Schlagwort-Archive: Egoismus

Anarchismus und Egoismus

Es ist unter den Anarchisten noch vielfach der Aberglaube verbreitet, dass der Egoismus der Anarchie feindlich gegenüber stehe. Dass diese Annahme vollständig irrthümlich ist, wollen wir hier kurz zu beweisen suchen.
Der Egoismus ist die Triebfeder aller menschlichen Handlungen. Ein jedes Lebewesen überhaupt sucht sich zu behaupten und zu geniessen. Welche Schranken setzt nun der Anarchismus dem Egoismus? Der Anarchismus hat nur ein Gebot: Du sollst nicht herrschen. Dies ist die einzige Schranke, welche der Anarchismus dem Egoismus bietet. Dagegen wird der Anarchismus dem Egoismus tausend Freiheiten gewähren, welche in der heutigen Gesellschaft verboten sind. Es wird daher im Interesse des Egoismus sein, wenn die Anarchie erstehen wird, und daher kann er sie nur willkommen heissen.
Ja, wir erwarten die Anarchie von dem Interesse der Menschen; wir denken nicht, dass die Anarchie aus der Nächstenliebe erstehen wird. Wenn wir uns gegen die heutige Gesellschaft empören, so geschieht es aus einem egoistischen Grunde: weil wir von ihr ungerecht behandelt werden, und uns selbst behaupten wollen.
Es ist nicht der Egoismus an und für sich, welcher unserer Propaganda im Wege steht, es ist die Unwissenheit und die übergrosse Duldsamkeit. Wenn doch die Arbeiter so egoistisch werden wollten, und die Ausbeuter nicht mehr länger anerkennen würden! Wenn doch die Arbeiter so gescheidt würden, um ihre wirklichen Feinde zu erkennen! Wenn sie doch so egoistisch würden, um sich gegen ihre Tyrannen zu empören!
Die Früchte des Egoismus richten sich je nach der Intelligenz des Menschen. Der Egoismus eines beschränkten Kopfes wird immer eine beschränkte Gestalt annehmen; der Egoismus eines Genies wird immer eine geniale Form annehmen. Und wenn es auch dem Pfennigfuchser und dem religiösen Sektirer unverständlich bleibt, die Wahrheit bleibt immer die selbe: dass alle Handlungen dem Egoismus entspringen.
Unsere Aufgabe ist daher nicht, den Egoismus zu bekämpfen; dies wäre ebenso erfolglos wie zwecklos. Wir können nur die Unwissenheit bekämpfen, wir können den Arbeitern zeigen, wie sie um ihre Arbeit betrogen und bestohlen werden, und dass die Polizei und Militär nur Handlanger der Unterdrücker sind. Ist das Proletariat einmal zu dieser Erkenntniss gekommen, dann wird der Egoismus das richtige Ziel nicht verfehlen.
Viele Leute denken, das Ziel des Egoismus sei ein gefüllter Geldsack oder ein Schmorbauch, etc. Dies sind jedoch nur Auswüchse wie sie unter den heutigen Verhältnissen gezeitigt werden. Der Egoismus bestrebt das Wohl und die Eigenheit des Individuums. Und hierfür giebt es keinen besseren Boden als die Anarchie.

E i n   a n a r c h i s t i s c h e r   E g o i s t.

[Londoner Arbeiter-Zeitung No. 5; 25. Januar 1896]

In Richtung eines indigenen Egoismus

Einführung

Ich bin eine indigene Person der Oglala-Lakota-Nation. Meine Vorfahren stammen aus dem Pine-Ridge-Indian-Reservat im westlichen South Dakota. Davor waren sie nomadisch und zogen frei über das gesamte Gebiet, das als die Great Plains bekannt ist. Ich bin auch ein*e individualistische*r Anarchist*in und existiere, was auch immer daraus werden wird, innerhalb einer radikalen „Community“ anderer Anarchist*innen hier in den Vereinigten Staaten. Ich wurde mit zahllosen Abhandlungen über individualistisches und egoistisches Denken bombardiert, die es als kapitalistisch, kolonialistisch und sogar rassistisch/faschistisch [white supremacist] bezeichnen. Ich schreibe diesen Text als Antwort auf eine*n Freund*in von mir, die*der die Behauptung aufgestellt hat, dass Individualismus und Eigeninteressen grundlegende Elemente der Kolonisierung wären. Während das stimmen mag, wenn Eigeninteressen durch koloniale Ideologie definiert werden, werde ich ein individualistisches und egoistisches anarchistisches Denken skizzieren, das ein Werkzeug der Dekolonialisierung und des indigenen Widerstands ist.

Individualismus, Kolonialismus und Beanspruchung

Was den Individualismus und Egoismus so attraktiv macht, ist der Sinn für Freiheit, den er anbietet: Der Sinn, dass kein anderer dich davon abhalten sollte, deine Sehnsüchte zu verwirklichen und dass du und deine Sehnsüchte von Bedeutung sind. In jeder Kultur und Gesellschaft werden wir unserer Freiheit beraubt: wir sind mit dem Zwang zur Arbeit konfrontiert, damit dem Kollektiv zu dienen, die Moral von Gott und der Kirche zu ehren, das Gefängnis zu fürchten und die Verhaltensregeln [Policing] zu verinnerlichen, sozialen Rollen gerecht zu werden, die Familie zu reproduzieren, sich der Autorität zu unterwerfen, ein*e produktive*r Beiträger*in zur Gesellschaft und Menschheit zu sein. Das aktive Verfolgen von Freiheit scheint eine natürliche Reaktion auf Einschränkungen zu sein. Europäische Entdecker, Kolonisten und Siedler suchten diese Freiheit. Sie erhoben Anspruch auf das Land und die Ressourcen, was zur Abschiebung und Umsiedlung indigener Völker führte. Sie beanspruchten die Ausbeutung freier Arbeitskraft, was zur Verschleppung und Versklavung von Afrikaner*innen führte. Es lag in ihrem Interesse den Wohlstand und die Macht ihrer Nation oder Kolonie auszuweiten und die Interessen von allen, die dem im Weg standen, zu übergehen. Kurz gesagt: die Kolonisierung ist das Handeln im Eigeninteresse der*s Kolonisierer*in.

Allerdings eröffnet Max Stirners Definition dessen, was eine*n willentliche*n Egoist*in ausmacht, eine andere Perspektive auf den kolonialen Individualismus. Eine Kolonie ist ein Kollektiv, das existiert, um seinem Vaterland mit natürlichen Ressourcen, Arbeit und Verbreitung der nationalistischen und christlichen Ideologien und Kultur zu nützen, sowie der strategischen Kontrolle von Landstrichen, von denen aus Kriege geführt werden können. Jede*r, die*der innerhalb einer Kolonie lebt, lebt dann, um seinem*ihrem Land zu dienen, sei es als Arbeiter*in, um Ressourcen abzubauen oder die Produktion in den Fabriken zu fördern, als Armee, um rivalisierende Länder und indigene Völker abzuwehren, als Missionar*in, die die Religion unter den indigenen Nationen verbreitet oder als Politiker*in, die*der die Ordnung der Bevölkerung der Kolonie aufrechterhält. Die dreizehn Kolonien bemerkten ihren Mangel an Freiheit gegenüber Großbritannien und starteten die Amerikanische Revolution, erschufen die „Unabhängigkeits“erklärung und gründeten die Vereinigten Staaten von Amerika. Die Vereinigten Staaten gründen sich auf einer Illusion von Freiheit und Individualismus. Das war immer ein zentrales Merkmal der amerikanischen nationalen Ideologie. Aber eine wahnhafte Masse, die fortfährt, verschiedenen Autoritäten zu dienen und sich ihnen zu unterwerfen, macht keine willentlichen Egoist*innen aus, sondern vielmehr, um es in Stirners Worten zu sagen, unfreiwillige Egoist*innen. Ein patriotischer Soldat mag aus Eigeninteresse zum Militär gehen und den Feind seines Landes bekämpfen, aber indem er das tut, unterwirft er sich seinem befehlshabenden Offizier, den Politiker*innen, die entschieden haben, Krieg zu führen, der Pflicht, Befehlen zu gehorchen und seiner Hingabe zu seinem Land. Er gibt seine Freiheit als ein Individuum auf und dient einem Kollektiv: seiner Vorstellung von einem „höheren Wohl“. Er gibt die Möglichkeit auf, zu seinem vollen Selbst zu gelangen. Das gleiche gilt für den religiösen Mann, der Gott aus Eigeninteresse dient, um Erlösung zu erlangen und ewiges Leiden in einer imaginären Hölle zu vermeiden. Er unterdrückt viele Aspekte seines Selbsts, um seiner Vorstellung oder der seiner Kirche von Gott und Moral gerecht zu werden. Jeder Mann, der in der Amerikanischen Revolution gekämpft hat und jede Person, die nach Amerika eingewandert ist – auf der Suche nach Freiheit, nach Individualismus, nach dem amerikanischen Traum –, jagte einem Individualismus nach, der durch Unterwürfigkeit niemals wirklich erreicht werden kann.

Die Geschichte des amerikanischen Kolonialismus und der indigenen Völker

Kolonialer Individualismus und Anspruch wurden auf Kosten der indigenen Völker erreicht. Damit diese Entdecker*innen, Kolonist*innen und Siedler*innen sich ausbreiten konnten und Zugang zu dem, was ihnen Macht und Wohlstand verlieh, erlangen konnten, mussten die indigenen Völker unterworfen werden. In einem militärischen Sinne war das anfangs keine leichte Aufgabe, aber dank der Epidemien, die von den Europäer*innen mitgebracht worden waren, wurden viele indigene Nationen schwerwiegend geschwächt oder beinahe vollständig ausgelöscht. Das erlaubte es den europäischen/amerikanischen Kolonisator*innen die militärische Oberhand zu erlangen. Erzwungene Räumungen von Land folgten; alle Ländereien, die einen Wert irgendeiner Art hatten, wurden von den Kolonisator*innen geräumt und ausgebeutet, was in der beinahen Ausrottung der Tiere und Pflanzen resultierte, auf die die indigenen Menschen angewiesen waren, um sich zu versorgen. Jeder Widerstand gegen eine Räumung brachte Krieg und die Individuen, die zu solchem aufriefen, wurden als „Wilde“ gebrandmarkt und entweder gewaltsam zivilisiert oder getötet. Die Zivilisierung blieb den Missionar*innen überlassen, während das Töten die Aufgabe der Regierungen der Vereinten Nationen und Kanadas war. Sowohl spirituelle und kulturelle Traditionen als auch Zeremonien wurden geächtet. Habseligkeiten, von denen angenommen wurde, dass sie heilig seien, wurden den Menschen weggenommen und zerstört. Kinder wurden ihren Familien weggenommen und in Internate geschickt. Ihr Haar, das eine ungeheure spirituelle Bedeutung besaß, wurde abgeschnitten, damit sie Weißen ähnelten. Sie wurden geschlagen und verprügelt, wenn sie in ihren traditionellen Sprachen sprachen. Sie wurden zum Christentum konvertiert. Sie wurden so unterrichtet, wie es die Kolonisator*innen für geeignet hielten, um gemäß der westlichen Standards zu leben. Im Dienste des Kolonialismus wurde alles unternommen, um indigene Kulturen auszulöschen.

Selbsthass in den heutigen indigenen Communities

Wir haben dennoch eine ganze Zeit überlebt. Die Geschichte hat uns ausradiert, für die meisten existieren wir nicht länger. Dennoch sind wir sehr wohl noch am Leben, aber das heutige Leben in den Reservaten ist kein Vergnügen. Die Auswirkungen der Kolonisierung suchen uns als Volk noch immer heim und nehmen dabei oft subtile Formen an. Alkoholismus, Sucht, häusliche Gewalt, ökonomischer Mangel, Armut, Diabetes und Selbstmorde sind in Reservaten überall in Nordamerika verbreitet. Das meiste davon resultiert aus einem Selbsthass, sowohl einem individuellen, als auch einem kollektiven. Ist es Zufall, dass viele dieser Probleme auch die afrikanisch-amerikanischen Nachbarschaften in den größeren Städten überall in den Vereinigten Staaten plagen? Das sind die Resultate der Kolonisierung, der Räumung indigener Menschen von den Ländereien, mit denen sie gewohnt waren zu leben, davon sie zu zwingen, sich an die westlichen zivilisierten kulturellen Standards und an eine kapitalistische Marktwirtschaft anzupassen.

Der Kolonisator in unseren Köpfen

Neben dem Selbsthass, den ich bei indigenen Gefährt*innen beobachte, werde ich auch Zeug*in einer Anpassung und einem Sinn der Identifizierung mit dem Kolonisator. Die Überreste unserer Communities werden nun von Stammesregierungen, Stammespolizeien und Stammesgerichten verwaltet, die Reformen vorantreiben und die Art und Weise nachahmen, auf die die Kolonisator*innen die Dinge in ihrer Welt regeln. Unsere Jugend wird ermutigt auf die Uni zu gehen, Karrieren zu beginnen und erfolgreich zu sein; oder dazu zur Armee zu gehen und in den Kriegen der US-Regierung zu kämpfen, um den Kolonialismus in anderen Teilen der Welt zu erzwingen. Ich nehme häufig an Tänzen und Gesängen auf Versammlungen überall in Nordamerika teil und beobachte Kreuze und Nike-Logos auf den Tanzbekleidungen von Individuen. Es ist ohnehin unabkömmlicher Teil des Ganzen, dass eine amerikanische Flagge während der Eröffnung hereingetragen wird, gefolgt von einem Lied zu Ehren aller indigenen und nicht-indigenen Veteran*innen, die „unsere Freiheit verteidigen“ und „uns das Privileg verleihen, das zu tun, was wir heute tun.“

Individualismus als Grundsatz der Dekolonisierung

Es sollte offensichtlich sein, dass wenn wir von „Eigeninteresse“ sprechen, wir nicht von etwas Objektivem sprechen können. Was in deinem Eigeninteresse liegen mag, kann auch sehr gut etwas sein, dass mich von etwas in meinem Eigeninteresse abhält. Das macht die pauschale Behauptung „Eigeninteresse und Individualismus sind ein Grundsatz der Zivilisation“ zu einer allzu vereinfachten Betrachtung dessen, was Eigeninteresse ist und vermeidet die Frage danach, über wessen Interesse wir sprechen. Als eine indigene Person, die eine starke Haltung gegen Anpassung, Kolonialismus und Kapitalismus einnimmt, liegt es sicherlich nicht in meinem Interesse, diese Strukturen zu fördern.

Individualismus ist die Vorstellung, dass du und deine Sehnsüchte von Bedeutung sind. Egoismus impliziert das und behauptet zusätzlich dass man in seinem eigenen Namen handeln sollte, um seine Sehnsüchte zu erreichen. Was könnte uns als indigenes Volk nützlicher sein als Selbstbewusstsein? Wir müssen wissen, dass wir als Individuen und als ein indigenes Volk von Bedeutung sind. Jahrhunderte wurden wir sowohl physisch als auch psychisch niedergeknüppelt. Wir wurden von der Macht so lange unterdrückt, dass wir davon überzeugt sind, dass wir nicht von Bedeutung sind, das wir nichts wert sind, dass wir Wilde sind: geringer als Menschen und für die Gesellschaft ungeeignet. Die psychologischen Auswirkungen der Kolonisierung wurden untersucht, analysiert und bewiesen, dass diese sowohl in innerem als auch äußerem Selbsthass resultieren.

Einige von uns haben das akzeptiert; wir missbrauchen uns selbst und einander. Oder wir medikamentieren uns selbst, um den Schmerz zu betäuben. Einige von uns passen sich an, um von unseren Unterdrücker*innen anerkannt zu werden, um einen Hauch von Selbstwertgefühl zu empfinden. Ich will mich vor niemandem ins rechte Licht rücken. Ich will wissen, dass ich für mich selbst wichtig bin, nicht für die Gesellschaft, die mich und meine Sehnsüchte verleugnet, mich von meiner Freiheit trennt: eine Gesellschaft, die verantwortlich ist für all den Schaden, der indigenen Menschen weltweit zugefügt wurde. Eine Sache, die ich bei Zusammenkünften überall auf dem Kontinent beobachte, sind Autoaufkleber und Kleidung, die „indigenen Stolz“ ausdrücken. Das ist etwas, was meine Ältesten so lange ich mich erinnern kann, gesagt haben. „Sei stolz darauf, wer und was du bist.“ Wenn wir diesen Stolz annnehmen würden und verstehen würden, dass wir von Bedeutung für uns selbst sind und anfingen, in unserem Eigeninteresse zu handeln, würde das Krieg gegen diejenigen bedeuten, die uns im Wege stehen und uns an unserer Freiheit hindern.

Egoismus bedeutet Krieg gegen die Gesellschaft

Die Vorstellung von Individualismus, die zu realisieren die europäischen Entdecker*innen und Kolonisator*innen gescheitert sind, ist ihre Verweigerung von Pflicht, Hingabe und Unterwerfung. Ich akzeptiere keine Autorität über mir, ebensowenig wie ich nach irgendeiner bestimmten Ideologie strebe. Ich werde von keiner Verpflichtung beeinflusst, weil ich niemandem irgendetwas schulde. Ich bin nichts außer mir selbst ergeben. Ich unterwerfe mich keinen zivilisierten Standards und keiner Moral, weil ich keinen Gott und keine Religion anerkenne. Kein Druck, Urteil oder Zwang sollte mich dazu bringen, mich selbst von dem, was ich ersehne, abzuhalten. Egoistische Anarchist*innen haben der Gesellschaft und der Zivilisation den Krieg erklärt. Dieser Widerstand liegt im Interesse von Jeder*m, die*der ein Leben frei von Unterwerfung unter eine herrschende Macht herbeisehnt, von jenen, die von einer Welt der Freiheit träumen, von jenen, die eine Gemeinschaft mit denen bilden wollen, die gemeinsame Interessen und Affinität teilen: eine Welt freier Assoziation, in der wir leben können, wie wir es wollen und ein erfüllendes Leben erfahren können. Das sollte auf keine*n mehr zutreffen als auf indigene Menschen. Auch wenn die westlichen, zivilisierten Kulturstandards und Werte in uns hineingeprügelt wurden, müssen wir uns daran erinnern, wer wir sind. Wir müssen uns der Wichtigkeit unseres Selbsts und unserer Sehnsüchte erinnern.

Die Verweigerung dieser Unterwerfung ist nicht leicht. Wenn ich vom Krieg gegen die Gesellschaft spreche, dann meine ich das auch. Dekolonisierung kann nur dann stattfinden, wenn wir unseren Feind angreifen: den Kolonisator. Wenn wir das nicht tun, dann perpetuieren wir nur die Beziehung zwischen Kolonisator und Kolonisierter*m. Wir können von den Unterdrücker*innen niemals erwarten, dass sie zugunsten der Unterdrückten ihre Privilegien aufgeben. Diese Initiation und dieser Angriff mag Gewalt erfordern. „Es sollte festgehalten werden, dass der Kolonialismus durch militärische Gewalt auferlegt wurde. Schließlich ist es das Gewaltmonopol des Systems, das es dazu befähigt, seinen Willen aufzuzwingen“ (Warrior Magazine).

Wir müssen uns daran erinnern, was es bedeutet, ein*e „Krieger*in“ zu sein. Wir ehren unsere Veteran*innen als indigene Menschen, um die Traditionen der Ehrung unserer Krieger*innen wiederzubeleben; Aber eine wahre Kriegerin kämpft nicht für ihren Feind und sie unterwirft sich keiner Autorität, die sie und ihr Volk beherrscht und unterjocht. Ein wahrer Krieger kämpft für sich selbst, seine Familie und seine Community. Begehe keinen Fehler: Unsere indigenen Vorfahren gingen nicht kampflos unter. Wir erinnern uns des Aufstands der Sioux, bei dem ein gebrochenes Versprechen von Nahrung zu Angriffen auf weiße Siedler*innen und den Raub von Nahrung aus den Siedlungen führte. Andrew Myrick, ein führender Händler, der hinsichtlich des gebrochenen Versprechens gesagt hatte, „wenn sie hungern, lasst sie Gras essen“, war unter den ersten, die getötet wurden. Er wurde Tage später gefunden, sein Mund war mit Gras vollgestopft worden.

Die Geschichte des indigenen Widerstands begann an dem Tag, an dem Kolumbus und seine Männer an der Küste landeten und setzt sich heute in Kämpfen wie der Verweigerung der Diné, umzusiedeln, weil Tagebaue ihr Land nehmen und Elektrizitätswerke die Wüstenluft vergiften, fort. Ich denke es ist Zeit, dass wir die Bedeutung des Selbst betonen. Ich denke es ist an der Zeit, dass wir uns neue Strategien ausdenken und die Geschichte des indigenen Widerstands studieren, um neue Pfade in Richtung Dekolonialisierung und der Zerstörung der Zivilisation zu finden.


Übersetzung aus dem Englischen: Towards an Indigenous Egoism von Cante Waste, Warzone Distro, 2019.

Verbrenne alle Bibeln

Vor einiger Zeit stöberte ich in einigen individualistischen anarchistischen Ephemera und stieß dabei auf einen Artikel, der von einer Debatte zwischen zwei Egoist*innen erzählte. Das Thema, um das es in dieser Debatte ging ist nicht relevant für das, was ich hier sagen möchte. Was relevant ist, ist die Art und Weise auf die die Debattierenden ihre Standpunkte stützten. Keine*r dieser vorgeblichen egoistischen Individuen nahm sich die Zeit, sein*ihr eigenes Argument zu entwickeln und anhand ihrer*seiner gelebten Erfahrungen oder eigenwilligen Selbstschöpfung darzulegen … Nein, stattdessen zitierten sie Kapitel und Paragraph der Schrift von Max Stirner, als ob diese eine heilige Schrift wäre.

Ich hätte von fanatisch gläubigen christlichen Idioten oder massenverblödeten marxistischen Schwachköpfen erwartet, dass diese ihre heiligen Schriften auf diese Art und Weise durchsucht hätten, um ihre Deutung ihres Glaubens zu stützen. Schließlich besitzen diese einen Glauben, eine Heilige Schrift, Propheten und Gottheiten. Aus ihrer eigenen Sicht macht es Sinn, dass solche nichtsnutzigen, glaubensfanatischen Idioten sich ihrer Schrift zuwenden, anstatt selbst zu denken und zu fühlen. Immerhin könnte solch selbstbestimmtes Denken und Empfinden gut und gerne dazu führen, dass sie die eintönigen und beschränkten Doktrinen ihres Glaubens anzweifeln würden … Und wo kämen sie da hin?

Aber für diejenigen, die behaupten selbstbestimmte und eigensinnige Individuen zu sein, ist es eine Absurdität, ein tiefgreifender Widerspruch, sich auf irgendetwas oder irgendjemanden außer ihnen selbst zu berufen, um die eigenen Ideen zu stützen, für diejenigen, die sagen, dass sie ihr Leben und ihre Worte im Rahmen ihrer Möglichkeiten so gestalten, wie sie es wollen, ist es eine Absurdität und ein Widerspruch, irgendein Buch als heilige Schrift oder irgendeinen Denker als Propheten zu behandeln. Für jede*n selbst ernannte*n Individualist*in oder Egoist*in ist es nicht nur eine schwerwiegende Beleidigung, Stirner oder Nietzsche als Propheten und ihre Schriften als Bibel zu behandeln, sondern schlimmer noch, es enttarnt sie als eine*n weiteren dämliche*n Jünger*in in der unglückseligen Herde der Gläubigen. Es ist egal, dass er seinen Glauben „Individualismus“ oder „Egoismus“ nennen mag; es bleibt eine Form sklavischer Dienstbarkeit gegenüber einer höheren Macht ihrer eigenen Schöpfung. Andernfalls hätte er kein Bedürfnis nach einer heiligen Schrift, nach einer Bibel, die er zitieren kann, weil sie durchaus in der Lage wäre, für sich selbst zu sprechen und zu handeln.

Verstehe mich nicht falsch. Ich liebe die Schriften von Stirner und Nietzsche. Diese Typen waren klug. Sie konnten komisch, poetisch und stürmisch sein. Es gibt eine Menge in ihren Schriften, das es wert ist, zu stehlen, um es in deine eigene Weise, wie du mit deinem Leben und deinen Welten spielst, zu verweben. Aber sobald du diese Schriften wie eine Bibel behandelst, stiehlst du nicht länger aus ihnen für dein eigenes Stück. Stattdessen hast du dich diesen selbst unterworfen, du hast diese Schriften in etwas geheiligtes verwandelt, das du anbetest … du hast sie in eine Bibel verwandelt.

Ein wahrhaft eigenwilliger Selbstschöpfer wird es ablehnen an eine Bibel gebunden zu sein, irgendeiner Schrift zu dienen. Bei dem kleinsten Anzeichen dafür, dass eine solche Unterwerfung begonnen haben könnte, wird sie bereit sein, ihre Bibel zu verbrennen. Aber Feuer ist nicht das einzige (und ebensowenig notwendigerweise das beste) Mittel, um eine Bibel zu verbrennen. Was der Selbstschöpfer in diesem Fall verbrennen will, ist der sakrale Griff mit dem das Buch ihn gebannt hält, der ihn dazu bringt, daraus nicht Werk- und Spielzeuge daraus für sein eigenes Stück der Selbst- und Weltschöpfung zu stehlen, sondern darin universell anwendbare Antworten zu suchen. Um diese Heiligkeit auszulöschen, um sie niederzubrennen, ist das beste Werkzeug die sarkastische Verhöhnung und das Gelächter. Sarkasmus und Verachtung, die so oft und großzügig angewandt werden, wie nötig, um den Makel des heiligen vollständig auszulöschen.

Und wenn die Bibeln, die du verbrennen must, die Schriften von Stirner oder Nietzsche sind, die du für die in Heilige Schriften verwandelt hast – Nun, dann hast du Glück gehabt. Diese Schriften bieten selbst endlose Beispiele dafür, wie das Heilige mit der sarkastischen Säure ausgelöscht werden kann. Also stehle diese Klugscheißer-Waffe des Verstands von deinen grinsenden, gottlosen Göttern. Sie sind tot … sie können dich nicht daran hindern! Und dann verleibe sie deiner eigenen, einfältigen, verehrenden Einstellung ein. Dann solltest du feststellen, dass du die Bücher in Werk- und Spielzeuge, mit denen du spielen kannst, zurückverwandelt hast … Und wenn nicht … ?

Dann werfe deinen Stirner und deinen Nietzsche das nächste Mal, wenn du ein großes Lagerfeuer machst, hinein, lache dabei laut und singe „Stirner ist tot! Nietzsche ist tot! Ebenso tot und verschwunden wie Gott!!!“ Denn wenn du schließlich bereit bist, ohne jede Bibel zu leben, kannst du dir immer noch neue Exemplare dieser Bücher stehlen.

Übersetzt aus dem Englischen: Burn all Bibles von Apio Ludd in My Own #24