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Der Klimawandel ist die Phantasterei einer Rechenmaschine!

Über die Entstehungsbedingungen eines militärisch-politischen Kontrollinstruments und seinen resultierenden grünen techno-wissenschaftlichen Totalitarismus

[Es ist so weit: Beim Zündlumpen hat man sich endgültig um den Verstand gesoffen oder gekifft – ein Verdacht, den manch eine*r schon immer heimlich gehegt hat – und nun wird nach Corona und dem Segen der Immunisierungsimpfungen sogar der Klimawandel „geleugnet“. Zeit dieses „Schwurbelblatt“ endgültig ad acta zu legen? Aber doch sicher nicht, ohne sich zuvor noch die geballte Dröhnung dieses ketzerischen Beitrags zu geben und diesen letzten Trip noch einmal voll auszukosten – und wer weiß, vielleicht bleibst du darauf ja hängen; Editorische Anmerkung der Redaktion]

Wenn man die Theorie des Klimawandels, wie sie uns heute beinahe als ontologische Tatsache präsentiert wird, nutzen wollen würde, um die sozialen und ökologischen Katastrophen (besser) zu verstehen, die sich um uns herum ereignen, so ist es meines Erachtens nach unbedingt notwendig, sich auch mit der Genese dieser wissenschaftlichen Theorie auseinanderzusetzen. Denn egal was man nun im Allgemeinen von der modernen Wissenschaft halten mag, egal ob man diese als kolonial und patriarchal betrachtet oder als ein Werkzeug der Emanzipation, egal ob man einer wissenschaftlichen Analyse mehr Bedeutung beimisst als einem Gefühl, einer Erfahrung oder einem Traum – und ich sage nicht, dass diese Fragen nicht von Belang wären, ich will sie nur vorerst zurückstellen –, so muss man doch zumindest der Wissenschaft als Institution, ihren zahlreichen staatlich-kapitalistischen und militärischen Instituten, ihren Hierarchien und vor allem den aus ihrer Forschung resultierenden Technologien ein Minimum an Misstrauen entgegen bringen, wenn man vermeiden will, nicht einer Ideologie aufzusitzen, wenn man nicht in Manier der Kirchgänger*innen, die ergeben den Priestern lauschen, willentlich oder unwillentlich am nächsten Kreuzzug, der nächsten Inquisition oder – zeitgemäßer ausgedrückt – dem nächsten Kolonialisierungsfeldzug mitwirken will. Vor diesem Hintergrund will ich zunächst eine – von leviathanischer Geschichtsschreibung gar nicht allzu divergierende – Geschichte der Erforschung des Klimawandels erzählen, eine Geschichte, die 1945 nirgendwo anders beginnt als in Hiroshima und Nagasaki.

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Am 6. und 9. August 1945 wurden die „Little Boy“ und „Fat Man“ getauften Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen und löschten dabei insgesamt rund 100.000 Menschen von einem Wimpernschlag auf den nächsten aus und hinterließen noch einmal mindestens ebenso viele verstümmelte Überlebende, die das nächste Jahr nicht mehr erleben sollten. Der als Schwarzer Regen bekannt gewordene Fallout dieser Atomexplosionen sollte die Militärstrategen der US-Armee in den folgenden Jahren noch intensiv beschäftigen und diese Beschäftigung würde schließlich ein gänzlich neues, interdisziplinäres Forschungsfeld hervorbringen. Wie verteilt sich der Fallout einer Atombombe in der Atmosphäre und den Meeren? Was hat das für Auswirkungen? Und wie lässt sich feststellen, ob nicht gerade vielleicht ein anderer, feindlicher Staat, eine solche genozidale Superwaffe testet? Diese Fragen trieben hochrangige Militärs um und ließen sie des Nachts nicht schlafen und so beauftragten sie diverse Wissenschaftler*innen, unter anderem auch Geologen, Meteorologen und Ozeanologen damit, Antworten auf diese Fragen zu finden.

Bei ihren Untersuchungen entwickelten einige dieser Wissenschaftler*innen eine heute sehr populäre Theorie weiter und schufen Möglichkeiten, mithilfe globaler Messungen diese Theorie zu bestätigen (wie sich eine wissenschaftliche Theorie eben bestätigen lässt): Es geht natürlich um den Kohlenstoffdioxid-induzierten Treibhauseffekt. Als im Jahre 1957/58 ein internationales Geophysikalisches Jahr ausgerufen wird (ein freilich politisches Manöver zur Legitimation militärischer Forschung und Aufrüstung, wie der in diesem Rahmen ins All geschossene Satellit Sputnik und das gescheiterte Vanguard-Projekt, das in diesem Rahmen ebenfalls einen US-Satelliten in den Orbin befördern wollte, zeigen), erhält unter anderem Charles David Keeling erhebliche Fördermittel, um weltweit mithilfe entsprechender Sensoren den CO₂-Gehalt der Atmosphäre zu messen. Seine Messreihe, die auch Keeling-Kurve genannt wird, ist der erste wissenschaftliche Beweis für einen kontinuierlichen Anstieg des CO₂-Gehalts in der Atmosphäre. Etwa zeitgleich, ab dem Jahre 1956, entwickelt der Wissenschaftler Gilbert Plass  ein Computermodell, das die zu erwartende globale Erwärmung aufgrund dieses CO₂-Anstiegs errechnen sollte. Diese Berechnungen können wohl als die historische Geburtsstunde dessen gelten, was uns heute von der Popkultur, ebenso wie von Staaten und Regierungen, aber auch Klimaaktivist*innen und sogar zahlreichen Anarchist*innen als „Klimawandel“ untergejubelt wird. Gilbert Plass, bzw. eigentlich muss man ja sagen, sein Computer errechnete – oder sollte man es orakeln nennen? – für eine Verdoppelung des CO₂-Gehalts in der Atmosphäre einen globalen Temperaturanstieg um 3,6 Grad Celsius. Bis zum Jahr 2000 würde die Temperatur, bei einem angenommenen Anstieg der CO₂-Konzentration um 30 %, um rund 1 Grad ansteigen.

Es lohnt sich zu bemerken, dass zeitgleich zu dieser Forschung Atombombentests in gigantischem Umfang stattfinden, sowohl überirdisch als auch unterirdisch, im Wasser und in der Luft. Dabei werden ganze Landstriche verwüstet, Tiere und Pflanzen ausgelöscht, Menschen zwangsweise umgesiedelt (beispielsweise auf Bikini und Enyu, aber keineswegs nur dort), sowie tausende Versuchstiere gezielt den Explosionen ausgesetzt und folglich ermordet und verstümmelt. Mehrere hunderttausende Menschen sterben in der unmittelbaren Umgebung der Testorte an den Folgen dieser Tests. Was dabei als radioaktiver Fallout auch Bevölkerungen und Natur weit ab von den Testorten vergiftet, lässt sich heute kaum noch bestimmen, auch, weil nicht nur die Tests selbst, sondern auch deren Auswirkungen der Geheimhaltung unterliegen. In der Sowjetunion und den USA wird darüber hinaus auch am „zivilen Einsatz“ von Atomsprengköpfen, etwa zum Bau von Kanälen, usw. geforscht.

Die einst zum Zwecke der Bestimmung der Auswirkung von Atombomben bestellten Forscher*innen, sie haben längst ihren eigenen Umgang mit dieser unfassbaren Auslöschung von Leben gefunden. Sie interessieren sich nicht mehr für radioaktive Strahlung und deren Folgen, sondern für CO₂. Und dabei widmen sie sich vor allem zwei ganz neuen Sparten militärischer Forschung: dem Computer und der Raumfahrt.

Es lohnt sich hier, noch einmal einen Schritt zurückzutreten, in die 1940er Jahre und uns die Arbeit von John von Neumann zu Gemüte zu führen, einem der heute als Urväter der Informatik geltenden Wissenschaftler, die damals für das US-Militär arbeiteten. Nachdem er sich zuvor bereits vor allem mit Fragen der Ballistik und den Druckwellen von Bomben- und Minenexplosionen beschäftigt hatte, wirkte von Neumann ab 1943 am sogenannten Manhattan-Projekt mit, das jene Atombomben hervorbrachte, die 1945 die Bevölkerungen von Hiroshima und Nagasaki auslöschen würden. Von Neumann gehörte dabei nicht zu jenen Wissenschaftler*innen, die im Anschluss an diese Atombombenabwürfe wenigstens vorgaben entsetzt darüber zu sein, was sie geschaffen hatten – sofern man das überhaupt für glaubwürdig halten mag –, und sich auf recht wirkungslose und ebenso beschränkte Weise, wie es einem*r Wissenschaftler*in, die*der ein*e solche*r bleibt, eben zuzutrauen ist, gegen nukleare Waffen einsetzten; Nein, von Neumann nahm am darauffolgenden atomaren Wettrüsten aktiv teil und trug unter anderem dazu bei, die Wasserstoffbombe zu entwickeln. Neben seinem Engagement als Atombombenbauer engagierte sich von Neumann jedoch auch wesentlich auf dem Gebiet der Kybernetik. Zusammen mit deren populären Begründer Norbert Wiener organisierte er im Winter 1943/44 ein Treffen von Ingenieuren, Neurowissenschaftlern und Mathematikern, das sich mit den „Gemeinsamkeiten zwischen dem Gehirn und Computern“ beschäftigte. Er trug auch maßgeblich zum Bau von Computern bei, leitete eigene militärische Projekte zur Entwicklung von Computern, mit denen beispielsweise ballistische Berechnungen durchgeführt werden sollten. Bereits 1946 schlug von Neumann vor, Computer zur numerischen Wetterprognose zu verwenden, im März 1950 wurde auf dem militärischen Großrechner ENIAC, der von Neumann mit entwickelt worden war, die erste solche computergestützte Wettervorhersage auf Basis tatsächlicher Wetterdaten errechnet. Diese Berechnungen und die dabei entstandenen Modelle würden die Grundlage der in den späten 50er und frühen 60er Jahren aufkommenden, computerbasierten Klimamodelle bilden. Nach den Arbeiten von Gilbert Plass entwickelten Syukuro Manabe und Richard Wetherald 1967 das „Manabe-Wetherald one dimensional radiative-convective model“, das für eine Verdopplung des CO₂-Gehalts der Atmosphäre einen globalen Temperaturanstieg um 2,3 ° C vorhersagte. Dieses und die folgenden computerbasierten Modelle zur Vorhersage von Klimaphänomenen basieren vor allem darauf, dass die aus verschiedenen Eisbohrkernen der Arktis und Antarktis (die in der Regel vom oder mit Unterstützung des US-Militärs aus dem Eis gebohrt wurden) gewonnenen Daten über frühere CO₂-Konzentrationen der im Eis eingeschlossenen Luft der Atmosphäre, sowie die heutigen Messungen damit simuliert werden. Spiegeln die Ergebnisse diese (sehr selektiv erhobenen) realen Messungen aus diesen Proben wieder, gelten sie als tauglich, tun sie das nicht, gelten sie als untauglich (was auf mehr als 90% solcher Modelle zutrifft) und werden verworfen. Es handelt sich also bei diesen Modellen um wissenschaftliche Orakel, deren genaue Funktionsweise selbst den entwickelnden Forscher*innen unergründlich bleibt, von denen man sich jedoch erhofft, dass diese auf die eine oder andere Weise möglichst präzise Vorhersagen machen.

Im Zusammenhang mit dem atmosphärischen CO₂-Messungen der Vergangenheit und Gegenwart sind besonders zwei Phänomene, der sogenannte Kernwaffen-Effekt und der Suess-Effekt, hervorzuheben. Die Klimawissenschaft selbst widmet diesen Phänomenen bloß insofern Aufmerksamkeit, als dass sie diese bei der Kalibrierung ihrer Messmethoden berücksichtigt, abseits der wissenschaftlichen Brille betrachtet, könnte sich aus diesen Phänomenen, wie aus der Tatsache, dass es die Militärforschung um Atomwaffen und Kernphysik ist, die so gut wie alle Grundsteine der Klimawandelforschung legte, ein ganz anderes Bild ergeben: In der Atmosphäre kommt der in CO₂ gebundene Kohlenstoff in verschiedenen Isotopformen vor, vor allem als 12C und 14C. Isotope sind Atome des gleichen Elements, was sich durch die Protonenanzahl im Kern auszeichnet, bei denen jedoch die Neutronenanzahl verschieden ist. 12C etwa hat 12 Neutronen im Kern, 14C dagegen 14. 14C ist leicht radioaktiv. Es wird von der Wissenschaft angenommen, dass in der Atmosphäre stets ein gewisses Gleichgewicht aus 12C und 14C-Isotopen des CO2 gebundenen Kohlenstoffs existiert, weil die 14C-Isotopen in höheren Atmosphärenschichten gleichmäßig durch die Sonneneinstrahlung aus Stickstoffatomen entstehen und mit einer gewissen Halbwertszeit wieder zu 12C-Isotopen zerfallen. Das Verhältnis aus 12C und 14C-Isotopen müsste also eigentlich über die Zeiten konstant sein. Ist es aber nicht. Neben angenommenen natürlichen Ursachen für Schwankungen werden vor allem zwei Technologie-induzierte Schwankungsursachen angenommen: Der Suess-Effekt trägt zu einer Verschiebung dieses Gleichgewichts in Richtung der 12C-Isotope bei. Diese Verschiebung beginnt vor ca. 150 Jahren mit der Industrialisierung und der vermehrten Verbrennung von fossilen Brennstoffen, in denen sich die 14C-Isotope aufgrund des hohen Alters ihrer Bindung, das ihre Halbwertszeit oft überschreitet, durch den radioaktiven Zerfall größtenteils in 12C-Isotope verwandelt haben. Das bei der Verbrennung frei werdende CO₂ enthält also eine deutlich höhere Konzentration an 12C-Isotopen als das atmosphärische Gleichgewicht und verschiebt dieses folglich in Richtung einer höheren 12C-Konzentration. Eine umgekehrte Verschiebung dieses Gleichgewichts wird durch den sogenannten Kernwaffeneffekt bewirkt. Insbesondere durch die oberirdischen Wasserstoffbombentests ab 1953 hat sich der Anteil der 14C-Isotope in der Atmosphäre verdoppelt, da bei einer Kernwaffenexplosion solche Isotopen freigesetzt werden. Bis heute hat sich das 12C/14C-Verhältnis nicht wieder normalisiert. Bei Unterwasser-Kernwaffentests werden übrigens ebenfalls 14C-Isotope freigesetzt, die sich jedoch kaum vertikal im Ozean verteilen, sondern teilweise eine etwa 1 Meter dicke Wasserschicht auf hunderte von Quadratkilometern radioaktiv kontaminieren. Mittlerweile testet man Atomwaffen deshalb nicht mehr in Luft oder Wasser, sondern unter der Erde … Jaja, was die Wissenschaft nicht alles für uns tut.

Die bereits angesprochenen Computermodelle für Klimaorakeleien wurden Mitte der 1960er Jahre durch eine weitere militärische Technologie ergänzt: Satelliten. Schun kurz nachdem 1959/60 die ersten militärischen Erdbeobachtungssatelliten, auch Spionagesatelliten genannt, von den USA aus ins All geschickt  wurden und sich zunächst vor allem mit der Beobachtung der UdSSR, der Volksrepublik China und schon bald mit dem Mittleren Osten (insbesondere im Sechstagekrieg) beschäftigten, wurde 1960 von den US-Behörden ESSA (Environmental Science Services Administration), NASA (National Aeronautics and Space Administration) und NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration) das erste Wettersatellitenprogramm namens TIROS (Television and InfraRed Observation Satellite) ins Leben gerufen. Die Satelliten der TIROS-Generation waren mit Kameras ausgestattet, die eine Auflösung von etwa 3 Kilometer und einer Beobachtungsbreite (Schwadbreite) von rund 1200 Kilometern besaßen. Zudem befanden sich Strahlungsmessgeräte an Bord, die beinahe das gesamte Spektrum elektromagnetischer Strahlung abdeckten und eine Auflösung von 50 Kilometer hatten. Ab 1966 standen die in diesem Rahmen ins All beförderten Satelliten der Klimaforschung zur Verfügung. Das bereits parallel begonnene Wettersatellitenprogramm Nimbus lieferte dem bereits erwähnten Klimapropheten Manabe 1969 jene Messdaten, mit denen sein Klimamodell „verifiziert“ werden konnte (d.h. es errechnete ähnliche Ergebnisse). Die seither in der Klimaforschung eingesetzten Erdbeobachtungssatelliten dienen dazu, Eisfelder zu vermessen und damit deren Schwund zu bestimmen, die Wärmerückstrahlung der Erdoberfläche zu bestimmen, Wind- und Meeresströmungen zu beobachten, usw.

Es dauert nicht lange, bis die Klimaforschung, die zuvor beinahe ausschließlich eine militärische Angelegenheit gewesen war, auch zu einem weltpolitischen Gegenstand wird. 1979 wird in Genf die erste Weltklimakonferenz abgehalten, aus der in weiterer Folge das Weltklimaforschungsprogramm ebenso wie das IPCC, das Intergovernmental Panel of Climate Change, auch bekannt als Weltklimarat hervorgehen werden. Ein letztes Mal noch wird die Klimaforschung in den 1980er Jahren auf ihr Entstehungsgebiet, nämlich die Folgenabschätzung von Kernwaffeneinsätzen zurückkommen. Unter der Bezeichnung „Nuklearer Winter“ sollte vor den Auswirkungen eines globalen Atomkriegs gewarnt werden, die durch eine Verdunkelung der Atmosphäre durch Ruß, Rauch und Staub als globaler Temperaturabfall um 6 bis 8 Grad prognostiziert werden. Als Reagan und Gorbatschow jedoch ihre Atomraketen wieder einpacken, wird mit ihnen auch jegliche populäre Referenz der Klimawandelforschung auf diese Epoche atomarer Vernichtungswaffen verschwinden. Mit dem zunehmenden Dahinscheiden des Kalten Krieges gewinnt der sogenannte Klimawandel als ordnungspolitisches Paradigma der Weltpolitik an Bedeutung. In den 90er Jahren wird eine Klimakonferenz die nächste jagen, bei denen Staaten untereinander regeln, wie viel CO₂ sie jeweils ausstoßen dürfen und so dieses eindimensionale Maß für die Zerstörung der Biosphäre gefestigt wird. Motivation für diese Konferenzen: Durch die prognostizierten Folgen einer globalen Erderwärmung sehen sich die Herrschenden existenziell bedroht. Sie fürchten nicht nur Hungersnöte in Folge von Naturkatastrophen und kollabierenden Ökosystemen, sondern vor allem auch Aufstände ihrer Bevölkerungen sowie Völkerwanderungen, die ihre geopolitischen Interessen gefährden. Diese Überlegungen sind bis heute maßgeblich und führten zu einer neuen Aufrüstungswelle, die weniger in genozidale Superwaffen investiert (auch wenn solche Projekte längst nicht vollständig eingestellt wurden), als in Grenztechnologie und andere Technologien des globalen Bevölkerungsmanagements (siehe auch den Artikel „Planspiel Klimawandel“ in dieser Ausgabe).

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Was hat nun diese Genese des heute weitverbreiteten Szenarios eines Klimawandels damit zu tun, ob ich mich dieser Analyse guten Gewissens bedienen kann, um die ökologische Zerstörung dieses Planeten besser zu begreifen?

Zunächst einmal fällt unweigerlich auf, dass die Zerstörung der Biosphäre seit der Entwicklung des Modells „Klimawandel“ weitergegangen ist, ja vielfach sogar noch zugenommen hat, ebenso wie bereits vor der Etablierung dieses Modells als allgemein anerkanntes Szenario Menschen auch ohne Rückgriff darauf begriffen haben, dass die industrielle Verpestung der Umwelt, die Betonwüsten der Städte und die landwirtschaftliche Vernichtung von Lebewesen fatale Folgen für das (freie) Leben auf diesem Planeten haben. Weder lässt sich also sagen, dass die globale Zerstörung der Biosphäre nur mithilfe des Modells des „Klimawandels“ begriffen werden kann, noch hätte dieses neue Verständnis dieser Zerstörung dazu beigetragen, dass irgendeine Änderung eingetreten wäre. Soweit verhält sich das Modell „Klimawandel“ also bestenfalls neutral, wie übrigens so viele wissenschaftliche Dogmen.

Zugegeben: Die bildmächtige kulturelle Rezeption des Szenarios „Klimawandel“ vermag noch einmal eine andere Sprache zu sprechen, als die sich hinter ihr versteckende Wissenschaft. Sie bedient sich dessen, was die Wissenschaft als eine bestimmte Anzahl an Tonnen CO₂ zu abstrahieren pflegt, wenigstens als Bilder gigantischer Rauchwolken über Kohlekraftwerken oder als beinahe faschistisch anmutende, allmorgend- und allabendliche Autoparaden durch die Straßen irgendeiner (Beton-)Stadt. Doch es ist gar nicht im engeren Sinne die wissenschaftliche Theorie des Klimawandels, die dort im Vergleich zu irgendwelchen für den gemeinen Fernsehzuschauer beeindruckenden ebenso wie exotischen Naturaufnahmen über das Gerät flimmernden Bildern dargelegt wird. Nein, es sind ja eben keine nuklearen Differenzialgleichungen, keine Schaltpläne von Computern, ja nicht einmal die Schaubilder irgendeines der zahlreichen kybernetischen Klimamodelle, die dort gezeigt werden.  All das, es wäre dem gemeinen Fernsehzuschauer völlig unbegreiflich, ebenso wie es dem vielleicht wissenschaftlich-mathematisch-kybernetisch geschulten Auge bloß eine rationale, emotionslose Erläuterung eines Modells bleibt und selbst den entwickelnden Wissenschaftler*innen selbst ein nettes Zahlenspiel ist, angetrieben von einer vielleicht gewissermaßen verständlichen Faszination, das fehlende Element in einem Rätsel zu finden und manchmal vielleicht auch von irgendwelchen technokratischen Utopien beflügelt oder wenigstens von der Aussicht eines Karriereschubs.

Man kann nun freilich darauf vertrauen, dass die Damen und Herren Wissenschaftler*innen, die sich in ihrem Alltag mit jenen Zahlenspielen befassen und mal hier, mal dort eine Zahl austauschen, einen Parameter hinzufügen oder entfernen oder eine gänzlich neue Gleichung aufstellen, ihre Arbeit schon gewissenhaft machen werden. Und obwohl ich selbst das bezweifle, ist das vielleicht auch gar nicht das Problem: Denn man kann seine Arbeit ja schon gewissenhaft machen, kann wie vielleicht Robert Oppenheimer vor dem Trinity-Test auch nach Abschluss aller Arbeiten noch einmal alle Berechnungen durchgehen, um zu überprüfen, dass einem auch ja kein Fehler unterlaufen ist, und dennoch kann mein Projekt, an dem ich da gerade arbeite, vom Typus des Manhatten-Projekts sein. Was uns vielleicht zu dem eigentlichen Problem bringt: Kann ich darauf vertrauen, dass jene Wissenschaftler*innen, die zuvor direkt oder indirekt an Projekten wie dem Manhatten-Projekt beteiligt waren, jene, deren Branche nur in der Nachfolge solcher Projekte entstehen konnte, jene, deren gesamte wissenschaftliche Tradition, deren Dogmen oder Axiome, wie man auch sagt, auf diesen vorangehenden Arbeiten gründen, an irgendetwas arbeiten, was in meinem Sinne sein könnte? Ich denke, ich kann es nicht.

Wenn ich darauf jedoch nicht vertrauen kann, wie kann ich dann das Modell „Klimawandel“ für mich nutzen und es übernehmen? Der einzige Weg dazu wäre aus meiner Sicht, wenn ich es alleine oder gemeinsam mit anderen, die meine Ideen teilen, nachprüfe. Ich benötige also Computer (und wir sprechen hier gewiss nicht von einem handelsüblichen Personal Computer), Satelliten, gigantische Bohrer, Arktis-Forschungsstationen, Equipment zur Radiokohlenstoffdatierung und vielleicht, das wird sich zu gegebener Zeit dann noch herausstellen, benötige ich sogar Kernwaffen, um meine eigenen Tests damit durchzuführen. Anders ausgedrückt: Ich müsste eben jene industriell-technologisch-militärische Todesmaschinerie nachbauen oder mich ihrer uneingeschränkt bedienen (können), die eben auch die Klimawandelforschung hervorgebracht hat. Denn wie anders sollte ich in der Lage sein, den „Klimawandel“ selbst zu begreifen, ohne mich dabei auf die Behauptungen derjenigen zu stützen, die sich schon so oft als meine erbittertsten Feind*innen erwiesen haben?

Aber stellen wir diese Problematik für den Moment noch einmal zurück und widmen wir uns, bevor nun irgendwer auf die Idee kommen mag, ein „anarchistisches“ Atomprogramm ins Leben zu rufen, noch einmal den möglichen Erkenntnissen, die uns eine eigene, wissenschaftlich abgesicherte und vereinheitlichte (weil sie Objektivität behauptet und damit subjektive Erfahrungen abwertet und schließlich eliminiert) Theorie des Klimawandels erwartungsgemäß liefern würde: Die momentane industrielle, militärpolitische Ausprägung dieser Theorie, sie vermag vor allem eines zu liefern: Zukunftsprognosen. Wenn „wir“ dies oder jenes nicht innerhalb der nächsten 5, 10, 20, 30, 50 oder hundert Jahre ändern würden, dann … ja dann kommt die Apokalypse. Und weil es diese Apokalypse weder geben soll, noch darf, verlängert sich das Zeitfenster nach 5 Jahren auf 10, nach 10 auf 20, nach 20 auf 30, und so weiter. Manchmal wird auch erklärt, man habe eine entsprechende Veränderung nun erreicht oder irgendeine neue Forschungsarbeit erklärt eben kurz und knapp, dass man sich in der Vergangenheit ohnehin geirrt habe und man nicht dies, sondern jenes hätte verändern sollen, was also die ausgebliebene Veränderung irrelevant macht. Hat man von den Wissenschaftler*innen des Klimawandels jemals den Vorschlag vernommen, hier und jetzt, also jetzt gleich, hinzugehen, zum nächsten Kraftwerk, zur nächsten Autobahn, zum nächstgelegenen Tagebau, zur nächstgelegenen Raffinerie oder Fabrik und dieses Elend ein für alle Mal niederzubrennen? Gewiss nicht. Und jenen, die schon dazu neigen zu betonen, dass eigentlich alles sofort stoppen müsste, taugt als Vorwand im Zweifel, dass der Akt des Abfackelns ja nur neues CO₂ produzieren würde. Wie praktisch. Zumindest für jene, denen am Fortbestand der alten Ordnung gelegen ist. Stattdessen wird die gegenwärtige Zerstörung der Biosphäre den Klimawandel-Prophet*innen zunehmend zum Referenzpunkt des gerade noch Erträglichen, zu dem, was später rückgängig gemacht werden könne, zu dem, was zwar beendet werden soll, aber weder mitten im Geschäftsjahr, noch solange keine ertragreiche, nunmehr CO₂-neutrale Alternative der Zerstörung derselben Biosphäre gefunden ist.

Sowieso: CO₂-neutral. Auch wenn man das Klima als ein übermäßig kompliziertes und ohne Computer, Satelliten und wissenschaftliche Propheten unmöglich zu verstehendes (und doch ist man überrascht, dass indigene Bevölkerungen oft ebenso bessere Prognosen als die der Wissenschaft liefern, was diese Phänomene angeht, wie die wenigen überlieferten „Bauernweisheiten“ selbst innerhalb des zivilisierten Lebens) Gebilde zu inszenieren versteht, so sind doch die praktischen Schlüsse, die man daraus zu weissagen versteht, vergleichsweise banal: CO₂ und Treibhausgase, die sich als CO₂-Äquivalent angeben lassen, müssten beschränkt werden. Dafür ist es auch tauglich, neue Akte der Zerstörung der Biosphäre zu begehen, indem etwa CO₂ in unterirdische Gesteinsschichten hineingepresst werden soll, oder gar allzu offensichtliche Schönrechnungsversuche, indem ganze Biotope gerodet werden und dort im Anschluss neue, schneller wachsende Bäume (etwa Eukalyptus) gepflanzt werden, als Ausgleich dafür, dass etwa fossile Brennstoffe beim Transport von Waren und Menschen verbrannt werden. Ebenso verwandeln gigantische Tagebaue ganze Landstriche in Wüsten, um nach jenen Technologie-Rohstoffen zu schürfen, mit denen dann die CO₂-neutralen, erneuerbaren Wind-, Wasser-, und Solarkraftwerke errichtet werden, für deren Bau mancherorts ebenfalls Wälder gerodet werden. Nicht zuletzt wird sogar die Atomkraft als „saubere“ Energiequelle gehandelt, weil eben atomarer Müll, der noch in 10.000 Jahren eine tickende Zeitbombe sein wird, ebenso wie die schon heute gesundheitsschädliche und tödliche Strahlung selbst um „intakte“ Kernreaktoren mit nur „unbedenklichen Rissen“ oder selbst ohne irgendwelche Risse eben kein CO₂ und kein CO₂-Äquivalent sind. Das alles sind die Entscheidungen, die auf Basis der Erkenntnisse der aktuellen „Klimawandel“-Theorie von Herrschenden getroffen und der überwiegenden Mehrheit gehirngewaschener Bevölkerung gutgeheißen wird. Das ist der faktische Nutzen, den diese Theorie derzeit in einem Kampf gegen die Zerstörung der Biosphäre einzubringen vermag.

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Wenn ich mich in der Welt umsehe, egal ob ich den Erzählungen von Gefährt*innen aus Südamerika lausche, mich mit Geflüchteten von beinahe überall aus der Welt über die Zustände in ihrer Heimat unterhalte, die Analysen von Anarchist*innen aus anderen Teilen der Welt lese, oder vor die eigene Haustür trete, so nehme ich eine gigantische ökologische Zerstörung wahr. Waldrodungen für Plantagen, die die Böden in wenigen Jahren aufbrauchen, Tagebaue, die Quadratkilometer um Quadratkilometer der Biosphäre in lebensfeindliche Wüsten verwandeln, schwindende Wasserresserven, die zu Dürren führen, Waldbränden und Wüsten, auf Feldern ausgebrachte Pflanzengifte, die Insekten ausrotten, Böden und Wasser kontaminieren und nur noch den Anbau von genmanipuliertem, patentiertem Saatgut möglich erscheinen lassen, landwirtschaftliche Monokulturen, die die Böden Jahr um Jahr schwinden lassen und gigantische Mengen an Düngemitteln erfordern, Gewässer, die aufgrund der landwirtschaftlichen Vergiftung kippen, schwindende Fischbestände, Plastikmüll in den Meeren, strahlenverseuchte Umgebungen, betonversiegelte Flächen, auf denen nichts mehr gedeiht, luftverpestende Industrie, die Krankheiten bei Mensch, Tier und Pflanzen hervorruft und Artensterben verursacht, Autobahnen, deren Lärm Tier und Mensch vertreibt, Städte, mit ihren Betonwüsten und ihrer Lichtverschmutzung, Müllberge, die Böden und Gewässer vergiften, Windparks, die zum Aussterben von Mikroorganismen und Insekten führen, Solarparks, die man auch schwarze Wüsten nennen kann, Wasserkraftwerke und begradigte Flüsse, deren Biotope dadurch zerstört werden, anhaltende Trockenheitsperioden und Wetterextreme, die zu Dürren und Überschwemmungen führen, aussterbende Vogelarten, Bienensterben, Insektensterben im Allgemeinen, usw. usw. Und man braucht kein*e Wissenschaftler*in  zu sein, um zu wissen, was für all diese Dinge verantwortlich ist, ebensowenig wie es den ohnhein zweifelhaften Verstand eines Mathematikers braucht, um sagen zu können, dass all diese Zerstörungen schon in Kürze dazu führen werden, dass die Grundlage für unser Leben auf diesem Planeten vollkommen zerstört sein wird. Man könnte vielleicht geneigt sein zu behaupten, dass die in Städten lebenden Menschen durch ihre Lebensweise so sehr von ihrer Umwelt entfremdet sind, dass sie diese Vernichtung nicht erkennen würden, aber ich bin nicht geneigt, das zu glauben. Nein, von der eigenen Umwelt entfremdet oder nicht, wer halbwegs mit offenen Augen durch diese Welt wandelt, der*dem kann diese Zerstörung nicht entgehen. Und es entgeht den Menschen ja auch nicht, dass die Welt um sie herum mitten in einem Kampf auf Leben und Tod mit der industriellen Zivilisation steckt. Und vielleicht ist durchaus bereits den meisten gedämmert, dass es nun an ihnen ist, sich für eine Seite in diesem längst tobenden Krieg zu entscheiden: für die Todesmaschinerie des Fortschritts oder für die Möglichkeit des Lebens.

Das Narrativ des Klimawandels, es erfüllt dabei vielleicht den schmutzigsten Zweck von allen, indem es den Fortschritt als auf Seiten des Lebens stehend ausgibt und die völlig unbegründete Hoffnung aufkeimen lässt, dass wenn dieser Fortschritt nur CO₂-neutral wäre, er vielleicht weniger todbringend sein könnte… Zugleich ist die Theorie des Klimawandels unzweifelhaft auch ein Instrument militärisch-technologischer Kontrolle, das strategisch relevante ökologische und soziale Zusammenbrüche vorhersehbar und folglich daraus resultierende Erhebungen gegen die Herrschenden schon präventiv bekämpfbar macht bzw. machen soll. Es ist naiv zu glauben, dass Forschungsbeiträge, die sich mit den Auswirkungen von klimainduzierter Flucht, Nahrungsmittelknappheiten, Umweltkatastrophen und Co. befassen und diese sogar in den Mittelpunkt der eigenen Forschung rücken, zu irgendetwas anderem (etwa einem Erweckungserlebnis der westlichen Bevölkerung) beizutragen vermögen, als dazu, solche Katastrophen besser verwaltbar zu machen. Egal ob man sich nun mit eigenen Forschungsbeiträgen aktiv an dieser Herrschaftssicherung beteiligt, oder ob man der Wissenschaft durch eine außerhalb von ihr stehende, sich jedoch uneingeschränkt positiv auf sie beziehende, Bewegung dazu verhilft, neuen Nachwuchs zu rekrutieren, das Vertrauen der Menschen in sie zu steigern oder auch nur den Mördern im Weißkittel das Gefühl verleiht, etwas „für die Menschheit“ zu leisten. In jeder Form kann ein Bezug auf die Wissenschaft und ihr Narrativ des Klimawandels meiner Meinung nach keinesfalls der Ausgangspunkt einer anarchistischen Analyse sein.

Wo uns die Wissenschaft das Bild vermittelt, es mit einem komplexen System aus un- oder auch nur schwer durchschaubaren Einflüssen zu tun zu haben, das die Biosphäre, unser aller Lebensgrundlage zu einer lebensfeindlichen Wüste verwandelt, in das wir daher nur äußerst besonnen, das heißt, dem Rat der Nekrowissenschaftler*innen folgend, eingreifen sollten, ist die Realität doch eigentlich ganz einfach: Es ist nicht mehr und nicht weniger als die industrielle Zivilisation, die für diese Zerstörung der Biosphäre verantwortlich ist; und auch wenn es freilich auch ein Interesse des techno-industriellen Komplexes ist, die Lebensfähigkeit der Biosphäre gerade soweit zu erhalten, dass diese auch weiterhin die notwendigen Rohstoffe zur Reproduktion der industriellen Zivilisation zu liefern vermag, so ist es doch gänzlich unvorstellbar, dass die Technologie ebenso wie die Wissenschaft dieses Komplexes irgendeinen Beitrag dazu zu leisten vermag, dass wir einst wieder Seite an Seite mit anderen freien Wesen in einer intakten Biosphäre leben können werden.

Gemeinsam alleine: Die Stadt und ihre Insassen

Der in Städten lebende Teil der Menschheit ist mit der Industrialisierung zusammen exponentiell gewachsen. Die Megalopolis ist die jüngste Form des urbanen “Habitats”, die sich immer stärker zwischen das Leben des Menschen und die Biosphäre stellt.

Die Stadt ist auch eine Barriere zwischen ihren Insassen, die eine Welt aus Fremden bilden. Und tatsächlich wurden alle Städte in der Weltgeschichte von Fremden und Aussenseitern gegründet, die gruppenweise in einzigartigen und von Vorneherein unvertrauten Umgebungen angesiedelt wurden.

Es ist die vorherrschende Kultur als ihr Zentrum, auf ihrem Höhepunkt, als höchste Beherrschung. Joseph Grange hat leider grundlegend recht, wenn er sagt, dass sie “der Ort schlechthin ist, wo menschliche Werte ihren konkretesten Ausdruck finden”1 . Klar, das Wort “menschlich” erreicht seine vollständig entstellte Bedeutung im urbanen Zusammenhang, vor allem im heutigen. Die, in Norberg-Schulz’ markigem Begriff (1969), flatscape (“Flachheit”) ist vor aller Augen, diese Nothing Zones der Ortlosigkeit, wo lokale Eigentümlichkeit und Verschiedenheit ständig abnehmen oder sogar ausgerottet werden.2 Der Supermarkt, die Fußgängerzone, die Flughafenhalle sind überall gleich, wie das Büro, die Schule, der Wohnblock, das Spital und das Gefängnis in unseren eigenen Städten schwerlich voneinander unterschieden werden können.3

Die Megastädte haben mehr miteinander gemeinsam, als alle anderen sozialen Organismen. Ihre BürgerInnen haben unter einem ständig umfassenderen Überwachungsblick die Tendenz, sich gleich zu kleiden und auch anderweitig dieselbe globale Kultur zu konsumieren. Es ist das Gegenteil eines Lebens an einem bestimmten Ort auf Erden, unter Achtung seiner Einmaligkeit. Heutzutage wird jeder Raum zum urbanen Raum; es gibt keinen Flecken mehr auf dem Planeten, der nicht, zumindest im Grunde genommen, in der Zeit einer Satellitenumrundung urban werden könnte. Wir sind erzogen und ausgerüstet, um den Raum zu modellieren, als wäre er eine Sache. Solch eine Erziehung ist ein Imperativ in diesem digitalen Zeitalter, das von Städten und Metropolregionen in einem Ausmass beherrscht wird, das es in der Geschichte noch nie gab.

Wie konnte das geschehen? Nach Weber: “man kann in den Schriften über Städte alles, und das überall, finden, außer das formierende Prinzip zur Stadtbildung selbst.”4 Aber es ist eh klar was grundlegend der Mechanismus, die Dynamik, das “Prinzip” ist, und immer war; und weiter nach Weber: “Jede Einrichtung in der Stadt zur Erleichterung des Handels und der Industrie ebnet den Weg zu weiteren Arbeitsteilungen und Spezialisierungen der Aufgaben.”5 Weitere Vermassung, Standardisierung, Gleichwertigkeit.

Als Werkzeuge zu Technologiesystemen wurden – das heisst, als sich die gesellschaftliche Komplexität entwickelte – erschien die Stadt. Die Stadt-Maschine war die erste und grösste technologische Erscheinung, der Höhepunkt der Arbeitsteilung. Oder, wie Lewis Mumford es definiert hat, “das Merkmal der Stadt ist ihre vorsätzliche soziale Komplexität.”6 Die beiden Ausdrucksformen meinen dasselbe. Die Städte sind die komplexesten, je ausgeheckten Artefakte, ebenso wie die Urbanisierung eines der bedeutendsten Maße der Entwicklung ist.

Die aufkommende Welt-Stadt perfektioniert ihren Krieg gegen die Natur, indem sie diese zum Vorteil des Künstlichen ausradiert und das Umland auf schlichte “Umwelten” reduziert, die sich den urbanen Prioritäten anpassen. Alle Städte stehen im Widerspruch zum Land.

Certeaus “Walking in the City” hat eine eher schaurige Qualität, wegen seines Themas und der Tatsache, dass es 2000 geschrieben wurde. Certeau betrachtete das World Trade Center als “die monumentalste Form” des westlichen Städtebaus und ahnte, dass “(mit dem Lift) auf seine höchste Spitze gebracht zu werden, wie von den Klauen der Stadt gepackt und fortgebracht zu werden ist.”7 Die Lebensfähigkeit der Stadt ist in die unabwendbare Phase ihrer Infragestellung getreten, und das wird von einer durch 9/11 angewachsenen – aber nicht geschaffenen – Beklemmung begleitet. Die tiefe Konfliktualität im urbanen Leben, die während dem ganzen Reich der Zivilisation wahrgenommen wird, ist viel eindeutiger geworden.

Die Abrichtung [Domestiztierung; Anm. d. Red.] machte die Zivilisation möglich und eine intensivere Abrichtung trieb die urbane Kultur voran. Die früher von Gartenbau lebenden Gemeinschaften – Siedlungen und Dörfer – wurden durch Städte ersetzt als die intensivierte Landwirtschaft die Macht übernahm. Der megalithische Monumentalbau ist ein dauerhaftes Kennzeichen dieser Verlagerung. In den frühneolithischen Monumentalbauten können alle Eigenschaften der Stadt gefunden werden: Sesshaftigkeit, Permanenz, Dichte, eine sichtbare Ankündigung des siegreichen Triumphes der Landwirtschaft über die Nahrungssuche. Die spektakuläre Zentralisierung der Stadt ist einer der großen Wendepunkte der menschlichen kulturellen Evolution, ist der Zielpunkt der Zivilisation in ihrem vollständigsten und endgültigsten Sinn.

Es gab Zivilisationen ohne Städte (z.B. die frühe Zivilisation der Maya), aber nicht sehr viele. Meistens sind sie eine Schlüsselstruktur und entwickeln sich mit einer relativ plötzlichen Macht, als müsse die Energie, die durch die Abrichtung unterdrückt wurde, dieselbe sprungartig auf eine neue Ebene ihrer Logik der Kontrolle anheben. Allerdings entgeht die urbane Explosion einigen schlechten Rückblicken nicht. In der hebräischen Tradition war es Kain, der Mörder Abels, der die erste Stadt gründete. Ähnlicherweise sind Reminiszenzen wie Babylon, der Turm zu Babel und Sodom und Gomorra völlig negativ. Eine tiefe Zwiespältigkeit bezüglich der Städte ist tatsächlich ein fester Wert der Zivilisation.

Etwa um 4000 v. Chr. erschienen die ersten Städte in Mesopotamien und Ägypten: als die politischen Mittel darauf ausgerichtet wurden, den Überschuss, der durch einen neuen Landwirtschaftsethos geschaffen wurde, in die Hände einer kleinen dominanten Minderheit zu kanalisieren. Diese Entwicklung erforderte, dass immer mehr Produktionsbereiche der Wirtschaft zugeführt wurden: und zentralisierte, bürokratische Institutionen in immer größerer Skala folgten ihr bald. Die Dörfer wurden zu immer spezialisierteren Strategien der Maximierung gezwungen, um grössere Überschüsse zur Belieferung der Städte zu produzieren. Zum Beispiel konnte die grössere Getreideproduktion nur durch Mehrarbeit und größeren Zwang erreicht werden. Widerstand kam in diesem wohlbekannten Gefüge auf, als die primitiven Landbaugemeinschaften in zwangsverwaltete Städte verwandelt wurden, wie etwa Ninive oder die Nomadenvölker des Sinai, die es ablehnten für die Ägypter Kupfer zu graben, um ein weiteres Beispiel zu nennen.8 Kleine LandbesitzerInnen wurden vom Land in die Stadt gezwungen; diese Deportationen sind ein vertrautes Muster, das bis heute überdauert hat.

Bei der urbanen Realität geht es primär um Geschäfte und Handel mit einer, zum Überleben notwendigen, beinahe totalen Abhängigkeit von der von aussen kommenden Unterstützung. Um eine solch künstliche Existenz zu garantieren, haben die Städteväter einen absoluten Hang zum Krieg, diesem chronischen Haupterzeugnis der Zivilisation. “Auswärts Eroberung und daheim Repression,” so Stanley Diamond, ist eine definitorische Charakterisierung der Städte seit ihren ersten Anfängen.9 Die frühen sumerischen Stadtstaaten, zum Beispiel, führten konstant Krieg. Beim Kampf um die Stabilität der urbanen Marktwirtschaften ging es andauernd um das Überleben. Armeen und Kriegsführung waren hauptsächliche Notwendigkeiten, vor allem unter der Voraussetzung des in der urbanen Dynamik angelegten Expansionscharakters. Uruk, die größte mesopotamische Stadt ihrer Zeit (ca. 2700 v. Chr.), rühmte sich eines mit 900 Türmen befestigten, sechs Meilen langen, doppelten Ringwalls. Von dieser Frühzeit bis ins Mittelalter waren praktisch alle Städte befestigte Garnisonen. Julius Caesar benutzte für alle Städte Galliens das Wort oppidum (Garnison).

Die ersten urbanen Zentren hatten allesamt auch eine bedeutende, stark zeremonielle Ausrichtung. Das hässliche Gesicht der Abkehr von einer eigenen und in der erde eingewurzelten Spiritualität bis zur Erhebung von heiligen oder übernatürlichen Räumen wird durch regelrecht Ehrfurcht einflössende und mächtige urbane Tempel und Grabstätten weiter entstellt. Die Überhöhung eines gesellschaftlichen Gottes entsprach der wachsenden strukturellen Komplexität und Schichtung dieser Gesellschaft. Nebenbei bemerkt, der religiöse Monumentalbau war nicht bloss eine Gehorsamkeit einflössende autoritäre Taktik der Regierenden; sie war auch ein grundlegendes Vehikel zur Verbreitung der Abrichtung.10

Aber der wirkliche Aufbruch zur Herrschaft begann nicht nur mit der intensivierten Landwirtschaft – und mit dem Erscheinen der Schriftsysteme, wie Childe, Levi-Strauss und andere bemerkt haben –, sondern auch mit der Metallurgie. Erfolgreiche Zivilisationen im frühen Neolithikum, in der Bronzezeit und umso mehr in der Eisenzeit brachten die Urbanisierung zu ihrer vollen Zentralität. Nach Tonybee, “Wenn das Wachstum der Orte der Städtebildung im Laufe der Geschichte durch eine Kurve visualisiert würde, hätte sie dieselbe Kurvenform wie der Machtanstieg der Technologie.”11 Und mit dem zunehmend urbanisierten Charakter des gesellschaftlichen Lebens kann die Stadt als Behälter bzw. Container betrachtet werden. Städte, wie die bereits vorhandenen Fabriken, sind auf Eindämmung, also Containment, angewiesen. Städte und Fabriken sind grundlegend nie von den Leuten, die in ihnen enthalten sind, frei gewählt worden: Die Herrschaft hält die Leute in diesen Orten fest. Aristophanes sagte es treffend in seinem 414 v. Chr. geschaffenen Werk Die Vögel: “Eine Stadt muss entstehen, um alle Vögel unterzubringen; dann musst du Zäune in der Luft bauen, den Himmel einzäunen und die Erde, und musst alles mit Mauern umgeben, wie Babylon.”

Staaten, wie wir sie heute kennen, existierten damals schon, und mächtige Städte entstanden als Hauptstädte, die Orte der Staatsmacht. Politische Herrschaft ging immer von diesen urbanen Zentren aus. In diesem Kontext liessen die BäuerInnen eine bekannte und verhasste Knechtschaft hinter sich, um sie mit neuen und anfänglich unbenannten Formen von Unterjochung und Leiden zu ersetzen. Die Stadt ist nicht bloss ein Ort lokaler Macht und Kriegsführung, sie ist auch ein Brutkasten für Infektionskrankheiten und Seuchen, und natürlich steigert sie die Auswirkungen von Bränden, Erdbeben und anderen Gefahren.

Tausende Generationen lang standen die Menschen im Morgengrauen auf und gingen bei Sonnenuntergang schlafen, sonnte sich in den Herrlichkeiten des Sonnenaufganges, des Abendrots und eines strahlenden Himmels. Vor einem halben Jahrtausend kündigten städtische Glocken und Uhren einen wachsend geordneten und regulierten Tagesablauf an: Das Reich der urbanen Zeitmessung. Mit der Modernität verschwindet die gelebte Zeit; sie wird zur Ressource und zur verdinglichten Materialität. Gemessen und verdinglicht, isoliert die Zeit das Individuum im Kraftfeld einer immer tiefer werdenden Trennung und Abspaltung und einer ständig abnehmenden Ganzheit. Der Kontakt mit der Erde ebbt mit dem Wachstum der Stadt ab; und wie es Hogarth in seinen Beschreibungen Londons Mitte des 18. Jahrhunderts ausmalt, verringert sich der körperliche Kontakt der Leute dramatisch. Zu dieser Zeit sagte Nicolas Chamfort: “Paris ist eine Stadt der Lebenslüste und Vergnügen, wo vier fünftel der Menschen vor lauter Gram verrecken.”12 In Emile (1762) brachte es Rousseau persönlicher: “Adieu Paris. Wir suchen Liebe, Glück und Unschuld. Wir können nie weit genug von dir entfernt sein.”13 Das allgegenwärtige Gewicht der urbanen Existenz durchdrang sogar die äusserst vitalen politischen Erscheinungen, wie die französische Revolution. Die Massen im revolutionären Paris schienen seltsam apathisch zu sein, was zu Richard Sennetts Eingebung führte, hier die ersten modernen Zeichen der urbanen Passivität auszumachen.14

Im folgenden Jahrhundert entschied Engels, in gegenteiliger Manier, dass es die Stadt sei, wo das Proletariat seine “vollständigste klassische Perfektion” erreicht.15 Aber Tocqueville hatte bereits gesehen, wie die Individuen in den Städten “sich in ihren gegenseitigen Schicksalen als Fremde empfinden.”16 Später, im 19. Jahrhundert, bemerkte Durkheim, dass Selbstmord und Ungesundheit mit der modernen Urbanisierung zunehmen. Tatsächlich werden ein Gefühl der Abhängigkeit und der Einsamkeit und alle Arten von Störungen des Empfindens generiert, was Benjamins Wahrnehmung bestätigte, dass “Angst, Abscheu und Schrecken vor den städtischen Massen in jenen hervorgerufen wurde, die sie zum ersten Male betrachteten.”17 Die technologischen Entwicklungen auf dem Gebiet der Kanalisationen und der anderen sanitären Einrichtungen sind in aufblühenden Metropolen notwendig und gleichzeitig machen sie die Urbanisierung und ihre weitere Expansion erst möglich. Das Leben in der Stadt ist nur durch solche beständigen technologischen Hilfen möglich.

Um 1900 begriff Georg Simmel, dass das Stadtleben nicht nur Einsamkeit hervorruft, sondern auch jene Zurückhaltung oder gefühlsmäßige Dumpfheit, die sie noch schlimmer macht. Wie Simmel begriff, ähnelt das sehr den Auswirkungen des industriellen Lebens allgemein: “Pünktlichkeit, Berechenbarkeit und Genauigkeit werden dem Leben durch die Komplexität und Verbreitung der Metropolenexistenz aufgezwungen.”18 Zum Beispiel tragen die in den frühen Gedichten von T. S. Elliot ausgedrückte urbane Stumpfheit und Wehrlosigkeit dazu bei, dieses Bild des geschändeten Lebens zu vervollständigen.

Der Begriff “suburb” wurde seit Shakespeare und Milton in sehr modernem Sinne gebraucht, aber erst mit dem Ansturm der Industrialisierung wurde das suburbane Phänomen wirklich offensichtlich. Diese Wohnbauentwicklungen erschienen in den Randgebieten der grössten amerikanischen Städte zwischen 1815 und 1860. Marx bezeichnete den Kapitalismus als “die Urbanisierung der ländlichen Gegenden”19, die Urbanisierung findet ihren Tritt und ihre aktuelle Bedeutung eigentlich erst kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Raffinierte Massenproduktionstechniken schufen eine physische Konformität, um die soziale Konformität zu definieren und zu verstärken.20 Seicht, homogenisiert, ein Treibhaus des Konsumismus, von Strip-Meilen und Umfahrungsstraßen umzingelt, ist die Peripherie ein weiter degeneriertes Ergebnis der Stadt. Faktisch gesehen sollten die Unterschiede zwischen urban und suburban nicht übertrieben oder als qualitativ betrachtet werden. Rückzug, von einer ganzen Phalanx von Hightechgeräten angestiftet – iPod, Mobiltelefone, usw. – ist heute an der Tagesordnung, ein wirklich viel sagend eindeutiges Phänomen.21

Zivilisation, wie es durch den ursprünglich lateinischen Stamm des Begriffs präzisiert wird, heisst das, was in der Stadt passiert.22 Jetzt lebt über die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten wie Kuala Lumpur und Singapur, McDonaldisierte Unorte, die ihrem eigenen so reichen Kontext dermaßen resolut den Rücken gekehrt haben. Der urbane Imperativ ist eine anhaltende Charakteristik der Zivilisation.

Sie kann immer noch einige mit ihrer perversen Faszination anziehen, und jedenfalls ist es sehr schwierig geworden, dem urbanen Einflussbereich zu entkommen. In der Metropole existiert immer noch ein Funken Hoffnung auf Gemeinschaft oder zumindest Zeitvertreib. Und einige von uns bleiben um den Kontakt mit dem nicht zu verlieren, was wir verstehen müssen, um ihm ein Ende bereiten zu können. Sicher, es gibt jene, die kämpfen um die Stadt menschlicher zu gestalten, um Parkanlagen und ähnlichen Schwachsinn, aber Städte bleiben das, was sie immer waren. Die meisten ihrer BewohnerInnen akzeptieren die urbane Wirklichkeit einfach und versuchen sich ihr anzupassen, mit derselben oberflächlichen Passivität, die sie gegenüber der allumfassenden Techno-Welt an den Tag legen.

Einige versuchen immer das Unreformierbare zu reformieren. Auf zur “neuen Modernität”, zum “neuen Verhältnis zur Technologie” hin, usw., usw., ruft Julia Kristeva nach “einer Weltbürgerschaft neuer Art …”23 Solche Ausrichtungen enthüllen, unter anderem, die Überzeugung, dass das, was weithin als etwas für ein gesellschaftliches Leben Wesentliches betrachtet wird, uns immer begleiten wird. Max Weber fand, die Modernität und der bürokratische Rationalismus seien “ausbruchsicher”, während Tonybee die Ecumenopolis, wie er die Stufe des Gigantismus nannte, die auf jene der Magalopolis gefolgt ist, als “unausweichlich” betrachtete.24 Ellul nannte die Urbanisierung das, “was nur akzeptiert werden kann.”25

Trotzdem, in Anbetracht der heutigen urbanen Realität, und des Wie und Wieso die Städte ursprünglich entstanden und weiter existieren, muss das, was James Baldwin zum Ghetto sagte, vollständig auf die Stadt angewendet werden: ”(Es) Sie kann nur auf eine Weise verbessert werden: raus aus unseren Leben.”26 Es besteht übrigens ein starker Konsens unter den StadttheoretikerInnen, dass Städte auf neue Art gespalten und polarisiert sind.27 Dass die Armen und die Eingeborenen urbanisiert werden müssen, ist ein weiterer der primären Aspekte der kolonialistisch-imperialistischen Ideologie.

Der ursprüngliche Monumentalbau ist in der heutigen Stadt immer noch präsent und herausragend, mit derselben Verkümmerung und Entmachtung des Individuums. Die menschliche Dimension wird von Hochhäusern ausgelöscht, der Entzug der Sinneswahrnehmungen vertieft sich, und wer sie bewohnt, ist dem Angriff der Monotonie, des Lärms und der anderen Umweltverschmutzungen ausgesetzt. Die Cyberspace-Welt ist selbst eine urbane Umwelt, die den radikalen Untergang der körperlichen Präsenz und Verbindung beschleunigt. Der urbane Raum ist das ewig voranschreitende (sowohl vertikal als auch horizontal) Symbol der Niederlage der Natur und des Todes der Gemeinschaft. Was John Habberton 1889 schrieb, könnte heute nicht gültiger sein: “Eine grosse Stadt ist eine grosse Wunde – eine unheilbare Wunde.”28 Oder wie Kai W. Lee auf die Frage antwortete, ob der Übergang zur nachhaltigen Stadt vorstellbar ist: “Die Antwort ist nein.”29

Copán, Palenque und Tikal waren reiche Städte der Mayazivilisation, die auf ihrem Höhepunkt aufgegeben wurden, nämlich zwischen 600 und 900 n. Chr. Diese und ähnliche Beispiele in verschiedenen Kulturen zeigen uns einen Weg nach vorne auf. Die Literatur der Urbanisierung ist in den letzten Jahren nur noch in dunklem Sinne und über das Missbehagen gewachsen, während Terrorismus und Zusammenbruch ihre langen Schatten auf die unvertretbarsten Produkte der Zivilisation werfen: die großen Metropolen. Um von der permanenten Knechtschaft und chronischen Krankheit der urbanen Existenz wegzukommen, können wir uns von solchen Orten, wie den früheren indigenen Siedlungen inspirieren lassen, wie die heute Los Angeles River genannten. Orte, wo die Lebenssphäre ihre Wurzeln im Dasein als Menschen hat, die in vollem Besitze ihrer Fähigkeiten sind und in Harmonie mit der Erde leben.


1Joseph Grange, The City: An Urban Cosmology (Albany: State University of New York Press, 1999), S. XV.

2Edward Relp, Place and Placelessness (London: Pion Ltd., 1976), S. 6.

3Mittlerweile lenken Phänomene wie “die Altstadt” und historische Quartiere von der Langeweile und Standardisierung ab, aber sie unterstreichen diese definitorisch urbanen Eigenschaften nur. Die offenkundige Oberflächlichkeit der postmodernen Architektur unterstreichen sie genau so gut.

4Max Weber, The City, übersetzt von Don Marindale und Gertrud Neuwirth (Glencoe, IL: The Free Press, 1958), S. 11.

5Ibid, S. 21.

6Lewis Mumford, The Culture of Cities (New York: Hartcourt, Brace and Company, 1938), S. 6. Trotz allem geschichtlichen Wert, Mumford kann sich auch in die Absurdität verirren, z.B. “die Stadt sollte ein Organ der Liebe sein…” in The City in History (New York, Hartcourt, Brace, 1961), S. 575.

7Michel de Certeau, The Creteau Reader, Ausg. Graham Ward (London: Blackwell Publisher, 2000), S. 103.

8Stanley Diamond, In Search of the Primitive (New Brunswick, NJ: Transaction Books, 1974), S. 7.

9Ibid, S. 1.

10Andrew Sherratt, Economy and Society in Prehistoric Europe (Princeton: Princeton University Press, 1997), S. 362.

11Arnold Tonybee, Cities on the Move (New York: Oxford University Press, 1970), S. 173.

12Nicolas Chamfort, zitiert in James E. Clapp, The City, A Dictionary of Quotable Though on Cities and Urban Life (New Brunswick, NJ: Center for Urban Policy Research, 1984), S. 51.

13Jean Jacques Rousseau, Emile, übersetzt von Altan Bloom (New York: Basic Books, 1979), S. 335.

14Richard Sennett, Flesh and Stone: the Body and the City in the Western Civilization (New York: W.W. Norton, 1994), S. 23.

15Friedrich Engels. The Condition of the Working Class in England (St. Albans: Panther Press, 1969), S. 75.

16Alexis de Tocqueville, Democracy in America Band 2 (New York, Vintage, 1963), S. 141.

17Walter Benjamin, Illuminations, übersetzt von Harry Zahn (New York: Schocken Books, 1969), S. 174.

18Kurt H. Wolff, The Sociology of Georg Simmel (New York: The Free Press, 1950), S. 413.

19Karl Marx. Grundrisse (New York, Vintage, 1973) S. 479.

20Ein typisches und geeignetes Werk ist Richard Harris, Creeping Conformity: How Canada became Suburban. 1900 – 1960 (Toronto: University of Toronto Press, 2004).

21Sehr sachbezogen ist Michael Bull, Sounding Out the City: Personal Stereos and the Management of Everyday Life (New York, Oxford University Press, 2000).

22Das stimmt nicht nur für den Westen. In der arabischen Zivilisation stammt z.B. madaniya, oder Zivilisation, von madine ab, was Stadt heißt.

23Julia Kristeva, Strangers to Ourselves (New York: Columbia University Press, 1991), S. 192.

24Tonybee, op. cit., S. 196.

25Jacques Ellul, The Political Illusion (New York: Alfred A. Knopf, 1967), S. 43.

26James Baldwin, Nobody knows my Name (New York, The Dial Press, 1961), S. 65.

27Peter Marcuse und Ronald von Kempen, Herausgeber, Of States and Cities: The Partioning of Urban Space (New York, Oxford University Press, 2002), S. vii.

28John Habberton, Our Country’s Future (Philadelphia: International Publishing Company, 1889), zit. in Clapp, op. cit.. S. 105

29Kai N. Lee, “Urban Sustainability and the Limits of Classic Environmentalism” in Environment and Urbanization 18:1 (April 2006), S. 9.


Übersetzung aus dem Englischen: John Zerzan. The City and its Inmates in Green Anarchy #25 (2008). Der hier wiedergegebene Text folgt der Übersetzung Marco Camenischs in Der Niedergang der Maschinen (ursprünglicher Titel: „Alleine Zusammen: Die Stadt und ihre Gefangenen“) und wurde an einigen Stellen überarbeitet.

Gegen seine Geschichte, Gegen Leviathan! – Kapitel 6

Der phönizische Krake und seine späteren griechischen, venezianischen und anderer Herkunft Nachkommen werden als etwas vollständig vom assyrischen Lindwurm Verschiedenes erachtet werden. Es wird selbst jene geben, die den Kraken als eine Form der menschlichen Freiheit betrachten werden. Ich möchte hier zeigen, daß es sich um eine Täuschung handelt.

Es gibt keinen Zweifel, daß sich die zwei Leviathane unterscheiden. Des künstlichen Drachen Klauen und Fänge, seine Heere, sind gewöhnlich dem Körper angefügt, dahingegen die Fangarme des künstlichen Kraken sich vom Körper lösen und als sich frei bewegend bezeichnet werden können, besonders, wenn es sich bei den Tentakeln um Schiffe handelt. Der Lindwurm ist meistens zu Lande, der Krake eher zu Wasser.

Zweifelsohne stehen hier auch zwei verschiedene Arten in Frage. Bedeutsam ist dabei, daß diese nicht die Arten menschlicher Gemeinschaft, sondern die Arten des Leviathans betreffen. Beide sind sie, was Hobbes später „künstliche Menschen“ nennen würde. Jeder von ihnen ist ein Automat, eine Maschine, und wie andere Maschinen es vermögen, läßt sich jede manchmal verändern oder anpassen an das Verhalten der jeweilig anderen.

Der hauptsächliche Unterschied zwischen ihnen liegt weder in der Weise, wie sie die Arme bewegen, noch im Medium, darin sie sich bewegen, noch in der Größe des Kopfes, sondern eher in der Weise, wie sie mit dem bereits oben erwähnten Überschuß umgehen. Beide leben von den Überschuß-Produkten der Arbeit ihrer Zeks. Der Drache jedoch nutzt den Großteil seines Überschusses, um seinen Kopf und Körper zu vergrößern, seine Behörden und Heere, während der Krake den Mehrteil seines Überschusses durchgehend zwischen verschiedenen Zielen und Quellen hin und her fließen läßt.

Diese unterschiedlichen Behandlungen des Überschusses bergen jeweils einen spezifischen Vorteil. Der eine neigt dazu, größeren Wohlstand, der andere dazu, größere Macht zu besitzen. Ein tauglicher und beweglicher Krake, und die Phönizischen Städte scheinen beides gewesen zu sein, ist befähigt, sich mit seinen Tentakeln einen ungleich größeren Teil Mutter Erdes einzuverleiben. Die Phönizier konnten nicht nur einen enormen Teil der geraubten und ihrer Natur entrissenen Biosphäre mithilfe ihrer Schiffe transportieren, sondern taten das offenbar auch. Doch mit all seinem Reichtum stand der Phönizische Krake dem Assyrischen Drachen hinsichtlich dessen Macht nach, wie ein einziger Feldzug unter Leitung Tiglat-Pilesers III. erzeigte.

Die Leichtigkeit der Assyrischen Eroberung wird uns überraschen. Wir werden denken, daß die Reichen ihre Macht so leichtfertig erstehen können, wie es den Mächtigen gelingt, Reichtum zu erlangen. Wir werden an das Britische Imperium denken, einen Kraken mit der Macht eines Lindwurmes, oder das Amerikanische Imperium, einen Lindwurm mit den Fangarmen eines Kraken.

Die Phönizier erstehen durchaus Armeen. Einige Enkel Levis begreifen sich in der Tat als Söldner dieser Armeen. Doch die Armeen verzehren den Überschuß in den Schiffsräumen, und die Oberhäupter der Händlersfamilien wissen, daß all der Wohlstand Phöniziens darin gründet, Dinge in Schiffsräumen an Orte zu bringen, wo diese wertvoll sind, und darin, die Schiffsäume mit Billigem zu füllen, das andernorts teuer gehandelt wird. Die Händler wissen auch, daß große Heere unersättlichen Appetit entwickeln, und daher drohen, all die Dinge in den Schiffsräumen zu verschlingen. Und natürlich haben die Händler damit recht.

Als das Kriegsgerät Tiglat-Pileser III. die Phönizischen Tore sprengt, erhalten die Assyrer kein Weltreich der schwimmenden Fangarme.

Die Assyrischen Militärs haben es nicht nötig, die Phönizischen Händler zu vertreiben, und könnten nicht einmal dem schwimmenden Weltreich ein Ende setzen wollen. Doch im Moment, als die hungrigen Armeen die Schiffsräume plündern, bricht das Phönizische Imperium zusammen. Alles, was bleibt, sind die Teilstücke der Fangarme außerhalb der Reichweite der Assyrer, Ausleger an den Ufern des Mittelmeers und des Atlantiks. Der Urheber all dieser Ausleger verrottet wie die leeren Schiffe in seinen Häfen. Die Schiffe, deren Schiffsräume nur noch die Überbleibsel dessen enthalten, was einst ein satter Mittelmeerwald war, werden schließlich sinken. Die Bäume in den Schiffsräumen werden keine Abkommen haben, weil der Boden, darauf sie wuchsen, ins Meer ausgeschwemmt ward, von dem Tag an, als er seinen Schutz verlor. Dieser Boden, noch reich an Organismen, wird den versunkenen Schiffen auf dem Grund des Mittelmeers nachfolgen, wo sich beide nach und nach zu Erdöl verwandeln.

* * *

Der Phönizische Meeres-Krake war ursprünglich nichts als ein Fangarm oder Auswuchs der Sumerischen oder Ägyptischen Land-Drachen, und man mag sich wundern, wie es dem Kraken gelang, so lange ungehindert zu bleiben, vor allem in Anbetracht seiner militärischen Unterlegenheit im Antlitz des Assyrischen Ungeheuers.

Wir werden uns erinnern müssen, daß nur in einem Hobbes‘schen Wunschdenken der Wurm zu Lande ein zusammenhängendes und taugliches Wesen darstellt. Der andauernde Verfall ist der Normalzustand künstlicher Würmer im Felde. Jene zu Federn und Rädern erniedrigten Menschen werden niemals aufhören, sich dieser Erniedrigung zu widersetzen. Die Feldzüge gegen sowohl die äußeren, als auch die inneren Feinde – namentlich seine Versuche, den Verfall aufzuhalten – sind tatsächlich der Stoff Seiner Geschichte.

Der Verfall war ebenso der Normalzustand des Assyrischen Leviathans in der zehn oder zwanzig Generationen währenden Blütezeit der Phönizier.

Als der Hethitische Leviathan zusammenbrach, hieß der Assyrerkönig Tukulti Ninurta sein Heer, jene Tausenden verlorenen Soldaten der gefallenen Reiche zu ergreifen und zu versklaven, möglicherweise in dem Gedanken, auf diese Weise so viel Macht zu erlangen, wie der Gegner verloren hatte. Doch Assyrien wuchs nicht an dieser Gefangennahme, und die plötzliche Knappheit an Tafeln der Prahlerei in diesem Zeitraum legt nahe, daß Assyrien mit dem Versuch, sein vergrößertes Heer zu ernähren, die Fähigkeit verlor, sich zu erhalten. Sowohl Babylonien als auch Elam entflohen dem Ungeheuer im Osten, und als dann Tiglat-Pileser I. diese Verluste zurückgewann, suchten verbündete Stämme der Muški den Westen Assyriens zu stürmen. Den Urgroßvätern der Medes und der Perser sagt man eine Beteiligung an diesen zürnenden Muški nach.

Der Versuch Assyriens, sich seine äußersten Glieder unter Einsatz militärischer Mittel zu erhalten, schlug scheinbar fehl; die Schrifttafeln sprechen von Hungersnöten und Rückzügen. Muški von Hurritischer Sprachangehörigkeit richteten sich in einer Festung im armenischen Gebirge, Urartu, ein, und selbst die assyrischen Zeks von semitischer Sprachangehörigkeit, Aramäer und Chaldäer, begannen sich aus den Arbeits-Banden und dem Heer zurückzuziehen. Assurnasipal II. bewegte das Haupt des Assyrischen Leviathans von Nineve nach Kalah, um den Festungen der Aufständischen näher zu sein, doch sein Nachfahre, Salmanassar III. sah sich einem noch größeren Widerstand gegenüber – dieser Zwingherr der Zivilisation mußte dann Nineve und Assur dem Erdboden gleichmachen, um die Pax Assyriana wiederherzustellen.

Doch selbst dann waren die Ungemache der Assyrer nicht vorüber. Die Hurriter von Urartu griffen Assyrien an, im Verbund mit den Zeks, welche Assyrien im Inneren unterwanderten, so daß Assurdan III. zu erleiden hatte, was in Assyrischen Augen die größte Schmach sein mußte: militärische Niederlagen an jeder Front. Sein Nachfolger jedoch, Assurnirari IV., mußte noch größere Schmach erdulden, als er durch Aufstände in seiner eigenen Hauptstadt, Kalah, gestürzt ward. Aus diesen Gründen begann der Assyrische Leviathan seinen Werdegang als Verschlinger aller seiner Gegner nicht einmal, bis zehn oder zwanzig Generationen nach der Gefangennahme der verlorenen Hethiten verstrichen waren.

Tiglat-Pileser III., von seinen Zeitgenossen Pulu der Wiederhersteller genannt, war ein weiterer jener großen Neuerer auf dem langen Wege von der Barbarei zur Zivilisation. Unmenschliche Grausamkeiten wurden von Zivilisierten auch vorher bereits geübt. Die Neuerung dieses fortschrittlichen Monarchen war es, ganze Bevölkerungen aus ihren ursprünglichen Heimstätten an seltsame Örter zu deportieren, wo sie selbst in Nahrungsdingen von der Großzügigkeit ihrer Bezwinger abhängig waren.

Hiram II. von Tyros erwähnen Assyrische Schrifttafeln als einen willfährigen Vasallen; scheinbar hatte dieser Hiram versucht, seine Begnadigung von dem assyrischen Tyrannen zu erkaufen. Wir haben gesehen, wie viel diese Begnadigung Tyros und die anderen Phönizischen Städte kosten würde.

Damaskus, Edom und der kleine Staat Israel mit seiner Hauptstadt in Samarien versuchten, sich des Wiederherstellers zu erwehren, doch König Ahas von Judäa und sein Heer dienten ihm als Hilfstruppen, willens, Assyrien bei der Niederwerfung seiner Gegner zur Seite zu stehen. Viele Nachfahren von Moses, Menschen wie Propheten, begehrten gegen dieses Machwerk auf, und Hesekiah trat die Nachfolge Ahas‘ an, der sein Königreich gegen die Assyrer abschottete. Bis zu diesem Tage waren durch den Nachfolger Pulus‘, Salmanasser IV., bereits alle unabhängigen mittelmeerischen Leviathane zerschlagen oder zu Vasallen gemacht worden, als dessen Nachfolger wiederum, Sargon II., Samarien gewann und wohl dessen ganze Bevölkerung von 27000 Menschen deportierte. Als letzter unabhängiger Leviathan des Mittelmeers verblieb nun Judäa.

Die Herrschaft Sargons II. bedeutet einen weiteren großen Satz vorwärts für die Zivilisation. Mit seiner Technologie des Todes, seiner unmenschlichen Grausamkeit und seiner schieren todbringenden Kraft ist er seinem akkadischen Namensvettern weit voraus. Wie dieser begibt er sich in die Welt, um sie zu erobern. In Khorsabad läßt er einen Palast errichten, der durch unsere Zeitgenossen ausgegraben werden wird: Seine unnahbare, bedrohlich-hierarchische Plastik und Bauweise ist Ausdruck von Abscheulichkeiten und Grauen ohnegleichen.

Sargon, wie auch sein Namensvetter, bringen Kräfte in Bewegung, die seine Nachfolger verschlingen würden. Bereits zu Zeiten seiner Herrschaft verbinden sich Chaldäer und Aramäer auf dem Rückzuge, mit Elamiten, erwählen sich einen Vorkämpfer, den früheren Zek Merodach-Baladan, um den Assyrern keine Ruhe zu lassen.

Sennacherib, Sargons Nachfolger, brandschatzt und schlachtet, von andauernden Aufständen bedroht, die meisten Einwohner seines Reiches hin. Während der Regentschaft dieses Wahnbesessenen zwingen die Assyrer zumindest das Königreich Judäa nieder, deportieren einen Großteil seiner Einwohner, nehmen die leeren Schiffe der Phönizier in Beschlag und morden schließlich die Chaldäischen und Aramäischen Aufständischen in ihrer Babylonischen Festung.

Unter der Führung Essarhaddons vernichten die Phönizier Sidon, belagern das verarmte Tyros, und schreiten fort, nach Ägypten einzufallen.

Assurbanipal, der letzte Tyrann Assyriens, erbt ein Reich, das die ganze derzeitige Leviathanische Welt umfaßt, muß allerdings endlich erleben, wie dies Reich sich wieder auf die Größe verringert, die es zu jener Zeit besaß, als Pulu sich noch nicht angeschickt hatte, es wiederherzustellen, und tröstet sich darüber damit hinweg, daß er sich als Schriftgelehrter, der in Tausenden Schrifttafeln, welche er in Ninive sammelt, gepriesenen einstigen Größe seines Königreiches, zuwendet. Damit ist er der Vorreiter all jener Geschichtsschreiber, die in ihren Bibliotheken einen ähnlichen Trost finden werden.

Ägypten, das Mittelmeer und Babylonien erstehen aus dem verfallenden, zu Grunde gerichteten Assyrischen Leviathan.

Etwas anderes ersteht, etwas, das durch die Kriegsmaschinerie Assyriens, die der ganzen Welt Gewalt antat, in Bewegung versetzt ward: ein Bündnis der Stämme aus den Steppen und Gebirgen.

Die Verkörperungen dieses neuen Angriffs von außen sind die Medes, welche sich mühelos im vollkommen zerstörten Elam einrichten. Im Rücken der Medes stehen die Verbündeten verschiedener Türkischer und Iranischer Zungen, welche die Griechen später Scythier und Perser nennen würden. Diese Neuerstandenen schlagen sich auf die Seite Naboplassers des Chaldäers, um die Assyrer von Babylon aus zu verjagen, um dann der Geschichte des Assyrischen Leviathans ein endgültiges Ende zu bereiten.

Naboplassar der Chaldäer, ein Mann der Waffen, welcher seine Jugend in der Assyrischen Kriegsmaschinerie zubrachte, scheint zu vermeinen, daß die Neulinge aus den Eurasischen Steppen erschienen wären, um ihn dabei zu unterstützen, Babylon zum Ruhme des gefallenen Nineve zu verhelfen. Er zerstörte die Relikte der Assyrischen Macht in Abramsstadt, Harran, und fährt schließlich nach der Mittelmeerküste.

Der nächste Chaldäer, Nebukadnezar I., König über ein Babylon des gleißenden Reichtums und der bitteren Armut, verkleinert die nun verarmten Städte des Mittelmeers und setzt Zedekia von Judäa, seine Marionette, als Statthalter von Tyros, Sidon, Moab und auch Judäa ein, doch als jener dem Pharao Ägyptens ähnliche Dienste anbietet, überfallen die babylonischen Chaldäer Tyros, brennen Jerusalem nieder und verbringen die verbleibenden Juden des Mittelmeers nach Babylon.

Soweit vermochten die Chaldäer, ihren neo-Babylonischen Leviathan auszudehnen. Nabonidus, der letzte Erbe Neboplassars, ist, gleich dem letzten Assyrer Assurbanipal, ein Schriftgelehrter. Die Neuerstandenen aus den Steppen bringen schließlich alle Festungen der Sumerer, Akkadier, Assyrer oder Neo-Babylonier zu Fall.

* * *

Gegen seine Geschichte, Gegen Leviathan! – Kapitel 5

Die Israeliten, welche sich aus der Ägyptischen Sklaverei zurückziehen und dann beginnen, ihren eigenen Lindwurm in die Welt zu setzen, führen nichts ganz und gar Neues in die Levante ein, mit Ausnahme der erfindungsreichen Theorien ihrer Führer.

Sie besetzen die Felder und Hütten derjenigen, über welche sie obsiegen können, und mühen sich dann, den Geboten ihrer verblichenen Führer Folge zu leisten.

Man sagt Moses nach, dass er, zusätzlich zum abstrakten Gotte Jahwe, seinen Abkommen viele verschiedene Gesetze gegeben habe, durch welche sie sich reinhalten sollten unter den Augen des Gottes. Nachdem sie sich zwei oder drei Generationen lang reingehalten haben, beginnen sie damit, die Lebensweisen ihrer unreinen Nachbarn anzunehmen. Redner vor dem Volke fielen im Bemühen, zu ergründen, was Moses nur vorgeschwebt haben könnte, bisweilen dem Wahn und der Raserei anheim.

Dergleichen öffentliche Ausbrüche, Anfälle und Trancen scheinen in den Leviathanen des Altertums weit verbreitet zu sein, und lassen diese Örter nachgerade frei erscheinen, verglichen mit den beherrschten Käfigen der Verständigung, die unser Dasein umgeben.

Nach einer allmählichen Gewöhnung an die Hütten und Felder der enteigneten Kananaaniter fragen sich einige Redner, ob nicht Jahwe etwa gewollt hätte, dass sein auserwähltes Volk in den Genuss einiger Güter seiner Phönizischen, oder einiger eherner Waffen und der damit verbundenen militärischen Tauglichkeit der Philistrischen Nachbarn gerate. Ein rasender Prophet erkennt, dass den Israeliten nur die Idee eines ‚Königs der Könige‘ bekannt ist, während die Völker des Ostens, die Assyrer, die wahrhafte Idee des Königs in Verkörperung Assur-rabis II. besitzen.

Ein Mann namens Saulus nimmt diese Herausforderung an, indem er mit dem Ausheben von Truppen geschwind den Assyrern nacheifert. Er wird bei dem Versuch, die Stärke seiner Truppen gegen die der eisernen Philister zu setzen, getötet, worauf ein mit eisernen Riesen vertrauterer Mann der Israeliten es vollbringt, den Israelitischen Leviathan dem Philistrischen Lindwurm anzugleichen.

König David gelingt es dann, die überlebenden Söhne Levis in taugliche Mordmaschinen, eingegliedert in ein stehendes Heer, das durch eherne Söldner noch ergänzt wird, zu verwandeln.

Mit dieser Gewalt ist der Monarch zumindest befähigt, den Rest der Träume Moses und Deborahs zu erfüllen, Moab, Ammon, Edom und Aram zu verkleinern. Gegen seine ehemaligen philistrischen Verbündeten verbündet er sich mit den Phöniziern von Tyros, Verehrern des Gottes Baal, und zeigt mit der Leichtigkeit seines Sieges über die Philister, dass die eisernen Menschen mitnichten Riesen waren.

Von einem weiteren Redner befeuert, ahmte der siegreiche Monarch die Verehrer Baals nach, indem er seinem Gotte einen Tempel erbaute. Die Tatsache, dass dieser Gott kein totes Relikt einer vor-leviathanischen Vergangenheit, sondern der Könige König, die Abstraktion des Leviathans selbst, ist, stört niemanden. Dem Gott dieses Tempels wird auf die nämliche Weise gedient, wie dem der Zikkurats.

Der Sohn König Davids erbt die Krone und verrringert in Gottes Namen die Bevölkerung noch entschiedener, und ergebene Männer häufen in ihren Häusern Reichtümer an, gleichfalls im Namen des Gottes, wie es auch die Babylonier in Marduks, die Assyrer in Assurs und die Phönizier in Baals Namen tun. Die Gottheiten unterscheiden sich in Ursprüngen und Eigenheiten, doch lediglich darin, selbst nach der Spaltung des einheitlichen Leviathans in zwei zankende Leviathane namens Israel und Judäa. Die Geschichtsschreibung ist sumerisch-akkadisch, das Recht babylonisch, die Sprichworte sind ägyptisch, die Psalme phönizisch.

Der Schimmer eines anderen glänzt einmal auf, als der Redner Elisa vor einem Teil des Volkes mit einem dergestalt ungewöhnlichen Gott gegen diesen Mangel an Ursprünglichkeit wütet, aber es gelingt ihm doch nicht, einen neuen Beginn zu setzen, geschweige denn einen neuen Exodus auszulösen.

Stanley Diamond wird hervorheben, dass das Buch Hiob eine Entschuldigung für diesen Unwillen, sich in einer menschlicheren, sinnvolleren Richtung zu bewegen, darstelle. In einem Meer der Armut scheint dem altertümlich gesinnten Hiob persönlicher Reichtum unvereinbar mit althergebrachten Weisen des Gesellschaftslebens, bis es ihm gelingt sich zu überzeugen, den Reichtum als Lohn für die blinde Unterwerfung unter den unerforschlichen Gott anzunehmen.

Der von Max Weber beschriebene Dünkel der weit späteren Puritaner ist bereits weit verbreitet. Diese Selbstgefälligkeit würde nicht gegeisselt werden, bis der egalitäre Schäfer Amos dagegen aufbegehrt, doch dann würde es bereits zu spät sein, wie Amos selbst in der Schrift an der Wand erahnen würde. Tiglat-Pileser III. wird den todgeweihten assyrischen Leviathan wieder zu einer hervorragenden Kriegsmaschine erneuen, und beginnen, ganz Mesopotamien und die Levante zu verschlingen. Des Heeresfürsten Nachfolger, Sargon II. , wird den ersten Staat Israels erobern und dessen Bewohner deportieren, und Sennacherib wird dem Staate Judäa einen änhlichen Hieb versetzen. Während ihrer langen Gefangenschaft in Assyrien und dann Babylonien wird es Moses Erben dann gelingen, etwas Neues zu schaffen. Die Erinnerung jenes Messias, welcher sie aus der früheren Gefangenschaft führte, wird ihnen nicht nur Hoffnung, sondern auch ein für Gefangene jeden Zeitalters ungewöhnliches Gemeinschaftsgefühl verleihen.

* * *

Dieser Mangel an Originalität, der den freien Erben Moses eignete, kann nicht auf ihre Umzingelung durch konterrevolutionäre Heere zurückgeführt werden – eine Entschuldigung, welche die Erben Lenins später nutzen werden. Die Israeliten in Kanaan bleiben zehn oder zwanzig Generationen lang (die Zahl hängt davon ab, ob es möglich ist, der anerkannten Zeitrechnung zu trauen, deren Vertrauenswürdigkeit in Frage gestellt werden wird) von den Heeren der Riesen, sowie von denen der Pygmäen unbelästigt.

Der Riese der Hethiter hört auf, irgendjemanden in der Levante zu drängen, weil er völlig vom Antlitz der Erde verschwindet. Dieser träge Leviathan, welcher Ägyptens Macht in Kadesh begegnete, verfällt so vollständig, dass sich die Griechen, welche später auf seinen verschütteten Festungen Olivenbäume pflanzen, nicht einmal seines Namens erinnern werden. Die Israeliten, welche die Geschichtsbücher schreiben, werden nur jenen in Erinnerung behalten, so dass die Pracht dieser Zivilisation erst zum Vorschein kommen wird, als Archäologen unserer Tage sie unter Hügeln von Schmutz ausgraben werden. Weder grosse Kriegszüge, noch Dürren oder Verschiebungen der Erdplatte sind nötig, um den Niedergang dieses Erben Mohano Daros’ Schicksals zu erklären. Jene ägyptischen Geschichtsschreiber, welche den Niedergang ihres riesenhaften Nachbarn erlebten, berichten, dass schlicht niemand sich erhob, für Khatti zu kämpfen. Den Gruppen von Mykenäern, Phrygiern und Ioniern, welche den Wehrdienst in den Heeren des anatolischen Leviathans weigern, gelingt es schliesslich aus den selben Gründen, die verbleibenden Festungen Ḫattušas zu stürmen, wie Attila dem Hunnen, der später Rom plündern würde. Das Ungeheuer ist verlassen worden.

Die Unsterblichen sterben eines Tages doch, und nicht nur, wenn sie von grösseren Leviathanes verschlungen werden, sondern auch, wenn ihre menschlichen Bestandteile sich zurückziehen und das Aas verrotten lassen. Die künstlichen Drachen haben kein eigenes Leben.

Tänzer umkreisen Cybele, die Erdengöttin, und feiern ihre wiedererlangte Freiheit. Sie werden noch immer tanzen, da sie zehn oder fünfzehn Generationen später Besucher aus Athen als von Königinnen gelenkte Völker beschreiben, und so auch werden die Athener jene Völker verstehen, welche weder von Archoi noch von Königen regiert werden.

Es wäre freilich eine Übertreibung zu behaupten, dass in Anatolien nichts von dem hethitischen Lindwurm verblieben . Frühere Eingezogene , die mit Eisen bewehrten Mykener, und die Ionischen Gruppen männlicher Abenteurer und Mörder, deren Feldzüge Homer besingen würde, sind schwärende, vom verfallenden Leviathan in Cybeles anatolische Erde geschlagene Wunden. Die Segmente des Lindwurms regen sich weiterhin, sind jedoch lediglich Schädlinge an den Rändern friedlicher Dörfer, bis der phönizische Krake sie mit seinem pupurnen Schlick ausfüllt.

Der ägyptische Riese hört aus ähnlichen Gründen auf, die Levante zu belästigen, wenngleich dieser Leviathan nicht so vollständig verfällt wie sein hethitischer Nachbar. Er erstarrt. Genötigt, um potentielle Verschwörer zu werben, streikenden Gruppen von Arbeitern ihre Anführer abzukaufen, mit vormaligen, zu den lybischen Abenteurern übergelaufenen Provinzen zu verhandeln, wagen es die Ägypter nicht länger, etwas zu tun, was ihre Vorfahren nicht getan hatten. Diese konservative Haltung bietet dem Pharao, Priestern und dem Volk ausreichend Anlässe, den toten Göttern in Tempeln und Schreinen ihre Achtung zu zollen. War nicht dies das grosse Ziel der Begründer des Lindwurms? Die Götter kommen in Ägypten auf; Modernismus und Säkularität würden nur die Überreste dessen beseitigen, was an wenigem noch von einer seit langem toten Vergangenheit verblieben ist.
Der assyrische Riese verlässt ebenso die Levante von allein, zumindest zehn oder zwanzig Generationen, bevor er die Israelitischen und Phönizischen Einwohner der Levante deportiert. Auf diesen Riesen werde ich jedoch noch einmal zurückkommen.

Zunächst will ich die Pygmäer, die Phönizier Tyras, Sidons und anderer unabhängiger Enklaven, die nächsten Nachbarn der Israeliten in Kanaan, betrachten. Sie sind Kaufleute zu Wasser, und werden an allen Küsten, die ihre Schiffe reichen, die roten oder purpurnen Männer geheißen, da sie ein Weltmonopol der Purpurfarbe besitzen und es auch wohl zu schützen wissen. Ihre purpurnen Stoffe und Kleider sind so wertvoll allenthalben, wie es Gold oder Uran in späteren Zeiten sein werden.

* * *

Die Söhne Levis gehen die engsten Beziehungen mit ihren phönizischen Nachbarn ein, derart, dass sie selbst Frauen aus Tyros heiraten und sich selbst vor Baal niederwerfen. Ich habe die Vermutung, dass gerade diese Nähe die mangelnde Originalität der levantischen Israeliten erklären könnte. Der Fluch der Arbeit lastet denn schwer auf den Pflanzern und Mähern, welche einen beträchtlichen Teil ihrer Jahresernte für ihrer begüterten Nachbarn purpurne Gewänder und andere gute Dinge, mehrenteils aus fernen Ländern, hergeben.

Die Voreingenommenen späterer Zeiten werden einmal alle Juden als Kaufleute darstellen, ungeachtet der Tatsache, dass, von der Herrschaft Davids bis zur Zeit Hezekiahs die Einzelheiten des Handels ihnen ferner sind als Baal es ist. Sie sind Landwirte oder, das trifft es besser, Bauern. Unserer Tage würden wir die beiden kleinen israelitischen Staaten als wirtschaftliche Kolonien der raubgierigen Phönizier bezeichnen, da es ihnen an Zeit wie an Kraft, originell zu sein, gebricht.

Die Gewänder und anderer Tand, den die tyrischen Männer so grosszügig ihren hart arbeitenden Nachbarn verkaufen, kosten sie wenig, und im Gegenzug werden die Händlersstädte mit dem nötigen Vieh und Getreide aus dem eigenen freundlichen Hinterland versorgt. Sie haben es nicht nötig, zu diesem Zwecke Schiffe nach Anatolien oder Syrakus zu entsenden, und vermögen daher die Schiffe mit leichteren und weit wertvolleren Dingen als Vieh oder Weizen zu beladen.

Die phönizischen Händler, deren großes Geheimnis darin liegt, ihnen selbst Günstiges zu verkaufen, und anderen Teures zu nehmen , und noch größere Mengen an Dingen, von dort, wo sie mannigfach vorhanden, an Orte zu bringen, wo sie selten sind. Damit nun fahren sie so lange fort, bis die vordem reiche Quelle versiegt, und schicken sich danach an, neue Quellen zu erschöpfen.

Ehe Salomon in Israel und sein Stiefvater Hiram von Tyros herrschten, waren Bäume ebenso reichlich wie Elephanten in der Levante. Nach ihrer Herrschaft jedoch waren Bäume in Schiffen und Tempelmauern verbaut und Elephanten ebenso exotisch in der Levante geworden, wie Karibus.

Gewaltige phönizische Schiffe kreuzen nun die rote und arabische See, um Stoßzähne von den indischen Elephantenjäger zu sammeln, welche ihrerseits nach dem Purpur der Levante und lybischen Erzen gieren. Hinsichtlich der Reduktion von Lebewesen auf Gegenstände, die in Schiffen transportiert werden können, und hinsichtlich der Neuverteilung zerstörter Tier- und Pflanzenwelten von ihnen lebensfreundlichen, nach ihnen lebensfeindlichen Orten, handelt es sich bei dem künstlichen phönizischen Kraken um einen noch größeren Gewalttäter an der Biosphäre als alle früheren Leviathane der Levante zusammen. Der wildnisfeindliche Geist des Westens wird Phönizien ungleich mehr verdanken als Purpurfarben.

Jene zehn oder zwanzig Generationen, die mit dem Niedergang der Hethiter beginnen und mit dem Feldzug der Assyrer ihr Ende finden, sind eine Hochzeit der levantinischen Metropole, nicht seiner wirtschaftlichen Kolonien. Die krakenähnlichen künstlichen Männer des kleinen Tyros und Sidons sind die einzigen noch bestehenden Leviathane westlich von China, und ich würde mich selbst zu der These versteigen, dass die relative Ruhe der assyrischen Kriegsmaschine zumindest in Teilen dem Ansturm auf exotische Güter anzulasten ist, deren Erwerb selbst die Mittel der Assyrer begrenzt.

Allein, die Phönizischen Vorgänger der Athener, Venetier und der handeltreibenden Amerikaner sind noch spärlicher belegt als alle anderen Leviathane der Antike. Wir erfahren von ihnen hauptsächlich durch die Zeugnisse anderer. Die Händler tragen ihre Gehemnisse mit ins Grab.

Alles, was wir wissen, ist, dass ihr krakenähnliches Reich, bestehend aus Schiffen und Handelsposten viele, wenn nicht alle Küstenlinien der Erde umfasst. Außerdem wissen wir, dass sie ihre Häfen an den Küsten Afrikas und der spanischen Atlantikküste begründeten. Barry Fell wird behaupten, dass die Phönizischen Schiffe bereits lange vor den Seglern Sevillas die Hochsee befahren, und einige werden darauf hinweisen, dass sie sogar den friedlichen Ozean zu queren wagen und mit ihrer Überfahrt die Errichtung der Statuen bärtiger Männer auf den Polynesischen Inseln bedingen würden.

Wir werden wissen, dass die Etrusker, während oder kurz nach der Regentschaft Hirams auf der Italienischen Halbinsel, plötzlich lernen, ihre eigene Sprache zu schreiben, indem sie sich Hirams Alphabet bedienen. […] Wir werden wissen, dass viele dieser Handelsposten, ob nun Gadir (Gades, Cadiz), Tarshish an der atlantischen Küste, die bekannten Posten Carthago, Sardinien oder Sizilien, ob die zahlreichen Posten an der Adria oder der ägäischen See, sich schnell in krakenähnliche Ungeheuer verwandeln und ihr eigenes Hinterland mit der Gründlichkeit ihrer Erbauer plündern, um wohlversorgt mit Gütern zu sein, sobald die großen Schiffe einlaufen.

Dank der fortschrittlichen Aktivitäten der geheimnisvollen Phönizier entwickelt sich das westliche Eurasien schnell zu einem dichten Netz ineinander verflochtener Tentakeln, einem Orte, da freie Menschen weder zu springen, noch stehen, noch sitzen vermögen.

* * *

Der phönizische Krake lebt von Israeliten und anderen Völkern aus seinem ursprünglichen Entschluss heraus, sich der Leviathan-Werdung zu widersetzen.

Wir gewahrten, dass frühere Leviathane die Menschen der Steppe bewegten , zu fliehen oder sich zu verteidigen, und das beides Wellen in Bewegung versetzte, die selbst im fernen China zu spüren waren.

Mittani, Kassiter und Hethiter waren einige der vielen, die sich erkühnten, dem Leviathan zu begegnen, und sich anschließend in ihrem eigenen leviathanischen Netz wiederfanden. Bewaffnet und befestigt, ließen die ehernen Hethiter mit ihren Raubzügen um Tribute und Aushebungs-Jagden neue Wellen entstehen.

Mykener, Ionier und Dorier mögen, als Antwort auf diese Provokationen der Hethiter, hinabgestiegen sein nach Anatolien und dem griechischen Festland und Archipel. Linguistisch sind diese Völker Cousins der Hethiter, Kassiter und Mittani, der Arier, die sich in Indien erstmals zeigten, und selbst der Perser, denen es einmal gelingt, über ganz Anatolien und die Levante siegreich hervorzugehen.

Iranisch- (oder Indo-Europäisch-) oder Türkisch-sprechende Stämme scheinen sich gemeinsam in die Steppen zu begeben. Später werden sie an den Grenzen des römischen Reiches auftauchen; zumindest sind sie einander keine Fremden. Einige dieser Stämme sind sesshaft und verlassen ihre Orte lediglich, wenn sie dazu gedrängt werden; andere sind Nomaden, die hirtenähnlich leben. Einige züchten Pferde, welche sich schnell von Mesopotamien nach China bewegen können, und einige wiederum schmieden sich ihre Waffen aus Eisenerz.

Mykenische Griechen weilten schon zur Blüte des hethitischen Leviathans in Anatolien und auf dem griechischen Festland. Mykenische Vasen aus der mittleren hethitischen Zeit werden in Zypern, Ägypten und der Levante sowie sogar auf Sizilien und in Irland gefunden werden; Mykenisches Olivenöl muss in all diese Gegenden auf Phönizischen Schiffen gebracht worden sein, da es keine Nachweise einer grossen mykenischen Flotte geben wird. Gelegentlich machten sie Gebrauch von Aushebungen, doch verfügten zu keiner Zeit über einen König oder ein stehendes Heer. Ihre frühere Gemeinschaft war zerbrochen, doch sie hatten sich noch nicht in einem eigenen Leviathan eingesperrt, obgleich sich ihr Theseus dafür mit großen Mühen verwendete. Sie schlossen sich entweder Hethitern auf den Aushebungs-Jagden an oder unternahmen eigene Raubzüge; Neulinge von fast identischer Sprachzugehörigkeit behandelten sie nicht als Verwandte, sondern Feinde. Die Mykener verstärkten ihre Städte und hielten sich, möglicherweise mithilfe der Hethiter, die Neulinge vom Leibe. Beinahe direkt nach dem Niedergang der Hethiter begannen, eine nach der anderen, die Mykenischen Festungen in die Hände der Ionischen oder dorischen Griechen zu fallen.

Die Erniedrigungen, welche die Neulinge vor ihrer Ankunft zu ertragen hatten, werden einer genauen Erforschung nicht zur Verfügung stehen, da die Griechen späterer Zeit ihre vor-leviathanische Vergangenheit zu vergessen sich entscheiden werden. Nichtsdestoweniger können wir versuchen, einen Eindruck der Natur dieser Erniedrigungen zu gewinnen, indem wir unseren Blick zu anderen Orten schweifen lassen.

Auf einer assyrischen Schrifttafel, welche entstand, als sich gerade die Zerstörung der Mykener zutrug, prahlt ein Gelehrter Tiglat-Pileser I., dass der Tyrann und sein Heer in einem einzigen Feldzuge im nördlichen Gebiet des Vansees Tausende Muški – unter dieser Bezeichnung fassten sie Phrygier, Hurriter und Griechen anderer indo-iranischer Sprachzugehörigkeit – gefangen nahmen.

Die Griechen entledigen sich ihrer mykenischen Vorfahren, als das phönizische Wirtschaftsimperium gerade seine Hochzeit erlebt. Gleich ihren Vorfahren, den Guti, bilden sie Stamm-Verbünde von Kriegern, angeführt von dem vormaligen Priester Basileus, der nun ihr Kriegsfürst ist. Ebenso wie die Guti, bleiben sie so lange verbunden, dass sie den Kontakt mit ihren ursprünglichen Gemeinschaften verlieren. Von ihren ehemaligen Göttern erhalten sie sich hauptsächlich Zeus, den blitzeschleudernden Donnergott, der den Kriegsfürsten leitet. Sie übernehmen Minotaurus, das taurische Labyrinth, Helena, Artemis und Demeter von Anatolien und Kreta. Die phönizischen Schiffe bringen ihnen Kadmus, Europa und ein leviathanisches Projekt.

Die frühesten Verbünde, unter ihnen das bekannte Geschlecht Agamemnons, scheinen so entschieden wie die späteren Mongolen, jegliche Spur dessen, was die Griechen “Zivilisation” nennen würden, zu tilgen. Sie reißen Festungen nieder, erbauen sie nicht von neuem, machen Paläste dem Erdboden gleich, ohne sie nachzubilden, und zerstören Schrifttafeln ohne sich ihre Inschriften anzueignen. Ihre Speere sind ihre Götter und sie leben um des Kampfes wegen.

Doch als die großen Schiffe einlaufen und purpurne Tuche und Elfenben entladen, befleissen sich die Helden, jene Fremden beim nächsten Mal mit Geschenken zu empfangen. Ihre Nachbarn, besonders die Frauen unter ihnen, zwingen pressend das Öl aus Oliven und den Saft aus den Beeren. Die Griechen tragen ihren Nachbarn an, sie zu schützen anstatt sie zu erniedrigen, und bieten einige der Geschenke, die sie von den Phöniziern erhalten hatten. Sie postieren Wachen vor Schreinen und Tanzflächen, wo sich Frauen bis in den Wahn berauschen und sich gegen die Beschützer verschwören. Und die Griechen füllen ihre Lager mit Vasen.

Agamemnons Enkel erscheinen vor der Ägaer Küsten als Händler von Wein und Öl, und eine nach der anderen, werden die Enklaven zu Tentakeln des phönizischen Kraken.

Als das Haupt des Kraken vom assyrischen Lindwurm verschlungen wird, existiert jede griechische Tentakel für sich.

Diese Geschichte wird meist als das zwielichtige Aufstieg der Griechen aus den Fängen des Dunkels in das Licht der Zivilisation erzählt. Doch wenigstens ein, noch unbewehrter, Grieche, erlebt diese Begebenheit als etwas von dem Aufstieg ins Licht sehr Unterschiedliches.

Der Dichter Hesiod erinnert sich besserer Zeiten. Er ist ein Zeitgenosse der assyrischen Invasion Phöniziens und somit ein Zeitgenosse der Griechen, die ihr eigenes Handelsimperium zu beginnen sich anschicken, Hesiod berichtet von fünf Zeitaltern oder Generationen der Sterblichen. Die ehesten, nomadische Hirtenvölker, die irgendwo in der Steppe und den Gebirgen lebten, waren ein güldnes Geschlecht. Und sie lebten gleich Göttern ohne ein Weh des Herzens, ferne und frei von Mühe und Trübsal. In Frieden und Leichtigkeit weilten sie auf ihren Landen, an Herden und vielen guten Dingen reich und geliebt von den gesegneten Göttern.

Diese nun sind noch nicht ganz hinfort; sie wandern rings auf der Erden, in Nebel gehüllt, und wachen über Urteil und Missetat.

Noch immer in den Steppen, wurden die nomadischen Hirten-Gemeinschaften gestört von den Mittlern eines Leviathans und es zeigte sich eine zweite Generation, die silbern und weit unedler war. Dem güldnen Geschlecht ähnelt’ sie weder im Hinblick des Körpers, noch des Geistes… Zeus, Sohn des Kronos, zürnte ihnen und raffte sie hin, da sie des Olymps heiligen Göttern keine Ehre zu leisten mehr mochten.
Da die Erde bedeckte das zweite Geschlecht, traten jene auf, die sich verbündeten gegen die Störer; ein drittes, nun schamloses Geschlecht von Sterblichen, sprosste aus Eschen; und war dem silbernen ungleich in jeglicher Art, doch furchtbar und stark. Sie liebten des Ares klagenswerte Werke und gewaltsame Taten; sie assen kein Brot, sondern waren im Herzen hart, dem Demanten gleich, schreckliche Männer. Grossartig war ihre Stärke und unüberwindbar die Waffen, die entwuchsen den ihrigen Schultern und Gliedern. Ihr Schild, ihre Häuser waren von Bronze geschmiedet, und so auch ihr Werkzeug…Diese wurden zerstört durch die eigenen Hände und schieden hin, nach des Hades schauerklammem Hause, und hinterliessen keinen Namen…

Sodann kamen die von Homer lobgepriesenen Kriegsfürsten, die

Heldenmenschen, so man Halbgötter nennt, ein Geschlecht vor dem unsern… Der grimmige Krieg und das fürchterliche Gefecht rafften hin einen Teil der Ihrigen, einige in dem Lande des Kadmus vor dem siebentorigen Theben, wo für des Ödipus Scharen sie stritten, einige, da er sie in Schiffen gebracht über des troischen Meeres gewaltigen Arm.

Zuletzt reiht sich daran die fünfte Generation, Hesiods eigene, die Opfer und Helfershelfer der Wein- und Ölhändler, die Griechen, welche zuletzt durch die phönizischen Führer in die Künste der Zivilisation eingeweiht wurden. Hesiod schreibt:

Wäre ich doch nur nicht ein Lebender unter diesen Menschen der fünften Generation, wäre ich doch vielmehr zuvor des Todes gewesen oder nach ihnen geboren worden. Denn dies Geschlecht ist nun ein ehernes, und Menschen rasten am Tage nicht und halten vom Sterben sich fern nicht des Nachts… Es könnt’ doch ihr Recht sein: und einer wird doch des andern Stadt plündern. Unbegünstigt bleibt derjenige, der seinen Schwur hält und der Gerechten oder Gute; Eher werden sie den Übeltäter und sein gewalttätges Handeln preisen… Der Neid, der, faulen Mauls und starren Blickes sich labet an dem Übel, wird, zusammen mit dem ganzen erbärmlichen Menschengeschlechte, vom Antlitz dieser Erde ein für alle Male, scheiden. Dann endlich werden Aidos und Nemesis, weißgewandet ihre wohlgestalten Körper, des Erdballs weiten Pfad beschreiten, um, die Menscheit verlassend, den Göttern, den ewigen, Gleiche zu werden.

Hesiods Erinnerung vergangener Dinge verleiht ihm eine Kraft, die Moses vermisste; die Kraft, sich seiner leviathanischen Maske zu entledigen, indes immernoch in das leviathanische Netz eingewebt zu sein. Solch eine Kraft werden wir als kritische Theorie bezeichnen, eine öde Bezeichnung dafür. Später wird diese Kraft zu einem zweischneidigen Dolche geschmiedet, doch nicht durch die Griechen, denen sie Hesiod gibt.

Hesiods griechische Mitmenschen wenden diesem Geschenk, das er ihnen so freimütig übergibt, den Rücken zu, denn in eben diesem Moment, als er sie ihres eigenen Goldenen Zeitalters erinnert, verschlingt der assyrische Leviathan der Griechen phönizische Mentoren und Lenker, und Hesiods Zeitgenossen bereiten sich vor, sich in ihren eigenen Kraken hineinzustürzen.

… Unter einem sich verändernden Himmel

Wer kann der Tatsache aus dem Weg gehen – abgesehen von autoritären Massenmedien-Diskursen, die oft ebensoviel verschweigen wie sie preisgeben –, dass unsere Welt zunehmend undenkbarer wird? Lauernde Pandemien, ölgetränkte Meereslandschaften, die Ströme von Menschen, die vor einem Zusammenbruch sozialer und ökonomischer Konstellationen fliehen, der allgegenwärtige Rauch ethnischer Konflikte, Krieg, oder Enteignung, die Entfernung der dürftigen früheren Barrieren für die Ausbeutung. Instabilität scheint die eine, sichere Verheißung dessen zu sein, was kommen wird, für diejenigen von uns, denen vom globalen System ursprünglich alle Gewissheiten verkauft wurden. Zusätzlich zu der sich zuspitzenden Misere, die von unserer unterschiedlichen aber universellen Unterwerfung verursacht wurde und parallel zu dem Zusammenbruch der Biodiversität müssen wir uns mit dramatischen Klimaveränderungen herumschlagen, die vermutlich größere Ausmaße annehmen werden, als das in der Geschichte der Existenz der Erde je gesehen wurde.

Teile der Welt haben die Anzeichen ihrer Zukunft auf einem Planeten erblickt, der von den Verwüstungen des industriellen Systems überhitzt ist, auf die Regentropfen vor dem anstehenden Wolkenbruch, als der Mega-Sturm mit einem Auge von 300 Meilen Durchmesser (der gewaltigste, der seit Beginn der Aufzeichnungen das Land erreichte) durch mehr als fünfzig Städte in den Philippinen fegte und dabei tausende von Menschen tötete und Millionen vertrieb. Unmittelbar darauf marschierte ein Großaufgebot der Armee in das Katastrophengebiet ein, um die staatliche Präsenz wiederherzustellen, mit Hilfspaketen, die in Rathäusern gehortet wurden und die Soldaten verwöhnten und die nur in den Gebieten wirklich verteilt wurden, in denen sich die Weltpresse versammelte. Die kultivierte Abhängigkeit von der industriellen Gesellschaft wurde wie eh und je ausgeschlachtet, durch beinahe doppelt so hohe Preise für verkaufte Grundnahrungsmittel und Pharmazeutika, ebenso wie durch die lukrative Rückkehr der Energieversorgung.

Näher an unserer Heimat haben wir die klimatischen Ausbrüche von Winterstürmen in Britannien geschmeckt, die die schwersten nationalen Überschwemmungen in den 250 Jahren seit Beginn der Industrialisierung, wenn nicht noch länger, verursachten. Schottland machte während dem weitverbreiteten Chaos des frühen Dezembers einen beinahe vollständigen Shutdown von Schulen und Transportnetzen durch. Ein Passagierjet wurde vom Blitz getroffen. Die Medien vermittelten Bilder ganzer Straßen mit hüfthoch stehendem Wasser, während tausende auf der ganzen Insel aus ihren Heimen gezwungen wurden. Das Militär intervenierte, um mit einigen schwer betroffenen Gebieten fertig zu werden und einige kurzentschlossene Geschäftsleute machten ansehnliche Gewinne mit dem privaten Verkauf von Sandsäcken an das verängstigte Mittelengland. Bisher ungekannte Wellen brachen sich entlang der kornischen Küste, während in der gesamten Nation Hochwasserschutzanlagen, Klippenwände und in einem Fall eine Zuglinie erodierten oder an die See verloren gingen. Während das Wasser nun in überfluteten Dörfern, Stadtzentren und Feldern zurückgeht, werden nun sowohl Vieh als auch wilde Tiere auf allen Stufen des Nahrungszyklusses durch verteilte Pestizide und toxische Chemikalien vergiftet, die aus den Industrieanlagen des Landes ausgespült wurden.

Zeitgleich und in direkter Beziehung hält die schwere Dürre , die die westlichen Vereinigten Staaten ergriffen hat, das zweite Jahr an und verursacht einen Ausnahmezustand in Kalifornien mit verheerenden Auswirkungen auf die Ernte und die Wasservorräte. Zunehmende Instabilität des Polarwirbels und Jetstream-Wetterphänomene lassen diese Auswirkungen von historischem Ausmaß entstehen. Hier hat die Regierung das steigende Überflutungsrisiko als eine der größten möglichen Auswirkungen des Klimawandels im Vereinigten Königreich beschrieben (was sich mit unseren gelebten Erfahrungen der letzten paar Jahre deckt), aber die Wahrheit ist, dass das Klima zunehmend unbeständig ist und die „Expert*innen“ nur eine äußerst ungewisse Vorstellung davon haben, was zu erwarten ist. Extreme Temperaturen, die überall auf dem Planeten überboten werden (sowohl nach oben, als auch nach unten) verkünden den bevorstehenden ökologischen Zusammenbruch.

Es ist wohlbekannt, dass es vor allem die Bevölkerungen des globalen Südens sein werden, die als erste von vielen Auswirkungen der globalen Erwärmung betroffen sein werden und die es in einigen Regionen bereits hart trifft. Hochwasser und Erdrutsche sind in den Philippinen bereits vor dem spektakularisierten Trommelfeuer zur Normalität geworden und die sich verändernden Wettermuster forderten Berichten zufolge bereits 300.000 Leben jährlich in einer Nation, in der 60 % der Menschen nun in von Überflutungen betroffenen Regionen leben. Die Inselgruppe liegt an der Frontlinie von Katastrophen, die von Stürmen ausgelöst werden, darunter Ernteausfälle, Wasserknappheit und die Verbreitung von Krankheiten. Ironischerweise sind einmal mehr die Regionen, die bereits kolonisierte, dem Ressourcen-Extraktivismus „geopferte Zonen“ für beinahe alle kapitalistischen Kern-Volkswirtschaften sind, die ersten, die von den Konsequenzen des Hyper-Konsums letzterer getroffen werden. Aber selbst in Europa gibt es Beispiele, wie die Hafenstadt von Rotterdam, das ökonomische Herz der Niederlande, die stellenweise mehrere Fuß unterhalb des Meeresspiegels liegt und die von beständiger technologischer Intervention abhängig ist, wie sie und bedeutende Teile von Holland es seit Generationen gewesen sind, um eine Katastrophe zu vermeiden. Ein Systemausfall würde ihre Einwohner*innen überschwemmen. Überall auf der Welt sind viele der dichtbesiedeltsten und am schnellsten wachsenden Mega-Städte an den Küsten gelegen und dem unaufhaltsam steigenden Meeresspiegel ausgeliefert. Das New Orleans von gestern könnte das Bangkok, Lagos, Mumbai oder Melbourne von morgen werden.

Die Gefühllosigkeit der industriellen Entwicklung und der permanente Bedarf der Zivilisation sich auszudehnen, sät Tod und Elend von Millionen von Menschen. Eine unvorstellbare Bevölkerungsexpansion wurde (üblicherweise durch die Untergrabung der körperlichen Autonomie von Frauen) von der Weltwirtschaft der vergangen Jahrzehnte in Gang gesetzt, um den kapitalistisch-industriellen Koloss mit Arbeiter*innen zu füttern. Nun finden wir uns oft gefährlich festgesetzt auf grundsätzlich ungeeignetem Terrain wieder; Terrain, das den ökologischen Verteidigungsmechanismen gegen Katastrophen entblößt ist, entweder durch Waldrodungen, den Verlust der Moorlandschaften der Küste oder durch die Ausbreitung einer neuen, undurchdringlichen Betonhaut über der Erde oder durch landwirtschaftliche Zersetzung des Bodens. Wenn die rauen Wetterlagen die Massengesellschaft treffen, sind die Auswirkungen bereits verstärkt  [1].

Zu dieser Verwundbarkeit kommt die überwiegend schlampige Bauweise der meisten Städte durch Kosteneinsparungen und die Maximierung der Profite, wie sie der kapitalistischen Entwicklung eigen sind, sowie die umgebenden, leicht zu zerstörenden industriellen Überbleibsel [2]. Nach der Zunahme extremer Flächenbrände, Erdrutsche, Hurrikans, Erdbeben, Fluten, Blizzards und mehr in den letzten Jahren, sind die Trümmerhaufen nur eine weitere Einnahmequelle für die Bosse – eine anhaltende Katastrophe ist ein Weg, weiter zu profitieren, selbst nachdem die Produktion auf einem Waren-kolonisierten Globus an andere Grenzen gestoßen ist. Ähnlich der multinationalen Unternehmensgruppe, die anrückte, um das Blutbad im Irak zu kapitalisieren, nachdem die alliierten Bombardements viel der zivilen Infrastruktur dem Erdboden gleich gemacht hatten, bewerben sich Unternehmen um Verträge die beschädigten Gebiete vor der nächsten Welle wiederaufzubauen und es entstehen gänzlich neue Märkte in technologischen Feldern, die behaupten, die gewissen zukünftigen Turbulenzen lindern zu können. Die nächste Runde des Scheiterns der Technologie bietet, wie immer, die nächste Gelegenheit für neue Geschäfte, die dann im Gegenzug ein neues Problem für die zukünftige Generation mit sich bringen: Außer dass der Zyklus nun beinahe auf wöchentlicher Basis wiederkehrt. Der Staat nutzt die desaströse Beunruhigung um alle möglichen Arten von sozialer Kontrolle sowohl auf Mikro- als auch auf Makroebene einzuführen und die Herrschaft der (von ihnen bestimmten) Expert*innen zu erzwingen. Diese Institutionen behaupten die einzigen zu sein, die uns retten können, ungeachtet ihrer in die herrschende Bürokratie verwickelten Position, ihrer Teilnahme an dem gesamten Ensemble, das uns über die Klippe der totalen Auslöschung trägt.

In den kapitalistischen Metropolenstaaten ist die vorübergehende Verschnaufpause vorbei, die uns in der jüngsten Ära durch die Verlagerung der unverfroreneren Verwüstung von Land durch den intensiven Energieextraktivismus in den globalen Süden beschert wurde. Das „Fracking“ von Schiefergas ist nun bereit, die Hinterhöfe der europäischen Konsument*innen so richtig auszuplündern, um das Leben der petrochemischen Maschine über die Vorhersagen der „Peak Oil“-Theoretiker*innen hinaus zu verlängern. Die USA und Kanada bereiten sich sogar darauf vor, mit dem Export von Tankschiffen des verflüssigten Gases zu beginnen, so groß ist sein derzeitiger (wenn auch vergänglicher) Überfluss. Wirklich, anstatt sich zu bremsen, beschleunigt sich der Industrialismus in allen Ecken der Welt, in denen sich seine Tentakeln breit gemacht haben. Innerhalb der eingefleischten, kapitalistischen Wachstum-oder-Pleite-Logik kann es keinen anderen Weg geben; es gibt nichts, was die Expert*innen innerhalb dieses Rahmens tun könnten, wie die Jahrzehnte internationaler Klimagipfeltreffen in ihren Resultaten belegen – immer bloß heiße Luft.

Zugleich entfaltet sich der Pfad, dem wir folgen sollen, vor unseren Augen. Eine neue freiwillige Unterwerfung der Bürger*innenschaft unter die Maschine wird im Namen des vom System neu begründeten Pseudo-Umweltschutzes und mysteriösen Nachhaltigkeitsmanagements kultiviert. Individuelle Verschwendung von Recycling-Materialien und Energie durch die Konsument*innen soll gemeldet und bestraft werden (ohne die allgemeine Abhängigkeit von diesen Verbrauchsmaterialien zu hinterfragen oder gar die stinkenden Industrien, die sie erzeugen). Nuklearer Ausbau ist plötzlich die „ökologische Option“. Steigende Preise sind bloß der Dominoeffekt von Chinas und Indiens ökonomischem Wachstum … Wir können die Situation auflösen, wird gesagt – du wirst natürlich einige Opfer bringen müssen, aber die Welt wird weiter den gleichen Imperativen folgen, die dich mit einer solchen Vertrautheit einsperren. „Alles wie gehabt“ kann und muss weitergehen. Unterdessen zurück in der Realität: Bedeutende wissenschaftliche Studien, die durchgesickert sind, prognostizieren drastische Auswirkungen eines 2,5-Grad-Anstiegs der Temperaturen in den kommenden 80 Jahren, darunter Ernteeinbußen von 2% pro Jahrzehnt, während der Bedarf einer rapide wachsenden Weltbevölkerung um 14% je Dekade wächst. Und dieses Maß an Temperaturanstieg wird als eine konservative Schätzung betrachtet. Ernten, die hochsensibel auf Temperaturschwankungen reagieren, wie Weizen, Mais und die asiatische Reisernte, die beinahe die Hälfte der Weltbevölkerung ernähren, werden am schlechtesten wegkommen – und haben bereits Missernten in den großen Kornspeicher-Regionen der internationalen agro-industriellen Zonen erfahren. Landwirtschaft in den Tropen und Subtropen, an Orten wie den Philippinen, wird vermutlich am härtesten getroffen werden [3]. Zudem werden sich die zerstörerischen Auswirkungen, die bereits in der Fischerei in tropischen und subtropischen Regionen beobachtet werden können, noch verschärfen, wenn die Meerestemperaturen steigen und die majestätischen Korallenrifforganismen unwiederbringlich beschädigt sind. Es wird geschätzt, dass beinahe ein Drittel der Meeresoberfläche (das ist ein Viertel der gesamten Oberfläche des Planeten) mit dem schwimmenden Plastikmüll der industriellen Gesellschaft bedeckt ist.

Selbst Mainstream-Journalist*innen können nun offen über die Krise dieser Zivilisation sprechen, eingerahmt von den Aktienkursen und Fluglinien-Werbungen, in dem Versuch, ein Verwaltungsprogramm zu finden, das sie vor ihrem Todeskampf rettet. Natürlich gibt es noch die konservative Nachhut, die sich noch immer an die voll entfaltete Verleugnung klammert – wie der britische Umweltminister, der die klimatischen Veränderungen, die gerade in Gange sind, als „wirklich ziemlich harmlos“ beschreibt – aber sie werden zunehmend selbst vom Rest des Establishments als peinlich betrachtet. Stattdessen wird mehr Tinte, Blut und Schweiß vergossen, in dem Versuch eine Arbeitshypothese zu entwickeln, wie genug Energie beschafft werden könnte, um die chronische Abhängigkeit dieser Zivilisation von fossilen Brennstoffen zu überwinden, während die technologisch-industrielle Ordnung ansonsten intakt herauskommt. Ob das möglich sein wird oder nicht, bleibt abzuwarten; und ihnen läuft die Zeit davon. Alles was bisher versucht wurde, um die Katastrophe lange genug abzuwenden, um neue Energiequellen zu erschließen (Entsalzungsanlagen, um den schwindenden Wasserreservoirs entgegenzuwirken, Hydrokultur-Gewächshäuser für den Anbau von Getreide, der wegen abgetragenen Oberböden einbricht, Bergbau von Erzen mit niedrigerer Konzentration) braucht nur noch mehr Energie als im Moment und erscheint so unmöglich, wenn man eine wachsende Weltbevölkerung berücksichtigt, ebenso wie einen steigenden Pro-Kopf-Konsum. Die Versprechen des „Fortschritts“ und der „Entwicklung“ werden mit impliziten Drohungen damit, was passieren würde, wenn das Machtgefüge in sich zusammenbrechen würde, unterstrichen, indem sie uns an die vollständige Abhängigkeit erinnern, die sie tatsächlich erreicht haben. Paradoxerweise fährt die industrielle Zivilisation unterdessen beständig fort, uns in die Gaskammer marschieren zu lassen und die Tür hinter uns zuzuschlagen.

Man kann sagen, dass diejenigen, die sich für die Fortsetzung dieser Zivilisation einsetzen, ihre Katastrophe durch die vielgepriesenen, möglichen Fortschritte der genetischen Manipulation, der Nanotechnologie, des Geo-Engineering, der Robotik und der synthetischen Biologie abwenden mögen – „der Endlösung“, die die Erde und uns selbst bis zum höchstmöglichen Grad verstümmelt und verkünstlicht [4]. (Vielleicht gefällt ihnen diese Vorstellung besser als denjenigen Wesen, die in den Raffinerien, Slums oder dem letzten verbleibenden „Naturreservat“ eingeschlossen bleiben würden.) Aber natürlich sprechen wir nicht von der gleichen Katastrophe wie die Staatsplaner*innen, die grünen Unternehmer*innen und professionellen Umweltschützer*innen. Für uns reicht die Katastrophe weiter zurück als die globale Erwärmung oder der Industrialismus. Die Höhepunkte der Vergiftung, Massenvernichtungen und extremen Verletzlichkeit der Umwelt des modernen Lebens sind schlicht fortgeschrittene Symptome krankender sozialer Organisationen, die Jahrtausende zurückreichen. Diese sind dieselben sozialen Organisationen, die uns unseres Gleichgewichts in der Welt berauben, ebenso wie unserer individuellen Handlungsmacht und Selbstschöpfung außerhalb der Reproduktion der Zivilisation.

Vielleicht sind die gefährlichsten Katastrophen diejenigen, die schleichend vonstatten gehen, die, deren volle Konsequenzen nicht sofort sichtbar sind, sondern die Form einer beständigen und rastlosen Entwertung dessen annehmen, was es heißen könnte frei und wild zu leben. Wie die Trennung von dem Land, auf dem wir leben, die uns nun den Notstand vor allem durch Nachrichten begreifen lässt und bloß geringfügig durch das, was wir persönlich als Teil unserer alltäglichen Realität sehen, schmecken oder berühren, bis uns die Kraft verlässt und der Hahn versiegt. Vielleicht war die Krise immer schon da oder hat sich zumindest zusammengebraut in Gestalt von Verdinglichung, von Autorität, von einer langen Reihe an Krieg führenden und hortenden zivilisierten Kulturen, die die Vorstellung von sowohl realer Individualität als auch realen Wechselbeziehungen verachteten. Die Flugkurve kann von da an bloß noch bergab verlaufen, mit dem Verlust des Respekts und Staunens vor/über die Welt, die sich in den Ethos der Kontrolle und Herrschaft verwandeln, in dem jede Kreatur zu einem Zahnrad wird, das an den richtigen Ort gesetzt werden muss: Bürger*in, Sklav*in, Verwalter*in, Ressource, Schädling. Wir leben während der Periode des sechsten bekannten planetaren Massensterbens [5], das erste, das von einer einzigen Lebensweise verursacht wurde (es wäre inakkurat die Schuld dafür einer einzelnen Spezies zu geben), das aufgrund der schwerwiegenden Auswirkungen, die die industriellen Unternehmungen auf die Geologie der Erde haben, als das Anthropozän bekannt geworden ist. Doch bevor wir die Phase der häufigen und wissenschaftlich-unerklärlichen Populations-Einstürze von Spezies überall auf der Welt erreichen konnten, mussten wir die kulturelle Entscheidung treffen und anschließend systematisieren, dass selbst eine einzige Form des Lebens weniger wichtig sei, als der Profit und die Kontrolle, die ihr Untergang „uns“ einbringen würde. Bevor wir die Phase hilfloser Gefangenschaft innerhalb der industriellen Gesellschaft, die wir weder lenken noch begreifen, erreichen konnten, mussten wir erst durch die Auferlegung komplexer technologischer Systeme im Interesse früherer sozialer Ordnungen gehen, die diese Prozesse normalisiert haben, deren Folgen niemals vollständig absehbar oder verständlich waren und die nie zu enden scheinen. Bevor es so gänzlich normal geworden ist, so „entschuldbar“, routinemäßig bestimmte Körpertypen zum Ge- und Missbrauch zu objektifizieren, musste es erst eine Trennung und Verdinglichung durch ein Sex-Gender-System geben, um der Reproduktion bestimmter sozialer Konstellationen zu dienen. Bevor es überhaupt vorstellbar wurde, die meisten Tage deines Lebens als Arbeiter*in im Dienste von „Vorgesetzten“ zu verbringen, musste erst der Zustand geschaffen werden, in dem du weder das Wissen, den Raum, die Zeit oder die Gesellschaft hattest, deine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und diese Hierarchien überflüssig zu machen.

All diese Phänomene haben greifbare Geschichten und werden heute noch immer von realen Menschen durch reale Institutionen ausgeübt. Das Problem ist nicht himmlisch, ungreifbar, obwohl die Machtstrukturen, die von ihm hervorgebracht wurden in unseren Beziehungen so diffus geworden sind, dass wir die Probleme regelmäßig selbst reproduzieren (ob gewollt oder ungewollt). Der Modus unter dem wir arbeiten – Zivilisation – ist eine Todesfalle. Es ist nicht schwer, die Symptome auszumachen, von den großen Rüstungsmärkten und Roboterdrohnen, finanzieller Erpressung, Menschenhandel und Handel von nichtmenschlichen Tieren, computerisierten sozialen Welten, die Selbstmorde und Entfremdung verursachen, einer Massenvergewaltigungskultur und häuslicher Folter, einer schleichenden Kultur der Überwachung, Klimaflüchtlinge unter allen Spezies, pharmazeutischer (Selbst-) Lobotomisierung, bis hin zu sklavischer Zusammenarbeit mit dem imperialistischen Traum „allumfassender Herrschaft“. Die Klimakrise ist nur eine weitere ökologische Ergänzung (ebenso, wie sie auch Produkt von ihr ist) der sozialen, psychologischen, imaginären, existenziellen und allumfassenden Krise, die unsere Gattung bereits jeden Tag erlebt. Das kollektive Resultat ist ein Sozialsystem, das so psychotisch ist, dass es jedes Element, von dem es selbst abhängt (Erde, Wasser, Luft, Wälder, Metalle, fossile Brennstoffe), zusammen mit möglicherweise jedem komplexen Leben auf dem Planeten in Gefahr gebracht hat; und die Fähigkeit von jeder einzelnen seiner Geiseln, außerhalb von ihm unabhängig zu existieren oder Selbstverwirklichung außerhalb seines Paradigmas zu erreichen, zerstört hat. Unsere Sehnsüchte nach Freiheit werden hauptsächlich dadurch unter Kontrolle gehalten, dass unser Lebensunterhalt von der direkten Beziehung zu der Landbasis, die wir bevölkern, getrennt wird und dann all die Kontrollen und Manipulationen zur Anwendung gebracht werden, denen wir in Folge dieser Enteignung zum Opfer fallen. Mit jedem Tag, der verstreicht, wird die Krise mehr Menschen bewusst, doch jeden Tag verfeinern die Laboratorien, die Medien und die Einheiten der öffentlichen Ordnung ihre Methoden und die Chance einer Revolte schwindet zusammen mit den Anteilen des modernen Lebens dahin, die sich wert, gelebt zu werden, anfühlen. An der ideologischen Spitze dieses abscheulichen Verlaufs der Kultur steht die akademische Verehrung der Technologie, die darauf abzielt, die „ethische“ Grundlage dafür zu legen, die mörderische kommerzielle und wissenschaftliche Machtstruktur aufrecht zu erhalten; und es sind nicht nur die aufgedrehten Futurist*innen, die vielleicht offensichtlicher mit den Multis unter einer Decke stecken. Es sind auch Leute wie die selbstbezeichnende „Umweltschützerin“ Emma Marris – die nicht nur darauf besteht, dass Wildnis an sich ein nicht mehr bestehendes Konzept ist und dass wir uns mit einer Umwelt anfreunden sollten, die beinahe ausschließlich von der Technologie geformt wurde (wobei sie in die Rhetorik eines sogenannten Pragmatismus angesichts des Klimawandels verfällt, und obwohl sie zugibt, dass sie selbst so gut wie keine Zeit in tatsächlicher Wildnis verbracht hat), sondern auch, dass das eigentlich erstrebenswert sei.

Wenn du noch immer nicht der Meinung bist, dass dies einen Zustand des Krieges auf allen Ebenen darstellt, der Angreifer*innen umfasst, auf die wir nur mit unserer Gewalt reagieren können, dann haben wir einander vielleicht nichts zu sagen. Wenn du entschlossen bist, zu kämpfen, dann können wir zu den Fragen des Wie, Wo und Mit wem kommen.

Es gibt durchaus Missmut gegen das globale kapitalistische System. Von den vielen möglichen Auslösern von Revolten sind jüngst einige wiederholt aufgetreten. Obwohl alle miteinander verknüpft sind, wollen wir einen näheren Blick auf einen werfen. Innerhalb des industriellen Ernährungssystems sind die Preise für Lebensmittel eng mit den Ölpreisschwankungen verknüpft (wegen der Abhängigkeit der modernen Landwirtschaft von fossiler Energie). Folglich sind die Märkte zusätzlich zu den kapitalistischen Spekulationen und den schwindenden Erträgen, üblicherweise aufgrund der Auswirkungen, die die Landwirtschaft auf die Böden hat, zunehmend instabil. Das ist nun gepaart mit einer schleichenden Kolonisierung von Ackerland, das auf Biokraftstoffe umgepolt wird. Die Höhepunkte der Lebensmittelpreise fielen 2008 mit Aufständen zusammen – in Mosambik, Indien, Tunesien, Haiti und weiteren Ländern. Dann wieder 2011 – in Uganda, Saudi-Arabien, Ägypten … 2012 erreichten die Nahrungsmittelpreise den dritthöchsten Stand seit Beginn der Aufzeichnungen mit Zusammenstößen in China, Argentinien, Bangladesch, um nur einige zu nennen. Unter dem zusätzlichen Druck von sowohl Wasser-, Öl-, Finanz- und sozialen Krisen, scheint das Pulverfass dabei zu sein, zu explodieren.

Soziale Revolten lassen sich niemals (oder zumindest nur sehr selten) auf einen einzigen Grund für alle Protagonist*innen auf den Straßen reduzieren. Und selbst die konfrontativsten Bewegungen eröffnen nicht notwendigerweise genug Raum für den befreienden Charakter der Transformation, die wir interessant finden. Teilbereichskämpfe („die das Brot fordern, anstatt die Bäckerei zu plündern“) sind oft Gelegenheiten für den Staat und/oder das soziale Gefüge sich zu festigen, indem er/es Dissens anpasst und integriert. Aber was wir sehen ist eine Welt, die der Möglichkeit der Regierung sie zu kontrollieren und zu rekuperieren entgleitet, offensichtlicher ohne überzeugende Antworten auf ihre Widersprüche und nur geringfügigen Versprechungen für die Zukunft. Und wenn auch nichts gewiss ist, scheint dieser Ausgangspunkt zumindest ebenso fruchtbar zu sein für De-Zivilisierung, wie er es nicht ist.

Von Südafrika bis Bahrain kann man die Angst der herrschenden Klasse riechen, diesen nervösen Tick beim kleinsten Flackern der Aufwiegelung brutale Repression zu entfesseln. Die USA, das Vereinigte Königreich, Israel, die NATO, etc. helfen mit ihrer Aufstandsbekämpfungs-/Befriedungsexpertise, ebenso wie mit der wuchernden Trägheit und Psychose der exportierten „westlichen“ Lebensweisen, aber wird das genug sein? Selbst von hier aus, aus dem isolierten globalen Norden, während das Bild der britischen Riots von 2011 in den Hintergrund einer allgemein-wiederaufgenommenen Lethargie tritt (auch wenn komplementäre anarchistische Angriffe auf Staatskräfte, Unternehmen und Kommunikationsinfrastruktur, die diese Augusttage begleitet haben, in einigen Vierteln alles andere als abgeebbt sind), zählen wir die Feuer am Horizont, während das Jahr mit Aufständen in Thailand, Bosnien, Venezuela und Island beginnt; und wir denken: Es ist hier schon mal passiert, es kann hier wieder geschehen.

Zeiten der „Krise“ (sozial, finanziell oder ökologisch) sind bereits früher ohne oder mit nur geringfügigen Anzeichen eingetreten. In Zonen, in denen die Staatsmacht bröckelt oder sich vielleicht sogar zurückzieht, um ihre ehemaligen Subjekte ihrem Schicksal zu überlassen, könnten wir mehr Gelegenheiten haben, unsere informellen Prinzipien auf menschlicher Ebene in den Wirbel einzubringen. Zum Beispiel indem wir uns unserer verschiedenen Erfahrungen mit DIY-Gesundheitsversorgung bedienen, in Warenhäuser einbrechen oder Gebäude besetzen, Propaganda verbreiten, Bullen angreifen, Essen verteilen oder anpflanzen/suchen und subsistente Lebensfertigkeiten verbreiten; um nicht davon zu sprechen, unsere Offensive voranzutreiben, während das System bereits seine Wunden versorgt. Und wir könnten einen anfänglichen Vorsprung haben, Situationen zu kreieren – andere könnten schlicht auf eine äußere Autorität warten, die die Verantwortung übernimmt und die Normalität fortsetzt.

Das Potenzial außerhalb der Institutionen zu leben, die uns kontrollieren, könnte deutlicher werden, wenn die Illusion der Stabilität einige Schläge einstecken müsste. Nichtsdestotrotz stehen zwischen der modernen Gesellschaft und dem, wohin wir wollen (die Zerstreuung in vertraute und innige Gruppen, angetrieben von einer durch die Erfahrung inspirierten Wahrnehmung ihrer Lebensräume innerhalb einer größeren Wirtsökologie), das eingefleischte „Bedürfnis“ nach diesen Institutionen in den kulturellen Annahmen, die von der Zivilisation festgelegt und umgesetzt werden. Deshalb fassen wir ebenso Mut von den Anarchist*innen der Philippinen, die in Hurricane-gebeutelte Regionen reisten, um Solar-Ladestationen, Medizin, eine freie Küche, Stressbetreuung, Kinderspiele und andere informelle Unterstützung zu teilen. Die Ansicht, die sie vertraten: „Für uns ist das kein heroischer Akt, wir glauben, dass Helfen eine normale und übliche Beziehung in vielen Organismen ist. Derzeit ist der Mensch grundsätzlich von der Vorstellung eines Wettbewerbs geleitet, der vom Kapitalismus und dem Estatismus aufgezwungen wird. Die Vorstellung von Überlegenheit, Hierarchie, Einheitlichkeit und zentralisierten Strukturen hat unsere Werte gestört. Unsere Beziehung zur Natur, zu uns selbst und zu anderen wird nun durch Herrschaft und Kontrolle bestimmt, die schließlich in Ungleichheit, Armut, Ignoranz, Patriarchat und ökologischer Zerstörung resultiert.“

Doch um nicht als Wohltätigkeitsarbeiter*innen (Solidarität in eine Richtung) rekuperiert zu werden und so schlicht zu einem stabilisierenden Anhängsel der sozialen Maschinerie anstatt zu einigen ihrer Zerstörer*innen zu werden, gelangen wir zu der Notwendigkeit des Angriffs. Unsere Taten als Anarchist*innen müssen auch die Logik der Delegation selbst angreifen. Die Logik, die sich in den einschleimenden „Antworten“ der (selbst „anarchistischen“/öko-radikalen) Politiker*innen ausdrückt, oder in dem Vertrauen auf Widergutmachung durch entweder eine Gottheit oder eine große Reihe von High-Tech-„Lösungen“ anstatt unsere eigenen Fähigkeiten und Beziehungen aufzubauen, die unserem individuellen Temperament und der Örtlichkeit entsprechen. Die Logik, die uns dazu bringt passiv darauf zu warten, dass der Nachrichtensprecher einmal mehr unsere Erlösung verkündet. Die uns in die letzten Wälder zurückziehen lässt, bis der nukleare Wind an Stärke zunimmt, oder die Aussagen „Morgen werde ich kämpfen, wenn wir mehr sein werden…“ Die allgegenwärtige Entfremdung tausender Arten von Spezialist*innen, die unser Leben im Namen der Tyrannei der Effizienz zergliedern.

So sehr es auch wahr ist, dass sich spontane und wechselseitige Post-Katastrophen-Beziehungen angesichts der Krise, wenn der Bannfluch der Normalität gemeinsam mit all ihren Scheuklappen und Garantien gebrochen ist, oft unerwartet zwischen ehemals kalten Nachbar*innen bilden, ist es doch ebenso eine Realität, dass die Antwort der Herrschaft ihren Willen und ihre Ressourcen gegen jede Form von Fahnenflucht in Stellung zu bringen vermag. Während, wie bereits ausgeführt, die Praktiken, an denen wir bereits in der Gegenwart schleifen wollen, in einem destabilisierten Szenario einschneidende Anwendung finden können, wäre es eine Illusion zu glauben, man könne einfach ungestört in die „Risse“ des Systems entschwinden, wenn die Mächtigen sich des aufrührerischen Potenzials, das unser Beispiel schüren könnte, sehr wohl bewusst sind. Man betrachte beispielsweise die Antwort des Staates auf jene, die in Folge des Erdbebens von 2012 in Norditalien nicht in militarisierten „Schutz“lagern quarantänisiert werden wollten, und stattdessen mit Unterstützung der lokalen Anarchist*innen autonome Camps gründeten: Räumungsbefehle und erzwungene Verlegung von Überlebenden in die kontrollierten Gebiete, sowie eine Flotte von Luftüberwachungsdrohnen, die über das Territorium und die Dörfer patroullierten und sogar in Häuser eindrangen. Das System wird einem nur dann Boden gewähren, wenn es unter beachtlichem Druck einer Vielzahl von Faktoren steht, bei denen die sozialen oft ausschlaggebend sind. Aber so hart man sich das heute auch vorstellen kann, während man sieht, dass die Zukunft ganz und gar unvorhersehbar zu sein scheint, so gibt es doch keinen Grund dafür, dass die Offensive, die wir mit all der Kraft und Beständigkeit führen, die wir aufzubringen vermögen, nicht ein Tropfen in den Strom in diese Richtung sein könnte, neben unserem Beschluss hier und jetzt in Würde zu leben.

Unterdessen müssen wir ernsthafte interne und interpersonelle Entwicklungen innerhalb unserer eigenen Kreise (in der Regel auf mehr Arten, als wir zugeben wollen, Mikrokosmen der umgebenden Gesellschaft) angehen, beispielsweise die Bekämpfung unserer eigenen Abhängigkeit von Annehmlichkeiten und die Infantilisierung innerhalb der Konsumkultur und die atomisierten Beziehungen, die daraus hervorgehen. Wie können wir uns selbst unter der industriellen Zivilisation von den künstlichen Unterstützungssystemen trennen – Nahrung, Transport und finanzielle Austauschsysteme unter anderen? Sollten diese Systeme zusammenbrechen, welche Niedergänge können gefeiert werden und welche müssen wir während dem Übergang zu einer unvermittelten, landbasierten Existenz  und den Kämpfen, die erforderlich sind, um dorthin zu gelangen, auf einer Affinitätsbasis enteignen/ersetzen (beispielsweise die westliche Medizin)? Können wir fortfahren bewohnbare Umgebungen für uns und unsere nichtmenschliche Sippschaft zu entdecken und zu erschaffen, die für unsere Feind*innen unbewohnbar sind (wie die Brachflächen des unregulierten urbanen Raumes, die derzeit nicht von der Industrie oder den städtischen Autoritäten genutzt werden, aus denen die gewaltsamen Plünderzüge zur Sabotage oder nach Ressourcen ausgehen können)? Wäre unsere Aufmerksamkeit anderswo besser aufgehoben? Das sind die Fragen, mit denen wir in unseren eigenen Kreisen ringen, obwohl wir offensichtlich nicht für andere sprechen können. Wir hören von Gefährt*innen, wie sie verfechten, dass sie nur die verwesenden Bauwerke dieses Systems fallen sehen wollen und all ihre Energie dafür aufbringen, dieses Ende zu beschleunigen, ohne den Willen zu haben sich mit einem anderen Weg zu beschäftigen, die Welt zu erleben; „Krieger oder Sklave“, sozusagen. Unser voller Respekt gilt all denjenigen, die den Sprung wagen, sich in kämpfende Opposition zur Zivilisation zu begeben, ohne sich Täuschungen hinzugeben, wir finden es nur selbst nicht so leicht, das „Negative“ und „Positive“ so zu trennen wie in dem nihilistischen Ideal, das befriedigt uns nicht. Selbst wenn das egoistisch ist, wollen wir erfülltere Tage leben.

Unser Ziel ist stets der Zusammenbruch der Kontrolle (inklusive der sogenannten „kreativen“ Akte, die uns empowern, während sie das schwächen, was uns unterdrückt). Der Zusammenbruch auch und ganz besonders der Grenzen und des Zögerns, die wir nur allzu oft mit in den alltäglichen Kampf hineinbringen: ohne den Schmerz, den wir in dem Prozess erleben, zu romantisieren oder die Gefahren eines jeden wahren Zusammenbruchs auf einer sozialen Ebene zu verharmlosen. Wir werden nicht vorgeben, eine brauchbare Lösung für die Milliarden von Menschen auf diesem verwundeten Planeten zu besitzen und wir stehen all jenen feindselig gegenüber, die in ihrer Hybris fälschlicherweise behaupten, dass sie eine hätten: üblicherweise von der Art einer Erlösung durch einen „Großen Weißen Ritter“ und stets die Saat eines neuen Verwaltungsapparats, der uns einfangen soll. Da es ohnehin niemals eine einzige Lösung oder einen einzelnen Ansatz, der geeignet oder von einer Mehrheit jeder Bevölkerung aus freien Stücken gewollt wäre, fahren wir fort, dem zu folgen, was sich unserer Ethik nach, ebenso wie den Bedürfnissen unseres ersehnten Habitats und folglich ebenso uns selbst und unseren engen Affinitäten nach, richtig anfühlt. Es steht allen anderen frei, das ebenso zu tun oder ihre eigenen Wege zu finden. Wir sind den Einblicken anderer gegenüber, mit denen wir in Berührung kommen, stets offen, aber ebenso bereit mit dem zu kollidieren, was uns einschränkt, ohne erst nach einem Konsens zu suchen – anarchisch auf die Art zu leben, die wir entdecken, ohne auf eine utopische Zukunft zu warten. Weil wir wissen, dass wir auf diese Weise zumindest unser Leben in unsere eigenen Hände nehmen und dass jede größere Veränderung, die Emanzipation verspricht, ohne das ein Schwindel wäre – unserem eigenen Vergnügen folgend, unsere eigene Vereinfachung zerstörend, unsere eigene Kohärenz im Handeln findend, unsere eigenen Verantwortlichkeiten etablierend, unsere eigene Widerstandsfähigkeit entwickelnd.

Wir erwarten von niemand anderem, dass sie*er unsere Kämpfe für uns führt und wir führen für niemand anderes deren Kämpfe (ohne dabei die Möglichkeit auszuschließen, dass unsere Kämpfe tatsächlich bis zu einem gewissen Grad ein und derselbe sein mögen). Wenn wir also begreifen, dass Befreiung nur erkämpft werden kann und weder von Autoritäten noch von Verbündeten gewährt werden kann, dann wird der anti-politische und aufständische Charakter der Kampfansage deutlich.

Augenblicke dieser Intention lassen sich überall auf dem Globus beobachten und verbreiten sich. Dies war, was die Anarchist*innen sagten, die die Verantwortung für einen jüngeren Angriff auf ein Wahlbüro in Santiago (an sich eine Bastion der Delegation) übernommen haben; dass ihre „Antwort auf so viel Elend die anti-autoritäre Offensive in ihren vielfältigen Ausprägungen und Formen ist. Es ist die unbedingte Anstiftung zur Brandstiftung. Es ist die Brandstiftung selbst, die Idee, die sie motiviert, und auch die Hände, die sie konkret werden lassen, der unbeirrbare Willen derjenigen, die bis zum letzten Atemzug mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen, kämpfen werden. […] Wir betrachten Konflikt innerhalb dieser Parameter; diejenigen, die auf revolutionäre Armeen oder Volksmilizen warten, verstehen nicht einmal die Natur des derzeitigen Krieges. Wenn der Konflikt asymmetrisch ist, dann lasst uns zuschlagen und untertauchen (hit and run), lasst uns in Feindschaft gegen den Feind*in handeln, wo immer er*sie sich verstecken mag, an jedem Ort, selbst innerhalb einer*s jeden Einzelnen von uns. Fernab von jedem militaristischen Abdriften, lasst uns die Macht in einer vielgestaltigen Form bekämpfen, in autonomem Handeln und informell organisiert. Angriff ist nicht nur möglich, sondern auch notwendig. Lasst uns Situationen kreieren, ebenso wie Möglichkeiten damit fortzufahren, den Konflikt zu erleben, und lasst uns unsere Vorstöße üben, wo auch immer sie aufkommen.“

Das Elend dieser Zeiten hat unseren Appetit auf eine große Zurückweisung angeregt. Eine, die auf dem Boden des individuellen Willens aufkeimt und dann ihre Vollendung in der gewünschten Gemeinschaft sucht. Eine Zurückweisung, wie sie von Michel Foucault als „eine Vielfalt von Widerständen, jeder von ihnen ein Sonderfall: Widerstände, die möglich, notwendig, unwahrscheinlich sind und andere, die spontan, wild, einzelgängerisch, orchestriert, ungezügelt oder gewaltsam sind“ beschrieben wird. In Nordwest-Frankreich hat sich die Wut gegen ein Megaprojekt des Transportnetzwerks ebenso wie seine Welt in eine anhaltende und teilweise selbstsubsistente Besetzung von hektargroßen Sumpf- und Waldgebieten entwickelt, die eine kollektive Subversion des urbanen kapitalistischen Lebens und seinen Beziehungen ausprobiert [6]. Einige nutzen diesen Ort, um zu Riots in die nahegelegene Stadt aufzubrechen, den Supermarkt in Reichweite massenhaft zu plündern, während sie sich die Cops mit Feuerwerk vom Leibe halten, oder um Stromleitungen zu beschädigen, die das Territorium durchqueren. Verbindungen zwischen den Besetzer*innen und unzufriedenen Bauern, die durch das Mega-Projekt bedroht werden, sind ausgeprägt und eine militarisierte Polizei-Invasion, die mehrere Monate anhielt, scheiterte die Umgebung zu befrieden. In Mexiko haben über mehrere Regierungsbezirke hinweg antiindustrielle Gruppen die Nanotechnologie- und Biowissenschaftspioniere ins Ziel genommen, belästigen, verwunden oder töten sie, greifen ihre Institutionen, Fahrzeuge und Entwicklungszentren an. Die aufkeimende Ausdehnung der Techno-Dystopie hat ihre fleißigen Techniker-Schüler*innen, die das Produkt von Jahren intensiver Bildung und Forschungserfahrung sind – Investments, die zu verlieren dem Technologie-Establishment empfindlich schadet. Um nicht von den Auswirkungen möglicher Infrastruktur-Sabotagen auf unsere Umgebung im Hier und Jetzt zu sprechen – Lasst uns uns daran erinnern, dass, als ein Blackout im Jahre 2003, der von zu hoch gewachsenen Bäumen, die in Kontakt mit den Stromleitungen kamen, verursacht worden war, und der die Elektrizität bis auf die dieselbetriebenen Notstromaggregate im ganzen Tal von Ohio (insgesamt 500 Kraftwerke wurden in Kanada und dem Nordosten der USA heruntergefahren) lahmlegte, das dazu führte, dass sich nach 24 Stunden die Sichtweite um zwanzig Meilen erhöhte, da das Ozon um die Hälfte sank und der Schwefeldioxidgehalt der Luft um 90% fiel. Auf der ganzen Welt versuchen indigene Menschen und Bauern, die noch (immerhin ein paar) Verbindungen zu landbasierten Kulturen haben, den Boom von Minen, Dämmen, Autobahnausbau auszubremsen – sie mögen oft überwältigt werden, aber wie viel schlimmer wäre wohl die derzeitige Kontaminierung der Welt, wenn sie bereits im urbanen Exil eingesperrt wären, anstatt die Erde mit ihren Körpern und manchmal auch mit ihren Waffen zu beschützen? Selbst in der „europäischen Hauptstadt“ Brüssel stören Antagonist*innen das Spektakel seelenruhigen Konsums und Gehorsams. Beamte werden angegriffen, während sie ihrer Pflicht nachkommen, die urbane Umgebung für diejenigen an der Macht umzustrukturieren, Internetkabel und Stromversorgung werden mysteriöserweise unterbrochen, Fahrzeuge des Personals der „Eurokraten“ brennen des Nachts. In Griechenland, das von der Wirtschaftspolitik der neuen Junta (Europäische Union, Internationaler Währungsfond und Europäische Zentralbank) verwüstet wird, bekämpfen Anarchist*innen erbittert die erstarkende extreme Rechte auf den Straßen und verteidigen semi-autonome Räume vor deren Agressionen, ebenso wie vor denen des Staates, während anti-kapitalistische und aufständische Gruppen geräumte wirtschaftliche Zentren in die Luft sprengen, Banken ausrauben, um kollektiv der Lohnsklaverei Widerstand zu leisten, den Massenverkehr in der Stadt blockieren und sich an mehr als nur einem bewaffneten Austausch mit den Gesetzeshüter*innen beteiligt haben.

Nichtsdestotrotz ist das Erreichte noch immer vorwiegend individuell und kann weder ausschließlich an externen Faktoren gemessen werden, noch auf geografische Punkte der „Gegenmacht“ reduziert werden. Das Opfer eines Queer-Bashings, das zurückschlägt (oder zuerst zuschlägt …), der*die Arbeiter*in, der sein Werkzeug niederlegt und ihren Posten zusammen mit dem Arbeitsplatz in Ruinen verlässt, die Migrant*in, die den Bullen absticht, um frei zu bleiben, derjenige, der den Käfig eines einzelnen Lebewesens aufbricht – Die Rebellion beginnt hier und wer weiß schon, wohin sich das Feuer als nächstes ausbreitet, oder wann es in den Köpfen den Traum absoluter Befreiung entfacht.

Also befinden wir uns anderswo als auf allen beschrittenen „revolutionären“ Pfaden, staksen am Abgrund der ökologischen Endzeiten ohne irgendeine Gewissheit, die wir aus den sich verändernden Himmeln lesen können. Einige Situationen wirken vertraut, die Mehrheit sind unerforschtes Territorium. Einige Feind*innen werden auf neuen Gebieten ausgemacht, viele mehr in den gleichen wie eh und je. So allmächtig ihre Reihen auch aussehen mögen, werden wir in den kommenden Jahren doch herausfinden, was wirklich möglich ist. Wer wird weiter an eine verfallende Ordnung glauben oder sie verteidigen, von ihren Spielen und ihren Zugeständnissen bestochen bleiben. Wo werden sich sonst noch die Zeichen einer Fragilität abzeichnen und was kann getan werden, um einen Pflasterstein durch sie zu werfen? Was wird an Zugkraft gewinnen? Der ersterbende Ruf der Pflichterfüllung für irgendeine Sache, oder die eingeborene Leidenschaft für das Abenteuer des Lebens jenseits moralischer Verpflichtungen. Ungeachtet aller schrecklichen Anzeichen, dass die Quelle allen Lebens und aller Versorgung, das Land, auf dem wir leben, einen kritischen Zustand überschreitet, während die Maschinen-Welt, die verantwortlich für die Vergiftung ist, sich anschickt sie zu ersetzen, lässt sich noch immer Trost finden, das Flüstern des Windes durch die Zweige, das Gefühl der Sonne auf deinem Gesicht oder die Gischt, die deine Füße umspült, der in den Augen einer Eule reflektierte Schein einer Feuer-erhellten Nacht, welchen Zuspruch wir auch immer brauchen, um uns aufzumuntern und uns das gebrochene Herzen durchstehen zu lassen, muss gefunden werden. Zusammen mit der notwendigen Munition. Oder anders ausgedrückt, wie die Botschaft, die den anarchistischen Bombenanschlag auf die BBVA Bankfiliale in Paseo de Husares in Madrid verkündet: „Unser Hass ist stärker als der ihre.

Selbsterschaffung, Dezivilisierung, Erneuerung der Ökologie und eine Anstrengung die „Harmonie widerstreitender Spannungen“ in eine ewige Bewegung auszuweiten, das nennen wir unsere Anarchie. Die Qualität unserer Leben wird nicht durch sozialen Komfort oder materiellen Wohlstand definiert, sondern verhält sich proportional zu dem Schaden, den es uns gemeinsam gelingt, dem zuzufügen, was uns Schaden zufügt. Was gäbe es für eine bessere Herausforderung für diejenigen, die keine Angst davor haben, bei dem Versuch zu sterben?


[1] Man vergleiche das mit der uralten Jarawa-Hordengesellschaft, die die Welt damit verblüffte, dass sie den Tsunami und das Erdbeben, die die Andaman- und Nicobar-Inseln im Indischen Ozean 2004 erschütterten, vollständig überlebte, obwohl sie so nahe am Epizentrum des asiatischen Erdbebens waren, dass der Tsunami sie beinahe unmittelbar traf. Es war angenommen worden, dass sie zusammen mit vielen der Siedler*innen der Inseln umgekommen seien, bis indische Militärhelikopter von den Indigenen mit Pfeilen beschossen wurden, als sie über den Wald flogen. Regierungsvertreter*innen und Anthropolog*innen glauben, dass das  Generationen alte Wissen über das Land und die Wind- und Meeresströmungen, sowie die Bewegungen der Tiere mehr als 60.000 Jahre umfasse, in denen die Inseln von ihnen bewohnt worden sind und die Stämme so durch Vorzeichen vor dem Tsunami gewarnt worden sind und sich vorbereiten konnten. Zum Vergleich: die vom Staat umgesiedelten Menschen auf den Inseln, die Ackerbau, Schweinezucht und Christentum übernommen hatten, wurden schwer getroffen. Noch immer gönnt der Fortschritt den überlebenden Waldbewohner*innen keine Ruhe, durch zivilisatorische Übergriffe durch Straßen, Rodungen, westliches Essen und Krankheiten tötet er sie beständig.

[2] Zum Beispiel wurden die meisten Toten in Büros, auf Verkehrsadern oder in Appartmentblocks zerquetscht, als Chile im Februar 2010 von dem sechstgrößten Erdbeben, das je gemessen wurde, erschüttert wurde, und Evakuierungen wurden von Vorfällen wie der brennenden Chemiefabrik außerhalb Santiagos veranlasst, nicht nur von den strukturellen Beschädigungen. Und was die gefährlichen Materialien, die beim Bau verwendet werden, betrifft: Die Opfer verschiedener industriellen Krankheiten, die von den Trümmern des New Yorker World Trade Centers „Ground Zero“ (sowohl langfristig als auch von der unmittelbaren Staubwolke aus enorm giftigen Karzinogenen, Dioxinen, Blei, usw.) stammen, sind zahlreicher, als diejenigen, die unmittelbar durch den Al-Qaida-Angriff getötet wurden.

[3] Philippinische Bäuer*innen, die von einem noch jüngeren Sturm namens „Agatan“ getroffen worden waren, haben sich darüber beklagt, dass die nicht-traditionellen Getreidesorten, die nun eingesetzt werden, wenn sie auch höhere Erträge abwerfen, schwächer und weniger resilient gegenüber den Fluten und Stürmen sind, verglichen mit jenen, die noch immer in den Jabonga-Hochebenen eingesetzt werden; außerdem ist ihr Anbau teurer und hängt von synthetischen Chemikalien ab. Nun, nach dem Sturm, sind die Gemeinschaften abhängig von den ausgegebenen Nahrungsmitteln.

[4] Es gibt natürlich auch andere, die die „Notwendigkeit“, unsere biologischen Formen als Individuen abzulegen und die wachsenden Herausforderungen einer bloß organischen Existenz vollständig zu überwinden, willkommen heißen und die „Singularität“ vertreten, die Cyborg-Anpassung von Menschen (die reich genug sind) durch Implantate, Gehirn- und Organ-„Upgrades“, selbst die Extraktion des eigenen „Gedächtnisses“ in eine Computersimulation. Und andere wiederum rechnen ernsthaft mit der Kolonisierung anderer Planeten, wenn dieser hier erodiert. Das ist das Ausmaß der kulturellen Psychose.

[5] Wie der beinahe universelle Einbruch der Biodiversität aufgrund von beinahe ausschließlich dem Verlust der Habitate/Zersplitterung, Jagd oder Erlegung, Schadstoffen,
konkurrierenden, neueinheimischen Spezies und Klimawandel genannt wird.

[6] Siehe Return Fire vol. 1, S. 81.

Übersetzung aus dem Englischen: „…Under a Changing Sky“ in Return Fire Vol. 2.

Will-O‘-The-Wisps

Translation of Irrlichter by Maelstrom.


about my dissatisfaction with some tendencies and perspectives in the anti-civilizational debate

In the twilight, I stand on the edge of a gigantic bog. I cannot see what lies on the other side, behind me stretches the backdrop of the techno-industrial civilization with its factories, roads, rails, radio masts, and, above all, its cornfields, commercial forests, and meadows of fodder clover monitored and controlled by drones. But why look back? The much more relevant question is: How do I get through this bog? I’ve heard countless stories from people who tried before me to cross this moor to escape civilization from behind. There were those who decided to drain part of the moor in order to live there beyond the realms of civilization. They dug drainage ditches and built a monastery on this piece of land. But before they could feel the cold stone walls of this monastery as restrictive, they found themselves – as if by magic, didn’t they? – in the midst of the civilized world again. It had simply expanded to the land that the drainage ditches had made and taken possession of it. And a short time later there was nothing to remind you that this piece of land had been outside the walls of civilization just a short time ago. But it is hardly worth talking about these people. At most as a short anecdote. Instead, I want to turn my gaze to those who have dared to venture out on the secret paths through the moor. On the dangerous and dark paths on which one is easily tempted to follow the glow of a tiny light that all too often has turned out to be a will-o’-the-wisp. And when I tell the stories of those who are said to have lost their way, it is not to rise above them, but rather to help myself choose my own paths through this moor.

I

I recently read a pamphlet with the rather programmatic title “Anarchism vs. Primitivism,” a translation of a text by Brian Oliver Sheppard from 2003. Not Sheppard’s only text on “primitivism” and also not Sheppard’s only text with such a programmatic title. It was mostly about anarchism, which Sheppard argued was against primitivism. Bakunin had to serve the same purpose in an effusion with the almost equally epic title as that of a pop culture trash film called “Cowboys vs. Aliens” (namely “Bakunin vs. the Primitivists”) from the year 2000. I thought about writing a reply to Brian Oliver Sheppard’s text not because I am a supporter of the “primitivism” he criticizes (whatever that is supposed to be according to his definition), but because his criticism does not actually criticize “primitivism”, but rather any anti-civilizational thinking. But in the end, a text that works on such criticism is perhaps not worth the paper on which it is written. Why enter a debate in which everything is lumped together from the start? A debate in which “primitivism” appears mainly as a counter-construction to the syndicalism advocated by Sheppard. A debate in which it seems to be less about dealing with certain positions and discussing them, but rather about forming fronts (the “anarchists” on the one hand and the “primitivists” on the other) and delegitimizing certain positions on the basis of as polarizing as – often out of context – quotations. No, this debate will get me nowhere and probably no one else either. And yet it often seems to be debates of this kind that prevail in the German-speaking context when anti-civilizational perspectives are discussed.

In my assessment, all these debates, which for obvious reasons choose “primitivism” as the enemy, are so uninteresting for the (further) development of anti-civilizational positions because behind them there is a dogmatic pro-civilizationism that accordingly conflicts with the (at least as perceived) dogmatic anti-civilizational positions. Sheppard’s text is no exception. At the beginning of his article, he begins with a collection of quotes – supposedly representative of primitivism – discussing the effects of the introduction of electricity in different regions. It seems to him that the view that electricity is not exactly found to be positive is so strange and absurd that the only argument he tries to support his contradicting point of view is to use the “lack of electricity” as “Characteristics of Poverty“ and consequently to imply that everyone who sees electricity differently must support poverty – a term that only makes sense in the context of property and, above all, in the generally comparable context of civilization. If Sheppard does not seem to be interested in elaborating an alternative criticism of civilization and – in this example – electricity, but instead a more or less formulated criticism of electricity – even though he falsifies the lines of argument at best – simply an endorsement of electricity as an achievement, as progress, so to speak – to what extent can his attitude then be understood as anti-civilizational at all? (A question he probably wouldn’t say himself at all…) But even further, when Sheppard in the introduction of his text quotes the anarcho-syndicalist Sam Dolgoff, who cannot bear the fact that someone “always went barefoot, [ate] raw food, mostly nuts and raisins, and [refused] a tractor because he was against machines and did not want to abuse horses [and] thus [himself] [digging up] the earth” and accordingly comes to the conclusion that “such self-proclaimed anarchists are really ‘ox-cart anarchists’ [who] [were] who opposed the organization and wanted to return to a simple life.” Can one even speak of dealing with an anarchist text here? Certainly one can understand that one or the other a certain frustration builds up again and again about the fact that others are not following their own analyzes or not sharing the same path that one believes will lead to revolution or elimination that might lead to dominion or wherever. But if someone “opposes the organization” and you do it with such harsh words (and of course I am not concerned with the words themselves)…

II

What can (historical) science tell me about the pre-civilizing or also extra-civilizing life of people? Personally, I take the view of Fredy Perlman that the story, his-story, always was that of Leviathan, is and always will be. Historiography always tries to abstract a narrative that is always told from a certain perspective and usually also at most from a handful of people and derive general validities from it. This not only denies the individuals about whom a narrative is about – a process in which Leviathan always comes in handy – but also implies, among other things, which stories are told, or are allowed to be told, and which are not.

I want to illustrate this with a number of examples: If one looks at Leviathan’s recent history (of which there are quite a number of contemporary written records from several individuals), let’s say, for example, the era of National Socialism, an epoch that was just 75 years ago, it fails to tell the stories of so many people … But there are diaries, files, eyewitness reports, and much more, some may object. Sure, but whose diaries are our priority today? Who dared to keep a diary anyway? For who was it materially possible – for example because they had access to paper and ink, or because they could write at all – to keep a diary? Who hasn’t burned their diaries out of fear at some point? Who hasn’t lost them on the run? Whose diaries ended up in archives, whose diaries were disposed of by a relative after their death, who had any relatives who could have looked after their estate? And the files? What should a file say about a person? She alone is a testimony of a man’s administration. To believe that something else could be gained from it seems to me naive at best, and at worst to be an endorsement of the state logic of people as entities to be administered. And the eyewitness accounts? What if there weren’t any witnesses? What if none of the eyewitnesses survived? What if the eyewitnesses persistently keep silent?

Other examples that are similarly obvious would be the Soviet Russian era, the Inquisition, the colonization of America, etc. But even if these examples show particularly clearly that it is ultimately the Leviathan’s stories that can (still) be told today, even if one may occasionally tell them in a critical tone, the following applies to every epoch in which people lived whose stories historians will not tell. Be it because they don’t want to or because they can’t.

And the further back an epoch is, or the less it has been handed down, the fewer stories can be told from it that are not Leviathan. Archeology, for example, often draws its findings from grave goods. I may be forgiven – or resented – my amateurish presentation and possibly also my “ignorance” in this regard – but I do not think that one can conclude from the fact that arrowheads were found in a grave, for example, that the Buried comes from a warrior culture. Sure, maybe these arrowheads were once buried with the corpse as grave goods and were meant to express something that can be described as warrior culture. Or maybe the person in the grave was simply shot with multiple arrows and at the funeral, nobody bothered to remove the arrows – or just the tips – beforehand. Perhaps the arrowheads were also placed in the grave, but more because the person buried in his community was more of a nerd who had a gun or arrowhead obsession and these were his favorites. Or you put them in the grave because you thought that someday some grave robbers would come along and make some speculations and then you thought it was just funny to let them ponder on arrowheads. Or, or, or. In short: don’t historians often simply project what they know from their epoch – or sometimes any longings – into other epochs? And not just the historians. Isn’t it the whole of history/archeology/anthropology that can only make statements about its subject against the background of its own epoch?

III

In the search for the origins of civilization, as well as in the search for examples of a life liberated from it, the attention of many anti-civilizational debates is directed to so-called primitive communities, i.e. communities outside civilization – and also to those that existed before their emergence, as well as those who were able to oppose their grip on their margins up to today or into the last centuries. It is above all the sources of science from which the stories about various primitive societies are drawn, especially the disciplines of archeology and anthropology. But with the stories, another concept of science seems to have found its way into their interpretation: the need to systematize these stories, to bring them into harmony with one another and in the process to create a universal narrative of the primitive, which often must serve as a template for its own utopia of a coexistence liberated from civilization.

I have already stated that, in my opinion, such a process constitutes Leviathan’s history. Here I would like to shed light on another effect that seems closely related to this process, but develops its own dynamic: the emergence of a utopia (and ideology?), of a uniform, “primitive” way of life, which becomes the blueprint of every thought game of a non-civilized life and as such seems to favor tendencies towards organized transformation rather than chaotic destruction.

At the beginning of this process, there is the eradication of the uniqueness of every (primitive) community and every (primitive) individual. Perhaps this is because the term primitive itself was initially coined by civilized people as a counter-construction and with the term, possibly more of this original concept of thought found its way into the thinking of the enemies of civilization than one would like. In any case, this term unites the most diverse communities and individuals whose way of life could hardly be more different. What seems to serve a certain (albeit abstracting and scientific) purpose in the search for commonalities between those who lead a life that did not produce any civilizing institutions, loses it for good when asked about a positive outline of a non-civilized life.

Not only that – for example, in an environment in which almost every big game has been exterminated or the remaining herds – at least without civilizational management – are on the verge of extinction, the customs of “primitive” hunter communities even in the face of a civilization in ruins, are of relatively little use. With the uniformity of these customs often invoked today, I also seem to run the risk of adopting customs distilled from a completely abstracted, economized [1] perspective, which – in this way, robbed of their connections, for example, a spiritual connection to nature, etc. – would never work anyway. But if this model of the “primitive” is not able to give me anything for my own life, why should I orientate myself towards it? Why systematize it and reconcile the unique, different stories from far apart regions as well as ages?

Sometimes such an attempt at systematization seems to me to be a kind of scientific neurosis. No wonder, like many others, I am used to generalizing stories that give me something and occasionally catch myself presenting contradicting stories almost obsessively to myself as implausible. I think beyond what one can perhaps learn about oneself in the process, there is no particular problem in such a purely individual systematization. Occasionally, especially in scientific analyzes and debates that rely particularly heavily on them, it seems to me that there is a little more lurking behind such a systematization. Wherever suggestions are made as to how we could systematically “restore” the whole world to a state that resembles the “original” state that (idealized) “primitive” societies would have found, there, in my opinion, a certain one begins to develop the logic of civilization, namely that of the complete organization of the whole world and its orientation towards a unified goal. And even if the currently emerging, planned reorganization of the world through the “green wing” of capital certainly looks very different from what some proponents of a reformist “primitivization” of society may have imagined, it seems the resemblance to be somehow striking to me.

Such tendencies seem to me to be based primarily on the fact that stories about primitive societies are systematized and woven into a primitive ideal, which in turn is supposed to serve as a blueprint for a post-civilized world. Instead of aligning my actions with such an ideal, it seems more sensible to me to start from my own condition, my individual possibilities and longings. Instead of measuring my actions by the extent to which they contribute to an (eternally) future ideal, I want to passionately pursue my longings, freed from the fetters of my domestication, in the here and now, want to destroy what restricts me in them and possibly also this or that remnant benefit civilization. Not in the form, of course, that follows the dictates of civilization itself and reproduces it, but always with a view to preserving or restoring my freedom and that of others and to destroy hierarchies and oppression.

IV

For many anti-civilizational critics, the notion that the system is collapsing has been one of the cornerstones of their analysis for years. And in view of nuclear waste, arsenals that could destroy the earth several times, dwindling arable land, oil reserves, rainforests, and rising CO2, who can blame them for predicting a collapse of the system. By the way, they are by no means alone. Even system-supporting institutions such as the Club of Rome have been marketing the idea of ​​an approaching apocalypse through the limits of growth for decades with some success. And in fact, the ideas of collapse of some anti-civilization critics hardly differ in detail from those of these doomsday prophets on behalf of “green” capital. Who has copied from whom can often no longer be fully explained today, but one thing is certain: The doomsday prophets of capital do not look forward to the collapse they have systematized in joyful anticipation, but rather deal with the techno-industrial system during this to keep decay alive. Their assessments have been considered for years at international military security summits and serve as a blueprint for new counterinsurgency strategies.

All of this can certainly not be blamed for anti-civilizational collapse ideas. On the contrary: While the oracles of civilization and capital have advised governments, companies, and other civilizational warlords for decades on how to prepare for such a collapse (by the way, the most recent of these campaigns, the so-called Global Reset or Great Reset are interpreted in this way) the anti-civilizing seers of this collapse have remained astonishingly passive. If you disregard mostly institutionalized and often commercially marketed survival courses, the strategies for acting in such a collapse seem astonishingly hollowed out to me. Those who otherwise criticize the hoarding of food as a basic condition for the emergence of civilization develop surprisingly often, who suspects it, the hoarding of food as the most important perspective with regard to such a collapse. I don’t want to be misunderstood here: Especially within nature, which is rugged by civilization, survival in the event of a collapse of civilization and its food production only appears possible thanks to food supplies. Accordingly, my criticism is not directed against the creation of food supplies per se, but rather against the fact that such a project quickly becomes the only perspective that lets any active attack on civilization die out in the here and now.

Because even if a discussion about strategies in such a collapse scenario certainly has its value, above all I have the feeling that too narrow a focus on a collapse is nothing more than a driver of passivity. Anyone who always aligns their own actions with what may happen in the future is pledging their own life in the present to this future. When I try to imagine what it must be like to wait for decades for civilization to finally collapse and then finally to lead a life according to my own desires, the only keyword that comes to mind is unsatisfactory! And the most important question seems to be there: Why wait? As a declared enemy, why should I wait in civilization until it one day (perhaps) abolishes itself because it collapses? Wouldn’t it be much more satisfying, much less passive, and much more compatible with living my desires if I instead looked for ways to destroy civilization? And does a destroyed civilization increase the chance of a life beyond civilization immensely in comparison to a collapsed civilization that previously completely exploited or destroyed all “resources”, that is, all nature?

Regardless of the fact that I want to live now and do not want to direct all my hopes for a life according to my own longings towards an indefinite future that I can hardly influence, a collapse of civilization actually seems relatively unlikely to me. On the one hand, it can almost always be said of the collapsed civilizations of the past that they were devoured by another, expanding civilization instead of simply falling apart. On the other hand, it can be observed, especially in the last few decades, that the apparatus that perhaps “Western civilization” could be called, is making enormous efforts to prevent a collapse due to limited resources. And by that, I don’t just mean the ludicrous notions of expansion into the vastness of space that are being pursued more vigorously than ever before. I also mean what an economic and scientific elite is currently selling as the “pandemic opportunity”: the organized reduction of resource consumption through the mere administration of people in the future while at the same time restricting what has been euphemistically termed “freedoms” up to now and their pacification with the help of technology.

Either way: Anyone who puts all their hopes on the fact that the techno-industrial system will collapse on its own in the near (or distant) future seems, in my opinion, to tend to take on the role of a passive observer and thereby deprive oneself of one’s own scope of action. Instead of shifting my longings into the future in this way, I want to live them now. Instead of waiting for a system to collapse and preparing for the brutal war for survival that follows – in which the most destructive weapons are still in the hands of my enemies (military, cops, politicians, etc.), it seems to me much more interesting to look for ways to sabotage and attack the techno-industrial system here and now, so that it ultimately collapses less than is destroyed to its foundations by a voluntary act.

V

One of the greatest successes of the idea of ​​(linear) time must be accounted for that progressiveness and progressivity, in common parlance, stands for a development that is viewed as positive, while regression and regressivity denotes a development that is viewed more negatively. You want to move forward, step by step towards a goal. A step backwards? A disaster! To stand still? Waste of time. One step aside? Unthinkable. Progress or regression, there doesn’t seem to be anything else. And where his-entire-history is arranged on a timeline that brings events, which at times could hardly have less to do with each other, in a common chronology, which in turn in the various schools of thought of progress (capitalism, Marxism, liberalism, etc.) be interpreted that progress is not only the only possible, historical-materialistic direction, but that its whole history has inevitably moved towards precisely this moment of the present, then the only non-progressive way out seems to be the hamster wheel of Time to bring it to a standstill, only to then turn it backwards one revolution at a time.

But whether progress or regression, whether I turn the hamster wheel forwards or backwards, in any case a certain idea of ​​temporality seems to hold me captive and (at least in my mind) to determine in advance what my life and its circumstances should look like. And it is by no means a coincidence that, regardless of where I might like to move on this timeline, turning the clock hands backwards or forwards is not just an effort that requires enormous force, such as can only be mobilized by the institutions of civilization , but also accordingly not only my life, but that of everyone within civilization. One could – and should even – describe the act of turning the clock (no matter whether forwards or backwards) as an act of civilization, because it would be nothing more than the organization of (human) living beings in an artificial, in itself lifeless monster, that through them brought to life, would set the clock hands in motion and thereby determine the course of all humanity, civilization, the earth (the universe?).

The concept of time that is widespread today as an independent, absolute, universal, strictly linear institution developed parallel to the emergence of modern science and the so-called “industrial revolution” [2], which also ran parallel to it. Not only Galileo Galilei, Isaac Newton, and many other early exponents of this development had an obsession with time. Their current spiritual successors also maintain an almost obsessive relationship with this institution. Amazon founder Jeff Bezos, for example, a global leader in degrading people to robots in his company’s logistics centers (something that recalls certain statements made by the forefathers of modern science), is currently building a pilgrimage site for contemporary believers in a mountain in West Texas: a gigantic clock that will measure time for the next 10,000 years. His main motivation for this project may surprise one or the other: “As I see it, humans are now technologically advanced enough that we can create not only extraordinary wonders but also civilization-scale problems. We’re likely to need more long-term thinking.”[3] The clock is a symbol of long-term planning, or in other words: temporality and long-term planning/organization as one of the fundamental dimensions of civilization.

Where the transhumanist and technology enthusiast Jeff Bezos undoubtedly means advanced planning and technological development, retrograde planning and technological re-development hardly seem to mean anything else. Technically, only a minimal change is required, such as adding or removing a gear to make a clock run backwards instead of forwards. But what would that change? Today, the watch synchronizes the civilizing efforts of an army of slave workers, meticulously and to the second from the wrist of its owner or, more recently, from the inside of their smartphones. To take possession of this instrument and from now on let time run backwards in an attempt to organize civilization away seems to me to be following a fundamental misinterpretation of this process. Isn’t it the synchronization itself that defines civilization, less the direction in which it takes place? De-synchronization, on the other hand, appears to me only through the total abandonment of a certain course, through the complete destruction of the synchronization mechanisms of the temporal and the resulting chaotic and consequently by no means absolute or universal course of time – if one can then still speak of temporality at all – to be possible.

***

These fragments of a critique of some widespread aspects of anti-civilizational thought in no way open up a new way out. Rather, they can be understood as a (albeit superficial) commentary on existing approaches and thus as a starting point for a renewed debate about strategies, analysis, and perspectives that may still be held.


[1] A somewhat amusing example: Recently someone told me about an ERoI (Energy Return on Investment) from hunter/gatherer communities and that this is very high compared to civilized societies. I still have to smile a bit about that today. Not because that may not be true from (today’s) economic perspective, but rather because I have to imagine how one tries to explain to a member of such a hunter/gatherer community that, because of their way of life, I admire this high ERoI ,and (presumably) will encounter no understanding at all. In fact, it cannot be said that the person who told me about this ERoI would consider an (abstract or specific) “primitive” way of life in purely economic terms; investigated “primitive” societies and yet it seems to me to be the expression of a perspective that must have already eliminated all individuality, as well as all unique characteristics of a community, in order to be able to reach such a statement at all.

[2] An interesting treatise on this development of time can be found, for example, in John Zerzan: Time and Its Discontents.

[3] Direct quote: “The way I see it, people are now technologically advanced enough not only to perform extraordinary miracles, but also to cause problems on a civilizational scale. So we have to think long-term.”

Dated February 7, 2021. Translated 2021 by Robin. Retrieved from Zündlumpen No. 080.

Gegen seine Geschichte, Gegen Leviathan – Kapitel 4

Das Buch am Ursprung der heutigen zivilisierenden Religionen beginnt nicht mit Zivilisations-Erbauer*innen, etwa mit den Sumerern, die den ersten Leviathan zum Leben erweckten. Sein erstes Kapitel erzählt von einem irdischen Garten, Eden, einem Ort, der an den Naturzustand erinnert. Sein zweites Kapitel erzählt von dem Auszug von Menschen aus den Eingeweiden eines großen Leviathans. Das Buch beschreibt dann unkritisch den Versuch dieser Menschen, selbst einen Leviathan zum Leben zu erwecken, aber das Buch fährt fort, von schmerzhaften und oft unerträglichen Gefangenschaften in den Eingeweiden anderer Würmer zu erzählen. Der allgemeine Eindruck, den es vermittelt, ist, dass die Wunder der Zivilisation keine positiven, das Leben steigernden Wunder sind.

Auszüge aus Zivilisationen sind so zahlreich und häufig, dass die lebensverzehrenden Würmer in einem ständigen Zustand des Zerfalls zu sein scheinen.

Der Exodus Israels aus Ägypten ist kein großer Auszug, aber er ist ein gut dokumentierter, so dass wir Einblicke in einige der Handlungen und sogar einige der Gedanken der Teilnehmer*innen gewinnen können.

Die Subjekte des Exodus sind Zeks in Ägypten, aber sie scheinen relativ privilegierte Zeks zu sein. Sie sind vorschriftlich. Sie sind keine Menschen mit einer einheitlichen Denkweise, wie sie später in der Geschichte enthüllen werden und wenn sie nicht sogar aus einem einzigen Stamm stammen, werden sie durch ihre späteren gemeinsamen Erfahrungen zu einem zusammengeschweißt werden.

Sie sind nicht sehr lange in Ägypten gewesen, bloß ein paar Generationen, sodass sie sich daran erinnern, dass es eine Welt außerhalb Ägyptens gibt. Ihr Bezug zum irdischen Garten mag sogar eine Erinnerung an eine Welt außerhalb von Leviathan sein. Turner wird vorschlagen, dass der einzige Garten, an den sie sich erinnern, der mesopotamische Garten des Lugals und seiner akkadischen Nachfolger sei.

Das mag auf einige von ihnen tatsächlich zutreffen, aber ich haben den Verdacht, dass einige von ihnen etwas anderes im Kopf haben.

Vierzig Generationen nach ihrem Exodus aus Ägypten werden die Schriftgelehrten dieser Menschen ihr Buch schreiben; in ihm werden sie akkurat von politischen und militärischen Ereignissen erzählen, wie sie auf Tafeln und Schriftrollen beschrieben sind, die modernen Forscher*innen zugänglich sind, den Schriftgelehrten jedoch nicht zugänglich waren. Die Erinnerungen der vorschriftlichen Menschen sind lang. Menschen, die sich der Taten von Pharaos, Hethitern und Assyrern erinnern, können sich auch daran erinnern, dass ihre eigenen Vorfahren einst in Gemeinschaften freier Menschen lebten, egal ob im Jemen oder in Äthiopien, und dass diese Vorfahren mit Tieren, mit der Erde, mit dem Geist des Himmels und dem Geist des Apfelbaumes kommunizierten.

Ich habe den Verdacht, dass sie sich erinnern und Eden nennen, woran sich andere als das Goldene Zeitalter erinnern. Und wenn wenn sie sich in Ägypten unwohl fühlen, muss die Erinnerung, dass es ein Außerhalb gibt, sogar ein angenehmes, idyllisches Außerhalb, in ihnen ein Verlangen wecken, die größte und wohlhabendste aller antiken Zivilisationen zu verlassen.

Ungeachtet ihrer Nostalgie für das, was Morgan und Engels eine primitivere Stufe des Seins nennen werden, eine Stufe, die keine Produktionsweise war, sind sich diese relativ privilegierten Zeks des materiellen und sozialen Zustands ihres Zeitalters sehr wohl bewusst. Sie wissen, dass der ägyptische Leviathan nur ein Monolith unter anderen ist und sie scheinen eine ganze Menge über die anderen zu wissen. Das ist nicht überraschend, da sie sich an jüngere Vorfahren lebhafter erinnern, als sie sich an Edens Adam erinnern, und zumindest einer dieser jüngeren Vorfahren, ein Mann namens Abraham, stammte aus Haran, einer genau an der Kreuzung zwischen den größten Leviathanen der Welt gelegenen Stadt. Selbst wenn dieser Abraham nicht neben dem Palast des Regierungsoberhauptes oder dem Tempel, sondern in einem Außenbezirk lebte, war er sicherlich vertraut mit der inneren Stadt und ihren Gärten und möglicherweise sogar mit den Gärten anderer Städte.

Abraham muss sogar noch vertrauter mit den Händlern und Soldaten der großen Leviathane gewesen sein, da Haran entlang der Straße gelegen war, die von assyrischen Handelsreisenden genutzt wurde, die nach überraschenden Gewinnen in Anatolien suchten und der friedliche Handel der Händler am Tage führte beinahe unvermeidbar zu Zusammenstößen ungehobelter Armeen in der Nacht, die Harans Außenbezirke in eine sich verdunkelnde Ebene verwandelten.

Abrahams Sippe wurde sicherlich in die verwirrten Rufe zum Kampf und zur Flucht gefegt. Sie mögen sogar an Seiten der gepanzerten ägyptischen oder hethitischen Männer als Hilfstruppen gekämpft haben. Es ist unwahrscheinlich, dass sie jemals Hilfstruppen der Assyrer gewesen sind, da ihr Buch nur Angst und Schrecken vor den Todesschwadronen ausdrückt, die von den Tyrannen von Assur und Ninive ausgesandt wurden.

Die Schriftgelehrten werden schreiben, dass ihr Vorfahre Abraham bereits ausschließlich Jahwe verehrte, aber das ist sicherlich Wunschdenken ihrerseits, da Abrahams Großenkel in ihrer späteren Gefangenschaft in Ägypten noch immer verschiedenen Naturgöttern huldigen.

Uns wird nicht genau erzählt, wann oder warum Abrahams Sippe ihren Weg nach Ägypten nahm oder mitgenommen wurde, aber es gab viele Gelegenheiten, zu denen solch eine Reise opportun oder sogar notwendig gewesen sein könnte.

***

Die wiederholten Versuche der akkadischen und amoritischen Nachfolger Lugalzagesis den weltumfassenden Leviathan wieder zum Leben zu erwecken hatten den unbeabsichtigten Effekt viele der Menschen auf der Welt in Bewegung zu versetzen.

Wir haben bereits gesehen, wie beunruhigend ein Besuch durch einen Händler, seinen Cousin und einige bewaffnete Männer sein konnte. Gemeinschaften von Aussäher*innen und ländlichen Nomad*innen nahmen ihre Waffen auf, entweder um sich vor zukünftigen Besuchen zu schützen oder um zu versuchen, ihre gefangengenommene Sippe zu retten.

In Anatolien zwangen einflussreiche Frauen den Pankuš, die Versammlung aller, ihre Lebensweise gegen den Angriff der Todeshändler zu verteidigen und die mächtigeren Gemahle einflussreicher Frauen begannen Mauern zu errichten. Spätere hethitische Schriftgelehrte werden sich auf ihren Tafeln nur auf den mächtigeren Gemahl beziehen und sich an ihn als König Labarnasch den Ersten erinnern, aber sie werden sich erinnern, dass der König ein bloßer Gemahl war, da die Frauen bis in die Zeit der Schriftgelehrten stolz und stark bleiben werden. Anatolische Frauen werden nicht so leicht entwürdigt werden; mehr als 50 Generationen später wird Herodot von anatolischen “Amazonen” sprechen und es wird bis in Roms patriarchales Zeitalter noch immer mächtige Frauen in Anatolien geben.

Während die sesshafteren Gemeinschaften dem Ungeheuer widerstanden, indem sie sich selbst einmauerten, machten es mobilere, ländliche Nomad*innen, wie es die Guti getan hatten, und stürmten die Tore der betrügerischen Leviathane. Zu dieser Zeit haben die habgierigen Tentakeln der verschiedenen Leviathana die Ur-Großeltern beinahe aller Menschen, die die Tore der Leviathane in späteren Zeitaltern stürmen werden, auseinandergerissen, die Ur-Großeltern von Sanskrit- und Iranischsprachigen, von Tungusisch- undTürkischsprachigen, der Mongolen, Finnen und Ungaren. Die Mesopotamier*innen nannten sie Kassiten, Hurriter und Mittani. Die Ägypter*innen nannten sie Hyksos. Von den anatolisch-beinflussten Hethitern sagt man, dass sie von ihnen hervorgebracht wurden.

Viele dieser königlosen Völker ritten auf Pferden und einige handhabten eiserne Werkzeuge, aber das machte sie in keiner Weise zivilisierter als die kupferverarbeitenden Vorfahren der Ojibwa der Great Lakes; die Pferde und das Eisen wurden erst zu Produktivkräften, zur Technologie der Zivilisation, nachdem sie Teil von Leviathans Waffenarsenal geworden waren.

Diese Menschen hatten keine Angst Städte anzugreifen und ihr Zorn trieb viele von ihnen dazu, die Stadtzentren ihrer Störer vollständig ins Chaos zu stürzen. Sanskritsprachige Kassiten, die mit Elamitern verbündet waren, machten das Meiste des Imperiums der Amoriter dem Erdboden gleich und erreichten sogar die Grenze nach Babylon.

Die Cousins der Kassiten, von den Assyrern Hurriter genannt, bildeten ihr eigenes Bündnis berittener Männer im armenischen Hochland und zermürbten Assur, sowie Assurs levantische Außenposten.

Die Menschen oder Völker, die Hyksos genannt wurden, verbündeten sich mit ägyptischen Armeen und jagten die Assyrer aus der gesamten Levante.

Die hethitische Armee verbündete sich mit Hyksos, Hurritern und Kassiten und plünderte das kommerzielle Aleppo, das Juwel der Levante, sowie das entfernte Babylon selbst, und halfen den Kassiten, den Amoritern die gleiche Bürde aufzuerlegen, die die Amoriter den Kassiten auferlegt hatten.

Es mag sein, dass Abrahams Sippe den Hyksos dabei half, assyrische Außenposten aus der Levante zu verdrängen und einige ihrer Mit-Hilfstruppen in das Heimatland des großen Bruders am Nil zu begleiten, wo das Leben weniger von verwirrten Rufen zum Kampf und zur Flucht erfüllt war. Oder es mag sein, dass sie eine Generation später Zuflucht am Nil suchten, als berittene Mittani den Gebieten Assyriens das antaten, was die Kassiten denen Babylons angetan hatten.

Es ist auch möglich, das Abrahams Sippe von den siegreichen Ahmosiden gefangen genommen wurden. Oder sie mögen einige Generationen später von einer Zeks-jagenden Expedition an den Nil verschleppt worden sein, die von dem zweiten Thutmosis ausgesandt worden war.

Es erscheint wahrscheinlich, dass Abrahams Erben bereits etablierte Zeks in den Außenbezirken Karnaks oder sogar weiter südlich gewesen sind, als Menelaos und seine Mykener ihre Städte an der nördlichen Küste zum Mittelmeer befestigten, als ein Vulkanausbruch in Kreta die kommunale Steinbehausung einebnete, die später Minospalast genannt werden würde.

Vermutlich sahen sie – und halfen vielleicht sogar bei seiner Errichtung – den Palast von Königin Hatschepsut am anderen Nilufer, eines der schönsten architektonischen Wunder überhaupt – ein Palast, der von üppigen tropischen Gärten umgeben war, die später wieder zu Wüstensand zerfallen würden. Wie die Zeks anderswo auch fühlten sie vermutlich den Schmerz in ihren Gelenken, wenn sie die großen Monumente ihrer Herr*innen betrachteten. Aus eben jenem Grund konnten sie nicht an den Garten des Lugals gedacht haben, als sie sich an Eden erinnerten und sie konnten schwerlich angenommen haben, dass ihre Vorfahren aus einem solchen Garten des Lugals stammten.

Sie waren noch immer in Ägypten, als die Königin Hatschepsut von ihrem Nachfolger ermordet wurde, als die Schriftgelehrten ihren Namen von den Kartuschen radierten und den eindeutigen Beweis schufen, dass es niemals eine weibliche Pharaonin gegeben habe. Die Zeks müssen sich gefragt haben, ob all das wirklich getan werden müsse, um die Erinnerung an eine Frau auszulöschen, die niemals behauptet hatte, irgendetwas anderes zu sein als ein Mann.

Die Gefangenen konnten nicht wissen, dass während Hatschepsuts Name in Ägypten besudelt und vergessen wurde, der Frauenhasser Theseus, ein Archon basileus oder Befehlshaber einer Bande Mykener die anatolischen Amazonen besiegte, Antiope tötete, ihre Schwestern versklavte und sich selbst im befestigten Troja verschanzte.

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Die Israeliten in Ägypten waren keineswegs unwissend über die Lebensweisen und Taten der großen Leviathane ihrer Zeit. Wir können sogar annehmen, dass sie mit diesen Lebensweisen und Taten nicht einverstanden waren. Einige unter ihnen, sowie einige unter den Hyksos, waren möglicherweise Modernisierer, die dachten, dass Lugalzagesi und andere Friedensstifter gigantischer Regionen Frieden brachten und nicht den Speer. Die Modernisierer*innen waren zweifelslos eine Minderheit. Die Mehrheit muss das gewesen sein, was wir Primitivist*innen nennen würden, Menschen, die nostalgisch auf den altertümlichen Garten und seine Naturgötter zurückblickten.

Die Modernisierer*innen unter ihnen konnten sich weder unter ihren Mitmigrant*innen noch unter ihren ägyptischen Gastgeber*innen geborgen fühlen, da zahlreiche Hyksos für ihre fremden Ansichten und Lebensweisen verstoßen wurden, als respektable Ägypter*innen ihre einstigen Verbündeten als Verwalter*innen des Sinai und der Levante ersetzten. Die Modernisierer*innen können nur Ressentiment empfunden haben, als Tuthmosis der Dritte Ägypter, denen alle kanaanitischen Sprachen fremd waren, sandte, um die Ländereien des Pharaos in der Levante zu verwalten und diese vor den grausamen Mittani zu schützen; Und die Möchtegern-Botschafter*innen müssen erzürnt gewesen sein, als Amenophis der Zweite die Tochter des mittanischen Artatama heiratete und dann ein Bündnis mit diesen Wagenlenkern gegen die Hethiter schloss.

Die Kinder oder Enkel der Modernisierer*innen, ebenso wie die Primitivist*innen, müssen sich von Amenophis dem Dritten abgestoßen gefühlt haben, der nicht nur die verhasste Allianz mit den Mittani fortsetzte und Botschafter*innen in das grauenvolle Assyrien sandte, sondern der auch seine eigene Tocher heiratete. Die unsägliche Herrschaft des Tyrannen hielt beinahe zwei Generationen lang an; Glücklicherweise scheiterte der Ischtar, der von den Mittani geschickt wurde, um das Leben des Tyrannen noch mehr zu verlängern.

Die Modernisierer*innen müssen das erste Mal befreit aufgeatmet haben, als ein fürstlicher Modernisierer als Amenophis der Vierte ins Amt des Pharaos aufstieg und seinen Namen in Echnaton änderte. Wenn dieser Pharao nicht der erste totalitäre war, so war der doch der erste revolutionär totalitäre.

Es wird unserer Tage gesagt werden, dass die Großväter von Moses ihren Monotheismus von Echnaton erlernten, von dem angenommen wird, dass er ihn erfunden hätte. Ich glaube dieser Pharao musste nicht erfinden, was seit mehr als fünfzig Generationen allgemeine Praxis seiner Tempelturm-bauenden Nachbar*innen gewesen war. Er könnte einige Details dieser Praxis von den semitisch-sprachigen Immigrant*innen in und um seinen Palast erfahren haben.

Der Pharao verfügte, dass ebenso wie er der König der Könige und der Herr der Herren war, auch Aton, der Sonnengott, fortan der Gott aller Götter sei. Die Revolution bestand nicht in dem Dekret, sondern darin, was darauf folgte. Bewaffnete Banden neu konstituierter Priester von Aton stürmten begleitet von den Truppen des Pharaos und möglicherweise von modernisierenden Immigrant*innen die Tempel aller anderen Götter und enteigneten alle anderen Priesterschaften, indem sie die Ländereien und Paläste Aton widmeten. Dies war ein Vorläufer der berümteren Religionskriege, die Europa in einem späteren Zeitalter verwüsten würden. Ägypten hatte nie zuvor einen solchen Ikonoklasmus, eine solche Verfolgung, eine solche innere Gewalt erfahren.

Zum Unglück der Modernisierer*innen erhoben sich ganze Geschwader konservativer Priester, die den verdrängten Göttern gegenüber loyal waren, gegen die Thronräuber und gegen ihren Gott Aton. Wenn irgendeiner der Immigrant*innen die Gunst von Echnaton gehabt haben mochte, so waren diese nun in Schwierigkeiten. Nachdem sie den neunjährigen Tutanchamun auf den Thron gesetzt hatten, fuhren die Götzen-anbetenden Priester*innen fort, die monotheistischen Partisanen so zu behandeln, wie sie zuvor behandelt worden waren. Eine neue Säuberungswelle gegen Fremde begann. Dies war eine gute Zeit, Ägypten zu verlassen.

Wenn Echnaton den Israeliten schon nicht den Monotheismus gebracht hatte, so hat er ihnen doch einen anderen Gefallen getan: Er hatte die Levante aufgegeben, als er seine Armeen nach Hause beordert hatte, um die Götzenbilder zu zerstören. Aber die Verfolgten erfuhren schnell, dass die Hethiten die Ägypter als Besatzer der Levante ersetzt hatten, so dass die Levante für die ägyptisierten Semiten noch immer nicht sicher war.

Also blieben die Israeliten wo sie waren und hielten sich bedeckt, als der Armeeführer Horemheb Echnatons Name besudelte, behauptete, die monotheistische Verwaltung sei korrupt gewesen, seine Steuereintreibungen betrügerisch, seine Beschlagnahmungen willkürlich und seine Armee eine Bande von Plünderern.

Die Israeliten mögen gehört haben, dass sich Zeks, die sich mit nomadischen Aramäern verbündet hatten, kürzlich den babylonischen Tyrannen gestürzt hatten und dass assyrische Todesschwadronen Babylon auf der Stelle eingenommen und den Rebellen abscheuliche Verstümmelungen zugefügt hatten. Solche Neuigkeiten ermutigten potenzielle Rebell*innen nicht gerade. Also blieben die Israeliten noch immer wo sie waren, während der erste und dann der zweite Ramses der Erinnerung an Echnaton das antaten, was der dritte Tuthmosis mit der Erinnerung an Hatschepsut gemacht hatte: sie auslöschen.

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Schließlich kam der Tag, auf den sie gewartet hatten.

Der zweite Ramses, ein Größenwahnsinniger, der berggroße Statuen von sich selbst überall in Ägypten in Auftrag gab, entschied die Welt zu erobern. Dieser Pharao erschöpfte Ägypten seines Essens und seiner Vorräte um seine Armeen zu versorgen. Er marschierte nach Westen und reduzierte freie lybische Stämme zu Abgaben-entrichtenden Subjekten. Dann marschierte er nach Osten und Norden, in Richtung der Levante, mit der größten Armee, die jemals zusammengetrommelt worden war. Diese Armee, die sich selbst versorgte, indem sie entlang ihrer Route jede Gemeinschaft ausplünderte, erschuf eine unvergängliche Feindseligkeit entlang der gesamten südöstlichen Mittelmeerküste.

Unterdessen zogen die vorgewarnten Hethiter die größte Armee, die jemals nördlich von Ägypten aufgestellt worden war, zusammen, und bereiteten sich darauf vor, den Eindringlingen entgegenzutreten; ihre Armee erregte Feindseligkeiten entlang der gesamten nordöstlichen Mittelmeerküste.

Die beiden aufeinander zuschlurfenden, bewaffneten Giganten trafen sich in der Schlacht bei Kadesch am Orontes. Sowohl die Schriftgelehrten der Ägypter als auch die der Hethiter behaupteten, dass ihr Herr siegreich gewesen sei, aber die Leviathane eines jeden begannen von dem Tag nach dem Sieg an zu zerfallen.

Die siegreichen Hethiten kehrten nach Anatolien zurück und wurden von nachtragenden mykenischen und anderen Banden bewaffneter Abenteurer heimgesucht. Keines der hethitischen anatolischen Subjekte war bereit, weiterhin Khatushilischs Palast oder seine Armee zu unterstützen.

In der Levante hielten die Hethiten noch immer Karkemisch, aber Assyrer, die von Salmanassar angeführt wurden, setzten dem hethitischen Karkemisch ein abruptes Ende. Die Assyrer fuhren fort, “den Feind der Mittani abzuschlachten” und hätten vermutlich die gesamte Levante eingenommen, wenn sie sich nicht nach Osten hätten wenden müssen, gegen aufständische Babylonier, die von Elamitern unterstützt wurden.

Phönizische Handelsstädte, insbesondere Tyros und Sidon, die immerhin so frei waren, ihre eigenen Götter Baal und Moloch zu füttern anstatt die Götter ihrer hethitischen Lehnsherren, entsandten große Schiffe nach Libyen und anderswohin in Afrika, in die Ägäis und die Adria, eigentlich überall hin entlang des Mittelmeeres und bis in den Atlantik. Sie hinterließen Spuren ihrer Besuche in vielen Teilen der Welt, aber sie gaben ihre Ziele nicht an ihre Konkurrent*innen preis.

Rein zufällig wurden auf der entgegengesetzten Seite des Globus, jenseits eines Ozeans, der offiziell nicht durchsegelt wurde, bis ein gewisser Kolumbus diese Meisterleistung vollbrachte, gigantische Häupter geformt, Häupter von Menschen, die kein bisschen so aussahen wie irgendjemand, der jemals bei Tehuantepec gelebt hatte, die sogenannten Köpfe der Olmeken. Es wäre natürlich beleidigend den heutigen Nahua-Völkern und Maya nahezulegen, dass ihre Vorfahr*innen Praktiken wie das Erbauen von Zikkurats oder das Verfüttern menschlicher Opfer an Baal nicht erfunden haben. Aber eine solche Unterstellung wäre keineswegs beleidigend für die Vorfahren dieser Menschen gewesen, die tatsächlich darauf bestanden, dass sie viel von seltsam aussehenden Fremden gelernt hatten, die über das Meer gekommen waren.

Wie auch immer, im Mittelmeerraum riefen die Handelsreisende der großen Schiffe Verteidigungsbündnisse hervor, die mit kleinen Schiffen ausgerüstet waren und die schon bald ihrerseits zu Plünderungsexpeditionen aufbrachen.

Die gesamte Welt schien in hektische Bewegung versetzt worden zu sein.

Der zweite Ramses kehrte schon bald an den Nil zurück, um seine Heldentat zu feiern und er wies seine Bildhauer an, den Sieg von Kadesch auf die Mauern jedes neuen Tempels zu meißeln, auf jede Wand eine andere Szene der Schlacht.

Aber schon bald zerfiel Ramses Leviathan ebenso sicher wie der seines Feindes. Eine Verschwörung in seinem Palast brachte den Pharao fast zur Strecke. Zeks in den Arbeitskolonnen weigerten sich, weigerten sich einfach die ihnen zugeteilten Aufgaben auszuführen. Das war eine frühe aufgezeichnete Form des Streiks. Die Besorgnis, die von den Schriftgelehrten ausgedrückt wird, legt nahe, dass es sogar ein Generalstreik gewesen sein könnte. Und dann kam die Kunde, dass Libyer*innen auf dem Seeweg und andere mysteriöse Fremde das Nildelta überfielen.

Wenn die Israeliten jemals aus ihrer ägyptischen Gefangenschaft ausziehen wollten, dann war dies sicherlich die richtige Zeit dafür.

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Die ausziehenden Gefangenen übertragen ihre Verantwortung an einen Moses, einen Ägypter, zumindest von mütterlicher Seite her. (In Ägypten werden Namen und Reichtum noch immer durch die mütterliche Erblinie weitergegeben, ein alter Brauch, den die Schriftgelehrten und Pharaonen kein bisschen besser abzuschaffen vermochten als die anatolischen Hethiten.)

Moses mag ein niederer Palastbeamter gewesen sein, der wegen seiner familiären Verbindungen zu den Fremden daran scheiterte aufzusteigen. Die späteren Äußerungen dieses Mannes sind geradezu fanatisch patriarchal und dieser Fanatismus lässt sich nicht einfach erklären, indem man auf die patriarchalen Tendenzen ländlicher Nomaden verweist; es werden Materialien gefunden werden, die zeigen, dass die israelitischen ländlichen Nomaden ebenso weibliche wie auch männliche Gottheiten in Ägypten verehren. Sein Vater war möglicherweise ein Beamter während Echnatons Herrschaft gewesen, der sein Amt verlor, als der monotheistische Pharao fiel, und der seither seinen Landsleuten seine modernistischen Ansichten vorgrummelte und anpries. Der Sohn, Moses, verschmäht seine Mutter offensichtlich, ebenso wie ihr Volk und entscheidet sich, ein Verfechter, ein Erlöser des Volkes seines Vaters und seines Halbbruders zu werden.

Wir werden keinen guten Grund haben, Moses Motive zu hinterfragen, seine Entscheidung auf Missgunst zu schieben. Das Buch porträtiert ihn als ein prinzipientreues Mitglied der herrschenden Klasse, das sich auf die Seite der Unterdrückten schlägt und wir können das akzeptieren und davon ausgehen. Er ist ebenso ideal geeignet für die Aufgabe die Gefangenen aus dem Leviathan zu führen, wie jeder andere Cousin eines Ensis. Er braucht bloß zu sagen, “Lass mein Volk ziehen” und seine ehemaligen Beamtenkollegen und sogar Verwandte werden die nötigen Anweisungen und Papiere ausstellen.

Das Ziel ist klar. Moses wird die Gefangenen nach Kanaan führen, was erst kürzlich von all den großen Armeen verlassen wurde, von denen zumindest zwei der Besetzer wahrscheinlich nicht so bald zurückkehren werden: Der ägyptische Leviathan wird von Streikenden, Verschwörern und Plünderern beschäftigt, und der hethitische Leviathan scheint allen Berichten zufolge, die Moses gehört haben muss, gänzlich zu zerfallen, heimgesucht von anhaltenden Hungersnöten und feindlichen Plünderern. Die dritte große Armee, die assyrische, ist anderswo beschäftigt; ihr Tyrann Tukulti-Ninurta unterwirft am Tigris Babylonier und Elamiten und ruft sich selbst als König der Könige, Herr der Herren, Sonne aller Menschen aus. Folglich erscheint Kanaan ein sicherer Zufluchtsort zu sein, zumindest für den Moment.

Aber für Moses Gefolgsleute, zumindest für die “Primitivist*innen” unter ihnen, bedeutet Kanaan etwas anderes; es bedeutet für sie eine gewohnte Sprache, ein ursprünglich gewohntes Zuhause; es bedeutet wahrscheinlich etwas wie der Eden, zu dem sie zurückkehren wollten. Warum sonst sollten sie eine kriegsgebeutelte levantinische Provinz “das gelobte Land” nennen?

Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Moses ein Modernisierer wie sein Vater ist, besonders nicht angesichts der Tatsache, dass er Ägypten mit den Zeks verlässt. Das Buch macht deutlich, dass es keine Modernisierer in der gesamten Gruppe von Wanderern gibt. Tatsächlich ist der Ekel dieser Menschen vor den Annehmlichkeiten der Zivilisation so tiefgreifend, dass er noch immer von den zivilisierten städtischen Schriftgelehrten empfunden werden wird, die noch vierzig Generationen später mit Abscheu von den “Amüsierlokalen” Ägyptens und der “Hure” Babylon schreiben werden.

Moses war eindeutig kein Modernisierer in Ägypten. Aber als er erst einmal draußen im Wüstensand steht und einige der Menschen in Richtung Jemen ziehen, andere in Richtung des Roten Meeres und Äthiopien, muss Moses sich entscheiden, wer und was genau er ist.

Der Moses des Buches ist kein Modernisierer. Er denkt nicht, dass die Einölung und Straffung eines Leviathans irgendeine menschliche Bedeutung haben könnte. Er fühlt sich ebenso abgestoßen von Aschur, Khatti und Ur, wie jede*r seiner Gefolgsleute.

Aber wo ist das gelobte Land? Die meisten seiner Gefolgsleute sind offensichtlich Primitivist*innen. Und offensichtlich sind sie entweder schwach oder blind, da ihnen klar sein sollte, dass wenn sie erst sicher die Wüste erreicht hatten, Moses nichts mehr für sie tun konnte. Sie klammern sich an ihn, entweder aus Loyalität oder weil sie immer noch eingeschüchtert sind von dem ehemaligen Mitglied des ägyptischen Palastpersonals.

Moses ist weder ein Modernisierer noch ein Primitivist. Es ist klar, dass er ein gepanzerter Mann ist, der unfähig ist, seinen Panzer zu entfernen. Er ist wie Lenin. Er sucht innerhalb, aber findet dort keine Bestimmung; alles, was er in sich selbst findet, sind Versatzstücke leviathanischer Rüstung. Er hasst Ur und Aschur und sein Zeitgenosse Tukulti-Ninurta lässt ihn vor Wut erschaudern. Aber die einzige Stimme in ihm ist die Stimme von Lugalzagesi, die Stimme des Allmächtigen, des Königs der Könige, des Herrn der Herren, des Mannes aller Männer. Lenin wird die Stimme der Elektrifizierung hören. Dennoch hasst Moses jeden einzelnen König der Könige, ebenso wie Lenin die Kapitalist*innen hassen wird. Moses abstrahiert den König, macht ihn zu einem Gott, ebenso wie Lenin die Elektrifizierung abstrahieren wird und sie zum Kommunismus machen wird.

Durch diesen Akt projiziert Moses seine innere Leere, seinen Panzer, seinen eigenen toten Geist in den Kosmos.

Wenn sich irgendjemand in dieser Gruppe Eden als den Garten eines Lugals vorstellt, dann ist das Moses. Die Götter sind für diesen Ägypter der Oberklasse alle tot. Für ihn gibt es keinen Eden, es gibt nur Leviathan.

Es ist eine Ironie, dass dieser Mann, für den es kein Außerhalb gibt, derjenige sein sollte, der die anderen nach draußen führen sollte.

Natürlich hatte er über all das nicht zuende nachgedacht, bevor er Ägypten verließ und vielleicht hatte er erwartet, dass sich sein Panzer ablösen würde, vielleicht hatte er gehofft, dass irgendein Funke in ihm zum Leben erwachen würde. Aber nichts dergleichen passierte. Nur eine Abstraktion regt sich in ihm, körperlos, asexuell, geschlechtslos und unsterblich. Die Abstraktion ist Leviathan selbst, als Konzept.

Wir werden alle wissen, dass seine Gefolgsleute nicht mochten, was sie hörten. Sobald er ihnen den Rücken zuwandte, bilden sie den uralten, heiligen Kreis der alten Gemeinschaft. Sie geben sich selbst auf. Sie träumen. Sie werden besessen. Sie verehren ein goldenes Kalb, nicht weil sie aus Gold ist, sondern weil sie weiblich ist, weil sie das Leben gebärt, weil sie von der Erde ist und weil sie die Erde ist.

Diese Menschen kannten den Unterschied zwischen den toten Götterbildern der Ägypter und den lebendigen Symbolen ihrer eigenen Vorfahren. Sie erinnern sich. Ihr Inneres war nicht abgestorben. Sie sind Zeks und Kinder von Zeks. Sie haben immer gewusst, dass der Panzer eine Bürde ist, die sie eines Tages ablegen würden und als der Tag gekommen ist, sind sie in der Lage ihn abzuwerfen.

Moses ist gehandicapt. Er kann darauf antworten, indem er zu ihnen geht und ihren Stimmen lauscht. Er ist noch immer Moses, der Mann, der potentielle Mensch. Er ist frei. Er kann den lebendigen Funken in ihm aufbrechen lassen, wie ein Ei. Er kann sich entscheiden lebendig zu werden.

Aber Moses antwortet, indem er ihnen den Rücken zuwendet. Er lässt den Panzer die Kontrolle übernehmen. Er versteift sich. W. Reich würde sagen, er wird rigide. Er entscheidet sich, das Potenzial Nichts werden zu lassen, den Panzer den kleinen Funken des Lebens, der da war, auslöschen zu lassen. Er lässt Leviathan durch sich sprechen. Und die Stimme, die da spricht, ist nicht die von Echnaton, der Sonne, sondern die von Lugalzagesi, dem Herrn der Herren.

Der Panzer spricht von keinem Garten. Er drückt “eine Vision des Lebens” aus, “die spirituell Lichtjahre von der mythischen Gemeinschaft entfernt ist”, wie Turner es ausdrücken wird. Die Stimme von Leviathan spricht von Geboten und Strafen. Sie spricht nicht von Sitten, von Wegen des Seins, sondern von Gesetzen, von geschlossenen Toren. Sie sagt nicht: Du kannst und Du sollst sein. Sie sagt: Du sollst nicht.

Und wehe denen, die nicht gehorchen. Ebenso wie das Ding Leviathan seine Polizei besitzt, um diejenigen, die von seinem Recht abweichen zu verfolgen, zu foltern und zu exekutieren, so hat auch das Konzept von Leviathan, Jahwe, seine Polizei.

Aber die Polizei des Konzepts ist nicht selbst bloß ein Konzept. Moses verleiht diese Aufgabe an die Lebensspenderin selbst, an die Natur – nicht die gesamte Natur, sondern bloß ihre Einbrüche, ihre Gewalt, alles vereint und zusammengefasst wie in Lugalzagesis eigener Gottheit im Zikkurat. Erdbeben, Stürme, Fluten und Plagen sind Jahwes Instrumente der Verfolgung, Folter und Hinrichtung. Die Göttin, die in dem Kalb verehrt wurde, wird gegen ihre Verehrer*innen gewendet.

Und nun kommt das krönende Detail. Nun wird Moses zu einem tatsächlichen Vorreiter Lenins. “Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.” Das ist etwas, das Moses von Echnaton gelernt haben mag. Das ist modern. Keine Sumero-Akkadier waren bisher in der Lage, das “kein anderes” aufzuerlegen. Moses legt sich nicht nur Teile der Rüstung an; er trägt sie vollständig.

Das Gebot hat noch immer eine sumerische Form, aber seine moderne Bedeutung wird vorbuchstabiert:

Dann packte er das Kalb, das sie gemacht hatten, verbrannte es im Feuer und zerstampfte es zu Staub. Den Staub streute er in Wasser und gab es den Israeliten zu trinken.

Der ehemalige Beamte des Pharaos weiß, dass Gefangene von freien Gemeinschaften in Zeks verwandelt werden mussten; sie mussten domestiziert werden, sie mussten gezwungen werden, ihre Freiheit zu essen.

Aber die Verehrer*innen des Kalbs leisten noch immer Widerstand. Sie rebellieren. Sie sind bereit erneut auszuziehen, dieses Mal aus dem Leviathan ihres eigenen Anführers.

Also lässt der gepanzerte Mann den Schleier fallen und enthüllt die Rüstung allen. Er hört auf, ein Medium zu sein, durch das Lugalzagesi spricht. Er wird Lugalzagesi. Er setzt eine allgemeine Säuberungswelle in Bewegung, mit einer Polizei, die weder ein Konzept ist noch der konzentrierte Zorn der Erde:

„Jeder lege sein Schwert an. Zieht durch das Lager von Tor zu Tor! Jeder erschlage seinen Bruder, seinen Freund, seinen Nächsten.“ Die Leviten [sie werden später ein Verteidigungsbündnis schließen] taten, was Mose gesagt hatte. Vom Volk fielen an jenem Tag gegen dreitausend Mann.

Dieses Massaker ist der erste Völkermord, der im Namen von Jahwe verübt wird. Und dafür gibt es weder einen menschlichen Grund noch eine menschliche Rechtfertigung. “Ich bin, der ich bin.” Das ist der Glaubenssatz.

Das anti-menschliche, anti-natürliche Gesicht dessen, was später Totalitarismus genannt werden würde, muss zusammen mit dem Rest der Rüstung getragen werden. Jedes letzte Fleckchen menschlicher Haut muss verdeckt werden. Leviathan besitzt weder Leben noch Seele. Er ist, der er ist. Er ist sein eigener, einziger Zweck. Er ist Tod, total, ungerechtfertigt, unerklärt.

Wir werden an Wissenschaft, Technologie und den säkularen Staat gewöhnt werden; wir werden nicht erschreckt werden von der Unmenschlichkeit der Vision dieses Mannes; einige von uns werden sogar beeindruckt sein von seinem progressiven, nein prophetischen, Charakter.

Aber diejenigen, die Ägypten verließen, diejenigen von ihnen, die immer noch am Leben sind, können diesen monströsen Rückschritt nicht verdauen und Moses weiß das. Wenn er nicht schnell handelt, wird dieser Massenmord von einem Massensuizid oder von einem Exodus derer, die übrig geblieben sind, gefolgt werden. “Ich bin, der ich bin” ist nicht genug für Menschen, die sich noch immer erinnern.

Also führt er den berühmten Bund ein. Er hatte ihnen bereits gesagt, “wenn ihr auf meine Stimme hört … werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein …” Nun, wie ein Pferdedompteur, erzählt er ihnen, dass sie entlohnt werden würden, erzählt er von dem, was ihnen ihr Gehorsam einbringen würde. Sie würden das gelobte Land erreichen. Aber in diesem Land würden sie Zeks bleiben. Der Fluch mühsamer Arbeit würde nicht von ihnen genommen werden. Das Land würde nicht Eden sein, ein Ort, der für diesen gepanzerten Mann nicht länger existierte (ebenso wie Frauen für ihn nicht existierten; nur Söhne existierten; Frauen sind für ihn nichts als Gebärmaschinen für Kinder, Gefäße, die ebensogut aus Ton gemacht sein könnten, das Material, zu dem die Erde selbst reduziert worden ist, das Material, das manipuliert und verstümmelt werden wird).

Das gelobte Land ist ein neuer Leviathan und die Geschätzten werden ebenso belohnt werden, wie Lugalzagesis Ensis belohnt werden. Du sollst die anderen enteignen. Du sollst große und stattliche Städte, die du nichts selbst erbaut und Häuser voller guter Waren, die du nicht selbst gefüllt hast und Weinberge und Olivenbäume, die du nicht gepflanzt hast, einnehmen.

Dies ist das Land, wo Milch und Honig fließen und Moses Truppen werden es wie Pioniere stürmen:

Ich vertreibe die Kanaaniter, Amoriter, Hetiter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter …

Es ist von Bedeutung, dass die Kanaaiter, die Cousin*en, die ersten Opfer sind. Leviathan hat keine Sippe. Wer auch immer in seinem Weg steht, was auch immer außerhalb von ihm lebt, ist sein Feind. Alle Lebewesen, die nicht in seinen Eingeweiden eingeschlossen sind, egal ob Mensch, Tier oder Bäume, sind sein Feind.

… bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alles Tier, das auf Erden kreucht.

Das ist, wie Turner hervorhebt, eine Kriegserklärung gegen die Wildnis und dieses Wort hat nun eine furchteinflößende Bedeutung erlangt: es bezieht sich auf “alles Tier, das auf Erden kreucht.” Das ist Leviathans Kriegserklärung gegen alles Leben.

Moses stirbt, aber die “Söhne Levis” erreichen tatsächlich das Gelobte Land, das Land ihrer einstigen Sippschaft. Und sie erreichen es nicht als Sippe; sie bilden nicht den uralten Kreis oder beleben die verlorene Gemeinschaft wieder. Sie erreichen es wie Tukulti-Ninurtas’ bewaffnete Assyrer, als die Nemesis ihrer einstigen Sippe. Einer der Söhne Levis, ein Mann namens Deborah, ein Vorreiter der gepanzerten Jeanne d’Arc, erfüllt die Pioniere mit genozidalem Hass. Sie, oder vielmehr er, ermahnt, schwärmt und gestikuliert um die Söhne noch gegen den letzten Moabiter*in, Hazoriter*in und Kanaaniter*in im Gelobten Land aufzubringen.

Moses stirbt, aber der Leviathan, den er in Bewegung setzt, ist unsterblich und wenn er auch schon bald selbst verschlungen wird, wird sein Konzept eines Tages den Pfad von Ungeheurlichkeiten erleuchten, von denen Lugalzagesi oder Moses nicht zu träumen gewagt hätten.

Du wirst alle Völker verzehren, die der HERR, dein Gott, für dich bestimmt. Du sollst in dir kein Mitleid mit ihnen aufsteigen lassen …

Wie Turner beobachten wird, ist dies eine Beschreibung der Dinge, die kommen werden; das sieht bereits die “dunklen Wolken über Afrika, den Amerikaner*innen, dem fernen Osten bis schließlich den entferntesten Inseln und Dschungel-Enklaven, die mit Feuer und Schwert und durch die subtilere Waffe der Missionierung durch Verspottung getroffen werden werden”, voraus. Dies ist bereits die Entdeckung der Neuen Welt.

Gegen seine Geschichte, Gegen Leviathan! – Kapitel 3

Das Mehrprodukt, der berühmte Gewinn, verhalf Leviathan nicht zu seinem Aufstieg. Im Gegenteil: Es ist Leviathan, der den Gewinn ermöglicht. Gemeinschaften von Menschen brauchten diesen Gewinn kein bisschen mehr als Gemeinschaften von Wölfen.

Bienen benötigen einen Gewinn, um ihre Königin zu ernähren. Der Leviathan benötigt einen Gewinn, nicht nur um seine Götter und ihre Schreinwärter*innen zu ernähren, sondern vor allem um den Lugal, die Ensis und die Schriftgelehrten, sowie die Federn und Räder, mit denen Kriege geführt werden, zu verpflegen.

Der erste Leviathan revolutionierte nicht die materiellen Produktionsbedingungen, sondern begründete sie; er ist an sich synonym zu den materiellen Produktionsbedingungen. Der erste Leviathan revolutionierte die Bedingungen der Existenz selbst und nicht bloß die der menschlichen Wesen, sondern die aller lebendigen Wesen und der von Mutter Erde selbst.

Das Mehrprodukt taucht zusammen mit den Gefäßen auf, in denen es gelagert wird. Menschliche Gemeinschaften besaßen bereits seit langem Körbe und Vasen, wenngleich kaum mehr als sie von ihren Winterlagern in ihre Frühlingslager transportieren konnten. Sie benötigten sie nicht. Mit dem Aufstieg des ersten Leviathans findet eine buchstäbliche technologische Revolution in der Gefäßherstellung statt. Turner und vor ihm Mumford haben die rapide Vermehrung von Eimern, Vorratsgefäßen und Tontöpfen erwähnt, die nun auftauchen.

Tatsächlich ist das von Mauern eingeschlossene und mit Korn gefüllte Ur an sich ein großes Fass, ein stadtgroßer Vorratsspeicher.

Mehrprodukt ist bloß ein anderer Name für Leviathans materiellen Inhalt, für seine Eingeweide. Es kann für sich kaum existieren, der Luft ausgesetzt ist es “reif” dafür, dass sich um es der Kadaver des Ungetüms formt.

Gemeinschaften freier Menschen haben üblicherweise genug Essen aufbewahrt, um durch einen durchschnittlichen Winter zu kommen und obwohl einige ihrer Träumer*innen exzellente Meteorologen waren, mussten sie häufig knausern und sparen, wenn der Himmel die*den Träumer*in überlistete.

Der erste Leviathan lagerte erst genug für den schlimmsten vorstellbaren Winter und dann für mehrere, da die freien Menschen nicht mehr die Arbeit verrichten. Ein lebendiges Wesen, das so vollgestopft wäre, würde ersticken oder platzen. Es gibt Massen von jedem vorstellbaren Produkt. Und wo es Massen gibt, da gibt es Handel.

Handel ist sehr alt. Im Naturzustand ist Handel etwas, das die Menschen mit ihren Feinden treiben. Sie handeln nicht mit ihrer Sippschaft.

Eine Person gibt Dinge, ebenso wie sie Lieder oder Geschichten oder Visionen an ihre Sippschaft weitergibt. Die*der Empfänger*in mag sich oder mag sich nicht bei einer anderen Gelegenheit revanchieren. Das Geben ist die Quelle der Zufriedenheit. Wir mögen davon so weit entfernt sein, dass wir das nicht verstehen werden. Das ist unsere Unzulänglichkeit, nicht ihre.

Sie handelt nur mit Feinden. Wenn eine feindliche Gruppe, egal ob nah oder fern, etwas hat, das sie möchte, geht sie und einige gut bewaffnete Cousinen mit etwas zu den Feind*innen, das diese wollen könnten. Sie bietet ihr Geschenk an und die Feinde bieten lieber auf der Stelle das Ding an, das sie will oder sie wird ihr Geschenk sofort zurück in ihr Dorf tragen.

Kurz nach dem Aufkommen des ersten Urs nimmt der Handel überhand. Beinahe Jede*r ist nun Jedermans Feind*in. Wenn du jemandem ein Geschenk gibst, dann erwartest du das zu bekommen, für das du gekommen bist; du führst peinlich genau Buch darüber auf deiner Tontafel und wehe dem, der das unterlässt.

Der bloße Anblick der Massen lässt eine neue menschliche Eigenschaft entstehen. Diese Eigenschaft wird sich so weit verbreiten, dass wir nicht mehr glauben werden, dass sie nicht schon immer existierte: Gier.

Du kannst sehen, dass über die Hälfte des Korns in den Speichern jedes Jahr ungenutzt verrottet. Und du weißt, dass es im Zagros-Gebirge und in der Levante Lager von Fremden gibt, die kaum genug Essen lagern, um sich durch einen harten Winter zu bringen. Die im Zagros-Gebirge tragen wunderschöne Fellbekleidung und die in der Levante gewinnen einen violetten Farbstoff aus Muscheln.

Du, der Bruder einer*s Priester*in und der Cousin einer*s Ensis, ziehst mit vierzig Wagenladungen Korn, dem Jahresertrag von vierzig Zeks, in das Zagros-Gebirge. Du startest gegen Ende eines langen, harten Winters. Du bekommst zehn Pelzgewänder für jede Wagenladung. Du kehrst mit dem, was nach einer kleineren Ladung aussieht nach Ur zurück, aber als du erst einmal in Ur bist, sind die Menschen bereit, dir für jedes Gewand eine Wagenladung Korn und mehr zu geben. Bald schon hast du mehr Gewänder und Korn als jeder andere Mann in Ur.

Aber eines Winters erreichst du das Lager der Fremden und sie weigern sich, dir zehn Gewänder für eine Wagenladung zu geben. Sie behaupten, dass sie nicht so viele Felle hätten. Vielleicht ist ihnen gedämmert, dass sie ausgeplündert werden, dass die Beziehung, die sie mit dir eingegangen sind, keine Beziehung zwischen ihren Fellen und deinem Korn ist, sondern zwischen ihnen und den Zeks, die das Korn ernten und dass du ein Dieb bist, der von beiden stiehlt.

Also stürzt du mit deinem Korn zurück nach Ur und kehrst mit deiner*m Cousin*e der*dem Ensi und einer Bande gut bewaffneter Männer ins Lager der Fremden zurück. Die Männer der*s Ensis streifen die Gewänder von den Rücken der Fremden ab. Doch es gibt immer noch nicht genügend Gewänder, also kehren die Männer der*s Ensis mit einigen der Söhne und Töchter der Fremden nach Ur zurück.

Ur hat die Stufe des Außenhandels erreicht.

***

 

Es gibt einige Hinweise dafür, dass die sumerischen Händler*innen ihrer Gier in den Osten bis nach Indien und in den Westen bis nach Anatolien und vielleicht sogar bis in die Ägäis, sowie bis zum ersten oder zweiten Wasserfall des Nils in den Süden gefolgt sind. Bevor ich über ihre Reisen spekuliere, muss ich auf ein anderes Thema eingehen, da die modernen Vorurteile mit den wenigen Hinweisen, die es gibt, Schindluder getrieben haben.

Viele, wenn nicht die meisten der frühen Archäolog*innen waren aufgeklärte, fortschrittliche und unverfrorene Rassist*innen. Das Aufkommen der mörderischen Leviathane war für sie ein großer Moment und sie behaupteten, dass der Leviathan der entsprechenden Rasse der Vater all der anderen Leviathane wäre.

Ein wenig später, während der Ära der Völkergemeinschaft, wurde der Rassismus ein klein wenig gedämpft. Es wurde gesagt, dass die Menschen in Ägypten sowie die in Persien und Indien alle mit dem Genie ausgestattet gewesen wären, um Maschinen des permanenten Krieges zu entwickeln, dass sie durch Zufall alle ihre eigenen Leviathane während der gleichen paar Generationen unabhängig voneinander entwickelt hätten.

Die Meisterleistung einen Leviathan zu erschaffen wird als ein Zeichen von Genie betrachtet. Aber ist diese Heldentat ein Zeichen von Genie oder eines der Geisteskrankheit? Wer außer Schwachköpfen würde ohne einen guten Grund dafür den Naturzustand verlassen und sich in die Eingeweide des Kadavers eines künstlichen Wurmes begeben? Die Annahme, dass zahlreiche menschliche Gemeinschaften dieser Idiotie zu einem bestimmten Zeitpunkt, jede aus ihrer eigenen Initiative, unterliegen, ist weder plausibel noch wohlwollend. Es bedarf vielmehr einer Genialität, um das Ungeheuer von sich fern zu halten.

Es gibt viele Wege, das Monster von sich fern zu halten. Unglücklicherweise für die menschlichen Gemeinschaften, führen nicht alle diese Wege zu einer sicheren Zuflucht. Um mich kurz zu fassen, werde ich diese Wege auf zwei beschränken: Die Gemeinschaft kann sich selbst physisch außer Reichweite des Ungeheuers halten, oder sie kann bleiben wo sie ist und versuchen, dem Ungeheuer standzuhalten.

Die frühesten Tafeln zeichnen die Bewegungen von Gemeinschaften außerhalb des Gebiets von Sumerien nicht auf. Es wird angenommen werden, dass die letzten Immigrant*innen des Double-Kontinents auf der anderen Seite der Erde von Ur, die Inuit-Stämme, um ungefähr die Zeit beginnen, von Siberien nach Alaska und Grönland überzusiedeln, als sich der erste Leviathan in Bewegung setzt. Es wird keinen Beweis dafür geben, dass diese Menschen von anderen in einer frühen Version der heute berühmten Analogie fallender Dominosteine verdrängt werden. Tonybee und andere werden solche Bewegungen in späteren Zeitaltern dokumentieren, als die Feldzüge chinesischer Generäle Menschen, die an der chinesischen Mauer lagerten, verdrängten, die wiederum alle anderen vor sich herschoben, durch ganz Eurasien bis vor die Tore Roms. Wir werden wissen, dass eine große Anzahl eurasischer Gemeinschaften sich erfolgreich außerhalb der Reichweite des Ungeheuers halten, bis der Leviathan namens UdSSR in unserer Zeit die letzte von ihnen verschlingen wird.

Physisches Entfernen, also fliehen oder wie wir sagen werden, herausfallen, entzieht eine*n effektiv der Reichweite des Ungeheuers. Aber schließlich wird niemand endgültig fliehen, da der Leviathan die Größe der Welt schrumpfen und alle Zufluchtsorte in freie Felder verwandeln wird.

Und nicht alle Gemeinschaften wollen fliehen. Ihre Täler, Haine und Oasen, die Orte an denen ihre Vorfahren begraben sind, sind mit vertrauten und oft freundschaftlichen Geistern erfüllt. So ein Ort ist geweiht. Er ist das Zentrum der Welt. Die Landmarken dieses Ortes sind die Orientierungsprinzipien der Psyche des Individuums. Ohne sie hat das Leben keine Bedeutung. Für eine solche Gemeinschaft ist das Verlassen ihres Ortes gleichbedeutend mit einem gemeinschaftlichen Selbstmord.

Also bleiben sie, wo sie sind. Und sie werden von den bizarren Lippen des Monsters geküsst. Artefakte sumerischen Ursprungs werden in frühen ägyptischen sowie indischen Stätten gefunden werden. Wir werden nicht wissen, wer diese Artefakte trägt, aber wir werden wissen, dass es im Zeitalter des ersten Urs einfacher ist von Mesopotamien zum Nil zu laufen, selbst nachdem Urlugal damit beginnt, die Region in eine “sich verdunkelnden Ebene, weggefegt von verworrenen Rufen zum Kampf und zur Flucht, wo unwissende Armeen des Nachts zusammentreffen” zu verwandeln. Verglichen mit dem, was moderne Leviathane mit dieser Region machen werden, ist die sich verdunkelnde Ebene aus Urlugals Zeitalter ein friedlicher Garten und der Cousin einer*s Ensis würde keine Probleme haben, in ihm zu wandeln.

Von den weiter entfernten Orten werden wir wissen, dass als die Meeres- und Landkarawanen zwischen dem Fruchtbaren Halbmond und Indien erstmals in den Aufzeichnungen erwähnt werden, diese nicht als etwas Neues, sondern als etwas sehr Altes erwähnt werden und die erste Erwähnung der Seidenstraße nach China wird keine Antrittsrede sein.

Leviathane werden irgendwann riesig, so groß wie Kontinente. Aber wir sollten diese ungeheuren Ausmaße nicht auf die frühen Tage projizieren und von diesen ersten Kontakten annehmen, dass diese häufig stattfanden und viele Menschen umfassten. Unter bestimmten Umständen kann ein Kiesel an einer Quelle den Verlauf des gesamten Flusses verändern. Wir kennen alle den späteren Reisenden Marco Polo, der auf den Geschmack chinesischer Pizza, Spaghetti und Ravioli kam und diesen Geschmack über die gesamte Länge von Eurasien brachte und damit den Speiseplan Italiens vollständig umkrempelte. Ich würde vermuten, dass nur zwei Besuche, der erste von dem kaufmännischen Cousin des Ensis und der zweite vom Ensi und seiner Strafexpedition, einen starken Eindruck auf jede Gemeinschaft im Naturzustand machen würde. Und sumerische Kaufleute reisten weit, sowohl zu Lande als auch zu Wasser, an entferte Orte, die sie Dilmun, Magan und Meluhha nannten.

Ich lasse die*den Leser*in über die Details solcher Begegnungen spekulieren. Ich werde nur sagen, dass nachdem die Kinder der Schuldner*innen von den speerbewaffneten Schlägertypen gekidnappt worden sind, ein Mitglied der Gemeinschaft, das von den positiven Wundern der Zivilisation spricht, ein Trottel ist, nicht nur in den Augen seiner Sippe, sondern auch in den unseren.

***

Hier stoßen wir auf ein Problem, das die Menschen seit dem Zeitalter des ersten Urs geplagt hat, das Problem des Widerstands. Einige von uns werden sich rückblickend wünschen, dass die Gemeinschaften in Reichweite Urs das erste Monster in seinem Unterschlupf zerstört hätten, solange es isoliert und noch nicht besonders groß gewesen ist.

Offensichtlich haben zahlreiche Gemeinschaften im Zagros-Gebirge und den persischen Ebenen genau das versucht, aber sind gescheitert.

Andere, weniger zuversichtlich, vielleicht der Macht ihrer Götter angesichts des Anblicks von Panzern und Rädern weniger gewiss, machen das Zweitbeste nach dem Fliehen; sie mauern sich ein und damit die Klauen des Monsters aus. Die Mauern beschützen diese Widerstandleistenden vor den Klauen Urs, aber halten die Widerständler*innen nicht aus Leviathans Eingeweiden heraus.

Warum scheitern die Widerständler*innen? Das ist eine wichtige Frage, die Frage des Lebens gegen den Tod. Norman O. Brown macht das zum Titel eines sehr informativen Buches.

Vorstaatliche Gemeinschaften waren Zusammenkünfte lebendiger, aber sterblicher Individuen. All ihre Geheimnisse, all ihre Gepflogenheiten wurden direkt weitergegeben, durch das gesprochene Wort. Wenn die Verwahrerin wichtiger, unkommunizierter Geheimnisse starb, starben ihre Geheimnisse mit ihr. Feindschaften und Grolle starben mit ihren Inhaber*innen. Die Visionen und die Gepflogenheiten waren so verschieden wie die Individuen, die sie erlebten und ausübten; deshalb gab es einen solchen Reichtum. Aber die Visionen und Gepflogenheiten waren ebenso sterblich wie die Menschen. Sterblichkeit ist ein untrennbarer Teil des Lebens: Sie ist das Ende des Lebens.

Wir projizieren noch immer moderne Institutionen in den Naturzustand. Es gab keine Institutionen im Naturzustand.

Institutionen sind unpersönlich und unsterblich. Sie teilen diese Unsterblichkeit mit keinem lebenden Wesen unter der Sonne. Natürlich sind sie keine lebendigen Wesen. Sie sind Segmente eines Kadavers. Institutionen sind kein Teil des Lebens, aber ein Teil des Todes. Und der Tod kann nicht sterben.

Ensis sterben und Zeks sterben, aber die Arbeitskolonnen “leben” weiter. Generäle und Soldat*innen sterben, aber Urs Armee “lebt” weiter und wächst sogar an und wird tödlicher. Das Gefilde des Todes wächst, aber die Lebenden sterben. Das erzeugt Probleme, mit denen die Widerständler*innen bisher nicht in der Lage gewesen sind umzugehen.

Diejenigen, die versuchen, den ersten Leviathan zu zerstören, indem sie seine Mauern erstürmen, die Guti und andere aus dem Zagros-Gebirge, die Elamiten von den persischen Ebenen, die Kanaaniten und andere Semiten aus der Levante können keine einfache Kriegspartei mit einem inoffiziellen Stammesführer entsenden wie in den alten Tagen. Eine Kriegspartei aus einem einzigen Lager würde nicht einmal die Vororte von Ur erreichen. Sie müssen sich mit anderen Lagern verbünden, mit so vielen wie möglich, bevor sie überhaupt einen ernsthaften Überfall erwägen können. Und wenn sie sich erst einmal verbündet haben und angreifen, können sie sich nicht einfach zerstreuen und zu dem dörflichen Leben zurückkehren, wie sie es zuvor immer gekonnt hatten. Sie mögen sogar Urs Hauptarmee besiegen, aber noch bevor ihre Siegesfeier endet, erreicht sie die Kunde, dass Urs unsterbliche Armee bereits weitere ihrer Sippe niedergemetzelt hat.

Da sie sich also die Mühe gemacht hatten, sich zu verbünden, blieben sie verbündet. Die jungen Männer legen ihre Speere nicht ab. Das ist bisher ungekannt, aber wie sonst sollen sie dem Monster Widerstand leisten? Sie haben sich selbst dazu verpflichtet zu bleiben und sie fühlen sich genötigt, die schrecklichen Konsequenzen zu ertragen.

Ihre bewaffneten Männer verfahren mit den Fremden so, wie die Fremden mit ihnen verfahren sind. Sie kehren mit gefangenen Sumerern zurück und die Gefangenen werden für lokale Schreine und Befestigungsanlagen an die Arbeit geschickt.

Die Technologie schreitet rasant voran. Das Gefilde des Todes breitet sich aus. Bald gibt es viele Leviathane. Es gibt Elam in den persischen Ebenen, es gbt Mari und Ebla und andere in der Levante und es ist die Rede von einem Leviathan der Guti irgendwo in den Bergen. Die mutigen Kämpfer*innen waren nur erfolgreich darin, sich selbst zu besiegen.

***

Diejenigen, die sich selbst einmauern, tappen in eine ähnliche Falle.

Gemeinschaften haben schon früher Mauern errichtet, zum Beispiel in Jericho. Aber sie haben die Mauer nur einmal errichtet. Mauerbauen war bei ihnen keine Institution. Die draußen lagernden Feind*innen waren nicht die unsterbliche Armee des Urlugals. Sie waren eine andere Gemeinschaft, die entweder an einen anderen Ort zog oder die unter denen von Jericho Ehemänner und Ehefrauen fanden und aufhörten Feind*innen zu sein.

Das ist nicht mehr der Fall für die Erbauer*innen der Mauern an den Ufern des Nils, für diejenigen, die das ummauerte Mohenjo Daro an den Ufern des Indus errichteten, für diejenigen, die sich selbst geringfügig später in Festungen in Zentralanatolien einschlossen.

Die leviathanischen Invasor*innen sind keine Gemeinschaften freier Sterblicher. Sie sind Abgesandte von etwas, das weder weggeht noch stirbt. Selbst ihre Erinnerungen sind nicht menschlich, sondern bestehen aus Steinen, die in Beuteln getragen werden. Jerichos Mauern reichen nicht länger. Die Mauen müssen hoch und stark sein und sie müssen ebenso oft repariert werden wie die Dämme von Erech.

Die Jahreszeiten vergehen und die Generationen gehen dahin, und immer noch müssen die Mauern gewartet werden. Und Generation für Generation repariert sie.

Die Seherin, die von der Notwendigkeit dieser Mauern geträumt hatte, hat ihre letze wichtige Vision erlebt. Von diesem Tag an hat ihre Sippe ihr nur spärlich Aufmerksamkeit gewidmet; sie hat ihren Bruder, Pharao, umschwänzelt, der in seiner Person die Ämter des sumerischen Priesters und des sumerischen Lugals vereint.

Mauern können nicht dauerhaft mit einer vorübergehenden Arbeitsteilung in Stand gehalten werden. Zunächst werden die Besteller*innen des Bodens eingeladen, beim Bau der Mauer zu helfen, im Austausch gegen anregende Visionen sowie Korn, das von den Männern Pharaos von anderen Bauern geplündert worden ist. Und die freien Bauern bauen, offenbar aus eigenem Antrieb, erhabene wunderschöne Mauern und Säulen und Schreine, mit Oberflächen, die reich mit gemeißelten und gemalten Motiven geschmückt sind, die jeder*m am Nil etwas bedeuten.

Aber eine permanente Arbeitsteilung ist zwanghaft, schlicht weil sie dauerhaft ist und Zwang ist an den Ufern des Nils bald so gewöhnlich wie an denen des Tigris. Was von einer Generation freiwillig getan wurde, wird von der nächsten erwartet und ihr aufgezwungen. Ägypten ist nicht länger ein Ort, an dem die Menschen Gepflogenheiten teilen; es ist nun ein Ort, an dem einige anderen Gesetze auferlegen. Gepflogenheiten waren immer Lebensweisen; Gesetze sind keine Gepflogenheiten freier Menschen. Gesetze sind die Gepflogenheiten Leviathans.

Die Arbeiten, die für Pharao verrichtet werden, sind nicht frei gewählt; es sind aufgezwungene Aufgaben, erzwungene Arbeit.

Und wie ein lebendiger Wurm, der sich selbst aus einem einzigen Segment wiederherstellt, wird vom Haushalt das Pharaos ein vollständiger Leviathan ausgeschieden. Die Erbauer*innen und Handwerker sind nicht länger eingeladen. Pharao führt nun Armeen nach Norden an, nach Sinai und in der Levante, in den Süden nach Nubien. Er kehrt mit Gefangenen zurück. Er legt denen, die nicht gefangen genommen werden, schwere Tribute auf und lässt Tribut-Eintreiber*innen in entfernten Garnisonen zurück. Wie der Lugal hat er nun Schriftgelehrte, die Aufzeichnungen über die Tribute führen und er entsendet Strafexpeditionen.

Auch Pharao hat nun ein künstliches Gedächtnis, eine Datenbank, wie wir sie nennen würden. Seine Schriftgelehrten haben ihrerseits eine Schrift entwickelt, ebenso wie die Schriftgelehrten im entfernten Mohenjo Daro am Indus. Die Zeichen und Materialien sind verschieden, aber das Ziel ist das gleiche. Und Pharaos Schriftgelehrte, wie die des Lugals, haben ein künstliches Jahr entwickelt, einen Kalender, die früheste Form einer Uhr, um die Tage vorherzusehen, wenn die Feldfrüchte der Schuldner*innen reif werden.

Wie traurig! All das wird getan, um die alten Gewohnheiten vor dem Angriff eines Ungeheuers mit “einem Blick so ausdruckslos und unbarmherzig wie die Sonne” zu bewahren. All das wird wegen der Geister des Tals gemacht, für die Gottheiten der alten Gemeinschaft.

Wir müssen uns erinnern, dass aufgeklärte Fortschrittliche, die all das für die Produktivkräfte, für die Wissenschaft und Technologie, für den Leviathan selbst tun, noch nicht geboren wurden. Vielleicht findet man in den beeindruckend säkularen Städten Sumeriens bereits die Vorgänger*innen moderner Fortschrittlicher, aber selbst dort kommt der Gott im Tempelturm zuerst.

In Ägypten gibt es nicht einmal einen Funken fortschrittlicher Aufklärung und für mindestens hundert Generationen wird es dort auch keinen geben. Dort ist das Ziel all der Gewalt, der Gefangennahme von Fremden, dem Zerfleischen von Gemeinschaften, die alte Gemeinschaft zu bewahren, das Leben gegen den großen Kadaver zu verteidigen. All das Morden der Überfälle, Invasionen und Kriege ist geheiligtes Morden. Es wird im Namen des Lebens getan, im Namen der Geister der Tiere, der Pflanzen, des Flusses, der Unterwelt und des Himmels.

Aber die Welt der Geister schrumpft, wie sie es in Sumerien getan hat, und wird auf den Tempel eingeschränkt, der in Ägypten zugleich auch der Haushalt des Pharaos ist.

Unglücklicherweise für die Ägypter kann das Leben nicht in einem abgedichteten Gefäß bewahrt werden. Es verkümmert und schließlich stirbt es.

Der traurige, langsame Tod kann auf den Gemälden Ägyptens, seinen Skulpturen, in seinen Überlieferungen und in seinen Schreinen gesehen werden.

Die frühesten Maler*innen und Bildhauer*innen atmen offensichtlich noch immer die Luft der Gemeinschaft, die Pharaos Haushalt als intakt zu bewahren beabsichtigt. Diese Menschen sind noch immer in Kontakt mit Frauen, die ihre Körper verlassen und die Unterwelt besuchen, mit Männern, die sich selbst gen Himmel strecken und fliegen, mit Menschen, die tatsächlich mit dem Schakal und dem Steinbock sprechen, da sich die Götter noch immer unter die Menschen mischen. Pharaos erste Handwerker kennen noch solche Seher*innen, aber nicht sehr viele und die nächste Generation kennt nur noch weniger.

Es gibt noch immer Seher*innen, die Visionen und Offenbarungen haben, aber wer weiß, welche Fremden sie inspiriert haben? Schließlich kann nur noch den Visionen des Pharaos vertraut werden und Pharao sich selbst auf die Visionen der Alten zu beschränken.

Die Götter hören von dem Tag an, an dem Pharao sich vornimmt, die Götter zu verteidigen und zu bewahren, auf, sich unter die Menschen zu mischen. Und ungeachtet aller Anstrengungen Pharaos sterben die Götter. Ich denke es liegt an seinen Anstrengungen, dass sie sterben. Ich behaupte nicht, viel über Gottheiten zu wissen, aber es scheint, dass sie Leviathane ebensowenig gutheißen können, wie die Menschen Plagen gutheißen; Götter sind unter den ersten Opfern des Kadavers, das Ungeheuer ist gottesmörderisch.

Der Tod der ägyptischen Götter ist dokumentiert. Nach zwei oder drei Generationen unter Pharaos Schutz springen oder fliegen die Figuren auf den Mauern und Säulen des Tempels nicht länger; sie atmen nicht einmal mehr. Sie sind tot. Sie sind leblose Kopien der vormals lebenden Figuren. Die Kopist*innen sind exakt, wir würden sagen pedantisch; sie scheinen zu glauben, dass gewissenhaftes Kopieren der Originale die Kopien zum Leben erwecken wird.

Ein ähnlicher Tod und Verfall muss auch die Lieder und Zeremonien verblassen lassen. Was einst eine vergnügliche Feier, selbstaufgebende, orgiastische Kommunion mit dem Jenseitigen war, schrumpft auf leblose Rituale, offizielle Zeremonien, die vom Kopf des Staates und seinen Beamten geleitet werden, zusammen. Es wird alles zu einem Theater und alles ist inszeniert. Es geht nicht länger um Teilen, sondern um die Show. Und es erfasst die*den Teilnehmer*in nicht länger, die*der nun zu einer*m bloßen Zuschauer*in wird. Er fühlt sich von der Macht des Haushalts von Pharao vermindert, eingeschüchtert und verängstigt.

Unsere Gemälde, Musik, Tänze, alles, was wir Kunst nennen, wird das Erbe dieser todgeweihten spirituellen Aktivität sein. Was wir Religion nennen, wird ein weiteres totes Erbe sein, aber auf einer so fortgeschrittenen Ebene der Verwesung, dass ihre einst lebendige Quelle nicht länger erahnt werden kann.

***

Während die Ekstase der ehemals lebendigen Gemeinschaft im Tempel dahinschmachtet und einen langsamen und qualvollen Tod erleidet, verlieren die Menschen außerhalb der Bezirke des Tempels, aber innerhalb derer des Staates, ihre innere Ekstase. Der Geist in ihnen dörrt aus. Sie werden zu beinahe leeren Hüllen. Wir haben gesehen, dass dies sogar in Leviathanen passiert, die, zumindest ursprünglich, aufgebrochen waren, um einem solchen Schwund Widerstand zu leisten.

Während die Generationen dahingehen, werden die Individuen innerhalb der künstlichen Eingeweide des Kadavers, die Ensis ebenso wie die Zeks, das Bedienungspersonal der Segmente des großen Wurmes, zunehmend den Federn und Rädern, die sie bedienen, ähnlicher; so sehr, dass sie später irgendwann als nichts anderes als Federn und Räder erscheinen. Sie werden niemals vollständig zu Automaten reduziert; Hobbes und seine Nachfolger*innen werden das bedauern.

Menschen werden niemals vollständig zu leeren Hüllen. Ein Funken Leben bleibt in den gesichtslosen Ensis und Zeks zurück, die eher wie Federn und Räder erscheinen als wie Menschen. Sie sind potenzielle Menschen. Sie sind schließlich die lebendigen Wesen, die dafür verantwortlich sind, dass der Kadaver zum Leben erwacht, sie sind diejenigen, die den Leviathan reproduzieren, abstillen und bewegen. Sein Leben ist nichts anderes als ein geborgtes Leben; weder atmet er, noch vermehrt er sich; er ist nicht einmal ein lebendiger Parasit; er ist eine Ausscheidung und sie sind diejenigen, die ihn ausscheiden.

Die zwanghafte und obligatorische Reproduktion des Lebens des Kadavers ist das Thema von mehr als einem Essay. Warum machen die Menschen das? Das ist das große Rätsel des zivilisierten Lebens.

Es genügt nicht zu sagen, dass die Menschen dazu gezwungen sind. Die ersten eingefangenen Zeks mögen es nur deshalb tun, weil sie physisch gezwungen werden, aber physischer Zwang erklärt nicht mehr, warum die Kinder der Zeks sich an ihren Schalthebeln festklammern. Nicht dass der Zwang vergeht. Er tut es nicht. Arbeit ist immer erzwungene Arbeit. Aber etwas anderes passiert, etwas, das den physischen Zwang ersetzt.

Zuerst wird die auferlegte Aufgabe als Bürde betrachtet. Der neu eingefangene Zek weiß, dass er kein Klempner ist, er weiß, dass er ein freier Kanaanäer ist, der bis zum Rand mit ekstatischem Leben gefüllt ist, da er noch immer die Geister der Berge und Wälder der Levante in sich pulsieren fühlt. Das Klempnern ist etwas, das er auf sich nimmt, um nicht abgeschlachtet zu werden; es ist etwas, das er bloß trägt, wie eine schwere Rüstung oder eine hässliche Maske. Er weiß, dass er die Rüstung abwerfen wird, sobald der Ensi ihm den Rücken zuwendet.

Aber die Tragödie dessen ist, dass je länger er die Rüstung trägt, desto weniger ist er in der Lage sie zu entfernen. Die Rüstung klebt an seinem Körper. Die Maske wird mit seinem Gesicht verklebt. Versuche die Maske zu entfernen werden zunehmend schmerzhaft, da die Haut dazu neigt, sich mit ihr abzulösen. Es gibt immer noch ein menschliches Gesicht unter der Maske, ebenso wie es noch immer einen potentiell freien Körper unter der Rüstung gibt, aber ihre bloße Enthüllung erfordert beinahe übermenschliche Anstrengung.

Und als ob all das nicht schlimm genug wäre, beginnt auch noch etwas mit dem inneren Leben des Individuums zu passieren, mit seiner Ekstase. Sie beginnt auszutrocknen. Ebenso wie die lebendigen Geister der ehemaligen Gemeinschaft schrumpften und starben, als sie in den Tempel eingesperrt wurden, so schrumpft und stirbt auch der lebendige Geist des Individuums innerhalb der Rüstung. Sein Geist kann in einem geschlossenen Gefäß nicht besser atmen, als die Götter es konnten. Er erstickt. Und sowie das Leben in ihm schwindet, lässt es eine wachsende Leere zurück. Der klaffende Abgrund wird so schnell wieder gefüllt, wie er sich auftut, aber nicht mit Ekstase, nicht mit lebendigen Geistern. Die Leere wird mit Federn und Rädern gefüllt, mit toten Dingen, mit der Substanz des Leviathan.

***

Der einst freie Mensch wird zunehmend zu dem, von dem Hobbes denken wird, dass er es ist. Die Rüstung, die einst außen getragen worden ist, hüllt sich um das Innere des Individuums. Die Maske wird zum Gesicht des Individuums. Oder wie wir sagen werden: Die Einschränkung wird verinnerlicht. Das ekstatische Leben, die Freiheit schrumpft zu einer bloßen Möglichkeit. Und Möglichkeit ist, wie Sartre hervorheben wird, Nichts.

Diese Reduzierung wird in den Städten Sumers am sichtbarsten, an den Leviathanen, die in dieser Hinsicht auch erstaunlich modern sind. Sie wird so sichtbar, dass die Sumerer*innen sie selbst zu bemerken beginnen. Es sind nicht die zunehmend betäubenden Ritualisierungen der Aktivitäten des Tempels, die sie plagen, und genausowenig die sogar noch auffälligere innere Leere der Ensis und ihrer Familien. All das scheint als Konsequenzen akzeptiert zu werden, die aus dem Bedarf an einer verlässlichen Quelle an Wasser und Zeks resultieren. Was sie plagt, ist, dass die Nachfahren der ersten Sumerer selbst zu Zeks reduziert werden. Das wichtigste Werkzeug dieser Reduzierung ist der Handel, oder wie wir es nennen würden, das Geschäft. Die sumerische Stadt ist mehr als jeder andere frühe Leviathan ein Paradies für Geschäftsleute.

Ein Geschäftsmann ist ein Mensch, der seiner lebendigen Menschlichkeit vollständig entleert wurde. Er ist der Definition nach eine Person, die in und durch die körperlichen Eingeweide des Leviathans gedeiht. Menschen, die zu Dingen reduziert sind, sind unter den Objekten in den Eingeweiden des Ungeheuers und sie sind offensichtlich Freiwild für diese Jagd nach Profit. Die Maxime der Geschäftsleute ist, schon lange bevor Adam Smith sie publizieren wird: Jeder Mensch für sich selbst und die Götter gegen alle.

Wir haben bereits gesehen, wie der sumerische Geschäftsmann eine Gemeinschaft von Fremden zu Schuldner*innen, dann zu Zahlungsunwilligen und schließlich zu Zeks reduzierte. Er wendet nun die gleich ökonomische Weisheit gegen die Fremden innerhalb Sumers an und schließlich hört er damit auf, zwischen Fremden und Sumerern zu unterscheiden.

Die Reduzierung geht zur Zeit der Herrschaft von Urukagina so weit, dass selbst der Lugal davon gestört wird. Und dieser Lugal entscheidet, etwas dagegen zu unternehmen, oder veröffentlicht zumindest eine Tafel, die eine solche Intervention behauptet.

Dieser Urukagina, der das Amt des Lugals von Lagesch zu einer Zeit ausübt, als seine südlichen Nachbar*innen bereits die Ufer des Nils mit den ersten Pyramiden verziert hatten, mag nicht der erste Reformer gewesen sein. Er ist der erste dokumentierte Reformer. Er ist der Erste von Vielen, die das Wohlergehen des gesamten Wurmes über das Wohlergehen eines einzelnen Segments stellen. Er kann sehen, dass die gierigen Profitsuchenden, die bloß ein Segment des Ganzen ausmachen, den Zusammenhalt des Kadavers beeinträchtigt hatten, seine Fähigkeit sich zu bewegen, indem sie seine gesamten Eingeweide aufgefressen hatten. Er proklamiert, dass die Vipern “keine Früchte im Garten des armen Mannes sammeln sollten”, sie sollten die Sumerer nicht zu Zeks reduzieren.

Indem er das Wohlergehen des gesamten Wurmes über das seines angeschwollenen Segments stellt, entfesselt dieser Lugal, wie viele seiner liberalen Nachfolger*innen, Kräfte, die ihn erdrücken. Sich auf die Erinnerung an frühere Phasen der Existenz des Wurmes verlassend, nimmt er an, die beste oder geeignetere Anordnung der Segmente des Wurmes zu kennen.

Der erste Urlugal maßte sich an die Hierarchie der Götter zu kennen und kam mit seiner Anmaßung durch, weil die Götter bereits schwach waren und im Sterben lagen.

Urukagina kommt nicht durch, weil das Segment, das er angreift, obwohl es der Definition nach tot ist, nicht schwach ist. Vergeltung folgt in Form einer Invasion aus Umma. Urukagina wird von Lugalzaggizi aus Umma seines Amtes enthoben. Urukagina wird wie seine liberalen Ensis und die meisten ihrer Zeks getötet und Lagasch wird dem Erdboden gleich gemacht.

Die Stadt Umma ist weder für ihre Macht noch ihren Mut bekannt und sie erwirbt diese Fähigkeiten nicht plötzlich. Ihr Machthaber Lugalzaggizi erobert Lagasch nicht mit Ummas Streitkräften. Die notwendigen Armeen ebenso wie die benötigte Technologie für eine solche Invasion stammen von dem Segment, das Urukagina angegriffen hatte. Lugalzaggizi ist das Instrument für den Sturz des Reformers, nicht nur weil er die Mächtigen verficht, sondern auch weil er etwas weiß, dass Urukagina nicht wusste.

Lugalzaggizi versteht, dass der Kopf des Leviathans sich nicht dort befindet, wo er sich ein Jahr oder eine Generation zuvor befunden hat und genausowenig dort, wo Urukagina denkt, dass er sein sollte. Ebenso wie der Gott des Lugals stets der Gott in der phallusförmigen Zikkurat [Tempelturm] ist, so ist auch das mächtigste Segment des Leviathans immer sein Kopf. Das ist leviathanisches Recht, und Lugalzaggizi, nicht Urukagina, ist der wahre Verteidiger des Wurmes.

Lugalzaggizis Eintreten für die Mächtigen verschafft ihm Verbündete in allen sumerischen Städten. Vielleicht sind sie alle von Reformern befallen, die eine Nostalgie für eine frühere leviathanische Ordnung haben. Lugalzaggizis Armeen überrollen sie alle.

Bevor all die Leichen begraben werden, ist Lugalzaggizi der Lugal von Umma, Lagasch, Ur und Erech. Seine Schriftgelehrten beschreiben ihn als den Mann von Erech, den Einen und Einzigen. Das Tal von Tigris und Euphrat wird von einem einzigen Leviathan besetzt. Sumer ist zum ersten Mal eins. Der Wurm hat all seine Vorgänger aufgefressen. Lugalzaggizis Schriftgelehrte beschreiben ihn auch als den Lugal der Lugals, ein Ausdruck, den seine semitisch-sprechenden Subjekte als König der Könige und Herr der Herrscher übersetzen.

Aber die Tage selbst dieses Allmächtigen sind gezählt. Ebenso wie die Sumerischsprechenden nicht länger nur Priester und Ensis sind, sind die Semitischsprechenden nicht länger nur Zeks. Durch Heirat, physische Tüchtigkeit und Kriecherei befinden sich die Großenkel der Zeks im Palast und im Tempel. Die im Tempel wagen es, den sumerischen Gottheiten die Namen der vor langem vergessenen, semitischen Gottheiten zu verleihen und geben der Tochter des Mondes den landesüblichen Namen Ischtar. Die sumerischsprechenden Priester*innen scheint das nicht weiter zu kümmern; viele von ihnen müssen wissen, dass die sumerischen Götter nicht länger mehr als Namen sind. Zudem sind viele der Brüder der semitischsprechenden Priester*innen Ensis – tatsächlich sind es so viele, dass es leichtsinnig wäre, darauf zu bestehen, dass Ischtars eigentlicher Name Inanna ist. Zudem sind in den entlegenen Städten entlang des Weges von Sumer zur Levante und dem Sinai nicht nur semitischsprechende Ensis, sondern sogar einige, die das Amt des Lugals ausüben. Ein solcher ist Sargon, der Akkade.

Sargon ist in jeder Hinsicht sumerisch, außer in seiner Sprache. Er begann seine Karriere offensichtlich als ein Ensi des Lugals von Ur, für den er die Steuern einer Provinz in der Levante eingetrieben hatte. Als Ur Lugalzaggizi unterlag, nannte Sargon seine Provinz Akkad und nahm den Posten des Lugals ein. Er hatte Lugalzaggizis fetten Leviathan, etwas, das wir ein Imperium nennen würden, eine ganze Generation lang beobachtet. Plötzlich versteht er etwas, das selbst Lugalzaggizi nicht weiß; seine Schriftgelehrten sagen, dass ihm das von Ischtar gesagt worden sei. Sargon weiß, dass der phallusförmige Kopf des Leviathan allen Mächtigen gehört, nicht nur den sumerischsprechenden Mächtigen.

All die Mächtigen, die sich auch nur das kleinste bisschen herabgewürdigt fühlen, sehen in Sargon einen Helden. Dem Vorbild Lugalzaggizis folgend nimmt er seinen Mentor gefangen und fegt durch die Städte, die die ersten Leviathane hervorgebracht haben.

Ein einziger Leviathan, so lang wie der Nil und um einiges länger, erstreckt sich nun über den gesamten Fruchtbaren Halbmond. Seine Eingeweide umfassen das mesopotamische Umma, Ur, Lagasch und Erech, sowie all die Städte entlang der Straßen in der Levante.

Sargon, der seine Karriere als Steuereintreiber begonnen hatte, weiß so wie jeder Pharao oder Lugal, was der Wurm am Besten kann. Er frisst Abgaben, nicht nur um den Lugal und seine Ensis zu ernähren, die nun semitische Namen haben, sondern vor allem um die zunehmend gewaltsamen Götter im Tempel zu ernähren, Götter, die so tot sind wie der Leviathan selbst und ebenso hungrig.

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Die Taten und Schicksale von Urukagina, Lugalzaggizi und Sargon sind der Gegenstand dessen, was wir “Geschichte” nennen. Mary Jane Shoultz hat dieses Wort entmystifiziert. Wenn wir von tatsächlicher Geschichte, Geschichte im eigentlichen Sinne sprechen, meinen wir seine Geschichte. Sie ist eine exklusiv maskuline Angelegenheit. Wenn Frauen in ihr auftauchen, dann tun sie das eine Rüstung tragend und ein Phallussymbol handhabend. Solche Frauen sind maskulin.

Diese gesamte Angelegenheit dreht sich um Phallussymbole: den Speer, den Pfeil, die Zikkurat [Tempelturm], den Obelisk, den Dolch und später natürlich das Projektil und die Rakete. All diese Objekte sind zugespitzt und sie sind alle dazu geschaffen, einzudringen und zu töten. Die mesopotamische Zikkurat [Tempelturm] und der ägyptische Obelisk, männergemachte Berge, die in den Himmel weisen, sagen den Tag voraus, an dem Männer die Ozonschicht der Atmosphäre zerreißen und sich selbst in den luftleeren Raum schießen werden, in dem einst nur Götter zu fliegen vermochten.

Viele, von Euripides bis Bachofen, Schultz, Grass und Turner werden sich fragen, warum seine Geschichte so exklusiv maskulin ist. Sie werden sich an die Zuchthengst-artige Rolle des menschlichen Mannes im Naturzustand erinnern und sich fragen, ob die leviathanischen Kunststücke, die seine Geschichte ausmachen, die Rache der Männer sind.

Mit dem Aufstieg der Leviathane werden Frauen entwürdigt, domestiziert, missbraucht und instrumentalisiert und dann fahren die Schriftgelehrten fort, die Erinnerung daran auszulöschen, dass Frauen einmal wichtig gewesen waren. Diamond sagt, dass die Literatur, die Shoultz männliche Literatur nennt, bestenfalls dazu geeignet ist, die Vergangenheit aus dem Gedächtnis zu tilgen.

In den alten Gemeinschaften erinnerte sich an das, was eine*r der Ältesten vergaß, wahrscheinlich ein*e andere*r und Traditionen konnten nur schwer verloren gehen, außer die gesamte Gemeinschaft wurde ins Unheil gestürzt.

Aber sobald sich das soziale Gedächtnis auf den Schriftrollen und Tafeln der Schriftgelehrten einnistet, konnte eine einzelne Weisung des Pharaos oder Lugals einen ganzen Abschnitt der Vergangenheit oder sogar die gesamte auslöschen. In Ägypten werden viele frühe Kartuschen und Namenstafeln gefunden werden, die den kaum wahrnehmbaren Namen einer Frau tragen, der Matriarchin; auf allen von ihnen ist der Name der Frau von späteren Schriftgelehrten ausradiert, die dann den Namen eines Mannes in der Kartusche platzierten.

Die Frau ist die Mutter; sie ist die Erde; sie gebärt das Leben. Aber der Mann fühlt sich nicht länger unterlegen; er hat sich im Leviathan eingelebt, der geschlechtslos ist und kein Leben gebiert, der aber kein Leben zu gebären braucht, da er unsterblich ist. Durch die leviathanische Rüstung ermächtigt schlagen die Männer zurück.

Turner wird eine der Gutenachtgeschichten, die von den sumerisierten Akkadianern, die die Macht mit Sargon teilen, erzählt wurden, zitieren. Sie erinnern sich noch immer an die ursprüngliche Mutter, Tiamat, die erste Spenderin des Lebens. Aber nun verstehen sie sie als ebenso tot wie Leviathan, indem sie sagen, dass der Himmel und die Erde selbst aus ihrem zergliederten Kadaver geformt sind. Marduk, Sargons Gott, ist ihr Zergliederer. In Turners Worten “zertrümmert” Marduk “ihren Schädel, teilt ihren Körper wie eine Auster und die folgsamen Winde blasen ihr Blut fort.” Turner wird hervorheben, dass der gewaltsame Marduk eine lange Linie erdhassender Nachfahren haben wird; unser zeitgenössischer Lugal Reagan wird versuchen der letzte von ihnen zu sein.

Seine Geschichte ist eine Chronik der Taten der Männer am Phallus-Ruder von Leviathan und in ihrer weitesten Bedeutung ist sie die “Biografie” dessen, was Hobbes den Künstlichen Mann nennen wird. Es gibt so viele seiner Geschichten, wie es Leviathane gibt.

Aber seine Geschichte neigt dazu, zu einer einzigen zu werden, aus demselben Grund, aus dem Sumerien und nun der gesamte Fruchtbare Halbmond zu einem Einzigen wird. Der Leviathan ist ein Kanibale. Er frisst seine Zeitgenossen, ebenso wie seine Vorfahren. Er liebt eine Vielfalt von Leviathanen ebensowenig, wie er die Erde liebt. Sein Feind ist alles außerhalb von ihm selbst.

Seine Geschichte wird mit Ur geboren, dem ersten Leviathan. Vor oder außerhalb des ersten Leviathans gibt es keine Geschichte [His-story].

Die freien Individuen einer Gemeinschaft ohne Staat hatten per Definition keine Geschichte [His-story]: Sie waren nicht von dem unsterblichen Kadaver umfasst, der der Gegenstand seiner Geschichte ist. Eine solche Gemeinschaft war eine Vielheit an Individuen, eine Ansammlung von Freiheiten. Die Individuen hatten Biografien und sie waren diejenigen, die von Interesse waren. Aber die Gemeinschaft als solche hatte keine “Biografie”, keine Geschichte [His-story].

Nichtsdestotrotz besitzt der Leviathan eine Biografie, eine künstliche. “Der König ist tot, lang lebe der König!” Generationen sterben, aber Ur lebt weiter. Innerhalb des Leviathans ist eine interessante Biografie ein Privileg, das nur sehr wenigen oder nur einem verliehen wird; der Rest hat langweilige Biografien, einander so ähnlich wie die ägyptischen Kopien einst wunderschöner Originale. Was nun von Interesse ist, ist die Geschichte Leviathans, zumindest für seine Schriftgelehrten und His-toriker.

Für andere, wie Macbeth wissen wird, ist die Geschichte Leviathans, wie die seiner Herrscher, “eine Erzählung, die von einem Idioten erzählt wird, voller leerem Schall, die nichts bedeutet.” Der Herrscher wird von einem Invasor oder einem Thronräuber getötet und seine großen Taten sterben mit ihm. Die unsterbliche Geschichte des Wurms endet, wenn er von einem anderen unsterblichen verschlungen wird. Die Geschichte des Verschlingens ist der Gegenstand der Weltgeschichte [World His-story], die schon in ihrem Namen einen einzigen Leviathan prophezeit, der die gesamte Erde in seinen Eingeweiden eingeschlossen hat.

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Rückzüge menschlicher Gefangener aus den Eingeweiden toter Würmer sind schließlich ebenso häufig wie das Verschlingen kleiner Leviathane durch größere. Die Menschen revoltieren nicht nur. Die Menschen verlassen, fliehen, entkommen tatsächlich. Sie versuchen das die ganze Zeit. Sie haben häufig Erfolg.

Sargons Herrschaft war lang. Sein Imperium überdauerte zwei Generationen. Es endete, als “alle Lande gegen ihn revoltierten und ihn in Akkad heimsuchten”, in den Worten einer Keilschrifttafel. Nichts bleibt von dem enormen Leviathan übrig, der sich über den gesamten Fruchtbaren Halbmond erstreckte.

Unglücklicherweise blieben Segmente des zersetzten Wurmes über das Land verstreut und jedes Segment neigt dazu, sich selbst wieder zu einem vollständigen Wurm zusammenzusetzen. Tote Dinge haben Mächte, die lebendigen Wesen fehlen. Biolog*innen werden versuchen, den Lebenden diese seltsame Fähigkeit des Toten durch einen Prozess, der Klonen genannt wird, zu verleihen.

Einige der Fragmente, diejenigen, die die Reichen und Mächtigen enthalten, haben Erfolg darin, einen neuen Wurm zum Leben zu erwecken und ein neuer Leviathan straft die Desserteure, indem er sie zu unverhohlener Sklaverei, zu immerwährendem Zektum erniedrigt. Sargons Nachfolger Rimusch erweitert den Kadaver des Wurms sogar noch um die Elamiter in den persischen Ebenen.

In allen Gegenden gibt es Revolten und schließlich wird Rimusch von seinen eigenen Wachen getötet. Ihm folgt Naram-sin nach, von seinen eigenen Schriftgelehrten “Gott von Akkad” genannt, aber das Imperium dieses Gottes befindet sich in einem fortwährenden Zerfall. Die Gefangenen in den Eingeweiden dieses Leviathans laden königlose Nomaden aus allen Gegenden ein, ihnen zu helfen, das Ungeheuer von innen zu zerreißen.

Die Intestinalkriege [Eingeweidekriege] dauern bis lange in die Herrschaft des nächsten Nachfolgers an. Schließlich ziehen sich die Elamiter zurück, ziehen sich die Ladaschianer zurück und dann zerbricht das gesamte Ungeheuer in kleine Stücke. Die Zeks verlassen sogar die Kanäle.

Der große Leviathan ist zerstört, für manche Menschen dauerhaft. Ein ähnlicher Leviathan wird in diesem Teil der Welt erst vier Generationen später wiederauferstehen. Anarchie kehrt zum Fruchtbaren Halbmond zurück.

Unglücklicherweise ist dies nicht die Anarchie eines früheren Zeitalters. Die Menschen, die sich vom Leviathan zurückgezogen haben, sind verkrüppelt. Ihre Rüstung lässt sich nicht ablösen. In vielen bleibt die Möglichkeit menschlich zu sein Nichts. Die Gegend selbst ist von den kriegführenden Leviathanen in eine unwirtliche Wüste verwandelt worden. Und einige der Verbündeten, beispielsweise die Gutianer*innen, die eingeladen worden waren, den großen Wurm zu stürzen, versuchen ihrerseits einen eigenen Wurm zum Leben zu erwecken, der auf dem Vorbild derer von Lugalzaggizi und Sargon basiert. Nichtsdestotrotz ziehen sich die Gefangenen zurück, offensichtlich bevorzugen sie diese beschädigte Anarchie der leviathanischen Ordnung.

Während eben jener Generation, in der die Anarchie ins ehemalige Sumer-Akkadien zurückkehrt, kehren sich die Wehrpflichtigen des Pharaos von ihren Pyramiden- und Palastbau-Anweisungen ab und wenden sich gegen den Pharao und gegen all die offiziellen Bräuche seiner Priester*innen und stellen ebenfalls einen gewissen Grad von Anarchie im Niltal wieder her. Die Zeks des Pharaos kehren zu ihren Dörfern zurück und versuchen das Leben so fortzusetzen, wie es in den alten Tagen gelebt worden war. Frakturierte Segmente des Ungeheuers, das vom Memphis-Monarchen angeführt worden war, liegen verstreut an den Ufern des Nils. Die ehemaligen Agenten des gefallenen Pharaos versuchen einige dieser Segmente wieder zum Leben zu erwecken. “Siebzig Könige in siebzig Tagen“ offenbaren den Grad ihres Erfolgs.

Und eine oder zwei Generationen nach dem Zusammenbruch dieser beiden Giganten (Archäolog*innen sind sich uneinig hinsichtlich der Chronologie) scheitert ein dritter Versuch, einen Leviathan zu begründen. Mohenjo Daro am Indus wird von seinen Insass*innen verlassen. Die Details dieses Rückzugs werden nicht bekannt sein, weil die Schrift nicht entschlüsselt werden wird. Dieser Rückzug wird für Menschen mit zivilisierten Gehirnen ein Rätsel sein und seine Gründe werden in Fluten, Dürren, Invasionen und sogar einer “tektonischen Verschiebung” gesucht werden. Wenn man davon überzeugt ist, dass die Menschen niemals die Eingeweide der Zivilisation verlassen würden, dann muss man sich in tektonische Verschiebungen flüchten um zu erklären, warum die Menschen fliehen. Aber wenn man nicht so überzeugt davon ist, dann ist das Rätsel nicht, warum die Menschen fliehen, sondern warum sie so lange in ihr bleiben, wie sie es tun.

Die Menschen am Indus bleiben viele Generationen lang davon verschont, von einem Staat gefesselt zu werden. Diejenigen am Tigris und am Nil bleiben nicht so lange verschont.

Hier sollte hervorgehoben werden, dass die Segmente zersetzter Leviathane einen ungerechten Vorteil gegenüber Gemeinschaften freier Menschen haben. Die Segmente sind wie Maschinen. Wenn sie bloß verlassen worden sind und nicht allzu eingerostet sind, können sie von jedem guten Mechaniker geölt und wieder in Betrieb genommen werden. Die Segmente, die tote Dinge sind, mögen rosten; sie sterben jedoch nie.

Aber menschliche Gemeinschaften bleiben tot, wenn sie erst einmal tot sind. Gemeinschaften lebendiger Wesen sind in dieser Hinsicht klar unterlegen. Um es etwas anders auszudrücken: Der Tod steht immer auf Seiten der Maschinen.

Das hat tragische Konsequenzen für diejenigen, die schließlich erfolgreich darin waren, sich von dem schweren Kadaver zu entlasten. Sie können nicht in ihre alten Gemeinschaften zurückkehren, da diese durch Generationen des Plünderns, Kidnappings und Mordens von Zivilisationen zerstört wurden. Die Menschen können nicht fortfahren; sie müssen von vorne anfangen. Wir sollten nicht annehmen, dass die Gepflogenheiten, die wir Kultur nennen werden, und die über tausende Generationen genährt und kultiviert wurden, über Nacht regeneriert werden könnten. Es mag gut sein, dass solche Gepflogenheiten die Kultivierung vieler Generationen erfordern.

Aber die Menschen, die darum kämpfen, einen Neustart zu machen, haben kein Zeitalter, in dem sie das tun könnten. Sie befinden sich inmitten leviathanischer Segmente, Maschinen, die jede*r gute Mechaniker*in reaktivieren und dazu nutzen kann, die Anstrengungen einer ganzen Generation in einem einzigen Feldzug ins Nichts zu stürzen.

Das ist genau das, was passiert. Am Nil werden in Theben und Herakleopolis Segmente des zersetzten Leviathans instand gesetzt und beide wachsen zu vollständigen Würmern heran. Im Tigris-Euphrat-Tal, genauer gesagt, in Erech, erlangt der Machthaber Utukhegal die Kontrolle über den schwerfälligen Wurm, den die Guti zum Leben erweckt haben, nur um von seinem eigenen Stellvertreter enttrohnt zu werden; aber sein Stellvertreter, Urnammu, hat Erfolg darin, den gesamten sumerisch-akkadischen Leviathan wieder zum Leben zu erwecken und ihn erneut von der Levante bis nach Elam auszudehnen. All die Anstrengungen, einen Neubeginn zu starten, werden zunichte gemacht; sie werden nicht unterbrochen; sie werden vernichtet.

Nach zwei Generationen ziehen sich die Gefangenen des wiedererweckten Ungeheuers erneut zurück. Dieses Mal wird der sumerisch-akkadische Leviathan für alle Zeiten verlassen. Aber gepanzerte Ssumerianisierte Semiten bestehen darauf, die Segmente zu flicken und bei Aschschur erwecken sie einen neuen Wurm zum Leben, der mit Zeks von neuen semitischen Fremden bemannt ist, den Amoritern.

Fünf Generationen später starten die Nachfahren der Amoriter-Zeks in Babylon einen eigenen Leviathan, wobei sie fortfahren, die Bosse der Arbeiter-Gangs “Aufseher von Amoritern” zu nennen. Und fünf Generationen danach dehnt der Amoriter Hammurabi den babylonischen Wurm über die antiken Gefilde Urukaginas aus, während die ehemaligen Herren der Amoriter, die Assyrer, ihren Wurm über die westlichen Provinzen von Lugalzaggizis Gefilde ausdehnen.

Unterdessen haben unbekannte Menschen aus den Wäldern und Bergen der Guti Teile der mesopotamischen Rüstung durch ganz Eurasien nach China getragen, von denen gesagt wird, dass sie der Ursprung der Yang-Shao-Kultur seien. Nur zwei Generationen später gibt es eine Schrift und eine Xia-Dynastie, deren Gründer, Yû, die Bereitstellung einer verlässlichen Wasserversorgung zugeschrieben wird.

Im Westen des Fruchtbaren Halbmonds, in Anatolien, wo die Frauen viele Generationen lang fortfahren werden, die unbegrenzte Fruchtbarkeit der Erde zu feiern, befinden sich an zwei oft von assyrischen Händlern besuchten Orten bereits aufkommende Würmer, die den Ägyptern und Assyrern später als Hethiter bekannt sein werden.

Jedes neue Modell besitzt Zusätze, die seinen Vorgängern fehlten. Die Segmente, die vom Zerfall von Sargons Ungeheuer in der Levante übrig geblieben sind, werden generalüberholt in mobile, oktopusähnliche Monströsitäten, die den phönizischen Handel an Orte bringen, die weit außerhalb der Reichweite stationärerer Würmer liegen. Die phönizischen Händler*innen in Byblos und Ugarit überholen sogar die hyroglyphischen und keilförmigen Schriften zu einem weitaus effizienteren kommerziellen Werkzeug, dem Alphabet.

Menschliche Gemeinschaften entwickeln sich zurück, während die Würmer fortschreiten. Die größte Errungenschaft des Leviathans ist es, wie L. Mumford behaupten wird, Menschen zu Dingen zu reduzieren, sie zu effizienten mechanischen Kampfeinheiten umzuarbeiten.

All das ist deprimierend. Das Gefilde des Todes breitet sich aus. Und da der Tod sich zum Leben verhält wie die Nacht zum Tage, schrumpft das Leben zusammen, während sich das Gefilde des Todes ausbreitet. Die unmenschliche Erzählung bedeutet wahrhaft nichts menschliches.

Nachdem ich einige der Hauptprotagonisten genannt habe, die sich gegen menschliche Gemeinschaften und gegen Mutter Erde selbst in Stellung brachten, wende ich mich einer kleinen Gruppe von Menschen zu, die sich den Eingeweiden eines der großen Leviathane entzogen. Diese Menschen waren zum Zeitpunkt ihrer Entziehung für alle außer sich selbst unbedeutend und wären unbedeutend geblieben, wenn ihre jüdischen, christlichen und muslimischen Erben nicht den Schatten ihrer Entziehung in jedes vormals sichere Refugium auf dem Globus getragen hätten.

Diese Menschen sind natürlich die Israeliten, die sich der ägyptischen Zivilisation entzogen und an dieser Stelle muss ich sagen, dass ich von dem gepanzerten Fragensteller überrascht bin, der selbstgefällig die positiven Wunder der Zivilisation in mein Gesicht schleuderte, da ein Teil seines Panzers aus den Überbleibseln dieser kleinen Gruppe besteht, die vor den Wundern floh.

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Gegen seine Geschichte, Gegen Leviathan! – Kapitel 2

Bei dem folgenden Text handelt es sich um das 2. Kapitel der deutschen Übersetzung von Against History, Against Leviathan!, die wir seit Ausgabe #080 in einer Vorabfassung kapitelweise abdrucken.

Das 1. Kapitel findest du hier, alle bisher erschienenen Kapitel hier.

Da es sich bei den hier veröffentlichten Übersetzungen um eine vorläufige Fassung handelt, freuen sich die Übersetzer*innen ganz besonders über Hinweise auf Fehler, Gedanken zu Ungenauigkeiten in der Übersetzung und Verbesserungsvorschläge. Ihr könnt sie direkt per E-Mail an gegen-leviathan@riseup.net kontaktieren.

2.

Ein Gepanzerter fragt: Wenn das Goldene Zeitalter so wertvoll, so wunderschön, so rein gewesen ist, warum haben die Menschen es dann hinter sich gelassen? Wenn sich die Zivilisierten an es erinnern, warum kehren sie nicht zu ihm zurück? Wenn es so angenehm gewesen ist, warum werfen Landwirte dann nicht ihre Pflüge weg und kehren zu Grabstöcken zurück? (Wer diese Fragen stellt, fragt auch: Wenn du so clever bist, warum bist du dann nicht reich?)

Es gibt Antworten auf diese Fragen. Aber der Fragensteller will diese nicht hören. Er kennt die Antwort bereits. Die Menschheit verließ den Naturzustand, weil die Zivilisation eine höhere Entwicklung ist. (Eine höhere Entwicklung gegenüber was? Das wird der Gepanzerte niemals verraten. Er kehrt schnell zu etwas anderem zurück.)

Die Theorie der höheren Entwicklung ist so alt wie die Zivilisation selbst. Eine der einflussreicheren modernen Versionen stammt von einem Anwalt des 19. Jahrhunderts, der im Hinterland von New York lebte, von Lewis Henry Morgan.

Als Berater für spekulierende Geschäftsleute, als republikanischer Politiker und Rassist fand Morgan dennoch die Zeit, eine Studie über seine Nachbarn im Hinterland von New York anzustellen, über eines der zerstreuten Überbleibsel der einst zahlreichen irokesischen Gemeinschaften. Morgans rassistische Vorgänger Washington und Jefferson haben darauf bestanden, dass die Irokesen Kinder seien, aber Morgan war der Ansicht, dass die Irokesen einen Zustand zwischen Kindheit und Adoleszenz erreicht hätten.

Morgan verallgemeinerte seinen Rassismus zu einer Leiter, von der jede Stufe vor rassistischer Politur nur so glänzt. Er betrieb keinerlei Anstrengung, seine Geringschätzung zu verbergen, im Gegenteil, er trug sie offen zur Schau; eine solche Geringschätzung war (und ist bis heute) ein Zeichen von Vornehmheit in Amerika. Er nannte die unterste Stufe, den Zustand der Kleinkindheit, Wildheit. Die nächste Stufe, den Zustand der Kindheit, Barbarei. Und natürlich nannte er die höchsten Stufen Zivilisation, die allerhöchste amerikanische Zivilisation. Auf dieser höchsten Stufe saß Morgan zusammen mit der Großen Weißen Rasse. Die amerikanischen Professoren fühlten sich so sehr geschmeichelt, dass sie Morgan zum Präsidenten der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften wählten.

Später würden die Professoren ihre Wahl bereuen. Der Aufwiegler Karl Marx und der revolutionäre Geschäftsmann Friedrich Engels borgten sich Morgans rassistische Leiter aus. Marx beabsichtigte die Leiter auszubessern, aber er fand dazu nie Zeit. Es war Engels, der schließlich Morgans Leiter ausbesserte. Er flickte nicht gerade viel. Er borgte sie sich vollständig intakt, inklusive all der rassistischen Politur durch Morgans Nomenklatur: Wildheit, Barbarei, usw. Engels besserte lediglich die Spitze der Leiter aus. Er benannte Morgans oberste Stufe um und fügte der Leiter noch eine weitere, höhere Stufe hinzu.

Engels änderte den Namen von Morgans Großer Weißer Rasse in Kapitalistische Klasse und platzierte darüber die Anführer*innen und Anhänger*innen von Marx politischer Partei. Und in dieser Form wurde Morgans rassistische Leiter zur offiziellen Religion der UdSSR, Chinas, Osteuropas und anderer Länder, in denen die Namen der Stufen als ein Katechismus in die Köpfe der Schulkinder eingehämmert werden.

Natürlich wollten die amerikanischen Professoren mit dieser Leiter nichts mehr zu tun haben, nachdem diese den Aufwieglern in die Hände gelangt war. Sie vergaßen Morgan. (Das kann an Orten, an denen das Gedächtnis von der Gunst der Verleger*innen des geschriebenen Wortes abhängt, sehr leicht vollbracht werden.)

Aber der Rassismus verflüchtigte sich nicht aus Amerika und Morgans Leiter war eine zu gute Sache, um sie den Aufwiegler*innen zu überlassen. Der Archäologe V. G. Childe, wenngleich er selbst Marxist war, verlieh der Leiter eine Aura der Wohlanständigkeit, indem er ihre Stufen mit all den jüngsten eindeutigen Beweisen füllte. Und die Leiter kehrte nach Amerika zurück, weniger als eine offizielle Religion, sondern vielmehr als ein letzter Ausweg, als etwas, dessen man sich in Notfällen bedienen konnte. Verweise auf den »Naturzustand« lösen stets solche Notfälle aus.

Die Leiter, die Theorie der höheren Entwicklungen, erklärt natürlich, warum die Menschen den Naturzustand hinter sich ließen. Zu diesem Zweck wurde sie entwickelt. Der Titel von Engels Buch lautet Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. Die Erklärung ist einfach, klar, tatsächlich mechanisch und sie kann in Grundschulen unterrichtet werden. Alles, was wir tun müssen, ist uns von lebendigen Wesen abwenden und uns auf Dinge konzentrieren. Die Leiter ist ein Ding. Ebenso wie ihre Stufen. Und die Verbindungen zwischen niedrigeren und höheren Stufen sind ebenso Dinge. Sie sind Apparate. Childe nannte sein Buch irreführenderweise Der Mensch schafft sich selbst [Man Makes Himself] und erweckte dadurch den Eindruck, dass er von einem lebendigen Wesen sprechen würde. Für Childe ist der Mensch selbst ein Ding, ein Gefäß für Objekte und Bauteile; Materie ist der Kern und der Mensch der Auswuchs.

Der Apparat, der verantwortlichfür den Übergang des Menschen von der Wildheit genannten Stufe zu der Barbarei genannten Stufe ist, ist ein Apparat, der Materielle Bedingungen genannt wird, oder vollinhaltlicher die Ebene der Entwicklung der Produktivkräfte. Derselbe Apparat ist verantwortlich für das Erklimmen aller höheren Stufen.

Marx und Engels und ebenso Morgan lebten zu einer Zeit, als die materiellen Bedingungen, buchstäblich der Boden selbst, den Füßen der ehemaligen Herrscher entglitt, den verhassten Baronen und Bischöfen: Kapitalistische Eigentümer von Minen und Fabriken kauften das Land der Aristokraten auf. Marx und Engels prognostizierten, dass der Boden auch den Füßen der Kapitalisten auf eine ähnliche Weise entgleiten würde und sie projizierten ihren Wunsch auf die erste Morgendämmerung.

Im Sinne dieser Projektion existierte der Mensch seit tausenden Generationen als Wilder. Dann, ungefähr vor dreihundert Generationen, wurden die materiellen Bedingungen günstig für etwas höheres als diese Wildheit. Diese Bedingungen umfassten Landwirtschaft, Metallurgie, das Rad, usw. Als er erst einmal all diese Dinge hatte, war der Mensch in der Lage einen Überschuss zu produzieren, einen Gewinn. (Turner erliegt diesem Teil der Theorie ebenfalls.) Dieser Überschuss, dieser Gewinn, ist das, was die schöne neue Welt fördert, buchstäblich füttert, die nun möglich geworden ist: Könige, Armeegeneräle, Sklavenbesitzer und Bosse von Arbeitskolonnen. Der Mensch habe immer Herrscher gewollt, Berufsheere, Sklaverei und Arbeitsteilung, aber er hätte diese Träume nicht realisieren können, bis die materiellen Bedingungen dafür reif waren. Und sobald sie reif dafür geworden seien, seien alle fortschrittlich eingestellten Wilden ohne Zögern zur nächsthöheren Stufe gesprungen.

(Tue mir einen Gefallen, Leser*in, und überprüfe die Theorie der höheren Entwicklungsstufen noch einmal. Dann sage mir, ob du meine Karrikatur noch immer übertrieben findest.)

Die Theorie der höheren Entwicklungsstufen kann kleinen Kindern erzählt werden, weil sie ein Märchen ist. Ich habe nichts gegen Märchen. Aber die Verfechter*innen dieses Märchens behaupten, dass es etwas anderes wäre; sie verachten Märchen.

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Die sogenannten materiellen Bedingungen waren nichts anderes als Hilfsmittel fürs Schlemmen, Umherspazieren und Sichtreibenlassen. Sie waren wie Spazierstöcke für Greise. Ihre Vielfalt und Komplexität belegen den Einfallsreichtum von Menschen. Aber die Zentralität solcher Dinge ist für uns kein Beweis dafür, dass Menschen im Naturzustand um Früchte, Nüsse und Spazierstöcke kreisten. So wenig wir auch über ihre Sternstunden wissen, wissen wir doch, dass diese keine Industriemessen, Feiern neuer Erfindungen oder Maschinenausstellungen waren. Dinge mögen nützlich gewesen sein, aber sie waren Belanglosigkeiten im Vergleich mit den Augenblicken, in denen man in Kontakt mit dem Ursprung, der Quelle des Lebens, des Seins selbst kam.

Die Belanglosigkeiten sind uralt und mögen früher weitaus vielfältiger gewesen sein, als sie es heute sind. Als die Früchte noch auf hochliegenden Ästen reiften, wurden alle möglichen Arten von hakenförmigen Stöcken, Stricken und Leitern entwickelt, um die Früchte zu erreichen, bevor es die Affen taten.

Die Menschen verstanden sich selbst als Cousinen der Tiere. Viele ihrer Gerätschaften ermöglichten es ihnen, die Handlungsweisen der Tiere zu kopieren. An den Ufern der Flüsse und Seen entwickelten die Menschen alle möglichen Arten von Flößen und Kanus, um wie Enten und Schwäne zu schwimmen. Sie lagerten Nüsse, um sie nach dem Vorbild der Eichhörnchen im Winter zu verzehren. Sie verstreuten Samen nach dem Vorbild der Vögel. Sie webten Netze nach dem Vorbild der Spinnen. Sie pirschten sich an Wild heran nach dem Vorbild der Wölfe. Wölfe haben starke Zähne und Kiefer. Die Menschen schärften Stöcke und Steine. (Unsere Archäologen stellen sie dar, als hätten sie wie Zeks den ganzen Tag damit zugebracht, sie abzuplätten. Diese Menschen waren nicht von etwas gezwungen, was Tonybee »gesichtslose Institutionen« nennt. Sie hatten keinen Grund dazu, mit dem Abblätten weiter zu machen, wenn es ihnen keinen Spaß mehr machte.)

Moderne Gräber haben selbst die Überbleibsel altertümlicher Städte an Orten in Anatolien und im vorderen Orient ausgegraben, Orte, die später Shanidar, Jericho, Catal Höyük, Hacilar genannt wurden.In Shanidar teilte die gesamte Gemeinschaft eine Höhle als Winterunterschlupf; die Höhlenbewohner*innen nutzten Metalle. In Jericho mauerten sich die Menschen selbst ein, indem sie eine Mauer errichteten, vermutlich um sich vor feindlichen Eindringlingen zu schützen. Diese Menschen scheinen kaum bis gar keine Anpflanzung betrieben zu haben. Im Norden von ihnen lebten Menschen, die Samen anpflanzten und Tiere hielten, aber keine Städte oder Mauern errichteten. Und auf der anderen Seite der Welt waren die Vorfahren oder Vorgänger*innen der Ojibwa, die am Lake Superior Metallurgie betrieben und wunderschönen Kupferschmuck und -werkzeuge herstellten.

Keines dieser Völker entwickelte »gesichtslose Institutionen«. Sie blieben eine Sippschaft. Sie fuhren fort alles, was sie besaßen und was sie erlebten, zu teilen. Die Kupfer-Nutzer*innen vom Lake Superior pflanzten keine Samen an oder hielten Tiere. Vielleicht hätten sie es gekonnt, aber sie hatten keinen weltlichen Grund dazu. Sie hielten Hunde. Hunde haben sich offensichtlich selbst domestiziert, entweder aus einer unbegreiflichen Liebe zu Menschen oder aus einem parasitären Antrieb. Aber welche Befriedigung würde es einem verschaffen, Züchtungen parasitärer, hundeartiger Rothirsche oder Elche zu entwickeln?

Die materiellen Objekte, die Spazierstöcke und Kanus, die Grabstöcke und Mauern, waren Dinge, die ein einzelnes Individuum schaffen konnte, oder sie waren Dinge, wie eine Mauer, die die Zusammenarbeit vieler zu einem einzigen Anlass erforderten. Ich würde vermuten, dass die Erbauer*innen der ersten Mauer von Jericho in dem Moment, als sie damit fertig waren, aufhörten Mauerbauer*innen zu sein; sie kehrten zu wichtigeren Aktivitäten zurück. Ich würde sogar vermuten, dass sie die Mauer errichteten, um den wichtigeren Aktivitäten ungestört nachzugehen.

Was die überschüssigen Erzeugnisse, die berümten Gewinne angeht, die diese Werkzeuge angeblich möglich gemacht hätten: Sahlins und andere haben gezeigt, dass sowohl Gemeinschaften mit vielen Werkzeugen als auch Gemeinschaften mit wenigen, welche, die in üppigen Umgebungen und welche, die in rauen Umgebungen lebten, alle von Überschüssen umgeben waren. Nachdem all die Menschen ihre Ration gegessen hatten, nachdem all die Insekten und Vögel und Tiere ihre Ration gegessen hatten, gab es noch immer eine ganze Fülle, die auf die Erde fiel und Triebe des nächsten Frühjahrs düngte. Viele Tiere und viele Menschen lagerten das, wovon sie erwarteten, es während eines durchschnittlichen Winters zu benötigen, aber keine*r hortete mehr als das; freie Menschen brauchten das nicht zu tun.

***

Die meisten der Werkzeuge sind uralt und die Überschüsse sind seit der ersten Morgendämmerung reif, aber sie erschufen keine gesichtslosen Institutionen. Die Menschen, lebendige Wesen, erschufen beides. Und es ist nicht der Mensch oder die Menschheit, die dafür verantwortlich ist, sondern eine isolierte Gemeinschaft, eine kleine Minderheit in Tonybees Worten.

Zudem erschafft diese kleine Minderheit derartige Institutionen nicht in den günstigsten materiellen Bedingungen, beispielsweise in den üppigen Wäldern der Great Lakes oder den ergiebigen Wäldern Afrikas oder Eurasiens. Sie machen das unter den ungünstigsten materiellen Bedingungen, in einer erbitterten, rauen Umgebung.

Gräber haben tatsächlich Tafeln ausgegraben und entziffert, die Licht auf die ersten Augenblicke gesichtsloser Institutionen werfen.

Die Tafeln sind auf Sumerisch geschrieben, einer Sprache, die in Zentralasien entstanden sein könnte. Die Autor*innen sind die ersten schriftkundigen Menschen. Die Dörfer, in denen sie leben, werden Erech, Ur, Eridu und Lagasch genannt. Die Dörfer befinden sich im Tal zwischen den Flüssen Tigris und Euphrat. Der Ort wird später Fruchtbarer Halbmond genannt werden, um zu erklären, warum Esel Schwänze haben.

Die ersten Tafeln beschreiben den Ort nicht so günstig. Sie beschreiben ihn als einen höllischen Ort und lassen eine*n sich wundern, warum diese Menschen dort bleiben. Sie sind erpicht darauf, Landwirtschaft in einem Urwald zu betreiben. Die Flüsse treten jährlich über ihre Ufer, düngen das Tal und verwandeln es in ein Moor.

Frauen pflanzen Samen. In einem Jahr ist die Flut so gewaltig, dass sie die Erde sowie die Häuser mit sich fortträgt. Im nächsten Jahr gibt es nicht genug Wasser und die Pflanzen vertrocknen und sterben in der sengenden Hitze der Sonne.

Sicherlich müssen die Dorfbewohner*innen daran gedacht haben, in die günstigeren materiellen Bedingungen Zentralasiens zurückzukehren, wo sie nicht so viel Zeit und Energie auf das bloße Überleben aufwenden mussten, wo sie Zeit für erfreulichere Aktivitäten hatten.

Aber sie sind hartnäckig. Die Großmütter rufen die alten Männer zu einem Rat zusammen. Diese Männer hatten geträumt. Die Frauen ermahnten die Männer von einer verlässlichen Wasserversorgung zu träumen, weder zu wenig, noch zu viel.

Die Männer sind offensichtlich beleidigt wegen solcher Banalitäten von ihren mentalen Transporten weggerufen zu werden. Sie müssen vermutlich zu einem zweiten Rat und dann einem Dritten einberufen werden, letzterer während einer Hungersnot.

Die alten Männer reagieren träge. Sie könnten gesehen haben, wie Biber sich eine verlässliche Wasserversorgung gewährleisten. Sie träumen. Sie sehen, dass das, was benötigt wird, ein Damm, Kanäle und Entwässerungsgräben wären. Aber wer würde diese errichten? Sicherlich nicht die alten Männer. Sie sind keine Biber. Sie rufen die jungen Männer zusammen und erklären den Traum.

Die jungen Männer haben bisher nichts getan, daher sind sie begierig sich als bereitwillige und edelmütige Geber zu zeigen.

Aber keine*r weiß, wie man fortfahren solle. Die alten Männer mögen oder mögen nicht die Pläne erträumt haben, aber sie werden sicherlich nicht die tatsächliche Umsetzung beaufsichtigt haben. Sie wählten einen starken jungen Mann, einen Lugal; sie sagen ihm, er solle die Biber beobachten. Die alten Männer kehren dann zu ihren wichtigeren philosophischen Unterfangen zurück.

Der Lugal, was auf Sumerisch starker Mann bedeutet, mag von den Bibern lernen oder auch nicht und er mag die Pläne machen oder auch nicht. Auf jeden Fall beaufsichtigt er das Projekt. War er nicht von den Ältesten dazu auserwählt worden?

Als die Gräben und Kanäle gegraben sind, kehrt der Lugal unter seinesgleichen zurück, stolz, aber noch nicht hochmütig. Nichts hat sich bisher verändert. Solche kooperativen Unterfangen waren selten, aber nicht ungewöhnlich in Gemeinschaften der Sippschaft.

Aber das hier ist Erech, ein Ort, von dem die Götter offensichtlich nicht wollen, dass dort Menschen leben. Eine einzige Flut spült die ganze Arbeit ins Meer. Die Frauen rufen die alten Männer zu einem weiteren Rat zusammen. Diese Mal wählen die Ältesten einen noch stärkeren jungen Mann aus und drängen ihn, die Biber gewissenhafter zu studieren oder tiefgreifender zu träumen. Und dieses Mal halten die Ufer und Deiche, zumindest anfänglich.

Aber Erech bleibt ein materiell miserabler Ort und binnen Kurzem beginnen die Ufer zu bröckeln. Der erfahrene Lugal wird beauftragt, die Ufer und Dämme zu reparieren. Der Lugal und seine Cousins beschweren sich, dass sie schon vor einem Mond hätten gerufen werden sollen, als die Ufer noch repariert hätten werdenkönnen; Nun müssen sie das gesamte Werk wieder errichten. Das passiert zweimal, höchstens dreimal, bevor der Lugal darauf besteht, einen Sitz im Rat der Ältesten zu bekommen, um ein Mitspracherecht darauf zu haben, wann die Deiche repariert werden.

Frühlinge vergehen und Winter vergehen, voller Festessen, Festivals, Tänze und Spiele.

Die Ältesten von Ur und selbst die von Lagasch bestimmten Lugals, um die Bewässerungswerke von Erech zu studieren.

Ein Ältester von Erech und dann ein weiterer sterben in hohem Alter; sie werden im Rat durch Neuankömmlinge ersetzt.

Nun ist der Lugal ein erfahrenerer Ältester als die Neuankömmlinge und er äußert sich über andere Dinge als Deiche. Er wird hochmütig und seine Cousins stehen hinter ihm. Er und sie sind schließlich diejenigen, die Erech eine verlässliche Wasserversorgung verschaffen. Der Lugal wagt es sogar einer alten Großmutter zu sagen, wo sie ihre Samen nicht pflanzen solle.

Eines Tages wird der Lugal tot aufgefunden, ermordet von einer Gottheit, einer Gottheit, von der bekannt ist, dass sie in engem Kontakt mit der beleidigten Großmutter steht. Ein neuer Lugal wird auserwählt, ein weniger hochmütiger und die Ältesten achten sorgsam darauf, ihn aus ihrem Rat herauszuhalten.

Es gibt keinen eindeutigen Beweis für irgendetwas davon. Tatsache ist, dass die sumerischen Tafeln geheimnisvoll stumm hinsichtlich der Taten der Frauen und Ältesten zur Zeit der ersten Lugale bleiben. Und sowie die Zeit voranschreitet, helfen die Tafel-Schreiberlinge den Menschen dabei zu vergessen, dass die sumerischen Frauen wichtig waren, dass die Ältesten einst in einem Rat saßen, dass es ein Zeitalter vor dem ersten Lugal gab.

***

Aber zurück zu meiner Geschichte.

Die Menschen aus Ur und Lagasch haben ihre Bewässerungsarbeiten vollendet. Diese wurden jedes Jahr umfangreicher.

In einem Jahr überfluteten die Entwässerungsgräben von Lagasch die Kanäle von Ur und fluteten und ruinierten die Arbeit Urs.

Das machte den Lugal von Ur, der Urlugal genannt wurde, so wütend, dass er seine speerbewaffneten Cousins gegen die von Lagasch anführte. Die erzürnte Jugend von Ur zerstörte die Bewässerungswerke ihrer Nachbarn und verfolgte fliehende Menschen aus Lagasch bis in die Wüste. In ihrer Wut ermordeten sie mehrere Fremde, Wüstennomaden, deren Pfade sie kreuzten.

Als schließlich die belagerten Lagaschianer*innen um ein Ende der Gewalt bettelten, legten die Sieger mit Urlugal an ihrer Spitze den Besiegten eine höllisch schwere Bürde auf. Die Menschen von Ur forderten Entschädigung von den Lagaschiern, die ihre eigenen Bewässerungsanlagen und die von Ur wiederaufbauen mussten. Lagaschier, die unwillig oder unfähig wären, eine solche Bürde zu tragen, sollten den Menschen von Ur große Geschenke zu bestimmten Zeiten bringen.

Urlugal ist entschlossen, den Überblick über all die Geschenke, die ihm zum Tribut geschuldet wurden, zu behalten, da er ebenso hartnäckig ist wie diejenigen seiner Vorfahren, die den Fruchtbaren Halbmond nicht aufgaben. Um den Überblick über die Geschenke und die Schenkenden zu behalten, schickt er einen oder zwei seiner Cousins nach Erech, um die Zeichen zu studieren, die einige der Männer des Erechlugals auf Lehmtafeln gemacht hatten, um den Überblick über die besten Zeiten, um die Dämme zu reparieren, zu behalten. Die Männer des Urlugals fertigten bald selbst Lehmtafeln an und auf diese Tafeln meißelten sie keilförmige Zeichen, um die Namen derer in Lagasch zu kennzeichnen, die noch immer Tributgeschenke schulden, sowie die Mengen.

All diese Ereignisse geschehen nicht in der Lebenszeit eines einzigen Urlugals. Urlugal ist nur einer der Namen der Lugale Urs. Die Sumerer hatten hunderte, vielleicht tausende Lugale und die Schriftgelehrten erfanden noch mehr Namen von Lugalen, um die Zeit zwischen sich und der ersten Morgendämmerung zu füllen. Für die Sumerer ist die Zeit zwischen ihnen und den Anfängen nicht so gering, wie sie später für die Christen sein wird. Die zähen Sumerer schätzen in Millionen.

Ich bin bei Urlugal hängen geblieben, wegen seines sprechenden Namens und so will ich bei ihm bleiben. Er sammelt noch immer Tribute von Lagasch ein. Seine Neffen amüsieren sich bestens dabei, die Kanalarbeiten ihrer Nachbarn zu beaufsichtigen, anstatt sie selbst zu erledigen.

Nun treffen beunruhigende Nachrichten ein. Einige von Urlugals Cousins gingen jagen, möglicherweise in den Wäldern des Libanon. Einer von ihnen kehrt zurück, mit kaum genug Leben in ihm, um seine Geschichte zu erzählen. Die Jäger wurden von speerbewaffneten Nomad*innen angegriffen; alle außer dem Erzähler wurden getötet. Die Angreifer waren möglicherweise versippt mit den Fremden, die von den Männern des Urlugals während des Raubzugs gegen Lagasch getötet worden waren.

Urlugal bereitet sich sofort darauf vor, seine stärksten Cousins gegen die mörderischen Fremden anzuführen. Die Ältesten versuchen die Hitzköpfe zu beruhigen, indem sie darauf hinweisen, dass die Fremden die Opfer von Urlugals ursprünglichem Überfall rächten und ein weiterer Überfall nur zu mehr Vergeltungsmaßnahmen führen würde. Aber die Hitzköpfe lassen sich nicht stoppen.

Urlugal und seine Cousins, noch immer von ihrem Sieg über Lagasch beschwingt, ziehen in den Wald Libanons aus. Tatsächlich finden sie ein Lager der Fremden. Sie machen es dem Erdboden gleich und ermorden die meisten der Nomaden. Auf ihrem Weg zurück mit den gefangengenommenen Tierherden werden die Männer von Ur von einer anderen Bande Fremder angegriffen. Der Wald scheint vor Fremden nur so zu wimmeln.

Urlugal und viele seiner Cousins werden getötet. Die Überlebenden lassen ihre Beute zurück und fliehen in Unordnung zurück nach Ur.

Ganz Ur schäumt vor Wut. Jemand erinnert die wütende Meute an die Vorhersage der Ältesten und wird sofort getötet. Die Überlebenden und ihre Cousins schreien nach der Ernennung des stärksten und entschlossensten unter ihnen zum Lugal. Die Sieger über Lagasch würden nicht von irgendwelchen Fremden geschlagen werden, sie würden nicht die Fliegen für Spinnen sein, die nicht in Städten leben und keine Samen anpflanzen. Der Rat der Ältesten ernennt bedrängt vom Zorn der ganzen Stadt zögerlich den neuen Lugal.

Die wütenden Krieger ziehen gegen die Fremden aus. Sie senden Späher voraus, um nicht in einen weiteren Hinterhalt zu geraten. Sie transportieren ihre Verpflegung, sowie Lugal selbst in Gespannen auf Rädern; der Lugal kann so seine Stärke für den eigentlichen Kampf aufsparen und die Männer von Ur können sich schneller bewegen als alle Fremden. Sie entdecken verschiedene Lager von Nomaden und machen alle dem Erdboden gleich.

Sie kehren nach Ur zurück – dieses Mal nicht nur mit den gefangenen Herden, sondern auch mit den gefangenen Fremden. Die zurückgekehrten Krieger werden von ihrer besorgten Sippe in die Arme geschlossen. Zwei Wochen lang gibt es Feste, Tänze und Feiern in ganz Ur. Die Ältesten, Männer und Frauen bringen den Geistern und Mächten, die diesen Sieg möglich machten, großzügige Opfer dar. Ganz besondere Opfer werden der Gottheit des Lugals dargeboten.

Als die Feiern enden, kehren die beschwingten Krieger, die Helden, nicht zu ihren Kanalreparaturen zurück. Das Pensum der Lagaschianer neigt sich dem Ende zu. Tatsächlich beschweren sich die Lagaschianer, dass sie bereits mehr für Ur getan haben, als sie jemals eingewilligt hätten. Wer wird die Reparaturen nun machen? Die Cousins der Lugals haben die besiegten Lagaschianer lange beaufsichtigt und sie sind von der Aussicht nicht begeistert, den Platz der Besiegten einzunehmen.

Die gefangengenommenen Fremden werden an die Arbeit an den Kanälen geschickt. Jede*r der Cousins des Lugals ist nun selbst ein Lugal, ein Vorgesetzter. Das sumerische Wort dafür lautet Ensi. Das ist ein Unter-Lugal, ein Assistent des Lugals, ein Chef, aber nicht der Chef.

Die Nomaden fahren fort, die Jäger und Reisenden aus Ur zu bedrängen. Aber die Nachrichten ihrer Überfälle sind nicht mehr so erschreckend. Der Lugal führt häufige Expeditionen gegen die unverständlich semitisch sprechenden Fremden an.

Die Ältesten erheben keine Einwände mehr gegen diese Expeditionen und beschränken sich umsichtigerweise auf visionäre und philosophische Aktivitäten. Gelegentlich konsultiert der Lugal einen alten Mann oder eine alte Frau hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit eines Sieges, aber ansonsten nimmt er eine respektvolle Distanz zu ihnen ein.

Der Lugal blickt diesen Expeditionen nun freudig entgegen, da jeder neue Überfall neue Fremde nach Ur bringt. Mittlerweile gibt es genug Fremde in Ur, um die Kanäle jede Saison zu reparieren. Bald werden die Gefangenen früherer Expeditionen für Expeditionen gegen neue Angreifer rekrutiert.

Bald reparieren Fremde nicht nur Deiche. Sie reparieren auch die Häuser alter Männer und Frauen. Sie erledigen die Hausarbeiten des Lugals und bald auch die der Ensis.

Die sumerischen Frauen lassen noch immer die Pflanzen auf dem Feld entstehen, aber nun tun sie das, indem sie engen und beständigen Kontakt mit der Erde und den Geistern, die für die Nährung der Pflanzen verantwortlich sind, halten. Die tatsächliche Verstreuung der Samen wird von den gefangengenommenen Fremden erledigt.

Und wer sind die Fremden? Sicherlich können wir sie als die ersten Zeks identifizieren! Sie sind Arbeiter, Proletarier, Vollzeitarbeiter. Die sumerische Sprache stammt aus einem anderen Zeitalter. Ebenso wie sie kein Wort für König, Herrscher, Kaiser oder Präsident besitzt, besitzt sie auch kein Wort für Zek, Arbeiter, Sklave. Die Sumerer fahren fort den Lugal Lugal zu nennen und sie fahren fort, die Fremden Fremde zu nennen. Aber in einem unfassbar kurzen Zeitraum gibt Ur die exotische Welt der Seher*innen und Visionen auf.

***

Ich habe im Präsens gesprochen. Ur ist Jetzt. Es ist kein bisschen exotisch. Es ist unsere Welt.

Was ist passiert?

Ich habe die marxistische Erklärung bereits verworfen. Günstige materielle Bedingungen erschufen nicht den ersten Lugal von Erech. Materielle Bedingungen blieben dieselben, wie die, die sie seit Generationen gewesen sind und die Menschen von Erech hatten keinen Zugang zu den besten von ihnen. Die materiellen Bedingungen begannen sich erst nach dem ersten Lugal zu verändern und seitdem haben sie sich rapide verändert.

Pierre Clastres würde sagen, dass es eine Revolution gegeben hat – keine materielle, sondern eine politische Revolution. Das wird dem Ganzen ziemlich gerecht, aber es stellt sich erst rückblickend als wahr heraus. Die Sumerer erleben offensichtlich einen großen Wandel; wir können das eine Revolution nennen, aber sie erleben es nicht als eine solche.

Vom Standpunkt der Sumerer her ändert sich nichts. Auf eine gewisse Art und Weise verlassen sie den Naturzustand niemals. Vielleicht ist es das, was den Exotizismus ausmacht, der dem, was wir »frühe Zivilisationen« nennen werden, anhaften wird. Die Sumerer sind nicht zu Zeks geworden. Sie sind noch immer Besessene. Die sumerischen Frauen gebären noch immer nicht als Maschinen für die Produktion von Soldaten und Arbeitern, sondern als lebendige Wesen in engem Kontakt mit den Quellen des Seins. Die sumerischen Männer, besonders die älteren, suchen noch immer den Kontakt mit den Geistern des Windes, der Wolken, selbst mit denen des Himmels selbst. Tatsächlich widmen sie sich ihrer Suche vollständiger, als sie es jemals zuvor gekonnt hätten. Nun widmen sie all ihre Energie den Tänzen, Festivals und Zeremonien. Sie müssen sich nicht länger mit den Banalitäten des materiellen Überlebens herumschlagen. Die Banalitäten werden allesamt für sie erledigt.

Ferner bieten der Lugal und seine Männer den Geistern weitaus großzügigere Geschenke dar, als jemals zuvor hätte gegeben werden können. Die Männer des Lugals haben sogar dauerhafte Schreine für alle Geister und Mächte errichtet, unglaublich schöne Schreine und um die Schreine herum haben sie Gärten angelegt und diese mit all den Kreaturen der Wüste und des Waldes gefüllt.

Niemals zuvor haben die Menschen den Wesen, die für das Leben verantwortlich sind, eine solche Huldigung, einen solchen Respekt gezollt. Es stimmt, dass der Lugal seiner eigenen Gottheit den größten Schrein errichtet. Das ist offensichtlich anmaßend von Seiten des hochmütigen Lugals, da er nicht wissen kann, dass die Geister die hierarchische Konstellation, in die er sie bringt, akzeptieren. Das ist eine Art von Revolution. Aber die Sumerer werden sich nicht jetzt wegen seiner Hochmütigkeit gegen den Lugal wenden. Sie haben sich daran gewöhnt und anstatt sie zu verärgern, lässt sie sie nun mit einem gewissen Stolz lächeln. Dank ihm können sie sich so vollständig dem Wohlergehen ihrer Stadt widmen.

Ich muss gegenüber meiner*m Kritiker*in zugeben, dass die Sumerer sich nicht von einem einzigen der neuen Werkzeuge trennen würden. Sie sehnen sich nicht danach, zum zeitlosen goldenen Zeitalter zurückzukehren. Sie befinden sich im Goldenen Zeitalter, mehr als jemals zuvor.

Aber die goldenen Sumerer sind nicht länger alle aus Sumerien. Tatsächlich existieren die goldenen Sumerer gemäß einiger späterer wissenschaftlicher Erzählungen überhaupt nicht. Sie werden durch ein simples Wort abgesetzt. Das Wort lautet Tempel. Die Anhänger*innen von Inanna, der liebevollen Tochter des Mondes; die Kommunikant*innen von Anu, dem Geist des Himmels, sind nicht die Anwender*innen der neuen Werkzeuge. Sie sind nicht die Verwalter*innen der Entwässerungsarbeiten, die Erbauer*innen der großen Paläste, die Helden der militärischen Gefechte. Sie sind das, was wir Priester und Priesterinnen, Orakel und Wahrsager*innen nennen. Alles, was in Sumerien vom Naturzustand übrig geblieben ist, ist zu dem geschrumpft, was wir Religion nennen.

Vielleicht empfinden einige der Frauen, die keine Samen mehr aussäen oder einige der Männer, die nicht mehr jagen oder das Vieh hüten, eine gewisse Nostalgie nach den alten Tagen. Aber es gibt keinen Hinweis auf eine »zurück zur Erde«-Bewegung unter den sumerischen Geistlichen. Die Schriftgelehrten, die die Tafeln meißeln, sind Angestellte des Lugals; Sie sind nicht angestellt, um die Nostalgie der Geistlichen aufzuzeichnen. Die einzigen Hinweise, die wir besitzen, sind die Gärten, die die Männer des Lugals anlegen und für die Bewohner*innen des Tempels füllen.

Diese Tempelgärten sind rätselhaft üppig für kleine Städte, die von nichtstädtischen Aussichten umgeben sind und die in Fußweite zu Wäldern und Bergen liegen – und die Sumerer sind so gute Wanderer. Kann es sein, dass, wie Turner vorschlägt, die Welt außerhalb der Städte bereits zur Wildnis wird?

Wir sollten das sorgfältig betrachten. Die Welt außerhalb von Ur ist nicht die Wildnis, wie sie unsere Welt kennzeichnen würde. Ihre Wildnis ist sicherlich nicht der Wald oder die Wüste, die Pflanzen oder die Tiere, da die naturliebenden Tempelbewohner*innen all das in die Stadt gebracht haben.

Könnte es sein, dass ihre Wildnis die Wildnis ist, die vom Lugal und seinen Männern erschaffen wird: die Schlachtfelder, die alle sumerischen Städte umgeben, die Szenen der Überfälle und Gegen-Überfälle, die Szenen der Folter, der Massaker und Gefangennahme? Eine Priesterin, die an einem Waldteich mit dem Mond kommunizieren will, musste dorthin mit einer bewaffneten Eskorte aufbrechen. Es war praktischer geworden, einen geschrumpften Teich und Wald in die Einfriedung von Ur zu bringen.

Während die ehemalige freie Gemeinschaft zu einem Tempel geschrumpft war, so ist ein Auswuchs dieser Gemeinschaft zu extremer Größe angewachsen, da der Tempel nun von einer geschäftigen Stadt umgeben ist, die in jeder Hinsicht außer in ihrer Religion beinahe modern ist – vielleicht nicht absolut modern, aber zumindest gut verständlich für uns.

Es gibt Reiche und es gibt Arme, da die Familien von Ensis keine Sippschaft mit den Fremden eingehen und auch sonst nichts mit ihnen teilen. Es gibt einen Markt, da die gut Situierten ihr Essen nicht länger selbst sammeln, anbauen oder jagen. Es gibt Arbeitsprojekt-Manager und ihre Arbeitskolonnen. Es gibt Generäle und ihre Soldaten. Es gibt Archivare und selbst eine Schule für Schriftgelehrte. Und alles läuft wie ein Räderwerk.

Schauen wir genauer hin. Wenn die Menschen im Tempel golden sind, dann sind diejenigen draußen weniger edlen Metalls.

Die semitisch-sprachigen Mitglieder der Arbeitskolonnen, verheiratet und mit einem oder mehreren Kindern, noch nicht besonders sumeranisiert, erinnern sich besserer Tage. Es mag nicht vollkommen verrückt sein zu behaupten, dass diese ersten Zeks ihre Ensis kaum mehr lieben, als spätere Zeks die ihren lieben werden. Einige der Siege, die auf den Tafeln gefeiert werden, sind Siege gegen die Fremden, die sich bereits in Sumerien befinden; oder anders ausgedrückt: Es sind Siege über rebellierende Zeks.

Die Fremden werden misshandelt, überstrapaziert und verachtet. Sie sind weder frei noch unversehrt. Sie sind die Enteigneten. Einige ihrer Kinder mögen einer besseren Zukunft entgegenblicken, besonders diejenigen, die in den Krieg ziehen und andere Fremde tapfer genug abschlachten. Die Sumerer sind bislang nicht zu einer höheren Ebene des erblichen Elends fortgeschritten. Aber selbst so ist die Vielzahl sumerischer Zeks in keinem Sinne golden.

Rousseau und vor ihm de La Boétie werden sich über Situationen wie diese wundern. In jeder Arbeiterkolonne gibt es viele Zeks und nur einen Ensi. Was hält die Zeks davon ab, sich gegen den Ensi zusammenzutun? Warum reproduzieren die Menschen ein miserables alltägliches Leben?

Lasst uns die Ensis betrachten. Sie sind materiell wohlhabend. Aber sie werden von Ängsten heimgesucht und wenigstens ein Ensi ist paranoid. Er hat Angst von den Zeks in seiner Kolonne ermordet zu werden. Er hat bereits mehrere Verschwörer*innen hingerichtet. Er hat Angst, dass die Nachricht seiner Inkompetenz den Lugal erreichen könnte. Und – die Götter bewahren! – er hat den Verdacht, dass jemand im Tempel einen Groll gegen ihn hegt.

Aber da gibt es noch etwas über den Ensi. Seine Zeks sind nicht frei oder unversehrt. Aber ebensowenig ist er es. Außer wenn sie sich gegen einen Ensi erheben oder verbünden, sind die Zeks nicht von ihrer eigenen Natur oder ihrem eigenen Wesen, ihren eigenen Entscheidungen oder Wünschen bestimmt. Die Aufgaben, mit denen sie ihre Tage verbringen, sind nicht ihre eigenen. Aber diese Aufgaben sind auch nicht die des Ensis.

Der Ensi weiß von einer Arbeiterkolonne, deren Aufseher von Zek-Verschwörern ermordet wurde. Der ermordete Mann wurde durch einen Mann mit einem anderen Aussehen und gänzlich anderen Interessen ersetzt. Doch als er einmal Aufseher war, tat der neue Mann die genau gleichen Dinge wie der ermordete Aufseher und auf beinahe dieselbe Art und Weise.

Seltsame Gedanken schießen dem Ensi durch den Kopf. Könnte es sein, fragt er sich, dass der einzige Mann in Ur, der frei ist, der Lugal ist? Nun fragt er sich, ob selbst das wahr ist. Er hat von einer Stadt gehört, deren Lugal zusammen mit den meisten seiner Ensis in einem Aufstand der Zeks getötet wurde. Als der Ensi die Geschichte zum ersten Mal hörte, war er nicht überrascht, dass es einen Aufruhr gab, dass viele der Aktivitäten, die dem Willen des Lugals entsprangen, zum Stillstand kamen. Aber nun erinnert er sich, dass nur sehr wenige Aktivitäten vollständig zum Erliegen kamen, selbst während der Zwischenregierung zwischen den beiden Lugals. Er erinnert sich sogar, dass kein Rat der Ältesten den toten Lugal ersetzte; die Ältesten blieben im Tempel und verschlossen seine Tore. Viele der Aktivitäten der Stadt, wichtige noch dazu, gingen weiter wie bisher, wie das Räderwerk der Nachkommen des Ensis.

Noch seltsamere Gedanken spuken dem Ensi durch den Kopf. Für ihn scheint es, dass die Stadt einen eigenen Willen besitzt. Aber er weiß, dass dem nicht so ist. Der einzige in der Stadt mit einem Willen ist der Lugal. Die Ensis führen nur den Willen des Lugals aus. Und wenn die Zeks überhaupt einen Willen besitzen, dann den Willen auszubrechen. Der Ensi schlussfolgert, dass es zwecklos ist, darüber nachzugrübeln. Denken ist die Aufgabe der Priester*innen und Orakel.

Einer der entfernten Nachfahren des Ensis in einem viel späteren Ur, ein Schriftgelehrter namens Thomas Hobbes, wird wissen, dass der Ensi versucht die Zivilisation mit Vorstellungen zu verstehen, die aus dem Naturzustand stammen. Dieser Hobbes wird wissen, dass Ur sich nicht länger im Naturzustand befindet, es nicht länger eine Gemeinschaft selbstbestimmter Menschen ist.

***

Hobbes wird wissen, dass Ur nicht bloß eine Stadt ist. Ur ist ein Staat, vielleicht sogar der erste Staat. Und ein Staat, wird Hobbes sagen, ist ein »künstliches Tier«. Er ist etwas Brandneues, etwas, von dem weder der Mensch noch die Natur geträumt haben. Er ist »dieser große Leviathan, der Gemeinwohl oder Staat genannt wird, auf Latein Civitas, der schließlich ein künstlicher Mensch ist.«

Wie der denkende Ensi wird Hobbes wissen, dass dieser künstliche Mann kein eigenes Leben besitzt und er wird fragen, »Können wir nicht sagen, dass alle Automaten (Maschinen, die sich selbst durch Federn und Räder bewegen, wie das eine Uhr tut) ein künstliches Leben besitzen?«

Der Ensi kann sich noch keine Uhr vorstellen. Der fortgeschrittenere Hobbes wird nicht länger in der Lage dazu sein, sich die Natur oder Menschen vorzustellen. Er wird fragen, »Was ist das Herz anderes als eine Feder; und die Nerven anderes als so viele Seile, und die Gelenke anderes als so viele Räder …?« In einer Welt der Uhren wird der Leviathan Hobbes nicht so seltsam erscheinen, wie er dem Ensi erscheint.

Hobbes wird den Leviathan als einen künstlichen englischen Gentleman beschreiben: maskulin, blond, mit einer Krone auf seinem Kopf, einem Zepter in der einen Hand und einem Schwert in der anderen, während sein Körper aus Myriaden gesichtsloser Menschen zusammengesetzt ist, den Zeks.

Hobbes wird darauf bestehen, dass der Leviathan den Kopf eines Mannes hat. Er mag mit dem noch späteren Dichter Yeats darin übereinstimmen, dass das Ungeheuer »den Körper eines Löwen und den Kopf eines Mannes« hat. Aber er wird auf den Kopf des Mannes bestehen. Er wird wissen, dass die Zeks kopflos sind, dass sie die Federn und Seile sind, die den Körper betätigen. Er wird denken, dass das Monster einen freien und unversehrten Mann enthält, den Lugal. Hobbes wird in der Lage dazu sein, den Lugal einen König, Monarch, Herrscher oder bei einem anderen Namen zu nennen, weil seine Sprache durch die dazwischenkommende Ausbreitung von Leviathanen bereichert worden sein wird.

Der philosophische Ensi weiß bereits besser als Hobbes, dass das Ungeheuer weder den Körper noch den Kopf eines Mannes hat, weder englisch noch sumerisch. Der Ensi weiß, dass selbst der Lugal, der freieste Mann in Ur nicht morgens jagen, nachmittags fischen und abends tanzen gehen kann, wie ihn sein eigener Geist bewegt. Er kannte einen Lugal, der nur zweimal zum Jagen gegangen war und beim zweiten Mal, als der Lugal im Wald war, durch seinen Lieblings-Ensi als Lugal ersetzt wurde, und der ehemalige Lugal musste in einer benachbarten Stadt um Asyl bitten. Der Ensi weiß, dass ein Lugal, der sich selbst von seinem eigenen Geist bestimmen ließe, schnell von Ensis oder sogar Zeks gestürzt werden würde und dass selbst der Tempel in Aufruhr wäre.

Der Ensi, weniger fortgeschritten als Hobbes, ist jedoch vertrauter mit lebendigen Wesen als mit Federn und Uhren. Er kann sich den Leviathan weder mit einem menschlichen Kopf noch mit dem Körper eines Löwen vorstellen. Er mag Hobbes erste Beschreibung nutzen und sich das Ungeheuer als ein künstliches Ungeheuer vorstellen, aber nicht als ein Tier, das so anmutig und gelenkig ist wie ein Löwe.

Er mag es sich als einen Wurm vorstellen, einen gigantischen Wurm, keinen lebendigen Wurm, sondern einen Kadaver eines Wurmes, einen monströsen Kadaver, dessen Körper aus zahlreichen Segmenten besteht, dessen Haut mit Speeren und Rädern und anderen technologischen Gerätschaften übersät ist. Er weiß aus seiner eigenen Erfahrung, dass der gesamte Kadaver durch die Bewegungen der in ihm gefangenen Menschen zum Leben erweckt wird, den Zeks, die die Federn und Räder bedienen, ebenso wie er weiß, dass der kadaverhafte Kopf bloß von einem Zek bedient wird, dem Kopf Zek.

Unter den Spekulationen, die dieser Hobbes seinem Ur als Opfer darbietet, wird die Behauptung sein, dass die Zeks sich tatsächlich selbst zur Gefangenschaft innerhalb des Kadavers verpflichtet hätten, oder wie er es ausdrücken wird, dass der Kopf eine Vereinbarung mit dem Körper getroffen hätte, wenn nicht im Hobbes’schen Ur, so zumindest im ursprünglichen Ur.

Der philosophischen Ensi, der sich inzwischen im Tempel zur Ruhe gesetzt hat, weiß das bereits besser. Er weiß, dass die Zeks Fremde sind, die mit Gewalt nach Ur gebracht wurden, bevor sie überhaupt die Sprache des Lugals verstanden; die Zeks willigten damals in keinen Vertrag ein und sie haben es auch seitdem nicht getan.

Der Ensi erinnert sich sogar, dass die besiegten Lagaschianer, die sich selbst dazu verpflichteten, die Kanäle Urs zu reparieren, diese Vereinbarung nur unter vorgehaltenen Speeren trafen.

Zudem hat kein Lugal jemals Hobbes‘ Behauptung vorgebracht; er wäre lachend abgesetzt worden. Der Lugal weiß, dass ihn selbst die Ältesten nicht ernennen, da die Ältesten keinerlei Ernennungen mehr machen; sie kümmern sich um die Schreine. Der Lugal behauptet, dass seine Macht von dem brutalen Geist stammt, der im Tempelturm oder dem künstlichen Berg wohnt. Diese ausladende, menschgemachte Phallusform ist der wahre Kopf des Leviathan und er schließt keine Verträge.

***

Ein FAQ zu antizivilisatorischen Kritiken

In letzter Zeit erreichten uns auf diversen Wegen zahlreiche Fragen zu antizivilisatorischer Kritik. Fragen, die uns natürlich schon lange bekannt sind, sind es doch häufig nur als Fragen getarnte Diffamierungsversuche. Und doch hat sich in einem Anflug von Belustigung eine Person die Zeit genommen, einige dieser Fragen aus ihrer Sicht mal mehr und mal weniger respektvoll zu beantworten. Also sperrt eure Lauscher auf, ihr heuchlerischen Fragensteller_innen, so ausführlich wird wohl keine_r von uns je wieder auf eine der folgenden Fragen antworten.

1. Frage: Ist es nicht eigentlich ableistisch, gegen die Zivilisation zu sein?

Nein.

Aber bedeutet die Zerstörung der Zivilisation und die Zerstörung der Technologie nicht, dass überlebensnotwendige Medikamente nicht mehr produziert werden können und Menschen, die auf sie angewiesen sind, folglich sterben müssen?

Möglicherweise mag das im Endeffekt so sein, ja. Allerdings sind die Medikamente, die die heutige wissenschaftliche Medizin hervorgebracht hat, ebenso wie diese Medizin selbst keineswegs alternativlos. Unterschiedliche Gemeinschaften haben schon immer auch ohne eine solche Medizin gewährleistet, dass ihre auf Unterstützung angewiesenen Mitglieder gepflegt, versorgt und geheilt werden. Ich empfinde es als müßig, hier nun für jede erdenkliche Erkrankung zu untersuchen, inwiefern das realistisch scheint, sehe mich dazu auch gar nicht in der Lage. Zudem liegt eine solche Untersuchung nicht in meinem Interesse, da ich selbst und mein Umfeld eben nur von bestimmten Erkrankungen betroffen bin/sind und daher auch nur diese in einem solchen Sinne für mich von Relevanz sind. Ich überlasse weitere Untersuchungen gerne denjenigen, die sich damit befassen wollen. Ich kann und will aber auch gar nicht ausschließen, dass eine Zerstörung der Zivilisation, so wie ich sie vertrete, für einige Menschen bedeuten kann, dass sie nicht mehr an überlebensnotwendige Medikamente kommen und in der Folge dessen versterben. Das bedauere ich.

Allerdings bin ich nicht der Auffassung, dass diese Möglichkeit umgekehrt zu einer Erhaltung der Zivilisation und ihrer Institutionen führen sollte. Sicherlich begrüße ich es, im Prozess der Zerstörung der Zivilisation möglichst viel Rücksicht darauf zu nehmen, was welche Konsequenzen für wen hat und nach Möglichkeit auch alles mögliche zu tun, um diese Konsequenzen möglichst milde zu gestalten, aber die bloße Existenz dieser Konsequenzen ändert für mich nichts an der Tatsache, dass ich die Zivilisation als etwas begreife, das beseitigt werden muss. Man mag mir hier vorwerfen, dass ich mich hierbei nicht übertrieben bemühe, Lösungen zu entwickeln, das Überleben eines jeden einzelnen Menschen zu gewährleisten, damit kann ich aber ganz gut leben. Ist das Ableismus? Ich finde nicht, aber in einer postmodernen Debatte, in der Begriffe wie dieser ohnehin auf eine völlig sinnentleerte Art und Weise gebraucht werden, mag die*der ein oder andere das dennoch behaupten. Aber wenn man diesen Vorwurf nun gegen mich und andere Kritiker*innen der Zivilisation erhebt, die möglicherweise ähnlich argumentieren, so finde ich, dass man diesen Vorwurf dann aber eben auch gegen diejenigen, die die Zivilisation verteidigen, erheben muss. Wobei man hier nicht nur den Vorwurf des Ableismus, sondern auch gleich noch den des Klassismus, des Rassismus und Sexismus erheben müsste. Denn die Medizin als lebenserhaltend zu betrachten ist eine Seite der Medaille, die andere Seite beinhaltet die Degradierung von Menschen zu Versuchsobjekten, an denen die Heilmethoden, die später den Reichen (im globalen Kontext ebenso wie im nationalen) zugute kommen, entwickelt werden. Das trifft nicht nur erkrankte Menschen, sondern dank strukturell kolonialer medizinischer Feldversuche, der Anwerbung von armen Menschen für medizinische Studien, die die Unversehrtheit ihres Körpers gegen ein geringes Entgelt verkaufen müssen (nicht selten auch untentgeltlich anbieten müssen, z.B. in Gefängnissen, Psychiatrien, usw.), sowie verschiedener sexistischer Projektionen auf soziale Mechanismen sowie die Körper der Versuchsopfer eben auch rassifizierte, vergeschlechtlichte und verarmte Menschen. Wer die Medizin also als überlebensnotwendig für die einen verteidigt, nimmt diese körperliche Ausbeutung (nicht selten bis hin zum Tod) anderer Menschen (und Tieren sowieso) dabei immer billigend in Kauf.

Antizivilisatorischen Kritiken in diesem Kontext Ableismus vorzuwerfen, kann ich daher bestenfalls als zynisch verstehen, in der Regel gehe ich aber davon aus, dass dies nur ein vorgeschobenes Argument ist, das alleine der Delegitimierung dieser Positionen dienen soll.

Abgesehen von diesem Aspekt ist natürlich die Zivilisation selbst dafür verantwortlich, dass wir heute so viele „disablete“ Menschen kennen. Gerade mentale Dis_abilities sind jenseits der Zivilisation in der Regel kaum als solche zu verstehen und selbst wenn doch bietet eine nicht-zivilisierte Welt kaum Barrieren für diese Menschen. Mit körperlichen Behinderungen verhält sich das ähnlich: Querschnittsgelähmte Verkehrsopfer, Kriegsversehrte, „Contergan-Kinder“, radioaktivitätsinduzierte Mutationen, Arbeitsunfälle, Asthma und Allergien, Impfschäden, medizinische Verstümmelungen, pardon, „Kunstfehler“ usw., für zahllose körperliche Behinderungen zeichnet die Zivilisation verantwortlich. All das nützt den bereits Versehrten freilich auch nichts mehr. In diesem Sinne ist die Verteidigung der Zivilisation natürlich im wahrsten Sinne des Wortes anti-ableistisch, weil sie eben die Produktion von Disabilities implizit befürwortet. Dem allerdings einen positiven Wert abzugewinnen fällt allen, die sich nicht bereits auf den verschlungensten postmodernen Irrwegen verirrt haben, freilich schwer.

Aber es ist doch zumindest sozialdarwinistisch, wenn ohne Zivilisation nur der Stärkere überlebt …

Wie kommst du denn darauf, dass dem so wäre? Auch ohne Zivilisation könnten Menschen in Gemeinschaften leben, in denen sie aufeinander acht geben, einander unterstützen und gegenseitig voneinander profitieren. Wenn du davon ausgehst, dass ohne Zivilisation, das heißt vor allem ohne eine herrschende Ordnung welcher Ausprägung auch immer, die Menschen einander bekriegen würden, bis nur die Stärksten überleben, dann sagt das etwas über dein Menschenbild aus, aber nichts darüber, wie das tatsächlich verlaufen würde.

Das zum einen, aber wo du mich schon fragst, wie würdest du es nennen, wenn in einer Welt die Mehrheit der Menschen (die Schwächeren) gezwungen ist, ihre Arbeitskraft, ihre Körper zu „verkaufen“, um überleben zu können, während eine Klasse an Stärkeren davon profitiert? Wie würdest du es nennen, wenn an einem Ende der Welt Menschen an Anstrengung, Hunger oder Umweltgiften elendig verrecken, während diejenigen, die von ihrem Tod profitieren, am anderen Ende der Welt förmlich in ihrem Luxus zu ersticken drohen? Ich würde das ja „Survival of the Fittest“ in eben jenem Sinne nennen, in dem man von Sozialdarwinismus sprechen mag.

***

Übrigens ist gerade erst die Übersetzung einer Broschüre gegen die Zivilisation erschienen, namens Eine ikonoklastische Ungeheuerlichkeit, in der einige Menschen mit Behinderung und ohne Scheu, diese Identität auch auszuspielen, selbst das Wort ergreifen.

2. Ist es nicht transfeindlich gegen die Zivilisation zu sein?

Nein.

Aber wie sollen trans Personen dann an ihre Hormone kommen?

Nun, die Vorstellung, dass alle trans Personen Hormone nehmen würden, ist schlichtweg falsch, aber ich will das mal nicht als „Transfeindlichkeit“ auslegen.

Ansonsten weiß ich nicht, wie diejenigen trans Personen, die Hormone nehmen, an diese kommen sollen, es interessiert mich auch nicht die Bohne. Personen, die das möchten, können sich ja mit der nicht-zivilisatorischen Herstellung von Hormonen beschäftigen und eine Lösung dafür finden (für die zivilisatorische Herstellung von Hormonen gilt übrigens das, was ich bereits bei Frage 1 geantwortet habe). Vielleicht gibt es ja in den Fabriken der Pharmariesen auch genug Hormonvorräte, um jeglichen Bedarf auf hunderte Jahre zu decken. Hormonbehandlungen sind Teil einer technologischen Herangehensweise an die in den Körpern von trans Personen offenbar werdenden Problematiken einer Vergeschlechtlichung. Zumindest ich vertrete eine Beseitigung des Apparats der Vergeschlechtlichung zusammen mit der Zivilisation. Dass es ohne eine Vergeschlechtlichung, ja ohne überhaupt irgendwelche Subjektkonstruktionen überhaupt noch ein sinnvolles Verständnis des trans-Seins gibt, wage ich zu bezweifeln, aber das bleibt freilich denjenigen zu entscheiden, die sich dann als trans- oder nicht-trans Personen verstehen möchten. In diesem Sinne denke ich, muss ich meine eingangs getätigte Aussage vielleicht wieder revidieren. Transfeindlich würde ich mein Denken zwar nicht nennen, aber ich kann es auch nicht gerade als transfreundlich oder überhaupt transbegünstigend bezeichnen, weil es anstrebt, die in trans Identitäten eingefangenen Subversivitäten des binären Geschlechtersystems auf jegliche Form von Geschlecht auszuweiten. Manch eine*r mag das transfeindlich nennen. Das ist aber ebenso produktiv, wie trans Leute homofeindlich zu nennen, weil sie ja die Geschlechterbinarität unterlaufen und damit das Konzept von Homosexualität untergraben würden.

3. Frage: Willst du zurück ins Mittelalter?

Nein.

Müsste ich mich auf eine Epoche der leviathanischen Geschichtsschreibung festlegen, dann wäre das mit Sicherheit nicht das Mittelalter, sondern die Steinzeit.

Aber schau, ich möchte mich auf überhaupt keine Epoche festlegen, du bist offensichtlich die_derjenige, der_dem es nicht möglich zu sein scheint, dir eine Welt außerhalb des von einer mehr oder weniger abstrusen Geschichtsschreibung bestimmten Zeitstrahls vorzustellen. Das bedeutet letztlich, dass du diese Welt so wie sie ist, bereits so sehr verinnerlicht hast, dass ein anderer Verlauf dir gar nicht mehr vorstellbar zu sein scheint, so wie das schon bei den Herren Marx und dem Gesocks, das sich auf ihn berief, aber auch bei den anderen Befürworter*innen dieser techno-industriellen Zivilisation war. Aus deiner Perspektive lässt sich die Frage nach einer Welt ohne Zivilisation also gar nicht stellen. Das ist bedauerlich, aber du wirst sicher verstehen, dass es nicht in meinem Interesse liegt, dir etwas zu erklären, was du nicht verstehen willst. Als Annäherung bleibe ich daher bei der Epoche der Steinzeit. Wäre also nett, wenn du so freundlich wärst, das Mittelalter in Zukunft rauszuhalten.

Aber warum die Steinzeit? Nun du weißt ja, wie das ist, heute fischen, morgen jagen und niemals arbeiten. Außerdem mag ich Nacktheit, Fellbekleidung und Speere.

4. Frage: Willst du, dass Millionen oder Milliarden von Menschen verhungern und von Seuchen dahingerafft werden?

Nein.

Aber ohne die hygienischen Umgebungen der Zivilisation werden doch überall Seuchen wüten.

Nein.

Die Mobilität und die einander angeglichenen Lebensbedigungen der Zivilisation machen die schnelle und globale Ausbreitung von Krankheitserregern überhaupt erst möglich. Hygienische Umgebungen der Zivilisation sind insofern auch nur in einem zivilisatorischen Kontext ein geeigneter und notwendiger Schutz vor Infektionskrankheiten.

Und ohne die landwirtschaftliche Nahrungsproduktion werden möglicherweise alle Menschen verhungern.

Das ist tatsächlich eine sehr komplizierte Frage, die ich jedoch gerne von einer anderen Seite her beleuchten würde, nämlich von der Gegenthese ausgehend: Durch die landwirtschaftliche Nahrungsproduktion werden möglicherweise alle Menschen verhungern. Das ist selbst unter prozivilisatorischen Wissenschaftler*innen, Agrarverbänden, Staaten und neuerdings sogar saatgutpatentierenden Unternehmen Konsens. Gründe dafür gibt es viele, vor allem spielen aber eine schwindende Biodiversität und bedrohte Nahrungsketten, sowie schwindendes Ackerland durch den industriellen Ackerbau eine herausragende Rolle. Auch wenn die Industrialisierung der Landwirtschaft diese Probleme erheblich vergrößert hat, gilt auch für die vorindustrielle Landwirtschaft, dass durch sie viel mehr Energie in die Produktion von Nahrungsmitteln investiert werden muss, als etwa beim Sammeln und Jagen wild wachsender und lebender oder durch nicht-landwirtschaftliche Aussaat angepflanzte Nüsse, Wurzeln und Früchte, sowie in Herden gehütetes Vieh. Auch wenn ich denke, dass man jede landwirtschaftliche Bestrebung zumindest als potenziell zivilisatorisch und herrschaftsbegründend betrachten muss, so denke ich nicht, dass in einer postzivilisierten Welt landwirtschaftsähnliche Aussaat keine Rolle mehr spielen würde, denn klar ist, dass die Biosphäre, die von einem durch die Zivilisation ausgebeuteten Planeten derzeit erhalten bleiben würde, kaum in der Lage ist, alle Menschen oder auch nur einen großen Teil zu ernähren. Ich will ja ohnehin niemandem sagen, wie sie*er sich zu ernähren hat, sondern habe höchstens Vorstellungen davon, inwiefern ich landwirtschaftliche Unterfangen sabotieren will, weil sie die Biosphäre auf eine Art und Weise zerstören, die auch mein Leben beeinträchtigt oder weil sie an die Beanspruchung des Landes (Eigentum) geknüpft ist, ebenso wie ich Vorstellungen habe, wie ich mich gerne ernähren würde und das beinhaltet keine Landwirtschaft.

Ich denke jede_r für sich und seine Community muss und wird einen Weg finden, sich zu ernähren, auch wenn ich der Natur der Sache wegen natürlich weder irgendwem garantieren kann, noch will, dass er*sie nicht von einer Hungersnot betroffen sein wird. Aber wieder einmal gilt auch hier: Wer hier meine Kritik mit einem solch hohen Maßstab misst, die*der sollte freilich auch die Zivilisation an dem selben Maßstabe messen: Irgendwelche Zyniker haben ausgerechnet, wie viele Kinder pro Minute verhungern, irgendwelche Zyniker haben gezählt, wie viele Menschen an chronischer Unterernährung leiden. Das ist die momentane Realität und die Aussichten für die Zukunft, das sagen eben selbst die Zivilisator*innen, werden düsterer, sowie die Grundlagen für die Landwirtschaft aber auch eine natürliche Regeneration der Biosphäre immer mehr schwinden. Und wer mir nun kommt, dass der weltweite Hunger nur an einer Verteilungsungerechtigkeit liege, mag schon recht haben, aber diese Verteilungsungerechtigkeit lässt sich innerhalb einer Zivilisation eben niemals beseitigen, weil jede Zivilisation eine soziale Schichtung und damit auch ein Verteilungsungleichgewicht hervorbringt.

Letzte Frage: Indem du ständig auf die Zivilisation verweist, anstatt dich für Probleme des antizivilisatorischen Denkens zu rechtfertigen, machst du es dir da nicht ein wenig einfach?

Keinesfalls. (Mein) antizivilisatorisches Denken entwickelt sich eben aus genau der Erkenntnis, dass die Zivilisation verantwortlich für Herrschaft und alle möglichen aus ihr resultierende Beziehungen ist. Daher will mein Antizivilisationismus diese eben als eine Ursache beseitigen. All die Fragen, die mir hier gestellt wurden, resultieren jedoch aus einer Moralerei, die eine Beseitigung der Zivilisation durch Abgleich mit einer herrschenden Moral kritisiert, nicht jedoch die Zivilisation selbst mit der selben Moralerei bemisst. Während kritisiert wird, dass Menschen ohne Zivilisation aus diesem oder jenem Grund sterben könnten oder würden, werden die Toten der Zivilisation als gegeben, sozusagen als unvermeidbar ignoriert. Nur so kann diese Moralerei funktionieren und so soll sie freilich auch funktionieren, denn sie dient dazu, die Zivilisation zu rechtfertigen. Wenn ich es mir einfach machen würde, dann würde ich also vielmehr soetwas entgegnen wie „bleib mir mit deiner bürgerlichen/humanistischen/sozialistischen Moral gestohlen“. Stattdessen mache ich mir hier sogar die Mühe, die mir entgegengehaltene Moral in Widersprüche zu verstricken. Und das obwohl ich nichts für diese Moral übrig habe. Du siehst, ich bin hier mehr auf deine Argumente eingegangen, als du auf meine.