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Ab in die Tonne!

Weil Supermärkte sich bei der eingekauften Menge verschätzen und diese Menge nicht verkaufen können, bevor das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, weil es billiger war eine größere Menge auf einmal abzunehmen, auch wenn klar war, dass eine solche Menge nicht verkauft werden kann, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, auch wenn die Sachen noch gut sind, oder weil im 2,5-kg-Kartoffelsack eine einzige Kartoffel schlecht geworden ist. Es gibt viele Gründe dafür, dass Lebensmittel im Müll landen. Das Resultat: eine gigantische Verschwendung an Lebensmitteln. Mindestens 50 % der Lebensmittel, die in Deutschland in Umlauf kommen, landen der WWF-Studie „Das große Wegschmeißen“ von 2015 zufolge im Müll. Schuld daran sind Hygienegesetze, Kapitalismus und insbesondere Tauschideologien, die verantwortlich sind, dass lieber Lebensmittel weggeworfen werden als dass sie wer unentgeltlich mit nach Hause nehmen darf.

So haben viele Supermarktketten in den letzten Jahren verboten, dass Mitarbeiter*innen abgelaufene oder bald ablaufende Lebensmittel mit nach Hause nehmen dürfen. Im Gegenteil, wer dabei erwischt wird, einen abgelaufenen Joghurt mit nach Hause zu nehmen, verliert nicht nur ihren*seinen Job, sondern wird zusätzlich wegen Diebstahls angezeigt. Teilweise geben Lebensmittelläden ihre bald ablaufenden Produkte an Institutionen wie die Tafel. Doch zum einen dürfen sie bereits abgelaufene Produkte aus hygienegesetzlichen Gründen nicht weitergeben, zum anderen vertritt auch die Tafel die Ansicht, dass nicht möglichst alle Nahrungsmittel verteilt werden sollen, sondern dass nur Menschen, die auf eine staatlich anerkannte und meist entwürdigende Art und Weise ihre „Bedürftigkeit“ nachweisen konnten, Lebensmittel bei der Tafel abholen dürfen. Dabei wird diesen keine Wahlfreiheit gelassen – mensch muss/darf nur einen bestimmten Anteil an Sachen nehmen. Damit wird das Beziehen von Lebensmitteln bei der Tafel ein entwürdigender Prozess, der die Menschen, die auf die Tafel angewiesen sind, zu Menschen zweiter Klasse degradiert… und häufig nicht einmal alle Lebensmittel verteilt bekommt, die sie geliefert bekommen hat. Supermärkte wie Penny schießen dabei den Vogel ab, indem sie ihre Kund*innen dazu animieren, „Gutes zu tun“, indem sie einen Teil ihrer Einkäufe der Tafel spenden, jedoch selbst ihre Lebensmittel entsorgen. Beim Modell der Tafel geht es natürlich nicht darum, möglichst alle Lebensmittel zu nutzen und Lebensmittelverschwendung zu verhindern, sondern es geht einzig darum, Menschen, die nicht das Geld haben, um sich die guten Lebensmittel leisten zu können, in einer unendlich großzügigen Geste die Lebensmittel, die für „Nicht-Bedürftige“ nicht mehr gut genug sind, manchmal zu schenken, häufig aber auch nur etwas billiger zu verkaufen und damit den „Spender*innen“ ein gutes Gefühl zu geben, weil mensch nun etwas Karitatives geleistet hat. Karitativ vorzugehen bedeutet allerdings immer, Menschen in „Bedürftige“ und „Gönner*innen“ einzuteilen, in denen die „Bedürftigen“ dann alle möglichen Demütigungen erdulden müssen, um dann das zu bekommen, was sonst niemand mehr will, während sich die „Gönner*innen“ auch noch wohl fühlen etwas Gutes getan zu haben.

Trotzdem sind die Tafel und ähnliche Institutionen einige der wenigen Organisationen, die „Reste“ von der Lebensmittelwirtschaft bekommen. Das meiste landet immer noch im Müll. Dieser Umstand veranlasst viele Menschen, nachts (oder auch tagsüber, je nach Dreistigkeit) an diese Mülltonnen zu gehen und die noch guten Lebensmittel wieder herauszuholen. Doch selbst ihren Müll verteidigen die Verteilstellen für Lebensmittel eisern: durch Videoüberwachung, abgeschlossene Mülltonnen oder -häuschen, durch Sicherheitsdienste, indem Waschmittel oder andere Gifte über den Müll gekippt werden oder indem der Müll direkt gepresst wird (z. B. bei vielen Lidl- und Aldi-Filialen). Wer erwischt wird, wird wegen Diebstahls angezeigt. Bis heute ist sich die Rechtsprechung nicht einig darüber, ob Müll noch eine*n Eigentümer*in hat und welchen Wert dieser hat, denn nur dann ist nämlich Diebstahl möglich und ja, soweit geht die Eigentumsideologie, dass sogar darüber gestritten wird, wem Müll – also per definitionem Dinge, die jemensch für nichts mehr gebrauchen kann und die der Vernichtung preisgegeben werden – gehört und dass er von Menschen, die diese Dinge doch gebrauchen können, nicht mitgenommen werden darf! Meist finden Richter*innen einfach andere Gründe, um containernde Menschen – Menschen also, die noch gute Lebensmittel aus dem Müll holen – zu verurteilen: wegen Diebstahls einer Bäckereikiste, wegen Hausfriedensbruchs oder Sachbeschädigung. Trotz dieser Kriminalisierung lassen sich viele nicht davon abhalten weiter die Lebensmittel aus dem Müll zu retten – auch wenn sie dafür ein Schloss aufbrechen (ein Bolzenschneider oder ein Brecheisen machen’s möglich), über Zäune klettern oder sich vermummen müssen. Trotzdem ist zum Containern selten viel Know-How nötig. Wer sich bei einem Supermarkt nicht traut, kann es ja einfach beim nächsten versuchen. Für alle Schwierigkeitsstufen ist was dabei.

Containern ist ein Beispiel dafür, wie ein herrschaftskritischer und herrschaftsfreier Umgang mit Lebensmittelverschwendung aussehen kann. Dabei ist Containern natürlich keine nachhaltige Lösung eines Problems. Es ist eine Form des Widerstands gegen eine absurde Eigentumsideologie, die verhindert, dass Menschen sich satt essen können, obwohl genug da wäre, dass beinahe anderthalb mal so viele sich vollstopfen könnten.

Andere Handlungsansätze sind, Verteilstellen aufzubauen oder zu unterstützen, an denen herrschaftsfrei Lebensmittel verteilt werden, dass also alle, die möchten, sich unkontrolliert so bedienen können, wie sie es brauchen. In München gibt es derzeit ein Projekt, das so was auf die Beine stellt: der sogenannte „Offene Mittagstopf“. Jeden Donnerstag gibt es ab 13:00 Uhr in der Ligsalzstr. 8 ein großes Mittagessen, gekocht aus geretteten Lebensmitteln, und weitere gerettete Lebensmittel zur Abholung. Gerne können Lebensmittel dort auch abgegeben werden. Wenn du also beim Containern viel zu viel mitgenommen hast (was dir meistens passieren wird), findest du dort sicher Leute, die dir dabei helfen, alles aufzuessen.

Containern ist kein Verbrechen!

Prozessbericht vom 31. Januar

Liebe Unterstützer*innen,

gestern war ein langer und anstrengender Tag für uns alle. Die vielen Eindrücke des Verhandlungstages sind noch frisch und müssen erstmal verdaut werden. Für all diejenigen von euch, die nicht persönlich anwesend sein konnten, möchten wir eine kleine vorläufige Berichtserstattung geben.

Leider konnten wir den Gerichtssaal nicht mit einem Freispruch verlassen. Die dreistündige Verhandlung endete mit einer Verwarnung wegen Diebstahls an wertlosen Lebensmitteln. Die Staatsanwaltschaft München II hielt bis zuletzt das öffentliche Interesse an der Verurteilung wegen besonders schweren Falls des Diebstahls an bereits entsorgten Lebensmitteln fest.

Wir waren überwältigt von der Solidarität aller Unterstützer*innen. Sie haben eine tolle Kundgebung und Demo auf die Beine gestellt und die Menschen mit leckerem Gekochten und heißen Getränken versorgt. Ein großes Dankeschön an die vielen interessanten Redebeiträge, die Musik und dass ihr alle trotz der langen Verhandlung der Kälte getrotzt habt! Immer wieder haben wir auf die Uhr geschaut und während wir im Gerichtsaal saßen an euch gedacht. Umso schöner war es euch nach dem überstandenen Tag in die Arme zu fallen. Danke, dass ihr da wart!
Vielen Dank auch an die vielen Journalist*innen, die bei Kundgebung, Demo und Verhandlung anwesend waren und uns Gehör verschafft haben. Bereits gestern wurden erstaunlich viele Berichte veröffentlicht, sowohl regional, als auch deutschlandweit.

Unser gemeinsames Engagement möchten wir auch weiterhin nutzen. Deshalb laden wir euch zu unserem Nachbereitungstreffen am 12. Februar um 19Uhr ins EineWeltHaus ein. Dabei wird es nicht um uns gehen, sondern der Vernetzung dienen, rund um jene Mittel die zum Leben notwendig sind.

Solidarische Grüße,
Franzi & Caro