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[Cremona, Italien] Green Pass? Alles blockieren

[Der folgende Text wurde Anfang September 2021 in Cremona, Italien, als Flyer verteilt]

Ein altes Sprichwort besagt, dass der Refrain derjenigen, die das Haupt erhoben halten, die Windgeschwindigkeit des Sturms bestimmt.

Am heutigen Mittwoch, den 1. September, wurde in verschiedenen Bahnhöfen des Belpaese eine Einladung verteilt, Züge zu blockieren, um die Verpflichtung all derjenigen, die mit bestimmten Transportmitteln reisen wollen, einen grünen Pass mit sich zu führen, zu kritisieren. Was könnte passieren, wenn der Zug der Resignation gegenüber des Zwangs stoppen würde, im Sinne von „wenn ich mich nicht bewegen kann, dann bewegt sich niemand“?

Wenn ein Telematik-Steuerungs-Verstärker angegriffen wird, wenn ein Impfzentrum sabotiert wird, wenn ein*e Virolog*in, die*der Einschränkungen für jene, die sich nicht impfen lassen, fordert, auf der Straße angegriffen wird, wenn ein Partei Bankett umgestürzt wird, wenn du die glänzende Idee hast, damit zu beginnen die Bewegung menschlicher Waren zu blockieren, wie viele Möglichkeiten könnten daraus entstehen? Wenn ein aufkeimender Protest gegen Grüne Pässe und die Disziplinierung der Bewegungen der Menschen Räume für alle öffnet, ohne Anführer*innen oder die Vollstreckung von Gesetzen, können wir dann damit beginnen, Inhalte zu entwickeln, die die sozialen Widersprüche als ein Resultat der zunehmenden luftabschnürenden Kontrolle über unsere Leben begreifen?

Es gibt viele Möglichkeiten des Ungehorsams, um als denkende Individuen zu explodieren. Alleine oder gemeinsam mit anderen. Im Lichte der Sonne, ebenso wie im Dunkel der Nacht – mit der Idee mit allem zu brechen, das uns die Luft abschnürt – können wir dem Käfig der Politik und den Ketten der Vernunft entfliehen. Mit nur einem kleinen bisschen Vorstellungskraft können wir versuchen ungekannte Momente der Befreiung von den Beschränkungen zu erleben.

Alles zu blockieren stoppt die Regneration einer Gegenwart voller Diskriminierungen, die von der Vergangenheit aufgezwungen werden, es stellt die Vorstellungskraft der Reflexion wieder her und erweckt den Geist der Revolte zum Leben. Anders als der technische Wortschatz des Regimes ist das Blockieren niemals ein Selbstzweck, sondern es bedeutet, Risse in der Normalität zu erzeugen, neue Räume zu öffnen, wo wir zuvor unfähig waren, sie zu begreifen, unerwartete Überraschungen zu erschaffen, uns einzuladen zu ungekannten Horizonten zu reisen, Gelegenheiten für neue Herausforderungen entstehen zu lassen.

Alles zu blockieren bedeutet also, ein Leben in Würde zu ermöglichen und schließlich die EInzigartigkeit eines jeden Individuums zu entdecken.

Einige wenige Vagabund*innen


Die deutsche Übersetzung folgt der bei Dark Nights veröffentlichten, englischen Übersetzung. Das italienische Original erschien unter dem Titel Green pass? Bloccare tutto bei Finimondo.

[Gap, Frankreich] Zum Angriff auf ein Impfzentrum in Gap

Gap. Stadtzentrum. Die Nacht vom 1. auf den 2. Juni 2021. Einige Individuen brechen die Hintertür eines Veranstaltungssaals auf, die in ein Impfzentrum verwandelt worden ist. Die Tür gibt leicht nach, einige Individuen finden sich in einem langen Gang wieder. Er verläuft links von einigen Räumen, in die er jeweils führt. Eine Tür auf der Rechten ist nicht verschlossen, sie führt in einen großen Saal, in dem höchstwahrscheinlich die Impfungen stattfinden. Hastig werden mit dem dort befindlichen Mobiliar Haufen gebaut. Fläschchen mit hydroalkoholischem Gel wird mit dem Benzin ausgeschüttet. Eine Bewegung mit dem Feuerzeug, alles entflammt sich und die Silhouetten verschwinden in der Nacht. Das Ganze hat nur einige Minuten gedauert, genug um einen guten Teil des Gebäudes zu zerstören.

Letztlich handelt es sich um einen ziemlich symbolischen Akt, weil ein anderes Zentrum tagsüber geöffnet wurde, und so weit man in der Presse lesen konnte, hatte der Angriff von derselben Sorte in Nyons einige Wochen früher nur eine leichte Verspätung der Öffnungszeit zur Folge, die schnell wieder aufgeholt wurde. Ein gutes Beispiel, das zeigt, wie wichtig es ist, das Herz des Monsters ausfindig zu machen anstatt seine Tentakeln anzugreifen, aber sei’s drum.

Auch wenn uns überaus bewusst war, dass dieser Akt hauptsächlich symbolisch sein würde, wollten wir auch, dass er eine Debatte auslöst. Wir wundern uns seither über die Stille auf den anarchistischen Blogs und Zeitungen über diese Nacht und die davor (plus die aus der jüngsten Vergangenheit, da sich seit der Verkündung zur Erweiterung des „Pass Sanitaire“ [„Gesundheitspass“ in Frankreich, dessen Besitz den Zugang zu Restaurants, den Besuch im Krankenhaus usw. erlaubt] die Akte zur Zerstörung von Impfzentren vervielfachen, die nicht alle von Zeichen begleitet werden, die denken lassen, dass sie aus reaktionären Kreisen kommen oder von der extremen Rechten).

Sollte es wirklich unvorstellbar sein, dass Anarchisten Corona-Impfzentren angreifen könnten? Liegt das daran, dass man nicht das Risiko auf sich nehmen will mit nicht sehr feinen bis hin zu wirklich problematischen Kritiken, die mit Beginn der Pandemie an Stärke gewonnen haben, in einen Topf geworfen zu werden? Ist es, weil Leute nichts von diesen Angriffen mitbekommen haben, oder dass das Ziel wenig geeignet erscheint? Und doch, im Schatten des „Pass Sanitaire“ und zu dem Zeitpunkt, an dem der zuerst widerspenstige Teil der Bevölkerung nun doch nachgibt (und ihre Schulter den Impfhelfern präsentiert), angesichts des Drucks, den die Regierung ausübt und weil es sich als unmöglich herausstellen wird ohne diese Impfung weiterhin ein „normales“ Leben zu führen, scheint es für diejenigen, die sich weigern, den Gang dieser Welt zu akzeptieren, umso logischer, den sauberen Ablauf der Impfkampagne zu sabotieren. Schade, dass diese Akte nicht das Echo erfahren haben, das sie verdient haben. Deswegen also dieser Text, der hofft das Schweigen zu durchbrechen, einige Punkte klar zu machen und der Debatte Raum zu geben.

Wenn mich die Vorstellung glücklich macht, dass Impfzentren das Ziel von Angriffen werden, dann liegt das nicht daran, dass ich denke, dass der CIA davon profitiert um die Bevölkerung zu verchippen, oder dass der Coronavirus nicht existiert. Auch nicht weil ich denke, dass die Menschheit verschwinden sollte und dass der Virus ein gerechter Angriff des Planeten gegen seine Parasiten ist, auch wenn diese Geschichte mich zum Lächeln bringt. Sondern weil, da ich Corona als eine „logische“ Konsequenz unserer zusammengepferchten und globalisierten sozialen Organisation verstehe, ich gegen die Fähigkeit der techno-industriellen Welt alles zu opfern, um weiterhin existieren zu können, kämpfen will. Auch weil ich gerne hätte, dass „man“ akzeptiert, dass man krank wird, auch todkrank, auch wenn ich selbstverständlich an Corona Verstorbene sehr bedaure; so wie ich die Toten bedaure, die auf dem Altar des techno-wissenschaftlichen Fortschritts geopfert wurden, die menschlichen und nicht-menschlichen Tiere, die als Versuchstiere dienen, den Krieg um die Rohstoffe, die diese Megamaschine verschlingt und ohne die es weder wissenschaftliche Forschung noch Impfstoff gibt.

Es interessiert mich nicht, Teil dieses menschlichen Viehbestands zu sein, das man zwingt um jeden Preis gesund zu sein, damit er produzieren und konsumieren kann. Es interessiert mich vielmehr, dass man Behandlungsformen wieder findet, die nicht darin bestehen alles um einen herum zu zerstören.

Die Auswahl des Angriffsziels entspricht, so viel ist sicher, nicht dem Konsens. Die Medizin anzugreifen, die sich mit sogenannten „vitalen“ Fragen befasst, ist weder harmlos noch eine Entscheidung, die man auf die leichte Schulter nehmen kann. Aber lassen wir uns in die Falle locken, die die Verantwortlichkeiten umdreht, nach der es unsere Angriffe sind, die dem allgemeinen Wohlbefinden schaden? Muss man erneut wiederholen, dass es vor allem diese ganze techno-industrielle Welt ist, die verstümmelt, vergiftet und uns anschließend gewaltsam mit ihren Medikamenten verwalten will? Sie an ihrer Wurzel anzugreifen ist immer noch genauso notwendig, und wenn der Abhängigkeitsgrad von dieser Welt derart ist, dass unsere Handlungen Leben gefährden können (oder sie es zumindest scheinbar tun), dann bedeutet das, dass die Zeit eilt, und dass wir schwere Entscheidungen treffen müssen. Wir können nicht warten, dass alle aus ihrer Autonomie heraus Umgänge gefunden haben, um das anzugreifen, welches eben diese Autonomie in immer weitere Ferne rückt.
Auch wenn ich damit Orakel spielen mag, würde ich sagen, dass diese Abhängigkeit sich nur verschärfen kann. Aber was werden wir dann machen, arme revoltierende Seelen, wenn die Erpressung derart sein wird, dass wir nicht einmal mehr den kleinen Finger heben können werden ohne dabei zu riskieren, das Leben von Menschen zu gefährden? Stimmen, nicht immer so weit entfernt, erheben sich bereits jetzt, um über die Gefahren zu reden, die mit dem Angriff auf Funkmasten verbunden sind. Strafverfahren sind eingeleitet worden wegen Todesfällen, die sich in den paar Stunden ereigneten, in denen Orange [französischer Mobilfunkanbieter] nicht in der Lage gewesen ist ein Netz für die Notrufnummern herzustellen. Der Moment scheint nah, an dem der Angriff auf die Telekommunikation als eine Gefährdung des Lebens anderer betrachtet wird, genauso schlimm, wie wenn man jemanden von einer Brücke hängt und droht ihn fallenzulassen.

Ich schweife ab, versuche aber dadurch den Kritiken zuvorzukommen, die sicherlich nach Erscheinen dieses Communiqués aufkommen werden. Auch weil ich mir erhoffe zur Reflexion über unsere Handlungsspielräume einzuladen, wie sehr sie sich verkleinern, und wie sehr wir sie uns selbst verkleinern angesichts von Entscheidungen, die immer schwerere Konsequenzen haben. Verhindern wir, dass wir unsere Radikalität (im ursprünglichen Sinne dieses Wortes, das An-die-Wurzel-gehen) in unseren Diskussionen und Handlungen verlieren, unter dem Vorwand, dass diese Welt, die wir zerstören wollen, überlebensnotwendig für einen Großteil der westlichen Bevölkerung geworden sei.

Wir sind verantwortlich für unsere Handlungen, aber nicht schuld an ihren Konsequenzen.

Diese techno-industrielle Welt zu zerstören bedeutet auch, zynischerweise, zu akzeptieren, dass wir die Leben riskieren (einschließlich unseres eigenen), die davon abhängen. Ich fürchte, dass es keine „sanfte Methode“ gibt um aus dieser Hölle rauszukommen. Der Befund kann endgültig erscheinen, aber es ist auch noch Zeit, und zwar gleichzeitig, unsere Netzwerke, unsere Methoden, unsere Fähigkeiten, unsere Formen der gegenseitigen Hilfe und des Heilens und Umsorgens zu verbessern, damit ein soziales System anzugreifen nicht bedeuten muss, auch alle Individuen anzugreifen, die mit Gewalt in seinem Inneren gehalten werden.

Auf dass die Corona-Toten uns nicht erblinden lassen im Hinblick auf den Horror von allem anderen.
Auf dass die Erpressung des Staates nicht unsere Entschlossenheit schwächt, und die Größe der Aufgabe nicht zu Resignation führt, sondern ein ununterdrückbares Verlangen zu handeln hervorruft.

Mehr als je, an jene, die angreifen UND keine ebenso faule Welt wie die vorherige schaffen wollen, auch wenn sie weniger technologisch sein mag. An alle anderen, dass sie wissen, dass ich keinen gemeinsamen Kampf mit Patrioten und Reaktionären führe, auch wenn wir manchmal offensichtlich die gleichen Angriffsziele haben.

Ein Gruß an Boris und an die anderen für ihre Liebe zur Freiheit Eingekerkerten.

Quelle: Indymedia Bruxsel, 29. Juli 2021, übersetzt aus dem Französischen.

Rebellion in times of the curfew

Translation of Rebellion in Zeiten der Ausgangssperre.


We are in a situation that is absolutely new to us. Our freedoms are reduced to a minimum, similar to wartimes or imprisonment. Only this time the “enemy” is invisible and our prison is our home. Catastrophes, state of emergency, curfew, pandemic, media bombardment, panic, insecurity and isolation … It’s not about minimizing or assessing the deadly consequences of the coronavirus – on a medical level I cannot judge this. But I want to formulate a critique of the authoritarian formation taking place, i.e. the state of war declared by the state and the consequences this has for us and society. While every bill and every restriction is waved through with reference to the relevant experts and no one can predict what the situation might look like in a week, we don’t need experts to know that in times of crisis and war the state of emergency becomes the normality way too fast (you remember the “war on terror” or the “refugee crisis”?)

The social misery: lonely, digital and obedient

In the always-on society, the speed and presence of the news has reached a new level. Live updates show us the number of infected people. Our insecurity grows faster … Fear of being infected, of the sick, of the fellow human being, of the neighbour. Meanwhile, politicians are positioning themselves on the front line in the war against the enemy, assuring us that they know what is best. “Stay home! Stay satisfied” this is all we have to do. Prove unity and follow the orders because after all, now is “the wrong time for critique”. And, lo and behold, we find ourselves in a totalitarian scenario of control. You shouldn’t leave the house and should even report anyone who doesn’t stick to the orders. The good citizen becomes aware of his responsibility and calls the cops when he suspects that the neighbours are having a party. In the meantime the use of internet is rising to new heights. As we are no longer allowed to venture out into the world around us, we are being made to believe that there is another world we can escape in: the digital world. Instead of moving and  taking care of your social relations, life gets transposed into the digital world. Instead of going out and meeting friends, you can chat, watch series, make your home your office, get delivered everything in front of your door, watch porn, publish your critique and argue about something or just play games on the internet. In the digital intoxication, life becomes artificial and alienated. Ultimately we lose any possibility of changing anything about the reality around us. Stressed out, underutilized, overwhelmed and with square eyes bumming around within your own four walls – is this the future? Permanently locked in and scared from new horror-news. The number of those who decide themselves to put an end to such a life generally increases. As does the interpersonal and domestic violence which is mostly exercised by men against women.

Towards a permanent open-air prison

While I am writing this text, a police car is driving around in the parallel streets with speakers loudly announcing that one should stay at home. At the same time, some of the leading politicians sit down together and discuss how the curfew can be adapted nationwide. On the roof of a neighbouring house there is radio mast which collects the movement and contact data of all mobile phones in its radius. The companies Telekom and Vodafone will then pass this on so that can be analysed with whom infected persons have probably had contact and to what extent the exit restrictions are being observed. In a few days, the state will probably turn the curfew into an outright ban and abolish rights such as the secrecy of correspondence and the integrity of the home. All to examine who has contact with whom and where, who lives where and is where. The state subjects get categorized, divided and ordered or separated. Furthermore, under the call for total obedience, a global militarization of society is being achieved that has never existed before like this. Closed borders, soldiers preparing for action on the streets, prohibition of any gathering of people and helicopters searching for them with thermal imaging cameras. The fact that China is used as a model state in the fight against the epidemic shows in which direction the journey goes: drones flying above our heads, giving us orders, barcodes on our smartphones which allow us to go to the supermarket or force us into quarantine based on some incomprehensible algorithms, the lockdown of entire cities and checkpoints on every corner. The suggestion of one “expert” in Italy that people in quarantine should also be given electronic shackles to ensure that they do not leave the house, illustrates that the city has now been turned increasingly into an open-air prison and that the methods of discipline, control, administration, punishment and monitoring are applied to all citizens. Some are now content to wait for this brief period of restriction to pass and try to find amusement online. They demonstrate not only that freedom is worth nothing to them, but they also don’t understand that this condition will last more than a few days.

Normality is the real crisis

From the perspective of the ruling class it makes no sense to maintain this state of emergency for only two weeks. If you want to freeze society to stop a virus, it has to be for at least one year from a virological point of view. The consequences will be enormous even if the restrictions will afterwards be relaxed or lifted. Once you live lonely, digital and obedient, you will train yourself to behave in this way. Just a few months ago we saw protests and uprisings exploding globally, but the means of counterinsurgency and social stupidity will cause deep scars. Because those who live lonely and digital also let themselves be robbed of their possibilities and tools to discuss, revolt and self-organize with their friends. The state forbids us any social life while it puts itself in the role of protector of life and limb. But we know that it is the state and its industries that constantly kills, that disseminates wars all over the world, that lets refugees die at the borders and that for hundreds of years has been destroying and exploiting the earth. The state pretends to be the guardian of the common good, but actually it wants us to be work slaves and obedient soldiers – producing profits for its polluting industry and willing to die in its wars. First and foremost the state protects the rich and if in this economic crisis someone thinks of just taking from them what he or she lacks, the public servants will not hesitate to shoot the looters and thieves. Capitalism and the state need crises and states of emergency to increase and strengthen their power over us. The virus is not the reason, but the trigger. The state is calling on us to take our responsibility. But it forbids us to self-organize, to meet and to help each other. We are supposed to sit in front of the screen and say “yes” and “amen”. But when we abandon the role of subject, it declares war on us. If the state wants to control and prevent any of our movements and relations, we have to find ways to move and meet despite all of this. If we lack the essentials of life, we have to take it from where it exists in abundance. When we are separated from each other and locked up, we shouldn’t see ourselves as competitors or enemies, but as people with whom we can relate – as possible carers and accomplices. And as the eyes of the state become more and more omnipresent and the noose of capitalism becomes tighter and tighter around our necks, we must look for ways to cut them out and sever them.

“To be governed is to be watched, inspected, spied upon, directed, law-driven, numbered, regulated, enrolled, indoctrinated, preached at, controlled, checked, estimated, valued, censured, commanded – by creatures who have neither the right nor the wisdom nor the virtue to do so. To be governed is to be at every operation and at every transaction noted, registered, counted, taxed, stamped, measured, numbered, assessed, licensed, authorized, admonished, prevented, forbidden, reformed, corrected, punished.

It means to be exploited, monopolized, extorted, squeezed, deceived, robbed under pretext of public utility and in the name of the general interest; then, at the slightest resistance, by the first word of complaint, to be repressed, fined, vilified, harassed, hunted down, abused, clubbed, disarmed, bound, choked, imprisoned, judged, condemned, shot, deported, sacrificed, sold, betrayed; and to crown all, mocked, ridiculed, derided, offended, dishonoured.

That is government, that is its justice, that is its morality. The government of man by man is slavery. Whoever lays his hand on me to govern me is an usurper and a tyrant. I declare him my enemy.”

(Originally published in the anarchist Newspaper Zuendlumpen on 24.03.2020)

Rébellion en periode de couvre-feu

Traduction  de Rebellion in Zeiten der Ausgangssperre par Sans Attendre Demain.


Nous nous trouvons dans une situation totalement inédite pour tout le monde : nos libertés formelles sont réduites au minimum comme en temps de guerre ou de condamnation pénale, sauf que cette fois, « l’ennemi » est invisible et la prison est notre domicile. Catastrophe, état d’urgence, confinement, pandémie, bombardement médiatique, panique, inquiétude et isolement… A ce stade, il ne s’agit pas de relativiser ou d’évaluer les conséquences du Coronavirus – Il m’est impossible de juger cela d’un point de vue médical. Mais ce que je cherche, c’est à critiquer la forme autoritaire en cours, autrement dit la situation de guerre décrétée par l’État et ses conséquences pour nous et pour la société. Alors qu’on laisse passer chaque projet de loi et décret avec l’appui des experts compétents du moment, et que personne ne peut prédire à quoi ressemblera la situation dans une semaine, nous n’avons besoin d’aucun expert pour savoir que l’état d’urgence en temps de crise et de guerre devient bien trop vite une normalité (qui se souvient encore de la « guerre contre le terrorisme » ou « la crise des réfugiés »?).

La misère sociale : solitaire, numérique et docile

Dans cette société toujours en mouvement, la rapidité et l‘omniprésence des informations atteint un palier supplémentaire : dans le suivi mis à jour en direct, on peut observer les chiffres des personnes contaminées et notre insécurité grandit d’autant plus vite… La peur vis-à-vis de la personne contaminée, du malade, du semblable, du voisin.

Pendant ce temps-là, les politiciens se tiennent en première ligne dans la guerre contre l’ennemi en nous assurant qu’ils savent ce qui est le mieux à faire. « Rester à la maison ! Rester tranquilles ! » serait tout ce que nous aurions à faire. Faire preuve d’unité et suivre les ordres, car après tout, « ce n’est pas le moment de critiquer ». Et nous nous retrouvons très vite dans un scénario totalitaire de société de contrôle : on ne devrait plus quitter son domicile et en plus dénoncer celles et ceux qui n’obéissent pas à ce décret. Le brave citoyen prend conscience de sa responsabilité et compose le 110 si il soupçonne les voisins de faire la fête. Pendant ce temps-là, l’utilisation d’internet atteint un nouveau sommet, car on nous fait avaler qu’il y aurait un autre monde vers lequel on pourrait fuir quand il n’est plus possible de faire confiance à ce qui nous entoure : le monde numérique. Car plutôt que de se déplacer et de maintenir des contacts, la vie passe au numérique. Plutôt que de sortir et de rencontrer des potes, on peut bien chatter ensemble, regarder des séries, travailler à la maison, se faire tout livrer devant la porte, regarder des pornos, exprimer des critiques sur internet ou tout simplement jouer à des jeux. Dans cette frénésie numérique, la vie devient artificielle et aliénée, et en fin de compte toute possibilité de transformer quoi que ce soit dans la réalité disparaît. Stressés, inactifs, dépassés en glandant entre quatre murs, les yeux éberlués, ce serait donc ça le futur ? Enfermés en permanence et effrayés par des infos horrifiantes, le nombre de personnes qui décident de mettre fin à une vie pareille augmente en général dans de telles circonstances ; tout comme la violence entre les personnes et dans les familles qui, le plus souvent, est exercée par des hommes sur les femmes.

Vers une période sans fin dans la prison à ciel ouvert

Pendant que j’écris ce texte, une voiture de police continue de patrouiller dans quelques rues parallèles, avec les haut-parleurs annonçant haut et fort que nous devons rester à la maison. Dans le même temps, quelques politiciens puissants siègent ensemble et réglementent dans quelle mesure les assignations à résidence doivent être harmonisées. L’antenne-relais dressée sur le toit de l’immeuble du voisin collecte les données de contact et de mouvement de tous les portables qui se trouvent dans son périmètre. Puis les opérateurs Telekom et Vodafone les transmettent afin de pouvoir analyser avec qui les personnes contaminées ont été en contact et dans quelle mesure la limitation de sortie est respectée. Dans quelques jours, l’État va probablement entériner le confinement et suspendre les droits tels que le secret postal et l’inviolabilité du domicile. Ainsi, il va éplucher en continu qui est en contact avec qui et où, qui habite et séjourne où, et ainsi catégoriser, ranger et classer voire diviser les sujets de l’État. Par ailleurs, à travers l’appel à une obéissance totale, on aboutit à une militarisation globale de la société sans précédent. Frontières fermées, soldats se préparant à intervenir dans les rues, interdiction de tout rassemblement de personnes et hélicoptère à leur recherche à l’aide de caméras thermiques. Le fait que la Chine soit considérée comme un État modèle dans la lutte contre l’épidémie montre vers où on va : des drones qui planent au-dessus de nos têtes en nous donnant des ordres, des codes-barres sur nos smartphones qui nous autorisent à aller aux supermarchés selon des algorithmes incompréhensibles ou de nous mettre en quarantaine par la force, des villes entières bouclées et des barrages à chaque carrefour. Le fait qu’un « expert » en Italie ait déjà proposé de mettre des bracelets électroniques aux chevilles des personnes mises en quarantaine afin de pouvoir être sûr qu’elles ne quittent pas leurs domiciles signifie que la ville a désormais été transformée en prison à ciel ouvert et que les méthodes de discipline, de contrôle, de gestion, de punition et de surveillance s’appliquent à l’ensemble de la population. Ceux qui dorénavant se contentent d’attendre durant cette brève période d’assignation et de s’amuser sur internet se contrefoutent non seulement de la liberté, mais ils ne comprennent pas non plus que cette situation durera bien plus que quelques jours.

La normalité est la véritable crise

Du point de vue politique des dominants sur la population, maintenir cet état d’urgence uniquement pendant deux semaines n’a vraiment aucun sens. Pour ceux qui veulent figer la société, il faudrait le faire pendant au moins un an du point de vue de virologues afin de stopper le virus. Et même si les restrictions sont assouplies ou levées, les conséquences seront énormes : ceux qui vivent seuls par le numérique et l’obéissance, adoptent aussi ce comportement. Alors que nous avons vu il y a quelques mois encore des explosions de révoltes et de soulèvements partout dans le monde, les moyens de contre-insurrection et d’abrutissement social laisseront de profondes cicatrices : ceux qui vivent isolés et dans le monde numérique se font également priver de toute possibilité et moyen de discuter, de se révolter et de s’auto-organiser avec leurs amis. Pendant que l’État se met en scène en tant que protecteur des corps et des vies, il nous interdit toute vie sociale. Mais nous savons ce que sont l’État et son industrie qui tuent en permanence, couvrant ce monde de guerres, laissant les réfugiés mourir aux frontières, détruisant et exploitant la terre depuis des siècles. L’État se la joue gardien du bien commun mais en réalité, il veut nous voir comme des esclaves du travail et des soldats obéissants qui produisent pour son industrie polluante et sont prêts à mourir dans ses guerres. L’État protège en premier ressort les riches et s’il venait à l’idée de quiconque, dans cette crise économique, d’aller prendre ce qui lui manque, ses larbins n’hésiteront pas à tirer sur les pilleurs et les voleurs. Le capitalisme et l’État ont besoin des crises et des états d’urgence afin d’accroître et durcir leur pouvoir sur nous – le virus n’étant pas la raison mais l’élément déclencheur. L’État nous appelle à prendre nos responsabilités, mais il nous empêche de nous auto-organiser, de nous rencontrer et de s’entraider. On nous somme de rester assis devant l’écran, de dire « oui » et « amen », mais l’État nous déclare la guerre quand nous abandonnons ce rôle de sujet.

Si l’État veut contrôler et empêcher chacun de nos mouvements et chacune de nos relations, il est nécessaire de chercher des moyens pour nous déplacer et nous rencontrer malgré tout. Si ce qui est nécessaire pour vivre se raréfie, il est primordial d’aller le prendre là où il y en a en abondance. Si nous sommes enfermés et séparés les uns des autres, on ne peut pas se considérer comme des concurrents ou des ennemis, mais comme des personnes avec lesquelles s’associer – comme de potentiels soutiens et complices. Si les yeux de l’État se font de plus en plus omniprésents et si l’étau du capitalisme nous étrangle de plus en plus, il est nécessaire de chercher des moyens de les crever et de les briser.

« Être gouverné, c’est être gardé à vue, inspecté, espionné, dirigé, légiféré, réglementé, parqué, endoctriné, prêché, contrôlé, estimé, apprécié, censuré, commandé, par des êtres qui n’ont ni le titre, ni la science, ni la vertu…

Être gouverné, c’est être, à chaque opération, à chaque transaction, à chaque mouvement, noté, enregistré, recensé, tarifé, timbré, toisé, coté, cotisé, patenté, licencié, autorisé, apostillé, admonesté, empêché, réformé, redressé, corrigé.

C’est, sous prétexte d’utilité publique, et au nom de l’intérêt général, être mis à contribution, exercé, rançonné, exploité, monopolisé, concussionné, pressuré, mystifié, volé ; puis, à la moindre résistance, au premier mot de plainte, réprimé, amendé, vilipendé, vexé, traqué, houspillé, assommé, désarmé, garrotté, emprisonné, fusillé, mitraillé, jugé, condamné, déporté, sacrifié, vendu, trahi, et pour comble, joué, berné, outragé, déshonoré. Voilà le gouvernement, voilà sa justice, voilà sa morale ! Le gouvernement de l’homme par l’homme, c’est la servitude !Quiconque met la main sur moi pour me gouverner est un usurpateur et un tyran ; je le déclare mon ennemi. »


NdT : La Bavière a été le premier Land d’Allemagne à décréter le confinement. Markus Söder, chef de la CSU et ministre-président du Land, a décrété à partir de minuit samedi 21 mars l’assignation à résidence pour l’ensemble de la population. Cette mesure est appliquée pour une durée de 14 jours, c’est-à-dire jusqu’au 3 avril minuit. Elle sera certainement reconduite à partir de cette date.
L’armée a été déployée dans les rues pour épauler les patrouilles de keufs pour maintenir l’ordre et veiller au confinement. Toute personne violant l’interdiction de sortie est passible d’une amende pouvant aller jusqu’à 25 000 euros, selon le ministre de l’intérieur Joachim Herrmann.
Les quelques autorisations de sortie sont presque les mêmes qu’en France. Il est autorisé de sortir pour aller au travail, dans les commerces considérés comme « essentiels » ou retirer de l’argent à la banque (DAB), pour aller chez le médecin ou à la pharmacie, rendre visite à son/sa conjoint.e ou faire de l’aide à domicile à un proche ou autres…. Bars, restaurants, musées et théatres, commerces « non essentiels » sont fermés.

„Gott! Wie talentvoll sind uns’re Leut‘!“

Beiträge zur gegenwärtigen und zeitgenössischen Kropotkin-Rezeption

oder

Wie das Moralerei-Virus in einer neuen, besonders gefährlichen Deltavariante in gewissen anarchistischen Infektionsgemeinschaften epidemische Ausmaße annahm

Letztens traf ich einen Anarchisten, der es überhaupt nicht witzig fand, dass ich dem RKI und der Wissenschaft nicht so recht vertrauen wollte und der emtsetzt darüber war, dass mein „gesunder Menschenverstand“ offensichtlich nicht vorhanden war, weil ich nicht unabhängig vom Staat (wie es ihm wichtig war zu betonen, weshalb ich es hier auch nicht unterschlagen möchte) der Meinung war, dass es wichtig sei sich an die Corona-Maßnahmen zu halten (abgesehen von der nächtlichen Ausgangssperre vielleicht, die auch er für offensichtlich repressiv hielt). Und er erkannte auch bald, was mein Problem sei, nämlich dass ich offensichtlich meinen Kropotkin nicht gelesen hätte. Da nahm ich mir seinen Vorwurf zu Herzen und habe endlich nachgeholt, was offenbar bei einigen Anarchist_innen mit Beginn der Corona-Krise die neue Bibel geworden ist, auch wenn mich teilweise ja der Verdacht beschleicht, dass trotz gegenteiliger Beteuerungen die meisten ihn doch überhaupt nicht gelesen haben, sondern nur mit einigen Schlagworten um sich werfen. Aber das soll uns hier nicht weiter kümmern, befassen wir uns also etwas mit Kropotkin, mit der Gegenseitigen Hilfe, mit anarchistischer Moral und Moralerei, mit Egoismus und Solidarität und natürlich, wie könnten wir zurzeit auch anders, mit Corona. Einst, so geht die Legende einiger britischer Anarchisten, lebte in England ein Anarchist, dem es kohärent erschien einen Laden zu besitzen und dem es gar nicht gefiel, dass viele anarchistische Genoss_innen in seinem Laden klauten. Kropotkin gefiel das auch nicht und er veröffentlichte in der anarchistischen Zeitung „La Révolte“ seine „Anarchistische Moral“ sowie einen Nachtrag dazu „Und wieder die Moral“, in der er individuelle Expropriation, also Diebstahl durch Einbrüche, Ladendiebstahl, Raub etc. als „Waffe der Bourgeois“ bezeichnete. Die Antworten einiger Anarchist_innen auf diese Artikel kamen postwendend und griffen dabei scharf den Moralismus und die meist damit verbundenen Tendenzen das Verhalten anderer kontrollieren und in ihrem Sinne formen zu wollen gewisser Anarchist_innen an. Jaja, „Papst Most“, „Fürst Kropotkine“ oder „Doctor Merlino“, man wünscht sie sich schon fast zurück, ist man doch heute mit so Idioten wie Lou Marin, diversen FAU-Gruppen, der „Anarchistischen Initiative“, dem Bündnis für einen solidarischen Lockdown, Anarchistische Gruppe Freiburg oder Thomas Swann konfrontiert, die den Arbeiter_innen und allen anderen nicht etwa nur das Stehlen verbieten wollen – was ja immerhin noch andere Lebensstile erlauben würde –, sondern gleich jegliches Leben. Die einem verbieten wollen, sich frei zu bewegen, sich frei zusammenzurotten oder sich frei zu treffen, zu berühren, einander zu genießen und Spaß zu haben. Und das im Namen der Anarchie, der Gegenseitigen Hilfe und Solidarität. Ja, das Moralereivirus, es wütet stärker denn je, auch noch in einer besonders gefährlichen Deltavariante, und wenn wir diese Epidemie (zum Glück verhält es sich noch nicht pandemisch) noch eindämmen wollen, könnte es eventuell helfen die Moraldebatte, die damals rund um die individuelle Expropriation entbrannte, wieder zu entstaubem und neu aufzunehmen. Wobei wahrscheinlich sogar Kropotkin entgeistert nach Luft schnappen würde, wenn er sehen würde, was mit seinen Thesen gerechtfertigt wird. Aber genug der Worte an dieser Stelle, tauchen wir ein in das Paris des fin de siècle und übergeben nach einer kurzen, oberflächlichen Einführung in den Kontext von Kropotkins moralischen Ergüssen seinen Zeitgenoss_innen das Wort.


Einiges zur Rezeptionsgeschichte von Kropotkins Anarchistischer Moral

Den Moralisten gewidmet!

Moral und Pflichten, magre Bissen,
Vermindern nicht der Bettler Zahl;
Ihr satten Schlemmer könnt’s nicht wissen,
Drum hört die Wahrheit auch einmal:
Wir wollen nichts vom Himmel wissen,
Der Teufel hol‘ ihn allzumal;
Verdammt die Tugend und verdammt Moral,
Wenn brave Leute hungern müssen…..

(DER COMMUNIST. Eigenthum ist Diebstahl! No. 3, London, 10. April 1892)

A propos de la discussion über Kropotkins anarchistische Moral, aus dem unmoralischen londoner Diebesblättchen Der Communist des fin de siècle des 19. Jahrhunderts, der auf die Bekämpfung der Moralisten ganz besonders achtete, und dabei logischerweise auch Kropotkins Broschüre behandeln musste. Aber nicht nur. Mit dem Motto «Der Communist scheisst auf die Organisation, die Moral, die Pflicht, die Ehre, das Comite, den Pfaff und den Papst. Der Communist scheisst – solang er noch ein Minimum zu fressen hat – auf alles Eigenthum, aber es ist nicht seine Pflicht.» (Der Communist. Individuelles wie collektives Eigenthum ist Diebstahl, No. 11) machte sich das Blatt natürlich auch viele Feinde, und in seiner Kampagne gegen die Organisatoren und Moralisten bekamen so einige ihr Fett weg…

Es ist ausserdem spannend, darauf hinzuweisen, dass die damalige Diskussion über Moral, in welche Kropotkin mit seiner Broschüre – niveauvoller als viele andere – interveniert, aufgrund einiger Konflikte heraufbeschworen wurde, welche nicht ganz unspannend sind. So gab es damals eine vertiefte Diskussion über Eigentum und Expropriation respektive Diebstahl. Dass die Expropriation «für die Sache» in Ordnung sei, war seit dem Prozess des Räubers und Anarchisten Vittorio Pini ziemlich klargestellt. Aber nun ging es einerseits darum, ob es in Ordnung sei, für sich, also aus «egoistischen» Gründen zu expropriieren. Ebenso aber, und zwar wichtiger, ob es in Ordnung sei, unter Anarchisten zu expropriieren… oder eigentlich vielmehr: mit der Ablehnung des Eigentums einmal konsequent zu sein.

Praktisch entzündete sich diese Diskussion ursprünglich in Paris aufgrund der für viele Anarchisten damals gängigen Praxis der «estampage» – Zecheprellerei, welche von vielen auch in Lokalen geübt wurde, deren Besitzer Anarchisten waren. Nicht nur auch, sondern sogar speziell, denn schliesslich konnte man ja bei diesen davon ausgehen, dass sie nicht die Bullen rufen würden – es war also bei ihnen einfacher (zumindest stelle ich mir das heute so vor).

Während einige, als Antwort auf die Empörung, die logische Rechtfertigung des «vol entre Camarades» (Diebstahl unter Gefährten) darlegten, veranlasste diese Diskussion in der anarchistischen Bewegung Paris‘ andere, die Notwendigkeit der Moral zu vertreten. Dabei sollte also die «anarchistische Moral» einiger schlicht ihre etwas privilegiertere Stellung rechtfertigen, war also klar eine verhüllte Vertretung eigener Interessen. So behaupteten auch viele, Diebstahl sei eben unmoralisch (ausser falls im Interesse «der Sache»), verrohe den Dieb, u. Ä. Während wiederum andere klarstellten, dass das mit der Arbeit ebenso sei, dass Arbeit und Diebstahl also auf gleicher – unmoralischer – Ebene anzusiedeln seien. Während wiederum andere eben diese ganze Moralphilosophie ablehnten und die Moral als das entlarvten, was sie allzu oft ist: eine Waffe in einem realen Interessenskonflikt, in welchem versucht wird, die eigene Stellung zu rechtfertigen, zu heiligen… eine Waffe, welche einer autoritären Logik gehorcht, verlangt das eigene Denken aufzugeben… und die deshalb frisch und froh und ehrlich zugaben, dass sie Diebstahl für den eigenen Genuss betrieben und dass dieses «Recht auf Genuss» etwas ist, was eine etwaige anarchistische Gesellschaft befriedigen müsste, während falls diese Aufopferung verlange, das eher fragwürdig sei. Wie auch immer. Der Communist vertrat zumindest offensichtlich letztere Tendenz im deutschsprachigen Raum.

Im folgenden einige der Texte gegen Moral, mit besonderem Augenmerk auf die Behandlung von Kropotkins «anarchistischer Moral», welche vielleicht gerade aufgrund ihrer relativen Reflektiertheit und intelligenten Ausarbeitung Leuten trotzdem als Ausrede für den plattesten Moralismus diente.

Oder immer noch dient? Als Ausrede für den Abdruck dieser moralkritischen Artikel könnte uns auch dienen, dass die “Libertäre Zeitschrift” Espero Die Anarchistische Moral wiedereinmal publiziert (abgedruckt?) hat (Neue Folge – Nr. 1, Juni 2020). Ein gewisser Rolf Raasch listet einige “Beispiele aus der Rezeptionsgeschichte” dieses “im Jahr 1890 in der Zeitschrift Autonomie zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlichte[n] Aufsatz[es]” auf. Dabei scheint ihn vor allem eine akritische Rezeptionsgeschichte zu interessieren. Irgendwelche (teils akademischen) Schinken der letzten 50 Jahre, die diese Broschüre irgendwo mal erwähnt haben – aber natürlich nicht, wie die Diskussion über diese Broschüre und Thema in der anarchistischen Bewegung ausgesehen hat. Nichteinmal jene in der Autonomie erwähnt er. Ist sie ihm nicht bekannt?

Verstehen lässt sich sowas zumindest auch als Symptom einer Ignoranz, welche immer schön gehätschelt wird, damit man ja nicht grosse Denker allzusehr hinterfragt, und nicht versteht, dass eine Geschichte der grossen Denker wohl für das Bürgertum Sinn macht, für die anarchistische Bewegung aber herzlich wenig. Die Steckenpferde können wir ihnen gern überlassen, auch wenn es so aussieht, als würde Kropotkin hier allzu sehr missbraucht, bzw. rekuperiert für Dinge, die er so wohl auch lächerliche gefunden hätte (z.B. die Farce, gegenseitige aufgedrängte Isolation mit “gegenseitiger Hilfe” zu verwechseln).

Und aus Anlass der Ausgabe 1 der Neuen Folge der Espero kommt hier also auch ein kritischer Artikel aus der Autonomie, um eine wirkliche Rezeptionsgeschichte anzudeuten, die übrigens riesig wär – diese Moraldiskussion zog sich schliesslich international über mehrere Jahre hin, während sie heute wohl wieder nötiger wär denn je, wo die “anarchistischen” Moralisten so weit gehen, eine Moral aufzustellen, die es “unsolidarisch” und deshalb “unanarchistisch” befindet, wenn man sich zusammenrottet, trifft, feiert etc. so, wie das Menschen seit Jahrmillionen tun und weiterhin tun werden, wenn die Dystopie nicht total gewonnen hat (also ohne Corona-App, ohne PCR-Test, ohne Maske, ohne Abstand und ohne neurotische Berührungsangst).

Diesen denkfaulen Idioten, die das Leben selbst für unmoralisch erklären, können wir nur ins Gesicht grinsen, wenn sie sich denn zu uns trauen. Ja, genau! Und deshalb verwerfen wir jegliche Moral, weil sie dem Leben Feind ist! Und wollt ihr uns dabei stören, kriegt ihr unsere Spucke. Oder Schlimmeres.

Anonymus Individualo


MORALEREI;

MIT BESONDERER BERÜCKSICHTIGUNG ANARCHISTISCHER MORAL.

—o—

Es ist eine charakteristische Erscheinung, dass die „ordentlichen, respektablen, ehrbaren Anarchisten“ die MORAL auf ihren Aushänge-Schild gekritzelt haben. Damit die „bessern Anarchisten“ ihre Abstammung auch ja nicht verleugnen würden, haben sie das Affenstück fertig gebracht und die „anarchistische Moral“ erfunden. –

Nun, wir wollen einmal das Fernrohr zur Hand nehmen und die MORAL im Sonnenscheine beaugapfeln: –

Die Moral ist nichts anderes als ein ungeschriebenes Gesetz. So wenig wie das Gesetz, so wenig hat die Moral jemals eine wahre Ordnung in die Welt gebracht; vielmehr dasjenige, was Räuberbanden mit ihr bezweckten, nämlich Mord und Brand, Unterdrückung und Herrschaft.

Früher und auch heute noch pfropfen die Pfaffen dem Volke die Moral mit Hülfe des Himmels und der Hölle auf; heute wird dem Volke von den „Männern der Wissenschaft“ die Moral bei der Vorspiegelung von der Hölle der heutigen Welt und dem Teufel Privileg eingepaukt. Der Bannfluch und die Inquisition haben glücklicher Weise sehr viel von ihrer ehemaligen Macht eingebüsst! Das Hauptaugenmerk richten die Moralisten von heute auf die Dummheit, denn sie haben keine allmächtige Gewalt mehr; aus gleichem Grunde werden sie auch „tolerant.“

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Moral und Gesetz sind insoweit identisch, als sie die Unterdrückung des Arbeiters bezwecken. Die Ordnungsbanditen sagen zwar, dass die Moral wie das Gesetz und die Verfassung zur Aufrechterhaltung der Ordnung sei. Der blosse Augenschein zeigt aber, dass die Moral alles andere denn Ordnung, d. h. Freiheit, bezweckt.

Eine höchst schwierige, wenn nicht unmögliche Arbeit wäre es, die verschiedenen Arten von Moral fest zu stellen; denn sie sind zu zahlreich: sie wechseln wie die Mode, und variren bis zum vollständigen Gegensatz. Ganz wie das Gesetz! Während das eine Gesetz eine gewisse Handlung erlaubt, wird die selbe Handlung von einem andern Gesetz verboten. Und die eine Moral verbietet oft, was eine andere erlaubt!

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„Die Moral ist zur Unterscheidung von Gut und Böse.“ – Den gleichen „Zweck“ haben auch das Gesetz und die Religion. Das Unterscheiden von Gut und Böse geschieht aber im Interesse des Privilegs. Selbst nach der Anarchisten Moral von PETER KROPOTKINE ist

DER ARME UNMORALISCH,

d. h. schlecht, verachtungswürdig, etc, weil er andere behandeln muss, wie er selbst nicht behandelt sein möchte.

„Der Arme ist unmoralisch!“ Dies kennzeichnet zur Genüge die Kropotkine’sche Moral: sie bildet keine Ausnahme in dem Labyrinth der verschiedenen Arten Moral: sie ist Unsinn, wenn nicht etwas schlimmeres!!!

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„Ja, wenn keine Moral mehr existieren würde, was soll dann werden? Der Egoismus wird überhand nehmen.“

Wohlan, wir fürchten den Egoismus nicht. Die Menschen sollen nur Egoisten werden; sie sollen aufhören, sich für Andere aufzuopfern! Sie sollen für sich und nicht für die Anderen leben! Keine Märtyrer, keine Lämmer mehr! Lange genug hat das Volk sein Glück den Händen anderer anvertraut, hat sich dem Willen Anderer gefügt; es ist Zeit, dass der Egoismus erwacht, und der Mensch sein Glück sucht.

Wenn die Moral zum Teufel ist, wird Jeder thun, was ihm gefällt. Dies wissen die Moralisten, und davon wird es ihnen grau und schwarz.

Es ist ein Irrthum, wenn man glaubt, die Menschen thäten heute schon, was ihnen beliebe. Suggestion, Hypnotisierung und brutale Gewalt haben das Volk tief in den Schlamm der Willenlosigkeit gedrückt. Und trotzdem fehlt es an Übertretungen der eingewurzelten Gebräuche und Moral nicht! Es ist dies ein Beweis dafür, dass weder Gesetz noch viel weniger Moral allmächtig sind; dass die Natur die Unnatur brechen muss! Trotz allen Fesseln kehrt jeweilen die Periode zurück, wo ein instinktives Gefühl sich aus dem Schlummer hinaus Bahn bricht!

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„Aber unsere Moral ist der Natur angepasst, resp. mit ihr übereinstimmend.“

Wohlan, wenn eure Moral wirklich ein „Naturgesetz“ ist, so ist sie total überflüssig, weil die Natur keiner Repräsentanten und Advokaten bedarf! Basirt aber eure Moral nicht auf Natur, so ist sie doppelt zu verwerfen!

Es ist in der That nicht wenig amüsant, zu beobachten, wie alle die Moralisten die Weisheit mit Löffeln gefressen haben: die einen stehen in direkter oder indirekter Verbindung mit dem lieben Herrgott; und die andern haben——-das Naturgesetz entdeckt!

Gewiss! Es wird im Affenkasten gewiss noch recht gemüthlich!

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Mit der Moral geht auch die Pflicht zum Teufel, denn sie ist in der Moral inbegriffen. Dies ist sehr gut. Das Individuum wird selbst entscheiden, was es zu thun und zu lassen hat; es hat keinen Vormund nöthig!

Es ist unfassbar, welche Komödiantenstücke und welche Gräuel von der Pflicht ausgehen.

Dem Individuum werden so viele Pflichten aufgebürdet, dass seine Freiheit total zermalmt wird. Es ist nicht nöthig, die Schwarm der Pflichten hier speziell aufzuführen, ihre Zahl ist unkennbar.

Thatsache ist, dass die Pflicht jeweilen nach den Umständen erfüllt worden ist oder nicht. Das Nichterfüllen wurde erst bei den schwachen Moralisten vom Vater im Himmel bestraft. Andere, „praktischere“ Moralisten fanden es jedoch gut, die Bestrafung der Pflichtuntreuen selbst zu besorgen. Da die Anarchisten entschiedene Gegner der Bestrafung sind, haben die anarchistischen Moralisten für die Verletzung der Pflicht keine Strafe vorgesehen; sie verachten nur den „Unmoralischen.“ Die Verachtung ist also keine Strafe?! So, so. Es kommt noch gut!

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Mit der Moralität, d. h. der „moralischen Aufführung“ der Moralisten sieht es geradezu höllisch aus.

Man sehe sich nur in der Welt um! Was thun sie, die Moralisten? Geheim oder öffentlich handeln sie gegen ihre Moral.

„Du sollst nicht stehlen!“ predigt der Erste, und er stiehlt selbst. – „Du sollst nicht tödten!“ ruft der Zweite, uns er tödtet selbst. – Und so weiter! – Die anarchistischen Moralisten bilden durchaus keine Ausnahme. Die Einen vögeln arme Mädchen, was nach der Anarchistischen Moral unmoralisch ist, denn der Wunsch, Prostituirte zu sein, ist mit dem anarchistischen Princip nicht vereinbar! Andere spielen den Kapitalist, was vielleicht mit einer kapitalistischen Moral harmoniren mag, aber mit derjenigen von Kropotkine nicht!

Warum also Moral predigen, wenn man selbst nicht nach ihr lebt???–

„Die Dummen werden nicht alle,“ sagt die Fama; aber auch wird der geistige Schlaf nicht ganz überhand nehmen!

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Die Moral und die Vernunft für das Gleiche erklären, heisst den Esel am Schwanz aufknüpfen, heisst Feuer und Wasser für identisch erklären. Während Vernunft das Resultat logischen Denkens darstellt, ist Moral – wie man sieht – ein Produkt des Blödsinns und der Betrügerei – ein Produkt der Sophistik!

Es ist selbstredend, dass trotz aller Aussetzungen Wahrheit in einer Moral enthalten sein kann, gerade wie im Gesetz, oder in der Bibel; solche Ausnahmen vermögen aber nie und nimmer den wahren Zweck zu verdunkeln!!!

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Genug Moral! Zum Teufel mit ihr!

Platz für Freiheit, der Mutter, nicht der Tochter der Ordnung!

Anarchie verlangt die Abwesenheit aller Herrschaft – auch derjenigen der Moral!

[Der Communist. Eigenthum ist Diebstahl. Nummer 7. Mai 1892]


MORALISTEN.

-°-

Ich weiss nicht, wen ich heisser als sie hasse: Die Moralisten
– diese Heuchlersippe! Sie sind wie Wachs, wo ich sie auch
erfasse, und lachend spotten sie der schärfsten Klippe.
Wo die Natur schreit, seht Ihr sie beschwichtigen!
Wo Wahrheit redet, lächeln sie voll Hohn!
Sie haben überallaus Worten, nichtigen, aus halben Lügen
sich erbaut den Thron.
Wo wir sie endlich ganz zu fällen trachten, und mit Verachtung
sie zu treffen wähnen, da steh’n sie lächelnd. „Wie?
Wer kann verachten uns, welche alle ‚Guten‘ doch umlehnen?“
O diese Selbstbewussten! Wann kehrt endlich die eigne
Lüge gegen jene sich, und klafft-für alle plötzlich g a n z
verständlich-aus Tagen auf, von denen Wahrheit wich?!-

[Der Communist. Eigenthum ist Diebstahl. Die Organisatoren und Moralisten sind die Erzfeinde der Menschheit. Nummer 9., Juli 1892]


An alle Moralisten und moralischen Leute:

—:o:—

(Übersetzt aus dem Chinesischen.)

—:o:—

KUND UND ZU WISSEN ;

dass der Communist nach wie vor auf alle und jede Moral scheisst; ja er scheisst auf die Moral, nicht weil er den Dreck liebt, sondern weil er den Dreck nicht liebt. Der Communist hat genug von dem Dreck der sog. „anständigen“ Leute. Es ist Zeit, morallos, unmoralisch zu werden! Ist es die Gewalt der Kanonen und Bajonette allein, welche die Proletarier in der Sklaverei hält! Nein, es ist vor Allem die Moral: der Glaube an das Heilige! Nie wird ein Mensch frei werden, solange er ein Sklave der Moral ist. Es ist schrecklich genug der Knecht eines thatsächlichen Herrn zu sein, aber noch trauriger ist es, ein Knecht der Moral zu sein: ein Sklave einer Einbildung, ein Sklave seiner selbst, ein Sklave des Wahnsinns. Ein Knecht der Sittlichkeit; ein Opfer der Sittlichkeit! Warum sollte irgend Jemand auf die Freuden des Lebens verzichten? Warum sollen wir das Heilige, das Sittliche, das Moralische verehren, und ihm zum Opfer fallen? Was ist denn das Heilige, das Sittliche, das Moralische? Nichts anderes als Einbildung, Illusion, Besessenheit, Narrheit, Wahnsinn! Wohl haben die moralischen, sog. Respektablen Leute eine Unzahl Knechte zur Bekämpfung der Unmoralischen, z. B. Polizei, Militär, Gerichte, Gefängnisse, etc.; wohl wird der Unmoralische von „repektablen“ moralischen Leuten verabscheut; aber trotzdem ist die Moral im Wanken: ein grosser Theil der sog. „anständigen“ Leute handelt selber gegen die Moral, aber geheim, sie predigen öffentlich Wasser und trinken heimlich Wein. Die Meisten von Diesen sind nichts anderes als gemeine Heuchler zum Zwecke der Unterdrückung. Um unmoralisch zu sein, ist es jedoch heute noch nöthig, unmoralische Thaten im Geheimen zu begehen; denn öffentlich unmoralisch zu sein, heisst Ruin für den Betreffenden. Ergo: warum sollten wir, um keine Knechte der Moral zu sein, nicht lügen, wenn es für uns wünschbar ist? Die Moral kann nicht durch Opfer besiegt werden, sondern sie muss untergraben werden, sie muss ohne Erbarmen meuchlerisch erlegt werden, – ohne Erbarmen, wie sie auch kein Erbarmen ihren Knechten gegenüber hat. Vorwärts! denn die Moral ist mindestens so ekelhaft wie ein Haufen frisch geschissener Dreck. Rümpft nur eure Nase hierüber, ihr „anständigen“ Leute, nur zu, – und bleibt noch länger Knechte der Moral. Diejenigen aber, die frei sein wollen, mögen sich gesagt sein lassen, dass [sie] gut daran thun werden, zuallererst ihren Hirnkasten von dem Spuk der Moral zu befreien. Und merkt euch, Proletarier, dass ihr nicht nur Knechte, sondern auch Tyrannen seid, solange ihr auf dem Wege der Moral wandelt, und dass ihr darnach behandelt werdet; denn ein Tyrann ist Tyrann, ob er in Seide oder Lumpen gekleidet ist. Die Freiheit verlangt nicht nur die Abwesenheit der Herrschaft des Eigenthums, sondern auch die Abwesenheit der Herrschaft der Moral. Es ist Zeit, das Menschheit von dem Druck der Moral befreit wird! Es ist Zeit dass ALLE Schranken fallen, welche die Menschen bis heute verhinderten, ALLE Freuden und Vergnügen zu geniessen! Vorwärts! denn es diejenigen., die im Elend kriechen, haben lang genug gewartet.

Aus: Der Communist No. 17.]


Der Spuk.

–:o:–

(Uebersetzt aus dem Chinesischen.)

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Komisch genug ist das Bild, das uns von den moralischen Anarchisten geboten wird. Diese Leute haben die Religion für einen Wahnsinn und Schwindel erklärt; und dieselben Leute gehen hin, und etabliren – eine neue Religion: die anarchistische Moral. Sie behaupten zwar, ihre Moral hätte mit der Religion nichts zu thun. Sehr richtig; denn die Moral beschäftigt sich mit – nichts, weil sie ein – Spuk ist. Es sind die Menschen, welche sich mit ihr beschäftigen. Nichtsdestoweniger ist die Moral eine Religion. Sie ist auf die Idee des Opfers basirt. So sagt auch Kropotkine:

„Kämpfe, um auch den Andern dieses reiche sprudelnde Leben zu erlauben,“

[nun kommt die Verheissung des Paradieses]

„und sei sicher, dass du auf keinem andern Wirkungskreis so grosse Freuden und Genüsse findest, die mit diesen zu vergleichen wären.“

Haben wir hier nicht den Pfaffen, der uns sagt: „Thue den Andern, was du willst, dass dir in ähnlichen Umständen zu Theil wird.“

Weiter meint Kroptkine, dass wir das „Recht“ (den Spuk) haben, einen Tyrannen zu tödten, „weil wir verlangen, dass man uns erschlage wie ein giftiges Thier, wenn wir in Tonkin oder bei den Zulus eindringen, die uns nie etwas zu Leid gethan haben.“

Welcher Sparren! So ich also in der Position eines Tyrannen nicht ermordet werden möchte, so würde die „Anarchistische Moral“ es für ein „Unrecht“ erklären, wenn ich dennoch einen Tyrannen zum Teufel spedirte.

Gott! wie talentvoll sind uns’re Leut‘!

Kropotkine ist gewiss ein intelligenter Mann, aber von dem Sparren der Moral hat er sich noch nicht befreit, er ist noch religiös.

Die Christen sagen: Gut ist, was Gott gefällt. Die anarch. Moralisten: Gut ist, was der [Anm.d.S.: menschlichen] Rasse nütz. Oh du heiliger Spuck! Alles ist an sich weder gut noch schlecht. Gut und schlecht sind nur Prädikate, welche man den Dingen ertheilt. Bedauerlich, dass die Menschen noch nicht so weit sehen! Sie möchten sich doch ein Fernrohr anschaffen!

[Der Communist. Eigenthum ist Diebstahl – Diebstahl ist Eigenthum. No. 18. 3. Jrg. (1894, Sommer)]


AUFRUF!

An die Jungen, die noch nicht hoffnungslos der Moralseuche zum Opfer fielen, und noch nicht zum willenlosen Knecht der Organisation herabsanken!

0000—0000

Schon seit Jahren ertönen stimmen der Unzufriedenheit gegen die Moralisten und Führer in der anarchistischen Bewegung. Natürlich versuchten die „e h r b a r en Anarchisten,“ diese Stimmen der „e h r l o s e n Anarchisten “ zu ersticken. Heute aber sind die “ unehrenhaften Anarchisten “ dermassen angewachsen, dass es den Moralisten zu gruseln beginnt !

Der Lump Merlino faselte jüngst davon, dass man die anarchistische Bewegung von «unehrenhaften “ Elementen säubern solle. Doch die “ anarchistischen “ Autoritäten schwanken vor der i n d i v i d u e l l e n Erhebung. Die Stunde hat geschlagen für die Begrabung von Organisation, Comite, Moral, etc. Die Erkenntniss, dass die sociale Frage nicht durch Moral und Organisation gelöst wird, bricht sich Bahn.

Päpste, wie Merlino und Most, haben sich gegen die individuelle That gewendet ; aber die Pfaffen finden kein Gehör mehr ! Bald werden sie die Zielscheibe für das Gespött des Volkes sein !

Solche Päpste scheuten sich als Anarchisten nicht, den blödsinnigen Anbetern Bourgeois-Titel als leckre Speise vorzulegen. Man höre : Fürst Kropotkine ! Baron Pespy ! D o c t o r Merlino ! C a p i t a n Darnaud ! Es fehlt nur noch ein König !

Mit solchen Mittelchen machen die “ moralischen Anarchisten “ ihre Propaganda.

Ist dies nicht thatsächlich eine Propaganda für den offenen Blödsinn???

Wie lange wird es noch Esel geben, die einen Prinzen , Baron , Capitaen oder Doctor anbeten?

Zum Teufel mit diesen Gesindel!

Als Ravachol seine letzten Thaten ausführte, da setzten sich die Moralisten gleich ans Werk, den Bannfluch gegen diesen Mann zu schleudern. Warum? Ravachol war Schmuggler, Expropriateur, Einbrecher, Mörder, etc. Er kümmerte sich nicht um Ehre, Moral, Organisation, etc. ; er handelte selbstständig ! Dies erklärt, dass er keinen guten Anklang fand bei den Organisatoren und Moralhelden, welche glauben, dass ein Jeder erst ihre Erlaubniss haben müsse, bevor er handeln dürfe.

Hätte Ravachel den Ertrag seiner Expropriationen an die Moralisten und Organisateure abgeliefert, dann wäre er wohl ein “ ehrbarer Mann “ gewesen ! Aber Ravachol war durchaus kein zahmes Schaf ! Er, der die Moneten erkämpfte, wusste auch, was er damit zu thun hatte ! Er hat die Moralisten und Organisatoren auf der Seite liegen lassen.

Ein Organisateur sagte in L’Homme Libre, dass Ravachol die Bourgeois erschrecke, und dass er ein Spitzel wäre, weil falsches Geld machte.

An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen !

Hier sind solche Früchte : Sie wollen uns verbieten, falsches Geld zu machen ; sie wollen uns verbieten, die Bourgeois zu erschrecken.

Diese Moralisten und Organisatoren verdienen, in erster Reihe dynamitirt zu werden.

Ist es nicht elend, gegen die Dynamit-Explosionen einzuwenden : „sie erschrecken die Bourgeoié“; während wir Arbeiter zu jeder Minute von den Bourgeois mit allen Arten Elend überschüttet werden ?

Es ist ein absolutes Recht eines jeden Unterdrückten, gegen die Tyrannen zu kämpfen, nicht nur mit der Zunge, sondern auch mit Dynamit; aber es ist nicht seine Pflicht, Niemand hat ihm dies zu befehlen !

Jeder Einzelne gehört sich selbst an; und es giebt NICHTS, das ihm gerechterweise befehlen darf. Der Wille der Mehrheit selbst steht nicht höher als das Individuum, dessen Rechte immer dauern!

Die Anarchisten haben schon längst erkannt, dass die

Representativ-Regierung Tyrannei ist,

von der Monarchie nur durch die Form verschieden.

Das Comite, was ist es anders ? ? ?

Und die Organisirten, was sind sie andere als die Beherrschten? ? ?

Man sehe sich nur die Gewerkschaften an. Sobald sie stark genug sind, tyrannisiren sie den Einzelnen in dem gleichen Maasse, wie der Staat.

Merlino und gewisse Seelen vom Londoner Freedom hatten diesen Winter in Versammlungen versucht, die Anarchisten in den Gewerkschafts-Sumpf zu ziehen. Hier sehen wir, was diese Tröpfe wollen. Auch Most u. A. gehören zu diesem Pack.

Wir wollen aber frei sein, auch frei von der Herrschaft der Organisation. Darum:

Hinaus aus der Organisation, hinaus aus den Gewerkschaften, hinaus aus den Vereinen und Clubs.

Wenn es zur Ausführung einer Idee die Hilfe einer Organisation oder eines Comite bedarf, dann ist diese Idee eine tyrannische ; eine anarchistische Idee bedarf in keiner Beziehung der Organisation und des Comite ; eine anarchistische Idee ist verloren, sobald sie einer Organisation anvertraut wird.

Alle Spatzen auf den Dächern pfeifen, dass die Moralisten ihre Moral NICHT halten.

Sie predigen Moral, um zu betrügen.

Darum fort mit der Moral,

Und lasset dem Menschen sein Gehirn unverpappt.

Man wird uns ehrlos nennen. Wohlan ! Unser Ziel ist nicht die Ehre, und nicht die Moral, sondern die ANARCHIE.

Wir fordern Alle auf, sich von den Demagogen, den Moralisten und Organisatoren, loszumachen, und

auf eigenen Fuessen zu stehen.

Scheisse Jeder auf die Gesetze, auch auf die Statuten, welche ebenfalls Gesetze sind. Scheisse auch Jeder auf jenes ungeschriebene Gesetz, welches Moral heisst, und zusammengesetzt ist aus Aberglauben, Lüge und Blödsinn, etc.

[Der Communist No. 9]


ZUR SOLIDARITÄTS-PHRASEREI!

Solidarität wird heute – speciell von “anarchistischen” Pfaffen – mit Hochdruck gepredigt, – aber – – – sehr wenig geübt. Wenn man sich in gewissen Kreisen in eine Discussion einlässt, so ist man in kurzer Weile von einer Süssigkeits-Duselei umschwärmt, dass man sich fast in einem Irrenhause zu befinden glaubt. “Solidarität,” so wird man belehrt, “ist die erste und letzte Triebfeder der menschlichen Handlungen. Die Menschen kennen nur die Gesellschaft, sich selbst nicht. Der Egoismus ist nur eine unnatürliche Ausnahme, die man immer verabscheuen muss.” Mit einer kunstgewandten “moralischen Entrüstung” wird dann dem Egoismus auf’s Fell gerückt, worauf eine Fluth von Solidaritäts-Phrasen angeschwommen kommt, dass es bei den Engeln im Himmel*) nicht prächtiger sein kann.

Aber die Solidaritäts-Phraserei ist nur zu oft Lüge! Wenn es Solidaritäts-Phraseure giebt, die zu Hause leere Zimmer haben, und verhetzte, arbeitslose Genossen während der Nacht auf der Strasse herumbummeln lassen, dann steht es gewiss schlecht mit der Solidarität!

Solidarität wird von den Herren Organisatoren immer denjenigen zu Theil, die mit hochwissenschaftlichen Phrasen, und mit glatter Zunge aufzuwarten verstehen. So lange einer zu allem “Ja” sagt, und pflichtgetreu jeden Dreck beichtet, wird wohl noch etwas Solidarität gezeigt. Aber derjenige, der seinen eigenen Weg gegangen, ohne die Erlaubniss des Comités, – und einmal in eine kritische Lage kommt, in welcher er Hülfe bedarf, der hat traurige Aussichten; denn die Herren Organisatoren müssen erst in jede Kleinigkeit eingeweiht sein, und dieselbe für moralisch befunden haben, bevor ihr Solidaritätsgefühl ein Lebenszeichen von sich giebt. In den Einzelnen setzen sie kein Vertrauen, aber alle andern sollen ihnen ihr Vertrauen entgegen bringen! Ist dies nicht die Taktik der Schwindler? Demjenigen, der Andern nicht traut, demjenigen ist in der Regel selbst nicht zu trauen! Denkt ihr nicht so, ihr Herren Organisatoren und Moralisten?

In ihrer Heuchelei kommen diese Solidaritäts-Phraseure soweit, dass sie die Theorie der individuellen Expropriation ganz und gar verwerfen, indem sie sagen, die Solidarität sei bei den Genossen gross genug, damit Keiner der Anarchisten aus Noth zu stehlen nöthig hätte. Und dennoch ist es absolut nichts ungewöhnliches, dass man Genossen antrifft, welchen das Allernothwendigste mangelt. Diesen aber wollen die moralischen Herren verbieten, zu “stehlen” (sic!), indem sie schliesslich erwähnen, dass die Anarchisten durch ihr “Stehlen” die Ehre vor der ganzen Welt verlieren würden.**) Ein Anarchist aber, welcher weiss, was Anarchie heisst, der scheisst auf die Ehre, der kümmert sich einen Teufelsdreck darum, ob man ihn ehrenhaft, moralisch, etc. nennt oder nicht! “Aber der Propaganda willen.” So sprechen die Herren Organisatoren, die nur viel “Mitglieder” haben wollen, um sich als Führer aufzuspielen. Diese Herren sind nur zu gut erkennbar. Sie schmieden die Pläne, schicken aber andere zur Ausführung; und nachher brüsten sie sich mit den Opfern, welche sie verursacht haben.

Sogar gegen die “Faulenzer” (sic!) richten diese Schmierfinken ihre schmutzigen Speichelwerke. Diese elenden, hundsgemeinen Lausbuben laboriren augenscheinlich an einer “tüchtigen Organisation.” Wer “faul” ist, wird einfach herausgeschmissen aus der Organisation; die Solidaritäts-Beträge sind ausschliesslich an das Comité abzuliefern; wer irgend eine Handlung, sei es nun ein Dynamit-Attentat oder auch nur die Verbreitung eines Flugblattes, vorzunehmen gedenkt, hat dies dem Comité zur Prüfung vorzulegen; das Comité stellt die “Rechte” sowie die “Pflichten” der “Mitglieder” fest; wer unmoralisch ist, hat sich vor dem Comité zu verantworten, etc. Diese saubere Richtung ist aus dem Treiben verschiedener Hallunken zu ersehen; insbesonders aus verschiedenen Articeln in La Révolte, L’Homme Libre, in Papst Most’s “’Herzens-’Ergüsse” u. a. m. in der Freiheit, sodann auch aus dem Anarchist und der Autonomie.

L’Homme Libre hat seine “Gesinnung” anlässlich Ravachol’s Dynamiterei zu offen ausgesprochen, als dass man auch nur noch einen Augenblick im Zweifel sein könnte. Der Hochdruck, den er damals auszuwirken suchte, war “leider” erfolglos, und die edle Absicht, die anarchistische Bewegung zu corrumpiren, war missglückt. Unter anderen hat auch der saubere Organisateur Merlino seine nobeln Ansichten ziemlich genau gezeigt, als er sein feines Manifest, in welchem er “den Communismus mit dem Collectivismus vereinigen” wollte, der Autonomie zur Veröffentlichung gab. In einer Versammlung wurde diesem Dreck sein richtiger Weg angewiesen.*)

Und nun: Wie es mit der Solidarität einem tüchtigen Genossen gegenüber steht, das hat unter anderem auch die Ravachol-Affaire gezeigt. Es wäre gewiss nicht zu schwierig, solche “Anarchisten” zu finden, welche einen Mann wie Ravachol der Polizei überliefern würden. (Beweis: Siehe das Sauhundsblatt L’Homme Libre.)

Dies ist eine kuriose Solidarität; es ist die Solidarität mit der Autorität!–––––

Wehe Dem, der von diesen Finken irgend etwas annimmt; er kann dies dann Jahre lang hören, ganz besonders, wenn er einmal eine selbständige Meinung hat, welche den Herren nicht in den Kram passt.–Gehört dies in’s Gebiet der Solidarität, oder in dasjenige der Heuchelei, des Meinungskaufes, der Pharisäerei und der Autorität????????–Die Antwort liegt nicht weit entfernt.

[Der Communist. Eigenthum ist Diebstahl. Nummer 8. Juni 1892]

*)Wenn es überhaupt einen Himmel mit Engeln darin giebt. [Anmerkungen des Setzers des Communist]

**)Und besonders die Ehre bevor den moralischen Anarchisten. [Anmerkungen des Setzers des Communist]

*)Natürlich ist diese Schmierbroschüre von der päpstlichen Organisation [gemeint ist Johann Mosts Freiheit] gedruckt worden, aber nicht von der Autonomie. [Anmerkung des Setzers des Communist]


Zum Kapitel der Menschenrechte.

An einem Tanzabend erklärte mir Jemand, dass, wenn ich mich nicht von einem Bourgeois ausbeuten lasse und in Folge dessen nicht arbeite, ich ein Parasit (Schmarotzer) an der heutigen Gesellschaft wäre.

Diesem Genossen will ich hier kurz antworten:

Wer ist ein Parasit? Meiner Ansicht nach ist es nach allgemeinem Verständniss derjenige, welcher auf Kosten Anderer lebt! Und nun, wer lebt auf Kosten des Andern, ich oder die Gesellschaft?

Von den ersten Spuren meines Lebens hat die Gesellschaft nach mir gehetzt. Als ich noch ein Kind im Leibe meiner Mutter war, da hatte schon die Schandgesellschaft des 19. Jahrhunderts nach meinem Leben getrachtet: Meiner Mutter hat sie ein nicht zu verachtendes Quantum Speise, Trank, Luft, Wasser, Wärme etc. gestohlen, und somit auch mich verfolgt! – Während meiner Kinderjahre hat mich die nette Gesellschaft in die Schule gesperrt, hat mir dadurch meine Zeit gestohlen, meine Freude geraubt, mein Gehirn gefoltert und verkleistert und meinen Körper geprügelt! Aus der Schulgefangenschaft entlassen, hat mich die Gesellschaft ausgebeutet, mein Land gestohlen, mein Erbe an anderweitigen Produktionsmitteln geraubt! – Käfer, Läuse, Fliegen, Wanzen, Mücken, Flöhe (dies sind Parasiten), solch hübsche Kameradschaft hat mir die Gesellschaft geschenkt! –

Und nun, Kreuzdonnerwetter! Wer ist der Parasit? Ich oder die Gesellschaft? Wer?

Ist es überhaupt möglich, dass ich soviel zurücknehmen kann, wie mir die Gesellschaft genommen hat? Wo ist der Ersatz für meine Leiden, wo derjenige meiner Mühe, wo der Ersatz für meine Kinderjahre, die mir die Schurkengesellschaft in brutaler Weise vergällte?

Wie kann ich diesen Raub zurücknehmen? Wo ist der Maassstab?

Nichts giebt es, das gemein genug wäre, mich an dieser Raubgesellschaft zu rächen! Die Verweigerung der Frohndienste und die Zurücknahme von Lebensmitteln wäre total unbedeutend. Immerhin ist dies das beste Recht des bestohlenen. Ja, wenn ich an eine Pflicht glaubte, würde ich sagen: es ist meine Pflicht, zurückzunehmen. Doch Nein! Mehr: Tod jenem dicken Parasit!

Mit Faulenzer bezeichnet man heute denjenigen, welcher die Arbeit nicht mehr fortsetzen will. (Den Reichen bezeichnet man gewöhnlich nicht als einen Faulenzer; vielleicht weil er die Fäulniss ist.) Der Proletarier empört sich aber gegen die Arbeit, weil sie für ihn Sklaverei bedeutet. Dies ist ganz natürlich. Man wird lange suchen können, bis man einen Menschen finden wird, der die Arbeit refüsieren wird, weil sie ein Vergnügen ist; wer dies bestreitet, bestreitet auch, dass es heute Faulenzer giebt; wer diese Ansicht theilt, der kann nur Sympathie haben für den Menschen, den man heute Faulenzer nennt.

Und angesichts solcher herzzereissender Fakten giebt es noch solche Menschen, die mir Moral predigen wollen, mich einen Parasiten nennen möchten, wenn ich nicht um den Preis der Sklaverei arbeiten wollte, um meine eigenen Fesseln zu schmieden. Trotzdem das Zurücknehmen mit dem Gleichheitsprinzip vereinbar ist, hört man immer noch von Diebstahl sprechen. Für einen Anarchisten sollte es doch klar sein, dass ein Proletarier einem Bourgeois nichts stehlen kann; er kann nur nehmen, auf was er ein natürliches, mit dem Gleichheitsprinzip vereinbares Recht hat. Dass selbst Kropotkine in „Encore la Morale“ noch von „stehlen“ spricht, wo es sich eigentlich um expropriiren handelt, ist jedenfalls nicht wissenschaftlich. Doch, – wir wollen in Bezug auf diesen Punkt nicht lange streiten; „La Révolte“ hat in einer ihrer letzten Nummern eingelenkt und sagt im ersten Artikel: „…alle unsere Sympathien sind mit jedem – kollektiven oder individuellen – Empörungsakt…“

Was will man mehr? – – –

Dies stimmt allerdings mit den Moralartikeln in „La Révolte“ nicht. Aber was kümmert sich das Recht um die Moral?

Die Moralen ändern; das Recht aber bleibt ewig!!

Ein Faulenzer.

[Die Autonomie. Anarchistisch-communistisches Organ. No. 194. VII. Jahrg. London, den 16. Juli 1892]

[Virus Radio] Das Elend der Linken – Track 3

Seit der baiuwarische Verfassungsschutz verwirrt feststellte, dass die „Linksextremen“ in der „Coronakrise“ scheinbar regierungstreu geworden seien (was ja auch stimmt), scheint es mir, dass zur Linken eigentlich nicht mehr allzu viel gesagt werden muss. Solches Lob sagt eigentlich alles aus. Ebenso ist mit Zerocovid die linke Szene auch endlich dazu übergegangen, sich zu spalten. Wir sagen: gut so!, aber, ihr lieben (angeblichen) Revolutionäre: noch eine Anstrengung, wenn ihr die Anarchie wollt! Denn solange ihr den Kadaver der Linken wiederbeatmen wollt, werdet ihr immer nur neue Autoritäten und neue Kompromisse züchten, werdet ihr eine Bewegung (re-)produzieren, die euch in die eine oder andere Sackgasse führt, anstatt zur sozialen Revolution.

Auch wenn es eigentlich also gute Argumente gäbe, die Remixe des Elends der Linken hiermit ein für alle Mal einzustellen, da die Kritik und Blossstellung ihres Elends längst in aller Munde ist, lege ich hier nocheinmal nach, mit einem klassischen Remix von Skits und Styles über die Linke in der alten Normalität. Dabei benutze ich Material, dass wir nie zuvor veröffentlicht haben. Schon vor Jahren produziert (ca. 2012), hatte damals der Anlass sein Haltbarkeitsdatum schon überschritten (irgendeine widerliche Unschuldskampagne à la “Antifaschismus ist legitim, nicht kriminell”), weshalb dann das ganze nie so ganz vollendet wurde und seinen letzten Schliff verpasst hat. Heute passt es wie die Faust aufs Auge und zeigt nocheinmal auf, dass die gegenwärtige Misere schon längst prognostiziert werden konnte. Damit im Nachhinein keiner behaupten kann, die Linke wäre vorher nicht schon ein Hindernis auf dem Weg zur Befreiung gewesen – und dass die Freunde und Freundinnen der Anarchie dies nicht schon längst festgestellt hätten (und zwar auch anderswo).

Weiterhin also die härteste Mucke auf Virus Radio, die dir deinen Nuckel raushaut. Aber noch besser als Radio ist es natürlich: Live… À propos Live: da kommt mir ein alter Witz über das Fusion Festival in den Sinn, der bei jenen anarchoiden Partygängern zirkulierte, die diesen linken Karneval aus den einen oder anderen guten oder schlechten Gründen trotzdem immer besucht haben: Nämlich, dass die stalinistischen Zaunwärter, welche seit einigen Jahren die Grenze der Fusion beschützen, eigentlich nur trainieren um die künftigen Gulags zu verwalten… In der Neuen Normalität sind ja nun allzu viele schlechte und gute Witze in Erfüllung gegangen, und dieser gehört ganz bestimmt dazu. Wenn die Linke nun langsam wieder aus den Stayathome-Löchern kriecht, so also nur um zu experimentieren, wie man – oder sie – die Neue Normalität besser verwalten kann… aber eben, das haben wir ja alles schon prognostiziert, dazu muss man nur die letzten paar Sendungen hören.

Wenn der Superspreader von Live spricht, dann meint er natürlich nicht den live selbstverwalteten Tanzgulag. Denn “Keine Fusion um jeden Preis” ist ihm natürlich allzu lasch, vielmehr will er um jeden Preis keine Fusion mit den Linken, und feiert lieber mit der verwirrten lost youth, die sich täglich ihr Katz-und-Maus-Spiel mit den Bullen liefert, als mit diesen konformistischen Idioten!

Prosit also, hier kommt der Remix. Reisst vom Kadaver los was ihr könnt…

Das Elend der Linken feat. Antifa (old school Rettungsring-Mix)

Die Nazis. Eine ganze Szene scheint sich an ihnen zu orientieren. An den Nazis. Nein, wir reden nicht von den Nazis selber. Wir meinen die Antifa. Die Nazis sind ein Problem. Klar. Die Bullen, die Rechte und die Linke, das Bestehende insgesamt, sind ein Problem. Die Nazis sind unsere Feinde. Die Bullen, die Linke und die Rechte, das Bestehende, sind unsere Feinde. Es gibt keinen Grund sich auf einen dieser Teile als das ultimativ Böse zu beziehen, auf das, was dann unsere ganze (Negativ-)Definition ausmacht.

Jeder ist antifaschistisch. Ein jeder, der nicht so bescheuert ist, sich nicht auf diesen linken, ach so viel sagenden Nenner zu beziehen… Die Stasi, die AktivistInnen, und deine Mami ist antifaschistisch. Weil der Faschismus ja die ultimativ böse Ausformung der Boshaftigkeit ist.

Die Antifa ist so vieles. Antifaschismus bedeutet so viel, er reicht von Bürgern bis zu Revolutionären, von linken Reformisten bis zu blablabla. Der Antifaschismus, was ist heute seine Bedeutung? Ein gemeinsamer Nenner, der Revolutionäre und die miefendsten linken Bürger gemeinsam auf die Strasse bringt, im Namen einer Ideologie, die ihnen allen das Gefühl gibt, die Guten zu sein. Der sie dazu bringt, die Bullen, das Bestehende insgesamt, zu ignorieren, um gegen die Schlimmsten, die Faschisten auf die Strasse zu gehen. Eine Ideologie, die zumindest die Linke – von oben bis unten – sich vertragen lässt, sie ihre Differenzen vergessen lässt, ist praktisch… Fragt sich nur für wen…

Wer profitiert davon, wenn alle mit einem destruktiven Hass auf das gesamte Bestehende sich mobilisieren lassen, um gegen die FaschistInnen auf die Strada zu gehen, die ja offensichtlich auch den Demokraten ein Dorn im Auge sind (schliesslich konkurrieren diese beiden um die Macht, die Faschos als die Bösen, die Demokraten als die Guten). Wer profitiert davon, wenn wir vom Bestehenden als Totalität ablassen, und nicht mehr mit der Gesellschaft brechen, sondern sie umarmen, zumindest ihren linken, liberalen Arm. Wer profitiert davon als die Verteidiger des Bestehenden, die ihre Scheisse damit noch besser funktionieren sehen?

Problematisierung

Der Antifaschismus wird davon abhängig, mit was für einer Sorte AntifaschistIn wir gerade sprechen, entweder als etwas total rrrrevolutionäres abgehandelt, oder als etwas, dass einfach den bestehenden Staat beschützen soll. Das macht das hybride Wesen des Antifaschismus aus. Die autonome Antifa ist stolz darauf, die Bürger manchmal sogar zu einem „militanten Angagement“ zu bringen, während sich die Bürger das als moralischeres Aktivbürgertum durchgehen lassen, legitim, was nun hankerum auch die autonomen Antifas für sich in Anspruch nehmen (die Legitimität). Da finden sich beide Teile im Kampf gegen ihre „Kriminalisierung“, die einen aus offensichtlichem Legalismus, die anderen aus dem Bedürfnis, auch mal legalisiert für die Zerstörung der Gesetze zu kämpfen. Beide finden sich also in einem radikalen Reformismus, den einen gefällt das Radikale, den andern der Reformismus…

Nun, da sich beide Teile des Antifaschismus militant gebärden, halten dies die einen für einen Schritt zur Revolution, während die anderen das Ganze klarer als eine Erweiterung ihres linken Aktivbürgertums sehen. Zu denen, die sich das Ganze als revolutionäre Aktion erhoffen, an welche wir uns schliesslich auch richten: mensch ist nicht einfach revolutionär, nur weil er Gesetze bricht, wie das Beispiel der Suffragetten zeigt, die ihre ganz sympathischen Aktionen für das Frauenstimmrecht verschwendet haben… (Während einige sich anschliessend so an den Aktivismus gewöhnt haben, dass sie in ganz anderen Dingen weitergekämpft haben (die auch nicht revolutionär waren), war das Ganze trotz allem eine agressive Selbstintegration ins Bestehende) Ganz allgemein ist dann das die Oberflächlichkeit des Aktivismus, sich an der (gemeinsamen) Aktivität aufzuhängen, die ganz toll ausschauen kann, aber übersehen, dass innerhalb ganz verschiedene Motive, eigentlich unvereinbare Richtungen bestehen, die konkurrieren. Es dominiert meistens nicht in Richtung Bruch mit dem Bestehenden! Und falls es dazu tendieren würde, wäre es auch ein Bruch innerhalb der Antifa…

Denn: Antifaschismus als einziger Inhalt ist an und für sich nicht revolutionär, sondern eben nur antifaschistisch. Es ist das Ausblenden aller anderen Konflikte um den Faschismus zu verhindern, und der gemeinsame Boden, auf dem die antifaschistische Querfront steht, ist diese Gesellschaft. Die Antifa ist der Rettungsring (Daher auch das Antifa-Logo, das einen Rettungsring darstellen soll. Weimar vor dem Faschismus retten heisst aber Noske zu vergessen), der uns alle wieder ins Boot zurückholt. Einzig ein revolutionäres Projekt bietet überhaupt die Chance diesen Boden, auf dem eben auch der Faschismus wächst, endlich zu zerstören. Und vielleicht irgendwann mal nicht zwischen der einen und der anderen Scheisse wählen zu müssen, sondern die reale Möglichkeit der Freiheit zu haben.

(…)

Aber es ist klar, an diejenigen AntifaschistInnen, die Politiker sind, irgendwelche NGOs, Kleinbürger und Paraparteimitglieder wenden wir uns nicht. Wir wenden uns an diejenigen autonomen Antifas, die zwar irgendwie das System scheisse finden, aber halt trotzdem bloss eine radikale Linke sein wollen. Diejenigen die zwar eigentlich auch alle Staaten abschaffen wollen, aber doch nicht so richtig, denn wenn die Bullen die Nazis bekämpfen… Und die Gesellschaft… Diejenigen, die mit revolutionären Parolen um sich werfen um dann trotzdem den Sozialstaat irgendwie ganz gut zu finden.

Die heroische Geschichte des Antifaschismus

Und die traurige Wahrheit ist, dass die meisten Antifas nichts als der verlängerte Arm des Staates sind, auch wenn sie das vielleicht nicht sein wollen, sie reproduzieren und erhalten den Status quo, wenn ihre Aktivität nicht über die der Antinazipolizei herausgeht. Einfach „die Gesellschaft“ – dieses Heiligtum – gegen die Nazis verteidigend, vergessend dass die Dichotomie links/rechts nur die wahren Konflikte verschleiert, dass die Gesellschaft heute einfach ein abstraktes Verwaltungsorgan ist, herumspukend in den Köpfen der Bürger, um die schlechten Teile (und seien sie auch die Nazis) zu neutralisieren.

Aber es ist klar: Es sind dieselben, die Dresden abgefeiert haben, da hier seit langem wiedereinmal die tolle Antifaeinheitsfront realisiert wurde. Danke Amerikkka, ihr habt uns vom Faschismus befreit. Durch einen Krieg, der für die Befehlshaber natürlich nicht in erster Linie ein riesen Geschäft ist, sondern aus reinsten humanitären Motiven. Unsere Befreier…

Doch: „weil der Mensch ein Mensch ist, kann er sich nur selbst befreien“ heisst doch, das uns keine Armee befreien kann, dass nur wir es sind, und nicht irgendwelche Führer, die uns von jeglicher Knechtschaft befreien können (und wollen)… aber, es schleicht sich im Liedtext auch wenige Zeilen später gleich ein Fehler ein, der auf den nicht genug hingewiesen werden kann: die Arbeitereinheitsfront. Dass der Faschismus so restlos gesiegt hat, liegt auch an der beinahe-Abwesenheit von Revolutionären [Anm. Superspreader 2021: Oder viel eher an deren Bolschewisierung? Egal, hier ist nicht der Ort für geschichtliche Genauigkeiten], und eine linke Einheitsfront verwirrt höchstens die Fronten, wie diejenige zwischen Unterdrückten und Unterdrückern, Ausgebeuteten und Ausbeutern, zwischen denjenigen, die für die Zerstörung dieser Gesellschaft kämpfen und denen, die bloss zu ihrer Perfektion beitragen wollen. Wir können auch einen der wenigen aus dieser Zeit sprechen lassen, der das Ganze ein bisschen klarer sah und alles unternommen hat, um nicht bloss den Nationalsozialismus zu zerstören und danach damit auch nicht aufgehört hat:

Weil wir die bestehende Ordnung angreifen, nennt man uns Unruhestifter und gefährlich. Wohlan denn, wir sind gefährlich! Wir sind beides: asozial und zerstörerisch, da wir ein System beseitigen wollen, das auf soziale Ungerechtigkeit aufgebaut ist; Weil wir den Staat vernichten wollen, der die Inkarnation von Gewalt und Vernichtung ist. Wir sind unmoralisch, weil wir entschiedene Gegner der stagnierten Koden und Traditionen sind und die herrschende Moral des Staates bekämpfen, die die Reichtümer der Bevorrechtigten beschützt gegen die Besitzlosen; den Krieg mit all seinen Vergeltungen, Greuel, Massendemoralisation und Vernichtung heiligt im Interesse des Profits; und willkürlich das Denken der Massen mit allen Mitteln der Propaganda vergiftet. Wir stellen uns bewusst ausserhalb der Gesetze, weil wir die Gesetze, die sich auf dem Recht des Besitzes aufbauen verwerfen. Wir weigern uns, dem Zwange des Staates zu gehorchen, der die Menschen ihrer elementarsten Rechte der Selbstbestimmung beraubt und sie zwingt, den Gesetzen des eigenen Gewissens entgegenzuhandeln. Wir sind asozial, weil uns ein ununterdrückbares Gerechtigkeitsgefühl treibt. Wir sind zerstörerisch, weil wir von einem konstruktiven Instinkt geleitet werden. Solange wie die gegenwärtige soziale Ordnung die Wohlfahrt ihrer Institutionen höher stellt als die Wohlfahrt des Menschen; solange Staat und Kirche dem Menschen übergeordnet werden; Besitz mehr gilt als Menschlichkeit; orthodoxe Sittenregeln mehr als das Gewissen; werden wir nicht aufhören die Bollwerke der konstituierten Autoritäten zu bestürmen und unterhöhlen, werden wir nicht davon lassen, den faulen Frieden der Gewissenlosen zu stören, werden wir nicht unsere Bemühungen aufgeben, um die künstlichen Gitter niederzureissen, die die Gemeinschaft verhindern; werden wir nicht nachlassen, die Betrogenen zu Rebellion zu reizen!”

Wir brechen mit dem Partisanenmythos und mit der antifaschistischen Einheitsfront. Uns ist die Geschichte nur allzu bewusst und wir vergessen unsere Gefährten nicht, die nach dem zweiten Weltkrieg in Italien von der KP für Jahrzehnte weggesperrt wurden, während die Faschisten amnestiert wurden. Sie wurden weggesperrt, denn sie haben schon vor dem offiziellen Beginn des Widerstands gekämpft. Und sie haben gegen alle Autoritäten gekämpft – der KP natürlich ein Dorn im Auge. Wir vergessen nicht, wie die KPD versucht hat, den Widerstand zu kontrollieren und jegliche (von ihr) unabhängige Initiative zu unterdrücken oder zu vereinnahmen versucht hat – schon vor 1933 natürlich. Wir vergessen nicht Kronstadt, und dass dieses nur ein viel zu spätes Symbol war. Genauso wenig, wie wir vergessen, dass die KPD gemeinsam mit der NSDAP Wohnstreiks gemacht hat. Wieviele von der KPD direkt zur NSDAP übergelaufen sind. Vom RFB zur SA? Durchaus keine Ausnahmeerscheinung.

Wir vergessen aber auch nicht, wie zu viele Anarchisten plötzlich Kriegsbefürworter wurden. Wir vergessen auch nicht, dass die antifaschistische Einheitsfront in Spanien maßgeblich (für die Anarchisten – zumindest nannten sie sich so – ins Parlament gingen und alle Prinzipien sausen gelassen haben) für die Verhinderung der Revolution verantwortlich war. Anstatt die damalige Gesellschaft noch viel hartnäckiger zu bekämpfen, riefen CNT und FAI dazu auf, wieder arbeiten zu gehen und gemeinsam mit den Bürgern sich im Bürgerkrieg als Armee zu formieren.

(…)

Der Antifaschismus ist also legal? Illegal? Scheissegal?… Es ist uns nicht wert diesen Begriff, der noch nie inhaltsleerer war, als den unsrigen zu erkämpfen. Um den Antifaschismus drehen sich allerlei Mythen, und er dient heute vor allem dazu, einen gemeinsamen Nenner zwischen denen zu finden, die sonst keinen haben. Wir kämpfen gegen den Staat, gegen die Autorität in all ihren Ausformungen. Das macht uns viele Feinde. Diese Feinde kommen manchmal als Sozialarbeiter mit offenen Armen auf uns zu und manchmal treten sie uns als Faschist, die stolz darauf sind Autoritäre zu sein, mit aller Gewalt entgegen. Sie können Bürger sein, die die Autorität lieben, so wie auch immer sie gerade ist oder Leninisten, die hartnäckig versuchen, ihr autoritären Träume zu verwirklichen. Sie alle sind unsere Feinde. Sie auch so zu behandeln ist was wir lernen wollen…

Jajaja… diesen Track hatte ich schon beinahe vergessen, aber er enthält, trotz einiger Unausgegorenheiten doch einiges passendes. Es wird auch nicht der letzte Remix des Elends der Linken gewesen sein, trotz allem nicht… denn mir kommen schon neue Ideen, was es noch zu sagen gäbe. Aber Bill Gates wird sich wahrscheinlich nicht hier im Studio sehen lassen. Leider. Er hat nämlich so viel zu tun zur Zeit und ist auch ganz penibel was Hygiene anbelangt. So verraucht wie es hier in unserem Keller ist, Leute, die sogar husten ohne sich die Hand vor den Mund zu halten, skandalöse Zustände allgemein… und zu allem heran sind wir auch noch ungeimpft!

Aber nocheinmal ein paar Worte zum Track, der natürlich veraltet ist. Der historische Teil hapert natürlich massiv, ist unausgegoren belassen, aber die Tendenz scheint klar. Ebenso sollte festgestellt werden, dass durch den gegenwärtigen Umbruch der Boden, auf dem die antifaschistische Einheitsquerfront steht, heute die “Neue Normalität” ist, während sie alles bekämpft, was noch in der alten Normalität denkt und handelt (z.B. Querdenker, die vom Grundgesetz oder auch die Anhänger der noch Älteren Normalität, Reichsgesetz (z.B. weimarisch, wilhelminisch oder nationalsozialistisch sei dahingestellt) labern). Im Gespräch ist es mir auch immer noch vorgekommen, dass einige dieser Antifanten, die mit der Parole “Maske auf, Fresse zu!” (ansonsten waren sie weder als Antifa erkennbar noch sonstwas) gegen Querdenker oder sowas demonstriert haben, behaupteten, sie wären gegen alle Staaten. Das glauben sie. Andere glauben, sie wären “Söders Truppe”. Und es scheint mir, dass es möglich ist, zu glauben, gegen alle Staaten zu sein und trotzdem zum Stosstrupp eines Staates zu werden (oder zumindest einer “neuen Normalität”, was aber eben ein Staat im Sinne eines Zustandes ist). Das ist zumindest die Realität der heutigen Antifa, die längst nichtmehr nur Faschisten bekämpft. Sogar Kleber mit “Anti-egoistische Aktion” werden herumgeklebt, die schwarze und rote Fahne durch Klopapier ersetzt, von “no-borders.net” (Leider hab ich kein Foto gemacht, da ich nicht ständig so ne Wanze rumtrag, aber diesen anti-egoistischen Rettungsring der Gesellschaft, den gibts – und wird rumgeklebt, true story!). Wobei diese angeblich Grenzenlosen dabei enden, ganz banale Normen durchzusetzen. Deshalb muss der heutige Remix wohl vor allem als historisches Dokument gesehen werden, welches jenen, die es nicht kommen sehen haben, hilft, sich zu orientieren. Und mir persönlich hilft es, zu verstehen, dass man das logisch gesehen hat kommen sehen. Ein schwacher Trost.

Während sich die Rechten heute also (belustigenderweise könnte man sagen, wenn die Sache nicht so ernst wär) darüber beklagen, dass sie nun alle wie Flüchtlinge behandelt werden, während es ja sie waren, die dem Staat ermöglicht haben, für die heutige Lockdownrealität an Flüchtlingen zu trainieren… ist die Linke dazu übergegangen, zufrieden damit zu sein, wenn alle wie Flüchtlinge behandelt werden – dann wird ja immerhin niemand diskriminiert. “Toll, endlich haben alle keine Privilegien mehr!” Und so bekämpft die Linke jene, welche wieder das “Privileg” wollen, nicht komplett bevormundet, kontrolliert, schikaniert, etc. zu werden, anstatt sie dafür zu kritisieren, dass sie dasselbe als Privileg wollen, während sie Bevormundung, Kontrolle und Schikane ja bei anderen gar nicht so schlimm finden. Und folglich will die Linke die Rechte unterdrücken und die Rechte die Linke. Oder: beide wollen ihre Form der Unterdrückung. Wobei mit Zerocovid ja dazu übergegangen wurde, dass die totale Festung Europa von Linken fast stärker herbeigesehnt wird als von Rechten. Die soziale Revolution findet anderswo statt, und diese Bürgerkriegslogik wird niemanden befreien.

Eine grenzpfahllose Welt ohne Vaterländer, ohne Eigentum und Reiche, ohne Statistiker und Experten, Aparratschiks und Blockwarte, eine Welt ohne Polizei und ohne Kybernetik, ohne Bürokratie und Spekulation, ohne Bevormundung, Kontrolle und Schikane… solch eine Welt tragen wir im Herzen, wenn wir kämpfen, mit so einer Vorstellung stürzen wir uns in den sozialen Konflikt, und da sind Linke wie Rechte wie Mittige unsere Feinde, wobei aber das kleine Risiko interessant ist, dass wir uns trotzdem als Individuen treffen, die selbstbestimmt gegen ihre Unterdrückung aufbegehren und die Politik hinter sich lassen… war früher die Annahme, dass sich solche Leute vor allem unter Linken finden werden, so muss heute gesagt werden, dass diese menschlich mittlerweile oft genauso anwidernd und tief gesunken sind wie irgendwelche offenen Reaktionäre und Rassisten, mit denen es natürlich keinen gemeinsamen Boden geben kann.

Jaja… steile These, und geprüft wird sie natürlich in der Realität.

Hab mich natürlich dazu verstiegen, jetzt trotzdem zuviel Zeitgemässes zu den Linken zu sagen, obwohl der baiuwarische Verfassungsschutz ja eigentlich schon alles gesagt hat. Das wars für heute mit der Sendung auf Radio Virus, 1312 Megaher…

Chrrrz…

Chhh…

Kaputte Ideologie

Eine egoistische Sicht auf diese Pandemie

Es ist jetzt über ein Jahr her, dass die Nachrichten über das neue, gefährliche Virus die Runde machten und damit einhergehend, große Unsicherheit, Angst und zum Teil auch Panik spürbar wurde. Die Infektions- und Todeszahlen wurden in den Medien spektakulär in Szene gesetzt und vereinnahmten die Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen. Das Wort „Solidarität“ und seine Manipulationskraft wurde von Polit- und PR-Strateg*innen wiederentdeckt. In diesem Zusammenhang scheint „Solidarität“ mittlerweile als anderes Wort für „Unterwerfung“ herhalten zu müssen. Die Moral von der Geschichte ist, wer sich nicht unterwirft und anpasst, wer nicht passiv und isoliert, sondern „egoistisch“ ist, kann nicht solidarisch sein. Wer sich nicht unterwirft, ist verantwortlich für die Toten der Pandemie. Diese neue Solidarität geht mit dem alten Feindbild des Egoismus Hand in Hand. Das rücksichtslos und kurzsichtig handelnde Schreckgespenst mit Ellenbogenmentalität wird immer dann hervorgeholt, wenn es darum geht Macht zu rechtfertigen oder andere zu verurteilen und herabzusetzen.

In diesem Text versuche ich mich dem Egoismus in einem breiteren Sinne zu nähern. Zum einen dem der verkappten Ellenbogenmentalität, die gemeinhin als negativ (außer bei reichen Egoist*innen) und schädlich für jede Solidarität definiert wird. Zum anderen möchte ich eine Perspektive auf egoistisches Handeln erkunden, die sich selbstbestimmt das Leben wieder aneignen will und sich im Gegensatz zur Selbstaufgabe sieht. Ich möchte behaupten, dass es auf der Grundlage eines solchen selbstbewussten Handels möglich ist selbstorganisiert und über das Virus aufgeklärt, den Problemen der Pandemie zu begegnen.

Ich musste ein bisschen ausholen um den Zusammenhang zwischen Isolation der Einzelnen, der Herrschaft und der Zerstörung des Lebens als Grundlage des pandemischen Ausnahmezustands zu beschreiben und einen Vorschlag zu machen, wie dem begegnet werden kann. Ich kann diese kaputte Ideologie sicher nicht reparieren, aber was ich weiß ist, dass es für mich hilfreich war zu versuchen von mir selbst auszugehen, wenn es darum ging einen Weg zu finden, der Gewalt und der Leere dieses Lebens etwas entgegenzusetzen. Ja, ganz egoistisch.

Herrschaft, Staat und Selbstorganisation

Die Zahlen und Debatten zu Covid-19 beherrschen das Tagesgeschehen und lenken von fast allem was sonst noch so passiert ab. Wie verzaubert sind die Menschen von dem Thema. Morgens vor dem ersten Kaffee werden die Zahlen und Statistiken studiert (oder angebetet?). Im Verlauf des Tages immer wieder Corona. Und besonders wichtig, was sind die neusten Regeln? Darf ich mich heute mit anderen treffen? Darf ich raus gehen? Bloß nichts falsch machen, dann gibt es Tote! Das ganze Leben wird an den Zahlen und Regeln ausgerichtet. Denn alles andere wäre Blasphemie. Was beim Moralisieren dieser Art untergeht ist, dass das Sich-an-staatliche-Regeln-halten nicht automatisch vor Covid-19 schützt und das Nicht-daran-halten genau sowenig dazu führt, dass Einzelne mehr Verantwortung an der Ausbreitung des Virus und an den Folgen haben.

Der Fokus auf Zahlen und Statistiken verstärkt derweil das quantifizierte Menschenbild; eine Sichtweise, die die Einzigartigkeit des Menschen (und der Welt) aufgibt und stattdessen auf die Summe der Einzelteile reduziert. Denn aus dieser technokratischen Sichtweise – allein von Gesichtspunkten der Technik und Verwaltung bestimmt und auf Sachzwänge ausgerichtet – lassen sich Menschen besser (oder überhaupt) kategorisieren, verwalten und beherrschen. Es lassen sich damit auch sehr gut, aus rationaler Sicht, lebensfeindliche Zustände rechtfertigen.

Staatliche Eingriffe dieser Coronazeit zielten hauptsächlich darauf ab den Kontakt unserer Körper im öffentlichen Raum so weit wie möglich zu unterbinden. Mit der neuen Vorstellung von der Gefährlichkeit unserer Körper sickerte die umfassende Kontrolle, in Echtzeit durch die digitalen Medien verbreitet, in alle sozialen Beziehungen und Lebensbereiche ein. Das wiederum scheinen die meisten Menschen nicht als Gefahr wahrzunehmen sondern als alternativlos.

Wenig Aufmerksamkeit wurde darauf gerichtet, dass die staatlichen Maßnahmen (wie immer) sofort negative Auswirkungen auf all diejenigen hatten, die in dieser Gesellschaft nichts zu melden haben, z.B. die, die wohnungslos und oder mit unsicherem Aufenthaltsstatus leben. Denn die Wohnungslosenunterkünfte und -küchen wurden erst mal pauschal geschlossen. War ja schließlich nicht mit den neuen Regeln vereinbar. Aber es gab auch noch ein paar Leute, die egoistisch genug waren sich den Regeln zu widersetzen, die Solidarität praktisch lebten und keine Angst davor hatten, unabhängig von der rechtlichen Situation, selbst Verantwortung zu übernehmen. Denn für sie war klar, dass es einiges zu tun gibt, wenn sie das nicht hinnehmen wollten; Essen musste ran geschafft, gekocht und verteilt werden. Das war nicht so leicht, denn die etablierten Strukturen z.B. für Lebensmittelspenden und Orte wo das Essen gekocht und verteilt wird, waren ja zum großen Teil geschlossen. Aber all das lässt sich auch mit ein paar Gefährt*innen, einer Küche, ein paar Fahrrädern und Fahrradanhängern und etwas Ortskenntnis relativ schnell selbst organisieren.

In diesen Momenten der Selbstorganisation wird deutlich, wie schwerfällig, ineffizient und wenig auf die Bedürfnisse der Menschen zugeschnitten, staatliche und staatsnahe Institutionen arbeiten. Bei der Verteilung von Masken, Handschuhen und Desinfektionsmitteln war es ähnlich. Und später, als sich abzeichnete, dass sich die von der Tödlichkeit des Virus hauptsächlich betroffenen Menschen zum größten Teil in schlecht ausgestatteten Pflegeheimen befanden, wandelte der Staat diese Lager für Alte endgültig in Knäste mit Isolationshaft um. Die zudem noch schlecht ausgestattet sind, was Pflegepersonal und Ausstattung für den Infektionsschutz betrifft.

Meine Erfahrung ist, dass Menschen in Haus- und Wohngemeinschaften und Nachbarschaften, wenn sie sich trauten, sehr viel besser in der Lage waren selbst ihre Vorkehrungen zum Schutz einzelner, besonders stark Betroffener, zu organisieren. Staatliche Verordnungen und Regeln behinderten diese Selbstorganisation meist nur.

Für mich war eins schon mal von Anfang an klar; allein, passiv und isoliert zu hause sitzen und auf Bildschirme zu starren war keine Option. Das war zugegebenermaßen ein Reflex, den ich aber nicht bereut habe und der mich weiterhin darin bestärkt hat in unübersichtlichen Situationen meiner Intuition zu vertrauen.

In den ersten Monaten wusste niemand, wie sich die Situation entwickeln würde. Der geschmierte Motor des kapitalistischen Normalbetriebs, der die Menschen zwischen Arbeiten und Konsumieren gefangen hält, kam ein wenig ins stottern. Die Nachfrage nach Klopapier überstieg kurzzeitig das Angebot und die Wut, die daraus resultierte, hätte leicht in Plünderungen, Aufstände, ja vielleicht sogar in den Zusammenbruch des ganzen Systems münden können! (Zumindest schien es anfangs so, aber bei genauerer Betrachtung war es eine von Regierungen herbeigeführte Krise, die eine autoritäre Umstrukturierung vornahm und nimmt und daher wenig revolutionäres Potential hat). Trotzdem genoss ich für einen Moment dieses aufregende Gefühl der Unsicherheit, nicht zu wissen, was als nächstes kommt oder nicht kommt. Wo vorher die Armut des Alltags regierte schien plötzlich vieles möglich zu sein. Aber die Möglichkeiten sich zu treffen und auszutauschen wurden schlagartig weniger. Unsere regulären Treffpunkte, Kiezläden, Kneipen, Nachbarschaftskaffees, Sportvereine etc. machten dicht. Manche Menschen, denen ich vorher regelmäßig begegnet war, habe ich seit dem Ausbruch der Pandemie bis heute nicht mehr gesehen.

Wie viele andere auch fiel ich direkt auf die Strukturen zurück, die ich mir vorher aufgebaut hatte, ein Netzwerk aus Freund*innen, Mitbewohner*innen, Nachbar*innen und Gefährt*innen. Doch plötzlich war es notwendig sich nach Bullen und potentiellen Denunziant*innen umzuschauen, wenn ich mich mit ihnen traf. Sie lauerten überall, hauptsächlich hinter den Gardinen ihrer selbstgewählten Isolationszellen.

Die (besetzten) Orte, die Hinterhöfe, (Gemeinschafts-) Gärten und verwilderte, versteckte Orte, die unsere Feind*innen schlecht einsehen konnten oder nur selten besuchten, wurden, plötzlich enorm wichtig, denn hier konnten wir uns noch treffen, organisieren und halbwegs ungestört darüber beraten, was zu tun war. Das Treffen an sich wurde zum subversiven Akt.

Isolation gegen das Leben

Die Angst vor dem Risiko, das ein lebenswertes Leben mit sich bringt, rechtfertigte schon vor dieser Pandemie ein möglichst langes Dasein, in Abwesenheit des Lebens, bis zum Tod. Diese Sichtweise erreicht gerade ein neues Level; ein weitestgehend virtuelles Leben ist erstrebenswert, da dort weniger Krankheiten lauern.

Menschen waren vorher schon allein und isoliert. Neu ist, dass es jetzt als solidarisch gilt, Menschen (z. B. in Krankenhäusern und Pflegeheimen) allein leben und sterben zu lassen. In der totalen Isolation sind Menschen vielleicht ein Stück weit sicherer vor dem Virus, wovor wir aber ganz bestimmt sicher sind, ist vor einem lebenswerten Leben!

Die gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich im letzten Jahr zuspitzten – die Isolation der Einzelnen, zementiert durch die fortschreitende Digitalisierung aller Lebensbereiche, einschließlich des sozialen Austauschs und durch die Entfremdung von den eigenen Bedürfnissen durch Arbeit, Konsum von Waren, Substanzen und Onlineidentitäten – sind nicht neu. Neu ist wie weit viele Menschen bereit sind die Selbstaufgabe zu treiben. Für diese Menschen scheint das autoritäre Durchgreifen des Staates in dieser Situation nicht nur alternativlos, sondern sogar erstrebenswert zu sein. In den bürgerlichen Medien wurden totalitäre Systeme (wie z. B. im Modell China) zum Kampf gegen das Virus gefeiert. Es ist erschreckend, wie wenig Vertrauen viele Menschen in ihre eigene Urteils- und Handlungsfähigkeit haben und wie weit sie bereit sind sich selbst und ihre Liebsten für die Umsetzung der Verbote und Regeln zu opfern. Wenn ich den Menschen bei dieser Art der Selbstzurichtung zusehe, könnte ich nur kotzen. Aus meiner Perspektive ist diese Selbstaufgabe nicht erst durch den pandemischen Ausnahmezustand in Erscheinung getreten, sondern sie ist die Basis, die so eine Pandemie überhaupt erst möglich macht!

Das System der Zerstörung

Viren sind Basis allen Lebens, in so fern als dass sie das Leben auf diesem Planeten von Beginn an mitgeprägt haben. In intakten Ökosystemen bestehen sie in einer Art Gleichgewicht mit anderen Viren und lebendiger Artenvielfalt. Erst dort wo der Mensch die Artenvielfalt zerstört und das Leben verwertbar macht, wo monokulturelle Ackerwirtschaft und Massentierhaltung Einzug halten, werden Viren zur Gefahr. Zum Beispiel beim Abbau seltener Erden, wie Coltan, für die Herstellung von Handys und neuer „grüner“ Technologien. Dabei wird, unter anderem, intakter Regenwald erschlossen und abgeholzt und damit der Grundstein für die Übertragung neuer Viren auf den Menschen gelegt. Seit den 60er Jahren erhöht sich die Anzahl neuer Erreger und ihre Reichweite und damit die Gefährlichkeit der durch Zoonosen (von Tieren auf Menschen übertragene Infektionskrankheiten) ausgelösten Epidemien, wie HIV, Ebola, Vogelgrippe etc. erheblich. Diese Epidemien, ihre Ursachen und Ausbreitung sind kein Zufall sondern menschengemacht. Sie basieren nachweislich auf der Zerstörung von Lebensraum, der Reduktion der Artenvielfalt und dem Handel von Wildtieren.

Wie funktioniert das System, das diese Entwicklungen antreibt und das Leben auf dem ganzen Planeten zerstört? Es basiert unter anderem wieder auf der quantitativen Betrachtung der Umwelt als Ressource, die zerlegt und in ihren Einzelteilen verwertet werden muss, um den Profit einiger weniger zu sichern. Das funktioniert aber nur durch die Bereitschaft der Individuen, die eigene Macht abzugeben, sich diesem System unterzuordnen. Dabei macht es die künstliche Komplexität dieses Systems besonders einfach, sich gedeckt von der eigenen „Ahnungslosigkeit“ der Unmündigkeit hinzugeben. Das funktioniert für die Menschen besonders gut, die ohnehin schon von diesem System bevorteilt werden, also privilegiert sind. Auf eine verkappte Art ist auch das egoistisch. Denn auch die hippen, grünen, digitalisierten und nachhaltigen Lifestyles sind Teil dieses zerstörerischen Ausbeutungssystems.

In der Massentierhaltung sind Viren und andere Krankheiten ja auch ein massives Problem. Sie müssen ständig durch Impfungen und Antibiotika etc. in Schach gehalten werden. Analog verhält es sich in den Monokulturen unserer Land-, Forst- und Parkwirtschaft. Die Vielfalt wird so weit wie möglich in Einzelteile zerlegt und als Nutzpflanze, Unkraut oder Parasit kategorisiert und bekämpft, das zerstörte Gleichgewicht dann mit Spritzmitteln und Gentechnik aufrechterhalten.

Ähnlich verhält es sich mit der Lagerhaltung (Kindergarten, Schule, Uni, Fabrik, Büro, Einkaufszentrum, Wohnung, Arbeiter*innenviertel, Psychiatrie, Knast, Geflüchtetenunterkunft, Pflegeheim etc.) unseres domestizierten Lebens und der damit einhergehenden „Gesundheitspolitik“. Sie dienen der besseren Organisation der Produktion und Verwaltung der Massen. Ein Zustand, der massiv lebensfeindlich ist, wird mit Hygiene, Giften, Isolation, Einsperrung und Disziplin beibehalten und die entsprechenden Maßnahmen als einzige Möglichkeit verkauft, gegen den angeblich „natürlichen“ Umstand der beständigen Gefahr, Viren und sonstigen Krankheiten in einem solchen Maße ausgesetzt zu sein, vorzugehen.

Der Punkt ist, dass die Entstehung dieser und zukünftiger Pandemien der kaputten Ideologie geschuldet ist, nach der wir unser Leben ausrichten. Das fängt bereits beim Individuum an, das keinen Schritt tun kann, ohne dass dieser vorher staatlich genehmigt wurde. Ein Individuum in einer Masse von Menschen, die komplett vergessen haben zu leben, ohne dass ihnen jemand vorschreibt wie. Diejenigen, die diese Vorschriften machen, die entscheiden, wie wir leben, die die meiste Macht und den größten Reichtum anhäufen und wirklich von der Zerstörungskraft des Systems profitieren, die die unsere Arbeitskraft besitzen, unsere Wohnungen und Geschäfte, die die über uns herrschen, sind Egoist*innen (viele sind zudem auch Arschlöcher). Sie haben leichtes Spiel, so lange wir uns selbstlos unterordnen und weigern einen eigenen Willen zu entwickeln und uns die Macht über unsere Leben wieder anzueignen.

Egoismus

Es geht mir, wie gesagt, um eine neue Perspektive auf egoistisches Handeln. In der es darum geht von den eigenen Wünschen und Bedürfnissen auszugehen. Sie steht im Gegensatz dazu, sich selbst aufzugeben, sich Regeln, Gesetzen und gesellschaftlichen Normen (Moralvorstellungen) unterzuordnen. Diese Sichtweise bricht mit der quantifizierten Welt und betrachtet stattdessen jeden Menschen als einzigartig. Dementsprechend vielfältig sind auch die Handlungsmöglichkeiten.

Im weitesten Sinne ist jedes menschliche Handeln egoistisch, denn jedem bewussten Handeln liegt eine Abwägung des Nutzens für einen selbst zugrunde. Dieses Handeln kann sehr gut auch empathisch, wohlwollend und solidarisch sein, auch ohne Nötigung durch soziale und moralische Normen. Erst durch die Regulierung und Kriminalisierung von Sozialverhalten, den Verlust der Autonomie, und die Entfremdung, verfällt das Individuum in Geiz und Habgier der Ellenbogengesellschaft. Da Selbstverwirklichung in diesem System kaum möglich ist, müssen Ersatzbefriedigungen gefunden werden, die die Leere aber niemals füllen; Geld, Statussymbole, Konsum- und Drogenabhängigkeit, Flucht in Onlineidentitäten und -unterhaltung, Neid und Gier etc. Das Ergebnis sind vereinzelte Menschen mit schwachen sozialen Beziehungen, die sich ihrer individuellen und kollektiven Handlungsfähigkeit nicht bewusst sind.

Die Gesellschaft in der wir leben hat eine besonders verkappte Form des Egoismus kultiviert. Das fängt schon bei der politischen Repräsentation an (schließt aber alle Formen der Repräsentation ein), die vorgibt, dass Menschen durch Wahl von Parteien und Repräsentant*innen irgendeinen echten Einfluss auf das System von Macht und Kontrolle haben. Dabei bleiben sie immer Zuschauer*innen. Der Impuls, Einfluss auf die Ereignisse nehmen zu wollen, die das eigene Leben gestalten, ist ein egoistischer. Aber er ist verkappt, in dem er nicht erkennt, dass politische Repräsentation eine Lüge ist und das Individuum keine Macht hat, so lange es die rosarote Brille der Rechtsstaatsromantik nicht ablegt.

Wenn das Individuum also die eigene Machtlosigkeit gegenüber dem Staat akzeptiert hat, verspricht letzterer sich um „die Sicherheit“ zu kümmern. Dafür haben Staat und Medien mittlerweile ein fantastisches ideologisches Horrorszenario inszeniert, was dem hilflosen Individuum angeblich blüht, sollten es wagen das Leben irgendwann mal selbst in die Hand zu nehmen. Die Welt in der jede*r gegen jede*n kämpft und das Recht der*des Stärkeren gilt, ist ein gefürchtetes Märchen, was ausreicht um die Einzelnen ewig in Schockstarre zu halten. Wer überleben will muss schwach sein und die Schläger*innen des Staates akzeptieren. Die Bullen zu rufen ist nicht nur feige sondern auch unsolidarisch und auf eine verkappte Art egoistisch. Es läuft dabei meist darauf hinaus andere zu einem bestimmten Verhalten zu zwingen, das man selbst für richtig hält (oder, schlimmer noch, zu einem Verhalten zwingen zu wollen, dass man sich selbst gegen den eigenen Willen abverlangt und deshalb der Meinung ist auch andere zu dieser Selbstzurichtung zwingen zu müssen). Dabei ist es wieder besonders bequem, sich auf den eigenen Privilegien auszuruhen. Nicht nur weil die Bullen überhaupt gefahrlos rufen zu können schon auf eine privilegierte Stellung innerhalb der Gesellschaft hinweist, sondern in dem man die Drecksarbeit der eigenen Konfliktunfähigkeit auch noch durch die Gewalt der Bullen klären lässt. Dadurch dass die*der Denunziant*in, Wähler*in und Konsument*in sich nicht mit den Konsequenzen des eigenen Handelns auseinandersetzen muss, kann sie*er sich bequem aus der Affäre ziehen, denn die Gewalt und Zerstörung, die durch die Bullen, die repräsentative Demokratie und in der komplexen Ökonomie ausgeübt werden, können leicht ausgeblendet werden. Es gibt noch in ganz anderen Bereichen unzählige Beispiele für den verkappten Egoismus, wie gesellschaftlich akzeptierte Paarbeziehungen, wo oft ein gewisser Besitzanspruch mitschwingt oder staatlich legitimierte Besitzverhältnisse als Vorwand über Leichen zu gehen oder sich in der Projektion des Selbsts zu verlieren, das sich nur noch technologisch vermittelt, also online, ausdrückt und damit auch andere zu nötigen sich darauf einzulassen.

Was ist denn Moral anderes als der gesellschaftliche Zwang sich auf eine bestimmte Art zu verhalten, die andere für richtig halten? Wie auch vom repräsentativen System und dem Kapitalismus profitieren von der Moral in der Regel aber nicht Du und Ich, sondern einige wenige mächtige Egoist*innen, die nichts zu befürchten haben, so lange die meisten genug Angst vor der eigenen Autonomie haben um sich und andere immer wieder zu Unterordnung und Selbstaufgabe zu zwingen. Wer sich sein Leben nicht aneignet wird immer von anderen für ihre Ziele benutzt werden.

Wer also anstrebt aus der sozialen Kontrolle durch gesellschaftliche Normen und Rollen auszubrechen, den verkappten Egoismus hinter sich zu lassen, sich selbst zu verwirklichen und die individuellen Wünsche zu entfesseln, kann relativ einfach unterscheiden, wer oder was dabei unterstützt oder im Weg steht. Ausgangspunkt ist die Vorstellung nichts über sich selbst zu stellen, keine Anführer*innen, kein Gesetz, keine Institution und keine Idee davon, wie Dinge zu laufen haben. Aus dieser Perspektive können Manipulationen und Angriffe auf die eigene Selbstbestimmung leichter erkannt und ihnen begegnet werden. Mich hat diese Perspektive gelehrt, dass jeder Mensch einzigartig ist und daher nur selbst wissen kann was die eigenen Bedürfnisse sind. Dann wird auch schnell klar, warum es ein großer Fehler ist, die Macht über diese Entscheidungen abzugeben. Allgemein traue ich auch anderen Menschen selbstbestimmtes Handeln zu. Wer keine Angst vor der eigenen Autonomie hat, kann auch Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen. In diesen Zeiten heißt das konkret; aufgeklärt und informiert, ohne Angst, im eigenen Lebensumfeld zu analysieren und verhandeln, wie wir den pandemischen Auswirkungen dieses kaputten Systems begegnen wollen. Außerdem bedeutet es für mich, die tatsächlichen Ursachen der Probleme, mit denen wir uns gerade konfrontiert sehen, zu analysieren und anzugreifen. Denn entgegen der herrschenden Vorstellung über Egoist*innen, ist es mir nicht egal wie Menschen auf diesem Planeten leben und sterben. Herrschaft bedeutet andere dazu zu bringen etwas entgegen ihrer Bedürfnisse, entgegen ihrem Willen zu tun. Wer also sich selbst und die eigenen Bedürfnisse kennt und von ihnen ausgeht, und auch nicht bereit ist, sie unterzuordnen, ist nicht mehr so einfach zu beherrschen. Auch lässt sich dieser Mensch ganz schlecht in das System der Entfremdung, Verwertung und Ausbeutung durch Domestizierung und industrielle Zivilisation integrieren. Von der Befreiung der Bedürfnisse ausgehend, ergibt sich die Revolte von selbst. Die Herrschaftsstrukturen, die sonst ideologisch verschleiert bleiben, werden klarer. Dafür braucht es kein politisches Programm.

Natürlich gibt es mit der neugewonnen Freiheit auch Fallstricke in die man sich leicht verheddern kann. Aus Erfahrung weiß ich z.B., dass die Selbstbefreiung, die nirgendwo aneckt, eher darauf hindeutet, dass man im Hedonismus versackt ist. Aber das kann jede*r für sich selbst erkunden.

Mit Egoist*innen lässt sich jedenfalls kein Krieg führen, kein Nationalismus, keine menschenfeindliche Ideologie, keine Religion, kein Rechtsstaat durchsetzen und auch kein Sozialismus einrichten. Sie werden sicher keine Kompliz*innen bei der Verwertung ihres Lebens sein oder tatenlos der Zerstörung ihrer Umwelt zusehen. Die Manipulationskraft der Medien und Politiker*innen verlieren ihre Macht. Letztere werden auch nicht mehr benötigt, wenn Menschen selbstbewusst sind, starke Beziehungen zu einander eingehen und sich frei miteinander organisieren. Solidarisch sind sie nicht aus Angst vor Repression oder gesellschaftlicher Schmähung, sondern sie entscheiden sich dafür, weil sie wissen, dass ein Leben in Freiheit ohne Solidarität nicht möglich ist.

Die egoistische Perspektive öffnet einen Weg aus der Unmündigkeit. Einen Weg in ein selbstbestimmtes, lebenswertes Leben. Selbstorganisation bedeutet mit anderen zusammen selbst zu entscheiden, wie wir unseren Lebensraum gestalten möchten.

Das Virus ist gefährlich. Um dieser Situation zu begegnen braucht es selbstbewusste Individuen, die starke, selbstorganisierte Gemeinschaften schaffen, anstatt die Entscheidungen an Politiker*innen und Technokrat*innen abzugeben und damit weiter dieses lebensfeindliche System zu stabilisieren.

Ich habe diesen Text ausschließlich aus egoistischen Gründen geschrieben und ohne die Hilfe anderer wäre er sicher nicht entstanden. Ich wünsche mir, gerade in diesen Zeiten, mehr Egoist*innen mit denen ich mich gemeinsam aus dieser Welt der kaputten Ideologie befreien kann.

„Die Uniform ist in der Corona-Krise mitunter zur Zielscheibe geworden“

Die meisten jungen Menschen seien sehr verantwortungsbewusst. Doch es gebe eine Minderheit von Gewaltbereiten oder gar Straftätern, die sich unter die Feiernden mischten. Gepaart mit Alkohol, dem Schutz der Dunkelheit und der Menschenmenge könne eine gefährliche Dynamik entstehen. „Jeder hat eine Flasche in der Hand, mit der man auch Unsinn machen kann“, sagt Holthusen.

„Expertin erklärt: Warum ein Party-Verbot in München nicht sinnvoll ist“. Abendzeitung, 25.06.21

„Die Polizei. Dein Freund und Helfer.“ „Polizist = Mensch“. Und nun: „Ich bin nicht dein Feind.“ Die Kampagnen zur Aufpolierung des Images der Polizei, sie klingen immer kläglicher. Kein Wunder, denn nach über einem Jahr Corona-Schikanen hat die Fassade des „freundlichen Polizisten, der alten Damen über die Straße hilft“ starke Risse bekommen und mehr als die üblichen Verdächtigen mit den Methoden der Polizeiarbeit in Berührung gebracht. Eine Spaltung hat sich in der Bevölkerung vollzogen, einmal in die Hilfscops, die vereinsamt und eifersüchtig hinter ihren Vorhängen auf die Menschen starren, die immer noch Freude am Leben haben und diese sofort an die Cops versnitchen, und in diejenigen, die das letzte Jahr immer wieder und in absurdesten Situationen von diesen schikaniert wurden und deren Hass auf die Cops im letzten Jahr kräftig geschürt worden ist. „Die Uniform ist in der Corona-Krise mitunter zur Zielscheibe geworden“, konstatiert Peter Pytlik von der Gewerkschaft der Polizei (GdP) besorgt.

Dazu passend gab das Polizeipräsidium München eine äußert zufrieden stellende Bilanz heraus, die für das Jahr 2020 den höchsten Wert von Fällen von Gewalt gegen die Schweine in München seit zehn Jahren feststellte. Mehr als 460 Cops wurden letztes Jahr in München verletzt, drei von ihnen sogar schwer. Etwas mehr als ein Drittel der registrierten Fälle sind außerdem Beleidigungen (beispielsweise so etwas wie „Bullenschweine“, „All Cops are Bastards“, „Hurensöhne“ usw.), die beiden anderen ungefähren Drittel entfallen auf tätliche Angriffe und Widerstand. Nun wissen wir ja allzu gut, dass Widerstandsdelikte sehr oft Fälle sind, wie jene, wo man beim durch den Bullen verursachten Fall, etwa durch die „Geleitung zu Boden mithilfe der Hand im Gesicht“, aus ihrem Griff rutscht. Und dass eine Verletzung auch ist, wenn ihnen nach dem Einsatz der kleine Finger weh tut oder ihnen ein Kollege auf den Fuß getreten ist. Trotzdem eine zufriedenstellende Bilanz, die ja immer Luft nach oben hat.

Ja, was ist denn los in München, einige fürchten schon um den guten Ruf der Isarmetropole als „sicherste Stadt Deutschlands“. „Zu späterer Stunde fühlt man sich derzeit auch am Odeonsplatz nicht mehr sicher. Das ist traurig!“, bedauert das SPD-Opfer Florian Post, dessen Konterfei gerade etliche Wahlplakate in München ziert und der getrost eins auf die Fresse verdient. Wenn der Staat sein Gewaltmonopol nämlich nicht endlich durchsetze, sei seine Stadt „nicht mehr das München, das wir wollen!“ Für ihn vielleicht. Dabei ist er sich nicht zu schade gegen „junge Männer mit Migrationshintergrund“ zu hetzen und entsprechende „Beweisfotos“ zu veröffentlichen. Ihm hätte ein Schwein bestätigt, dass bestimmte Gruppen „null Respekt vor uniformierten Einsatzkräften“ hätten. Dem kann ich tatsächlich zustimmen, möchte aber ergänzen, dass, wenn auch diesen bestimmten Gruppen, von denen hier die Rede ist, dieser Respekt vollkommen zu Recht sicherlich auch vor der „Krise“ vollkommen fehlte, sich der Radius derer, die die Cops als das betrachten, was sie sind, nämlich als widerliche Klosteinlutscher, die es aus unseren Leben zu vertreiben gilt, deutlich vergrößert hat. Wer an der Isar, im Englischen Garten oder an sonstigen beliebten öffentlichen Plätzen insbesondere in den letzten Monaten chillt, der fühlt den allgegenwärtigen Hass auf die Cops, und Beleidigungen gegen die Schweine gehören zum guten Ton.

„Warum?“, fragt ein Schwein, das am 08. Mai Teil des Einsatzes war, der im Englischen Garten von rund 50 Flaschen beworfen wurde und wo 19 Bullen verletzt worden sind. Nicht mit Plastikflaschen übrigens, sondern mit Bier-, Wein- und Sektflaschen, wie er sich bemüßigt fühlt zu betonen. „Warum machen die das?“ „Fassungslos“ sei er über diese Gewalt. Neulich sei auch ein Jungbulle auf dem Weg in die Arbeit einfach unvermittelt mehrfach mit der Faust ins Gesicht geschlagen worden. „Einfach so.“

Am 22. Mai dann fliegt am Baldeplatz zwar keine Flasche in Richtung der Schweine und ihres Fahrzeugs, dafür aber gleich ein ganzer Verkehrspfosten, nachdem sich „zahlreiche Feiernde“ mit einer Person solidarisierten, die von den Cops schikaniert wurde. Am 28. Mai fliegt in der Innenstadt dan  wieder eine Flasche, diesmal auf einen Streifenwagen, danach hätten einige „aggressives Verhalten“ an den Tag gelegt. Am 29. Mai kommt es in München wieder zu „Übergriffen gegen die Polizisten“. Am Professor-Huber-Platz schlägt jemand bei einer Kontrolle unvermittelt einem Beamten ins Gesicht. Bei der Festnahme danach beleidigt er die Schweine auch noch massiv und wird „unter Schmerzen“ (wo die herkommen, ist in der Presse natürlich keine Erwähnung wert) ins Krankenhaus gefahren. Kurz darauf ein ähnlicher Vorfall, immer noch am Professor-Huber-Platz, wo die Schweine mit einer Glasflasche beworfen werden, die leider ihr Ziel verfehlt und wo sie leider auch den Werfer busten. Am 19. Juni werden am Professor-Huber-Platz Cops erneut mit Glasflaschen beworfen. „Flaschenwürfe gegen Polizeikräfte kennen wir so in München nicht“, erklärte ein Sprecher der Schweine. Wie schön, dass sich das endlich ändert!

Schweinehirt Joachim Herrmann findet das Ganze natürlich überhaupt nicht lustig und schimpft darüber, dass „in vielen Elternhäusern […] nicht mehr richtig erzogen“ wird. Offenbar sehnt er die gulten alten Zeiten zurück, als die Prügelstrafe noch zum guten Ton gehörte, in der Familie wie in der Schule, denn auch jene sei nicht in der Lage die mangelnde Erziehung zuhause zu „ersetzen“. Seine Lösung: Führerscheine wegnehmen. Eine seltsam anmutende Forderung, insbesondere da es sich laut eigener Darstellung überwiegend um Jugendliche handele. „Geld- und sogar Bewährungsstrafen tun den meisten nicht weh“, ist die arrogante und weltfremde Haltung des Oberschweins. Lieber will er die Menschen „in ihrem Lebensalltag treffen“.

Dabei beschränkt sich dieser neue Ungehorsam und Bullenhass nicht auf München. In ganz Bayern (und natürlich auch Deutschland) ist es am Brodeln und junge Menschen lassen es sich nicht nehmen draußen gemeinsam zu feiern, Spaß zu haben und den Cops ihre Verachtung zu zeigen, wenn diese kommen um das Ganze aufzulösen.  Am 12.06. etwa greifen in Nürnberg Menschen die Cops an. „Als eine 19-Jährige ihre Personalien abgeben sollte, habe sie einen Polizisten ins Gesicht geschlagen und ihn gewürgt, so die Mitteilung.“ Und erst letztes Wochenende, in der Nacht auf Sonntag fliegen in Augsburg rund 200 Gegenstände auf die Cops, darunter zahlreiche Glasflaschen, nachdem diese versucht haben eine EM-Party mit rund 1400 Personen zu räumen. Sprechchöre mit Beleidigungen gegen die Schweine erklingen, ein Schwein wird bei dem Versuch, jemanden brutal zu Boden zu bringen, ins Gesicht getreten. Bilanz: 15 Schweine leicht verletzt. Ein Augenzeuge berichtet: „Die hatten Spaß dabei, alles zu bewerfen, was Blaulicht hat, das war ein Mob, die wollten Randale, die haben das provoziert“. Erstaunt zeigte er sich, dass auch viele „junge Frauen“ dabei gewesen seien, und der größte Schock: Es seien keine Flüchtlinge gewesen, „das waren weiße, gut deutsch sprechende Bürger.“ Ja, wie kann man sich das nur erklären?

Die Augsburger Politik ist natürlich schockiert. „Auf diesen Übergriff werden wir entschieden und abgestimmt antworten, ohne Freiheiten der friedlichen Bevölkerung zu sehr einzuschränken„, verkündet Ordnungsreferent Pintsch entrüstet. Wie schön, sie wollen die „Freiheiten“ nur ein bisschen einschränken, das ist ja milde, in Corona-Zeiten ist man ja inzwischen alles gewöhnt. Doch die Geister scheiden sich beim Umgang mit dieser rebellischen Jugend: Party-, Glasflaschen-, Alkohol- und Verweilverbote? Clubs wieder aufmachen? Führerscheine wegnehmen? Als Kommune mit den Jugendlichen zusammen nach Orten zum Feiern suchen? Eine Frage aber eint all jene, die sich nun um den „richtigen Umgang“ streiten: Wie kann man das rebellische Potenzial der Menschen, ihren Unmut wegen der Maßnahmen, ihren Hass auf die Bullen in friedliche Bahnen lenken? Wie verhindert man Krawalle und Angriffe auf die Cops?

Lächerliche Mitleidskampagnen, mit denen bereits seit Jahren Cops als „auch nur Menschen, die helfen wollen“ und als „Opfer von Gewalt“ stilisiert werden, die „fassungslos“ darüber seien, wie sie behandelt werden, wo sie einem doch nur helfen, können wohl bei jenen, die mit den Cops bereits zu tun hatten,  nur Fremdscham und Lachkrämpfe auslösen. Eine weitere Strategie: mediale Kampagnen gegen das „krawallorientierte Eventpublikum“ und die Darstellung, dass es überhaupt keinen Grund dafür geben könne, sich gegen die Cops zur Wehr setzen zu wollen, dass es nur einige durchgedrehte „Kriminelle“ seien, die andere zu unbedachten Handlungen verführen würden. Eine alte Strategie des „Crowd Control“: trenne die Unruhestifter von denen, die sich dann mit diesen solidarisieren könnten. Diffamiere die Menschen, die anfangen sich zur Wehr zu setzen und versuche sie so von den anderen zu trennen. Sprich ihnen ihre Handlungsfähigkeit und ihre Menschlichkeit, ihre Urteilsfähigkeit und ihre geistige Gesundheit ab. Frage „Warum?“ und höre dir keine Antwort an.

Doch alle diejenigen, die sich gegen die Cops zur Wehr setzen, wissen ganz genau warum. Weil die Cops diejenigen sind, die sie schikanieren, die sie verprügeln und einsperren, die pyhsische Gewalt, Waffen und ein riesiges technologisches Arsenal einsetzen, um das durchzusetzen, was die Politiker entscheiden.

Einige scharfe Analysen haben diese Leute, die in den Medien „aufschreien“, aber manchmal dann doch zu bieten: „Es gibt vereinzelte Polizeigegner, ja sogar Polizeihasser. Das sind aber für mich auch Demokratiegegner, die ganz bewusst versuchen, uns als Polizei zu diskreditieren.“ Es ist zwar nicht nötig die Polizei zu diskreditieren, das macht sie schon ganz von selbst, sobald Menschen mit ihrem repressiven Apparat in Berührung kommen. Dass es unter den Polizeihassern Demokratiegegner gibt, dem stimme ich allerdings zu. Das ist auch logisch. Denn Polizeiarbeit bedeutet, Menschen zu einem bestimmten Verhalten zwingen zu wollen, ihnen ihre Freiheit zu nehmen und sie nach einem bestimmten Bild zu formen, und auch eine Demokratie hat dieses Ziel, denn auch eine Demokratie herrscht, schränkt mich in meiner Freiheit ein, will mich dazu bringen nach einer gewissen Norm zu leben. Cops sind diejenigen, die egal welche Herrschaft, auch die demokratische, faktisch durchsetzen, die einem ganz konkret die Freiheiten, die einem überhaupt noch zugestanden werden, wegnehmen, wenn man sich nicht an die Spielregeln hält. Die dazu beitragen, dass ein System, das alle Lebewesen ausbeutet, versklavt und tötet und diesen Planeten zugrunde richtet, aufrecht erhalten werden kann. Braucht es wirklich mehr Gründe, um „sogar Glasflaschen“ auf die Cops zu werfen? Ich denke nicht.

Bis Palo Alto brennt…

Im Januar dieses Jahres hat die französische Gendarmerie zähneknirschend mitgeteilt, dass seit einem Jahr 121 Antennen Sabotagen verschiedener Art zum Opfer gefallen sind. Heute Ende März kam eine neue Kommunikation heraus, über France Info (staatlicher französischer Radiosender) wurde in einer Reportage berichtet, dass es sich mittlerweile um tatsächlich 173 Antennen handelt.

Dass von staatlicher Seite, von Polizei, Innenministerium, Gendarmerie, Richter und Richterinnen und auch von medialer Seite her versucht wird die Sabotagen zu einem Teil dem linksradikalen Spektrum und zum anderen sogenannten VerschwörungstheoretikerInnen zuzulasten, soll uns an dieser Stelle nicht überraschen. Solche Kommunikationsmanöver entspringen der Aufstandsbekämpfungs-Doktrin, die der französische Staat während des Indochina-Krieges entwickelt und seit dem in verschiedenen Konflikten, über den Algerien-Krieg bis hin zu den internen sozialen Bewegungen, weiter ausfeilen konnte. Den aufständischen Feind isolieren und seinen Kampf entpolitisieren. Was jedoch etwas verblüffend wirkt, ist dass eine solche Entpolitisierung mittlerweile sogar von einigen Teilen linksradikaler Kreise verbreitet wird. Das wirft natürlich einige Fragen auf. Wie ist es möglich, dass es heute schier normal erscheint, dass linksradikale mit Begrifflichkeiten wie Verschwörungstheorie so unvorsichtig umgehen. Als Menschen die oft selber gegen etliche Versuche der Entpolitisierung ihres Handelns ankämpfen mussten und heute noch müssen, dürfte man sich eigentlich etwas mehr Feingefühl und reflektiertere Analysen erwarten.

Aber kommen wir doch noch etwas zurück. Seit dem ersten europäischen Lockdown im Frühjahr 2020 hat es in Europa etliche Sabotage-Aktionen auf Funkmastanlagen gegeben. Zur gleichen Zeit etwa zirkulierten im Internet Stimmen, die behaupteten, dass die Ausbreitung des 5G Telefonie-Netzwerkes mitverantwortlich sein würde für die Verbreitung des Corona-Virus. Die Dichtheit der Wellen würde dazu führen, dass der Virus länger in der Luft hängen bleibt und sich somit weiter verbreitet.

Naja oder sowas ähnliches. Schnell wurden diese Theorien von staatlicher und medialer Seite her aufgegriffen, um die Akteure und Akteurinnen der Sabotagen zu diskreditieren. Sowie dies aber von staatlicher Seite aufgegriffen wurde, verbreitete sich diese Rethorik auch schnell in linken Kreisen.

Dass Staatsmächte, die in der Corona-Krise die Chance wahrnehmen die digitale Umstrukturierung kapitalistischer Produktions- und Lebensweise mit Peitschenhieben voranzutreiben und somit, wie der französische Finanzminister Bruno le Maire stolz verkündet hat, einen Sprung von 10 Jahren nach vorne machen konnte, ihr Interesse daran haben jeglichen Widerstand gegen die Digitalisierung unseres Lebens, zu diskreditieren, ist durchaus verständlich. Man müsste ja schon fast enttäuscht sein würden unsere politischen Feinde nicht so handeln. Wieso aber linksradikale zum Teil ins selbe Bockshorn blasen, bleibt ein Rätsel und zeugt von einer unglaublichen Kurzsichtigkeit. Funkmastantennen und Glasfaserkabel werden nicht erst seit der Covid-Krise aus verschiedenen ideologischen und sozialen Milieus als strategisch wichtige Pfeiler der heutigen digitalen Umstrukturierung wargenommen und somit sabotiert. Bereits während der Gelbwesten-Bewegung in Frankreich waren das beliebte und häufig angegriffene Ziele. Auch aus anarchistischen Kreisen werden diese Ziele bereits seit Jahren immer wieder ausgesucht und vieles wurde bereits dazu geschrieben und kommuniziert.

Dass die digitale Umstrukturierung ein Dreh- und Angelpunkt der Neoliberalen politischen Ausrichtung ist, ist einer sehr breiten Bevölkerungsschicht bewusst. Es genügt als Krankenpflege in einem Spital zu arbeiten oder in einer modernen algorithmisch gelenkten Fabrik am Fliessband zu stehen, oder als Ueber-TramplerIn seine Kilometer abzustrampeln um zu verstehen mit was für einem Monstrum wir es da zu tun haben, und in wie fern dieses Monstrum uns krank macht. In diesem Sinne, auch wenn gewisse dieser sabotierenden UebeltäterInnen tatsächlich daran glauben, dass das 5G-Telefonie-Netzwerk für die Verbreitung des Covid verantwortlich ist, und man mit grosser Warscheinlichkeit behaupten kann, dass diese These falsch ist, ändert das an der Intuition nichts. Sprich die Tatsache, dass es Menschen sind die fühlen und warnehmen wie ihre Leben und ihre Freiheiten immer mehr in Bedrohung geraten, ist das was im Grunde zählt. Die Ziele die anvisiert werden sind die Richtigen. Und somit scheint es uns ein Fehler zu sein diese Aengste und Empfindungen zu entpolitisieren nur weil die intellektuelle Ausarbeitung mit Warscheinlichkeit an der Realität vorbeischiesst. Menschen, die sich entschieden haben sich der gegebenen Ordnung zu widersetzen so leichtfertig in die Ecke der Verschwörungstheorie zu drängen, scheint uns ein Fehler zu sein. Aus dieser Ecke heraus werden es wahrscheinlich dann die rechten oder rechtsradikalen Kräfte sein, die sie mit Händekuss abholen werden.

In diesem Sinne plädieren wir hingegen für eine internationale Verschwörung gegen die Neoliberale Ordnung und bekunden unsere Solidarität mit den verrückten SaboteurInnen dieses digitalen Friedens.

Euer ehrenwerter Freundeskreis Klaus Augenthaler

Peace Police auf dem Punkkonzert in der Rigaer

An sich ist es ja sehr schön, dass am 24. April ein Punkkonzert in der Rigaer Straße statthatte. Und um Missverständnissen vorzubeugen, ich bin bedingungslos solidarisch mit allen linken Häusern dieser Straße, nicht nur mit der Nummer 94. Genauso mit der Køpi, der Potse, dem Drugstore, den Wäglern aller Plätze. Und ich war es mit dem Syndikat, der Liebig 34 und mehr noch mit der Meuterei. Solidarisch deswegen, weil diese sich momentan unter starkem Druck befindende Subkultur doch ein wenig einen negativen Geist vertritt und ein wenig ein Stachel im Fleisch der Eigentumsbestien bleibt. Stay rude, stay rebel. Bedingungslos deshalb, weil diese diffuse politische Richtung kaum irgendwelchen Bedingungen standhalten würde, die mir so einfielen. Ich bin Kommunist und deshalb ein Sektierer. Mein Kommunismus funktioniert nur allein. Folgende Anmerkungen und Beschreibungen sind daher keine solidarische Kritik, wie man es nennt. Eigentlich gar keine Kritik, da ich es nicht anders erwartet habe. Im Gegenteil war ich von den Besuchern des Konzerts teilweise positiv überrascht. Wahrscheinlich schreibe ich deswegen. Ach, und unabhängig davon, ob es mir und den Meinen da gefällt oder ob wir auf deren öffentlichen Festen geduldet werden: Diese Häuser sollen alle bleiben. Was soll man kritteln, vor allem als Zaungast.

Aber zur Sache: Weil es eben schön war, dass es mal wieder ein Punkkonzert gab, bin ich mit einer Gruppe von Freunden hingegangen. Ein friedrichshainer Schnorrer hatte uns schon einige Tage vorher darauf aufmerksam gemacht. Schleimkeim spielte zwar nicht, aber es schien uns doch eine willkommene Abwechslung. Schon im Eingangsbereich des Konzertes auf der Straße wurden Passanten wie Besucher ruppig darauf hingewiesen, dass sie diese jetzt in Mode geratene Partikelmaske tragen sollten. An der freien Luft. Wir taten das als typische punkberliner Schnauze ab, vor allem weil der Blick in die Menge zeigte, dass erfreulicherweise eine gute Proportion der Besucher, wenn nicht sogar deren Mehrheit, keinen Wert auf diese verordnete Maske legte und ergo keine trug. Soweit fühlten wir uns willkommen, da wir selbst ohne Zwang keine tragen. Der zweite uns ansprechende und an einer Armbinde erkennbare Schutztyp hat es dann auch korrekt formuliert: Die Polizei – mit der man hatte lange verhandeln müssen, um dieses Konzert überhaupt genehmigt zu bekommen – hatte zur Auflage neben dem obligatorischen Abstand eben die ulkige Entenmaske gemacht. Also würden sie dieser Auflage genügen, indem sie alle Teilnehmer beständig auf sie hinwiesen. Ob die Besucher sich dann aber auch daran hielten, dass wäre ihre eigene Angelegenheit. Er werde niemanden zwingen. Ein Standpunkt, der als Kompromiss in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Hysterie durchaus akzeptabel ist, wenn auch der folgende ständige Kontakt mit solchen Ordnern etwas schräg und lästig war, für ein Punkkonzert. Und wegen dem waren wir da, nicht für unsinnige Maskendebatten. Also blieben wir erstmal und einige beteiligten sich am schüchternen Tanz, der Rest rauchte Kette und trank Bier.

Die Stimmung des verhaltenen Festes war verhältnismäßig lose und diese vom Staat verordnete Maske wurde wie erwähnt zunächst von vielen nicht oder nur schlampig getragen. Etwa am Kinn. Wir hoben uns deswegen nicht ab und waren nicht weniger amüsiert als die anderen. Abstand? Einmal hat eine Band den ernsthaft eingefordert und sofort stieb die verschreckte Tanzmasse auseinander, nur um nach kurzer Zeit noch dichter beieinander zu stehen und etwas zu pogen. Die Polizei war auch nur mäßig präsent. Aber der ständig in der Menge herumstromernde Ordnungsdienst der Punker hatte mit seiner Arbeit schnellen Erfolg: Viele der Besucher zogen sofort die Maske auf, sobald einer der Wächter kam. Etwas zu hektisch, etwas zu schnell. Ein Verhalten, dass man aus den U-Bahnen kennt, wenn der dort tätige Ordnungsdienst patrouilliert und etwa Leute aus dem migrantischen Spektrum erwischt, die diese Maske nicht immer willig tragen. Ein Fingerzeig, ein Spruch und schon ist die Maske über der Nase. Ganz ohne Bußgeld. Schnell war auf diese Weise auch das ganze Konzert mit Partikelmasken ausgestattet. Wohlgemerkt nicht, weil man testen wollte, ob diese Art von Maske gegen Pfefferspray hilft, das Pfefferspray sollte vielmehr im Keim verhindert werden, indem man eben der Polizeiauflage genügte. Ein Grund für mangelnde Reibung im Vollzug dieser Maßnahme war vielleicht auch das durch die allgegenwärtige Propaganda verursachte schlechte Gewissen: Wenn schon der in der offiziellen Darstellung wichtigere Abstand nicht eingehalten wird, so trägt man doch wenigstens Partikelmasken. Ein anderer Grund war vielleicht, dass so ’ne Punkschnauze nicht unbedingt angenehm ist und eine latente Gewaltdrohung mitschwang. Warum auch immer: Es war jedenfalls nicht schön anzugucken, wie die Polizeiarbeit auf diese Weise selbstverwaltet durchgeführt und befolgt wurde.

Meine lose Gruppe von Freunden wiederum sah keinen Grund, eine Maske zu tragen. Wir wollten ja nichts Illegales, sondern Punk. Darauf wurden wir ständig vom Ordnungsdienst beobachtet und zunehmend provoziert. Befehlston: „Wollt ihr eine Maske tragen?“ Nein wollen wir nicht! Die etwas ängstlicheren Leute von uns zogen daraufhin sogar irgendwelche Masken auf und guckten unglücklich. Oder hatten sie am Kinn kleben. Im Grunde wollten wir ja einfach das Konzert besuchen und keinen Streß mit dem Schutz. Um Masken ging es uns an diesem Tag nun wirklich nicht. Wenn jemand sie dort tragen will, ist das völlig okay, egal was wir davon denken mögen. Am Ende kam dann jedenfalls ein ganzer Trupp des selbstverwalteten Ordnungsdienstes und wir wurden mit sanfter Gewalt und einigem Geschrei vom Konzert entfernt. Im Publikum gab es durchaus auch mit uns sympathisierende Blicke. Einige Ordner trugen immerhin Sticker, auf denen der Staatszwang abstrakt abgelehnt wurde, während sie doch konkret Gehorsam leisteten. Etwas Selbstwiderspruch ist anscheinend vorhanden. Sofort kamen, angelockt von der durch den selbstverwalteten Ordnungsdienst begonnenen Schubserei, auch Vertreter des echten Ordnungsdienstes. Die Polizisten fragten, was los sei und wurden vom outgesourcten Ordnungsdienst korrekt darauf hingewiesen, dass man gerade Maskenverweigerer entfernte. Worauf die Polizisten sich ihrerseits befriedigt entfernten. Wir haben uns natürlich auch entfernt und woanders weiteres Bier getrunken. Auch Schnaps. Bis in die Nacht. Halt wieder im eigenen Sumpf, aber gut gelaunt. Bisschen Punk und Adrenalin war ja doch gewesen. Sogar dumme Sprüche.

Wie gesagt, muss diese Subgruppe der Berliner Linken im Ganzen selbst mit sich und mit ihren für Sympathisanten mitunter unverständlichen Ritualen klarkommen. Wir sind ja auch alles andere als frei von sowas. Und Punkkonzerte organisieren wir auch nicht. Es sei aber doch für Interessierte angemerkt und daran erinnert, dass sich im nordamerikanischen Anarchismus der Ausdruck „Peace Police“ eingebürgert hat, um diese Polizeiarbeit innerhalb der Bewegung zu benennen. Sie hat den Vorteil, dass die nun in die Bewegung verlegte Repression weniger schmerzhaft ist, da mindestens keine Verfahren und keine Strafgelder folgen. Auch die physische Gewalt ist meist weniger grob, da Ordnungswidrigkeiten innerhalb der zerstrittenen linken Familie geregelt werden und die Polizei nur darüber wachen muss, ob dies im ausreichenden Maße gelingt. Ergänzt werden können solche inneren Ordnungsdienste dann etwa durch Kommunikationsteams auf Seiten der Polizei, auch Anti-Konflikt-Teams genannt. Und natürlich durch internalisierte Instanzen innerhalb der einzelnen Individuen selbst. Diese müssen sich bekanntlich beständig selbst regulieren, nicht zuletzt wegen der skalierbaren äußeren Strafandrohung. Im durch die Umstände und durch die allgemeine Defensive erzwungenen Maße wird dies in gegenwärtigen, repressiven Gesellschaft immer auf die eine oder andere Weise notwendig sein und oft geht es nur um kleine oder größere Verschiebungen der jeweiligen Eskalationsgrenzen, während das Kräfteverhältnis im Ganzen von vornherein klar ist. Der sichtliche Nachteil – wenn man sich zu eifrig auf solches Spiel einläßt – ist, dass man im Ganzen befriedet wird. Momentan kann ja jede genehmigte Demo oder Versammlung aufgelöst werden. Wenn nicht wegen der Maskensache, so doch wegen dem Abstand. Wenn das eine durchgesetzt ist, kann der andere Vorwand verwendet werden. Auf längere Sicht sinkt so die Eingriffsschwelle der Polizei, wenn man keinen Gegendruck aufbaut. Sie ist ja schon gesunken, indem nun andauernd friedliche Demonstranten gehauen und zerstreut werden, während man früher dafür wenigstens Scheinbesetzer oder Spontandemonstrant sein musste. Wenn nicht gar scheingewalttätig. Die Häuser dieser Subszene werden dann um so leichter abgeräumt und die braveren oder brav gemachten Aspekte derselben können dafür sogar einstweilen bleiben.

Einer der verwiesenen Besucher des Konzerts