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Zündlumpen Sonderausgabe #080: Nieder mit der Zivilisation!

Ich beneide die Wilden. Und ich rufe ihnen mit lauter Stimme zu: »Rette sich wer kann, die Zivilisation kommt« // Selbstverständlich: Unsere liebe Zivilisation, auf die wir so stolz sind. Wir haben das freie und glückliche Leben in den Wäldern aufgegeben für diese grauenhafte moralische und körperliche Sklaverei. Und wir sind Wahnsinnige, Nervenschwache und Selbstmörder. // Warum sollte es mich interessieren, dass die Zivilisation der Menschheit Flügel verliehen hat, damit diese Städte bombadieren kann, warum sollte ich Interesse daran haben, jeden Stern am Himmel und jeden Fluss auf der Erde zu kennen? // […] // All diese Philosophen, all diese Wissenschaftler, was treiben sie? // Welche neuen Verbrechen planen sie gegen die Menschheit? Ich interessiere mich einen Scheiß für ihren Fortschritt, ich will leben und ich will genießen.

– Bruno Filippi –

Editorial:

Der*dem Einen oder Anderen mag es vielleicht schon einmal positiv oder negativ aufgefallen sein: Hier beim Zündlumpen ist man offenbar gegen die Zivilisation. Was? Nein, wollt ihr etwa zurück in die Steinzeit? Solche und andere Fragen und Unterstellungen, etwa die, „gendernde Sozialdarwinist*innen“ zu sein, hat man hier oft als Antwort auf gelegentlich auftretende, antizivilisatorische Äußerungen vernommen. Und nur allzu oft hat einer*m das nur ein müdes Lächeln abgerungen; Jaja, wer gegen die Zivilisation ist, die*der muss ja Primitivist*in sein (und als solche*r zurück in die Steinzeit wollen) und Sozialdarwinist*in und Ableist*in sowieso. Man hat ja gar nichts anderes erwartet, warum sich also überhaupt mit solchen Unterstellungen auseinandersetzen?

Aber warum denn eigentlich nicht? Und wenn uns auch die direkte Auseinandersetzung mit Vorwürfen wie denen des Ableismus und des Sozialdarwinismus – an dieser Stelle – durchaus zu blöd ist, so kann es ja doch nichts schaden, wenn irgendwer dann doch einmal auf Deutsch erklärt, was es mit dieser ganzen Zivilisationskritik eigentlich so auf sich hat.

Aber wenn schon, dann auch richtig … Und so hältst du nun eine – nicht mehr ganz – kleine Textsammlung zu antizivilisatorischem anarchistischen Denken in deinen Händen. Mit Texten über Landwirtschaft, Arbeit und Arbeitsteilung, Patriarchat und Geschlecht, Sprache, Zeit und Zahl, über Wissenschaft, den Untergang Roms und nicht zuletzt auch über primitivistisches Denken. Vieles davon erstmals ins Deutsche übersetzt, anderes vielleicht altbekannt aber doch vergessen oder unbeachtet? Jedenfalls soll nun keine*r mehr sagen können, wir hätten nicht wenigstens einmal in aller Ausführlichkeit erklärt, was wir mit Domestizierung, Zivilisation und ihrer Zerstörung gemeint hätten.

Inhalt:

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Eingestallt …

Gedanken über Einsperrung, Technologie und reale Beziehungen

(Geschrieben vor der Ankündigung der gegenwärtigen zweiten Welle der Masseneinsperrung, denke ich dass diese Gedanken trotzdem einen gewissen aktuellen wie auch bleibenden Wert haben könnten.)

I

Während der Zuschauer gebannt auf exponentielle Kurven blickte, und sich dabei seine Angst-Lust auf Apokalypse nicht eingestehen durfte, diente er der Macht in der Durchsetzung ihrer feuchten Träume, welche bisher wenige Diktatoren sich erfüllen konnten. Die exponentielle Kurve kam nie zum Höhepunkt, die Katharsis blieb hinausgezögert und der Weltuntergang liess auf sich warten… Kann der Zuschauer so befriedigt sein?

Die strikte Anordnung zur Abwesenheit, lockdown, hat den öffentlichen Beweis der kompletten Aushöhlung des sozialen Lebens erbracht, auf eine Art erbracht, die sogar jene, welche sie immer konstatiert haben, schockieren musste.

Gebannt auf ihre Bildschirme blickend, betrachteten die Zuschauer, wie sie sich selbst anfeuern, zuhause zu bleiben. Die Antiquitiertheit der Masse, der organisierte soziale Tod. Wenn die Türen verschlossen sind, ausser jene in die „virtuelle Welt“, eine kalte „Welt“, welche aus Bildschirmen und Kabeln und Geräten besteht – alle tot.

Wenn „Gesellschaft“ sich auf soziale menschliche Beziehungen basiert, so gibt es die Gesellschaft nicht mehr. Zwar mag ihre Keimzelle wieder zusammengeschweisst – widerlich zusammengeschweisst werden. Aber trotzdem sagt man mit gleicher Berechtigung, wie dass die Menschen in Gesellschaft leben würden, dass sie in Technologie „miteinander“ leben. Das natürlich nicht erst seit gestern. Aber: eben auch noch nicht so.

Die Utopie des Kapitals, eine von grundauf neue Gesellschaft zu erschaffen und sämtliche nicht es selbst seiende Sozietät zu zerstören, abzulösen… vor unseren Augen geht dieses Projekt seiner Verwirklichung entgegen. „Smart planet“? Ein realistischer Vorschlag…

II

Der Pessimismus ist naheliegend. Die Beschleunigung, welche die Macht sich durch diesen rupturistischen Schock gegeben hat, ist enorm. Aber es kann auch gesagt werden: der Punkt ist erreicht, wo man weniger spekulieren muss. Die Macht ist jedem freien Leben feindlich. Überhaupt lebensfeindlich. Die einzigen Einheiten die sie noch akzeptiert, sind jene, welche zu ihrer Reproduktion nötig sind. Und auch das ist wohl noch ein Manko. Dass unvermittelte menschliche Beziehungen überhaupt noch nötig sind – unpraktisch, hält es doch vom kompletten Sprung ins Posthumane noch zurück.

Arbeit, Konsum, Familie und Sport… der Rest ist von nun an ganz offiziell „zur Zeit erlaubt“, will heissen, auf Bewährung. Wobei die Bewährung welche der verwalteten Masse namens Bevölkerung gegeben wird, von dieser nicht eingehalten werden kann, in jenem Sinne, dass sie nicht weiss, was denn der Bewährungsbruch genau wäre (alles könnte einer sein). Selbst der kompletteste Gehorsam garantiert nichts, vor allem nicht, dass nicht ein nächster „Grund“ (und sei es derselbe) erschaffen werden könnte. Betrachtet man sich die gegenwärtige Schöpfung, so ist es klar, das jede Absurdität, die bis vor kurzem noch als normaler Bestandteil menschlichen Lebens gegolten hat, zur Begründung jeder noch so absurden Anordnung herbeigezogen werden kann. Aber auch das ist nichts Neues.

III

Es ist langweilig, bei den Philosophen des Ausnahmezustands um Rat zu suchen. Rechtsstaatlichkeit oder nicht, all dieser Quatsch. Wortspielereien über den wahren und den falschen Ausnahmezustand.
Die technologische Entwicklung geht voran, und die Menschheit, die in dieser Technologie lebt, wird ihr mehr und mehr angepasst oder passt sich ihr an. Wie herum auch immer. Der Horizont, die Totalität dieses Systems zu zerstören, ist unausweichlich. Die Situation, die die Macht geschaffen hat, und in welcher sie sich auch nicht ganz ungefährlich exponiert hat, macht die herrschende Totalität mehr als je sicht- und fühlbar. Sie war für einen Moment nicht zu ignorieren. Es geht nicht um Teilaspekte.

Diesen Moment zu überdecken, zu rechtfertigen und als solchen vergessen zu machen, ist was für die Macht jetzt nötig ist. Die Operation, welche bisher erfolgreich verlief, wird unangenehme Gefühle hinterlassen. Wenn die Anästhesie nicht mehr wirkt, der Höhepunkt des Enthusiasmus verstrichen ist, steht alles ein bisschen auf wackeligen Beinen. Der neue Konsens ist noch nicht ganz stabil.
Im Übrigen ist es kein neuer Konsens, sondern der alte, ohnehin immer bröckelnde, stetig neu zu erschaffende. Nur dass hinzugefügt wird, dass die Macht so weit gehen kann. Das finden noch nicht alle gut. Sie haben eine andere Meinung. Ein bisschen wird sie zwar unterdrückt, aber ebenso klar ist es, dass die Bereitstellung einer falschen Opposition bereits ganz gut gelungen ist. – Die Revolte kommt woanders her…

IV

Irgendwie kommt es mir vor, als würde ich hier Teils uralte Neuigkeiten auffrischen. Es soll hier dem Leser nicht der Gedanke kommen, als wäre „vor Corona“ irgendwie die staatlich-technologische Gefängnisgesellschaft noch nicht gewesen. Die Neigung ist naheliegend, sich bequem auf so eine falsche Vorstellung zurückzuziehen. Doch es würde zu einem höchst oberflächlichen Denken führen, würden einige Aussagen in diesem Text als Überraschungen und Neuheiten dargestellt werden. Der Schritt des lockdowns ist eigentlich ein logischer Bestandteil des technologischen Prozesses, und kann auch nur als solcher verstanden werden. Viele frühere Analysen (anarchistische, aber auch philosophische wie etwa die von Günther Anders) zeigen: was heute offensichtlich und allzu wortwörtlich geschieht, konnte schon als Beschreibung mindestens der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts angewandt werden. Was hat das zu bedeuten?

Während damals gewisse Thesen als Übertreibung gelten konnten, steht man heute mit einigem Befremden vor der Tatsache, dass das alles tatsächlich jetzt so kommt. Aber eigentlich müsste gesagt werden: es war bereits so, nur hat man zu wenig tief geblickt. Und gerade dieses Abrutschen in die Behauptung der Neuigkeit, der ausschliesslichen Beschreibung des Neuen als Neues statt als Ergebnis der Vergangenheit und Kontinuität lässt Platz für ein oberflächliches Denken und eine falsche Kritik, welche einen das Vorhergegangene zurückwünschen lässt.

Natürlich ist es wahr, dass es „vorher noch nicht so war“. Mindestens ebenso wahr ist es aber, dass es vorher „auch schon so war“.

V

Es fällt schwer, klar zu sehen. Vielleicht noch schwerer, klar sehen zu wollen.

Es ist vielleicht bequem, sich berieseln zu lassen, und irgendeine Nische in dieser Verschärfung der technologischen Realität zu suchen. Und sind wir nicht alle schon darin? Sind wir nicht alle schon beduselt?

Der Prozess der Derealisierung, als welcher das beschrieben werden kann (und welcher ebensogut als die Realisierung der Technologie beschrieben werden könnte), der menschlichen Derealisierung, er geht vor sich und wir befinden uns nicht ausserhalb davon.
Wie auch?

Auch wir leben in der Technologie. Und das nicht mehr oder weniger, je nach dem, wieviele Geräte wir benutzen oder nichtbenutzen. Womit nicht gesagt sei, dass für die Realisierung, die Verwirklichung des eigenen Aufstands nicht eine gewisse Distanz zur Gerätewelt hilfreich sei. Denn das Aufständische, und vor allem die soziale Revolution, welche der Beginn der Verwirklichung menschlicher Beziehungen… wäre, ist letztlich nichts wirklich über Gerätschaften vermittelbares. Übrigens auch nicht über dieses damit bedruckte Papier.

Das Schwierige ist nur: wie lassen sich solche menschlichen Beziehungen innerhalb der Technologie verwirklichen? Und die Antwort wäre: gar nicht.

Vielmehr ist es gerade, allen Gerüchten und falschen Behauptungen zum Trotz, die reale menschliche Präsenz und Diskussion welche jeden Aufstand ausmacht. Und dass der Aufstand heute in der Technologie stattfindet, und zwar dermassen, dass darin die technologische Kommunikation eine Rolle spielt, sollte nicht zum Fehler verleiten, dass die Geräte, die dabei auch benutzt werden, etwa diesen Aufstand ausmachen würden. Vielmehr macht es den Aufstand gerade aus, dass er sich aus der Technologie herausbewegt. Das zwar immer noch innerhalb der Technologie, aber im Widerspruch zur technologischen Realität. Ein Widerspruch, dessen Bewusstwerdung leider oft auf sich warten lässt, weshalb die gegenwärtigen sozialen Aufstände zumeist vor dieser Frage halt machen. Praktisch halt machen. Während die Mächtigen sich der Situation durchaus bewusst sind, wenn man ihr Geschwafel über „kritische Infrastruktur“ betrachtet.

VI

Die Technologie ist allgegenwärtig. Sie verwirklicht mittlerweile fast alle fantastischen Attribute die man früher der Fiktion von Göttern unterschob (allsehend, ins All fliegend, Alles zerstörend, jede Fantasie abbildend, Telepathie, etc.), und es könnte behauptet werden, dass sie die Verwirklichung der Fantasie des allmächtigen und einzigen christlichen Gottes sei. Die Fiktion „die Menschheit“ bedient dabei die Möglichkeit der Menschen, sich mit der Erschaffung der Technologie zu identifizieren. Allerdings ist es nicht so, als wäre sie unser Diener. Ebensowenig ist sie das Produkt „des Menschen“, sondern spezifischer Menschen und spezifischer Verhältnisse unter ihnen.

Es ist natürlich klar, dass es nicht nur Technologie gibt. Aber die Expansion der Technologie, welche – um gewisse Leute zufriedenzustellen – auch als Expansion der Ware beschrieben werden kann, geht potentiell ins Unendliche. Während sie jetzt schon überall ist, durch alle hindurchgeht und hinein, so kann sie das in Zukunft noch mehr tun. Das ist ihre Expansion. Unsere permanente Entmenschlichung.

VII

Gibt es ein Ausweichen vor der Frage der Zerstörung? Natürlich. Aber worin besteht es? In einer gedanklichen Unehrlichkeit und einer gewissen Form von Feigheit.

Ist die bestehende Totalität der Herrschaft schlimmer als vergangene oder gar besser? Die Frage bleibt irrelevant. Sie ist jene, mit der wir uns auseinanderzusetzen haben. Warum, das weiss jeder, der es bereits tut…

Wenn wir innerhalb einer künstlich erschaffenen Umwelt leben, welche von anderen kontrolliert wird und so gebaut ist, dass sie nur auf diese hierarchische Art und Weise kontrolliert werden kann – was bleibt anderes, als diese zu zerstören? Die Unterwerfung und die Akzeptanz.

Die bestehenden Städte, die Infrastruktur, die „virtuelle Realität“, Konsum und Arbeit, Familie und Wohnung – sie beweisen sich als die Grundlagen der realen Gefängnisgesellschaft. Sie zu zerstören, abzubrennen, zu demolieren und zu verlassen ist der einzige Ausweg der bleibt. Die restlichen Wege sind verschlossen, oder führen nur weiter in die Technologie herein.

VIII

Drei Optionen haben sich während der letzten Zeit immer differenzierter am gesellschaftlichen Horizont gezeigt:

a) totaler Gehorsam, stayathome, etc…
b) Demonstrieren und zurücksehnen der alten Rechtsstaatlichkeit – eine illusionäre und kontrollierbare Form des Protests, uninteressant, domestiziert und langweilig…
c) Krawall, Plündern, individuelle und kollektive Brandstiftung – ein schüchterner Anfang…

Der Rest ist nur das Fass, das kurz vor dem Überlaufen ist.
Wann, wenn nicht jetzt?
Wollt ihr auf ewig zuhause vergammeln?
Wollt ihr euch wie Vieh in den Stall treiben lassen?

 

Superspreader

„Gutes Fernsehen“: ein Hindernis dafür unregierbar zu werden

Kurze Vorbemerkung des Übersetzers:

Während des Stay-at-Home-Diktats ist es verlockend seine Zeit risikolos mit endlosem Netflix-, Amazon-Prime-, Hulu-, etc. Konsum auf- und auszufüllen. Ein nie enden wollender Stream an Serien ermöglicht es eine:r sich von den Maßnahmen und der eigenen – meist freiwilligen – Unterwerfung abzulenken. Man hockt vereinzelt daheim vor dem Bildschirm, während man innerlich, sozial und emotional verkümmert. Wer dabei immer noch glaubt, dass es ein Zurück zur „alten Normalität“ geben wird, kann nur noch als naiv bezeichnet werden. Eine gesamtgesellschaftliche Umstrukturierung ist im Gange hin zu einem kybernetischen, planetaren Freiluftgefängnis und wer jetzt ausschließlich daheim lungert und sich Serien ballert, stimmt zu. Hier geht es nicht um eine moralische Verurteilung, sondern um ein nüchternes Festhalten von Tatsachen. Und wenn wir nicht nur von Freiheit schwätzen, sondern diese auch erringen wollen, gilt es diese Umstrukturierung zu konfrontieren. Ein erster Schritt für viele könnte ein Bruch mit dem sein, was im nachfolgenden Text als „gutes Fernsehen“ beschrieben wird.


„Unregierbar werden“ [„Become ungovernable“] ist eine Parole, die Anarchist:innen dieser Tage gerne verwenden. Es klingt cool und passt zur anarchistischen Ästhetik von Revolte und spektakulärem Konflikt. Es bedeutet unmittelbar nicht viel, aber das ist ihre Schönheit, denn die Bedeutung verschiebt sich mit jeder Person und den Besonderheiten ihres Lebens. Mit keiner Revolution, stattdessen aber Umweltkatastrophen, Staatsgewalt und Amokläufen am Horizont, liefert die Parole einen Pfad nach vorne anstatt in Anbetracht auf unsere no-future Zukunft zu verzweifeln: sich der Unterwerfung gegenüber dem Gesetz, der Pflicht und der Passivität des alltäglichen Lebens zu verweigern.

Aber, unregierbar „werden“? Wie in „dein eigenes Leben in ein Unregiertes verwandeln“? Das ist es, wo die Dinge schwierig werden. Der Kapitalismus und die Technologie, die durch ihn entwickelt wurde, haben Umstände geschaffen, die die Schaffung langfristiger Lebensgewohnheiten außerhalb von Passivität und Konsumieren nahezu verunmöglichen. Die Spielzeuge der Informationstechnologie sind klein, aber enthalten Terabytes an Ablenkung, immer die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer:innen zu sich hinziehend, wie das massive Gravitationsfeld eines kleinen schwarzen Loches. Selbst die Energieschübe eines spektakulären Moments der Krise, die durch den Kapitalismus hervorgerufen wurde, mag die Leute kurzzeitig von ihrer täglichen Tech-Routine abbringen, für Tage, Wochen oder sogar Monate, aber das System hat Werkzeuge, um die Leute wieder zurückzuziehen. Es gäbe hier eine Menge zu untersuchen, aber dieser Artikel beschäftigt sich nur mit einem Element: „gutem Fernsehen“.

Wir leben in der Ära des „guten Fernsehens“ oder der „goldenen Ära des Fernsehens“, einem relativ neuen Phänomen, wo Fernseh-Serien als intelligent, packend und sogar als künstlerische Arbeiten angepriesen werden. Bis ins letzte Jahrzehnt hatte der „Flimmerkasten“ gewissermaßen einen schlechten Ruf. Während die meisten der Masse von ihm eingesogen wurden, wie sie es heute auch sind, schien es, dass die Leute damals zumindest wussten, dass es eine geistlose Unterhaltung war und verdrehten ihre Augen gegenüber dem eingespielten Lachen im Hintergrund, den Spieleshows und der Gefühlsduselei.

Da das Fernsehen in aller erster Linie ein Vehikel für die Werbung war, wurden die Shows so gestaltet, dass sie dem kleinsten gemeinsamen Nenner entsprachen und deshalb die unkontroverseste und normativste Porträtierung der Charaktere und des Lebens enthielt. Sie zeigten fast ausschließlich attraktive weiße Schauspieler:innen, die statische und eindimensionale Klischeecharaktere spielten. Mit dem „guten Fernsehen“ haben die Shows überzeugende fortlaufende Geschichten, Komödien wurden schärfer und Charaktere haben ein weiteres Spektrum an Emotionen und sind nicht mehr länger nur weiße heterosexuelle Personen. Zusätzlich werden Nischenzuseherschaften mit subkulturellen Anekdoten, politischen Witzen, Ästhetik und Ton geködert, was es den Zuseher:innen ermöglicht, sich leichter mit spezifischen Serien zu identifizieren. In anderen Worten: Das Ansehen des Fernsehens ist in die Höhe gegangen und Fernsehen wird damit nicht mehr als etwas angesehen, das vermieden werden sollte.

Die „gute“ Qualität der Programme ging in die Höhe mit dem Erfolg von HBOs „The Sopranos“ und „The Wire“ in den frühen 2000ern. Die düsteren und stimmungsvollen Sopranos nutzten subtile literarische Techniken und komplexen Symbolismus, während sie Geschichten über das organisierte Verbrechen erzählten, als Metaphern und Kritiken des gegenwärtigen amerikanischen Lebens. The Wire, ähnlich pessimistisch, beschrieb detailliert die Lügen und Widersprüche rund um den Drogenkrieg im urbanen Amerika, um aufzuzeigen, wie schwierig und naiv Reformversuche sein können. Die Sopranos waren ein kommerzieller Erfolg, The Wire zwar nicht so sehr außerhalb liberaler und akademischer Kreise, jedoch demonstrierten diese beiden Serien der Fernsehindustrie, dass Zuseher:innen an Serien interessiert waren, die einen Aufwand beinhalteten und eine Sorgfalt, die in sie gesteckt wurde und damit mehr als nur geistlose Unterhaltung. Folglich wurden Serien wie True Detektive produziert, die unzählige literarische und philosophische Quellen und Referenzen aufweisen.

Auch wenn sie nicht immer so tiefgründig sind wie The Sopranos oder The Wire, hat es seither eine Verbreitung von Serien gegeben, welche fortlaufende Geschichten erzählen, wie die Soap-Opern der Vergangenheit, nur mit viel mehr Sorgfalt, die in die Ausarbeitung der Charaktere und den Plot gesteckt wird, genauso wie ein höheres Budget für das Gestalten der Kulisse und das Anstellen der Schauspieler:innen. Im Gegensatz zu episodischen Serien, wo alles mehr oder weniger am Ende der Folge zum Normalzustand zurückkehrt, sind diese Serien ähnlich einem Buch, wo jede Folge ein Kapitel darstellt. Episoden hören oft mit einem Cliffhanger auf oder mit einem dramatischen Moment, der eine große Aufregung kreiert und damit Vorfreude auf die nächste Folge schafft. Oder sie werden auf einen Schlag als Staffel veröffentlicht, damit man sie „binge-watchen“ kann. Verglichen mit deinem banalen jedoch sorgenvollen Leben unter dem techno-industriellen Kapitalismus geben diese Serien mit ihren fortlaufenden Geschichten der Zuseher:in eine eskapistische Fantasie eines Lebens als Abenteuer, jedoch von der Sicherheit des Schlafzimmers oder der Couch.

Wahrscheinlich resultierend vom unmittelbaren Feedback der Zuseher:innen in Internetforen und in den sozialen Medien haben Marktforscher:innen die Inhalte für die Medienunternehmen verfeinert, sowohl, was sie in der Vergangenheit schlecht gemacht haben, als auch, wie sie Serien für spezifische Demographien stricken müssen. Zusätzlich wurden Kulturkritiken integriert, die von Akademiker:innen in den 90ern verfasst wurden und die ausführlich beschrieben, dass Serien und Filme rassistisch, homophob und sexistisch waren. Dieses Material, einschließlich der tumblr-Sphäre, in der Serien, anhand dieser Kriterien, praktisch in Echtzeit kritisiert werden, ist alles zugänglich für Marktforscher:innen, um es zu untersuchen und um so ihre Produkte der Generation der Millenials zu vermarkten, die sich für soziale Gerechtigkeit zu interessieren scheint. Das hat mittlerweile zu bestimmten Serien geführt, die jetzt einen höheren Prozentsatz an Schauspieler:innen of Color und queeren Charakteren haben, was ihre Anziehungskraft erweitern kann, besonders wenn eine jüngere Zuseherschaft geködert werden soll.

Für jene, die an der Befreiung von Unterdrückung, Ausbeutung und anderen Systemen der Kontrolle interessiert sind, ist gutes Fernsehen eine schlechte Nachricht. Das Fernsehen ist eine Technologie der sozialen Kontrolle und die Welt wäre ein besserer Ort, wenn sie zerstört wäre. Jedoch scheint es, als wie wenn das Gegenteil geschehen würde, und Leute zunehmend dahin gesogen werden einen signifikanten Teil ihrer Zeit damit zu verbringen, diese Serien zu schauen. Sei es gutes Fernsehen oder 90er Sitcoms, diese Technologie isoliert die Leute voneinander und folglich fördert sie die Einsamkeit und Angst im Kapitalismus. Serien rahmen [frame] diese Gesellschaft und all ihre ekelhaften Mechanismen und sozialen Beziehungen als natürlich. Und sie töten die Vorstellungskraft, indem sie uns in eine Position der Passivität zwingen, wo wir in einen Empfängermodus versetzt werden, während wir mit Bildern, Archetypen und Geschichten überflutet werden. Fernsehen ist schlecht als solches, und im besonderen, weil es Revolte verhindert und Leute davon abhält, tätig zu werden gegen die albtraumhafte Welt um sie herum.

Isolation und die Ideologie, die der Technologie inhärent ist.

Der Kapitalismus erzeugt Isolation. In keiner anderen Gesellschaft in der Geschichte haben die Menschen eine solche Trennung zwischen sich selbst und den anderen erfahren. Das liegt daran, dass getrennte Leute leichter zu kontrollieren sind. Wo Leute einander regelmäßig begegnen, existiert das Potential für eine Vielzahl an Interaktionen, Verhaltensweisen und Beziehungen, die sich über die Zeit entwickeln können. In diesen Räumen wird es möglich für Leute Vertrauen aufzubauen, sich über Frustrationen auszutauschen und vielleicht rebellische Akte gemeinsam durchzuführen. Streiks, Krawalle und das Aufbauen subversiver Bande braucht Räume, um sich zu entfalten. Es gibt einen Grund, wieso totalitäre Gesellschaften Gesetze einführen, die verbieten, dass sich mehr als eine gewisse Anzahl von Leuten in der Öffentlichkeit versammeln. Das Fernsehen ist das liberale demokratische Mittel für dieses Problem, in dem es Leute zu freiwilliger Isolation antreibt.

Das Kapital, das grob und vereinfacht definiert werden kann als „Geld, das in etwas investiert wird, um mehr Geld zu machen“, kolonisiert über die Zeit hinweg zunehmend die Welt und transformiert sie, damit die Investitionen profitabel sein können. Dieser Prozess involviert die Evolution der Technologien in eine Richtung, die den Status Quo unterstützt und die Gewohnheiten und kulturellen Normen zementiert, die von diesem Status profitieren. Wir kommen nach dem Arbeiten erschöpft nach Hause und die attraktivste Option ist es, auf der Couch zu kollabieren, vielleicht eine Beziehungsperson neben uns, während amüsierende Spektakel auf dem Bildschirm vorbeiziehen, bis wir schlafen gehen und unsere Körper wieder genug aufladen, um uns wieder in die Arbeit zu schleppen. Das ist nicht natürlich. Das ist die Umwelt, die über die Zeit dominant geworden ist, da sie für das Kapital nützlich ist – das ist der Kapitalismus.

Sich hinzusetzen und eine Serie zu schauen ist besonders verführerisch, da es tatsächlich keinerlei Aufwand erfordert. Es ist die einfachste Option Langeweile zu vertreiben und sich von Sorgen abzulenken. Im Gegensatz dazu erfordert das Sozialisieren mit anderen aktives Zuhören und emotionale Energie. Die Möglichkeit das Falsche zu sagen, sich zu blamieren oder verletzt und unglücklich zu werden durch etwas, das jemand sagt, besteht immer. Deshalb zieht uns das Fernsehen, das viel leichter zu handhaben ist, weg von den sozialen hin zu den getrennten privaten Welten.

Gutes Fernsehen tötet dabei die Kreativität, da es keinen Grund zu denken oder damit zu ringen gibt, was man mit seiner Zeit anstellen soll, wenn dich der Bildschirm immer mit unmittelbarer Unterhaltung verbinden kann. Das Fernsehen füllt die leeren Stellen in deiner täglichen Routine. Es gibt keine Dringlichkeit sich mit einer Gesellschaft zu konfrontieren, die alles zerstört durch Umweltkatastrophen, Krieg und Unterdrückung, da die Möglichkeit sich abzulenken oder uns leicht zu unterhalten immer besteht.

Die Leute verlieren rasant das Talent miteinander von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren. Diese Tendenz, die Jahrhunderte alt ist, wird schlimmer mit jeder Generation, mit der Zunahme der Vermittlung durch die Informationstechnologien. Es ist ein allgemeines kulturelles Trope zu bemerken, dass die Leute kaum wirklich miteinander kommunizieren. In unserer Zeit ist die Verlockung der vermittelnden Technologie oder der freiwilligen Isolation durch das Zuhausebleiben und Serienschauen ein Resultat und ein weiterer Grund für dieses Phänomen. Je unsicherer wir sind, desto mehr bleiben wir drinnen, je mehr wir drinnen bleiben, desto unsicherer werden wir.

Zusätzlich dazu, dass Leute in die Isolation gezogen werden, präsentieren das Fernsehen und ähnliche Medienformate, wie Filme, die Welt unhinterfragt, wie sie ist. Die Porträts des Lebens kopieren die Struktur unserer Leben, die wir jetzt leben und verstärken deshalb die Hegemonie dieser Lebensformen in unseren Köpfen. Das ist keine intentionale Strategie der Eliten, die sich das in einem verrauchten Hinterzimmer ausgemacht haben, sondern in die Technologie selbst eingeschrieben.

Das alltägliche Leben, soziale Beziehungen, Wertesysteme, Technologie und sogar die Geographie der Infrastruktur sind dem Kapitalismus spezifisch, zu dieser Stufe seiner Entwicklung. Die tagtägliche Erfahrung aufzuwachen, in die Arbeit zu fahren, zu arbeiten, nach Hause zu fahren, Netflix zu schauen und schlafen zu gehen, ist eine von Millionen möglichen Lebensformen, die existieren können. Der Kapitalismus hat die Welt kolonisiert und hält uns damit davon ab, fast jede andere mögliche Lebensform zu entdecken und/oder zu erschaffen. Jedoch haben die Charaktere in den Serien und Filmen ein in etwa ähnliches Alltagsleben wie wir. (Wenn die Dinge abweichen, dann in spezifischen Genres, wie Fantasy oder Science Fiction, wo diese Abweichung Teil des Reizes ist.) Wenn wir diese Spektakel auf fortlaufender Basis konsumieren, werden die Rhythmen und Formen des Alltagsleben unter dem Kapitalismus in unseren Köpfen zementiert, so dass es scheint, dass kein anderes Leben möglich sein könnte.

Um klar zu sein, das Fernsehen „verteidigt“ diese Konzeptualisierung des Lebens nicht. Stattdessen präsentiert es Karikaturen unseres tagtäglichen Lebens, unserer Beziehungen und der Art und Weise, was wir alles als Normalität hinnehmen müssen. Wie jede Ideologie verschleiert sie sich dabei als natürlich. Jedwede gutartigen Intentionen subversiven Inhalt für das Fernsehen zu produzieren und Visionen, wie das Fernsehen in einer post-kapitalistischen Welt aussehen könnte, würden genau dieselben Umstände schaffen für Isolation und Ideologie.

Abschließend

Ich will das Fernsehen und die Welt, die es spiegelt, bis zu den Grundfesten zerstören. Die Welt, von der ich träume, kennt natürlich Geschichten, Rollenspiele und andere ähnliche Formen des Spiels, jedoch nicht so eine geistbetäubende und passive wie das Fernsehen.

Ich weiß nicht, was sich Leser:innen von diesem Artikel mitnehmen sollen. Ich kenne nur mein eigens Leben und ich habe kein Interesse daran, Leuten zu erzählen, was sie in ihrem alltäglichen Leben tun sollen. Jedoch weiß ich, dass diese Gesellschaft mystifiziert, was sie den Leuten antut und ich habe Interesse daran, diese Dinge aufzuzeigen, wenn ich sie sehe. Dass das Fernsehen durchschnittlich grob fünf Stunden täglich die Leute in den USA aussaugt [1], scheint mir wichtig zu bemerken und darüber nachzudenken, was das für uns heißt. Besonders für jene von uns, die eine Revolte und ein Leben kreieren wollen, basierend auf den eigenen subversiven Begierden.

Frei übersetzt aus dem Englischen. Originaltitel: „Good TV as a Roadblock to Becoming Ungovernable, or Anything Else Really“; Original veröffentlicht in Plain Words #4, Winter 2017/2018, Bloomingto, Indiana. Oder: https://plainwordsbloomington.noblogs.org/post/2017/09/16/good-tv-as-a-roadblock-to-becoming-ungovernable-or-anything-else-really/#more-430

Anmerkungen

[1] https://www.nytimes.com/2016/07/01/business/media/nielsen-survey-media-viewing.html

Corona und der Totalitarismus des Technologischen

Lesezeit: 13:12 min.

Die reale Welt zu spiegeln und den Menschen die digitale Kopie dieser Spiegelwelt (David Gelernter nannte das Anfang der 1990er Jahre Mirror World, wenn ich mich nicht irre) nicht nur als eine bequeme Alternative zu präsentieren, sondern vor allem auch als eine bereichernde Perspektive auf diese Welt, die diese „noch lebhafter“ erstrahlen lässt und die es einer*m vor allem erlaubt, die modellierte reale Welt mit einem Mausklick, einem Tastendruck oder einem Wisch über den Bildschirm zu manipulieren, diese Vision durchzieht die Geschichte der Computer und des Internets wie ein roter Faden. Egal ob wir von Virtual-Reality-Brillen, Lifestreams, Videochats, Online-3D-Karten oder dem bei den bürokratischsten Institutionen abgeschauten UNIX-Motto „Everything is a File“ („Alles ist eine Datei“ bzw. etwas freier „Alles ist eine Akte“) sprechen, all diese Entwicklungen versuchen nichts anderes, als eine solche Spiegelwelt zu erschaffen, bei der der Mensch nicht mehr selbst mit seiner Umwelt und anderen Menschen in Beziehung tritt, sondern sich seine Beziehungen bloß noch durch jenen Kanal, den Monitor, Glasfaserleitungen, Funknetze, usw. eröffnen.

Lange Zeit konnte man solche Visionen von Spiegelwelten, Visionen davon, dass der Mensch morgens nicht einmal mehr um zur Arbeit zu gehen, das Haus verlassen muss (Bill Gates), als mehr oder weniger absurde Gedankenspiele oder angesichts der offensichtlich reizlosen Abbildungen der Realität in den Gefilden des Digitalen als gelebten Science-Fiktion-Fetisch irgendwelcher Nerds abtun. Aber während die von den Visionären dieser Spiegelwelt-Zukunft verheißenen Fantastereien langsam aber sicher erst die Wissenschaftswelt, dann die Geschäftswelt und die Unterhaltungswelt eroberten, hätte man vielleicht erkennen können, dass von diesen Visionen eine reale Gefahr ausgeht, eine Gefahr für die Welt vor dem Spiegel. Es ist ja auch nicht so, dass das keine*r erkannt hätte. 1993 etwa erhielt David Gelernter, der nicht nur von der Spiegelwelt schwärmte, sondern auch daran arbeitete sie umzusetzen, eine Briefbombe. Mit Grüßen vom Freedom Club. Und weder war er damals der einzige, der unliebsame Post bekam, noch verschickten alle, die seiner Vision und der so vieler anderer Computerenthusiast*innen etwas entgegensetzen wollten, Briefbomben.

Aber auch wenn es tausende Sabotageversuche gegen die Etablierung der weltumfassenden Spiegelwelt namens Internet gab und auch heute noch immer gibt, so muss man realistischerweise heute doch anerkennen, dass es sie gibt, diese Spiegelwelt, dass wir alle in ihr Gefangene sind und dass das Spiegelbild sich anschickt, sein Original abzuschaffen, bzw. vielmehr die Wirkungsweise der Spiegelung umzukehren. Seit Jahrzehnten haben sich die Computertechnologien ausgebreitet, haben einen Lebensbereich nach dem anderen erfasst und ihrer Logik unterworfen. Haben bequeme sowie in höchstem Grade unkomfortable Kommunikationsmethoden etabliert und sich erst unmerklich, dann immer präsenter Raum im Leben der Menschen erobert. Dabei ist es kaum verwunderlich, dass es bei all dem immer darum ging, einzelne Aspekte des Lebens kontrollierbar zu machen oder jene, die sich als mit diesen Technologien unkontrollierbar herausstellen, durch andere Mechanismen abzulösen.

Ein einfaches Beispiel ist der Zahlungsverkehr, der sich in den letzten Jahrzehnten rasant verändert hat. Weil sich Bargeld zumindest nicht in dem Maße kontrollieren lässt, wie das mit digital erfassten Finanzströmen der Fall ist, wurden von verschiedenen Akteur*innen, die sich durch diese Entwicklungen allesamt einen eigenen Anteil an der aus ihnen resultierenden Kontrolle versprechen, digitale Zahlungsmethoden entwickelt und etabliert. Vom Online-Banking, das zunächst einfach bequemer wirkte, als der Gang zum Bankschalter, war es nur ein kleiner Schritt zu den vielen Online-Bezahlmethoden, mit denen heute die Bestellungen bei den Online-Geschäften bezahlt werden. Durch Kartenzahlungsterminals in so gut wie jedem Geschäft, die einer*m den Gang zur Bank „abnehmen“, war es nur ein kleiner Schritt hin zu Formen des kontaktlosen Bezahlens und warum nun nicht gleich via Ausweis oder Smartphone bezahlen? Was für die einen, die, die sich mit Freuden an die Regeln halten, weil sie auf die ein oder andere Art und Weise eben auch immer in ihrem Sinne waren, die Bequemlichkeit vergrößert, ist für diejenigen, die diese Regeln immer auf verschiedenen Wegen zu umgehen versuch(t)en zum Problem geworden. Größere Barzahlungen werden heute als etwas anrüchiges angesehen, ja mittlerweile ist es sogar staatlich verboten, Transaktionen über einem bestimmten Wert in Bar abzuschließen. Und auch wenn selbst die Corona-Pandemie hier bislang nicht dazu geführt hat, dass man selbst im Supermarkt komisch angesehen wird, wenn man in bar bezahlen will, so mag das nur noch eine Frage der Zeit sein, wenn man bedenkt, dass schon die ein oder andere Debatte darüber geführt wurde, das Bargeld unter Vorwand der Übertragung von Krankheiten durch es, ganz abzuschaffen.

Aber das ist nur ein Beispiel, es gibt ihrer mittlerweile tausende. Seit Jahren etwa gibt es Angebote für Videotelefonie, die sich aber außer in bestimmten Hipster- und Businesskreisen höchstens einer einmaligen Neugier erfreut haben. Und doch sprechen heute alle von zoom. Von zoom Kaffekränzchen, dem (gem)einsamen zoom Abendessen, zoom Unterricht, zoom Kaffeepausen, zoom Schach, usw. Aber auch hier ist es nicht die Bequemlichkeit, die schließlich zur Akzeptanz von zoom und auch anderen Lösungen geführt hat, mit denen es ja doch niemals gelingen wird, eine sich real anfühlende Unterhaltung zu führen, sondern vor allem ein initiales Moment, der Lockdown und seine scheinbare Alternativlosigkeit, das diese Akzeptanz geschaffen hat. Was sich hier nun an unzähligen Beispielen durchexerzieren ließe, lässt sich meines Erachtens nach auf eine simple Formel bringen: Computertechnologien haben in den letzten Jahrzehnten dabei geholfen, beinahe jeden Lebensaspekt in einer digitalen Spiegelwelt nachzubilden. Auf einer Ebene, die dabei jedoch kaum imstande ist, unseren tiefen Beziehungen zueinander und zu der uns umgebenden, realen Welt auch nur annähernd gerecht zu werden. Und auch wenn diese Spiegelwelten bislang immer nur partiell genutzt wurden, so ist es mithilfe des globalen Lockdowns gelungen, ihre flächendeckende Verbreitung mit einem Schlag umzusetzen.

Und wer dabei glaubt oder immerhin hofft, dass dies eine temporäre Entwicklung sei, die*der scheint mir doch zumindest naiv zu sein. Wer von der Welt der sozialen Medien ersteinmal gefangen genommen wurde, deren*dessen Innenleben schien auch bisher immer weiter abzuflachen. Da mag es auch noch so viele Emojies geben. Schließlich lässt sich das eigene Empfinden ebensowenig in einem „Like“ einfangen, wie in einem „Facepalm“. Oder vielleicht doch? Manchmal habe ich den Eindruck und ich halte das auch nicht für besonders abwegig, dass das nur eine Frage der Domestizierung ist. Empfindensweisen sind auch außerhalb sozialer Netzwerke sehr stark von einem sozialen Kontext geprägt und bestimmt. Es gibt Empfindungsweisen, die anerkannt sind und solche, die es nicht sind. Und manche Empfindungen sprengen jeglichen sozialen Rahmen. Nicht selten werden sie als Geisteskrankheiten gebrandmarkt und mit roher (medikamentöser) Gewalt in psychiatrischen Einrichtungen unterdrückt. Und das, man kann es nicht verhehlen, mit einigem Erfolg. Denn auch wenn es hier und dort immer gewisse Reibungen gibt, scheint das Empfinden einer überwiegenden Mehrheit der Menschen zumindest die meiste Zeit mit den sozialen Normen konform zu verlaufen. Warum sollte sich die nur verhältnismäßig große Komplexität des Empfindens einer Welt vor Facebook, Whatsapp, Instagram, und wie diese Spiegelwelten alle heißen, nicht auch mit dem allgemeinen Ersatz von Empfindungen durch Emojies noch weiter abflachen lassen. Und wie das mit den individuellen Empfindungen ist, so ist das auch mit den sozialen Beziehungen. Wer kann von sich behaupten über Whatsapp und Co. – und da ist freilich auch jede angeblich ach so „sichere“ Alternative nicht ausgenommen – überhaupt irgendeine tiefgehende soziale Beziehung zu führen? Und schon gar nicht, wenn Text- und Sprachnachrichten und vielleicht eine gelegentliche Videotelefonie nun die einzigen Kontaktmöglichkeiten sein sollen. Und doch werden viele schon in wenigen Monaten, wenn das nicht vielfach bereits heute der Fall ist, von sich sagen, dass eben jene Beziehungen, die über irgendeinen Bildschirm vermittelt werden, die tiefgehendsten und wichtigsten Beziehungen in ihrem Leben sind. Es gibt ja (dann) für sie auch keine anderen mehr. Und ebenso wie einige schon vor langem vielleicht vergessen (oder es nie erlebt) haben, wie es auch ohne Smartphone, ja sogar ohne Handy möglich ist, einander zu treffen, so werden auch die tiefgehenden Beziehungen, die man vielleicht vor dem Lockdown noch zu anderen Menschen geführt hat, in Vergessenheit geraten. Und man wird sich fragen: Wie haben das die Menschen früher nur gemacht, als es noch kein zoom gab. Aber das ist die gleiche Frage, wie die danach, wie das wohl vor dem Zeitalter der Smartphones, der Handys, der Festnetztelefone, der Briefe, usw. gelaufen ist. Und die Antwort ist ebenfalls die gleiche: Das wirst du erst dann verstehen, wenn du es selbst tust.

Aber geht das überhaupt noch? Lässt sich aus einer Spiegelwelt überhaupt ausbrechen, wenn man erst einmal vollständig in ihr gefangen ist? Auf jeden Fall ist es nicht einfach. Und nur fürs Protokoll, mit „ausbrechen“ meine ich hier nicht irgendwelche Tech-Yuppie Selbstfindungstripps, wie sie unter „digital detox“ seit einigen Jahren ganz besonders dort in sind, wo man ansonsten mit Hochdruck daran arbeitet, immer mehr Menschen mit immer neuen Angeboten in die Gefilde irgendeiner Spiegelwelt zu locken. Nein, unter „ausbrechen“ verstehe ich das, was sich vielleicht vielmehr dort andeutet, wo Menschen, die infolge eines Blackouts oder einer Störung ihres Teils des „Netzes“ aus ihren Wohnungen ins Freie treten, den Blick nicht auf ihr Smartphone gerichtet, sondern sich die Augen reibend, im blendenden Sonnenlicht, das selbst ihre graue Betonumgebung in schillernden Farben erstrahlen lässt. Etwas, das seine Vollendung nicht darin findet, nach einer bestimmten Anzahl von Tagen, endlich die sich aufgestauten E-Mails und Nachrichten abzuarbeiten, sondern im matten Feuerschein der brennenden Tech-Spiegelwelt.

Ich denke, was man verstehen muss, wenn man aus einer Spiegelwelt ausbrechen will, ist, dass diese nicht einfach eine Scheinwelt ist, ein Traum aus dem ich bloß zu erwachen brauche. Nein, auch wenn ich mich hier und dort einer Teilnahme an dieser verweigere, so bedeutet das doch nicht, dass diese nicht auch mein Leben bestimmt. Denn das Problem all der Spiegelwelten da draußen ist, dass es sich bei ihnen eben nicht um Computerspiele handelt, auch wenn letztere eine große Rolle für ihre Entwicklung gespielt haben mögen. Wenn ich in einem Computerspiel, sagen wir in einem Ego-Shooter, eine*n andere*n Spieler*in erschieße, dann wird diese*r schlicht an irgendeinem Ausgangspunkt wiederbelebt. In einer Spiegelwelt ist das nicht so. Und das gilt nicht nur für diejenigen, die von tausende Kilometer entfernten Drohnenpilot*innen vor einem Computerbildschirm ausgelöscht werden. Das gleiche gilt für die Opfer von Wirtschaftskrisen und „Umweltkatastrophen“, die etwa durch eine Fehlfunktion eines Atomkraftwerks ausgelöst werden. Der einzige Unterschied dabei ist vielleicht, dass den Drohnenpilot*innen die Auswirkungen ihrer Handlungen trotz Computerspielambiente auch in der Spiegelwelt noch halbwegs vor Augen gehalten werden. Wer dagegen an Börsen letztlich auf die in irgendeinem Portfolio versteckten Hungersnöte wettet, die*der hat häufig nicht einmal das Kleingedruckte dieser Wette gelesen. Aber es ist ja auch nicht immer der Tod von Menschen, über den leichtfertig mit einem Mausklick oder Tastendruck entschieden wird. Es geht vielmehr um alle denk- und undenkbaren Auswirkungen in der realen Welt.

Und auffällig scheint mir dabei, dass die Spiegelwelten vorrangig von jenen propagiert werden, die jenen, denen der Zugang zu ihnen verwehrt bleibt, auch in der realen Welt ein Leben verunmöglichen. Oder soll man die tägliche Schinderei am Fließband eines Untenehmens bzw. die Plackerei des Auslieferns seiner Produkte an die Spiegelweltler, jene Aktivitäten eben, die vorerst realweltlich bleiben, als Leben bezeichnen? Ebensowenig wie die Freiheit im Inneren eines der täglichen Amazon-Pakete darauf wartet, ausgepackt zu werden, liegt sie darin, die stattdessen abgepackten Ersatzprodukte für ihre Besteller*innen zu erzeugen, zu verpacken oder auszuliefern.

Jene, die uns davon predigen, welche Möglichkeiten uns diese oder jene Spiegelwelt bieten würde, wissen das natürlich. Oder glaubst du beispielsweise Bill Gates, einer der derzeit einflussreichsten Prediger*innen, würde nicht verstehen, von was für einer Welt er den Menschen da vorschwärmt? Eine Welt in der wegen Viren und Klimakrise und was weiß ich, was den alten Bill des Nachts noch alles wach liegen lässt, alle eingesperrt werden, pardon, sich selbst einsperren wenn es nach ihm geht, und nur zu jenen produktiven Zwecken an die frische Luft dürfen, die ihm und seinesgleichen Reichtum und Macht verleihen. In ihren Spiegelwelten, die den Menschen nur als ein weiteres Rädchen im Leibe jenes künstlichen Ungetüms betrachtet, das in Zukunft nicht nur die Erde unterjochen würde, sondern auch benachbarte Planeten, ist Freiheit für keine*n anderen als dieses Ungetüm selbst denkbar. Auch wenn sie das vielleicht am wenigsten verstehen.

In einer Welt, in der man letztlich höchstens als Postbot*in ins Freie zu treten vermag, mag sich der*die eine oder andere vielleicht auch unwillkürlich des eingangs erwähnten Beispiels von der Briefbombe für den Autoren von Mirror Worlds erinnern. Was wäre auch naheliegender, wo doch auch sonst alles in Paketen seinen Bestimmungsort erreicht? Und wenn es auch nicht die Freiheit sein mag, die da im Inneren eines Päckchens zwischen den täglichen Amazon-Bestellungen vor sich hin schlummert, so wäre es doch vielleicht ein Schritt in ihre Richtung.

Aber besser noch, als sich nur der Tyrannen der Spiegelwelten zu entledigen, wäre doch, wir würden nicht zögern, auch den Spiegel ein für alle Mal zu zertrümmern, der hier freilich statt aus Glas aus Glasfasern und Funkwellen besteht.


PS: Und wo der*dem ein oder anderen Feminist*in vielleicht aufgefallen sein mag, dass es ja die Bill & Melinda Gates Stiftung sei und ich hier in chauvinistischer Manier den weiblichen Part verschwiegen habe, da möge sie*er doch gerne einspringen und zu Weihnachten auch der Melinda ein Päckchen schicken.

PPS: Und wo nun sicherlich irgendwer bereit steht, zu betonen, dass ich hier ganz fürchterlich „abgeschwurbelt“ (?!) hätte und der liebe Bill und die liebe Melinda nun wirklich nicht als einzige Weihnachtspost verdient hätten, so bin ich ganz deiner Meinung. Und ich bin mir weiterhin sicher, dass der Weihnachsmann etwas Hilfe dabei gebrauchen könnte, seine Päckchen an die richtigen Adressat*innen zu verteilen.

PPPS: Und für all diejenigen, die einen Text von solcher Länge nicht leicht verdauen können, gibt es hier auch eine freilich reduktionistische Zusammenfassung als Internetmeme:

Siehe auch den Nachtrag „Über Tyrannenmorde und Briefbomben“ (Zündlumpen #081) zu diesem Artikel.

Eingeimpft

Eine kleine Sammlung von etwas anderen Geschichten über Bazillen, Impfungen und ihre sozialen Kontexte

Mit großer Ungeduld warten dieser Zeit so einige auf die erlösende Impfung. Immer wieder haben Politik und Pharmaunternehmen Verheißungen von einem kurz vor der „Zulassung“ stehenden Impfstoff laut werden lassen, immer wieder wurden die Erwartungen der Menschen getrübt. Nun ist es wieder einmal soweit. Ein Unternehmen namens BioNTech (ja, wer da an Gentechnik denken muss, liegt verdammt richtig) aus Mainz (nur falls sich jemand für die genaue Adresse interessiert: An der Goldgrube 12, 55131 Mainz – man scheint dort ja big im Business zu sein …) plant einen mRNA-Impfstoff gegen Covid-19 auf den Markt zu bringen. Das wäre der erste mRNA-Impfstoff der in Europa zugelassen wird, aber es ist ja auch die erste Pandemie, die von dermaßen tiefgreifenden und staatlich forcierten sozialen Umwälzungen begleitet wird. Harte Zeiten erfordern eben harte Maßnahmen, so sagt man doch, oder?

Naja, und während nun vielleicht einige, denen die soziale Einsamkeit der vergangenen Monate beinahe jede Kraft geraubt haben mag den erneuten Lockdown zu überstehen, neuen Mut schöpfen ob dieser Verheißung, will ich ja gar nicht so sein und halte vorerst also meine Klappe dazu. Und um euch in eurem Warten dann immerhin ein wenig die Zeit totschlagen zu helfen, habe ich die Ketzerei gewagt, einige kurze Geschichten aufzuschreiben, die Impfungen in einem etwas anderen Lichte zeichnen, als in dem der großen Erlösung vor todbringender Krankheit … Man wird es ja wohl wenigstens erzählen dürfen, oder nicht?

Robert Koch, die Segregation von Schwarzen und Weißen, die Schlafkrankheit und die Tropenmedizin

Der Protagonist meiner ersten Geschichte ist heute zumindest in Deutschland in aller Munde. Robert Koch. Nach ihm ist eben jenes Institut benannt, von dem wir später noch ganz andere Geschichten zu hören bekommen werden und das in den letzten Monaten vor allem dadurch von sich reden machte, dass es die Einsperrung der Menschen zum Schutz vor Corona-Infektionen empfahl/empfiehlt und wissenschaftlich zu untermauern sucht(e). Robert Koch, der Namensgeber dieses Instituts, wütete zwischen 1843 und 1910 nicht nur in Deutschland, sondern vor allem auch in Kaiser-Wilhelms-Land (Eine deutsche Kolonie auf Neu-Guinea) und Deutsch-Ostafrika (umfasst heute Tansania, Burundi und Ruanda, sowie einen kleinen Teil von Mosambik) und Uganda. Während es zweifellos der Verdienst Robert Kochs genannt werden kann, die beiden Färbemittel Methylenblau und Vesuvin in die richtige Petrischale mit Tuberkulosebakterien gekippt zu haben, womit ihm der wissenschaftliche Nachweis des Tuberkulosebakteriums gelungen war, sind zumindest einige seiner anderen Verdienste von der Natur, die man in der Medizingeschichte am liebsten verschweigen würde.

Als 1899 die Kolonialverwaltung von Kaiser-Wilhelms-Land angesichts zunehmender Malaria-Erkrankungen befürchtete, dass „bei so vielen Kranken […] die Produktion wichtiger Exportgüter wie Kupfer und Kautschuk behindert werden [könne] […] vor allem aber […] auch viele Europäer der Krankheit zum Opfer [fielen]“ [1], entsandte man Robert Koch dorthin, um eine medizinische Strategie für dieses Problem zu finden. Robert Koch empfahl damals „Blutabnahmen und -tests auf breiter Basis“ zu organisieren, um „diejenigen ausfindig [zu machen], die zwar keine Krankheitssymptome zeigten, aber den Malaria-Erreger dennoch in sich trugen“ [1]. Ein Verfahren, das Robert Kochs Nachfolger dieser Tage gerne zur Perfektion bringen würden. Und auch wenn Malaria bis auf Laborunfälle und durch Bluttransfusionen eigentlich nur während der Geburt von der Mutter auf das ungeborene Kind übertragen werden kann, ging Robert Koch wohl davon aus, dass infizierte Menschen eine Bedrohung für nicht infizierte darstellten. Seine Empfehlung, mit Malaria infizierte Personen von jenen fernzuhalten, die nicht mit Malaria infiziert seien, wurde durch Umsiedlungen in die Tat umgesetzt, die letztlich vor allem zu einer Segregation von Schwarzen und Weißen führte, unabhängig davon, wer nun infiziert war und wer nicht.

Kurz nachdem Koch von dieser Expedition nach Deutschland zurückkehrte, machte Koch wieder von sich reden, als er 1890 mit Tuberkulin ein angebliches „Heilmittel“ gegen Tuberkulose präsentierte. Bis heute lässt sich nur schwer nachvollziehen, ob Koch dabei aus Profitinteressen ein Mittel in Umlauf brachte, das statt zu heilen eher Schäden bei den Patient*innen verursachte und sogar Todesfälle hervorrief oder ob er dabei nicht eher Opfer seines eigenen wissenschaftlichen Pfuschs geworden ist. Vielleicht ist es auch eine Mischung aus beidem. Jedenfalls schien er sich einerseits Millionengewinne zu versprechen (entsprechend hielt er die Zusammensetzung seines Mittels auch geheim und konnte sich später auch selbst nicht so ganz entsinnen, was er da überhaupt zusammengeschüttet hatte) und andererseits um die (Neben-)wirkungen seines „Heilmittels“ gewusst zu haben: „Er rief wieder meine Opferwilligkeit und meinen Idealismus, indem er von dem Wert für den Menschen sprach“, berichtete seine spätere Ehefrau Hedwig Freiberger, die Koch damals als 17-Jährige dazu überredete, an ihr Versuche mit Tuberkulin durchführen zu dürfen und fährt dann fort: „Ich könne möglicherweise recht krank werden, aber allzu schlecht würde es ja wahrscheinlich nicht kommen. Sterben würde ich voraussichtlich nicht“. Hedwig Freiberger starb nicht, wohl aber zahlreiche Patient*innen, an denen das Mittel in der Folge getestet wurde. Als Koch aufgefordert wurde, die Meerschweinchen vorzuweisen, die er angeblich in Versuchen mit Tuberkulin geheilt haben wollte, konnte er dies ebenfalls nicht. [2]

Doch einige Jahre später sollte Koch eine weitere Chance bekommen, seine Menschenversuche fortzusetzen. Wieder einmal fürchteten Kolonialmächte um ihre Arbeitskräfte, als im britischen Protektorat Uganda eine Schlafkrankheitsepidemie in wenigen Jahren eine Viertelmillion Menschen tötete. Für Koch scheinbar ein ideales Testfeld, um den Einsatz von chemischen Präparaten an Menschen zu testen, nachdem seine ersten Bestrebungen diesbezüglich in Deutschland auf erhebliche Kritik gestoßen waren. Auf einer der Sese-Inseln errichtete Koch mit seinen Mitstreitern 1906 ein Forschungslager, in dem er seine Experimente durchführen würde. Freilich könne nicht damit gerechnet werden „daß die Kranken sämtlich freiwillig kommen“, schreibt er später und schlussfolgerte „Sie müssen aufgesucht werden“ [1]. Nun, das kennt man ja, wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, dann muss eben der Prophet zum Berg oder wie in diesem Fall der Arzt zu seinem Versuchsobjekt kommen. In Kochs Fachjargon nennt man diese Praxis eben das „Aufsuchen“ eines Kranken. Entsprechend kann man sich dann auch die „Behandlung“ der „Kranken“ in seinem Lager vorstellen: Sein Assistent Friedrich Karl Kleine erläuterte dazu, dass man diese in einer Liste führte und ihnen zu diesem Zweck allen „eine große auf Holz geschriebene Nummer um den Hals“ hängte. Verabreicht wurde ihnen unter anderem Atoxyl, ein arsenhaltiges Präparat, das in den von Koch verabreichten Dosen zu schweren Nebenwirkungen führte. Koch selbst bemerkt dazu folgendes: „Nicht wenige Kranke entzogen sich sehr bald dieser stärkeren Behandlung […] [sie war] zu schmerzlich und [verursachte] auch sonstige unangenehme Empfindungen […], wie Übelkeit, Schwindelgefühl, kolikartige Schmerzen im Leibe“. Aber: „Da diese Beschwerden indessen nur vorübergehend waren, so wurde mit der Behandlung fortgefahren“. Nachdem Koch auf diese Weise eine ganze Reihe an Präparaten getestet hatte, auf deren Testung man in Deutschland bisher bewusst verzichtet hatte, kehrte er nach Deutschland zurück und verkündete dort seinen Plan zur Eindämmung der Schlafkrankheit, der Aufschluss über so einiges in seinem Denken gibt, das Virologen heute übernommen zu haben scheinen:

Afrikaner müssten, so erläuterte er, aus solchen Regionen, in denen die Tsetse-Fliege vorkam, an fliegenfreie Orte umgesiedelt werden. Dort würde eine Ansteckung untereinander unmöglich, und: „[D]ie infizierten Individuen würden dann, da die Sterblichkeit ohne Behandlung eine absolute sei, ausnahmslos zugrunde gehen, damit werde dann die Seuche erlöschen. Die Gesunden könne man nach einer gewissen Zeit – bis die Fliegen ihre Infektionsfähigkeit verloren hätten – wieder an ihren ursprünglichen Wohnsitz zurücklassen.“ („Sitzung“: 935). Koch ging es also nicht in erster Linie um eine Heilung von Kranken, sondern darum, diese von Gesunden fernzuhalten, sie gewissermaßen als Ansteckungsquellen zu „isolieren“.

Dem Mediziner war bewusst, dass sein Plan undurchführbar sein würde. Er hatte ihn lediglich als Utopie formuliert, um seine Zielsetzungen abzustecken. Als praktikablere Variante präsentierte er das Konzept der „Konzentrationslager“ („Sitzung“: 936). Er hatte diesen Begriff der britischen Praxis entlehnt: In Südafrika hatten die Briten sogenannte „concentration camps“ eingeführt, um darin politische Gegner zu inhaftieren, und internierten darin jetzt Kranke. Koch empfahl, in Deutsch-Ostafrika Schlafkrankenlager zu errichten, in denen Infizierte fern von ihren Heimatorten dauerhaft untergebracht würden. Hier sollten sie regelmäßig mit Atoxyl behandelt werden. Offensichtlich zielte dieser Plan aber weniger auf eine Heilung der Kranken, als dass er derselben Idee folgte wie Kochs Vision großangelegter Umsiedlungen: Die Schlafkrankenlager sollten Kranke so lange von ihren Wohnorten fernhalten, „bis anzunehmen ist, daß an ihrem Wohnorte nach Entfernung aller Trypanosomenträger [also aller Infizierten] die Glossinen frei von Infektionsstoff geworden sind.“ (Koch 1907: 1894). Schlafkrankenlager wurden von Koch also nicht in erster Linie als Behandlungs-, sondern als Isolierstätten entworfen – ein Konzept, das auch in Togo und Kamerun übernommen wurde (Bauche 2005: 86-90; Eckart 1997: 345).

Nach Kochs Willen sollten die Lager aber noch eine zweite Funktion als Forschungsstätten erfüllen. Der Mediziner scheute sich keineswegs, dies offen auszusprechen: „Da in den Konzentrationslagern eine genaue Beobachtung während längerer Zeit möglich sei, könne man hier am besten den empfehlenswerten Modus der Atoxylbehandlung ausfindig machen und beispielsweise auch eine etappenmäßige Therapie erproben“ („Sitzung“: 936). Tatsächlich wurden nach Kochs Abreise im Oktober 1907 in Deutsch-Ostafrika drei Schlafkrankenlager errichtet, in Togo und Kamerun wurden insgesamt fünf solcher Anstalten geschaffen. In ihnen wurde an den Körpern von Afrikanern mit über einem Dutzend verschiedener chemischer Präparate, mit unterschiedlichen Dosierungen und Verabreichungen experimentiert (Bauche 2005: 84, 90-103; Eckart 1997: 161-74, 346).

Auszug aus Manuela Bauche. Robert Koch, die Schlafkrankheit und Menschenexperimente im kolonialen Ostafrika. [1]

Das Robert Koch Institut, die Suche nach einem Malariaimpfstoff und Menschenexperimente in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern

Der Protagonist meiner nächsten Geschichte ist ein Schüler Robert Kochs, der sich nach einer Karriere als Kolonialarzt in Togo und Deutsch-Ostafrika ab 1905 als Direktor der tropenmedizinischen Abteilung am Robert Koch-Institut (damals noch Königlich Preußisches Institut für Infektionskrankheiten, den Namen Robert-Koch-Institut erhält das RKI erst 1942) herumtrieb. Sein Name ist Claus Karl Schilling. Manch einer*m mag dieser skrupellose Mediziner auch als „Blutschilling“ bekannt sein, wie ihn die Insass*innen des KZ Dachaus genannt haben sollen, als er zwischen Februar 1942 und April 1945 grausame Experimente an ihnen vollführte, in deren Folge zwischen 300 und 400 Menschen ums Leben kamen. Aber ich will von vorne beginnen.

Als Claus Schilling um 1920 das Angebot bekam, im faschistischen Italien Mussolinis an Insassen Psychiatrischer Kliniken in Volterra und San Niccolò di Siena zu forschen, willigte er ein. Er beschäftigte sich dort mit Fragen der Immunisierung anhand von serologischen Experimenten. Warum der italienische Staat daran ein Interesse hatte, war klar. Im Abessinienkrieg und anderen kolonialen Vorhaben fürchtete man sich vor Malariainfektionen der Truppen und hoffte auf einen Impfstoff oder ein anderes Gegenmittel. Auch die nationalsozialistische Regierung Deutschlands finanzierte Claus Schillings Forschungen tatkräftig.

1936 emeretierte Claus Schilling als Professor am heutigen Robert Koch-Institut, griff seine vorherigen Experimente jedoch im Februar 1942 im Auftrag Heinrich Himmlers und statt in Psychiatrien nun im KZ Dachau wieder auf. Mehr als 1000 Häftlinge infizierte er dort mithilfe von infizierten Stechmücken oder der Verabreichung eines Extrakts aus ihren Speicheldrüsen mit Malaria, um an einem Impfstoff gegen Malaria zu forschen. Heinrich Wieland, eine Art Chemiewaffenforscher sagte 1945 über Claus Schilling, „dass er [Schilling] als echter Forscher sein wissenschaftliches Ziel mit aller Leidenschaft verfolge. Er hat mir gegenüber keinen Hehl daraus gemacht, dass für ihn die Zusammenarbeit mit Instanzen der Partei, deren ausgesprochener Gegner er war, ein schweres Opfer bedeute, das er jedoch der Sache zuliebe bringen müsse.“ So scheint das mit der Medizin zu sein. Es geht um die Sache, aber um welche? Menschen zu heilen? Aber warum sie dann mit tödlichen Krankheiten infizieren? Ja, wenn ich das nur verstehen würde …

Claus Schillings Forschung an Impfstoffen in Konzentrationslagern war übrigens keineswegs einzigartig. Unter Leitung des Hygiene-Instituts der Waffen SS – dessen Aufgabe es war, Seuchenausbrüche in der Armee zu bekämpfen/verhindern – und unter Mitwirkung der heute beispielsweise im Unternehmen Bayer fortbestehenden IG Farben wurde auch im KZ Buchenwald, in Zusammenarbeit mit dem KZ-Arzt Joseph Mengele in Auschwitz, im KZ Mauthausen, im KZ Natzweiler-Struthof und im KZ Sachsenhausen zu Impfstoffen gegen Fleckfieber, Ruhr, Pocken, Typhus, Paratyphus A und B, Cholera, Diphtherie, Gelbfieber, Tetanus geforscht, bzw. bereits entwickelte Präparate auf ihre Nebenwirkungen getestet. In Buchenwald starben an diesen Tests 1100 Menschen, in Mauthausen sollen 1700 Menschen mit Paratyphus und Tetanus infiziert worden sein. Und wieder einmal mit dabei: Das RKI. Und zwar unter anderem vertreten durch Eugen Gildemeister, seinen damaligen Präsidenten, der zahlreiche dieser Experimente selbst mit plante, sowie Niels Eugen Haagen, Leiter der Abteilung für experimentelle Zell- und Virusforschung am RKI, der unter anderem an Fleckfieberversuchen im KZ Natzweiler-Struthof beteiligt war.

Impfpflicht in der DDR

„Der Sozialismus ist die beste Prophylaxe“
Losung des DDR-Zwangsimpfungsprogramms

Den Zwang zur Impfung hat es seit 1853, als der Vaccination Act in Großbritannien eine Pockenimpfung für alle Kinder innerhalb der ersten drei Lebensmonate vorschrieb, überall auf der Welt immer mal wieder gegeben. Erst im März dieses Jahres (2020) hat auch die Bundesrepublik Deutschland wieder eine Impfpflicht eingeführt. Impfpflicht, wie kann man einer solchen Verherrlichung des Zwangs nur etwas positives abgewinnen? Und das ist vermutlich auch der Grund, warum diejenigen, die diese „Pflicht“ dann aus der einen oder anderen autoritären Sehnsucht heraus doch befürworten, dieses Wort so ungern in den Mund nehmen. Sogenannte Impfgegner*innen, die sich dagegen nicht scheuen, dieses Wort auszusprechen, weil sie eben jene Zwänge anprangern wollen, wurde und wird dann immer entgegengehalten: Zwangsimpfungen gibt es nicht. Aber seit kurzem stimmt das eben nicht einmal mehr in der BRD.

Propaganda damit zu betreiben, dass man Menschen zwangsweise (meist) ein Gemisch aus (lebendigen oder toten) Krankheitserregern und irgendwelchen Giften injiziert, auf diese Idee muss man erst einmal kommen und es bedarf einer enormen Vorarbeit durch die wissenschaftliche Propaganda, dass überhaupt die Chance besteht, dass das Ganze von irgendjemandem geschluckt wird. Aber wenn man heute in Medizin- und Politikkreisen geneigt zu sein scheint, der Losung „der Sozialismus ist die beste Prophylaxe“ zuzustimmen, so ist das eben deshalb nicht verwunderlich, da man in eben jenen Kreisen auch nicht gerade das Individuum in den Mittelpunkt seiner Überlegungen stellt und die Körper der Menschen vielmehr als eine Art Ressource betrachtet werden, mit denen man meint anstellen zu können, was man will. Wie in der DDR eben, wo die „Volksgesundheit“ vielleicht weniger in einem streng eugenischen Sinne, dafür mehr im Sinne der Ausrottung von Infektionskrankheiten dem nationalsozialistischen Vokabular entlehnt wurde. Und doch scheint die Betrachtungsweise menschlicher Körper nicht grundverschieden zu sein. Während die einen vor allem die „erbbiologische Reinheit“ des Volkes verfolgen, bei der die individuellen Körper diesem Ziel untergeordnet werden, verfolgen die anderen eben eine epidemeologische Reinheit des Volkes und in beiden Fällen spielten Impfungen, die den Körpern verabreicht wurden, eine herausragende Rolle bei der Erreichung dieses Zieles.

Aber Parallelen ziehen kann man ja immer und vom Nationalsozialismus, dessen Anhänger vielleicht nicht ganz zufällig am häufigsten aus der Berufsgruppe der Ärzte stammten, ist in dieser Sammlung von Geschichten sowieso zur Genüge die Rede. Ich will mich hier also auf die Vorstellungen in der DDR unter gelegentlichen Querverweisen auf Praktiken in anderen sozialistischen Staaten beschränken, die heute auch jenseits des Sozialismus eine Wiederbelebung zu erfahren scheinen.

Als ein dem Kapitalismus in jeder Hinsicht überlegenes System war es schon in der bolschewistischen Sowjetunion der frühen Jahre naheliegend, die damals weltweit grassierende Pest einfach für nicht existent zu erklären. Ganz nach dem Motto von Nikolai Smasko, der wider besseres Wissen 1919 erklärte, dass es „nicht einen einzigen Fall“ der Seuche im Land der Revolution gäbe [3]. Und wenn es auch durchaus plausibel ist, dass Seuchen an den Grenzen der Zivilisation enden, so ist doch in keinerlei Hinsicht plausibel, dass diese an Ländergrenzen oder auch an der Grenze zum Sozialismus enden. So auch nicht die Pest: Offiziell leugnete man diese in der Sowjetunion, intern führte man Statistiken über sie nur mit Codeworten, in diesem Fall „form 100“, um zu verhindern, dass Außenstehende diese verstanden und 1938 erklärte man die Pest für ausgerottet, was diese freilich nicht daran hinderte, weiter zu wüten. Und weil sich soetwas wie die Pest eben auch nicht ganz so leicht geheimhalten lässt, griff man gelegentlich eben noch zu ganz anderen Maßnahmen:

Der „Rat der Volkskommissare“ in Aserbaidschan reagierte auf eine Pestepidemie Anfang 1931 im Autonomen Gebiet Bergkarabach mit rigiden Anweisungen. Die Volkskommissare untersagten „der Post- und Telegrafenbehörde die Übermittlung von Telegrammen von Privatpersonen über die Pest“. Mehr noch: Der Rat beschloss, die „Verbreiter böswilliger Gerüchte über Epidemien“ zur Verantwortung zu ziehen. Wer über die Pest redete, sollte im Zweifelsfall „Maßnahmen zur sozialen Verteidigung“ zu spüren bekommen, „bis hin zur Erschießung“. [3]

Ein eklatanter Widerspruch in einem Land, das die Gesundheit seiner Bürger*innen so hoch hält? Oder offenbart diese Haltung, sicherlich kein Einzelfall, nur worum es bei all dem Hygienewahn eigentlich ging? Vielleicht vielmehr um den Erhalt der Arbeitskraft und die Befriedung der Bevölkerung, als um das individuelle Wohlbefinden? Aber wenden wir uns wieder dem deutschen sozialistischen Bruderstaat zu. Kaum irgendwo wurde so fleißig geimpft. 17 Pflichtimpfungen galt es vor Vollendung des 18. Lebensjahres zu bekommen, zur Bürgerpflicht wurde das Ganze erhoben, damit „auch die Uneinsichtigen und Trägen im Interesse der Allgemeinheit zur Schutzimpfung“ bewegt würden [4]. Jaja, der Impfkommunist hat die Trägen und Uneinsichtigen eben nicht so gerne … sie stehen seinem Fortschritt im Wege.

Bestimmt lassen sich auch aus der DDR abertausende Geschichten davon erzählen, wie das einer Person ungefragt oder gegen ihren Willen per Injektion verabreichte Gift seinen Schaden anrichtete, aber ich will mich hier auf eine vielleicht schon bekannte Geschichte beschränken, der wissentlichen Infektion von tausenden Schwangeren mit Hepatitis [5]. Ursache: Kontaminierte Anti-D-Prophylaxe-Impfungen. Freilich wird der Körper gebärfähiger Personen auch im real existierenden Sozialismus, in mancherlei Hinsicht vielleicht gerade dort, insbesondere im Falle einer Schwangerschaft ganz besonders als Eigentum des Staates betrachtet. Immerhin geht es nicht nur um künftige Soldat*innen, sondern auch um Arbeiter*innen, die wichtigste Ressource jedes Staates, wobei sich die Staaten sozialistischer Ausprägung dessen vielleicht noch ein wenig bewusster sind, als andere Staaten. Jedenfalls war die Anti-D-Prophylaxe-Impfung in der DDR eine Pflichtimpfung für Folgeschwangere mit potentieller Rhesus-Inkompatibilität.

Zur Herstellung des Impfstoffes war Blutplasma mit entsprechenden D-Antikörpern erforderlich, das im Jahr 1978 besonders knapp war. Obwohl die Laborkräfte um Wolfgang Schubert wissen, dass eine Plasmaspende mit Hepatitisviren verseucht ist und dementsprechend nicht zur Herstellung des Impfstoffes verwendet werden darf, greifen sie angesichts eines Mangels an Ersatz dennoch darauf zurück. Ihre Versuche, dieses Plasma entsprechend zu verdünnen, um die Viren abzutöten, gelingen nicht. Die hergestellten Impfstoffe werden dann aber doch ausgeliefert. Mindestens 2000 Impfdosen werden Schwangeren verabreicht, die daraufhin teilweise in Lebensgefahr schweben. Aber damit nicht genug. Eine Untersuchung der Vorfälle deckt zwar auf, dass Schubert auf Druck von seinen Vorgesetzten die infizierten Impfstoffe ausgeliefert und ihre Kontamination bewusst verschleiert habe, aber natürlich darf so etwas nicht an die Öffentlichkeit gelangen.

Stattdessen werden die in letzter Zeit Geimpften in die Krankenhäuser einbestellt, wo sie Bluttests unterzogen werden, ohne selbst näheres dazu zu erfahren, worauf sie hier überhaupt getestet würden. Wer als infiziert gilt, wird in Quarantäne gesteckt, teilweise für mehr als vier Monate und das ebenfalls ohne genau zu wissen, was eigentlich los ist. Und die einzige Sorge der letztlich verantwortlichen Politik: Wie lässt sich vertuschen, dass rund 1400 Schwangere und 30 ihrer Säuglinge gerade wissentlich mit einer neuen Hepatitisform infiziert wurden. Was würde das auch für ein Licht auf den sozialistischen Impfwahn werfen?

Und so kommt es, dass einige Monate später noch einmal rund 1000 Schwangere mit demselben Hepatitisvirus infiziert werden. Man hatte zu ihrer Herstellung noch einmal ein Produkt aus dem ursprünglich kontaminierten Serum verwendet. Mit „vertretbarem Risiko hinsichtlich der Gefahr der Übertragung einer Hepatitis“.

Wie das Marburgvirus einmal im Labor der Behringwerke ausbrach

„Impfungen retten Leben“, behauptet die WHO. Manchmal kosten Impfungen aber auch Leben. Und damit meine ich an dieser Stelle gar nicht diejenigen, die an der für ihren Körper eben falschen Dosierung von (abgetöteten) Erregern und sonstigen Giften erkranken und schließlich sterben. Es ist gar nicht so selten, dass Impfstoffe oder andere Medikamente andere Krankheitserreger als die gegen die sie wirken sollen, verbreiten und wie eine der nächsten Geschichten zeigen wird, ist das – wenig verwunderlich – auch nicht nur im Realsozialismus vorgekommen. Auch in dieser Geschichte geht es um die Verbreitung einer neuen Krankheit durch die Herstellung von Impfstoffen. Nur diesmal verließ diese Krankheit die Labore nicht als Impfstoff, sondern befiel die Labormitarbeiter*innen.

Es ist die Geschichte des Marburg-Virus, der 1967 in den Laboratorien des IG-Farben-Nachfolgekonzerns Behringwerke vermutlich von Äthiopischen Grünmeerkatzen auf Labormitarbeiter*innen übertragen wurde. Die aus Uganda entführten Tiere wurden in Marburg zur Gewinnung von Masern- und Polio-Impfstoffen eingesetzt, in Frankfurt wurden diese Impfstoffe dann an ihren herauspräparierten Nieren getestet.

Die Affen, die am 28. Juli 1967 zu den Marburger Behringwerken und zum Paul-Ehrlich-Institut in Frankfurt gebracht wurden, waren aber mit einem bis dahin unbekannten, besonders tödlichen (über 25% der Infizierten sterben an den Folgen) Virus infiziert, das heute als Marburgvirus bekannt ist. Sowohl in Frankfurt, als auch in Marburg infizierten sich Labormitarbeiter*innen und Tierpfleger*innen, insgesamt 24 Personen erkrankten an dem Virus. Sieben von ihnen starben bis Ende des Jahres.

Für mehr als 600 Äthiopische Grünmeerkatzen, die in Laboren in Frankfurt, Marburg und Belgrad eingesperrt und versklavt wurden, nahm das Ganze übrigens ebenfalls ein tödliches Ende. Sie wurden durch Blausäure ermordet.

Bewusste HIV-Infektionen durch Pharmakonzerne

In dieser Geschichte geht es nicht im engeren Sinne um Impfstoffe oder Impfungen, sondern um pharmazeutische Blutprodukte im Allgemeinen, von denen in den 80er-Jahren, nachdem das HI-Virus entdeckt wurde, zahlreiche damit kontaminierte Produkte wissentlich in Länder verkauft wurden, in denen entsprechende Regulierungen noch nicht galten. Da aus Blutprodukten häufig auch Impfstoffe gewonnen werden und das Ganze Ausmaße angenommen hat, die eine genaue Nachverfolgung aller verkauften Blutprodukte unmöglich macht, scheint mir diese Geschichte in diesem Kontext durchaus passend. Immerhin lässt sich kaum ausschließen, dass dabei letztlich auch Impfstoffe aus HIV-kontaminierten Blutprodukten in Umlauf geraten sind.

Natürlich gab es schon vor Entdeckung von HIV zahlreiche Blutprodukte, die damit kontaminiert waren. Und ebenso besteht natürlich auch heute bei jedem Produkt, das aus Blutseren gewonnen wird und jedem Produkt, das andere Blutprodukte umfasst, die Möglichkeit, dass es bislang unbekannte Krankheitserreger enthält. Denn was man nicht kennt, darauf kann man freilich auch nicht testen. Die folgenden Geschichten jedoch zeigen, dass auch wenn ein Erreger bekannt ist, es immer noch skrupellose Pharmaunternehmen gibt, die damit kontaminierte Produkte weiterverkaufen.

Cutter zum Beispiel, ein Tochterunternehmen von Bayer, ersetzte 1984 HIV-kontaminierte Produkte auf dem US-Markt durch weniger infektiöse Alternativen. Aber eben nur auf dem US-Markt und in Europa. In andere Länder, darunter Hongkong und Taiwan, exportierte man noch mindestens ein Jahr lang wissentlich das kontaminierte Produkt. Und man wollte nicht nur noch schnell die Reste loswerden. Nein, mehrere Monate lang produzierte man das kontaminierte Produkt noch weiter. In Hongkong und Taiwan alleine wurden dabei mehr als 100 Bluterpatienten mit HIV infiziert. Viele starben daran. Verkauft wurde das „Medikament“ auch nach Malaysia, Singapur, Indonesien, Japan und Argentinien. [6]

Noch eine Spur dreister ging man bei der österreichischen Firma Albovina GmbH vor. Zwischen 1993 und 1996 kaufte man dort – vermutlich weil es billig war – Blutkonserven, die mit HIV und Hepatitis kontaminiert waren, aus Afrika an. Zu Forschungszwecken, wie man betonte – ja wozu auch sonst kontaminiertes Blut kaufen?! Die „Forschung“ bestand dann aber darin, das Blut umzuetikettieren und weiterzuverkaufen. Und zwar unter anderem zur Herstellung von Medikamenten, die vor allem in Indien und China als „Albupan“ verkauft wurden.

Berühmt wurde auch der Verkauf von kontaminiertem Blut durch das Unternehmen Health Management Associates, das Blutspenden aus Gefängnissen nach einem Verkaufsverbot in den USA in andere Länder verkaufte. An diesem Beispiel zeigt sich auch, woher die Medizin so ihre „Rohstoffe“ nimmt. Gefangene und arme Menschen sind häufig diejenigen, deren Blut die Profite der Pharmakonzerne ermöglicht.

Wiederholte Impfstoff-Feldversuche auf dem afrikanischen Kontinent und in Indien

Was Robert Koch einst vorgemacht hat, das hat sich bis heute nur wenig geändert: Die Auswirkungen von Medikamenten, also auch Impfstoffen, auf den menschlichen Organismus müssen schließlich erforscht werden, bevor diese Medikamente zugelassen werden. Und nicht immer gelingt es da, an die Opferwilligkeit der*s eigenen Partner*in oder anderer Patient*innen zu appellieren. Also warum da nicht ausziehen zu einer Forschungs-Expedition in diese oder jene Kolonie, um das fragliche Mittelchen an den Körpern der Menschen dort zu testen. Ach so, die Kolonien gibt es nicht mehr? Macht nichts, der Kolonialismus ist uns schließlich in der einen oder anderen Form dann doch erhalten geblieben …

Und was wäre die Bill und Melinda Gates Foundation für eine Stiftung, wenn nicht auch sie hier immer wieder ihre Finger mit im Spiel hätte?

Und während ich diese Geschichte aufschreibe, da stellt eine mediale Debatte ihre Brisanz unter Beweis: Sollte man einen eventuellen Corona-Impfstoff nicht vielleicht zuerst in „Afrika“ testen? Und während sich die einen oder anderen Befürworter*innen von Corona-Impfstofftests in „Afrika“ nach Kritik nun mit Statements wie „Afrika sollte nicht vergessen oder von der Forschung ausgeschlossen werden, denn es ist eine globale Pandemie“ aus der Schlinge ziehen wollen, denke ich, dass die folgende(n) Geschichte(n) eigentlich alles sagen, was zu diesem Thema gesagt werden muss.

Es gibt so viele Geschichten, die davon erzählen, wie die afrikanische Bevölkerung wie Laborratten behandelt wurde, um Medikamente und speziell Impfungen zu testen und doch sind die wenigsten von ihnen außerhalb des afrikanischen Kontinents bekannt oder besonders gewissenhaft dokumentiert. Und es hört einfach nicht auf. WHO, die Gates Foundation, die Rockerfeller Foundation, GAVI und viele andere Akteure leiern immer wieder Projekte an, bei denen die Bevölkerung verschiedener afrikanischer Länder gegen alle möglichen Krankheiten geimpft werden soll. So gut wie nie werden die Geimpften dabei über mögliche Nebenwirkungen aufgeklärt – oft ja nicht einmal darüber, was und warum ihnen da verabreicht wird –, wiederholt werden Impfstoffe erstmals an Menschen getestet (teilweise auch trotz ausreichd getesteter und günstigerer Alternativen) und durch „Fehler“, die hier sicher keinem*r Ärzt*in unterlaufen würden, wie das mehrmalige Verwenden von Kanülen, werden mit vielen Impfungen andere Krankheiten übertragen, ganz besonders HIV (die WHO behauptet, dass 2,5 Prozent der HIV-Infektionen in Afrika daher stammen, andere Studien schätzen diese Zahl eher auf 40 Prozent!). Hinzu kommt, dass immer wieder ans Licht kommt, dass – auch mit Impfstoffen – daran geforscht wird, die Bevölkerung zwangszusterilisieren. Jaja, was hierzulande grundsätzlich als Verschwörungstheorie abgetan wird (und ja, ich nenne hier absichtlich keine Quellen, weil ich es so witziger finde), führt immerhin dazu, dass Impfungen wegen des großen Misstrauens in der Bevölkerung immer wieder vom Militär bewacht werden müssen – naja, scheinbar soll das ja in Kürze auch in Deutschland so sein.

Auch in Indien nehmen medizinische Tests auf Kosten der Bevölkerung dramatisch zu, seit die Regierung die Bestimmungen für Arzneimitteltests gelockert hat, um Pharmakonzerne anzulocken. Die freuen sich nicht nur darüber, dass sie in Indien die Zulassungsstudien für viele Medikamente zu einem Bruchteil der Kosten durchführen können, sondern vor allem auch darüber, dass viele Inder*innen, die sich – wenn überhaupt – freiwillig zur Teilnahme an den Studien melden, zuvor noch nie medikamentös behandelt wurden. Optimale Bedingungen für eine Studie – zumindest aus Sicht der Medizin.

Und auch in Indien wüten die vielen Stiftungen mit Fetisch für Impfungen. Die Bill Gates Foundation – ja, wieder einmal, diesmal mit der Tarnorganisation Path – beispielsweise hat erst 2009 24.000 Mädchen an Schulen gegen Gebärmutterhalskrebs impfen lassen. Ohne Einverständnis ihrer Eltern. Sieben der geimpften Mädchen starben. Ob an der Impfung, wie wenigstens ein Fall, in dem die Todesursache Malaria diagnostiziert wurde, nahelegt, das ließ sich als Monate nach ihrem Tod überhaupt bekannt wurde, dass sie geimpft wurden, nicht mehr wirklich seriös nachvollziehen. Aber daran ist der indischen Regierung ja auch ebensowenig gelegen, wie Path und der Gates Stiftung. Wer das heute behauptet, du hast es erraten, Verschwörungstheoretiker. Aber auch wenn vielleicht durchaus interessant wäre, wie viele tausende Menschen durch medizinische Experimente in Indien und Afrika bereits gestorben sind, ist das doch gar nicht so sehr die relevante Frage, sondern vielmehr: Wie kommt es, dass sich irgendwelche superreichen Arschlöcher immer wieder anmaßen, irgendwelche Leute (zwangs)impfen zu lassen und dabei nicht nur widerliche (sozial-) Experimente betreiben, sondern vor allem den Pharmafirmen, an denen sie – sicher zufällig – auch selbst gewisse Anteile haben, millionen- und milliardenschwere Aufträge zuschachern?!

***

Und? Schon Impfgegner*in?

Warum erzähle ich all diese Geschichten? Ich denke sie alle zeugen von einer gewissen Kontinuität. Einer Kontinuität, in der die Epidemeologie, Impfungen und Medikamente als ihre Werkzeuge ihren autoritären Charakter preisgeben. Wie so oft in der Medizin geht es in diesen Geschichten nicht um die Heilung von Menschen, sondern wenn schon um die Ausbeutung ihrer Körper zu Zwecken der Entwicklung von Heilmitteln für die Körper einiger Privilegierter, um den Erhalt ihrer Arbeitskraft, um Profitinteressen oder um die Verfolgung ganz anderer sozialer Effekte. Diese Kontinuitäten einfach auszublenden und die Medizin oder gar einzelne Zweige wie die Epidemeologie als Autoritäten zu begreifen, die irgendwelche Lösungen für medizinisch-soziale Probleme zu bieten hätten, empfinde ich bestenfalls als zynisch. Ob ein Impfstoff gegen Covid-19 am Ende Leben retten wird, ob er Leben kosten wird, oder ob er nur zu einer neuen Verteilung der Todesfälle innerhalb der sozialen Schichten beitragen wird, das steht für mich ebenso in den Sternen, wie die Frage danach, ob ein Impfstoff in irgendeiner Form zur Aufhebung unserer neuen Gefangenschaft beitragen wird.

In diesem Sinne:
Für die Zerstörung der Medizin und der Zivilisation, die sie nötig gemacht hat.

Referenzen

[1] Manuela Bauche. Robert Koch, die Schlafkrankheit und Menschenexperimente im kolonialen Ostafrika.

[2] Josef M. Schmitdt. Geschichte der Tuberkulin-Therapie. in Pneumologie 10.

[3] Matthias Braun. Schwarzer Tod, Rote Hygiene.

[4] Malte Thiessen. Vorsorge als Ordnung des Sozialen.

[5] Nur eine Spritze.

[6] https://www.nytimes.com/2003/05/22/business/2-paths-of-bayer-drug-in-80-s-riskier-one-steered-overseas.html

Eine Verschwörung und ihre eifrigen Verschwörer*innen

Einige unbequeme Gedanken über die Pandemie, Verschwörungstheorien, den Staat, die Medien und einige – gar nicht besonders radikale – Linke

Anlässlich des staatlich verordneten Ausnahmezustands der letzten Wochen und Monate unter dem Vorwand der Pandemie schienen sich die Geister zu scheiden in jene, die sich brav unterwarfen, die staatlichen Maßnahmen mittrugen und teilweise gar für deren Einhaltung sorgten und jene, die Widerstand gegen diese Bevormundung leisteten. Nun, da der Ausnahmezustand zwar nicht aufgehoben wurde, jedoch zunehmend weniger Beachtung bei den Menschen findet und der Staat selbst nach einem Weg zu suchen scheint, sich der eigenen Verordnungen möglichst unauffällig zu entledigen, scheint es mir an der Zeit die Bruchlinien, die hier zutage traten nachzuzeichnen und zu vertiefen, in der Absicht unendliche Feindschaft zu schüren, all jenen gegenüber, die sich im Angesicht der Pandemie auf die Seite des Staates stellten.

Die Corona-Verschwörung

Verschwörungen haben ja in der Regel etwas Heimliches. Wenn von einer Verschwörung die Rede ist, dann stellt sich eine*r vor, dass sich irgendwo im Kerzenschein einige Individuen zu etwas verabreden, was mensch offen nicht besprechen kann. Wenn ich diesen Maßstab anlege, dann fällt es schwer, die Quarantänisierung und Einsperrung von mehr als der Hälfte der auf der Erde lebenden Menschen als Verschwörung zu bezeichnen, denn immerhin wurden nicht nur die entsprechenden Dekrete und Verordnungen öffentlich erlassen, sondern auch die Absicht diese zu erlassen wurde offen kommuniziert und es ist auch nicht so gewesen, dass sich zuvor irgendwer erst noch die nötige Macht hätte verschaffen müssen, im Gegenteil, allesamt waren es gewählte Repräsentant*innen, die den Befehl gaben, ihre Bürger*innen zuhause einsperren zu lassen. Es ist die Demokratie, die ihre Bürger*innen einsperren lässt und die Kritik, dass sich die Demokratie in eine Diktatur verwandeln würde, vermag ich nicht wirklich nachzuvollziehen. Also wo ist hier die Verschwörung?

Und doch gibt es sie, die Verschwörung. Keine im Kerzenschein getroffene Vereinbarung zum Staatsstreich, aber eine bestimmte Form der Gleichschaltung von Wissenschaft, Medien, Staaten und all ihren Apologet*innen. Als verkündet wurde, dass das populäre Coronavirus Deutschland erreicht hatte, da schien quasi über Nacht klar geworden zu sein, welche Haltung mensch zu vertreten hatte. Vorangegangene Diskussionen darum, ob das Virus nun wie eine Grippe sei, ob eine Pandemie durch autoritäre staatliche Maßnahmen bekämpft werden solle, ja sogar ob das Tragen eines Mundschutzes sinnvoll sei, sie alle waren beiseite gewischt. Plötzlich war alles klar. Es war so, wie dieser Drossel, nein Drosten auf seine paternalistische Art im Fernsehen erklärte. Und das absurde: Wenn er zwei oder drei Wochen später das Gegenteil von dem sagte, was er vorher gesagt hatte, dann war es ebenso klar, dass seine Sicht der Dinge die Richtige war. Seine, die vom Robert-Koch-Institut und die der Regierung im Allgemeinen. Wer es da noch wagte, eine andere Meinung zu vertreten, die*der wurde mundtot gemacht. Durch „Faktencheks“ in den Medien, die ganz unverholen die Fakten vielmehr verdrehten, als zu beleuchten oder einfach vom Thema ablenkten, um eine ganz andere, gar nicht in den Raum gestellte Behauptung zu wiederlegen, durch die angesehene(re)n Wissenschaftler*innen des RKI und der Charité Berlin, so wie das im wissenschaftlichen Diskurs oft gängige Praxis ist, aber auch durch alle möglichen Apologet*innen der staatlichen Seite, darunter auch viele „radikale Linke“, die so absurde Argumente wie „das ist eine Frage der Solidarität“ (sich an Ausgangs- und Kontaktsperren zu halten) entwickelten bzw. übernahmen, um denjenigen ein schlechtes Gewissen einzureden, die trotz der Mär von der ach so tödlichen Pandemie nicht darauf verzichten wollten, zu leben.

Wir haben es hier also mit einer Verschwörung zu tun, deren Verschwörer*innen sich nicht notwendigerweise abgesprochen haben – was ich aber zugleich bei einigen nicht ausschließen würde –, sondern durch eine gemeinsame Ideologie und das geheime Verlangen anderen ihre Vorstellungen aufzuzwingen geeint werden. Mensch muss das freilich nicht „Verschwörung“ nennen, es gibt einen anderen Begriff dafür: Demokratie.

Alternative Verschwörungstheorien und jede Menge Diffamierungen als Verschwörungstheoretiker*innen

Was für mich der Herrschaftsform der Demokratie inhärent ist, das sehen andere, diejenigen, die bislang die Lügen von der Demokratie als Garant der Freiheit geglaubt haben, als Wesenszug diktatorischer Regime. Eine Aussetzung und Beschneidung ihrer in der Verfassung verbrieften Grundrechte, dabei kann es sich ihrer Auffassung nach nur um einen diktatorischen Vorgang handeln. Ich teile diese Auffassung nicht, aber ich kann nachvollziehen, dass eine*r, die*der schon in der Grundschule beigebracht wurde, dass die Demokratie Garant der Freiheit aller Menschen sei und die*der seither niemals die Herrschaft der Demokratie direkt und in dieser Härte zu spüren bekommen hat, dazu neigt, nun eine Wendung hin zur Diktatur zu sehen. Das wiederum führt dazu, dass die Rolle einzelner, zweifelslos autoritärer Akteur*innen in dieser Situation überbewertet wird. Denn wenn es nun eine Diktatur geben soll, dann braucht es auch eine*n Diktator*in. Bill Gates scheint sich beispielsweise für diese Rolle anzubieten, ebenso wie die WHO, bestimmte Technologiekonzerne, usw. Auf sie projezieren einige Menschen, die die Verschwörung wittern, aber nicht die Erkenntnis teilen, dass es die Herrschaft der Demokratie ist, die sie da zu spüren bekommen, ihre Feindschaft. Aber liegen sie deswegen wirklich komplett falsch? Sind ihre Verschwörungstheorien nun absurder als die Ansichten derer, die tatsächlich zu glauben scheinen, dass die staatliche Einsperrung zu ihrem Besten sei?

Freilich, das wissen vor allem „radikale Linke“, gibt es immer auch Verschwörungstheorien, die nicht von der Realität, sondern von einem Feindbild genährt werden. Wer hinter all dem ~die Jüd*innen~, Reptiloide, die Rothschilds oder andere antisemitische Feindbilder sieht, die*der legt vielmehr Zeugnis von seiner*ihren kruden Ansichten ab, als dass sie*er sich einer Realität annähern würde. Wenn sich nun der Einspruch vieler „radikaler Linker“ und „Antifas“, die es sich wohl zum Ziel gemacht haben, die entstehenden Protestbewegungen gegen die staatlichen Maßnahmen zu sezieren, gegen solcherlei Ansichten richten würde, ich stünde selbstverständlich auf ihrer Seite. Doch das ist vielfach nicht der Fall. Im Schulterschluss mit den Medien diffamieren viele nicht etwa nur die Anhänger*innen rechter und antisemitischer Verschwörungstheorien, sondern gleich alle diejenigen, die sich an Protesten gegen die staatlichen Maßnahmen beteiligen als Anhänger*innen derselben. In ihrem Wahn, diese kühne Behauptung zu belegen, wird jede kritische Äußerung über zentrale Akteur*innen im momentanen Machtgefüge zur Verschwörungstheorie, jeder Vergleich mit dem Nationalsozialismus zur Geschichtsrelativierung.

Ich will das an einigen Beispielen zeigen. So berichtete ein im antifaschistischen Kontext sehr häufig rezipierter Journalist am 09. Mai über eine Demo gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen auf dem Marienplatz bei Twitter: „Tausende Verschwörungsideolog_innen, christliche Fundis, #AfD-ler, „#Corona-Rebellen“, Geschichtsrelativierer_innen drängen sich in #München dicht an dicht auf dem Marienplatz. @polizeimuenchen räumt wieder gar nichts.“ Dazu veröffentlichte er ein Bild auf dem eine Person mit einem Schild zu sehen ist, auf dem geschrieben steht: „Nie wieder: Diktatur, Dr. Mengele“. Zusätzlich ist auf dem Schild eine durchgestrichene Spritze zu sehen. Ich will an dieser Stelle mal für den Moment ignorieren, dass hier offenbar an die Polizei apelliert wird, die Demo zu räumen, darauf werde ich später noch zu sprechen kommen. Stattdessen will ich versuchen, zu deuten, was denn nun die Kritik an diesem Schild sein soll. Ich nehme einmal an, der Verfasser des Beitrags verortet die Trägerin des Schildes unter der Kategorie „Geschichtsrelativierer_innen“, weil ein Vergleich zwischen dem Nationalsozialist Josef Mengele und Impfungen gezogen wird. Aber wo ist die Relativierung? Auf den ersten Blick erscheint es geschmacklos, den als „Todesengel“ berüchtigten Lagerarzt von Auschwitz, der an den Todgeweihten grausame medizinische Experimente vollführte in Zusammenhang mit einer Impfung zu bringen. Allerdings nur auf den ersten Blick. Jakov Balabau etwa berichtete davon, dass Mengele einmal 48 Häftlinge ermordete, um ihnen anschließend Blutproben zu entnehmen, in der Hoffnung aus ihrem Blut einen Impfstoff gegen Malaria gewinnen zu können. Und war es nicht das Robert-Koch-Institut – ja, das sorgte sich schon damals im Auftrag des Reichsgesundheitsamtes um Viren –, das ab 1942 Häftlinge des KZ Buchenwalds mit Fleckfieber infizierte, um Impfstoffe an ihnen zu testen? Und was ist mit den 1200 Häftlingen des KZ Dachaus, die von Claus Schilling, dem damaligen Direktor der tropenmedizinischen Abteilung am RKI, mit Malaria infiziert wurden, um Impfstoffe an ihnen zu testen? Ich kenne freilich nicht die Motivation der Person, die dieses Schild gemalt hat, aber wer Impfungen und die moderne Medizin im Allgemeinen mit den nationalsozialistischen Gräueltaten in Verbindung bringt, die*der zeigt doch vielmehr Kontinuitäten in der modernen Medizin auf – die mit der Eugen…, ups, Genetik ja sogar zentrale Ideologiefragmente des Nationalsozialismus übernommen zu haben scheint –, als irgendetwas zu relativieren, oder? Und falls da jemandem nun das Argument einfällt, dass es der Medizin heute ja nur um das Heil der Menschen gehe, es der nationalsozialistischen Medizin jedoch um etwas anderes gegangen sei, so möge die*der mich bitte erleuchten, um was es der Medizin damals wohl gegangen sein mag, außer dem – sogar zum allgemeinen Gruße erhobenen – „Heil“ der Menschen – wenngleich freilich nur bestimmter Menschen, aber das ist heute wohl kaum anders.

Ein anderes Beispiel bietet das „Linke Bündnis gegen Antisemitismus München“, auf deren Webseite ebenfalls über eine der Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen berichtet wird: „Auf […] Plakaten wird die „Zwangsimpfung“ abgelehnt und in einen Zusammenhang gebracht mit der vermeintlichen Implantation von Mikrochips zur Kontrolle der Geimpften und dem 5G-Mobilfunknetz, das gegenwärtig eingerichtet wird; die Vorstellung, durch das 5G-Netz würde Corona verbreitet, führte in Großbritannien bereits dazu, dass Handymasten niedergebrannt wurden. Darin zeigt sich auch das Gewaltpotential derartiger Verschwörungstheorien.“ Mir scheint hier sind die radikalen Gegner*innen von Verschwörungstheorien selbst einer Verschwörungstheorie aufgesessen. Nämlich der, dass diejenigen Menschen, die die Mobilfunkmasten in Großbritannien und anderswo auf der Welt abfackeln allesamt glauben würden, dass Corona über das 5G-Netz verbreitet werden würde. Bislang und hoffentlich auch in Zukunft haben die Bullen überall auf der Welt so gut wie keine Verdächtigten ermittelt. Und die wenigen Bekenntnisse zu den Taten, enthalten keinerlei Hinweise auf derartige Gedanken. Wohlgemerkt unterstützte – in Großbritannien – ein Großteil der abgefackelten Mobilfunkmasten 5G überhaupt nicht und während die staatsaffirmativen Medien dies als „Dummheit“ der Brandstifter*innen deuten, erscheint das doch relativ unglaubwürdig angesichts dessen, dass mensch auf zahlreichen Online-Karten ermitteln kann, wo sich 5G-Masten befinden und aufgrund der Tatsache, dass die meisten Angreifer*innen offenbar ziemlich genau wussten, was sie da taten. Aber wie auch immer, in jedem Fall bleibt es eine reine, ja vielmehr haltlose Spekulation den Angreifer*innen zu unterstellen, sie würden glauben, dass Corona über das 5G-Netz verbreitet werden würde. Hier wird offenbar, dass mensch beim „Linken Bündnis gegen Antisemitismus“ (LBGA) offenbar durchaus selbst geneigt ist, beliebigen Verschwörungstheorien Glauben zu schenken, wenn sie denn nur von den richtigen Stellen, dem Staat und den Medien in Umlauf gebracht werden. Blind werden hier noch die abenteuerlichsten Diffamierungen und sogar der Gewaltbegriff der Medien übernommen, Hauptsache das Ganze dient einem bestimmten Zweck.

Schulterschluss mit Staat und Polizei?

Warum greife ich diese Beispiele auf? Ist mir daran gelegen, die Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen gegen Angriffe von Linken in Schutz zu nehmen? Schwerlich. Ich glaube nicht, dass (angemeldete und) friedliche Demonstrationen eine gute Idee sind, um dem Staat die Stirn zu bieten. Ich glaube auch nicht an einen politischen Abschaffungsprozess und mit Sicherheit bin ich mit vielen der auf diesen Demonstrationen geäußerten Parolen nicht einverstanden. Aber das würde mich dennoch niemals dazu verleiten, an der momentan stattfindenden, pauschalen Verurteilung derjenigen Menschen teilzunehmen, die auf diesen Demonstrationen ihr Uneinverständnis ausdrücken. Und zwar weder indem ich diese mit lächerlichen Behauptungen und vorgeblichen Beweisen als Verschwörungstheoretiker*innen oder Rechte stigmatisiere, noch – und ich bin trotz nicht allzu guter Meinung von der „radikalen Linken“ schon ein wenig erstaunt, dass das wirklich zur Debatte steht –, indem ich den Schulterschluss mit den Bullen suche.

Wenn ein von der „radikalen Linken“ wiederholt zu Vorträgen eingeladener und auch ansonsten breit rezipierter Journalist die Polizei dafür kritisiert, dass sie eine Demonstration nicht aufgelöst hat, wenn das „Linke Bündnis gegen Antisemitismus“ schreibt „Obwohl sämtliche Sicherheitsvorschriften wie die Abstandsregel von 1, 5 Metern missachtet wurden und auch kein Mundschutz o. ä. getragen wurde, schritt die Polizei nicht ein, die eigentlich die Versammlung hätte auflösen können und müssen“, dann offenbart das die Staatstreue dieser Akteur*innen. Ihnen geht es nicht darum, Herrschaft in Frage zu stellen, nein, sie stehen auf Seiten des Staates, wenn er nur ihre eigenen Interessen vertritt. Schlimmer noch: Selbst wenn er es offensichtlich gerade nicht tut, erwägen sie den Repressionsbehörden zuzuarbeiten, um ihre eigenen Feind*innen zu bekämpfen bzw. besser gesagt bekämpfen zu lassen. Wenn das a.i.d.a-Archiv auf seiner Webseite die Termine von unangemeldeten Demonstrationen der Gegener*innen der Corona-Maßnahmen veröffentlicht, so kommt das in etwa einer Denunziation bei den Behörden gleich. Wenn Personen, die Zugang zu den Chatgruppen für diese Demonstrationen haben in sozialen Medien oder auf Indymedia bekannt machen, wenn sich Menschen dort zu (illegalen) Treffen verabreden, dann sind sie kaum besser als der snitchende Nachbar, der die Bullen ruft, weil er auf meinem Balkon eine fremde Person entdeckt hat.

Und es ist nicht nur der demokratische Flügel der „radikalen Linken“, der in den letzten Wochen die Polizei bereitwillig als „Freund und Helfer“ („Unser größtes Ziel ist es, vom Verbrecher ebenso sehr gescheut wie vom deutschen Volksgenossen als vertrauensvoller Freund und Helfer angesehen zu werden!“, Heinrich Himmler) anerkannte. Stolz berichteten jüngst einige Anarchist*innen der „Plattform Ruhr“ bei Indymedia von einer Auseinandersetzung mit Faschos, bei der nicht nur „ein solidarischer Fahrgast […] die Polizei“ rief (wie kann mensch das solidarisch nennen?!), sondern in deren Folge sich die Anarchist*innen auch noch damit brüsteten, die Nazis bei den Cops angezeigt zu haben – „gezwungenermaßen“ und mit erheblichem Widerwillen versteht sich, und eigentlich ja quasi nur, weil die Cops sie mit vorgehaltener Waffe dazu zwangen. Achso, nein, eigentlich doch aus freien Stücken: „Als die Nazis eine Anzeige auf Körperverletzung stellten, sahen wir uns gezwungen diese zu erwidern.“ [1]

Sind das alles Einzelfälle? Oder entspringt dieses Verhalten vielmehr einer innerhalb der „radikalen Linken“ allgemein akzeptierten Strategie, die keine wirkliche Opposition zu Staat und Herrschaft einnimmt, sondern stattdessen danach trachtet, Mehrheitsverhältnisse zu ihren Gunsten zu verschieben? Vermutlich weder das eine, noch das andere. Bei all dem nach außen propagierten geschlossenen Auftreten sollte mensch nicht darauf hereinfallen, dass die Bezeichnung „radikale Linke“ ganz unterschiedliche und sich teilweise eigentlich widersprechende Ansichten unter einem Banner vereint. Letztlich werden hier Demokrat*innen mit Kommunist*innen, Liberale mit Anarchist*innen, Autonome mit Postautonomen, Feminist*innen mit Klimaaktivist*innen in einen Topf geworfen und es wäre schlichtweg lächerlich, die einen für das zu kritisieren, was andere äußerten oder taten. Betrachtet mensch allerdings die im Kontext der Corona-Pandemie getätigten Äußerungen und Positionierungen vieler, die sich als „radikale Linke“ bezeichnen, so kann mensch dennoch nicht umhin, erhebliche Kontinuitäten von der Argumentation für Quarantänisierungen bis hin zur tatsächlichen Zusammenarbeit mit dem Staat, wie in den oben genannten Beispielen zu sehen, beobachten.

Ein auf der Webseite der FdA-Anarchist*innen gespiegelter Erguss des „FdA-Mitglieds“ nigra fasst in einem Absatz paradigmatisch zusammen, was ich in den letzten Wochen als Haltung vieler „radikaler Linker“ vernommen habe:

„Ja, die Pandemie ist scheiße, nervt und die Gegenmaßnahmen schränken unser alltägliches Leben ein. Aber was ist denn die Alternative? So zu tun, als ob es sie gar nicht gäbe? Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über Bord werfen und den Tod von vielen Menschen in Kauf nehmen, damit wir wieder Party machen und willenlos shoppen können? Alle Bestrebungen aller linken und anarchistischen Bewegungen haben eine grundlegende moralische Motivation: Es soll allen Menschen auf der Welt gut gehen und niemensch soll an den Verhältnissen leiden. Leid zu minimieren sollte auch jetzt unsere Motivation sein. Es leiden und sterben echte Menschen. Und wir alle können es verhindern, indem wir uns zurücknehmen. […].“ [2]

Nun, nigra, ich will da nur für mich sprechen und nicht wie du für alle „anarchistischen Bewegungen“, aber ich habe mit Sicherheit keine solche „moralische“ Motivation, wie die von der du sprichst. Ich soll mich „zurücknehmen“ um zu verhindern, dass „echte Menschen“ leiden und sterben? Ich soll also gehorchen und mich der staatlichen Autorität fügen, die du wie vorher in deinem Artikel bemerkt, in diesem Fall lieber nicht ablehnst, weil du sie selbst für richtig hältst („Ich befürworte einige der Maßnahmen und Regeln nicht, weil sie vom Staat kommen, sonndern weil ich sie nach meinem bisherigen Wissensstand für zielführend und richtig halte“)? Gehorchen, statt rebellieren, das ist über kurz oder lang häufig die Devise sentimentaler und bornierter Pazifist*innenarschlöcher gewesen, mit der sie versuchten, echten Widerstand gegen die schlimmsten autoritären Zumutungen zu ersticken. Die „wissenschaftlichen Erkenntnisse“, von denen du da sprichst, sind sie nicht Teil eines Herrschaftsgefüges? Und wenn du die Alternative aus „Leid und Tod“ von Menschen und dem „uns zurücknehmen“ aufmachst, wie kommt es da, dass du offenbar so erfolgreich ausklammerst, dass dieses „sich zurücknehmen“, dieses den Dingen ihren Lauf lassen schon in der Präpandemischen Normalität nichts als „Leid und Tod“ hervorgebracht hat? Und wenn ich als Anarchist*in antreten würde, um jedem „Leid und Tod“ entgegenzutreten, toleriere ich dann in deiner Welt auch die sterile Herrschaft von Ausgangssperren, Quarantänisierungen und medizinisch-wissenschaftlich-technologischer Bevormundung, die mich und mehr als die Hälfte der Menschen auf diesem Planeten einsperrt? Wenn deine Antwort auf diese Fragen ja lautet – und das vermittelt mir zumindest dein Artikel –, dann stehst du für mich auf Seiten des Staates.

Während nigra hier offensichtlich wenigstens mit einem Anflug von schlechtem Gewissen die Seite des Staates wählt, kritisieren andere „radikale Linke“ bei der „Solidarischen Stadt München“, einer Art humanitärer Hilfsorganisation zur erleichterten Durchsetzung von Quarantänisierungen der Risikogruppen lieber, dass die staatlichen Maßnahmen nicht „ausreichen“ und bieten sich auch sofort an, um „weitergehende Maßnahmen“ zu erarbeiten, die unter anderem einen weiteren Ausbau des medizinischen-Herrschaftssystems beinhalten:

Doch reichen diese Maßnahmen? Müssen wir nicht überaus kritisch die Ausnahmeregelungen begutachten und hinterfragen? Sollten wir als solidarische Nachbarschaften und Stadtgesellschaft nicht weitergehende Maßnahmen ausarbeiten?

Das passt durchaus zum Programm solcher Organisationen, die durch ihre karitative Arbeit, bei der sie (große) Organisationen schaffen, die die sozialen Folgen der autoritären Maßnahmen abdämpfen und dabei soziale Spannungen befrieden – nicht etwa weil den Menschen in Not geholfen wird, sondern weil Unmut in demokratische Bahnen zugunsten irgendwelcher Polit-Organisationen kanalisiert wird.

Ebenso befriedend agiert auch die Rote Hilfe München, die auf ihrer Webseite unkommentiert eine juristische Einschätzung eines Anwaltsunternehmens veröffentlichte, in der zwar zu dem Schluss gelangt wird, dass die derzeitigen Verordnungen von Ausgangsperre und Kontaktverbot juristisch wohl nicht haltbar seien, jedoch zugleich empfohlen wird, sich an die Verordnungen zu halten: „Wir weisen hier ausdrücklich darauf hin, dass wir dazu raten, sich an die Regelungen der Verordnung zu halten.“ Eine Organisation, die sich ansonsten mit übertriebenem Eifer der juristischen „Aufarbeitung“ staatlicher Repression widmet, eine Organisation, die zugleich immer wieder Gelder für Klagen gegen irgendwelche Gesetze, Verwaltungsakte, etc. beim Verfassungsgericht sammelt – ganz so als wäre es eine Perspektive, den Staat vor sich selbst zu verklagen, ruft im Angesicht der allgemeinen häuslichen Einsperrung der Menschen dazu auf, zu gehorchen? Neben dem Wort „lächerlich“, das mir dazu als erstes einfällt, kann ich das und alle anderen Ansätze, die nun aufbrechenden Konflikte zu befrieden, ebenfalls nur als Partergreifung für den Staat betrachten.

Die Bruchlinien vertiefen

Es mag keine große Überraschung sein, dass sich viele „radikale Linke“ angesichts der Pandemie mehr oder weniger auf die Seite der autoritären staatlichen Maßnahmen stellen. Es scheinen die gleichen Bruchlinien wie sonst auch zu sein, die sich hier auftuen. Bruchlinien zwischen Anarchist*innen und „radikalen Linken“, aber eben auch zwischen jenen „radikalen Linken“, die ihre Feindschaft zum Staat – oder wenigstens zu diesem Staat – ernst meinen und jenen, für die diese „Feindschaft“ eher ein modisches Lippenbekenntnis zu sein scheint.

Was für gewöhnlich jedoch Teil theoretischer Auseinandersetzungen zu bleiben pflegt, das manifestiert sich nun im Angesichts des pandemischen Ausnahmezustands zunehmend im alltäglichen Handeln der Menschen. Ich habe den Eindruck, dass sich gerade überdeutlich im Handeln der Menschen zeigt, wer keinesfalls jemals ein*e Verbündete*r im Kampf gegen Herrschaft war, ist oder sein wird. Dabei möchte ich diese Gelegenheit nutzen, um die Bruchlinien, die sich hier auftun, zu vertiefen. Ich möchte unendliche Feindschaft all jenen gegenüber schüren, die sich als Freund*innen des Staates entpuppen:

Möget ihr an eurem eigenen Gehorsam ersticken!

 

[1] https://de.indymedia.org/node/83989

[2] https://fda-ifa.org/neulich-im-supermarktder-ball-muss-rollen/

Anarchistische Zeitung aus München