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Thesen zum Scheitern der Linken im allgemeinen

Es fällt den fraglichen, radikaleren Linken schwer, sich einzugestehen, bei welchen verheerenden Massnahmen sie gerade als – mindestens – propagandistischer Flügel mitgewirkt haben. So ist es klar, dass all jene, welche diese Massnahmen kritisiert haben, mit irgend einem Label angeschmiert werden müssen, welches sie in eine rechte Ecke stellt. Und wieso nicht Sozialdarwinismus?

Die Konkret hat meinen Artikel „Tod den Statistikern“ in ZL Nummer 64 als „sozialdarwinistisch“ und „links“ eingestuft (1). Beides Etiketten von Ideologien und Bewegungen welche ich ablehne. Ich will hier dabei auf den Artikel antworten, welcher auf Englisch gratis im Netz verfügbar ist. Ich beziehe mich dabei auf die englische Version, da mir das Bezahlen eines Artikels zu blöd und zu teuer ist. Leider bin ich arm, und falls ich mal Geld hätte, sollte ich mich vielleicht lieber um eine Krankenversicherung bemühen als mein Geld für die Konkret hinauszuwerfen.

Der Artikel, in dem die fragliche Anfeindung geschieht, fasst die gegenwärtigen Klischees über was es bedeute, wenn man den lockdown und Co. ablehnt, bestens zusammen. Die Kritik verlässt dabei nicht ein einziges Mal den Bereich der Ideologie, weil es klar ist, dass ausserhalb der Ideologie die Individuen die man in die Kategorie „Risikogruppen“ steckt, durchaus nicht die Profiteure des ganzen Regimes waren, sind und sein werden. Vielmehr steigt statistisch (und mehr als um eine statistische Gruppe handelt es sich ja nicht, auch wenn die hier kritisierten sich vielleicht gern als Repräsentanten sehen würden) das Todes-, Armuts- und Krankheitsrisiko gerade dieser Gruppen zurzeit massiv an. Das kann sich jeder ausrechnen, der die gegenwärtige Gesellschaft auch nur ein bisschen verstanden hat. Und da „im Kampf gegen Corona“ – nur so ganz nebenbei natürlich – eine komplette präventive Konterrevolution stattgefunden hat, sich gerade die Linke bis in ihre radikalen Gefilde selbst für diesen Kampf, das heisst: für die Konterrevolution, mobilisiert und ansonsten grösstenteils demobilisiert hat… Ist davon auszugehen, dass die gegenwärtige Gesellschaft so leider noch etwas weiterbesteht. Zumindest aber wird die Revolution von der Fraktion #stayathome nicht ausgehen, welche in ihrem „Einvernehmen mit der Polis, dem Staat“ (Herbert Marcuse) so solidarisch war, der Polizei und dem Militär die Strasse zu überlassen. Dass die kommenden und stattfindenden Revolten und Aufstände weitergehen werden, dass das Zusammenbruchsszenario, dass sich vor unseren Augen abspielt, nicht aufzuhalten ist… dass jede chaotische Revolte, wenn sie auch katastrophal verläuft, für uns ein Lichtblick sein wird im Vergleich zu den Bürgerkriegs- oder lockdown-Regimes, oder vielleicht sogar dem Weltkrieg (wer lacht da?!), welche jetzt bevorstehen, sei nur so subtil angedeutet. Und auch eine politische Revolution wird daran nichts ändern. Diese ganze Zivilisation sollte endlich im Orkus verschwinden, zu dieser Erkenntnis werden vielleicht bald Milliarden von Menschen gelangen. Welche sich effektiv um die Krankenhausbedingungen in Europa wenig kümmern werden, ebensowenig um den Nationaldünkel gewisser Linker, etc. Denn das tun sie jetzt schon nicht. Sie werden nämlich mehr an ihren Hunger denken und vielleicht auch an ihr komplettes Ausgeschlossensein aus der schönen hygienischen Welt wo die Corona-App oder irgendwas vergleichbares ihnen den Zugang verwehrt. Wer weiss.

Wenn der totale Gesundheitsprotektionismus kritisiert wird, dann muss das ja sozialdarwinistisch sein, sagt die Konkret. Die neueste Stufe der Enteignung, oder zumindest deren aktuelle Formalisierung, nämlich das Verbot, über den eigenen Körper und das gesundheitliche Risiko, welchem man diesen aussetzt, zu verfügen, ist ja eigentlich das, was in meinem Artikel kritisiert werden sollte. Diese Enteignung betrifft ja jetzt gerade alle, nicht nur die sogenannten Risikogruppen, welche man als Grund angibt, und welche davon in der bestehenden Gesellschaft ja immer besonders betroffen waren und sind. Und wie ja auch schon darauf hingewiesen wurde: diese Enteignung war eben auch eines der Motti der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik: „Deine Gesundheit gehört nicht dir„.

Da die nationalsozialistische Art dieser Enteignung sich dabei eben vor allem durch ihre sozialdarwinistische Ideologie und Praxis von der heutigen unterscheidet, ist es wohl eines der letzten Argumente, welche für all die leider all zu realen „Massnahmen“, für diese despotische Masseneinsperrung, hergeholt werden können. Aber leider bleibt der ganze Solidaritätsdiskurs eine lächerliche Heuchelei. Wer es sich immer noch so zurechtreden will, als wäre mit Corona (welches auch Bestandteil der Grippe wäre, wenn es besonders gefährlich wäre – also vielleicht nicht „nur“ (was eine andere Diskussion ist), aber zumindest „eine“ Grippe) eine besonders soziale Phase der gegenseitigen Hilfe eingeleutet worden, der ist schlicht noch geblendet von propagandistischen Manipulationen welche bei linkstümlerischen Menschen scheinbar besonders gut ziehen. Oder er hat sich ein autoritäres Regime schon lange herbeigewünscht?

Zumindest persönlich respektiere ich nur die Basis der Freiwilligkeit als Grundlage zu Beziehung. Ansonsten stellt sich da schnell eine gewisse Feindseligkeit ein. Wenn nun effektiv Leute von mir Verlangen, ich solle mich um ihretwillen „zuhause“ einsperren, und ich mich weigere, und eben letztlich davon absehe, sie zu schlagen, auch wenn ich mein logisches Recht dazu behaupte, dann hat das nichts damit zu tun, dass ich diese als „lebensunwertes Leben“ betrachte. Auch wünsche ich mir keine „Herrschaft der Natur“ über sie, was auch immer das bedeuten soll. Vielmehr fände ich es durchaus schön und bin auch bereit dazu, in einer Welt der gegenseitigen Hilfe zu leben, in welcher die Realität all der „Risikogruppen“ nicht in Heime abgeschoben wird… aber ehrlich gesagt auch eine Welt, in welcher der Tod weder abgeschafft ist noch als Hauptfeind betrachtet wird, sondern als Bestandteil des Lebens. Wahrscheinlich wäre meine Utopie eine Dystopie für Bloch und Stephan Weigand und Rebecca Maskos. Die hoffen auf eine weitere Entwicklung des technologischen Albtraums, in welchem man das Leben fürs Überleben aufopfert, sei’s auf der Arbeit, im lockdown, überall… in welcher Einsperrung ein ewiger Bestandteil ist, als normal und lebenswert gilt. Nein Danke! #stayathome ist wohl in etwa das exakte Gegenteil einer „besseren, befreiten Gesellschaft„. Das „Versprechen des längsten und bestmöglichen Lebens„, ist das Versprechen welches euch das „falsche Ganze der Herrschaft“ (letzte 3 Zitate aus Konkret, Go die!) akzeptieren lässt. So scheint es zumindest.

Im Gegensatz dazu wird die Revolution wie ein Fest sein. Ein Fest das hoffentlich niemals enden wird. An dem alle teilnehmen können, „ob jung oder alt, rollend oder humpelnd, „multimorbid“ oder sehr normal“ (Konkret). Was zählt ist den Bereich der Angst zu verlassen, der Angst vor dem Tod nicht zuletzt. Denn, wie ein Sticker, welcher an vielen Strassenecken hier zu sehen ist, sagt: „Die Angst vor dem Tod raubt uns den Mut zu leben„. Und klar wird dabei gestorben werden. Klar wird dabei auch früh gestorben werden. Aber ohne die Opferung, ohne den Tod im Leben, welcher unser heutiges Leben so oft ausmacht.

Leben, nicht blosses Überleben! Für die Zerstörung der Ökonomie! Für ein Ende mit jeglicher Einsperrung!

(1) Rebecca Maskos/Stephan Weigand – Go die! -Corona crisis shows that social Darwinist ideas are taken up by left wing politic / respektive auf deutsch, laut website: Geht sterben! Die Corona-Krise zeigt, dass auch in der Linken sozialdarwinistisches Gedankengut verbreitet ist. In Konkret 7/2020. Zitate aus dem Text habe ich aus dem Englischen rückübersetzt und mich an Wortwahl nicht allzu sehr aufgehangen, schliesslich kenne ich die exakte Wortwahl nicht…

Im Anarchie-Test durchgefallen …

Eine Antwort auf die Antwort auf eine Kritik (Zündlumpen Nr. 065, „Eine Verschwörung und ihre eifrigen Verschwörer*innen“) von mir an dem Artikel „Neulich im Supermarkt … ‚Der Ball muss rollen‘!“ von nigra.

Vielleicht mag es irrelevant erscheinen, aber ich würde zu Beginn doch gerne etwas zu meinen Ansichten klarstellen. Zu Beginn deines Artikels unterstellst du mir, ich sei „jemensch, der*die die einzige und echte Idee von Anarchie und Radikalität für sich gepachtet zu haben scheint.“ Eine Polemik deinerseits, geschenkt, aber wenn du darauf folgend einige Anführungszeichen in meinem ursprünglichen Text deutest, quasi als Beweis dieser These, so muss ich dir sagen, dass du irrst. Nicht dass ich die FdA ernst nehmen würde – um das überhaupt in Erwägung zu ziehen, müsste mir dann doch zuerst einmal irgendwer plausibel erklären, was der Zweck dieser Organisation sein soll, ohne dass diese Erklärung eine Umschreibung des Begriffs „Organisation“ selbst darstellt –, aber das heißt noch längst nicht, dass ich dich oder irgendeine andere Person als Anarchist*in nicht ernst nehmen würde, wenn du/sie erklärt, du/sie sei(st) Anarchist*in. Für mich stellt der Begriff Anarchist*in keine Identität dar und auch wenn ich mich selbst ebenfalls als Anarchist*in bezeichnen würde, stört es mich nicht, dass wir trotz dieses geteilten Labels offensichtlich nicht besonders viele Ideen teilen. Wenn ich einen Begriff wie „FdA-Mitglied“ in Anführungszeichen setze, dann eigentlich vielmehr, weil ich mich eigentlich ein bisschen schlecht fühle, dich auf deine Mitgliedschaft bei der FdA zu reduzieren, was ich ja begrifflich dennoch – aus funktionalen Gründen – unweigerlich tue. Und um das eben ein wenig abzuschwächen setze ich diese lächerlich-identitäre Phrase dann eben in Anführungszeichen. Gleichermaßen gilt das freilich auch für den Begriff „radikale Linke“. Meinetwegen kann sich also durchaus „jede*r dahergelaufene Heini zur radikalen Linken zählen“, mir ist das gleich, nur fühle ich mich ein wenig schlecht, wenn ich über die „radikale Linke“ spreche, als wäre das eine allgemeine Identität und deswegen setze ich das dann eben in Anführungszeichen – nicht die beste Lösung, das gebe ich zu, aber pragmatischerweise dann eben doch häufig das Mittel der Wahl. Ironischerweise zähle ich mich selbst übrigens gar nicht zur „radikalen Linken“. Wenn du also meinen (streng geheimen) „Anarchie-Test“ bestehen wollen würdest – ich wüsste übrigens auch nicht warum du das wollen solltest –, dann hättest du sicherlich bessere Chancen, wenn du dich da auch nicht dazu zählen würdest. ;-)

Was soll nicht alles meine Sache sein?

Nun, nachdem ich nun meine Anführungszeichen-Motivation so ausführlich dargelegt habe, kann ich eigentlich auch gleich etwas zu meiner nicht vorhandenen moralischen Motivation sagen, nach der du fragst. Deine ~grundlegende~ moralische Motivation beschreibst du folgendermaßen „Es soll allen Menschen auf der Welt gut gehen und niemensch soll an den Verhältnissen leiden“ und weil ich diese Motivation für mich verneine fragst du dich zurecht, was denn verflucht noch mal meine Motivation, Anarchist*in zu sein ist. „Den Staat scheiße finden und aus Prinzip alles, was von ihm kommt, auch wenn es sich zufällig in einem Punkt mit meinen Zielen deckt, ablehnen“, schlägst du vor. Warum nicht? Aber ich denke das ist nicht meine Motivation, sondern vielmehr die Konsequenz daraus. Ich denke ich würde meine Motivation Anarchist*in zu sein recht egoistisch beschreiben, vielleicht mit „Mir geht nichts über Mich!„, naja vielleicht nicht ganz so angestaubt, vielleicht lieber „Meine ~Motivation~ Anarchist*in zu sein ist es selbst ein Leben jenseits von Herrschaft zu führen“? „Pfui über den Egoisten, der nur an sich denkt!„, mag dir da in den Sinn kommen. Aber ganz ehrlich, bei deiner ~Motivation~ frage ich mich etwas dieser Art: „Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein.

Hmm, jetzt werde ich wieder polemisch … Naja, legen wir den Stirner wieder beiseite, der ist prädestiniert für Polemik, du machst schließlich auch noch ganz gute weitere Vorschläge, was meine ~Motivation~ – oder sagen wir besser eine Konsequenz daraus – sein könnte: „Die Förderung Erneuerbarer Energien ablehnen, weil die Förderung eine staatliche und im Kapitalismus eingebettete ist?“ Ich würde vielleicht noch bescheiden ergänzen, dass „Erneuerbare Energien“ die Zivilisation aufrechterhalten und Teil der technologischen Herrschaft sind, aber ansonsten würde ich deinen Vorschlag durchaus übernehmen. Nur die „Atomkraftwerke wieder ans Netz bringen“, da muss ich passen. Ich denke das Stromnetz zerstören, das wäre da aus meiner Sicht die passendere Perspektive, wenn du schon fragst. Das ist eine „Schwarz-Weiß-Welt“ „ohne Zweifel und Kompromisse“? Du machst dir ja keine Vorstellungen …

Aufbruch in die kybernetische Gesellschaft?

Als du in deinem ursprünglichen Text „Neulich im Supermakt … ‚Der Ball muss rollen'“ schriebst, dass ~unsere~ – wer ist dieses wir?! – Motivation auch jetzt sein sollte, „Leid zu minimieren“ und dabei vorschlugst „Und wir alle können es verhindern, indem wir uns zurücknehmen. Und „zurücknehmen“ heißt nicht, gar nichts zu tun, sondern es anders und mit Bedacht zu tun.“, was wolltest du damit zum Ausdruck bringen? Ich warf dir daraufhin in meinem Text (Zündlumpen Nr. 065) vor, zum Gehorsam aufzurufen, was du nun von dir weist, mit den Worten „Du sollst dein Hirn einschalten und vielleicht andere Wege finden, dich zu engagieren und aktiv zu sein. Was ist daran so schwer zu kapieren, dass der Virus sich unter bestimmten Umständen leichter verbreitet? Mir sagt mein gesunder Menschenverstand, dass Mund-Nasen-Schutz, Hände waschen, Abstand halten und das Vermeiden von Menschenmassen helfen, die Ausbreitung zu verlangsamen.“ Auch wenn es mir sicherlich erheblich an „gesundem Menschenverstand“ mangeln muss, weil ich so gar nicht verstehen kann, wie – und ebenso was und warum – es helfen soll, die „Ausbreitung [des Virus] zu verlangsamen“, wenn ich all das von dir vorgeschlagene tue, bin ich es dennoch Leid, hier die tausendste Neuauflage der Diskussion um die „Gefährlichkeit“ des Coronavirus durch die Brille der Wissenschaft zu führen. Ich bin sicher, dass diese Frage in naher Zukunft von all jenen, die diesen Streit so leidenschaftlich führen, zur Genüge aufgeklärt werden wird. Was auch immer dabei herauskommen mag, für mich spielt es nicht den Hauch einer Rolle: Mag sein, dass ich mich selbst anders vor einer Infektion ~geschützt~ hätte, wenn mir eine glaubhafte Statistik vorgelegt worden wäre, die gezeigt hätte, dass die Hälfte oder wenigstens ein Drittel der Infizierten am Virus verrecken, aber unter keinerlei Umständen hätte mich das dazu verleitet, mich selbst zu Quarantänisieren und schon gar nicht, soetwas von anderen einzufordern (was sollte das auch für einen Sinn ergeben). Und eben das ist die Debatte, die wir beide hier führen: Ist es zum Wohle einer (vermeintlichen oder tatsächlichen) Mehrheit der Menschen vertretbar, sich selbst „zurückzunehmen“? Ich hatte ja Eingangs bereits mit Stirners Worten gesprochen, also will ich hier versuchen, das noch einmal mit eigenen Worten zu umschreiben, bzw. meine eigene – sicher graduell unterschiedliche – Perspektive dazu auszuformulieren:  Es ist die herkömmliche Legitimation der Zivilisation – und oft auch des Staates als schlichtender Akteur –, die Interessenskonflikte zwischen Individuen und die „Einschränkung der eigenen Freiheit zugunsten der Freiheit anderer“ auf diese Weise zu beschreiben: Statt zu sagen, diese*r oder jene*r solle sich zum Wohle anderer oder zum Wohle der Allgemeinheit „zurücknehmen“, könnte ich auch sagen „die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt“ oder irgendeine ähnliche weitverbreitete und doch inhaltsleere Phrase. Ob es nun der Staat ist, der diese „Freiheit“ des Individuums, die als von anderen Individuen bedroht interpretiert wird, „garantiert“ oder eine (anarchistische oder weniger anarchistische) Moral, das scheint mir nur eine Frage der Form zu sein. Es ist aus meiner Sicht auch der am wenigsten interessante Aspekt: Viel wichtiger finde ich die Fragen: Bedrohen die Individuen sich wirklich gegenseitig in ihrer Freiheit? Wie groß ist diese Bedrohung und wie groß ist sie im Verhältnis zur Bedrohung der Freiheit durch die Etablierung einer Moral oder der diskursiven Allgemeinheit? Ich bin überzeugt, dass es immer Konflikte zwischen Individuen geben wird, dass diese Konflikte auch immer wieder mit Gewalt gelöst werden werden und dass das unzivilisierte Individuum immer auch die „Freiheit eines anderen einschränken“ wird, wie es die bürgerlich-demokratische Ideologie beschreibt. Dagegen kann sich ein einzelnes Individuum ebenso wie mehrere Individuen zugleich stets zur Wehr setzen oder auch nicht, ich kann einen Konflikt auf Leben und Tod austragen oder nachgeben, ich kann mich rächen, ich kann auf Rache verzichten, ich kann kämpfen und ich kann sterben. Jedoch aus Angst vor dem ungezähmten Individuum irgendeine Institution, sei es die des Staates oder die der Moral, zu errichten, die über jedem Individuum steht und die die Konflikte zwischen Individuen zivilisiert und in bestimmte Bahnen lenkt, das ist für mich die eigentliche Bedrohung der Freiheit. Denn das ist für mich der Beginn von Herrschaft. Und das (vermeintliche oder tatsächliche) „Wohl der Allgemeinheit“ verweist auf eine ebensolche Institution, nämlich gewissermaßen auf die der Gesellschaft, die der Zivilisation selbst. Und daher kann ich es nur ablehnen, das „Wohl der Allgemeinheit“ als Maßstab für mein Handeln anzuerkennen!

Was sich speziell anlässlich des Coronavirus hier vielleicht noch anmerken lässt, ist, dass sich hier ganz deutlich gezeigt hat, wie die Herrschaft sich solch utilitaristischer Argumentationsmuster ganz bewusst bedient, um ihre Interessen durchzusetzen. Denn auch wenn mir noch immer unklar ist, was das ~vernünftige~ Interesse der Herrschaft gewesen sein soll – aber die Herrschaft handelt ja nicht notwendigerweise ~vernünftig~ –, die Menschen einzusperren und gegen sich aufzubringen – siehe all die Rebellionen und Revolten weltweit –, außer dass man vielleicht ausprobieren wollte, was die Menschen sich alles gefallen lassen und wie weit man gehen kann, so ist doch deutlich erkennbar, dass sich mit der Entscheidung, Ausgangssperren zu verhängen, Mundschutz vorzuschreiben, usw. auch von einem Tag auf den nächsten die – ach so objektiven – wissenschaftlichen Einschätzungen gewandelt haben: War der Mundschutz anfangs noch als kontraproduktiv gebrandmarkt worden – da, als du ihn wohl schon auf Empfehlung spanischer Anarchist*innen getragen hast –, galt er plötzlich als essentiell und all diejenigen, die nicht über Nacht einen solchen parat hatten oder einfach keine Lust verspürt haben, einen zu tragen, wurden in der Öffentlichkeit, von den Medien, der Polizei und den Politiker*innen als potenzielle Mörder*innen behandelt, die „rücksichtslos“ andere infizieren würden. Das ist nur ein Beispiel, es gibt noch viele weitere, dafür, dass das „allgemeine Wohl“ der Menschen, für das auch du dich so sehr zu interessieren scheinst, eben sehr stark verhandelbar ist, von der Perspektive der*desjenigen, die*der es definiert abhängt und sich dementsprechend hervorragend als Instrument zur Durchsetzung eines persönlichen Programms eignet. Und das Gute daran – aus Sicht der Herrschaft –: Ist es ersteinmal gelungen, irgendetwas als dem „allgemeinen Wohl“ zuträglich darzustellen, so gebietet die (christliche) Moral all ihren Anhänger*innen, unabhängig davon ob diese sich nun als Anarchist*innen, Demokrat*innen, Kaisertreue oder Kapitalist*innen verstehen, danach zu handeln.

Aus dieser Analyse entspringt auch mein Vorwurf, du würdest zum Gehorsam aufrufen und diesen muss ich auch jetzt, wo ich deinen Appell ans „Hirneinschalten“ und den „gesunden Menschenverstand“ lese – was bei mir freilich beides ins Leere laufen muss – wiederholen. Nichts davon ist ein Argument für das „Zurücknehmen“, beides vielmehr eine Rechtfertigung für das Gehorchen! „Was ist daran so schwer zu kapieren, dass der Virus sich unter bestimmten Umständen leichter verbreitet?“, fragst du. Ja was eigentlich? Ist es nicht die Zivilisation mit ihren Hochgeschwindigkeits- und Massentransportmitteln, mit ihren global angeglichenen Lebensbedingungen, ihren immer sterileren urbanen Lebensräumen, ihrer (industriellen) Verwertbarmachung ihrer Umwelt, ihrem Herrschaftsanspruch über sämtliches Leben auf diesem Planeten, die diese Umstände ausmacht? Aber es ist nicht die Zivilisation, die du mit deinem Vorschlag des sich „Zurücknehmens“ angreifst, im Gegenteil: Mund-Nasen-Schutz tragen, Hände waschen, Abstand halten und das Vermeiden von Menschenmassen, alles Dinge, die du aufzählst, sind vielmehr der Innbegriff der bereits begonnenen techno-industriellen Zivilisation, die mit ihren kybernetischen Modellen sämtliche Individuen voneinander isoliert, nur um sie technologisch vermittelt und kontrolliert wieder „zusammenzubringen“. Wenn ich deiner Meinung nach nun also „andere Wege finden“ soll, um mich „zu engagieren und aktiv zu sein“ – für mich heißt das „zu leben“, weil ich weder engagiert, noch aktiv bin –, dann – das unterstelle ich dir jetzt einfach, du kannst ja widersprechen, wenn du findest zu Unrecht – meinst du damit einen Schritt hin zu dieser furchtbaren technologischen Dystopie: Du meinst ich soll hinter einem Bildschirm verschwinden, soll, wenn denn überhaupt, andere Individuen nur noch mit maskiertem Gesicht treffen, soll jegliche Wärme zwischenmenschlichen Kontakts (ein Lächeln, eine Umarmung, eine reale Begegnung, usw.) aus meinem Leben verbannen und fortan ein kühles, nüchternes, rationales und vorhersehbares Leben als Teil der Maschine führen. Kurz: Du erwartest von mir genau das selbe wie der Staat, selbst wenn du es anders – aber nicht allzusehr anders – begründen magst. Und wenn du später auch betonst, dass du und deine Gang andere Menschen niemals verurteilt habt, „wenn sie anders als [ihr] gehandelnt haben“, weil ~ihr~ Anarchist*innen seid und „differenziert denken [könnt]“, wenn du nahelegst, dass es in einer „anarchistischen Gesellschaft“ (Anführungszeichen, weil ich mit dem Begriff nichts anfangen kann) keine Quarantäne gäbe, weil sich „in einer freien Gesellschaft sozialisierte Menschen völlig selbstverständlich in sie begeben“, dann stehen mir vor Schaudern alle Körperhaare zu Berge und ich muss an Huxleys schöne neue Welt denken, aber auch an die strahlenden Utopien der heutigen Vertreter*innen einer transhumanistischen Techno-Gesellschaft und trotz der Angst vor deiner Antwort drängt es mich, dir folgende Frage zu stellen: Begeben sich in dieser ~freien~ Gesellschaft dann auch alle darin sozialisierten Verbrecher*innen gleich nach ihren Taten von selbst und freiwillig in die Knäste oder gibt es gar keine Verbrecher*innen mehr?

Du hältst „Ausgangssperren für falsch“, aber plädierst dafür, dass die Menschen sich – zumindest meistens – selbst und freiwillig in Quarantäne begeben? Was ist das anderes als ein Plädoyer für die kybernetische Gesellschaft in der die materielle Repression des Staates dank der subtileren Institutionen von Herrschaft obsolet geworden ist?!

Noch ein paar Worte zur Wissenschaft

Du fragst mich, ob wissenschaftliche Erkenntnisse zwingend immer falsch sind. Ich denke das ist die falsche Frage. Ich denke Ziel der Wissenschaft ist es, die „Natur“, d.h. die auf diesem Planeten existierenden Lebewesen beherrschbar zu machen, indem das Leben in abstrakte Modelle gepresst wird. „Ist 5 x 5 nicht immer 25?“ Es mag als gigantischer Klugschiss aufgefasst werden, wenn ich das nun verneine und ich bin mir fast sicher, dass du dich – zumindest insgeheim – darüber lustig machen wirst, aber das ist mir egal, denn das Beispiel eignet sich zu gut um zu erläutern, was ich meine. Die Mathematik ist schließlich nichts als ein Hirngespinst. Ein derzeit besonders einflussreiches vielleicht, aber eines, dessen praktischer Nutzen sich mir jenseits der Zivilisation nicht erschließt. In der Realität gibt es nicht mehrere Instanzen von ein und derselben Sache. Wenn ich einen Stein finde und dann noch einen und später vielleicht noch einen, welchen Sinn macht es da, diese Steine zu zählen? Schließlich sind sie alle verschieden und sie zu zählen würde nur dann Sinn machen, wenn ich aus ihrer Abstraktion und deren Anzahl irgendeinen Wert ziehen wollte. Zählen würde ich dann also nicht die konkreten Steine (da habe ich ja von jedem nur einen), sondern irgendein Idealbild von einem Stein. Vielleicht so wie bei Geldmünzen. Auch da ist keine identisch zur anderen, aber weil es darum nicht geht, sondern bloß um das Ideal ihres Wertes ergibt es für mich einen Sinn zu zählen. Eine*r mag nun einwenden, dass es für dieses oder jenes Beispiel vielleicht doch jenseits des Zweckes der Wissenschaft einen tieferen Sinn gibt, etwas zu zählen. Aber selbst wenn: Ich bin überzeugt, dass es eine völlig andere „Mathematik“ – in Anführungszeichen, weil ich etwas institutionalisiertes wie die heutige Mathematik selbst wenn sie eine andere Form hätte, ebenso unbrauchbar fände – sein wird, die sich dann als nützlich erweisen wird. Und wer weiß: Möglicherweise ergibt 5 x 5 dann selbst in der konventionellen Algebra nicht mehr 25.

Vielleicht ist das ein wenig abstrakt, aber die Viren-Frage ist möglicherweise anschaulicher. Vielleicht klammern wir die Frage danach, ob es Viren überhaupt gibt im Wesentlichen aus, dafür beschränke ich mich hier auch auf die wertneutrale Feststellung, dass es zumindest wenn mensch hier den Erkenntnissen der Wissenschaft Glauben schenken will, für die Menschen vor 1892 keine Viren gab. Aber die Frage, ob „Viren in der Anarchie nicht mehr ansteckend“ seien, finde ich eigentlich sowieso spannender: Ich vermute mal in deiner Anarchie sind sie es genauso wie heute auch. Für meine Anarchie ist das schon schwieriger zu beantworten. Und das gar nicht einmal, weil meine Anarchie vor allem ein Raum der Negativität ist. Nein, das ist eine gute Frage: Wenn denn die Zivilisation erst einmal zerstört ist und wir anachronistischerweise einmal annehmen, dass das Konzept eines Virus diese paradoxerweise überdauern wird, dann hängt es doch hochgradig von der Lebensweise der Menschen ab, ob und in welchem Grad Viren (von Mensch zu Mensch) dann noch – in diesem Grad und Sinne – ansteckend sind. Aber nehmen wir doch einfach einmal an, dass grundsätzlich schon. Eine Pandemie wäre dann doch sehr unwahrscheinlich, wenn es keine Zivilisation mehr gibt, die sowohl ähnliche Umweltbedingungen, als auch effiziente Verbreitungswege garantiert und garantieren würde.

Wusstest du übrigens, dass an Impfungen und anderen Virenmedikamenten zuerst im militärischen Kontext geforscht wurde? Weil es nämlich ein Problem für die Kolonisator*innen war – und natürlich umgekehrt auch für indigene Bevölkerungen, aber für die interessiert(e) sich die medizinische Forschung natürlich nicht –, wenn sie sich mit Viren – gegen die die indigene Bevölkerung längst immun war – ansteckten und daran verreckten oder wenigstens für einige Zeit „kampfunfähig“ waren. Die Deutung dieses Fakts bleibt dann jeder*jedem selbst überlassen.

Es grüßt aus dem „anarchistischen Großstadt-Kiez“ München in die ferne Provinz von Ortenau:
Niemand

Eine Verschwörung und ihre eifrigen Verschwörer*innen

Einige unbequeme Gedanken über die Pandemie, Verschwörungstheorien, den Staat, die Medien und einige – gar nicht besonders radikale – Linke

Anlässlich des staatlich verordneten Ausnahmezustands der letzten Wochen und Monate unter dem Vorwand der Pandemie schienen sich die Geister zu scheiden in jene, die sich brav unterwarfen, die staatlichen Maßnahmen mittrugen und teilweise gar für deren Einhaltung sorgten und jene, die Widerstand gegen diese Bevormundung leisteten. Nun, da der Ausnahmezustand zwar nicht aufgehoben wurde, jedoch zunehmend weniger Beachtung bei den Menschen findet und der Staat selbst nach einem Weg zu suchen scheint, sich der eigenen Verordnungen möglichst unauffällig zu entledigen, scheint es mir an der Zeit die Bruchlinien, die hier zutage traten nachzuzeichnen und zu vertiefen, in der Absicht unendliche Feindschaft zu schüren, all jenen gegenüber, die sich im Angesicht der Pandemie auf die Seite des Staates stellten.

Die Corona-Verschwörung

Verschwörungen haben ja in der Regel etwas Heimliches. Wenn von einer Verschwörung die Rede ist, dann stellt sich eine*r vor, dass sich irgendwo im Kerzenschein einige Individuen zu etwas verabreden, was mensch offen nicht besprechen kann. Wenn ich diesen Maßstab anlege, dann fällt es schwer, die Quarantänisierung und Einsperrung von mehr als der Hälfte der auf der Erde lebenden Menschen als Verschwörung zu bezeichnen, denn immerhin wurden nicht nur die entsprechenden Dekrete und Verordnungen öffentlich erlassen, sondern auch die Absicht diese zu erlassen wurde offen kommuniziert und es ist auch nicht so gewesen, dass sich zuvor irgendwer erst noch die nötige Macht hätte verschaffen müssen, im Gegenteil, allesamt waren es gewählte Repräsentant*innen, die den Befehl gaben, ihre Bürger*innen zuhause einsperren zu lassen. Es ist die Demokratie, die ihre Bürger*innen einsperren lässt und die Kritik, dass sich die Demokratie in eine Diktatur verwandeln würde, vermag ich nicht wirklich nachzuvollziehen. Also wo ist hier die Verschwörung?

Und doch gibt es sie, die Verschwörung. Keine im Kerzenschein getroffene Vereinbarung zum Staatsstreich, aber eine bestimmte Form der Gleichschaltung von Wissenschaft, Medien, Staaten und all ihren Apologet*innen. Als verkündet wurde, dass das populäre Coronavirus Deutschland erreicht hatte, da schien quasi über Nacht klar geworden zu sein, welche Haltung mensch zu vertreten hatte. Vorangegangene Diskussionen darum, ob das Virus nun wie eine Grippe sei, ob eine Pandemie durch autoritäre staatliche Maßnahmen bekämpft werden solle, ja sogar ob das Tragen eines Mundschutzes sinnvoll sei, sie alle waren beiseite gewischt. Plötzlich war alles klar. Es war so, wie dieser Drossel, nein Drosten auf seine paternalistische Art im Fernsehen erklärte. Und das absurde: Wenn er zwei oder drei Wochen später das Gegenteil von dem sagte, was er vorher gesagt hatte, dann war es ebenso klar, dass seine Sicht der Dinge die Richtige war. Seine, die vom Robert-Koch-Institut und die der Regierung im Allgemeinen. Wer es da noch wagte, eine andere Meinung zu vertreten, die*der wurde mundtot gemacht. Durch „Faktencheks“ in den Medien, die ganz unverholen die Fakten vielmehr verdrehten, als zu beleuchten oder einfach vom Thema ablenkten, um eine ganz andere, gar nicht in den Raum gestellte Behauptung zu wiederlegen, durch die angesehene(re)n Wissenschaftler*innen des RKI und der Charité Berlin, so wie das im wissenschaftlichen Diskurs oft gängige Praxis ist, aber auch durch alle möglichen Apologet*innen der staatlichen Seite, darunter auch viele „radikale Linke“, die so absurde Argumente wie „das ist eine Frage der Solidarität“ (sich an Ausgangs- und Kontaktsperren zu halten) entwickelten bzw. übernahmen, um denjenigen ein schlechtes Gewissen einzureden, die trotz der Mär von der ach so tödlichen Pandemie nicht darauf verzichten wollten, zu leben.

Wir haben es hier also mit einer Verschwörung zu tun, deren Verschwörer*innen sich nicht notwendigerweise abgesprochen haben – was ich aber zugleich bei einigen nicht ausschließen würde –, sondern durch eine gemeinsame Ideologie und das geheime Verlangen anderen ihre Vorstellungen aufzuzwingen geeint werden. Mensch muss das freilich nicht „Verschwörung“ nennen, es gibt einen anderen Begriff dafür: Demokratie.

Alternative Verschwörungstheorien und jede Menge Diffamierungen als Verschwörungstheoretiker*innen

Was für mich der Herrschaftsform der Demokratie inhärent ist, das sehen andere, diejenigen, die bislang die Lügen von der Demokratie als Garant der Freiheit geglaubt haben, als Wesenszug diktatorischer Regime. Eine Aussetzung und Beschneidung ihrer in der Verfassung verbrieften Grundrechte, dabei kann es sich ihrer Auffassung nach nur um einen diktatorischen Vorgang handeln. Ich teile diese Auffassung nicht, aber ich kann nachvollziehen, dass eine*r, die*der schon in der Grundschule beigebracht wurde, dass die Demokratie Garant der Freiheit aller Menschen sei und die*der seither niemals die Herrschaft der Demokratie direkt und in dieser Härte zu spüren bekommen hat, dazu neigt, nun eine Wendung hin zur Diktatur zu sehen. Das wiederum führt dazu, dass die Rolle einzelner, zweifelslos autoritärer Akteur*innen in dieser Situation überbewertet wird. Denn wenn es nun eine Diktatur geben soll, dann braucht es auch eine*n Diktator*in. Bill Gates scheint sich beispielsweise für diese Rolle anzubieten, ebenso wie die WHO, bestimmte Technologiekonzerne, usw. Auf sie projezieren einige Menschen, die die Verschwörung wittern, aber nicht die Erkenntnis teilen, dass es die Herrschaft der Demokratie ist, die sie da zu spüren bekommen, ihre Feindschaft. Aber liegen sie deswegen wirklich komplett falsch? Sind ihre Verschwörungstheorien nun absurder als die Ansichten derer, die tatsächlich zu glauben scheinen, dass die staatliche Einsperrung zu ihrem Besten sei?

Freilich, das wissen vor allem „radikale Linke“, gibt es immer auch Verschwörungstheorien, die nicht von der Realität, sondern von einem Feindbild genährt werden. Wer hinter all dem ~die Jüd*innen~, Reptiloide, die Rothschilds oder andere antisemitische Feindbilder sieht, die*der legt vielmehr Zeugnis von seiner*ihren kruden Ansichten ab, als dass sie*er sich einer Realität annähern würde. Wenn sich nun der Einspruch vieler „radikaler Linker“ und „Antifas“, die es sich wohl zum Ziel gemacht haben, die entstehenden Protestbewegungen gegen die staatlichen Maßnahmen zu sezieren, gegen solcherlei Ansichten richten würde, ich stünde selbstverständlich auf ihrer Seite. Doch das ist vielfach nicht der Fall. Im Schulterschluss mit den Medien diffamieren viele nicht etwa nur die Anhänger*innen rechter und antisemitischer Verschwörungstheorien, sondern gleich alle diejenigen, die sich an Protesten gegen die staatlichen Maßnahmen beteiligen als Anhänger*innen derselben. In ihrem Wahn, diese kühne Behauptung zu belegen, wird jede kritische Äußerung über zentrale Akteur*innen im momentanen Machtgefüge zur Verschwörungstheorie, jeder Vergleich mit dem Nationalsozialismus zur Geschichtsrelativierung.

Ich will das an einigen Beispielen zeigen. So berichtete ein im antifaschistischen Kontext sehr häufig rezipierter Journalist am 09. Mai über eine Demo gegen die staatlichen Corona-Maßnahmen auf dem Marienplatz bei Twitter: „Tausende Verschwörungsideolog_innen, christliche Fundis, #AfD-ler, „#Corona-Rebellen“, Geschichtsrelativierer_innen drängen sich in #München dicht an dicht auf dem Marienplatz. @polizeimuenchen räumt wieder gar nichts.“ Dazu veröffentlichte er ein Bild auf dem eine Person mit einem Schild zu sehen ist, auf dem geschrieben steht: „Nie wieder: Diktatur, Dr. Mengele“. Zusätzlich ist auf dem Schild eine durchgestrichene Spritze zu sehen. Ich will an dieser Stelle mal für den Moment ignorieren, dass hier offenbar an die Polizei apelliert wird, die Demo zu räumen, darauf werde ich später noch zu sprechen kommen. Stattdessen will ich versuchen, zu deuten, was denn nun die Kritik an diesem Schild sein soll. Ich nehme einmal an, der Verfasser des Beitrags verortet die Trägerin des Schildes unter der Kategorie „Geschichtsrelativierer_innen“, weil ein Vergleich zwischen dem Nationalsozialist Josef Mengele und Impfungen gezogen wird. Aber wo ist die Relativierung? Auf den ersten Blick erscheint es geschmacklos, den als „Todesengel“ berüchtigten Lagerarzt von Auschwitz, der an den Todgeweihten grausame medizinische Experimente vollführte in Zusammenhang mit einer Impfung zu bringen. Allerdings nur auf den ersten Blick. Jakov Balabau etwa berichtete davon, dass Mengele einmal 48 Häftlinge ermordete, um ihnen anschließend Blutproben zu entnehmen, in der Hoffnung aus ihrem Blut einen Impfstoff gegen Malaria gewinnen zu können. Und war es nicht das Robert-Koch-Institut – ja, das sorgte sich schon damals im Auftrag des Reichsgesundheitsamtes um Viren –, das ab 1942 Häftlinge des KZ Buchenwalds mit Fleckfieber infizierte, um Impfstoffe an ihnen zu testen? Und was ist mit den 1200 Häftlingen des KZ Dachaus, die von Claus Schilling, dem damaligen Direktor der tropenmedizinischen Abteilung am RKI, mit Malaria infiziert wurden, um Impfstoffe an ihnen zu testen? Ich kenne freilich nicht die Motivation der Person, die dieses Schild gemalt hat, aber wer Impfungen und die moderne Medizin im Allgemeinen mit den nationalsozialistischen Gräueltaten in Verbindung bringt, die*der zeigt doch vielmehr Kontinuitäten in der modernen Medizin auf – die mit der Eugen…, ups, Genetik ja sogar zentrale Ideologiefragmente des Nationalsozialismus übernommen zu haben scheint –, als irgendetwas zu relativieren, oder? Und falls da jemandem nun das Argument einfällt, dass es der Medizin heute ja nur um das Heil der Menschen gehe, es der nationalsozialistischen Medizin jedoch um etwas anderes gegangen sei, so möge die*der mich bitte erleuchten, um was es der Medizin damals wohl gegangen sein mag, außer dem – sogar zum allgemeinen Gruße erhobenen – „Heil“ der Menschen – wenngleich freilich nur bestimmter Menschen, aber das ist heute wohl kaum anders.

Ein anderes Beispiel bietet das „Linke Bündnis gegen Antisemitismus München“, auf deren Webseite ebenfalls über eine der Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen berichtet wird: „Auf […] Plakaten wird die „Zwangsimpfung“ abgelehnt und in einen Zusammenhang gebracht mit der vermeintlichen Implantation von Mikrochips zur Kontrolle der Geimpften und dem 5G-Mobilfunknetz, das gegenwärtig eingerichtet wird; die Vorstellung, durch das 5G-Netz würde Corona verbreitet, führte in Großbritannien bereits dazu, dass Handymasten niedergebrannt wurden. Darin zeigt sich auch das Gewaltpotential derartiger Verschwörungstheorien.“ Mir scheint hier sind die radikalen Gegner*innen von Verschwörungstheorien selbst einer Verschwörungstheorie aufgesessen. Nämlich der, dass diejenigen Menschen, die die Mobilfunkmasten in Großbritannien und anderswo auf der Welt abfackeln allesamt glauben würden, dass Corona über das 5G-Netz verbreitet werden würde. Bislang und hoffentlich auch in Zukunft haben die Bullen überall auf der Welt so gut wie keine Verdächtigten ermittelt. Und die wenigen Bekenntnisse zu den Taten, enthalten keinerlei Hinweise auf derartige Gedanken. Wohlgemerkt unterstützte – in Großbritannien – ein Großteil der abgefackelten Mobilfunkmasten 5G überhaupt nicht und während die staatsaffirmativen Medien dies als „Dummheit“ der Brandstifter*innen deuten, erscheint das doch relativ unglaubwürdig angesichts dessen, dass mensch auf zahlreichen Online-Karten ermitteln kann, wo sich 5G-Masten befinden und aufgrund der Tatsache, dass die meisten Angreifer*innen offenbar ziemlich genau wussten, was sie da taten. Aber wie auch immer, in jedem Fall bleibt es eine reine, ja vielmehr haltlose Spekulation den Angreifer*innen zu unterstellen, sie würden glauben, dass Corona über das 5G-Netz verbreitet werden würde. Hier wird offenbar, dass mensch beim „Linken Bündnis gegen Antisemitismus“ (LBGA) offenbar durchaus selbst geneigt ist, beliebigen Verschwörungstheorien Glauben zu schenken, wenn sie denn nur von den richtigen Stellen, dem Staat und den Medien in Umlauf gebracht werden. Blind werden hier noch die abenteuerlichsten Diffamierungen und sogar der Gewaltbegriff der Medien übernommen, Hauptsache das Ganze dient einem bestimmten Zweck.

Schulterschluss mit Staat und Polizei?

Warum greife ich diese Beispiele auf? Ist mir daran gelegen, die Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen gegen Angriffe von Linken in Schutz zu nehmen? Schwerlich. Ich glaube nicht, dass (angemeldete und) friedliche Demonstrationen eine gute Idee sind, um dem Staat die Stirn zu bieten. Ich glaube auch nicht an einen politischen Abschaffungsprozess und mit Sicherheit bin ich mit vielen der auf diesen Demonstrationen geäußerten Parolen nicht einverstanden. Aber das würde mich dennoch niemals dazu verleiten, an der momentan stattfindenden, pauschalen Verurteilung derjenigen Menschen teilzunehmen, die auf diesen Demonstrationen ihr Uneinverständnis ausdrücken. Und zwar weder indem ich diese mit lächerlichen Behauptungen und vorgeblichen Beweisen als Verschwörungstheoretiker*innen oder Rechte stigmatisiere, noch – und ich bin trotz nicht allzu guter Meinung von der „radikalen Linken“ schon ein wenig erstaunt, dass das wirklich zur Debatte steht –, indem ich den Schulterschluss mit den Bullen suche.

Wenn ein von der „radikalen Linken“ wiederholt zu Vorträgen eingeladener und auch ansonsten breit rezipierter Journalist die Polizei dafür kritisiert, dass sie eine Demonstration nicht aufgelöst hat, wenn das „Linke Bündnis gegen Antisemitismus“ schreibt „Obwohl sämtliche Sicherheitsvorschriften wie die Abstandsregel von 1, 5 Metern missachtet wurden und auch kein Mundschutz o. ä. getragen wurde, schritt die Polizei nicht ein, die eigentlich die Versammlung hätte auflösen können und müssen“, dann offenbart das die Staatstreue dieser Akteur*innen. Ihnen geht es nicht darum, Herrschaft in Frage zu stellen, nein, sie stehen auf Seiten des Staates, wenn er nur ihre eigenen Interessen vertritt. Schlimmer noch: Selbst wenn er es offensichtlich gerade nicht tut, erwägen sie den Repressionsbehörden zuzuarbeiten, um ihre eigenen Feind*innen zu bekämpfen bzw. besser gesagt bekämpfen zu lassen. Wenn das a.i.d.a-Archiv auf seiner Webseite die Termine von unangemeldeten Demonstrationen der Gegener*innen der Corona-Maßnahmen veröffentlicht, so kommt das in etwa einer Denunziation bei den Behörden gleich. Wenn Personen, die Zugang zu den Chatgruppen für diese Demonstrationen haben in sozialen Medien oder auf Indymedia bekannt machen, wenn sich Menschen dort zu (illegalen) Treffen verabreden, dann sind sie kaum besser als der snitchende Nachbar, der die Bullen ruft, weil er auf meinem Balkon eine fremde Person entdeckt hat.

Und es ist nicht nur der demokratische Flügel der „radikalen Linken“, der in den letzten Wochen die Polizei bereitwillig als „Freund und Helfer“ („Unser größtes Ziel ist es, vom Verbrecher ebenso sehr gescheut wie vom deutschen Volksgenossen als vertrauensvoller Freund und Helfer angesehen zu werden!“, Heinrich Himmler) anerkannte. Stolz berichteten jüngst einige Anarchist*innen der „Plattform Ruhr“ bei Indymedia von einer Auseinandersetzung mit Faschos, bei der nicht nur „ein solidarischer Fahrgast […] die Polizei“ rief (wie kann mensch das solidarisch nennen?!), sondern in deren Folge sich die Anarchist*innen auch noch damit brüsteten, die Nazis bei den Cops angezeigt zu haben – „gezwungenermaßen“ und mit erheblichem Widerwillen versteht sich, und eigentlich ja quasi nur, weil die Cops sie mit vorgehaltener Waffe dazu zwangen. Achso, nein, eigentlich doch aus freien Stücken: „Als die Nazis eine Anzeige auf Körperverletzung stellten, sahen wir uns gezwungen diese zu erwidern.“ [1]

Sind das alles Einzelfälle? Oder entspringt dieses Verhalten vielmehr einer innerhalb der „radikalen Linken“ allgemein akzeptierten Strategie, die keine wirkliche Opposition zu Staat und Herrschaft einnimmt, sondern stattdessen danach trachtet, Mehrheitsverhältnisse zu ihren Gunsten zu verschieben? Vermutlich weder das eine, noch das andere. Bei all dem nach außen propagierten geschlossenen Auftreten sollte mensch nicht darauf hereinfallen, dass die Bezeichnung „radikale Linke“ ganz unterschiedliche und sich teilweise eigentlich widersprechende Ansichten unter einem Banner vereint. Letztlich werden hier Demokrat*innen mit Kommunist*innen, Liberale mit Anarchist*innen, Autonome mit Postautonomen, Feminist*innen mit Klimaaktivist*innen in einen Topf geworfen und es wäre schlichtweg lächerlich, die einen für das zu kritisieren, was andere äußerten oder taten. Betrachtet mensch allerdings die im Kontext der Corona-Pandemie getätigten Äußerungen und Positionierungen vieler, die sich als „radikale Linke“ bezeichnen, so kann mensch dennoch nicht umhin, erhebliche Kontinuitäten von der Argumentation für Quarantänisierungen bis hin zur tatsächlichen Zusammenarbeit mit dem Staat, wie in den oben genannten Beispielen zu sehen, beobachten.

Ein auf der Webseite der FdA-Anarchist*innen gespiegelter Erguss des „FdA-Mitglieds“ nigra fasst in einem Absatz paradigmatisch zusammen, was ich in den letzten Wochen als Haltung vieler „radikaler Linker“ vernommen habe:

„Ja, die Pandemie ist scheiße, nervt und die Gegenmaßnahmen schränken unser alltägliches Leben ein. Aber was ist denn die Alternative? So zu tun, als ob es sie gar nicht gäbe? Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse über Bord werfen und den Tod von vielen Menschen in Kauf nehmen, damit wir wieder Party machen und willenlos shoppen können? Alle Bestrebungen aller linken und anarchistischen Bewegungen haben eine grundlegende moralische Motivation: Es soll allen Menschen auf der Welt gut gehen und niemensch soll an den Verhältnissen leiden. Leid zu minimieren sollte auch jetzt unsere Motivation sein. Es leiden und sterben echte Menschen. Und wir alle können es verhindern, indem wir uns zurücknehmen. […].“ [2]

Nun, nigra, ich will da nur für mich sprechen und nicht wie du für alle „anarchistischen Bewegungen“, aber ich habe mit Sicherheit keine solche „moralische“ Motivation, wie die von der du sprichst. Ich soll mich „zurücknehmen“ um zu verhindern, dass „echte Menschen“ leiden und sterben? Ich soll also gehorchen und mich der staatlichen Autorität fügen, die du wie vorher in deinem Artikel bemerkt, in diesem Fall lieber nicht ablehnst, weil du sie selbst für richtig hältst („Ich befürworte einige der Maßnahmen und Regeln nicht, weil sie vom Staat kommen, sonndern weil ich sie nach meinem bisherigen Wissensstand für zielführend und richtig halte“)? Gehorchen, statt rebellieren, das ist über kurz oder lang häufig die Devise sentimentaler und bornierter Pazifist*innenarschlöcher gewesen, mit der sie versuchten, echten Widerstand gegen die schlimmsten autoritären Zumutungen zu ersticken. Die „wissenschaftlichen Erkenntnisse“, von denen du da sprichst, sind sie nicht Teil eines Herrschaftsgefüges? Und wenn du die Alternative aus „Leid und Tod“ von Menschen und dem „uns zurücknehmen“ aufmachst, wie kommt es da, dass du offenbar so erfolgreich ausklammerst, dass dieses „sich zurücknehmen“, dieses den Dingen ihren Lauf lassen schon in der Präpandemischen Normalität nichts als „Leid und Tod“ hervorgebracht hat? Und wenn ich als Anarchist*in antreten würde, um jedem „Leid und Tod“ entgegenzutreten, toleriere ich dann in deiner Welt auch die sterile Herrschaft von Ausgangssperren, Quarantänisierungen und medizinisch-wissenschaftlich-technologischer Bevormundung, die mich und mehr als die Hälfte der Menschen auf diesem Planeten einsperrt? Wenn deine Antwort auf diese Fragen ja lautet – und das vermittelt mir zumindest dein Artikel –, dann stehst du für mich auf Seiten des Staates.

Während nigra hier offensichtlich wenigstens mit einem Anflug von schlechtem Gewissen die Seite des Staates wählt, kritisieren andere „radikale Linke“ bei der „Solidarischen Stadt München“, einer Art humanitärer Hilfsorganisation zur erleichterten Durchsetzung von Quarantänisierungen der Risikogruppen lieber, dass die staatlichen Maßnahmen nicht „ausreichen“ und bieten sich auch sofort an, um „weitergehende Maßnahmen“ zu erarbeiten, die unter anderem einen weiteren Ausbau des medizinischen-Herrschaftssystems beinhalten:

Doch reichen diese Maßnahmen? Müssen wir nicht überaus kritisch die Ausnahmeregelungen begutachten und hinterfragen? Sollten wir als solidarische Nachbarschaften und Stadtgesellschaft nicht weitergehende Maßnahmen ausarbeiten?

Das passt durchaus zum Programm solcher Organisationen, die durch ihre karitative Arbeit, bei der sie (große) Organisationen schaffen, die die sozialen Folgen der autoritären Maßnahmen abdämpfen und dabei soziale Spannungen befrieden – nicht etwa weil den Menschen in Not geholfen wird, sondern weil Unmut in demokratische Bahnen zugunsten irgendwelcher Polit-Organisationen kanalisiert wird.

Ebenso befriedend agiert auch die Rote Hilfe München, die auf ihrer Webseite unkommentiert eine juristische Einschätzung eines Anwaltsunternehmens veröffentlichte, in der zwar zu dem Schluss gelangt wird, dass die derzeitigen Verordnungen von Ausgangsperre und Kontaktverbot juristisch wohl nicht haltbar seien, jedoch zugleich empfohlen wird, sich an die Verordnungen zu halten: „Wir weisen hier ausdrücklich darauf hin, dass wir dazu raten, sich an die Regelungen der Verordnung zu halten.“ Eine Organisation, die sich ansonsten mit übertriebenem Eifer der juristischen „Aufarbeitung“ staatlicher Repression widmet, eine Organisation, die zugleich immer wieder Gelder für Klagen gegen irgendwelche Gesetze, Verwaltungsakte, etc. beim Verfassungsgericht sammelt – ganz so als wäre es eine Perspektive, den Staat vor sich selbst zu verklagen, ruft im Angesicht der allgemeinen häuslichen Einsperrung der Menschen dazu auf, zu gehorchen? Neben dem Wort „lächerlich“, das mir dazu als erstes einfällt, kann ich das und alle anderen Ansätze, die nun aufbrechenden Konflikte zu befrieden, ebenfalls nur als Partergreifung für den Staat betrachten.

Die Bruchlinien vertiefen

Es mag keine große Überraschung sein, dass sich viele „radikale Linke“ angesichts der Pandemie mehr oder weniger auf die Seite der autoritären staatlichen Maßnahmen stellen. Es scheinen die gleichen Bruchlinien wie sonst auch zu sein, die sich hier auftuen. Bruchlinien zwischen Anarchist*innen und „radikalen Linken“, aber eben auch zwischen jenen „radikalen Linken“, die ihre Feindschaft zum Staat – oder wenigstens zu diesem Staat – ernst meinen und jenen, für die diese „Feindschaft“ eher ein modisches Lippenbekenntnis zu sein scheint.

Was für gewöhnlich jedoch Teil theoretischer Auseinandersetzungen zu bleiben pflegt, das manifestiert sich nun im Angesichts des pandemischen Ausnahmezustands zunehmend im alltäglichen Handeln der Menschen. Ich habe den Eindruck, dass sich gerade überdeutlich im Handeln der Menschen zeigt, wer keinesfalls jemals ein*e Verbündete*r im Kampf gegen Herrschaft war, ist oder sein wird. Dabei möchte ich diese Gelegenheit nutzen, um die Bruchlinien, die sich hier auftun, zu vertiefen. Ich möchte unendliche Feindschaft all jenen gegenüber schüren, die sich als Freund*innen des Staates entpuppen:

Möget ihr an eurem eigenen Gehorsam ersticken!

 

[1] https://de.indymedia.org/node/83989

[2] https://fda-ifa.org/neulich-im-supermarktder-ball-muss-rollen/