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Weltstadt mit Herz für den technologischen Totalitarismus

„Wenn Sie … vom Hauptbahnhof in München … mit zehn Minuten, ohne, dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen … am … am Hauptbahnhof in München starten Sie Ihren Flug. Zehn Minuten.

Wem klingen diese berühmten Worte nicht im Ohr, wenn er in München die Schlagzeilen auf den Zeitungskästen liest, dass ein neues vielversprechendes Fortbewegungsmittel der Zukunft für den Transport tausender Menschen zum Münchner Flughafen diskutiert wird: Flugtaxis! Doch während man über die „Pläne, wie Flugautos in der Zukunft den Verkehr entlasten könnten“, noch herzlichst lachen kann, sind diese nur ein kleiner Baustein eines viel größeren diskutierten Komplexes, der bereits seit einigen Jahren in München vorangetrieben wird: der „Smart City“.

Seit circa zehn Jahren leben mehr als die Hälfte der Menschen auf diesem Planeten in Städten. Bis 2050, so prognostiziert die WHO, könnten es knapp 70 Prozent aller Menschen sein. „Das 21. Jahrhundert wird ein Jahrhundert der Städte sein“, schwadronieren diejenigen, denen aufgrund dieser so zumindest angedachten Tatsache eine grundlegende Neuorganisation dieses Molochs vorschwebt. Das Modell Stadt braucht nämlich aufgrund immer weiter ansteigender Bewohner*innenzahlen eine Rundumerneuerung. Smog, Stau, noch mehr Smog, „Kriminalität“, vollgestopfte U-Bahnen, vollgestopfte Straßen, Lärm, Berge von Müll und natürlich noch mehr Smog: all diese Probleme sollen nach Plan ihrer Verwalter*innen bald der Vergangenheit angehören. Die Stadt der Zukunft: Sie soll sauber, abgasfrei, staufrei, ruhig, sicher, mobil, grün sein, indem jeder beeinflussbare Parameter durch Messung, Visualisierung und „intelligente“ und maschinengestützte Berechnung im gewünschten Sinne effizient gesteuert wird. Eine perfekte Ordnung, in der Maschinen den Unsicherheitsfaktor Mensch ausschalten sollen, in der nichts Unverhergesehenes mehr passieren kann, in der man alles unter Kontrolle hat, keine Störungen, kein Chaos, kein Leben. „Smart City“, so nennt sich diese Utopie der Technokrat*innen, die, eingesperrt in ihren Glas- und Betonkäfigen überwacht von ihrer Smartwatch und diversen Healthapps mehr von ihrer wachen Zeit vor einem Bildschirm als mit einem anderen echten Menschen verbringen, und davon bereits so verwirrt sind, dass sie lieber einen Roboter haben, der sich um sie kümmert als einen Menschen.

Natürlich ist auch München ganz vorne mit dabei die Stadt und Mobilität von morgen zu entwickeln. Tech-Unternehmen schwärmen von München als dem „neuen Silicon Valley“, haben es liebevoll „Isar Valley“ getauft. Immer mehr Tech-Unternehmen siedeln sich in München an, viele werden dort geboren, bereits in München sitzende Tech-Unternehmen bauen ihre Infrastruktur aus. Die soeben in München stattgefundene, zur „Mobilitätsmesse“ umkonzeptionierte Automesse „IAA Mobility“ versteht sich als „Initialzündung“ zur Entwicklung einer „Smart City“. In ganz München schießen Sharing-Anbieter, eAuto-Ladesäulen, eScooter, eBikes und eRoller wie Pilze aus dem Boden. Gezielt fördert die Stadt dabei die Forschung an „digitalen Lösungen“.

Smart Data Plattform, Digitaler Zwilling, Internet of Things

Von 2017 bis Juli diesen Jahres setzten Münchens Verwalter*innen etwa das Smarter-Together-Pilotprojekt um, um erste Schritte in Richtung Smart City zu testen und in Gang zu bringen. Die Bilanz: natürlich enthusiastisch, die „Digitalisierungsstrategie“ bis 2025 beschreibt nun die nächsten Schritte. Ein großes Projekt der Stadt ist dabei die Erstellung einer zentralen Datenbank, der sogenannten „Smart Data Plattform“, denn die „Erzeugung, Bereitstellung, Analyse und der Austausch von Daten sind wichtige städtische Grundlagen zur Entwicklung einer lebenswerten Smart City.“ In der Smart Data Plattform sollen die Daten zur Auswertung zentral zusammenlaufen, auf die dann alle „Fachbereiche“ Zugriff haben sollen und zu deren Datenbank auch „Datenbestände aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft“ hinzugefügt werden sollen. Insgesamt sollen „Dinge“, wie es auf der Digitalisierungs-Propagandaseite der Stadt heißt, mit Sensoren ausgestattet und über ein Internet of Things miteinander verbunden werden. Die Messdaten der Sensoren sollen „innovative Lösungen in Bereichen wie Mobilität, Energie, Sicherheit oder Umwelt“ ermöglichen. Welche „Dinge“ mit was für Sensoren bestückt werden sollen bzw. auf welche Daten die Stadt zugreifen will, bleibt bisher relativ vage. Grundsätzlich werden Daten aus Smart Homes, „sonstige Gebäudedaten“, die Nutzungszahlen der smarten Mobilitätsangebote, die Messungen smarter Lichtmasten und „andere bestehende Daten“ als Datenpools genannt.

Konkret testete die Stadt als ein erstes Pilotprojekt in Neuaubing-Westkreuz den Einsatz „smarter“ Straßenlaternen. Dafür wurden 60 „smarte“ Laternen in drei Straßen installiert, die mit unterschiedlichsten Sensoren zur Erfassung von Daten zur Luftqualität, zum Wetter, zum Parkplatzmanagement und zum Verkehrsfluss, sowie WLan ausgestattet waren. Die Bilanz fällt nach dem Test eher nüchtern aus: Der Ausbau der erforderlichen Infrastruktur sei kompliziert und viel zu teuer. Deshalb seien smarte Laternen eigentlich nur für ausgewählte Standorte sinnvoll einsetzbar, nicht jedoch als flächendeckende Infrastruktur im gesamten Stadtgebiet. Jedoch seien dank dieses Versuchs smarte Lichtmasten „bei Bedarf einsatzbereit“.

Neues Projekt der Stadt ist nun die „Smartisierung“ von Altkleidercontainern, sodass diese von selbst ihren Füllstand erkennen. Bereits seit 2020 sollen entsprechende Sensoren in die Container eingebaut werden, wie weit die Durchführung dieses Projekts ist, konnte ich leider nicht herausfinden, es heißt nur, es würden bisher „erste smarte Altkleidercontainer pilotiert“. Des Weiteren plant die Stadt städtische Fahrzeuge mit Sensorik auszustatten. Auch die von der Stadt geförderten eMobility- und Sharing-Modelle, die bereits jetzt die Stadt fluten, mvg-eBikes und -eScooter, Carsharing-Fahrzeuge und eLadestationen, verschaffen der Stadt enorme Datenmengen über die Nutzung dieser Angebote, die wiederum in eine Auswertung des Nutzungsverhaltens der Fahrzeuge und von Fahrtstrecken münden.

Als weitere mögliche Datenquelle ist außerdem seit Januar 2020 in ganz Deutschland der sukzessive Einbau sogenannter Smart Meter – Stromzähler für das Haus, die alle 15 Minuten den Stromverbrauch speichern und alle 24 Stunden die Daten übertragen – für Haushalte mit einem Stromverbrauch von mehr als 6000 kWh pro Jahr, für Betreiber von stromerzeugenden Anlagen und für Nutzer von Wärmepumpen oder Nachtspeicherheizungen Pflicht, für alle anderen (was die meisten Privathaushalte sind) ist es fortan erlaubt, der Trend soll langfristig in Richtung einer kompletten Umstellung auf Smart Meter gehen. Über den Einbau darf dabei nur der Vermieter oder der Messstellenbetreiber entscheiden, nicht aber der faktische Bewohner eines Haushalts. Mit dem Smart Meter kann ein jederzeit zugängliches, sehr genaues und aktuelles Strom-Nutzungsprofil pro Haushalt erstellt werden. Sicherheitsbehörden sabbern natürlich bereits bei den Möglichkeiten, mithilfe der genauen Beobachtung des Stromverbrauchs gewisser Milieus (die beispielsweise der organisierten Kriminalität verdächtigt werden) Straftaten aufzuklären. Darüber hinaus sind Autohersteller verpflichtet ab 1. April 2022 Messwerte zum Kraftstoff- und Stromverbrauch der individuellen Fahrzeuge an die europäische Umweltagentur zu senden. Dabei werden die Fahrzeug-Identifikationsnummer, die Fahrgeschwindigkeit, die zurückgelegte Strecke und der Kraftstoffverbrauch erfasst. Bereits seit 2018 müssen in alle Neuwägen außerdem GPS-Sender verbaut werden.

Die Smart Data Plattform soll außerdem dazu dienen einen „Digitalen Zwilling“ zu erstellen, der bis 2024 fertig gestellt werden soll. Dabei ist die Bezeichnung „Digitaler Zwilling“ durchaus wörtlich gemeint: Mithilfe regelmäßiger Drohnenflüge über der Stadt sollen aktuelle Luftaufnahmen dabei helfen, ein hochaufgelöstes 3D-Modell für die gesamte Stadt zu erstellen. Kamerabestückte Spezialfahrzeuge sollen in sogenannten „Mobile-Mapping-Kampagnen“ Daten über den Straßenraum und seine Infrastruktur ergänzen. Damit dieser virtuelle „Zwilling“ den Anschein des tatsächlichen Abbilds der echten Stadt bekommt, sollen „dynamische Daten“ und „Echtzeitinformationen“, durch den Zugriff auf Internet-of-Things-Systeme, etwa Kaffeemaschinen oder Kühlschränke mit W-LAN, und auf Sensordaten, die mithilfe tausender überall in der Stadt installierter Sensoren erhoben werden, in den „Zwilling“ eingespeist werden. Städtische Fahrzeuge sollen mit Sensoren ausgestattet werden, die „Umweltdaten“ erheben sollen. Durch den Ausbau „stadtweiter Sensorik- und Messsysteme“ soll eine Echtzeit-Erfassung „relevanter Datenströme“ ermöglicht werden. Um diese Masse an Daten künftig generieren und insbesondere transportieren zu können, arbeitet die Stadt deshalb auch daran, das Internet of Things technisch überhaupt erst zu ermöglichen, indem sie beispielsweise das Long Range Wide Area Network (LoRa WAN) und das 5G-Funknetz ausbaut. Zentraler Ansprechpartner dieses Projekts ist der GeodatenService München (Denisstraße 2), wichtiger Partner das IT-Referat der Stadt München (Agnes-Pockels-Bogen 21).

Einen Faktor soll dieser Zwilling aber angeblich nicht wiedergeben: den Menschen. Eines der Propagandavideos illustriert das zumindest gewünschte Ausmaß des Digitalen Zwillings: In Echtzeit soll es möglich sein nachzuschauen, wo gerade ein Auto oder Fahrrad entlangfährt. Aber, wie an dieser Stelle noch einmal versichert wird, „selbstverständlich werden dabei keine personenbezogenen Daten erfasst“. Das Video zeigt dabei, wie eine Person mit Kinderwagen zuerst von einer Drohne und einem Kamerawagen fotografiert wird, dann aber ihr Gesicht verpixelt wird. „Maximale Transparenz“ und „eine genaue Datengrundlage“ sind das Ziel dieses Binge-Datensammelns. Alles zum Zwecke des Gemeinwohls, denn ohne Riesendatensätze seien „wichtige soziale Güter“ nicht zugänglich. „Mittels Digitalisierung der Verkehrswege“ erhoffe man sich etwa eine saubere Luft. Doch damit man keine Panik vor Big Brother bekommt, wird versprochen, dass die erhobenen Daten im Nachhinein anonymisiert werden. Erheben muss man sie aber natürlich trotzdem.

Dann braucht man sich ja keine Sorgen zu machen, wenn sich auf der Webseite der gerade in München stattgefundenen „IAA Mobility“ – dem „Treiber, der Impulse für eine Weiterentwicklung einer Millionenstadt zu einer Smart City mit intelligenten Verkehrskonzepten und innovativer Vernetzung der Verkehrsträger gibt – nachhaltig und an den Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet“ – zu der Frage „Kommt mit der Smart City die Überwachung?“ recht unverblümt nachlesen lässt:

„Im Endeffekt ist das Leben in Songdo [eine Smart-City-Planstadt in Südkorea] komplett überwacht. Und das 24 Stunden am Tag. Ganz gleich, ob bei der Arbeit, zu Hause oder unterwegs. Jeder, der hier wohnt oder arbeitet, muss sich bewusst sein, dass er Teil einer permanenten Datenerhebung ist.“

Anders als in den Polizeistaaten der Vergangenheit setzt die sich anbahnende eDemocracy nicht auf den mehr oder weniger geheim operierenden Überwachungsstaat, sondern auf „maximale Transparenz“ und „Offenheit“. „Wissen zu teilen ist ein grundlegendes Prinzip unserer Demokratie“, heißt es etwa in der „Smarter Together“-Propaganda-Broschüre. Wer Wissen habe, könne bessere Entscheidungen treffen. Wer über sein Smartphone alle Parameter zu seinem Leben vorgehalten bekomme, wieviele Meter man zurückgelegt, wie viel man getrunken, wie oft man den 1,5-m-Abstand zu anderen Menschen nicht eingehalten, wie viel Strom man wann verbraucht habe, der könne besser herausfinden, was das „richtige“ Verhalten sei. Anreize schaffen zur Selbstoptimierung, zur sanften Verhaltensanpassung mithilfe von Bonusprogrammen oder Gewährung von „Privilegien“, etwa das, aus dem Haus gehen zu dürfen, das ist der Totalitarismus von morgen.

Und sollte es doch noch ein paar Unbelehrbare geben, dann sehen natürlich auch die Sicherheitsbehörden ein riesiges Potenzial in der „Transparenz von morgen“. Bisher finden die Sicherheitsbehörden in den Propagandamaterialien für München kaum Erwähnung. In punkto „Sicherheit“ wird nur ein konkretes Projekt erwähnt: die Ausstattung der Feuerwehr mit Drohnen, um aus der Luft schneller „Fluchtwege“ zu erkennen. Logischerweise können Drohnen Fluchtwege nicht nur bei Bränden erkennen. Bereits heute setzt die Polizei Drohnen für Luftaufnahmen von Tatorten, zur Sicherung von Bahnstrecken oder zur Aufspürung von „Verkehrssündern“ ein. Das 2018 reformierte bayerische Polizeiaufgabengesetz erlaubt außerdem den Drohneneinsatz bei Demonstrationen (mit „Eskalations“potenzial, etwa wenn erwartbar ist, dass „Ordnungswidrigkeiten (!) von erheblicher Bedeutung“ begangen werden könnten) und Observationen. Künstliche Intelligenz wird teilweise bereits dazu eingesetzt vorherzusagen, in welchen Vierteln oder sogar Straßen in nächster Zukunft Einbrüche stattfinden könnten. Eine ganze Behörde gibt es für die bundesweite Forschung am Ausbau der technologischen Überwachung: Die „Zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich“ (ZITis, Postanschrift: Zamdorfer Str. 88, Büros „NEO“: Hermann-Weinhauser-Str. 73, zukünftig soll die ZITis ein eigenes Gebäude auf dem Gelände der Bundeswehr-Uni in Neubiberg erhalten), „das Start-Up unter den Behörden“ und 2017 erst ins Leben gerufen, ist für „digitale Forensik, Telekommunikationsüberwachung, Krypto- und Big Data-Analyse“ zuständig. Aktuelle Forschungsprojekte von ZITis sind etwa FORMOBILE, in dem die Auswertung von Handydaten verbessert werden soll, oder KISTRA, das den Einsatz von KI zur Früherkennung von Straftaten der „Hasskriminalität“ erforscht. Am Projekt KISTRA ist übrigens auch das Unternehmen „Munich Innovations Lab“ (Pettenkoferstr. 24) beteiligt, ebenso wie Prof. Dr. Rieger für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der LMU, die für KISTRA die „sozialwissenschaftliche Begleitforschung [übernimmt] und … durch die Untersuchung der Bedingungen von Wahrnehmung und Wirkung von Hass im Internet zum Gesamtvorhaben bei[trägt]“.

Isar Valley

Die Pläne der Stadt sind dabei aber nur die eine Seite der Medaille. Sie dienen überwiegend der verbesserten Stadtplanung und -verwaltung, die nebenbei natürlich auch den Sicherheitsbehörden riesige Möglichkeiten eröffnen. Doch was wäre die Regierung ohne die Unternehmen, die den technologischen Wandel mit aller Macht vorantreiben. Denn nicht nur die neuesten „smarten“ Angebote wie die städtischen Sharingdienste sind mit Spionagesoftware gespickt. Auch das eigene Auto und das eigene (e-)Bike ist mit GPS-Sendern ausgestattet, die neue Fernbedienung mit „Alexa“, die Türklingel mit Kameras, die ihre Bilder nicht „nur“ ans eigene Smartphone schicken, sondern auch an die Konzernzentrale des Herstellers, ebenso der neue Tesla, die neue Kaffeemaschine und der Kühlschrank haben W-LAN. Die Telekom bietet bereits heute an das eigene Zuhause in einen komplett überwachten Raum umzubauen, das sogenannte „Smart Home“. Laut irgendwelcher Statistiken besitzen inzwischen bereits 89 Prozent der Menschen in Deutschland ein Smartphone, das eins der zentralen Werkzeuge zur Nutzung all dieser „smarten“ Angebote ist und entsprechend immer mehr einen privaten „digitalen Zwilling“ seines Nutzers erstellt, der in der neuen „transparenten“ eDemocracy für viele Interessenten, etwa Unternehmen und Behörden, wichtige Informationen liefert. In diesem neuen System, in dem es „weniger Bedarf an Wahlen, Mehrheitsfindungen oder Abstimmungen gibt“, da alle „genau wissen, was Leute tun und möchten“, in dem „Verhaltens-bezogene Daten … Demokratie als das gesellschaftliche Feedbacksystem ersetzen“ (Smart City Charta der Bundesregierung), was übrigens auch die Erfüllung des Traumes einiger „pragmatischer Anarchist*innen“ wäre, die in einem solchen datenbasierten kybernetischen System die perfekte staatsfreie Selbstverwaltung sehen, braucht es keinen zentralen Akteur, keinen Schritt-für-Schritt-Plan, keine zentralisierte Planung, keinen direkten Zwang und keinen zentralen Überwachungsapparat. Was das Potenzial dieser Flut an Daten ist und wie sie genutzt werden können, das wird sich in Zukunft noch zeigen. Doch es kann nur nützen, so viele Daten wie möglich erst einmal zu sammeln.

Um nun all diese kostbaren Daten abzuschöpfen, bzw. sie zu generieren, braucht es aber noch viele schlaue Köpfe, die die entsprechende Technologie erfinden und entwickeln und viel Kapital. In München gibt es dafür einige Projekte, um diese beiden Faktoren zusammenzubringen. Die Stadt selbst eröffnete dafür im Juni gemeinsam mit der bereits seit 2002 existierenden „Start-Up-Schmiede“ UnternehmerTUM das Munich Urban Colab, ein „Innovations- und Gründungszentrum für Smart City Solutions“ (Freddie-Mercury-Straße 5 im Kreativquartier), in dem Start-Ups, Studenten, Wissenschaftler, Mitarbeiter von DAX-Konzernen, Investoren und Beamte des Wirtschaftsreferats Platz finden sollen um zu forschen, zu basteln und zu entwickeln, sich auszutauschen und zu vernetzen. Die Stadt hat außerdem ein „Mobility Hub“ gegründet, das ebenfalls seinen Sitz im Colab hat und das ebenfalls Start-Ups mit Investoren im Bereich Mobilität zusammenbringen soll. Dafür verantworlich, dass es in München eine recht bedeutende Start-Up-Szene gibt, ist das von der BMW- und Quandt-Erbin Susanne Klatten gegründete Gründerzentrum UnternehmerTUM (Lichtenbergstr. 6 in Garching), das insbesondere Studenten der TU dazu animiert ihre Forschungen in Geschäftsideen zu verwandeln und diese mit Investoren zusammenbringt. Die TU, aber auch die LMU sind wichtige Quellen zur Entwicklung technischer Lösungen und um Nachwuchs für die Tech-Unternehmen zu rekrutieren. Die TU beherbergt unter anderem die Munich School of Robotics and Machine Intelligence (Heßstr. 134), die insbesondere an Künstlicher Intelligenz und der Entwicklung von Robotern forscht. Die TU verfolgt auch schon länger den „Industry on Campus“-Ansatz und arbeitet eng mit Unternehmen zusammen, die hohe Geldsummen in die Universität pumpen. Der Lidl-Gründer schenkte der TU etwa Ende 2017 zwanzig neue BWL-Professuren, Google ist „Exzellenzpartner“ der TU, spendete eine Million in die Uni zur Erforschung von Künstlicher Intelligenz, Maschinellem Lernen und Robotik und schloss einen Rahmenvertrag für gemeinsame Forschung. Auch der Halbleiterhersteller Infineon, die Autohersteller BMW und VW sowie der Nahrungsmittelkonzern Nestlé sind „Exzellenzpartner“ der TU, d. h. sie spendeten der Uni mindestens eine halbe Million Euro.

Im Gegensatz zu Berlin gilt München als Brutkasten für „Deep-Tech-Unternehmen“ und „Business-to-Business-Konzepte“. Große Tech-Unternehmen wie IBM, Huawei, Amazon, Microsoft, Fujitsu, SAP, Salesforce, Infineon, BMW, Siemens und Intel haben Standorte oder sogar ihren Sitz in München. Apple will neben der bereits existierenden Forschungseinrichtung in München nun in der Nähe der Spaten-Brauerei in der Karlstraße ein „Europäisches Zentrum für Chip-Design“ errichten. Google baut sich im Postpalast an der Hackerbrücke einen zweiten Standort auf. SAP hat Mitte Juli mit dem Bau eines neuen Forschungs- und Entwicklungsstandorts auf dem Garchinger Campus der TU begonnen. Dieser soll Platz für 600 SAP-Mitarbeiter und für 130 Professoren und Studenten der TU bieten. Das World Economic Forum will ein „Forschungszentrum für die vierte industrielle Revolution“ in München eröffnen. Intel will ab 2022 in München einen automatisierten Taxidienst mit selbstfahrenden Autos anbieten. BMW als Münchner Traditionsunternehmen, das als eines der wenigen Unternehmen auch in München seinen Produktionsstandort hat, ist in München ein zentraler Akteur, der die Digitalisierung vorantreibt. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf der Entwicklung autonom fahrender Autos. Um diesem Ziel näherzukommen, eröffnete BMW 2016 in Unterschleißheim das BMW-Entwicklungszentrum „Campus Autonomes Fahren“ (Landshuter Str. 26). Autonom fahrende Autos, deren Vision das Versprechen beinhalten, die Zahl der Autounfälle maßgeblich zu reduzieren, sind ein maßgeblicher Faktor um die Akzeptanz eines Internet of Things zu steigern und ein allumfassendes Überwachungsnetz aufzuspannen, das die Autos brauchen, um autonom fahren zu können.

München – Stadt mit Herz für den technologischen Totalitarismus

Wie man sieht, ist München in Europa ein wichtiger Standort für den technologischen Alptraum, in dem wir heute bereits leben und der in Zukunft gigantische Ausmaße annehmen soll. Die reale Umsetzung der ambitionierten städtischen Smart-City-Pläne wirken erst einmal eher mau, ja gar lächerlich, wenn man anschaut, dass sie darin bestehen sollen, Altkleidercontainer zu smartisieren und diesen Digitalen Zwilling zu erstellen. Immerhin hat Google bereits vor Jahren die ganze Stadt mit ihrem Google-StreetView-Projekt digitalisiert, Apple schickt derzeit bis Anfang Oktober noch für „Apple-Maps“ elf Kamera-Autos auf die Münchner Straßen. Für gewisse Projekte wie die E-Akte oder das „München Portal der Zukunft“ fehlt der Stadt außerdem laut eigener Aussage wegen Corona gerade das Geld. Auch die Erweiterung der Smart-City-Projekte über die bereits beschlossenen Maßnahmen hinaus wurde aus Geldmangel vorerst vehement ausgeschlossen. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die „Corona-Krise“ der ganzen Digitalisierung auch in München einen enormen Schub verliehen hat, insbesondere um ihre Akzeptanz zu steigern und mit Gewalt eine Umstellung auf die Nutzung digitaler Angebote zu erzwingen. Auch die Münchner Politiker und Unternehmer blasen in das Horn Corona als „Chance“ zu begreifen um die Digitalisierung massiv voranzutreiben und benutzen Corona als Rechtfertigung für einen schnellen Umbau. Die Bekämpfung auch zukünftiger Epi- oder Pandemien ist ein willkommener Vorwand zur Realisierung der Digitalisierungspläne. Auch die gezielte Förderung des „Tech-Standorts“ München durch die Politik und die ambitionierten Pläne der einzelnen Unternehmen, Forscher, Studenten und Kapitalgeber, die die Förderangebote der Stadt mit Kusshand entgegennehmen, die dezentrale schleichende Einführung (potenziell) smarter Gegenstände in allen Lebensbereichen sowie die digitale Umstellung vieler Prozesse treiben das Projekt „Smart City“ sehr real und aufgrund der vielen Akteure und Bereiche relativ unbemerkt voran. Hier in München ist eins der vielen Herzen des sich entwickelnden, neuen technologischen Totalitarismus. Hier wurde und wird die Technologie von heute wie die von morgen maßgeblich entwickelt und vermarktet.

Für uns gilt es angesichts dieser Vielzahl an Feinden der Freiheit die Achillesfersen dieses Monsters zu finden. Startups etwa sind sehr von der Motivation einzelner Personen abhängig und können schnell in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Einzelne Bauteile sind außerdem momentan aufgrund der corona-bedingten Produktionsausfälle schwer lieferbar oder werden immer teurer. Beispielsweise die für smarte Geräte unabdingbaren Halbleiter haben gerade mit Lieferengpässen und Rohstoffmangel zu kämpfen. Auch Stahl ist momentan ein gefragtes Gut, weil China seinen Export eingestellt hat. Sonstige Metalle sind ebenfalls gerade sehr knapp. Die Just-in-Time-Produktion zeigt aktuell ihre Schwächen, die Automobilproduktion etwa hat durch Rohstoff- und Bauteil-Lieferengpässe Produktionsschwierigkeiten. Es ist bereits von einer „Rohstoffkrise“ die Rede. Auch die Logistik hat durch teilweise wochenlange Shutdowns von Containerhäfen u. ä. riesige Rückstaus abzuarbeiten und zu wenig Transportmittel zur Verfügung. Gezielte Sabotagen an der Logistik könnten aufgrund dieser Situation momentan große Wirkung entfalten. Ansonsten ist auch weiterhin die Sabotage an der Funk- wie auch an der Strominfrastruktur ein spannendes Interventionsfeld. Denn ohne Funk und natürlich besonders ohne Strom geht in der smarten schönen neuen Welt überhaupt nichts.

Der Klimawandel ist die Phantasterei einer Rechenmaschine!

Über die Entstehungsbedingungen eines militärisch-politischen Kontrollinstruments und seinen resultierenden grünen techno-wissenschaftlichen Totalitarismus

[Es ist so weit: Beim Zündlumpen hat man sich endgültig um den Verstand gesoffen oder gekifft – ein Verdacht, den manch eine*r schon immer heimlich gehegt hat – und nun wird nach Corona und dem Segen der Immunisierungsimpfungen sogar der Klimawandel „geleugnet“. Zeit dieses „Schwurbelblatt“ endgültig ad acta zu legen? Aber doch sicher nicht, ohne sich zuvor noch die geballte Dröhnung dieses ketzerischen Beitrags zu geben und diesen letzten Trip noch einmal voll auszukosten – und wer weiß, vielleicht bleibst du darauf ja hängen; Editorische Anmerkung der Redaktion]

Wenn man die Theorie des Klimawandels, wie sie uns heute beinahe als ontologische Tatsache präsentiert wird, nutzen wollen würde, um die sozialen und ökologischen Katastrophen (besser) zu verstehen, die sich um uns herum ereignen, so ist es meines Erachtens nach unbedingt notwendig, sich auch mit der Genese dieser wissenschaftlichen Theorie auseinanderzusetzen. Denn egal was man nun im Allgemeinen von der modernen Wissenschaft halten mag, egal ob man diese als kolonial und patriarchal betrachtet oder als ein Werkzeug der Emanzipation, egal ob man einer wissenschaftlichen Analyse mehr Bedeutung beimisst als einem Gefühl, einer Erfahrung oder einem Traum – und ich sage nicht, dass diese Fragen nicht von Belang wären, ich will sie nur vorerst zurückstellen –, so muss man doch zumindest der Wissenschaft als Institution, ihren zahlreichen staatlich-kapitalistischen und militärischen Instituten, ihren Hierarchien und vor allem den aus ihrer Forschung resultierenden Technologien ein Minimum an Misstrauen entgegen bringen, wenn man vermeiden will, nicht einer Ideologie aufzusitzen, wenn man nicht in Manier der Kirchgänger*innen, die ergeben den Priestern lauschen, willentlich oder unwillentlich am nächsten Kreuzzug, der nächsten Inquisition oder – zeitgemäßer ausgedrückt – dem nächsten Kolonialisierungsfeldzug mitwirken will. Vor diesem Hintergrund will ich zunächst eine – von leviathanischer Geschichtsschreibung gar nicht allzu divergierende – Geschichte der Erforschung des Klimawandels erzählen, eine Geschichte, die 1945 nirgendwo anders beginnt als in Hiroshima und Nagasaki.

***

Am 6. und 9. August 1945 wurden die „Little Boy“ und „Fat Man“ getauften Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen und löschten dabei insgesamt rund 100.000 Menschen von einem Wimpernschlag auf den nächsten aus und hinterließen noch einmal mindestens ebenso viele verstümmelte Überlebende, die das nächste Jahr nicht mehr erleben sollten. Der als Schwarzer Regen bekannt gewordene Fallout dieser Atomexplosionen sollte die Militärstrategen der US-Armee in den folgenden Jahren noch intensiv beschäftigen und diese Beschäftigung würde schließlich ein gänzlich neues, interdisziplinäres Forschungsfeld hervorbringen. Wie verteilt sich der Fallout einer Atombombe in der Atmosphäre und den Meeren? Was hat das für Auswirkungen? Und wie lässt sich feststellen, ob nicht gerade vielleicht ein anderer, feindlicher Staat, eine solche genozidale Superwaffe testet? Diese Fragen trieben hochrangige Militärs um und ließen sie des Nachts nicht schlafen und so beauftragten sie diverse Wissenschaftler*innen, unter anderem auch Geologen, Meteorologen und Ozeanologen damit, Antworten auf diese Fragen zu finden.

Bei ihren Untersuchungen entwickelten einige dieser Wissenschaftler*innen eine heute sehr populäre Theorie weiter und schufen Möglichkeiten, mithilfe globaler Messungen diese Theorie zu bestätigen (wie sich eine wissenschaftliche Theorie eben bestätigen lässt): Es geht natürlich um den Kohlenstoffdioxid-induzierten Treibhauseffekt. Als im Jahre 1957/58 ein internationales Geophysikalisches Jahr ausgerufen wird (ein freilich politisches Manöver zur Legitimation militärischer Forschung und Aufrüstung, wie der in diesem Rahmen ins All geschossene Satellit Sputnik und das gescheiterte Vanguard-Projekt, das in diesem Rahmen ebenfalls einen US-Satelliten in den Orbin befördern wollte, zeigen), erhält unter anderem Charles David Keeling erhebliche Fördermittel, um weltweit mithilfe entsprechender Sensoren den CO₂-Gehalt der Atmosphäre zu messen. Seine Messreihe, die auch Keeling-Kurve genannt wird, ist der erste wissenschaftliche Beweis für einen kontinuierlichen Anstieg des CO₂-Gehalts in der Atmosphäre. Etwa zeitgleich, ab dem Jahre 1956, entwickelt der Wissenschaftler Gilbert Plass  ein Computermodell, das die zu erwartende globale Erwärmung aufgrund dieses CO₂-Anstiegs errechnen sollte. Diese Berechnungen können wohl als die historische Geburtsstunde dessen gelten, was uns heute von der Popkultur, ebenso wie von Staaten und Regierungen, aber auch Klimaaktivist*innen und sogar zahlreichen Anarchist*innen als „Klimawandel“ untergejubelt wird. Gilbert Plass, bzw. eigentlich muss man ja sagen, sein Computer errechnete – oder sollte man es orakeln nennen? – für eine Verdoppelung des CO₂-Gehalts in der Atmosphäre einen globalen Temperaturanstieg um 3,6 Grad Celsius. Bis zum Jahr 2000 würde die Temperatur, bei einem angenommenen Anstieg der CO₂-Konzentration um 30 %, um rund 1 Grad ansteigen.

Es lohnt sich zu bemerken, dass zeitgleich zu dieser Forschung Atombombentests in gigantischem Umfang stattfinden, sowohl überirdisch als auch unterirdisch, im Wasser und in der Luft. Dabei werden ganze Landstriche verwüstet, Tiere und Pflanzen ausgelöscht, Menschen zwangsweise umgesiedelt (beispielsweise auf Bikini und Enyu, aber keineswegs nur dort), sowie tausende Versuchstiere gezielt den Explosionen ausgesetzt und folglich ermordet und verstümmelt. Mehrere hunderttausende Menschen sterben in der unmittelbaren Umgebung der Testorte an den Folgen dieser Tests. Was dabei als radioaktiver Fallout auch Bevölkerungen und Natur weit ab von den Testorten vergiftet, lässt sich heute kaum noch bestimmen, auch, weil nicht nur die Tests selbst, sondern auch deren Auswirkungen der Geheimhaltung unterliegen. In der Sowjetunion und den USA wird darüber hinaus auch am „zivilen Einsatz“ von Atomsprengköpfen, etwa zum Bau von Kanälen, usw. geforscht.

Die einst zum Zwecke der Bestimmung der Auswirkung von Atombomben bestellten Forscher*innen, sie haben längst ihren eigenen Umgang mit dieser unfassbaren Auslöschung von Leben gefunden. Sie interessieren sich nicht mehr für radioaktive Strahlung und deren Folgen, sondern für CO₂. Und dabei widmen sie sich vor allem zwei ganz neuen Sparten militärischer Forschung: dem Computer und der Raumfahrt.

Es lohnt sich hier, noch einmal einen Schritt zurückzutreten, in die 1940er Jahre und uns die Arbeit von John von Neumann zu Gemüte zu führen, einem der heute als Urväter der Informatik geltenden Wissenschaftler, die damals für das US-Militär arbeiteten. Nachdem er sich zuvor bereits vor allem mit Fragen der Ballistik und den Druckwellen von Bomben- und Minenexplosionen beschäftigt hatte, wirkte von Neumann ab 1943 am sogenannten Manhattan-Projekt mit, das jene Atombomben hervorbrachte, die 1945 die Bevölkerungen von Hiroshima und Nagasaki auslöschen würden. Von Neumann gehörte dabei nicht zu jenen Wissenschaftler*innen, die im Anschluss an diese Atombombenabwürfe wenigstens vorgaben entsetzt darüber zu sein, was sie geschaffen hatten – sofern man das überhaupt für glaubwürdig halten mag –, und sich auf recht wirkungslose und ebenso beschränkte Weise, wie es einem*r Wissenschaftler*in, die*der ein*e solche*r bleibt, eben zuzutrauen ist, gegen nukleare Waffen einsetzten; Nein, von Neumann nahm am darauffolgenden atomaren Wettrüsten aktiv teil und trug unter anderem dazu bei, die Wasserstoffbombe zu entwickeln. Neben seinem Engagement als Atombombenbauer engagierte sich von Neumann jedoch auch wesentlich auf dem Gebiet der Kybernetik. Zusammen mit deren populären Begründer Norbert Wiener organisierte er im Winter 1943/44 ein Treffen von Ingenieuren, Neurowissenschaftlern und Mathematikern, das sich mit den „Gemeinsamkeiten zwischen dem Gehirn und Computern“ beschäftigte. Er trug auch maßgeblich zum Bau von Computern bei, leitete eigene militärische Projekte zur Entwicklung von Computern, mit denen beispielsweise ballistische Berechnungen durchgeführt werden sollten. Bereits 1946 schlug von Neumann vor, Computer zur numerischen Wetterprognose zu verwenden, im März 1950 wurde auf dem militärischen Großrechner ENIAC, der von Neumann mit entwickelt worden war, die erste solche computergestützte Wettervorhersage auf Basis tatsächlicher Wetterdaten errechnet. Diese Berechnungen und die dabei entstandenen Modelle würden die Grundlage der in den späten 50er und frühen 60er Jahren aufkommenden, computerbasierten Klimamodelle bilden. Nach den Arbeiten von Gilbert Plass entwickelten Syukuro Manabe und Richard Wetherald 1967 das „Manabe-Wetherald one dimensional radiative-convective model“, das für eine Verdopplung des CO₂-Gehalts der Atmosphäre einen globalen Temperaturanstieg um 2,3 ° C vorhersagte. Dieses und die folgenden computerbasierten Modelle zur Vorhersage von Klimaphänomenen basieren vor allem darauf, dass die aus verschiedenen Eisbohrkernen der Arktis und Antarktis (die in der Regel vom oder mit Unterstützung des US-Militärs aus dem Eis gebohrt wurden) gewonnenen Daten über frühere CO₂-Konzentrationen der im Eis eingeschlossenen Luft der Atmosphäre, sowie die heutigen Messungen damit simuliert werden. Spiegeln die Ergebnisse diese (sehr selektiv erhobenen) realen Messungen aus diesen Proben wieder, gelten sie als tauglich, tun sie das nicht, gelten sie als untauglich (was auf mehr als 90% solcher Modelle zutrifft) und werden verworfen. Es handelt sich also bei diesen Modellen um wissenschaftliche Orakel, deren genaue Funktionsweise selbst den entwickelnden Forscher*innen unergründlich bleibt, von denen man sich jedoch erhofft, dass diese auf die eine oder andere Weise möglichst präzise Vorhersagen machen.

Im Zusammenhang mit dem atmosphärischen CO₂-Messungen der Vergangenheit und Gegenwart sind besonders zwei Phänomene, der sogenannte Kernwaffen-Effekt und der Suess-Effekt, hervorzuheben. Die Klimawissenschaft selbst widmet diesen Phänomenen bloß insofern Aufmerksamkeit, als dass sie diese bei der Kalibrierung ihrer Messmethoden berücksichtigt, abseits der wissenschaftlichen Brille betrachtet, könnte sich aus diesen Phänomenen, wie aus der Tatsache, dass es die Militärforschung um Atomwaffen und Kernphysik ist, die so gut wie alle Grundsteine der Klimawandelforschung legte, ein ganz anderes Bild ergeben: In der Atmosphäre kommt der in CO₂ gebundene Kohlenstoff in verschiedenen Isotopformen vor, vor allem als 12C und 14C. Isotope sind Atome des gleichen Elements, was sich durch die Protonenanzahl im Kern auszeichnet, bei denen jedoch die Neutronenanzahl verschieden ist. 12C etwa hat 12 Neutronen im Kern, 14C dagegen 14. 14C ist leicht radioaktiv. Es wird von der Wissenschaft angenommen, dass in der Atmosphäre stets ein gewisses Gleichgewicht aus 12C und 14C-Isotopen des CO2 gebundenen Kohlenstoffs existiert, weil die 14C-Isotopen in höheren Atmosphärenschichten gleichmäßig durch die Sonneneinstrahlung aus Stickstoffatomen entstehen und mit einer gewissen Halbwertszeit wieder zu 12C-Isotopen zerfallen. Das Verhältnis aus 12C und 14C-Isotopen müsste also eigentlich über die Zeiten konstant sein. Ist es aber nicht. Neben angenommenen natürlichen Ursachen für Schwankungen werden vor allem zwei Technologie-induzierte Schwankungsursachen angenommen: Der Suess-Effekt trägt zu einer Verschiebung dieses Gleichgewichts in Richtung der 12C-Isotope bei. Diese Verschiebung beginnt vor ca. 150 Jahren mit der Industrialisierung und der vermehrten Verbrennung von fossilen Brennstoffen, in denen sich die 14C-Isotope aufgrund des hohen Alters ihrer Bindung, das ihre Halbwertszeit oft überschreitet, durch den radioaktiven Zerfall größtenteils in 12C-Isotope verwandelt haben. Das bei der Verbrennung frei werdende CO₂ enthält also eine deutlich höhere Konzentration an 12C-Isotopen als das atmosphärische Gleichgewicht und verschiebt dieses folglich in Richtung einer höheren 12C-Konzentration. Eine umgekehrte Verschiebung dieses Gleichgewichts wird durch den sogenannten Kernwaffeneffekt bewirkt. Insbesondere durch die oberirdischen Wasserstoffbombentests ab 1953 hat sich der Anteil der 14C-Isotope in der Atmosphäre verdoppelt, da bei einer Kernwaffenexplosion solche Isotopen freigesetzt werden. Bis heute hat sich das 12C/14C-Verhältnis nicht wieder normalisiert. Bei Unterwasser-Kernwaffentests werden übrigens ebenfalls 14C-Isotope freigesetzt, die sich jedoch kaum vertikal im Ozean verteilen, sondern teilweise eine etwa 1 Meter dicke Wasserschicht auf hunderte von Quadratkilometern radioaktiv kontaminieren. Mittlerweile testet man Atomwaffen deshalb nicht mehr in Luft oder Wasser, sondern unter der Erde … Jaja, was die Wissenschaft nicht alles für uns tut.

Die bereits angesprochenen Computermodelle für Klimaorakeleien wurden Mitte der 1960er Jahre durch eine weitere militärische Technologie ergänzt: Satelliten. Schun kurz nachdem 1959/60 die ersten militärischen Erdbeobachtungssatelliten, auch Spionagesatelliten genannt, von den USA aus ins All geschickt  wurden und sich zunächst vor allem mit der Beobachtung der UdSSR, der Volksrepublik China und schon bald mit dem Mittleren Osten (insbesondere im Sechstagekrieg) beschäftigten, wurde 1960 von den US-Behörden ESSA (Environmental Science Services Administration), NASA (National Aeronautics and Space Administration) und NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration) das erste Wettersatellitenprogramm namens TIROS (Television and InfraRed Observation Satellite) ins Leben gerufen. Die Satelliten der TIROS-Generation waren mit Kameras ausgestattet, die eine Auflösung von etwa 3 Kilometer und einer Beobachtungsbreite (Schwadbreite) von rund 1200 Kilometern besaßen. Zudem befanden sich Strahlungsmessgeräte an Bord, die beinahe das gesamte Spektrum elektromagnetischer Strahlung abdeckten und eine Auflösung von 50 Kilometer hatten. Ab 1966 standen die in diesem Rahmen ins All beförderten Satelliten der Klimaforschung zur Verfügung. Das bereits parallel begonnene Wettersatellitenprogramm Nimbus lieferte dem bereits erwähnten Klimapropheten Manabe 1969 jene Messdaten, mit denen sein Klimamodell „verifiziert“ werden konnte (d.h. es errechnete ähnliche Ergebnisse). Die seither in der Klimaforschung eingesetzten Erdbeobachtungssatelliten dienen dazu, Eisfelder zu vermessen und damit deren Schwund zu bestimmen, die Wärmerückstrahlung der Erdoberfläche zu bestimmen, Wind- und Meeresströmungen zu beobachten, usw.

Es dauert nicht lange, bis die Klimaforschung, die zuvor beinahe ausschließlich eine militärische Angelegenheit gewesen war, auch zu einem weltpolitischen Gegenstand wird. 1979 wird in Genf die erste Weltklimakonferenz abgehalten, aus der in weiterer Folge das Weltklimaforschungsprogramm ebenso wie das IPCC, das Intergovernmental Panel of Climate Change, auch bekannt als Weltklimarat hervorgehen werden. Ein letztes Mal noch wird die Klimaforschung in den 1980er Jahren auf ihr Entstehungsgebiet, nämlich die Folgenabschätzung von Kernwaffeneinsätzen zurückkommen. Unter der Bezeichnung „Nuklearer Winter“ sollte vor den Auswirkungen eines globalen Atomkriegs gewarnt werden, die durch eine Verdunkelung der Atmosphäre durch Ruß, Rauch und Staub als globaler Temperaturabfall um 6 bis 8 Grad prognostiziert werden. Als Reagan und Gorbatschow jedoch ihre Atomraketen wieder einpacken, wird mit ihnen auch jegliche populäre Referenz der Klimawandelforschung auf diese Epoche atomarer Vernichtungswaffen verschwinden. Mit dem zunehmenden Dahinscheiden des Kalten Krieges gewinnt der sogenannte Klimawandel als ordnungspolitisches Paradigma der Weltpolitik an Bedeutung. In den 90er Jahren wird eine Klimakonferenz die nächste jagen, bei denen Staaten untereinander regeln, wie viel CO₂ sie jeweils ausstoßen dürfen und so dieses eindimensionale Maß für die Zerstörung der Biosphäre gefestigt wird. Motivation für diese Konferenzen: Durch die prognostizierten Folgen einer globalen Erderwärmung sehen sich die Herrschenden existenziell bedroht. Sie fürchten nicht nur Hungersnöte in Folge von Naturkatastrophen und kollabierenden Ökosystemen, sondern vor allem auch Aufstände ihrer Bevölkerungen sowie Völkerwanderungen, die ihre geopolitischen Interessen gefährden. Diese Überlegungen sind bis heute maßgeblich und führten zu einer neuen Aufrüstungswelle, die weniger in genozidale Superwaffen investiert (auch wenn solche Projekte längst nicht vollständig eingestellt wurden), als in Grenztechnologie und andere Technologien des globalen Bevölkerungsmanagements (siehe auch den Artikel „Planspiel Klimawandel“ in dieser Ausgabe).

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Was hat nun diese Genese des heute weitverbreiteten Szenarios eines Klimawandels damit zu tun, ob ich mich dieser Analyse guten Gewissens bedienen kann, um die ökologische Zerstörung dieses Planeten besser zu begreifen?

Zunächst einmal fällt unweigerlich auf, dass die Zerstörung der Biosphäre seit der Entwicklung des Modells „Klimawandel“ weitergegangen ist, ja vielfach sogar noch zugenommen hat, ebenso wie bereits vor der Etablierung dieses Modells als allgemein anerkanntes Szenario Menschen auch ohne Rückgriff darauf begriffen haben, dass die industrielle Verpestung der Umwelt, die Betonwüsten der Städte und die landwirtschaftliche Vernichtung von Lebewesen fatale Folgen für das (freie) Leben auf diesem Planeten haben. Weder lässt sich also sagen, dass die globale Zerstörung der Biosphäre nur mithilfe des Modells des „Klimawandels“ begriffen werden kann, noch hätte dieses neue Verständnis dieser Zerstörung dazu beigetragen, dass irgendeine Änderung eingetreten wäre. Soweit verhält sich das Modell „Klimawandel“ also bestenfalls neutral, wie übrigens so viele wissenschaftliche Dogmen.

Zugegeben: Die bildmächtige kulturelle Rezeption des Szenarios „Klimawandel“ vermag noch einmal eine andere Sprache zu sprechen, als die sich hinter ihr versteckende Wissenschaft. Sie bedient sich dessen, was die Wissenschaft als eine bestimmte Anzahl an Tonnen CO₂ zu abstrahieren pflegt, wenigstens als Bilder gigantischer Rauchwolken über Kohlekraftwerken oder als beinahe faschistisch anmutende, allmorgend- und allabendliche Autoparaden durch die Straßen irgendeiner (Beton-)Stadt. Doch es ist gar nicht im engeren Sinne die wissenschaftliche Theorie des Klimawandels, die dort im Vergleich zu irgendwelchen für den gemeinen Fernsehzuschauer beeindruckenden ebenso wie exotischen Naturaufnahmen über das Gerät flimmernden Bildern dargelegt wird. Nein, es sind ja eben keine nuklearen Differenzialgleichungen, keine Schaltpläne von Computern, ja nicht einmal die Schaubilder irgendeines der zahlreichen kybernetischen Klimamodelle, die dort gezeigt werden.  All das, es wäre dem gemeinen Fernsehzuschauer völlig unbegreiflich, ebenso wie es dem vielleicht wissenschaftlich-mathematisch-kybernetisch geschulten Auge bloß eine rationale, emotionslose Erläuterung eines Modells bleibt und selbst den entwickelnden Wissenschaftler*innen selbst ein nettes Zahlenspiel ist, angetrieben von einer vielleicht gewissermaßen verständlichen Faszination, das fehlende Element in einem Rätsel zu finden und manchmal vielleicht auch von irgendwelchen technokratischen Utopien beflügelt oder wenigstens von der Aussicht eines Karriereschubs.

Man kann nun freilich darauf vertrauen, dass die Damen und Herren Wissenschaftler*innen, die sich in ihrem Alltag mit jenen Zahlenspielen befassen und mal hier, mal dort eine Zahl austauschen, einen Parameter hinzufügen oder entfernen oder eine gänzlich neue Gleichung aufstellen, ihre Arbeit schon gewissenhaft machen werden. Und obwohl ich selbst das bezweifle, ist das vielleicht auch gar nicht das Problem: Denn man kann seine Arbeit ja schon gewissenhaft machen, kann wie vielleicht Robert Oppenheimer vor dem Trinity-Test auch nach Abschluss aller Arbeiten noch einmal alle Berechnungen durchgehen, um zu überprüfen, dass einem auch ja kein Fehler unterlaufen ist, und dennoch kann mein Projekt, an dem ich da gerade arbeite, vom Typus des Manhatten-Projekts sein. Was uns vielleicht zu dem eigentlichen Problem bringt: Kann ich darauf vertrauen, dass jene Wissenschaftler*innen, die zuvor direkt oder indirekt an Projekten wie dem Manhatten-Projekt beteiligt waren, jene, deren Branche nur in der Nachfolge solcher Projekte entstehen konnte, jene, deren gesamte wissenschaftliche Tradition, deren Dogmen oder Axiome, wie man auch sagt, auf diesen vorangehenden Arbeiten gründen, an irgendetwas arbeiten, was in meinem Sinne sein könnte? Ich denke, ich kann es nicht.

Wenn ich darauf jedoch nicht vertrauen kann, wie kann ich dann das Modell „Klimawandel“ für mich nutzen und es übernehmen? Der einzige Weg dazu wäre aus meiner Sicht, wenn ich es alleine oder gemeinsam mit anderen, die meine Ideen teilen, nachprüfe. Ich benötige also Computer (und wir sprechen hier gewiss nicht von einem handelsüblichen Personal Computer), Satelliten, gigantische Bohrer, Arktis-Forschungsstationen, Equipment zur Radiokohlenstoffdatierung und vielleicht, das wird sich zu gegebener Zeit dann noch herausstellen, benötige ich sogar Kernwaffen, um meine eigenen Tests damit durchzuführen. Anders ausgedrückt: Ich müsste eben jene industriell-technologisch-militärische Todesmaschinerie nachbauen oder mich ihrer uneingeschränkt bedienen (können), die eben auch die Klimawandelforschung hervorgebracht hat. Denn wie anders sollte ich in der Lage sein, den „Klimawandel“ selbst zu begreifen, ohne mich dabei auf die Behauptungen derjenigen zu stützen, die sich schon so oft als meine erbittertsten Feind*innen erwiesen haben?

Aber stellen wir diese Problematik für den Moment noch einmal zurück und widmen wir uns, bevor nun irgendwer auf die Idee kommen mag, ein „anarchistisches“ Atomprogramm ins Leben zu rufen, noch einmal den möglichen Erkenntnissen, die uns eine eigene, wissenschaftlich abgesicherte und vereinheitlichte (weil sie Objektivität behauptet und damit subjektive Erfahrungen abwertet und schließlich eliminiert) Theorie des Klimawandels erwartungsgemäß liefern würde: Die momentane industrielle, militärpolitische Ausprägung dieser Theorie, sie vermag vor allem eines zu liefern: Zukunftsprognosen. Wenn „wir“ dies oder jenes nicht innerhalb der nächsten 5, 10, 20, 30, 50 oder hundert Jahre ändern würden, dann … ja dann kommt die Apokalypse. Und weil es diese Apokalypse weder geben soll, noch darf, verlängert sich das Zeitfenster nach 5 Jahren auf 10, nach 10 auf 20, nach 20 auf 30, und so weiter. Manchmal wird auch erklärt, man habe eine entsprechende Veränderung nun erreicht oder irgendeine neue Forschungsarbeit erklärt eben kurz und knapp, dass man sich in der Vergangenheit ohnehin geirrt habe und man nicht dies, sondern jenes hätte verändern sollen, was also die ausgebliebene Veränderung irrelevant macht. Hat man von den Wissenschaftler*innen des Klimawandels jemals den Vorschlag vernommen, hier und jetzt, also jetzt gleich, hinzugehen, zum nächsten Kraftwerk, zur nächsten Autobahn, zum nächstgelegenen Tagebau, zur nächstgelegenen Raffinerie oder Fabrik und dieses Elend ein für alle Mal niederzubrennen? Gewiss nicht. Und jenen, die schon dazu neigen zu betonen, dass eigentlich alles sofort stoppen müsste, taugt als Vorwand im Zweifel, dass der Akt des Abfackelns ja nur neues CO₂ produzieren würde. Wie praktisch. Zumindest für jene, denen am Fortbestand der alten Ordnung gelegen ist. Stattdessen wird die gegenwärtige Zerstörung der Biosphäre den Klimawandel-Prophet*innen zunehmend zum Referenzpunkt des gerade noch Erträglichen, zu dem, was später rückgängig gemacht werden könne, zu dem, was zwar beendet werden soll, aber weder mitten im Geschäftsjahr, noch solange keine ertragreiche, nunmehr CO₂-neutrale Alternative der Zerstörung derselben Biosphäre gefunden ist.

Sowieso: CO₂-neutral. Auch wenn man das Klima als ein übermäßig kompliziertes und ohne Computer, Satelliten und wissenschaftliche Propheten unmöglich zu verstehendes (und doch ist man überrascht, dass indigene Bevölkerungen oft ebenso bessere Prognosen als die der Wissenschaft liefern, was diese Phänomene angeht, wie die wenigen überlieferten „Bauernweisheiten“ selbst innerhalb des zivilisierten Lebens) Gebilde zu inszenieren versteht, so sind doch die praktischen Schlüsse, die man daraus zu weissagen versteht, vergleichsweise banal: CO₂ und Treibhausgase, die sich als CO₂-Äquivalent angeben lassen, müssten beschränkt werden. Dafür ist es auch tauglich, neue Akte der Zerstörung der Biosphäre zu begehen, indem etwa CO₂ in unterirdische Gesteinsschichten hineingepresst werden soll, oder gar allzu offensichtliche Schönrechnungsversuche, indem ganze Biotope gerodet werden und dort im Anschluss neue, schneller wachsende Bäume (etwa Eukalyptus) gepflanzt werden, als Ausgleich dafür, dass etwa fossile Brennstoffe beim Transport von Waren und Menschen verbrannt werden. Ebenso verwandeln gigantische Tagebaue ganze Landstriche in Wüsten, um nach jenen Technologie-Rohstoffen zu schürfen, mit denen dann die CO₂-neutralen, erneuerbaren Wind-, Wasser-, und Solarkraftwerke errichtet werden, für deren Bau mancherorts ebenfalls Wälder gerodet werden. Nicht zuletzt wird sogar die Atomkraft als „saubere“ Energiequelle gehandelt, weil eben atomarer Müll, der noch in 10.000 Jahren eine tickende Zeitbombe sein wird, ebenso wie die schon heute gesundheitsschädliche und tödliche Strahlung selbst um „intakte“ Kernreaktoren mit nur „unbedenklichen Rissen“ oder selbst ohne irgendwelche Risse eben kein CO₂ und kein CO₂-Äquivalent sind. Das alles sind die Entscheidungen, die auf Basis der Erkenntnisse der aktuellen „Klimawandel“-Theorie von Herrschenden getroffen und der überwiegenden Mehrheit gehirngewaschener Bevölkerung gutgeheißen wird. Das ist der faktische Nutzen, den diese Theorie derzeit in einem Kampf gegen die Zerstörung der Biosphäre einzubringen vermag.

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Wenn ich mich in der Welt umsehe, egal ob ich den Erzählungen von Gefährt*innen aus Südamerika lausche, mich mit Geflüchteten von beinahe überall aus der Welt über die Zustände in ihrer Heimat unterhalte, die Analysen von Anarchist*innen aus anderen Teilen der Welt lese, oder vor die eigene Haustür trete, so nehme ich eine gigantische ökologische Zerstörung wahr. Waldrodungen für Plantagen, die die Böden in wenigen Jahren aufbrauchen, Tagebaue, die Quadratkilometer um Quadratkilometer der Biosphäre in lebensfeindliche Wüsten verwandeln, schwindende Wasserresserven, die zu Dürren führen, Waldbränden und Wüsten, auf Feldern ausgebrachte Pflanzengifte, die Insekten ausrotten, Böden und Wasser kontaminieren und nur noch den Anbau von genmanipuliertem, patentiertem Saatgut möglich erscheinen lassen, landwirtschaftliche Monokulturen, die die Böden Jahr um Jahr schwinden lassen und gigantische Mengen an Düngemitteln erfordern, Gewässer, die aufgrund der landwirtschaftlichen Vergiftung kippen, schwindende Fischbestände, Plastikmüll in den Meeren, strahlenverseuchte Umgebungen, betonversiegelte Flächen, auf denen nichts mehr gedeiht, luftverpestende Industrie, die Krankheiten bei Mensch, Tier und Pflanzen hervorruft und Artensterben verursacht, Autobahnen, deren Lärm Tier und Mensch vertreibt, Städte, mit ihren Betonwüsten und ihrer Lichtverschmutzung, Müllberge, die Böden und Gewässer vergiften, Windparks, die zum Aussterben von Mikroorganismen und Insekten führen, Solarparks, die man auch schwarze Wüsten nennen kann, Wasserkraftwerke und begradigte Flüsse, deren Biotope dadurch zerstört werden, anhaltende Trockenheitsperioden und Wetterextreme, die zu Dürren und Überschwemmungen führen, aussterbende Vogelarten, Bienensterben, Insektensterben im Allgemeinen, usw. usw. Und man braucht kein*e Wissenschaftler*in  zu sein, um zu wissen, was für all diese Dinge verantwortlich ist, ebensowenig wie es den ohnhein zweifelhaften Verstand eines Mathematikers braucht, um sagen zu können, dass all diese Zerstörungen schon in Kürze dazu führen werden, dass die Grundlage für unser Leben auf diesem Planeten vollkommen zerstört sein wird. Man könnte vielleicht geneigt sein zu behaupten, dass die in Städten lebenden Menschen durch ihre Lebensweise so sehr von ihrer Umwelt entfremdet sind, dass sie diese Vernichtung nicht erkennen würden, aber ich bin nicht geneigt, das zu glauben. Nein, von der eigenen Umwelt entfremdet oder nicht, wer halbwegs mit offenen Augen durch diese Welt wandelt, der*dem kann diese Zerstörung nicht entgehen. Und es entgeht den Menschen ja auch nicht, dass die Welt um sie herum mitten in einem Kampf auf Leben und Tod mit der industriellen Zivilisation steckt. Und vielleicht ist durchaus bereits den meisten gedämmert, dass es nun an ihnen ist, sich für eine Seite in diesem längst tobenden Krieg zu entscheiden: für die Todesmaschinerie des Fortschritts oder für die Möglichkeit des Lebens.

Das Narrativ des Klimawandels, es erfüllt dabei vielleicht den schmutzigsten Zweck von allen, indem es den Fortschritt als auf Seiten des Lebens stehend ausgibt und die völlig unbegründete Hoffnung aufkeimen lässt, dass wenn dieser Fortschritt nur CO₂-neutral wäre, er vielleicht weniger todbringend sein könnte… Zugleich ist die Theorie des Klimawandels unzweifelhaft auch ein Instrument militärisch-technologischer Kontrolle, das strategisch relevante ökologische und soziale Zusammenbrüche vorhersehbar und folglich daraus resultierende Erhebungen gegen die Herrschenden schon präventiv bekämpfbar macht bzw. machen soll. Es ist naiv zu glauben, dass Forschungsbeiträge, die sich mit den Auswirkungen von klimainduzierter Flucht, Nahrungsmittelknappheiten, Umweltkatastrophen und Co. befassen und diese sogar in den Mittelpunkt der eigenen Forschung rücken, zu irgendetwas anderem (etwa einem Erweckungserlebnis der westlichen Bevölkerung) beizutragen vermögen, als dazu, solche Katastrophen besser verwaltbar zu machen. Egal ob man sich nun mit eigenen Forschungsbeiträgen aktiv an dieser Herrschaftssicherung beteiligt, oder ob man der Wissenschaft durch eine außerhalb von ihr stehende, sich jedoch uneingeschränkt positiv auf sie beziehende, Bewegung dazu verhilft, neuen Nachwuchs zu rekrutieren, das Vertrauen der Menschen in sie zu steigern oder auch nur den Mördern im Weißkittel das Gefühl verleiht, etwas „für die Menschheit“ zu leisten. In jeder Form kann ein Bezug auf die Wissenschaft und ihr Narrativ des Klimawandels meiner Meinung nach keinesfalls der Ausgangspunkt einer anarchistischen Analyse sein.

Wo uns die Wissenschaft das Bild vermittelt, es mit einem komplexen System aus un- oder auch nur schwer durchschaubaren Einflüssen zu tun zu haben, das die Biosphäre, unser aller Lebensgrundlage zu einer lebensfeindlichen Wüste verwandelt, in das wir daher nur äußerst besonnen, das heißt, dem Rat der Nekrowissenschaftler*innen folgend, eingreifen sollten, ist die Realität doch eigentlich ganz einfach: Es ist nicht mehr und nicht weniger als die industrielle Zivilisation, die für diese Zerstörung der Biosphäre verantwortlich ist; und auch wenn es freilich auch ein Interesse des techno-industriellen Komplexes ist, die Lebensfähigkeit der Biosphäre gerade soweit zu erhalten, dass diese auch weiterhin die notwendigen Rohstoffe zur Reproduktion der industriellen Zivilisation zu liefern vermag, so ist es doch gänzlich unvorstellbar, dass die Technologie ebenso wie die Wissenschaft dieses Komplexes irgendeinen Beitrag dazu zu leisten vermag, dass wir einst wieder Seite an Seite mit anderen freien Wesen in einer intakten Biosphäre leben können werden.

Planspiel Klimawandel

Dieses Szenario wird Dir präsentiert vom Club of Rome und seinen techno-kapitalistischen Philantropenfreunden

Vorwort

Ursprünglich zur Simulation militärischer Schlachten und zur Ausbildung von Offizieren entwickelt, hat sich das sogenannte “Planspiel” zu einem ebenso verbreiteten wie mächtigen Instrument entwickelt, die Umsetzung bestimmter wirtschaftlicher und politischer Agenden auf dem Reißbrett zu planen, bzw. zwischen verschiedenen Akteur*innen mit unterschiedlichen Interessen ein gemeinsames Vorgehen abzustimmen. Es ist eine beinahe ulkige Vorstellung, wie die wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Eliten zum gemeinsamen Spieleabend zusammenkommen und zweifellos ist dies nicht ausschließlich die Form, die man sich darunter tatsächlich vorzustellen hat. Aber mir geht es hier nicht um die tatsächlich Form dieser Art von Zusammenkünften, über die ich ohnehin bloß spekulieren kann. Vielmehr geht es mir um eine instrumentelle Beschreibung dessen, was sich in seinen Auswirkungen weltweit konkret erfahren und beobachten lässt und das sich meines Erachtens nach am besten als ein gigantisches Planspiel rund um die Verwaltung einer globalen Apokalypse, der sogenannten “Globalen Erwärmung”, beschreiben lässt. Ein Planspiel, bei dem die Spieler*innen am Spieltisch ihre Macht und ihren Profit sichern müssen und gleichzeitig die verbleibenden grünen Oasen der Welt strategisch günstig besetzen müssen, um zu überleben.

Jegliche Ähnlichkeit der folgenden Erzählung mit der Realität ist beabsichtigt und alles andere als ein Zufall.

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1. Das Szenario

Wir schreiben das Jahr 1968. Den italienischen Industriellen Aurelio Peccei, der von Kraftfahrzeugfirmen über Fluggesellschaften bis hin zu Computerherstellern den technologisch bedeutendsten Wirtschaftsbranchen seiner Zeit vorgesessen hatte, plagt ein Anflug von schlechtem Gewissen. Vielleicht ist schlechtes Gewissen das falsche Wort. Vielleicht muss man seinen Gemütszustand eher als einen Anflug der Langeweile über die Tristesse seines Alltags in Kombination mit dem verachtenden Bedauern, mit dem Philanthropen auf die Misere der im Elend lebenden herabzusehen pflegen, beschreiben. Bereits früher war Peccei von einem solchen Gemütszustand heimgesucht worden: 1958 hatte er aus einem eben solchen Gemütszustand heraus das Consultingunternehmen Italconsult gegründet, das durch wirtschaftliche und ingenieurwissenschaftliche Beratung die “Probleme der Dritten Welt” angehen sollte, ganz so, als würden diese von den Menschen dort verursacht werden. Aber Peccei hatte dazugelernt. Das zynische, neokoloniale Konzept der “Hilfe zur Selbsthilfe”, es funktionierte einfach nicht. Alles musste man selber machen! Also würde er sich der “Probleme der Menschheit” – Umweltzerstörung, Armut, endemische schlechte Gesundheit, die Verschandelung der Städte und Kriminalität – annehmen. Aber nicht voneinander isoliert, sondern als ein verallgemeinertes “Meta-Problem”, der „problematic“. Und diese “problematic”, die sah Peccei freilich nicht im Kapitalismus, nicht im Industrialismus, nicht in der Zivilisation begründet. Nein, das Problem lautete, wie der von ihm zu diesem Zweck gegründete Club of Rome rund vier Jahre später proklamieren würde: “Die Grenzen des Wachstums.”

Kaum jemals hat eine ihrem gesamten Wesen nach so banale Studie so viel Beachtung gefunden wie die “Grenzen des Wachstums” des Club of Rome. Kurz zusammengefasst – und man muss kein*e Wissenschaftler*in sein, um das genau so vorherzusehen – sagt die Studie, dass das permanente ökonomische Wachstum, auf das sich der Kapitalismus damals wie heute eingestellt hatte, nicht endlos so weitergehen könne. Schockieren konnte und kann das damals wie heute eigentlich nur eine bestimmte Art von Zeitgenossen: Industrielle wie Peccei. Und doch: Die Studie geht durch die (westliche) Welt, als würde sie irgendetwas bahnbrechendes erzählen. Ob es das aufwendige Marketing des Club of Rome ist, das ihr zu dieser Popularität verhilft oder die zu diesem Zeitpunkt bereits eingesetzte mediale Verblödung, deren erste Opfer offensichtlich die Medienmacher*innen selbst gewesen sein müssen. Vielleicht ist es auch einfach eine Modeerscheinung der Zeit. Wenige Jahre zuvor hatte etwa Edward Norton Lorenz mediale Aufmerksamkeit mit dem sogenannten Butterfly Effect erregt. Auslöser des Ganzen damals: Weil ein von Lorenz verwendeter Computer mit dem von ihm verwendeten meteorologischen Modell völlig falsche Aussagen liefert, stellt Lorenz sich die für den wissenschaftlichen Laien absurde Frage, ob denn der Flügelschlag eines Schmetterlings, bzw. der einer Möwe nicht vielleicht einen Tornado auslösen könnte und kommt zu einem überraschenden Ergebnis, das außerhalb einer streng wissenschaftlichen Sicht unverständlich bleibt: Ja. Was Lorenz “Entdeckung” und die Studie des Club of Rome gemeinsam haben: Auch der Club of Rome verwendet ein Computermodell. Das komplexeste seiner Zeit und wohl eines der bis dahin bedeutendsten kybernetischen Modelle weltweit. Es trägt den Namen “World3”, also “Welt3”, und nutzt ganze 5 (!!!) Variablen, um das Ende der Welt so präzise wie es nur der Wissenschaft möglich sein kann, vorherzusagen. Damals wird der Zeitpunkt der Apokalypse für ungefähr das Jahr 2072, also – rein zufällig, wie man sieht – für in damals, wir befinden uns im Jahre 1972, ziemlich genau 100 Jahren vorhergesagt.1

Der Klimawandel ist damals noch nicht Teil der “The Limits of Growth”-Hysterie. Aber “The Limits of Growth” sind ein Meilenstein in der Betrachtung von globalen Prozessen, die von der industriellen Produktion in Gang gesetzt wurden aus einer Perspektive der Industriellen und ihrer Hofnarren, der Wissenschaftler*innen. Denn während die Luft-, Wasser- und Bodenverschmutzungen durch Kraftwerke, das Roden von Wäldern, die Verwüstung von Böden durch petrochemische Landwirtschaft und die Verseuchung ganzer Regionen durch nukleare “Unfälle” und Kriege auf eine einfache, aber im Widerspruch zu den Interessen der Industriellen stehende Art und Weise gelöst werden können, nämlich einfach damit aufzuhören, eröffnet die vernetzte Betrachtung, das kybernetische Modell, das nicht die Ursachen, sondern bloß die Folgen betrachtet, einen ganz neuen Ansatz der Lösungsfindung: Von nun an wird es Sache der Staaten und multinationalen Konzerne sein, die Apokalypse zu vermeiden. Für diese Art von “Problem” ist ein zentrales Krisenmanagement unabdingbar. Und selbst die industriellen Hofnarren gehen dabei nicht leer aus. Denn es wird ihre Expertise sein, die fortan gefragt sein wird. Was immer sie an Lösungen anbieten, welche Fristen sie auch immer setzen werden, man wird sich nach ihnen richten müssen. Denn wen könnte man sonst in einer derart “komplizierten” Angelegenheit um Rat bitten? Außer vielleicht …

Richtig: Den Computer. Dieses unfehlbare Orakel, das selbst die Wissenschaftler*innen selbst befragen, man könnte doch …

Nun ja, vorerst jedenfalls nicht. Noch sind es die Routinen und Algorithmen der Wissenschaftler, die der Computer einliest. Manchmal sogar noch von Lochkarten. Noch gibt es keine evolutionären Algorithmen, kein Machine Learning und selbst von Big Data kann man kaum sprechen – Auch wenn IBMs-Lochkartensysteme zur bürokratischen Verwaltung des Holocaust wohl als ein erstes Experiment in diese Richtung betrachtet werden kann. Man ist ja schon froh, wenn der Computer 1,0 und 1,0 richtig zusammenzählen kann. Denn wenn nicht … Nun, der Butterfly-Effekt, den Lorenz beobachtete, singt ein Lied davon …

Trotz der gigantischen medialen Aufmerksamkeit, die dem Club of Rome von Anfang an sicher war, braucht es etwas Zeit, bis sich ihre Ideen festigen. Wir haben es hier immerhin mit einem äußert progressiven Flügel an Industriellen zu tun, deren Ideen bei der konservativen Mehrheit nicht gerade Freudensprünge auslösen. Und der heutige Schlag an Philantropen, der dieses Projekt fortführen wird, muss überhaupt erst geboren werden. Bill Gates etwa gründet Microsoft erst im Jahre 1975/76 und noch größere Spinner*innen mit gewissermaßen auch noch abgefahreneren Agenden, wie Elon Musc oder Jeff Bezos sind gerade erst aus dem Mutterleib gekrochen.

Anstatt auf Bündnisse mit dem konservativen Flügel des Kapitals zu setzen war es schon aufgrund des Narrativs einer Bedrohung der Menschheit ohnehin naheliegender, sich auf den Aufbau einer populären Bewegung zu fokussieren. Was war da naheliegender als die damals aufkommenden Umweltbewegungen für sich einzunehmen. Das war kein neues Konzept. Die Gründung der bis heute bestehenden Umweltorganisation “Friends of the Earth” etwa wurde ebenfalls um diese Zeit herum, 1969, von dem Inhaber der Atlantic Richfield Oil Company finanziert. Dass das Ehepaar Meadows, das an der Veröffentlichung von “Limits of Growth” maßgeblich beteiligt war, selbst bereits in der studentischen Umweltbewegung aktiv war, war da sicherlich mehr als praktisch. Die unter anderem von der Volkswagenstiftung, also jenen Akteur*innen, die hauptsächlich mitverantwortlich für Umweltzerstörung zeichneten, finanzierte Studie lancierte, wenngleich sich oft nicht direkt auf sie bezogen wurde, zu einem maßgeblichen Bezugspunkt zahlreicher Umweltbewegungen in den USA und Europa.

Und doch richtete sich eine Kernaussage von “Limits of Growth” an niemand anderen, als an das Kapital selbst. Ab dem Jahr 2008, nachdem sie ihren Höhepunkt erreicht hätte, würde die Industrieproduktion pro Kopf dramatisch einbrechen, prophezeiten die frisch gekührten Weltuntergangsprophet*innen, und sich dann in den folgenden Jahrzehnten auf einem Niveau, das unter dem vom Ende des 19. Jahrhunderts liegen würde, einpendeln. Von Industriellen und ihren Hofnarren ins Leben gerufen, scheint diese Prognose die eigentliche Bedrohung für den Club of Rome auszumachen. Aber wer, der Ausgebeuteten dieser Welt würde sich für die Belange ihrer Ausbeuter*innen interessieren? Es gilt also die Interessen der Industriellen mit denen der gesamten Erdbevölkerung gleichzusetzen. Dass für das Jahr 2020 ein Zusammenbruch der Nahrungsproduktion prophezeit wird ist dabei ein erster Schritt, aber es wird nicht genug sein. 1991 veröffentlicht der Club of Rome-Mitbegründer Alexander King ein Buch, das einerseits Aufschluss über die Agenda dieses grünen Flügels des Kapitals gibt und andererseits versucht, die Probleme einer techno-industriellen Zivilisation nicht auf deren zentrale Akteur*innen, sondern auf die Menschheit selbst zurückzuführen. Und er bringt schon im Titel einen Gedanken ins Spiel, von dem wir im letzten Jahr nur allzu viel gehört haben. Der Titel seines Buches lautet: The First Global Revolution. Doch seine Revolution besteht nicht etwa darin, die Verursacher*innen seiner “Problematique”, ihn eingeschlossen, zu enthaupten, wie das so viele Revolutionen der Geschichte mal mehr, mal weniger verständlicherweise mit sich brachten, sondern wie alle Herrschenden, die von Revolution sprechen versteht er darunter die Einrichtung eines globalen und totalitären Kontrollapparats unter Leitung von – na von wem wohl … Dabei versteht King diesen Prozess durchaus auch als eine sozial-kulturelle Bewegung, die die Regierungen dieser Welt dazu zwingt, “grünere” Umweltpolitiken zu verfolgen und allzu große soziale Ungleichheiten, die immer auch ein bedrohliches aufständisches Potenzial bergen, aufzuheben.

Ich denke man muss verstehen, dass es sich bei dem was King und der Club of Rome hier skizzieren um ein Programm des “grünen”, linken Flügels des Kapitals handelt, dass sie ganz bewusst in den Aufbau einer sozialen Bewegung investieren, die sich ihre wissenschaftlichen Analysen zum Ausgangspunkt wählt, und dass die heutige Klimabewegung, die zweifelslos in der Tradition dessen steht ebenso wie das derzeit akute Projekt des “Great Resets”, der von Vertreter*innen des World Economic Forum propagiert wird, zumindest in enger Tradition dieses Ansatzes stehen.

Als King 1992 sein Buch veröffentlicht, kommt darin auch die globale Erderwärmung, auf die sich heute unter anderem als Klimawandel bezogen wird, zur Sprache, die, ursprünglich hervorgehend aus der Erforschung der Auswirkungen nuklearer Waffen, eigentlich erst seit den 1980ern politische Relevanz entwickelte, als die unter anderem von der NASA, also einer US-Militärorganisation betriebene Forschung zunehmend zu dem Ergebnis kam, dass der “Klimawandel” katastrophale, d.h. in diesem Kontext vor allem die Vormachtstellung der USA und der westlichen Welt im Allgemeinen bedrohende, Konsequenzen haben könnte. Das Narrativ des Klimawandels erinnert dabei stark an das von King aufgebaute Szenario: Wir alle sitzen im gleichen Boot, weltweit und über die Grenzen von sozialen Klassen hinweg und wir alle seien als Teil dieser Gesellschaft gleichermaßen mitverantwortlich für diese Katastrophe. Ein Narrativ, das so freilich nicht haltbar ist, deshalb entwickelt sich schnell eine bestimmte Einschränkung: Wir Konsument*innen (egal ob arm oder reich) der westlichen Welt sind vor allem verantwortlich, während der globale Süden etwa zwar von einer individuellen Schuld entlastet wird, aber wen kümmert das schon und vor allem was soll das bedeuten? Nachdem in den 90er Jahren eine staatliche Klimakonferenz die nächste jagt, Abkommen zwischen Staaten geschlossen werden und schließlich 1997 im sogenannten Kyoto-Protokoll ein Zertifikate-System für Treibhausgasemissionen entwickelt wird, bei dem das Recht zur Emission von Treibhausgasen durch Unternehmen gegen Geld erworben werden kann, geht erst einmal alles weiter wie gehabt. Sowieso soll das Ganze ja erst im Jahr 2005 in Kraft treten und überhaupt lassen sich die Treibstoffemissionen der Wirtschaft nicht einfach herunterfahren ohne in eine Wirtschaftskrise zu geraten. Stattdessen werden der bürgerlichen Mittelschicht und der armen Bevölkerung in westlichen Ländern in den folgenden Jahren von Medien, Politik, Klimaschutzbewegung und eben jenem elitären linken Flügel des Kapitals erst einmal gehörig das Gehirn gewaschen. Wer erinnert sich nicht an die unzähligen und in der Regel auch ziemlich idiotischen Tipps, wie man im eigenen Haushalt Strom und Energie und damit Treibhausgasemissionen sparen könne. Vom Schließen des Kühlschranks bis hin zum Löschen des Lichts, wenn man es gerade nicht braucht ist wirklich alles dabei und eine energiesparfanatische bürgerliche Mittelschicht, die fortan darin aufgeht, ihren Müll zu trennen, Strom und Heizungsenergie zu sparen, die GRÜNEN zu wählen und sich moralisch erhaben zu fühlen dominiert sämtliche Diskurse um Klimaerwärmung. Später wird jene Schicht dazu übergehen, im Biomarkt einzukaufen, Plastiktüten durch Papiertüten zu ersetzen und sich neue, angeblich klimaschonende Elektroautos anzuschaffen, während sie für Porto, Bahnfahrten und Flüge gerne ein paar Cent oder auch einmal ein paar Euro mehr bezahlen, damit die dabei verursachten Treibhausgasemissionen auf den Wert Null gerechnet werden. “Klimaneutral” wird das dann genannt werden. Alles ganz im Sinne des Club of Rome. Man tut eben was man kann und da ist einem auch das “sauer” verdiente Geld nicht zu schade.

Und während in den Privathaushalten in der Folgezeit leidenschaftlich und mal mehr, mal weniger Strom gespart wird, verdienen Industrieunternehmen eine Zeit lang Geld damit, nachts ihre Gebäude und Parkplätze zu erleuchten, weil die Kohle- und Atomkraftwerke der Energieunternehmen des Nachts nicht einfach so gedrosselt werden können und Energiegroßabnehmer*innen so teilweise Geld bezahlt wird, dafür, dass sie die zur Verfügung gestellte Energie verbrauchen. Als Regierungen in Europa irgendwann damit beginnen, ihre Vereinbarung von Kyoto tatsächlich in Angriff zu nehmen, da verdienen Energieunternehmen beispielsweise in Deutschland Geld damit, sich ihr Recht auf Umweltverschmutzung einzuklagen oder wenigstens Abfindungen für das Unterlassen zu kassieren, während sie sich den Ausbau sogenannter erneuerbarer Energiequellen ebenfalls großzügig staatlich subventionieren lassen. Die mittlerweile wieder wachsende Klimaschutzbewegung beschränkt sich unterdessen darauf zu drängen, dass bereits getroffene, interstaatliche Vereinbarungen eingehalten werden und fungiert ansonsten vorrangig als Lobbyorganisation für die Hersteller*innen von Photovoltaik-, Windkraft- und Wasserkraftwerken und beschert später auch dem einen oder anderen Bonzen-Hersteller von E-Autos ein gutes Geschäft. Was tut man nicht alles für eine “weiße Weste” und ein reines Gewissen?

2. Die Mission

Während eine weitestegehend bürgerliche Klimaschutzbewegung noch immer die Spätfolgen ihrer Gehirnwäsche Ende der 90er und zu Beginn der 2000er auskuriert, kann man leider nicht behaupten, dass sich die Staaten auf ihren leeren Versprechungen aus den 90er Jahren ausgeruht hätten. Ihre seitdem angestoßenen Forschungsprojekte, die oft unter militärischer Leitung durchgeführt wurden, bestanden darin herauszufinden, welche sozialen, ökonomischen und politischen Konsequenzen die zunehmende Unbewohnbarkeit – Überflutung und Desertation sind dabei die wohl häufigsten Ursachen – der oft dicht besiedelten Landstriche hätten und wie man in einem nie zuvor dagewesenen, globalen Ausmaß an Hungersnöten, Völkerwanderungen, Kriegen und Revolten Herr der Lage bleiben könne. Schon zu Beginn der 2000er Jahre wurde in Europa dafür ein Konzept entwickelt, das heute mitunter als “Festung Europa” beschrieben wird und dessen tödliche Auswirkungen bereits heute an den im Mittelmeer ertrinkenden, in Lagern vor oder hinter den EU-Grenzen vegetierenden und verreckenden Menschen demonstriert werden. Im Jahr 2004 wird die dafür verantwortliche “Grenzagentur” FRONTEX gegründet. Von Anfang an spielt die “Abwehr” von Flüchtlingsströmen in Folge von “Umweltkatastrophen” und speziell des “Klimawandels” eine bedeutende Rolle für FRONTEX, wobei mit großem Aufwand daran geforscht wird, die Entwicklung solcher Tendenzen vorherzusagen, zu überwachen und durch Bündnisse mit weit entfernten außereuropäischen Staaten, die Flüchtlingsströme nach Europa frühzeitig durch Internierung der Flüchtenden unterbinden sollen, ebenso wie durch die Internierung dennoch ankommender Flüchtender in Lagern vor und innerhalb der EU-Außengrenzen zu kontrollieren. Was selbstverständlich in keinem Gesetz, keiner Verordnung und keiner Leitlinie steht, aber dennoch – und das wenig überraschend – gängige Praxis ist, sind das als “Pushback” euphemisierte vom Boot treten und im Mittelmeer ertrinken lassen oder, wie jüngst wieder kurz bildmächtig durch die Medien spukte, um dann nach wenigen Tagen vergessen zu werden, das ins Meer zurücktreiben von Flüchtenden, sowie die institutionalisierte Unterlassung/Verhinderung von Seenotrettung kenternder Flüchtlingsschiffe und -boote und andere Praktiken des organisierten Massenmordes. Dabei erfährt die Grenzschutztechnologie an den Außengrenzen Europas eine gigantische technologische Aufrüstung. Von Drohnenüberwachungsflügen über den Grünen Grenzen bis hin zur Errichtung von Infrarot- und Videoüberwachten Grenzzäunen, aber auch biometrische Erkennungstechnologien, die dazu dienen sollen, wiederholte Einreiseversuche unter unterschiedlichen “Legenden” zu unterbinden, wird von FRONTEX und Co. eine neue Art von Überwachungstechnologie erprobt, deren Einsatz keineswegs auf die Grenzen selbst beschränkt bleibt und die sich nach Belieben gegen jede Klasse von Bevölkerung richten lässt. Besonders hervorzuheben ist hier vor allem auch die Rolle biotechnologischer Forschung, etwa die Tendenz gigantische DNA-Datenbanken aufzubauen um damit unter anderem auch Angaben zur Herkunft von Flüchtlingen durch entsprechende DNA-Analysen (eine moderne Form der biologistischen Rassenlehre) zu überprüfen.

Auch für die USA und Kanada ist die klimaveränderungsbedingte Flucht ein Anlass, Migrations- und Sicherheitsstrategien gegen die erwarteten Flüchtlingsströme zu entwickeln. Obwohl die Trump-Administration der vergangenen vier Jahre dazu übergegangen war, den Klimawandel zu leugnen, kann die Errichtung eines High-Tech Grenzzaunes an der Grenze nach Mexiko durchaus als Kontinuität einer solchen Abschottungspolitik verstanden werden, die wie jede solche Politik, auch die in Europa, selbstverständlich vor allem in ihren rassistischen Implikationen fortlebt und sich über die rassistischen Agenden ihrer Befürworter*innen sehr häufig verselbstständigt. Aber auch nachdem Trumps Nachfolger Biden die Migration aus Mexiko vorerst wieder ermöglichte – zumindest in Teilen –, bestand sein dringlichstes und vorrangigstes Anliegen bei der Wiederaufnahme einer “Klimapolitik” darin, seine Geheimdienste anzuweisen einen “Bericht über die Sicherheitsauswirkungen des Klimawandels” anzufertigen. Er kehrt damit zur US-Politik der Prä-Trump-Ära zurück, als den Ratschlägen von Wirtschaft und ihrer Wissenschaft folgend US-Militär und Geheimdienste daran arbeiteten, nicht nur die Rohstoffversorgung der USA in einer Periode der klimainduzierten “Unsicherheit” zu gewährleisten, sondern vor allem, zu bestimmen, welche Orte dieser Welt im Szenario einer klimainduzierten globalen Katastrophe von strategischer Bedeutung wären und wie die Kontrolle über diese möglichst bereits im Voraus erlangt werden könnte.

Wie ernst imperialistische Staaten weltweit die erwarteten Konflikte im Zuge einer klimainduzierten Unbewohnbarkeit weiter Teile der Erdoberfläche nehmen, das lässt sich kaum irgendwo besser erkennen, als daran, dass die jährlichen Rüstungsausgaben weltweit ab den 2000er Jahren trotz dem Ende des Kalten Krieges und diverser “Abrüstungsverträge” bis zu den 2010er Jahren um beinahe 50% angestiegen sind. Dabei erlebt die Militärstrategie, so unterschiedlich sie in den verschiedenen Regionen der Welt auch aussieht, einen Wandel. Militärisch-wissenschaftliche Forschung an Massenvernichtungswaffen beschäftigt sich zunehmend damit, wie die “Infrastruktur” bei ihrem Einsatz intakt bleiben kann. Die Menschen einer Stadt oder eines ganzen Landstriches vernichten, dabei aber Straßen, Gebäude, usw. erhalten, das ist die Devise. Gleichzeitig scheinen sich die Einsatzszenarien für die das Militär trainiert und in deren spezifische Kriegstechnologie der Militäretat investiert wird, zu verändern. Sind es nur die Erfahrungen aus den “Verteidigungseinsätzen” am Hindukusch, bei denen klassische Gefechtstrategien an den Guerillastrategien ihrer Feind*innen scheiterten, die die Armeen weltweit für Konflikte in urbanen und besiedelten Gebieten trainieren lassen oder steckt dahinter vielmehr die allgemeine Erwartung eines Bürgerkriegsszenarios in der Zukunft? Militärische Strategiepapiere und sicherheitspolitische Konferenzen gehen jedenfalls seit Jahrzehnten von einer ab dem Jahr 2020, nicht (ganz) zufällig dem Jahr ab dem laut ursprünglicher Fassung von Limits of Growth die Nahrungsmittelproduktion und der wirtschaftliche Dienstleistungssektor zusammenbrechen könnten, zunehmend bröckelnden globalen Sicherheitslage aus und plädieren dafür, sich militärisch auf bürgerkriegsartige Konflikte einzustellen.

Das passt auch zum Ausbau der Überwachungs- und Kontrollinfrastruktur der letzten Jahre in Städten weltweit. Tatsächlich sind es oft militärische Strategien, die im Kampf gegen Guerillakämpfer*innen entwickelt wurden, die als Vorbild für die moderne Polizeiarbeit dienten und einst der militärischen Intervention vorbehaltene Technologien werden – bereinigt um die ein oder andere allzu abartige Schweinerei – zunehmend “demokratisiert” und zu wichtigen Werkzeugen der täglichen Polizeiarbeit. Alleine in Deutschland wurde das polizeiliche Arsenal in den letzten Jahrzehnten um zahlreiche Waffen der Aufstandsbekämpfung erweitert. Terrorabwehr, sagen Politiker*innen, Medien und ihre Freund*innen. Den Terror bekämpft man bekanntlich auch am Hindukusch und anderswo in der Welt, wo die tarnfarbentragenden Kolleg*innen der Polizei im Namen der Terrorabwehr morden. In den deutschen Städten, ebenso wie in den meisten Städten Europas nahm im Namen der Terrorabwehr in den letzten Jahren die Videoüberwachung öffentlicher Plätze zu, es wurden vielerorts auch die letzten verbleibenden dunklen Ecken der Städte ausgeleuchtet, Kennzeichenerfassungssysteme erfassen, wer mit seinem Auto die Straße lang fährt, Kameras zeichnen auf, wer die öffentlichen Verkehrsmittel nutzt und eine große Varietät an smarter Technologie schickt sich unterdessen an, ein Paar sehender Glasaugen in jeden bisher toten Winkel der Städte zu bringen. Terroristen haben es da schwer, jubelt die Presse. Doch wer noch ein Fünkchen Verstand in seinem Hirn schlummern hat, die*der mag bereits ahnen, dass man selbst der*die Terrorist*in der nahen Zukunft sein wird, wenn man es nicht bereits ist.

Denn in einer Welt, in der die westlichen Demokratien und die darin subtiler funktionierenden Herrschaftsmechanismen nicht mehr auf dem Rücken einer weitaus weniger subtil funktionierenden, kolonialen Herrschaft und Ausbeutung getragen werden, wird auch die bestehende Illusion einer Interessensgleichheit der hiesigen Arbeiter*innen mit ihren Bossen zu bröckeln beginnen. Terrorist*in ist in diesem Szenario nicht mehr nur die*derjenige, deren*dessen Hass – manchmal durch eine religiöse Ideologie kanalisiert, manchmal nicht – sich gegen die Mitglieder der (vermeintlichen) Interessensgemeinschaft richtet, die ihn*sie und alle um ihn*sie herum unterwerfen, sondern auch die*derjenige, die*der diese Interessensgemeinschaft aufkündigt, um sich selbst gegen die einstigen Verbündeten zu wenden. Oder anders ausgedrückt: Terrorist*in ist in einem Szenario der politischen, sozialen, ökonomischen und ökologischen Instabilität jede*r, die*der den Plänen der Herrschenden in die Quere kommt. Wenn wir unseren Blick über den Tellerrand hinausschweifen lassen, so finden wir in dem, was in China als Social Scoring etabliert wurde, der westlichen Welt jedoch nicht so fremd ist, wie es aufgrund der allzu tiefgreifenden Hirnwäsche durch die Medien vielleicht scheinen mag, die allgemeine Tendenz dieser Entwicklung: Ein totalitäres kybernetisches System der Kontrolle durch Belohnung und Disziplinierung, dessen Zweck es ist, zu gewährleisten, dass sich alle Menschen genau so verhalten, wie das die Herrschenden gerne hätten. Das ideale Werkzeug also, um die Pläne eines zentralen Krisenmanagements des Klimawandels Wirklichkeit werden zu lassen.

3. Das Spiel hat längst begonnen …

So in der Art scheinen das jedenfalls diejenigen zu sehen, die sich derzeit für einen “Great Reset” stark machen. Wer hätte je gedacht, dass eines der vermutlich neoliberalsten Elitentreffen dieser Welt eines Tages entscheiden würde, in China nicht mehr nur einen günstigen Produktionsstandort und einen ergiebigen Rohstofflieferanten zu sehen, sondern sich zunehmend auch für dessen Organisationsmodelle der Gesellschaft erwärmen würde? Aber es ist wahr. Führende Köpfe des World Economic Forums, palavern im Zusammenhang mit der “Great Reset-Initiative” des WEF immer häufiger davon, dass das “chinesische Modell” dem gescheiterten “westlichen Modell” überlegen sei. Man braucht sich freilich keine Illusionen zu machen. Dank Smartphones, Smart-Homes, Smart-Cities, sozialen Netzwerken und jeder anderen smarten Technologie, die sich die Bürger*innen der “westlichen Welt” in den vergangenen Jahren mehr als bereitwillig selbst angeschafft und finanziert haben, sind alle wesentlichen Aspekte eines Sozialkredit-Systems und eines Systems der kybernetischen sozialen Kontrolle längst vorhanden. Einzig die relative Fragmentiertheit und Uneinheitlichkeit unzähliger partieller Systeme und die algorithmische Hoheit, die hier nicht beim Zentralkommitee der Kommunistischen Partei liegt, sondern auf einige Tech-Unternehmen verteilt ist, unterscheidet den einen Ansatz vom anderen. Es erschließt sich vor dem Hintergrund global auftretender Zerfallserscheinungen der bisherigen Ordnung selbstverständlich auch, warum dem WEF und anderen Akteur*innen derzeit so viel daran gelegen ist, diesen Unterschied aufzuheben: Ihre Macht bröckelt – und wo immer die Macht von Herrscher*innen bedroht ist, werden die relativen Freiheiten ihrer Untertanen in einer Art von Ausnahmezustand aufgehoben in dem Versuch alles und jeden zu kontrollieren. Und im Falle der in Tradition der Apokalypsen des Club of Rome stehenden, drohenden globalen Klimakatastrophe samt ihrer sozialen Auswirkungen ist freilich nichts weniger genug, als die gesamte Welt bis ins letzte Detail zu kontrollieren.

Pläne, Visionen und erwartete Szenarien einer gewissen Klasse an Technokraten und Kapitalisten reichen von einer möglichst immer weiter gesteigerten Innovationskraft, in die die letzten Ressourcen dieses Planeten investiert werden sollen, in der Hoffnung so bis zu einem möglichen Kollaps technologische Möglichkeiten der Umkehrung gefunden zu haben, bis hin zu Fluchtplänen auf den Mars. Die Szenarien des sozialen Zusammenbruchs sehen eigentlich durchweg einen globalen Bürgerkrieg vor, in dem nur mehr wenige, grüne Regionen dieser Welt unter totalitäre Kontrolle gebracht werden sollen, während man sich die verbleibenden Wüstenregionen etwa wie die Kriegsgebiete in Syrien, oder im Kongo vorstellen kann, in denen die Produktion unter ständig wechselnden Machthabern weiterläuft, während Milizen um die Vorherrschaft kämpfen, dabei Genozide an der Bevölkerung begehen und diese versklaven und die in den verbleibenden grünen Oasen dieser Welt sitzenden Herrscher*innen dieser Welt mit allen Parteien handeln und Rohstoffe wie Waren gegen jene Waffen tauschen, mit denen die Menschen massakriert werden.

Die jetzige Übergangsphase, in der die Zerfallserscheinungen immer offensichtlicher werden und hier und dort in Form von sozialen und ökonomischen Zusammenbrüchen offenbar werden, ist die kritische Phase, in der es darauf ankommt, die Bevölkerung ruhigzustellen. Denn eine Verwaltung des Zusammenbruchs und eine Sicherung der eigenen Machtansprüche kann nur dann gelingen, wenn es nicht zu massenhaften Revolten kommt – oder zumindest nicht zu Revolten in den Metropolen der Macht oder zu solchen, die ihre Rohstoffversorgung ernsthaft gefährden.

Vor diesem Hintergrund kann die noch immer anhaltende Periode des pandemisch legitimierten globalen Ausnahmezustands inklusive Lockdowns, Ausgangssperren, Versammlungsverbote, Einschränkungen der Bewegungsfreiheit, Grenzschließungen, Militärposten inmitten europäischer Städte, usw. usw., vielleicht als eine Art von Blaupause für die kommenden Jahre begriffen werden. Das vor allem medial produzierte Bild des Virus, der die Menschen nur so dahin rafft hat für genügend Ablenkung gesorgt, dass selbst einige derjenigen, deren Engagement, ebenso wie ihre Sichtweise ansonsten auf das Feld tödlicher Landesgrenzen verengt zu sein schien, kaum bemerkten, dass der von ihnen mitgetragene pandemisch legitimierte Ausnahmezustand die Situation an diesen Grenzen dramatisch verschärfte, dass sämtliche Restmöglichkeiten den EU-Außenlagern doch noch zu entfliehen von einem Tag auf den nächsten verschwanden, dass die teils von solchen Leuten mitgetragene Seenotrettung fliehender Menschen in Richtung EU ebenfalls stoppte, dass die Situation in Lagern wie Moria auf Lesbos so unerträglich wurde, dass seinen Insass*innen nichts anderes übrig blieb, als es niederzubrennen (es gab ja sogar Leute, die daraufhin für dessen Wiederaufbau votierten), usw. usw. Und die Grenzschließungen der EU-Außengrenzen sind sicherlich nur der überhaupt noch ergründbare Gipfel der neuen Ein- und Ausschlusspolitik im Namen von Covid-19. Es ist klar, dass Flucht, egal ob aus jenen Gebieten, die infolge der desaströsen ökologischen Zerstörung zu unbewohnbaren Wüsten geworden sind, aus jenen, in denen die koloniale Ausbeutung und kapitalistische Veräußerung der Region den Menschen die ökonomische Existenzgrundlage geraubt hat, aus jenen, die von den zahlreichen Kriegen um Rohstoffe, militärstrategische Vormacht oder wirtschaftlichen Profit, ebenso wie um religiösen Wahn in ein (soziales) Minenfeld verwandelt wurden, oder aus jenen, in denen Bürger*innenkriege um das letzte bisschen bewohnbaren Platz inmitten der desaströsen Zerstörung allen Umlands toben, keinen Lockdown kennt. Folglich stellt sich angesichts dessen, dass diese Flucht vor Europa nun mehr als je zuvor an ein absolut totes Ende gelangt, weniger die Frage ob, sondern vielmehr die Frage wo all die Menschen nun in Konzentrationslager gesperrt, niedergemetzelt werden, verhungern und verdursten, ertrinken, ihren Kräften erliegen, Sklavenhändler*innen in die Hände fallen, oder aus Verzweiflung Selbstmord begehen. Und wer interessiert sich dafür? Wer hätte gedacht, dass den deutschen Antifas einmal das Leben des sprichwörtlichen Nazi-Opas wichtiger sein würde, als das der flüchtenden Bevölkerung des globalen Südens? Naja, für manch eine*n vielleicht keine große Überraschung.

Während also die “Festung Europa”, von der schon Hitler schwärmte, ihren vorläufigen Höhepunkt erlebt, erreicht auch die innereuropäische Isolation – und gleiches gilt übrigens auch für die gesamte westliche Welt – einen neuen Höhepunkt. Einer dank Smartphones, Fernsehen, Home-Entertainment jeder Art, “sozialen” Netzwerken, algorithmisch vermittelten Paarbeziehungen ebenso wie Liebesaffären, usw. ohnehin in im letzten Jahrzehnt bereits weit vorangeschrittenen Verflachung der Beziehungen zwischen den Menschen, folgte im letzten Jahr das, was vielen der ohnehin schon am seidenen Faden hängenden, letzten verbleibenden realweltlichen Beziehungen den endgültigen Todesstoß verpasste: Rund ein Jahr fremd- ebenso wie selbstverordnete Isolation in der heimischen Sphäre, bei der sämtliche Beziehungen, die über die in diesem Kontext überraschenderweise wieder erstarkende patriarchale Basisorganisationseinheit der Familie hinausgehen, in die Weiten des kybernetischen, spiegelweltlichen Internets verbannt wurden. Ihr Zustandekommen wird damit essentiell bestimmt durch die vermittelnde Technologie und ist jenseits von ihr sowieso kaum noch zu denken. Die sprungartig angestiegene Nutzung von algorithmischen Partnervermittlungsbörsen, aber auch die plötzliche Verbreitung von Wörtern wie “zoomen”, bezeugen diesen neuen Grad der Entfremdung. Das Problem dabei ist nicht nur, dass die Beziehungen in einem noch größeren Grad als bisher verflachen, sondern vor allem auch, dass die Technologie, die diese zustande bringt, dadurch zunehmend weniger wegdenkbar wird, sich also kulturell verfestigt. Eine Technologie, die nicht nur die häusliche Einsperrung der Menschen überhaupt möglich macht, sondern auch eine, die in der Vergangenheit die gezielte Manipulation der Emotionen der Menschen erforscht hat (vgl. bspw. Studien des Unternehmens Facebook, sowie die psychologischen Sparten der Spieleindustrie), und die somit das ideale Instrument globaler Gleichschaltung liefert, nach dem die grünen, technokratischen und oft auch transhumanistischen Herrscher*innen und Verwalter*innen der zerfallenden Welt so händeringend suchen.

So oder so, die Periode des Corona-legitimierten Ausnahmezustands hat beeindruckend unter Beweis gestellt, wie leicht die Aufmerksamkeit der Menschen innerhalb der westlichen Welt von den viel existenzielleren Problemen in ihrem Umfeld, sowie deren Auswirkungen andernorts auf der Welt durch eine geeignet popkulturell vorbereitete Erzählung (von Romanen, Filmen, Computer- und Handyspielen bis hin zu Gesellschaftsspielen hat die Unterhaltungsindustrie eine wahrliche Vielfalt an Pandemieszenarien in die Köpfe der Menschen gebracht, die während der Corona”pandemie” durchaus die Phantasie der Menschen beeinflussten) einer (bloß scheinbaren?) globalen Katastrophe – wer sieht die Parallelen zum Club of Rome-Apokalypsen-Narrativ nicht? – abgelenkt werden kann. Nicht zuletzt deshalb dürften die grünen Technokraten-Propagandist*innen in ihren Think Tanks bereits an einer Neuauflage dieser Erzählung schrauben, wie immer unterstützt von ihren Hofnarren, den Wissenschaftler*innen, die längst eine Vielfalt von Studien angestellt haben, wie die Menschen pädagogisch und propagandistisch, ebenso wie manipulativ sowohl mithilfe von massenpsychologischer Kommunikation, als auch individuell zugeschnittenen Social Media Kampagnen, dazu gebracht werden können, sich dem Willen der Herrschenden gemäß zu verhalten.

4. Auswertung

Dass sich in der momentanen Phase der pandemie-katastrophistischen und technologisch-gamifizierten Ablenkung von ihrem eigentlichen Gegenstand, große Teile der (liberalen) Klimabewegung auf Seiten der Herrschenden schlagen, indem sie nicht nur deren (ohnehin längst gefassten) Klimagipfel-Beschlüsse verfechten, sondern sich zugleich auch noch für Maßnahmen der globalen Einsperrung einsetzen (zum Beispiel in Person Greta Thunbergs und all der anderen, mittlerweile in die Parteien eingetretenen Leitfiguren der Fridays For Future-Bewegung), vermag vielleicht kaum zu überraschen. Es zeigt aber die Gefährlichkeit des allzu innigen Spiels von sich radikal glaubenden Akteur*innen mit jenen liberalen Bewegungen auf, von denen einige noch immer zweifeln, ob sie sich auf Greta Thunberg und Co. nun positiv beziehen sollten oder nicht und die sich teilweise sogar dazu versteigen, jene anarchistischen Kritiken an diesen Anführer*innenfiguren, die auf deren ideologische, ebenso wie ganz realeVerflechtungen mit der Herrschaft hinweisen, verschwörungstheoretisch oder gar “von rechts” motiviert – gemäß dem Motto: “Was nicht links ist, muss rechts sein” – zu bezeichnen. Sie haben sich einer nur scheinbaren sozialen Bewegung soweit angebiedert, dass sie darüber eigene Interessen und sogar die Anliegen der Ausgebeuteten, die sie zu verfechten glauben und vorgeben, selbst vergessen haben. Plötzlich wird grüne Technologie als im Interesse derer verkauft, die dafür in Minen versklavt, in Kriegen und Genoziden gemetzelt und in einst vor Leben sprudelnden Gebieten sich dem Diktat des Ökonomischen folgend diese in Wüsten zu verwandeln gezwungen sehen. “Klimagerechtigkeit” nennt sich das. Und in angeblich deren Interesse werden die ebenso todbringenden Wind- und Solarparks, die Geothermiekraftwerke, die Wasserkraftwerke und andere Spielarten der nach wie vor todbringenden Industrie, die sich nun eben “grün” getauft hat, auf den westlichen Territorien legitimiert, wo die von ihnen erzeugte Energie nicht zuletzt in das Militär und die Grenzen investiert wird, die die angeblichen Haupt-Interessensstifter*innen aus diesen Regionen fernhalten.

Sich einer solchen Perspektive auch nur anzunähern bedeutet jeglichen aufständischen Anspruch aufzugeben. Und nicht nur das, es bedeutet, ein Zahnrädchen im Getriebe dieser Todesmaschine zu werden.

Was aber macht eine aufständische Perspektive aus, die vom Sand im Getriebe, bis zum vernichtenden Triebwerksbrand das auszulösen vermag, was jeder Ausbeutung und Sklaverei, jeder Unterdrückung und Herrschaft durch diese Todesmaschinerie namens industrielle Zivilisation ein Ende zu bereiten vermag? Fest steht für mich, dass eine solche Perspektive vor allem auch auf die Adjutanten des neuen wie alten Unterfangens, sich die gesamte Welt untertan zu machen, abzielen muss, auf die Wissenschaft. Und damit meine ich keineswegs bloß diejenigen, angewandten Wissenschaftler*innen, die an jenen Technologien feilen, die unmittelbar der Herrschaft und Unterdrückung dienen, ich meine die Wissenschaft in ihrer derzeitigen Gesamtheit, in ihrer Totalität, von der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung über die Geistes(verwirrungs- und -züchtigungs)wissenschaften bis hin zu den Propaganda- und Sozial(ingenieurs)wissenschaften. Keines dieser Orakel darf uns als Verbündeter im Kampf gegen jene dienen, für deren Herrschaftssicherung sie ins Leben gerufen wurden und fortan funktionierten.

Nicht zuletzt sind es jene Gefilde der Wissenschaft, aus denen einige der wichtigsten Innovationen der hyperprogressiven grünen Technologie und seiner Kapitalfraktion entspringen und in Zukunft entspringen sollen. Vielleicht lohnt es sich daher, einen genaueren Blick auf diesen Prozess zu werfen:

Zwar sind es vor allem weltumspannende Mega-Konzerne, die schließlich die Vermarktung der grünen Technologien dominieren, wie beispielsweise im Bereich der Biotechnologie und der Computertechnologie, doch entstehen die technologischen Innovationen meist in einem universitären Umfeld, dem es ohne die Kapitalinvestitionen der Konzerne an den Möglichkeiten ihrer Umsetzung mangeln würde. Wenn die Wissenschaft nicht eigentlich schon immer neben dem Staat auch kapitalkräftigen Unternehmen gedient hat, so wurden spätestens ab der Mitte des 20. Jahrhunderts die Grundlagen dafür gelegt, dass wissenschaftliche Forschung in verschiedenen Bereichen zukünftig unmittelbar der Wirtschaft dienen könne. Heute spielen in diesem Prozess vor allem Startups eine bedeutende Rolle. Jungen und älteren Wissenschaftler*innen, die in einem bestimmten Bereich eine Innovation entwickeln, steht dabei im Umfeld von vielen Universitäten ein Netzwerk zur Verfügung, das einerseits Kontakte zu industriellen Investor*innen herstellt und andererseits für die Investor*innen jene Ideen herausfiltert, die sich für sie als besonders nützlich erweisen könnten. Um ganz gezielt Innovationen in einem bestimmten Bereich entwickeln zu können, rufen diese Netzwerke in Zusammenarbeit mit Unternehmen häufig auch Wettbewerbe aus, in denen Wissenschaftler*innen und Startups darum konkurrieren, eine Lösung für ein spezifisches Problem zu entwickeln. Auf diese Weise werden Startups befähigt, ihre Ideen umzusetzen und wenn sie damit Erfolg haben, so werden sie entweder von ihren Investor*innen aufgekauft oder aber man hat sich durch Lizenzverträge, etc. schon vorher das Recht gesichert, von diesen Innovationen zu profitieren. Tatsächlich kommen Innovationen heute in vielen Branchen, auch jenen, die für die grüne Technologie von besonderer Bedeutung sind, auf diese Art und Weise zustande. Die weniger etablierten und meist schlechter geschützten Startups könnten also neben wissenschaftlichen Laboren, Think Tanks und Forschungseinrichtungen einen geeigneten Angriffspunkt bieten, um die industrielle Manifestation wissenschaftlich-technologischer Entwicklungen an ihrem schwächsten Punkt anzugreifen.

Die Wissenschaft anzugreifen, das vermag zwar möglicherweise die Innovationskraft des grünen Kapitalismus einzudämmen, jedoch nicht notwendigerweise zu einem ebenso notwendigen Produktionsstopp beitragen. Dass nur die Arbeiter*innenklasse durch einen Generalstreik einen solchen Produktionsstopp auslösen könnte ist für jene, die es sich nicht zur Aufgabe machen wollen, ihr Leben dem Aufbau einer kaum weniger monströsen Maschinerie der Organisation irgendeines vermeintlich revolutionären Subjekts zu widmen – was nicht bedeutet, dass man sich nicht für soziale Konflikte interessieren würde –, ebenso unbefriedigend wie es ein Mythos ist. Die heutige global vernetzte und oft computergesteuerte industrielle Produktion ist von einer Reihe fragiler Infrastrukturen abhängig. Während schon der lahmgelegte öffentliche Nahverkehr in Städten in der Vergangenheit wiederholt dazu führte, dass die Produktion in den noch nicht roboterisierten Werken der Industrie ins Schwanken geriet und teilweise zumindest tageweise einbrach (anschließend wurden meist Shuttlebusse für die Arbeiter*innen in die Fabriken organisiert), sind es vor allem die Versorgung dieser Werke mit Energie (Strom), ihre Anbindung an das kybernetische Netz (immer mehr wird die Auftragssteuerung der Produktion aus der entlegenen Konzernzentrale erledigt) und die Versorgung mit den nötigen Rohstoffen und Zwischenprodukten (Logistik). Wird die dafür notwendige Infrastruktur (Stromnetz, Internet, Güterschienennetz, sowie der Güterverkehr auf Autobahnen) empfindlich gestört, so wird auch die von der jeweiligen Störung betroffene Produktion ausfallen. Der auf der Hand liegende Vorteil einer solchen Fokussierung auf die Infrastruktur anstelle der einzelnen Produktionsstandorte ist, dass durch großflächig verursachte Ausfälle, die sich mit verhältnismäßig geringem Aufwand erzielen lassen, ganze Cluster der industriellen Produktion ausfallen, während Angriffe auf ein einzelnes Werk nur mit einem bedeutend größeren Aufwand zu bewerkstelligen sind und in ihrem Effekt oft hinter ersteren zurückbleiben.

Ungeachtet der konkreten strategischen Ausrichtung (deren ausführliche Diskussion sicherlich anderswo fortgesetzt werden wird) des Kampfes gegen die industrielle ökologische Zerstörung und ihre sozialen Katastrophen ist für mich klar, dass nur die totale Zerstörung der Industrie, des Staates und jeder anderen Organisationsform der Herrschaft inklusive ihrer Wissenschaft und Technologie die Grundlage für ein Leben in Freiheit legen kann. Mein Handeln auf irgendein anderes Ziel einzustellen, bedeutet in die Fallen jener zu tappen, die verstanden haben, einen Teil der ökologischen Zerstörung zu beklagen, während sie jenes dafür verantwortliche System weiter am Leben erhalten, von dem sie auf die eine oder andere Art selbst profitieren.


[1] Ganz so stimmt das natürlich nicht. Weil wir es hier trotz aller politischen Motivationen immer noch mit Wissenschaftler*innen zu tun haben, gibt es natürlich kein genaues Weltuntergangsdatum. Vielmehr beinhaltet die Studie eine Reihe von Szenarien, die ganz unterschiedliche Verläufe vorhersagen und nicht in allen – auch das ist Teil des politischen Spektakels – geht die Welt unter… Aber es ist ja offensichtlich was der Zweck des Ganzen ist.

Der kybernetisierte Eugenismus der Reproduktionsmedizin

Eine Betrachtung anhand der jüngsten Normalisierungsbestrebungen der Trisomie 21-Pränataltests

Im Windschatten der jüngsten genetischen Offensive flächendeckender Genetik-Impfungen gegen Corona hat sich bereits ein neues Bündnis aus Ärzt*innen, Politiker*innen und anderen Bevölkerungsmanager*innen gebildet, um die nächste Angriffswelle dieser Offensive zu planen: Durch die geplante Etablierung eines pränataldiagnostischen Trisomie 21-Bluttests als Kassenleistung soll dieser Methode der modernen Eugenik der Boden bereitet werden, um künftig flächendeckend angewandt zu werden. Das dabei stets unausgesprochen im Raum stehende Ziel: die vollständige Ausrottung von Menschen mit Trisomie 21 – pränatal, versteht sich.

Das Krankheitsbild des Mongoloiden?

„Du Mongo“, eine meinerzeiten in einem durchaus rassistisch angehauchten Dorfslang irgendwo in Deutschland durchaus noch gängige Schulhofbeleidigung, die darauf abzielt, einer Person ein angeblich typisches Verhalten von Menschen mit Trisomie 21 zu attestieren, dürfte gerade in den politisch korrekteren Millieus dieser Gesellschaft heutzutage zumindest mit Schnappatmung aufgenommen werden. Hat doch die WHO schon im Jahre 1965 beschlossen, die Bezeichnung des Down-Syndroms lieber nach seinem Erfinder – ja, Erfinder, nicht Entdecker, darauf lege ich Wert – zu richten, als nach dessen Beschreibung als „Mongoloide Idiotie“ und dem daraus abgeleiteten „Mongolismus“. Wozu also an dieses vermeintlich abgeschlossene Kapitel der Medizingeschichte erinnern? Nun, vielleicht weil es eine Art unbequemer Fetisch von mir ist, bei den passendsten und unpassendsten Gelegenheiten an die Genese wissenschaftlicher Vorstellungen und technologischer Entwicklungen zu erinnern. Aber vielleicht auch – und die Entscheidung darüber überlasse ich durchaus dir, liebe*r Leser*in –, weil sich weder wissenschaftliche Vorstellungswelten noch Technologien von ihrem Entstehungshintergrund trennen lassen, weil – wie eigentlich immer – sprachliche Reformen die dahinterliegenden rassistischen, sexistischen, ableistischen, sozialdarwinistischen, usw., materiellen Verhältnisse eben nicht zu beseitigen vermögen, sondern diese nur immer weiter verschleiern und zugleich manifestieren. Also lasst uns einen kurzen Blick darauf werfen, wie es einst dazu kam, dass ich auf dem Schulhof damals als „Mongo“ bezeichnet wurde, wann immer mein vermeintliches oder tatsächliches Anderssein unterstrichen werden sollte [1].

1866 beschreibt der Arzt und Apotheker John Langdon Down in einem Artikel mit dem Titel „Observations on an Ethnic Classification of Idiots“ (dt. etwa „Beobachtungen zu einer ethnischen Klassifikation von Idioten“)  erstmals das, was heute als das nach ihm benannte Down-Syndrom oder auch Trisomie 21 beschrieben wird, als den „mongolischen Typ“ der von ihm beobachteten Idiotie, weil ihn die Erscheinung dieser Kinder an die rassenkundlich als „Mongoliden“ beschriebenen Menschen erinnert. Nun erscheint es mir überflüssig, eine ausführliche Kritik an der damals durchaus verbreiteten rassistischen Einteilung der Menschen in Rassen und ihrer gesellschaftlich-politischen Motivation zu wiederholen. Diese kann in der einen oder anderen Ausprägung hoffentlich vorausgesetzt werden. Und doch muss es vor diesem Hintergrund auf den ersten Blick verwundern, vielleicht sogar verstören, wie es gekommen sein mag, dass das Krankheitsbild des „Mongoloiden“ nicht mitsamt diesen Theorien über Bord geworfen wurde?

Erst einmal jedoch bekommen es die „Mongoloiden“ in Deutschland und anderswo mit den Eugeniker*innen – oder, auch nur ein anderer Begriff, den Rassenhygieniker*innen – des 20. Jahrhunderts zu tun. Es kann hier nur skizzenhaft in Erinnerung gerufen werden, dass sowohl die sogenannte „Kinder-Euthanasie“ von 1939 bis 1945, die Aktion T4 von Januar 1940 bis August 1941, die von 1941 bis 1944 in KZs durchgeführte „Sonderbehandlung 14f13“ und die in Nachfolge von Aktion T4 verübte Aktion Brandt alle explizit auch die Vernichtung von Fällen mit „Mongolismus“ vorsah, ebenso wie das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1934 die Zwangssterilisierung auch von Menschen mit Trisomie 21 vorsah, die in der Folge auch mit brutaler Gewalt durchgeführt wurde. Aber es ist nicht nur die Eugenik des Nationalsozialismus, die Menschen mit Trisomie 21 vernichtet und zwangssterilisieren lässt: In der Schweiz, den USA, Kanada, Skandinavien, finden ab den 1870er, 1900er bzw. 1920er Jahren Zwangssterilisationen immer auch an „Mongoloiden“ statt und bis heute können Menschen mit Trisomie 21, denen die Mündigkeit abgesprochen wird, gegen ihren Willen zwangssterilisiert werden.

Nach dem militärischen Sieg über den Nationalsozialismus und dem Imageverlust, den die weltweite Eugenikbewegung in diesem Zusammenhang erleidet, ist es ausgerechnet die aus der Eugenik hervorgegangene (Human-)Genetik, deren Vertreter*innen Marthe Gautier, Raymond Turpin und Jérôme Lejeune 1959 eine genetische Ursache für den „Mongolismus“ auszumachen glauben, nämlich eine Verdreifachung des 21. Chromosoms (Trisomie 21). Dass die namentliche Referenz auf die von vielen Wissenschaftler*innen der Genetik weiter rezipierte Rassenlehre im Jahre 1965 durch die WHO abgeschafft wird, ist dabei reine Formsache, bleibt doch das Verständnis der „Krankheit“ im wesentlichen das gleiche, von Down erstmals beschriebene.

Ein kurzer Abriss über die Pränataldiagnostik

Es ist freilich ebenso müßig darüber zu streiten, ob Trisomie 21 nun eine „Krankheit“ ist oder eine Abweichung von der Norm – was ja gewissen Definitionen nach ohnehin das selbe ist –, wie darüber, ob die vermeintliche genetische Ursache für die „schweren“ Fälle von Down-Syndrom – denn die „leichten“, da sind sich ja selbst die Mediziner*innen einig, sind ja gar nicht (allzu) normabweichend –, angesichts aller abweichenden Auftreten, als tatsächliche Ursache wissenschaftlich überhaupt in Frage kommt. Beides wäre eine innermedizinische Debatte, zu der ich alles andere als beitragen will. Und doch halte ich es für relevant hier zumindest ins Spiel zu bringen, dass wo immer wir es mit genetischen „Erkenntnissen“ zu tun haben, diese weniger kausale Beziehungen, sondern vielmehr statistische Relationen beschreiben – oder anders ausgedrückt: Entgegen ihrem agressiven, besserwisserischem und hochnäsigen Auftreten nach außen ist sich die Genetik (manchmal) durchaus der Tatsache bewusst, dass sie nichts als eine Wissenschaft des Nichtverstehens ist, sprich, dass man zwar in der Lage ist zu zählen – bzw. das informationstechnische Orakel Computer erfolgreich um Zählung zu bitten –, welche genetischen Eigenschaften wie oft mit den äußerlichen/körperlichen Merkmalen von Interesse gepaart auftreten, dass man aber darüber hinaus nicht besonders viel versteht. Man mag damit nun anfangen was man will, da es nicht in meinem Interesse liegt, genetische Manipulationen und Klassifikationen vorzunehmen, kann es mir auch egal sein. Stattdessen will ich lieber einen kurzen Abriss über pränataldiagnostische Methoden, die Auswirkungen und Begleiterscheinungen ihrer Anwendung, ihre Sinnfrage und die hinter ihnen stehenden Ziele darlegen.

Es gibt keine medizinische Heilung für genetische „Krankheiten“, die mithilfe von Pränataldiagnostik festgestellt werden, weder für Trisomie 21, noch für irgendeine andere feststellbare Abweichung von der medizinischen Norm. Das wirft die Frage danach auf, warum pränatale Untersuchungen überhaupt durchgeführt werden, was ihr Zweck ist, denn einige – eigentlich sogar alle – Methoden bergen darüber hinaus, dass sich mit ihren Resultaten eigentlich nichts anfangen lässt, zudem das Risiko, die schwangere Person oder den Fötus zu schädigen. Der einzige medizinische Zweck, der mit Pränataldiagnostik also verfolgt wird, ist der, im Falle einer festgestellten genetischen „Krankheit“ einen Abbruch der Schwangerschaft zu forcieren. Selektion also, oder, wenn man die medikalisierte Schwangerschaft einmal als einen entscheidenden Schritt der Produktion neuer Subjekte betrachtet, „Qualitätskontrolle“: Die guten, das heißt die genetisch „normalen“ Föten verbleiben im Mutterleib, die schlechten, das heißt die genetisch divergierenden Föten sollen abgestoßen werden. Zumindest innerhalb der herrschenden Moral ist dies die letzte Gelegenheit, eine Selektion vorzunehmen, da jede spätere Selektion als Mord gelten würde. Aber selbstverständlich können sich solche moralischen Maßstäbe auch in kürzester Zeit ändern, was etwa die Euthanasie des Nationalsozialismus beweist. Jene pränatale Selektion ist also der einzige medizinische Zweck der Pränataldiagnostik, allerdings kann er bislang unmöglich als solcher stehen bleiben. Wie schon der Euphemismus „Euthanasie“, was so viel heißt wie „schöner Tod“ ein eliminatorisches Interesse an der Tötung von Menschen mit Behinderungen, bestimmten Erkrankungen, Psychiatriepatient*innen oder schlicht nicht mehr arbeitsfähigen KZ-Häftlingen hinter der offensichtlichen Projektion verschleiern sollte, dass es für diese Personen weniger Leid bedeuten würde, zu sterben, als weiterzuleben, werden heute ebenfalls diverse, wohlklingende Interessen vorgeschoben, die die pränatale Selektion aufgrund einer pränataldiagnostischen Indikation vernünftig, logisch und vor allem als scheinbar beste Option erscheinen lassen: das Interesse bzw. manchmal sogar das „Recht“ werdender Eltern ein „gesundes“ Kind zur Welt zu bringen (als ob man irgendwelche Rechtsansprüche an natürliche Prozesse stellen könnte, aber das zeigt vielleicht auch, wie weit die Medikalisierung und damit Verdinglichung der menschlichen Reproduktion bereits vorangeschritten ist), das Interesse des zukünftigen Kindes „gesund“ – mit allen faschistischen Implikationen dieses Begriffs – zu sein, das Interesse werdender Eltern nicht „die Bürde tragen“ zu müssen, ein be_hindertes Kind aufziehen zu müssen oder das Interesse des werdenden Kindes nicht „die Bürde tragen“ zu müssen, als Be_hinderte*r leben zu müssen, usw., usw. – diese Art der Argumentation kennt scheinbar keine Grenzen. Einige dieser Interessen, wie diejenigen an „Gesundheit“ sind offensichtlich rein konstruiert, andere dagegen, etwa „die Bürde“ der Aufzucht eines be_hinderten Kindes oder „die Bürde“ als Behinderte*r in dieser behindertenfeindlichen Welt zu leben, lassen sich nicht vollständig verleugnen, werden allerdings oft aufgebauscht und ihre Ursachen insofern verkehrt, als dass nicht die Gesellschaft, der Staat, der Kapitalismus, die Zivilisation, die jene Lebensbedingungen schaffen, die feindlich für jedes Leben sind, das sich nicht in ihrer Logik verwerten lässt, als solche gelten, sondern die Tatsache, dass das Kind genetisch „defekt“ wäre.

Indem also jene Interessen – die rein konstruierten, ebenso wie diejenigen, die einen realen Kern haben, aber außen vor lassen, dass ihre Ursache nicht in der genetischen Abweichung des Fötus liegt – in den Vordergrund gerückt werden und als Gründe dafür angepriesen werden, warum Schwangere sich einer pränatalen Diagnostik unterziehen sollten, tritt der Zweck der genetischen Selektion in den Hintergrund und gerät gewissermaßen in Vergessenheit – zumindest so lange, bis ein positives Testergebnis auf beispielsweise Trisomie 21 vorliegt. Dann erwacht der eugenisch-medizinische Apparat zum Leben und wird sein möglichstes tun, die Schwangere, bzw. nicht nur sie, sondern oft auch ihre*n mögliche*n Partner*in, je nach Alter auch Eltern und manchmal sogar eine*n Vormund in sogenannten Humangenetischen Beratungen penibel darüber „aufzuklären“, was dieses Testergebnis nun bedeutet, sowie was die Konsequenzen einer solchen „Risikoschwangerschaft“ wären. Auf diese Humangenetischen Beratungen werde ich später noch ausführlicher zurückkommen. Zuvor will ich noch einen kurzen Blick auf die Entstehung der Präntaldiagnostik und einige Beispiele von Auswirkungen ihrer Anwendung werfen.

Exkurs: Eine kurze Geschichte Pränataldiagnostischer Methoden

Die wohl älteste Methode der modernen Pränataldiagnostik, die in Deutschland beispielsweise durch die „Mutterschaftsrichtlinien“ während einer Schwangerschaft drei Mal vorgesehen ist, ist die Ultraschalluntersuchung. Sie zählt zu den sogenannten „Nicht-invasiven Pränataltests“ und ermöglicht im Wesentlichen lediglich die äußere, bildliche Betrachtung des Fötus und die augenscheinliche Untersuchung auf Fehlbildungen. Zudem ermöglicht sie die Feststellung des Geschlechts anhand von primären Geschlechtsorganen. Auch wenn Ultraschalluntersuchungen als verträglich gelten, sind mögliche Gewebeschädigungen durch Wärmeentwicklung und Kavitation nicht vollständig auszuschließen. Die Möglichkeit der Ultraschalluntersuchung, bereits vor der Geburt das Geschlecht festzustellen, führte innerhalb patriarchaler Gesellschaften gelegentlich dazu, dass weibliche Föten aufgrund ihres Geschlechts abgetrieben wurden. Teilweise kam es wohl aufgrund von flächendeckend angewandten Ultraschalluntersuchungen in bestimmten Regionen wie beispielsweise China, Indien, Südkorea oder in Ländern der ehemaligen Sowjetunion, so vermehrt zu geschlechterselektiven Schwangerschaftsabbrüchen, dass dort ein signifikantes Ungleichgewicht an geborenen Mädchen im Verhältnis zu Jungen herrscht(e).

Um die 1980er Jahre kamen die ersten, sogenannten invasiven Pränataltests zur Anwendung, die im Grunde allesamt auf genetischen Untersuchungen von fetalem Zellgewebe basieren. Dieses Gewebe kann auf verschiedene Arten entnommen werden, bei denen die Meinungen darüber auseinandergehen, wie riskant diese sind. Gängigen Schätzungen zufolge kann es bei 0,3 bis 1 Prozent dieser Untersuchungen zu Fehlgeburten kommen. Andere Schäden von Schwangerer und werdendem Kind aufgrund solcher Eingriffe lassen sich kaum abschätzen. Untersucht werden kann das entnommene Gewebe schließlich auf verschiedene genetische Auffälligkeiten, von denen man annimmt, dass sie bestimmte Erbkrankheiten (beispielsweise Akrozephalosyndaktylie) verursachen würden, sowie auf chromosomale Eigenschaften wie Trisomie 21, Trisomie 13, Trisomie 18, Trisomie 8 oder Trisomie 9 getestet werden – selbstverständlich immer auch mit einer gewissen Fehlerwahrscheinlichkeit. Ein Beispiel für eine flächendeckende eugenische Anwendung solcher Tests lässt sich in Zypern finden. Die dort verbreitete, vererbte Bluterkrankung Thalassämie wird seit den 80er Jahren durch pränataldiagnostische Methoden und genetisches Screening bekämpft. Eine Abtreibung bei entsprechender Indikation, sowie Pränataltests und ein genetisches Screening sind dort kostenlos. Rund 50 Schwangerschaften werden jährlich aufgrund der Diagnose einer Thalassämie abgebrochen. Seit 1983 verlangt die Kirche, die bekanntermaßen gegen Abtreibungen – egal aus welchem Grund – ist, dass sich alle Brautpaare vor der Hochzeit einem genetischen Screening unterziehen und an einer humangenetischen Beratung teilnehmen. In den letzten Jahren hat dort auch die Anzahl von In-vitro-Fertilisationen zugenommen, wobei mithilfe von genetischer Präimplantationsdiagnostik Embryos ausgesondert werden, bei denen eine Thalassämie feststellbar ist. Was bei all dem bemerkenswert ist: Eine Thalassämieerkrankung ist medizinisch behandelbar. Die Behandlung gilt aber als aufwändig und teuer. Die ab den 1970er Jahren einsetzende Propaganda der Eugenik zur Eliminierung dieser Krankheit wurde durch das angeblich drohende Szenario eines kollabierenden Gesundheitssystems bei zu vielen dieser Krankheitsfälle begründet.

Als eine nicht-invasive Variante derartiger Tests kommen neuerdings sogenannte NIPT-Verfahren (Nicht-invasiver Pränataltest) zur Anwendung, bei der der Schwangeren eine Blutprobe entnommen wird, in der sich ab der 10. Schwangerschaftswoche fötale DNA-Fragmente befinden, an denen diese Tests durchgeführt werden können. Damit entfällt das Risiko einer Fehlgeburt und es bleibt nur das allgemeine, nicht zu unterschätzende Risiko einer Blutentnahme – nicht sterile Nadeln und die durch sie übertragene Krankheiten gehören zu den häufigsten „Kunstfehlern“ in der Medizin. Ein 2012 auf den Markt gekommener, solcher Bluttest auf Trisomie 21 führte in zahlreichen Ländern zu einem dramatischen Anstieg von Abtreibungen in den Fällen, in denen er positiv ausfiel. Teilweise ist von Abtreibungen in bis zu 90% aller Fälle einer entsprechenden Indikation die Rede.

Die Eugenik Humangenetischer Beratungen und weitere kybernetische Stellschrauben der genetischen Selektion

Humangenetische Beratungen, auch wenn sie erst von Sheldon C. Reed 1947 so benannt wurden, waren in der einen oder anderen Form seit jeher ein Instrument der sogenannten positiven Eugenik, also jenes Zweiges der Eugenik, der versucht, seine Ziele durch die Förderung von aus Sicht der Eugeniker*innen erstrebenswerten Erbanlagen zu erreichen. Sie richten sich in der Regel an Paare und „beraten“ diese anlässlich eines Kinderwunsches oder schlicht in Erwartung eines Kindes hinsichtlich der erblichen Anlagen, wobei aus Sicht der Eugeniker*innen die Vermehrung „positiver“ Erbanlagen erstrebenswert ist, „negative“ Erbanlagen dagegen vermieden werden sollen, und diesen folglich die genetische „Kompatibilität“ der Paare am Herzen liegt, auch wenn genau jenes Vokabular den zahllosen psychologisch-pädagogischen Handreichungen, Lehrbüchern, Richtlinien und Empfehlungen zur Durchführung humangenetischer Beratungen zufolge lieber vermieden werden sollte. Positive Eugenik, auch in Form von Humangenetischen Beratungen und vor allem deren Vorläuferformen waren vor allem auch Instrumente sozialistischer Politiken sowie auch in der Frauenbefreiungsbewegung verbreitet.

Der Sozialismus und insbesondere seine real existierenden Abarten hatten es sich zum Ziel gesetzt, einen „neuen Menschen“ zu erschaffen. Die Eugenik als eine Disziplin der Zucht von Menschen schien dabei eines von mehreren attraktiven Instrumenten zu sein, dieses Ziel zu erreichen. Kreuzungsversuche zwischen Mensch und Affen – deren politische Zielsetzung die Schaffung von Arbeitern für niedere Aufgaben, ebenso wie von Soldaten, die gewissenlos(er) verheizt werden konnten, zu sein schien und deren koloniale Geschichte sicher einer eigenen Betrachtung würdig wäre – wichen schnell einer Fokussierung auf die Vermehrung erwünschter Erbanlagen. Ausgehend von der künstlichen Besamung in der Zoologie entwickelten einige Eugeniker*innen um Aleksandr Serebrowski in Sowjet-Russland bereits Mitte der Zwanzigerjahre das Konzept einer Datenbank zur Erfassung des Erbguts von Proletariern. Unter anderem beabsichtigte er proletarische Frauen mit den Samen „herausragender Persönlichkeiten“ aus der Kaste der Parteibonzen künstlich zu besamen um so eine zukünftige Generation an Führungspersönlichkeiten zu züchten. In der Praxis berieten Serebrowski und sein Team beispielsweise Familien von Epileptikern bei Heirat und Schwangerschaft und vermittelten Abtreibungen und Sterilisationen.

Das politische Ziel der Eugenik Sowjetrusslands bestand darin, die Bevölkerung so anzupassen, dass künftige „Fünfjahrespläne in der Hälfte der Zeit zu erfüllen seien“, Serebrowski selbst beabsichtigte sogar durch künstliche Befruchtung die Reproduktion des Menschen vollständig zu kontrollieren und zu normieren und dadurch die bürgerlichen Familienstrukturen zu „zerschlagen“ und „die Frauen“ zu „befreien“.

Bemerkenswert ist durchaus auch, dass sich auch manche Anarchist*innen – vornehmlich die sozialistischer Ausprägung – für positiv eugenische Beratungsangebote einsetzten.

Auch innerhalb der Frauenbefreiungsbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden bevölkerungspolitische Fragestellungen aufgegriffen und auch unter einem eugenischen Blickwinkel diskutiert. Eine einflussreiche Vertreterin eugenischer Ideen innerhalb der Frauenbefreiungsbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts war Helene Stöcker. Im Kontext ihrer Anstrengungen um eine Liberalisierung weiblicher Sexualität etwa formulierte sie wiederholt eugenische Ansichten, beispielsweise in „Eine Soziologie der Liebe und Ehe“:

So wird es [ ] die Eugenik sein, die nach dem Worte Galtons die Religion der Zukunft werden soll, die uns davor bewahrt, uns in individualistischer Anarchie selbst zu zerstören, die uns zu planvollen Baumeistern und Mitarbeitern an der Zukunft macht.

Stöcker. Eine Soziologie der Liebe und Ehe. Teil II (1914).

Lily Braun konkretisierte dabei bereits 1906 welcher „individualistischen Anarchie“ die Eugenik dabei vor allem entgegenzutreten habe, nämlich der, dass vor allem Proletarier*innen, die durch Arbeitsüberlastung und Verschleiß „nicht das beste Material zur Mutterschaft abgeben“ würden, Kinder gebären würden, während „charakterlich und geistig überdurchschnittliche“ Frauen des Bürgertums und der Aristokratie kinderlos blieben. Der in diesem Kontext diskutierte Ansatz einer „Mutterschaftsversicherung“ sollte in dieses Szenario intervenieren und binnen weniger Generationen die „Bedingungen einer wirklichen Hochzucht“ schaffen. Derartige eugenische Anleihen wurden innerhalb der Frauenbewegung zwar auch hinsichtlich der Befürwortung klassischer negativer eugenischer, d.h. staatlicher Zwangs-Instrumente, diskutiert, fanden ihre praktische Verwirklichung jedoch vornehmlich in Auskunftsbüros, Mütterheimen und Sexualberatungsstellen, in denen unter anderem nach bevölkerungsstrategischen und eugenischen Gesichtspunkten Beratungen für vorrangig proletarische Frauen angeboten wurden. Teilweise stand auch das Eintreten von Akteurinnen der Frauenbewegung für eine Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen im Zusammenhang mit eugenischen Fragestellungen. So wurde das Konzept eines „Ehegesundheitszeugnisses“ innerhalb dieses Flügels der Frauenbefreiungsbewegung durchaus wohlwollend diskutiert. So begrüßte Ruth Bré um 1905 etwa ein solches staatliches Gesundheitsattest für „unschuldige, gesunde Mädchen“, während sie zugleich die „staatlich legalisierte Verheiratung Geschlechtskranker“ scharf kritisierte. Der „Bund für Mutterschutz“, eine eugenische Institution innerhalb der Frauenbefreiungsbewegung sprach dagegen die modernere und kybernetischere Empfehlung aus, in „gegenseitiger Kenntnis eines unzulänglichen Gesundheitszustandes die Erzeugung gesundheitlich belasteter Kinder zu vermeiden.“ Dabei sollten ärztliche Atteste vor der Heirat zweier potenzieller Ehepartner*innen jene „Kenntnis eines unzulänglichen Gesundheitszustandes“ ebenso ermöglichen, wie entsprechende Angebote in Beratungsstellen.

Ebenso wie sich die Grenzen zwischen einer positiven und einer negativen Eugenik weder in der sozialistischen Interpretation, noch in der der Frauenbefreiungsbewegung klar definieren lassen und die Übergänge von „freiwilliger individueller“, letztlich aber immer moralischer Entscheidung und staatlichem Zwang stets verschwimmen, kann auch die berüchtigte Eugenik des Nationalsozialismus, die mitunter auch als Rassenhygiene bezeichnet wird, keineswegs ausschließlich als staatlich zwangsweise verordnetes Programm aus Zwangssterilisierungen und -abtreibungen, Euthanasie, Vernichtung unwerten Lebens im Allgemeinen und genozidalen Säuberungsbestrebungen begriffen werden. Förderprogramme für „arische“ Elternschaft, etwa das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter, das in Bronze (4-5 Kinder), Silber (6-7 Kinder) und Gold (8 und mehr Kinder) an „erbgesunde“, „anständige“, „sittlich einwandfreie“ Mütter verliehen wurde, wenn beide Eltern der Kinder „deutschblütig“ und „erbtüchtig“ waren, die Einführung des Muttertags im Jahre 1934, sowie der staatlich geförderte Verein „Lebensborn e.V.“, der nicht nur als „arisch“ geltende Kinder aus besetzten Gebieten verschleppte, sondern auch anonyme Entbindungen für unverheiratete schwangere Frauen und Mädchen mit anschließender Freigabe der Kinder zur Adoption an Famlien von SS-Angehörigen ermöglichte, sind Instrumentarien einer positiven Eugenik, die die „freiwillige“ – wenn vielleicht auch unter moralischem, politischem, wirtschaftlichem, usw. Druck erwirkte – Einwilligung der Bevölkerung voraussetzt. Beratungen, die deutsche Bürger*innen unter dem Gesichtspunkt einer rassenhygienischen Politik bei der Wahl ihrer Ehepartner*innen beriet oder die schwangere Frauen zu Abtreibungen drängten, wenn solche Kriterien nicht erfüllt waren, gehörten selbstverständlich ebenfalls zu diesem Repertoire, so wie auch die Anbahnung von Ehen zwischen Mitgliedern der rein „arischen“ Hittlerjugend und denen des ebenso „arischen“ Bund Deutscher Mädel gefördert wurde.

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Mit der spätestens seit den 70er Jahren einsetzenden, allumfassenden Medikalisierung der Schwangerschaft werden auch diverse pränatale Untersuchungen zum Normal bzw. zur gesetzlichen Vorschrift. Der 1961 eingeführte „Mutterpass“ (in Österreich „Mutter-Kind-Pass“) dient dabei als ein Ausweisdokument, das all diese Untersuchungen festhält und sämtlichem involvierten medizinischem Personal zugänglich halten soll. Nicht nur wird der Körper der Schwangeren so umfassender enteignet, als dies ohnehin auch ohne einen solchen Pass schon der Fall wäre, sondern auch die Ergebnisse von pränataldiagnostischen Methoden werden so auch jenem medizinischen Personal zugänglich, das nicht mit ihrer Durchführung betraut war. Wiederholte Empfehlungen, eine humangenetische Beratung im Falle einer positiven Indikation einer erblichen Erkrankung in Anspruch zu nehmen und der daraus resultierende soziale Druck sind nur ein Nebenprodukt dieses umfassenden medizinischen Kontrollinstruments.

In den sogenannten Mutterschaftsrichtlinien, die vom „Gemeinsamen Bundesausschuss über die ärztliche Betreuung während der Schwangerschaft und nach der Entbindung“ erlassen werden, sind dabei diverse pränatale Untersuchungen vorgegeben, denen eine Schwangere im Verlauf ihrer Schwangerschaft unterzogen werden soll, sowie unter welchen Vorraussetzungen diese Untersuchungen stattfinden sollen. Dass die (schwangere) Frau dem Vater bloß „Schoß, Behältnis, Gefäß, Brutkasten“ sei, um den „Samen als Gestalter des Lebens“ aufzunehmen (Aristoteles) ist der heutigen Medizin eine von der Zeit überholte Vorstellung. Die moderne Medizin hat heute selbst die Rolle des Vaters – und fürsorglich gegenüber dem werdenden Kind, paternalistisch eben, das ist sie in der Tat, daran kann gar kein Zweifel bestehen – eingenommen und jenen zu einem Zuchthengst gemacht, der mal eine Frau, mal wie in der Zoologie auch, eine Attrappe begattet, um den eigentlichen Akt der Zeugung später den Mediziner*innen im Labor zu überlassen. Hat sich also endlich doch Valerie Solanas Vorstellung der Reproduktion durchgesetzt? Kaum, denn entgegen manch – immer schon naiver – feministischer Erwartung, dass durch die Medikalisierung und Technologisierung der Reproduktion die Frauen befreit würden, schließt sich die aristotelische Betrachtung der Frau als Brutkasten eben keineswegs damit aus, dass auch der Vater entthront wird.

Und so saugen die Ärzt*innen der Schwangeren ihr Blut aus, allerdings nicht um es zu trinken – wobei, wer weiß schon, was hinter den geschlossenen Labortüren vor sich geht, jaja vielleicht ist das das Geheimnis um die Obsession, die Ärzt*innen für Blut zu haben scheinen, wer weiß –, sondern um damit allerlei Tests zu machen. Auf Typhus und HIV wird da getestet, sowie auf allerlei Immunitäten der Mutter. Und manchmal, dann, wenn die Ärzt*innen der Meinung sind, dass das Risiko besteht, dass da ein genetisch abweichendes Kind im Brutkasten, pardon Mutterleib, heranwachsen könnte, werden auch genetische Untersuchungen veranlasst, um dies festzustellen. Und wenn dies tatsächlich festgestellt wird, etwa eine chromosomale Anomalie wie Trisomie 21, 13, 8, usw., oder das, was mitunter als „Gendefekt“ beschrieben wird, so kann man medizinisch nichts mehr für das werdende Kind tun. Die Fürsorge der patriarchalen Medizin, sie hat ihre Grenzen erreicht; und auch wenn die Schwangere bis gerade eben noch als Brutkasten, als Gefäß, bestenfalls als Schoß betrachtet und behandelt wurde, so muss sie nun als jene, die eine solche genetische Anomalie verursacht, bzw. hervorgebracht hat, beraten werden.

Humangenetische Beratung, so nennt man diese, letzte und weitreichendste Entwürdigung, bei der man einem Eugeniker gegenübergesetzt wird, der einer im belehrenden Tonfall des Pädagogen erklärt, dass das Kind, das da im eigenen Leibe heranreift, behindert sein wird, dass die Ursachen dafür in den eigenen Genen und jenen des väterlichen Zuchttieres begründet sei, dass es also die eigene Schuld sei, sich verantwortungslos gepaart zu haben, und dass es eine Bürde wäre, die man nun trüge, dass ein behindertes Kind zur Welt zu bringen ja auch eine Last sei, geschweige denn es aufzuziehen und dass er (oder sie, das Patriarchat wird in Zeiten der Gleichberechtigung von vielen Geschlechtern verfochten) einen letzten Ausweg zu bieten habe, einen Ausweg, der weder einfach, noch moralisch einwandfrei, aber immerhin legal, sei, einen Ausweg, den zu wählen er*sie eine nicht verurteilen würde, einen Ausweg der auch dem werdenden Kind seine „Leiden“ – und ja, diese Eugeniker*innen, sie leiden tatsächlich mit jenen, die sie auszulöschen trachten, zumindest glauben sie das – ersparen würde. Und dieser Ausweg, er besteht nicht etwa darin, dass der Eugeniker nun Amok gegen seine Ärzt*innenkaste laufen und am Ende auch sich selbst eine Kugel verpassen würde, nein, dieser Ausweg besteht darin das werdende Kind mit einem Schaber aus der Gebärmutter zu kratzen und es auf den Müll zu werfen. Aber man müsse sich nicht unbedingt für den Ausweg entscheiden. Der Eugeniker kennt und empfiehlt freilich auch jene Einrichtungen, in die behinderte Kinder nach ihrer Geburt abgeschoben werden können und jene, in denen sie so oder so verwaltet werden – immerhin werden diese nicht selten von seinen Eugeniker*innenkollegen betrieben –, er weiß, wer jene Eltern, die selbst ein behindertes Kind nicht verschmähen, unterstützt, und er kann Kontakte zu anderen Eltern, die seinen Rat damals nicht befolgt haben – nein, einen Rat hat er ja nie gegeben, seine Expertise haben sie verschmäht –, herstellen, damit man sich ein ganz eigenes Bild verschaffen könne, wie es sei, „mit einem behinderten Kind zu leben“ – ja wie soll das schon sein?! Und schließlich wisse er aus eigener Erfahrung oder weil er diesem Prozess, den er ja vor allem selbst initiiert, schon vielfach beigewohnt habe, dass die nun zu treffende Entscheidung eine sehr schwere sei und da wolle er nun auch gar nicht groß hineinreden, ihm ginge es nur darum, alles genaustens zu erklären …

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Der professionelle Eugeniker mit seinen humangenetischen Beratungen, er ist jedoch nur der sichtbarste Repräsentant der zunehmenden eugenischen Ansichten in der Gesellschaft. Dass die Eltern von Kindern mit beispielsweise Trisomie 21 einem erheblichen sozialen Druck ausgesetzt sind und zwar vor, wie nach der Geburt, das muss man nicht nur als eine behindertenfeindliche Gesellschaft werten, sondern Fragen wie „Hast du das nicht gewusst?“ oder das direktere „Warum hast du nicht abgetrieben?“ müssen in ihrer eugenischen, selektierenden Dimension begriffen werden. Für die einen sind Menschen mit Behinderungen „unwertes“ Leben, andere, jene, die vielleicht ein etwas ausgeprägteres, historisches Feingefühl besitzen und für die die Bezeichnung Nazi eine Beleidigung ist, betrachten ein Leben mit Be_hinderung vielmehr mitleidig als ein leidvolles Leben. Und es bedarf angesichts der, von weithin anerkannten Sozialdarwinisten wie Singer mit geprägten, Betrachtung von Leid als kategorisch zu vermeidenden Imperativs kaum noch der expliziten Hierarchisierung des Lebens nach seiner „Wertigkeit“.

Und tatsächlich. Es mag ein Euphemismus gewesen sein, wenn die zielgerichtete Ermordung von Menschen mit Be_hinderungen als Euthanasie beschrieben wurde, aber folgt eine solche Bewertung des Lebens behinderter Menschen, bei der unterstellt wird, sie würden ein „leidvolles Leben“ führen – im Gegensatz wohlgemerkt zu all jenen, die freudvoll jeden Morgen in die Fabriken und Büros pilgern, um sich am Abend wohlig ausgelaugt zurück in ihr Heim zu schleppen und nicht selten vor dem Fernseher einzuschlafen –, und folglich eines, das zumindest von minderer Qualität sei, nicht demselben Muster? Ja, angesichts der Einrichtungen in die viele Menschen mit Be_hinderung abgeschoben werden, um besser verwaltet zu werden oder um sie ihn sogenannten „Behindertenwerkstätten“ doch noch einem produktiven Zweck zuzuführen – und sei es nur der, die einstmals von Hausfrauen übernommenen Bastelarbeiten für christliche Festlichkeiten zu erledigen, die dann von jenen wohlsituierten, politisch korrekten und sozial durch ihre Kaufkraft engagierten Hausständen käuflich erworben werden, deren Mitgliedern aufgrund ihrer Karrieren die Zeit dafür fehlt – wird doch offensichtlich, dass hinter der Kategorisierung des „behinderten“ Lebens als leidvoll nur das Interesse steckt, dieses Leben, das sich oft nicht ohne Weiteres in die produktiven Abläufe der Gesellschaft integrieren lässt, das sich zumindest nicht auf die herkömmliche, normierte Art und Weise domestizieren lässt, entweder abzutreiben oder eben abzuschieben.

Und da jenes Interesse sicherlich nicht allen Menschen unterstellt werden kann, die sich proaktiv am Aufbau des sozialen Drucks zur pränatalen genetischen Selektion beteiligen, darf dabei nicht verkannt werden, dass auch der ideologische Verblendungsrahmen, in dem die Menschen dazu gebracht werden, die simple Erkenntnis zu verdrängen, dass Menschen niemals behindert sind, sondern immer behindert werden, zumindest in der hiesigen Gesellschaft weit verbreitet ist.

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Übrigens sind es nicht nur schwangere Personen mit einer positiven Indikation einer erblichen Krankheit oder Be_hinderung, die in humangenetischen Beratungen dem neosozialdarwinistischen Gesabbel der professionellen Eugeniker*innen ausgesetzt sind. Humangenetische Beratungen richten sich auch an Menschen mit Behinderungen und manchmal auch an deren Vormunde, wobei erstere nicht selten dazu gedrängt werden, sich sterilisieren zu lassen, an Menschen mit Erbkrankheiten oder an jene, die in ihrer Familie Menschen mit Behinderungen oder Erbkrankheiten haben. Mithilfe genetischer Screenings sollen vorhandene Erbanlagen für vererbliche Krankheiten überprüft werden und im positiven Falle wird diesen Personen bei Kinderwunsch dazu geraten, eine In-Vitro-Fertilisation in Anspruch zu nehmen, bei der dann die eugenische Selektion derjenigen Embryos, bei denen die entsprechenden Gene erfolgreich ausgekreuzt wurden, schon im Labor stattfindet, während oft immer noch genug Embryonen verbleiben, um Geschlecht und Augenfarbe des zukünftigen Produkts Kind wählen zu können – auch wenn das nicht überall legal ist.

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Ohnehin ist der bevorzugte medizinische Weg der (Er)zeugung neuer Menschen heutzutage die Befruchtung im Reagenzglas. Neben den selektiven „Vorzügen“ dieser Methode wird diese heute vor allem als ein wirksames Instrument gegen Fruchtbarkeitsprobleme angepriesen, als sicherere Methode für Schwangerschaften in fortgeschrittenem Alter und nebenbei auch noch als eine Möglichkeit der praktischen „Antidiskriminierung“ beim Kinderkriegen, indem beispielsweise lesbischen Paaren das Kinderkriegen ermöglicht wird, indem trans Personen auch nach einer sterilisierenden Geschlechts-OP dank eingefrorener Keimzellen und ggf. Leihmutterschaften ihren Wunsch nach einem „biologischen“ Nachkommen ausleben können und indem Reiche vorrangig aus der westlichen Welt ebenfalls dank Leihmutterschaft „biologische“ Nachkommen bekommen können, ohne ihre allzu zerbrechlichen Körper einer Schwangerschaft auszusetzen. Ups, Moment. Letzteres streichen wir wieder von der Liste mit den antidiskriminatorischen Gründen, oder? Das ist doch allzu offensichtlich. Deshalb ist es ja zumindest in Deutschland auch verboten. Aber immerhin taugen In-Vitro-Fertilisationen den Karrierefrauen von Tech-Unternehmen unter der Bezeichnung Social Freezing als Möglichkeit der Geschlechtergleichstellung in Unternehmen. Facebook und Apple etwa bezahlen führenden weiblichen Angestellten dabei das Einfrieren und die Lagerung ihrer Eizellen, damit ein eventueller Kinderwunsch auf spätere Jahre verschoben werden kann und die Schwangerschaft und später das Kind der Karriere dieser Frauen nicht im Wege stehen. Nun, das ist eben die Patriarchatskritik der Technokraten …

Zunehmende In-Vitro-Fertilisationen – egal aus welchem Grund – haben dabei ganze Absatzmärkte für biologisches Erbmaterial geschaffen. Samen- und Eizellbanken halten global gigantische Bestände menschlicher Keimzellen verfügbar, die nur darauf warten in den Laboren der Genetiker*innen nach Wünschen der Kunden ebenso wie unter eugenischen Gesichtspunkten rekombiniert zu werden. Für eine In-Vitro-Fertilisation werden dabei standardmäßig mehrere Eizellen befruchtet. Diese werden dann mithilfe sogenannter Präimplantationsdiagnostik zahlreichen Tests unterzogen, wobei Föten mit Erbkrankheiten „ausgemustert“ und abgetötet werden. Aus den „gesunden“ Föten wird schließlich einer ausgewählt, der dann in den Uterus der Kund*in oder einer „Leihmutter“ eingepflanzt wird. Schon bei den Preisen für Samen- und Eizellspenden, ebenso wie beim Blick auf die Fragebögen, die von den Spender*innen dazu ausgefüllt werden müssen, offenbart sich der eugenische Charakter dieses Projekts überdeutlich. Die Preise für Eizellen einer weißen Studentin sind um ein vielfaches höher als die für Eizellen beispielsweise indischer Spender*innen. Die bei Abgabe von Keimzellspenden ausgefüllten Fragebögen umfassen teilweise nicht nur Fragen zu genetischen Erkrankungen im familiären Umfeld, sondern beispielsweise auch Fragen nach der genetisch nicht veranlagten politischen Gesinnung.

Auch wenn die Auswahl der entsprechenden Spender*innenkeimzellen letztlich (auch) von der*dem Kund*in abhängt, offenbaren diese Charakteristika die eugenische Gesinnung dieser Branche. Dabei gehört es wie im warenbasierten Kapitalismus auch hier selbstverständlich dazu, den Kund*innen den Eindruck zu vermitteln, dass es genau ihr individueller Wunsch sei, dem hier entsprochen werde.

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Eine ausgeprägt kybernetische und offen als solche beworbene Form der Eugenik tauchte vor einigen Jahren im Bereich des Online-Datings auf. Das von den meisten derartigen Plattformen angebotene Matching erfasst bereits in den seit Jahren verbreiteten Standardausführungen zahlreiche Eigenschaften und angebliche „Persönlichkeitsmerkmale“ teilnehmender Personen und verspricht mithilfe von künstlicher Intelligenz besonders kompatible potenzielle Partner*innen zu präsentieren. Tatsächlich beschränkte sich dieses Matching bislang jedoch zumeist auf irgendwelche Bildungszertifikate, Hobbys, Berufe, usw., bzw. in den weniger platonischen Ausführungen auf äußerliche Eigenschaften wie Haarfarbe, Alter, Größe, sowie teilweise irgendwelche mystischen Kennzahlen die Reproduktionsorgane betreffend. Der Genetiker George Church erweiterte dieses kybernetische Modell der Partnervermittlung im Jahr 2019 jedoch um eine ausdrücklich eugenische Komponente; sein Vorschlag: Mithilfe von DNA-Tests solle die „genetische Kompatibilität“ potenzieller Partner*innen in das Matching einbezogen werden, so dass sich Partner*innen bei deren möglichem Nachwuchs ein erhöhtes Risiko für bekannte Erbkrankheiten besteht, einander von vorneherein niemals kennen lernen. Die von Church und seinen Eugeniker-Kolleg*innen entwickelte App safeM8, die dieses Konzept verwirklichen will, wirbt damit, „sichere, smartere Beziehungen“ zu schaffen, indem sie die „genetische Kompatibilität“ von Partner*innen überprüft. Dabei wirbt die App damit, den Datenschutz zu wahren, indem beiden Partner*innen nur ein binäres Ergebnis angezeigt wird, also lediglich ob sie beide „genetisch kompatibel“, also „safeM8s“ wären, oder nicht; keine weiteren Details. Somit wird der gesamte eugenische-Paarungsprozess zu einer Black Box, die außer dem Computer höchstens den entwickelnden Eugeniker*innen Einblicke in seine Funktionsweise gewährt. Das perfekte Tool also, um eine ohnehin nur vermeintlich individuelle „humangenetische Beratung“ zu einem massenhaften, undurchsichtigen und vor allem zentral steuerbaren Instrument der eugenischen Bevölkerungskontrolle zu machen.

Dass die gleiche App dabei auch auf den aktuellen biopolitischen Kontrollwahn aufspringt und auch gleich anbietet, den „COVID“-Status von Partner*innen, ebenso wie den hinsichtlich sexuell übertragbarer Erkrankungen zu „verifizieren“, dürfte dabei kaum verwundern. Und selbst die Ansichten der Partner*innen hinsichtlich ihrer Gesundheit will die App miteinander in Einklang bringen. Die auf der Webseite der App präsentierten Nutzer*innenstimmen, die allerdings, wie eine winzige Fußnote erklärt, gar keine Nutzer*innen der App sind, sondern frei erfunden, feiern dieses Eugenik-Tool etwa, weil es „die Peinlichkeit, diese Themen während eines Dates aufzubringen“ vermeide. Eugenik ist also immerhin noch immer peinlich, selbst wenn es sich um ihre scheinbar selbstbestimmten Auswüchse handelt, aber wenn der Computer die Aufgabe der Selektion übernimmt, ja dann … dann sei dagegen – zumindest aus Sicht der Wissenschaftler*innen – nichts einzuwenden. Heil der Technologie!

Auch wenn es sich bei dem Projekt digiD8, zu dem – neben zahlreichen weiteren technokratischen Kontrollvorstößen in die (romantischen) Beziehungen der Menschen – auch die App safeM8 gehört, bislang noch um das Projekt eines einzelnen, durchgedrehten (aber eigentlich kaum mehr als andere) Wissenschaftlers und seines Teams handelt, lässt sich angesichts der Entwicklungen im Bereich des Online-Datings in den letzten Jahren durchaus prognostizieren, dass auch eine derart umfassende Eugenik in Zukunft zum Standardrepertoire zahlreicher Dating-Apps gehören könnte – mit angesichts beständig steigender Nutzer*innenzahlen absolut weitreichenden Auswirkungen.

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Die „selbstbestimmte“, kybernetische Eugenik der heutigen Reproduktionsmedizin entfaltet ihre Wirkung dabei vor allem im Zusammenhang mit all den übrigen Bio-Kontroll-Technologien, die insbesondere legitimiert durch das, was uns als pandemischer Ausnahemzustand verkauft wurde, im letzten Jahr einen großen Sprung nach vorn gemacht haben. War die Gesundheit der Bevölkerung immer schon etwas, was im Interesse von Staat und Kapital gemanaged und verwaltet wurde, so geschah dies – wenigstens in westlichen Ländern und global – doch nie so radikal und einschneidend wie während der immer noch nicht abgeschlossenen Episode „Covid-19“. Mit dem digitalen Impfausweis CovPass und vergleichbaren digitalen Dokumenten wird nun eines von zahlreichen kolonialen Experimenten der Bio-Kontrolle über die Grenzen der von Philantropen und Technokraten wie ihre Kolonien behandelten Gebiete hinaus, auch auf die übrige Welt ausgeweitet. Bereits zuvor sind mit flächendeckenden Impfungen eines bislang ziemlich unerforschten, gentechnischen Typs auch jene Gesundheitsexperimente erstmals auch auf die Bevölkerung in den westlichen Metropolen ausgeweitet worden. Die Kontrolle der Reproduktion ist ein weiteres Terrain der Biopolitik derselben Technokraten. Großflächige Versuche mit (Zwangs-)Sterilisierungen in Lagern, ebenso wie an verarmter und vergessener Bevölkerung in den kolonial ausgebeuteten Regionen gehören ebenso zu den Versuchen dieser Technokraten wie die individualisierten Angebote der Reproduktionsmedizin an die wohlhabendere Bevölkerung in den Metropolen der Macht.


[1] An dieser Stelle könnte ich um Missverständnisse zu vermeiden vielleicht bemerken, dass ich vermutlich keine Trisomie 21 aufweise, zumindest wurde ich meines Wissens nie darauf untersucht und trotz einer in meiner Kindheit nur allzu häufigen Peinigung durch Ärzt*innen, die alles mögliche an mir „herumdoktorten“, kam auch nie eine*r dieser Folterknechte auf die Idee eine solche Untersuchung anzustellen. Es ist auch nicht mein spezifisches Anderssein, das mit „Mongo“ hervorgehoben werden sollte, sondern vielmehr tatsächlich jede Form von – auch situativem – Anderssein gemeint gewesen. Und dass ich selbst andere nicht ebenso als „Mongo“ bezeichnet habe, das liegt vermutlich ausschließlich daran, dass ich eine in dieser Hinsicht äußerst strenge political correctness-Polizei im Elternhaus hatte.

Alles in bester Ordnung

Das zügellose Ich – und das sind wir ursprünglich und in unserem geheimen Inneren bleiben Wir’s stets – ist der nie aufhörende Verbrecher im Staate. Der Mensch, den seine Kühnheit, sein Wille, seine Rücksichtslosigkeit und Furchtlosigkeit leitet, der wird vom Staate, vom Volke mit Spionen umstellt. Ich sage, vom Volke! Das Volk – Ihr gutherzigen Leute, denkt Wunder, was Ihr an ihm habt – das Volk steckt durch und durch voll Polizeigesinnung. – Nur wer sein Ich verleugnet, wer „Selbstverleugnung“ übt, ist dem Volke angenehm.

Polizeigewalt

Als am 25. Mai 2020 der schwarze George Floyd bei einer Polizeikontrolle von den Cops getötet wird, wird in den etablierten wie weniger etablierten Medien eine vermeintlich ungewöhnlich radikale Frage diskutiert: Sollte man die Polizei nicht besser abschaffen oder zumindest radikal abbauen? „Defund the Police“, „Kürzt der Polizei die Mittel“, diese Forderung geistert durch die Medien, und Minneapolis, die Stadt, in der George Floyd getötet wurde, kündigt an ihre Polizeistruktur grundlegend umzubauen. Damit wird eine Forderung populär, die von diversen schwarzen linken Organisationen in den USA wie „Black lives matter“ oder der Initiative „A World without Police“ sowie anderen Vertreter:innen der abolitionistischen Bewegung [1] bereits seit Jahren propagiert wird. Polizei und Gefängnisse müssten erst „abgeschafft“ werden, ehe sie reformiert werden könnten, meint beispielsweise Mariame Kaba, abolitionistische Aktivistin, unter anderem Direktorin des Project NIA, einer Organisation zur Beendigung von Jugendinhaftierungen. Mehr Geld für Sozialarbeit und psychologische Krisenhilfe fordern demokratische Reformisten wie letztens auch die Grüne Jugend. Die Polizei habe zu viele Zuständigkeiten, die sich durch andere Institutionen und Ansätze besser lösen ließen, wie etwa wenn es um den Umgang mit Drogen, Obdachlosigkeit und psychischen Erkrankungen geht.
Radikalere Abolitionist:innen wie etwa A World without Police – die gleichnamige Broschüre aus dieser Initiative wird beispielsweise von ABC Wien verbreitet [2]– haben da eine größere Vision:

Die einzige Möglichkeit, Polizeigewalt zu beenden, ist die Polizei als Ganzes abzuschaffen – als Teil einer revolutionären Veränderung der Gesellschaft, die den vorhandenen Wohlstand und Ressourcen auf alle verteilt.

Die Abschaffung der Polizei und des Knastes wird dabei nicht isoliert betrachtet, sondern formuliert die Sehnsucht nach einer befreiten Gesellschaft, in der die Abschaffung der Polizei nur ein Teilaspekt eines radikal anderen Miteinanders sein soll. Teil dieser Utopie ist dabei immer die Suche nach „Alternativen“ zu Polizei und Knast, um die „Sicherheit“ und den „Schutz“ der Menschen zu gewährleisten. Ob Grüne Jugend oder A World without Police, die etwa die Polizeikräfte „durch Systeme gemeinschaftlicher Sicherheit und Konfliktlösung“ ersetzen wollen, konkreter beispielsweise durch „basisdemokratisch aufgestellte Sicherheitsteams, in denen diejenigen das Sagen haben, die auf Schutz angewiesen sind“, es braucht einen Ersatz für das, was die Polizei aktuell leistet oder leisten soll.

Doch was bedeutet das, wenn ich nach „Alternativen“ zur Polizei suche? Was ist es, was ich erhalten will? Was ist „die Polizei“ überhaupt? Wo kommt sie her, was sind die Ideen und Vorstellungen, die dahinter stehen? Gibt es da wirklich etwas, das erhaltenswert ist? Oder muss die Polizei in ihrer Gesamtheit zerstört werden? Aber was bedeutet das? Ich möchte im Folgenden versuchen, diese Fragen zu erkunden. Dabei geht es mir nicht nur darum, den propagierten Reformismus der abolitionistischen Bewegung zu kritisieren, sondern ich möchte versuchen tiefer zu gehen, der Essenz der Idee der „Polizei“ nachzuspüren und mir die Frage stellen, worauf wir uns eigentlich beziehen, wenn wir über die „Polizei“ reden, und zu entlarven, dass die „Polizei“ – nicht nur als der berühmte Bulle im Kopf – unsere Vorstellungen eines menschlichen Miteinanders so tief durchdrungen hat, dass auch eine Welt ohne Polizei in den allermeisten Fällen eine polizierte Welt sein wird.

Dabei möchte ich keine einheitliche Geschichte der Polizei erzählen, keinen Entwicklungsstrang, keine Erzählung irgendeines „Fortschritts“ oder „Antifortschritts“, sondern eher Fragmente sammeln, Diskurse und Ideen wie auch Geschichten über die Polizei und das Polizieren.

Polizeigeschichten

Der Begriff der „police“ oder „Policey“ taucht erstmals im 15. und 16. Jahrhundert im Heiligen Römischen Reich, Frankreich und England auf. Er leitete sich vom Altgriechischen ab, vom Begriff „politeia“ und ist damit mit der griechischen „polis“, den antiken Stadtstaaten, verbunden und mit dem Begriff der „Politik“ eng verwandt. „Polis“ heißt übersetzt einfach „Stadt“ oder „Staat“, was im antiken Griechenland identisch war. „Politik“ bezeichnete in den antiken Stadtstaaten all diejenigen Tätigkeiten und Fragestellungen, die das Gemeinwesen – also die Polis – betrafen. Interessant ist hier das berühmteste Werk des griechischen Philosophen Plato, die Politeia, zu betrachten. In der Politeia diskutiert Plato darüber, inwiefern Gerechtigkeit in einem idealen Staat hergestellt werden kann. In Platos idealem Staat soll die Bevölkerung aus drei Ständen bestehen: den Bauern und Handwerkern, den Kriegern oder Wächtern und den „Philosophenherrschern“. Dabei sind die Wächter diejenigen, die den Staat bewachen sollen. Sie sollen den Staat nach außen wie nach innen verteidigen – nach heutigen Begriffen sollen die Wächter also militärische wie polizeiliche Aufgaben erfüllen –, wenn auch darauf zu achten sei, dass die Wächter nicht zu unterdrückerisch gegen die eigene Bevölkerung vorgehen dürften. Den Staat zu verteidigen bedeutet bei Plato auch, eine optimierte Stabilität dieses Staates herzustellen – was etwa beinhaltet dafür zu sorgen, dass die Bürger immer in einer optimalen Anzahl an Menschen für den Staat vorhanden sind, aber auch dass kulturelle „schädliche Neuerungen“ von den Bürgern ferngehalten werden müssten, also in die Fortpflanzung der Bürger im Sinne des Staates einzugreifen und alles, das die Menschen von ihrer Subjektivierung als Bürger entfernt, von diesen fernzuhalten.

Die „Policey“ des 15. und 16. Jahrhunderts – wenn auch noch nicht allgemein definiert und teilweise unterschiedlich verwendet – umfasste meist – angelehnt an die „Politik“ der Polis – einen Zustand der guten, allgemeinen Ordnung eines Gemeinwesens sowie einer allgemeinen „Wohlfahrt“ und „Sittenaufsicht“. So wurde 1530 in Augsburg eine „Reichspolizeiordnung“ beschlossen, die neben dem, was wir auch heute noch in Strafgesetzbüchern finden, auch Dinge wie Gotteslästerung, Fluchen und Schwören, Trinken, die ständische Kleiderordnung, Trompeter und Spielleute, Betteln und Müßiggang oder den Verkauf unterschiedlicher Waren wie etwa Ingwer regelte und für die Nichtbefolgung konkrete Strafen festlegte. Dabei gab es aber noch keine Institution der „Polizei“, die dafür sorgte, dass diese Regeln eingehalten werden, sondern es gab eine Fülle an unterschiedlichen Umsetzungen und Zuständigkeiten. So hatten die Zünfte in den Städten etwa häufig eigene, konkurrierende „Polizeien“, die dann mit den städtischen Wachen in Konflikt gerieten. Vielerorts übernahmen Söldner – häufig ehemalige Soldaten – die oftmals sehr niedrig angesehene Aufgabe, andere Menschen zu drangsalieren, oft waren es auch feudale Garden und Wachen, die über die Einhaltung solcher „Ordnungen“ wachten.

Die Verteidigung des Eigentums insbesondere reisender Kaufleute und der Adligen war ein wichtiger Bestandteil früher Polizeiarbeit, der Kampf gegen „Müßiggang“ und „Bettelei“ ein anderer. In der Schweiz – wenn auch nicht nur da – spielte der Kampf gegen nicht sesshafte, umherwandernde Menschen – da deutlich schwerer kontrollierbar und eine Gefahr für Eigentum und Leben insbesondere der reichen Kaufleute und Adligen –, wie „Zigeuner“, Räuberbanden, Vaganten, Fahrende und Bettler eine wichtige Rolle für die Entwicklung der frühen Polizei. Ehemalige Soldaten sollten als sogenannte „Landjäger“ das „Gesindel“ vertreiben. Im 17. Jahrhundert übernahmen im Heiligen Römischen Reich „Vogte“, niedere Adlige, die Etablierung einer „guten Ordnung“. Wachleute und Nachtwächter übernahmen dann die Aufgaben, etwa zu kontrollieren, ob sich jemand im Wirtshaus nicht an die Tischmanieren hielt oder sich nicht seines Standes gemäß kleidete. In den USA waren die Vorläufer der modernen Polizei ab circa 1700 sogenannte „slave patrols“, Sklavenpatrouillen, die Sklavenrevolten niederschlagen und geflohene Sklav·innen wieder einfangen sollten.

Das moderne Konzept der Polizei als vom Staat bezahlte und geförderte Beamte wurde von deutschsprachigen und französischen Juristen und Beamten im 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts entwickelt. Einflussreich war Nicolas Delamares Traité de la Police von 1705, ebenso wie die von Philipp von Hörnigk entwickelte Polizeiwissenschaft. Einer der bedeutendsten Theoretisierer der Polizei ist Johann Heinrich Gottlob von Justi, der 1756 die „Grundsätze der Policey-Wissenschaft“ folgendermaßen definiert:

“In weitläuftigem Verstande begreifet man unter der Policey alle Maaßregeln in innerlichen Landesangelegenheiten, wodurch das allgemeine Vermögen des Staats dauerhaftiger gegründet und vermehret, die Kräfte des Staats besser gebrauchet und überhaupt die Glückseligkeit des gemeinen Wesens befördet werden kann.”

Aufgabe des Staates sei, dass er das größtmögliche „Glück“ für die größtmögliche Anzahl seiner Bürger ermögliche. „Polizei“ bzw. ius politiae (Polizeigewalt) erwuchs zum wichtigsten Bestandteil der einheitlichen absoluten Staatsgewalt. Die Polizei sei wichtigstes Instrument zur Gewährleistung der „Herrlichkeit“ des Staates. Sie vergrößere die Stärke des Staates, während sie diesen in guter Ordnung halte. Gleichzeitig solle sie das „Glück“ aller Staatsbürger fördern. Sie solle sich nicht nur um die Durchsetzung von Gesetzen kümmern, sondern sei auch für die öffentliche Gesundheit, die Stadtplanung und die Überwachung von Preisen zuständig – ganz im Sinne von Platos Politeia. Alle möglichen Aspekte im Leben eines Untertans wurden immer umfassender reguliert. Resultat dieser Ideen war der absolutistische „Wohlfahrtsstaat“ des 17. und 18. Jahrhunderts, heute besser bekannt und verrufen als „Polizeistaat“.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts kam Kritik am Polizeistaat auf. Der Bürger dürfe „nicht zu seinem Glück gezwungen werden“. Die Aufgabe der Polizei liege ausschließlich in der sogenannten „Gefahrenabwehr“ und der Verhinderung von Straftaten. Wohlfahrtspolizeiliche Ziele müssten dabei aber nicht etwa aufgegeben, sondern lediglich eingeschränkt bzw. an andere Institutionen ausgelagert oder anders realisiert werden. Die französische Revolution organisierte die Polizei in diesem Sinne vollkommen neu und lieferte die Basis für das bis heute bestehende Verständnis und die Organisation von Polizeiarbeit:

„Die Polizei wird eingesetzt, um die öffentliche Ordnung, die Freiheit, das Eigentum, die individuelle Sicherheit aufrechtzuerhalten. Ihre Haupteigenschaft ist die Wachsamkeit. Die Gesellschaft betrachtet als Masse ist Objekt ihrer Fürsorge.“

Umgesetzt wurde diese Beschränkung allerdings noch lange nicht, weder in Frankreich noch in deutschsprachigen Gegenden. Erst mit der Weimarer Republik wurde dies im deutschsprachigen Raum mehr oder weniger umgesetzt. Im NS erweiterten sich die Befugnisse der Polizei massiv und eine neue Form des absolutistischen Polizeistaats, der totalitäre Polizeistaat, zum „Schutz der deutschen Volksgemeinschaft“ erschaffen. Nach der Niederlage 1945 erstand die Polizei in der Bundesrepublik in der heute bekannten Form wieder auf (übrigens mit weitreichenden personellen Überschneidungen, ebenso wie es bereits beim Übergang der Weimarer Schutzpolizei zur nationalsozialistischen Polizei der Fall gewesen ist. Aber das nur am Rande). In der DDR hingegen war die Polizei nun für den „Schutz der sozialistischen Staats- und Gesellschaftsordnung“ zuständig, mit den allseits bekannten polizeistaatlichen Konsequenzen.

Polizeivorstellungen

Was können wir aus diesen Geschichten und Fragmenten herausdestillieren? Was macht die Polizei aus? Auch wenn die Polizeiidee einer Entwicklung und einem Wandel unterworfen war, denke ich, dass sich gewisse Grundvorstellungen bereits herauskristallisieren.

So gehört zur „Polizei“ grundlegend die Vorstellung eines „Gemeinwesens“ oder einer „Gesellschaft“, die Vorstellung von etwas Kollektivem also, das über dem einzelnen Individuum steht, das die an einem Ort befindlichen Menschen gänzlich und unfreiwillig umfasst und eine abstrakte Gesamtheit bildet, die durch „schädliches“ Verhalten Einzelner innerhalb oder außerhalb dieses kollektiven Gebildes Schaden nehmen könnte, was wiederum zum Schaden aller gereichen würde. Deshalb muss das einzelne Individuum diesem übergeordneten Kollektiv untergeordnet werden und eine formelle Struktur gebildet werden, etwa einen Staat, um dieses „Gemeinwesen“ zu schützen. Die Verteidigung dieser Struktur gegenüber äußeren wie inneren Feinden, die „dauerhafte Gründung und Vermehrung des Vermögens des Staates“, die Herstellung einer Stabilität dieser Struktur ist dabei ein, vielleicht auch erstes Ziel der Polizeiarbeit. Das bedeutet, dass kollektives wie individuelles Verhalten, das diese Struktur gefährden könnte, bekämpft werden muss. Das Individuum spielt dabei keine Rolle, nur die „Masse“ wird dirigiert, als entindividualisierte Zellen des „Gemeinwesens“, die verwaltet und wie Schachfiguren an die richtige Stelle platziert werden müssen. Wir können das Bild dieses „Gemeinwesens“ durchaus organisch betrachten. In Leviathan, einem äußerst einflussreichen staatstheoretischen Werk der Aufklärung, beschreibt Hobbes den Staat als einen riesigen, einheitlich handelnden Körper, zusammengesetzt aus zahlreichen Menschen, die diesen Riesen mit ihren Handlungen zum Leben erwecken. Betrachten wir den Staat als ein solches Ungetüm – und der moderne Staat ist auf jeden Fall damit halbwegs treffend beschrieben –, dann muss dafür gesorgt werden, dass seine Bestandteile, oder in der modernen Variante der Körpervorstellung seine „Zellen“ ihre Aufgaben erfüllen, die diesen Riesen zum Leben erwecken, d. h. sie können nicht die Freiheit haben zu tun und zu lassen, was sie wollen. Um seine „Zellen“ zu einer für den Leviathan notwendigen Disziplin zu bewegen, braucht es eine Identifizierung der Staatssubjekte mit ihrem Staat. Unterschiedliche Methoden können dabei angewandt werden. Eine ist die Diffamierung individueller Freiheit, des ungezügelten Ichs, als „Egoismus“ und die Propagierung der Aufgabe dieser individuellen Eigenheit zum Wohle einer abstrakten und damit beliebig mit Inhalt befüllbaren „Gemeinschaft“ – genannt „Altruismus“. Eine andere ist den dem Staat unterworfenen „Zellen“ einen Nutzen durch die Teilhabe zu versprechen.

So ist Teil der Polizei-Vorstellung auch, dass der Staat oder eine andere Struktur in der Lage seien, dieses „Gemeinwesen“ zu verbessern, indem dieser die Beziehungen von Menschen und anderen Lebewesen auf eine „gute“ Art und Weise „ordnet“ und so das „Glück“ der meisten befördern würde, der „Wohlfahrt“ dienen würde. Was „Glück“ oder „Wohlfahrt“ dabei sein soll, bestimmen natürlich jene, die in diesem Konstrukt das Sagen oder Einfluss haben, ebenso wie sie bestimmen, wer genau davon wie „profitieren“ solle und wie diese „Ordnung“ auszusehen hat. Diese „Ordnung“ wird in dieser Erzählung einem furchterregenden „Chaos“ gegenübergestellt. Hobbes etwa stellt seinen Staat einem staatenlosen „Naturzustand“ entgegen, der, gemäß seiner Vorstellung, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, als einzige Schlachterei unter den Menschen beschrieben wird – ein erstaunlicher Vergleich, schließlich wäre es zumindest mir neu, dass Wölfe ein solches Verhalten an den Tag legen würden. Nur ein Staat könne mithilfe der Errichtung eines Gewaltmonopols und durch Zwang auferlegte. für alle verbindliche Regeln, sogenannte Gesetze, diesen „Urdrang“ des Menschen bändigen. Nur durch die auferlegte Herrschaft des Leviathan, vor der sich jeder fürchte, könne jeder ohne Furcht vor seinem Nächsten leben und so erst zu Freiheit und Autonomie gelangen. Diese Verdrehung, die ich nicht anders als mit dem berühmten und überstrapazierten Satz aus Orwells 1984 , „Freiheit ist Sklaverei“ zusammenzufassen vermag, setzt sich in der beständigen Panikmache vor diversesten „Gefahren“ fort, etwa altbekannt die vor Mördern, Vergewaltigern und Kinderschändern, aber auch die vor Terroristen, Islamisten oder neuerdings die vor einem Virus. Gleichzeitig werden die Menschen davon entwöhnt, ja es wird ihnen sogar verboten, ihre Konflikte und sonstige Widrigkeiten direkt und selbst zu klären oder auszutragen. Das führt sogar so weit, dass – zumindest in Deutschland – Menschen die Cops rufen, wenn ihre Nachbarn zu laut sind, anstatt dass sie einfach selbst hingehen, um den Konflikt direkt mit diesen auszutragen. Durch diese bewusst herbeigeführte „Hilflosigkeit“ der Menschen und dem geschürten, manchmal trotzdem nicht einmal real vorhandenen „Sicherheitsbedürfnis“, das dann wiederum nur der Staat befriedigen und nur er für Schutz sorgen könne, wird dann die Unterwerfung der Individuen gerechtfertigt und sogar als Freiheit verkauft.

Polizeimethoden

Irgendwo sind alle diese Ideen einfach nur Blabla, um die Herrschaft derjenigen, die mithilfe der geschaffenen Struktur gefestigt und aufrechterhalten werden soll, zu legitimieren und die eigenen Vorstellungen, wie Menschen zu leben haben, durchzusetzen, sowie die Handlungen der dieser Herrschaft unterworfenen Menschen so zu beeinflussen oder zu bestimmen, dass sie der eigenen Machterhaltung und dem eigenen Profit dienen. Das bedeutet nicht, dass diejenigen, die die Gestaltung dieser „Ordnung“ mitbestimmen oder grundlegend setzen, nicht tatsächlich daran glauben, eine für alle „gute Ordnung“ zu entwerfen. Doch egal ob aus reiner Machtgeilheit oder aus Philanthropie, beide eint, dass sie andere Menschen in eine „Ordnung“ bringen wollen, die ihren Zielen entgegenkommt, dass also auf die Menschen Einfluss genommen werden müsse, etwa bei Plato Geburten kontrolliert und Zensur betrieben werden müsse, damit die Menschen auf eine die Ordnung aufrechterhaltende und dieser Ordnung entsprechenden Art und Weise handeln. Viele Kritiker des kapitalistischen demokratischen Nationalstaates werfen dieser Ordnung vor, das Versprechen darauf das größtmögliche Wohl für alle herzustellen, nicht zu erfüllen, und stellen ihm ihre eigene Utopie einer Ordnung entgegen, von der angeblich tatsächlich alle profitieren würden und die die größtmögliche Freiheit für alle etablieren würde.

Womit wir es bei dieser Art der Kritik also zu tun haben, ist eine Kritik an den Methoden und der Form, jedoch keine grundsätzliche Verwerfung von (An-)Ordnungsvorstellungen. Da sind sie nicht die einzigen, denn es gab immer viel Diskussion hinsichtlich der Methoden und Mittel zur Durchsetzung oben genannter Ziele und wieviel (physischer) Zwang und Strafe dabei eingesetzt werden sollte oder dürfe. Bereits Plato wollte nicht, dass die „eigene Bevölkerung“ zu sehr von den Wächtern unterdrückt werde, aber ein bisschen dann doch, kaschiert als das angeblich dialektische Verhältnis zwischen „Freiheit“ und „Sicherheit“, zwischen denen man eine optimale Balance finden müsse.

Während etwa in feudalen Zeiten „polizeiliche“ Institutionen ebenso wie Gerichte und Strafen auf die sichtbare und öffentlich zelebrierte körperliche Bestrafung verbotenen Verhaltens, auf das Schauspiel der Zerstörung des Körpers des Delinquenten setzte und die „Ordnung“ häufig mithilfe von offener physischer Gewalt durchgesetzt wurde, setzte mit der Aufklärung eine „Humanisierung“ und Subtilisierung dieser Kontrollinstrumente ein, die sich zukünftig nach wissenschaftlichen, „vernünftigen“ und demokratischen Prinzipien organisieren sollten. „Willkürliche“ Herrschaft und Strafen, die härter waren als das, was die Person verübt hatte, passte den protestantischen Aufklärern nicht. Mit der Absetzung der Aristokratie als die herrschende Klasse und der Emanzipation des Bürgers, der Bourgeoisie, als neue herrschende Klasse musste ein anderes Herrschaftsverhältnis her, eines, das vermeintlich auf Vernunft basierte. Die auch heute noch auf den Grundsätzen der Aufklärung basierenden polizeilichen Institutionen erheben den Anspruch, ihre Tätigkeit an gewissermaßen „objektiven“ Kriterien zu orientieren, die philosophisch und demokratisch entwickelt wurden, um ein Zusammenleben zu sichern, das im Sinne zumindest der Mehrheit bzw. der meistmöglichen Anzahl an Menschen sei.

Der Staat solle dabei das Instrument zur Durchsetzung dieser Vernunft sein. Dabei wird scheinbar jeder gleich machtlos angesichts verschriftlichter Vorschriften und Gesetze. Ein Cop hält sich nur an die Vorschriften, ein Richter ans Gesetz. Ein jeder orientiert sich an einer leblosen Sache, die weil sie leblos ist, als höhere Sache gilt, der man sich ja auch nur unterwirft. Ein jeder nur ein Rädchen in einem System, das vorgeblich dem Wohl aller dient. Ganz im Sinne von Hobbes‘ Leviathan. Gott – herrschaftliche Legitimationsstrategie vor der Aufklärung – heißt nun Vernunft und Wissenschaft.

Außerdem verschiebt sich der Fokus auf die „Prävention“ unerwünschten Verhaltens anstatt der altbewährten Bestrafung – „es ist besser zu verhindern, dass Verbrechen überhaupt stattfinden anstatt sie zu bestrafen“, proklamierte etwa der utilitaristische Philosoph Jeremy Bentham – ebenso wie auf die „Resozialisierung“ aka Umerziehung von Menschen, die trotzdem gegen Regeln verstoßen, unter anderem mithilfe von nicht körperlich sichtbaren Bestrafungen, die je nach „Besserungsgrad“ minimiert werden können. „Die Strafe soll, wenn ich so sagen darf, eher die Seele treffen als den Körper“, bemerkte der Aufklärer de Mably 1789.

Im 19. Jahrhundert wird in Großbritannien die Strategie des „policing by consent“ entwickelt. Angesichts von Arbeiterstreiks und -aufständen, die teilweise dadurch verschärft wurden, dass die Cops zahlreiche Protestierende niederschossen, musste eine neue Strategie her. Der Begründer der Londoner Metropolitan Police Force, ein Politiker namens Peel, entwickelte 1829 das „policing by consent“, das zustimmungsbasierte Polizieren. Diese Idee sollte revolutionäre Bewegungen in reformistische verwandeln, die in der Polizei ihren Partner und nicht ihren Gegner sehen. Die Idee dabei war, dass je mehr die Leute sich selbst polizieren, umso weniger brutale Gewalt zur Durchsetzung der Staatsordnung aufgewendet werden muss.

„Die Polizei muss die willige Kooperation der Öffentlichkeit bei der freiwilligen Befolgung des Gesetzes sicherstellen, um in der Lage zu sein den Respekt der Öffentlichkeit zu sichern und aufrechtzuerhalten… Der Kooperationsgrad der Öffentlichkeit, der gesichert werden kann, senkt proportional die Notwendigkeit offene brutale physische Staatsgewalt anzuwenden.“

So beschreibt Peel seine Idee. Die Polizei darf also nicht als von außen aufgedrückte Unterdrückungs-, Überwachungs- und Kontrollstruktur wahrgenommen werden, sondern muss als Ausdruck des Gemeinwillens, als „Bürger im Dienste des Bürgers“ angesehen werden, an Gesetze gebunden wie alle und nur gegen diejenigen vorgehend, die sich nicht an Gesetze halten. In diesem Sinne steht auch das 1926 in der Weimarer Republik geprägte – und von Heinrich Himmler begeistert wieder aufgenommene und bis heute verbreitete – Motto „Die Polizei – dein Freund und Helfer“. Peel prägte auch den Satz: „Die Polizei ist die Öffentlichkeit und die Öffentlichkeit ist die Polizei“, denn die erfolgreichste Polizei ist diejenige, die die Gesellschaft so durchsetzt hat, dass sie eins mit ihr geworden ist, wo sich die Leute von selbst an die Regeln halten, ohne darüber nachzudenken, diese als selbstverständlich betrachten und andere daran hindern, diese Regeln zu brechen.

Polizeigesellschaft

Humanismus: die Kunst einem Monster Lippenstift aufzutragen und es dazu zu bringen ganz süß zu gucken, während man ihm weiche mitleidsgefärbte Kleider anzieht; die Kunst die eigene Verteidigung einer solchen Unmenschlichkeit menschlich erscheinen zu lassen.
Good cop bad cop

Seit dem 18. Jahrhundert, also eigentlich seit Beginn der Institutionalisierung der Polizei, wird darüber nachgedacht, auf welche Art und Weise die Anwendung physischer Gewalt minimiert werden kann, ohne dabei die Kontrolle über die Bevölkerung zu verlieren, um so die Akzeptanz der bestehenden Herrschaftsstrukturen und ihrer Regeln zu steigern. Die meisten Kritiken am Polizeistaat – damals wie übrigens auch heute – beschränkten sich darauf, dass es nicht Sache einer physische Gewalt anwendenden Institution sei, gewisse Dinge zu regeln, dass das „unmenschlich“ sei, sondern dass es andere Institutionen oder Ansätze gebe, die besser für die Regelung dieser Dinge geeignet seien. Welcher Dinge? Handlungen, Beziehungen und Situationen, die die „Ordnung“ stören könnten, etwa dadurch, dass die Befriedung der Bevölkerung nicht mehr funktioniert, es also Potenzial für Revolten gibt, oder dass die Mitglieder dieser Ordnung ihre Aufgaben nicht (mehr) erfüllen (können). So ist beispielsweise der „Kampf“ gegen Armut, Drogenmissbrauch oder Obdachlosigkeit – Beispiele derjenigen, die etwa mehr Sozialarbeiter für diese Angelegenheiten anstelle von Cops fordern – Versuche das Versagen des Glücksversprechens des Staates zu kaschieren oder aufzufangen, ebenso wie Revolten aufgrund von existenzieller Not zu verhindern und andererseits mithilfe von „Resozialisierungs“programmen etwa von Obdachlosen oder Drogenabhängigen diese in den Körper des Leviathan als nützliche Zellen zu reintegrieren.

„Polizei“ als Etablierung und Aufrechterhaltung einer „Ordnung“ umfasst die Einfügung der Subjekte des Leviathans in seinen Körper. Doch was bedeutet das konkret? Ein altes Synonym zur „Policey“ ist „Mannszucht“. Heute kennen wir noch das „Zuchthaus“, die „Züchtigung“ oder „züchtig“ zu sein. Dabei sind die „Züchtigung“ oder das „Züchtigsein“ Dinge, das wir meist mit vielleicht etwas veraltet wirkenden Erziehungsmethoden assoziieren. Ob veraltet oder nicht, können wir allerdings sagen, dass Erziehung eine ganze Menge mit der Polizei zu tun hat.

part. policiert, in gute bürgerliche ordnung (polizei) gebracht, wol eingerichtet; gebildet, gesittet, civilisiert
„Polizieren“, Grimms Wörterbuch

Wer poliziert ist, ist laut Grimmschen Wörterbuch „gebildet, gesittet, civilisiert“. Jemand Unpoliziertes ist also ungebildet, unzivilisiert, ungesittet. Wer eine „schlechte Erziehung“ genossen hat – oder, in moderneren Worten ausgedrückt, „einen niedrigen Bildungsstandard hat“ –, der läuft Gefahr eher „straffällig“ zu werden, sprich ordnungsgefährdendes Verhalten an den Tag zu legen. Eine gute Bildung und Erziehung ist ein wichtiges Anliegen für den Staat. Die „Erziehung“ ist auch begrifflich eng mit der „Zucht“ verwandt. Das mittelhochdeutsche zühter und das althochdeutsche zuhtari bedeuten ursprünglich „Lehrer“ oder „Erzieher“. Die „Policey“ als „Mannszucht“ dient als lebenslange Erziehungsinstanz. Wer schon einmal in einem Gerichtsprozess saß, kennt den erzieherischen Charakter der ganzen Veranstaltung. Erziehung ist nichts anderes als die Einschränkung der Handlungen des freien, ungezügelten Individuums auf die erwünschten, die in unserer Gesellschaft die des arbeitenden Bürgers sind. Polizei ist auch Schule, Erziehen ist Polizieren.

Doch kehren wir zur „Zucht“ zurück. In Victor Hugos Roman Les Misérables – Geschichte eines Brotdiebes, der nach neunzehn Jahren Zwangsarbeit versucht ein moralisch „besserer“ Mensch zu werden, dabei einen Industriestandort gründet und Bürgermeister wird, dessen Versuche sich zu „rehabilitieren“ aber immer dann scheitern, sobald die Menschen von seiner Vergangenheit erfahren – begegnen wir einem Bischof – der Seelsorger des Protagonisten, der durch seine Freundlichkeit diesen zur Moral bekehrt –, der beim Anblick von Bauern, die Brennesseln aus dem Feld herausreißen und daneben in der Sonne verdorren lassen, murmelt:

Meine Freunde, behaltet dies, es gibt weder schlechtes Kraut noch schlechte Menschen. Es gibt nur schlechte Gärtner.

Der Bischof weiß, wie nützlich Brennesseln sind und was man alles damit machen könnte und ist betrübt über die Dummheit der Bauern. Ebenso ist der Protagonist mithilfe von Fürsorge „bekehrbar“ und kann zu einem nützlichen Mitglied der Gesellschaft werden, was aber durch sein Stigma als ehemaliger Strafgefangener immer wieder von der Gesellschaft zunichte gemacht wird. Ich finde das ganze Buch sehr bezeichnend für die Idee, die hinter der Polizei steht sowie für gängige Polizeikritiken, und speziell die Brennesselszene in diesem Kontext äußerst interessant. Die Moral von der Geschicht‘: der Protagonist, die „Brennessel“ könnte und ist ein so nützliches Mitglied der Gesellschaft, doch dadurch, dass ihm die Vergangenheit nicht verziehen wird, kann er dieses Potenzial nicht ausleben. Auf andere „liberale“ oder „emanzipatorische“ Kritiken übertragen, ist das Argument, dass jeder Mensch Fähigkeiten habe, die für die Gesellschaft nutzbar gemacht werden könnten, und die Methoden der Institution der Polizei und der Strafjustiz seien dafür häufig nicht geeignet, teilweise schüfen diese auch erst die Probleme, die sie vorgeben zu lösen. Die Polizei sei häufig „ein schlechter Gärtner“, doch durch eine Umstellung der Methoden, etwa durch Güte, könnte der Garten Gesellschaft viel mehr erblühen und seine Elemente maximal nützlich verwertet werden. Vieles von dem, was als „Unkraut“ entfernt wird, könnte sehr wertvoll für die Gesellschaft sein.

Der Garten im Gegensatz zum wilden Wald oder zur wilden Ebene ist das passende Pendant zur Gesellschaft im Gegensatz zur Freiheit, zum wilden, ungezähmten, freien „Naturzustand“, den Hobbes so verteufelt. Der Garten ist die geordnete, kontrollierte Umgebung, in dem jede Pflanze, jedes Tier danach sortiert wird, ob es für den Zweck des Gartens nützlich ist oder bekämpft werden muss. Und auch hier kann der Gärtner sich irren, Nützliches zerstören und Schaden anrichten und ihm werden andere widersprechen und andere Theorien haben, wie der Garten in seiner ganzen Pracht erblühen kann, doch der Garten selbst bleibt unangetastet. So wie der Gärtner seine Blumen und Nutzpflanzen zieht, Regenwürmer ansiedelt, einen Kompost anlegt und die Schnecken vergiftet, so wird der neugeborene Mensch ge- – pardon erzogen und kultiviert, einer guten „Zucht“ bzw. „Erziehung“ unterworfen, er wird zivilisiert und domestiziert, er wird poliziert.

So gibt es viele Institutionen, „Fachbereiche“, Vereine und akademische Fakultäten, die sich mit der optimalen „Zucht“ der Menschen beschäftigen und sich darum streiten, welcher Dünger die besten Resultate bringt. Was ist die effektivste Methode, um unerwünschtes Verhalten zu eliminieren und erwünschtes zu produzieren? Wie lege ich den Garten am besten an, um das beste Resultat zu erzielen, wie erschaffe ich den Raum, indem am besten das gewünschte Resultat zutage tritt? Die Psychologie, die Pädagogik, die Verhaltensforschung und die Sozialwissenschaft, die soziale Arbeit, die Architektur – etwa durch das Entwerfen „sicherer“ Wohnviertel – haben erstaunliche Arbeit geleistet, um die Produktion erwünschten Verhaltens zu steigern. „Sanftere“ Methoden als der Knüppel verringern bei vielen den Widerstand spürbar. Die Forschungen in diesem Bereich mögen die Erkenntnis geliefert haben, dass das Polizieren mithilfe physischer Gewalt nicht immer das geeignete Mittel zur Verhaltenskontrolle ist, sondern mehr als „Mittel letzter Wahl“ gebraucht bzw. zumindest der Anschein dessen vermittelt werden sollte. Eine Trennung der „Unverbesserlichen“, derjenigen also, bei denen subtilere Methoden der Verhaltenskontrolle nicht funktionieren, von denen, die für andere Mittel anfällig sind, isoliert diese „aufständischen“/kriminellen Elemente und macht sie so leichter kontrollierbar.

In einem Verständnis der Polizei als Kriegsführung gegen das ungezähmte Individuum zur Herstellung des Bürgers und des Arbeiters muss auch die moderne Unterscheidung von Militär und Polizei infragegestellt werden. In anderen Ländern als Deutschland mag diese Unterscheidung eh lächerlich erscheinen, in denen das Militär immer dann zum Einsatz kommt, wenn die klassische Polizei und die anderen Institutionen nicht mehr in der Lage sind, das Verhalten ihrer Bürger zu kontrollieren – eine Intervention, die sicherlich trotz aller „antifaschistischen“ Lippenbekenntnisse auch in Deutschland bei einem Aufstand zu erwarten wäre. Moderne Militärstrategiepapiere sehen in der zunehmend globalisierten Welt mit zunehmend gefestigten Nationen ohnehin in der Aufstandsbekämpfung das militärische Aufgabenfeld des 21. Jahrhunderts, Polizei- und Militärstrategien und -technologien befruchten sich gegenseitig, greifen ergänzend ineinander. Das Militär kommt dann zum Tragen, wenn eine neue Ordnung etabliert werden soll, etwa durch eine militärische Besatzung, oder um eine spürbar ins Wanken geratene Ordnung wieder zu stabilisieren, also quasi um die ursprüngliche Besatzung zu wiederholen. Doch eine Ordnung kann sich besser festigen, wenn die Besatzung nicht mehr als solche empfunden wird. Die militärische Besatzung eines Gebietes wird von den meisten als Freiheitseinschränkung betrachtet werden und entsprechenden Widerstand hervorrufen. Aufgabe einer Polizei ist es, eine solche ursprüngliche Besatzung so weit zu subtilisieren und zu etablieren, dass sie als von den Bewohner·innen eines Gebietes als erwünscht und als Garantin ihrer Freiheit wahrgenommen wird. Während das Militär zumindest in bisherigen Konflikten häufig den Krieg zwischen Staaten oder sonstigen Machtgefügen geführt hat und Gebiete neu besetzt, führt die Polizei in einem dann bereits gefestigten Staatsgefüge einen sozialen Krieg gegen die immer potenziell widerständischen Menschen innerhalb dieser Staaten.

Polizeianarchie?

da jeder nur für sich will leben,
nichts zum gemeinen nutz hingeben,
da geht zu grund all policei.
Georg Rollenhagen (1542-1609), froschmevseler.

Wenn wir Polizei als das Herstellen einer guten Ordnung betrachten, und wir davon ausgehen, dass eine Ordnung nur durch die Kontrolle über die Handlungen der in diese Ordnung eingegliederten Menschen (und anderen Lebewesen) hergestellt werden kann, dann ist natürlich auch klar, dass jeglicher Versuch, eine Ordnung jedweder Art herzustellen, beinhalten muss, das Verhalten der Menschen der erwünschten Ordnung anzupassen, es anzuordnen, also zu polizieren. Dass die Errichtung eines Gemeinwesens, einer Gesellschaft die Einrichtung einer Polizei, egal wie diese genannt werden wird, zur Folge haben wird. Dass alle Versuche und Vorschläge der Reformierung wie auch der Abschaffung der Polizei neue Polizeien errichten.

In gewissen anarchistischen Kreisen werden viele identitätsbasierte Befreiungskämpfe positiv rezipiert, die das Aufstellen „eigener Sicherheitskräfte“ als die Lösung bzw. die Alternative zur Polizei propagieren. Schillerndstes aktuelles Beispiel ist da die „Asayish“, die Institution zur Etablierung der öffentlichen Sicherheit in Rojava, die gerne als ein solches gelungenes Beispiel der „eigenen“ Sicherheitskultur beworben wird. So erklärte der Verwalter der Rojava-Asayish Ciwan İbrahim 2016, die Asayish sei eine „Sicherheitsinstitution, die sich nicht über, sondern innerhalb der Gesellschaft verorte“. Man könnte meinen Ciwan İbrahim hätte Peel gelesen, den Erfinder der britischen „Bobbies“, aber auch wenn dem nicht so ist, fällt es mir schwer irgendeinen Unterschied zum peelschen „Die Polizei ist die Öffentlichkeit und die Öffentlichkeit ist die Polizei“ oder dem deutschen „Die Polizei – dein Freund und Helfer“ zu sehen. Doch sie unterschieden sich schon von den Sicherheitskräften der Staaten, beteuert Ciwan İbrahim, denn:

Zuallerst basiert unsere Sicht auf gesellschaftlichen Problemen, nicht auf „Verbrechen und Strafe“. Was wir im Allgemeinen erreichen wollen ist nicht nur ein Individuum in einem Strafgericht zu bestrafen und so eine temporäre Lösung anzuwenden. Unser tatsächliches Ziel ist es die Ursache dieses Problems herauszufinden und sie umzudrehen, um sie ineffektiv zu machen und es zu verunmöglichen sie in ein Verbrechen umzuwandeln. Zum Beispiel wenn es ein Diebstahls- oder Schmuggeldelikt gibt, dann finden wir die Organisatoren und zerschlagen das Netzwerk.

Revolutionär neu, behauptet Ciwan İbrahim. Ich muss sagen, dass mir speziell bei diesem genannten Beispiel kein bisschen klar wird, inwiefern diese Methode sich von „kapitalistisch-demokratischen“ Polizeitaktiken unterscheidet, schließlich wäre mir neu, dass beispielsweise Interpol und jede sich mit Organisierter Kriminalität beschäftigende Polizeieinheit nicht versuchen würde, die Organisatoren ausfindig zu machen und die Netzwerke zu zerschlagen. Doch auch wenn man über dieses genannte Beispiel hinwegsieht, so ist das Ziel der Asayish, „nicht nur“ zu bestrafen, sondern auch die Grundbedingungen zur Begehung von Straftaten zu beseitigen, absolut identisch mit den Theorien zum präventiven Polizieren aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die Behauptung Ciwan İbrahims in den kapitalistischen Demokratien gehe es um nur um das Bestrafen von „Verbrechen“, ist einfach falsch, und wie wir gesehen haben geht es im modernen Polizeiverständnis ganz viel auch darum die Bedingungen zur Begehung von Straftaten zu eliminieren.

Zur Frauen-Asayish, die als das besondere Element der Asayish propagiert wird und die sicherlich auch denen gefällt, die sich wünschen, dass „Sicherheitsteams“ von denjenigen gestellt werden, die „auf Schutz angewiesen sind“ – wie es etwa die vom ABC Wien beworbene Broschüre „Eine Welt ohne Polizei“ vorschlägt –, möchte ich gerne mal ganz ketzerisch die Geschichte von der Weiblichen Kriminalpolizei (WKP) in Deutschland erzählen: Nachdem in Deutschland bereits seit 1903 von Frauenrechtsvereinen durchgesetzte sogenannte Polizeifürsorgerinnen Prostituierte und minderjährige Straftäter betreuten, Heimeinweisungen erließen, Sozialprognosen für Straffällige erstellten und sonstige mit dem Strafvollzug zusammenhängende Sozialarbeit verrichteten – begründet mit der besseren Eignung von Frauen zum Umgang mit diesen Gruppen (Jugendliche und erwachsene Frauen) aufgrund spezifisch „weiblicher“ Eigenschaften wie Fürsorglichkeit und Mütterlichkeit und der Kritik an einem spezifisch „männlichen Blick“ auf „sittlich gefährdete“ Mädchen und Frauen –, wurde ebenfalls auf Betreiben von Feministinnen hin 1926/27 die Weibliche Kriminalpolizei eingerichtet, die – ähnlich zu der Frauen-Asayish in Rojava – überwiegend für „sittenpolizeiliche“ Aufgaben – etwa der Umgang mit Opfern sexualisierter Gewalt, Prostituierten und minderjährigen Straftätern – zuständig war. Dass Frauen keine „besseren“ Cops sind oder sonstwie die Zugehörigkeit zu einer solchen Gruppe nicht dazu führt, dass die Polizei auf einmal eine ganz andere Institution wird, wie teilweise die Forderungen danach, dass Betroffene von Diskriminierung o. ä. Polizeiaufgaben übernehmen sollen, suggerieren, zeigt nichts eindrucksvoller – auch wenn ich es eigentlich müßig finde, mir überhaupt die Mühe zu machen auf eine solch absurde Behauptung einzugehen – als die Rolle der WKP im Nationalsozialismus. Die WKP übernahm im nationalsozialistischen Deutschland rassepolitische Aufgaben, beteiligte sich an der sogenannten Bereitstellung von Judentransporten wie auch an der Errichtung nationalsozialistischer Jugendheime in überfallenen Gebieten. Die lesbische Kriminaldirektorin Friederike Wieking – in den 20er Jahren in der Berliner Frauenbewegung aktiv und ranghöchste Polizeibeamtin im Dritten Reich – trug dabei etwa ab 1941 die Verantwortung für das Jugendschutzlager Moringen und ab 1942 für das Mädchenlager Uckermark – beides KZs für Jugendliche und junge Erwachsene. Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb die WKP als Institution erhalten – Einstellungsvoraussetzung war vorher einen sozialen Beruf erlernt zu haben – und wurde in den 70er Jahren aufgelöst und in die Kriminalpolizei integriert. Beispiele wie die Asayish oder andere Sicherheitsinstitutionen solcher „revolutionärer und emanzipatorischer Befreiungsbewegungen“, die als ein völlig neues Konzept und eine reale bessere Alternative zur Polizei beworben werden, erinnern mich einfach nur daran, wie die Sowjetunion das Gulag als einen wertvollen Schritt propagierte, um dem Ziel näherzukommen Gefängnisse abzuschaffen und die Menschen durch Arbeit zum Sozialismus zu führen.

Auch gewisse Konzepte der abolitionistischen Bewegung, wie etwa Community Accountability oder Transformative Justice, werden als Alternativen zur Polizei diskutiert. Besonders im Trend liegt dabei die deutsche Variante der Community Accountability, die sogenannten „Awareness-Teams“. Auf vielen anarchistischen Veranstaltungen ist man auf einmal mit ihnen konfrontiert, während sie teilweise sogar uniformiert, etwa in rosa Hemdchen, Warnwesten oder mit lila oder sonstwie kennzeichnender Armbinde – mmh, vielleicht waren es auch Buttons gewesen – über das Gelände patrouillieren. Die Kritik, dass sie polizieren würden, wird meist damit abgeschmettert, dass ein Awareness-Team nicht genauso organisiert und strukturiert sei wie eine Polizei. Eine solche Betrachtungsweise ist allerdings oberflächlich und ignoriert die Ideen, die zur Einrichtung einer „Polizei“, wie wir sie heute kennen, geführt haben. Wenn wir das Polizieren als Handlungen verstehen, die dazu dienen das Verhalten der Menschen so weit unter Kontrolle zu bringen, dass bestenfalls nur noch erwünschtes Verhalten zutage trete, dann zeigt das gerne vorgebrachte Argument, dass Awareness-Teams noch so lange nötig seien, bis die Menschen endlich alle „reflektiert“ seien, bis es sich von selbst abschaffen würde, dass offenbar Awareness-Teams als Teil einer Infrastruktur gesehen werden, die auf das Ziel hinarbeitet alle Menschen zu „reflektieren“. Was anderes aber als das Verhalten von Individuen zu polizieren soll dieses „Menschen reflektieren“ bitte sein? Andere argumentieren, dass ein Awareness-Team nur dazu da sei, eine Ansprechstelle zu schaffen, doch damit bildet es immer noch einen Teil in der Infrastruktur zur Verhaltenskontrolle und wir wissen ja, wie eng „soziale“ und „Wohlfahrts“institutionen mit der Polizei verknüpft sind und auch die praktischen Umsetzungen solcher Awareness-Strukturen haben diese Verknüpfung bisher nur immer wieder bestätigt.

Nur weil ich etwas einen anderen Namen gebe und an den Methoden schraube, bedeutet das nicht, dass ich das, was ich vorgebe oder auch meine zu bekämpfen, tatsächlich zerstört habe. Und solange ich unbedingt einen Garten möchte anstatt eines Urwalds, werde ich ordnend eingreifen müssen, um diesen Garten zu erhalten. Deshalb sehe ich auch alle „anarchistischen“ Konzepte, die in irgendeiner Form eine Gesellschaft errichten wollen, als problematisch an, da sie immer mit dem Problem konfrontiert sein werden ihre Ordnung einführen, erhalten und verteidigen zu müssen. Den ungezähmt geborenen Menschen mithilfe von „Bildung“ zum reflektierten Menschen, der für die Anarchie bereit ist, zu erziehen, wie es einige „Transformationstheorien“ propagieren, bedeutet die Zähmung des wilden Individuums und seine Unterwerfung. Mir scheint es auch kein Wunder, dass insbesondere bei Verfechter·innen solcher „anarchistischen Utopien“ die Grenzen zwischen Basis- oder Rätedemokratie und ihrer angeblich anarchistischen „befreiten Gesellschaft“ nicht klar gezogen sind, ja teilweise auch als Synonyme oder zumindest nicht als Widerspruch zu den eigenen Ideen behandelt werden. Sowieso gibt es ja die Vertreter·innen des Anarchismus, die behaupten Anarchismus sei die „echte“ oder „radikale Demokratie“ im Gegensatz zu den heutigen kapitalistischen Demokratien, in der die Menschen sich endlich „selbst verwalten“ könnten. Doch was kann ich von einer auch radikalen Demokratie, die sich selbst verwaltet, schon erwarten als dass ich mich im Zweifel selbst poliziere, auch wenn ich nicht denke, dass es dabei bleiben wird, wenn ich mir so die Konzepte von „antifaschistischen Schutzgruppen“ („Für eine neue anarchistische Synthese!“) oder „basisdemokratisch aufgestellten Sicherheitsteams“ („Eine Welt ohne Polizei“), von Transformative Justice und Awareness-Teams so ansehe, die für im Hier und Jetzt als auch „nach der sozialen Revolution“ diskutiert werden.

Wer die Herrschaft hasst, kann die Polizei nicht „ersetzen“, sondern muss sie zerstören. Dafür muss man aber auch bereit sein die Kontrolle aufzugeben. Die Kontrolle über andere Menschen wie über andere Lebewesen. Wir brauchen den Mut im Urwald zu leben anstatt uns in unseren Garten zurückzuziehen. Das meine ich absolut wörtlich. Ein ungezähmtes, freies Leben kann es nur außerhalb von Mauern und Zäunen geben, außerhalb der Gesellschaft, außerhalb der Zivilisation stattfinden. Heißt das, Freiheit kann es nur als Einsiedler alleine in einer Höhle geben? Ich denke nicht. Jedoch können Beziehungen meiner Meinung nach nur herrschaftsfrei bleiben, solange sie direkt zueinander möglich sind und solange eine Gemeinschaft nicht über das Individuum gestellt wird. Aber heißt das denn, dass ich mir alles von anderen gefallen lassen muss? Gegenfrage: Lässt man sich nicht viel mehr gefallen, wenn man sich einer (Selbst-)Verwaltung und Gesetzen unterwirft, gebildet und mithilfe von Massenkommunikationsmitteln mit Propaganda bombardiert wird und mit einer Umgebung konfrontiert ist, die sich durch ihre „sichere Architektur“ auszeichnet und einer Ordnung zur besten Ausbeutung der sogenannten „natürlichen Ressourcen“? So wie ich mich gegen eine solche Einschränkung meiner Freiheit zur Wehr setze, kann ich doch auch meine Konflikte selbst klären, kann diejenigen bekämpfen, die meinen mich als Individuum in ihren Plänen übergehen oder zerstören zu können. Die Kontrolle anderer über mich allerdings damit bekämpfen zu wollen diese anderen zuerst zu kontrollieren, Freiheit dadurch garantieren zu wollen, dass ich die Freiheit aller einschränke, ist sicherlich keine Anarchie. Anarchie ist halt doch Chaos und eben nicht Ordnung, wie gewisse sich vor Kontrollverlust fürchtende Anarchist·innen immer versichern.

Angesichts einer solch verinnerlichten Sehnsucht nach Kontrolle über jegliches Leben und den sich immer weiter verfeinernden Technologien und Theorien zur immer weiteren Subtilisierung und Verinnerlichung dieser Kontrolle sieht es erstmal düster aus. Doch da eine vollständige Determinierung aller Handlungen eines Individuums auch bei allen Versuchen totalitärster Methoden an den Individuen selbst scheitern, die sich nicht auf Maschinen reduzieren lassen, wenn es auch noch so sehr versucht wird, kann auch das Netz der Kontrolle nie so engmaschig werden, dass kein Widerstand mehr zutage treten wird. Ein Garten bleibt nur durch die beständige Intervention des Gärtners ein Garten. Also lasst uns nicht den Garten übernehmen und selbstverwalten, sondern töten wir den Gärtner in unserem Kopf und ziehen mutig in die Wildnis. Denn wie es Helfrich Sturz bereits im 18. Jahrhundert erkannte:

der policierte mensch ist … nicht so zufrieden mit seinem zustande als der wilde.

Endnoten

[1] Historisch war der Abolitionismus eine Bewegung, die sich für die Abschaffung der Sklaverei einsetzte und war unter anderem in den USA sehr stark. Mit Abschaffung der Sklaverei kämpften Abolitionist·innen in den USA weiter gegen die Unterdrückung der Schwarzen. Ein Fokus liegt dabei auf der Kritik am Knast, denn dort wird die Sklaverei häufig durch Zwangsarbeit ohne oder gegen geringfügigsten Lohn fortgeführt, insbesondere an Schwarzen, die in den USA (nicht nur da) überproportional oft im Gefängnis sitzen.

[2] [UPDATE] ABC Wien hat die genannte Broschüre inzwischen von ihrer Webseite gelöscht.


Spannende Lektüren bei Entstehung dieses Textes
  • „What is Policing?“ in: The Master’s Tools: warfare and insurgent possibility
  • „Good cop bad cop“ in: Cop-out. The significance of Aufhebengate
  • „Policing on the Global Scale. On the Relationship Between Current Military Operations, Crowd Control Techniques, the Technologies of Surveillance and Control and Their Increasing Intrusion into our Daily Lives“
  • „Ich will Bullen töten, bis ich selbst sterbe. Für die Annihilation der Polizei und die Zerstörung der Menschheit“
  • „Nicht Freund, nicht Helfer – Feind!“ in: Yegussa
  • „I survived Awareness“
  • „The Continuing Appeal of Nationalism“
  • „Fragmentarische Notizen gegen die Justiz“
  • „Der Einzige und sein Eigentum“

Fragmente für einen aufständischen Kampf gegen den Militarismus und die Welt, die ihn benötigt

Die Anarchisten sind schliesslich gegen den Antimilitarismus (oh weh, da habt ihr den Versprecher, seht, ein Versprecher passiert nie völlig zufällig, tatsächlich sind die Anarchisten auch gegen eine gewisse Art von “Antimilitarismus”). Wie auch immer, um unangenehme Missverständnisse zu vermeiden, lasst uns versuchen, deutlicher zu sein. Ich korrigiere mich: die Anarchisten sind gegen den Militarismus. Daran besteht kein Zweifel. Sie sind gegen den Militarismus, und dies nicht im Namen von einer einstimmigen pazifistischen Auffassung. Sie sind vor allem gegen den Militarismus, weil sie eine andere Auffassung des Kampfes haben. Das heisst, sie haben nichts gegen Waffen, sie haben nichts gegen das Konzept der Verteidigung vor der Unterdrückung. Aber sie haben hingegen viel gegen einen bestimmten, vom Staat gewollten und befehligten, und von den repressiven Strukturen organisierten Gebrauch der Waffen. Sie haben viel einzuwenden gegen einen militärischen Gebrauch der Waffen. Während sie aber einverstanden sind, oder zumindest in ihrer überwiegenden Mehrheit einverstanden sind, mit dem Gebrauch der Waffen gegen den Unterdrücker, mit dem Gebrauch der Waffen gegen jene, die unterdrücken und ausbeuten, mit dem Gebrauch der Waffen in einem Befreiungskrieg. Mit dem Gebrauch der Waffen gegen bestimmte Personen, gegen bestimmte Realisierungen der Ausbeutung.

Es ist also falsch, zu sagen: „Die Anarchisten sind Antimilitaristen, was das gleiche ist, wie zu sagen, dass sie Pazifisten sind”. Die Anarchisten sind nicht gegen den Militarismus, weil sie alle Pazifisten wären. Sie haben nichts gegen das Symbol der Waffe, und ebenso wenig können sie eine Verurteilung des bewaffneten Kampfes im Generellen akzeptieren, um hier diesen streng technischen Begriff zu gebrauchen, der eine ausgedehnte Betrachtung verdienen würde. Sie sind hingegen völlig einverstanden mit einem bestimmten Gebrauch der Waffen: Welchen? Jenen, bei dem diese Gegenstände gebraucht werden, um sich zu befreien, da keine Befreiung auf friedliche Weise möglich sein wird. Denn jene, die die Macht besitzen, werden nie so höflich sein, sich in aller Seelenruhe beiseite zu stellen, ohne Widerstand zu leisten und ohne zu versuchen, diese um jeden Preis zu erhalten.

Aus Alfredo Bonanno. »Wie ein Dieb in der Nacht.«

Was ist Krieg? Was ist Militarismus?

Über die unterschiedlichen Epochen haben sich Kriege auf verschiedene Arten und Weisen geäußert. Einige (frühe) Eroberungsfeldzüge, bei denen sich eine zivilisatorische Imperialmacht bisher nur von staatenlosen Gemeinschaften bewohnte Gebiete einverleibt, mögen dabei zumindest seitens der staatenlosen Gemeinschaften anders geführt worden sein, als jene Kriege in denen die Armeen von Monarchen, Aristokraten, Kauf- und Geschäftsleuten, Kirchen oder Nationalstaaten aufeinandertreffen. Möglicherweise haben sie sogar mehr mit bestimmten modernen Formen des Krieges gemein, auf die ich noch zurückkommen werde. Vorerst will ich die Frage danach, was Krieg und Militarismus ist jedoch ausgehend von jenen althergebrachten Konflikten unter den Herrschenden beantworten, in denen sie ihre Armeen aufeinander hetzen, um irgendwelche Herrschaftsansprüche zu klären oder gar persönliche Streits auszutragen.

Der Fürst, der eine eigene Armee befehligt etwa, er mag mannigfaltige Gründe haben, um gegen die Armee eines anderen in den Krieg zu ziehen. Vielleicht wurde er gedemütigt, vielleicht buhlt er damit um die Liebe einer Prinzessin, bzw. vielmehr die Anerkennung und Gunst ihres Vaters, vielleicht behagt ihm der Verlauf einer seiner Reichsgrenzen nicht und er möchte sie ein Stück nach außen verschieben, vielleicht will er einen Schatz erobern oder sich das Recht zur Ausbeutung weiterer Bauern sichern. Manchmal trachtet er einem anderen, höherstehenden Fürsten nach dessen Position, manchmal mag er auch eine Eingebung Gottes gehabt haben oder irgendeinen Mythos allzu ernst genommen haben. Egal was sein Grund ist: Für seine Untertanen und Söldner dürfte dies schwerlich Grund genug sein, ihr Leben und ihre Unversehrtheit für ihn und seine Sache zu geben. Es mag vielleicht sogar den einen oder anderen Untertan geben, der zwar ebenfalls nicht für des Fürsten Sache in den Krieg zieht, allerdings die eigene Sache (einen höheren Posten, einen Anteil der Beute, usw.) mit der des Fürsten verbunden betrachtet. Die Zahl solcher Untertanen wird aber immer gering sein und wie auch der Fürst sind sie selbst ebensowenig bereit, ihren eigenen Kopf hinzuhalten, wenn Schwerter auf Schilde prallen, Pfeile Rüstungen durchbohren und Lanzen an dem zerbersten, was vielleicht einmal der unversehrte Leib eines Menschen gewesen sein mag.

Um eine Armee aufzustellen muss sich der Fürst also etwas einfallen lassen, wie er das Interesse irgendwelcher Untertanen – es müssen ja auch nicht notwendigerweise die eigenen sein – wecken kann, den ihnen zugedachten Platz im Gemetzel einzunehmen und dort – wenn es sein muss – bis zum bitteren Ende zu bleiben. Eine einfache Möglichkeit, dieses Interesse zu wecken besteht darin, seine Krieger*innen zu bezahlen. Der Fürst nennt diese Söldner und er weiß um das Problem, dass diese wankelmütig sein werden. Schließlich hat er sie nur durch Bezahlung oder das Versprechen einer Bezahlung – manchmal auch durch das Versprechen eines Anteils einer reichen Beute, ein äußerst gewiefter Trick, weil er auch gleich das Interesse des Söldners siegreich zu sein weckt – dazu bewegen können, ihm zu dienen. Und der Fürst weiß, dass nicht nur er Geld besitzt, sondern auch sein Feind. Auch kommt es nicht selten vor, dass Söldner angesichts einer feindlichen Streitmacht oder während der Schlacht mit ihr mitsamt ihrem Sold und den an sie ausgegebenen Waffen desertieren, dass sie sich als kampfuntauglich erweisen oder dass sie sich überhaupt weigern, etwas zu tun, wofür sie ihrer Auffassung nach nicht genügend Sold erhalten haben. Söldnerheere sind deshalb nicht besonders beliebt bei unserem Fürst. Das sogenannte Lehnssystem ist ein Versuch, diese rein monetäre Bindung der Söldner um eine Abhängkeit der fortan Vasallen genannten Untertanen zu ersetzen. Im Austausch für das Recht, selbst einmal Despot zu sein und einen kleinen Teil der Ländereien des Fürsten zu verwalten, die darauf lebenden Bauern zu knechten und einen gewissen sozialen Status zu erlangen, leistet der Vasall seinem Fürsten, dem Lehnsherren alle möglichen Dienste, vor allem zieht er für ihn in den Krieg – und verpflichtet auch einige seiner Untertanen dazu. Was der Söldner für das bisschen Sold, das er bekam nicht zu tun bereit war, das tut der Vasall, dieser edle Ritter, nun mit Freuden im Austausch für etwas noch viel schmutzigeres: Eine schmucke Rüstung und eine Position in der Verwaltung des Reiches seines Fürsten. Der Militarismus ist geboren.

Der fortan gepanzerte Vasall wird im Gegensatz zum Söldner nie wieder in der Lage dazu sein, seine eigene Sache zu vertreten, denn wenn er von einem langen, ermüdenden und kräftezehrenden Feldzug an die heimische Feuerstelle zurückkehren wird, dann wird er sich dort um die Verwaltung des Reiches seines Lehnsherren kümmern, er wird den Bauern auf dem von ihm verwalteten Land Steuern abpressen, wird die nötige Bürokratie erledigen und sich auf die nächste Schlacht vorbereiten, denn nach dem Krieg ist für ihn vor dem Krieg. Er mag glauben, dass es seine Sache wäre, für die er hier eintritt, aber er wird zeitlebens höchstens ein betrogener Egoist bleiben.

Sein Lehnsherr dagegen, unser Fürst, er reibt sich in seiner Burg, seiner Pfalz oder seinem Schloss die Hände und stößt auf seinen cleveren Einfall an. Nicht nur, dass er sich fortan nicht mehr darum zu kümmern braucht, seine Ländereien zu verwalten, er kann nun wann immer er will, Kriege führen und seine Vasallen werden ihm beinahe bedingungslos folgen. Schnell werden diese Vasallen, der sogenannte Schwertadel, Untervasallen einsetzen und diese wiederum Untervasallen. Die dabei entstehenden Hierarchien ermöglichen nicht nur die Verwaltung schnell wachsender Reiche, sondern bestimmen auch die Heeresordnug und sichern funktionierende Befehlsketten. Denn nicht nur im Krieg werden Gehorsam und vor allem Disziplin fortan die wichtigste Tugend eines Untertanen sein, auch in Friedenszeiten wird diese militaristische Tugend beständig eingeübt, wenn die Vasallen ihren jeweiligen Herren im zivilen Staatsleben dienen.

Diese militaristische Ordnung bleibt trotz zahlreicher Machtstreitigkeiten, Intrigen und Putsch(versuche) solange bestehen, bis eine neue Klasse nach der Macht greift und dieses System von außen stürzen wird: Das Bürgertum. Spätestens nachdem in Frankreich die Köpfe des Adels rollen, bedarf es auch einer Umstrukturierung des Militärs. Ein sich zur neuen Oberklasse erhobener Mittelstand kann freilich nicht die militärischen Dienste des Adels für sich in Anspruch nehmen und ohnehin wäre dessen Treue nun nicht mehr gesichert, wo wir es nicht länger mit kleinen Despoten in der Gunst eines befehlshabenden Fürsten zu tun haben. Das Bürgertum bedient sich weiterhin der militaristischen Logik, benötigt nun aber neue Untertanen, die für ihre Sache streiten werden. In Frankreich und den USA und später auch in der gesamten westlichen Welt entstehen die ersten Nationen und es wird der Mythos einer nationalen Einheit, der Nationalismus sein, der fortan die Untertanen für die Sache der Herrschenden in den Krieg mobilisieren wird. Können die Vasallen noch als betrogene Egoisten gelten, weil sie geglaubt haben mögen, dass sie für ihre eigene Sache, d.h. für ihre Macht, ihren Einfluss und ihren Status in die Schlacht zogen, so gelingt es dem Bürgertum jeglichen Egoismus im Militärwesen auszurotten. Man zieht fortan für eine fiktive, aber einem eigen geglaubte Nation, fürs Vaterland, in den Krieg, ist bereit, sich fürs Vaterland das halbe Gesicht wegschießen zu lassen, Gliedmaßen weggesprengt zu bekommen oder später auch Giftgas zu inhalieren. Die verwalterische Teilhabe an der Herrschaft, die die Disziplin der Vasallen auch in Friedenszeiten sicherte, entfällt und wird durch etwas viel schrecklicheres ersetzt: Fabriken. Im Takt der Maschine zu funktionieren, das wird fortan die nötige Disziplin des Marschierens im Gleichschritt in Friedenszeiten pflegen. Und während die Vasallen in Friedenszeiten gewährleisten mussten, dass sie allzeit genügend Kriegspferde zur Verfügung hätten, produziert die neue Unterklasse, das sogenannte Proletariat, in den Fabriken schnell auch in Friedenszeiten das Kriegsgerät, mit dem es im Kriege verstümmelt werden wird.

Die organisatorischen zivilen Hierarchien, die in der bürgerlichen Demokratie formell aufgelöst wurden, die aber im Kriege funktionierende Befehlsketten garantierten, werden in den Fabriken eintrainiert, die nicht zufällig nach einer militaristischen Logik organisiert sind. Auch wenn die meisten heutigen Staaten ein stehendes Berufsheer besitzen, das unter diesem Gesichtspunkt betrachtet vielleicht mehr dem Söldnerwesen gleichen mag, das ohnehin nie völlig verschwunden war – Söldner-Hilfstruppen waren oft einfach notwendig, um genügend Soldaten aufbieten zu können –, so zeigen doch die Erfahrungen der Weltkriege, sowie der Kriege der jüngeren Vergangenheit, dass eine Mobilisierung der Arbeiter*innen nicht nur notwendig ist, sondern dank der allgemeinen militaristischen Disziplin und dem antrainierten Gehorsam auch allzu gut funktioniert.

***

Aber das Zeitalter der Kriege der Nationen, es scheint sich dem Ende zuzuneigen, ja bis auf wenige Ausnahmen bereits vorbei zu sein. Spätestens mit dem Ende des kalten Krieges haben sich die zwei verbliebenen, militärisch-imperialen Fraktionen in eine internationale Staatengemeinschaft integriert, in der Konflikte weniger über herkömmliche territoriale Kontrolle, sondern zunehmend über Ansprüche auf Ressourcen und weltpolizeiliche Uneinstimmigkeiten entstehen. Das heißt freilich nicht, dass es keine Kriege mehr gäbe. Aber wir müssen unser Verständnis von Krieg aktualisieren, wenn wir heutige Militäroperationen ausreichend verstehen wollen.

Die Kadaver der nationalen Armeen, sie bestehen zwar aus einer Reihe nostalgischer Gründe weiter, werden jedoch in Militärbündnissen wie der NATO zu einem neuen Militär zusammengeschweißt und in internationalen Interventionseinheiten wie den UNO-Blauhelmen für vorrangig weltpolizeiliche Missionen eingesetzt, die der Sicherung von Rohstoffen dienen. Obwohl das internationale Kapital auf dieses staatlich organisierte Militär beinahe beliebig zugreifen kann, stellt es in verschiedenen Teilen der Welt zunehmend auch eigene Sicherheitstruppen auf (beispielsweise in Südamerika), die dort den Ausbau einer extraktivistischen Infrastruktur überwachen und Widerstand dagegen niederschlagen. Wo allerdings der Haupteinsatzzweck eines zunehmend internationaleren Militärs die Niederschlagung von Aufständen, die Intervention in Bürgerkriege und der Schutz wirtschaftlicher Interessen der Kapitalistenklasse ist, da bröckeln auch die nationalistischen Mobilisierungsstrategien. Auch wenn sich offenbar noch immer jede Menge Nazis in den Reihen des Militärs tummeln, die dort ihre Sehnsucht stillen, ihrem Vaterland zu dienen, lässt sich eine Mehrheit der Menschen nicht länger so plump täuschen. Anstatt feindlicher Nationen bedarf es in Zeiten globaler Völkerverständigung und internationaler Staatengemeinschaft nun eines neuen Feindes, gegen den wenigstens die Sympathien der Menschen für die Streikräfte ihres Landes erweckt werden können. Und in Zeiten, in denen das internationale Militär den Einsatz im städtischen Raum trainiert, in denen Bürgerkriegsszenarien und Aufstandsbekämpfung vom Militär eingeübt werden, da ist es auch erforderlich, dass sich dieser Feind unter der Bevölkerung versteckt.

Der Feind heißt spätestens seit 2001, aber nicht erst seitdem, internationaler Terrorismus. Und es ist vermutlich ein genialer Schachzug, dass er so ohne weiteres kaum auszumachen ist. Bereits zuvor erprobte rassistische Motive lassen sich gegen ihn ebenso mobilisieren, wie ordnungspolitische Ängste vor einer anarchistischen oder anderweitig subversiven, aufständischen Verschwörung, die Chaos in eine gleichgeschaltete und im Gleichschritt getaktete Welt bringt. Und natürlich lassen sich Revolten in der Dritten Welt, in denen die Versklavten gegen ihre Ausbeuter*innen aufbegehren, ebenso leicht zu Terrorismus erklären, wie das Regime eines Landes, das sich weigert den Ölinteressen eines Imperiums zu entsprechen.

Wie viele US-Amerikaner*innen können sich mit denen identifizieren, die unter den beiden Bürotürmen des Welthandels begraben worden sind, wie wenige waren es im Vergleich mit den Toten des Afghanistan- und Irakkriegs? Und doch genügt dieses Ereignis und dessen propagandistische Ausschlachtung nicht nur zahlreiche US-Amerikaner*innen, sondern auch unzählige Europäer*innen gegen etwas zu mobilisieren, das es so vermutlich gar nicht gibt, bzw. das rückwirkend betrachtet überhaupt erst durch diese Kriege entstanden ist. Aber der „Krieg gegen den Terror“ hat nicht nur in den entlegenen Regionen der Weltmächte Kriege gegen ein Gespenst ausgelöst, sondern auch eine Kriegsführung gegen die eigenen Bevölkerungen in den Metropolen der Macht begründet. Fortan ist jede*r Bürger*in potenzielle*r Terrorist*in. Und zwar in dem Grade, in dem er*sie „arabisch“ aussieht, muslimischen Glauben praktiziert oder anderweitig rassifiziert werden kann. Die seit 2001 frei drehende US-Flugsicherheitsbehörde TSA etwa ist der Überzeugung Terrorist*innen nicht nur an althergebrachten Rassemerkmalen wie Hautfarbe oder Kopfform zu erkennen, sondern auch an der spezifisch-terroristischen Barthaartrimmung.

Der Krieg gegen internationalen Terrorismus ist auch in Europa die ultimative rassistische Argumentationsstrategie gegen Migration geworden. Wer aus den Kriegsgebieten dieser Welt in Richtung der wohlhabenderen Metropolen flieht, könnte ja ein*e Terrorist*in sein. Wer dagegen in den Metropolen ausrastet und Amok läuft, der*die bleibt der verhältnismäßig harmlose, irregeleitete Amokläufer aus der Nachbarschaft. Ich muss hier sicherlich nicht alle Aspekte der Angst vor dem Terrorismus erläutern, sie dürfte den meisten Leser*innen nur allzu präsent, ihre gezielte Schürung und anschließende Instrumentalisierung durch die Politik in Form von technologischer Aufrüstung der Polizei – die mittlerweile Panzer fährt und Handgranaten zu ihrem Arsenal zählen darf – und des Militärs, sowie ein Ausbau der Grenzregime, ganz besonders in Europa, noch in Erinnerung sein.

Es lässt sich festhalten, dass das Gespenst des Terrorismus, wie es uns heute durch die gehirngewaschenen Köpfe spukt, das ideale und mit großem Aufwand produzierte Feindbild ist, um die Militärstrategien zu legitimieren, die von einem zunehmend global aufgestellten Militär zur Sicherung eines weltumspannenden Imperiums trainiert werden.

***

Doch auch dieses modernisierte Verständnis von Krieg muss dieser Tage überdacht werden, erleben wir doch seit mittlerweile mehr als einem Jahr eine neue Form des Kriegs, genauer gesagt, des Bürgerkriegs. Der Terrorismus, er ist weithin obsolet geworden, füllt höchstens noch die Randspalten der Tageszeitungen. Stattdessen füllt ein anderer, noch fiktiverer Feind, die Schlagzeilen: Covid-19. Dieser unsichtbare Superterrorist, der die Menschen unsichtbar und hinterhältig heimsucht, der hinter jeder Brührung, was sage ich, hinter jeder Begegnung, lauert, er ist der ultimative Feind und seine Bekriegung, sie erfordert eine ganz besondere Form der Massenmobilisierung: Die Mobilisierung zur Abwesenheit. Der moderne Kriegsheld, er – oder sie, diese moderne Armee hat nun wirklich jegliche Geschlechterunterschiede überwunden – lümmelt sich zuhause auf dem Sofa, frisst Junkfood in sich hinein und verfolgt gespannt den minütlich über alle Bildschirme flimmernden Frontbericht. Und auch wenn dort mittlerweile längst keine Toten mehr gezählt werden, sondern nur mehr noch von einer wenig aussagekräftigen „Inzidenz“ die Rede ist, fiebern die kriegsbegeisterten Massen noch immer mit. Und alle anderen? „Die Beste Medizin heißt Disziplin“, so oder so ähnlich lautet der Slogan einer der jüngsten Werbekampagnen der Bundesregierung, mit der die Nation zum „Durchhalten“ aufgefordert wird. Und Disziplin ist wahrhaft vonnöten, um als Soldat*in in diesem Krieg zu kämpfen. Der klassische Krieg kannte von Zeit zu Zeit wenigstens einen „Fronturlaub“, ebenso wie wenigstens ein Teil der Bevölkerung gar nicht in den Krieg zu ziehen brauchte, der moderne Virenkrieg dagegen rekrutiert die gesamte Bevölkerung und kennt höchstens eine „Lockerung der Maßnahmen“ und selbst dabei fragt sich die*der aufmerksame Beobachter*in, wie es kommt, dass eine immer weiter verschärfte Maßnahmensituation (Lockdown und Kontaktbeschränkungen sind eigentlich die ganze Zeit geblieben und zuletzt noch um Ausgangssperren erweitert worden) doch immer wieder als „Lockerung“ verkauft werden kann.

Und wer nun aufrichtig behaupten wird, die Kriegsrhetorik bisher nicht bemerkt zu haben und folglich der Ansicht sein mag, dass es sich hier überhaupt nicht um einen Krieg handele, die*der möge mir vielleicht erklären, wie es kommt, dass außgerechnet Rheinmetall und andere Rüstungskonzerne Corona-Schutzmasken produzieren.

Aber es ist freilich nicht bloß die Kriegsrhetorik, sozusagen zum guten Zweck (was auch immer das wäre), mit der wir es hier zu tun haben. Wem auch immer das entgangen sein mag, den*die erinnere ich gerne noch einmal daran, dass wir uns in einem globalen Ausnahmezustand befinden. Ein Ausnahmezustand, der nicht nur die zuvor bestehenden, nationalen Grenzen schloss, sondern der auch ganz neue Grenzregime errichtet hat. Ob globales Freiluftgefängnis (wobei „Freiluft“ mittlerweile als allzu optimistisch entlarvt wurde) oder das von einem philosophierenden Demokraten aufgestellte „Lager als Nomos der Moderne“, das heute gar nicht mehr besonders philosophisch zu sein scheint, die momentane Realität hat etwas von beidem. Auch wenn das Quarantäne-Gefängnis (meist) keine Fenstergitter und Stacheldrahtzäune mehr kennt, sondern hier und da mit elektronischen Fußfesseln auf modernere Instrumente der Einsperrung zurückgreift und anderswo in einem gigantischen Selbstversuch die noch modernere Form der Selbsteinsperrung testet, das Risikogebiet-Lager (oft – es gibt durchaus Ausnahmen) keine allzu festen Grenzen kennt, keine Einzäunung und Flüchtende meines Wissens nach zumindest in Deutschland – Vorfälle in direkten Nachbarstaaten und anderswo auf der Welt stellen das natürlich auch für hier in Aussicht – bisher nicht von Wärtern erschossen wurden, so muss einem die Corona-Maske doch gehörig die Sinne vernebelt haben, wenn man diese Analysen noch immer zurückweist. Dazu kommen jede Menge neuer Papiere, vom Passierschein in Form eines negativen Coronatests und einer Bescheinigung des Arbeitgebers bis hin zum internationalen Ausweisdokument eines elektronischen Impfpasses. Greencard wird das zuweilen unkritisch von der Kriegspropaganda genannt.

Aber während an all den neuen Grenzen wenigstens vorerst noch nicht allzu oft geschossen wird, Grenzübertritte je nach Person und Situation auch einmal geduldet werden und die Bullenschweine immerhin metaphorisch auf 1,5 Meter Abstand bleiben, hat sich die Situation an den Nationalstaatsgrenzen, sowie ganz besonders an den europäischen Außengrenzen noch einmal dramatisch verschärft. Die Situation in den noch viel realeren Lagern vor dem Festland, die weder des Stacheldrahts, noch den scharf schießenden Wachen entbehren, sie verschärft sich immer mehr. Und die ohnehin immer nur humanistische Hilfe der Linken… Sie befindet sich im Lockdown. Meist aus Überzeugung. Als im letzten Jahr die Bilder des brennenden Morias einen Funken Hoffnung aufkeimen ließen, da forderten die Linken ein neues, hygienischeres Lager. Aber was hat das mit dem Krieg zu tun? Leider eine ganze Menge, beweist es doch, dass es in Deutschland erstmals in der Geschichte eine spezifisch Linke Armee gibt. Jene, die früher den „Dienst an der Waffe“ ablehnten und im Zweifel lieber „Zivilidienst“ verrichteten, man hat sie auf ihrem ursprünglichen Metier rekrutiert: In den Krankenhäusern und Pflegeheimen, eben dort, wo man schon früher lieber Patienten den Hintern abwischte, anstatt sich die Waffe aushändigen zu lassen und zu desertieren. Und folglich ist es heute auch nicht das Sturmgewehr, mit dem die Corona-Avantgarde in die Schlacht zieht, sondern die – nur für die größten Idioten harmloser wirkende – Spritze. Das bevorzugte Werkzeug des „Todesengels“, möchte man da fast einwerfen.

Was bedeutet das also für ein anarchistisches Verständnis von Krieg? Fest steht: weniger moderne Formen des Kriegs sind mit diesem modernen Krieg ebensowenig ausgestorben, wie der Krieg gegen den Terrorismus die althergebrachten Staaten- und Bürgerkriege nicht obsolet gemacht hat. Der Virenkrieg, auch wenn einem eigentlich unmissverständlich seine Kriegspropaganda ins Auge springen muss, er wird von vielen gar nicht als Krieg wahrgenommen. In Tradition des Anti-Terror-Kampfes, des „Friedenseinsatzes“ von Blauhelmen und dem „diplomatischen Wert“ der Atombombe verspricht der Virenkrieg ebenfalls Frieden oder schlimmer noch, Gesundheit. Und er scheint dieses Narrativ dadurch sogar zu perfektionieren. Die militaristische Logik der Disziplin, die derzeit jeglichem sozialen Leben auferlegt wird, die irrationale und willkürliche Reglementierung aller sozialen Beziehungen außerhalb der bereits seit Ewigkeiten institutionalisierten Beziehungen der Familie, sie dienen der Rekrutierung einer Armee von Moralist*innen und Denunziant*innen, die fortan effizienter als jede Polizei Delinquent*innen disziplinieren und verfolgen soll.

Der moderne Krieg, er wird also nur noch in den Peripherien mit Waffengewalt ausgetragen, er gibt nur noch die „Unbelehrbaren“, die „Terrorist*innen“, die „Verbrecher*innen“, usw. der vernichtenden Gewalt von Armeen preis und zieht es selbst bei diesen vor, sie zu verhaften, einem Gericht vorzuführen und ins Gefängnis – oder in ein Lager – sperren zu lassen. Unterdessen jedoch kennt er zunehmend weniger eine Unterscheidung zwischen Territorien des Friedens und jenen des Krieges. Ist es die Polizei, die sich zunehmend die Strategien des Militärs aneignet oder ist es vielmehr das Militär, das selbst in den Gebieten des Krieges eine polizeiliche Logik verfolgt? Ich denke schon diese Frage offenbart einen gewaltigen Irrtum: Polizei und Militär sind in Wahrheit ein und das selbe; sind es möglicherweise immer schon gewesen. Die Propaganda des modernen Rechtsstaats mag hier naheliegenderweise ein anderes Bild zeichnen, aber ebenso wie der Krieg von manchen immer schon als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln betrachtet wurde und wieder andere zu dem Schluss kamen, dass umgekehrt, die Politik die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln sein müsse, unterscheidet sich die Polizei vom Militär ebenfalls höchstens in den angewandten Mitteln und selbst hier hat die Entwicklung moderner Kriegstechnologien und eine jüngere, militärische Aufrüstung der Polizei diese Unterschiede zunehmend verwischt.

Falsche Verbündete im Kampf gegen den Militarismus

Man muss nicht auf das Manifest der Sechzehn zurückgreifen – in welchem bekannte Anarchisten dazu aufriefen, sich dem Lager Frankreichs wegen seiner revolutionären Tradition anzuschließen und gegen den kaiserlichen Absolutismus Deutschlands zu kämpfen – um angesichts des Krieges Beispiele für den kompletten Verlust der Orientierung und des Gespürs für die involvierten Interessen seitens der Anarchisten zu finden. Der Großteil des heutigen „antifaschistischen“ Diskurses reproduziert im Miniaturformat die gleichen Fehler und spiegelt die Ideen des in den 70er Jahren weit verbreiteten „Antiimperialismus“ wieder: Demokraten vs. Faschisten hier, Staaten der Dritten Welt gegen Staaten des Westens dort. In jüngster Zeit akzeptieren die Unterstützer des Kampfes gegen „den Faschismus“ der Dschihadisten in Syrien sogar die Streitkräfte der US-Luftwaffe im eigenen Lager. Eine Position die bereits während jenes Krieges präsent war, welcher zum Zerfall des ehemaligen Jugoslawien in den 90er Jahren führte. In gleichem Maße verteidigen viele mit gerümpfter Nase die internationalen Interventionen, um die Grausamkeiten einzudämmen, die während der „Bürgerkriege“ in vielen afrikanischen Ländern begangen wurden (bevorzugt die Interventionen der Blauhelme, welche weniger Ablehnung provoziert als die der französischen Fremdenlegion oder die einer Koalition der NATO). Heutzutage hat es fast den Anschein, dass die westlichen Armeen eher freiwillige Rekruten einsetzen, anstatt einer Massenrekrutierung, um ihre Drecksarbeit durchzuführen. Sprich, der einzige Faktor der uns davor verschont zu sehen, wie Libertäre sich in die Armeen einreihen, um die „Bösen“ zu bekämpfen, die noch stärker konter-revolutionär sind, als die Anhänger der kommerziellen Demokratie.

Aus Die Reihen Durchbrechen. Gegen den Krieg, Gegen den Frieden, für die soziale Revolution.

Man sollte meinen, das erübrige sich zu bemerken, dass ein Staat niemals ein Verbündeter im Kampf gegen den Militarismus sein könne. Und doch scheinen vergangene und jüngere Parteinahmen von Antimilitarist*innen dringend einer solchen Klarstellung zu bedürfen. Und wenn ich in diesem Kontext Staat sage, so meine ich auch jede militaristische Bestrebung mit der Absicht, einen Staat zu gründen oder anderweitig staatliche Aufgaben zu übernehmen. Was aus einer antimilitaristischen Perspektive, so wie ich sie verstehe, mindestens unlogisch erscheint, lässt sich mit einer anarchistischen Perspektive dagegen überhaupt nicht vereinbaren. Was sich bereits früher in Solidaritätsbewegungen mit dem bolschewistischen Regime, der Fatah und Hamas oder in der Kuba-Solidaritätsbewegung beobachten ließ, findet seinen Ausdruck dieser Tage beispielsweise bei jenen, die buchstäblich die Fahnen von YPG und YPJ schwenken. Schöne Anarchist*innen und Antimilitarist*innen sind das, die da die Banner militärischer Verbände spazieren tragen, die Verhaftungen durchführen, Gefängnisse und Lager betreiben und von ihren Söldner*innen die militaristische Disziplin des Tötens auf Befehl einfordern.

Aber es ist weniger interessant, die Tatsache, dass dies so ist, festzuhalten, sondern weitaus spannender ist doch die Frage des Warum? Wie kommt es, dass unverhohlen militaristische und autoritäre Organisationen schließlich von ihren eigentlichen Gegner*innen verteidigt werden als „geringeres Übel“ – was noch die ehrlichste Betrachtungsweise ist – oder gar als „Notwendigkeit“ im Krieg gegen den imperialistischen Militarismus. Dass der Antimilitarismus hier als eine Mobilisierungsstrategie für den Militarismus dient, mag wie eine grausame Ironie erscheinen, ich unterstelle jedoch, dass hier vielmehr jene Rekuperationen des Antimilitarismus sichtbar werden, die die Abwesenheit von Krieg, die Ordnung des sozialen Friedens und die repressive Kontrolle über jegliche diese Ordnung störenden Tendenzen zum Ziel eines jeden Antimilitarimus umzudeuten versuchen. Dies mag vielleicht auch das Ziel eines humanistischen, kommunistischen oder demokratischen Antimilitarismus sein, als Ziel eines anarchistischen Antimilitarismus scheint es mir jedoch völlig unzureichend. Spannend finde ich am aktuellen Beispiel der Rojava-Solidarität, die auch unter Anarchist*innen, wenn sie nicht gar unkritisch übernommen wird, so doch weitestgehend unkommentiert bleibt, wie eine bestimmte Art und Weise der Argumentation reproduziert wird, die umgekehrt bei einer staatlichen, kapitalistischen oder nationalistischen Legitimation von und Propaganda für Militarismus zu Recht kritisiert wird. Es ist das Narrativ einer nationalen Verteidigung – auch wenn dieses nationale Motiv vielleicht verschleiert werden mag und sich teilweise hinter identitätspolitisch ansprechenderen Begriffen wie „Frauenrevolution“ (jaja, das Ziel 40% der Posten mit Frauen besetzen zu wollen und die gezielte Präsentation weiblicher Militärs durch die Propaganda scheint da heute bereits zu genügen) oder „ökologischer Revolution“ verbirgt – gegen einen im Anmarsch befindlichen Feind. Ein Narrativ, das sofortige „Lösungen“ verlangt, die oberste Priorität haben und denen folglich alles andere untergeordnet werden muss und wird. Dieses Narrativ dient nicht nur der Legitimation einer Miliz, sondern es soll auch all das Übrige rechtfertigen, was vielleicht durch die Propaganda der neuen Verwaltung anders versprochen wird, in der Praxis jedoch entsprechend autoritär daherkommt. „Noch keine Zeit gehabt, sich darum zu kümmern.“ Eben ganz die Propaganda, derer sich auch etablierte Staaten bedienen, wenn sie im Kriegszustand die Arbeiter*innenschaft zu persönlichem Verzicht zugunsten der Interessen der Nation aufrufen und zugleich die militärischen Operationen im In- und Ausland als dringlich, alternativlos, sowie als Grundvoraussetzung für eine Bearbeitung des entsprechenden Problems in der Zukunft darstellen.

Es mag vielleicht überraschen, dass gerade eine antimilitaristische Bewegung dieses Narrativ nicht als ein klassisches Stilmittel der Kriegspropaganda erkennt und man könnte sicher noch seitenlange Überlegungen niederschreiben, warum das so überraschend vielleicht gar nicht ist. Aber ich will stattdessen zum eigentlichen Thema dieses Textes zurückkommen: Wie könnte eine aufständische Perspektive aussehen, die nicht nur den Militarismus des türkischen Regimes, den der NATO und den des IS angreift, sondern die sich eben auch gegen den Militarismus von YPG und YPJ und ihrer sozialdemokratischen bis leninistischen Parteien, der PYD und der PKK, sowie überhaupt gegen jede Herrschaft, auch gegen die dessen, was Demokratischer Konförderalismus genannt wird und sowieso nur in den Augen eines Trotzkisten, der sich kurzerhand zum Anarchisten erklärt hat, als anarchistisch im Sinne des Begriffs gelten kann, richtet?

Fluchtpunkte einer antimilitaristischen Praxis des Angriffs

(i) Die Kriegsproduktion

Jüngere antimilitaristische Kampagnen, die im Burgfrieden dessen, was manchmal die „Festung Europa“ genannt wird, agierten, haben die Produktion von Waffen, Munition und sonstigem Kriegsgerät als ein Feld der Intervention für sich entdeckt. Wenn der aus dieser Produktion stammende Nachschub die Frontlinien des Krieges, die sich anderswo auf der Welt befinden, nicht mehr erreicht, so würde auch der Krieg zum Erliegen kommen. Und tatsächlich: Ohne eine ununterbrochene Kette an Nachschublieferungen wären die Kriege der Vergangenheit und Gegenwart unmöglich fortzusetzen (gewesen). Soweit jedenfalls die Theorie des Ganzen.

Gemessen an ihrer Praxis müssen diese Interventionen bislang jedoch als weitgehend gescheitert betrachtet werden. Blockaden vor Produktionsstandorten der Rüstungsidustrie, oft lange im Voraus angekündigt und somit in die Produktionspläne dieser Firmen einplanbar, hielten oft nur wenige Stunden an und lösten sich nicht selten nach einer gewissen Zeit von selbst wieder auf, als die Teilnehmer*innen der Blockade Hunger verspürten oder in die Annehmlichkeit ihrer Nachtlager zurückkehren wollten, oder an die Rückreise denken mussten, um am nächsten Tag wieder ihrer Arbeit nachzugehen. Ich will mit dieser Beurteilung überhaupt nicht klein reden, dass solche kollektiven Bemühungen des Protests nicht ihren eigenen Wert haben, aber wer glaubt, mit der Teilnahme an einer derart vorhersehbaren, einkalkulierbaren und im höchsten Maße symbolischen Blockade tatsächlich einen Beitrag dazu zu leisten, dass die Kriegsproduktion in dem Maße blockiert wird, dass das irgendeinen Effekt auf die Kriegsführung in den Kriegsgebieten hätte, die*der lügt sich schlicht selbst etwas vor. Aber es gab nicht nur diese Form massenhafter Blockaden: Sabotagen an Gleisen, Brandanschläge auf Firmenfahrzeuge von Rüstungskonzernen und ihren Zulieferern, sowie den Fahrzeugen von Logistikunternehmen, die deren Kriegsgerät verschickten, usw., sowie eine vielleicht noch größere Serie an Farbangriffen auf die Sitze dieser Unternehmen boten und bieten bis heute eine militante Perspektive der Intervention in die Kriegsproduktion.

Und doch: Mir wäre es neu, dass dabei jemals die Nachschublieferungen an die Fronten der Kriege zum Erliegen gekommen wären. Zu geringfügig war die Unterbrechung der Produktion, zu unbedeutend die Sabotage der Logistik. Nichts, was nicht durch eine zusätzliche Nachtschicht aufgeholt hätte werden können. Und der finanzielle Schaden? Nun ja, sagen wir die Geschäftsführungen der betroffenen Unternehmen rechnen in anderen Dimensionen.

Es ist keineswegs meine Absicht, diese Interventionsversuche klein zu reden, Leute zu entmutigen auch dann anzugreifen, wenn der Feind übermächtig zu sein scheint und der eigene Handlungsspielraum im Vergleich zu klein, der eigene Widerstand zu unbedeutend erscheint. All das ist für mich kein Grund, vom Angriff abzusehen. Vielmehr denke ich, dass es sich lohnt, etablierte Strategien von Zeit zu Zeit zu überdenken und gegebenfalls einer Überarbeitung zu unterziehen, wenn sich herausstellt, dass das eigene Handeln in ihnen weitestgehend wirkungslos verhallt oder kalkulierbar wird.

Die heutige Hightech-Produktion – und die Produktion von Kriegsgerät fällt definitiv in diese Kategorie – ist an sich eine äußerst labile Angelegenheit. Sie ist abhängig von zahlreichen teuren und schwer zu beschaffenden Ressourcen – ironischerweise jene Ressourcen um deren Sicherung sich der ein oder andere Krieg dreht – und besteht aus einer langen Produktionskette an Zwischenprodukten und deren Logistik an die Produktionsstandorte, an denen das Endprodukt, sei es nun ein Panzer, ein Militärjet, eine Drohne, ein Raketenwerfer oder irgendetwas anderes, aus tausenden oder Millionen von Einzelteilen zusammengesetzt wird. Die produzierenden Unternehmen durchschauen oft selbst nicht vollständig, wer die Zulieferer ihrer Zulieferer sind und noch weniger, wer deren Zulieferer wiederum beliefert. Das gilt, selbst wenn es in der Rüstungsindustrie – mehr noch, als irgendwo sonst – durchaus Bestrebungen gibt, diese Produktionsketten nachzuvollziehen und – sofern sie für den Produktionsprozess unverzichtbar sind – entsprechend abzusichern, zumindest teilweise auch für die Hersteller von Panzern, Flugzeugen, Drohnen und Co. Es soll in der Geschichte der Produktion von Hightech-Gütern – und auch in der der Rüstungsindustrie – jedenfalls schon das ein oder andere Mal vorgekommen sein, dass Produktionshallen tagelang still standen, weil eine bestimmte Mutter, die nicht ohne weiteres im Baumarkt nachgekauft werden konnte, nicht geliefert worden war oder weil ein Zulieferer Bankrott machte und erst einmal Ersatz für das von ihm gelieferte Bauteil aufgetrieben werden musste. Und als vor einigen Jahren einmal die Weltmarktpreise für seltene Erden explosionsartig in die Höhe schnellten, weil China seine Exporte senkte, da gab es bei den Zulieferern der Autoindustrie – und was man für Autos braucht, das braucht man in der einen oder anderen Form oft auch für gepanzerte Fahrzeuge – erhebliche Lieferengpässe.

Ich will hier aber gar nicht allzu konkret werden. Jedenfalls scheint mir die Möglichkeit interessant zu sein, dass jenseits der oft mit Militärtechnologie überwachten, direkten Produktionsstandorte der Rüstungsindustrie in meist ohnehin unsympathischen Gegenden die vernachlässigte industrielle Peripherie dieser Sparte manchmal entlegen in kleinen Käffern, manchmal am Rande irgendwelcher weitaus sympathischeren Industriegebiete der Großstädte schlummern mag und eine große Menge Potenzial für zündenden antimilitaristischen Ideenreichtum liefert.

Auf eine ähnliche Art und Weise ließe sich vielleicht auch im Bereich der Logistik strategisch nachbessern. Die oftmalige Güterschienennetzanbindung der Produktionsstandorte von Rüstungsunternehmen und die Namen der Logistikunternehmen der die Werkstore passierenden LKWs könnten hier Ansatzpunkte offenbaren, auch wenn ich denke, dass der qualitative Gewinn für eine antimilitaristische Praxis des Angriffs hier vor allem darin bestehen könnte, tatsächliche Frachten an die und von der Rüstungsindustrie auszumachen und zu blockieren/zerstören, wenn nicht gleich das gesamte logistische System, in dem diese verschifft, verladen, mit der Bahn oder dem LKW transportiert werden angegriffen und sabotiert wird, anstatt sich auf – in diesem Sinne eher symbolische – Angriffe auf diese Logistikunternehmen im Allgemeinen zu beschränken, die zwar sicherlich einen finanziellen Schaden anrichten, jedoch effektiv kaum Auswirkungen auf den reibungslosen Betrieb der Kriegsproduktion haben dürften.

Dabei bleibt zu bemerken, dass verschiedene aufständische Projekte der Vergangenheit vor allem dort Erfolge verzeichnen konnten, wo sie entsprechende Schwachstellen in Produktions- und Lieferketten identifizierten und ihre Angriffe auf diese konzentrierten.

(ii) Die Infrastruktur des Krieges

Armeen fürchten seit jeher Wälder, Berge und Wildnis, sprich jene Umgebungen, in die ihre Zivilisation bislang nur spärlich oder überhaupt nicht vorgedrungen ist und in der es ihnen an notwendiger Infrastruktur, sowie oft auch an geografischem Wissen und Erfahrung mangelt, um ihre Umgebung erfolgreich zu kontrollieren. Kein Wunder, dass eigentlich sämtliche Spezialabteilungen des Militärs ihre „Elitesoldaten“ auf – außerhalb einer militärischen Ausbildung Todesmärsche genannte – Expeditionen durch die raue Wildnis schicken, sie entgegen der üblichen militaristischen Logik darin üben, in gewisser Weise eigenverantwortlich zu agieren, eigene Entscheidungen zu treffen und unabhängig von den Bewegungen anderer Einheiten ihrer Armeen zu kämpfen. Diese Spezialabteilungen sind das militärische Instrument, um in Gebiete vorzudringen, die frei sind von einer für die übliche militärische Intervention notwendigen, minimalen Infrastruktur. Aber gewissermaßen handelt es sich bei diesen Einheiten um ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Moderne Kriegstechnologie baut vor allem auf Drohnen, Satteliten, Aufklärungsflüge, (Infrarot-)Überwachungstechnologie, usw., um jederzeit selbst in die entlegensten Gebiete dieser Welt vordringen zu können. Und in den wenigen Fällen, in denen sich in der Vergangenheit die Wildnis als allzu undurchdringbar erwies, wusste man sich mit Pflanzengiften, Napalm und anderen biochemischen Waffen zu helfen. Die römischen Legionen rodeten Wälder, um das geeignete Schlachtfeld für ihre Truppen zu schaffen, die US-Army versprühte das Umweltgift „Agent Orange“, um ihre Feind*innen aus der Deckung zu locken. Das sind natürlich nur zwei der populärsten Beispiele dafür, wie sehr die totale Kontrolle über ihre Umgebung damals wie heute eine bedeutende Rolle für Militärs spielte. Auch wenn die strategische Zerstörung der Umwelt auch heute noch eine wichtige Rolle in diesem oder jenem militärischen Konflikt spielt, so lässt sich doch behaupten, dass die Kriegstechnologie zumindest nach Wegen sucht, Umweltzerstörungen eines solchen Ausmaßes (im Zuge ihres lokalen Einsatzes, denn natürlich zerstört alleine die Rohstoffproduktion für Militärgerät die Umwelt in gigantischem Ausmaß) nach Möglichkeit zu vermeiden und stattdessen mithilfe von HighTech in jeden bislang „toten Winkel“ vorzudringen.

Dabei spielen längst nicht nur die militärischen Technologien eine Rolle, mit denen bislang unbekanntes „Feindesland“ ad hoc während oder im Voraus einer militärischen Intervention erschlossen werden soll, sondern gerade dort, wo sich Kriege vornehmlich gegen einzelne Bevölkerungsgruppen in einem ansonsten erschlossenen Gebiet richten, seien es indigene Bevölkerungen, Rebell*innen, Invasor*innen, das was heute mit dem Begriff Terrorist*innen gemeint ist, oder schlicht verarmte Bevölkerungsteile, die nicht bereit sind, dem Bau einer Mine, einer Fabrik, einer Straße, usw. zu weichen, sind es vielmehr die „zivilen“ Technologien, die den Armeen und/oder der Polizei oder auch privaten Sicherheitskräften den Weg bereiten. Alles was dazu beiträgt, den Raum kontrollierbar zu machen, lässt sich selbstverständlich auch militärisch zu eben jenem Zwecke nutzen. Auf Straßen und Schienen kann das Militär schnell in jeden erschlossenen Winkel vordringen, Brücken helfen dabei, natürliche Hindernisse wie Flüsse, Schluchten und Täler zu überwinden und landwirtschaftlich genutzte Flächen ermöglichen es nicht nur, große Areale von einem einzigen Aussichtspunkt aus zu überblicken, sondern sie erleichtern vor allem auch das Vorrücken abseits der Straßen; soweit dürfte man das schon einmal mitbekommen haben. Tatsächlich sind dies jedoch nur die offensichtlichsten Infrastrukturen derer sich die Armeen bedienen. Für die Schiffahrt mithilfe von Schleusen und Talsperren begradigte und vertiefte Flussläufe ermöglichen einen verlässlichen Transport von Kriegsgerät bis weit ins Inland hinein, Häfen ermöglichen das schnelle Landen von Kriegsgerät, ebenso wie nicht nur Flughäfen militärisch genutzt werden können, sondern auch diverse schnurgerade Autobahnabschnitte als Start- und Landebahnen für Kampfflugzeuge dienen und teilweise auch als solche angelegt sind.

Jenseits einer solchen logistischen Infastruktur benötigt ein modernes Heer natürlich auch eine stabile und verlässliche Kommunikationsinfrastruktur. Eigens militärisch genutzte Sattelitenkommunikation, deren Bodenstationen sich auf Militärbasen überall auf der Welt befinden und vom Militär mobil aufgespannte Ad-Hoc-Funknetzwerke, über die verschiedene Einheiten untereinander und mit ihrem Kommandostab kommunizieren können sind ebenso zu nennen, wie bereits etablierte und durch diverse Funkmasten aufgespannte Behördenfunk- und Mobilfunknetze, die sich selbstverständlich auch zu militärischen Zwecken anzapfen lassen (der Behördenfunk ermöglicht es der Polizei immerhin bereits von beinahe überall nach Verstärkung zu funken). Insbesondere Drohnen und jede andere Form von unbemanntem Vehikel benötigt derartige Funknetze, um Informationen zu übermitteln, sowie Kommandos zu empfangen. Auch das vorrangig für das Internet verlegte Glasfasernetz lässt sich zu militärischer Kommunikation nutzen und ein funktionierendes Stromnetz, das so gut wie überall eine beinahe unbeschränkte Menge an Energie zu liefern vermag erleichtert jede militärische Operation. Nicht zu vernachlässigen ist dabei vor allem auch die in Städten überhand nehmende Beleuchtung, die es selbst Nachts ermöglicht, hunderte Meter weit in Straßenschluchten, Parks, Hinterhöfe, usw. hineinzublicken und aus der Nähe beinahe in jede dunkle Ecke blicken zu können. Und die ebenfalls überhand nehmende Videoüberwachung ermöglich schon jetzt ein immer engmaschigeres Netz polizeilicher Kontrolle.

Wir leben in einer vermessenen und kartographierten Welt, die solange ihre Infrastruktur intakt ist, militärisch leichter zu kontrollieren ist, als dies den Anschein macht, wenn man sich die Berichte über militärisch schwer kontrollierbare Guerilla-Widerstandskämpfer in anderen Teilen der Welt verinnerlicht. Dazu ist es jedoch erforderlich, sich in dieser Welt jenseits der kontrollierten Pfade bewegen zu lernen, eine Fähigkeit die nicht einfach über Nacht erlernt werden kann, ebenso wie es erforderlich ist, die neuralgischen Punkte ausfindig zu machen, die die kritischen Infrastrukturen zum kollabieren bringen. Und diese – selbst wenn im Detail – nur zu kennen genügt vielleicht nicht, wie in dem Text „Fahrtenbuch“ (Die Reihen durchbrechen) argumentiert wird, es bedarf auch des spezifischen Wissens, wie diese erfolgreich sabotiert werden können, von der Herstellung der dafür erforderlichen „Betriebsmittel“, bis zu deren fachgemäßen bzw. unfachgemäßen Gebrauch.

Ich denke, dass gerade dieser Aspekt des Wissens in Ländern, in denen gerade kein offener Krieg gegen die eigene Bevölkerung geführt wird, oft unterschätzt wird. Umso bedeutender wird dieses Wissen in dem Szenario eines Aufstandes, auf den wir schließlich nicht nur alle gespannt warten, sondern auf den wir uns auch vorbereiten. In einer solchen Situation zu wissen, wie die Infrastruktur des Krieges unschädlich gemacht werden kann, das könnte sich womöglich als entscheidend erweisen.

(iii) Die Kriegspropaganda

Für das Funktionieren des Militarismus und insbesondere für die Mobilisierung nicht nur der Soldat*innen im Kriege, sondern auch jener Teile der Bevölkerung, die einen Krieg immer mittragen, ist in der heutigen Epoche die Propaganda von entscheidender Bedeutung. Vielleicht vergleichbar mit der Weltkriegspropaganda erweist sich heute die Virenkriegspropaganda, die wir seit über einem Jahr erleben. Längst sind alle Medien, von den Zeitungen, übers Radio und Fernsehen bis hin zu den sogenannten sozialen Medien auf eine Art und Weise gleichgeschaltet, die ich persönlich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Und alle machen sie mit, vom wirtschaftsliberalen Tagesblatt bis zur linken Monatszeitschrift, vom Staatsrundfunk bis hin zu Techgiganten wie Google und Facebook, die auf ihren Internetplattformen die staatliche Sicht der Pandemie prominent bewerben und kritische Stimmen entweder algorithmisch abwerten und somit verstecken oder unverhohlen zensieren. Wer hätte das gedacht, dass die Unternehmen, die einst (natürlich zu Unrecht) von sich behauptet hatten, den Arabischen Frühling möglich gemacht zu haben, nun, wo es die westlichen Staaten sind, die (Internet)zensur vorantreiben, sich so bereitwillig als Vollstrecker andienen. Achso, ja, eigentlich stand das zu erwarten.

Die gesamte Kommunikationstechnologie, von der Zeitung über den Rundfunk bis hin zum Cybernetz, sie war schon immer das Mittel der Wahl propagandistischer Indoktrination. Wie sonst könnte man auch die Massen erreichen. Die heute vielfach behauptete Medienvielfalt, sie existiert ebensowenig wie das Internet ein Instrument der Meinungsfreiheit ist. All diese Technologien erweisen sich im Kriegszustand mehr als jemals zuvor als Werkzeuge der Propaganda.

Auch wenn man sicherlich so einiges darüber sagen könnte, mit welchen Strategien die Herrschenden es erreichen, bei einem Großteil der Bevölkerung nicht nur die notwendige Angst vor dem Virus zu schüren, sondern sie auch gleich noch auf die Notwendigkeit des längst tobenden Virenkrieges einzustimmen, so wäre diese Analyse im Endeffekt doch unnötig, würde vielleicht sogar nur den Herrschenden etwas bringen, die ihre Mechanismen dadurch verfeinern könnten. Aus der notwendigen Distanz betrachtet, muss man meines Erachtens nach zu dem Resultat kommen, dass es die schiere Existenz von Massenmedien ist, die diese Kriegspropaganda ermöglicht und folglich eine effektive Bekämpfung dieser nur auf die Zerstörung dieser Massenmedien hinauslaufen kann.

Die Zerstörung des individuellen und kollektiven Heilwissens und der Aufstieg der Medizin

Die Medizin ist heute eine der anerkanntesten und unhinterfragtesten Institutionen überhaupt. Sie gilt als Wissenschaft des Heilens und genießt den Ruf im Dienste des Menschen zu stehen. Wer ein Haus der Medizin aufsucht, die*der verspricht sich davon die Heilung oder Prävention einer Krankheit oder Verletzung und in vielen Fällen scheint die Medizin dieses Versprechen tatsächlich mehr oder weniger gut einzulösen. Doch die Medizin hat ihre Schattenseite: Gierig stiehlt sie ihr Wissen von Gemeinschaften, entlockt den Körpern von Menschen und Tieren durch brutale und skrupellose Folter die Geheimnisse des Lebens. Und ist dieses Wissen erst einmal in der Kathedrale der Medizin zusammengetragen, so wird es dort von deren Hohepriestern geizig behütet, damit es ja nicht in die Hände eines Ungeweihten falle. Denn die größte Angst der Medizin ist es, dass die Menschen ihre Gesundheit in die eigenen Hände nähmen. Denn dann blieben ihre Kathedralen leer.

Schon der „Eid des Hippokrates“, sozusagen der Stammvater der Medizin, schließt aus, dass Ärzt*innen ihr Wissen an Unbefugte weitergeben. Das ist zwar nichts Außergewöhnliches, immerhin wird man entsprechende Gelöbnisse für beinahe jede Zunft finden, wenn man nur sucht, und doch wird man heute nicht viele Berufe finden, die so exklusiv sind wie der des Arztes. In vielen Ländern werden Ärzte vom Staat zugelassen, doch bevor das beispielsweise in Deutschland überhaupt zur Debatte steht, müssen werdende Ärztinnen ein Medizinstudium absolvieren. Und dazu muss man erst einmal zugelassen werden. Die Studienplatzvergabe ist für die Bundesrepublik zentralisiert, wer keine Bestnoten (in der Regel einen Abiturschnitt von 1,0 bis 1,1) vorweisen kann, wird abgewiesen. Im Ausland studieren und damit das strenge Auswahlverfahren umgehen, können sich nur Reiche leisten – Kinder von Ärzt*innen beispielsweise. Und nicht nur der Zugang zur Ausbildung als Ärztin bleibt den allermeisten Menschen verwehrt, auch das Wissen um Medikamente gehört zu den bestgehüteten Geheimnissen. Kein Wunder. Im Jahr 2018 erwirtschafteten Pharmaunternehmen durch den Verkauf von Medikamenten weltweit rund 1,2 Billionen US-Dollar. Die Medizin „im Dienste der Menschheit“? Dass ich nicht lache!

Dabei ist eine Institution wie die Medizin, die über fast das gesamte Heilwissen einer Zivilisation verfügt, keine Naturgegebenheit. Erst die organisierte Zerstörung des Heilwissens der Menschen vor vielen hundert Jahren ermöglichte die Entstehung eines solchen Ungetüms, das heute die Menschen und ihre Gesundheit im Namen des Staates/der Staaten (oder eher im Namen des Kapitals?) verwaltet. Im folgenden Artikel werde ich einige Meilensteine dieses Prozesses aufgreifen, um darzustellen, wie die Medizin als Instrument der Herrschenden zur Verwaltung ihrer Bevölkerung – ein Charakter, der heute vielleicht offener zutage tritt als jemals zuvor – entstehen konnte und wie diese Verwaltung funktioniert.

Klostergärten, Hexenverfolgung und Kolonisierung

Selbstverständlich ließen sich die autoritären und sozial-kontrollierenden Spuren der Medizin noch ein ganzes Stück weiter zurückverfolgen, etwa ins antike Griechenland und Rom, wo Ärzt*innen, die neues Wissen über den menschlichen Körper unter anderem durch die Sezierung lebendiger Sklav*innen erlangten, vor allem der reichen Oberschicht und dem Militär zur Verfügung standen. Aber der Fokus dieser Untersuchung soll auf der modernen Medizin liegen, die sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass sie ein Monopol auf die Kunst der Heilung erhebt und die Etablierung eben jenes Monopols begann in einer anderen, späteren Zeit.

Auch wenn die jahrtausendewährende Domestizierung die Menschen bereits zuvor von der Natur, von ihren eigenen Körpern und durch die Arbeitsteilung auch weitestgehend von der eigenen Zuständigkeit für ihre Gesundheit getrennt hatte, so war es auch in Europa vor allem in der armutsgeplagten Unterschicht, die keinerlei Zugang zu dem sich bereits während der Antike herausgebildeten, ärztlichen Spezialist*innentum und wissenschaftlichen medizinischen Wissen hatte, durchaus verbreitet, dass man sich um viele, wenn nicht alle wesentlichen Belange der eigenen Gesundheit selbst kümmerte, bzw. diese Aufgabe denjenigen Familienmitgliedern zufiel, die auch ansonsten der häuslichen, „reproduktiven“ Sphäre zugeteilt waren. Sprich: vor allem Frauen. Das hier zur Anwendung gebrachte Heilwissen war von Region zu Region unterschiedlich, es richtete sich nach der regionalen Flora und Fauna, sowie den jeweiligen heidnischen Überresten des spirituellen Erbes vormalig freier Gemeinschaften. Gemeinsam ist diesem Wissen jedoch vor allem, dass es obwohl es vermutlich uralt war, nahezu ausschließlich oral weitergegeben wurde. Schließlich beherrschte zu dieser Zeit auch kaum jemand die Schrift ihrer Herrscher*innen. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Heilwissens war der Gebrauch von Heilkräutern, die wenngleich sie teilweise auch gezielt in Kräutergärten angebaut worden sein mögen, vor allem in der Natur gesammelt wurden.

Doch ein Schatten legte sich über die Lande, ein Schatten, der in den nächsten Jahrhunderten auf eine sehr ähnliche Art und Weise einen Großteil der Welt befallen sollte und der in Europa, ebenso wie auf dem amerikanischen und afrikanischen Kontinent dem individuellen und kollektiven Heilwissen den Garaus machen würde: die Rede ist selbstverständlich von der christlichen Missionierung. Kein geringerer als der Missionar Bonifazius, der sich bereits zuvor damit hervorgetan hatte, eine uralte, dem Gott Donar (Thor) geweihte Eiche neben zahlreichen weiteren heiligen Bäumen gefällt zu haben, um die heidnischen Glaubenskulte der germanischen Stämme zu zerstören, veranlasste 743 bei der „Synode von Liftinae“ auch, dass das Sammeln von Heilkräutern durch die Kirche untersagt wurde. Zweck dieses Verbotes war wiederum, dass die „Neubekehrten von allem heidnischen Wesen fern gehalten werden und fern bleiben möchten.“ Doch auch wenn die allseits erwartete Reaktion der germanischen Gottheiten ausblieb, als sich Bonifazius an ihren Bäumen verging, so bedurfte es doch mehr als eines Verbots durch die Kirche, um die Menschen davon abzuhalten, sich selbst und einander zu heilen, indem sie dafür benötigte und bewährte Kräuter sammelten. Wohl um keinen allzugroßen Autoritätsverlust zu erleiden, wurden in der Folge diversen Kräutern eine biblische Bedeutung angedichtet, die diese beispielsweise in Form von Marienkulten als „christlich“ legitimierten.

Doch die neue Strategie der Kirche sollte schließlich aufgehen. Mit Verbreitung der christlichen Glaubensdoktrin festigte sich auch die Vorstellung, dass Krankheiten von Gott auferlegt wurden und eine Heilung daher auch nur mit seiner Hilfe überhaupt möglich sei. Das stärkte die mönchische Medizin, die sehr schnell zur einizigen anerkannten medizinischen Schule avancierte. Schon zwischen 770 bis ca. 800, nur wenige Jahrzehnte nachdem der Missionar Bonifazius versucht hatte, das Kräutersammeln zu verbieten, erließ Karl der Große, der einen großen Teil seiner Macht der kirchlichen Infrastruktur verdankte, ein Gesetz (Capitulare de villis), das unter anderem den Anbau bestimmter Heilpflanzen in jedem kaiserlichen Gut vorschrieb. Der sogenannte St.-Galler-Klosterplan (819-826), der rund 16 Heilpflanzen und ihren Anbau beschreibt und das Lehrgedicht Hortulus (ca. 840), das rund 24 Heilpflanzen beschreibt, zeugen von der weiteren Institutionalisierung und gleichzeitigen Verflachung (antike Schriften führen oft tausende, wenigstens aber mehrere hunderte Heilpflanzen auf, dagegen müssen 16 bzw. 24 Pflanzen geradezu lächerlich erscheinen) der Pflanzenheilkunde rund um Klöster. Bei den Pflanzen handelt es sich häufig um welche, die in den hiesigen klimatischen Bedingungen nur schlecht gedeihen, was unter anderem daher kommt, dass vorrangig Pflanzen verwendet werden, die (manchmal auch nur vermeintlich) in der Bibel beschrieben sein sollen. Eine beliebte Strategie, um die Bevölkerung davon abzuhalten auch weiter wilde Heilpflanzen zu sammeln, besteht darin, ihnen das Pflücken der Pflanzen in den Klostergärten zu gewähren. Auf diese Weise lässt sich gewährleisten, dass nur die von der Kirche „zertifizierten“ Heilpflanzen verwendet werden und das „heidnische“ Heilwissen nach und nach in Vergessenheit gerät.

Nicht alle Menschen lassen sich vom klösterlichen Kräutergarten ködern. Über mehrere Jahrhunderte koexistiert die klösterliche Medizin mit alternativem Heilwissen. Praktizierende dieses alten Heilwissens gelten als Hexen und Zauberer, was als „heidnische Irrlehre“ gilt und „durch Kirchenstrafen wie Bußen oder – in schweren Fällen – durch Ausschluss aus der Gemeinschaft geahndet werden“ soll. Ab dem 13. Jahrhundert jedoch begann die Kirche und mit ihr der Staat, die beide gleichermaßen Deliquent*innen verschiedener Ausprägungen fürchteten, zum vernichtenden Schlag gegen Hexen und andere Deliquent*innen auszuholen. Freilich geht es dabei längst nicht nur darum, nicht-christliches Heilwissen zu vernichten. Die Inquisition richtet sich gegen Homosexuelle, Jüd*innen, Ketzer*innen jeder Art, aufständische Elemente und sonstige Feind*innen der Ordnung. Im für die Deutsche Inquisition besonders bedeutenden, 1486 veröffentlichten Hexenhammer werden unter anderem Abtreibungen und libidosteigernde, sowie -senkende Verabreichungen als gängige und zu ahndende Verbrechen von Hexen beschrieben.

Nicht zufällig fällt die Vernichtung des nicht-christlichen Heilwissens in Europa in die gleiche Epoche, in der auch die moderne Wissenschaft und ihre Medizin entsteht. Franzis Bacon, einer der Gründerväter der modernen Wissenschaft, soll etwa in den Verfahrensweisen der Inquisition das Vorbild gefunden haben, der „Hexe Natur“ ihre Geheimnisse abzupressen. Übrigens war Francis Bacon als Generalstaatsanwalt unter König Jakob I. durchaus auch unmittelbar in den einen oder anderen Hexenprozess verwickelt gewesen.

Nicht unmittelbar zeitlich synchron, aber sowohl von der Art und Weise des Verlaufs her, als auch zumindest synchron zur letzten Phase der Vernichtung des nicht-christlichen Heilwissens in Europa, findet auch außerhalb Europas eine gigantische Vernichtung von indigenem Heilwissen statt. Ihre Antriebsmotoren: der europäische Kolonialismus und die christliche Missionierung. Genozide, Verschleppung und Versklavung, Vertreibung aus ihren ursprünglichen Territorien, kulturelle Auslöschung und Internierung in Lagern, in denen später unter anderem tödliche und erniedrigende medizinische Experimente zur Entwicklung von Impfstoffen und Seuchenbekämpfungsstrategien durchgeführt werden werden, tragen ebenso ihren Teil dazu bei, wie die äußerlich weniger gewalttätige Bekehrung zum christlichen Glauben mit „Buch und Schwert“, in deren Rahmen jegliche Spiritualität indigener Kulturen und damit auch das damit häufig verbundene Heilwissen beinahe noch nachhaltiger zerstört wurde. Auf dem südamerikanischen Kontinent gelten Praktizierende indigener Heilmethoden als Ketzer*innen. Die katholischen Konquistadoren beschreiben spirituelle Rituale, die Teil dieser Methoden sind, als gespenstisch und gotteslästerlich und verbrennen die Praktizierenden nach dem Vorbild der Inquisitoren in ihrer Heimat auf dem Scheiterhaufen. Der atlantische Sklav*innenhandel, in dessen Rahmen heutigen Schätzungen zufolge rund 12 Millionen Menschen gefangen genommen, verschleppt und vor allem in Nordamerika versklavt wurden, verursacht zudem zahlreiche Seuchen (weil indigende Bevölkerung, sowie Sklav*innen Erregern ausgesetzt sind, mit denen sie bisher nicht in Kontakt gekommen sind und zudem auf engstem Raum und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen zusammengepfercht sind), in denen nur die autoritäre und die Menschen zu verwaltenden Entitäten reduzierende, europäische Medizin ihre Wirkung erweisen kann und so ihre scheinbare Überlegenheit gegenüber indigenem Heilwissen unter Beweis stellt.

Lazarette, Pesthäuser, Irrenhäuser, Arbeitshäuser und Krankenhäuser

Bis heute machen sogenannte Krankenhäuser einen wesentlichen Teil der medizinischen „Versorgung“ hierzulande aus. Aber in welchem Kontext ist es überhaupt eine besonders kluge Idee, alle Kranken an einen einzigen Ort zu bringen? Diese fixe Idee konnte sich nur vor dem Hintergrund eines Expert*innenstandes an Mediziner*innen und dem zunehmenden Anspruch der Verwaltung von Kranken etablieren. Dabei scheint mir der Strang der Entstehung des modernen Krankenhauses zunächst unabhängig von der zuvor beschriebenen Zerstörung des individuellen und kollektiven Heilwissens betrachtenswert, auch wenn diese beiden Entwicklungen schließlich miteinander verwoben sein werden.

Valetudinarien und Leprosorien sind die wohl frühesten Formen dessen, was heute als Krankenhaus bekannt ist. Leprosorien, Siechenhäuser, später Pesthäuser, dienten unverhohlen der Verwaltung Kranker, die als Aussätzige galten und dort zum Schutze der übrigen Bevölkerung bis zu ihrem Tod oder in Ausnahmen ihrer Genesung verwaltet wurden. Auch wenn diese Anstalten wohl viel älter sind und beispielsweise im Chinesischen Kaiserreich um 300 v. Chr. existierten, während das Judentum mit seinen Reinheitsgesetzen ebenfalls die Absonderung von Aussätzigen kennt (allerdings wohl ohne diese in Anstalten zu verwalten), werde ich vor allem auf die Entwicklung dieser Anstalten im christianisierten Europa, vor allem auf französischem und deutschem Territorium zurückkommen. Zuvor jedoch lohnt es sich einen Blick auf die römischen Valetudinarien zu werfen, die unter Kaiser Augustus (um das Jahr 0) Verbreitung fanden. Um das Jahr 14 errichtete das römische Militär in mehreren Garnisonen der umkämpften germanischen Grenze sogenannte Valetudinarien, Lazarette, in denen verletzte und wohl auch erkrankte Soldaten mit dem Ziel behandelt wurden, wieder kampffähig gemacht zu werden. Den militärisch bewährten Anstalten folgten bald auch zivile Valetudinarien, bezeichnenderweise jedoch nicht für römische Staatsbürger*innen (um die Armen sorgte sich keiner, die Reichen ließen sich lieber in ihren eigenen Gemächern versorgen), sondern vor allem für die Sklav*innen von Gutsherr*innen und die Dienerschaft (oft ebenfalls Sklav*innen) reicher Adliger. Sie dienten also dazu, die Arbeitskraft des teuer erworbenen „Personals“ zu erhalten. Die in diesen zivilen Valetudinarien arbeitenden Ärzte waren meist selbst medizinisch gebildete Sklav*innen, sogenannte „servi medici“.

Auch wenn die Medizingeschichte diese Valetudinarien lieber nicht in Verbindung mit der Entstehung „öffentlicher“ Krankenhäuser im christianisierten Europa bringen möchte, wird diese Kontinuität jedoch schon daran offenbar, dass spätere Klöster ganz verschiedene Einrichtungen unterhielten, die der Unterbringung von Kranken und Pilgern dienten: Das „Hospitale pauperum“ für Arme, das „Hospitium“, ein Gästehaus für reiche Pilger und das „Infirmarium“, den Krankensaal für die Mönche selbst. Diese Einteilung ist nicht nur ein Beweis für die Klassenmedizin dieser Zeit, sie setzt sich auch in der weiteren Entwicklung fort: Siechenhäuser außerhalb der Klöster und Städte dienten ab dem 6. Jahrhundert der Verwaltung von als ansteckend geltenden Kranken. Besondere Anstaltskleidung, sowie das Tragen von Schellen, Lazarusklappern und Hörnern bekamen die dort Inhaftierten von der Kirche ebenso verordnet, wie die späteren Insass*innen der Pesthäuser vollständig abseits der übrigen Bevölkerung inhaftiert wurden.

Um 1700 entstehen in Frankreich und Deutschland die ersten Irrenhäuser, die unter anderem dazu dienen sollen, die weniger arbeitsbegeisterte Bevölkerung zu disziplinieren. Gerade auf dem deutschen Territorium treten diese Anstalten als Toll- und Zuchthäuser besonders häufig in Kombination mit Gefängnissen auf. Einmal erbaut, wechselten die Internierungsanstalten der Pest- und Irrenhäuser häufig ihren Zweck. Die ursprünglich im Jahre 1709 errichtete Charité Berlin wurde etwa als Pesthaus angelegt, diente dann aber zunächst als Spinnhaus (eine Strafanstalt für Frauen, die verarmt waren, bettelten oder sich prostituierten und die dort als Spinnerinnen zwangsarbeiten mussten), zur Verwaltung von Armen und als Garnisonslazarett. Zahlreiche Krankenhausbauten weisen bis heute mehr Ähnlichkeiten mit Knästen auf als mit irgendetwas anderem. Das ist kein Zufall. Und während heute die Gittertüren der Zellen, pardon Patientenzimmer, bis auf einige Ausnahmen durch reizarme, klinisch-weiße Türen ersetzt wurden, kann zumindest ich mich beim Besuch in einer solchen Anstalt  noch immer nicht des kalten Schauers, der mir dabei den Rücken hinunterläuft, erwehren.

„Deine Gesundheit gehört nicht dir!“ und der kranke Mensch als defektes Teil der Maschine

Dienten die verschiedenen Abarten von Krankenhäusern bis weit ins 19. Jahrhundert hinein vor allem der gesellschaftlichen Absonderung von Armen, Ansteckenden, „Verrrückten“, Arbeitsverweigerern, Verbrecher*innen und sonstigen für die „Volksgesundheit“ (dieser Begriff stammt allerdings aus einer späteren Epoche) schädlichen Elementen, so fielen im 20. Jahrhundert die Mauern zunehmend und die Gitter vor den Fenstern verschwanden. Aber wer den Mauern des Krankenhauses entkam, die*der musste nun zunehmend feststellen, dass die ganze Welt zu einem Krankenhaus geworden war. Auch wenn man den Nationalsozialismus keine reine „Ärztebewegung“ nennen sollte [1], so erfuhren die autoritären Lehren der Medizin ganz besonders in dieser Epoche einen enormen Bedeutungszuwachs. Der Begiff „Volksgesundheit“ wird zwar in der Medizingeschichte ebenfalls nicht mehr vorrangig mit dem Begriff „Gesundheit“ in Verbindung gebracht, aber das sollte keineswegs darüber hinwegtäuschen, dass darunter im Brustton der Überzeugung und mithilfe einer erst angesichts des Holocausts als pseudowissenschaftlich gebrandmarkten Methodik durchaus genau das verstanden wurde. „Rassenhygiene“ und „Erbgesundheit“ war nicht bloß ein nationalsozialistischer wissenschaftlicher Wahnsinn, weltweit gründeten sich eugenische Institutionen, die hohes Ansehen genossen. Besonders Zwangssterilisierungsprogramme wurden in zahlreichen Gebieten weltweit in dieser Zeit und selbst nach dem Ende des Nationalsozialismus gesetzlich verankert und durchgeführt. Die Opfer: indigene Bevölkerungen, rassifizierte Menschen und Behinderte. Die eigene Gesundheit wird dabei auf zahlreichen Ebenen entpersonalisiert. Nationalsozialistische Propaganda mahnt zur „Abhärtung“ und betrachtet Infektion als eine Schwäche des Infizierten, eine mit der der*die Infizierte der Volksgemeinschaft, dem „Volkskörper“ schaden würde.

Das Individuum als Teil des „Volkskörpers“, das kranke Individuum als Gefahr für die „Volksgesundheit“, es erinnert an eine sich dieser Tage noch verstärkten Haltung. Wobei das Individuum heute nicht einmal mehr krank zu sein braucht, um als Gefahr für die nun „öffentliche Gesundheit“ zu gelten. Aber dies soll nun kein zynischer Erguss werden, sondern eine ernstgemeinte Analyse. Es sind freilich völlig unterschiedliche Argumentationsweisen, die sich nur in ihrer Auswirkung zu ähneln scheinen [2]. Und doch drängt sich einem – ganz im Sinne des des Organischen beraubten, mechanistischen Weltbildes – hier der Vergleich mit einer anderen Methaphorik auf: Ist in einer solchen Betrachtung der kranke Mensch nicht gleich einem defekten Teil der Maschinerie des Kapitalismus und der Zivilisation? Einem Teil, das entweder repariert oder ausgetauscht werden muss, um die Maschine am Laufen zu halten?

Dienten die frühen Vorläufer des Krankenhauses noch dazu, „Kranke“ unterschiedlicher Ausprägungen zu kontrollieren und zu verwalten, so ist es heute der Geist des Krankenhauses, der in den Köpfen der Menschen spukt und sie zu ihrem Beitrag zur „Volksgesundheit“ drängt. Ein Geist, der auf die ein oder andere Art und Weise schon früher spukte und dabei einige der grausamsten, genozidalen Vernichtungsfeldzüge wissenschaftlich-medizinisch legitimierte.

Von Gesundheitsregistern bis zur Impfmücke

Der derzeitige Gesundheitstotalitarismus kann meines Erachtens nur vor dem Hintergrund verstanden werden, dass es niemals universelles Anliegen der Medizin war, dem Individuum durch Heilangebote zu helfen. Während die Heilung der Wohlhabenden durchaus immer eines der Anliegen der Medizin gewesen sein mag, war jedoch vor allem das Anliegen, Arbeitskraft verfügbar zu halten, Anliegen von flächendeckender Medizin. Das heißt nicht, dass die Medizin nicht in der Lage und möglicherweise sogar willens wäre, mir – hier in Zentraleuropa auch trotz der Tatsache, dass ich Arbeit um jeden Preis vermeide, als kriminell und asozial gelte und auch sonst nicht gerade dem Ideal der Gesellschaft entspreche – zu helfen, wenn ich etwa ein gebrochenes Bein habe. Vielmehr bedeutet das, dass der Preis für diese Hilfe immer darin liegt, dass anderswo auf der Welt – oder auch in Gefängnissen, Psychiatrien, usw. hierzulande – medizinische Experimente an anderen Menschen vollführt werden, Menschen aus einer Laune irgendwelcher Philanthrop*innen heraus zwangsgeimpft werden und dabei möglicherweise als „in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung Verstorbene“ in die Statistiken eingehen und die gesamte arme Bevölkerung der Welt auf die eine oder andere Art und Weise mithilfe der Medizin als Arbeitskraft-Ressource verwaltet wird.

Der bisher in westlichen Ländern im Hinblick auf direkte körperliche Eingriffe zur Anwendung gekommene Ansatz, mit wenigen Ausnahmen (Zwangspsychiatrisierung, Zwangssterilisierungen, Zwangsmedikationen, usw.) auf die Freiwilligkeit der Patient*innen zu setzen (wer nicht zum Arzt geht, tut das halt nicht) scheint dabei zunehmend zu bröckeln. Was ein neokoloniales Bündnis aus Philanthrop*innen, Pharmaindustrie, WHO und Staaten in den vergangenen Jahrzehnten durch medizinische Studien, Impfprogramme, die sowohl zwangsweise, als auch ohne genügende Aufklärung durchgeführt wurden und Programme zur elektronischen Erfassung von Gesundheitsdaten in sogenannten „Entwicklungsländern“ getestet hat, scheint nun erprobt genug, um auch in den Zentren der Macht auf die verarmte Bevölkerung losgelassen zu werden. Die derzeitige Diskussion um Gesundheitsregister, in denen entsprechende Daten zentral erfasst und für Behörden jederzeit abrufbar gespeichert sind, die Diskussion um Privilegien für Geimpfte, die Stigmatisierung derer, die sich nicht impfen lassen wollen, sie alle sprechen für sich. Unterdessen geben vorsichtig an die Öffentlichkeit dringende Forschungsprojekte Aufschluss darüber, welche Totalität dieser Gesundheitswahn mittlerweile auch in Wissenschaftskreisen angenommen hat: Es ist ja längst kein Geheimnis mehr, dass Virolog*innen dazu neigen, die Menschen einzusperren, zu überwachen und zu kontrollieren. Aber dass mancherorts daran geforscht wird, Impfungen mithilfe genmanipulierter Mücken zu verabreichen, die, einmal freigelassen, unkontrollierbar alle impfen, die sie vor ihren Rüssel bekommen, das macht die erschreckenden Ausmaße dieses Wahnsinns der Medizin vielleicht bewusster als vieles andere.

Für mich steht fest: Eine Institution wie die Medizin vermag mir nichts anzubieten, was gegen ihre Zerstörung spricht. Ich kann auf Expert*innen verzichten, die mir Heilung im Austausch für meine Verwaltung und Kontrolle im Dienste der Herrschenden anbieten, während sie anderswo foltern und morden. Und ganz besonders kann ich darauf verzichten, selbst gefoltert und ermordet zu werden.


[1] Dessen ungeachtet wurden die meisten Parteibücher der NSDAP an Ärzt*innen ausgestellt.

[2] Und auch die bringe ich hier vor allem zur Sprache, um eine gewisse scheinheilige, hyperkritische, die „Verschwörung“ und den Geschichtsrevisionismus“ allzeit witternde Leser*innenschaft zu provozieren.

Zündlumpen Sonderausgabe #080: Nieder mit der Zivilisation!

Ich beneide die Wilden. Und ich rufe ihnen mit lauter Stimme zu: »Rette sich wer kann, die Zivilisation kommt« // Selbstverständlich: Unsere liebe Zivilisation, auf die wir so stolz sind. Wir haben das freie und glückliche Leben in den Wäldern aufgegeben für diese grauenhafte moralische und körperliche Sklaverei. Und wir sind Wahnsinnige, Nervenschwache und Selbstmörder. // Warum sollte es mich interessieren, dass die Zivilisation der Menschheit Flügel verliehen hat, damit diese Städte bombadieren kann, warum sollte ich Interesse daran haben, jeden Stern am Himmel und jeden Fluss auf der Erde zu kennen? // […] // All diese Philosophen, all diese Wissenschaftler, was treiben sie? // Welche neuen Verbrechen planen sie gegen die Menschheit? Ich interessiere mich einen Scheiß für ihren Fortschritt, ich will leben und ich will genießen.

– Bruno Filippi –

Editorial:

Der*dem Einen oder Anderen mag es vielleicht schon einmal positiv oder negativ aufgefallen sein: Hier beim Zündlumpen ist man offenbar gegen die Zivilisation. Was? Nein, wollt ihr etwa zurück in die Steinzeit? Solche und andere Fragen und Unterstellungen, etwa die, „gendernde Sozialdarwinist*innen“ zu sein, hat man hier oft als Antwort auf gelegentlich auftretende, antizivilisatorische Äußerungen vernommen. Und nur allzu oft hat einer*m das nur ein müdes Lächeln abgerungen; Jaja, wer gegen die Zivilisation ist, die*der muss ja Primitivist*in sein (und als solche*r zurück in die Steinzeit wollen) und Sozialdarwinist*in und Ableist*in sowieso. Man hat ja gar nichts anderes erwartet, warum sich also überhaupt mit solchen Unterstellungen auseinandersetzen?

Aber warum denn eigentlich nicht? Und wenn uns auch die direkte Auseinandersetzung mit Vorwürfen wie denen des Ableismus und des Sozialdarwinismus – an dieser Stelle – durchaus zu blöd ist, so kann es ja doch nichts schaden, wenn irgendwer dann doch einmal auf Deutsch erklärt, was es mit dieser ganzen Zivilisationskritik eigentlich so auf sich hat.

Aber wenn schon, dann auch richtig … Und so hältst du nun eine – nicht mehr ganz – kleine Textsammlung zu antizivilisatorischem anarchistischen Denken in deinen Händen. Mit Texten über Landwirtschaft, Arbeit und Arbeitsteilung, Patriarchat und Geschlecht, Sprache, Zeit und Zahl, über Wissenschaft, den Untergang Roms und nicht zuletzt auch über primitivistisches Denken. Vieles davon erstmals ins Deutsche übersetzt, anderes vielleicht altbekannt aber doch vergessen oder unbeachtet? Jedenfalls soll nun keine*r mehr sagen können, wir hätten nicht wenigstens einmal in aller Ausführlichkeit erklärt, was wir mit Domestizierung, Zivilisation und ihrer Zerstörung gemeint hätten.

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