Tag Archives: Linkstumdebatte

Ein ewig zankendes Ehepaar

[linke Triggerwarnung: Dieser Text beinhaltet arschoft Wörter wie Linke, links, Linkstum.]

Seit dem Ausbruch der Pandemie, ist die Kritik und auch offene Feindschaft zur linken Bewegung und dem Sumpf von oberflächlichem, politischen Aktivismus, lauter geworden. Eine Enttäuschung und Verbitterung folgte auf die Nächste. War es schon vorher klar, dass Linke gerne einen Dialog mit dem Staat halten – durch Forderungen, durch unreflektierte Akzeptanz des legalen Rahmens, durch ihre vom Parlamentarismus abgeleitete, ähnliche Strukturierung – so ist das Ausmaß des Gehorsams, der Reproduktion autoritärer Moral, der Passivität und der Scheinhandlungen aus diesem Lager, gefühlt, noch nie so offensichtlich gewesen, wie seit Anfang 2020. Menschen, die sich anti-autoritär nannten, was eine scheinbare Nähe zu anarchistischen Ideen vermuten lässt, übernehmen die neue Bedeutung von Wörtern wie „Solidarität“, „solidarischem Handeln“, aus dem erweiterten Wortschatz der staatlichen Polemik. Ja, wir müssen, wie schon immer, die Linke hinter uns lassen, wenn wir vertrauensvolle Beziehungen aufbauen wollen, und es uns mal wieder reicht von einer Meute umgeben zu sein, mit der sich zwar schöne, oberflächliche Sauf-Soli-Partys feiern lassen, die aber immer wieder panisch unter den staatlichen Mantel flieht, sobald es im ausgenüchterten Zustand ernst wird…

Aber! Bei aller Liebe zur Kritik, Reflektion, usw. Ist es ein Loslassen und Überwinden vom Linkstum, wenn wir uns ununterbrochen an der Scheiße, die es én masse auskotzt, abarbeiten?

Ich denke nicht. Das klingt eher nach einer nicht überwundenen Beziehung, nach dem Festhalten an Rache, oder nach Eifersucht. Eifersucht auf die Aufmerksamkeit, die linke Ideen, oder besser gesagt linkes Content, bekommen. Und ich schlage keine Vergebung vor, bei einer linken Öffentlichkeit, die immer wieder ihr befriedendes Potential beweist, indem sie bei sich intensivierenden Kämpfen, den Reset-Knopf drückt. Es ist einfach schrecklich…

Aber ist es nicht ähnlich beschissen, dies permanent zu kommentieren?!

Anstatt Meinungen zu verhöhnen und zu verspotten, die sie dem Bürgertum anbiedern, ist es doch wichtiger eigene Kämpfe zu führen. Wenn dann, bei diesen stattfindenden Kämpfen, die Linke (oder Rechte) mit ihren Integrationsversuchen ankommt, dann muss sie sabotiert und weggejagt, werden; also ihre Politiker*innen², sowie das Dogma aus den Köpfen müssen vertrieben werden.

Sich der Linken zu widmen, ohne konkreten Kontext, oder sie schlicht zu provozieren, zeigt womöglich eine wirre Ziellosigkeit auf. Außerdem schafft es die Linke auch hier diejenige*n, zu blockieren, die sich eigentlich von ihr abwenden wollen.

Auch ich hasse die linke Bewegung und kann manchmal nicht anders, wenn ich das Kreisgewichse geschichtsvergessener, linker Schein-widerständler*innen, höre, als zynisch zu lachen, oder mir deren Rotze aus den Gehörkanälen zu saugen, um sie ordentlich auszureihern. Doch bin ich mir diesem Trauma bewusst. Ja, es ist ein Trauma, eines dass mich mit Ressentiments erfüllt, weshalb ich es überwinden will.

Denn, ich schätze ein zufriedenes, freudvolles Lächeln nach einem gelungenen Angriff auf Auswüchse von Patriarchat, Kapitalismus und anderen Formen der Herrschaft, ob in Text- oder Waffenform. Und so sehr ein zynisches Lachen Menschen über Wasser halten kann, so bevorzuge ich doch die eben genannte, herzliche Freude.

Soll die Linke doch gegen faschistische Corona-Leugner*innen hetzten. Anstatt ihnen zu sagen wie oberflächlich diese Reaktion auf die faschistische Bedrohung ist, oder ihnen ihren Konformismus vorzuhalten, wäre es Zeit eigene antifaschistisch-anarchistische Vorschläge zu liefern/Kämpfe zu führen. Oder den anarchistischen Kampf gegen den Staat schädlicher und sichtbar zu machen. Denn eine alte Gemeinsamkeit zwischen Linken&Kommunist*innen und Faschist*innen&Rechten, bleibt: Sie kämpfen beide für eine Staatsmacht. Die heiligen Infektionsschutzgesetze auf der einen Seite und das super-tolle Grundgesetz auf der anderen Seite. Der Staat und seine Exekutive ermöglichen diese Gesetze – von den gerade viele Leute in der Bevölkerung abgefuckt sind. Wenn wir seine Macht erodieren (auf der Straße und in den Köpfen), müssen wir uns weniger um Linke und Rechte kümmern, welche stets von dieser Macht profitieren (wollen).

Die Linke zu bekämpfen, heißt viel Zeit darauf zu verschwenden, lediglich einen Auswuchs der Herrschaft zu bekämpfen¹, und damit noch einen, der sich aktuell sehr schlecht in ein Projekt verwandeln lässt.

Neben dem krassen Problem bewaffneter Nazi-Untergrundstrukturen stinkt der vorschlagsarme Kampf gegen die Linke da schon ab.

Also sehr geehrtes Zündlumpenproletariat, lasst doch ab von der Linken, denn ihr könnt jener vertrauen.

Dass sie euch immer wieder enttäuscht, wenn ihr sie so nah an euch ranlasst.


²=mit Politiker*innen meine ich nicht nur alle jene, die sich selbst als solche bezeichnen. Ich meine auch Alle, die sich als Sprecher*innen, Organisator*innen einnisten, und dadurch immer mehr Verantwortung und Macht anhäufen, alle die, die Individuen zu einer zählbaren, gleichförmigen Masse reduzieren.

¹=ersetze in diesem Satz das Wort die Linke durch die Rechte, und du weißt ein Stück weit, woher diese übersteigerte, anti-linke Tendenzkommt.

Ratschläge an die Föderierten den Bruch mit der Linken betreffend

Kommentar zu Jens Störfrieds 2. Persiflage

oder

mit einem linken Anarchisten zanken

„Teil des Problems“ heisst halt Teil des Problems und „blöd formuliert“ führt halt zu entsprechenden Reaktionen. Darüber zu streiten, wer mit Beleidigungen angefangen hat, ist natürlich eine lächerliche Diskussion, und so genau mag ich mich nicht entsinnen (Ich würde es mir aber vielleicht sogar zugute halten) – aber ist es nicht so, dass verschiedene Leute auch Verschiedenes beleidigend finden. Und zeigen sich nicht gerade darin auch Unterschiede?

Ohnehin, Jens, bisher habe ich mich eigentlich immer eher belustigt gefühlt als verletzt, wenn ich deinen Senf gelesen habe, und deine Sticheleien und Anzapfversuche bieten zugegebenermassen gute Vorlagen für das Aufräumen mit gewissen Vorurteilen. Und dazu habe ich mich auch hier – oh Launen meiner Natur – mal wieder hinreissen lassen.

Es wäre ein Missverständnis deinerseits, wenn du glaubst, ich hätte nicht verstanden was du mit bürgerlich meinst. Das Gerücht, dass du aber weiterhin konsequent streust, nämlich, dass wir, bzw. „unser Lager“ kämpfen würden, „ohne andere Strukturen und Beziehungen aufzubauen“, ist eben nach wie vor falsch. Und ich glaube, dass du das auch weisst. Nur brauchen wir dazu eben keine Föderation. Der springende Punkt ist also, dass du – in guter Tradition der Organisatoren und Moralisten – versuchst, den informellen aufständischen Anarchisten (oder wie auch immer du sie bezeichnen willst), ihre Realität abzusprechen, nämlich jene, dass sie allemal „andere Beziehungen und Strukturen“ erschaffen und umsetzen. Womit du gleichzeitig sagst: wer „andere Beziehungen und Strukturen“ erschaffen will, braucht eine formelle Gruppe, die FdA, die Plattform, oder irgend etwas ähnliches… ist es nicht so?

Und persönlich würde ich sagen, gerade das Klammern an formellen Grüppchen, Föderationen, Namen, etc. ist Ausdruck eines bürgerlichen Bewusstseins. Und zwar in jenem Sinne einer „Form des Bewusstseins als eines, welches einer „bürgerlichen“ Gesellschaft entspringt“ und an deren Formen haften bleibt.

So würde ich die „Grundfragen, in denen wir ziemlich unterschiedliche Ansichten haben“ definieren. Und deine Formulierung des Unterschiedes wird eben unsererseits immer wieder allergische Reaktionen hervorrufen, denn was für eine Witz ist es, wenn ich mir meine Gefährten und Projekte anschaue, und uns dann einer sagt wir hätten keine „anderen Beziehungen und Strukturen“, seien alles Narzissten, u.Ä. Das ist belustigend!

Persönlich dreht sich für mich der Konflikt vor allem um diese Frage, welche verschieden formuliert werden kann. Man könnte sagen, dass du eine Form „aggregativer Organisierung“ vertrittst, oder den Vorschlag einer „akkumulierenden Bewegung“ – anarchistische Synthese halt. Die alte Tradition der Organisatoren. Und wir individuelle Initiative ohne Formalitäten etc.

Von der FAU (Freie Arbeiter-Union), zur AAU-E (Allgemeine Arbeiter-Union Einheitsorganisation), zur AFD (Anarchistische Föderation Deutschland), zur FKAD (Föderation kommunistischer Anarchisten Deutschlands), zum FFS (Föderation freiheitlicher Sozialisten), und wie die Vorläufer heutiger Organisatoren alle noch heissen, waren diese immer auch Sackgassen der freien Initiative und Vereinigung. Solche Organisationen bilden früher oder später eine Führungsschicht von Intellektuellen heraus, oder versinken in irrelevantem Sektierertum. Und dies gerade auch auf Grundlage der Föderation. Diese Dinge wurden oft von den jeweiligen Zeitgenossen analysiert, etc. Und natürlich kann man den Leuten, welche solche Projekte umsetzen, den guten Willen nicht per se absprechen.

Aber es ist eben allzu oft ein Stehenbleiben vor letzten Konsequenzen anarchistischer Theorie, uns führt letztlich zu einer Sammlung der Masse oder der Anarchisten auf dieser inkonsequenten Basis. Und ist somit allzu oft „Teil des Problems“, allerdings ein kompliziert zu analysierender und bekämpfender.

So sehe ich auch die FdA (Föderation deutschsprachiger Anarchist*innen, zeitgenössisch), welche vor allem ein relativ bedeutungsloses Milieu zu sein scheint, welches aber möglicherweise einiges an lebendiger Energie auf ihren unfruchtbaren Boden locken kann. Wo diese vertrocknen wird…

Wo solche Vorstellungen, wie dass man zur eigenen Beruhigung schon jetzt über „antifaschistische Schutztruppen“ (was nichts anderes als eine Polizei ist) und Exil für „Verbrecher“ reden müsse, grassieren. Also ein Umfeld, in dem die rückständigsten Vorurteile reproduziert werden. Sämtliche anarchistischen Diskussionen über Gefängnisse der letzten 30 Jahre ignoriert werden. Oder halt abgelehnt. Verworfen? Aber nicht widerlegt!

Persönlich betrachte ich eine solche Organisation und auch Leute, welche solche Ideen vertreten, als links. Es ist genau dieser „Sozialismus“, dieses radikale Reformstreben (mit direkter Aktion meinetwegen), welche einen solchen Anarchismus zu einem Teil der Linken macht. Und deswegen wird es schwierig, Jens, dass du den radikalen Linken einfach entgehst, indem du kein Bier mit ihnen trinkst. Denn vielzuviel Linksradikales vertrittst du ja nach wie vor selbst.

Ich würde deshalb vorschlagen, dass du den Bruch mit der Linken jenen überlässt, welche ihn wirklich machen wollen, anstatt dass du versuchst, synthetisch Dinge zu übernehmen, welche du dadurch eher neutralisierst. Das haben eben nicht alle gern.

Denn deine Paraphrasierung jener Texte, was ist sie anderes, als der Versuch, Konzepte zu retten, die Teil der Linken sind? Was anderes, als die subversive Kritik zu verdauen, damit sie anderen nicht zu schwer im Magen liegt? Das Scheitern der radikalen Linken, oder vielmehr: ihr gegenwärtiges (vielleicht vorübergehendes) offenes Zusammenspannen mit der Macht, führt dich natürlich verständlicherweise zur Lektüre jener Texte, die ihr intimes Verhältnis mit der Macht schon herausgestellt haben, bevor dies dermassen offensichtlich war. Diese Lektüre mag dich weiterbringen, aber letztlich können deine Persiflagen kaum überdecken, dass du die radikale Linke vermisst, und dass du letztlich eben in deinem Denken nicht darüber hinauskommst, linksradikal zu sein. Das heisst, noch einmal übersetzt: dass du dich zu Linksradikalen verhältst, wie diese zur Linken, und diese wiederum zur bestehenden Totalität. Und letztlich heisst das: zur sozialen Revolte verhältst du dich wie sie alle, nämlich als Aussenstehender oder Organisator. Und wenn du selber handelst, so in der Logik des Aktivismus. Und wenn es gewaltig ist, so in der Logik der Militanz. Und wenn du etwas veränderst, so in der Logik der Politik. Versteh mich also nicht falsch: ich habe nie geglaubt, dass das Trennende die „Gewaltfrage“ sei. Vielmehr spreche ich einfach aus aus einer anderen Galaxie als du, auch wenn sich beide anarchistisch schimpfen mögen.

Soviel scheint mir das Problem zu sein, der Graben, den wir eben nicht wirklich kleiner machen wollen. Aber das weisst du ja alles. Es schadet aber bestimmt nicht, es zu wiederholen. Weniger für dich, als für jene, welche das vielleicht wirklich noch nicht verstanden haben.

Im Übrigen habe ich nirgends ein Recht auf Antwort behauptet, sondern vielmehr deine intellektuelle Feigheit.

Ein heute allzu wohlgesinnter Eigenbrödler

An einen Waschlappen

„Theoriefeind ist, wer Feind meiner Theorie ist“ (Mao Zedong)

Jens Störfried hat sich Mal wieder damit hervorgetan, die phösen „Einzelgänger*innen“, die er als „Teil des Problem[s]“ (sic!) betrachtet, anzufeinden. Darauf hat mich ein Gefährte kürzlich hingewiesen. Dies in einem Text, in welchem er darüber spricht, mit wem er Bier trinkt und mit wem nicht (auf jeden Fall nicht mit Nihilisten und Individualisten, so scheint es). Aus der Sicht von Jens Störfrieds bürgerlicher Subjektivität nimmt sein Trinkverhalten natürlich höchste Wichtigkeit ein, denn in seiner privilegierten studentischen Selbstbezüglichkeit denkt er, Texte wie Radikale Linke, ich trenne mich von dir würden sein irrelevantes Trinkverhalten mit radikalen Linken kritisieren. So scheint das zumindest.

Jaja, die Welt hört beim Bauchnabel auf.

Nun ist der Text, welchen er persiflagiert nicht von mir, somit werde ich auch seine Persiflage nicht beantworten. „Nicht mein Bier“, könnte man sagen. Aber ich weise darauf hin, dass Störfried mir immer noch eine Antwort schuldig ist. Und wenn der allzu friedliche Störfried sich den Vorwurf der intellektuellen Feigheit nicht gefallen lassen will, so müsste er sich wohl mal die Mühe machen, seine Vorwürfe der Bürgerlichkeit gegen individualistische, nihilistische und aufständische Anarchisten zu belegen. Diese Vorwürfe behaupte ich nämlich in meinem Text in der In Der Tat #3 widerlegt zu haben! Trotzdem wiederholt er diese ständig, sich zu Unrecht dabei auf Kropotkin beziehend (den er mittlerweile immerhin gelesen hat), ohne irgendwelche Argumente zu bringen. Und gleichzeitig behauptet er, es wäre ihm an Debatte gelegen. Jaja.

Persönlich glaube ich zwar, dass die Zeitung „Waschlappen. Zeitschrift für einen pragmatischen Anarchismus“ nicht existiert, in welcher Jensens Text angeblich erschienen ist. Aber des Witzes halber wollen wir annehmen, dass es sie gibt. Denn natürlich würde „Waschlappen zu Störfried passen, dessen Waschlappismus doch längst erwiesen ist. Ebenso das „pragmatisch“, wobei Pragmatismus ja oft an Opportunismus zu grenzen pflegt…

Im übrigen zitiere ich, zur Debatte, aus der Zeitung Die Erstürmung des Horizonts #1 vom November 2014: „Was die Beschäftigung mit der Linken aus einer anarchistischen Sichtweise aber noch notwendiger macht, ist, dass die Linke (…) auf dem revolutionären Terrain aufkreuzt (jedenfalls in ihren radikalen Teilen), und dort den Gestank der Politik verbreitet.“ Jens, schreib das doch in dein Stammbuch. Und überlege dir, ob du nicht selbst zu jenen gehörst, welche derartige Gerüche verbreiten…

Dass der Anarchismus Teil der „sozialistischen Bewegung“ sei, ist eine langweilige Diskussion, hängt von beliebigen Definitionen ab und besagt eigentlich rein gar nichts. Mein persönlicher Anarchismus besteht aus sozialen und antisozialen Anteilen, und auch wenn ich dem Sozialen hohe Wichtigkeit beimesse, ist mir in diesem Bereich das -istisch höchst suspekt.

Jenseits deines Trinkens mit fragwürdigen Leuten, Jens, frage ich mich, ob du deinen Waschlappen nicht letztlich in Benzin tränken solltest, um ihn in einen Zündlumpen zu verwandeln. Oder willst du ewig damit Lampen putzen?

Ein umherschweifender Eigenbrödler

Jens Störfried, du alter Pragmatiker!

Ob das nun eine späte, stellvertretende „Rache“ für die Insurrektionalistische Sonderausgabe zu Corona des sonst „sterbenslangweiligen Förderationsorgans“ Gai Dao sein soll, die sich anonyme Herausgeber*innen vor einigen Monaten erdreistet haben, zu publizieren? [1] Oder wollte sich der olle Störfried doch einfach nur einmal an einer neuen Textgattung, der Persiflage, versuchen? Jedenfalls greift er den Text „Radikale Linke, ich trenne mich von dir“ aus Zündlumpen Nr. 054 auf und stellt unter dem Titel „Radikale Linke, ich trinke noch ein Bier mit dir“ seine eigenen Ansichten zu diesem Thema zur Diskussion. Wenn ich so arrogant sein darf, hierzu ein vorläufiges Fazit zu ziehen, Jens: Für eine bissige Polemik scheint dir – vielleicht wegen all der „solidarischen Kritik“, auf die du dich sonst so oft beschränkst – noch ein wenig die Übung mit dieser Art von Text zu fehlen, aber mach dir nichts draus, in etwas Benzin getränkt, entpuppt sich schließlich auch ein Waschlappen als brauchbarer Zündlumpen.

Aber was hat der engagierte und allzeit konstruktive anarchistische Erneurer (gleich vier „Für eine neue anarchistische …“-Texte – zu Synthese, Theorie, Organisation und Ethik – hat er jüngst veröffentlicht), denn nun inhaltlich zu dem Thema zu sagen? Wenn ich ihn richtig verstehe, dann will er die Radikale Linke differenziert betrachten, hält dies – indem er statt von sich selbst von Anarchist*innen spricht – vielmehr für ein dem Anarchismus als „Hauptströmung der sozialistischen Bewegung“ (für seinen Anarchismus mag das ja gelten) inhärentes Verhältnis und wünscht sich bei aller Abgrenzung des Anarchismus von radikaler Linken dann doch eine gelegentliche gemeinsame Tätigkeit: „Deswegen nehme ich ein ambivalentes Verhältnis zwischen Anarchist*innen und der antiautoritären radikalen Linken wahr. Mögen sie sich selbst bestimmen und immer zusammen tätig sein, wo es sinnvoll und praktikabel ist!“ Nun, viel Spaß dabei. Und das meine ich – ausnahmsweise – keineswegs sarkastisch. Es ist mir ziemlich egal, wo und mit wem Jens Störfried sein Bier trinkt, ja nicht einmal die Sorte Bier ist mir wichtig. Und sollte er eines Tages zum Rotwein wechseln, weil er des Bieres überdrüssig ist, so müssten sich die gesellschaftlichen Situationen doch erheblich verändern, dass mir selbst das nicht egal wäre. Und in keinem Fall wünsche ich Jens Störfried, dass er am nächsten Morgen mit einem Kater erwacht.

Doch wie du sicher schon erraten hast, wäre es des Aufwands doch ein wenig zu viel, einen Text zu verfassen, nur um zu sagen, wie egal es mir ist, ob Jens Störfried eine Haltung teilt, die ich zwar mit Sicherheit teile, jedoch in der hier vorliegenden Form nicht einmal zu Papier gebracht habe. Und so folgt hier nun ein scheinbar berüchtigtes Prozedere, nämlich das Vollpöbeln eines Strohkopfes, pardon Strohmannes. Und für all diejenigen, die eher schwache Nerven haben und mit solch kompromissloser und ohnehin flegelhaft vorgebrachter Kritik schnell überfordert sind, hält Jens Störfried ja bereits eine Ausflucht parat: Haltet euch ruhigen Gewissens vor Augen, dass es mir eigentlich nur darum gehe, die eigene „Kränkung“ zu überwinden. Vielleicht stimmt das ja sogar …

Als „umherschweifende[r] Einzelgänger“ bin ich für Jens Störfried sowieso „Teil des Problems und nicht dessen Lösung“. Aber warum? Ja wie kommt es, dass – nicht nur bei Jens Störfried – sogenannte „Individualisten“ und „Nihilisten“ als Problem gesehen werden? Und das gar noch, wenn sie ohnehin als „umherschweifende Einzelgänger“ abgestempelt werden, die „konsequenterweise […] die Gesellschaft, welche sie hervorgebracht hat [bekämpfen]“? Ich meine angenommen – eine unbegründete Annahme, die einer Überprüfung vermutlich nicht (so pauschal) standhalten würde – das zu tun würde tatsächlich aus einer „privilegierten“ Position resultieren, wie Jens Störfried argumentiert, und so nicht jeder*m möglich sein (was die Biografien unterschiedlichster Individualist*innen auf der ganzen Welt offensichtlich widerlegen), was wäre dann das fucking Problem dabei? Wenn für „die meisten von Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung betroffenen Menschen […] die Notwendigkeit der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen [anstünde]“, was selbst bei Störfried „nur durch die Überwindung der bestehenden Gesellschaftsordnung erfolgen kann“, was sollten sie denn dann gegen jene haben, die die Verhältnisse, die ihre derzeitigen Lebensbedingungen prägen, angreifen – und das auf eine Art und Weise, die für sie nicht schon eine bestimmte Rolle nach dem Zusammenbruch der Gesellschaftsordnung vorsieht? Was sollen sie im Gegenzug mit denen anfangen, die dieser Theorie zufolge genauso „privilegiert“ wären, solche Angriffe zu verüben, aber ihre „Privilegien“ lieber darauf verwenden „Skills [zu] verbreiten, Geschichten auf[zu]schreiben, Bildung und Erfahrung [zu] vermitteln, verschiedene Gruppen in Dialoge [zu] verstricken, […]“ und zu allem Überfluss auch noch „gemeinsame Diskussionen um Strategien und Visionen [zu] entwickeln“? Sprich mit jenen, die herumsitzen und eine Avantgarde mimen, jenen, die sich einladen (und bezahlen) lassen, dafür, dass sie ihrer „Leidenschaft“, ihrem „Aktivismus“ (Jens Störfried) nachgehen und kluge oder weniger kluge Vorträge und Workshops abhalten? Es ist ja nicht so, dass ich finde, man sollte nicht den eigenen Leidenschaften nachgehen. Aber wenn man die eigenen Leidenschaften als revolutionärer verkaufen will, als die derjenigen, die wenn sie – auf „poetische“ Weise (Jens Störfried in „Endlich neue Tatsachen!“ aus Gai Dao #99) – von Leidenschaft sprechen, in der Regel ein Feuer meinen, das die Herrschaft niederbrennt, dann sollte man vielleicht etwas mehr als nur trockene Texte anzubieten haben, in denen doch tatsächlich als „Eckpunkt der sozialen Revolution“ die „Verbannung“ – von alten und neuen Verbrecher*innen – „in menschenwürdige Umgebung auf 5 bis 30 Jahre bei jährlicher Prüfung einer möglichen Rückkehr in die alte oder eine andere Gemeinschaft“ vorkommt, neben „antifaschistischen Schutztruppen“, die Polizeiaufgaben übernehmen und einer „Nutzung von Medienanstalten“ zur „Beeinflussung der Massenkommunikation“ (siehe Jonathan Eibisch, alias Jens Störfried in „Für eine neue anarchistische Synthese!“ S. 12 f.). Und während sich der Störfried Gedanken um eine „neue“ totale Herrschaft macht, zu der man sich im Sinne eines „ωir“s (Ja, das ist absichtlich kein gewöhnliches W am Anfang dieses Wortes) freiwillig assoziiert, spiegelt für ihn die „„absolute Kompromisslosigkeit“ gegenüber „jeder Ordnung und Moral““ derjenigen, die so einen Quark – wie will man das anders nennen – ablehnen, „letztendlich bloß die Isoliertheit und den Fatalismus bürgerlicher Individuen“ wider.

Wenn ich mich mit Jens Störfried hoffentlich darauf einigen kann, dass durchaus ein Widerspruch besteht, zwischen dem – für ihn „pubertären“ – Affekt „jegliche Ordnung abzulehnen“ und der Existenz innerhalb – oder am Rande, das spielt keine Rolle – der Gesellschaft, Zivilisation, oder wie mensch es auch nennen mag, so kann es für mich doch keine „pragmatische alltägliche Praxis“ geben, die diesen Widerspruch einfach so stehen lässt. Während sich Jens Störfried „hier und jetzt sozial-revolutionär orientier[t] und formier[t], [sich] darin selbst ernst [nimmt], Verantwortung über[nimmt] und für emanzipatorische Bestrebungen kämpf[t]“, bedeutet das glücklicherweise nicht, dass diese Form des Selbstbetrugs die einzige Art und Weise ist, mit diesem Widerspruch umzugehen. Wozu mich sozial-revolutionär orientieren und formieren und mich dann auch noch ernst nehmen, wenn der Angriff doch meinem individuellen Verlangen und Vergnügen entspricht? Wozu und vor allem welche Verantwortung übernehmen und wem gegenüber? Etwa die Verantwortung die Gesellschaft „zu überwinden“? Hast du diese Verantwortung übernommen, Jens Störfried? Und wenn ja, dann rechtfertige dich doch mal, wie es kommt, dass „ωir“, wenn ich mich da nur mal für den Moment und aus rein funktionalen Gründen mit dir assoziiere, noch immer in dieser Gesellschaft leben. Oder ist es nur die Verantwortung, sich an die „formierte“ Linie zu halten? Und worin besteht diese Linie dann? Mich dünkt ohnehin, die Sache mit der Verantwortung ist nur eine leere Phrase, eine Abgrenzung zu jenen verantwortungslosen Anarchist*innen wie mir, die jede Verantwortung schon aus Prinzip zurückweisen, weil das Konzept von Verantwortung zumindest in diesem Sinne auch nur einer weiteren (sich anarchistisch gebenden) Moralerei entstammt, die, wenn sie tatsächlich die für sich behauptete universelle Wahrheit beanspruchen könnte, unnötig wäre, aufzuschreiben oder überhaupt von ihr zu reden. Aber das ist ja der Trick bei diesem Konzept, für Kant ebenso wie für Kropotkin und heute auch für den Jens Störfried: den eigenen Willen oder auch nur die eigenen Ansichten als universelle Wahrheit zu verkaufen.

Sicher würde Jens Störfried das nun als „Theoriefeindlichkeit“ abtun und vielleicht wäre ich sogar geneigt, diese Bezichtigung anzunehmen. Wenn Jens Störfried schreibt „Mangelnde Selbstreflektion, Geschichtsvergessenheit und die geringe Bereitschaft zur produktiven Auseinandersetzung kompensieren sie [theoriefeindliche Anarchist*innen] mit romantischem Kitsch, der problematischen Feier ihrer (meist post-bürgerlichen) Subjektivität, einer Fetischisierung von sich „echt“ anfühlenden „Taten“ und zur Schau gestellten rebellischen Phrasen“, dann mag man geneigt sein, ihm zu widersprechen, aber formuliert man einige seiner Behauptungen ein wenig wohlwollender, ergibt das schon ein anderes Bild: Wenn „mangelnde Selbstreflektion“, wie sich in Jens Störfrieds Text abzeichnet eigentlich eher mangelnde Kompromissbereitschaft und einen mangelnden Pragmatismus meint, wenn „Geschichtsvergessenheit“ bedeutet, mit der Vorstellung zu brechen, man sei Produkt einer sich von einer*m unabhängig entwickelnden Geschichte und als solches nicht im Stande die eigenen Lebensumstände durch Taten zu verändern, wenn die „geringe Bereitschaft zur produktiven Auseinandersetzung“ bedeutet, dass man auf lächerliche Unterstellungen wie die von Jens Störfried höchstens polemisch antworten wird, dann gibt es eigentlich überhaupt nichts zu kompensieren. Auch wenn ich nicht wüsste, wie es kommt, dass Jens Störfried etwa den „Echtheitsgehalt“ von Taten in Frage stellt, er eine Begründung, warum Taten fetischisiert und rebellische Phrasen „zur Schau gestellt“ werden würden, schuldig bleibt und eine „post-bürgerliche“ Subjektivität, wenn man nicht weiter definiert, was man damit meint, eigentlich nur eingesteht, dass es jemandem gelungen ist, Bürgerlichkeit zu überwinden. Theoriefeindlichkeit würde dann bedeuten, sich nicht (länger) in irgendwelchen Theorien zu verlieren, die das Leben soweit abstrahieren, das sich der Widerspruch gegen die herrschenden Verhältnisse schließlich ebenfalls nur noch auf theoretischer Ebene vollziehen kann. Theoriefeindlichkeit würde dann bedeuten, keine Trennung zwischen einer erst noch zu entwickelnden Theorie und einer daraus resultierenden Praxis zu praktizieren, sondern –  meinetwegen jede solche Theorie über den Haufen werfend – das eigene Handeln an den realen Begebenheiten und den anarchistischen Vorstellungen zu orientieren, nicht auf eine Art und Weise, die die eine*n umgebende Herrschaft in Einklang mit diesen Vorstellungen bringt, sondern auf eine Art und Weise, die diese Herrschaft kompromisslos angreift, zumindest mit dem Ziel sie zu zerstören und sich nicht in ihr einzurichten. Wenn man das als Theoriefeindlichkeit bezeichnen will, dann bin ich überzeugter Theoriefeind und überlasse das selbstreferentielle Theoriespinnen gerne den Jens Störfrieds dieser Welt.

Ein unmedikamentierter Narzisst, äh hoppla, Egoist

Fußnoten

[1] Damals kommentierte ein sichtlich angefressener Jens Störfried: „Übrigens haben gewisse Leute, die sich selbst als „Insurrektionalist*innen“ bezeichnen, ein Fakesimile dieser Gai Dao-Sonderausgabe erstellt. Vermutlich, um den Austausch über verschiedene Positionen und Stile anzuregen. So inspirierend manche Gedankengänge aus diesem Spektrum immer wieder sind, beruhen sie jedoch meiner Ansicht nach weitgehend auf problematischen Grundannahmen. Die Autor*innen wissen dies natürlich und so bleibt ihnen zur Rechtfertigung ihrer Positionen lediglich der Verweis auf die vermeintliche „Gesamtscheiße“ und die romantische Verklärung von liberaler Freiheit und des bürgerlichen Individuums. Weil sie es nicht aushalten, mit ihren eigenen Widersprüchen umzugehen und weil ihnen eigentlich kaum wer zuhört, bauen sie sich im konstruktiven Anarchismus einen Strohmann auf, den sie vollpöbeln können. Die Abwertung anderer um die eigene Kränkung zu überwinden, die reflexhafte Abwehr von Kritik und die Ausflucht in die idealistische Traumwelt eines post-zivilisatorischen „puren“ Lebens, lässt sich mustergültig als unbearbeiteter Narzissmus interpretieren. Er birgt die Gefahr, ins Autoritäre umzukippen. Doch wird er mit der individualistischen Leistungs- und Selbstdarstellungsgesellschaft untergehen, die ihn hervorgebracht hat. In dieser Hinsicht erscheint die reine Negation durchaus als erstrebenswert.“

Radikale Linke, ich trenne mich von dir!

Nach mehreren Jahren, die ich als Anarchistin in der radikalen Linken zugebracht habe, weil ich dachte, dass ich dort Leute finde, die meine Ideen teilen (was teilweise durchaus auch passiert ist), bin ich heute an einem Punkt, an dem ich frage, wie ich jemals glauben konnte, dass Anarchismus und die radikale Linke irgendwie kompatibel sind. Dass ich diesem Irrtum erlegen bin, liegt dabei auch an der selbstverständlichen Teilhabe vieler anarchistischer Menschen an der radikallinken Bewegung und der Selbstverständlichkeit, mit der der Anarchismus als Teil linker Ideologien verstanden wird (vielleicht auch verstärkt durch den Verfassungsschutz, der beides – die linksradikale Bewegung und den Anarchismus – als „linksextremistisch“ einstuft). Dabei versammeln sich unter dem Begriff der radikalen Linken komplett konträre Ideen. Autoritärkommunist*innen von der DKP, der FDJ oder der MLPD, die Partei Die Linke und ihre vielen Sub- und Jugendorganisationen und Stiftungen, autonomere kommunistische Gruppen und libertäre Kommunist*innen, autonome und postautonome Gruppen und Anarchist*innen, all diese Menschen und Ideen werden unter dem Begriff „Die radikale Linke“ oder „Die linksradikale Bewegung“ zusammengefasst. So gehört der Anarchismus für viele linksradikale Menschen zur radikalen Linken irgendwie dazu, auch wenn er von vielen als naiv und theorielos belächelt wird, dem mensch lediglich zugestehen müsse (wobei das längst nicht alle tun, die sich der linksradikalen Bewegung zugehörig fühlen), dass seine Kritik am Autoritarismus vielleicht doch nicht vollkommen verkehrt sein könnte. Jedoch, so seufzt mensch kopfschüttelnd, würden Menschen, die sich ausschließlich für Anarchismus interessierten, nicht sehen, dass die anarchistische Theorie die Komplexität der Welt nicht umfasse, was mensch daran erkennen könne, dass Anarchist*innen keine solche Bibel wie Marx‘ „Kapital“ vorweisen könnten und keine kompliziert schreibenden intellektuellen Autoritäten hätten, die den akademischen Diskurs mitgestalten würden und in der universitären Landschaft Ansehen genießen würden. Mal abgesehen davon, dass es leider schon Menschen gibt, die meinen zu Anarchismus ihren Beitrag leisten zu können, indem sie zu Anarchismus forschend die Karriereleiter im Wissenschaftsbetrieb erklimmen, so ist es natürlich klar, dass Anarchist*innen mit ihrem Misstrauen gegenüber Autoritäten jeglicher Art und ihrem Hass gegenüber staatlichen und nichtstaatlichen Institutionen sowie dem Lehrbetrieb und dem Vertrauen auf ihr eigenes Urteilsvermögen und ihr Vermögen für sich selbst und nur für sich selbst zu sprechen, keine solchen Publikationen oder Theorien vorweisen können. Anarchismus wird häufig (je nach Individuen auch nur bis zu einem gewissen Grad) diffamiert, jedoch gleichzeitig vorgeblich integriert. Kommunismus mit anarchistischen Elementen zu würzen halten viele für die fruchtbarste Kombination aus beiden. Dabei werden anarchistische Ideen bis zur Unkenntlichkeit verfälscht, bis auf einmal außerparlamentarische Opposition, angemeldete Demonstrationen und Kundgebungen, Forderungen an den Staat, durch die Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderte Projekte, feste Gruppen, Plena mit Redeleitung und Redeliste, kapitalistische Verlage, symbolische Handlungen wie das Zünden eines Bengalos auf einer Demo usw. – das ganze langweilige Repertoire linken Aktivismusses – auch für Menschen, die sich als anarchistisch betrachten, zum Inbegriff anarchistischer Rebellion wird.

Zwar mögen viele ab und zu auch mal Kritik an autoritären Strukturen innerhalb der radikalen Linken üben, jedoch sind sie immer noch der Meinung, dass sie grundsätzlich dieselben Ideen teilen. Jahrelang habe auch ich das geglaubt, jedoch wird mir in letzter Zeit immer mehr bewusst, dass wir einfach rein gar nichts gemeinsam haben. Wie der Name der radikalen Linken bereits verrät, verortet diese sich weit links innerhalb eines parlamentarischen (Parteien-)Systems und versteht sich als außerparlamentarische Opposition. Das bedeutet, dass Menschen sich dafür entscheiden, außerparlamentarisch für ihre Positionen einzustehen und auch mal – in einem gewissen Rahmen – über die Grenzen des Legalen hinauszugehen und damit Veränderungen innerhalb des Systems zu erzwingen. Für viele schließt das auch die Zusammenarbeit mit politischen Parteien und ihren diversen Unterorganisationen nicht aus. Das bedeutet aber natürlich immer noch am parlamentarischen Prozess teilhaben zu wollen, nur eben außerhalb der Parlamente. Außerparlamentarisch ist eben nicht antiparlamentarisch. Es bedeutet keine radikale Absage an den Staat und Herrschaft im Allgemeinen. „Links“ zu sein macht nur im Kontext eines parlamentarischen Verständnisses Sinn. Klar ist ein Begriff erst einmal nur ein Begriff und viele Leute, die sich der radikalen Linken zugehörig fühlen, verstehen sich klar als Anarchist*innen und lehnen Staat und Herrschaft ab. Außerdem gehört grundsätzlich zur radikalen Linken (im Gegensatz zur demokratischen Linken) der Wunsch nach einer Veränderung oder sogar einem Umsturz des aktuell vorherrschenden Systems. Da jedoch die Basis der radikalen Linken kommunistischer Natur ist, eint die meisten dabei die Vision einer neuen, „gerechteren“ Gesellschaftsordnung, die je nach Personen und Ideen diffus bis sehr konkret ist und unterschiedlich autoritär, selten aber eine Ablehnung jeglicher Ordnung umfasst. Außerdem geben sich viele (vorerst) mit dem Einstehen für Reformen oder mit Teilkämpfen zufrieden oder hoffen wohl auch darauf, dass aus solchen Teilkampf-Bewegungen irgendwann eine „revolutionäre Masse“ entsteht, die das aktuelle System ins Schwanken bringt.

Doch kann Anarchismus deswegen nicht trotzdem Teil der radikalen Linken sein? Wenn ich mir diese Frage stelle, dann halte ich es für lohnenswert darüber nachzudenken, inwiefern Kommunismus und Anarchismus – die Ideen, die Basis der radikalen Linken sind – sich unterscheiden. Und das ist eindeutig die Haltung gegenüber Herrschaft und Staat. Anarchismus lehnt beides klar ab, während der Kommunismus beides als Mittel zum Zweck annehmbar findet. „Die radikale Linke“ im Gegensatz zum Kommunismus ist dabei die diffusere, durch die Erfahrungen mit den realsozialistischen Regimen sowie durch demokratische und anarchistische Einflüsse weniger einheitliche, weniger autoritäre Weiterentwicklung des klassischen autoritären Kommunismus, mit mehr Diversität, mehr unterschiedlichen Meinungen, einem weniger konkreten Plan als bei den alten klassischen kommunistischen Kadern. Basis der radikalen Linken bleibt allerdings der Kommunismus, wenn auch für die meisten mit deutlich weniger autoritären Ideen.

Damit kann für mich Anarchismus aber nicht Teil der radikalen Linken sein, denn Anarchismus bedeutet für mich, Herrschaft in jeglicher Form abzulehnen und anzugreifen. Das bedeutet auch den Staat und alle seine Organe und Institutionen als meine Feind*innen zu betrachten. Es bedeutet für mich auch mich dem politischen Spiel in seiner Gänze zu verweigern. Weder möchte ich für andere sprechen oder mich für die Rechte einer Gruppe einsetzen, noch für Rechte im Allgemeinen, da das Justizsystem und seine ganze Ideologie herrschaftsvoll ist. Ich schließe keine Bündnisse, ich gründe keine Gruppe oder gar eine Partei, ich unterwerfe mich keiner Ideologie und keinen Anführer*innen, ich verhandle nicht, ich gehe keine Kompromisse ein, ich präsentiere mich nicht als Avantgarde oder Alternative. Ich kämpfe für meine Freiheit und ich suche nach Kompliz*innen, mit denen ich mich verschwören kann. Ich möchte keine neue Gesellschaftsordnung, denn die Vorstellung einer Gesellschaftsordnung ist bereits autoritär, sondern ich möchte mich befreien von jeder Ordnung und Moral, die mich in meinem Handeln einschränkt. Das bedeutet für mich aber auch besonders absolute Kompromisslosigkeit bezüglich meiner herrschaftsfeindlichen Ideen. Das ist aber nicht kompatibel mit der radikalen Linken, die in großen Teilen keine klare Feindschaft zur Herrschaft hat, ja teilweise sogar Herrschaft begrüßt, wenn sie von den „richtigen“ Leuten ausgeübt wird. Mich als Teil der radikalen Linken zu verstehen oder mich da entsprechend zu verorten oder teilzuhaben, bedeutet für mich diese Kompromisslosigkeit aufzugeben. Es bedeutet, dass ich vermittle, dass Anarchismus und autoritäres Gedankengut – und dazu gehört auch sich für oder gegen einzelne Gesetze stark zu machen oder Bündnisse mit demokratischen oder sonstigen nicht herrschaftsfeindlichen Personen einzugehen – kompatibel sind. Das widerspricht der anarchistischen Idee grundlegend – und macht sie damit zur hohlen Phrase, die keinen Inhalt mehr hat. Ich bin überhaupt kein Fan davon sich mit irgendeiner Identität zu schmücken oder sich irgendeine schicke Bezeichnung zu geben und besonders sich einer Gruppenideologie unterwerfen, trotzdem werde ich misstrauisch, wenn Menschen Vorbehalte gegen den Begriff des Anarchismus‘ oder der Anarchie hegen und sich lieber innerhalb der radikalen Linken als die vermeintlich „losere“ Zugehörigkeit verorten, denn da für mich Anarchismus bzw. Anarchie nicht mehr als die radikale Ablehnung von Herrschaft in jeglicher Form bedeutet ganz im Gegensatz zum Begriff der radikalen Linken, kann das für mich nur bedeuten, dass diese Person Herrschaft nicht grundsätzlich feindlich gegenüber steht. Damit teilen wir aber sicher keinen Konsens, nicht einmal minimal, was unsere Ideen betrifft.

Was bringt es mir Anarchismus als Teil der radikalen Linken zu sehen? Wieso gibt es überhaupt einen solchen Überbegriff, der so viele unterschiedliche Ideen unter einem allgemeinen Namen vereint? Der Anarchismus und der Kommunismus haben eine lange gemeinsame Geschichte. Vom Anarchosyndikalismus und Anarchokommunismus bis zum Plattformismus haben viele Menschen versucht Anarchismus und Kommunismus miteinander zu vereinen. Von Anfang an gab es aber auch immer Anarchist*innen, die keine Gemeinsamkeiten mit den Kommunist*innen entdecken konnten. Die ihre individuelle Freiheit durch die autoritären Ideen des Kommunismus und entsprechender anarchistischer Akteur*innen bedroht sahen und die sich bis heute nicht als Teil der linksradikalen oder kommunistischen „Bewegung“ sahen. Der Kommunismus ebenso wie die kommunistischen Varianten des Anarchismus bedürfen immer einer „Masse“, dass also eine ganze Menge Menschen sich zusammentun, um gemeinsam mit einem Ziel zu handeln und durch ihre Masse Veränderungen zu erzwingen. Wie zu solch einer Größe kommen, insbesondere wenn die goldenen Zeiten der Massenorganisationen vorbei sind? Da scheint es auf jeden Fall praktisch alle möglichen Ideen unter dem Begriff der „radikalen Linken“ zu versammeln. Wer die Diskurse innerhalb der radikalen Linken zumindest ein bisschen verfolgt, wird wohl nicht umhin kommen, immer wieder die Rufe nach Einheit und die Warnung vor Spaltung zu vernehmen. Angeblich hätten doch alle dasselbe Ziel und mensch müsse sich ja nicht wegen irgendwelcher Kleinigkeiten in die Haare kriegen. Wie oft habe ich diesen Ruf vernommen, wenn ich oder andere Kritik an etwas übten. Sei es Kritik an der Roten Hilfe, orthodoxen Marxist*innen, an Antisemitismus oder autoritärem Verhalten, gerade wenn diese Kritik auch publizistisch geäußert wurde, bekam ich zu hören, dass mensch solche Streitigkeiten ja „intern“ führen könne, aber doch nicht nach außen getragen werden müssten, und dass mensch ja trotzdem mit allen solidarisch sein müsse. Gerade in Zeiten des Rechtsrucks, heißt es momentan beispielsweise, müssten doch alle „progressiven“ oder „emanzipatorischen“ Kräfte zusammenhalten. Schon ein raffinierter Move, erst Anarchist*innen in das Universum der radikalen Linken mit aufzunehmen, um dann Kritik mit dem Vorwurf der Spaltung zu begegnen und zu konformem Verhalten zu ermahnen, denn nur in der Masse und in der Einheit sei mensch stark, ansonsten würde mensch den „konterrevolutionären“, den „faschistischen“ Kräften oder aktuell der AfD in die Karten spielen. Ein Trick, den Kommunist*innen im revolutionären Russland 1917 bis 1921 angewendet haben oder in Spanien 1937 und der bis heute wunderbar funktioniert. Wer auf Gegenmacht setzt, braucht Einheit und Masse. Wer, wie ich und wie ich Anarchismus verstehe, jede Macht bekämpft und nur für sich, als Individuum steht, jeglicher Masse, jeglicher Einheit misstrauend und die Erstickung von inhaltlicher Kritik mithilfe von rhetorischen Tricks verachtet und sich dem politischen Spiel widersetzt, die*der spielt weder rechten noch linken autoritären Arschlöchern in die Hände, sondern kämpft egal, von woher der politische Wind weht, für seine*ihre eigene Freiheit. Auch deswegen wehre ich mich so vehement gegen die Zuordnung des Anarchismus zur radikalen Linken. Denn ich sehe, wie Menschen dadurch versuchen mich und meine Kritik zum Schweigen zu bringen, mich zu politischem Kalkül ermahnen, mich für sich und ihre Ideen, die nicht die meinen sind, zu benutzen. Ich sehe, dass Menschen, mit denen ich nichts gemeinsam habe, die autoritäre Ideen vertreten, der Meinung sind, dass WIR auf derselben Seite einer einheitlichen Front stehen würden. Ich sehe, dass viele nicht an einer ernsthaften Diskussion rund um Ideen interessiert sind, sondern nur als Sieger*innen aus einer Debatte hervorgehen wollen, sich nur profilieren wollen, Autorität erlangen wollen. Ich sehe, wie all diese Dynamiken lähmen und ersticken.

Deshalb erkläre ich meinen Bruch mit der radikalen Linken! Möge sie an ihrer Einheitsfrontmentalität und ihrer Sympathie für den Kommunismus und Politik im Allgemeinen zugrunde gehen!

Mit der Linken Brechen

Links – dieser Begriff stammt von den linken Plätzen im Parlament. Im Parlament sitzen zu wollen bzw. Politik machen zu wollen – können das Anarchist_innen wollen? Auch als radikale Linke, als außerparlamentarsiche Linke, als militante Linke – der Fokus bleibt die Politik, sprich die Verwaltung von Massen, das Anbieten von Lösungen, das Taktieren und Spielen mit macht — können das Anarchist_innen wollen? Gegenmachtskonzepte, Aufbau von Parteien und Massenorganisationen, Mitglieder und Anhänger sammeln und erziehen — wie war das nochmal mit anti-autoritär? Weltweit und teils seit dutzenden Jahrzehnten versuchen Anarchist_innen Projekte auf einer autonomen Basis aufzubauen, unabhängig von der Linken und gegen jede Politik. Nur in Deutschland scheint es noch Gang und Gebe zu sein, dass sich Anarchist_innen als Linke betrachten, als Teil einer linken Massenbewegung. Warum? Hier ein paar Stichpunkte, warum wir nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis mit der Linken brechen müssen:

  1. Die Ablehnung einer politischen Auffassung von sozialen Kämpfen; die Anerkennung, dass der revolutionäre Kampf kein Programm, sondern eher ein Kampf für die individuelle und soziale Wiederaneignung der Ganzheit des Lebens ist. Als solcher ist er von sich aus anti-politisch. Mit anderen Worten, er steht entgegengesetzt zu jeglicher Form von sozialer Organisation – und jeder Methode des Kampfes – in welcher die Entscheidungen darüber wie Mensch lebt und kämpft von der Ausführung dieser Entscheidungen getrennt sind, unabhängig davon, wie demokratisch und teilnehmend dieser getrennte Entscheidungsfindungsprozess auch sein mag.
  2. Die Ablehnung des Organisationismus; was heißen soll, die Ablehnung der Idee, dass irgendeine Organisation ausgebeutete Individuen oder Gruppen, soziale Kämpfe, die Revolution oder die Anarchie repräsentieren kann. Somit auch die Ablehnung aller formellen Organisationen – Parteien, Gewerkschaften, Föderationen, usw. – welche, auf Grund ihrer programmatischen Natur, solch eine repräsentative Rolle übernehmen. Es bedeutet nicht, die Möglichkeit zur Organisation, der für den revolutionären Kampf notwendigen Aktivitäten abzulehnen, sondern die Unterordnung von Aufgaben und Projekten unter den Formalismus eines organisatorischen Programms durch die Organisation abzulehnen. Die einzige Aufgabe, die je eine formelle Organisation begründet hat, ist der Aufbau und die Verwaltung einer formellen Organisation.
  3. Die Ablehnung der Demokratie und der quantitativen Illusion; Die Ablehnung der Ansicht, dass die Anzahl der Anhänger einer Sache, Idee oder eines Programms die Stärke eines Kampfes widerspiegelt. Im Gegenteil ist der qualitative Wert der Praxis eines Kampfes entscheidend, als eine Attacke gegen die Institutionen der Vorherrschaft und als eine Wiederaneignung des Lebens. Die Ablehnung jeder Institutionalisierung oder Formalisierung der Entscheidungsfindung und auch von jeder Konzeption der Entscheidungsfindung als ein vom Leben und von der Praxis getrennter Moment. Ebenfalls die Ablehnung der evangelistischen Methode, die bestrebt ist, die Massen zu gewinnen. Solch eine Methode unterstellt, dass das theoretisches Erkunden am Ende angelangt ist, dass jemand die eine Antwort hat, der alle anhängen müssen und dass folglich jedes Mittel akzeptabel ist, um die Botschaft zu verbreiten, selbst wenn diese Mittel dem widerspricht, was wir sagen. Es führt dazu, dass jemand eher eine Anhängerschaft sucht, die seine/ihre Position akzeptiert, anstatt Gefährt_innen und Kompliz_innen zu finden, mit welchen man die eigenen Entdeckungen fortführen kann. Anstatt eine Praxis anzustreben, mit welcher die eigenen Projekte so gut ausgeführt werden können, wie man selbst es kann, in einer Art, die vereinbar mit den eigenen Ideen, Träumen und Bedürfnissen ist; und damit potentielle Komplizen anzuziehen, mit welchen man Beziehungen der Affinität entwickeln und die Praxis der Revolte erweitern kann.
  4. Die Ablehnung von Forderungen an die Machthaber; anstatt eine Praxis von direkter Aktion und Attacke zu wählen. Die Ablehnung der Idee, dass wir unser Bedürfnis nach Selbstbestimmung durch Stück-für-Stück Forderungen, die bestenfalls eine temporäre Verbesserung der schädlichen, sozialen Ordnung des Kapitals bringen, realisieren können. Die Anerkennung der Notwendigkeit zum Angriff auf diese Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, um ein praktisches und theoretisches Bewusstsein für die Totalität, die zerstört werden muss. Folglich auch die Fähigkeit das zu sehen, was potentiell revolutionär ist – was jenseits der Logik von Forderungen und allmählichen Veränderungen geht. Dies in verschiedensten sozialen Kämpfen, denn im Grunde ist jeder radikale, aufständische Ausbruch durch einen Kampf entzündet worden, der als Versuch begonnen hat, bestimmte Forderungen zu gewinnen, sich jedoch von der Praxis der Forderung nach dem Verlangten dahin bewegt hat, das Verlangte und mehr zu ergreifen.
  5. Die Ablehnung der Idee des Fortschritts; der Idee, dass die jetzige Ordnung das Ergebnis eines fortdauernden Prozesses der Verbesserung ist, den wir weiterführen können, möglicherweise bis zu seiner Vergötterung, wenn wir fleissig genug sind. Die Anerkennung, dass die momentane Bahn – welche die Herrschenden und ihre loyalen Reformisten und die „revolutionäre“ Opposition als „Fortschritt“ bezeichnen – von sich aus schädlich für die individuelle Freiheit, den freien Umgang, für gesunde, menschliche Beziehungen, für die Gesamtheit des Lebens und den Planet selbst ist. Die Anerkennung, dass diese Bahn gestoppt werden muss und neue Wege des Lebens und Zusammenseins entwickelt werden müssen, wenn wir volle Autonomie und Freiheit erreichen wollen. (Dies führt nicht notwendigerweise zu einer totalen Ablehnung von Technologie und Zivilisation und solch eine Ablehnung bildet nicht den Endpunkt eines Bruchs mit der Linken. Jedoch bedeutet die Ablehnung des Fortschritts mit Sicherheit den Willen zur ernsthaften und kritischen Auseinandersetzung mit Fragen der Zivilisation und der Technologie, im Speziellen dem Industrialismus. Diejenigen, die nicht bereit sind solche Fragen zu stellen, werden mit Sicherheit am Mythos des Fortschritts festhalten.)
  6. Die Ablehnung der Identitäts-Politik; Die Anerkennung, dass obwohl verschiedene Gruppen ihre Enteignung in der Art ihrer spezifischen Unterdrückung erfahren und die Analyse dieser Ausprägungen notwendig ist, um ein volles Verständnis darüber zu erlangen, wie Herrschaft funktioniert. Nichts desto trotz ist Enteignung grundlegend das Stehlen der Fähigkeit von uns als Individuen unsere Leben nach unseren eigenen Bedingungen und in freiem Umgang mit anderen zu schaffen. Die Wiederaneignung des Lebens sowohl auf einer sozialen, wie auch auf einer individuellen Ebene, kann nur stattfinden, wenn wir damit aufhören, uns selbst in erster Linie auf Grund unserer sozialen Identitäten zu identifizieren.
  7. Die Ablehnung des Kollektivismus; der Unterordnung des Individuums unter die Gruppe. Die Ablehnung der Ideologie der kollektiven Verantwortung (eine Ablehnung, die nicht eine Zurückweisung von Sozialen- oder Klassenanalysen bedeutet, sondern vielmehr versucht, moralische Urteile auf Grund solcher Analysen zu vermeiden. Das bedeutet auch einen Ablehnung der gefährlichen Praxis, Individuen für Aktivitäten zu verurteilen, die im Namen oder vermutlich von einer sozialen Kategorie ausgeführt wurden, der diese Individuen angeblich angehören, darüber aber keine Wahlmöglichkeit hatten: z.B. „Juden“, „Zigeuner“, „Männer“, „Weisse“, etc.) Die Ablehnung der Idee, dass jemand sowohl auf Grund von „tatsächlicher“, als auch von vermuteter Zugehörigkeit zu einer bestimmten, unterdrückten Gruppe, unkritische Solidarität von irgendeinem Kampf oder einer Bewegung „verdient“ und das Bewusstsein, dass solch ein Konzept eine grosse Behinderung für jeden ernsthaften, revolutionären Prozess ist. Das Schaffen von kollektiven Projekten und Aktivitäten, die den Bedürfnissen und Wünschen der involvierten Individuen dienen und nicht umgekehrt. Die Anerkennung, dass die durch das Kapital auferlegte grundlegende Entfremdung nicht auf der hyper-individualistischen Ideologie basiert, die es verbreitet, sondern vielmehr vom kollektiven Projekt der Produktion abstammt, die es uns auferlegt, welches unsere kreativen Fähigkeiten enteignet um seine Ziele zu erreichen. Die Anerkennung der Befreiung von jedem Individuum zur Bestimmung der Bedingungen ihrer oder seiner Existenz in freiem Umgang mit Anderen ihrer oder seiner Wahl – d.h. die individuelle und soziale Wiederaneignung des Lebens – als das primäre Ziel der Revolution.
  8. Die Ablehnung von Ideologie; die Ablehnung von jedem Programm, jeder Idee, Abstraktion, Ideal oder Theorie, welches über das Leben und die Individuen gestellt wird, um ihm zu dienen. Folglich auch die Ablehnung von Gott, dem Staat, der Nation, der Rasse, etc. aber auch vom Anarchismus, Primitivismus, Kommunismus, Freiheit, Vernunft, dem Individuum, etc. wenn diese zu Idealen werden, für welche der einzelne sich selbst, seine Bedürfnissen, seine Sehnsüchte, seine Träume opfern muss. Die Benutzung von Ideen, theoretischen Analysen, der Fähigkeit zur Vernunft, zum abstrakten und kritischen Denken als Werkzeuge zur Realisierung der eigenen Ziele, für die Wiederaneignung des Lebens und zum handeln gegen alles, was im Weg dieser Wiederaneignung steht. Die Ablehnung von einfachen Antworten, die als Scheuklappen für die eigenen Versuche, die Realität mit der man konfrontiert ist zu ergründen, anstatt fortwähren Fragen zu stellen und theoretische Erkundungen zu unternehmen.

Meiner Meinung nach stellt dies einen echten Bruch mit der Linken dar. Wo eine dieser Ablehnungen fehlt – sei es in Theorie oder in der Praxis – bleiben Überreste der Linken bestehen und das ist ein Hindernis für unser Projekt der Befreiung. Da dieser Bruch mit der Linken auf der Notwendigkeit basiert, die Praxis der Anarchie von den Grenzen der Politik zu befreien, ist er mit Sicherheit keine Umarmung der Rechten oder irgendeines anderen Teils des politischen Spektrums. Er ist das Bewusstsein, dass ein Kampf für die Veränderung der Gesamtheit des Lebens, ein Kampf um jedes unserer Leben in einer kollektiven Bewegung für die individuelle Realisierung zurückzunehmen, nur behindert wird durch politische Programme, „revolutionäre“ Organisationen und ideologische Konstrukte, die unsere Mitarbeit verlangen, denn diese Dinge verlangen, genau wie Staat und Kapital, dass wir unsere Leben an sie geben, anstatt unsere Leben als unser Eigen zu nehmen. Unsere Träume sind viel zu gross, für die engen Grenzen der politischen Modelle. Es ist höchste Zeit, dass wir die Linke hinter uns zurücklassen und auf unserem fröhlichen Weg dem Unbekannten des Aufstands und der Schaffung von erfüllten und selbst-bestimmten Leben entgegen gehen.