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Gewalt antun?

Die Liebe geht hin wie dieses fließende Wasser
Die Liebe geht hin
Wie langsam das Leben ist
Und wie gewaltsam die Hoffnung
Guillaume Apollinaire, Die Mirabeau-Brücke [Le Pont Mirabeau]

Das, was gegensätzlich ist, ist nützlich; das, was kämpft, bildet die schönste Harmonie; alles entsteht durch Streit
Heraklit

Gewalt? Da sind wir DAGEGEN. Das ist normal. Peace and Love, wir sind für die Liebe und den Frieden. Das Paradies und das goldene Zeitalter, die sind gewaltfrei, ohne Schreie, ohne Schläge, ohne Schmerzen, kein Wort, das sich gegen ein anderes erhebt, alles weiß, alles ruhig, auch nicht zu viel Wolllust, sonst weiß man nicht, wohin uns das führen könnte. Gewalt ist das Chaos und die Barbarei der Anfänge, danach kamen die Sprache, die Logik, die Vernunft, die Gerechtigkeit, der Gesellschaftsvertrag, der Respekt und die Moral. Gewalt ist Unordnung, das Gesetz des Stärkeren. Man prangert sie an, man verurteilt sie. Sie ist ungerecht und nicht demokratisch. Sie ist ein Begriff, der sofort beschuldigt: das, was gewaltsam ist, ist immer zu gewaltsam. Man träumt von einer Welt ohne sie, man hat sogar schon Techniken, um sich vor ihr zu schützen, sie ist unverantwortlich, irrational und gefährlich. Man setzt sie als immer möglich voraus, sobald etwas unbekannt ist, das Unbekannte ist die Gefahr vor einer möglichen Gewalt, und man unternimmt nie zu viel, um sich davor zu schützen. Außerdem ist Gewalt krankhaft, sie ist das innere Chaos, das Risiko des Wahnsinns. Gewalt ist triebhaft, sie muss erzogen und beherrscht werden, wenn nicht sogar geheilt und eingesperrt, verdrängt und kastriert. Aber glücklicherweise haben wir Mittel, um sie zu behandeln, und das Beste ist, ab der Kleinkindheit nach den ersten Anzeichen zu fahnden.

Und so verallgemeinern wir die Angst, machen Sicherheit und Repression unvermeidbar, lebenswichtig, ja sogar wünschenswert und halten die Ordnung aufrecht.

Deshalb sind wir FÜR Gewalt. Fuck auf die Polizei und den Anstand, »der Konflikt ist der Vater aller Dinge«, die Zerstörung dieser Welt ist eine wünschenswerte Perspektive, und es wäre Blindheit oder Scheinheiligkeit ohnegleichen, wenn man der Meinung ist, dass Zerstörung nicht gewaltsam ist. Außerdem sind die Diskurse über Gewaltlosigkeit nur dazu da, jedes Aufkommen einer Veränderung zu verhindern, um das Bestendende aufrechtzuerhalten. Und um das Bestehende zu verwandeln, muss es wohl sein, ihm Gewalt anzutun. Es lebe also die Gewalt. Es ist einfach, es ist wahr, es funktioniert, meistens: die Emanzipation tut der Ordnung und der Macht, die sie aufrechterhält, Gewalt an. »DIE Gewalt« am Rande jedes Denkens und jeder Praxis abzulehnen bedeutet abzulehnen, dass jemals irgendetwas sich wahrhaft verändert, und sogar zu verhindern, dass irgendetwas sich jemals wahrhaft verändern kann.

Aber immer noch ist irgendetwas nicht stimmig, und auf den Schritt, der gemacht wurde, folgt ein Rückschritt, der uns wieder in die Reproduktion von Lösungen taucht, die diese Welt uns anbietet: wir sind für Gewalt, aber die wahre Gewalt, das sind der Staat und die Polizei, die Löhne, die es unmöglich machen, den Monat zu überstehen, das Elend, die familiäre, schulische, soziale Herrschaft, das sind nicht wir. Und schon haben wir die Gewalt, die es nötig hat, sich über den Umstand zu legitimieren, dass sie die Antwort auf eine viel größere Gewalt ist. Die Gewalt wollen wird erneut zum Problem. Und weiterhin sind wir zwar für Gewalt, aber sicher nicht unter uns. Es ist wahr, dass wir nicht davon träumen, uns wegen jeder Kleinigkeit die Köpfe einzuschlagen, und dass der Stärkste herrsche. Und auch wir entwickeln Techniken und ein Know-How der Befriedung, im Plenum [im Original »AG«, evtl. für »Assemblée Générale«, also so etwas wie Plenum? Wenn irgendwer es besser weiß, bitte gerne melden!; Anm. d. Übers.], der Familie, unter Freunden. Es ist zum Verrücktwerden.

Vielleicht bedarf es, um aus diesem Dilemma herauszukommen, eines Schrittes beiseite (ohne dabei aufzuhören sich bereitzuhalten, um in den Tumult wieder einzutauchen, sobald es nötig ist). Und feststellen, dass »DIE Gewalt« eine Abstraktion ist, die keinen Sinn macht, und die zueinander dermaßen heterogene Realitäten umfasst, dass sie zu gebrauchen immer der Realität nicht gerecht wird. Kein Sinn? Nicht so sicher. DIE Gewalt, das ist erst einmal das, das die Ordnung daran hindert sich aufrechtzuerhalten, das ist eine Vielzahl an Situationen, die zusammengefasst wurden mit dem Ziel, deren Befriedung und die dafür aufgewendeten Mittel zu rechtfertigen… inklusive derer, die extrem gewaltsam sind. Das ist eine komfortable Vereinfachung, um glauben zu machen, dass es einen sozialen Konsens gibt, der in Wahrheit vollkommen brüchig ist. Das ist der Name, der Angst macht und bei dem man sich die Legitimation verschafft, ihn mit allen Mitteln heraufzubeschwören. Man kann nicht »gegen DIE Gewalt« sein, außer man akzeptiert, mit Hand und Fuß an die Seite der Ordnung und des Friedens… des Staates und des Kapitals… gekettet zu sein. »Für DIE Gewalt« zu sein macht nur in Opposition (die gesund und notwendig ist, aber eingeschränkt durch ihre reagierende Natur) zum vorherigen Diskurs Sinn.

Außerhalb einer Antwort auf die befriedende Verwaltung des Staates ist es klar, dass ehrlich konsequent in der Absolution von Gewalt zu sein, oder auch von Gewaltfreiheit übrigens, zwei gleichermaßen unhaltbare Positionen sind, die eine wie die andere, gleich in ihrem Nihiĺismus. In beiden Fällen schert man sich nicht mehr um die Welt und die Anderen, sich mit der einen oder der anderen zu schmücken ist immer Geschwätz.

Und doch werden wir Tag für Tag dazu angehalten es zu tun, weil die Welt es um jeden Preis so will.

Da wir überhaupt nicht mehr die Söhne und Töchter der wilden Zeiten sind, die mit der rohen Gewalt der Erdphänomene und der großen prähistorischen Bestien konfrontiert sind, sondern ganz im Gegenteil durch Jahrhunderte der Rationalität zivilisierte und durch Demokratie befriedete Kinder sind (zusätzlich mit mit Sicherheit linken Eltern…), ist es eher die Befriedung, mit der wir uns konfrontieren müssen. Deshalb werden wir logischerweise das zu gewalttätige Kind für die Eltern oder die Schule sein, der Chaot auf der Demo, der Sklave, der seinen Herren schlägt, das Opfer, das seinen Henker tötet. Alle Formen der Gewalt ähneln sich nicht, aber alle Befriedungen sind Versuche der Herrschaft und der Aufrechterhaltung der Ordnung, die wir erleiden und für die wir den Preis zu zahlen haben. Und wir wissen, dass alles, das entstehen wird, um sich dagegen zu wehren, »Gewalt« genannt werden wird.

Es sind die konkreten Situationen, die uns dazu zwingen, uns bezüglich eines Begriffs zu positionieren, der durch die Macht, insbesondere in ihrer demokratischen Form, gegen uns geschmiedet wurde. Der soziale Friede verlangt, »die Chaoten« von den wohlmeinenden Demonstranten zu trennen, weil erstere gewalttätig sind? Wir werden die Gewalttäter sein, die Chaoten, denn in jedem Fall sind wir diejenigen, die kommen, um diese Ordnung zu erschüttern. Und da, zweifelsohne, sind wir auf der Seite dessen, das die Ordnung »DIE Gewalt« nennt, wir sind gegen die Versuche uns zu befrieden. Aber täuschen wir uns nicht und wissen wir, dass diese Kategorie die des Feindes ist, wo wir nicht so dumm sein sollten, uns von ihr in einen Käfig sperren zu lassen, nicht mehr, als wir uns selbst in einen Käfig sperren durch interne Befriedungsversuche und Versuche der Vertragsnahme, bei denen wir diese falsche Opposition von Gewalt und Gewaltlosigkeit reproduzieren, die beide lediglich zwei Seiten derselben repressiven Medaille sind.

Denn bei uns (im weitesten Sinne, sagen wir, auf Seiten der Antiautoritären…) dient die Ablehnung von »DER Gewalt« ohne Zweifel der Befriedung, dem Ausweichen von Konflikten, um kleine Königreiche zu verwalten, ja sogar zu regieren, um als eine Autorität zu agieren, die sich als legitimerweise unanfechtbar präsentiert und die ohne eine andere Form des Prozesses (oder mit selbstverwalteten Prozessen ohne Platz für die Verteidigung, noch dazu…) autoritär das unterdrücken kann, das sie in Frage stellt. Die Inkohärenz wird dabei manchmal bis aufs Äußerste ausgedehnt: es ist nicht selten Leute zu sehen, die von Autonomie und ihren Eisenstangen oder vom diffusen Angriff auf das Eigentum und die Menschen fantasieren, und gleichzeitig diejenigen ausschließen, die ihnen nicht gefallen, weil sie nicht in ihrem Sinne geredet haben oder nicht Hallo sagen, oder hochhalten, dass Konflikte ohne Vermittlung gelöst werden müssen und gleichzeitig alle Mitglieder ihrer Gemeinschaft aufhetzen, sobald jemand anderes als sie und ihre Nächsten dazu ansetzt sich von ihnen nichts gefallen zu lassen. Alle Ordnungen, von der kleinsten bis zur größten, und selbst die Ordnungen, die den Anspruch haben subversiv zu sein, beschweren sich über die Gewalt derer, die ihnen widersprechen, und bedienen sich gewaltsamer Vorgehensweisen, um sie zum Schweigen zu bringen oder sie in die Unsichtbarkeit zu verdrängen. Die Frage ist immer, zu verstehen, wer wem Gewalt antut und warum. Und dann alle diese Vorrichtungen zu identifizieren, die man in der Familie, unter Freunden, unter Gefährten und Genossen, auch in sich selbst, errichtet hat und vielleicht das zu dekonstruieren, das sie so notwendig macht, zumindest für diejenigen, die nur dazu da sind, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, eine Angst vor dem Unbekannten zu schüren oder das Unerwünschte auszuschließen. Und so vielleicht ein bisschen mehr theoretische und praktische Autonomie zu konstruieren und weniger Autorität.

Man könnte auf jeden Fall feststellen, dass um diesen Begriff herum eine gewisse Komplexität herrscht. Im Augenblick, in der Realität einer Situation, ist es nicht kompliziert zu sehen, was in Richtung Repression geht und was sich dagegen wehrt. Aber weder durch die Aneinanderreihung übertheoretisierter Phrasen bezüglich DER Gewaltfrage noch durch die Verkündung eines Berges an Prinzipien bezüglich dieser Frage wird man eine Richtlinie für unser Handeln und Denken festlegen können. Hier haben wir eine Frage, und es ist keine kleine, bei der die Suche nach passenden Ideologien von der Stange, um anschließend mit einer Stimme Parolen skandieren zu können, zu nichts anderem führt, als in der Inkohärenz zu ertrinken, während man ohne aufzupassen genau das reproduziert, gegen das man kämpft und dabei auf dem Weg jede Kraft verliert.

Was sicher bleibt, ist, dass die Aufrechterhaltung des Friedens gegen uns erfolgt.

Nieder mit dem Frieden!

Gegen alle befriedeten Paradiese!

Maria Desmers, Februar 2020

Dieser Text ist ein Beitrag zur vorgeschlagenen Diskussion im Fleurs Arctiques [»Bibliothek für die Revolution« in Paris] mit dem Namen »Gewalttätiges Verhalten wird streng bestraft«, geplant für den 7. Februar 2020.

Übersetzt aus dem Französischen. Zuerst erschienen unter dem Titel « Faire violence ? » auf der Seite des Les Fleurs Arctiques (https://lesfleursarctiques.noblogs.org/?p=1557).

Mobbing als Methode im Kampf gegen Gentrifizierung?

Inhaltshinweis: Im folgenden Text geht es um Gewalt, dabei geht es im Besonderen auch teilweise relativ detailliert um Mobbing, jedoch werden auch andere Formen der Gewaltausübung, wie beispielsweise sexualisierte Gewalt oder Pogrome, genannt.

In Reaktion auf meinen Artikel „Wer mobbt hier wen?“ aus dem Zündlumpen Nr. 033 bekam ich die Rückmeldung einer Person zugetragen, die den Begriff „Mobbing“ im Kontext von Antigentrifizierungskämpfen verwendet. Dabei sei für sie „Mobbing“ eine Strategie, ohne dabei eine positive Bezugnahme auf den Psychoterror gegenüber Schüler*innen oder anderen Personen zu meinen. In dieser Sichtweise umfasse der Begriff „Mobbing“ eher ein Repertoire an Methoden, das je nach Einsatzzweck ok oder eben nicht ok sei. Das Mobben von Bull*innen, Yuppies, Chefs, Lehrer*innen und sonstigen Personen, die eine Machtposition innehaben oder Privilegien, die zur Verdrängung marginalisierter Personen führen, sei in Ordnung, denn die Mittel von Psychoterror, wie beispielsweise den wiederholten Angriff auf ihr Zuhause, das Taggen von Drohbotschaften oder das Anzünden ihres Autos, seien hier Mittel zum Zweck, nämlich zum Kampf gegen Herrschaft, Privilegien und Verdrängung.

Ich beziehe mich im folgenden Artikel auf die Argumentation, wie ich sie weitergegeben bekommen habe und nutze sie, um noch einmal genauer auf das Thema eingehen zu können, ohne aber wahrscheinlich die ganze Argumentation zu kennen. Ich würde mich deshalb freuen, wenn dieser Artikel zu einer Debatte zu diesem Thema beitragen könnte, sodass ich keine Monologe führe.

Wenn wir uns hier um den Begriff „Mobbing“ streiten, dann sind wir bereits mitten in der schwierigen Frage danach, welche Gewaltmittel im Kampf gegen Herrschaft und Unterdrückung zu Befreiung führen, und welche neue Formen von Herrschaft ausüben. Es gibt Anarchist*innen, die der Meinung sind, dass jede Form der Gewaltausübung bereits die Ausübung von Herrschaft sei. Der Meinung bin ich jedoch nicht, denn ich bin der Ansicht, dass auch das Nichtstun eine Form der Herrschaft sein kann, zumindest das Zulassen und Dulden und Unterstützen von Herrschaft. Ich wünschte, ich wäre damals in der Schule, als ich von vielen ausgelacht und von allen ausgeschlossen war, auf die Idee gekommen mich zur Wehr zu setzen, und zwar in Form von Gewalt, und wäre damals nicht so verdammt pazifistisch gewesen. Ob es was gebracht hätte? Keine Ahnung, vielleicht nicht. Es jedoch einfach hingenommen zu haben und nur versucht zu haben, noch netter zu allen zu sein und dankbar für jedes freundliche Wort zu sein, selbst wenn dieselbe Person am Vortag noch mit den anderen gelacht hat, als ein Witz auf meine Kosten gemacht wurde, das hat mir sicherlich nicht gut getan. Und mich heute mit der Entschlossenheit in den Straßen zu bewegen, dass wenn jemand mich angreift, ich mich verteidigen werde, fühlt sich auf jeden Fall deutlich empowernder an, als mir nur die ganze Zeit zu wünschen, dass ich hoffentlich niemandem als Opfer auffalle, in dem Wissen, dass ich nichts dagegen tun kann. Ich möchte pazifistischen Anarchist*innen nicht unbedingt vorwerfen vollkommen passiv zu sein, jedoch finde ich, dass es auch befreiende Gewalt geben kann und ich wünschte ich hätte davon in meiner Schulzeit Gebrauch gemacht.

Jedoch muss jede*r, die*der befreiende Gewalt ausübt, sich auch fragen, wo die Grenzen liegen, wo die Gegengewalt umschlägt in eine neue Form der Herrschaft und Ausbeutung. Denn ich bin absolut nicht der Meinung, dass der Zweck die Mittel heiligt, dass, wenn mein Ziel die Zerstörung der Herrschaft ist, absolut jedes Mittel, das ich einsetze, diesem Ziel dient. Vermutlich würden alle aufschreien, wenn jemand „Pogrome gegen Yuppies“ taggen würde oder im Kampf gegen Herrschaft Bull*innen vergewaltigen würde. Womit wiederum viele kein Problem mehr haben, ist, wenn es um diverse Diskriminierungsformen geht, wie beispielsweise dickenfeindlich gegenüber einem Nazi zu sein oder Sexismus gegen Bullinnen oder Rassismus gegen MVG-Kontrolleur*innen zu feiern oder sogar selbst zu äußern. Dabei möchte ich nicht alles verurteilen, was Menschen tun, wenn sie durch die Machtausübung einer Person unmittelbar zu leiden haben, wie Schüler*innen, die von Lehrer*innen schikaniert werden oder Menschen, die von Bull*innen fertiggemacht werden, und diese sich dagegen wehren, auch wenn es auf eine miese Art und Weise ist, die ich grundsätzlich nicht gutheißen will. Grundsätzlich muss natürlich auch jede Person für sich entscheiden, wie sie sich zur Wehr setzen will und es ist auch sehr unterschiedlich, welche Mittel einer Person zur Gegenwehr überhaupt zur Verfügung (zu) stehen (scheinen).

Aber kann Mobbing je eine befreiende Wirkung haben? Kann mensch „Mobbing“ als ein gewisses Werkzeugarsenal betrachten, das im Kampf gegen die richtigen Personen eingesetzt werden kann. Meiner Meinung nach ist da das Verständnis von „Mobbing“ einfach falsch und kommt einer Verharmlosung dieser Gewalthandlungen gleich, die ebenso wie bei Vergewaltigungsfantasien à la „Fickt die MVG“ mit aufgemaltem Penis, keine Sensibilität für die Betroffenen solcher Gewalthandlungen ausdrückt, im schlimmsten Fall sogar gutheißt. Irgendwo lassen sich auf den ersten Blick Parallelen mit Mobbing erkennen, denn mensch übe ja wiederholte Angriffe auf „Yuppies“ aus, und mensch versuche, eine Atmosphäre zu schaffen, in der „Yuppies“ sich im Viertel so unwohl fühlen, dass sie wieder wegziehen. Ich kann nachvollziehen, wie mensch diesen Schluss ziehen kann, doch meiner Meinung nach ist Mobbing etwas anderes, und sollten die Handlungen im Kampf gegen Gentrifizierung tatsächlich in Mobbing münden, dann werde ich gegen diese Menschen kämpfen, selbst wenn ihre Absichten noch so edel sein mögen. Denn Mobbing richtet sich gezielt gegen eine bestimmte Person, vielleicht noch gegen einige wenige Personen, die gezielt von einer Gruppe mit den miesesten Mitteln wie Demütigung oder Verleumdung fertig gemacht werden, die in keiner Relation zu ihren Taten stehen. Wenn mensch allgemein gegen „Yuppies“ kämpft, dann richtet sich das nicht gegen eine bestimmte Person – auch wenn mensch da schon ein wenig aufpassen muss, keine verallgemeinerte Personengruppe, die mensch auch meint an äußerlichen Merkmalen erkennen zu können, zu seiner*m erklärten Hauptfeind*in zu machen, der mensch kein Reflexionsvermögen zutraut und in ihnen keine möglichen Kompliz*innen mehr sieht – und bedient sich nicht solcher Methoden. Wenn ich das Viertel besprühe, Dinge dort kaputtmache und sogar ab und an mal ein Auto anzünde, dann damit das Viertel als nicht gemütlich gilt, als hässlich, als ein Viertel, wo du dir nicht sicher sein kannst, dass, wenn du dein Auto irgendwo parkst, es am nächsten Morgen noch heil ist. Das ist jedoch etwas anderes, als wie wenn ich mir jetzt – sagen wir – drei Personen aus diesem Viertel aussuche und diese gezielt fertig mache, unabhängig von ihren Taten, einfach nur, weil sie für mich wie „Yuppies“ aussehen, indem ich ihnen Drohbriefe schreibe, sie verfolge, ihre Verwandten bedrohe, sie nachts anrufe, ein Sexvideo von ihnen ins Internet stelle, sie wegen Kinderpornographie anzeige oder was einer*m sonst noch einfällt, wenn mensch eine andere Person einfach nur zerstören will. Viele der Dinge, die ich gerade genannt habe, finde ich dabei nie in Ordnung, selbst wenn ich der Person real etwas vorzuwerfen habe, denn dann kann ich sie für das kritisieren und angreifen, was sie real getan hat.

Was typischerweise Mobbing ausmacht, ist die Wiederholung von Taten – Mobbing findet selten nur durch ein einziges Ereignis statt, sondern durch eine ganze Reihe an Taten –, die dazu dienen, einen Menschen psychisch fertigzumachen, diesen Menschen also im Extremfall – der allerdings nicht so selten ist – in den Selbstmord oder zum Amoklauf zu treiben. Doch auch wenn es so weit nicht kommt, hinterlässt Mobbing häufig tiefe Wunden, unter denen Betroffene noch jahrzehntelang leiden können. Meine Erlebnisse mit Mobbing sind inzwischen über zehn Jahre her und trotzdem muss ich heute noch weinen, wenn ich davon erzähle. Ich bringe es auch bis heute kaum fertig darüber zu reden und diese Artikel sind meine ersten Versuche daran etwas zu ändern.

Zu den Zeiten, als ich in der Schule gemobbt wurde, hatte ich Freund*innen in einem Verein. Eines Tages lachten sie alle darüber, dass irgendwer geschafft hatte, eine*n Lehrer*in aus der Schule zu mobben. Nur ich blieb stumm und mein Herz brannte und ich hoffte, dass niemand herausfinden würde, dass ich auch so eine war, so eine, über die Menschen freudig lachten, dass sie es geschafft hatten mich irgendwo rauszumobben. Das hatte ich sogar schon erlebt, als ich die Schule wechseln wollte, was ich dann doch nicht gemacht hatte. Dass ich in meiner Schule der „Yuppie“ war, bzw. natürlich in dem Kontext „die Streberin“ – ein Vorwurf, der meiner Meinung nach damals nicht berechtigt war, aber was spielte das für eine Rolle? Keine, der Vorwurf war doch nur Vorwand, um mich fertigmachen zu können –, durfte in meinem Verein niemand wissen, denn ich hatte Angst, dass wenn sie meine „wahre Identität“ herausfinden würden, nämlich „die gemobbte Streberin“ zu sein, sie mich ebenso verachten würden wie alle anderen.

Wenn ich heute sehe, dass irgendjemand zum „Mobbing“ aufruft, egal gegen wen, dann denke ich an diese Situationen zurück, dann schmerzt alles in mir, dann möchte ich weinen und schreien, dann schäme ich mich, wie ich mich damals geschämt habe. Selbst wenn ich anerkennen kann, dass mensch etwas anderes mit „Mobbing“ meint und es „nicht so gemeint hat“, werde ich jeden Tag übermalen, der irgendwen „mobben“ will und jedes Plakat abreißen, das zum „Mobbing“ aufruft. Denn mein Verständnis ist davon ein anderes. Und das vieler anderer auch. Es ist verharmlosend und wirkt auf mich retraumatisierend. Es erinnert mich daran, wie sehr diese Formen der Gewalt und Schikane von vielen verharmlost und als normal angesehen wird, und dass viele der Meinung sind, dass die Gemobbten selbst schuld daran sind, weil sie halt komisch waren, dass diese Verachtung gegenüber diesen damals Ausgeschlossenen sich weiter fortträgt, wenn vermutet wird, dass Personen, die tatsächlich Macht ausüben, bestimmt noch nie jemand mochte oder dass sie in ihrer Kindheit gemobbt worden sein müssten, oder bestimmt schon immer in der Ecke saßen und von allen ausgelacht wurden (zu dem Thema findet ihr eine ausführliche Kritik in dem Artikel „Der Keim der Herrschaft“ im Zündlumpen Nr. 017).

Mobbing haben viele erlebt und darunter gelitten. Dabei haben alle unterschiedliche Umgänge mit gefunden und werden auch im Nachhinein unterschiedlich mit umgegangen sein. Bestimmt trifft es alle nicht so wie mich, vielleicht würden sie auch zu Mobbing gegen Yuppies aufrufen, vielleicht tun sie es auch. Ich kann nur erzählen, wie es für mich war. Für mich war es die Hölle, zwei Jahre lang war ich so unglücklich, dass ich ständig Kopfschmerzen hatte und furchtbar müde war, dass ich nächtelang geweint habe und dass ich einfach keine Ausweg wusste. Es hat mein Selbstbewusstsein zerstört und mich mit einer riesigen Scham ausgestattet, die mich heute noch immer wieder überkommt. Ich kämpfe heute noch damit, manchmal bin ich überempfindlich, lasse mich schnell verunsichern, fühle mich super schnell ausgeschlossen, manchmal sind es regelrechte Flashbacks, die mich heimsuchen. Ich kann immer noch kaum darüber reden. Immer noch kämpfe ich damit, dass ich denke, dass es meine eigene Schuld war, dass ich mir das Ganze nur eingebildet habe, dass ich komisch war. Mich verletzt es zutiefst, wenn irgendwer Mobbing für eine gute Idee hält. Denn ich fühle mich wieder wie die, die anders ist als die anderen, die nicht dazugehört, denn ich gehöre zu denjenigen, gegen die sich das Mobbing richtet, nicht wie die anderen, die auf der anderen Seite stehen und sich über ein erfolgreiches Mobbing freuen können. Ich gehöre zu denjenigen, die es verdienen gemobbt zu werden. So sind meine Assoziationen. Doch dagegen möchte ich ankämpfen und stattdessen das bekämpfen, das mich so krass zerstört hat. Und dazu gehört, gegen die Verharmlosung von Mobbing anzuschreien, die mir tagtäglich begegnet.

 

Wahrnehmungsstörungen

In gewaltvollen Situationen ausgehend von Männern ist so schmerzhaft wie selten spürbar wie unterschiedlich mensch aufgrund der Zuweisung eines bestimmtes Geschlechts behandelt wird. In Konfrontation mit Bullen wird das immer wieder deutlich. Wird mensch ein männliches Geschlecht zugewiesen, so wird brutal gegen eine*n vorgegangen, mensch als gefährlich und zu allem fähig eingeschätzt. Wird mensch das weibliche Geschlecht zugewiesen, kommt es deutlich häufiger vor übersehen, ausgelacht, nicht ernst genommen, als „hysterisch“ bezeichnet oder sexistisch beleidigt zu werden, auch wenn mensch exakt dasselbe Verhalten an den Tag legt wie die Person neben einer*m, der das männliche Geschlecht zugewiesen wird. Egal ob Nazis, Bullen oder irgendwelche anderen Macker, nüchtern oder besoffen, die Gewalt, die mensch mit zugewiesenem weiblichen Geschlecht erfährt, ist eine andere als die, die Menschen erfahren, denen ein männliches Geschlecht zugewiesen wird. So ist es als Person, die weiblich gelesen wird – zumindest in meinen eigenen Erfahrungen – deutlich seltener, dass mensch auf die Fresse kriegt: keine Faustschläge, keine Fußtritte. Dafür sexistische Beleidigungen, sexualisierte Übergriffe und eine vollkommene Nichtbeachtung. Diese Verhaltensweisen haben alle eins gemeinsam: mensch wird als Objekt wahrgenommen, nicht als Subjekt. Wie eine wertvolle Vase, um die sich die Tüpen um einen herum streiten, die die einen verbotenerweise anfassen, während die „eigentlichern Eigentümer“ zum Schutz ihres wertvollen Guts einspringen. Mensch wird als etwas angesehen, von dem keine Gefahr ausgeht (außer von den vermeintlich „männlichen“ Begleitern) und das sich nicht selbst wehren kann, sondern beschützt werden muss (aus Sicht derjenigen, die Sympathie für die vermeintlich weibliche Person verspüren).

Beispiel gefällig? Ein Tüp fasst mir im Vorübergehen in die Haare und streichelt mir über den Kopf. Als ich dazu ansetze ihn dafür anzupöbeln, springt mein Begleiter neben mir auf, überbrüllt mich und schreit: „Fass die Frau nicht an! Lass die Frau in Ruhe!“ Daraufhin kriegt mein Begleiter auf die Fresse. Die beiden stehen sich wütend gegenüber. Ich spiele überhaupt keine Rolle. Beim Versuch nach vorne zu kommen, um den Tüpen selbst anzupöbeln, werde ich nach hinten geschoben, nicht nach vorne gelassen. Erst durch den Einsatz von Gewalt schaffe ich es mich nach vorne zu kämpfen, um den Tüpen selbst anzuschreien. In diesem Moment nimmt er mich zum ersten Mal wahr. Und kann es nicht fassen, dass ein „Weib“ (Zitat) sich hier gerade so aufführt. Auf die Fresse kriege ich im Gegensatz zu meinem Begleiter nicht. Dafür sexistische Kommentare. Bei meinem Begleiter hat den anderen die Reaktion nicht überrascht, dafür war er aber auch zackig in der Reaktion. Hahnenkampf, was sonst. Dabei will ich meinem Begleiter gegenüber nicht unfair sein. Im Gegensatz zu dem anderen super klassisch sexistischen Mackerarsch war er der Meinung, dass er genauso reagiert hätte, wenn ich ein Tüp gewesen wäre. Und das ist ihm auch wichtig. Bei genauerem Hinsehen mussten wir hinterher aber feststellen, dass dem nicht so gewesen wäre. Hat schon mal irgendwer gesagt: „Lass den Mann in Ruhe! Fass den Mann nicht an!“? Hätte er mich überbrüllt, sich schützend vor mich geschoben, mich nicht vorbeigelassen? Jedes Mal, wenn das passiert, und ich komme oft genug in diese Situationen, fühlt es sich richtig scheiße an. Denn ein solches Verhalten scheint die allgemeine Meinung zu bestätigen, dass Frauen nicht gefährlich sind und sich nicht selbst verteidigen können. Mensch sie also wie ein Objekt behandeln kann. Jedes Mal, wenn die Bullen jemanden neben mir niedertackeln und mich einfach als „hysterisch“ auslachen und ich dann nichts mache, weil sie mich dann doch in den Knast stecken würden, habe ich den Eindruck sie in ihrem Bild zu bestätigen. Dass der Tüp, wäre er an meiner Stelle, auch nichts gemacht hätte, ist dabei vollkommen nebensächlich. Jedes Mal, wenn ich nichts tue, bestätige ich den Bullen, dass ich keine Gefahr für sie bin. Und jedes Mal, wenn ich etwas tue, glauben sie, dass es Tüpen waren. „Jetzt mal ganz ruhig, Jungs“, wie oft habe ich diesen Satz schon gehört und das, obwohl die Hälfte der Personen in der Gruppe FLINT-Personen waren. „Lasst uns das von Mann zu Mann klären“, verkündete mal ein Nazi einer Gruppe Antifas, die ähnlich durchmischt war.

90 % der für Gewalttaten verurteilten Täter in Deutschland sind Männer. Schon eine unverhältnismäßig hohe Zahl, oder? Auch wenn Personen, die von der Statistik als „weiblich“ geführt werden, vermutlich aus Gründen der Sozialisation tatsächlich seltener Gewalttaten verüben als Personen, die als „männlich“ erfasst sind, scheint mir das doch absolut überproportional. Self fulfilling prophecy: Ich ziehe meiner Meinung nach weibliche Personen als Täterinnen nicht in Betracht, also verurteile ich nur Männer. Noch dazu erzähle ich allen weiblichen Personen, dass sie nie Gewalt ausüben. Deshalb glauben sie auch, dass sie dazu nicht in der Lage sind. Dass sie nicht gefährlich sind, dass sie keine Gewalt ausüben können. Also verhalten sich cis weiblich sozialisierte Personen auch passiv und verängstigt in Gewaltsituationen und üben weniger Gewalt aus. Umgekehrtes gilt dann natürlich für cis männlich sozialisierte Personen. Und diejenigen weiblichen Personen, die trotzdem Gewalt ausüben, werden nicht als solche erkannt, werden nicht wahrgenommen.

Wenn ich übrigens hier davon spreche Gewalt auszuüben, meine ich das auf eine neutrale Art und Weise, es kann sich also ebenso um übergriffige, Herrschaft ausübende Gewalt handeln, wie um Gewalt, um gegen Herrschaft anzukämpfen, Gewalt, um sich zu verteidigen, Gewalt, um die Gewalt durch andere abzuwehren.

Geil, könnte mensch meinen, als vermeintlich weibliche Person ist es vermutlich weniger wahrscheinlich im Knast zu landen oder sonst für das Ausüben von Gewalt bestraft zu werden, denn mensch gerät deutlich seltener in Verdacht. Würde mensch meinen, und ich bin auch absolut dafür, diesen „blind spot“ gegenüber Bullen, Justiz und Co. mehr auszunutzen! Jedoch ist es ein absolut beschissenes Gefühl nicht (als Subjekt) wahrgenommen zu werden, nicht ernst genommen zu werden. Es tut weh und es macht mich richtig wütend. Es ist eine andere Form der Gewalt, eine fatalere. Wenn ich einen Faustschlag ins Gesicht bekomme oder einen Tritt, dann werde ich (meistens) in konfrontativen Gewaltsituationen als ernstzunehmender Gegner wahrgenommen und behandelt. Ich bekomme auf eine seltsame Art und Weise Anerkennung. Wenn ich stattdessen ausgelacht werde, dann wird mir diese Anerkennung verweigert. Ich werde nicht ernst genommen. Ich werde als etwas betrachtet, mit dem mensch seine Spielchen spielen kann. Anfassen, wann mensch will (mensch muss nur aufpassen, dass der männliche Eigentümer gerade nicht hinschaut oder bestenfalls nicht da ist), darüber lachen, wie mensch will. In jedem Moment wird dir klar gemacht, dass mit keiner Gegenwehr gerechnet wird oder wenn welche kommt, dass sie lächerlich ist und nicht ernst genommen zu werden braucht. Es ist ein Gebahren in einem Herrschafts- und Machtgefälle, in dem ich nicht als handelnde Person betrachtet werde, sondern als lustiges, süßes Dekostück. Und sollte ich mich nicht an meine Rolle halten, dann habe ich mit sexualisierter Gewalt zu rechnen, verbal und physisch. Irgendwann kriege auch ich vielleicht auf die Fresse, aber erst wenn ich durch mein Verhalten bewiesen habe, dass ich keine „richtige Frau“ bin, sondern eine „Emanze“, eine „Lesbe“ oder ein „Mannsweib“.

Aber zurück zu diesem Ohnmachtsgefühl, das eine*n überkommt, jedes Mal, wenn mensch so übergangen und ignoriert wird. In diesem Moment vollzieht sich die Erfüllung des gesellschaftlichen Diskurses, dass Frauen gefährdet und nicht wehrhaft sind, dass sie permanente Opfer sind. Ein solcher Opferdiskurs nimmt mensch die Handlungsfähigkeit und die Subjektivität, denn mensch ist nur hilflos dem ausgeliefert, was über eine*n hereinbricht. Ein solcher Opferdiskurs führt zu einem permanenten Gefühl der Bedrohung und Machtlosigkeit, das jedes Mal bestärkt wird, wenn einer*m kein Raum gegeben wird, sich als Subjekt gegen eine Bedrohung oder eine Gewaltsituation zur Wehr zu setzen. Wenn mensch klar gemacht wird, dass die Aggressoren von einer*m keine Gefahr erwarten. Deshalb ist es mir auch so wichtig, zu meinem eigenen Empowerment ebenso wie um einen gesellschaftlichen Diskurs zu durchbrechen, mich selbst zur Wehr zu setzen, selbst aggressiv zu werden, selbst zu handeln und den oder die Aggressoren zu zwingen mich wahrzunehmen und mich ernst zu nehmen. Ich bin eine Gefahr! Ich kann mich wehren und ich werde mich wehren! Ich bin kein hilfloses Objekt patriarchaler Gewalt! Ich bin Widerstandskämpferin im Krieg gegen das Patriarchat! Selbst wenn mir Gewalt zugefügt wird, bestärkt mich das nur in meinem Kampf gegen das Bestehende. Und alle diejenigen, die mit mir diesen Kampf kämpfen wollen, egal ob ihnen eine weibliche oder eine männliche Geschlechterrolle zugewiesen wird, möchte ich an meiner Seite sehen. Ich möchte, dass wir gemeinsam kämpfen und nicht, dass sich irgendwer vor mich stellt. Ich möchte Kompliz*innen, keine Beschützer*innen. Ich bin kein Opfer, ich bin Täterin! FLINT-Personen sind gefährlich!

Keine Gewalt ist auch keine Lösung

Es scheint eine nie enden wollende Debatte zu sein: Die Frage nach der Legitimation von Gewalt. Das charakteristische an dieser Debatte: Einen Begriff von Gewalt, scheint kaum eine*r, die*der so eifrig an der Debatte teilnimmt zu haben. Insbesondere diejenigen, die Gewaltfreiheit von emanzipatorischen Bewegungen einfordern zu dürfen glauben, schweigen so oft von der Gewalt, in deren Folge diese Bewegungen überhaupt entstehen, ja erkennen diese in so vielen Fällen nicht einmal als Gewalt an.

Der folgende Artikel versteht sich als eine Antwort auf derartige Positionen. Er soll gerade keine differenzierte, moralische Betrachtung der Gewaltfrage leisten, sondern ist vielmehr ein Plädoyer dafür, die verstaubten und herrschaftsaffirmativen Moralkataloge unserer Gesellschaft endgültig über Bord zu werden. Ich möchte damit Gewalt nicht verherrlichen oder fetischisieren, sondern vielmehr darauf aufmerksam machen, dass wir in einer Welt voller Gewalt leben, in der wir ständig freiwillig und unfreiwillig gewaltsam handeln und behandelt werden. Erst die Akzeptanz dieser Tatsache jenseits einer moralischen Bewertung ermöglicht uns eine Reflexion über diese Zustände.

„Gewalt ist keine Lösung“, dieses Dogma bekommen wir seit unserer Kindheit von Erltern, Lehrer*innen, von Medien, von Repressionsbehörden, usw. eingetrichtert. Als Gewalt gilt dabei nicht nur körperliche Gewalt gegen Individuen, sondern auch „Gewalt gegen Sachen“. In aller Regel nicht als Gewalt – oder zumindest nur eingeschränkt – gilt dagegen psychische und verbale Gewalt, die Gewalt der Lohnarbeit oder gar die Gewalt des Staates zur Durchsetzung seiner Interessen. Um diese zum Teil so offensichtliche Gewalt zu kaschieren, hat unsere Gesellschaft eine beeindruckende Reihe von Euphemismen geschaffen: „Unmittelbarer Zwang“ steht etwa dafür, dass Bullen einem ins Gesicht schlagen oder Schmerzgriffe anwenden, um dich zu zwingen, zu tun was sie von dir wollen, „Rückführung“ steht dafür, dass eine Horde bewaffneter Bull*innen in deine Unterkunft eindringt, dich gegen deinen Willen entführt und in ein anderes Land verschleppt, „Untersuchungshaft“ steht dafür, dass Bull*innen dich einsperren, jeden Kontakt zur Außenwelt überwachen, weil sie der Ansicht sind, du könntest gegen das Gesetz verstoßen haben. Ist es dennoch einmal unvermeidlich, bei den Schikanen des Staates von Gewalt zu sprechen, heißt es lapidar, der Staat hätte eben ein „Gewaltmonopol“, er dürfe das also und das Ganze diene dem guten Zweck.

Ebenfalls vom gängigen Gewaltbegriff der Gesellschaft nicht erfasst sind die zahlreichen Diskriminierungen, die Menschen in Form von Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Klassismus, Homo- und Transfeindlichkeit, u.v.m. erleiden. Diese Diskriminierungen haben zum Teil immensen Einfluss auf das Leben Betroffener; sie verhindern die selbstbestimmte Entfaltung betroffener Individuen. Trotzdem gelten sie nicht als Gewalt.

Wer sich jedoch mit Gewalt diesen Diskriminierungen, der Gewalt des Staates, der Gewalt der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse widersetzt, der*die muss mit moralischen Anfeindungen, Kriminalisierung und Repression rechnen. Die Kritik an einer solchen Gewalt stammt dabei vor allem von einem Kreis privilegierter Menschen, die über die Anwendung von Gewalt selbstverständlich erhaben sind. Wozu sollten sie auch Gewalt – nach ihrem Begriffsverständnis – anwenden? Ihre Interessen werden durch den Staat geschützt, Diskriminierungen erfahren sie keine und mit ihrem Leben sind sie mehr oder weniger zufrieden – zumindest reden sie sich das gerne selbst ein. Wer Gewalt anwendet, delegitimiert sich in ihren Augen. Schön für sie.

Aber allzu häufig übernehmen auch wir anderen diese Argumentationsweise. Wir richten uns dabei nach Moralkatalogen, aufgestellt von Religionen, Philosoph*innen, Politiker*innen. Kurz: Von denjenigen, oder im Auftrag für diejenigen, die mit am meisten von diesen Moralvorstellungen profitieren. Dabei neigen auch wir dazu, die Gewalt, die wir täglich selbst erfahren oder beobachten müssen, in unserer Betrachtungsweise außen vor zu lassen, denn ansonsten müssten wir auch unsere Moralvorstellungen über Bord werfen.

Befreien wir uns also von dem Dogma der Gewaltfreiheit und richten wir unser Handeln stattdessen nach unseren eigenen Ansprüchen: Nach dem Anspruch auf ein Leben frei von Herrschaft.

Gewalt kann sowohl Herrschaftsverhältnisse schaffen, als auch zerschlagen. Ich für meinen Teil kann an der Zerschlagung von Herrschaftsverhältnissen und der damit einhergehenden Befreiung von Menschen nichts negatives finden.