitals?) verwaltet. Im folgenden Artikel werde ich einige Meilensteine dieses Prozesses aufgreifen, um darzustellen, wie die Medizin als Instrument der Herrschenden zur Verwaltung ihrer Bevölkerung – ein Charakter, der heute vielleicht offener zutage tritt als jemals zuvor – entstehen konnte und wie diese Verwaltung funktioniert.

Klostergärten, Hexenverfolgung und Kolonisierung

Selbstverständlich ließen sich die autoritären und sozial-kontrollierenden Spuren der Medizin noch ein ganzes Stück weiter zurückverfolgen, etwa ins antike Griechenland und Rom, wo Ärzt*innen, die neues Wissen über den menschlichen Körper unter anderem durch die Sezierung lebendiger Sklav*innen erlangten, vor allem der reichen Oberschicht und dem Militär zur Verfügung standen. Aber der Fokus dieser Untersuchung soll auf der modernen Medizin liegen, die sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass sie ein Monopol auf die Kunst der Heilung erhebt und die Etablierung eben jenes Monopols begann in einer anderen, späteren Zeit.

Auch wenn die jahrtausendewährende Domestizierung die Menschen bereits zuvor von der Natur, von ihren eigenen Körpern und durch die Arbeitsteilung auch weitestgehend von der eigenen Zuständigkeit für ihre Gesundheit getrennt hatte, so war es auch in Europa vor allem in der armutsgeplagten Unterschicht, die keinerlei Zugang zu dem sich bereits während der Antike herausgebildeten, ärztlichen Spezialist*innentum und wissenschaftlichen medizinischen Wissen hatte, durchaus verbreitet, dass man sich um viele, wenn nicht alle wesentlichen Belange der eigenen Gesundheit selbst kümmerte, bzw. diese Aufgabe denjenigen Familienmitgliedern zufiel, die auch ansonsten der häuslichen, „reproduktiven“ Sphäre zugeteilt waren. Sprich: vor allem Frauen. Das hier zur Anwendung gebrachte Heilwissen war von Region zu Region unterschiedlich, es richtete sich nach der regionalen Flora und Fauna, sowie den jeweiligen heidnischen Überresten des spirituellen Erbes vormalig freier Gemeinschaften. Gemeinsam ist diesem Wissen jedoch vor allem, dass es obwohl es vermutlich uralt war, nahezu ausschließlich oral weitergegeben wurde. Schließlich beherrschte zu dieser Zeit auch kaum jemand die Schrift ihrer Herrscher*innen. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Heilwissens war der Gebrauch von Heilkräutern, die wenngleich sie teilweise auch gezielt in Kräutergärten angebaut worden sein mögen, vor allem in der Natur gesammelt wurden.

Doch ein Schatten legte sich über die Lande, ein Schatten, der in den nächsten Jahrhunderten auf eine sehr ähnliche Art und Weise einen Großteil der Welt befallen sollte und der in Europa, ebenso wie auf dem amerikanischen und afrikanischen Kontinent dem individuellen und kollektiven Heilwissen den Garaus machen würde: die Rede ist selbstverständlich von der christlichen Missionierung. Kein geringerer als der Missionar Bonifazius, der sich bereits zuvor damit hervorgetan hatte, eine uralte, dem Gott Donar (Thor) geweihte Eiche neben zahlreichen weiteren heiligen Bäumen gefällt zu haben, um die heidnischen Glaubenskulte der germanischen Stämme zu zerstören, veranlasste 743 bei der „Synode von Liftinae“ auch, dass das Sammeln von Heilkräutern durch die Kirche untersagt wurde. Zweck dieses Verbotes war wiederum, dass die „Neubekehrten von allem heidnischen Wesen fern gehalten werden und fern bleiben möchten.“ Doch auch wenn die allseits erwartete Reaktion der germanischen Gottheiten ausblieb, als sich Bonifazius an ihren Bäumen verging, so bedurfte es doch mehr als eines Verbots durch die Kirche, um die Menschen davon abzuhalten, sich selbst und einander zu heilen, indem sie dafür benötigte und bewährte Kräuter sammelten. Wohl um keinen allzugroßen Autoritätsverlust zu erleiden, wurden in der Folge diversen Kräutern eine biblische Bedeutung angedichtet, die diese beispielsweise in Form von Marienkulten als „christlich“ legitimierten.

Doch die neue Strategie der Kirche sollte schließlich aufgehen. Mit Verbreitung der christlichen Glaubensdoktrin festigte sich auch die Vorstellung, dass Krankheiten von Gott auferlegt wurden und eine Heilung daher auch nur mit seiner Hilfe überhaupt möglich sei. Das stärkte die mönchische Medizin, die sehr schnell zur einizigen anerkannten medizinischen Schule avancierte. Schon zwischen 770 bis ca. 800, nur wenige Jahrzehnte nachdem der Missionar Bonifazius versucht hatte, das Kräutersammeln zu verbieten, erließ Karl der Große, der einen großen Teil seiner Macht der kirchlichen Infrastruktur verdankte, ein Gesetz (Capitulare de villis), das unter anderem den Anbau bestimmter Heilpflanzen in jedem kaiserlichen Gut vorschrieb. Der sogenannte St.-Galler-Klosterplan (819-826), der rund 16 Heilpflanzen und ihren Anbau beschreibt und das Lehrgedicht Hortulus (ca. 840), das rund 24 Heilpflanzen beschreibt, zeugen von der weiteren Institutionalisierung und gleichzeitigen Verflachung (antike Schriften führen oft tausende, wenigstens aber mehrere hunderte Heilpflanzen auf, dagegen müssen 16 bzw. 24 Pflanzen geradezu lächerlich erscheinen) der Pflanzenheilkunde rund um Klöster. Bei den Pflanzen handelt es sich häufig um welche, die in den hiesigen klimatischen Bedingungen nur schlecht gedeihen, was unter anderem daher kommt, dass vorrangig Pflanzen verwendet werden, die (manchmal auch nur vermeintlich) in der Bibel beschrieben sein sollen. Eine beliebte Strategie, um die Bevölkerung davon abzuhalten auch weiter wilde Heilpflanzen zu sammeln, besteht darin, ihnen das Pflücken der Pflanzen in den Klostergärten zu gewähren. Auf diese Weise lässt sich gewährleisten, dass nur die von der Kirche „zertifizierten“ Heilpflanzen verwendet werden und das „heidnische“ Heilwissen nach und nach in Vergessenheit gerät.

Nicht alle Menschen lassen sich vom klösterlichen Kräutergarten ködern. Über mehrere Jahrhunderte koexistiert die klösterliche Medizin mit alternativem Heilwissen. Praktizierende dieses alten Heilwissens gelten als Hexen und Zauberer, was als „heidnische Irrlehre“ gilt und „durch Kirchenstrafen wie Bußen oder – in schweren Fällen – durch Ausschluss aus der Gemeinschaft geahndet werden“ soll. Ab dem 13. Jahrhundert jedoch begann die Kirche und mit ihr der Staat, die beide gleichermaßen Deliquent*innen verschiedener Ausprägungen fürchteten, zum vernichtenden Schlag gegen Hexen und andere Deliquent*innen auszuholen. Freilich geht es dabei längst nicht nur darum, nicht-christliches Heilwissen zu vernichten. Die Inquisition richtet sich gegen Homosexuelle, Jüd*innen, Ketzer*innen jeder Art, aufständische Elemente und sonstige Feind*innen der Ordnung. Im für die Deutsche Inquisition besonders bedeutenden, 1486 veröffentlichten Hexenhammer werden unter anderem Abtreibungen und libidosteigernde, sowie -senkende Verabreichungen als gängige und zu ahndende Verbrechen von Hexen beschrieben.

Nicht zufällig fällt die Vernichtung des nicht-christlichen Heilwissens in Europa in die gleiche Epoche, in der auch die moderne Wissenschaft und ihre Medizin entsteht. Franzis Bacon, einer der Gründerväter der modernen Wissenschaft, soll etwa in den Verfahrensweisen der Inquisition das Vorbild gefunden haben, der „Hexe Natur“ ihre Geheimnisse abzupressen. Übrigens war Francis Bacon als Generalstaatsanwalt unter König Jakob I. durchaus auch unmittelbar in den einen oder anderen Hexenprozess verwickelt gewesen.

Nicht unmittelbar zeitlich synchron, aber sowohl von der Art und Weise des Verlaufs her, als auch zumindest synchron zur letzten Phase der Vernichtung des nicht-christlichen Heilwissens in Europa, findet auch außerhalb Europas eine gigantische Vernichtung von indigenem Heilwissen statt. Ihre Antriebsmotoren: der europäische Kolonialismus und die christliche Missionierung. Genozide, Verschleppung und Versklavung, Vertreibung aus ihren ursprünglichen Territorien, kulturelle Auslöschung und Internierung in Lagern, in denen später unter anderem tödliche und erniedrigende medizinische Experimente zur Entwicklung von Impfstoffen und Seuchenbekämpfungsstrategien durchgeführt werden werden, tragen ebenso ihren Teil dazu bei, wie die äußerlich weniger gewalttätige Bekehrung zum christlichen Glauben mit „Buch und Schwert“, in deren Rahmen jegliche Spiritualität indigener Kulturen und damit auch das damit häufig verbundene Heilwissen beinahe noch nachhaltiger zerstört wurde. Auf dem südamerikanischen Kontinent gelten Praktizierende indigener Heilmethoden als Ketzer*innen. Die katholischen Konquistadoren beschreiben spirituelle Rituale, die Teil dieser Methoden sind, als gespenstisch und gotteslästerlich und verbrennen die Praktizierenden nach dem Vorbild der Inquisitoren in ihrer Heimat auf dem Scheiterhaufen. Der atlantische Sklav*innenhandel, in dessen Rahmen heutigen Schätzungen zufolge rund 12 Millionen Menschen gefangen genommen, verschleppt und vor allem in Nordamerika versklavt wurden, verursacht zudem zahlreiche Seuchen (weil indigende Bevölkerung, sowie Sklav*innen Erregern ausgesetzt sind, mit denen sie bisher nicht in Kontakt gekommen sind und zudem auf engstem Raum und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen zusammengepfercht sind), in denen nur die autoritäre und die Menschen zu verwaltenden Entitäten reduzierende, europäische Medizin ihre Wirkung erweisen kann und so ihre scheinbare Überlegenheit gegenüber indigenem Heilwissen unter Beweis stellt.

Lazarette, Pesthäuser, Irrenhäuser, Arbeitshäuser und Krankenhäuser

Bis heute machen sogenannte Krankenhäuser einen wesentlichen Teil der medizinischen „Versorgung“ hierzulande aus. Aber in welchem Kontext ist es überhaupt eine besonders kluge Idee, alle Kranken an einen einzigen Ort zu bringen? Diese fixe Idee konnte sich nur vor dem Hintergrund eines Expert*innenstandes an Mediziner*innen und dem zunehmenden Anspruch der Verwaltung von Kranken etablieren. Dabei scheint mir der Strang der Entstehung des modernen Krankenhauses zunächst unabhängig von der zuvor beschriebenen Zerstörung des individuellen und kollektiven Heilwissens betrachtenswert, auch wenn diese beiden Entwicklungen schließlich miteinander verwoben sein werden.

Valetudinarien und Leprosorien sind die wohl frühesten Formen dessen, was heute als Krankenhaus bekannt ist. Leprosorien, Siechenhäuser, später Pesthäuser, dienten unverhohlen der Verwaltung Kranker, die als Aussätzige galten und dort zum Schutze der übrigen Bevölkerung bis zu ihrem Tod oder in Ausnahmen ihrer Genesung verwaltet wurden. Auch wenn diese Anstalten wohl viel älter sind und beispielsweise im Chinesischen Kaiserreich um 300 v. Chr. existierten, während das Judentum mit seinen Reinheitsgesetzen ebenfalls die Absonderung von Aussätzigen kennt (allerdings wohl ohne diese in Anstalten zu verwalten), werde ich vor allem auf die Entwicklung dieser Anstalten im christianisierten Europa, vor allem auf französischem und deutschem Territorium zurückkommen. Zuvor jedoch lohnt es sich einen Blick auf die römischen Valetudinarien zu werfen, die unter Kaiser Augustus (um das Jahr 0) Verbreitung fanden. Um das Jahr 14 errichtete das römische Militär in mehreren Garnisonen der umkämpften germanischen Grenze sogenannte Valetudinarien, Lazarette, in denen verletzte und wohl auch erkrankte Soldaten mit dem Ziel behandelt wurden, wieder kampffähig gemacht zu werden. Den militärisch bewährten Anstalten folgten bald auch zivile Valetudinarien, bezeichnenderweise jedoch nicht für römische Staatsbürger*innen (um die Armen sorgte sich keiner, die Reichen ließen sich lieber in ihren eigenen Gemächern versorgen), sondern vor allem für die Sklav*innen von Gutsherr*innen und die Dienerschaft (oft ebenfalls Sklav*innen) reicher Adliger. Sie dienten also dazu, die Arbeitskraft des teuer erworbenen „Personals“ zu erhalten. Die in diesen zivilen Valetudinarien arbeitenden Ärzte waren meist selbst medizinisch gebildete Sklav*innen, sogenannte „servi medici“.

Auch wenn die Medizingeschichte diese Valetudinarien lieber nicht in Verbindung mit der Entstehung „öffentlicher“ Krankenhäuser im christianisierten Europa bringen möchte, wird diese Kontinuität jedoch schon daran offenbar, dass spätere Klöster ganz verschiedene Einrichtungen unterhielten, die der Unterbringung von Kranken und Pilgern dienten: Das „Hospitale pauperum“ für Arme, das „Hospitium“, ein Gästehaus für reiche Pilger und das „Infirmarium“, den Krankensaal für die Mönche selbst. Diese Einteilung ist nicht nur ein Beweis für die Klassenmedizin dieser Zeit, sie setzt sich auch in der weiteren Entwicklung fort: Siechenhäuser außerhalb der Klöster und Städte dienten ab dem 6. Jahrhundert der Verwaltung von als ansteckend geltenden Kranken. Besondere Anstaltskleidung, sowie das Tragen von Schellen, Lazarusklappern und Hörnern bekamen die dort Inhaftierten von der Kirche ebenso verordnet, wie die späteren Insass*innen der Pesthäuser vollständig abseits der übrigen Bevölkerung inhaftiert wurden.

Um 1700 entstehen in Frankreich und Deutschland die ersten Irrenhäuser, die unter anderem dazu dienen sollen, die weniger arbeitsbegeisterte Bevölkerung zu disziplinieren. Gerade auf dem deutschen Territorium treten diese Anstalten als Toll- und Zuchthäuser besonders häufig in Kombination mit Gefängnissen auf. Einmal erbaut, wechselten die Internierungsanstalten der Pest- und Irrenhäuser häufig ihren Zweck. Die ursprünglich im Jahre 1709 errichtete Charité Berlin wurde etwa als Pesthaus angelegt, diente dann aber zunächst als Spinnhaus (eine Strafanstalt für Frauen, die verarmt waren, bettelten oder sich prostituierten und die dort als Spinnerinnen zwangsarbeiten mussten), zur Verwaltung von Armen und als Garnisonslazarett. Zahlreiche Krankenhausbauten weisen bis heute mehr Ähnlichkeiten mit Knästen auf als mit irgendetwas anderem. Das ist kein Zufall. Und während heute die Gittertüren der Zellen, pardon Patientenzimmer, bis auf einige Ausnahmen durch reizarme, klinisch-weiße Türen ersetzt wurden, kann zumindest ich mich beim Besuch in einer solchen Anstalt  noch immer nicht des kalten Schauers, der mir dabei den Rücken hinunterläuft, erwehren.

„Deine Gesundheit gehört nicht dir!“ und der kranke Mensch als defektes Teil der Maschine

Dienten die verschiedenen Abarten von Krankenhäusern bis weit ins 19. Jahrhundert hinein vor allem der gesellschaftlichen Absonderung von Armen, Ansteckenden, „Verrrückten“, Arbeitsverweigerern, Verbrecher*innen und sonstigen für die „Volksgesundheit“ (dieser Begriff stammt allerdings aus einer späteren Epoche) schädlichen Elementen, so fielen im 20. Jahrhundert die Mauern zunehmend und die Gitter vor den Fenstern verschwanden. Aber wer den Mauern des Krankenhauses entkam, die*der musste nun zunehmend feststellen, dass die ganze Welt zu einem Krankenhaus geworden war. Auch wenn man den Nationalsozialismus keine reine „Ärztebewegung“ nennen sollte [1], so erfuhren die autoritären Lehren der Medizin ganz besonders in dieser Epoche einen enormen Bedeutungszuwachs. Der Begiff „Volksgesundheit“ wird zwar in der Medizingeschichte ebenfalls nicht mehr vorrangig mit dem Begriff „Gesundheit“ in Verbindung gebracht, aber das sollte keineswegs darüber hinwegtäuschen, dass darunter im Brustton der Überzeugung und mithilfe einer erst angesichts des Holocausts als pseudowissenschaftlich gebrandmarkten Methodik durchaus genau das verstanden wurde. „Rassenhygiene“ und „Erbgesundheit“ war nicht bloß ein nationalsozialistischer wissenschaftlicher Wahnsinn, weltweit gründeten sich eugenische Institutionen, die hohes Ansehen genossen. Besonders Zwangssterilisierungsprogramme wurden in zahlreichen Gebieten weltweit in dieser Zeit und selbst nach dem Ende des Nationalsozialismus gesetzlich verankert und durchgeführt. Die Opfer: indigene Bevölkerungen, rassifizierte Menschen und Behinderte. Die eigene Gesundheit wird dabei auf zahlreichen Ebenen entpersonalisiert. Nationalsozialistische Propaganda mahnt zur „Abhärtung“ und betrachtet Infektion als eine Schwäche des Infizierten, eine mit der der*die Infizierte der Volksgemeinschaft, dem „Volkskörper“ schaden würde.

Das Individuum als Teil des „Volkskörpers“, das kranke Individuum als Gefahr für die „Volksgesundheit“, es erinnert an eine sich dieser Tage noch verstärkten Haltung. Wobei das Individuum heute nicht einmal mehr krank zu sein braucht, um als Gefahr für die nun „öffentliche Gesundheit“ zu gelten. Aber dies soll nun kein zynischer Erguss werden, sondern eine ernstgemeinte Analyse. Es sind freilich völlig unterschiedliche Argumentationsweisen, die sich nur in ihrer Auswirkung zu ähneln scheinen [2]. Und doch drängt sich einem – ganz im Sinne des des Organischen beraubten, mechanistischen Weltbildes – hier der Vergleich mit einer anderen Methaphorik auf: Ist in einer solchen Betrachtung der kranke Mensch nicht gleich einem defekten Teil der Maschinerie des Kapitalismus und der Zivilisation? Einem Teil, das entweder repariert oder ausgetauscht werden muss, um die Maschine am Laufen zu halten?

Dienten die frühen Vorläufer des Krankenhauses noch dazu, „Kranke“ unterschiedlicher Ausprägungen zu kontrollieren und zu verwalten, so ist es heute der Geist des Krankenhauses, der in den Köpfen der Menschen spukt und sie zu ihrem Beitrag zur „Volksgesundheit“ drängt. Ein Geist, der auf die ein oder andere Art und Weise schon früher spukte und dabei einige der grausamsten, genozidalen Vernichtungsfeldzüge wissenschaftlich-medizinisch legitimierte.

Von Gesundheitsregistern bis zur Impfmücke

Der derzeitige Gesundheitstotalitarismus kann meines Erachtens nur vor dem Hintergrund verstanden werden, dass es niemals universelles Anliegen der Medizin war, dem Individuum durch Heilangebote zu helfen. Während die Heilung der Wohlhabenden durchaus immer eines der Anliegen der Medizin gewesen sein mag, war jedoch vor allem das Anliegen, Arbeitskraft verfügbar zu halten, Anliegen von flächendeckender Medizin. Das heißt nicht, dass die Medizin nicht in der Lage und möglicherweise sogar willens wäre, mir – hier in Zentraleuropa auch trotz der Tatsache, dass ich Arbeit um jeden Preis vermeide, als kriminell und asozial gelte und auch sonst nicht gerade dem Ideal der Gesellschaft entspreche – zu helfen, wenn ich etwa ein gebrochenes Bein habe. Vielmehr bedeutet das, dass der Preis für diese Hilfe immer darin liegt, dass anderswo auf der Welt – oder auch in Gefängnissen, Psychiatrien, usw. hierzulande – medizinische Experimente an anderen Menschen vollführt werden, Menschen aus einer Laune irgendwelcher Philanthrop*innen heraus zwangsgeimpft werden und dabei möglicherweise als „in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung Verstorbene“ in die Statistiken eingehen und die gesamte arme Bevölkerung der Welt auf die eine oder andere Art und Weise mithilfe der Medizin als Arbeitskraft-Ressource verwaltet wird.

Der bisher in westlichen Ländern im Hinblick auf direkte körperliche Eingriffe zur Anwendung gekommene Ansatz, mit wenigen Ausnahmen (Zwangspsychiatrisierung, Zwangssterilisierungen, Zwangsmedikationen, usw.) auf die Freiwilligkeit der Patient*innen zu setzen (wer nicht zum Arzt geht, tut das halt nicht) scheint dabei zunehmend zu bröckeln. Was ein neokoloniales Bündnis aus Philanthrop*innen, Pharmaindustrie, WHO und Staaten in den vergangenen Jahrzehnten durch medizinische Studien, Impfprogramme, die sowohl zwangsweise, als auch ohne genügende Aufklärung durchgeführt wurden und Programme zur elektronischen Erfassung von Gesundheitsdaten in sogenannten „Entwicklungsländern“ getestet hat, scheint nun erprobt genug, um auch in den Zentren der Macht auf die verarmte Bevölkerung losgelassen zu werden. Die derzeitige Diskussion um Gesundheitsregister, in denen entsprechende Daten zentral erfasst und für Behörden jederzeit abrufbar gespeichert sind, die Diskussion um Privilegien für Geimpfte, die Stigmatisierung derer, die sich nicht impfen lassen wollen, sie alle sprechen für sich. Unterdessen geben vorsichtig an die Öffentlichkeit dringende Forschungsprojekte Aufschluss darüber, welche Totalität dieser Gesundheitswahn mittlerweile auch in Wissenschaftskreisen angenommen hat: Es ist ja längst kein Geheimnis mehr, dass Virolog*innen dazu neigen, die Menschen einzusperren, zu überwachen und zu kontrollieren. Aber dass mancherorts daran geforscht wird, Impfungen mithilfe genmanipulierter Mücken zu verabreichen, die, einmal freigelassen, unkontrollierbar alle impfen, die sie vor ihren Rüssel bekommen, das macht die erschreckenden Ausmaße dieses Wahnsinns der Medizin vielleicht bewusster als vieles andere.

Für mich steht fest: Eine Institution wie die Medizin vermag mir nichts anzubieten, was gegen ihre Zerstörung spricht. Ich kann auf Expert*innen verzichten, die mir Heilung im Austausch für meine Verwaltung und Kontrolle im Dienste der Herrschenden anbieten, während sie anderswo foltern und morden. Und ganz besonders kann ich darauf verzichten, selbst gefoltert und ermordet zu werden.


[1] Dessen ungeachtet wurden die meisten Parteibücher der NSDAP an Ärzt*innen ausgestellt.

[2] Und auch die bringe ich hier vor allem zur Sprache, um eine gewisse scheinheilige, hyperkritische, die „Verschwörung“ und den Geschichtsrevisionismus“ allzeit witternde Leser*innenschaft zu provozieren.

Mein frakturierter Geist und Körper: Eine Kritik der Zivilisation und der modernen Medizin

Mit meinen Behinderungen zu leben ist mindestens schwierig, um es milde auszudrücken. Nicht weil ich in unserer vergifteten, standardisierten Welt nicht funktionieren kann, sondern weil von mir erwartet wird, es zu tun. Meine “Probleme” werden von den Unwissenden nicht bemerkt. Sie sind so gut wie immer da. In meinem frakturierten Geist und Körper. Ich habe Osteogenesis Imperfecta (OI) und DID, das bedeutet ich habe die Glasknochenkrankheit und eine dissoziative Identitätsstörung.

Nein, sprich nicht M. Night Shyamalans Split oder Glass an.

Osteogenesis Imperfecta hat meine Zähne geschwächt, meine Gelenke ruiniert und meine Muskeln verwüstet. Ich habe das Glück, bisher noch keinen Knochen gebrochen zu haben und ich befinde mich in meinen 20ern. Einige werden von dieser Behinderung in ihrer Kindheit getötet, andere leben ihr ganzes Leben ohne zu wissen, dass sie sie haben.

Dissoziative Identitätsstörung macht sich bei denen, die es mit ihr zu tun haben, früh bemerkbar. Sie besteht aus der Anwesenheit zweier oder mehr ausgeprägten Persönlichkeitszuständen, zusammen mit einem Erinnerungsverlust zwischen den beiden Zuständen. Wenn beispielsweise ich [Artxmis] die Kontrolle über den Körper habe [fronting], dann weiß eine andere Identität nicht, was ich in dieser Zeit getan, gefühlt oder gedacht habe. Das gilt für beide Seiten. Es gibt Zeiten, in denen mir Sekunden an Erinnerung fehlen oder Monate. Ich kann mich an den Großteil meiner Unterstufe in der Highschool nicht erinnern.

All das zusammen führt zu einem beinahe unsichtbaren Leiden. Ich muss damit kämpfen Stufen zu erklimmen und stabile Beziehungen zu führen.

Aber trotzdem lehne ich Zivilisation, Technologie und Domestizierung ab.

Ich erhöhe trotzdem Wildnis, begehre nach einer Verwilderung und hasse die moderne Medizin.

Ich tue das nicht, weil ich selbsthassend wäre oder ableistisch, sondern aus dem Gegenteil. Ich hoffe, dass diejenigen, die mit mentalen und körperlichen Krankheiten kämpfen, in der Wildnis Zuspruch finden können und auf der Asche der Zivilisation tanzen. Am Rande bemerkt: Ich bin nicht der Meinung, dass eine Wanderung eine Depression heilt.

Zivilisation ist eine standardisierende Kraft. Sie nimmt Individuen und versucht diese zu organisieren, kategorisieren und zu beherrschen. Sie präsentiert auch eine enge Matrix »idealer« Mitglieder. Denjenigen, die nicht in diese Kategorie passen, bleiben zwei Optionen: sich anpassen oder verstoßen werden. Darin liegt oft die Rolle der modernen Medizin. Sie behandelt viele der Außenseiter*innen der Zivilisation. Sie kann am besten als ein Filtersystem betrachtet werden.

(Mit moderner Medizin beziehe ich mich in den meisten Fällen auf die westliche/koloniale Medizin. Allerdings kann man allgemein argumentieren, dass die mit dem Aufstieg jeder Zivilisation entstandene Medizin auf die gleiche Art und Weise kritisiert werden kann.)

Sowie die Zivilisation wächst, benötigt sie eine größere Arbeitskraft. Das ist der größte Effekt vieler Rechtebewegungen. Frauenrechte verschafften neben anderen legalen und sozialen Möglichkeiten für Frauen ihnen vor allem einen breiteren Zugang zur Arbeitskraft der Zivilisation. Medizin in ihrer modernen Form funktioniert auf eine ähnliche Art und Weise. Wenn man nicht in die Zivilisation [den Techno-Kapitalismus, die industrielle Gesellschaft, sozialistische Experimente, etc.] hineinpasst, muss man sich anpassen.

Wenn wir diese vorangehende Feststellung übernehmen, können wir anfangen zu verstehen, dass es der modernen Wissenschaft nicht darum geht, Menschen zu helfen oder sie zu ermächtigen, sondern um die Anpassung von allem und jedem, um der Mainstream-Gesellschaft nützlich zu werden. Viele werden auf genetische Krankheiten oder Erkrankungen wie Krebs verweisen. Das Evolution Institute behauptet neben anderen, dass es einen Widerspruch zwischen unseren evolutionären Merkmalen und unserer derzeitigen Umwelt gibt. Fehlendes Ausgesetztsein von Bakterien und Krankheiten als Kinder hat verheerende Auswirkungen auf unser Immunsystem. Landwirtschaft bringt unsere Zähne und unser Verdauungssystem komplett durcheinander. Die Domestizierung von Pflanzen und Tieren hat neue Krankheiten erschaffen, die unserer Spezies zuvor unbekannt waren.

Selbst die Gebärkultur hat einen Einfluss auf Brustkrebs! Das Evolution Institute behauptet, »moderne Fortpflanzungsmuster tragen auch zum Brustkrebsrisiko bei. In Jäger*innen/Sammler*innen-Bevölkerungen beginnen Frauen in der Regel mit etwa 18 Jahren Kinder zu haben, haben durchschnittlich 5 Kinder und stillen diese mit ungefähr drei Jahren ab. Das unterscheidet sich erheblich von modernen Bevölkerungen, in denen Frauen typischerweise mit etwa 26 Jahren Kinder bekommen, durchschnittlich 1,86 Kinder bekommen und sie typischerweise vor dem 6. Monat abstillen. Unsere Vorfahren hatten vermutlich Fortpflanzungsmuster, die denen heutiger Jäger*innen/Sammler*innen gleichen, und hatten daher weit weniger Menstruationszyklen als wir modernen Menschen. Moderne Fortpflanzungsmuster wie diese sind mit einem höheren Risiko hormoninduzierten Brustkrebses verbunden.«

Zusätzlich dazu, wie man die Effekte der Zivilisation während der eigenen Lebenszeit wahrnimmt, mögen diese sogar Einfluss auf die Anfälligkeit für Krankheiten vor der Geburt haben. Epigenetik wird folgendermaßen definiert: »Epigenetik ist die Wissenschaft vererblicher Veränderungen der Genexpression (aktive vs. passive Gene), die keine Veränderung der zugrundeliegenden DNA-Sequenz beinhalten – eine Veränderung des Phänotyps ohne eine Veränderung des Genotyps –, die umgekehrt beeinflussen, wie die Zellen die Gene lesen«, aus What Is Epigenetics.

Beispielsweise sind diejenigen, die in dichten urbanen Regionen leben, besonders um bestimmte Schadstoffquellen wie Luft- und Wasserverschmutzungen herum, einem höheren Risiko für kardiovaskulären Krankheiten [Herzkrankheiten; Anm. d. Übers.] und Krebs ausgesetzt. Das gilt einer Studie von 2017 namens »Epigenetics and Health Disparities« zufolge besonders für afroamerikanische Gemeinschaften.

Eine Studie von 2009 mit dem Titel »Epigenetic mechanisms in schizophrenia« behauptet, dass urbane Umgebungen eine Rolle bei psychischen Störungen spielen. Die Studie kam zu folgendem Schluss: »Statistiken legen nahe, dass sich Psychosen in urbanen Umgebungen und in niedrigeren sozioökonomischen Gruppen anhäufen. Beispielsweise haben afro-karibische Immigrant*innen im Vereinigten Königreich und besonders ihre Nachkommen ein ungefähr 10-fach größeres Risiko an Schizophrenie zu erkranken und ethnische Minderheiten in Großbritannien haben immerhin ein 3-fach größeres Risiko für Schizophrenie. Diese Beobachtungen haben manche dazu veranlasst vorzuschlagen, dass Schizophrenie eine Krankheit epidemiologischer Übertragung sein könnte, oder in anderen Worten eine Krankheit, deren Wahrscheinlichkeit mit der Entwicklung einer Gesellschaft ansteigt.«

Die moderne Medizin ist auch eine zentralisierte Praxis. Sie versucht sich selbst auf ein Gefilde der Gesellschaft zu beschränken – die »tatsächliche medizinische Verwendung«. Damit meine ich die medizinische Verwendung, wie sie innerhalb des modernen Selbstbewusstseins verstanden wird. Impfungen, komplizierte Operationen oder andere medizinische Verfahren. Sie findet außerdem innerhalb einer vielgestaltigen hierarchisierten Kultur statt – Ärzte unterschiedlicher Spezialisierungen, Krankenpfleger*innen, Krankenpfleger-Assistent*innen, usw.

Vergleiche das mit der Medizin in prä-zivilisierten Kulturen. Diese Form war eine Schnittmenge aus den Gefilden sozialer Zusammenhänge, wie religiösen Praktiken und Friedensstiftung, der Ethnobotanik und anderem bioregionalem Wissen, ebenso wie der »tatsächlicher medizinischer Verwendung«. Medizinische Praktiken variierten natürlich zwischen den Kulturen. Sie mag in den Händen von Medizinmännern, Hexenärztinnen, Schaman*innen und anderen spirituellen Anführer*innen gelegen haben oder von der größeren Gemeinschaft praktiziert worden sein. Einige Kulturen mögen einen stärkeren Akzent auf Zeremonien und Magie gelegt haben, weil sie Krankheit als Geist-verbunden betrachtet haben. Andere mögen weniger religiöse Pflanzen- und Kräuterpraktiken genutzt haben.

Psychiatrie ist ungeachtet vieler scheinbarer Vorteile darauf fixiert, Menschen zu »reparieren«, damit sie fähig sind zu arbeiten. Psychiater*innen sind wie Mechaniker*innen oder Techniker*innen, die Maschinen reparieren, damit die Fabrik weiter funktionieren kann. Manche argumentieren sogar, dass sie [die Psychiatrie] keine Form der Medizin im eigentlichen Sinne sei, sondern eine soziale Institution, die sich unter dem Deckmantel der modernen Medizin versteckt und ihre Glorifizierung für ihre eigenen Zwecke nutzt.

Persönlich war ich, und bin es noch immer, eine lebhafte Person. Mir wurde in der ersten Klasse ADHS diagnostiziert und Medikamente verabreicht. Auch wenn ich zu jung war, um mich heute noch an die Details zu erinnern, war ich von dieser Diagnose wirklich verletzt und sie hat noch immer anhaltende Auswirkungen auf mich. Viele haben ähnliche Geschichten und Erfahrungen.

Um eine*n bestimmte*n anti-technologischen Denker*in zu zitieren: »Das Konzept von Geisteskrankheit‹ ist in unserer Gesellschaft größtenteils durch den Grad definiert, in dem sich ein Individuum im Einklang mit den Anforderungen des Systems verhält und das ohne Anzeichen von Stress zu zeigen tut.«

Wie andere argumentiert haben und ich selbst weiter oben ist die zivilisierte Medizin und vielleicht jegliche Wissenschaft nichts als ein Trend in Richtung der Anpassung der Individuen an die Bedürfnisse der Zivilisation selbst. Wo endet das? Erfindungen wie CRISPR verstehen sich selbst als die Lösung erblicher Anlagen von Krankheit, aber wir können ihnen nicht aufrichtig zugestehen, dass sie nur zu diesem Zweck verwendet werden und nicht für rassistische oder faschistische Zwecke. Es fällt einer nicht schwer, sich vorzustellen, was Führer wie Hitler mit einer solchen Entwicklung anstellen würden.

Tatsächlich dränge ich Unterstützer*innen der Psychiatrie und Psychologie dazu, ihren Einsatz im nationalsozialistischen Deutschland in den 30er und 40er Jahren zu erkunden. Das Programm wurde »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« genannt. Es zielte auf diejenigen mit oder die Kinder derer mit diagnostizierter geistiger Zurückgebliebenheit, Schizophrenie oder sogar Alkoholismus ab. Die Aktion T4 war der systematische eugenische Massenmord derer in psychiatrischen Krankenhäusern. Zwischen 270.000 und 300.000 starben. Genutzt wurden Methoden wie Gaskammern, die die Grundlage für den Holocaust bildeten.

Ähnliche Praktiken existierten auch außerhalb Deutschlands, zum Beispiel in den Vereinigten Staaten im frühen 19. Jahrhundert. Henry G. Goddard, amerikanischer Psychologe und Eugeniker, war einer der vielen, die darüber diskutierten, wie man mit den »untauglichen« oder »schwachsinnigen« umgehen solle. Für ihn war eine Segregation die vorrangige politische Maßnahme, um eine Mischung »schlechter« Gene zu vermeiden. Andere auf diesem Gebiet argumentierten für Immigrationsstopps, sogar Vernichtungen. Oft hatten verarmte Frauen das höchste Risiko, für »untauglich« befunden zu werden.

Ich werde nicht lügen und vorgeben, dass einige prä-zivilisierte Kulturen nicht auch kranke oder behinderte Menschen missbrauchten, verstießen oder anderweitig missachteten. Mein Punkt ist, ans Licht zu bringen, dass die moderne Medizin einer der vielen Versuche ist, die zahlreichen Widersprüche der modernen Gesellschaft zu lösen, oftmals diejenigen, die widersprüchlich zwischen unserer Evolution und unserer derzeitigen Umgebung sind. Ich vertrete zudem keine idealistische Rückkehr zum paläolithischen Leben. Es ist absolut vorstellbar, dass eine zukünftige Medizin eine Synthese vergangener und gegenwärtiger Methoden bildet.

Ich kann ebensowenig irgendwelche gesicherten Vorteile der Medizin und Wissenschaft in unserem Zeitalter leugnen, aber Anarchist*innen würden genausowenig die amerikanische Polizei auf Basis dessen akzeptieren, dass sie auch Gutes tun, wenn sie Vergewaltiger*innen fangen. Sie greifen die Polizei an, weil sie zunächst das System als Ganzes erzwingen und darauffolgendes oder bloß damit einhergehendes »Gutes« ein zweitrangiges Anliegen ist. Die moderne Medizin ist eine ähnliche Institution.

 


Artxmis Graham Thoreau in Eine ikonoklastische Ungeheuerlichkeit: Behinderung gegen die Zivilisation, erschienen als Übersetzung aus dem Englischen beim Maschinenstürmer Distro.

Wilde Medizin

Vor dreißig Jahren ist eine Autoimmunerkrankung in meinem Blut aufgetaucht. Ich habe die giftigen künstlichen Medikamente recherchiert und die Verschreibungen abgesetzt. Rheumatolog*innen, die Spezialist*innen, die die höchste Todesrate durch ihre Rezeptblöcke verursachen, behandelten mich wie eine*n Aussätzige*n, weil ich ihre Expertise verweigerte. Dann behandelten sie mich wie eine bizarre Kuriosität, als ich ihnen erzählte, wie ethnobotanische Heilmittel linderten, was mich plagte. Sie fühlten sich entmachtet, als sie mich baten, die Namen der Pflanzen zu buchstabieren, um sie in meinen Akten zu dokumentieren.

Selbst wenn das moderne Gesundheitswesen sicher und effektiv wäre, kollaboriert die Medizin noch immer mit der Zivilisation darin, genug »Zuckerbrot« auszuteilen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, während sie die Schichten der »Armen« und »Reichen« getrennt hält. Die Ungleichheit des institutionalisierten Gesundheitswesens dient der Zivilisation als Warnung davor aus der Reihe zu tanzen, sonst wirst auch du in Hunger und Elend schmachten. Aber wie Schulen und Jobs ist auch die Medizin ein Trick, den Ökozid der Zivilisation voranzutreiben, der seine Wurzeln im Glauben an den Fortschritt hat. Es ist schlicht zu erschreckend, diesen Glauben als falsch zu betrachten, wir sind bereits so tief in der Falle des Fortschritts eingesunken, dass es sich anfühlt, als gäbe es keine andere Option; und so ist der Fortschritt zur einzigen Welt geworden, die die Menschen kennen.

Was ist der Preis des Fortschritts? Die Medizin nimmt am hochmütigen Massaker an der »besitzlosen« Erde und an den Tieren in der Moderne teil – indem sie Labortiere foltert und tötet, Wasserläufe mit giftigen Medikamenten verschmutzt, die Mutationen bei Fischen und Amphibien hervorbringen und das Land mit Bergen von synthetischen Abfallprodukten zumüllt. Sie verfüttert gesundheitsschädliche getötete Tierkörper an stationäre Herzpatient*innen, die später weitere Medikamente und Operationen benötigen – wie eine gut geölte Maschine.

Es ist nicht so, dass ich die moderne Medizin automatisch ablehne, aber ich bin aus dem Bauch heraus wählerisch. Gebrochene Knochen – ok, ich nehme einen Gips. Ich fühle mich berechtigt, die Techno-topie der Moderne auszunutzen, wo und wie ich will. Sie hat den Menschen das wilde Wissen, das wilde Zuhause, in dem wilde Nahrung und Medizin lebt, gestohlen. Sie verursacht eine Katastrophe voller menschlicher und nichtmenschlicher Erkrankungen und Tode und verdient ebensoviel Vertrauen und Respekt wie ein*e pathologische*r Serienmörder*in. Von der technologischen Umweltverschmutzung über Autounfälle, Wohnungsbrände, Suizide aufgrund von Depressionen bis hin zu Klimawandel-Katastrophen; die Liste ist endlos. Während die präzivilisatorische Wildnis ein anderes Set an gefährlichen Risiken bereithielt, verblassen die frühen menschlichen Erkrankungen und Tode im Vergleich dazu.

Die neandertalische Heilkunst, die sowohl akute als auch chronische schwerwiegende Bedürfnisse mit einfachen, effektiven Heilmitteln behandelte, war weitverbreitet. Es gab Individuen mit Verletzungen und Krankheiten, die ein hohes Maß an täglicher Fürsorge für Monate und sogar Jahre benötigten. Feldhofer 1 [wissenschaftliche Bezeichnung eines Neandertaler-Fossils; Anm. d. Übers.] (ca. 40.000 Jahre vor unserer Zeit) erholte sich von einem schwerwiegenden Armbruch, der eine Fixierung seines Armes erforderte, sowie die Versorgung mit Essen, Wasser und Schutz und erhielt eine Langzeitbehandlung einer chronischen Krankheit. Shanidar I [ebenfalls ein Neandertaler-Fossil; Anm. d. Übers.] (ca. 45.000 Jahre vor unserer Zeit) erhielt für mindestens eine Dekade Fürsorge, um mit einem verkümmerten Arm, einem beschädigten Bein und vermutlich einem blinden Auge sowie Gehörverlust zu überleben. La Chapelle aux Saints [ebenfalls ein Neandertaler-Fossil; Anm. d. Übers.] (ca. 60.000 Jahre vor unserer Zeit) wurde wegen einer schwerwiegenden Arthrose und einer systemischen Erkrankung umsorgt. Bloß durch sich kümmernde Begleiter*innen und primitive Mittel, keine Notwendigkeit ein Blutbad zu begehen.

Frühe Menschen kümmerten sich auch selbst um ihre eigenen medizinischen Bedürfnisse. Beispielsweise fanden Anthropolog*innen einen erkrankten Neandertaler aus der El Sidrón-Höhle mit einem eiternden Zahn und einem Darmparasiten, der Durchfall verursacht. Eine DNA-Analyse seines Zahnsteins ergab, dass er eine beständige Ernährung aus Pappeln zu sich nahm, die das natürliche Schmerzmittel Salicylsäure enthielt, den Wirkstoff in Aspirin, sowie Pflanzen, die von Penicillium-Pilzen bedeckt waren, dem Penicillin des Antibiotikums. Frühere Menschen, wie alle Tiere, fanden ihre Medizin und Heilstrategien durch tiefgehende Beziehungen, Instinkte und scharfe primäre Sinne, die in der Zivilisation schwinden.

Die Wissenschaft bezweifelt und spottet über primitive Weisheit. Gesundheits-Animalität wiederzuerwecken verschiebt den Ort der Kontrolle zurück in Richtung Ökologie, wieder eingesetzter Zugehörigkeit und Symbiose. Während fortgeschrittene medizinische Technologien die Heilkunst früherer Zeiten besonders für Kinder übertreffen, gilt jedoch: Wie viele Verletzungen und Krankheiten werden von der Technologie verursacht? Und ist sie den Preis des Techno-Ökozids für alle wert? Ich habe das Gefühl, dass die meisten Tiere, inklusive mir, wilde Heilkunst und die Rückgabe unseres gestohlenen Landes und unseres Lebens bevorzugen. Der Fortschritt erwidert: Willst du, dass ein Kind an einer leicht zu behandelnden Infektion stirbt? Genausowenig, wie ich ein Kind von einer Kugel niedergestreckt haben will, Großmutters Pillen fressen will oder angesichts dessen, was die Menschen der Welt antun, Suizid begehen möchte.

Referenzen

  • Derricourt, Robin M. Unearthing Childhood: Young Lives in Prehistory, 2018.
  • Ryan, Christopher. Civilized to Death: The Price of Progress, 2019.
  • Spikins, Penny. How Compassion Made us Human: the Evolutionary Origins of Tenderness, Trust and Morality, 2015
  • Spikins, Penny, et al. »Living to Fight Another Day: The Ecological and Evolutionary Significance of Neanderthal Healthcare« in Quaternary Science Reviews, Vol. 217, 2019 S. 98-118.
  • Weyrich, Laura S., et al. »Neanderthal Behaviour, Diet, and Disease Inferred from Ancient DNA in Dental Calculus.« Nature, International Journal of Science, Vol. 544, 2017, S. 357-361.

 


Ria Del Montana in Eine ikonoklastische Ungeheuerlichkeit: Behinderung gegen die Zivilisation, erschienen als Übersetzung aus dem Englischen beim Maschinenstürmer Distro.

Die „groß angelegte Durchimpfung“ der Bevölkerung

von Impfzentren, mobilen Impfteams, militärisch bewachten Impfstoffen und Gentechnik

Es sind martialische Worte mit denen der bayerische möchtegern Monarch da auf einer Pressekonferenz diesen Sonntag von dem sprach, was er in den kommenden Wochen der bayerischen Bevölkerung so alles antun will. Einsperren will er uns alle sowieso, das ist dieser Tage ja sowieso gar keine Frage mehr, aber darum soll es hier nicht gehen. Ich spreche von den Impfplänen, die nicht nur Bayern, sondern ganz Deutschland dieser Tage verfolgt. Es geht um nichts weniger, als um die „groß angelegte Durchimpfung“ der Bevölkerung, um es mit Söders Worten zu sagen. Was das genau bedeuten soll, darüber schweigen sich die Verantwortlichen bislang weitestgehend aus, aber obwohl bislang kein Impfstoff die Zulassung erlangt hat, werden überall in Deutschland bereits allerhand Vorbereitungen getroffen. Es werden sogenannte Impfzentren eingerichtet, mobile Impfteams aufgestellt, das Militär wird zur „Sicherung“ und Auslieferung der Impfstoffe mobil gemacht. Es soll schließlich schnell gehen, das „Durchimpfen“, wenn es soweit ist.

Dabei dürfte sich doch für Viele die dringende Frage stellen, ob sie sich überhaupt impfen lassen wollen. Noch wird die Zulassung der zur Debatte stehenden Impfstoffe für die EU geprüft, sowieso wären diese erst einmal nur bedingt zugelassen. Sonst übliche, ausführliche medizinische Tests mit einer größeren Beobachtungsspanne entfallen entweder oder wurden nur im Eilverfahren durchgeführt. Wer mit diesem Impfstoff geimpft wird, dem muss klar sein, dass er hier vorrangig als menschliches Versuchskaninchen dient. Gerade Angehörige von „Risikogruppen“ sollen den Plänen der Regierung zufolge zuerst geimpft werden. „Mobile Impfteams“ (Pressemitteilung der Stadt München vom 02.12.2020) – klingt wie eine polizeiliche Spezialeinheit mit Spritze, oder? – sollen dafür sorgen, dass die Bewohner*innen von Alten- und Pflegeheimen ihre Dosis auch dann bekommen, wenn sie nicht ins regionale Impfzentrum gelangen können. Ob bei all dieser Massenabfertigung überhaupt Zeit für ein Beratungsgespräch zwischen Ärztin und Patient bleibt? Ein Gespräch, in dem nicht nur die allgemeinen Risiken besprochen werden können, sondern eben auch individuelle, denn wie bei jedem anderen Medikament ist eben auch hier nicht davon auszugehen, dass das alle Menschen gleich gut vertragen. Vielleicht erübrigt sich dieses Gespräch ja auch ohnehin: Seit März 2020 ist im sogenannten Infektionsschutzgesetz der Bundesrepublik Deutschland eine Impfpflicht festgelegt, die natürlich auch auf eine Coronaimpfung übertragen werden könnte, auch wenn die Regierung bislang versichert, dass es keine Impfpflicht geben werde – aber das Gleiche hat man ja auch schon von Lockdown und dergleichen gesagt, bevor all das dann irgendwann doch verordnet wurde. Jedenfalls hat man sich Anfang dieses Jahres die Möglichkeiten geschaffen, eine Zwangsimpfung juristisch durchsetzen zu können.

Ohnehin scheint man im Hinblick auf den Impfstoff merkwürdige Allianzen einzugehen. Medienberichten zufolge soll die Bundeswehr die Auslieferung und Lagerung der Impfstoffe übernehmen. Auch weil man sich davor fürchtet, dass die Bevölkerung diese Impfstoffe vernichten könnte. Man greift also auf eine Praxis zurück, die wiederholt bei Impfstofftests gegen den Willen der Bevölkerung in afrikanischen Ländern und Indien erprobt wurde (siehe auch Eingeimpft in Zündlumpen #078). Und das Szenario ist vielleicht gar nicht so weit hergeholt. Immerhin handelt es sich bei den beiden Impfstoffen, deren Zulassung geprüft wird, um sogenannte mRNA-Impfstoffe. Impfstoffe also, die mithilfe von Genetik arbeiten und in die inneren Prozesse menschlicher Zellen eingreifen. Das Unternehmen Moderna, das einen dieser Impfstoffe entwickelt, macht etwa offen Werbung damit, „die Software des Lebens umschreiben“ zu wollen und das Mainzer Unternehmen BioNTech, das andere, steht dem in nichts nach. Wird einer dieser Impfstoffe zugelassen, wäre das der erste Impfstoff, der nach dieser Methode arbeitet. Zufällig? Oder sehen die Unternehmen hier nicht vielmehr eine Möglichkeit, die Zulassung für ein Verfahren zu bekommen, dessen Konsequenzen noch schwer abzuschätzen sind? Jedenfalls drängt sich einem dieser Verdacht förmlich auf.

In München soll auf dem Messegelände ein solches Massenabfertigungs-Impfzentrum errichtet werden. Bis zum 15. Dezember soll es einsatzbereit sein, auch wenn ein Impfstoff wohl zumindest erst Anfang nächstes Jahr zur Verfügung stehen wird. Dann jedoch scheint Söders Plänen zur „groß angelegten Durchimpfung“ der Bevölkerung nichts mehr im Wege zu stehen. Außer natürlich es kommt zu unvorhergesehenen Pannen bei der Einrichtung des Impfzentrums …

Eingeimpft

Eine kleine Sammlung von etwas anderen Geschichten über Bazillen, Impfungen und ihre sozialen Kontexte

Mit großer Ungeduld warten dieser Zeit so einige auf die erlösende Impfung. Immer wieder haben Politik und Pharmaunternehmen Verheißungen von einem kurz vor der „Zulassung“ stehenden Impfstoff laut werden lassen, immer wieder wurden die Erwartungen der Menschen getrübt. Nun ist es wieder einmal soweit. Ein Unternehmen namens BioNTech (ja, wer da an Gentechnik denken muss, liegt verdammt richtig) aus Mainz (nur falls sich jemand für die genaue Adresse interessiert: An der Goldgrube 12, 55131 Mainz – man scheint dort ja big im Business zu sein …) plant einen mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 auf den Markt zu bringen. Das wäre der erste mRNA-Impfstoff der in Europa zugelassen wird, aber es ist ja auch die erste Pandemie, die von dermaßen tiefgreifenden und staatlich forcierten sozialen Umwälzungen begleitet wird. Harte Zeiten erfordern eben harte Maßnahmen, so sagt man doch, oder?

Naja, und während nun vielleicht einige, denen die soziale Einsamkeit der vergangenen Monate beinahe jede Kraft geraubt haben mag den erneuten Lockdown zu überstehen, neuen Mut schöpfen ob dieser Verheißung, will ich ja gar nicht so sein und halte vorerst also meine Klappe dazu. Und um euch in eurem Warten dann immerhin ein wenig die Zeit totschlagen zu helfen, habe ich die Ketzerei gewagt, einige kurze Geschichten aufzuschreiben, die Impfungen in einem etwas anderen Lichte zeichnen, als in dem der großen Erlösung vor todbringender Krankheit … Man wird es ja wohl wenigstens erzählen dürfen, oder nicht?

Robert Koch, die Segregation von Schwarzen und Weißen, die Schlafkrankheit und die Tropenmedizin

Der Protagonist meiner ersten Geschichte ist heute zumindest in Deutschland in aller Munde. Robert Koch. Nach ihm ist eben jenes Institut benannt, von dem wir später noch ganz andere Geschichten zu hören bekommen werden und das in den letzten Monaten vor allem dadurch von sich reden machte, dass es die Einsperrung der Menschen zum Schutz vor Corona-Infektionen empfahl/empfiehlt und wissenschaftlich zu untermauern sucht(e). Robert Koch, der Namensgeber dieses Instituts, wütete zwischen 1843 und 1910 nicht nur in Deutschland, sondern vor allem auch in Kaiser-Wilhelms-Land (Eine deutsche Kolonie auf Neu-Guinea) und Deutsch-Ostafrika (umfasst heute Tansania, Burundi und Ruanda, sowie einen kleinen Teil von Mosambik) und Uganda. Während es zweifellos der Verdienst Robert Kochs genannt werden kann, die beiden Färbemittel Methylenblau und Vesuvin in die richtige Petrischale mit Tuberkulosebakterien gekippt zu haben, womit ihm der wissenschaftliche Nachweis des Tuberkulosebakteriums gelungen war, sind zumindest einige seiner anderen Verdienste von der Natur, die man in der Medizingeschichte am liebsten verschweigen würde.

Als 1899 die Kolonialverwaltung von Kaiser-Wilhelms-Land angesichts zunehmender Malaria-Erkrankungen befürchtete, dass „bei so vielen Kranken […] die Produktion wichtiger Exportgüter wie Kupfer und Kautschuk behindert werden [könne] […] vor allem aber […] auch viele Europäer der Krankheit zum Opfer [fielen]“ [1], entsandte man Robert Koch dorthin, um eine medizinische Strategie für dieses Problem zu finden. Robert Koch empfahl damals „Blutabnahmen und -tests auf breiter Basis“ zu organisieren, um „diejenigen ausfindig [zu machen], die zwar keine Krankheitssymptome zeigten, aber den Malaria-Erreger dennoch in sich trugen“ [1]. Ein Verfahren, das Robert Kochs Nachfolger dieser Tage gerne zur Perfektion bringen würden. Und auch wenn Malaria bis auf Laborunfälle und durch Bluttransfusionen eigentlich nur während der Geburt von der Mutter auf das ungeborene Kind übertragen werden kann, ging Robert Koch wohl davon aus, dass infizierte Menschen eine Bedrohung für nicht infizierte darstellten. Seine Empfehlung, mit Malaria infizierte Personen von jenen fernzuhalten, die nicht mit Malaria infiziert seien, wurde durch Umsiedlungen in die Tat umgesetzt, die letztlich vor allem zu einer Segregation von Schwarzen und Weißen führte, unabhängig davon, wer nun infiziert war und wer nicht.

Kurz nachdem Koch von dieser Expedition nach Deutschland zurückkehrte, machte Koch wieder von sich reden, als er 1890 mit Tuberkulin ein angebliches „Heilmittel“ gegen Tuberkulose präsentierte. Bis heute lässt sich nur schwer nachvollziehen, ob Koch dabei aus Profitinteressen ein Mittel in Umlauf brachte, das statt zu heilen eher Schäden bei den Patient*innen verursachte und sogar Todesfälle hervorrief oder ob er dabei nicht eher Opfer seines eigenen wissenschaftlichen Pfuschs geworden ist. Vielleicht ist es auch eine Mischung aus beidem. Jedenfalls schien er sich einerseits Millionengewinne zu versprechen (entsprechend hielt er die Zusammensetzung seines Mittels auch geheim und konnte sich später auch selbst nicht so ganz entsinnen, was er da überhaupt zusammengeschüttet hatte) und andererseits um die (Neben-)wirkungen seines „Heilmittels“ gewusst zu haben: „Er rief wieder meine Opferwilligkeit und meinen Idealismus, indem er von dem Wert für den Menschen sprach“, berichtete seine spätere Ehefrau Hedwig Freiberger, die Koch damals als 17-Jährige dazu überredete, an ihr Versuche mit Tuberkulin durchführen zu dürfen und fährt dann fort: „Ich könne möglicherweise recht krank werden, aber allzu schlecht würde es ja wahrscheinlich nicht kommen. Sterben würde ich voraussichtlich nicht“. Hedwig Freiberger starb nicht, wohl aber zahlreiche Patient*innen, an denen das Mittel in der Folge getestet wurde. Als Koch aufgefordert wurde, die Meerschweinchen vorzuweisen, die er angeblich in Versuchen mit Tuberkulin geheilt haben wollte, konnte er dies ebenfalls nicht. [2]

Doch einige Jahre später sollte Koch eine weitere Chance bekommen, seine Menschenversuche fortzusetzen. Wieder einmal fürchteten Kolonialmächte um ihre Arbeitskräfte, als im britischen Protektorat Uganda eine Schlafkrankheitsepidemie in wenigen Jahren eine Viertelmillion Menschen tötete. Für Koch scheinbar ein ideales Testfeld, um den Einsatz von chemischen Präparaten an Menschen zu testen, nachdem seine ersten Bestrebungen diesbezüglich in Deutschland auf erhebliche Kritik gestoßen waren. Auf einer der Sese-Inseln errichtete Koch mit seinen Mitstreitern 1906 ein Forschungslager, in dem er seine Experimente durchführen würde. Freilich könne nicht damit gerechnet werden „daß die Kranken sämtlich freiwillig kommen“, schreibt er später und schlussfolgerte „Sie müssen aufgesucht werden“ [1]. Nun, das kennt man ja, wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, dann muss eben der Prophet zum Berg oder wie in diesem Fall der Arzt zu seinem Versuchsobjekt kommen. In Kochs Fachjargon nennt man diese Praxis eben das „Aufsuchen“ eines Kranken. Entsprechend kann man sich dann auch die „Behandlung“ der „Kranken“ in seinem Lager vorstellen: Sein Assistent Friedrich Karl Kleine erläuterte dazu, dass man diese in einer Liste führte und ihnen zu diesem Zweck allen „eine große auf Holz geschriebene Nummer um den Hals“ hängte. Verabreicht wurde ihnen unter anderem Atoxyl, ein arsenhaltiges Präparat, das in den von Koch verabreichten Dosen zu schweren Nebenwirkungen führte. Koch selbst bemerkt dazu folgendes: „Nicht wenige Kranke entzogen sich sehr bald dieser stärkeren Behandlung […] [sie war] zu schmerzlich und [verursachte] auch sonstige unangenehme Empfindungen […], wie Übelkeit, Schwindelgefühl, kolikartige Schmerzen im Leibe“. Aber: „Da diese Beschwerden indessen nur vorübergehend waren, so wurde mit der Behandlung fortgefahren“. Nachdem Koch auf diese Weise eine ganze Reihe an Präparaten getestet hatte, auf deren Testung man in Deutschland bisher bewusst verzichtet hatte, kehrte er nach Deutschland zurück und verkündete dort seinen Plan zur Eindämmung der Schlafkrankheit, der Aufschluss über so einiges in seinem Denken gibt, das Virologen heute übernommen zu haben scheinen:

Afrikaner müssten, so erläuterte er, aus solchen Regionen, in denen die Tsetse-Fliege vorkam, an fliegenfreie Orte umgesiedelt werden. Dort würde eine Ansteckung untereinander unmöglich, und: „[D]ie infizierten Individuen würden dann, da die Sterblichkeit ohne Behandlung eine absolute sei, ausnahmslos zugrunde gehen, damit werde dann die Seuche erlöschen. Die Gesunden könne man nach einer gewissen Zeit – bis die Fliegen ihre Infektionsfähigkeit verloren hätten – wieder an ihren ursprünglichen Wohnsitz zurücklassen.“ („Sitzung“: 935). Koch ging es also nicht in erster Linie um eine Heilung von Kranken, sondern darum, diese von Gesunden fernzuhalten, sie gewissermaßen als Ansteckungsquellen zu „isolieren“.

Dem Mediziner war bewusst, dass sein Plan undurchführbar sein würde. Er hatte ihn lediglich als Utopie formuliert, um seine Zielsetzungen abzustecken. Als praktikablere Variante präsentierte er das Konzept der „Konzentrationslager“ („Sitzung“: 936). Er hatte diesen Begriff der britischen Praxis entlehnt: In Südafrika hatten die Briten sogenannte „concentration camps“ eingeführt, um darin politische Gegner zu inhaftieren, und internierten darin jetzt Kranke. Koch empfahl, in Deutsch-Ostafrika Schlafkrankenlager zu errichten, in denen Infizierte fern von ihren Heimatorten dauerhaft untergebracht würden. Hier sollten sie regelmäßig mit Atoxyl behandelt werden. Offensichtlich zielte dieser Plan aber weniger auf eine Heilung der Kranken, als dass er derselben Idee folgte wie Kochs Vision großangelegter Umsiedlungen: Die Schlafkrankenlager sollten Kranke so lange von ihren Wohnorten fernhalten, „bis anzunehmen ist, daß an ihrem Wohnorte nach Entfernung aller Trypanosomenträger [also aller Infizierten] die Glossinen frei von Infektionsstoff geworden sind.“ (Koch 1907: 1894). Schlafkrankenlager wurden von Koch also nicht in erster Linie als Behandlungs-, sondern als Isolierstätten entworfen – ein Konzept, das auch in Togo und Kamerun übernommen wurde (Bauche 2005: 86-90; Eckart 1997: 345).

Nach Kochs Willen sollten die Lager aber noch eine zweite Funktion als Forschungsstätten erfüllen. Der Mediziner scheute sich keineswegs, dies offen auszusprechen: „Da in den Konzentrationslagern eine genaue Beobachtung während längerer Zeit möglich sei, könne man hier am besten den empfehlenswerten Modus der Atoxylbehandlung ausfindig machen und beispielsweise auch eine etappenmäßige Therapie erproben“ („Sitzung“: 936). Tatsächlich wurden nach Kochs Abreise im Oktober 1907 in Deutsch-Ostafrika drei Schlafkrankenlager errichtet, in Togo und Kamerun wurden insgesamt fünf solcher Anstalten geschaffen. In ihnen wurde an den Körpern von Afrikanern mit über einem Dutzend verschiedener chemischer Präparate, mit unterschiedlichen Dosierungen und Verabreichungen experimentiert (Bauche 2005: 84, 90-103; Eckart 1997: 161-74, 346).

Auszug aus Manuela Bauche. Robert Koch, die Schlafkrankheit und Menschenexperimente im kolonialen Ostafrika. [1]

Das Robert Koch Institut, die Suche nach einem Malariaimpfstoff und Menschenexperimente in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern

Der Protagonist meiner nächsten Geschichte ist ein Schüler Robert Kochs, der sich nach einer Karriere als Kolonialarzt in Togo und Deutsch-Ostafrika ab 1905 als Direktor der tropenmedizinischen Abteilung am Robert Koch-Institut (damals noch Königlich Preußisches Institut für Infektionskrankheiten, den Namen Robert-Koch-Institut erhält das RKI erst 1942) herumtrieb. Sein Name ist Claus Karl Schilling. Manch einer*m mag dieser skrupellose Mediziner auch als „Blutschilling“ bekannt sein, wie ihn die Insass*innen des KZ Dachaus genannt haben sollen, als er zwischen Februar 1942 und April 1945 grausame Experimente an ihnen vollführte, in deren Folge zwischen 300 und 400 Menschen ums Leben kamen. Aber ich will von vorne beginnen.

Als Claus Schilling um 1920 das Angebot bekam, im faschistischen Italien Mussolinis an Insassen Psychiatrischer Kliniken in Volterra und San Niccolò di Siena zu forschen, willigte er ein. Er beschäftigte sich dort mit Fragen der Immunisierung anhand von serologischen Experimenten. Warum der italienische Staat daran ein Interesse hatte, war klar. Im Abessinienkrieg und anderen kolonialen Vorhaben fürchtete man sich vor Malariainfektionen der Truppen und hoffte auf einen Impfstoff oder ein anderes Gegenmittel. Auch die nationalsozialistische Regierung Deutschlands finanzierte Claus Schillings Forschungen tatkräftig.

1936 emeretierte Claus Schilling als Professor am heutigen Robert Koch-Institut, griff seine vorherigen Experimente jedoch im Februar 1942 im Auftrag Heinrich Himmlers und statt in Psychiatrien nun im KZ Dachau wieder auf. Mehr als 1000 Häftlinge infizierte er dort mithilfe von infizierten Stechmücken oder der Verabreichung eines Extrakts aus ihren Speicheldrüsen mit Malaria, um an einem Impfstoff gegen Malaria zu forschen. Heinrich Wieland, eine Art Chemiewaffenforscher sagte 1945 über Claus Schilling, „dass er [Schilling] als echter Forscher sein wissenschaftliches Ziel mit aller Leidenschaft verfolge. Er hat mir gegenüber keinen Hehl daraus gemacht, dass für ihn die Zusammenarbeit mit Instanzen der Partei, deren ausgesprochener Gegner er war, ein schweres Opfer bedeute, das er jedoch der Sache zuliebe bringen müsse.“ So scheint das mit der Medizin zu sein. Es geht um die Sache, aber um welche? Menschen zu heilen? Aber warum sie dann mit tödlichen Krankheiten infizieren? Ja, wenn ich das nur verstehen würde …

Claus Schillings Forschung an Impfstoffen in Konzentrationslagern war übrigens keineswegs einzigartig. Unter Leitung des Hygiene-Instituts der Waffen SS – dessen Aufgabe es war, Seuchenausbrüche in der Armee zu bekämpfen/verhindern – und unter Mitwirkung der heute beispielsweise im Unternehmen Bayer fortbestehenden IG Farben wurde auch im KZ Buchenwald, in Zusammenarbeit mit dem KZ-Arzt Joseph Mengele in Auschwitz, im KZ Mauthausen, im KZ Natzweiler-Struthof und im KZ Sachsenhausen zu Impfstoffen gegen Fleckfieber, Ruhr, Pocken, Typhus, Paratyphus A und B, Cholera, Diphtherie, Gelbfieber, Tetanus geforscht, bzw. bereits entwickelte Präparate auf ihre Nebenwirkungen getestet. In Buchenwald starben an diesen Tests 1100 Menschen, in Mauthausen sollen 1700 Menschen mit Paratyphus und Tetanus infiziert worden sein. Und wieder einmal mit dabei: Das RKI. Und zwar unter anderem vertreten durch Eugen Gildemeister, seinen damaligen Präsidenten, der zahlreiche dieser Experimente selbst mit plante, sowie Niels Eugen Haagen, Leiter der Abteilung für experimentelle Zell- und Virusforschung am RKI, der unter anderem an Fleckfieberversuchen im KZ Natzweiler-Struthof beteiligt war.

Impfpflicht in der DDR

„Der Sozialismus ist die beste Prophylaxe“
Losung des DDR-Zwangsimpfungsprogramms

Den Zwang zur Impfung hat es seit 1853, als der Vaccination Act in Großbritannien eine Pockenimpfung für alle Kinder innerhalb der ersten drei Lebensmonate vorschrieb, überall auf der Welt immer mal wieder gegeben. Erst im März dieses Jahres (2020) hat auch die Bundesrepublik Deutschland wieder eine Impfpflicht eingeführt. Impfpflicht, wie kann man einer solchen Verherrlichung des Zwangs nur etwas positives abgewinnen? Und das ist vermutlich auch der Grund, warum diejenigen, die diese „Pflicht“ dann aus der einen oder anderen autoritären Sehnsucht heraus doch befürworten, dieses Wort so ungern in den Mund nehmen. Sogenannte Impfgegner*innen, die sich dagegen nicht scheuen, dieses Wort auszusprechen, weil sie eben jene Zwänge anprangern wollen, wurde und wird dann immer entgegengehalten: Zwangsimpfungen gibt es nicht. Aber seit kurzem stimmt das eben nicht einmal mehr in der BRD.

Propaganda damit zu betreiben, dass man Menschen zwangsweise (meist) ein Gemisch aus (lebendigen oder toten) Krankheitserregern und irgendwelchen Giften injiziert, auf diese Idee muss man erst einmal kommen und es bedarf einer enormen Vorarbeit durch die wissenschaftliche Propaganda, dass überhaupt die Chance besteht, dass das Ganze von irgendjemandem geschluckt wird. Aber wenn man heute in Medizin- und Politikkreisen geneigt zu sein scheint, der Losung „der Sozialismus ist die beste Prophylaxe“ zuzustimmen, so ist das eben deshalb nicht verwunderlich, da man in eben jenen Kreisen auch nicht gerade das Individuum in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt und die Körper der Menschen vielmehr als eine Art Ressource betrachtet werden, mit denen man meint anstellen zu können, was man will. Wie in der DDR eben, wo die „Volksgesundheit“ vielleicht weniger in einem streng eugenischen Sinne, dafür mehr im Sinne der Ausrottung von Infektionskrankheiten dem nationalsozialistischen Vokabular entlehnt wurde. Und doch scheint die Betrachtungsweise menschlicher Körper nicht grundverschieden zu sein. Während die einen vor allem die „erbbiologische Reinheit“ des Volkes verfolgen, bei der die individuellen Körper diesem Ziel untergeordnet werden, verfolgen die anderen eben eine epidemeologische Reinheit des Volkes und in beiden Fällen spielten Impfungen, die den Körpern verabreicht wurden, eine herausragende Rolle bei der Erreichung dieses Zieles.

Aber Parallelen ziehen kann man ja immer und vom Nationalsozialismus, dessen Anhänger vielleicht nicht ganz zufällig am häufigsten aus der Berufsgruppe der Ärzte stammten, ist in dieser Sammlung von Geschichten sowieso zur Genüge die Rede. Ich will mich hier also auf die Vorstellungen in der DDR unter gelegentlichen Querverweisen auf Praktiken in anderen sozialistischen Staaten beschränken, die heute auch jenseits des Sozialismus eine Wiederbelebung zu erfahren scheinen.

Als ein dem Kapitalismus in jeder Hinsicht überlegenes System war es schon in der bolschewistischen Sowjetunion der frühen Jahre naheliegend, die damals weltweit grassierende Pest einfach für nicht existent zu erklären. Ganz nach dem Motto von Nikolai Smasko, der wider besseres Wissen 1919 erklärte, dass es „nicht einen einzigen Fall“ der Seuche im Land der Revolution gäbe [3]. Und wenn es auch durchaus plausibel ist, dass Seuchen an den Grenzen der Zivilisation enden, so ist doch in keinerlei Hinsicht plausibel, dass diese an Ländergrenzen oder auch an der Grenze zum Sozialismus enden. So auch nicht die Pest: Offiziell leugnete man diese in der Sowjetunion, intern führte man Statistiken über sie nur mit Codeworten, in diesem Fall „form 100“, um zu verhindern, dass Außenstehende diese verstanden und 1938 erklärte man die Pest für ausgerottet, was diese freilich nicht daran hinderte, weiter zu wüten. Und weil sich soetwas wie die Pest eben auch nicht ganz so leicht geheimhalten lässt, griff man gelegentlich eben noch zu ganz anderen Maßnahmen:

Der „Rat der Volkskommissare“ in Aserbaidschan reagierte auf eine Pestepidemie Anfang 1931 im Autonomen Gebiet Bergkarabach mit rigiden Anweisungen. Die Volkskommissare untersagten „der Post- und Telegrafenbehörde die Übermittlung von Telegrammen von Privatpersonen über die Pest“. Mehr noch: Der Rat beschloss, die „Verbreiter böswilliger Gerüchte über Epidemien“ zur Verantwortung zu ziehen. Wer über die Pest redete, sollte im Zweifelsfall „Maßnahmen zur sozialen Verteidigung“ zu spüren bekommen, „bis hin zur Erschießung“. [3]

Ein eklatanter Widerspruch in einem Land, das die Gesundheit seiner Bürger*innen so hoch hält? Oder offenbart diese Haltung, sicherlich kein Einzelfall, nur worum es bei all dem Hygienewahn eigentlich ging? Vielleicht vielmehr um den Erhalt der Arbeitskraft und die Befriedung der Bevölkerung, als um das individuelle Wohlbefinden? Aber wenden wir uns wieder dem deutschen sozialistischen Bruderstaat zu. Kaum irgendwo wurde so fleißig geimpft. 17 Pflichtimpfungen galt es vor Vollendung des 18. Lebensjahres zu bekommen, zur Bürgerpflicht wurde das Ganze erhoben, damit „auch die Uneinsichtigen und Trägen im Interesse der Allgemeinheit zur Schutzimpfung“ bewegt würden [4]. Jaja, der Impfkommunist hat die Trägen und Uneinsichtigen eben nicht so gerne … sie stehen seinem Fortschritt im Wege.

Bestimmt lassen sich auch aus der DDR abertausende Geschichten davon erzählen, wie das einer Person ungefragt oder gegen ihren Willen per Injektion verabreichte Gift seinen Schaden anrichtete, aber ich will mich hier auf eine vielleicht schon bekannte Geschichte beschränken, der wissentlichen Infektion von tausenden Schwangeren mit Hepatitis [5]. Ursache: Kontaminierte Anti-D-Prophylaxe-Impfungen. Freilich wird der Körper gebärfähiger Personen auch im real existierenden Sozialismus, in mancherlei Hinsicht vielleicht gerade dort, insbesondere im Falle einer Schwangerschaft ganz besonders als Eigentum des Staates betrachtet. Immerhin geht es nicht nur um künftige Soldat*innen, sondern auch um Arbeiter*innen, die wichtigste Ressource jedes Staates, wobei sich die Staaten sozialistischer Ausprägung dessen vielleicht noch ein wenig bewusster sind, als andere Staaten. Jedenfalls war die Anti-D-Prophylaxe-Impfung in der DDR eine Pflichtimpfung für Folgeschwangere mit potentieller Rhesus-Inkompatibilität.

Zur Herstellung des Impfstoffes war Blutplasma mit entsprechenden D-Antikörpern erforderlich, das im Jahr 1978 besonders knapp war. Obwohl die Laborkräfte um Wolfgang Schubert wissen, dass eine Plasmaspende mit Hepatitisviren verseucht ist und dementsprechend nicht zur Herstellung des Impfstoffes verwendet werden darf, greifen sie angesichts eines Mangels an Ersatz dennoch darauf zurück. Ihre Versuche, dieses Plasma entsprechend zu verdünnen, um die Viren abzutöten, gelingen nicht. Die hergestellten Impfstoffe werden dann aber doch ausgeliefert. Mindestens 2000 Impfdosen werden Schwangeren verabreicht, die daraufhin teilweise in Lebensgefahr schweben. Aber damit nicht genug. Eine Untersuchung der Vorfälle deckt zwar auf, dass Schubert auf Druck von seinen Vorgesetzten die infizierten Impfstoffe ausgeliefert und ihre Kontamination bewusst verschleiert habe, aber natürlich darf so etwas nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

Stattdessen werden die in letzter Zeit Geimpften in die Krankenhäuser einbestellt, wo sie Bluttests unterzogen werden, ohne selbst näheres dazu zu erfahren, worauf sie hier überhaupt getestet würden. Wer als infiziert gilt, wird in Quarantäne gesteckt, teilweise für mehr als vier Monate und das ebenfalls ohne genau zu wissen, was eigentlich los ist. Und die einzige Sorge der letztlich verantwortlichen Politik: Wie lässt sich vertuschen, dass rund 1400 Schwangere und 30 ihrer Säuglinge gerade wissentlich mit einer neuen Hepatitisform infiziert wurden. Was würde das auch für ein Licht auf den sozialistischen Impfwahn werfen?

Und so kommt es, dass einige Monate später noch einmal rund 1000 Schwangere mit demselben Hepatitisvirus infiziert werden. Man hatte zu ihrer Herstellung noch einmal ein Produkt aus dem ursprünglich kontaminierten Serum verwendet. Mit „vertretbarem Risiko hinsichtlich der Gefahr der Übertragung einer Hepatitis“.

Wie das Marburgvirus einmal im Labor der Behringwerke ausbrach

„Impfungen retten Leben“, behauptet die WHO. Manchmal kosten Impfungen aber auch Leben. Und damit meine ich an dieser Stelle gar nicht diejenigen, die an der für ihren Körper eben falschen Dosierung von (abgetöteten) Erregern und sonstigen Giften erkranken und schließlich sterben. Es ist gar nicht so selten, dass Impfstoffe oder andere Medikamente andere Krankheitserreger als die gegen die sie wirken sollen, verbreiten und wie eine der nächsten Geschichten zeigen wird, ist das – wenig verwunderlich – auch nicht nur im Realsozialismus vorgekommen. Auch in dieser Geschichte geht es um die Verbreitung einer neuen Krankheit durch die Herstellung von Impfstoffen. Nur diesmal verließ diese Krankheit die Labore nicht als Impfstoff, sondern befiel die Labormitarbeiter*innen.

Es ist die Geschichte des Marburg-Virus, der 1967 in den Laboratorien des IG-Farben-Nachfolgekonzerns Behringwerke vermutlich von Äthiopischen Grünmeerkatzen auf Labormitarbeiter*innen übertragen wurde. Die aus Uganda entführten Tiere wurden in Marburg zur Gewinnung von Masern- und Polio-Impfstoffen eingesetzt, in Frankfurt wurden diese Impfstoffe dann an ihren herauspräparierten Nieren getestet.

Die Affen, die am 28. Juli 1967 zu den Marburger Behringwerken und zum Paul-Ehrlich-Institut in Frankfurt gebracht wurden, waren aber mit einem bis dahin unbekannten, besonders tödlichen (über 25% der Infizierten sterben an den Folgen) Virus infiziert, das heute als Marburgvirus bekannt ist. Sowohl in Frankfurt, als auch in Marburg infizierten sich Labormitarbeiter*innen und Tierpfleger*innen, insgesamt 24 Personen erkrankten an dem Virus. Sieben von ihnen starben bis Ende des Jahres.

Für mehr als 600 Äthiopische Grünmeerkatzen, die in Laboren in Frankfurt, Marburg und Belgrad eingesperrt und versklavt wurden, nahm das Ganze übrigens ebenfalls ein tödliches Ende. Sie wurden durch Blausäure ermordet.

Bewusste HIV-Infektionen durch Pharmakonzerne

In dieser Geschichte geht es nicht im engeren Sinne um Impfstoffe oder Impfungen, sondern um pharmazeutische Blutprodukte im Allgemeinen, von denen in den 80er-Jahren, nachdem das HI-Virus entdeckt wurde, zahlreiche damit kontaminierte Produkte wissentlich in Länder verkauft wurden, in denen entsprechende Regulierungen noch nicht galten. Da aus Blutprodukten häufig auch Impfstoffe gewonnen werden und das Ganze Ausmaße angenommen hat, die eine genaue Nachverfolgung aller verkauften Blutprodukte unmöglich macht, scheint mir diese Geschichte in diesem Kontext durchaus passend. Immerhin lässt sich kaum ausschließen, dass dabei letztlich auch Impfstoffe aus HIV-kontaminierten Blutprodukten in Umlauf geraten sind.

Natürlich gab es schon vor Entdeckung von HIV zahlreiche Blutprodukte, die damit kontaminiert waren. Und ebenso besteht natürlich auch heute bei jedem Produkt, das aus Blutseren gewonnen wird und jedem Produkt, das andere Blutprodukte umfasst, die Möglichkeit, dass es bislang unbekannte Krankheitserreger enthält. Denn was man nicht kennt, darauf kann man freilich auch nicht testen. Die folgenden Geschichten jedoch zeigen, dass auch wenn ein Erreger bekannt ist, es immer noch skrupellose Pharmaunternehmen gibt, die damit kontaminierte Produkte weiterverkaufen.

Cutter zum Beispiel, ein Tochterunternehmen von Bayer, ersetzte 1984 HIV-kontaminierte Produkte auf dem US-Markt durch weniger infektiöse Alternativen. Aber eben nur auf dem US-Markt und in Europa. In andere Länder, darunter Hongkong und Taiwan, exportierte man noch mindestens ein Jahr lang wissentlich das kontaminierte Produkt. Und man wollte nicht nur noch schnell die Reste loswerden. Nein, mehrere Monate lang produzierte man das kontaminierte Produkt noch weiter. In Hongkong und Taiwan alleine wurden dabei mehr als 100 Bluterpatienten mit HIV infiziert. Viele starben daran. Verkauft wurde das „Medikament“ auch nach Malaysia, Singapur, Indonesien, Japan und Argentinien. [6]

Noch eine Spur dreister ging man bei der österreichischen Firma Albovina GmbH vor. Zwischen 1993 und 1996 kaufte man dort – vermutlich weil es billig war – Blutkonserven, die mit HIV und Hepatitis kontaminiert waren, aus Afrika an. Zu Forschungszwecken, wie man betonte – ja wozu auch sonst kontaminiertes Blut kaufen?! Die „Forschung“ bestand dann aber darin, das Blut umzuetikettieren und weiterzuverkaufen. Und zwar unter anderem zur Herstellung von Medikamenten, die vor allem in Indien und China als „Albupan“ verkauft wurden.

Berühmt wurde auch der Verkauf von kontaminiertem Blut durch das Unternehmen Health Management Associates, das Blutspenden aus Gefängnissen nach einem Verkaufsverbot in den USA in andere Länder verkaufte. An diesem Beispiel zeigt sich auch, woher die Medizin so ihre „Rohstoffe“ nimmt. Gefangene und arme Menschen sind häufig diejenigen, deren Blut die Profite der Pharmakonzerne ermöglicht.

Wiederholte Impfstoff-Feldversuche auf dem afrikanischen Kontinent und in Indien

Was Robert Koch einst vorgemacht hat, das hat sich bis heute nur wenig geändert: Die Auswirkungen von Medikamenten, also auch Impfstoffen, auf den menschlichen Organismus müssen schließlich erforscht werden, bevor diese Medikamente zugelassen werden. Und nicht immer gelingt es da, an die Opferwilligkeit der*s eigenen Partner*in oder anderer Patient*innen zu appellieren. Also warum da nicht ausziehen zu einer Forschungs-Expedition in diese oder jene Kolonie, um das fragliche Mittelchen an den Körpern der Menschen dort zu testen. Ach so, die Kolonien gibt es nicht mehr? Macht nichts, der Kolonialismus ist uns schließlich in der einen oder anderen Form dann doch erhalten geblieben …

Und was wäre die Bill und Melinda Gates Foundation für eine Stiftung, wenn nicht auch sie hier immer wieder ihre Finger mit im Spiel hätte?

Und während ich diese Geschichte aufschreibe, da stellt eine mediale Debatte ihre Brisanz unter Beweis: Sollte man einen eventuellen Corona-Impfstoff nicht vielleicht zuerst in „Afrika“ testen? Und während sich die einen oder anderen Befürworter*innen von Corona-Impfstofftests in „Afrika“ nach Kritik nun mit Statements wie „Afrika sollte nicht vergessen oder von der Forschung ausgeschlossen werden, denn es ist eine globale Pandemie“ aus der Schlinge ziehen wollen, denke ich, dass die folgende(n) Geschichte(n) eigentlich alles sagen, was zu diesem Thema gesagt werden muss.

Es gibt so viele Geschichten, die davon erzählen, wie die afrikanische Bevölkerung wie Laborratten behandelt wurde, um Medikamente und speziell Impfungen zu testen und doch sind die wenigsten von ihnen außerhalb des afrikanischen Kontinents bekannt oder besonders gewissenhaft dokumentiert. Und es hört einfach nicht auf. WHO, die Gates Foundation, die Rockerfeller Foundation, GAVI und viele andere Akteure leiern immer wieder Projekte an, bei denen die Bevölkerung verschiedener afrikanischer Länder gegen alle möglichen Krankheiten geimpft werden soll. So gut wie nie werden die Geimpften dabei über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt – oft ja nicht einmal darüber, was und warum ihnen da verabreicht wird –, wiederholt werden Impfstoffe erstmals an Menschen getestet (teilweise auch trotz ausreichd getesteter und günstigerer Alternativen) und durch „Fehler“, die hier sicher keinem*r Ärzt*in unterlaufen würden, wie das mehrmalige Verwenden von Kanülen, werden mit vielen Impfungen andere Krankheiten übertragen, ganz besonders HIV (die WHO behauptet, dass 2,5 Prozent der HIV-Infektionen in Afrika daher stammen, andere Studien schätzen diese Zahl eher auf 40 Prozent!). Hinzu kommt, dass immer wieder ans Licht kommt, dass – auch mit Impfstoffen – daran geforscht wird, die Bevölkerung zwangszusterilisieren. Jaja, was hierzulande grundsätzlich als Verschwörungstheorie abgetan wird (und ja, ich nenne hier absichtlich keine Quellen, weil ich es so witziger finde), führt immerhin dazu, dass Impfungen wegen des großen Misstrauens in der Bevölkerung immer wieder vom Militär bewacht werden müssen – naja, scheinbar soll das ja in Kürze auch in Deutschland so sein.

Auch in Indien nehmen medizinische Tests auf Kosten der Bevölkerung dramatisch zu, seit die Regierung die Bestimmungen für Arzneimitteltests gelockert hat, um Pharmakonzerne anzulocken. Die freuen sich nicht nur darüber, dass sie in Indien die Zulassungsstudien für viele Medikamente zu einem Bruchteil der Kosten durchführen können, sondern vor allem auch darüber, dass viele Inder*innen, die sich – wenn überhaupt – freiwillig zur Teilnahme an den Studien melden, zuvor noch nie medikamentös behandelt wurden. Optimale Bedingungen für eine Studie – zumindest aus Sicht der Medizin.

Und auch in Indien wüten die vielen Stiftungen mit Fetisch für Impfungen. Die Bill Gates Foundation – ja, wieder einmal, diesmal mit der Tarnorganisation Path – beispielsweise hat erst 2009 24.000 Mädchen an Schulen gegen Gebärmutterhalskrebs impfen lassen. Ohne Einverständnis ihrer Eltern. Sieben der geimpften Mädchen starben. Ob an der Impfung, wie wenigstens ein Fall, in dem die Todesursache Malaria diagnostiziert wurde, nahelegt, das ließ sich als Monate nach ihrem Tod überhaupt bekannt wurde, dass sie geimpft wurden, nicht mehr wirklich seriös nachvollziehen. Aber daran ist der indischen Regierung ja auch ebensowenig gelegen, wie Path und der Gates Stiftung. Wer das heute behauptet, du hast es erraten, Verschwörungstheoretiker. Aber auch wenn vielleicht durchaus interessant wäre, wie viele tausende Menschen durch medizinische Experimente in Indien und Afrika bereits gestorben sind, ist das doch gar nicht so sehr die relevante Frage, sondern vielmehr: Wie kommt es, dass sich irgendwelche superreichen Arschlöcher immer wieder anmaßen, irgendwelche Leute (zwangs)impfen zu lassen und dabei nicht nur widerliche (sozial-) Experimente betreiben, sondern vor allem den Pharmafirmen, an denen sie – sicher zufällig – auch selbst gewisse Anteile haben, millionen- und milliardenschwere Aufträge zuschachern?!

***

Und? Schon Impfgegner*in?

Warum erzähle ich all diese Geschichten? Ich denke sie alle zeugen von einer gewissen Kontinuität. Einer Kontinuität, in der die Epidemeologie, Impfungen und Medikamente als ihre Werkzeuge ihren autoritären Charakter preisgeben. Wie so oft in der Medizin geht es in diesen Geschichten nicht um die Heilung von Menschen, sondern wenn schon um die Ausbeutung ihrer Körper zu Zwecken der Entwicklung von Heilmitteln für die Körper einiger Privilegierter, um den Erhalt ihrer Arbeitskraft, um Profitinteressen oder um die Verfolgung ganz anderer sozialer Effekte. Diese Kontinuitäten einfach auszublenden und die Medizin oder gar einzelne Zweige wie die Epidemeologie als Autoritäten zu begreifen, die irgendwelche Lösungen für medizinisch-soziale Probleme zu bieten hätten, empfinde ich bestenfalls als zynisch. Ob ein Impfstoff gegen Covid-19 am Ende Leben retten wird, ob er Leben kosten wird, oder ob er nur zu einer neuen Verteilung der Todesfälle innerhalb der sozialen Schichten beitragen wird, das steht für mich ebenso in den Sternen, wie die Frage danach, ob ein Impfstoff in irgendeiner Form zur Aufhebung unserer neuen Gefangenschaft beitragen wird.

In diesem Sinne:
Für die Zerstörung der Medizin und der Zivilisation, die sie nötig gemacht hat.

Referenzen

[1] Manuela Bauche. Robert Koch, die Schlafkrankheit und Menschenexperimente im kolonialen Ostafrika.

[2] Josef M. Schmitdt. Geschichte der Tuberkulin-Therapie. in Pneumologie 10.

[3] Matthias Braun. Schwarzer Tod, Rote Hygiene.

[4] Malte Thiessen. Vorsorge als Ordnung des Sozialen.

[5] Nur eine Spritze.

[6] https://www.nytimes.com/2003/05/22/business/2-paths-of-bayer-drug-in-80-s-riskier-one-steered-overseas.html

Menschen als Versuchskaninchen

Es mag eine Klugscheisserei sein, aber: wenn Bakunin im 19. Jahrhundert behaupten konnte, dass die Wissenschaftler nur Versuchskaninchen benutzen würden… so hat er – vielleicht zu seinem Glück – das 20. Jahrhundert eben nicht erlebt. Es war in Deutschland, wo die Nazi-Mediziner und Ärzte eben Menschen nicht wie, sondern wirklich als Versuchskaninchen oder eben: Versuchsmenschen benutzt haben. Es waren eben gerade Leute aus der Ärzte- und Medizinerzunft, welche besonders oft und früh die NSDAP unterstützten und 1933 dann auch sofort ihren Spielraum massiv erweitert kriegten.

Das mag ein Klugschiss sein. Vielleicht müsste man diese Fakten aber im Hinterkopf behalten. So würde z.B. die Eugen… ähm… Genetik niemals an dem Punkt sein, an welchem sie heute ist, wenn es die Nazi-Menschenexperimente nicht gegeben hätte. Gleiches gilt für ganz viele, ach so neutrale wissenschaftliche Erkenntnisse. Es ist mir zu blöd, hier im Dreck zu wühlen, welche anderen „Erkenntnisse“ auch noch…

Ich will hier ja niemandem irgendwas unterstellen, aber zumindest sollte man aus dem Nationalsozialismus auch ein gewisses Misstrauen gegenüber den Medizinern und Ärzten gelernt haben.

Und es mag geschmacklos sein, es zu sagen, aber ich kann auch wenig dafür, wenn mir gerade heute das „Deine Gesundheit gehört nicht dir!“ und „Gesundheit ist Pflicht“ der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik in den Sinn kommt. Natürlich unter gänzlich anderen Vorzeichen. Natürlich: das Gegenteil der Philosophie von „Ausmerze und Auslese“ als Argument und gesundheitspolitische Absicht, aber dennoch… Irgendwie fällt es mir schwer, die Paralelle aus dem Kopf zu kriegen, und – für mich zu behalten.

Ein schwieriger Patient

Von Menschenversuchen, Genetik und der Unterwerfung des Menschen: Ein Streifzug durch die Welt der Medizin

Wenn ich in ein Krankenhaus gehe, dann ist das erste, was ich tun muss – zumindest vorausgesetzt ich schwebe nicht in akuter Lebensgefahr –, meine Personalien anzugeben. Name, Geburtsdatum, Wohnort, Krankenversicherung. Später werde ich von der*dem behandelnden Ärzt*in penibel gefragt, wie es zu meiner Verletzung/meiner Krankheit gekommen ist und je nachdem welche Verletzungen ich aufweise kann es mir sogar passieren, dass das Krankenhauspersonal die Cops ruft, etwa weil ich Schuss- und/oder Stichverletzungen habe, Verletzungen, die von einer Schlägerei stammen. Je nachdem, welchen Eindruck ich bei den Ärzt*innen hinterlasse kann es mir außerdem passieren, dass ich zwangspsychiatrisiert werde, mir Psychopharmaka und Beruhigungsmittel verabreicht werden, ohne mich über deren Wirkung zu informieren, ich in eine geschlossene Pflegeeinrichtung eingewiesen werde, weil ich für dement oder unzurechnungsfähig gehalten werde oder mir auf ärztliche Empfehlung und richterlichen Beschluss ein gesetzlicher Vormund bestellt wird. Wenn ich mit einem als gefährlich geltenden Virus infiziert bin, kann ich auf Anordnung des ärztlichen Personals unter Quarantäne gestellt werden, wenn ich bei der Geburt in einem Krankenhaus uneindeutige Geschlechtsmerkmale besitze, kann es mir passieren, dass ich genitalverstümmelt werde, usw. Die Liste dessen, was einer*einem in medizinischer „Obhut“ so alles passieren kann, wäre vermutlich endlos.

Trotzdem vertrauen die meisten Menschen auf die Medizin und selbst diejenigen, die Ärzt*innen grundsätzlich mit einem gesunden Misstrauen gegenüberstehen, sehen sich bei zahlreichen Gelegenheiten dennoch auf deren Hilfe angewiesen. Ich will hier weder leugnen, dass die vorherrschende(n) Medizin(en) durchaus in vielen Fällen dazu beitragen, Krankheiten zu heilen, Schmerzen zu lindern und Leben zu retten, noch will ich die Entscheidung einer Person, sich auf die Medizin zu verlassen in irgendeiner Form moralisieren. Stattdessen geht es mir darum, nachzuzeichnen, unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen die „moderne Medizin“ sich entfalten konnte und die Frage danach zu stellen, inwiefern diese Medizin die gesellschaftlichen Bedingungen unter denen wir leben, reproduziert.

Versuche an Menschen

Die Medizin ist eine recht empirische Wissenschaft, d.h. sie basiert auf Beobachtungen, die dann von den Wissenschaftler*innen (Ärzt*innen) entsprechend gedeutet werden. Als solche Wissenschaft ist die Medizin in ihrer heutigen Ausprägung vor allem auf Experimente angewiesen. Der menschliche Organismus – und ersatzweise auch tierische Organismen – wird dabei in der Regel als eine Art Maschine begriffen, deren Funktionsweise nur unzureichend bekannt ist, über deren Reaktion auf bestimmte Inputs jedoch mehr oder weniger präzise Vermutungen angestellt werden können. Mithilfe von Tests sollen diese Vermutungen bestätigt oder verworfen werden. Um beispielsweise ein Medikament gegen eine bestimmte Krankheit zu testen werden heute zunächst in Tierversuchen sogenannte „Versuchstiere“ mit dieser Krankheit infiziert und bekommen dann das zu testende Medikament verabreicht. Dabei wird dann beobachtet, ob die Krankheit dadurch geheilt wird und auch, welche Nebenwirkungen das Medikament verursacht – denn in der falschen Dosis sind die meisten Medikamente Gift für den menschlichen/tierischen Organismus. Stellt sich das Medikament dann als geeignet heraus, werden die gleichen Tests noch einmal an Menschen durchgeführt. Hier werden heute jedoch Menschen gewählt, die die entsprechende Krankheit bereits haben. Auch sollen diese Menschen sich freiwillig als Testobjekte bereiterklären, was sicher in vielen Fällen ein Euphemismus bleibt. Sowohl finanzielle Anreize, als auch Verheißungen der Form „du hast eine Krankheit, die dich umbringen wird, aber ich teste ein Heilmittel, dass diese vielleicht besiegen kann“ spielen heute eine große Rolle bei der Anwerbung „freiwilliger“ Testpersonen.

Was sich heute durch finanzielle Vergütungen subtiler regelt, wurde vor nicht allzu langer Zeit mit großem Zwang durchgeführt. Nicht nur in den Konzentrationslagern der Nationalsozialist*innen, sondern schon lange zuvor. Frühe Mediziner des Altertums sezierten zum Teil Menschen bei lebendigem Leibe, um mehr über die Anatomie und die Funktionsweise des menschlichen Organismus zu lernen. Später wurden alle möglichen Formen von Experimenten an Menschen durchgeführt, die zwangsweise aus Gefängnissen, sogenannten „Irrenanstalten“, aus Waisen- und Armenhäusern, sowie aus Kolonialgebieten verschleppt wurden, um an ihnen zu experimentieren. Sie wurden mit Krankheiten infiziert, um entsprechende Heilmittel zu testen, ihnen wurden Verletzungen zugefügt, damit diese sich entzündeten, um die Immunreaktionen des menschlichen Organismus besser zu verstehen, ihnen wurden bekanntermaßen giftige Substanzen verabreicht, um zu testen, welche Dosis für den Menschen tödlich ist, usw. All das macht mensch übrigens bis heute mit Tieren. Dabei standen die durch Experimente an sozial deklassierten Menschen erworbenen medizinischen Erkenntnisse damals noch viel stärker als heute vor allem den Menschen der privilegierten sozialen Klassen zur Verfügung. Kranken Arbeiter*innen stand so gut wie keine medizinische Versorgung zur Verfügung.

Seit Beginn/Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts gewannen auch Versuche mit psychedelischen Substanzen vor allem im Bereich der militärischen Medizin an Bedeutung. Von ihnen erhoffte mensch sich, den Menschen absoluten Gehorsam zu verabreichen, während mensch wiederum andere Substanzen testete, um die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit von Soldat*innen zu erhöhen. Zugleich experimentiert mensch mit derartigen Substanzen zur psychiatrischen Anwendung, wo diese dazu dienen sollen, unerwünschte kognitive Eigenschaften zu zerstören.

Während heute einerseits die grausamen und brutalen Versuche, die im Namen der Medizin zwagsweise an Menschen durchgeführt wurden, als ein dunkles Kapitel der Vergangenheit beiseite gelegt werden, werden mittlerweile vermehrt Berichte über genetische Experimente an Menschen bekannt und es wird diskutiert, ob es moralisch vertretbar sei, das Erbgut eines Menschen vor seiner Geburt zu beeinflussen, um ihm dadurch vermeintlich ein besseres Leben zu ermöglichen.

Absolute Kontrolle über den Menschen

Genetik, ebenso wie die (militärischen) Versuche mit Psychopharmaka weisen in eine bestimmte Richtung, die die Medizin eingeschlagen hat: Es geht ihr um nichts weniger, als um die totale Kontrolle des Menschen. Gesellschaftlich unerwünschtes Verhalten wird als psychische Erkrankung beschrieben und es wird versucht, dieses durch Psychopharmaka gewaltsam zu unterdrücken, Genetische „Defekte“, ebenfalls Abweichungen von einer bestimmten Norm sollen zukünftig mithilfe der Genetik „ausgemerzt“ werden. Während eine Veränderung des Erbguts von Menschen bislang noch umstritten ist, ist es gängige Praxis bei Pflanzen und Tieren, Lebewesen den eigenen Vorstellungen anzupassen und auf diese Art und Weise für das kapitalistische System besser verwertbar zu machen. Zugleich versucht mensch beispielsweise durch Pränataldiagnostik eine genetische Selektion ähnlich der Eugenik vorzunehmen, indem mensch bei Feststellung bestimmter „Erbkrankheiten“ werdenden Eltern zu einer Abtreibung rät.

Das Ziel einer solchen Medizin ist es, die Menschen an den für sie vorgesehenen Platz in der Gesellschaft zu verweisen. Es ist nicht das individuelle Interesse der Gesundheit eines einzelnen Menschen, dass diese Medizin antreibt, sondern das Ideal eines normierten und perfektionierten Übermenschen, dem sich dieser Vorstellung zufolge alle Menschen anzunähern haben.

Dass meine Interessen in der Medizin nur eine untergeordnete Rolle spielen, das erlebe ich schon mein Leben lang, wenn ich eine*n Ärzt*in aufsuche. Nie habe ich das Gefühl, dass ich irgendwie in die Entscheidungen über meinen (!) Körper einbezogen werde. Ich wurde schon behandelt ohne darüber informiert zu werden, was mir angeblich fehlt und was der Zweck der Behandlung sei, geschweige denn, ohne dass ich gefragt wurde, ob ich das möchte. Mir wurden Medikamente verschrieben, die meinen Körper schädigten, ohne dass ich darüber aufgeklärt wurde oder mir gesagt wurde, dass es auch ohne diese Medikamente ginge – das erfuhr ich, als ich diese selbst absetzte. Mir wurden Vorwürfe gemacht, weil ich nicht das getan hatte, was die*der Ärzt*in gesagt hatte, und so weiter. Dabei sind das keine außergewöhnlichen Erfahrungen, sondern Erlebnisse, die mehr oder weniger ausgeprägt die meisten Menschen gemacht haben dürften. Meines Erachtens nach liegt das daran, dass wir für die Medizin nur entweder weitere Experimente oder Kund*innen sind, mit denen Geld verdient werden kann.

Das Gesundheitssystem ausbauen?

Was wir gerade im Namen des Kampfes gegen das Coronavirus erleben spiegelt dieses Streben der Medizin nach der totalen Kontrolle über die Menschen ebenfalls wider. Statt sich darauf zu fokussieren, den Menschen, die geheilt werden wollen, zu helfen, ergeht sich beinahe die gesamte Medizinische Fachwelt derzeit darin, Empfehlungen abzugeben, wie sich alle Menschen verhalten sollten. Und sie empfiehlt das nicht etwa den Menschen direkt. Sie empfiehlt dies den verschiedenen Staaten, von denen sie wissen bzw. annehmen, dass diese ihre Empfehlungen dann autoritär durchzusetzen wissen. Statt dass also nach Wegen gesucht wird, erkrankten Menschen individuell zu helfen, zielt der medizinische Ansatz darauf ab, alle Menschen zu kontrollieren, in der Annahme durch diese Kontrolle eine Heilung eines Großteils der Menschen zu ermöglichen.

Mir ist dabei völlig egal, ob die Medizin schließlich Recht behalten wird oder ob sich das als gigantischer Irrtum erweisen wird; was ja auch immer von den Methoden der Messung abhängt. Für mich ist ausschlaggebend, dass die Ideologie der Medizin in diesem Fall, ebenso wie in allen anderen Fällen eine autoritäre Vorstellung von der totalen Kontrolle des Menschen zu sein scheint. Dabei erscheint es mir bemerkenswert, dass die Medizin ihre „Heilkunst“ um jeden Preis zu schützen versucht. Einerseits durch Patente an Medikamenten, die Geheimhaltung von Rezepturen, aber auch durch die Zugangsvoraussetzungen der Lehre. Es scheint mir darum zu gehen, dass die Fähigkeit zu heilen nichts ist, was sich jede*r einfach aneignen kann. Das würde schließlich auch der Vorstellung der totalen Kontrolle über den Menschen widersprechen, denn wenn jede*r in der Lage wäre, sich grundlegende Fertigkeiten des Heilens anzueignen und sich Menschen dadurch gegenseitig heilen würden (so wie das natürlich dennoch schon immer stattfand, wenn sich Menschen gegenseitig pflegen, wenn sie krank sind), wäre dieser ganze Prozess viel weniger einheitlich und kontrollierbar.

Vor diesem Hintergrund fällt es mir schwer, Kritiken nachzuvollziehen, die als Reaktion auf die derzeitige Corona-Pandemie einen Ausbau des Gesundheitssystems „fordern“ bzw. befürworten und/oder als Lösung in den Raum stellen. Das Gesundheitssystem auszubauen bedeutet doch nichts anderes, als dieses Expert*innentum einerseits und diese Ideologie der totalen Kontrolle über den Menschen andererseits fortführen zu wollen. Eine Medizin jenseits dieser Vorstellungen kann für mich nicht innerhalb dieses Gesundheitssystems liegen, ja nichteinmal in der Tradition dieser Medizin.

Für mich ist die derzeitige Medizin eine Institution, die ich zerstören muss, um frei sein zu können. Und ich wüsste nicht, warum der Ausbruch einer Pandemie daran etwas ändern sollte.

Anarchistische Zeitung aus München