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LASST. MICH. STERBEN. – Pandas, Technologie und das Ende der Welt. [Auszüge]

Unsterblichkeit zerstören

1. Die primäre Verteidigung der Zivilisation in dieser Epoche (insbesondere in der westlichen Welt) ist das Argument, dass Zivilisation das ‚Leben‘ verlängert, oder wenigstens die Lebenserwartung.

2. Die Wissenschaft erzählt, dass mensch erwarten könne länger zu leben, gesünder und produktiver als jede Generation vor uns.

3. Vermeintlich bessere medizinische Versorgung, die Fähigkeit viele Viren und Infektionen zu heilen oder einzudämmen, die Sterilisation von Umweltgefahren und die Verminderung der allgemeinen Risiken bei der eigenen Fortpflanzung tragen alle zu der Perspektive bei, dass diese Welt und ihre Organisation das Leben fördert.

4. Technologie hofiert unsere Todesangst mit dem Versprechen von Computern, die in der Lage dazu sind, unsere Psychen herunterzuladen, von der Möglichkeit uns in einer gigantischen Datenwolke zu speichern, ewig zu ‚leben‘.

5. Gleichzeitig sammeln Algorithmen von Werbetreibenden und Staaten bereits gewaltige Schwaden an individualisierten Daten – Musikgeschmack, Essgewohnheiten, innere Zweifel und Sorgen, Beziehungs’status‘, Freundeskreis etc. – und speichern diese in Datenbanken und Geräten, die deutlich langsamer verrotten werden als jeder menschliche Körper.

6. Der Prozess der Androidifizierung, der mit der Einführung ’smarter‘ Telefone in den Alltag begann; und nun mit ’smarten‘ Apps, Homes, Cities fortgeführt wird, verändert für immer die Natur nicht nur des menschlichen ‚Lebens‘, sondern auch den menschlichen Körper, wie wir ihn kennen. Mensch kann heute einen Gedanken in weniger als der Zeit, die benötigt wird, um ihn zu denken, um die ganze Welt schicken und dafür sorgen, dass dieser Gedanken ‚ewig‘ im Netzwerk aufgehoben wird. Die nächsten Schritte werden wahrscheinlich die Implantation solcher Technologien nicht nur auf, sondern auch in den menschlichen Körper sein [1].

7. Mensch muss nur in die Richtung sehen, die die Nanotechnologie und andere ‚hochmoderne‘ Wissenschaft eingeschlagen hat, um diesen Trend zu sehen – das Chaos der letzten Epoche aufräumen (kohlenstoffessende Technologien [2], ‚Recycling‘ bis zum Erbrechen), die Gefahr eindämmen, die in der Dunkelheit lauert (Sterblichkeit/Aussterben), und das Leben wieder einmal bis zu irgendeiner imaginären goldenen Ewigkeit verlängern.

8. Der Himmel ist nicht länger ein mythischer Ort neben Gott, in Kultur und Tradition verankert, sondern ein paar sehr konkrete wenige Quadratmillimeter Mikrochip und eine WLAN-Verbindung.

9. Selbst die endliche Existenz des Habitats (das Ende der Erde als gastlicher Planet aufgrund von Umweltzerstörung, ‚Natur’katastrophen etc.) wird mit dem Versprechen einer für das Weltall bereiten Menschheit abgemildert, die die Galaxie kolonisieren und dem Tod ein weiteres Mal entkommen wird.

10. Jenseits der Aufrechterhaltung lediglich des menschlichen Lebens betrachtet es diese Epoche als ihre Pflicht keimfrei alles zu bewahren, was die menschliche Zivilisation zerstört hat. Schau auf die Zoos, die ‚Umweltschutzprojekte‘, das Aufzwingen des Verlangens der Menschheit ewig zu leben auf andere Spezies, die bis heute ohne unsere Einmischung glücklich aufgehört hätten zu existieren (beispielsweise Pandas, die sich überwiegend der reproduktiven Futurorität [futurority] [*] verweigern [insbesondere in Zoos] und für die ‚Pandaporno [3]‘, Phäromonbehandlungen und künstliche Befruchtung erfunden wurden, um die Aufrechterhaltung der Spezies in Gefangenschaft zu erzwingen).

11. Alles muss leben. Alles muss ewig leben (egal um welchen Preis und um welche Konsequenzen). Tod ist etwas, dem wir entfliehen können. Qualität ist unwichtig, Fortdauer ist der Schlüssel.

12. Bei alledem scheint niemand die einfachste aller Fragen zu stellen. Warum? Warum sollte ein Leben länger dauern? Warum sollte ein Leben ewig dauern? Warum haben wir es nötig unendlich lange zu existieren?

13. Und indem diese Frage nicht gestellt wird, marschiert die Menschheit in einen viel wahreren, viel realeren Tod als das körperliche Ende eines einzelnen Wesens. Sterblichkeit ist, was die Möglichkeit zu leben, wirklich zu leben, erschafft – leben ohne Käfig oder Petrischale, gefährlich leben, leben mit dem Risiko zu sterben. Ohne Tod kann es kein Leben geben.

14. Die Aufrechterhaltung des ‚Lebens‘ auf Kosten des Lebens, sicher und beschützt vor den Gefahren von außerhalb, bildet straffere und straffere Beschränkungen gegenüber dem, was es bedeuten kann zu leben, die gesamte Zivilisation wird eine ‚lebenserhaltende Maschine‘ und im Austausch akzeptieren wir vollkommen komatös zu existieren.

15. Der Mythos des Himmels verlangte, dass mensch die Übel der Welt für das Versprechen eines glorreichen Jenseitses akzeptierte, der Mythos der Technologie vollstreckt die Übel der Welt im Austausch dafür, dass mensch innerhalb dieser für immer existieren kann.

16. Gefängnismauern, Irrenhäuser, Schulen, Büros, Wohnhäuser bedeuteten, dass menschliches Leben gezügelt werden konnte, bewahrt, beschützt (aber nie frei war eine Form zu finden) innerhalb einiger weniger Quadratmeter, Computertechnologie reduziert die Größe des Käfigs tausendfach.

17. Die Frage, die sich freie Wesen in dieser Epoche stellen müssen, ist, ob die Kosten fürs ‚Leben‘ die immer klinischere Umgebung rechtfertigen, in der sie reproduziert werden. Mensch muss sich selbst fragen: Möchte ich überleben? Oder möchte ich LEBEN? Die beiden sind nicht mehr länger dasselbe.

18. Mit der sehr realen Möglichkeit konfrontiert, dass es einer*m nicht mehr erlaubt wird zu sterben – kommt mensch zu der Forderung danach als eine Form der Weigerung.

19. Der Lebenskult – der paradoxerweise ein Kult des lebendigen Todes ist, muss zerstört werden.

20. Lassen wir die Finsternis ein, lassen wir diese fragilen Körper welken und schwinden, lassen wir den Wüstenwind die zerbrochenen Trümmer der Zivilisation zerstreuen, sorgen wir dafür, dass das Universum die Spuren vergisst, die wir hinterlassen haben.

21. Zerbrechlichkeit, Zeitlichkeit, Sterblichkeit ist nichts, vor dem mensch sich fürchten müsste; sondern dass es zu feiern gilt – „flüchtig, bedeutungslos und kurz“ sind wahrscheinlicher Synonyme für Freiheit als es „ewig, technologisch und gezügelt“ jemals sein könnten.

Sicherheit als Illusion – Gefahr als Bruch

1. Mit der Erhaltung des Lebens als lebendiger Tod ist das zweite Versprechen der Mauern der Zivilisation verbunden, das Versprechen von Sicherheit.

2. Sicherheit ist immer eine Illusion, wie die unzähligen Attentate und die ständig sich ändernden Sicherheitsprotokolle am Flughafen offenbaren – ihre Auferlegungen jedoch sind sehr solide. Nimm die traditionelle Mauer rund um eine Stadt oder eine Siedlung (die den Schutz vor Bedrohungen von außen – vor dem Barbarischen – verspricht); die Mauer kann untergraben, erklommen, ja sogar zerstört werden, wenn mensch denn Zeit und Motivation dazu hat, sie zerfällt mit der Zeit und ohne beständige Wartung und kann einfach nur dadurch überwunden werden, dass die Person verführt wird, die sie bewacht. Trotzdem scheint für das Individuum innerhalb der Mauern die Masse an Steinen undurchdringlich und unüberwindbar und stellt eine sehr materielle Abschneidung von dem dar, was sich draußen befindet (zum Beispiel kann mensch nicht einmal sehen, was sich außerhalb der Mauern befindet).

3. So ist die Illusion von Sicherheit bloßgestellt, nicht als eine Form von Schutz, sondern als eine Form der Einhegung; nur diejenigen, die innerhalb der Mauern leben, können von der Undurchdringlichkeit von Sicherheit überzeugt sein – jede*r willens genug jenseits der Mauer zu existieren, kann den Papiertiger so sehen, wie er wirklich ist – eine Falle, um Flucht zu verhindern und ein Schutz vor Zutritt.

4. Heutzutage sind Mauern viel diffuser; produziert auf psychischer Ebene und in der Psyche in den Schulen und innerhalb von menschlichen Beziehungen werden die Mauern in den Köpfen der Individuen errichtet, die über so viele Generationen hinweg innerhalb derselben gelebt haben und die es nun nicht mehr brauchen, dass sie das Außen nicht sehen, um davor Angst zu haben.

5. Die Illusion von Sicherheit durchdringt jeden Aspekt unseres Alltags, was ‚Sicherheit‘ bedeutet wird nie konkret definiert; abgesehen von den Kolonnen an Fußsoldat*innen, die in den Straßen patrouillieren, und Videoüberwachung an jeder Straßenecke gibt es keine diskursive Definition, was es bedeuten könnte ’sicher‘ zu sein und keine konkrete Beschreibung dessen, was denn die Gefahr wirklich ist.

6. Sogar radikale Milieus haben diese Logik übernommen, durch Forderungen nach ’safe spaces‘, durch Policies, die Sicherheit definieren und durch die Vorstellungen, mensch könne Orte oder Gemeinschaften schaffen, die frei seien von den ‚Gefahren‘ der äußeren Welt.

7. Sicherheit setzt immer imaginäre Gefahren voraus – normalerweise die Gefahren von außen, vom ‚anderen‘ oder am allermeisten die der Sterblichkeit. Im Namen der Überlebenssicherung wird jede repressive Maßnahme normalisiert.

8. Beim Suizid behilflich zu sein oder ihn zu erlauben ist fast überall auf der Welt illegalisiert [4], die Käfige von psychiatrischen Kliniken und Gefängnissen sind voller Individuen, die eine ‚Gefahr‘ für ihr eigenes oder das Leben anderer darstellen.

9. Die Forderung nach Sicherheit geht immer Hand in Hand mit den Kräften der Herrschaft. Mag es auch in der Tradition des radikalen Feminismusses liegen, die ’sicherere Straßen‘ für Frauen vor maskierten und rassifizierten Angreifern forderten (was zu riesigen Polizeieinmärschen in arme und rassifizierte Communities führte), oder der Vorstoß von LGBT Organisationen zu einer Gesetzgebung bezüglich Hassverbrechen, die Individuen vor Belästigung und Übergriffen auf der Straße beschützen sollte (und die als Vorwand hergenommen wurde, um im Zweifel jede*n damit festnehmen zu können und die die Zahl derer, die ins Gefängnis gesperrt wurden oder eine sonstige Strafe erhielten, in die Höhe trieb, für so geringe Dinge wie ‚fuck‘ in der Öffentlichkeit gesagt zu haben). [5]

10. Ein passendes Beispiel für die anthropozentrische Obsession mit Sicherheit ist die ‚Hauskatze‘; ein Wesen, das die Gesamtheit seiner Existenz in den begrenzten Mauern einer Wohnung verbringt. Auf der Idee basierend, dass die Gefahren der äußeren Welt – sich zu verlaufen, zu verhungern, von einem Auto überfahren zu werden – so angsteinflößend sind (aus der Sicht der*s menschlichen Geiselnehmers*in), dass sie als Rechtfertigung für diese absolute Grausamkeit und Beschneidung von Freiheit dienen. Die Katze wird komplett ’sicher‘ gehalten, in einem sterilen Umfeld, das ihr nichts tun kann; und doch kann mensch ehrlich sagen, dass [für] ein Wesen, für das lange Nächte, rastlose Jagden, eine schulterzuckende Geringschätzung gegenüber der Menschheit normale Charakterzüge sind – dass die vier Wände eines menschengemachten Gefängnisses sie glücklich machen werden?

11. Die ‚Hauskatze‘ fungiert auch als passende Analogie für unser eigenes Leben – die Gebieter*innen der Herrschaft halten uns sicher gezügelt in den Städten, dem Arbeitsplatz, zuhause; und wir mögen ein bisschen zappeln, aufgeregt vom Versprechen der Turnhalle oder des Schwimmbades –, aber hinauszugehen, wahrhaft außerhalb ihrer Welt ist nicht nur verboten, sondern heute auch unmöglich. Wir begrüßen die zerquetschenden Reifen des Autos oder den Nachbarshund, der uns davonträgt – Gefahr bedeutet Freiheit.

12. Individuen oszillieren zwischen Geiselnehmer*in und Geisel, da sie die Logik von Sicherheit internalisieren und reproduzieren. Vom*n der Bull*in an der Straßenecke zum Elternteil, der seine Kinder vor den Gefahren durch die Pädophilen warnt, zur liberalen queeren Person, die gewaltsame oder konfrontative Aktionen für daneben hält und Passivität im Namen von ‚Inklusivität‘ durchsetzt.

13. Individuen dieser Epoche müssen dem Fakt ins Auge sehen, dass es nirgends ’sicher‘ ist, und dass jede*r, die*der verspricht für Sicherheit zu sorgen, in Wahrheit lediglich Gefangenschaft (re)produziert.

14. Wenn mensch sich im Netz der Sicherheitshüter*innen (der Polizei oder ihren Repräsentant*innen) verfängt, wird einer*m bald klar, dass die Illusion von Sicherheit nicht irgendeine absolute Sicherheit vor Schädigung [harm] ist, sondern ein imaginärer Parameter von Sicherheit, der durch die Apparatschicks und Algorithmen der Herrschaft definiert wird.

15. Wenn mensch in Konflikt mit den Sicherheitshüter*innen gerät, erkennt mensch schnell, dass ihre Version davon ‚dich zu beschützen‘ [keeping you safe] in Wirklichkeit bedeutet dich unter Kontrolle zu halten [keeping you under control], oder meistens dich vor einer imaginären Gefahr zu retten, damit sie dir ihren eigenen sehr realen Schaden zufügen können.

16. Zum Beispiel kann mensch dafür angehalten werden zu schnell mit dem Auto gefahren zu sein, über eine rote Ampel gefahren zu sein, versucht zu haben von einer Brücke zu springen, eine verlassene Lagerhalle erkundet zu haben oder sich in eine physische Auseinandersetzung begeben zu haben, in allen Beispielen wird das Verhalten zuerst als ‚gefährlich‘ definiert werden und das Narrativ folgt normalerweise dem „wir sind hier, um dich zu beschützen“. Sobald mensch sich natürlich in den Händen der Sicherheitshüter*innen befindet, kann mensch erwarten, geschlagen, gefoltert, in einen Käfig gesperrt zu werden, sexualisierten Übergriffen ausgesetzt zu sein, gedemütigt, gemobbt und verletzt zu werden, auf alle möglichen unbenennbaren Arten und Weisen.

17. „Dich zu beschützen“ [keeping you safe] ist gleichbedeutend mit der Aufrechterhaltung des Monopols auf Gefahr, Schädigung [harm] und Gewalt.

18. Es nützt der Herrschaft möglichst viele imaginäre Gefahren an der Hand zu haben für egal welchen Moment. Je mehr und desto gefährlicher die Gefahren, desto größer der Spielraum um sich Wege auszudenken, um ‚Sicherheit‘ zu gewährleisten.

19. Die immer wachsende Anzahl an Gefahren, die die zivilisierte Ordnung sehr gerne in ihre Logik integriert – sei es die Bedrohung durch Terrorismus, Umweltkatastrophen, Kleinkriminalität, Homophobie, vergeschlechtlichte Gewalt oder Rassismus [oder aus aktuellem Anlass durch einen Virus, Anm. d. Übers.] – rechtfertigt eine immer wachsende Anzahl an Bestrafungen, Eingrenzungen und Käfigen.

20. In vielen ‚liberalen Demokratien‘ sehen wir, wie die Antwort auf die allgemeine Erkenntnis über strukturelle Unterdrückung darin bestand, jedes Individuum zu kriminalisieren, das beschuldigt wird Täter*in zu sein (wobei dabei die Realität ignoriert wird, dass der Staat immer der größte Übeltäter ist). Von der Gesetzgebung zu Hassverbrechen, um ‚unterdrückte Minderheiten‘ zu beschützen, zu Versuchen, Netzwerke wie Tor zu verbieten (weil das da ist, wo Terrorist*innen leben), sehen wir wieder und immer wieder, dass das Versprechen, uns vor Gefahr zu bewahren verzerrt wird zu einer sehr realen Anwendung von Schaden und Leid [harm].

21. Die Illusion von Sicherheit basiert auf einem sehr fluiden Verständnis davon, von was oder wem Gefahr ausgeht. In der Logik der Herrschaft wird uns täglich eingeredet, dass eine schwer bewaffnete Gang, die das Recht hat zu ermorden, zu entführen, zu vergewaltigen und zu foltern (die Polizei) ’sicher‘ ist und dass irgendein Kind, das eine rote Ampel überfährt oder wo entlang geht und dabei schwarz ist, eine Gefahr darstellt.

22. Das wird weiterhin verkompliziert durch einen Status, der Individuen verliehen wird und der auf einer angenommenen Konformität/Non-Konformität basiert. Der Flüchtling ist ’sicher‘, der*die illegale Immigrant*in ist gefährlich, der*die Stahlarbeiter*in ist ’sicher‘, die*der Sexarbeiter*in ist gefährlich, die*der gesetzestreue Bürger*in ist ’sicher‘, die*der Kriminelle ist gefährlich. Die willkürliche Verleihung des Rechts auf Sicherheit ist in Wirklichkeit die reale Gefahr.

23. Solche willkürlichen Verleihungen bedeuten, dass wir im Namen von Sicherheit bewaffnete Hooligans haben, die mit Sturmgewehren in den Straßen patrouillieren – und dass jemand dafür in den Knast kommen kann, ein Küchenmesser vom Laden zur Heimstätte zu tragen.

24. Jede*r, die*der glaubt, dass wir innerhalb der Mauern sicher sind, ist bestenfalls wahnhaft, wahrscheinlicher aber selbstmordgefährdet.

25. Einige ‚gute Bürger*innen‘ (weiß, reich, cis, hetero, gesetzestreu) könnten in der Lage sein die Lüge aufrechtzuerhalten, dass sie innerhalb der Mauern sicher sind (selbst wenn sie die giftigen Dämpfe und Radiowellen, die sie langsam dahinraffen, außer Acht lassen); aber selbst sie werden dazu gezwungen sein ihren Fehler zuzugeben, wenn sie im Namen der ‚Sicherheit‘ ihren Heimkäfig nicht mehr verlassen können, außer, um zu ihrem (re)produktiven Käfig zu gehen.

26. Mehr als das alles jedoch, warum brauchen wir es sicher zu sein? Warum haben wir es zugelassen, dass eine Angst vor Gefahr in unseren Köpfen brütet und in unserer Praxis wuchert? Wissen wir überhaupt wirklich, was wir meinen, wenn wir sagen, dass wir sicher sein wollen? Wir sind in Illusionen gefangen, die von Tyrann*innen kuratiert werden.

27. Sicherheit mag illusorisch sein, aber Gefahr kann sehr real sein. Nicht die imaginären Gefahren, mit denen die Herrschaft ihre Subjekte füttert, um sie unterwürfig zu halten – aber die Gefahr, vor der die Herrschaft selbst beständig Angst hat.

28. Aus der Gefangenschaft auszubrechen bedeutet Gefahr im eigenen Leben zu akzeptieren – nicht die falschen Gefahren, die Sicherheit ausschließt; aber die wahren Gefahren der aktiven Konfrontation mit denjenigen, die für sich in Anspruch nehmen für sie zu sorgen (Sicherheit). Reale Gefahr zu akzeptieren bedeutet die Konfliktualität mit dem Staat, der Polizei, der Technologie, pazifistischen Ideologien und vielleicht sogar mit sich selbst zu bewaffnen– es ist die Realisierung, dass selbst wenn es nichts gibt, für das es sich zu sterben oder in den Knast zu gehen lohnt, diese Möglichkeiten vielleicht weniger grauenerregend sind als sicher zu bleiben (d. h. in Gefangenschaft).

29. Die Illusion von Sicherheit aufrechtzuerhalten, in jedem Aspekt des Lebens, ist immer das Ziel der Herrschaft, jedes Mal, wenn jemand Konfliktualitäten bewaffnet, Gefahr inspiriert, einen Bruch kreiert; wird Sicherheit herbeieilen, um das Leck abzudichten. So wie mensch fast keine Chance hat die Zivilisation zu zerstören, gibt es wenig Hoffnung, Sicherheit in ihrer Totalität zu zerstören; mensch kann weghacken und Brüche vergrößern, aber mensch muss immer vorbereitet sein, dass diese Brüche neue Formen erschaffen werden und die Durchsetzung von Sicherheit – die Schlacht wird eine unendliche sein.

30. Der Kampf gegen Sicherheit an sich erschafft Gefahr für die Person, die diesen Kampf führt.

31. Wenn jemand ernsthaft die Illusion von Sicherheit erkennen, und von dieser Erkenntnis aus handeln will, um diese zu zerstören: diese Person muss zuerst Gefahr als stetige Freundin und Gefährtin willkommen heißen.

32. Im Laufe des Prozesses des Gefährlichwerdens muss sie sich den realen Gefahren innerhalb der Mauern stellen (Repression, Angriff, Mord) und ihr Herz allen möglichen imaginären Gefahren von außerhalb der Mauern öffnen.

33. Herrschaft wird an jeder Tür sein, wenn mensch sich selbst voll der Gefahr öffnet. Sie wird in dichten Reihen um eine*n zusammenrücken und versuchen Sicherheit um jeden Preis der*mjenigen aufzuzwingen, die*der danach sucht.

34. Gefahr muss all die Angst vor dem Unbekannten verkörpern, allen instinktiven Terror vor den Gebieten außerhalb der Mauern, sie muss tief in die Finsternis eintauchen und nie ein Licht erstrahlen lassen.

35. Wenn Gefahr sich verbreitet, wird ‚Sicherheit‘ verwelken.

Endnoten

[1] Vgl. die Implantierung von NFC-Chips in Leute in Schweden. https://www.npr.org/201 8/1 0/22/658808705/thousands-of-swedes-are-inserting-microchips-under-their-skin? t=1 570529276200.

[2] Vgl. Reise in Richtung Abgrund – Lose Betrachtungen zur Technowelt für eine Kritik an Nanotechnologien, die für diesen Zweck entwickelt wurden oder die neueste Entwicklung von Metall’bäumen‘ in Irland für denselben Zweck: https://oilprice.com/Latest-Energy-News/World-News/Metal-Trees-Suck-Up-CO2-From-Air.html als Beispiele.

[*]  „Futurorität ist das Versprechen der Zivilisation, dass die menschliche Spezies fortdauern wird. Mehr als das, es ist das Versprechen, dass die ‚richtige‘ menschliche Spezies fortdauern wird. Jenseits des Versprechens ist es auch der Zwang, dass sie fortdauern MUSS.“ (Fighting Futurority. In: LET. ME. DIE., S. 15) [Anm. d. Übers.]

[3] Zoos und Forschungseinrichtungen in China entwickelten diese Technik, die bisher in dutzenden Fällen angewendet worden ist. https://www.nationalgeographic.com.au/animals/panda-porn-and-other-desperate-measures-to-get-rare-species-to-mate.aspx

[4] https://en.wikipedia.org/wiki/Suicide_legislation

[5] Vgl. Dean Spade: ‚Normal Life: Administrative Violence, Critical Trans Politics, and the Limits of Law‘ für eine verständliche Kritik an diesen Verläufen, oder Teil 5 des Public Order Offenses Acts in Großbritannien als konkretes Beispiel.

Übersetzt aus dem Englischen. Den vollständigen Text mit dem Titel „LET. ME. DIE. Pandas, Technology, and the End of the World.“ findet ihr beim Down & Out Distro.

Eine Pandemie endet mit ihrer Zivilisation

Innerhalb weniger Monate hat sich das sogenannte Coronavirus auf der ganzen Welt verbreitet. Nachdem zahlreiche Länder darauf bereits mit drastischen Quarantäne-Maßnahmen und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit reagiert haben, zeichnet sich nun auch hier eine Eskalation der Situation durch den Staat ab. Veranstaltungsverboten und Schulschließungen – wobei letzteres ja unter libertären Gesichtspunkten eigentlich eine erstrebenswerte Sache ist –, werden Stück für Stück drastischere Maßnahmen folgen, die unser Leben immer weiter beschränken und die Kontrolle des Staates zunehmend intensivieren werden. Das zeigt nicht nur der Blick auf Staaten wie China, Hongkong oder Italien, sondern das entspringt auch der inneren Logik des Staates und der Interessen, die er freilich auch dann vertritt, wenn er vorgibt, einen Virus zu bekämpfen. Aber so bitter die Situation derzeit auch aussehen mag, so offenbaren sich durch sie jedoch auch neue Möglichkeiten mit allem Bestehenden zu brechen.

Ein Blick auf die Ursachen

Wie kommt es überhaupt, dass sich ein Virus innerhalb weniger Monate auf der ganzen Welt ausbreiten kann und zu einer Bedrohung für die Leben so vieler Menschen wird. Ohne dass ich hier die Panikmache von Medien und Regierungen reproduzieren will, so scheint mir doch klar zu sein, dass – auch wenn die Bedrohung durch das Coronavirus nicht unbedingt größer als die durch andere Viren (hier bspw. die Grippe) oder andere zivilisatorische Gefahrenquellen, bspw. durch den Straßenverkehr, ist – wir getrost auf diese Krankheit verzichten könnten. Wie kommt es also, dass sich Viren so schnell und so weit verbreiten?

Nach dem Ausbruch einer Viruserkrankung vermehrt sich diese exponentiell: Wenn eine infizierte Person im Laufe ihrer Erkrankung beispielsweise durchschnittlich zwei Menschen ansteckt, wie das derzeit bei Corona angenommen wird, so bedeutet das, dass ausgehend von einer Anfangspopulation an Erkrankten A in jedem Zyklus n A*2n weitere Menschen infiziert werden. Geht mensch beispielsweise davon aus, dass zu Beginn der Krankheit nur zwei Personen infiziert waren (A = 2), so waren nach dem ersten Zyklus (n = 1) bereits A*2n = 2*2¹ = 4 Menschen zusätzlich infiziert, nach dem zweiten Zyklus (n=2) waren es demnach A*2n = 2*2² = 8, nach dem dritten Zyklus (n=3) A*2n = 2*2³ = 16, nach dem vierten 32, nach dem 10. 2048, nach dem 15. bereits 65.536 und nach dem 20. bereits mehr als zwei Millionen Menschen. Nach dem 32. Zyklus [1] wären dieser Berechnung nach bereits mehr als 8 Milliarden Menschen zusätzlich infiziert, also mehr als die gesamte Bevölkerung der Erde.

Natürlich ist das eine sehr modellhafte Berechnung, die vor allem eine unbeschränkte Ausbreitung der Infektion voraussetzt. Das ist selbstverständlich so nicht der Fall. Tatsächlich stößt die Ausbreitung einer Infektion an verschiedene natürliche Grenzen: So ist es beispielsweise nicht so, dass jeder Mensch potenziell mit jedem anderen Menschen auf dieser Welt in Kontakt steht. Auch bildet das gedachte Netzwerk, in dem Menschen miteinander in Kontakt kommen, keine gleichmäßige Struktur aus, bei der eine Community fließend in eine andere übergeht. Oft sind einzelne Regionen nur lose über einzelne Mitglieder miteinander verbunden. Wird das Virus nicht über diese interregionalen Kontakte weitergegeben, so kommt die Verbreitung schließlich nach der vollständigen Infizierung einer Region (auch Durchseuchung genannt) zum Erliegen. Das Virus wird also ausgerottet.

Ganz so ideal verhält sich das in der heutigen Realität jedoch nicht: Die Verflechtung auch weit voneinander entfernter Regionen durch ein internationales Mobilitäts- und Produktionsnetz trägt dazu bei, dass die Verbindungen zwischen den Menschen einer Region mit den Menschen vieler anderer Regionen häufiger und intensiver werden. So trugen zur Ausbreitung des Coronavirus, ebenso wie zur Ausbreitung ähnlicher Epidemien und Pandemien beispielsweise ganz besonders multinationale Unternehmen bei, deren (Führungs-)Personal häufig von einem Standort zum nächsten reist. Die ersten Corona-Infizierten hier in München waren beispielsweise allesamt Mitarbeiter*innen einer solchen Firma, die Kontakte in die ursprünglich betroffene Region gahabt hatten. Auch Urlauber*innen, die Urlaub in einer betroffenen Region machen und dann in ihre Heimat zurückkehren tragen oft zur Verbreitung einer Pandemie bei. So etwa bei Corona-Infizierten in NRW. Dass diese Form der Übertragung einerseits so strukturell ausgeprägt ist und andererseits so schnell stattfindet, dass ein Virus innerhalb eines Tages zehtausende Kilometer zurücklegen kann, liegt vor allem an modernen Transportmitteln. Besonders der Flugverkehr spielt bei der Verbreitung moderner Pandemien eine bedeutende Rolle, aber grundsätzlich ist auch der weltweite Warenverkehr geeignet, um die Verbreitung einer Pandemie zu befördern. Schon die Pest (der Schwarze Tod), die 1346 und 1353 alleine in Europa schätzungsweise 25 Millionen Menschen tötete, breitete sich heutigen Erkenntnissen zufolge über Handelswege aus und wütete in Deutschland – und anderswo – ganz besonders in Handelsmetropolen wie Hamburg, Köln und Bremen.

In der heutigen globalisierten, kapitalistischen Welt hat sich die Situation deutlich verschärft: Bricht in einer der kapitalistischen Metropolen eine Epidemie aus, so könnten die Vorraussetzungen für eine schnelle weltweite Verbreitung kaum besser sein: Nicht nur die schnellen Transportmittel und die enge globale Vernetzung, sondern auch die Tatsache, dass die Lebensbedingungen der Menschen weltweit einander zunehmend mehr ähneln, tragen dazu bei, dass sich Viren so effizient und schnell verbreiten können. Und dennoch sind es keineswegs alleine kapitalistische Strukturen, die die Verbreitung von Epidemien befördern.

Eine effiziente Transportinfrastruktur, das Zusammenleben der Menschen auf engem Raum in Städten, mangelnde Autarkie einzelner Communities aufgrund von sehr diversifizierter Arbeitsteilung, und viele weitere zivilisatorische Eigenschaften begünstigen allesamt die Ausbreitung von Epidemien. Wie sonst wäre es zu erklären, dass etwa die Antoninische (165 bis 180/190) oder die Cyprianische Pest (250 bis 271) an den Grenzen des Römischen Reiches ihr Ende fanden, nachdem sie sich zuvor innerhalb dieser mehr oder weniger flächendeckend ausgebreitet hatten [2]. Dafür bedurfte es keines Kapitalismus, ja nicht einmal moderner Fortbewegungsmittel: Straßen, Wägen, Schiffahrt und eine zentralistische Verwaltung zusammen mit einer regen Warenzirkulation genügten völlig, um Millionen von Menschen das Leben zu kosten.

Keine Lösung: Der Staat, die Wissenschaft und soziale Kontrolle

Geht mensch davon aus, dass Zivilisationen die Ausbreitung von Epidemien begünstigen, so erscheint es etwas paradox, eine Lösung für eine Pandemie seitens des Staates oder der (medizinischen) Wissenschaft zu suchen. Es sind zwei der wichtigsten Institutionen, die die Zivilisation in der wir leben aufrechterhalten, verteidigen und auszuweiten versuchen. Dennoch sind Staat und (medizinische) Wissenschaft derzeit diejenigen Institutionen, von denen sich viele Menschen zu versprechen scheinen, dass sie ihnen einen Ausweg liefern.

Während das Vertrauen in die (medizinische) Wissenschaft noch einigermaßen nachvollziehbar ist – immerhin ist mensch es ja gewohnt, dass die Wissenschaft negative zivilisatorische Folgen abdämpft –, erscheint das Vertrauen in den Staat dagegen vollkommen absurd: Auch wenn mensch von Seiten des Staates einräumt, dass es unmöglich ist, die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, auch wenn mensch einräumen muss, dass jeder (gewaltsame) Versuch, soziale Beziehungen zu unterbrechen lediglich eine aufschiebende Wirkung hat, gibt mensch vor, das zu kontrollieren, was sich innerhalb der Logik dieses Staates und seiner Zivilisation nicht kontrollieren lässt. Vom Staat können wir nur erwarten, belogen und getäuscht und schließlich auch des letzten Quäntchens Freiheit, das wir noch zu besitzen glauben, beraubt zu werden, denn der einzige Zweck, den er verfolgt ist sich selbst und seine kapitalistische Ordnung aufrechtzuerhalten. Einige Politiker*innen, darunter auch der bayerische Innenminister Söder und sein Kultusminister sind sogar so dumm, dies offen zuzugeben: Anlässlich ihres Beschlusses, die Schulen in Bayern zu schließen, verkündeten sie, dass eine Betreuung von Kindern mit Eltern, die „systemkritische Berufe“ ausüben, dennoch stattfinden werde. Darunter verstehen sie Berufe des Gesundheitswesens, aber auch Bull*innen und andere Büttel des Staates, die die „Sicherheit“ gewährleisten sollen. Ihnen geht es also darum, auch während sich die Corona-Epidemie ausbreiten wird, die Macht des Staates zu erhalten [3]. Dabei werden die Tätigkeiten der Bull*innen vor allem darin bestehen, diejenigen, die gegen die Bevormundung durch den Staat aufbegehren werden, niederzuknüppeln. Personen, die sich nicht unter Quarantäne setzen lassen werden, Personen, die den Verfügungen des Staates nicht nachkommen, einfach jede*n, der*die sich widersetzt. Ein kleiner Trost dabei bleibt, dass sich die Bull*innen bei dieser Tätigkeit, die sie einer Infektion stärker aussetzen wird, als viele andere, hoffentlich reihenweise Coronainfektionen einfangen werden; Mit etwas Glück mit schwerem Verlauf.

Doch der Einsatz repressiver Gewalt durch die Polizei ist nicht das Einzige, was der Staat auf Lager hat. Während der Wirtschaft bereits Gelder versprochen werden, um die durch repressive Maßnahmen des Staates verlorengehenden Gewinne zu kompensieren, ist völlig unklar, inwiefern die aus den gleichen Maßnahmen resultierenden Verdienstausfälle der Menschen vom Staat abgefangen werden. Während die Büttel des Staates eine staatlich verordnete „Kinderbetreuung“ geniesen und so weiter zur Arbeit gehen können, gilt das für alle anderen nicht. Sie müssen diese selbst übernehmen. Dabei bin ich nicht der Meinung, dass Kinder und Jugendliche „betreut“ werden müssten, sofern sie selbst in der Lage sind oder anderweitig in diese Lage versetzt werden, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, aber der gesellschaftliche Konsens und sogar die Gesetze des Staates sagen da etwas anderes. Wer also anstatt der Schule und des Kindergartens meint, seine*ihre Kinder „betreuen“ zu müssen, ist darauf angewiesen Urlaub zu nehmen oder seinen*ihren Job zu kündigen. Wenn – wie das aufgrund der Erfahrungen in Italien und anderen Ländern zu erwarten ist – Geschäfte, Restaurants, usw. zwangsweise durch den Staat geschlossen werden, bedeutet das für viele prekär beschäftigte Menschen die Entlassung oder massive Einkommensausfälle. Und wer gerade einen neuen Job sucht, die*der hat sowieso Pech gehabt [4]. Wer dabei glaubt, dass hier der Staat in die Presche springen wird und den Menschen hilft, ihren Lebensunterhalt weiter zu bestreiten, die*der ist naiv. Dem Staat geht es darum, die Reichen und Besitzenden davor zu schützen, ihren Reichtum zu verlieren. Wer nichts besitzt, die*der ist dem Staat egal. Wenn er*sie Glück hat, kann sie*er Sozialhilfe beziehen, aber bei einer länger andauernden Epidemie dürfte selbst das fraglich sein.

Auch wenn es mir grundsätzlich nachvollziehbarer scheint, in die (medizinischen) Wissenschaften zu vertrauen, als auf den Staat, so finde ich das jedoch ebenso absurd: Der Weg, den die hießige Medizin eingschlagen hat, ist zentralistisch und herrschaftsvoll. Medizinisches Wissen ist heute beinahe ausschließlich bei Expert*innen (Ärzt*innen) vorhanden, denen und derer Industrie es folgerichtig nicht vorrangig darum geht, eine Krankheit zu heilen, sondern darum, Profit aus der Heilung einer Krankheit zu ziehen. Medikamente und viele moderne (teure) Behandlungsmethoden sind nur denen zugänglich, die dafür bezahlen können (oder für die eine Krankenversicherung bezahlt) und werden nur dann erforscht, wenn sie entsprechende Gewinne versprechen. Zugleich werden Präperate mit erheblichen Nebenwirkungen bewusst auf den Markt gebracht, um rücksichtlos Gewinne einzustreichen. Bei all dem versucht die Medizin beständig Menschen zu normieren und strebt danach den menschlichen Organismus ebenso wie die Menschen selbst bis ins letzte Detail zu kontrollieren. Virolog*innen entwickeln seit Jahrzehnten Masterpläne, die darin bestehen soziale Kontrolle über die Menschen auszuüben, in der Hoffnung dadurch Epidemien eindämmen und kontrollieren zu können. Das Individuum scheint dabei kaum noch eine Rolle zu spielen. Immer geht es nur darum, eine Ausbreitung eines Virus/einer Krankheit zu verhindern, indem Individuuen von anderen isoliert und ihre Handlungen genaustens kontrolliert werden. Das sind sicher nur einige und auch nur wenig vertiefte Kritikpunkte an der Medizin, die mir in diesem Kontext relevant erscheinen, aber eine ausführliche Auseinandersetzung mit der Wissenschaft im Allgemeinen und der Medizin im Speziellen würde sicher jeglichen Rahmen sprengen.

Revolte gegen Staat und Zivilisation statt freiwilliger Quarantäne

Derzeit lässt sich beobachten, dass überall Veranstaltungen abgesagt werden und sich alle möglichen Menschen darin gefallen, das Mantra der Regierenden nach sozialer Vereinzelung zu wiederholen. Ja, manch eine*r geht sogar soweit, andere Menschen, die sich diesem Unsinn nicht freiwillig unterwerfen wollen, zu maßregeln und anzufeinden. Dabei halte ich die vorgeschlagene soziale Isolation aller angeblich zugunsten von Angehörigen von „Risikogruppen“ für eine mit anarchistischen Ideen unvereinbare Haltung und zwar unabhängig davon, ob dieser Vorschlag nun von einem Staat kommt oder von irgendjemand anderem!

Schenkt mensch den sogenannten „Expert*innen“ Glauben – und das tue ich explizit nicht, aber ich will einmal kurz annehmen mensch täte es, um zu zeigen, dass selbst dann eine soziale Isolation aller unnötig autoritär ist –, so werden sich mehr oder weniger alle Menschen – oder zumindest ein großer Teil der Menschen – mit dem Coronavirus infizieren, egal ob wir uns nun sozial isolieren oder nicht. Der erklärte und erwünschte Effekt einer solchen sozialen Isolation aller von allen wäre vielmehr, die Ansteckungsrate so gering zu halten, dass alle Infizierten mit einem schweren Verlauf der Krankheit Zugang zu ausreichender medizinischer Versorgung haben. Zugleich sagen die Expert*innen, dass sich eine sogenannte Herdenimmunität einstellt, wenn eine gewisse Durchseuchung in der Gesellschaft erreicht ist, also ein großer Anteil die Krankheit bereits hatte und entweder besiegt hat, oder gestorben ist. Schwere Verläufe der Krankheit sind vor allem bei bestimmten Risikogruppen zu erwarten, und zwar bei älteren Menschen (die sind übrigens Risikogruppe für fast alle Krankheiten) und bei Menschen mit bestimmten chronischen Vorerkrankungen. Hier stellt sich mir die Frage, warum hier irgendwer glaubt, es wäre eine gute Idee, irgendjemandem vorzuschreiben, was sie*er zu tun hat – und zwar nicht, weil ich das allgemein ablehne, was ich natürlich tue, sondern auch, weil ich in einer solchen Lösung nicht mehr, ja sogar weniger „Erfolgschancen“ sehe, als in der intuitiven antiautoritären „Jede*r-kann-für-sich-selbst-entscheiden“-Lösung: Wer Angst hat, sich mit Corona zu infizieren, die*der kann sich ganz individuell dazu entscheiden, sich sozial (bis zu einem bestimmten Grad) zu isolieren oder auch andere Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Wer glaubt, keine Angst vor einer Infektion haben zu müssen oder der Meinung ist, dass sich das Risiko lohnt (was bestimmt auch Angehörige von „Risikogruppen“ zum Teil so sehen), die*der isoliert sich eben nicht. Wer meint, sich zusammen mit einem*einer nahestehenden Personen aus Solidarität isolieren zu wollen, die*der kann das ja tun. Sollte das medizinische System dabei überlastet werden, Pech gehabt. Das ist es ja in tausenden anderen Fällen sowieso. Und ja, dann werden Menschen sterben, so wie ja auch jetzt bereits bei anderen Krankheiten, so wie im Straßenverkehr, so wie bei Haushaltsunfällen, usw. Aber ist das ein Grund, das eigene (vielleicht nur imaginierte) Schutzinteresse autoritär auf dem Rücken anderer auszutragen? Und immerhin ist auf diesem Weg die Zeit bis zu einer „Herdenimmunität“ relativ gering, wenn sich aber nacheinander immer nur so viele Menschen anstecken „sollen“, wie das Gesundheitssystem auch verkraftet, dann wird das Jahre dauern. Monate und Jahre der sozialen Isolation? Na diese psychischen „Folgeerkrankungen“ sind bestimmt nicht besser als Corona.

Aber wenn es aus meiner Perspektive keinen Sinn macht, sich „für andere“ freiwillig in Quarantäne zu begeben, was soll ich dann tun? Soll ich warten bis aus „freiwillig“ „zwangsweise“ wird, soll ich warten bis das sich den autoritären Maßnahmen widersetzen mit schweren Strafen belegt wird? Darauf habe ich keine Lust. Für mich heißt das Problem noch immer Herrschaft und es findet seinen Ausdruck noch immer vor allem durch den Staat, die Zivilisation und kapitalistische Institutionen. Und gerade momentan befindet sich die Herrschaft offensichtlich in einer Offensive: Wenn ich abwarte, dann werde ich morgen in einer Welt erwachen, in der für mich und für all die anderen subversiven Elemente, für Arme, für Marginalisierte, für keine*n mehr Platz sein wird, also noch weniger Platz als bereits heute. Und ob das nun in einem Monat wieder enden wird, oder in zwei oder in einem halben Jahr, das steht in den Sternen. Deshalb ist für mich klar, dass ich mich jetzt widersetzen muss, dass es an mir und allen anderen, die eine solche Perspektive für unvereinbar mit ihren Vorstellungen halten, liegt, gegen Staat, Zivilisation und Herrschaft zu revoltieren.

Dabei sind die Voraussetzungen vielleicht gar nicht so ungünstig: Der Staat hat die Normalität unterbrochen, jetzt liegt es an uns allen, ob wir die neue Normalität des Ausnahmezustands akzeptieren, oder ob wir diese momentane Schwäche des Staates ausnutzen, um ihn erbarmungsloser denn je anzugreifen.

Anmerkungen

[1] Nimmt mensch an, dass ein Zyklus in diesem Modell 7 bis 14 Tage umfasst, also dem Zeitraum entspricht, der von den Virolog*innen derzeit bei Corona angenommen wird, so wäre der 32. Zyklus nach 224 bis 448 Tagen, also nach rund einem Jahr erreicht.

[2] Dabei sollte jeder*jedem klar sein, dass hier nicht die Grenze als eine willkürlich gezogene Linie zwischen zwei Staaten verhinderte, dass diese Epidemien sich ausbreiteten. Tatsächlich gab es natürlich auch Infektionen dieser Epidemien jenseits der römischen Staatsgrenzen. Allerdings konnten sich diese Epidemien in weniger zivilisierten Gebieten nicht so ohne weiteres ausbreiten, da vielfach die strukturellen Voraussetzungen für eine effiziente Verbreitung fehlten. So ist vielmehr davon auszugehen, dass diese Epidemien nach einer Durchseuchung der direkt an das Römische Reich angrenzenden Regionen ausstarben. Wären diese Regionen Teil einer ähnlichen Zivilisation gewesen, hätten sie sich vermutlich fortsetzen können.

[3] Das zeigt auch die Mobilmachung des Militärs, die derzeit – selbstverständlich – noch als „humanitärer“ Einsatz deklariert wird. Reservist*innen werden derzeit einberufen, um im Fall von Versorgungsengpässen und im medizinischen Bereich zu helfen. Neben der Militarisierung dieser Bereiche durch den Einsatz der gedrillten und gehorsamen Soldat*innen erscheint mir jedoch noch ganz anderes zu drohen. Zum derzeitigen Zeitpunkt scheint mir eine Mobilmachung des Militärs vielmehr dazu zu dienen, sich auf einen Einsatz zur Aufstandsbekämpfung an den Grenzen oder im Innland vorzubereiten.

[4] Ich möchte hier nicht missverstanden werden: Ich fordere hier keineswegs Arbeitsplätze für jede*n. Im Gegenteil: Ich lehne die Ausbeutung der Arbeitskraft der Menschen entschieden ab und versuche Arbeit selbst aus dem Weg zu gehen wo ich nur kann. Hier jedoch geht es nicht darum, eine Arbeit für jede*n zu fordern, sondern darum, dass durch einen plötzlichen Wegfall von Arbeitsplätzen als Resultat einer staatlichen Verfügung, zahlreiche Menschen um ihre Existenzgrundlage gebracht werden. Die Folge ist dabei nicht etwa eine Befreiung von Arbeit, sondern höchstens eine weitere Prekarisierung der Lebensverhältnisse derjenigen, die ohnehin gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen.