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Lektionen aus dem Untergang Roms

Es wird der Tag kommen, an dem ein verdienter Sturm des Himmels über Rom hereinbricht. Ihr werdet geplündert und zerstört werden und jammernd und zähneknirschend werdet ihr bezahlen.

– Orakelspruch aus den Sibyllinischen Büchern –

Ich denke in diesen Zeiten ist es wichtig und inspirierend, sich an den Untergang Roms als Parabel und Analogie zu erinnern. Rom wird als die größte altertümliche Zivilisation betrachtet. Seine Errungenschaften sind ebenso gefeiert wie die sogenannten Fortschritte dieser Zivilisation auf Kosten der Welt herausposaunt werden. Von Beginn an wurde das römische Imperium durch Unterwerfung und mit Waffengewalt errichtet. Es war rücksichtslos in seiner Gier nach Macht und „unersättlich in seinem Ehrgeiz“, beides prägende Merkmale, die charakteristisch für jegliche Zivilisation sind. Rom war ein imperialistisches Reich, wie sie es alle sind, das einen großen Teil der ihm bekannten Welt kontrollierte und durch Unterwerfung und Kolonisierung kontinuierlich expandierte. Das Imperium sammelte gigantische Armeen von Sklav*innen an, die nötig waren, um das Monster zu erschaffen, und auf deren Rücken das Reich gegründet wurde. Aber die versklavten und erniedrigten Barbaren waren dessen überdrüssig. Während Rom seine Kriege der Unterwerfung führte, erschütterten Rebellionen das Imperium und forderten beständige Repression.

Ich mache allerdings keine Unterscheidung zwischen verschiedenen oder eigenständigen Zivilisationen. Es gibt verschiedene Kulturen und Gesellschaften, verschiedene Varianten, aber nur eine Zivilisation. All die zivilisierten Gesellschaften der letzten 10.000 Jahre sind alle Teil desselben Monsters, der gleichen Pathologie. Ich gebrauche Rom nur als Beispiel, da es zu seiner Zeit das entsetzlichste Beispiel für die Zerstörungskraft der Zivilisation war.

Wie die USA rief Rom extreme Verachtung bei seinen Nachbar*innen und Kolonien hervor. Auf der Höhe seiner imperialien Macht erreichte das Römische Imperium auch den Höhepunkt seines Missfallens. Feindseligkeit brodelte in der Peripherie. Die Menschen wurden durch die Kolonisation Roms nicht nur entmündigt, sondern auch die römischen Beamten, die ihren Reichtum zur Schau stellten, riefen Verachtung und Neid hervor. Die Römer stellten ihre Machtentfaltung immer pompös zur Schau. Sie fuhren in vergoldeten Streitwägen durch die Straßen, mit Gewändern, in die Gold gewebt war, schmissen üppige Gelage, bei denen sie den Exzess feierten. Amerikaner*innen fahren in ihren SUVs umher, mit Diamantringen und verrückten Klamotten, alles aus der Sklav*innenarbeit ihrer Kolonien stammend. Amerikaner*innen besetzen und ermorden Menschen überall auf der Welt und bringen dann ihre Reichtümer und Ressourcen zurück in US-Firmen. Das macht es den Menschen unmöglich, sich mit dem, was übrig bleibt, selbst zu versorgen und unfähig eigenständig zu leben und zwingt sie so in eine Abhängigkeit vom Kolonisator. Und wir wundern uns darüber, warum wir verhasst sind? Wir, die Römer, leben im Überfluss der blutbefleckten, gestohlenen Reichtümer unserer eroberten und kolonisierten Opfer.

Ich habe nicht ein Körnchen Vertrauen in die Zukunft der „Zivilisation“. Ich weiß nun, dass sie zur Zerstörung verdammt ist – vermutlich schon seit Langem. Was für eine Freude ist es und wie oft ist es mir Trost daran zu denken, das die Barbarei einmal mehr die Welt überschwemmen wird, mit echten Gefühlen und Leidenschaften – wenn auch unentwickelt – und diese den Platz unserer erbärmlichen Heucheleien einnehmen werden.

– William Morris –

Es sollte keine Überraschung sein, dass der lokale römische Statthalter, der seinen Reichtum auf den Straßen zur Schau stellt, den Hass weckt, der sich gegen die Herrscher und Regenten richtet und gegen alles, was sie repräsentiert. Eine spätere Konsequenz davon war, dass die zivilisierten Herrscher*innen der Menschen, die Rom kolonisiert hatte, eifersüchtig wurden und forderten, dass Rom seinen Reichtum teile. Das bewegte verschiedene solcher nicht-römischen Herrscher, die als Barbaren bezeichnet werden, und die nun so zivilisiert waren wie jeder römische Statthalter, gegen Rom zu revoltieren und es anzugreifen, um einen Anteil seiner Beute zu fordern. Entsprechend verhielt es sich mit der berühmten barbarischen Gruppe, die Rom im Jahre 410 plünderte, was angeblich den Niedergang des Römischen Imperiums einleitete. Der Anführer dieses gallischen Stammes, Alaric, war ein Intellektueller, ein durchweg zivilisierter Mann, der in all den klassischen Werken belesen war, der fließend Latein sprach und ein großer Bewunderer Roms war.

Er genoss den Respekt römischer Beamter und wurde von diesen als nobel betrachtet. Er war der Meinung, dass er und seine Leute ein Stück vom Kuchen der Reichtümer Roms verdient hätten. Also befahl er seinen Armeen, Rom aus dem Norden anzugreifen und stieß überraschenderweise auf nur geringen bis gar keinen Widerstand. Seine Streitkräfte wurden zum Teil regelrecht willkommen geheißen, da die armen Städte/Kolonien Roms sich auf seine Seite und die seiner Armee stellten, in der Hoffnung, sich eine Atempause von der unterdrückenden römischen Herrschaft zu verschaffen. Er legte den ganzen Weg bis zur Stadt Rom zurück und forderte ein großes Lösegeld aus Gold, Silber, Früchten und Eisen, doch sein Protest blieb unerhört. Seine Streitkräfte wurden außerhalb der verteidigten Stadt in Schach gehalten, bis Sklaven in Rom die Tore öffneten und die Barbaren herein ließen.

Es war für unmöglich gehalten worden, dass die Stadt Rom im Herzen des Imperiums angegriffen und zerstört werden könnte. Die Römer*innen hielten die Hauptstadt für unantastbar und hätten niemals angenommen, dass sie verwundbar sein, oder selbst zu Opfern werden könnten. Der Angriff öffnete Rom die Augen für die Bedrohung, die seine grausame Politik kreierte. Dieser Angriff war ein Vorzeichen der Katastrophe.

Zusammen mit Rom wuchs auch der weltweite Hass gegen es. So wie es Amerikaner*innen heute ergeht, schlug auch Rom wachsende Feindschaft vom Rest der Welt entgegen, die es beherrschen wollte. Vor dem 11. September war die anti-amerikanische Stimmung auf einem nie dagewesenen Höhepunkt gewesen. Durch den linkischen Marionettenherrscher Amerikas, dem Sohn eines ehemaligen Diktators, der für seine eigene blutige Herrschaft gehasst wurde, wurde die Arroganz und Brutalität Amerikas zum Vorschein gebracht und es fiel leichter, es als das, was es war, zu erkennen.

Amerikas Blockade des Kyoto-Protokolls, eines weltweiten Versuchs, die industriellen Emissionen von Treibhausgasen zu verlangsamen (eine kläglicher liberaler Reformversuch, um Legalisierungstechniken zu nutzen, die industrielle Zerstörung des Planeten zu stoppen), ließ den den weltweiten Frust gegen die imperiale Macht, die das Leben auf der Erde in den Abgrund führt, auf ein hohes Niveau ansteigen. Vertuschungsaktionen der USA und die Unterstützung skrupelloser Diktatoren hatten uns den Ruf brutaler Lehnsherren eingebracht und seit Jahren eine große Ablehnung Amerikas verursacht. Entsprechend schufen die militärischen Eroberungen Roms Feinde Roms, die in ihrer Zahl wuchsen, während die Eroberungen weiter gingen. Diese Menschen setzten sich zur Wehr, führten mehr und mehr Angriffe gegen das üble Imperium. Der Widerstand gegen Rom wurde erfolgreicher, als die barbarischen Soldaten, die gezwungen worden waren, in der römischen Armee zu dienen, in ihre Heimat zurückkehrten und ihr neues militärisches Wissen gegen den Kolonisator anwandten, von dem sie es gelernt hatten.

Die Natur selbst schien sich gegen das Imperium verschworen zu haben.

Andere beachtenswerte Ereignisse brachten Rom seinem Untergang näher. Rom hatte noch andere Rechnungen zu begleichen. Was Rom tat, fiel gnadenlos auf es zurück; In Form von verschiedenen Angriffen und Überfällen, Revolten, Aufständen und Machtkämpfen. Aber sie kamen auch aus der Natur, die Rom über ihre Grenzen hinaus ausgebeutet hatte. Es war Zeit für Rom die Schulden zurückzuzahlen, die es bei der Umwelt aufgenommen hatte. Die Aquädukte, die als technologisch so fortgeschritten verkauft werden und die Rom so großen Respekt seitens der modernen Zivilisation einbrachten und es von der Geschichte abhoben, trockneten die Wasserreservoirs aus, die einst seinen diabolischen Durst gelöscht hatten. Diese Wasserquellen, die es so vielen erlaubt hatten, sesshaft zu leben, in so unnatürlich großer Anzahl, zusammengeballt in Städten aus getrockneter Erde, versiegten letzten Endes und tränkten den verrückten Moloch nicht länger. Der natürliche Grundwasserspiegel war gesunken und die Ökosysteme, die durch ihn gediehen, wurden zerstört.

Die Straßen, für die Rom berühmt ist, zerstörten Ökosysteme überall in seinem Imperium. Diese Straßen ermöglichten den einfachen Transport von Personen und Militär, Handel und die alltägliche Verwaltung des Imperiums. Sie zerteilten intakte Ökosysteme, zerrissen die Lebensräume von Tieren und schufen künstliche Grenzen, die das grundlegende tierische Verhalten beeinträchtigten. Zusätzlich schufen sie Probleme beim Abfluss des Wassers und Erosionen. Die Straßen, die Roms Wachstum sowie die Aufrechterhaltung des Imperiums ermöglichten, trugen zu einer ökologischen Katastrophe bei.

Wahrhaft, das Erbe Roms ist eine Wüste. Es holzte die Wälder in seinen Kolonien ab, ebenso wie die eigenen. Die Berührung der Zivilisation zerstört die Natur, wo auch immer sie stattfindet. Überjagung und landwirtschaftliche Unterfangen, die gewaltige Bevölkerung zu ernähren, zerstören die „natürlichen Ressourcen“ (eine zivilisatorische Bezeichnung für Pflanzen und Tiere). Bodenerosionen und Versalzung durch die Landwirtschaft führten manchmal zu Versorgungsproblemen bei der Ernährung der Bevölkerung und sie trugen auf lange Sicht zum Kollaps des Imperiums bei.

Worte können nicht beschreiben, wie verbittert wir unter ausländischen Völkern verhasst sein werden, wegen der abscheulichen Führung durch die Männer, die wir gesandt haben, um sie zu regieren. All die Provinzen beschweren sich über die römische Gier und die römische Ungerechtigkeit. Ich erinnere euch, meine Herren, Rom wird nicht in der Lage sein, gegen die ganze Welt standzuhalten. Ich meine nicht gegen ihre Macht und Waffen im Krieg, sondern gegen ihr Stöhnen, ihre Tränen und ihr Wehklagen.

– Cicero –

Rom war das größte Imperium der Welt, weil es sich immer weiter ausbreitete. Es wuchs, um all das Land um das Mittelmeer in Afrika, dem mittleren Osten und bis zum Kaspischen Meer zu umfassen. Es dehnte sich weit in Richtung Norden aus, über Frankreich bis tief nach England hinein. Es wuchs zu einer solchen Größe an, dass es selbst mit seinen zahlreichen Tentakeln nicht in der Lage war, die Kontrolle zu behalten. Das Imperium war unverwaltbar geworden. Seine Armeen konnten nicht überall gleichzeitig sein und brauchten zu lange, um das Imperium zu durchqueren, wenn das erforderlich war. Es wurde unmöglich, die Ordnung so weit entfernt von der Hauptstadt aufrecht zu erhalten.

Rom als eine große und komplexe Gesellschaft besaß eine große Bürokratie. Bürokratien reproduzieren sich selbst und wachsen immer weiter an. Schließlich wuchs die Bürokratie so sehr an, dass sie unverwaltbar wurde, sie wurde zu schwergewichtig und brach unter ihrer eigenen Last zusammen. Nahrung und Nachschübe zu den Streitkräften an der Front zu befördern wurde immer schwieriger, als sich die Frontlinien weiter nach außen bewegten. Befehle brauchten zu lange, um in die entlegenen Ecken des Imperiums zu gelangen und direkte Kontrolle wurde unmöglich. Als Rom fiel, führte es Krieg an allen Ecken, verteidigte all seine Grenzen. Parallel beobachten wir einen Anstieg der Angriffe gegen Amerika und seine Symbole und Monumente der Macht.

Ich denke etwas, das nicht unerwähnt bleiben sollte, sind die Sklav*innenaufstände in Rom. Roms Sklav*innen überstiegen die Zahl seiner Bürger*innen in einigen Regionen im Verhältnis 2:1, was einer großen Aufmerksamkeit bedurfte, um sie unter Kontrolle zu halten. Sklav*innen wurden von der Aristokratie gefürchtet, die wussten, dass, wenn sie die Chance dazu hätten, viele von ihnen ihre Kehlen im Schlaf aufschlitzen würden. Die Wahrheit dieser Situation spiegelt sich in dem alten Sprichwort „Jeder Sklave ist ein Feind“ wider, das zeigt, dass die Römer wussten, dass sie von ihren Sklav*innen verachtet wurden.

Natürlich waren große Faktoren des Zusammenbruchs Roms seine Machtkämpfe. In der späten römischen Geschichte teilte sich das Imperium in den Ost- und den Westteil auf. Es lohnt sich zu bemerken, dass es in einem dieser Machtkämpfe war, dass der Kaiser Konstantin Berichten zufolge eine Vision von einem brennenden Kreuz im Himmel hatte, zusammen mit den Worten „In hoc signo vinces“, „Dieses Zeichen wird dir den Sieg bringen“. Er ließ das Kreuz auf die Schilde seiner Armee malen und war in einer blutigen Schlacht vor den Toren Roms siegreich gegen seinen Machtrivalen. Dies war der erste Kampf einer langen Serie von Kämpfen um Macht unter diesem Zeichen, dem Kreuz. Als seine Armeen gesiegt hatten, konvertierte er zum Christentum und erklärte es zur rechtmäßigen Religion in Rom und verschaffte ihm damit die benötigte Legalität und den Schub, den dieses brauchte, um zur Macht zu gelangen und zu dem Akteur der Zerstörung zu werden, der es werden würde. Davor war das Christentum eine kleine, unbeliebte Sekte gewesen. Dieser Schachzug, es zu legalisieren, verhieß nicht nur eine Katastrope für die Welt und ihre Zukunft, sondern auch für Rom selbst.

Der größte Beitrag des Christentums zum Niedergang Roms war die Rolle, die es in der bürokratischen Trennung zwischen dem Ost- und dem Westreich spielte. Teil der Gründe, aus denen Konstantin die Hauptstadt nach Konstantinopel verlegte, war, dass Rom noch immer hauptsächlich heidnisch und nicht christlich war. Die Teilung in zwei Reiche, tatsächlich durchgeführt durch Diokletian, war ein Versuch, den Zerfall des Imperiums zu stoppen. Die Teilung beschleunigte den Kollaps, weil sie eine große Zahl zusätzlicher Regierungsbeamter und Bürokratien schuf. Das kam zusätzlich zu der schweren Inflation, die auf dem Imperium lastete. Das war möglicherweise das einzige Mal in der Geschichte, dass christliche Missionar*innen und Zeloten der Zivilisation schadeten, anstatt sie zu verbreiten.

Es dauerte nicht lange, bis das Christentum die ersten asketischen Mönche hervorbrachte, was keine Überraschung ist, wenn man betrachtet, dass in dieser neuen Religion das Leiden ein Zeichen von Heiligkeit war. Sie praktizierten Enthaltsamkeit und eine strenge Entsagung der Leidenschaften. Das zähmte wirkungsvoll das Verlangen und den Instinkt. Das Christentum verkörperte direkt die Werte der Zivilisation. Konstantin nutzte das Christentum später, um das Reich zu vereinen, weil es die Werte predigte, auf denen die Zivilisation basiert: Gehorsam, Disziplin und Monotheismus. Konstantin regierte mit absoluter Macht und sah sich selbst als dreizehnten Apostel. Schon bald gab es mehr als 60 Dekrete, die andere Religionen ächteten, und das Christentum verlor keine Zeit, die repressiven Praktiken zu entwickeln, die es in den folgenden Jahren berühmt machen würden.

Das Westliche Römische Imperium mit seinem Zentrum in der ursprünglichen Hauptstadt, in Rom, zerfiel zuerst im Jahre 476, einige Jahrhunderte später folgte das Oströmische Reich, das zunächst degenerierte und dann als Teil des Byzantinischen Reichs wiederauferstand.

Solange das Kolosseum besteht,
soll auch Rom bestehen;
Wenn das Kolosseum fällt,
soll auch Rom fallen;
Und wenn Rom fällt
dann die Welt mit ihm.

– Lord Byron –

Während ihre Welt im Chaos versank, wuchs der Durst der Römer nach makabrer Ablenkung. Rom feierte sein Jubiläum und seinen Sieg über Rumänien auf die passendste Weise, mit 117 blutigen Tagen anhaltender Gladiatorenspiele im Kolosseum, wobei 9000 Gladiatoren starben und unzählig mehr Tiere abgeschlachtet wurden, während die Barbaren gegen die Stadtmauer hämmerten und Rebellionen in den Provinzen ausbrachen. Tatsächlich war Ablenkung ein wesentliches Merkmal Roms. In der Absicht, sich selbst abzulenken, bemerkten die meisten Römer „das um sie herum zusammenbrechende Sozialgefüge nicht“. Die Römischen Herrscher lernten schon früh, wie wichtig Beschwichtigungspolitik und Ablenkung für die Kontrolle der Menschen waren. Roms effizientestes Mittel dafür waren „Brot und Spiele“. Mit dem Programm „Brot und Spiele“ gab die Regierung den Menschen, was sie wollten, um sie bei Laune zu halten. Die römische Regierung gab Essen an die Armen aus, um diese zufrieden zu stellen, eine tägliche Essensration und ein kleines Taschengeld, und bot verschwenderische Unterhaltung, um ihre Aufmerksamkeit zu binden.

Die großen Gladiatorenspiele Roms waren Teil von Roms Methoden die Menschen abzulenken und zu kontrollieren. Selbst die ärmsten Menschen konnten schließlich auf diejenigen herabblicken, die im Kolosseum bestraft wurden. Diese Spiele und Wettkämpfe erfüllten denselben Zweck, den heute das Fernsehen erfüllt. Die meisten Kaiser gaben große Summen des Staatsbudgets aus, um die Menschen bei Laune zu halten. Das Kolosseum selbst wurde als Geschenk an die Bevölkerung errichtet und der Eintritt war frei. Es war ein Versuch, die Menschen zu bestechen. Die Veranstaltungen waren übertrieben spektakulär. Die Gladiatoren – das stammt vom Wort gladus für Schwert – unternahmen große Anstrengungen, um die Menge bei Laune und abgelenkt zu halten. Die Gladiatoren kämpften so dramatisch wie nur möglich, um das Spektakel zu vergrößern, beispielsweise indem sie mit ihren Waffen extra weit ausholten, obwohl das nicht nötig war.

Man kann leicht sehen, wie wichtig die Spiele für die Herrscher waren; es gab ein Amphitheater in jeder römischen Stadt. Tatsächlich galt ein Amphitheater als notwendig für jede römische Stadt, zusammen mit einem Marktplatz, einem Theater und einem Gericht. Das Wort Kolosseum selbst kommt von dem Wort Colossus. Die berühmte Arena wurde eigentlich während des Mittelalters Kolosseum getauft, nach der kolossalen Statue von Nero, die neben ihm stand. Ihr eigentlicher Name zur Zeit ihrer Nutzung war der flavische Begriff Amphitheater.

Das Kolosseum bot 60.000 Zuschauer*innen Platz, mehr als die meisten modernen Stadien. Das Amphitheater in der Stadt Pompeji bot Platz für 5 mal so viele Besucher*innen wie Bewohner*innen der Stadt. Aber die immense Popularität dieser Form der Ablenkung wird am Besten durch die Größe des Circus Maximus deutlich. Der Circus Maximus war die ringförmige Rennstrecke, ebenfalls in der Stadt Rom, auf der die Streitwagen-Wettrennen ausgetragen wurden. Sie bot Platz für 200.000 Zuschauer*innen!

Tiere wurden in den Kolosseumskämpfen exzessiv eingesetzt. Die Tiere waren da, um bewundert zu werden, um gefürchtet zu werden, um beherrscht und getötet zu werden. Sie waren wilde, bezaubernde Anblicke von jenseits der Herrschaft der Zivilisation, gefangen an deren Rändern. Die Grenzen hatten sich so weit nach außen verschoben, dass der*die durchschnittliche Römer*in kaum in Kontakt mit dem Anderen, dem Wilden kam. Wenn also exotische Tiere von den entfernten Feldzügen Roms mit zurückgebracht wurden, boten sie eine einmalige Chance, diese Neuheiten zu bestaunen. Es scheint, dass die Tiere Wildheit als Ganzes verkörperten. Das Szenario im Kolosseum wurde entsprechend verändert, so dass es die Welt, aus der das Tier stammte, nachbildete, um die Jagd nachzuspielen. Dies wurde getan, um den Prozess der Eroberung des Wilden nachzubilden, das Ritual der Zivilisation.

Die Massen hatten so einen Hunger nach exotischen Tieren, dass viele der Tiere, die für die Kolosseumsspiele genutzt wurden, bis zu ihrem Aussterben gejagt wurden. Eine ganze Spezies Afrikanischer Elefanten war eine unter vielen anderen, die in den Spielen eingesetzt und ausgerottet wurde. In einem humoristischen Brief schreibt Cicero über den Mangel an wilden Tieren in der Provinz, von der er der Gouverneur war, die gefangen werden könnten: „Es gibt eine bemerkenswerte Knappheit an Tieren und nur wenige „dieser Panther“ sind verblieben.“ Der Gestank des Todes im Kolosseum wurde so überwältigend, dass sie versuchten, ihn mit einem System an Sprinkelanlagen, das Parfüm im Stadion aussprühte, zu überdecken. Mich erinnert das an die Vielzahl von Wegen, auf die der Gestank des Todes, den die Zivilisation mit sich bringt, überdeckt oder ignoriert wird.

Eine interessante Analogie zwischen der römischen Kultur und der amerikanischen ist, dass die Gladiatoren wie Sportstars heute betrachtet wurden. Sie wurden von Kindern verehrt und man fand einige kleine Spielzeuge von Gladiatoren. Viele Statuen berühmter Gladiatoren hatten Darstellungen von wilden Tieren anstelle ihres Penisses und versinnbildlichen so die Verbindung von Patriarchat, Herrschaft und Eroberung.

Tacitus sagte im 2. Jahrhundert,

Raub und Mord werden unter dem Namen Imperium verborgen.

Mit Rom wuchs auch die Kluft zwischen Arm und Reich. „Eine grausame Ungleichheit, die das Imperium bis zu ihrem endgültigen Ende verfolgte.“ Rom boomte durch die Beute aus Kriegen und von der Natur. Wenn du reich genug warst, um es zu genießen, war das Leben in Rom tatsächlich so, wie es uns berichtet wird. Aber für die meisten war es ein Leben des Elends. Die Trennung zwischen den Klassen wurde strikt gezogen und die Feindschaft zwischen den Klassen war heftig. Es gab zwei Hauptklassen, die plebejische Klasse, die hauptsächlich aus römischen Bauern und den Armen bestand, und die Klasse der Patrizier, die die hochrangigen Adligen waren. All die Beamten in Rom stammten aus der Klasse der Patrizier. Die reichsten von ihnen waren so wohlhabend wie das Imperium selbst, aber die meisten Einwohner*innen wurden in kleine mehrstöckige Appartements gepfercht. Hinter dem Prunkviertel des Forums, wo sich der Senat traf, waren gewaltige Areale überfüllter Slums.

Die Expansionskriege hatten Reichtum und Sklaven gebracht. Alleine bei der Eroberung Karthagos wurden eine halbe Million Sklaven gefangen genommen. 10.000 Sklaven erreichten Rom pro Tag über dessen Haupthafen. Zu Hochzeiten war eine von drei Personen in Rom ein*e Sklav*in. Bis zum 5. Jahrhundert vor Christus war Rom übersät mit Familienfarmen, aber kleine Familienfarmen wurden von den großen Gutshöfen verdrängt, die sich entwickelten und die fortan die Landschaft dominierten. Die kleinen Bauern konnten mit den großen Betrieben nicht konkurrieren, die sich der Sklav*innenarbeit bedienten. Auch passierte es, dass Bauern von ihrem militärischen Pflichtdienst zurückkehrten und ihr Land von Aristokraten aufgekauft oder gestohlen vorfanden.

Schon bald wurden die Bauern verdrängt und zogen in die Städte, wo sie eine neue urbane Unterklasse bildeten. Dadurch wuchs die Stadt Rom auf sieben Millionen Einwohner an, zur größten Stadt in Europa bis zur industriellen Revolution. Jobs waren keine verfügbar, weil die große Sklavenpopulation alle nötigen Arbeiten verrichtete. Aber tausende hungriger Bürger*innen wären eine Bedrohung für den Frieden in der Stadt gewesen. Also startete die Regierung ein Programm, um die Armen zu ernähren, das „Dole“ [dt. etwa „Arbeitslosengeld“, „Spende“] genannt wurde und aus einer täglichen Essensration und ein wenig Taschengeld bestand. Schon bald bekam die Hälfte der Menschen in den Städten diese Getreidespende. Ein Viertel des Getreides aus Afrika wurde an die Armen Roms verteilt. 70-80% der Bevölkerung lebte von einem Quäntchen.

Unsere Geschichte steigt nun von einem Königreich des Goldes hinab zu einem des Eisens und des Rosts.

– Eutropius, Römischer Historiker gegen Ende des 3. Jahrhunderts –

Es ist äußerst interessant, dass Rom engültig wegen der Zivilisation selbst fiel. Tatsächlich führte eine der wichtigsten Grundlagen der Zivilisation zu seinem Zusammenbruch. Die charakteristische Eigenschaft der Zivilisation ist die Verdrängung. Von den chinesischen Grundbesitzern hinausgeworfen, hatten die Hunnen keine andere Wahl, als nach Westen zu ziehen. Und wie sie sich bewegten, drängten sie alle Stämme auf ihrem Weg ebenfalls nach Westen. Dieser Kreislauf der Verdrängung setzte sich fort und viele Gruppen wurden so weit nach Westen gedrängt, wie sie gehen konnten und wurden gegen die östlichen Grenzen Roms gedrängt. Sich ausbreitende Zivilisationen anderswo verdrängten die berühmten Barbaren, die Rom in den letzten paar Jahrhunderten angriffen.

Von 235 bis 285 markierten eine heftige Epidemie, die sinkende Versorgung mit Getreide und die Invasionen der Barbaren den Beginn des Niedergangs des Römischen Reichs. Der letzte Kaiser, Romulus Augustulus, wurde vom Thron gestürzt. Es ist sehr interessant, dass der erste, ebenso wie der letzte Kaiser Roms Romolus hießen. Der erste Präsident der Vereinigten Staaten hieß George, der derzeitige Präsident heißt ebenfalls George … Könnte er ebenfalls der letzte sein? [1]

Der Fall Rom war ein großartiges Ereignis. Ein Anlass zum Feiern, da es der Zusammenbruch dessen war, was zu dieser Zeit die zerstörerischste, entfremdendste und brutalste Gesellschaft war. Rom fiel langsam über einen Zeitraum mehrerer Jahrhunderte. Die Zivilisation kollabiert stets degenerierend. Manchmal langsam, manchmal im Einklang mit einer ökologischen Katastrophe und einem sozialen Zusammenbruch. Auch Amerika bricht zusammen. Aber Amerika ist ein viel größeres Imperium als es Rom war und all seine Laster, Gewohnheiten, Hierarchien und Ausbeutung übertreffen Rom in ihrer Zerstörungskraft. Seine Obsession für die ökologische Zerstörung macht das moderne techno-industrielle Imperium umso mehr anfällig.

Der Niedergang Roms sollte lehrreich sein. Die Verachtung, der Neid und Hass seiner Unterdrückten und Kolonisierten, die Zerstörung seiner ökologischen Grundlagen, sein zu ausgedehntes Imperium und die erdrückende Bürokratie, all das trug zu seinem Niedergang bei. Ich behaupte, dass die moderne Zivilisation selbst Rom in all diesen Bereichen übertroffen hat. Die einzige Sache, die diese Leiche noch am Leben hält, ist ihre Fähigkeit, jeder bisherigen Form der Zivilisation überlegen, ihre Subjekte durch Überdomestizierung davon zu überzeugen in sie zu vertrauen und auch mehr und mehr technologische Fortschritte zu erreichen, die ihre verfaulenden Systeme am Leben halten. Die technologische Medizin half dabei die Vielzahl an Krankheiten zu bekämpfen, die die Bürger*innen der industrialisierten Zivilisation befallen und diese sicherlich bereits beendet hätten und sie dennoch in die Knie zwingen werden. „Fortschritte“ in der Landwirtschaft wie die Vergiftung des Landes und Wassers mit Düngemitteln und die Domestizierung und Manipulation der Gene, die die Essenz des Lebens ausmachen, haben es ermöglicht, überbevölkerte menschliche Städte mit einer nicht nachhaltigen Nahrungsmittelquelle zu ernähren, die schnell zusammenbricht. Die Liste könnte endlos fortgesetzt werden. Ohne dieses technologische Flickwerk hätte die Zivilisation längst geendet, wie es sich gehört, aber bislang ist nichts davon irgendetwas anderes als eine Symptombekämpfung, deren oberflächliche Lösungen scheitern und ihr glänzendes Image verlieren werden. Also ja, diese Todesmaschine, die die westliche Zivilisation ist, wird schließlich kollabieren, es ist nur eine Frage der Zeit.

Königreiche gehen unter, Städte versinken
Und von dem, was einst Rom war,
bleibt nichts als ein leerer Name.
Nur die Berühmtheit und Ehre dieser Dinge,
herausgesucht aus alten Büchern,
Entfliehen dem Scheiterhaufen der Bestattung.

– Florent Schoonhoven –

Als Rom zusammenbrach, folgte darauf das Dunkle Zeitalter. Auch wenn es so von den Propheten dieser Zivilisation wegen seiner Rückschrittlichkeit und dem langsamen technologischen Fortschritt genannt wird, war das Dunkle Zeitalter eine Periode einer Art proto-modernen Zivilisation, eine schreckliche Ära, kein bisschen besser als das, was ihr voranging oder folgte. Wird ein ähnliches „dunkles Zeitalter“ auf den Kollaps des amerikanischen Imperiums folgen? Wir müssen hart daran arbeiten, sicherzustellen, dass, wenn Amerika und die Zivilisation, die es anführt, zusammenbrechen, wir auf ihrer Asche tanzen, um wirklich alle Spuren der Tendenz namens Zivilisation zu zerstampfen, um sicherzustellen, dass eine Ära der Freiheit und der Harmonie folgen wird.

Übersetzt aus dem Englischen: Lessons from the Fall of Rome, Green Anarchy #12, 2003

Anmerkungen

[1] Nun, wie die Zeit bewiesen hat, war er es nicht. Aber wer wird denn all seine Hoffnungen in den Namen eines irrelevanten Präsidenten setzen? [Anm. d. Übers.]

Randale anlässlich des Alkoholverbots in Münchner S-Bahnen 2011

Um das „subjektive Sicherheitsempfinden“ von Fahrgästen zu steigern, wurde Ende 2011 ein allgemeines Alkoholverbot in Münchner S-Bahnen verhängt. Dass das bei all denjenigen, die sich nicht gerade bedroht fühlen, wenn jemand in ihrer Nähe einen Schluck Bier oder Wein zu sich nimmt, nicht gerade auf Begeisterung stieß, war abzusehen.

Nachdem mehrere tausend Menschen einem Aufruf zu einem „MVV-Abschiedstrinken“ gefolgt waren, eskalierte die Situation im Laufe der Nacht an mehreren Bahnhöfen und in den S-Bahnen: Trennwände, Beleuchtungen, Deckenverkleidungen und Glasscheiben fielen der Wut der Menschen zum Opfer. Insgesamt rund 50 S-Bahnen seien nach dieser Nacht beschädigt gewesen, resümierte die Bahn in den Folgetagen und sah darin den Beweis dafür, dass das Alkoholverbot in S-Bahnen eine angemessene „Maßnahme“ sei.

Naja, offenbar kann sich hier jede*r ihre eigene Interpretation zurechtlegen …

Die Münchner Bierkrawalle im März 1844

Eine königlich verordnete Bierpreiserhöhung um einen Pfennig löste im März 1844 viertägige Krawalle in München aus, die mit einer Rücknahme der Bierpreiserhöhung und sogar einer späteren Senkung des ursprünglichen Bierpreises beendet wurden.

Nachdem zuvor bereits der Brotpreis erhöht worden war, eskalierte die Situation in München am 01. März 1844, dem Tag der Bierpreiserhöhung wohl spätestens damit, dass die ersten Zechen ausgestellt wurden. Je nach Quelle sammelten sich daraufhin, ebenso wie an den folgenden Tagen mehrere hundert bis mehrere tausend Arbeiter*innen auf den Straßen Münchens, warfen Scheiben öffentlicher Gebäude und Brauereien ein, zerstörten die Einrichtungen und errichteten Barrikaden. Die Meute zog sogar vor den Palast des Königs, wo sie vom Militär, das sich zuvor – wohl aus Sympathie mit dem Anliegen – geweigert hatte, die Aufstände niederzuschlagen, gestoppt wurde. Nachdem dem König in den folgenden Tagen ein prestigeträchtiger Theaterbesuch vermiest wurde und die Ausschreitungen weiter anhielten, nahm der König die Bierpreiserhöhung am 05. März 1844 zurück. Daraufhin endeten die Ausschreitungen.

„Um dem Militär und der arbeitenden Klasse einen gesunden und wohlfeilen Trunk zu bieten.“ wurde einige Monate später, im Oktober 1944 der Bierpreis sogar noch einmal um 1 1/2 Kreuzer herabgesetzt.

Der britische Revolutionärsschnösel Engels, der die Ereignisse aus der Ferne mit den Worten „Wenn das Volk einmal gelernt hat, dass es der Regierung […] Angst einjagen konnte, dann wird es schnell erkennen, dass es eben so einfach ist, ihr auch bei wichtigeren Angelegenheiten das Fürchten zu lehren“ kommentierte, verkannte dabei schon damals, dass es weder eine wichtigere, noch eine unwichtigere Angelegenheit als eine Bierpreiserhöhung gibt, um zu revoltieren. Als neuer Möchtegern-Anführer der Revolution braucht es für Engels freilich irgendeinen gewichtigen Anlass, der spätestens nüchtern betrachtet dann seine eigene Herrschaft legitimieren soll. Wer jedoch aufrichtig gegen jede Form der Herrschaft rebelliert, die*der braucht doch sicher keine „wichtigere Angelegenheit“ als die Erhöhung des Bierpreises oder vielleicht neurdings ein Alkoholverbot. Wenn die möchtegern-revolutionären Autoritäten von mir verlangen aus diesen oder jenen richtigen Gründen zu rebellieren, dann erfüllt mich die Revolte aus den aus ihrer Sicht „falschen Gründen“ doch mit der größten Genugtuung. Also her mit dem Bier und dann nichts wie weg mit der Flasche in Richtung der Bullen!

Übrigens kam es auch nach 1844 immer wieder zu kleineren Randalen aufgrund von unliebsamen Regelungen hinsichtlich des Bieres in München. Beispielsweise im Oktober 1848.

Dreizehn Minuten

Am 30. Januar 1933 kommt Adolf Hitler in Deutschland an die Macht. Er macht dies nicht mittels eines brutalen Staatsstreiches, bei dem er seine bewaffneten Milizen den vermeintlichen Rechtsstaat wegfegen lässt: Er wird direkt vom Präsident Hindenburg zum Kanzler ernannt. Drei Monate zuvor war der Führer des Nationalsozialismus abgeschrieben worden, nachdem seine Partei bei den Wahlen am 6.November zwei Millionen Stimmen verloren, während die Kommunistische Partei (KPD) 700.000 gewonnen hatte.

Am auf das Wahlergebnis folgenden Morgen annoncierte die Rote Fahne [das zentrale Organ der KPD] euphorisch, dass „ überall Mitglieder der Sturmabteilung (SA) aus den Reihen des Hitlerismus desertieren und sich der kommunistischen Fahne anschließen.“ Die selbe Fahne, die noch am 25 Januar 1933 während der großen Antifaschistischen Demonstration in Berlin stolz im Wind wehte, bei der 125.000 Arbeiter aufmarschierten- „eine wundervolle Jugend“,“eine Beteiligung, ein Enthusiasmus, eine Entschlossenheit, die wir noch nie gesehen hatten.““Versuchen wir die Anzahl an Kämpfern zu bewerten, die der Kolonne nützlich sein können. Fünfundneunzig Prozent, in Anbetracht ihres Alters, ihres Verhaltens beeindrucken uns als Aktivisten, die bereit sind für den bewaffneten Kampf“ wird ein Zeuge sagen, der fünf Tage später sehen wird, „wie sich die großartige Kommunistische Partei Deutschlands wie ein Stück Zucker im Wasser auflösen wird. Die erste Partei Berlins, die stärkste Sektion der kommunistischen Internationalen.“

Hitler war an der Macht und das Rote der Fahne der Arbeiter nahm die Farbe der Schmach, der Schande, der Demütigung an. Es gab keine Massenproteste, es gab keine Generalstreiks, es gab keine Zusammenstöße auf der Straße. Es gab keinen Bürgerkrieg, es gab keine Revolution. Es ist nichts Nennenswertes passiert, außer einer Reihe von Subversiven, die unter den Schlägen der braunen Pest gefallen sind. Entmutigung, Verzweiflung, Enttäuschung, Machtlosigkeit, Kappitulation, Niederlage, das ist es ,was in diesem Februar 1933 die revolutionäre Beweging durchdrang, die vom stupidesten Gehorsam und dem blinden Vertrauen in die Partei dominiert wurde. Wohin waren die abertausenden „Kameraden“ verschwunden, die Teil der verschiedenen Selbstverteidigungsmilizen waren, die allen Parteien, die sozialdemokratische mit eingeschlossen, zur Verfügung standen. Wo waren diese fünfundneunzig Prozent Aktivisten, die für den bewaffneten Kampf bereit waren?

Verschwunden, aufgelöst während einer kalten Nacht Ende Januars. An diesen furchtbaren Tagen ist es nicht das Kommunistische Manifest, ist es nicht das anarchistische Ideal, ist es nicht die Metaphysische Wahrheit die von einem dreiundzwanzigjährigen, holländischen, halbblinden Räteanhänger, Marinus Van der Lubbe, allein gegen alle verteidigt werden, sondern menschliche Gefühle wie die Würde und der Stolz. In der Nacht vom 27. zum 28. Februar schleuste er sich in den Reichstag ein und steckte ihn in einem letzten Versuch, das deutsche Proletariat zur Revolte aufzurufen, an. Ein großzügiger und vergeblicher Versuch, der nicht nur durch die Folter und Enthauptung durch seine Feinde bestraft wurde, sondern auch mit dem Unverständnis, der Verleumdung und dem Vegessen seiner eigenen Freunde belohnt wurde.

Nein! Im Land des Spartakusaufstandes von 1919, im Land, das die Wiege der Arbeiterbewegung war, protestieren und warten die Massen im Angesicht des Nazi-Schreckens, sie wählen und warten, sie demonstrieren und warten, sie schimpfen und warten, sie ertragen und warten, warten, warten… warten darauf die Meinung ihrer Anführer zu hören, dieser Funktionäre der dialektischen Wissenschaft, die am Abend des 30.Januar – als der österreichische Schmierfink gerade frisch ernannt worden war – davon überzeugt waren, dass dieser Hitler sich bald aufbrauchen würde, dass Hitler mit dem Krieg den Weg zur Revolution öffnen würde, dass Hitler es niemals wagen würde, sie zu Gesetzlosen zu erklären, dass Hitler niemals von den internatioalen Regierungen anerkannt werden würde, dass Hitler ein dunkler, brutaler Übergang sei, den die Massen durchlaufen müssten, bevor sie dann zur so sehr angestrebten roten Regierung gelangen würden.
Die Massen warteten und hofften während die Parteichefs hinhielten und verrieten. Aber nicht das Individuum. Letzteres hat nichts zu erwarten oder zu erhoffen, es hat nur sein Gewissen, vor dem es sich zu verantworten hat und seinen Willen, den es in die Tat umzusetzen gilt. Und manchmal reicht dies, um Geschichte zu machen. Oder sie um nur dreizehn Minuten, um nur 780 Sekunden zu verfehlen.

Der Handwerker

Er hieß Georg Elser und wurde am 4. Januar 1903 in Hermaringen, einer kleinen Ortschaft im Südwesten Deutschlands geboren, bevor seine Familie dann nach Königsbronn (ebenfalls in Baden-Würtemberg) zog. Als Ältestes von vier Kindern arbeitete er schon sehr jung auf dem Bauernhof der Familie. Mit sechzehn begann er eine Ausbildug in einer Schreinerei, eine Arbeit, die er liebte und in der er ein wahrhafter Meister wurde. Dabei begriff er den qualitativen Unterschied zwischen der Arbeit eines Arbeiters, die mechanisch und sich wiederholend war und bei dem sich der Arbeiter am Fließband auslaugte und dem Beruf des Schreiners, der Gegenstände mit seinen eigenen Händen erschafft. Er arbeitete nicht nur für Geld, sondern auch um wahrhaften Kunstwerken Form zu geben. Im Lauf der Jahre voller Armut und Arbeitslosigkeit war Elser gezwungen, in der Gegend umherzuwandern und oftmals die Arbeit zu wechseln. Die Wirtschaftskrise verschonte niemanden, nicht einmal die Möbelfabrikanten, es wurde immer schwieriger. Er arbeitete auch in irgendeinder Uhrenfabrik, wobei er sich für die Mechanik der Uhren begeisterte. Schließlich kehrte er auf das dringliche Bitten seiner Familie nach Hause zurück, die kurz davor stand ihren Bauernhof zu verlieren.

Als Hitler Anfang 1933 die Macht ergriff befand Elser sich eben in Königsbronn, wo er sein Leben in mitten von tausenden von Schwierigkeiten fortsetzte. Die Arbeit wurde immer automatisierter, die menschliche Fertigkeit war nicht mehr wichtig, die Löhne brachen zusammen. Im Laufe der Jahre näherte sich Elser linken Gruppen, in denen er nie aktiv gewesen zu sein scheint. Er war kein Aktivist, er öffnete keine Bücher, er las sehr wenig die Zeitungen, er interessierte sich nicht für Politik. Es gefiel ihm ganz einfach unter Leuten wie er selbst zu sein, unter Proletariern. Er hat natürlich schon seine Mitgliedskarte der Kommunistischen Partei genommen und sich zur selben Zeit sogar dem Rotfrontkämpferbund angeschlossen, aber nur weil dies ihm ermöglichte, in der Blaskapelle dieser Organisation zu spielen. Leidenschaftlich für Musik, konnte er mehrere Instrumente spielen, unter diesen die Zither.

Georg Elser war sehr geschickt mit seinen Händen, aber besaß eine geringe „politische“ Kultur und Vorbildung. Dies war ein wahrhaftes Glück, denn sein Kopf wurde so von den marxistischen Tiraden über den historischen Materialismus und die Dialektik verschont. Man musste nicht diplomiert sein, um zu merken, was die Nazis am Treiben waren, die alltägliche Vergewaltigung jeglicher Freiheit, der auferzwungene Terror mit dem Verbannen der Parteien und Gewerkschaften, die Verschärfung der Lebensbedingungen und – ab 1938 – dem Schreckgespenst des Krieges, das immer konkreter wurde. Nicht nötig, einen durchdringenden Blick zu haben, um die Privilegien zu sehen, in denen sich die Nazifunktionäre suhlen. Und daraus alle Konsequenzen zu ziehen.

Seine Freunde erinnerten sich viel später daran, dass sich Elser nie Hitlers Reden im Radio anhörte, dass er sich weigerte den Hitlergruß zu machen und dass er einmal während einer Demonstration für Hitler sich umdrehte und sie auspfiff. Aber Georg Elser war nicht wie seine Freunde, er war nicht wie die Millionen Deutschen, die sich damit zu frieden gaben über das Naziregime zu meckern. Als einfacher und praktischer Mensch, traf er Anfang 1938 seine Entscheidung. Wie er später erklärte, kam er zum Schluss, „dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten.“ Das Individuum, Begehren und Willen, hatte seine Entscheidung getroffen: Hitler musste sterben. Der große Diktator und sein ganzer Kreis wurden damit zum Tode verurteilt; nicht durch ein Gericht des Staates, nicht durch das Urteil der Geschichte und noch weniger durch das göttliche, sondern durch einen kleinen Handwerker aus dem Schwabenland. Ein Weckruf an die Massen und ihre Organisationen.

Einsam und alleinstehend vertraute Elser niemandem seine Projekte an und suchte laut den Historikern keine Hilfe von außerhalb. Es scheint dennoch, dass ihm bei seiner Unternehmung von ein paar Individuen geholfen wurde: der Anarchist und deutsch-englische Ex-Spartakist John Olday und revolutionäre Sozialistin jüdischer Herkunft Hilda Monte, beide in Verbindung mit der Schwarzrotgruppe. Aus was diese Hilfe bestand weiß niemand wirklich. Jedenfalls musste Elser ein praktisches Problem lösen. Es musste ihm gelingen, sich dem Führer nah genug zu nähern, um ihn zu töten. Es hatten schon andere diese Idee liebgewonnen, aber alle sind auf die selbe Schwierigkeit gestoßen. Im Bewusstsein, dass er mehr gefürchtet als geliebt wurde, war Hitler von Attentaten besessen und hatte die Gewohnheit seine Programmpläne unvorhersehbar zu ändern.

Wenn seine Anwesenheit bei irgendeiner öffentlichen Versammlung angekündigt wurde, wussten nicht einmal seine nahestehendsten Kolaborateure ob er zu dem vorgesehenen Termin kommen würde. Auf diese Weise konnte kein eventuelles Durchsickern seinen Feinden helfen, die nie im Voraus wissen konnten, wo er hingehen würde.

Diese unentwegte Vorsicht hatte jedoch einen Fehler. Es gab tatsächlich einen einzigen öffentlichen, jährlichen Termin, den er um Nichts in der Welt aufgegeben, vor dem er sich nicht gedrückt hätte. Eine besondere Gedenkfeier, ein Jahrestag an den es sich zu erinnern galt, eine Rede voller Emotionen, die Feier seines ersten, fehlgeschlagenen Versuches die Macht zu ergreifen – der Putsch in München vom 8. November 1923. An jenem Tag hatte der vierunddreißigjährige Hitler an der Spitze seiner Waffenbrüder ein beeindruckendes Eintreten in den Bürgerbräukeller hingelegt, wo eine Versammlung stattfand, an der die bayerischen Autoritäten teilnahmen, wobei er einen Schuss in die Luft abgab. Er hatte ihnen angekündigt, dass ein Staatsstreich im Gange war, wobei er sie dazu einlud, sich den Nazis anzuschließen. Der Putschversuch, der allzu improvisiert war, endete am nächsten Morgen während einer Schießerei zwischen den Demonstranten, die auf dem Weg zum Kriegsministerium waren und den Ordungskräften, an deren Ende vierzehn Nazis getötet worden waren.

Ab 1933 fand sich Adolf Hitler jeden 8. November mit seinem gesamten inneren Kreis ein um an der Gedenkfeier des Putschs teilzunehmen. Umgeben von tausend frühen Nazikämpfern, mit denen er Witze und Anekdoten austauschte, versuchte der Führer dieses Jahr 1938 in seinem üblichen Redefluß die kriegerische Wut seiner Anhänger anzuheizen. Im November 1938 – 10 Monate vor dem Überfall auf Polen durch die deutschen Truppen – nahm Elser den Zug nach München und beteiligte sich unauffällig an den Festlichkeiten der Nazis. Als Hitler an jenem Abend auf die Bühne stieg, konnte er nicht wissen, dass sich vor den Türen der Brauerei sein Todfeind einfand, der bis dorthin gekommen war um sich ein Bild zu machen. Die Brauerei, die ihren Namen von Bürgerbräukeller zu Löwenbräu geändert hatte, enthielt einen enormen unterirdischen Saal, der mehr als 3000 Personen fassen konnte. Elser mischte sich unter die Menge derer, die eine Erlaubnis hatten am Ende des Abends, nach der Rede und der Abfahrt Hitlers, einzutreten, und merkte sich die Einteilung des Ortes, indem er die Sicherheitsmaßnahmen studierte, die für das Ereignis getroffen wurden. Er konstatierte unglaubliche Mängel. Ihr Verantwortlicher war Christian Weben, ein ehemaliger Türsteher vor Nachtlokalen, dem es, als glühender Nazi, nicht in den Sinn gekommen war, dass jemand Hitler bis auf den Tod hassen konnte. Die Aufmerksamkeit Elsers konzentrierte sich vorallem auf den einzigen Ort wo sich Hitler seit zu langer Zeit in Sicherheit wähnte: die Bühne. Er bemerkte eine Säule aus Stein genau dahinter, die einen großen Balkon stütze, der der Mauer entlang verlief. Unschwer zu verstehen, dass eine, im Innern der Säule platzierte, mächtige Bombe, den gesamten Balkon zusammenbrechen lassen würde, und Hitler und seine Nahestehenden unter dem Schutt begraben würde. Eine unmögliche Unternehmung für viele, aber für einen erfahrenen Handwerker nicht.

Es ist der Tag nach dem 9. und 10. November 1938, an dem sich die Nazis durch das ganze Land, aber auch teils durch Österreich und Tschechoslowakei austobten, in dem, was Kristallnacht heißen sollte. Das anti-jüdische Pogrom verstärkte Elsers Entschlossenheit noch. Er hatte ein Jahr um sein Projekt zu Ende zu bringen, und dem er sich mit Zähigkeit und Akribie widmete. Er musste sich Sprengstoff besorgen, eine Bombe mit Zeitverzögerung konstruieren, dann das Gerät im Inneren der Säule verstecken. Um das zu tun, versuchte er temporäre Arbeit in einer Waffenfabrik zu finden, dann in einer Mine und dort hatte er Erfolg. Dort, nutzte er jede Gelegenheit um sich starken Sprengstoff und Dynamit anzueignen, und auch Detonatoren habhaft zu werden. Abends, eingeschlossen in seiner Wohnung, erarbeitete er Pläne um eine raffinierte zeitverzögerte Bombe zu konstruieren.

Im April kehrte er nach München zurück um unter ruhigeren Umständen eine neue, detailliertere Zeichnung anzufertigen. Er bemerkte, dass sich auf der Etage über dem Saal Lagerräume befanden, wo er sich verstecken und aus der Nähe die Säule begutachten konnte. Sie war bedeckt mit Holz! Perfekt. Er erkundete dann die schweizerische Grenze, um einen Fluchtweg zu finden, und fand schließlich einen Abschnitt ohne Patrouillen. Sicherlich, Georg Elser wollte Hitler töten, aber er hatte auch die Absicht die an sich gerissene Freiheit zu leben und zu geniessen. Es gab keinen Opfergeist in ihm.

Am 5. August 1939 nahm Georg Elser den Zug und ließ sich ein letztes Mal in München nieder um den letzten Teil seines Projekts zu realisieren, den schwierigsten und auch den riskantesten: einen Hohlraum in den Pfeiler hinter dem Rednerpult zu graben, der groß genug ist, und dort eine tödliche Vorrichtung zu verstecken, ohne entdeckt zu werden. Er wurde zu einem Stammkunden des Löwenbräu, der bei den Nazis beliebtesten Brauerei in München. Er verbrachte dort den ganzen Tag, so dass die Kellner und Kellnerinnen aufhörten ihrem gemächlichen, teuren Kunden allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Jeden Abend, blieb Elser bis zur Schließung, um dann heimlich auf die obere Etage zu schleichen, wo er sich in einem Lagerraum versteckte. Während die Räumlichkeiten leer waren, kam er heraus um am Pfeiler zu arbeiten. Beim Licht einer Taschenlampe demontierte er mit Vorsicht die Holzpanele der Säule, stellte sie zur Seite damit sie einfach wieder anzubringen waren, und begann geduldig den Stein auszuhöhlen. Inmitten der Stille, hallte der Lärm des Bildhauerbeitels, der den Stein schlug, derartig in diesem Kuppeldach, dass er gezwungen war, mit einer anstrengenden Langsamkeit zu arbeiten. Die einzelnen Schläge folgten den Intervallen mehrerer Minuten, die er versuchte mit dem Lärmen der Straße, wie dem Vorbeifahren eines Autos, in Einklang zu bringen. Jede Spur von Pulver oder Stein musste anschließend verschwinden, und das Holzpanel musste vor dem Morgengrauen perfekt an Ort und Stelle angebracht werden.

Abend für Abend widmete er sich seinem Meisterwerk.
Er verbrachte 35 schlaflose Nächte, gebeugt von der anstrengenden Arbeit. Eines Morgens, wurde er von einem Kellner überrascht, der vor Arbeitsbeginn ankam und sofort den Wirt der Brauerei rief. Elser, der gerade dabei gewesen war zu gehen, nachdem er alles aufgeräumt hatte, entschuldigte sich, indem er sagte ein Stammkunde zu sein und dass er die Örtlichkei offen vorgefunden habe. Er bestellte einen Kaffee, trank ihn schweigend und mit kleinen Schlücken, bis er ging. Er war nicht verbrannt.
Um seine Bombe zu preparieren, stellte er einen Zeitzünder her, indem er eine Uhr modifizierte. Der Zeitzünder konnte im Rahmen von 144 Stunden laufen, bevor er auf einen kleinen Hebel drückte, der die Vorrichtung aktivierte. Aus Skrupel fügte er zur Sicherheit einen zweiten Zeitzünder hinzu. Die Bombe war in einem eleganten Holzgehäuse untergebracht, das mit Präzision in das gegrabene Loch im Innern der Säule eingefügte war. Damit man das Tick-Tack der Uhr nicht hörte, nahm er Kork und bereitete ein Blech vor um das Innere des Holzpanels auszukleiden. Er wollte nicht, dass ein Mitglied des Personal versehentlich einen Nagel in sein Kunstwerk trieb!

Im vorangegangenen Jahr, notierte sich Elser, dass die Rede Hitler um 20.30Uhr begann, man versicherte ihm das sei eine Gewohnheit. Der Führer sprach für eineinhalb Stunden, blieb dann im Lokal um sich unter seine alten Kameraden zu mischen. Elser stellte seine Uhr, damit sie in der Hälfte der Rede auslöste, das heißt um 21.20Uhr. Der erste Versuch die Bombe zu platzieren scheiterte, und zwang ihn die Abmessungen seines Gehäuses zu reduzieren. Am Abend des 5. Novembers 1939 beendete Georg Elser sein Meisterstück. Er fügte das Gehäuse in die Säule ein, übergab das Holzpanel seinem Platz, indem er es versiegelte, und beseitigte dann jede Spur. Er verließ München bevor er zwei Tage später zurückkehrte. Am Tag vor der Ankunft des großen Diktators, näherte sich das kleine Individuum dieser Säule und legte sein Ohr an in der Hoffnung, aus der Ferne etwas zu hören. Wir können uns sein Lächeln vorstellen, während er noch ein Mal dieses wunderbare Ticken vernahm.

8. November 1939

Georg Elser las keine Zeitungen, und noch weniger in diesen fieberhaften Tagen. Andernfalls hätte er herausgefunden, dass Hitler sein üblicherweise jährliches Treffen annuliert hatte. Oder besser gesagt, er hatte seine Idee wieder geändert: er würde dorthin zurückkommen, aber viel eher als gewöhnlich. Seine Anwesenheit in Berlin war unerlässlich, deswegen würde er nur kurz nach München kommen. Seine Rede würde um 20Uhr beginnen, und nur eine kurze Stunde dauern. Aufgrund des schlechten Wetters, wurde ihm abgeraten mit dem Flugzeug zu reisen, und sich für den Zug zu entscheiden; langsamer, aber sicherer. Am Abend des 8. Novembers 1939 hörte Adolf Hitler um 21.07Uhr auf zu reden. Fünf Minuten später, die Einladungen älterer Kämpfer noch zu bleiben ablehnend, verließ er die Halle mit seiner Gefolgschaft an würdetragenden Nazis, unter ihnen der Chef der Polizei und Reichsführer SS Heinrich Himmler, der Propagandaminister Joseph Goebbels und der Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes Reinhard Heydrich. Sie waren zweifelos dabei in den Zug zu steigen, als die Explosion losging, und hörten sie selbst noch nicht einmal. Sie erfuhren von dem was passiert war erst während des kurzen Halts ihres Expresszugs nach Berlin in Nürnberg.

Um 21.20Uhr, wie vorher gesehen, hörte das Tick-Tack der Uhr Georg Elsers auf zu schlagen. Mit einem schrecklichen Rumoren brach die hinter der Bühne stehende Säule zusammen, ließ den Balkon, den sie stützte sowie das Dach einstürzen, und zerstörte das Lokal. Ein Regen holziger Trümmer, Ziegelsteine und Stahl fiel herab auf die Szene und vernebelte sie vollständig. Aber die Bühne war schon leer, und die Halle beinahe verlassen. Acht Personen starben und dreiundsechzig wurden verletzt, alles alte Nazi-Kämpfer oder Brauereiangestellte. „Das Glück des Teufels“ ein weiteres Mal an seiner Seite, mit dem Hitler prahlte, es zu besitzen. Das war dagegen nicht der Fall bei dem Individuum, welches ihn herausgefordert hatte.
Am Morgen des 8. Novembers 1939 nahm Georg Elser den Zug nach Konstanz, an die deutsch-schweizer Grenze. In der kommenden Nacht, ging er zu Fuß in Richtung Grenze, in dem ruhigen Bereich, den er im vorherigen April entdeckt hatte. Aber mit der Invasion von Polen durch Deutschland am 1. September hatte sich die Situation grundlegend verändert. Er wurde von einer Patrouille bemerkt und festgenommen, die ihn durchsuchte. Er trug eine Mitgliedskarte der kommunistischen Partei, die Zeichnungen eines seltsamen Gerätes, das an ein Schema einer Bombe erinnerte, einen Zünder und eine Besuchskarte einer bekannten münchner Brauerei, dem Löwenbräu, mit sich.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Elser all diese Dinge, die ihn entschiedenerweise verdächtig machten, mit sich führte, um die helvetischen Autoritäten zu überreden ihm Asyl zu gewähren. Er ging im Gegenzug das Risiko ein, dass, sollte er in die Hände des Feindes fallen, es genau diese Objekte sein würden, die sein Ende bedeuteten.

Einer

Nach München gebracht, wurde Georg Elser von Männern der Gestapo verhört. Trotz der Schläge und der Folter, hat er nie die Version der Ereignisse geändert. Er war es, und er allein, der das Attentat vorbereitet und durchgeführt hatte. In Berlin war Hitler persönlich an der Affäre interessiert, und geriet in Zorn, als man ihm die Wort Elsers berichtete. „Wer ist der Narr, der diese Befragung führt?“, schrie er ihn an. Es war unmöglich, dass ein erbärmliches Individuum das große Reich hätte herausfordern können: die Komplexität der Aktion bewies, dass es dahinter ein breite Verschwörung geben musste, die aus… Geheimdiensten bestand, offensichtlich, und in diesem Fall den britischen. Um seine Entscheidung aufzuerlegen, schickte Hitler einen Vertrauensmann nach München, damit beauftragt die Verhöre neuzubeginnen: Heinrich Himmler.

Weder er noch all die Foltern, die er umsetzte, schafften es den Führer zu befriedigen. Elser wiederholt bis zu seinem Ende allein gehandelt zu haben, um seinen Henkern zu beweisen, dass er ganz allein es gewagt hatte Hitler anzugreifen, reproduzierte er von neuem ein Schema seiner Bombe. Himmler selbst musste schließlich offiziell die Verschwörungsthese aufgeben, und Elser, um später hingerichtet zu werden, wurde ins KZ Sachsenhausen verbracht. In Isolation, erlaubte man ihm ganz für sich an einer Werkbank zu arbeiten. Der Grund für diese anscheinend gefällige Behandlung war, dass Hitler in der Folgezeit Elser dazu bestimmte in einem Prozess der Kriegsverbrechen gegen England benutzt zu werden. Am 9. April 1945, während die amerikanischen, englischen und russischen Truppen sich immer mehr Berlin näherten, erinnerte sich Himmler an die Kühnheit des unglücklichen Schreiner-Uhrmachers, der in der Zwischenzeit nach Dachau verlegt worden war. Er gab den Befehl ihn aus der Zelle zu holen und hinzurichten. Die Neuigkeiten seines Todes gingen eine Woche später durch die deutsche Presse, und wurde einem alliierten Luftangriff zu gewiesen.

Trotz des Einsatzes der nazistischen Effizienz im Vorhinein, um die Wahrhaftigkeit der individuellen Initiative Elsers anzuzweifeln, und trotz des Geschwätzes seiner Unglückskameraden in Sachsenhausen, gemäß denen Elser, sowie Van der Lubbe, auf Befehl der Nazis selbst gehandelt haben soll, wagt es heute niemand die Aufrichtigkeit seiner Unternehmung zu leugnen. Sein Gedenken, wie das von vielen verpassten Attentaten gegen Hitler, wurde lange Zeit von Historikern verwischt, die einzig der Staatsraison gehörig waren, aber auch von bestimmten revolutionären Liebhabern der kollektiven Aktionen, welche wenig begierig darauf sind ihrer ideologischen Bewegung einen „schlechten Ruf“ zu geben.

Weil keiner unter ihnen die Beaobachtung tolerieren kann, dass die Entschlossenheit eines einzelnen Individuums, im Gegenteil zur trostosen Ohnmacht der Massen, die Geschichte hätte ändern können, indem es sie vor dem bewahrt, das als das absolut Böse definiert wurde. Um nur 13 unglückliche Minuten wurde der zweite Weltkrieg nicht abgewendet, was vielleicht Millionen Menschenleben und unaussprechliche Leiden erspart hätte. Und das, was diese Möglichkeit ergriff, das war keine erleuchtete Regierung, das war keine effektive Organisation. Das war ein kleiner Mensch, allein, oder vielleicht mit ein oder zwei Gefährten. Hier haben wir es, warum der Name Georg Elsers seit so langem vergessen ist, und hier ist auch der Grund, wieso wir ihm hier eine Huldigung geben. Nichts ist unmöglich für einen Willen, der vom Begehren getrieben wird. Und trotz der Rückschläge des Unvorhergesehenen, ist es das Tick-Tack dieses Uhrmachers, das wir noch heute vernehmen.

13 minuti, in Insolito sguardo, ed. Gratis, mars 2015. Französische Übersetzung erschienen in: Avis de tempêtes. Bulletin anarchiste pour la guerre sociale; Nr. 9, September 2018.

Übersetzt aus dem Französischen Oktober 2019 von RumpelstilzchenEditionen.