Tag Archives: Eigentumsdebatte

Das Problem mit dem Eigentum liegt tiefer

Eine Kritik am Artikel „Eigentum: fragmentarische Notizen zu einem umkämpften Begriff“

Der Begriff des Eigentums wird im Artikel im ZL Nr. 053 quasi als wenig problematisch dargestellt, obwohl Eigentum als „umkämpfter Begriff“ dargestellt wird. Dabei wird das Kollektiveigentum verworfen, mit Argumenten, die sicherlich gegenüber jeglichem staatssozialistischen Modell ihre Gültigkeit haben. Ebenso wird das kapitalistische Eigentum verworfen, wobei kapitalistisches Eigentum als vom Staat beschütztes Eigentum definiert wird (was, wie noch zu zeigen sein wird, zu kurz gefasst ist). Dabei wird nun scheinbar vertreten, und ich sage scheinbar, weil mir bewusst ist, dass das ganze ja kaum so gemeint sein wird; dass quasi als dritte Option neben diesen Modellen ein von keiner Institution, sondern nur vom einzelnen Eigentümer geschütztes Eigentum seine Gültigkeit habe. Eigentum sei nicht einfach Besitz, sondern nur jener Besitz, den ich bereit bin „gegen all diejenigen, die diesen Gegenstand in ihren Besitz bringen wollen, zu verteidigen„. Und zwar, liest man den Artikel im Wortlaut durch, ist der fragliche Gegenstand auch nur in jenem Moment Eigentum, wo diese meine Bereitschaft vorhanden ist. Diese Definition ist zwar gewissermassen surreal, aber man sollte sie sich zumindest mal genau durch den Kopf gehen lassen. Vor allem angesichts der Sätze, welche den Absatz Zwei abschliessen, und welche als „Eigentum Aller“ und „kollektives Eigentum“ nur gelten lassen, worauf gerade Niemand Anspruch erhebt – also nur das, was sich gerade niemand aneignet.

Wenn nun also dem kollektiven Eigentum seine Realität abgesprochen wird, führt das logischerweise dazu, dass folglich im Restartikel mit „Eigentum“ immer individuelles und ausschliessliches Eigentum gemeint sein muss oder müsste (auch bekannt unter dem Namen Privateigentum). Da dieses individuelle Eigentum aber dann wiederum sehr eng aufgefasst wird, also nur als das, was man „in der Lage oder willens ist“ gegen alle zu verteidigen, eröffnet sich ein Szenario, welches ich mir ähnlich wie Wild West vorstelle. Oder auch jenes, welche irgendwelche libertären Rechten in den USA verteidigen, welche jeden abknallen, der ihr Stück Land betritt, und dabei – in Milizen organisiert – auf den Staat getrost verzichten würden (zumindest in der Theorie, in der Praxis verteidigen sie ja durchaus zumeist die eine oder andere Partei). Allerdings muss man sagen, dass auch diese wohl einen Schützenverein haben werden, und dass es sich beim Schützenhäuschen wahrscheinlich um das verrufene „Kollektiveigentum“ handeln wird…

Ich verfolge hier diesen Gedankengang noch etwas weiter, zu was der kritisierte Artikel, wenn wörtlich genommen, herhalten könnte. So wird in der vierten These verhandelt, wie eine allzu massive Monopolisierung („Anhäufung“) verhindert werden könnte. Dabei wird aufgezeigt, dass ohne Staat eben diese relativ leicht verhindert werden könnte, wenn sich verschiedene kleinere Eigentümer vereinigen würden, um einen grösseren Eigentümer zu enteignen, und dass sie somit ein gewisses ökonomisches Gleichgewicht herstellen könnten (was dann besser wäre als staatliches Eigentum). Nun wird über diese Vereinigung von kleinen Eigentümern folgendes eingestanden: „Das ist übrigens das gleiche Prinzip auf das auch ein Staat setzt, wenn er seine Macht ausübt, nur eben, dass die Menschen sich meiner Vorstellung gemäß als Individuen und zu einem bestimmten Zweck kurzfristig zusammenschließen und diese Vereinigung mit der Erreichung ihrer Ziele wieder auflösen.“ Ja, eben gerade hier liegt der Hund begraben! Denn: wenn dieser kurzfristige Zusammenschluss der gleichen Logik wie der Staat folgt, sollte man eben vielleicht etwas nachhacken, um dem Problem tiefer auf den Grund zu gehen. Denn effektiv ist ein solcher Zusammenschluss von Eigentümern das, was der Staat letztlich ist, nur eben permanent. Aber solche Zusammenschlüsse sind eben keineswegs besser als der Staat, sondern Teil der gleichen Problematik. Zumindest in meiner Vorstellung wird hier etwas beschrieben, was Eigentümer immer wieder machen (siehe z.B. Trusts, Korruption, etc.), ob sie dazu illegale Mittel anwenden, ist mir eigentlich letztlich egal. Die Vorstellung, dass die Eskalation der Konkurrenz über den legalen Rahmen hinaus irgendwie zu einer mehr anarchischen Situation führen müsste, halte ich für fraglich. Denn, und hier kommen wir langsam zum grundlegenden Punkt: wenn dabei die Logik der privaten oder individuellen Aneignung, wie sie heute üblich ist, nicht überwunden wird, so heisst das nach wie vor, dass ein Teil der Bevölkerung von der Benutzung dieses Eigentums ausgeschlossen würde, zumindest bestimmt, wenn man der Definition des Eigentums im Artikel folgt.

Dazu eine kurze Erklärung, damit klar wird was ich meine: die Klasse, welche Eigentum besitzt, d.h. vor allem die bürgerliche Klasse, kann eben, durch ihren Ausschluss anderer vom Eigentum an (nicht zuletzt) Grund und Boden diese in eine Abhängigkeit treiben, wobei es ermöglicht wird, dass diese für Lohn sich verdingen, um sich dann ihr Überleben zurückzutauschen. Dabei ist es eigentlich letztlich irrelevant, ob dieser Ausschluss vom Eigentum durch einen Staat gewährleistet wird oder durch kurzfristige Zweckverbände von Eigentümern, in welchem diese die absolute Gleichheit haben und keiner über dem andern steht. Vielmehr ist es ja gerade so, dass der Staat, als Versicherungsinstitut sich für das Bürgertum als praktisch herausgestellt hat, weil er den Bürgern ja die gewünschte Privatheit wie Öffentlichkeit schafft, in welcher sie sich als Gleiche begegnen können. Dabei ist der Staat natürlich auch immer die Festsetzung eines Kompromisses, damit die Wirtschaft überhaupt laufen kann, d.h. Eigentum funktioniert. Dass aber dieser bürgerliche Staat, der den Schutz des Eigentums gewährleistet, auch verworfen werden könnte für andere, z.B. selbstverwaltete Verteidigung des Eigentums ist klar. Dass das die Konsequenz des Artikels im ZL ist, will ich aber ja auch gar nicht wirklich behaupten. Natürlich wird im Zündlumpen nicht die Verteidigung des bestehenden Eigentums angepeilt. Aber: es wird eine Art Outlaw- und Desperadophilosophie vertreten. So weit so gut und auch symphatisch. „Nur das Verbrechen kann den Armen helfen“ sagt auch Haftbefehl, und natürlich ist sowas auch bestimmt nicht falsch. Aber kann es das Ziel sein? Weist der Artikel im Zündlumpen irgendwie über eine Rechtfertigung einer kleinkriminellen Existenz und deren Verallgemeinerung hinaus? Über eine eskalierte Konkurrenz von Gangs, Gruppen und vor allem Einzelgängern? Vielleicht mit dem Horizont eines Bürgerkriegs, der in der Utopie eines Equilibriums mündet, in welchem sich alle Individuen (auch die Kinder?) ihre kleine Parzelle Eigentum ergaunert haben, die sie selbst oder mit etwas Hilfe von anderen verteidigen, die grossbürgerliche Klasse sich nicht etablieren kann, weil die Gefahr zu gross ist, und sich somit eine Art Anarchie ergibt?

Das zumindest lese ich aus dem Artikel heraus. Denn der frühe Schuss gegen das „Eigentum Aller“ und das „kollektive Eigentum“ und die gleichzeitige Verteidigung des Begriffs Eigentum überhaupt lassen mir keinen anderen Schluss zu. Auch wird in dieser Anthropologie quasi der Egoismus mit dem Besitzwollen von Gegenständen gleichgesetzt (das z.B. in Punkt Fünf gegen die Annahme einer Bezahlung nur ökonomisch pragmatische Argumente angeführt werden, spricht eben, will es der ökonomische Pragmatismus anders, für die Annahme einer Bezahlung).

Hier will ich aber aufzeigen, wie kurzsichtig der Artikel eigentlich ist. Denn das individuelle Eigentum, ebenso wie möglicherweise der Begriff des Eigentums überhaupt, sind nicht so verhängnislos, wie scheinbar angenommen. Und, auch aus egoistischen Motiven, ist eben das „Kollektiveigentum“ oder auch „Eigentum Aller“ oftmals geradezu vorzüglich, während das individuelle Eigentum nur eine Reaktion und Anpassung an kapitalistische Verhältnisse wiederspiegelt.

Wenn nämlich die Eigentumsfrage gestellt wird, so sollte man nicht im Kleinen zuerst anfangen, um dann von dieser kleinlichen Kurzsicht auf das grosse Ganze zu schliessen. Dass mag zwar naheliegend sein, weil wir Anarchisten ja in den allermeisten Fällen nur lächerlich wenig Eigentum besitzen, so vor allem Interiör und Alltagsgebrauchs- wie Bespassungsgegenstände. Aber es ist eben nicht so, dass der Staat existiert wegen Streitereien um kleine Gegenstände, sondern vor allem um das Eigentum an Grund und Boden zu gewährleisten. Und dieses Eigentum an Grund und Boden ist eben allemal freiheitsfeindlich. Dabei ist es kaum bedeutungsvoll, ob dieses Eigentum einem Einzelnen oder dem Staat oder der Gemeinde gehört, in jenem Sinn, wie es ja auch im Zündlumpen kritisiert wird: dass es eine zuteilende Instanz nötig macht, welche letztlich eine Hierarchie erschafft. Auch das Kaufen, und ich denke der Warentausch im weiteren Sinne, wird im ZL kritisiert. Dagegen wird das „sich etwas einfach nehmen“ gestellt. Dieses wird als eine „dritte Form der Inbesitznahme“ propagiert, wobei eigentlich einem richtigen Impuls gefolgt wird. Aber dieses „sich etwas einfach nehmen“ endet dann wiederum darin, dieses Etwas auch um’s verrotten behalten zu wollen, es zum „Eigentum“ zu machen, welches gerade dadurch definiert wird, dass die eigene Bereitschaft besteht, andere, die sich diesen Gegenstand „einfach nehmen“ wollen (bzw. „in ihren Besitz bringen wollen„), davon abzuhalten. Dass heisst, und ich glaube, hier ist eben die grundlegende Problematik dieses individuellen Eigentums: eine „dritte Form der Inbesitznahme“ wird zwar propagiert, aber die Form des „Besitzens“ selber wird nicht geändert. Dass es aber eben gerade diese Form des Besitzens ist, welche der Logik des „sich etwas einfach nehmen“ immer wieder widerspricht, widersprechen muss, ist denke ich offensichtlich.

Aber ich glaube, der Autor des Artikels geht hier dem eigenen Gedankengang in die Falle. Denn, mit dem Schlag gegen den Staatssozialismus wird quasi das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. So wird eben das staatssozialistische Zuteilen kritisiert, vor allem aber, dass man dann diese „„Erträge“ auch fair mit ebenjenen teile„. Wobei mit „ebenjenen“ irgendwelche Parteibürokraten gemeint sind. Nun ist es lustig, dass zwar das Wort „Erträge“ mit Gänsefüsschen gesetzt wird, aber das Wort „fair“ nicht. Denn vielmehr ist das eben ja gerade nicht fair, sondern widerspricht jeglicher Fairness, Abgaben an solche privilegierten Bürokraten leisten zu müssen. Daraus wird aber geschlossen, dass das Konzept selbst eines „Alles für Alle“ abzulehnen sei. Obwohl ja der Bolschewismus bekanntlich „Alles für die Partei und ihre Bürokraten“ bedeutet. Daraus wird geschlossen, das „kollektives Eigentum“ nicht anders möglich sei als mit einem Staat, obwohl Jahrtausende der menschlichen Existenz das Gegenteil beweisen. Vielmehr bliebe zu beweisen, ob nicht vielmehr individuelles Eigentum notwendigerweise zum Staat führen müsste, oder zumindest mit dem Staat auf intime Weise zusammenhängt…

Zumindest lässt sich eins beobachten: in jeder sozialen Revolte, in jedem Aufstand und in jeder sozialen Bewegung lässt sich beobachten, wie Leute beginnen Essen, Werkzeuge, Unterkünfte, Gebäude, Strassen, Land, Waffen, Vergnügungen, etc. mehr und mehr zusammen zu teilen. Dabei wird bei vielem, was zuvor als Eigentum galt, das Besitzverhältnis irrelevant, vielmehr wird in der Gemeinschaft des Kampfes kollektiv über die Gegenstände verfügt und die Neigung, das individuelle Verfügungsrecht über Gegenstände zu behaupten nimmt mehr und mehr ab. Dabei sind solche sozialen Ereignisse also etwas anderes als einfach eine Verlängerung der Kleinkriminalität, vielmehr werden die falschen Trennungen und die Konkurrenz aufgehoben, insofern der Aufstand Erfolg hat bzw. sich verwirklichen kann. Der Rückzug in die Privatheit, das Wiederanklammern an Besitz und Identitäten ist gerade das, was den Zusammenbruch der aufständischen Bewegung bedeutet, und es scheitert so manche Bewegung eben daran, den Begriff des Eigentums nicht konsequent genug angetastet zu haben. Dabei ist es klar, dass die Form der Inbesitznahme wie auch die Form des Besitzens während eines revolutionären Moments massiv ändert. Alles andere spiegelt meiner Meinung nach den Horizont des Kapitals und der Arbeit wieder, und sei es kriminelle Arbeit. Dass es sich beim kriminellen Milieu oft um ein Hindernis des Aufstands handelt, ebenso wie es auch vorkommt, dass das Konkurierren von Gangs während einem solchen zum Stillstand kommt, und diese eine revolutionäre Rolle spielen, ist vielleicht gerade bei dieser Behandlung der Frage des Eigentums spannend. Das blosse ändern von Kaufen und Zugeteilt-Bekommen zum „sich einfach nehmen“ ist bestimmt ein ungenügendes revolutionäres Kriterium (was im ZL ja nicht so behauptet wird), vielmehr ist es eben eine Form des Besitzens, welche bürgerlich genannt werden muss, und welche einer Mentalität und Praxis entspringt, die den Kapitalismus reproduziert, auch wenn die fraglichen Akteure sich antistaatlich verhalten.

Es ist unterhaltsam, dass die einzigen Anarchisten welche „das sich etwas einfach nehmen“ von Anfang an vertreten haben, solche waren, die sich „anarchistisch-communistisch“ genannt haben. Diese verstanden eben den Kommunismus* gerade so, dass er jeder Rolle des Zuteilers widerspricht, da ein Zuteiler eben eine ungleiche Position voraussetzt. Aber etwas haben diese Leute bedacht, was im Zündlumpen total vernachlässigt wird. Die menschliche Fähigkeit zur Kommunikation über die umliegende Welt, und somit die Möglichkeit, den Umgang mit verschiedenen Gegenständen etwas zu koordinieren. Und hier setzt eben die eigentliche Frage an: wie ermöglichen wir (oder auch „Alle„) es „Allen„, dieses „etwas einfach nehmen„? Dieses gegenseitige ermöglichen, sich einfach das zu nehmen, was grad gebraucht oder auch gewünscht wird, wäre aber eben das verpönte „Eigentum Aller“ oder „Alles für Alle„. Dabei wird eben von Individuen ausgegangen, welche fähig sind ein soziales Miteinander zu gestalten, ohne dass sie dabei einen Mittler benötigen, aber auch ohne dass sie in ständiger, mehr oder weniger eskalierter Konkurrenz leben müssten. Es waren zumindest diese kommunistischen Anarchisten (welche bestimmt keine Linksradikalen oder Halbmarxisten waren, wie es heute zumeist alle sind, welche sich Anarchokommunisten u.Ä. nennen), die die Kritik des kollektiven wie des individuellen, das Gemeinde- wie das Staatseigentum kritisierten, um eben jegliches Eigentum zu verneinen. Diese Verneinung des Eigentums bestand eben in einer gewissen, bewussten Form der Erschaffung der gesellschaftlichen Realität, welche heute eben nur auf entfremdete und unbewusste Art und Weise geschieht. Die Reproduktion des alltäglichen Lebens, die Produktion und Konsumtion von Waren, das Kaufen und Verkaufen, sieht eben oft nur das Individuum und seinen Privatbesitz, während sich zwischen den Individuen das Kapital frei entwickeln kann, da diese sozusagen beziehungslos sind bzw. sämtliche Beziehungen mehr und mehr durch das Kapital vermittelt werden (bzw. eine Beziehung zum Kapital dazwischen steht). Zumindest waren es die anarchistischen Kommunisten, welche Bakunins Kollektivismus kritisierten, der noch immer eine Art Lohnsystem mit Zuteilern bedeutete, und sich das Ziel setzten, eine Art gesamtgesellschaftliches „vom Haufen nehmen“ zu ermöglichen. Dabei würde der Diebstahl unmöglich, weil es kein Eigentum mehr gäbe.

Eine Verständigung über die Organisierung der sozialen Angelegenheiten ist zumindest allemal nützlich, und der blosse, selbstbezügliche Standpunkt „ich nehme mir einfach was ich will“ lässt die Frage nach einer solchen Verständigung nur aus, löst sie aber nicht, ausser diese soll einfach durch Gewalt ersetzt werden. Ich muss zugeben, auch ich bin skeptisch was z.B. den Optimismus vieler anarchistischer Kommunisten betrifft, aber wenn ich mir vorstelle, wie ich gerne leben würde und was für Prinzipien ich anwenden würde bei eventuell grösseren gesellschaftlichen Umwälzungen, so wären die Reflexionen, die von den kommunistischen Anarchisten Ende des 19. Jahrhunderts gemacht wurden, eher mein Orientierungspunkt als ein in der üblichen Logik verbleibender Artikel wie im ZL 053. Dabei muss ich ja auch kein Optimist sein. Aber, schon heute denke ich, dass es Grossteils eine gewisse „Kollektivierung“ von Materialien und nicht die individuelle Aneignung ist, welche mir mehr Unabhängigkeit vom Staat ermöglicht. Ich denke auch, dass es ein klares Kriterium ist um quasi den Puls einer Bewegung zu messen, inwiefern das Eigentum weniger und weniger Relevanz hat. Alles für Alle ist zumindest immer noch ein Orientierungspunkt, auch wenn es sich dabei gewissermassen um eine Abstraktion handelt. Aber wenn ich helfe, gewisse Projekte zu verwirklichen, sei das eine Bibliothek, sei das ein Angriff, oder sei es – utopisch – die Erschaffung der notwendigen Grundlagen eines Zusammenlebens, so versuche ich dabei die Form und Logik des Eigentums zu durchbrechen.

Was das Festhalten an Besitz anbelangt, welches für eine revolutionäre Dynamik allemal eher hinderlich ist, so denke ich, dass es meistens auf eine Konditionierung durch den Kapitalismus zurückgeführt werden muss. Die künstliche Verknappung in der Jugend, das Gefühl der Ohnmacht und die Vorenthaltung der freien Verfügung über sich selbst führen wohl zu psychischen Dynamiken, welche das Festhalten an Gegenständen als eine Art Befreiung aus der Ohnmacht erscheinen lassen. Dabei ist es gerade diese Anpassung oder Domestizierung, welche den perfekten Konkurrenten-Eigentümer für den Markt liefert, worüber hier auch gar kein moralisches Urteil gefällt werden soll. Zumindest ist der bürgerliche Charakter, welcher am Laufband produziert wird, eben gerade das, was diese Welt des Kaufens und Verkaufens und – Besitzens reproduziert. Wirkliche Individualität aber entwickelt sich in und durch freie Beziehung zu anderen Individuen, und nicht durch diesen Rückzug aus der Welt und dieses Kontrollierenwollen, welches dem Eigentum zugrunde liegt. Die Verwechslung von Individualität und Besitz bzw. Eigentum ist ein Schlamassel, welches Oscar Wilde schon bestens kritisierte. Revolutionärer oder aufständischer Individualismus kann sicher etwas von einer gewissen Banditenlogik abschneiden, aber das Streben nach Macht durch Eigentum bestimmt nicht.

Die Parzellierung, das kleinbürgerliche Ideal eines Equilibriums von kleinen Eigentümern, welches übrigens schon Max Stirner** kritisierte, wird vom vagabundierenden Wesen des befreiten Individuums verlacht. Jeder Zaun und jede Mauer (auch die im Kopf), welche errichtet wurden, um Eigentum „gegen all diejenigen, die dieses in ihren Besitz bringen wollen, zu verteidigen“ sollten endlich eingerissen werden. Die freie Bewegung auf dem Antlitz der Erde ist etwas, was ich mir nicht nur für mich wünsche – das „etwas einfach zu nehmen“ ist erstmals ein Notbehelf. Vielmehr wünsche ich, die soziale Realität so umzugestalten, dass das Land niemandem gehört, und Alle es benutzen können, ebenso seine Früchte, welche nicht zugeteilt, sondern relativ bedingungslos Jedem zur Verfügung stehen bzw. gestellt werden sollten. Und das ohne jeden Staat und irgend einen Mittler. Dafür kämpfe ich, und nicht für meinen Besitz an diesem oder jenem Gegenstand. Die Zerstörung des Eigentums ist ein Projekt, gegen welches der Spleen des Eigentümers, seine Angst vor Kontrollverlust, schlechte Argumente sind. Aber ebenso wäre es unangenehm, auf dem Niveau des gegenseitigen Bestehlens stehenzubleiben. Vielmehr wäre eine Kommunikation und Aneignung der Welt möglich, in welcher die Individuen keine Konkurrenten mehr sein müssen, um zu leben – davon bin ich überzeugt.

Ein Vagabund

 

* Ich will hier klar machen, dass ich das Wort Kommunismus ungern benutze. Nicht nur wegen der verschiedenen Staaten, welche ihre Unterdrückung in diesem Namen betrieben (was allerdings ein schlechtes Argument wär, weil das Wort „Freiheit“ ja auch zu allem möglichen Herhalten musste), oder weil es nicht verstanden wird. Sondern gerade weil es wie eine Art gemeinsamer Referenzpunkt mit irgendwelchen Linken und Marxisten verstanden werden könnte. Ebenso gefällt mir dessen Etymologie nicht. Aber, die Begriffe sollten einem keine Angst machen, und man wäre dumm, gewisse anarchistische Reflexionen zu ignorieren, nur weil sie das falsche Label tragen. Am konsequentesten wurde übrigens der „anarchistische Communismus“ in der Exilzeitung „Die Autonomie“ von 1886-1893 ausgearbeitet und diskutiert. Ein Niveau der Diskussion, hinter welches die heutigen Diskussionen über ähnliche Fragen oft meilenweit zurückfallen.

** Der bürgerliche Begriff des Eigentums, welcher das (legale) Besitzen von Gegenständen bedeutet, hat wenig mit dem von Stirner zu tun. Vielmehr beschreibt Stirner mit seinem in erster Linie psychologischen Begriff von Eigentum eine Art Beziehung zur Welt, nämlich eine aussermoralische und selbsterschaffene/-definierte. Das Streben nach und Anhäufen von Besitz und die Reduzierung von „Eigen“ auf „Besitzen“ kritisiert er ausdrücklich. Die Aneignung der Welt, wie sie Stirner beschrieb, ist auch durchaus mit dem – später ausgearbeiteten – anarchistischen Kommunismus kompatibel, denke ich. Zumindest kritisierte Stirner etwas Anderes. Den Kommunismus von Wilhelm Weitling, welchen Stirner in erster Linie kritisierte, lässt er im Übrigen auch für die Produktion von Brot und Ähnlichem als praktikabel gelten – natürlich aus „egoistischen“ Gründen. Dies sei hier nur angemerkt, da der kritisierte Artikel auf der Metaebene gewisse Referenzen zu Stirner zu haben scheint, und dieser, vielfach missverstandene, hier explizit von meiner Kritik „des Eigentums“ ausgenommen werden soll. Ich benutze eine andere Sprache als Stirner, welcher die seine ja selbst bemängelte, und brauche den Begriff Eigentum eben in jenem ganz unphilosophischen und alltagsgebräuchlichen Sinn.

Eigentum: Fragmentarische Notizen zu einem umkämpften Begriff

i

Was ist Eigentum? Zunächst erscheint der Begriff des Eigentums klar zu sein: Das, was ich besitze, also das, das ich bei mir trage, das was ich in meinen Räumlichkeiten lagere, die Dinge, über die ich gebiete, sind mein Eigentum. Doch schnell wird klar, dass dies kein universelles Begriffsverständnis sein kann: Über welche Dinge kann ich gebieten und was ermöglicht es mir, das zu tun? Wenn ich mir etwa ein Stück Land kaufe, mir ein Stück Land zugeteilt wird oder ich dieses Stück Land einfach in Besitz nehme, gehört es mir dann? Gehört es mir alleine? Gehört es mir auf Dauer? Und wie ist das mit einem schicken oder nützlichen Gegenstand, den ich besitze, weil ich ihn gekauft, gefunden, gestohlen, geschaffen oder geschenkt bekommen habe? Gehört er mir? Und wenn ja: gehört er mir auch, wenn ich ihn gar nicht benötige/benutze? Gehört er mir auch noch, nachdem er mir gestohlen wurde? Jedes Verständnis von Eigentum würde die aufgeworfenen Fragen unterschiedlich beantworten: Das derzeit vermutlich gängigste, kapitalistische Eigentumsverständnis etwa würde mir in der Regel das (alleinige) Recht auf Eigentum an einem Stück Land zusprechen, wenn ich es legal erworben (z.B. gekauft) habe, während ein kommunistisches Verständnis von Eigentum vermutlich argumentieren würde, dass Land nur „allen“ gehören könne, ich es aber im Auftrag der „Gemeinschaft“, der „Kommune“ oder eben des kommunistischen Staates gerne „bewirtschaften“ dürfe, nachdem es mir zugeteilt wurde, sofern ich dann die „Erträge“ auch fair mit ebenjenen teile. Ich bin für die Feinheiten beider Verständnisse von Eigentum kein*e Expert*in, da ich sie beide ablehne. Ich kann jedoch nicht umhin, eine für mich maßgebliche Gemeinsamkeit in diesen Eigentumsbegriffen zu sehen: Beide kommen nicht ohne eine ordnende Instanz, einen Staat, aus, denn ansonsten wären beide Verständnisse von Eigentum wehrlos gegen eine dritte Form der Inbesitznahme neben kaufen und zugeteilt bekommen, das sich etwas einfach nehmen [1].

ii

Meine Überlegungen zu Eigentum gehen davon aus, dass jede Form einer ordnenden Instanz, jede Form eines Staates meiner Freiheit feindlich gesinnt ist. Das offenbart sich ganz einfach durch ein einfaches Gedankenexperiment: Wenn eine solche Instanz tatsächlich die Mittel dazu besitzt, eine bestimmte Vorstellung von Eigentum – oder irgendeine andere allgemeine Vorstellung – durchzusetzen, bedeutet das, dass diese Mittel auch gegen mich verwendet werden können, denn selbst wenn ich alleine im Besitz der Staatsmacht wäre, könnte eine*r auf die Idee kommen, mich zu entmachten (gegen mich zu putschen) und so die Staatsmacht gegen mich zu gebrauchen. Jedenfalls besäße eine ordnende Instanz, also ein Staat im Falle eines Interessenskonfliktes, in dem meine Interessen gegen die vom Staat vertretenen Interessen stehen, die Mittel, um seine Interessen gegen die meinen durchzusetzen. Wenn ich jedoch meinen Interessen nur dann nachgehen kann, wenn diese sich zufällig mit den Interessen des Staates decken, dann bin ich in meiner Freiheit eingeschränkt. Folglich kann ich nicht umhin, jede Form von Staat als meinen Feind zu betrachten. Insofern steht für mich fest, dass ich hinsichtlich meines Verständnisses von Eigentum nicht auf eine staatliche Instanz vertrauen kann, die dafür sorgt, dass dieses Verständnis von Eigentum auch tatsächlich von allen anderen Menschen respektiert wird.

Daraus folgt für mich, dass ich Eigentum nur daran haben kann, was ich – im Falle, dass eine*r dieses Eigentum nicht respektiert – auch selbst verteidigen kann und will, und zugleich, dass es soetwas wie ein „Eigentum Aller“, ein „kollektives Eigentum“ oder wie mensch das auch sonst nennen will, nicht bzw. nur an den Dingen geben kann, auf die (gerade) keine*r Anspruch erhebt. Mit anderen Worten: All diese Formen kollektiven Eigentums wären dann gleichbedeutend damit, dass eine Sache eben keine*n Eigentümer*in hat.

iii

„Dann unterscheidet sich deine Vorstellung von Eigentum ja gar nicht von der kapitalistischen Vorstellung von Eigentum“, mag da eine*r derjenigen entgegnen, die so gerne hätten, dass Alle Alles besitzen. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, möchte ich dennoch versuchen, dieses gängige Missverständnis durch einige weitere Erläuterungen aufzuklären. Der grundlegende Unterschied dabei ist, dass mein Verständnis von Eigentum keines Staates bedarf. Es spielt also keine Rolle, ob ich etwas gekauft habe, ob ich es gestohlen habe, ob ich es zugeteilt bekommen habe oder ob ich es selbst geschaffen habe. Wenn sich ein Gegenstand in meinem Besitz befindet und ich in der Lage dazu und willens bin, mein Eigentum an ihm gegen all diejenigen, die diesen Gegenstand in ihren Besitz bringen (oder ihn zerstören/beschädigen/verändern) wollen, zu verteidigen, dann gehört er mir, ist mein Eigentum. Wenn nicht, nun dann kann ich höchstens sagen, dass er einmal mein Eigentum gewesen ist. Ich kann mir natürlich auch überlegen, wie ich, nachdem mir ein Gegenstand gestohlen wurde, diesen wieder in meinen Besitz bringen kann oder ich kann mich an der*demjenigen rächen, die*der mein Eigentum zerstört oder beschädigt hat. Was ich jedoch nicht kann – und das ist es, was die kapitalistische Vorstellung von Eigentum ausmacht –, ist einen Staat um Hilfe zu bitten, der dann an meiner statt für Bestrafung und Disziplinierung meiner Exproprieteur*innen sorgt und mir vielleicht oder vielleicht auch nicht mein Eigentum zurückbeschafft.

iv

„Aber dann werden diejenigen, die stärker sind als Andere den Schwächeren alles wegnehmen“, mögen darauf all diejenigen entgegnen, die Fans einer ordnenden Instanz sind. Und die Anhänger*innen der kommunistischen „Alles Allen“-Vorstellung mögen vielleicht noch ergänzen, dass dieses Verständnis von Eigentum dann ja wie die kapitalistische Vorstellung von Eigentum dazu führen würde, dass einige in der Lage sind, Eigentum anzuhäufen – oder wie manche es geschwollen ausdrücken, zu akkumulieren -, während andere nur sehr wenig Eigentum besitzen werden. Nun, mitnichten. Oder zumindest nicht in größerem Maße, als das mit einer ordnenden Instanz unweigerlich passieren wird. Beim kapitalistischen Staat ist das offensichtlich: Die sogenannten Kapitalist*innen können Eigentum anhäufen und der Staat schützt ihre Interessen dabei, während die sogenannten Lohnsklav*innen zur Erlangung der notwendigsten Güter gezwungen sind, für sie zu arbeiten. Beim kommunistischen Staat ist das eigentlich ähnlich offensichtlich, auch wenn das von seinen Verfechter*innen beständig geleugnet wird: Irgendwer muss diesen Staat ja regieren. Und da der Staat statt der Individuen alles besitzt (weil es ja im Wesentlichen nur „kollektives Eigentum“ geben soll [2]), müssen eben all die Menschen, die nicht direkt oder indirekt an der Regierung des Staates beteiligt sind, arbeiten, um die notwendigsten Güter zu bekommen. Und selbst wenn mensch annimmt, dass es wirklich keine*n gäbe, der*die irgendwelche Privilegien geniesen würde – meiner Meinung nach eine ziemlich absurde Vorstellung –, so müssten sich eben alle Menschen dafür versklaven, um vom „kollektiven Eigentum“ so viel abzubekommen, wie sie zum Leben brauchen. Meinem Verständnis von Eigentum zufolge wären einzelne Individuen zwar vielleicht in der Lage dazu, ihr Eigentum besser zu verteidigen, weil sie stärker, einfallsreicher oder gerissener als Andere sind, letztlich jedoch könnten sie nur so viel Eigentum anhäufen, wie die Anderen ihnen zugestehen, denn egal wie stark, einfallsreich oder gerissen eine Person im Vergleich zu einer anderen ist, im Vergleich mit zwei, drei oder vielen Anderen ist diese Überlegenheit relativ bedeutungslos. Das ist übrigens das gleiche Prinzip auf das auch ein Staat setzt, wenn er seine Macht ausübt, nur eben, dass die Menschen sich meiner Vorstellung gemäß als Individuen und zu einem bestimmten Zweck kurzfristig zusammenschließen und diese Vereinigung mit der Erreichung ihrer Ziele (beispielsweise eine „stärkere“ Person zu enteignen) wieder auflösen. Somit gibt es keine Institution, keine Struktur, eben keinen Staat, den irgendwer einfach (dauerhaft) für seine*ihre Zwecke missbrauchen könnte. Nach dem selben Prinzip könnten sich natürlich auch die „schwächeren“ Menschen dagegen zur Wehr setzen, dass ihnen von den „Stärkeren“ alles weggenommen wird. Aber vielleicht wäre das ja auch gar nicht nötig. Denn nur weil Menschen keine Repression durch einen Staat fürchten müssen, heißt das schließlich nicht, dass sie sich deshalb in absolute Arschlöcher verwandeln.

v

„Aber diejenigen, die viel Eigentum besitzen könnten doch einfach andere Menschen bezahlen, damit diese ihr Eigentum verteidigen.“ Aber warum sollten diese Menschen auf diesen Deal eingehen? Statt das Eigentum einer anderen Person zu schützen, d.h. mitunter heftige Verletzungen/den Tod in Kauf zu nehmen, um selbst ein kleines Stück vom Kuchen abzubekommen, könnten sie diese Person, die offensichtlich zu viel Eigentum besitzt, doch auch einfach bestehlen. Warum sollten sie also so etwas tun?

vi

„Aber das heißt doch, dass deine Vorstellung von Eigentum auf dem Egoismus der Menschen aufbaut.“ Ganz genau, jetzt hast du es verstanden.

Anmerkungen

[1] Nun im Falle eines Stück Landes sind sie das weitestgehend trotz eines höchst repressiven Staates, dem es zwar meist gelingt, dieses Eigentum vor Menschen zu schützen, nicht aber vor anderen Lebewesen. Pflanzlichen und nichtmenschlichen tierischen Lebewesen gelingt es nur allzu oft und das trotz widerlichster Abwehmechanismen in Form von Barrieren, Giften, usw., sich den Platz, den sie brauchen einfach zu nehmen. Spätestens wenn ein Areal einige Jahre lang brach liegt.

[2] Im Wesentlichen bedeutet, dass es neben denjenigen Menschen, die wohl gerne wie beim Militär selbst ihre Unterwäsche vom Staat zugeteilt bekommen wollen auch seltsame Mischformen von Eigentumsvorstellungen gibt, bei denen die „erlaubte“ Menge des Privateigentums dadurch bestimmt werden soll, was jede*r in eine Kiste einer bestimmten Größe quetschen kann.