Tag Archives: Ausgangssperre

Wilde Fahrradhorden gegen die Ausgangsbeschränkungen

Seit den geltenden Ausgangsbeschränkungen Ende März wurden in verschiedenen Stadtteilen Münchens mehrmals wilde Züge Radfahrer*innen gesichtet, die sich nicht an die Vorgaben zur Isolation und Kontrolle des Staates hielten.

Die bunten Horden durchbrachen die kollektive Schweigsamkeit mit Musik und lautem Rumgegröle und provozierten allerhand Reaktionen: Zumeist positive von Lächeln bis Zugejubel, aber auch schockierte Blicke und Fassungslosigkeit.

Spuren wurden in Form von Flugzetteln hinterlassen mit Sprüchen gegen die Ausgangsbeschränkungen, den Staat und die Autoritäten, wie „Der Staat probiert gerade wie weit er gehen kann. Tun wir dasselbe“, „Unser Zuhause ist die Rebellion“ oder „Jeder Kuss ein Verbrechen, jede Umarmung eine Verschwörung“.

Da sie unerwartet auftauchten, ständig in Bewegung blieben und sich je nach Bedarf auflösen konnten, kam es nie zu Problemen mit den Cops. Es gibt also genug Lücken der Unkontrollierbarkeit, die auch tagsüber mit mehreren Menschen ausgenutzt werden können.

Quelle: de.indymedia.org

Tod den Statistikern!

„So viel haben sie schon gelernt, daß sie nur den Statistiken glauben, die sie selbst gefälscht haben.“ (1946)

Wo soll man anfangen bei diesem Wahn?

Die Tatsache dass wir alle sterben können und dass daraus von irgendwelchen Leuten, welche an unserer Verwaltung teilhaben, Statistiken gemacht werden können die wir – im Normalfall – nicht kennen, ist keine Neuigkeit. Die Neuigkeit ist, dass wenn solche Statistiker mit den Zahlen etwas wilder und schockierender herumfuchteln, scheinbar die Herde bereit ist, alles mit sich machen zu lassen…

Es wurde von anarchistischer Seite immer wieder darauf hingewiesen, dass die Welt mehr und mehr zu einem Freiluftgefängnis wird. Wem das heute nicht offenbar wird, der muss wohl taub und blind sein, wobei sogar dass noch keine ausreichende Ausrede wäre.

„Die Alten und Schwachen“ werden zu einer Ausrede für jegliche noch so faschistische Massnahme – wohlgemerkt: dass die Alten und Schwachen dabei nicht gefragt werden, dass es sich um abstrakte „Alte und Schwache“ handelt, sollte bemerkt werden. Wenn es bestimmt einer „Risikogruppe“ zugeordnete Leute gibt, welche ihr – real oder mögliches – gering statistisch erhöhtes Sterberisiko derart über sämtliche Bedürfnisse aller anderen stellen, dass sie denken, um dieses zu mindern, gehöre die halbe Menschheit, wenn nicht sogar die ganze, eingesperrt… nun, solche Leute mag es geben. Aber sie haben zumindest eins auf die Fresse verdient, auch wenn man davon absehen mag – angesichts ihres schwächelnden Zustands. Sie könnten doch auch einfach einfordern, von anderen bei ihrer Selbstquarantäne unterstützt zu werden. Aber ja, es gibt eben nicht nur solche, welche die leichte Verlängerung ihres wahrscheinlich ohnehin schon leidvollen Lebens über die Freiheit – und sei es nur die gestrige, lächerliche Freiheit in der Demokratie – aller anderen stellen. Es gibt zumindest auch kranke, schwache, lungengeschädigte, alte, etc. Menschen, welche nicht komplett spinnen und verstehen, dass ihr Sterben – wobei dieser Prozess ja bei den meisten „Risikogruppen“-Zugehörigen ohnehin schon begonnen hat – nicht dazu herhalten sollte, alle zuhause einzusperren und die menschliche Zivilisation in ein riesiges Lager zu verwandeln. Gerade diese viel als „Grund“ herhaltenden Alten können sich vielleicht ja auch noch an die 40er, 30er und teils auch 20er Jahre erinnern. Und wenn sie etwas Bewusstsein haben, und nicht schon damals Nazis oder ähnliches waren, so finden sie das wohl beängstigend, was jetzt gerade läuft. Bullen, die einem vorschreiben zuhause zu bleiben. Die in alle Wohnungen eindringen dürfen. Die sich alles herausnehmen dürfen. Die einem sämtliche Rechte absprechen. Dafür muss man ja noch nichtmal die Nazi- und Kriegszeit erlebt haben. Es reicht ja auch, wie eine nicht ganz unbedeutende Politikerin erklärte, an die DDR zu denken. Aber es geht nicht lange, und sie schwenkte ein. Es geht nicht lange, und alle schwenken ein.

Das Einschwenken in die Rolle passiert dabei schnell. Als „Risikogruppe“. Als normaler. Als Herdentier. Alle machen „Mäh“ und „Muh“ und finden sich ab mit ihrer Rolle als Zuschauer. Als Zuschauer und auf jeden Fall den Statistikern unterworfene.

Aber ja, wo bleiben denn die Demokraten? Das frag ich mich. Nichteinmal das demokratische Grundrecht ist ja mehr gewährt. Aber natürlich: das mit der Quarantäne steht ja im Grundgesetz. Seuchenschutz und sowieso. Aber, der gute Demokrat könnte ja immerhin noch seine „freie Meinung“ vertreten, und die Verhältnismässigkeit anzweifeln. Was ja auch getan wird. Von einer liberalen Ärzteopposition die allerdings dafür nicht schlecht diskriminiert und diffamiert wird. Zum Beispiel als verschwörungstheoretisch. Obwohl sie nicht im geringsten von einer Verschwörung reden. Aber, die Beleidigung „Verschwörungstheoretiker“ hält ja seit ihrem Aufkommen in der Post 911 Ära ohnehin schon für vieles her, was einfach dem gutgläubigen Schaf nicht ins Konzept passt… und weil Argumentieren und logisches Denken ohnehin nichts ist, was der allgemeine Medienkonsument und geschulbildete irgendwo gelernt hätte – wo auch? – ist eben sämtliches kritische Infragestellen an Identitäten gebunden, wobei „Verschwörungstheoretiker“ wohl die moderne Ketzerei wär, während der offizielle spektakuläre Diskurs die offizielle Religion darstellt. Es bleibt nur abzuwarten, wann die Inquisition kommt…

Aber eben, hier soll es mir nicht um solche Glaubensfragen gehen. Es macht natürlich vielleicht Sinn, sich die ärztliche Opposition, etwa einen Prof. Dr. Hockertz oder das berliner Praxiskollektiv u.Ä. mal anzuschauen, welche nüchtern und ganz im Verhältnis zu normalen demokratischen Werten argumentieren, und ziemlich offensichtlich besser argumentieren über das sogenannte Covid-19… Aber jenseits des Glaubens an die Spezialisten und Statistiker aller Sorte und ihre Diskussionen, bzw. Dogmatik und Abwendung jeglicher Diskussion, bleibt wohl die grundlegendere Frage, ob wir denn ein Virus, und sei es die Fiktion einer Zombieapokalypse, wie sie wohl im mehr oder weniger vom Fernseher weichgespülten Unbewussten der grossen Mehrheit herumspukt, als Argument für das Aufgeben sämtlicher noch zugestandener Freiheiten oder irgend einer Freiheit genügen würde…?

„Das Spektakel will es zu nichts anderem bringen als zu sich selbst“, behauptete Guy Debord…

Entmenschlichung ist nicht erst von gestern

Für den Statistiker bin ich nur eine Nummer, wie ich für den Staat nur eine Nummer bin, wie ich es für die Netzanbieter, Parteien, Kapitalisten und Politiker bin. Wie ich es für Bill Gates, Söder, WHO, Robert-Koch-Institut und ihre Handlanger bin. Nur eine Nummer. Eine Grösse die es zu verwalten gilt, aus der so und so viel Kapital gemacht werden kann, die ein Störfaktor ist oder nicht. Zumindest nur eine Nummer. Ein Mensch? Aber was ist ein Mensch? Ein Individuum? Aber was versteht denn ein Statistiker von Individualität? Eine Nummer, die Träger eines Virus sein könnte… wie alle. Die ein Risiko darstellen könnte für das normale Funktionieren der Gesellschaft oder jetzt halt der Quarantäne…

Eine Quarantäne, welche den Zusammenbruch des gesellschaftlichen Konsenses aufhalten soll. Welche benutzt wird, um Milliardenpakete in die Wirtschaft zu stecken… die Unternehmen zu retten, die Industrie zu retten… die Digitalisierung durchzusetzen…

Es ist naheliegend und vielleicht auch nötig, darauf hinzuweisen, dass dieses Geld nicht in den Aufbau eines Gesundheitssystems gesteckt werden soll, welches wirklich jede Pandemie aushalten könnte. Dass ein solches herzustellen für den Staat möglich wäre, ist ausser Frage. Zumindest gegenwärtig wäre es für alle, die jetzt wegen Corona paranoid werden, die einzige relevante Frage. Wenn Italien in den letzten 10 Jahren 150 Krankenhäuser geschlossen hat, ist es dann überraschend, wenn Corona dort ein grosser Sterbefaktor wird? In Deutschland wurde auch massivst privatisiert und „neoliberalisiert“, und auch das macht sich jetzt bemerkbar – im worst case Szenario zumindest. Aber ja, wir sind ja gar nicht deswegen im Gefängnis, denn dieses ist noch nicht ansatzweise eingetreten! Aber ja, zumindest mal präventiv alle einsperren.

Diese Argumentationslinien liessen sich alle weiter verfolgen, aber es bleibt das Gefühl, dass man damit dem grundlegenden Faktor dieses absurden Schauspiels nichteinmal nahekommt. Die Linken mögen nun fordern, dass der Staat künftig hunderte Krankenhäuser baut und die Reichen dafür bezahlen. Aber das würde nicht passieren ohne Revolution. Und eine Revolution in der die Linken (bzw. irgendwer) an die Macht kommt, wäre nicht besser als diese Ausgangssperre und an der Misere, eine verwaltete Nummer zu sein, würde sich nichts ändern…

Dieser Text wurde vor 1-2 Wochen geschrieben.

Von brennenden Parkbänken, Müllcontainern und Zeitungskästen

Es liegt eine Spannung über der Stadt. Kannst du sie spüren? Hörst du das Knistern, wenn sich hier und dort die angestaute Wut der Menschen entlädt? Kannst du die Gereiztheit spüren, wenn zum hundertsten Mal eine Bullenstreife durch den Park fährt? Kannst du spüren, wie in dir der Drang zu leben, nicht bloß zu überleben, erwacht?

Es ist ein offenes Geheimnis; Keine*r sagt es, alle wissen es: In München hält sich kaum eine*r an die Ausgangssperre, kaum eine*r an das Kontaktverbot. Scheinbar zufällig treffen sich die Menschen im Park, an der Isar und freilich auch bei sich Zuhause. Sie setzen sich auf benachbarte Parkbänke, um den Anschein zu wahren, mensch sei sich nur zufällig begegnet. Die Grünflächen in den Parks und an der Isar sind voll. Nur einige machen Sport, werfen sich mehr oder weniger lustlos ein Frisbee zu oder spielen Federball. Viele sitzen oder liegen aber auch einfach da. Und die Bullen? Die haben, wie es scheint, längst aufgegeben. Nur selten sieht mensch sie noch kontrollieren. Die meiste Zeit beschränken sie sich darauf, Präsenz zu zeigen, Streife durch die vollen Parks zu fahren, in der Hoffnung, dass das genügt, um die Menschen unter Kontrolle zu halten. Auch sie werden die Spannung, die sich über München ausbreitet, wahrgenommen haben. Und sie wissen: Wenn sich diese Spannung entlädt, dann hilft auch das ganze Militär, das zur Verstärkung bereitsteht nichts. Also versuchen sie keinen Anlass zu geben. Das Fass durch unnötige Schikanen nicht zum Überlaufen zu bringen und dennoch einzuschüchtern. Durch Patrouillen zu zeigen: Wir sind noch immer da, übertreibt es nicht.

Unterdessen setzen sich immer mehr Menschen aktiv zur Wehr gegen die Unterdrückung des Staates. Längst dürfte den Bullen klar geworden sein, dass ihre Scheiß-Kontrollen auch für sie selbst gefährlich werden können. Nachdem bereits am Donnerstag, den 02. April, ein Bulle im Krankenhaus landete, weil sich jemand eine Kontrolle nicht gefallen lassen wollte, waren es am Mittwoch, den 08. April gleich zwei Bullen, die nach einer Kontrolle dienstunfähig waren. Auch so lässt sich die Polizeipräsenz eindämmen.

Aber es sind nicht nur die direkten Angriffe auf die Bullen, die von der Spannung, die über dieser Stadt liegt, zeugen: Zahlreiche Brände in der vergangenen Woche, bei denen Parkbänke (Grünwald), Abfallbehälter (Aubing, Lochhausen, Neuaubing, Pasing, …) und Zeitungsständer (Aubing, Hasenbergl, …) (meist des Nachts) in Brand gesteckt wurden oder einige der scheiß E-Scooter abgefackelt wurden, zeugen davon, dass es zumindest einigen reicht.

Mögen diese Flammen all denen, die die Schnauze voll haben von all der Herrschaft und Kontrolle, ein Leuchtfeuer sein. Mögen sie der Funke sein, der die Revolte gegen den Staat und seine Schergen entzündet.

[Hamburg] Privat-PKW von Zollbeamtem abgebrannt

Der Zoll ist klar als festes Standbein des deutschen Staates zu betrachten. Die Vollzugsbereiche der Zollverwaltung arbeiten in vielen Bereichen eng mit den Polizeien der Länder und des Bundes sowie anderen Behörden zusammen. Sie sind Strafverfolgungsbehörden und werden auch zur Terrorbekämpfung eingesetzt. Wenn auch die EU-Außengrenzen weit weg scheinen, so sind es doch auch hier die Behörden, die fester Bestandteil der Abschottung und somit der Ermordung und Isolierung Tausender an den Grenzen sind. […]

Ob im In- oder Ausland sind sie als wichtiges Rädchen der unterdrückerischen Politik zu betrachten und somit absolut angreifbar. Ob einfache Streifenbullen, BePo, BFE, USK, GSG, SEK, Bundespolizei, Reiterstaffel, Staatschutz, Verfassungsschuz, oder eben der Zoll. Alle tragen ihren Teil zur Unterdrückung und Überwachung menschlichen Lebens bei.

Wenn das Ziel ein herrschaftsfreies Leben ist, so geht der Weg daher einher mit Angriffen auf die aufrechterhaltenden Strukturen der Macht. Die Diener des Staates bleiben die selben Unterdrücker, auch wenn sie nach Feierabend ihre Uniformen ausziehen und in ihr bürgerliches Privatleben zurückkehren. Doch wenn sie nicht aufpassen trifft es sie auch vor der eigenen Haustür. So brennt Sonntag Nacht ein Privat-SUV eines Zollbullen in Eimsbüttel.

Gerade in Zeiten der Pandemie und der einhergehenden Verschärfung und Einschränkung der Bewegungsfreiheit ist es um so wichtiger sich die eigene Handlungsfähigkeit zu bewahren und sich selbst und anderen Subversiven zu zeigen, dass der Kampf gegen die Zwänge dieser Zeit immer weiter geht, egal wie verrückt und schwierig es scheint. Wenn in der vom Staat gewollten Isolierung klein bei gegeben und der drohenden Ausgangssperre Schulter zuckend gegenüber gestanden wird, wird ihm die Chance gegeben seine Machenschaften ungestört und ohne Beobachtung fortzusetzen. Denn die Herrschenden sind nicht von Ausgangssperren und der gleichen betroffen. Es werden weiter munter Leute abgeschoben und in den Tod geschickt, Menschen nach rassistischen Merkmalen kontrolliert und eingesperrt, anarchistische Wohnprojekte, wie in Berlin, belagert und an der Demontage eines freien und würdevollen Lebens gearbeitet.

Ob Zoll oder Streife, ob privat oder im Dienst.
Feuer der Aufrechterhaltung der Macht.
Liebe und Freiheit den Kämpfenden Menschen an den Grenzen und in den Knästen!

Rebellion in Zeiten der Ausgangssperre

Wir befinden uns in einer Situation, die jedem gänzlich neu ist: Ähnlich wie in Kriegszeiten oder in Strafhaft sind unsere Freiheitsrechte auf ein Minimum gekürzt, nur dass dieses mal der „Feind“ unsichtbar ist und unser Gefängnis unser Zuhause. Katastrophenfall, Ausnahmezustand, Ausgangssperre, Pandemie, Medienbombardement, Panik, Verunsicherung und Vereinzelung… An dieser Stelle geht es nicht darum, die tödlichen Folgen des Coronavirus zu relativieren oder einzuschätzen – auf medizinischer Ebene kann ich das nicht beurteilen. Worum es mir aber geht ist eine Kritik an der stattfindenden autoritären Formierung, sprich an dem durch den Staat deklarierten Kriegszustand und den Folgen, den dies für uns und die Gesellschaft hat. Denn während mit Verweis auf die entsprechenden Experten dieser Tage jeder Gesetzesentwurf und jeder Erlass durchgewunken wird und keiner vorherzusagen vermag, wie die Situation in einer Woche aussehen könnte, brauchen wir keine Experten um zu wissen, dass der Ausnahmezustand in Zeiten der Krise und des Krieges allzu schnell zur Normalität wird (erinnert sich noch jemand an den„Krieg gegen den Terror“ oder die „Flüchtlingskrise“ ?).

Die soziale Misere: Einsam, digital und gehorsam

In der Always-On-Gesellschaft hat die Geschwindigkeit und allgemeine Präsenz der Nachrichten ein neues Niveau erreicht: Im Live-Ticker können wir die Infiziertenzahlen beobachten und umso schneller wächst unsere Verunsicherung… die Angst vor dem Infizieren, vor dem Kranken, vor dem Mitmenschen, vor dem Nachbarn. Währenddessen positionieren sich die Politiker an vorderster Front im Krieg gegen den Feind und versichern uns, dass sie wüssten, was das beste sei. „Zuhause bleiben! Zufrieden bleiben“ sei alles, was wir zu tun hätten. Einigkeit beweisen und den Aufforderungen Folge leisten, denn schließlich sei jetzt „der falsche Moment für Kritik“. Und schwuppsdiwupps finden wir uns in einem totalitären Szenario der Kontrollgesellschaft wieder: Man sollte das Haus nicht mehr verlassen und ferner jene melden, die diesem Erlass nicht gehorchen. Der brave Bürger wird sich seiner Verantwortung bewusst und ruft ferner die 110, wenn er vermutet, die Nachbarn feiern eine Party. Währenddessen steigt die Internetnutzung auf ein neues Höchstniveau, denn uns wird weis gemacht, dass es ja eine andere Welt gäbe, in die wir flüchten könnten, wenn wir uns in die uns umgebende nicht mehr hinaus trauen dürften: Die digitale Welt. Denn anstatt sich zu bewegen und Kontakte zu pflegen, wird das Leben ins Digitale verlagert. Anstatt hinauszugehen und Freunde zu treffen, kann man ja auch miteinander chatten, Serien schauen, zu Hause arbeiten, alles vor die Wohnungstür liefern lassen, Pornos schauen, im Internet Kritik äußern und sich austauschen oder einfach nur Games spielen. Im digitalen Rausch wird das Leben künstlich und entfremdet und letztendlich entschwindet uns jegliche Möglichkeit etwas an der uns umgebenden Wirklichkeit zu verändern. Gestresst, unausgelastet, überfordert und mit viereckigen Augen innerhalb der eigenen vier Wände herumgammeln – soll das die Zukunft sein? Permanent eingesperrt und von neuen Schreckensnachrichten verschreckt steigen in solchen Szenarien allgemeinhin die Zahlen derjenigen, die sich entschließen solch einem Leben selbst ein Ende zu bereiten; als auch die zwischenmenschliche und häusliche Gewalt, die meist von Männern gegenüber Frauen ausgeübt wird.

Auf unbeschränkte Zeit im Freiluftgefängnis

Während ich diesen Text schreibe, fährt ein paar Parallelstraßen weiter ein Polizeiwagen umher, dessen Lautsprecher laut verkünden, dass man zu Hause bleiben solle. Gleichzeitig sitzen einige hohe Politiker zusammen und regeln inwiefern die Ausgangsbeschränkungen bundesweit angeglichen werden. Der Funkmast, welcher auf dem Dach eines Nachbarhauses steht, sammelt die Bewegungs- und Kontaktdaten aller Handys, die sich in seinem Umkreis befinden, und die Betreiberfirmen Telekom und Vodafone wird diese dann weiterreichen, so dass analysiert werden kann, mit wem Infizierte wohl Kontakt hatten und inwiefern die Ausgangsbeschränkung eingehalten wird. In ein paar Tagen wird der Staat wahrscheinlich die Ausgangsbeschränkung zu einer Sperre machen und Rechte wie das Briefgeheimnis und die Unverletzlichkeit der Wohnung aufheben. Somit wird weitgehend durchleuchtet, wer mit wem und wo Kontakt hat, wer wo wohnt und sich wo aufhält und die staatlichen Subjekte somit kategorisiert, eingeteilt und geordnet bzw. getrennt. Zudem wird unter dem Ruf nach totalem Gehorsam eine globale Militarisierung der Gesellschaft herbeigeführt, die so noch nie existiert hat. Geschlossene Grenzen, sich für den Einsatz auf der Straße vorbereitende Soldaten, Verbot jeglicher Ansammlung von Menschen und Helikopter, die mittels Wärmebildkameras nach eben diesen suchen. Dass China als Musterstaat im Kampf gegen die Seuche gilt, zeigt wohin die Reise geht: Über unseren Köpfen schwebende Drohnen, die uns Befehle geben, Barcodes auf unseren Smartphones, die uns nach nicht nachvollziehbaren Algorithmen den Gang in den Supermarkt erlauben oder uns zwangsmäßig quarantänisieren, die Abriegelungen ganzer Städte und Checkpoints an jeder Ecke. Dass ein „Experte“ in Italien bereits vorgeschlagen hat, den Quarantänisierten auch noch elektronische Fußfesseln zu geben, damit man sicher gehen könne, dass diese nicht das Haus verlassen, verdeutlicht, dass die Stadt nunmehr in ein Freiluftgefängnis verwandelt wurde und die Methoden der Disziplinierung, Kontrolle, Verwaltung, Bestrafung und Überwachung auf alle Bürger angewandt werden. Wer sich nunmehr damit begnügt, diese kurze Zeit der Einschränkung abzuwarten und sich online zu amüsieren, dem ist nicht nur nichts an Freiheit gelegen, sondern der versteht auch nicht, dass dieser Zustand mehr als ein paar Tage andauern wird.

Die Normalität ist die wirkliche Krise

Aus der bevölkerungs-politischen Sicht der Herrschenden hat es keinerlei Sinn, diesen Ausnahmezustand nur für zwei Wochen zu halten. Wer die Gesellschaft einfrieren will um einen Virus zu stoppen, der muss aus virologischer Sicht mindestens ein Jahr tun. Und auch wenn die Beschränkungen danach gelockert oder aufgehoben werden, werden die Folgen enorm sein: Wer einsam, digital und gehorsam lebt, der trainiert sich dieses Verhalten auch an. Während wir vor einigen Monaten noch global explodierende Proteste und Aufstände gesehen haben, werden die Mittel der Aufstandsbekämpfung und sozialen Verblödung tiefe Narben hinterlassen: Denn wer einsam und digital lebt, lässt sich auch seiner Möglichkeiten und Mittel zu diskutieren, revoltieren und sich mit seinen Freunden selbstzuorganisierenberauben. Während sich der Staat zum Schützer von Leib und Leben inszeniert, verbietet er uns jegliches soziales Leben. Doch wir wissen, dass der Staat und seine Industrie es sind, die permanent töten, diese Welt mit Kriegen übersähen, Geflüchtete an den Grenzen sterben lassen und seit hunderten von Jahren die Erde zerstören und aussaugen. Der Staat spielt sich zum Hüter des Allgemeinwohls auf, doch tatsächlich will er uns als Arbeitssklaven und gehorsame Soldaten sehen, die für seine verpestende Industrie Profite produzieren und bereit sind in seinen Kriegen zu sterben. Der Staat schützt in erster Linie die Reichen und wenn jemand in dieser wirtschaftlichen Krise auf die Idee kommen wird sich bei eben diesen zu nehmen, woran es ihm oder ihr mangelt, werden die Staatsdiener nicht zögern auf die Plünderer und Diebe zu schießen. Kapitalismus und Staat benötigen Krisen und Ausnahmezustände um ihre Macht über uns zu vergrößern und zu verhärten – der Virus ist nicht der Grund dafür, sondern der Auslöser. Der Staat ruft uns auf Verantwortung zu übernehmen, doch verbietet es uns uns selbst zu organisieren, uns zu treffen und gegenseitig zu helfen. Wir sollen vor dem Bildschirm sitzen und „ja“ und „Amen“ sagen, doch wenn wir die Rolle des Untertanen verlassen, erklärt er uns den Krieg.

Wenn der Staat jegliche unser Bewegungen und Beziehungen kontrollieren und verhindern will, müssen wir Wege suchen uns trotz alledem zu bewegen und zu treffen. Wenn uns das Notwendige zum Leben knapp wird, müssen wir es uns da nehmen, wo es davon im Überfluss gibt. Wenn wir voneinander getrennt und eingesperrt werden, dürfen wir uns nicht als Konkurrenten oder Feinde sehen, sondern als Menschen mit denen wir uns zusammen tun können – als mögliche Helfer und Komplizen. Wenn die Augen des Staates immer omnipräsenter und die Schlinge des Kapitalismus an unserem Hals immer enger werden, müssen wir nach Möglichkeiten suchen diese auszustechen und zu durchtrennen.

Regiert sein heißt unter polizeilicher Überwachung stehen, inspiziert, spioniert, dirigiert, mit Gesetzen überschüttet, reglementiert, eingepfercht, belehrt, bepredigt, kontrolliert, eingeschätzt, abgeschätzt, zensiert, kommandiert zu werden durch Leute, die weder das Recht, noch das Wissen, noch die Tugend dazu haben…

Regiert sein heisst, bei jeder Handlung, bei jedem Geschäft, bei jeder Bewegung versteuert, patentiert, notiert, registriert, erfasst, taxiert, gestempelt, vermessen, bewertet, lizenziert, autorisiert, befürwortet, ermahnt, behindert, reformiert, ausgerichtet, bestraft zu werden.

Es heisst, unter dem Vorwand der öffentlichen Nützlichkeit und im Namen des Allgemeininteresses ausgenutzt, verwaltet, geprellt, ausgebeutet, monopolisiert, hintergangen, ausgepresst, getäuscht, bestohlen zu werden; schliesslich bei dem geringsten Widerstand, beim ersten Wort der Klage unterdrückt, bestraft, heruntergemacht, beleidigt, verfolgt, misshandelt, zu Boden geschlagen, entwaffnet, geknebelt, eingesperrt, füsiliert, beschossen, verurteilt, verdammt, deportiert, geopfert, verkauft, verraten und obendrein verhöhnt, gehänselt, beschimpft und entehrt zu werden.

Das ist die Regierung, das ist ihre Gerechtigkeit, das ist ihre Moral. Die Regierung des Menschen über den Menschen ist die Sklaverei. Wer immer die Hand auf mich legt, um über mich zu herrschen, ist ein Usurpator und ein Tyrann. Ich erkläre ihn zu meinem Feinde.«

Eine Übersetzung dieses Textes ins Englische findest du auf der Seite The Plaque and the Fire.

Eine Übersetzung dieses Textes ins Italienische findest du auf der Seite The Plaque and the Fire.

Eine Übersetzung dieses Textes ins Französische findest du bei Sans Attendre Demain.