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Stürme der Revolte

[E]s ist nicht die subversive Propaganda, nicht die Bildung einer revolutionären Organisation, die die Revoltierenden auf die Straße treibt. Es ist das Elend, materiell und emotional, dieses Lebens, das wir täglich mit uns schleppen. Wenn dies bereits in der Vergangenheit wahr war, dann stimmt es heute noch viel mehr, da hinter den Hügeln keine Sonne der Zukunft mehr zu erahnen ist, sondern vielmehr die Nacht des urweltlichen Chaos. Angesichts dieser Dunkelheit verschließen sich die Militanten weiterhin im eigenen Kloster, aus Angst, mit dem gewöhnlichen Gesindel verwechselt zu werden, während sich die Intellektuellen weiterhin die Frage stellen über die Krise der Repräsentanz. Doch es gibt nichts zu verurteilen oder zu verherrlichen in den modernen Revolten, diese Revolten, die unsere gewöhnlichen Orientierungskompasse außer Funktion setzen. Es gibt alles zu konfrontieren. […] Am Horizont zeichnet sich ein schwarzer Himmel ab, der nur heftige Stürme verspricht.Senken wir die Segel und werfen wir die Anker aus, entschlossen, stehen zu bleiben, weil die Gefahr, einen Schiffbruch zu erleiden, zu groß ist, oder stärken wir unser Boot so gut wie möglich und lösen wir die Taue?

Aus „Das Unvorhergesehene. Vom Zentrum zur Peripherie“. Hourriya Nr. 3.

Spanien Nach der Verhaftung des stalinistischen Rappers Pablo Hasél wegen Beleidigung des Königshauses und Verherrlichung von Gewalt am 15. Februar kommt es bereits seit zwei Wochen in verschiedenen Städten in Spanien, insbesondere in Pablos Heimatstadt Barcelona zu Demonstrationen und Ausschreitungen. So wurde etwa in Barcelona unter anderem eine Copkarre abgefackelt. Dabei sympathisieren die Menschen nicht unbedingt mit den Ansichten des Rappers, sein Fall ist wohl nur – wie so oft – der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. So ist eine zentrale Forderung vieler Teilnehmer der Demonstrationen das Recht auf freie Meinungsäußerung. In den Medien wird dennoch über das Ausmaß der Wut und die Motivationen der Randalierer gerätselt. Dass die Wut über die Verhaftung von Pablo Hasél hinausgeht, ist wohl offensichtlich. Wie unerklärlich aber ist eine Wut, während wir in einem Freiluftgefängnis leben, einem Staat und dem Kapitalismus unterworfen sind und jegliche Lebensgrundlage immer weiter zerstört wird?

Chile Infolge der Ermordung einer Person durch die Cops am hellichten Tag im Stadtzentrum der Kleinstadt Panguipulli – ein Straßenjongleur hatte sich geweigert sich einer Identitätskontrolle unterziehen lassen und wurde daraufhin „in Notwehr“ erschossen – am 5. Februar – eine weitere Ermorderung durch die Cops von vielen in Chile – kommt es zu Ausschreitungen in Panguipulli, die insbesondere das Rathaus und mehrere institutionelle Gebäude in Ruinen zurücklassen. Daraufhin brechen auch in der Hauptstadt Santiago Riots aus, wo die Kommissariate in Maipú und Puente Alto angegriffen worden und in den folgenden Tagen drei Busse des RED-Netzes (ex-Transantiago) in rauchende Skelette verwandelt werden, nachdem man den Chauffeur und die Passagiere aussteigen lassen hat.

Niederlande Am Samstag, den 23. Januar tritt erstmals eine nächtliche Ausgangssperre von 21 Uhr bis 4 Uhr 30 in Kraft. „Doch gewaltbereite Jugendliche halten sich nicht daran und ziehen randalierend durch die Straßen“, berichten die Medien. Samstagnacht kommt es zu den ersten Krawallen, Sonntagnacht kommt es dann in etwa zehn Städten – darunter Amsterdam, Den Haag und Rotterdam – zu schweren Unruhen, ebenso Montagabend. Die Cops sprechen von den schwersten Unruhen seit 40 Jahren. Kurz vor Beginn der Ausgangssperre versammeln sich die Leute im Stadtzentrum und ziehen dann in großen Gruppen plündernd und randalierend durch die Straßen. Feuer werden gelegt, Autos zerstört, Bushaltestellen demoliert und Geschäfte geplündert. Cops werden mit Steinen und Feuerwerkskörpern angegriffen. In der Stadt Urk wird ein lokales Coronavirus-Testzentrum angezündet.

Tunesien Mitte Januar kommt es über gut zwei Wochen im ganzen Land zu gewaltsamen Ausschreitungen. Die Ausschreitungen beginnen mit dem zehnten Jahrestag der Flucht des tunesischen Herrschers Zine El Abidine Ben Ali am 14. Januar. Trotz Ausgangssperre gehen insbesondere junge Menschen auf die Straßen, errichten Barrikaden, bewerfen die Cops mit Steinen und Molotowcocktails, plündern Geschäfte. Viele der Proteste kommen aus den Arbeitervierteln. Um die 1000 Menschen werden im Laufe dieser Proteste verhaftet. Ein Demonstrant stirbt, nachdem er von einer Tränengasgranate getroffen wurde. In einigen Städten wird das Militär auf die Straßen geschickt, um die Unruhen zu ersticken. In Tunesien haben die Menschen mit einer durch die Corona-Krise noch verschärften Wirtschaftskrise, mit Korruption und einer hohen Armut zu kämpfen und das Misstrauen gegen die herrschende Elite und die etablierten Parteien ist weit verbreitet.

Brüssel, Belgien Am 9. Januar stirbt ein 23-jähriger schwarzer Mann in Polizeigewahrsam infolge einer Corona-Kontrolle. Bei Protesten vor der entsprechenden Polizeistation am 13. Januar eskalieren diese. Die Polizeistation wird angezündet, Copkarren werden beschädigt, Cops mit Steinen beworfen, Mülleimer angezündet und Straßenbarrikaden errichtet. Mehr als hundert Menschen werden vorläufig verhaftet.

Wenn das Draußenchillen zur Ordnungswidrigkeit wird

Rückblick auf ein Jahr Ausgangsbeschränkungen

Seit nunmehr einem Jahr sind wir mit Ausgangssperren unterschiedlichen Ausmaßes konfrontiert. Zum einen die sogenannten „Ausgangsbeschränkungen“, die das Verlassen der eigenen Wohnung – so weit eine solche vorhanden – nur aus „triftigen Gründen“ erlaubt. Von Dezember bis Februar gab es in Bayern zusätzlich eine „nächtliche Ausgangsperre“ zwischen 21 und 5 Uhr. Inzwischen wird diese auf die Regionen beschränkt, die irgendeinen Inzidenzwert überschreiten. Nach nunmehr gut einem Jahr „Ausgangsbeschränkungen“ und zwei Monaten Ausgangssperre wollen wir unsere Erfahrungen mit dieser neuen Situation, wie wir sie in München erlebt haben, rekapitulieren.

„Ausgangssperre“ bzw. dessen Euphemisierung „Ausgangsbeschränkung“; als diese Worte letzten März begannen durch die Presse zu geistern, blickte man entsetzt in andere Länder, die Straßensperren errichteten und das Militär in die Straßen beorderten. Mit Beginn der Ausgangssperre in München fuhren Lautsprecherwagen der Bullen durch die Straßen und verkündeten die neuen Bestimmungen, auch viele Streifen waren zu sehen. An den ersten Tagen waren die Straßen wie leergefegt und die Menschen, die man sah – besonders in Parks tummelten sich an schönen Tagen durchaus die Massen –, waren krampfhaft darum bemüht irgendeinen Sport zu machen, und sei es nur sich einen Frisbee gegenseitig zuzuwerfen. Man war unsicher, wie stark würde die Kontrolle sein, wie sehr würden autoritäre Maßnahmen aufgezogen, würden auch so Scheine eingeführt werden, in denen man aufschreiben muss, wohin man gedenkt zu gehen? Würden Straßensperren errichtet werden, ja würde sogar das bundesdeutsche Tabu gebrochen werden und das Militär auf die Straßen geschickt? Erinnern wir uns an die Diskussionen darum, ob es ernsthaft verboten sei sich draußen alleine auf eine Bank zu setzen, was selbst den so obrigkeitshörigen Deutschen ein bisschen übertrieben schien und durchaus Widerstandsreaktionen – auch am Anfang – hervorrief. Ich erinnere mich an Szenen, wie Bullen versuchten Leute, die zu zweit an einem öffentlichen Tisch saßen, dazu aufzufordern sich zu entfernen, was trotzig verweigert wurde. Oder wie die Bullen zwei Personen, die nebeneinander auf einer Bank saßen, dazu aufforderten den Abstand zwischen ihnen zu vergrößern, ganz als seien sie Anstandsdamen aus einem früheren Jahrzehnt. Ich erinnere mich, wie ich auf der Polizeiwache saß und sich die Cops gegenseitig darin brieften, „Ausgangsbeschränkung“ zu sagen und nicht „Ausgangssperre“ und wie alle paar Minuten der Funkspruch kam, dass irgendwer irgendwen bezüglich Corona-Maßnahmen verpfiffen hätte.

Heute wissen wir: Zumindest bisher hat sich die deutsche und bayerische Politik dagegen entschieden die Mittel einzusetzen, die nötig wären, um derartige Ausgangsbeschränkungen tatsächlich durchzusetzen. Kein Militär, keine (oder ganz selten sehr punktuelle) Abriegelungen, keine Dauerkontrollen, keine albernen Zettel, die man ausfüllen muss. Stattdessen lieber eine Konzentration darauf Parties jeglicher Ausprägung zu unterbinden und auf die Jagd nach sonstigen größeren und kleineren Menschenansammlungen. Da kommt mir besonders der Sommer in den Sinn, als es jeden Abend, insbesondere am Wochenende, am Isarufer und im Englischen Garten zu massiven Schikanen der Cops gegenüber den Leuten kam.

Auch die nächtliche Ausgangssperre, die die letzten beiden Monate galt, war keine absolute. Menschen, die in der Nacht lohnarbeiteten, durften sich draußen aufhalten, auch medizinische Notfälle und die Versorgung eines Haustieres waren Gründe, die gewichtig genug waren, um vor die eigene Haustüre treten zu dürfen. Das führte dazu, dass die Straßen zwar schon im Vergleich zu früheren Zeiten ab 21 Uhr wie leergefegt waren, man jedoch, solange man (scheinbar) alleine und eher nicht mit dem Auto unterwegs war, von den Cops eigentlich ignoriert wurde. Und so lange man eine gute Ausrede parat hatte, war auch eine Kontrolle kein größeres (wenn auch nerviges) Problem.

Tatsächlich darf man gerade, so weit ich weiß, immer noch nur aus triftigem Grund sein Zuhause verlassen. Heute fühlt sich das allerdings anders an als letzten März. Denn inzwischen ist klar, dass, solange man größere Gruppenbildungen in der Öffentlichkeit vermeidet, man normalerweise unbehelligt bleibt. Dass die Ausgangsbeschränkungen ein Vorwand mehr sein können für mehr oder weniger willkürliche Polizeikontrollen, bleibt natürlich bestehen, was allerdings die vorherige Situation zwar durchaus verschärft, es aber trotzdem nicht zu einem absoluten Novum macht – denn davor durften die Schweine im Umkreis von fünfhundert Metern rund um Bahnhöfe (also quasi überall) anlasslos Menschen kontrollieren; allerdings brauchte man damals natürlich keinen „triftigen Grund“ dafür, sich überhaupt draußen aufzuhalten.

Was sich allerdings verändert hat: die Kontrolle darüber, dass sich keine (zusammengehörigen) Menschenansammlungen bilden und ihren relativen Erfolg. Dass man gerade die letzten Monate den Eindruck bekam, dass die Strategie Erfolg hätte, liegt meiner Ansicht nach allerdings eher am Wetter als an den Maßnahmen. Denn dadurch,dass jede Möglichkeit, sich öffentlich in Räumen zu treffen, durch Schließung der Bars, Cafés, Restaurants, Clubs usw. sehr effektiv verhindert wird, ist bei kalten Temperaturen ein Ausweichen nach draußen, wie es im Sommer der Fall war, nicht sehr verlockend. Die letzten frühlingshaften Tage haben jedoch gezeigt, dass es sich die Leute nicht nehmen lassen, das Wetter draußen zu genießen, Ausgangsbeschränkung hin oder her.

Ansonsten haben die Ausgangsbeschränkungen bei mir dazu geführt, den Raum und meine Position darin anders wahrzunehmen als davor. Denn so deutlich wurde mir und wahrscheinlich auch vielen anderen noch nie vor Augen geführt, dass jede vermeintliche (Bewegungs-)Freiheit nichts Selbstverständliches ist, sondern etwas Geduldetes, das einem jederzeit entzogen werden kann, wenn es die Herrschenden so wünschen. Für viele war das auch „vor Corona“ schon Realität, alle, die sich „illegal“ in ein Land begeben oder sich in diesem aufhalten, können ein Lied davon singen. Würdest du all deine Papiere verbrennen und dich für staatenlos erklären, würdest du dich dem Eigentumsanspruch eines Staates an dich entziehen, so würdest du spätestens an der Grenze, aber auch bereits bei der ersten Kontrolle feststellen, dass es keinen Ort gibt, an dem du dich überhaupt bewegen darfst. Alle, die versuchen, sich einfach irgendwo niederzulassen, wo es ihnen gefällt, wissen, dass eine solche Freiheit nur dann gegeben ist, wenn man den Eigentumsregeln gehorcht – sich diesen Ort kauft oder mietet und „öffentliche“ sowie „private“ Räume anderer als tabu für die eigene Niederlassung respektiert. Obdachlose etwa werden regelmäßig von den Schlafplätzen, die sie sich eingerichtet haben, vertrieben, ihre Unterkünfte, die sie sich gebaut haben, zerstört. Unsere Umgebung ist eine massiv kontrollierte, Bewegungsfreiheit eine Illusion. Eine so umfassende Einschränkung der Bewegungsfreiheit auch gegenüber der Subjekte eines Staates macht den Duldungscharakter dieser „Freiheit“ lediglich besonders deutlich.

Was allerdings auch deutlich wird: Wie immer ist die Unterwerfung der Menschen und ihre Gefangennahme auch von der Kooperation der Unterworfenen abhängig. Um eine Ausgangssperre durch den Einsatz physischer Gewalt durchzusetzen, müsste ein massiver Polizei- und Militärapparat aufgefahren, müsste jede Straße besetzt, überall Kontrollpunkte eingerichtet oder auch die Überwachungstechnologie massiv ausgebaut werden [1]. Doch das war und ist bis heute in Bayern und Deutschland nicht nötig. Während der nächtlichen Ausgangssperre waren meiner Beobachtung nach nicht mehr Bullen auf den Straßen unterwegs als sonst. Trotzdem waren die Straßen menschenleer. Das hatte bestimmt auch mit dem Wetter zu tun. Ich denke, dass eine nächtliche Ausgangssperre im Sommer anders aussehen würde. Trotzdem war es gespenstisch. Was war für die Durchsetzung einer solchen Ausgangssperre nötig? Wie bekommt man 13 Millionen Menschen dazu nach 21 Uhr nicht mehr hinauszugehen, nicht einmal, um nach dem sogar erlaubten Besuch bei der Freundin einfach heimzufahren? Massives Bombardement durch die Medien und Angst. Angst vor dem Virus und Angst vor der Strafe. Psychische Kontrolle statt physische. Die psychische Kontrolle und die mediale Erreichbarkeit der Menschen geht sogar so weit, dass sich die Herrschenden darauf verlassen können, dass sich die Leute wöchentlich, ja teilweise sogar fast täglich darüber informieren, was gerade erlaubt ist und was nicht und das auch noch für welche Region.

Aber zurück zu meiner Wahrnehmung des Raums und meiner Position darin. Insbesondere städtische Umgebungen zeigen ihren kontrollierten und Kontrolle erleichternden Charakter. Jede Straßenlaterne wird zum Feind, jede Straße macht einem nur bewusst, dass diese den Bullen helfen, sich schneller durch die Stadt zu bewegen und dass einem dort jederzeit Bullen begegnen können. Man begrüßt den Schatten und die Dunkelheit und das bisschen Natur, das es auch in der Stadt noch gibt. Einige Vorteile hatte diese Ausgangssperre immerhin. Denn da sie nicht durch massive physische Kontrolle durchgesetzt wurde, sondern durch psychische, konnte man sich – solange man Streifen aus dem Weg ging – vollkommen unbeobachtet durch die Stadt bewegen und das bereits ab 22 oder 23 Uhr. Auch jetzt noch – da jedes nächtliche Indoor-Angebot immer noch verboten ist – ist man zu vergleichsweise früher Abendstunde häufig ungestört. Die Ausgangsbeschränkungen haben mich gelehrt, mich anders im so deutlich wie nie zuvor als feindlich organisiert sichtbaren Raum zu bewegen. Während ich anfangs das Gefühl hatte, von jedem Fenster aus beobachtet zu werden und es nicht fassen konnte, dass ich jetzt nicht einfach unbefangen nach draußen gehen könnte und mich mit Leuten treffen, hat sich inzwischen eine gewisse Gewöhnung eingestellt, eine gewisse Routine, wenn ich hinausgehe und wenn ich mich mit Leuten treffe. Man hat seine Strategien und seinen Umgang gefunden, hat neue Fähigkeiten erworben.

Ich bin gespannt, was der Frühling und der Sommer uns bringen mag. Momentan schwafeln sie ja schon von einer „dritten Welle“, stellen die Leute bereits darauf ein, dass es über Ostern hinaus so weitergehen wird. Denn der Wille nach draußen zu gehen und Sonne und Wärme zu genießen und auch die Sehnsucht nach menschlichem Kontakt sind stark, trotz unserer tiefen Domestizierung. Die enorme Verkleinerung unseres Käfigs wurde von vielen nur mithilfe des Versprechens, es sei lediglich vorübergehend und nur für ein paar Wochen, akzeptiert. In Düsseldorf haben sie inzwischen ein sogenanntes „Verweilverbot“ erlassen. Man darf draußen nicht mehr stehen bleiben, sich nicht hinsetzen oder hinlegen. Alles, was das Leben noch vom bloßen Funktionieren in dieser Gesellschaft unterscheidet, wird uns genommen. Wie lange lassen es sich die Leute eingehen, dass das Einzige, das zählt, das ÜBERleben ist? Wobei das Motiv des „Überlebens“ und „Leben rettens“ die Rechtfertigung dafür ist, die Herrschaft so auszuweiten wie man will und es als psychologischer Trick dient, um die Leute dazu zu bekommen alles zu akzeptieren und sich zu unterwerfen und zu gehorchen und diese Gesellschaft um jeden Preis aufrechtzuerhalten; eine Gesellschaft, deren Strukturen überhaupt erst für so viele Todesgefahren verantwortlich sind.

Erkämpfen wir uns unseren Raum. Bleiben wir nicht dabei stehen, ihn so zurückzuerlangen, wie er vorher war, sondern befreien wir uns von dieser Kontrolle des Raums, von der Durchdringung jedes Quadratzentimeters durch Herrschaftsbeziehungen, zerschlagen wir unsere Käfige und befreien wir uns von unserer Domestizierung. Denn die Wildnis kennt weder Grenzen noch kontrollierte Umgebungen noch Ausgangsbeschränkungen.

Anmerkungen

[1] Auch wenn natürlich dieser Punkt durchaus seine Verschärfungen in diesem Jahr erfahren hat und der Ausbau technologischer Überwachungsmöglichkeiten unter dem Stichwort „Digitalisierung“ massiv gefördert wird. Stichwort Corona-App, Auswertung von Handydaten zur Nachverfolgung von Infektionsherden, elektronische Meldung ans Gesundheitsamt bei Grenzübergängen, Einsatz von Drohnen zur Überwachung von Menschenansammlungen etc.

Der Mensch ist dem Menschen ein Virus?! – Ein Wutanfall über den erneuten Lockdown und seine Verteidiger

Papa erteilt mal wieder Hausarrest

Papa ist alles mal wieder nicht streng genug, und zu unserem Besten muss er halt mal wieder hart durchgreifen: Deutschlands Vorzeige-Elter Markus Söder schickt seine Kinder mal wieder (natürlich als Erster) in Hausarrest. Ab Mittwoch dürfen Leute wieder einmal nur „mit triftigem Grund“ ihr Zuhause verlassen, teilweise – bei entsprechendem Inzidenzwert – sogar zwischen 21 Uhr und 5 Uhr gar nicht mehr. Außerdem gilt allgemein ein Alkoholverbot (damit übrigens auch ein Glühwein-Verbot) auf öffentlichen Plätzen. Nur an den Weihnachtsfeiertagen sollen die neuen Maßnahmen im „christlichen Familienland Bayern“ gelockert werden, insbesondere für „den Besuch der Christmette“. An Sylvester jedoch, dem „Fest der Freunde“, soll es keine Ausnahme geben. Eigentlich alles wie beim ersten Lockdown, außer dass dieses Mal die Geschäfte geöffnet bleiben. Klar, denn das Weihnachtsgeschäft will man nicht gefährden und was sicher eine Lektion aus dem ersten Lockdown ist, ist, dass man den Leuten die Möglichkeit lassen muss, sich zuhause durch den Konsum von unterschiedlichsten Gütern zu beschäftigen, damit sie nicht komplett durchdrehen. Lediglich strengere Kontrollen der Kundenanzahl in größeren Geschäften soll es geben, zum Leidwesen aller Ladendiebe. Zwar müssen diese Pläne am Dienstag noch vom Landtag abgesegnet werden, doch das sollte wohl nur eine Formsache sein. Denn selbst die Opposition – wie auch schon beim ersten Lockdown – steht hinter der Regierung, auch wenn sie, wäre sie selbst an der Macht, gerne noch strengere Maßnahmen durchsetzen würde: So schwebt beispielsweise irgendeiner SPD-Schnepfe eine „generelle Maskenpflicht“ auf der Straße vor, eine andere forderte Betriebsschließungen über die Weihnachtsferien und wies darauf hin, dass sie all das, was Söder jetzt verkündet hat, bereits früher durchgesetzt hätte.

Die Digitalisierung als Basis für den Umbau zum permanenten Lockdown

Wieder einmal werden wir „zu unserem Besten“ eingesperrt. Doch auch wenn wir damit nun zum zweiten Mal ganz offiziell das Haus  nicht mehr verlassen dürfen (außer in dringenden Fällen) und uns auch sonst alles verboten wurde, das Spaß macht, wurde nun bereits das ganze letzte Jahr, seit Beginn der „Krise“, damit begonnen, ein ganzes soziales Miteinander nachhaltig umzubauen. Angesichts einer Pandemie scheint es für die diejenigen, die über uns herrschen, nur eine Antwort zu geben: sich in autoritären Maßnahmen gegenseitig zu überbieten. Und jeden Menschen so weit wie möglich voneinander zu trennen, sodass eine Ansteckung minimiert werden kann.

In der Logik derjenigen, die die Art und Weise, auf die unsere Gesellschaft funktioniert, auf jeden Fall aufrechterhalten wollen, ist das durchaus nachvollziehbar. Denn in der heutigen Zivilisation kann eine Pandemie eine potenziell dramatische Wirkung entfalten. Wir leben in einer hochtechnologisierten, globalisierten Welt, in der Menschen in Megastädten, in Fabriken und Großraumbüros zusammengepfercht sind, in der wir in immer ähnlicheren, sterilen Lebensbedingungen leben, die für ein Virus ideal sind, und in der „wichtige Geschäftsleute“ durch die ganze Welt jetten, um ihre Geschäfte zu machen. Ein Virus kann sich da rasend schnell verbreiten. Die Lösung derjenigen, die maßgeblich dafür verantwortlich sind der Welt das Aussehen zu verpassen, das sie heute hat: die Flucht nach vorn. Beziehungsweise die Flucht in die virtuelle Realität. Digitalisierung gilt als Zauberformel zur Bekämpfung von Epidemien. Wer glaubt, dass Home Office und Zoom-Meetings nur vorübergehende Phänomene sind, die spätestens mit „Durchimpfung“ der Bevölkerung ein Ende nehmen werden, hat noch nicht verstanden, was sich hier gerade abspielt: „Daheim bleiben. Einfach daheim bleiben, Kontakte reduzieren, Kontakte vermeiden“ ist nicht nur die „Überschrift von allen“ Maßnahmen, die in Bayern vorerst bis zum 5. Januar gelten, sondern auch langfristig das Ziel, um künftige – eventuell auch tatsächlich fatale – Pandemien zu vermeiden. Wozu sich auch im Real Life treffen, wenn angeblich derselbe Spaß auch ohne Infektionsrisiko digital stattfinden kann?

Digitalisierung bedeutet auch eine Erleichterung sozialer Kontrolle. Corona-Warn-App, Drohnenüberwachung, Online-Meetings, etc. ermöglichen eine Überwachung der Menschen, ohne dass an jeder Straßenecke eine Straßensperre durch die Polizei oder das Militär aufgestellt werden muss. Dass diese Gesellschaft ein Knast ist, wurde einem in diesem Jahr eindrucksvoll vor Augen geführt, und es wurde noch nie so offen mit den Vorzügen einer generellen Einsperrung der Menschen geliebäugelt. „Das in sich geschlossene Knast-System hat in Zeiten der Krankheit durchaus Vorteile“, schämte sich beispielsweise die SZ nicht, im Mai in Hinblick auf Corona lobend zu bemerken. Und noch nie wurden autoritäre Regime wie beispielsweise China so positiv hervorgehoben.

Ein Schlag ins Gesicht derjenigen, die sich an die Spielregeln halten

Aber warum so eine harte Verhaltenskontrolle? Wieso reicht ein „Appell an die Eigenverantwortung“ nicht, sondern braucht es auch „Leitplanken“, um Söders Worte zu gebrauchen? Weil es eben auch Uneinsichtige gibt, die nicht ohne Weiteres akzeptieren, zuhause eingesperrt zu werden (wenn sie denn überhaupt ein Zuhause haben), die verantwortungsloserweise lieber leben wollen und dabei eine Ansteckung riskieren, als sich zuhause lebendig zu begraben, die lieber im leidenschaftlichen Verkehr mit anderen Menschen, unkontrolliert und unhygienisch, den Tod riskieren als im goldenen Käfig der eigenen Wohnung Stück für Stück an Vereinsamung zu verenden. Die auch nicht das Problem darin sehen, dass Menschen einander nah sind, einander berühren und in körperlichen Austausch treten, sondern im Kapitalismus, im Staat, in der Zivilisation, in all diesen Institutionen, für die jedes Individuum nur eine zu verwaltende Fallzahl ist, die im Sinne der Mechanismen einer globalisierten und technologischen Welt kontrolliert werden muss, damit das ganze System funktioniert.  Die aktuellen Strukturen müssen sich in der Lage zeigen, mit einer Pandemie oder sonstigen Krisen umzugehen, damit die Leute nicht auf die Idee kommen, die Institutionen zu zerstören, die einen erst in eine solche Lage bringen.

Sollten die hier vorgeschlagenen Maßnahmen zur Eindämmung und Kontrolle der Covid-19-Epidemie nicht greifen, könnte im Sinne einer „Kernschmelze“ das gesamte System in Frage gestellt werden. Es droht, dass dies die Gemeinschaft in einen völlig anderen Grundzustand bis hin zur Anarchie verändert.

Diese Sorge drückte ein Strategiepapier des Bundesinnenministeriums aus, das bereits Mitte März verfasst wurde und das das Bundesinnenministerium Ende April, nachdem es bereits vorher geleakt worden war, selbst veröffentlichte.

Der Mensch ist dem Mensch ein Virus?

„Ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die sich an die Regeln halten“, sei das Verhalten derjenigen, die sich nicht zuhause einsperren lassen, rügte ein Kommentator in einer Münchner Lokalzeitung Leute, die eine Party gefeiert hatten. Wer sich nicht an die Regeln halte, töte mit jedem Atemzug ganz viele Menschen. Das versuchen mir die Institutionen zu verkaufen, die für den Tod so vieler Menschen verantwortlich sind, sei es durch Krieg, Umweltzerstörung und -verschmutzung, durch medizinische Experimente, durch Atomwaffen und Atomkraftwerke, durch Fabrikarbeit, durch Schließung von Grenzen (erinnert sich noch wer an das Massengrab Mittelmeer?), durch Bullen und Militär. Die Institutionen, die unterschiedlichste Lagersysteme zur Massenabfertigung und Verwaltung der Massen eingerichtet haben, die natürlich die Verbreitung eines jeden Virus, aber auch sonstiger potenziell tödlicher oder krank machender Übel befördern, seien es Schulen, Kasernen oder Knäste, seien es Alters- und Pflegeheime, Krankenhäuser, Großraumbüros und Fabriken, Abschiebelager und Asylunterkünfte, öffentliche Verkehrsmittel, Bahnhöfe und Flughäfen. Die bereit sind die Wirtschaft um jeden Preis am Laufen zu erhalten (logisch, denn sonst würde das aktuelle (Wirtschafts-)System auch zusammenbrechen), während sie gleichzeitig „zum Schutz der Menschheit“ bereit sind jegliche soziale Beziehung der Menschen zu zerstören. Denen zur Aufrechterhaltung von „Recht und Ordnung“ jedes Mittel recht ist.

Wenn selbst die Befürworter der Globalisierung, des Kapitalismus, der Technologie, der Zivilisation und des Staates der Meinung sind, dass all dies nur mithilfe von „Social Distancing“ aufrechterhalten werden kann, worauf warten wir dann noch, all diese Scheiße endlich zu zerstören? Und zwar nicht nur Home Office, die Corona-App und die „AHA-Regel“, sondern auch gleich die Institutionen, die uns auch schon „vor Corona“ das Leben zur Hölle gemacht haben?

 

Lasst uns das Gefühl vom Draußen-Sein nicht vergessen, und auch nicht den Geschmack von Freiheit

Dieser Text erschien bereits im April 2020 während des ersten weltweiten Lockdowns unter Vorwand des Coronavirus. Angesichts täglicher Meldungen über erneute Lockdowns wegen einer „zweiten Welle“ aus allen Regionen weltweit und besonders anlässlich eines in Deutschland anstehenden zweiten Lockdowns ist seine Wiederveröffentlichung aktueller, als wir je angenommen hätten. [Anm. d. Red.]

Innerhalb von nur einer Woche kann sich heutzutage sehr viel ändern. Die Welt scheint sich so schnell zu drehen, mensch könnte jede Minute seinen Browser refreshen und sehen, dass schon wieder eine neue Maßnahme der sozialen Kontrolle in Kraft getreten ist.

Zunächst waren die Läden noch voll von panischen Einkäufer*innen, und wir konnten dieselbigen mit den Armen voller gestohlener Waren verlassen, später dann haben wir uns verstohlen durch unsere eigenen Nachbarschaft bewegt, haben heimlich Dinge in nun leeren Läden mitgehen lassen, haben uns klandestin in Hinterhöfen getroffen, einfach nur um der sozialen Interaktion willen, und mussten dann dazu übergehen, Zettel mit uns zu führen, die uns das “Recht” auf das Atmen von frischer Luft einräumen sollen. Und all das innerhalb von nur einer Woche.

Niemals zuvor schien die Polizei so präsent zu sein und noch nie war sie so freudig erregt wie jetzt, da sie den Status der sozialen Helden zugesprochen bekommen hat. Und wir, wir, ducken uns tiefer als jemals zuvor, wenn wir in der Nacht unser Unwesen treiben und das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos hören.

Die Gefühle von Angst als auch von Regeltreue sind schon fast mit Händen zu greifen, selbst sogenannnte Anarchist*innen ermutigen uns dazu, zu Hause zu bleiben und den drakonischen Gesetzen zu gehorchen, die unsere Leben einschränken. Sie sagen, es gehe um Sicherheit, wir sagen, es geht um Kontrolle.

An einigen Orten sind nächtliche Ausgangssperren das neue “normal” geworden; so hat zum Beispiel der französische Präsident allen Stadtverwaltungen erlaubt, wo immer und wann immer sie wollen zwischen 20 Uhr und 6 Uhr eine Ausgangssperre zu verhängen. Aber Ausgangssperren werden die Verbreitung des Virus nicht stoppen. Sie werden lediglich dazu führen, dass Leute, die lieber in der Nacht Sport treiben, oder Angehörige von Risikogruppen, die es vorziehen ihre Hunde dann auszuführen, wenn die Straßen leerer sind, um die Risiken einer Ansteckung für sich gering zu halten, gezwungen werden, all das tagsüber zu tun. Gerade Ausgangssperren sind ein deutliches Zeichen dafür, welcher eigentliche Zweck hinter diesen staatlichen Maßnahmen steckt: Es geht nicht darum, ein Virus in Schach zu halten, sondern darum, eine Bevölkerung in Schach zu halten.

Gerade jetzt, wo die Unruhe steigt, wo in zahllosen Gefängnissen überall auf der Welt Unruhen, Riots und Hungerstreiks ausbrechen, wo die wirtschaftliche Dreifachbedrohung bestehend aus ‘keiner Arbeit – Miete zahlen müssen – Mäuler stopfen müssen’ zunimmt, wo die dauernde Belästigung durch die Polizei immer größer wird, da steigt die Wut in möglichen Teilnehmer*innen an insurrektionalistischen Aufständen beim Anblick der Balkone, auf denen die Leute jetzt immer so passiv sitzen und applaudieren. Der Staat ist sich diesem Risiko nur allzu bewusst, sie wissen um die Möglichkeiten, dass ein Massenmietstreik ausbricht und dass sich die Leute einfach nehmen werden, was sie zum Leben brauchen, und der Staat weiß auch um das Risiko, dass, wie es ja schon passiert ist, nun zunehmend Cops angegriffen werden, wenn sie andere Menschen tyrannisieren.

Wenn es dem Staat nicht gelingt, diese Wut unter Kontrolle zu bekommen, oder es ihm nicht gelingt, sie einzig und allein auf das Virus zu richten, dann wird er überrannt werden; der Winter ist bald vorbei, und mit jedem Tag, den die Menschen drinnen verbringen, sehen die sonnigen Straßen einladender aus. “Bleibt zuhause” sagen sie, aber wie lange können sie das noch wiederholen? In Spanien, Italien, Marokko und Tunesien (und wahrscheinlich noch vielen anderen, unbenannten Orten), reicht es nicht mehr, dass immer nur zu sagen, sondern es muss auch mit Gewalt durchgesetzt werden. Jeden Tag ist dort die Armee auf den Straßen, die die Straßen verbarrikadiert, Bewegungsfreiheiten einschränkt und Leute tyrannisiert (in Spanien zum ersten Mal seit dem Fall des Francoregimes). Überall auf der Welt tun Polizeieinheiten oder die Armee so etwas momentan.

Als Nihilist*innen fanden wir den jetzt berühmt gewordenen Ausspruch vom “social distancing” ja schon immer gut. Wir haben uns schon immer von dieser verabscheuungswürdigen Gesellschaft und allem, was sie uns bieten möchte, ferngehalten. Wir haben “Arbeit” ersetzt durch “Kriminalität” (wofür es nur ein paar wenige Menschen und offene Räume braucht, wobei “Arbeit” Hunderte von Menschen in engen, geschlossene Räumen benötigt), wir beschränken unseren Kontakt zu der ansteckendesten Krankheit von allen, der Autorität, und wir begnügen uns mit engen Beziehungen zu Freund*innen und Mitverschwörer*innen während wir uns von Chef*innen, Kolleg*innen, Verwaltungsbeamt*innen, Fahrkartenkontrolleur*innen, Cops und so weiter fernhalten.

Aber das ist nicht die Art von social distancing, die sie von uns wollen. Sie wollen nicht die Art von social distancing, die das mörderische Unterfangen beenden würde, einen überfüllten Bus zum überfüllten Arbeitsplatz zu nehmen oder die uns daran hindern würde, eine Polizeiwache zu betreten. Sie wollen die Art von social distancing, die uns auseinander bringt.

Jede*r von uns ist neuerdings zu einer tickenden Zeitbombe mutiert, ist eine abstoßende, kranke, infektiöse und monströse Kreatur, die sich und andere hassen sollte und sich von anderen Menschen so weit wie möglich fern zu halten hat. Für diejenigen von uns, die von der Gesellschaft schon vorher als abstoßend befunden wurden (Queere, Transmenschen, Sexarbeiter*innen, Junkies, HIV positive Menschen) mag das kein sonderlich neues Gefühl sein, aber jetzt betrifft das Krankheitsstigma uns alle.

Es hat dazu geführt, dass wir Angst vor menschlichem Kontakt haben, Angst vorm Umarmen, vorm Küssen, vor Treffen auf offener Straße oder bei uns zu Hause, es hat dazu geführt, dass wir mit unseren Liebsten “zoomen” anstatt sie im realen Leben zu treffen, dass wir Google Maps für virtuelle Spaziergänge mit Freund*innen nutzen, anstatt wirklich und wahrhaftig rauszugehen, mit dem Wind auf unserem Gesicht oder der Sonne auf unserem Rücken.

Wir sind genau dort, wo uns der Staat haben will; einsam und isoliert, alleine und depressiv, es ist uns nicht möglich, die Haut von denen, die wir lieben anzufassen oder die Hand ein*er Freund*in zu halten, und gleichzeitig sind wir über unsere IP und Mac Adressen unglaublich leicht lokalisierbar, aufspürbar und überwachbar.

Einige von uns sehen die, die sie lieben, vielleicht über Monate hinweg nicht. Wir sind “gelockdowned”, die Möglichkeiten zur freien Bewegung werden weniger und weniger und viele von uns akzeptieren das, weil wir den Glauben, dass wir das Risiko sind, internalisiert haben.

Aber das Problem sind nicht wir, nicht mal das Virus selbst ist das Problem. Das Problem sind Staaten, denen es egal ist, ob gewisse Leute sterben, Staaten, die immer mehr und mehr Macht anhäufen wollen, Staaten, die jetzt völlig ungestraft überall all die neusten Maßnahmen zur Überwachung austesten. Selbst sentimentale Liberale, die oft wenigstens noch die schlimmsten Auswüchse von Überwachung kritisiert haben, verstehen diese jetzt als “nötig” und feiern es sogar, wenn solche Maßnahmen eingeführt werden. Um hier mal den größten linken Schwachkopf Owen Jones (britischer Politiker der britischen linken Labor Partei), Held der Linken, aus Großbritannien zu zitieren “Ich hätte ja nie gedacht, dass ich mal erleichtert sein würde, zusammen mit Millionen anderer von einem Polizeistaat unter der Führung von rechten Tories (rechtskonservative Partei in GB) unter Hausarrest gestellt zu werden.”

Doch wir weigern uns, der Verzweiflung anheim zu fallen. Wir weigern uns, diese neue Form des Existierens auszuhalten. Innerhalb unserer eingegrenzten Aufenthaltsorte haben wir Wege und Mittel gefunden, um die Isolation zu durchbrechen, um geheime Treffen abzuhalten, Zusammenkünfte und Parties zu organisieren. Wir fälschen Schreiben über angebliche Arzttermine mit deren Hilfe wir uns weiter von unserem Wohnort wegbewegen können als offiziell erlaubt. Wir tauschen Adressen von Freunden untereinander, sodass wir uns innerhalb der Stadt von Ort zu Ort bewegen können ohne uns je zu weit von “zu Hause” wegzubewegen. Wir lernen andere Arten der Fortbewegung kennen und nutzen; denen schon lange bekannt, für die die Tore Europas seit jeher geschloßen sind (Laster, Güterzüge, andere Fortbewegungmittel, die für den “Warenverkehr” benötigt werden, usw). Wir finden neue Wege, um uns durch die Stadt zu bewegen, wie Seitengässchen, U-Bahn Tunnel, Bahnschienen und entdecken alte Methoden der Fortbewegung wieder, wie zum Beispiel das gute alte Fahrrad.

Außerdem haben wir gemerkt, dass es Anhaltspunkte dafür gibt, dass Maske und Handschuhe dazu beitragen die Polizei, wenn du denn zufällig auf sie triffst, davon zu überzeugen, dass du ein “gesetzestreuer Bürger” bist. Es reduziert die Wahrscheinlichkeit, an Checkpoints aufgehalten zu werden und wenn doch, dann erhöht es die Chancen, dass du ohne weitere Probleme wieder laufen gelassen wirst. Das sind scheinbar gute Neuigkeiten.

Klar gibt es da draußen viele, die uns verantwortungslos nennen, die uns erzählen, dass wir uns selbst und andere gefährden würden. Zusätzlich zu dem “Fick dich”, das wir ihnen entgegenschleudern, lässt sich noch Folgendes sagen. Wir entscheiden selbst, uns dem Risiko auszusetzen, unsere Freund*innen und die Menschen, die wir lieben, entscheiden sich selbst dazu, sich dem Risiko auszusetzen. Wie schon gesagt, social distancing ist etwas das wir mit einem Großteil der Gesellschaft bereits tun. Außerdem ist Entscheidungsfreiheit genau das, worum es hier geht, wir ENTSCHEIDEN uns dafür, uns dem Risiko auszusetzen, Supermarktmitarbeiter*innen oder Deliveroo Lieferant*innen haben keine solche Wahl, über ein Risiko zu entscheiden, dem sie aber ausgesetzt sind, ebenso wie Gefangene keine Wahl haben; all diese Leute haben am Tag zehn mal mehr soziale Interaktionen als wir es haben und stellen für sich selbst und andere ein viel größeres Risiko dar, als wir es tun, wenn wir unsere Freund*innen besuchen. Der Unterschied ist, dass die Leute den Wert, den eine Wirtschaft hat, als wichtig erachten, ebenso wie sie die Herrschaft von Gesetzen anbeten. Sich gegenseitig bringen sie aber keine Wertschätzung entgegen, und auch nicht ihrem eigenes Glück und ihrer Freiheit.

Wenn wir die Straßen jetzt aufgeben, bekommen wir sie dann je zurück?

Wenn wir verinnerlichen, dass es normal ist, Abstand zu denen zu halten, an denen uns etwas liegt und Nähe nur zu denen zu suchen, mit denen zusammen wir Wert anhäufen, werden wir uns dann je wieder daran erinnern, wie mensch Nähe zu anderen aufbaut?

Wenn wir unsere Leben einmal dem Staat aushändigen, bekommen wir sie dann je zurück?

Warum sollten wir den Befehlen jener gehorchen, die systematisch Gesundheitssysteme kaputtgemacht haben, jene Gesundheitssysteme, die jetzt Leben retten könnten?

Warum sollten wir denen zuhören, die so viele Millionen Menschen an AIDS und EBOLA haben sterben lassen, weil die es nicht wert waren, gerettet zu werden, aber jetzt in Panik verfallen, weil es endlich ein Virus gibt, dass auch vor weißen reichen Männern nicht Halt macht?

Warum sollten wir denen zuhören, die Zigmillionen in Banken, die Polizei, Armeen, große Konzerne und Grenzkontrollen pumpen und den Rest von uns verrotten lassen?

Ist es denn immer noch nicht klar geworden, dass der Feind der ist, der uns erzählt, dass wir Abstand voneinander halten sollen, wogegen wir widersprechen? Wir sagen: Abstand vom Staat, nicht Abstand von unseren Freund*innen.

Wenn mehr von uns diese Geisteshaltung annehmen würden, wenn mehr von uns auf den Straßen wären, dann wäre es für sie schwieriger, uns zu kontrollieren. Ja, das würde auch heißen, dass es mehr Infektionen gäbe, mehr Tote, mehr Brualität; aber hinterfrage dich mal ernsthaft, lebst du gerade eigentlich? Zu Hause sitzend, mit einem kostenlosen Porn Hub Abo und einer betäubenden Droge deiner Wahl…? Können wir bitte wenigstens ein bisschen mehr “Leben” vor dem Tod haben…

 

Übersetzung des Textes “We must not forget the feel of the outdoors not the taste of freedom”, aus dem zine “It’s the end of the world as we know it, volume II” im April im Down and and out Distro erschienen

Wilde Fahrradhorden gegen die Ausgangsbeschränkungen

Seit den geltenden Ausgangsbeschränkungen Ende März wurden in verschiedenen Stadtteilen Münchens mehrmals wilde Züge Radfahrer*innen gesichtet, die sich nicht an die Vorgaben zur Isolation und Kontrolle des Staates hielten.

Die bunten Horden durchbrachen die kollektive Schweigsamkeit mit Musik und lautem Rumgegröle und provozierten allerhand Reaktionen: Zumeist positive von Lächeln bis Zugejubel, aber auch schockierte Blicke und Fassungslosigkeit.

Spuren wurden in Form von Flugzetteln hinterlassen mit Sprüchen gegen die Ausgangsbeschränkungen, den Staat und die Autoritäten, wie „Der Staat probiert gerade wie weit er gehen kann. Tun wir dasselbe“, „Unser Zuhause ist die Rebellion“ oder „Jeder Kuss ein Verbrechen, jede Umarmung eine Verschwörung“.

Da sie unerwartet auftauchten, ständig in Bewegung blieben und sich je nach Bedarf auflösen konnten, kam es nie zu Problemen mit den Cops. Es gibt also genug Lücken der Unkontrollierbarkeit, die auch tagsüber mit mehreren Menschen ausgenutzt werden können.

Quelle: de.indymedia.org

Tod den Statistikern!

„So viel haben sie schon gelernt, daß sie nur den Statistiken glauben, die sie selbst gefälscht haben.“ (1946)

Wo soll man anfangen bei diesem Wahn?

Die Tatsache dass wir alle sterben können und dass daraus von irgendwelchen Leuten, welche an unserer Verwaltung teilhaben, Statistiken gemacht werden können die wir – im Normalfall – nicht kennen, ist keine Neuigkeit. Die Neuigkeit ist, dass wenn solche Statistiker mit den Zahlen etwas wilder und schockierender herumfuchteln, scheinbar die Herde bereit ist, alles mit sich machen zu lassen…

Es wurde von anarchistischer Seite immer wieder darauf hingewiesen, dass die Welt mehr und mehr zu einem Freiluftgefängnis wird. Wem das heute nicht offenbar wird, der muss wohl taub und blind sein, wobei sogar dass noch keine ausreichende Ausrede wäre.

„Die Alten und Schwachen“ werden zu einer Ausrede für jegliche noch so faschistische Massnahme – wohlgemerkt: dass die Alten und Schwachen dabei nicht gefragt werden, dass es sich um abstrakte „Alte und Schwache“ handelt, sollte bemerkt werden. Wenn es bestimmt einer „Risikogruppe“ zugeordnete Leute gibt, welche ihr – real oder mögliches – gering statistisch erhöhtes Sterberisiko derart über sämtliche Bedürfnisse aller anderen stellen, dass sie denken, um dieses zu mindern, gehöre die halbe Menschheit, wenn nicht sogar die ganze, eingesperrt… nun, solche Leute mag es geben. Aber sie haben zumindest eins auf die Fresse verdient, auch wenn man davon absehen mag – angesichts ihres schwächelnden Zustands. Sie könnten doch auch einfach einfordern, von anderen bei ihrer Selbstquarantäne unterstützt zu werden. Aber ja, es gibt eben nicht nur solche, welche die leichte Verlängerung ihres wahrscheinlich ohnehin schon leidvollen Lebens über die Freiheit – und sei es nur die gestrige, lächerliche Freiheit in der Demokratie – aller anderen stellen. Es gibt zumindest auch kranke, schwache, lungengeschädigte, alte, etc. Menschen, welche nicht komplett spinnen und verstehen, dass ihr Sterben – wobei dieser Prozess ja bei den meisten „Risikogruppen“-Zugehörigen ohnehin schon begonnen hat – nicht dazu herhalten sollte, alle zuhause einzusperren und die menschliche Zivilisation in ein riesiges Lager zu verwandeln. Gerade diese viel als „Grund“ herhaltenden Alten können sich vielleicht ja auch noch an die 40er, 30er und teils auch 20er Jahre erinnern. Und wenn sie etwas Bewusstsein haben, und nicht schon damals Nazis oder ähnliches waren, so finden sie das wohl beängstigend, was jetzt gerade läuft. Bullen, die einem vorschreiben zuhause zu bleiben. Die in alle Wohnungen eindringen dürfen. Die sich alles herausnehmen dürfen. Die einem sämtliche Rechte absprechen. Dafür muss man ja noch nichtmal die Nazi- und Kriegszeit erlebt haben. Es reicht ja auch, wie eine nicht ganz unbedeutende Politikerin erklärte, an die DDR zu denken. Aber es geht nicht lange, und sie schwenkte ein. Es geht nicht lange, und alle schwenken ein.

Das Einschwenken in die Rolle passiert dabei schnell. Als „Risikogruppe“. Als normaler. Als Herdentier. Alle machen „Mäh“ und „Muh“ und finden sich ab mit ihrer Rolle als Zuschauer. Als Zuschauer und auf jeden Fall den Statistikern unterworfene.

Aber ja, wo bleiben denn die Demokraten? Das frag ich mich. Nichteinmal das demokratische Grundrecht ist ja mehr gewährt. Aber natürlich: das mit der Quarantäne steht ja im Grundgesetz. Seuchenschutz und sowieso. Aber, der gute Demokrat könnte ja immerhin noch seine „freie Meinung“ vertreten, und die Verhältnismässigkeit anzweifeln. Was ja auch getan wird. Von einer liberalen Ärzteopposition die allerdings dafür nicht schlecht diskriminiert und diffamiert wird. Zum Beispiel als verschwörungstheoretisch. Obwohl sie nicht im geringsten von einer Verschwörung reden. Aber, die Beleidigung „Verschwörungstheoretiker“ hält ja seit ihrem Aufkommen in der Post 911 Ära ohnehin schon für vieles her, was einfach dem gutgläubigen Schaf nicht ins Konzept passt… und weil Argumentieren und logisches Denken ohnehin nichts ist, was der allgemeine Medienkonsument und geschulbildete irgendwo gelernt hätte – wo auch? – ist eben sämtliches kritische Infragestellen an Identitäten gebunden, wobei „Verschwörungstheoretiker“ wohl die moderne Ketzerei wär, während der offizielle spektakuläre Diskurs die offizielle Religion darstellt. Es bleibt nur abzuwarten, wann die Inquisition kommt…

Aber eben, hier soll es mir nicht um solche Glaubensfragen gehen. Es macht natürlich vielleicht Sinn, sich die ärztliche Opposition, etwa einen Prof. Dr. Hockertz oder das berliner Praxiskollektiv u.Ä. mal anzuschauen, welche nüchtern und ganz im Verhältnis zu normalen demokratischen Werten argumentieren, und ziemlich offensichtlich besser argumentieren über das sogenannte Covid-19… Aber jenseits des Glaubens an die Spezialisten und Statistiker aller Sorte und ihre Diskussionen, bzw. Dogmatik und Abwendung jeglicher Diskussion, bleibt wohl die grundlegendere Frage, ob wir denn ein Virus, und sei es die Fiktion einer Zombieapokalypse, wie sie wohl im mehr oder weniger vom Fernseher weichgespülten Unbewussten der grossen Mehrheit herumspukt, als Argument für das Aufgeben sämtlicher noch zugestandener Freiheiten oder irgend einer Freiheit genügen würde…?

„Das Spektakel will es zu nichts anderem bringen als zu sich selbst“, behauptete Guy Debord…

Entmenschlichung ist nicht erst von gestern

Für den Statistiker bin ich nur eine Nummer, wie ich für den Staat nur eine Nummer bin, wie ich es für die Netzanbieter, Parteien, Kapitalisten und Politiker bin. Wie ich es für Bill Gates, Söder, WHO, Robert-Koch-Institut und ihre Handlanger bin. Nur eine Nummer. Eine Grösse die es zu verwalten gilt, aus der so und so viel Kapital gemacht werden kann, die ein Störfaktor ist oder nicht. Zumindest nur eine Nummer. Ein Mensch? Aber was ist ein Mensch? Ein Individuum? Aber was versteht denn ein Statistiker von Individualität? Eine Nummer, die Träger eines Virus sein könnte… wie alle. Die ein Risiko darstellen könnte für das normale Funktionieren der Gesellschaft oder jetzt halt der Quarantäne…

Eine Quarantäne, welche den Zusammenbruch des gesellschaftlichen Konsenses aufhalten soll. Welche benutzt wird, um Milliardenpakete in die Wirtschaft zu stecken… die Unternehmen zu retten, die Industrie zu retten… die Digitalisierung durchzusetzen…

Es ist naheliegend und vielleicht auch nötig, darauf hinzuweisen, dass dieses Geld nicht in den Aufbau eines Gesundheitssystems gesteckt werden soll, welches wirklich jede Pandemie aushalten könnte. Dass ein solches herzustellen für den Staat möglich wäre, ist ausser Frage. Zumindest gegenwärtig wäre es für alle, die jetzt wegen Corona paranoid werden, die einzige relevante Frage. Wenn Italien in den letzten 10 Jahren 150 Krankenhäuser geschlossen hat, ist es dann überraschend, wenn Corona dort ein grosser Sterbefaktor wird? In Deutschland wurde auch massivst privatisiert und „neoliberalisiert“, und auch das macht sich jetzt bemerkbar – im worst case Szenario zumindest. Aber ja, wir sind ja gar nicht deswegen im Gefängnis, denn dieses ist noch nicht ansatzweise eingetreten! Aber ja, zumindest mal präventiv alle einsperren.

Diese Argumentationslinien liessen sich alle weiter verfolgen, aber es bleibt das Gefühl, dass man damit dem grundlegenden Faktor dieses absurden Schauspiels nichteinmal nahekommt. Die Linken mögen nun fordern, dass der Staat künftig hunderte Krankenhäuser baut und die Reichen dafür bezahlen. Aber das würde nicht passieren ohne Revolution. Und eine Revolution in der die Linken (bzw. irgendwer) an die Macht kommt, wäre nicht besser als diese Ausgangssperre und an der Misere, eine verwaltete Nummer zu sein, würde sich nichts ändern…

Dieser Text wurde vor 1-2 Wochen geschrieben.

Von brennenden Parkbänken, Müllcontainern und Zeitungskästen

Es liegt eine Spannung über der Stadt. Kannst du sie spüren? Hörst du das Knistern, wenn sich hier und dort die angestaute Wut der Menschen entlädt? Kannst du die Gereiztheit spüren, wenn zum hundertsten Mal eine Bullenstreife durch den Park fährt? Kannst du spüren, wie in dir der Drang zu leben, nicht bloß zu überleben, erwacht?

Es ist ein offenes Geheimnis; Keine*r sagt es, alle wissen es: In München hält sich kaum eine*r an die Ausgangssperre, kaum eine*r an das Kontaktverbot. Scheinbar zufällig treffen sich die Menschen im Park, an der Isar und freilich auch bei sich Zuhause. Sie setzen sich auf benachbarte Parkbänke, um den Anschein zu wahren, mensch sei sich nur zufällig begegnet. Die Grünflächen in den Parks und an der Isar sind voll. Nur einige machen Sport, werfen sich mehr oder weniger lustlos ein Frisbee zu oder spielen Federball. Viele sitzen oder liegen aber auch einfach da. Und die Bullen? Die haben, wie es scheint, längst aufgegeben. Nur selten sieht mensch sie noch kontrollieren. Die meiste Zeit beschränken sie sich darauf, Präsenz zu zeigen, Streife durch die vollen Parks zu fahren, in der Hoffnung, dass das genügt, um die Menschen unter Kontrolle zu halten. Auch sie werden die Spannung, die sich über München ausbreitet, wahrgenommen haben. Und sie wissen: Wenn sich diese Spannung entlädt, dann hilft auch das ganze Militär, das zur Verstärkung bereitsteht nichts. Also versuchen sie keinen Anlass zu geben. Das Fass durch unnötige Schikanen nicht zum Überlaufen zu bringen und dennoch einzuschüchtern. Durch Patrouillen zu zeigen: Wir sind noch immer da, übertreibt es nicht.

Unterdessen setzen sich immer mehr Menschen aktiv zur Wehr gegen die Unterdrückung des Staates. Längst dürfte den Bullen klar geworden sein, dass ihre Scheiß-Kontrollen auch für sie selbst gefährlich werden können. Nachdem bereits am Donnerstag, den 02. April, ein Bulle im Krankenhaus landete, weil sich jemand eine Kontrolle nicht gefallen lassen wollte, waren es am Mittwoch, den 08. April gleich zwei Bullen, die nach einer Kontrolle dienstunfähig waren. Auch so lässt sich die Polizeipräsenz eindämmen.

Aber es sind nicht nur die direkten Angriffe auf die Bullen, die von der Spannung, die über dieser Stadt liegt, zeugen: Zahlreiche Brände in der vergangenen Woche, bei denen Parkbänke (Grünwald), Abfallbehälter (Aubing, Lochhausen, Neuaubing, Pasing, …) und Zeitungsständer (Aubing, Hasenbergl, …) (meist des Nachts) in Brand gesteckt wurden oder einige der scheiß E-Scooter abgefackelt wurden, zeugen davon, dass es zumindest einigen reicht.

Mögen diese Flammen all denen, die die Schnauze voll haben von all der Herrschaft und Kontrolle, ein Leuchtfeuer sein. Mögen sie der Funke sein, der die Revolte gegen den Staat und seine Schergen entzündet.

[Hamburg] Privat-PKW von Zollbeamtem abgebrannt

Der Zoll ist klar als festes Standbein des deutschen Staates zu betrachten. Die Vollzugsbereiche der Zollverwaltung arbeiten in vielen Bereichen eng mit den Polizeien der Länder und des Bundes sowie anderen Behörden zusammen. Sie sind Strafverfolgungsbehörden und werden auch zur Terrorbekämpfung eingesetzt. Wenn auch die EU-Außengrenzen weit weg scheinen, so sind es doch auch hier die Behörden, die fester Bestandteil der Abschottung und somit der Ermordung und Isolierung Tausender an den Grenzen sind. […]

Ob im In- oder Ausland sind sie als wichtiges Rädchen der unterdrückerischen Politik zu betrachten und somit absolut angreifbar. Ob einfache Streifenbullen, BePo, BFE, USK, GSG, SEK, Bundespolizei, Reiterstaffel, Staatschutz, Verfassungsschuz, oder eben der Zoll. Alle tragen ihren Teil zur Unterdrückung und Überwachung menschlichen Lebens bei.

Wenn das Ziel ein herrschaftsfreies Leben ist, so geht der Weg daher einher mit Angriffen auf die aufrechterhaltenden Strukturen der Macht. Die Diener des Staates bleiben die selben Unterdrücker, auch wenn sie nach Feierabend ihre Uniformen ausziehen und in ihr bürgerliches Privatleben zurückkehren. Doch wenn sie nicht aufpassen trifft es sie auch vor der eigenen Haustür. So brennt Sonntag Nacht ein Privat-SUV eines Zollbullen in Eimsbüttel.

Gerade in Zeiten der Pandemie und der einhergehenden Verschärfung und Einschränkung der Bewegungsfreiheit ist es um so wichtiger sich die eigene Handlungsfähigkeit zu bewahren und sich selbst und anderen Subversiven zu zeigen, dass der Kampf gegen die Zwänge dieser Zeit immer weiter geht, egal wie verrückt und schwierig es scheint. Wenn in der vom Staat gewollten Isolierung klein bei gegeben und der drohenden Ausgangssperre Schulter zuckend gegenüber gestanden wird, wird ihm die Chance gegeben seine Machenschaften ungestört und ohne Beobachtung fortzusetzen. Denn die Herrschenden sind nicht von Ausgangssperren und der gleichen betroffen. Es werden weiter munter Leute abgeschoben und in den Tod geschickt, Menschen nach rassistischen Merkmalen kontrolliert und eingesperrt, anarchistische Wohnprojekte, wie in Berlin, belagert und an der Demontage eines freien und würdevollen Lebens gearbeitet.

Ob Zoll oder Streife, ob privat oder im Dienst.
Feuer der Aufrechterhaltung der Macht.
Liebe und Freiheit den Kämpfenden Menschen an den Grenzen und in den Knästen!