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Eine ausgeglichene Bilanz der Welt: Ein kritischer Blick auf die wissenschaftliche Weltanschauung

Der Ursprung der modernen Wissenschaft im 16. und 17. Jahrhundert stimmt mit den Ursprüngen des modernen Kapitalismus und des Industriesystems überein. Von Anfang an passten die Weltanschauung und die Methoden der Wissenschaft perfekt mit der Notwendigkeit des kapitalistischen Sozialsystems zusammen, die Natur und die überwältigende Mehrheit der Menschen zu beherrschen. Francis Bacon stellte klar, dass Wissenschaft nicht der Versuch sei die Natur so zu verstehen wie sie ist, sondern sie so zu beherrschen, dass sie für die Zwecke der Menschheit – in diesem Fall sind jene die derzeitigen Herrscher der sozialen Ordnung – verändert werden könne. In diesem Licht muss Wissenschaft notwendigerweise durch jede_n, der die gegenwärtige soziale Realität infrage stellt, einer sozialen Analyse unterworfen werden.

Wissenschaft ist nicht einfach eine Art die Welt zu beobachten, mit ihren Elementen zu experimentieren und daraus vernünftige Schlüsse zu ziehen. Ansonsten müssten wir Kinder, sogenannte Primitive und eine große Anzahl an Tieren als exzellente Wissenschaftler_innen anerkennen. Doch den praktischen Experimenten, die von uns allen jeden Tag durchgeführt werden, fehlen einige notwendige Faktoren, von denen der erste und wichtigste das Konzept des Universums als eine einzelne Entität ist, die sich an universelle, rationale, erfahrbare Gesetze hält. Ohne dieses Fundament kann Wissenschaft nicht als solche agieren.

Natürlich kam die Vorstellung von universellen Naturgesetzen bereits im antiken Griechenland auf, ungefähr zur selben Zeit, zu der schriftliche Gesetze zum Regieren der Stadtstaaten und geldbasierter Handel aufkamen. Aber die griechisch-antike Perspektive unterschied sich erheblich von der der modernen Wissenschaft. Die universellen Naturgesetze der griechischen Philosophie waren fundamental relational, parallel zu den politischen und ökonomischen Institutionen der griechisch-antiken Gesellschaft. So tendierte diese Wahrnehmung dazu Mäßigung zu propagieren – Aristoteles‘ „goldener Mittelweg“ – und die Vermeidung von Hybris, Züge, die sehr deutlich nicht ihr Äquivalent in der modernen wissenschaftlichen Perspektive finden.

Zwischen der Zeit der griechisch-antiken Philosophen und dem Beginn der modernen Wissenschaft beeinflussten zwei bedeutende historische Ereignisse die westliche Sicht auf die Welt. Das erste war das Aufkommen des Christentums als der zentrale bestimmende Faktor im westlichen Denken. Diese Weltanschauung ersetze das Konzept vielfacher Gottheiten, die Teil der Welt waren, mit einem Gott außerhalb des Universums, der dieses erschaffen hätte und der es kontrolliere. Zusätzlich erklärte sie, dass die Welt zum Gebrauch von Gottes Lieblingskreatur, dem Menschen, geschaffen worden sei, der diese unterwerfen und beherrschen solle. Das zweite bedeutende Ereignis war die Erfindung der ersten automatischen Maschine, die eine bedeutende Rolle im öffentlichen Sozialleben spielte: der Uhr. Die volle Bedeutung der Erfindung der Uhr in der Entwicklung des Kapitalismus, insbesondere in seiner industrialisierten Form, ist eine Geschichte für sich, aber mein Interesse hier ist spezifischer. Durch die Materialisierung des Konzepts einer nicht-lebendigen Sache, die sich nichtsdestotrotz von selbst bewegen konnte, schuf die Uhr für die Bevölkerung eine verständliche Basis für ein neues Verständnis des Universums. Zusammen mit der Vorstellung eines Schöpfers außerhalb des Universums stellte sie die Basis dafür, die Einsheit des Universums als ein Uhrwerk zu betrachten, das durch den großen Uhrmacher erschaffen worden war. In anderen Worten, sie war essenziell mechanisch.

So legten Religion und eine technologische Entwicklung die Basis für die Entwicklung einer mechanistischen Sicht auf das Universum und damit auf moderne Wissenschaft. Wenn man anerkennt, wie wichtig Religion für die Entwicklung dieses Systems ist, dann sollte es niemanden überraschen, dass die meisten frühen Wissenschaftler Geistliche waren, und dass die Leiden von Galileo und Kopernikus Ausnahmen waren, nützlich, um die Mythologie der Wissenschaft als eine Kraft der Wahrheit zu entwickeln, die den Obskurantismus von Aberglaube und Dogma bekämpft. Tatsächlich arbeiteten die frühen Wissenschaftler:innen im Allgemeinen für die eine oder andere der verschiedenen Staatsmächte als integraler Teil der Machtstrukturen, und folgten demselben Pfad wie einer der Meistbekannten unter ihnen, Francis Bacon, der kein Problem damit hatte, Leute wie Giordano Bruno den kirchlichen Autoritäten zu melden, weil sie ‚ketzerische‘ Ideen verbreiten würden.

Doch die Wissenschaftsskandale, wie die Skandale der Kirche, des Staates oder des Kapitals, sind nicht das wesentliche Problem. Dieses liegt in den ideologischen Fundamenten der Wissenschaft. Im Wesentlichen relationale Sichtweisen auf das Universum – ob das legalistische der antiken Griechen oder die fluideren Sichtweisen der Menschen, die außerhalb der Zivilisation lebten – implizieren, dass ein Verständnis vom Universum daher kommen würde, zu versuchen es so holistisch wie möglich zu betrachten, um die Beziehungen zwischen den Dingen, die Verbindungen und die Interaktionen zu beobachten. Solch ein Sichtweise funktioniert für jene gut, die kein Verlangen haben, das Universum zu beherrschen, sondern lieber lediglich herausfinden wollen, wie sie mit ihrer Umgebung interagieren können, um ihre Wünsche zu erfüllen und ihr Leben zu erschaffen. Aber der kapitalistische Bedarf an industrieller Entwicklung verlangte eine andere Sichtweise.

Wenn das Universum eine Maschine ist und kein Beziehungsgeflecht von Myriaden an Wesen, dann erlangt niemand durch simple Beobachtung und direkte Experimente ein Verständnis davon. Stattdessen bedarf es einer spezialisierten Form des Experimentierens. Man kann kein Verständnis darüber erlangen, wie eine Maschine funktioniert, indem man sie einfach nur beobachtet, wie sie in ihrer Umgebung funktioniert. Man muss sie in ihre Teile zerlegen – die Zahnräder, die Räder, die Kabel, die Hebel, etc. –, um herauszufinden, welcher Teil was tut. Ein fundamentaler Aspekt der Methode der modernen Wissenschaft ist also die Notwendigkeit, alles in seine Teile zu zerlegen, mit dem Ziel die grundlegendste Einheit zu finden. In diesem Licht versteht man, warum Wissenschaftlerinnen denken, dass es möglich ist mehr über das Leben herauszufinden, indem sie im Labor einen Frosch aufschneiden, als indem sie am Teich sitzen und Frösche und Fische und Mücken und Seerosenblätter dabei beobachten, wie sie tatsächlich zusammenleben. Das Wissen, das Wissenschaft verfolgt, ist quantitatives Wissen, mathematisches Wissen, utilitaristisches Wissen – eine Art von Wissen, das die Welt in die Maschine verwandelt, von der sie behauptet, dass die Welt diese sei. Diese Art von Wissen kann nicht durch freie Beobachtung in der Welt erworben werden. Es braucht die Sphäre des Labors, wo mit Teilen experimentiert werden kann, außerhalb des Kontextes des Ganzen, und innerhalb des Systems der ideologischen Fundamente mathematischer und mechanistischer Weltanschauungen. Nur Teile, die auf diese Art getrennt worden sind, können so wieder zusammengebaut werden, dass sie die Bedürfnisse derjenigen befriedigen, die bestimmen.

Natürlich sind die ersten Teile, die von diesem mechanistischen Ganzen getrennt werden müssen, die Wissenschaftler selbst. Der Faktor, der die Experimente von Tieren, Kindern, unzivilisierten und nicht ausgebildeten Menschen innerhalb der modernen Welt unwissenschaftlich macht, ist unser Mangel an sogenannter Objektivität; wir sind zu sehr Teil, immer noch in intimer Beziehung zu dem, mit dem wir experimentieren. Die Wissenschaftler:in hingegen wurde dazu ausgebildet sich selbst außerhalb dessen zu platzieren, mit dem sie experimentieren will, und die kalte Rationalität der Mathematik zu nutzen. Jedoch unterscheidet sich diese Objektivität tatsächlich nicht von der Trennung des Königs, einer Kaiserin oder eines Diktators von den Menschen, die jene beherrschen. Der Wissenschaftler kann nicht in irgendeinem wortwörtlichen Sinne aus der natürlichen Welt heraustreten, was ihm erlauben würde, diese von außerhalb ihrer Grenzen zu betrachten (für alle praktischen Vorhaben und Zwecke hat dieses Universum keine Grenzen). Eher wie ein Kaiser von den Höhen seines Thrones aus proklamiert die Wissenschaftlerin aus ihrem Labor heraus dem Universum: „Du wirst dich meinen Befehlen unterwerfen.“ Die wissenschaftliche Weltanschauung kann wirklich nur auf diese Art verstanden werden. Die Auffassungen von der Natur des Universums, die von der modernen Wissenschaft hervorgebracht wurden, sind weniger beschreibend als vorschreibend, Erlasse, die proklamieren, in was die natürliche Welt gezwungen wird sich zu verwandeln: mechanische Teile mit regelmäßigen, voraussehbaren Bewegungen, die so zum Funktionieren gebracht werden können, wie es die herrschende Klasse, die die wissenschaftliche Forschung finanziert, wünscht. Es sollte nicht überraschen, dass die Sprache der Wissenschaft die gleiche Sprache ist wie die der Wirtschaft und der Bürokratie, eine leidenschaftslose Sprache ohne konkrete Verbindung zum Leben, die Sprache der Mathematik. Welche bessere Sprache konnte man finden, um das Universum zu beherrschen – eine Sprache, die zur selben Zeit sowohl ganz und gar willkürlich als auch ganz und gar rational ist?

Also entwickelte sich moderne Wissenschaft mit einem spezifischen Zweck. Dieser Zweck war nicht die Suche nach der Wahrheit oder gar Wissen außer im aller utilitaristischsten Sinne, sondern eher die Atomisierung und Rationalisierung der natürlichen Welt, sodass sie in ihre Bestandteile zerlegt werden kann, die dann in neue, regulierte, bemessene Beziehungen gezwungen werden können, die nützlich für die Entwicklung techologischer Systeme sind, die mehr und mehr Bestandteile zur Reproduktion dieser Systeme extrahieren können. Schließlich war es das, was die Herrscher wollten, und sie waren die Förderer (und so finanziell auch die Begründer) der modernen Wissenschaft.

Mit der Mathematisierung aller Dinge verschwindet alles, das einzigartig an einem Ding ist, denn das, was einzigartig ist, steht außerhalb jeder Abstraktion und folglich außerhalb der Mathematik. Wenn das, was einzigartig an Wesen und Dingen ist, verschwindet, verschwindet auch die Basis für leidenschaftliche Beziehungen, für Beziehungen des Verlangens. Wie misst man schließlich Leidenschaft? Wie kalkuliert man Verlangen? Die Vorstellung der instrumentellen Vernunft bietet wenig Raum für irgendeine andere Leidenschaft als diese verformte Art der Gier, die danach aus ist, mehr und mehr der standardisierten, in Waren verwandelten Gegenstände, die auf dem Markt erhältlich sind, zu akkumulieren, ebenso wie das Geld, das sie im striktesten mathematischen Sinne gleich macht.

Die verschiedenen Klassifikationssysteme der Wissenschaft – die Parallelen zu Systemen aufweisen, die von staatlichen Bürokratien verwendet werden – spielten mit Sicherheit eine bedeutende Rolle in dem Prozess, das Einzigartige aus den Gefilden der Wissenschaft zu verbannen. Doch die Wissenschaft nutzt eine andere heimtückischere und irreparable Methode, um das Einzigartige zu zerstören. Sie versucht, alles in seine kleinstmöglichen Komponenten zu zerteilen – erst jene Einheiten, die sich alle Entitäten eines besonderen Typs teilen, und dann jene, die von allen Entitäten, die existieren, geteilt werden –, denn Mathematik kann nur bei homogenen Einheiten angewendet werden, Einheiten, die äquivalent sei können. Wenn frühe Wissenschaftler*innen dazu tendierten häufig mit toten Tieren, Menschen eingeschlossen, zu experimentieren, dann lag das daran, dass im Tod ein Hund oder ein Affe oder ein Mensch ziemlich so ist wie jeder andere. Wenn sie mit aufgeschnittenen Körpern auf einem Brett im Labor aufgepinnt sind, sind Frösche dann nicht alle äquivalent geworden? Doch das nimmt Dinge noch nicht aduäquat auseinander. Sicherlich erlaubten es solche Experimente, ob mit toten Organismen oder mit nicht-organischer Materie, der Wissenschaft, die Welt in Bestandteile zu zerlegen, die sie so gestalten konnte, dass sie in ihre wohlbemessene, kalkulierte, mechanistische Perpektive passten, ein notwendiger Schritt in der Entwicklung industrieller Technologie. Jedoch waren Mathematik und ihre korrespondierende mechanistische Weltanschauung immer noch relativ klar Ideen, die einer unwilligen und widerständigen Welt aufgezwungen wurden – insbesondere (oder vielleicht nur am deutlichsten) der menschlichen Welt, der Welt der Ausgebeuteten, die nicht wollten, dass ihre Leben in Arbeitsstunden abgemessen werden, getimed durch die industriell akkuraten Uhren des Bosses, die Ausgebeuteten, die nicht jeden Tag damit verbringen wollten, die gleiche repetitive Aufgabe zu verrichten, die gleichzeitig auch von hunderten – oder vielleicht tausenden – anderen im selben Gebäude oder in einem, das identisch mit diesem ist, verrichtet wird, um das allgemeine Äquivalent zu verdienen, um das eigene Überleben zu kaufen.

Physik war schon immer die Wissenschaft gewesen, die sich an vorderster Front bemühte, Mathematik zur inhärenten Basis der Realität zu machen. Wenn man dem Mythos Glauben schenken will, brachte der Umstand, dass Newton der Apfel am Kopf traf, ihn angeblich auf die Idee, mathematische Gleichungen aufzustellen, die mathematisch die Anziehung und die Abstoßung von Objekten erklärten. Aus irgendeinem Grund soll uns das davon überzeugen, dass er ein Genie war und nicht etwa ein kleinkarierter, berechnender Geschäftsmann/Wissenschaftler. (Er war Aktionär der berühmten East India Company, die die finanzielle Basis für so viele britische imperialistische Bemühungen gestellt hat und war eine gewisse Zeit Direktor der Bank of England). Aber das Newtonsche Gravitationsgesetz, Galileos Trägheitsgesetz, die Gesetze der Thermodynamik, etc. begegnen einer als mathematische Konstrukte des menschlichen Gehirns, die dem Universum auferlegt werden, so wie auch ihre technologischen Ergebnisse – das industrielle System des Kapitalismus –, diese rationalisierte Weltanschauung, den ausgebeuteten Klassen im Alltag auferlegt wurde.

Davon ausgehend sollte klar sein, dass die wissenschaftliche Methode nie die empirische Methode war. Letztere basierte ausschließlich auf Erfahrung, Beobachtung und Experimenten innerhalb der Welt ohne Vorannahmen, weder mathematische noch sonstige. Die wissenschaftliche Methode auf der anderen Seite beginnt mit der Notwendigkeit dem Universum mathematische, instrumentelle Rationalität aufzuerlegen. Um diese Aufgabe ausführen zu können, mussten, wie ich bereits sagte, spezifische Bestandteile von ihrer Umgebung getrennt und in die sterile Umgebung eines Labors transferiert werden, damit dort dann an ihnen herumexperimentiert werden kann, um herauszufinden, wie sie an diese instrumentelle, mathematische Logik angepasst werden können. Weit entfernt von der sinnlichen Erforschung der Welt, die eine wahrhaft empirische Untersuchung darstellen würde.

Moderne Wissenschaft war nicht in der Lage sich weiterzuentwickeln, weil sie den Weg dahin eröffnet, Wissen zu vergrößern, sondern weil sie darin erfolgreich war, die Aufgabe zu erfüllen, für welche der Staat und die herrschende Klasse sie finanzierte. Moderne Wissenschaft sollte nie dazu dienen, wahres Wissen über diese Welt zur Verfügung zu stellen – das hätte ein Eintauchen in die Welt erfordert, nicht die Trennung davon –, sondern eher dazu eine bestimmte Perspektive auf das Universum aufzuerlegen, die jenes in eine Maschine verwandeln könne, die der herrschenden Klasse nützlich ist. Das industrielle System ist der Beweis für den Erfolg der Wissenschaft, diese Aufgabe zu erfüllen, aber nicht für den Wahrheitsgehalt ihrer Weltanschauung. In diesem Licht können wir die „Fortschritte“ untersuchen, die die „neue Physik“ genannt werden – Relativitätsphysik, Atomphysik und Quantenphysik, denn es ist diese post-Newton’sche Physik, der es gelingt, die mathematische Konzeption des Universums zu solch einem Grad aufzuerlegen, dass beide als eins angesehen werden. In der Newton’schen Physik ist das Universum eine materielle Realität, eine Maschine, die aus verschiedenen Teilen zusammengebaut ist, deren Interaktionen mathematisch „erklärt“ werden können (auch wenn, tatsächlich, nichts wirklich erklärt ist). In der „neuen“ Physik ist das Universum ein mathematisches Konstrukt – bei der Materie einfach Teil der Gleichung ist –, das aus Informationsteilchen besteht. In anderen Worten, die „neue“ Physik hat eine kybernetische Sicht auf das Universum.

Die Relativitätsphysik mathematisiert das Universum auf einer makrokosmischen Ebene. Laut ihrer Theorie ist das Universum ein „Raum-Zeit-Kontinuum“. Aber was bedeutet das? Das „Raum-Zeit-Kontinuum“ ist tatsächlich ein rein mathematisches Konstrukt, der multidimensionale Graph einer komplexen Gleichung. So ist dieses komplett außerhalb einer empirischen Observation – seltsamerweise wie ein Cyberspace. Oder nicht seltsamerweise, wenn man das Erstere als Vorbild für das Letztere betrachtet. Noch einmal, es ist wenig von Bedeutung, ob dieses Bild des Universums wahr ist. Es funktioniert auf einer technologischen und wirtschaftlichen Ebene, und eine korrekte Summe unter dem Bilanzstrich ist schon immer die einzige Wahrheit gewesen, für die sich die Wissenschaft interessierte.

Die „endgültige Realität“, die dieses „Raum-Zeit-Kontinuum“ ist – diese „Realität“ jenseits unserer Sinne, von der uns die Expertinnen erzählen, sie sei realer als unsere tägliche Erfahrung (und wer zieht sie noch in Zweifel in dieser entfremdeten Welt?) –, ist aus Informationsteilchen konstruiert, die Quanten genannt werden. Das ist der Mikrokosmos der totalen Mathematisierung des Universums, das Reich der Quantenphysik. Die Quantenphysik ist besonders interessant wegen der Art, auf die sie das Projekt der modernen Wissenschaft offenbart. Quantenphysik soll die Wissenschaft über subatomare Partikel sein. Zuerst gab es davon nur drei: das Proton, das Elektron und das Neutron. Diese erklärten das atomare Gewicht, Elektrizität, etc. und erlaubten die Entwicklung von Nukleartechnologie und moderner Elektronik. Aber zu viele mathematische Diskrepanzen taten sich auf. Die Quantenphysik hat sich dieser Diskrepanzen mit der konsistentesten wissenschaftlichen Methode, die es gibt, angenommen; sie hat neue Gleichungen formuliert, um die Diskrepanzen wegzukalkulieren und hat diese mathematischen Konstrukte neu entdeckte sub-atomare Partikel genannt. Wieder einmal gibt es nichts, das wir mithilfe unserer Sinne beobachten könnten – selbst mithilfe von Werkzeugen wie dem Mikroskop. Wir sind von der Behauptung von Experten abhängig. Aber Expertinnen für was? Offensichtlich sind sie Expert·innen darin, Gleichungen mit Lückenfüllern zu bauen, die die mathematische Konzeption des Universums aufrechterhalten, bis die nächste Diskrepanz aufkommt – und funktioniert so auf eine Weise, die parallel zum Kapitalismus selbst verläuft.

Die Relativitätsphysik und die Quantenphysik werden oft als „reine Wissenschaften“ dargestellt (als ob so etwas jemals existiert hätte), theoretische Erkundungen ohne irgendwelche instrumentalen Überlegungen. Und ohne überhaupt die Rolle dieser Wissenschaftszweige in Betracht zu ziehen, die sie in der Entwicklung von Nuklearwaffen und nuklearer Macht gespielt haben, in der Kybernetik, der Elektronik, und so weiter, wird diese Behauptung auch durch die ideologischen Interessen der Mächte, denen sie dienen, widerlegt. Zusammen präsentieren diese wissenschaftlichen Perspektiven eine Konzeption der Realität, die sich komplett außerhalb der Sphäre empirischer Beobachtung befindet. Die endgültige Realität liegt vollkommen jenseits dessen, was wir durch unsere Sinne erfahren können und existiert komplett innerhalb der Sphäre komplexer mathematischer Gleichungen, die lediglich jene mit Zeit und Bildung – das heißt die Expert_innen – lernen und manipulieren können. Dementsprechend bewirbt die „neue“ Physik – wie die alte, aber mit mehr Nachdruck – die Notwendigkeit, an die Experten zu glauben und ihrem Wort mehr als der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen. Außerdem wird die Idee beworben, dass die Realität aus Informationsteilchen besteht, die mathematisch verbunden sind und die nach Wunsch von denen manipuliert werden können, die in die Geheimnisse eingeweiht sind, die Zauberer unseres Zeitalters, die Wissenschafts-Techniker.

Relativitäts- und Quantenphysik waren darin erfolgreich das zu tun, wovon jeder Zweig der Wissenschaft träumt; sie haben ihre Wissenssphäre komplett vom Reich der Sinne getrennt. Wenn die Realität lediglich eine komplexe mathematische Gleichung ist, die aus Informationsteilchen besteht, dann sind Gedankenexperimente sicherlich mindestens genauso verlässlich wie Experimente an materiellen Objekten. Es sollte inzwischen offensichtlich sein, dass das von Anfang an ein Ideal der modernen Wissenschaft gewesen ist. Die Trennung der Wissenschaftlerin von der Sphäre des Alltags, das sterile Labor als die Umgebung für Experimente, die eklatante Verachtung der frühen Wissenschaftler·innen für alltägliche Erfahrung und für das, was man allein über die Sinne lernen kann, sind klare Indizien für die Haltung und die Richtung der Wissenschaft. Für Bacon, für Newton, für die moderne Wissenschaft als Ganzes sind die Sinne – wie die natürliche Welt, deren Teil sie sind – auf der Suche nach Herrschaft über das Universum zu überwindende Hindernisse. Mit der Welt auf sinnlicher Ebene zu interagieren könnte sehr wahrscheinlich Leidenschaft erwecken, und die Vernunft der Wissenschaft ist eine kalte, kalkulierende Vernunft, nicht die leidenschaftliche Vernunft des Verlangens. Entsprechend passt die Welt der nicht-materiellen Experimente, die die „neue“ Physik eröffnet hat, gut in die Entwicklung der Wissenschaft.

Während einige versuchten haben, die Konzepte der Relativitäts- und der Quantenphysik als einen Bruch mit der mechanistischen Weltanschauung, die die Wissenschaft jener Zeit hochhielt, zu beschreiben, ist tatsächlich diese „neue“ Sicht auf die Welt als reines mathematisches Konstrukt, das aus Informationsteilchen besteht, exakt das Ziel der Wissenschaft. Sie entwickelte ihre materielle Manifestation in der kybernetischen Technologie. Die industrielle mechanistische Weltanschauung machte der deutlich totalisierenderen kybernetischen mechanistischen Weltanschauung Platz, denn letztere dient den Zwecken der Wissenschaft und ihrer Herr*innen besser als erstere. Die Entwicklung kybernetischer Technologie und insbesondere der virtuellen Realität eröffnete die Möglichkeit des nicht-materiellen Experimentierens für jene Wissenschaftszweige, für welche dieses vorher unmöglich gewesen ist, insbesondere für die Lebens- und die Sozialwissenschaften. Diese Welt liefert nicht nur Möglichkeiten zum Lagern, Organisieren, Kategorisieren und Manipulieren von Werten und Informationen, die während der Experimente und Forschung in der physischen Welt gesammelt werden; sie liefert eine virtuelle Welt, in der man mit virtuellen organischen Wesen und Systemen experimentieren kann, mit virtuellen Gesellschaften und Kulturen. Und wenn das Universum nicht mehr als austauschbare Informationsteilchen ist, die in mathematischer Beziehung zueinander stehen, dann sind solche Experimente auf der gleichen Ebene wie jene, die in der physischen Welt gemacht werden. Tatsächlich sind sie verlässlicher, da die Hindernisse, die durch die Sinne aufkommen und durch die Möglichkeit, eine mitfühlende Beziehung zu jenen zu entwickeln, mit denen der Wissenschaftler experimentiert, keine Rolle spielen. Nicht nötig, sich über den Fakt Sorgen zu machen, dass alles, das mathematisch kalkulierbar und entsprechend programmierbar ist, in der virtuellen Sphäre passieren kann; das zeigt lediglich die unendlichen technologischen Möglichkeiten, die in der Manipulation von Informationsteilchen liegen.

Es lohnt sich festzustellen, dass die DNA lediglich einige wenige Jahre vor dem Beginn dessen, was einige das „Informationszeitalter“ genannt haben, „entdeckt“ wurde. Natürlich hatten Kybernetik und Informationstechnologien schon seit einiger Zeit existiert, doch es war in den frühen 70er Jahren, dass diese Technologien begannen, in ausreichendem Ausmaß in die allgemeine soziale Sphäre einzudringen, so dass sie beeinflussen konnten, wie Leute die Welt sahen. Da wir bereits durch die Anforderungen des industriellen Systems von jeder tiefen, direkten Beziehung zur natürlichen Welt getrennt worden sind, erreicht uns das meiste Wissen über die Welt indirekt. Es ist nicht wirklich überhaupt irgendein Wissen, sondern Informationsteilchen, die wir durch Glauben akzeptieren. Es ist folglich nicht so schwierig, Menschen davon zu überzeugen, dass Wissen tatsächlich nicht mehr ist als eine Anhäufung dieser Teilchen, und dass die Realität einfach die komplexe mathematische Gleichung ist, die sie umschließt. Es ist nur ein kurzer Weg von dem zu der genetischen Perspektive, dass das Leben einfach die Beziehung zwischen Teilchen kodifizierter Informationen ist. Die DNA liefert genau diese austauschbaren Teilchen, die die notwendige Basis dafür sind, und liefert dadurch die Basis für die Digitalisierung des Lebens.

Wie wir gesehen haben, ist Wissenschaft nie lediglich ein Versuch gewesen, das zu beschreiben, das existiert. Stattdessen strebt sie danach, die Realität zu beherrschen und sie den Zwecken derer, die Macht besitzen, anzupassen. Demzufolge hat die Digitalisierung des Lebens und des Universums den ausdrücklichen Zweck, alles auf austauschbare Teilchen herunterzubrechen, die von jenen, die in diesen komplexen Techniken ausgebildet sind, manipuliert und angepasst werden können, um die spezifischen Erfordernisse der herrschenden Ordnung zu erfüllen. In dieser Perspektive gibt es keinen Platz für eine Vorstellung von Individualität, die sich aus dem eigenen Körper, dem eigenen Geist, den eigenen Leidenschaften, den eigenen Wünschen und den eigenen Beziehungen in einem einzigartigen Tanz durch die Welt zusammensetzt. Stattdessen sind wir nicht mehr als eine Serie an anpassbaren Bio-Teilchen. Diese Vorstellung hat eine soziale Basis. Die kapitalistische Entwicklung, insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwandelte Bürger (bereits Teil des Apparates des Nationalstaats) in Produzenten-Konsumenten, austauschbar mit allen anderen, je nach Bedarf der sozialen Maschine. Dank der bereits erfolgten Erschütterung der Integrität des Individuums ist es kein großer Schritt, jedes lebendige Wesen in eine reine Speicherbank für nützliche genetische Teile, in eine Ressource für die Entwicklung der Biotechnologie zu verwandeln.

Nanotechnologie wendet die gleiche Digitalisierung auf anorganische Materie an. Die Chemie und die Atomphysik lieferten die Vorstellung von Materie als ein Konstrukt von Molekülen, die wiederum ein Konstrukt von Atomen sind, die ein Konstrukt von subatomaren Partikeln sind. Das Ziel der Nanotechnologie ist die Konstruktion von mikroskopischen Maschinen auf der Molekularebene, die im Idealfall so programmiert sind, dass sie sich selbst durch die Manipulation von molekularen und atomaren Strukturen vermehren. Wenn man die verarmte Vorstellung des Lebens akzeptiert, die die Genwissenschaft und die Biotechnologie vorantreibt, wären diese Maschinen nachvollziehbarerweise „lebendig“. Wenn man einige der Ziele untersucht, von denen ihre Entwicklerinnen hoffen, dass sie diesen dienen könnten, scheint es, dass sie, wie Genmodifikationen, in der Umwelt auf eine Weise funktionieren, die der von Viren ähnelt. Andererseits erwecken einige der Beschreibungen der selbstvermehrenden Funktion, die in sie hineinprogrammiert werden soll, die furchteinflößende Idee von vom Wind verbreiteten, aktiven Krebszellen.

Die Bio- wie auch die Nanotechnologie können Horrorvision hevorrufen: groß- und kleinformatige Monster, seltsame Krankheiten, totalitäre Genmanipulation, mikroskopische vom Wind verbreitete Spionagegeräte, intelligente Maschinen, die ihren menschlichen Anhang nicht mehr benötigen. Doch dieser potentielle Horror trifft nicht das Herz des Problems. Diese Technologien reflektieren eine Sicht auf die Welt, die trocken gelegt wurde, ohne Staunen, ohne Freude, Verlangen, Leidenschaft und Individualität, eine Sicht auf eine Welt, die in eine Rechenmaschine verwandelt wurde, das Weltbild des Kapitalismus.

Die frühesten modernen Wissenschaftler:innen waren überwiegend devote Christen. Ihr mechanisches Universum war eine Maschine, die von Gott hergestellt worden war, mit einem Zweck jenseits ihrer selbst, bestimmt von Gott. Diese Idee eines höheren Zwecks ist vor langer Zeit aus der wissenschaftlichen Theorie verschwunden. Das kybernetische Universum dient keinem anderen Zweck als sich selbst aufrechzuerhalten, um den Fluss der Informationsteilchen aufrechtzuerhalten. Auf sozialer Ebene, wo es sich auf uns in unserem Leben auswirkt, bedeutet das, dass jedes Indiviuum lediglich ein Werkzeug zur Aufrechterhaltung der gegenwärtigen sozialen Ordnung ist und wenn nötig angepasst werden kann, um den Informationsfluss aufrechtzuerhalten, der dieser Ordnung erlaubt sich selbst zu reproduzieren, Informationen, die präziser Warenbörse genannt werden können.

Und hier ist die reale Funktion der Wissenschaft enthüllt. Wissenschaft ist der Versuch ein System zu schaffen, das eine Bilanz aller Ressourcen im Universum präsentieren kann, um sie dem Kapital zugänglich zu machen. Deshalb muss sie das Universum in seine kleinsten Teilchen herunterbrechen, Teilchen, die einen ausreichenden Grad an Identität und Austauschbarkeit haben, damit sie als allgemeine Äquivalente dienen können. Deshalb muss sie das Universum dazu zwingen, einem mathematischen Konstrukt zu entsprechen. Deshalb ist letztlich ein kybernetisches Modell das Geeignetste für die Funktionsweise von Wissenschaft. Der reale Zweck der modernen Wissenschaft war es von Beginn an, das Universum in eine riesige Rechenmaschine zu verwandeln, die ihre eigenen Ressourcen bilanziert. Folglich ist die Funktion der Wissenschaft schon immer gewesen, der Wirtschaft zu dienen, und ihre Entwicklung war die Suche nach den effizientesten Mitteln, um dies zu erfüllen. Doch die wissenschaftlichen Buchhalterinnen mit ihren Kalkulationen, Graphen, Grafiken und Geschäftsbüchern sind unaufhörlich mit einer widerspenstigen Realität konfrontiert, die aus Entitäten besteht, die nicht zu Nummern oder Messungen passen, aus Individuen, die sich der Austauschbarkeit widersetzen, aus Phänomenen, die sich nicht wiederholen lassen – in anderen Worten, aus Dingen, die unaufhörlich die Bilanz nicht aufgehen lassen. Wissenschaftler*innen mögen sich in ihre Laboratorien zurückziehen, in ihre Gedankenexperimente, in die virtuelle Realität, aber hinter den Türen, jenseits ihrer Gedanken, jenseits der Sphäre des Cyberspaces, wartet immer noch das nicht Bilanzierbare/Verlässliche. So wird die Wissenschaft, wie die kapitalistische soziale Ordnung, der sie dient, ein System der Verlegenheitslösungen, der beständigen Anpassung angesichts eines Chaoses, das droht die Wirtschaft zu zerstören. Die Welt, die sich die Wissenschaft ausmalt – die, von der sie behauptet, sie sei real, während sie versucht, sie durch qualvolle technologische Sklaverei und Tortur zu erschaffen – ist eine ökonomisierte Welt, und solch eine Welt ist eine trocken gelegte Welt, ohne Staunen, Freude und Leidenschaft, entwässert von allem, das sich nicht messen lässt, von allem, das über sich keine Bilanz erstellen wird.

Folglich ist der Kampf gegen den Kapitalismus der Kampf gegen die moderne Wissenschaft, der Kampf gegen ein System, das danach strebt, die Welt nur in Form von messbaren Ressourcen kennenzulernen, die einen Preis haben, in Form von austauschbaren Teilchen mit einem bestimmten ökonomischen Wert. Für jene von uns, die die Welt leidenschaftlich kennen lernen wollen, mit einem Sinn fürs Staunen, sind andere Formen der Wissensaneignung essenziell, Formen, die nicht auf Herrschaft abzielen, sondern auf Vergnügen und Abenteuer. Dass es möglich ist, das Universum auf andere Weise zu studieren und zu erforschen als auf die der modernen Wissenschaft, wurde oft genug bewiesen, durch die Überlegungen einiger Naturphilosophen im antiken Griechenland, durch das Wissen, das polynesische Seefahrer über das Meer haben, durch die Liedzeilen der australischen Aborigines und durch die besten Entdeckungen einiger Alchemist_innen und Ketzer·innen wie Giordano Bruno. Aber ich interessiere mich nicht für Vorbilder, sondern für das Eröffnen von Möglichkeiten, das Sich öffnen für Beziehungen mit der Welt um uns herum, die maßlos sind – und die Vergangenheit eröffnet nie etwas; bestenfalls zeugt sie davon, dass das, was existiert, nicht unvermeidlich ist. Eine bewusste Revolte jener, die sich nicht mäßigen lassen, könnte eine Welt voller Möglichkeiten eröffnen. Das ist ein Risiko, das sich einzugehen lohnt.

Übersetzung aus dem Englischen: Wolfi Landstreicher. A Balanced Account of the World: A Critical Look at the Scientific Worldview in Killing King Abacus Anthology.

Zahl: Ihr Urspung und ihre Evolution

Der zerreißende und demoralisierende Charakter der Krise, in der wir uns befinden, vor allem der wachsenden Leere des Geistes und der Künstlichkeit der Materie, führen uns mehr und mehr dazu, die alltäglichsten »Gegebenheiten« zu hinterfragen. Zeit und Sprache beginnen Argwohn zu erregen und auch die Zahl scheint nicht länger »neutral« zu sein. Die Blendung der Entfremdung in der technologischen Zivilisation ist zu schmerzhaft grell. um ihr Wesen noch zu verbergen und die Mathematik ist das Schema der Technologie.

Sie ist auch die Sprache der Wissenschaft – wie tief müssen wir graben, wie weit müssen wir zurückgehen, um die »Ursprünge« des beschädigten Lebens zu enthüllen? Der verworrene Strang des unnötigen Leidens, die Stränge der Herrschaft, werden durch den Druck einer unerbittlichen Gegenwart unvermeidbar abgespult.

Wenn wir fragen, auf welche Art von Fragen die Antwort eine Zahl ist und versuchen uns auf die Bedeutung von oder die Gründe für das Aufkommen des Quantitativen zu fokussieren, blicken wir wieder einmal auf ein ausschlaggebendes Moment unserer Entfremdung von einem natürlichen Dasein.

Zahl sagt, wie die Sprache, immer das, was sie nicht sagen kann. Als Wurzel einer bestimten Art der Logik oder Methode ist die Mathematik nicht bloß ein Werkzeug, sondern ein Ziel wissenschaftlichen Wissens: absolut exakt, absolut in sich stimmig und absolut allgemeingültig zu sein. Auch wenn die Welt unexakt, in Wechselbeziehung stehend und spezifisch ist, und keine*r je zwei Blätter, Bäume, Wolken, Tiere gesehen hat, die exakt gleich sind, ebenso wie kein Moment dem anderen gleich ist. Dingle reflektierte über die Vorherrschaft des Konzepts der Identität in der Mathematik und ihrem Sprössling, der Wissenschaft: »Alles, was einer*m die ultimative wissenschaftliche Analyse der materiellen Welt geben kann, ist eine Reihe von Zahlen.«

Ein wenig weitergehend will ich eine »Anthropologie« der Zahlen entwerfen und ihre soziale Einbettung erkunden. Horkheimer und Adorno verweisen auf die Grundlage der Krankheit: »Noch die deduktive Form der Wissenschaft spiegelt Hierarchie und Zwang. […] die gesamte logische Ordnung, Abhängigkeit, Verkettung, Umgreifen und Zusammenschluß der Begriffe [gründet] in den entsprechenden Verhältnissen der sozialen Wirklichkeit« – die die Arbeitsteilung ist.

Wenn die mathematische Realität die absolut formale Struktur des Normativen oder des Standardisierungs-Maßes (und später der Wissenschaft) ist, war das erste, das jemals gemessen wurde, die Zeit. Die grundlegende Verbindung zwischen Zeit und Zahl ist auf den ersten Blick offensichtlich. Die erstmals durch die Zeit vergegenständlichte Autorität wurde durch das allmähliche mathematisierte Bewusstsein der Zeit verfestigt. Oder etwas anders ausgedrückt: Die Zeit ist ein Maß und existiert als Vergegenständlichung oder Materialität dank der Einführung von Maßen.

Die Bedeutung der Symbolisierung sollte nebenbei ebenfalls bemerkt werden, da eine weitere Wechselbeziehung aus der Tatsache resultiert, dass weil das grundlegende Element jeder Messung die symbolische Repräsentation ist, die Schaffung einer symbolischen Welt die Voraussetzung für die Existenz der Zeit ist.

Zu erkennen, dass die Repräsentation mit der Sprache beginnt, die diese durch die Schaffung einer reproduzierbaren formalen Struktur verwirklicht, bedeutet auch die fundamentale Verknüpfung zwischen Sprache und Zahl zu verstehen. Eine verarmte Gegenwart, in der die Sprache zunehmend mehr verkümmert, macht es leicht zu erkennen, dass die Mathematik schlicht die reduzierteste und ausgetrocknetste Sprache ist. Der letzte Schritt der Formalisierung einer Sprache besteht darin, sie in Mathematik zu verwandeln; oder umgekehrt: je näher Sprache an die dichten Verschmelzungen der Realität herankommt, desto weniger abstrakt und exakt kann sie sein.

Die Symbolisierung des Lebens und der Bedeutung ist in der Sprache am gewandtesten, die Wittgenstein in seinem Spätwerk als buchstäblich die Welt konstituierend beschreibt. Weiterhin basiert die Sprache, wie wir sie kennen, auf dem symbolischen Vermögen, gewöhnliche und beliebige Vergleiche zu ziehen und findet darin in der Mathematik ihre größte Verfeinerung. Max Black beurteilt die Mathematik als die »Grammatik aller symbolischen Systeme«.

Der Zweck des mathematischen Aspekts von Sprache und Vorstellung ist die vollständigere Abgrenzung der Vorstellung von den Sinnen. Mathematik ist das Paradigma des abstrakten Denkens, weshalb Levy bloße Mathematik »die Methode der Isolation auf höchster Ebene« genannt hat. Eng damit verbunden sind ihre Eigenschaften der »enormen Universalität«, wie von Parsons diskutiert und ihre Verweigerung der Grenzen dieser Universalität, wie Whitehead ausführte.

Dieser Abstraktionsprozess und seine formalen, universellen Ergebnisse schaffen einen Gehalt, der vollständig vom denkenden Individuum entkoppelt zu sein scheint; der*die Nutzer*in eines mathematischen Systems und seine*ihre Werte fließen nicht in das System ein. Die hegelianische Vorstellung der Verselbstständigung entfremdeter Aktivitäten findet in der Mathematik ihre ideale Entsprechung; sie besitzt eigene Gesetze des Wachstums, ihre eigene Dialektik und steht als eine separate Macht über dem Individuum. Eine selbst existierende Zeit und die erste Entfernung der Menschheit von der Natur, muss man vorläufig hinzufügen, begannen in dem Moment aufzukommen, in dem wir erstmals anfingen zu zählen. Dadurch wurde die Beherrschung der Natur und folglich auch die des Menschen ermöglicht.

In der Abstraktion liegt die Wahrheit von Heytings Schlussfolgerung, dass »es am Charakter des mathematischen Denkens liegt, dass es keinerlei Wahrheit über die äußere Welt transportiert«. Die grundlegende Einstellung der Mathematik gegenüber dem gesamten farbenfrohen Verlauf des Lebens wird durch Folgendes zusammengefasst: »Setze dies und das mit diesem und jenem gleich!« Abstraktion und die Äquivalenz von Identität sind voneinander untrennbar; die Unterdrückung des Reichtums der Welt, die für die Identität Priorität hat, brachte Adorno zu seiner »Urwelt der Ideologie«. Die Unwahrheit der Identität ist schlicht, dass das Konzept nicht den betrachteten Gegenstand erschöpft.

Die Mathematik ist eine verdinglichte, ritualisierte Denkweise, der buchstäbliche Verzicht auf das Denken. Foucault drückte das folgendermaßen aus: »In der ersten Gebärde des ersten Mathematikers konnte man die Konstitution eines Idealzustands beobachten, der sich seither durch die gesamte Geschichte gezogen hat und nur danach strebte, wiederholt und reiner gemacht zu werden.«

Die Zahl ist die folgenschwerste Idee in der Geschichte der menschlichen Natur. Nummerierung oder Zählen (und Messung, der Prozess, in dem Zahlen Qualitäten zugewiesen werden) verfestigte Pluralität schrittweise als Quantifizierung und erzeugte dadurch den homogenen und abstrakten Charakter der Zahl, der die Mathematik möglich machte. Von ihrem Beginn als elementare Formen des Zählens (beginnend mit einer Zweiteilung und fortgesetzt mit dem Gebrauch von Fingern und Zehen als Basen) bis zur griechischen Idealisierung der Zahl entwickelte sich eine zunehmend abstrakte Art des Denkens, die parallel zur Reifung des Konzepts der Zeit verlief. Wie William James sagt, »das intellektuelle Leben des Menschen besteht beinahe vollständig aus der Substitution der empfundenen Ordnung, aus der seine Erfahrungen stammen, mit einer konzeptionellen Ordnung.«

Boas folgerte, dass »das Zählen erst notwendig wurde, als die Objekte in einer so verallgemeinerten Art und Weise begriffen wurden, dass ihre Einzigartigkeiten völlig aus dem Blickfeld verschwunden waren.« Mit der wachsenden Zivilisation haben wir gelernt zunehmend abstrakte Zeichen zu verwenden, um auf zunehmend abstraktere Referenten zu verweisen. Auf der anderen Seite besaßen prähistorische Sprachen eine Vielzahl an Begriffen für das Gefühl und das Empfinden, während sie oft keine Zahlwörter außer eins, zwei und viele besaßen. Die Jäger*innen/Sammler*innen-Menschheit hatte kaum, wenn nicht gar keinen Gebrauch für Zahlen, weshalb Hallpike verkündete, dass »wir nicht erwarten könnten, dass eine funktionierende Vorstellung von Quantifizierung eine kulturelle Norm in vielen primitiven Gesellschaften wäre«. Viel früher und wesentlich ungehobelter verwies Allier auf »die von unzivilisierten Menschen empfundene Abscheu gegenüber jeder genuinen intellektuellen Anstrengung, ganz besonders hinsichtlich der Arithmetik«.

Tatsächlich gab es entlang des langen Weges hin zur Abstraktion, von einem intuitiven Sinn für Mengen über den Gebrauch verschiedener Mengen an Zahlwörtern, um verschiedene Arten von Dingen zu zählen, bis hin zur vollkommen abstrahierten Zahl, einen immensen Widerstand, da die beinhaltete Objektifizierung gewissermaßen als das gesehen wurde, was sie war. Das erscheint angesichts der auffallenden einheitlichen Schönheit von Werkzeugen unserer Vorfahren vor rund einer halben Million Jahren, in denen das unmittelbare künstlerische und technische (auf der Suche nach einem besseren Wort) Vermögen so offensichtlich ist, und angesichts von »jüngsten Studien, die die mentalen Fähigkeiten der Menschen von vor rund 300.000 Jahren als den unseren ebenbürtig beweisen«, wie es der britische Archäologe Clive Gamble ausdrückt, weniger unplausibel.

Basierend auf der Beobachtung überlebender Stammesmenschen ist es offensichtlich, um ein weiteres Argument vorzutragen, dass Jäger*innen/Sammler*innen ein enormes und intimes Verständnis für Natur und Ökologie ihrer Umgebungen hatten, das ausreichend dafür gewesen wäre, Landwirtschaft vielleicht schon hunderttausende Jahre vor der neolithischen Revolution einzuführen. Aber dafür war eine neue Art von Beziehung zur Natur erforderlich, eine, die offensichtlich von so vielen, vielen Generationen verweigert wurde.

Für uns schien es ein großer Vorteil zu sein, die natürlichen Beziehungen der Dinge zu abstrahieren, während über die gesamte Steinzeit hinweg das Wesen als Ganzes begriffen und geschätzt wurde, nicht hinsichtlich separierbarer Eigenschaften. Wenn sich heute, ebenso wie jemals zuvor, eine große Familie zum Abendessen niederlässt und bemerkt wird, dass eine*r fehlt, dann wird das nicht durch Zählen erreicht. Oder wenn in prähistorischen Zeiten eine Hütte errichtet wurde, wurde die Zahl der erforderlichen Pfosten weder spezifiziert noch gezählt, stattdessen waren sie der Vorstellung der Hütte inhärent, waren wesensmäßig in ihr enthalten. (Selbst in der frühen Landwirtschaft konnte der Verlust eines Herdentieres nicht durch Zählen festgestellt werden, sondern weil man ein bestimmtes Gesicht oder eine bestimmte, charakteristische Eigenschaft vermisste; es erscheint jedoch klar zu sein, wie Bryan Morgan argumentiert, dass »der erste Gebrauch eines Zahlensystems durch die Menschen« sicherlich in der Kontrolle domestizierter Herdentiere bestand, da wilde Kreaturen zu Produkten wurden, die man erntete.) Der Kern der Mathematik liegt in der Entfremdung und Abtrennung: die diskursive Reduktion von Mustern, Zuständen und Beziehungen, die wir ursprünglich als Ganzes begriffen haben.

Im Aufkommen von Steuerelementen, die auf die Kontrolle dessen, was frei und unkontrolliert ist, abzielen, wie es sich durch frühes Zählen herauskristallisiert, können wir eine neue Einstellung gegenüber der Welt beobachten. Wenn Benennung eine Entfremdung ist, eine Beherrschung, dann ist es auch die Zahl, die eine verarmte Benennung ist. Da die Nummerierung eine Konsequenz der Sprache ist, ist sie ein Zeichen für einen kritischen Durchbruch der Entfremdung. Die Ursprungsbedeutungen von Zahl [number] sind erhellend: »etwas, das schnell begriffen oder angeeignet werden kann« und »etwas nehmen, besonders etwas stehlen«, sowie »genommen, ergriffen, und deshalb … gefühllos [numb]«. Was zu einem Objekt der Herrschaft gemacht wurde und daher verdinglicht wurde, wird taub.

Hunderttausende von Jahre lang genossen Jäger*innen/Sammler*innen einen direkten, unbeeinträchtigten Zugang zu den Rohmaterialien, die sie für ihr Überleben benötigten. Es gab keine Arbeitsteilung und auch kein Privateigentum. Dorothy Lee fokussierte sich auf ein überlebendes Beispiel aus Ozeanien und kam zu dem Ergebnis, dass sich keine der Aktivitäten der Trobriander in eine lineare, einteilbare Zeit einfügte. »Es gibt keine Aufgabe, keine Arbeit, keine Plackerei, die ihre Entlohnung außerhalb des Akts selbst entfaltet.« Ebenso wichtig ist die »Verschwendungssucht«, »die großzügigen Bräuche, für die Jäger*innen zu Recht berühmt sind«, »ihre Neigung, ein Festmahl aus allem zu machen, was sie haben«, wie Sahlins sagt.

Teilen und Zählen oder auch Tausch sind natürlich relative Gegensätze. Wo für den heimischen Gebrauch anstatt für den Tausch Waren hergestellt, Tiere getötet oder Pflanzen gesammelt werden, gibt es keinen Bedarf an standardisierten Zahlen oder Messungen. Maß- und Wiegeinstrumente entwickeln sich später, zusammen mit der Messung und Definition von Eigentumsrechten und Pflichten gegenüber der Autorität. Issac verortet einen entscheidenden Wandel hin zur Standardisierung von Werkzeugen und Sprache in der Periode des Jungpaläolithikums, der letzten Entwicklungsstufe der Jäger*innen/Sammler*innen-Menschheit. Zahlen und weniger abstrakte Maßeinheiten leiten sich, wie zuvor bemerkt, aus der Gleichmachung von Unterschieden ab. Der früheste Tausch, was das Gleiche wie die früheste Arbeitsteilung ist, war unbestimmt und trotzte der Systematisierung; Eine Tabelle von Äquivalenzen ließ sich nicht wirklich aufstellen. Als das Überwiegen von Geschenken dem Fortschritt des Tauschs und der Arbeitsteilung weicht, findet die universelle Austauschbarkeit der Mathematik ihren konkreten Ausdruck. Was als Prinzip der Gerechtigkeit festgesetzt wird – die Ideologie des gleichwertigen Tauschs –, ist nichts anderes als die Praxis der Herrschaft der Arbeitsteilung. Das Fehlen einer unmittelbar gelebten Existenz, der Verlust der Autonomie, der die Trennung von der Natur begleitet, sind die Begleiterscheinungen der effektiven Macht der Spezialisierung.

Mauss behauptete, dass Tausch nur von allen Institutionen einer Gesellschaft definiert werden kann. Dekaden später begriff Belshaw die Arbeitsteilung nicht bloß als einen Teilbereich der Gesellschaft, sondern als die ganze Gesellschaft. Ähnlich dramatisch, aber realistisch ist die Schlussfolgerung, dass eine Welt ohne Tausch oder die Bemühung, sie in Teile zu zerlegen, eine Welt ohne Zahlen wäre.

Clastres und Childe erkannten unter anderen vor ihnen, dass die Fähigkeit der Menschen, einen Überschuss zu produzieren, nicht notwendigerweise die Basis für Tausch bedeutete, sondern dass sich sich dafür entschieden, es auch zu tun. Ausgehend von der ohnehin verbreiteten Sichtweise, dass nur mentale/kulturelle Unzulänglichkeiten für das Fehlen von Überschüssen verantwortlich waren, »könnte der Irrtum nicht größer sein«, urteilte Clastres. Für Sahlins war die »Steinzeitökonomie in ihrem Wesen ein Anti-Überschuss System«, den Begriff sehr weit fassend. Lange Zeit hatten die Menschen keinerlei Verlangen nach den zweifelhaften Entlohnungen, die mit einer Umsetzung eines geteilten Lebens einhergingen, ebenso wie sie keinerlei Interesse an Zahlen hatten. Überschüsse von irgendetwas anzuhäufen war offensichtlich fremd, ehe die Zeiten des Neanderthalers in die Zeit des Cromagnonmenschen übergingen; ausgedehnte Handelsverträge, wie sie schließlich mit der Cromagnonmensch-Gesellschaft üblich wurden, gab es in der früheren Periode nicht.

Überschuss wurde erst mit der Landwirtschaft vollständig entwickelt und charakteristischerweise ist die hauptsächliche technische Entwicklung des neolithischen Lebens die Perfektion des Gefäßes: Krüge, Kästen, Kornspeicher, und ähnliches. Diese Entwicklung gibt auch einer aufkeimenden Tendenz hin zur Verräumlichung ihre konkrete Form, der Sublimation einer zunehmend unabhängigen Dimension der Zeit in räumliche Formen. Abstraktion, vielleicht die erste Verräumlichung, war die erste Kompensation für den Verlust, der von dem Sinn für die Zeit verursacht wurde. Die Verräumlichung wurde durch die Zahl und die Geometrie massiv kultiviert. Ricœur bemerkt, dass »Unendlichkeit entdeckt wird… in Form der Idealisierung von Größen, Maßen, Zahlen und Figuren«, um das noch weiter zu treiben. Die Suche nach unbeschränkter Verräumlichung ist fester Bestandteil des abstrakten Vormarschs der Mathematik. Ebenso wie das Gefühl, von der Welt, ja von der Endlichkeit befreit zu sein, das Hannah Arendt in der Mathematik sah.

Mathematische Prinzipien und ihre Bestandteile, Zahlen und Werte scheinen eine Zeitlosigkeit zu veranschaulichen, die möglicherweise ihre tiefsitzendste Eigenschaft ausmacht. Hermann Weyl nannte das in dem Versuch, die »Lebenssumme der Mathematik« aufzusummieren (Wortspiel nicht beabsichtigt [auf Deutsch schon, Anm. d. Übers.]), die Wissenschaft des Unendlichen. Wie ließe sich eine Flucht vor einer verdinglichten Zeit besser ausdrücken als dadurch, sie unendlich dem Raum unterzuordnen – in Form der Mathematik.

Verräumlichung – wie Mathematik – basiert auf Abtrennung; ihr sind Teilung und eine Organisierung dieser Teilung wesentlich. Die Einteilung der Zeit in Teile (was das erste Zählen oder Messen gewesen zu sein scheint) ist in sich selbst räumlich. Zeit wurde immer auf diese Art und Weise gemessen, als Bewegung der Erde oder des Mondes oder der Zeiger einer Uhr. Die ersten Zeitangaben waren nicht numerisch, sondern konkret, so wie jedes früheste Zählen. Dennoch wird, wie wir wissen, ein Zahlensystem, das sich parallel zur Zeit entwickelt, ein separates, unveränderliches Prinzip. Die Abtrennungen im sozialen Leben – vor allem die Arbeitsteilung – scheinen alleine verantwortlich für die Zunahme entfremdender Konzeptualisierung zu sein.

Tatsächlich können zwei bedeutende mathematische Erfindungen, die Null und das Koordinatensystem, als kultureller Beweis für die Arbeitsteilung angesehen werden. Null und das Koordinatensystem bzw. die Position kamen unabhängig voneinander »gegen beachtlichen psychologischen Widerstand« in den Zivilisationen der Maya und der Hindu auf. Die Arbeitsteilung der Maya, die von einer enormen sozialen Schichtung (ganz abgesehen von einer notorische Obsession für Zeit und groß angelegten Menschenopfern durch eine mächtige Priesterklasse) begleitet wurde, ist ein anschaulich dokumentiertes Ereignis, während die Arbeitsteilung, die sich im indischen Kastensystem spiegelt, »die komplexeste ist, die die Welt vor der industriellen Revolution kannte«. (Coon 1954)

Die Erforderlichkeit von Arbeit (Marx) und die Erforderlichkeit von Verdrängung/Unterdrückung [repression] (Freud) tragen zur gleichen Sache bei: Zivilisation. Diese falschen Gebote wendeten die Menschheit von der Natur ab und legen Rechenschaft über eine Geschichte als eine »kontinuierlich verlängerte Chronik der Massenneurose« (Turner 1980) ab. Freud bewertet wissenschaftlich/mathematische Errungenschaften als höchsten Ausdruck der Zivilisation und dies scheint hinsichtlich der Funktion ihrer symbolischen Natur richtig zu ein. »Der neurotische Prozess ist der Preis, den wir für unser kostbarstes menschliches Erbe, nämlich unsere Fähigkeit Erfahrungen zu repräsentieren und unsere Gedanken mithilfe von Symbolen auszudrücken, bezahlen.«

Der Dreiklang aus Symbolisierung, Arbeit und Verdrängung/Unterdrückung findet in der Arbeitsteilung sein Funktionsprinzip. Deshalb wurde vor dem großen Anstieg der Arbeitsteilung und der neolithischen Revolution nur so wenig Fortschritt bei der Akzeptanz numerischer Werte erreicht: vom Essensammeln bis zu seiner tatsächlichen Produktion. Mit diesem massiven Umschwung wurde die Mathematik endgültig etabliert und notwendig. Tatsächlich wurde sie zu einer Kategorie der Existenz, nicht nur zu einem reinen Instrument.

Der Historiker Herodot aus dem fünften Jahrhundert vor Christus schrieb den Ursprung der Mathematik dem ägyptischen König Sesostris (1300 v. Chr.) zu, der das Land zu Zwecken der Besteuerung vermessen musste. Die systematisierte Mathematik – in diesem Fall die Geometrie, was wörtlich »Landvermessung« bedeutet – kam tatsächlich durch die Anforderungen der politischen Ökonomie auf, allerdings etwa 2000 Jahre vor Sesostris Ägypten. Der Nahrungsmittelüberschuss der neolithischen Zivilisation machte die Entstehung spezialisierter Klassen von Priestern und Verwaltern möglich, die etwa 3200 v. Chr. das Alphabet, die Mathematik, die Schrift und den Kalender erschufen. In Sumerien tauchten die ersten mathematischen Berechnungen zwischen 3500 und 3000 v. Chr. auf, in Form von Bestandsaufnahmen, Verkaufsurkunden, Verträgen und den zugehörigen Stückpreisen, bezahlten Mengen, Zinszahlungen, usw. Wie Bernal hervorhebt, »entstand die Mathematik oder zumindest die Arithmetik sogar vor der Schrift«. Die Zahlsymbole sind aller Wahrscheinlichkeit nach älter als alle andere Elemente der ältesten Formen der Schrift.

An diesem Punkt wird die Herrschaft über die Natur und Menschheit nicht nur durch Mathematik und Schrift signalisiert, sondern auch durch die von Mauern umgebene, mit Getreidelagern versehene Stadt, zusammen mit Krieg und menschlicher Sklaverei. »Soziale Arbeit« (Arbeitsteilung), die gleichzeitige, erzwungene Koordination verschiedener Arbeiter*innen wird von den alten, persönlichen Maßen vereitelt; Längen, Gewichte, Volumina müssen standardisiert werden. In dieser Standardisierung, eines der Kennzeichen von Zivilisation, gehen mathematische Exaktheit und spezialisierte Fähigkeiten miteinander Hand in Hand. Mathematik und Spezialisierung benötigten einander, entwickelten sich schnell und die Mathematik wurde selbst zu einer Spezialisierung. Die großen Handelsrouten, die den Triumph der Arbeitsteilung ausdrücken, verbreiteten die neuen, verfeinerten Techniken des Zählens, Messens und der Berechnung.

In Babylon erfanden zwischen 3000 und 2500 v. Chr. kaufmännische Mathematiker eine umfangreiche Arithmetik, deren System »als abstrakte Wissenschaft des Rechnens um 2000 v. Chr. vollständig ausdifferenziert war« (Brainerd 1979). In den folgenden Jahrhunderten erfanden die Babylonier sogar eine symbolische Algebra, auch wenn die babylonisch-ägyptische Mathematik allgemein als sehr empirisch gilt, im Vergleich zur viel späteren griechischen.

Für die Ägypter und Babylonier hatten mathematische Werte konkrete Referenten: Algebra war eine Hilfe für kaufmännische Transaktionen, ein Rechteck war ein Stück Land in einer bestimmten Form. Die Griechen jedoch versicherten explizit, dass sich die Geometrie mit Abstraktionen beschäftige, und diese Entwicklung spiegelt eine extreme Form der Arbeitsteilung und der sozialen Schichtung wider. Anders als die ägyptische und babylonische Gesellschaft verrichtete in Griechenland eine große Klasse an Sklav*innen alle produktive Arbeit, sowohl technische als auch ungelernte, so dass das Millieu der herrschenden Klasse, das die Mathematiker beinhaltete, praktische Betätigung oder Anwendung verachtete.

Pythagoras, mehr oder weniger der Gründer der griechischen Mathematik (6. Jahrhundert v. Chr.), dürckte diese exklusive Tendenz deutlich aus. Für ihn waren Zahlen unveränderlich und ewig. Indem er den platonischen Idealismus vorwegnahm, erklärte er, dass Zahlen der erkennbare Schlüssel zum Universum seien. Üblicherweise als „Alles ist Zahl“ wiedergegeben, vertrat die pythagoräische Philosophie, dass Zahlen buchstäblich existierten und quasi alles seien, das existiere.

Diese Form der mathematischen Philosophie mit der Extremität ihrer Suche nach Harmonie und Ordnung kann als eine tiefsitzende Angst vor Widerspruch oder Chaos betrachtet werden, als versteckte Bestätigung der massiven und möglicherweise labilen Verdrängung, die der griechischen Gesellschaft zugrunde lag. Ein künstliches, intellektuelles Leben, das so vollständig auf dem Überschuss beruhte, der von den Sklav*innen erzeugt wurde, gab sich große Mühe, die Sinne zu verleugnen, die Emotionen und die reale Welt. Griechische Skulpturen sind ein anderes Beispiel dafür, in ihrem abstrakten, ideologischen Konformismus, ohne jedes Gefühl oder eine Geschichte. Seine Figuren sind standardisierte Idealisierungen; die Parallele mit einem massiv übertriebenen Kult um Mathematik ist offensichtlich.

Die unabhängige Existenz der Ideen, was Platos Grundannahme ist, ist direkt von Pythagoras abgeleitet, ebenso wie seine ganze Theorie der Ideen aus dem besonderen Charakter der Mathematik entspringt. Geometrie ist eine geeignete Übung für einen körperlosen Intellekt, lehrte Plato, ganz im Geiste seiner Ansicht, dass die Realität eine Welt der Form ist, aus der die Materie in jeder relevanten Hinsicht verbannt ist. Der philosophische Idealismus wurde entsprechend aus dieser weltverleugnenden Verarmung geboren, basierend auf der Vorherrschaft des quantitativen Denkens. Wie C. I. Lewis beobachtete, »sind von Plato bis zum heutigen Tage alle großen epistemologischen Theorien von den begleitenden Vorstellungen der Mathematik dominiert oder vor ihrem Hintergrund formuliert«.

Es ist nicht weniger ein Versehen, dass Plato über die Tür seiner Akademie schrieb »Lasst nur Geometer eintreten«, als dass sein totalitärer Staat darauf beharrt, dass Jahre des mathematischen Trainings erforderlich seien, um die wichtigsten politischen und ethischen Fragen zu beantworten. Beständig hat er verneint, dass eine staatenlose Gesellschaft jemals existierte, indem er eine solche Vorstellung mit dem eines »Schweinestaates« identifizierte.

Durch die Systematisierung von Euklid im 3. Jahrhundert vor Christus, etwa ein Jahrhundert nach Plato, erreichte die Mathematik einen Höhepunkt, der beinahe zwei Jahrtausende lang unerreicht bleiben sollte; Der geistige Vordenker der sklavereibasierten und feudalen Gesellschaften, die folgten, war nicht Plato, sondern Aristoteles, der die vorherige, pythagoräische Reduktion der Wissenschaften auf die Mathematik kritisierte.

Die lange Nichtweiterentwicklung der Mathematik, die buchstäblich bis zum Ende der Renaissance andauerte, bleibt ein Rätsel. Aber der wachsende Handel begann die Kunst des Quantitativen im 12. und 13. Jahrhundert wiederzubeleben. Die unpersönliche Ordnung des Kontorhauses im neuen Handelskapitalismus veranschaulichte eine erneuerte Konzentration auf abstrakte Messung. Mumford betont die mathematischen Voraussetzungen einer späteren Mechanisierung und Stardardisierung; in der aufsteigenden Handelswelt »begann man Zahlen zu zählen und am Ende zählten nur noch Zahlen« (Mumford 1967).

Aber die Überzeugung der Renaissance, dass die Mathematik auf alle Künste angewendet werden solle (ganz zu schweigen von früheren und atypischen Vorläufern wie Roger Bacons Beitrag aus dem 13. Jahrhundert für eine strikt mathematische Optik), war ein milder Auftakt für den großen Triumph der Zahl im 17. Jahrhundert.

Auch wenn sie schon bald von anderen Fortschritten des 17. Jahrhunderts in den Schatten gestellt werden würden, enthüllten Johannes Kepler und Francis Bacon schon zu Beginn des Jahrhunderts seine beiden wichtigsten und eng verwandten Aspekte. Kepler, der den kopernikanischen Übergang zum heliozentrischen Modell vollendete, sah die reale Welt ausschließlich als aus quantitativen Unterschieden bestehend; ihre Unterschiede seien strikt die der Zahl. Bacon stellte in Das Neue Atlantis (ca. 1620) eine idealisierte wissenschaftliche Gemeinschaft dar, deren Hauptanliegen die Herrschaft über die Natur sei, oder wie Jaspers es ausdrückte, »Beherrschung der Natur … ›Wissen ist Macht‹, ist seit Bacon die Losung gewesen.«

Das Jahrhundert von Galileo und Descartes – beide herausragend unter denen, die all die vorherigen Formen der quantitativen Entfremdung vertieften und dadurch eine technologische Zukunft entwarfen – begann mit einem qualitativen Sprung in der Arbeitsteilung. Franz Borkenau lieferte den Schlüssel dafür, warum ein tiefgreifender Wandel in der westlichen Weltsicht im 17. Jahrhundert stattfand, ein Wandel hin zu einer fundamental mathematisch-mechanistischen Perspektive. Borkenau zufolge führte eine große Ausweitung der Arbeitsteilung beginnend ab etwa 1600 die Vorstellung von abstrakter Arbeit ein. Diese Verdinglichung der menschlichen Aktivität stellte sich als ausschlaggebend heraus.

Zusammen mit der Entwürdigung durch die Arbeit ist die Uhr die Basis des modernen Lebens, gleichermaßen »wissenschaftlich« in ihrer Reduktion des Lebens auf etwas Messbares durch die objektiven verdinglichten Einheiten der Zeit. Die zunehmend genauere und omnipräsentere Uhr erreichte im 17. Jahrhundert wahre Vorherrschaft, als entsprechend »die Meister der neuen Wissenschaften ein gieriges Interesse an horologischen Fragen entwickelten«.

Dementsprechend scheint es passend, Galileo vorzustellen, da dieser genau dieses starke Interesse an der Messung der Zeit hatte; seine Erfindung der ersten mechanischen Uhr basierend auf dem Prinzip des Pendels war zugleich ein passender Höhepunkt seiner langen Karriere. Ebenso wie eine zunehmend objektifizierte oder verdinglichte Zeit vielleicht auf höchster Ebene eine zunehmend entfremdete soziale Welt widerspiegelt, war es Galileos grundsätzliches Ziel, die Welt auf ein Objekt mathematischer Zergliederung zu reduzieren.

Einige Jahre vor dem 2. Weltkrieg und Auschwitz schrieb Husserl einen Text, in dem er die Ursprünge der gegenwärtigen Krise in dieser objektifizierenden Reduktion verortet und Galileo als einen ihrer Hauptverursacher benennt. Die Lebenswelt sei von der Wissenschaft genau so sehr »entwertet« worden, wie die »Mathematisierung der Natur«, die von Galileo begonnen worden war, vorangeschritten war – sicher keine geringfügige Anklage (Husserl 1970).

Ebenso wie für Kepler war die Mathematik auch für Galileo die »zugrundeliegende Grammatik des neuen philosophischen Diskurses, der die moderne wissenschaftliche Methode konstituierte«. Er drückte das Prinzip aus, »zu messen, was messbar ist und das, was es nicht ist, versuchen messbar zu machen«. Damit grub er die pythagoräisch-platonische Substitution der realen Welt durch eine Welt abstrakter mathematischer Beziehungen wieder aus, ebenso wie ihre Methode der absoluten Entsagung gegenüber dem Anspruch der Sinne, die Realität zu kennen. Indem er diese Abwendung von Qualitäten hin zu Quantitäten, diesen Kopfsprung in die Schattenwelt der Abstraktionen beobachtete, folgerte Husserl, dass die moderne mathematische Wissenschaft uns davon abhält, das Leben zu kennen, wie es ist. Und der Aufstieg der Wissenschaft hat immer mehr spezialisiertes Wissen befeuert, diesen überwältigenden und einsperrenden Fortschritt, der heute so wohlbekannt ist.

Collingwood nannte Galileo wegen des Erfolgs seines Diktums, das das Buch der Natur »in mathematischer Sprache geschrieben sei« und der Konsequenz, dass daher die »Mathematik die Sprache der Wissenschaft« sei, »den wahren Vater der modernen Wissenschaft«. Wegen dieser Trennung von der Natur folgerte Gillispie: »Nach Galileo kann die Wissenschaft nicht länger menschlich sein.«

Es erscheint äußerst passend, dass der Mathematiker, der Geometrie und Algebra zusammenführte, um die analytische Geometrie (1637) zu begründen und der, mit Pascal, als Erfinder der Infinitesimalrechnung gilt, die galileanische Mathematik zu einem neuen Denksystem formte. Die These, dass die Welt auf eine Art und Weise organisiert sei, dass es einen totalen Bruch zwischen den Menschen und der natürlichen Welt gäbe, was als totale und triumphale Weltsicht erdacht wurde, ist die Basis für Descartes Ruhm als Begründer der modernen Philosophie. Grundlage seines neuen Systems, das berühmte »cogito ergo sum« [dt. etwa »Ich denke, also bin ich«] ist die Zuweisung wissenschaftlicher Gewissheit über die Trennung zwischen Verstand und dem Rest der Realität.

Dieser Dualismus lieferte ein entfremdetes Mittel, um nur eine absolut objektifizierte Natur zu sehen. Im Diskurs über die Methode erklärte Descartes, dass es Ziel der Wissenschaft sei »uns zu den Herren und Besitzern der Natur zu machen«. Obwohl er ein frommer Christ war, erneuerte Descartes die Entfernung vom Leben, die ein bereits schwindender Gott nicht länger wirksam legitimieren konnte. Als das Christentum schwächer wurde, trat eine neue zentrale Ideologie der Entfremdung in den Vordergrund, die Ordnung und Herrschaft basierend auf der mathematischen Präzision garantierte.

Für Descartes war das materielle Universum eine Maschine, nichts weiter, ebenso wie Tiere »tatsächlich nichts anderes als Motoren, oder Materie, die in eine anhaltende und geordnete Bewegung gebracht wurde«, seien. Er sah den Kosmos selbst als ein gigantisches Uhrwerk, zu einem Zeitpunkt, als die Illusion, dass Zeit ein separater, autonomer Prozess ist, gerade Fuß fasste. Ebenso wie die lebendige, lebhafte Natur starb, wurde totes, lebloses Geld mit Leben ausgestattet, da das Kapital und der Markt die Eigenschaften von organischen Prozessen und Zyklen annahmen. Schließlich eliminierte Descartes mathematische Vision alle unordentlichen, chaotischen oder lebendigen Elemente und mündete in eine begleitende, mechanische Weltsicht, die gleichzeitig mit einer Tendenz hin zu zentralisierter Regierungskontrolle und der Konzentration der Macht in Form des modernen Nationalstaats verlief. »Die Rationalisierung der Verwaltung und der natürlichen Ordnung traten zeitgleich auf«, um es in Merchants Worten zu sagen. Die totale Ordnung der Mathematik und seiner mechanischen Philosophie der Realität erwiesen sich als unaufhaltsam; Zur Zeit von Descartes Tod im Jahre 1650 war sie buchstäblich zum offiziellen Bezugsrahmen des Denkens überall in Europa geworden.

Leibniz, beinahe ein Zeitgenosse, verfeinerte und erweiterte die Arbeit von Descartes; die »prästabilierte Harmonie«, die er in der Existenz sah, ist ebenso in der Linie des pythagoräischen Denkens. Diese mathematische Harmonie, die Leibniz durch den Verweis auf zwei unabhängige Uhren veranschaulichte, erinnert an sein Diktum: »Dagegen gibt es nichts, das der Zahl nicht unterworfen wäre..« Ebenso wie Galileo und Descartes war auch Leibniz stark am Entwurf von Uhren interessiert.

In der binären Arithmetik, die er entwickelte, rief er ein Bild der Schöpfung hervor; er stellte sich vor, dass Eins Gott repräsentiere und Null das Nichts, dass Eins und Null alle Zahlen und jede Schöpfung ausdrückten. Er strebte danach, das Denken mithilfe einer formalen Infinitesimalrechnung zu mechanisieren, ein Projekt, dass er zu optimistisch auf fünf Jahre ansetzte. Sein Unterfangen bestand darin, Antworten auf alles zu liefern, inklusive auf Fragen der Moral und Metaphysik. Trotz dieses Fehlschlags war Leibniz vermutlich der Erste, der eine Theorie der Mathematik auf dem Fakt basieren ließ, dass sie eine universelle symbolische Sprache ist; er war mit Sicherheit der »erste große moderne Denker, der um den wahren Charakter des mathematischen Symbolismus wusste«.

Der englische Royalist Hobbes vertiefte das quantitative Modell der Realität, indem er die menschliche Seele, den Willen, das Gehirn und Appetit auf Materie auf mechanische Bewegung reduzierte und damit direkt zur heutigen Vorstellung des Denkens als »Output« des Gehirns als ein Computer beitrug.

Die vollständige Objektifizierung der Zeit, die uns bis heute erhalten geblieben ist, wurde von Isaac Newton erreicht, der die Funktionsweise des galileanisch-kartesischen Uhrwerk-Universums abbildete. Als Produkt der massiv unterdrückten puritanischen Weltanschauung, die sich darauf fokussierte, sexuelle Energie in brutale Arbeit zu sublimieren, sprach Newton von absoluter Zeit, »die gleichförmig dahinfließt, ohne Rücksicht auf irgendetwas Externes«. Geboren im Jahr 1642, dem Jahr, in dem Galileo starb, krönte Newton die wissenschaftliche Revolution des 17. Jahrhunders, indem er eine vollständige mathematische Formel der Natur als eine perfekte Maschine, eine perfekte Uhr, entwickelte.

Whitehead urteilte, dass »sich die Geschichte der Wissenschaft des 17. Jahrhunderts liest, als sei sie ein lebhafter Traum von Plato oder Pythagoras«, weil er die überraschend ausgefeilte Art seines quantitativen Denkens bemerkt. Wieder lohnt es sich auf den Zusammenhang mit einem Sprung in der Arbeitsteilung hinzuweisen; wie Hill das mittsiebzehnte Jahrhundert Englands beschreibt, »begann eine bedeutende Spezialisierung einzusetzen. Die letzten Universalgebildeten starben aus …« Die Lieder und Tänze der Bauern starben langsam aus und in einer beinahe buchstäblichen Mathematisierung wurden die Allmenden [common lands] stillgelegt und geteilt.

Das Wissen über die Natur war bis zu dieser Zeit Teil der Philosophie gewesen; die beiden trennten sich, als das Konzept der Herrschaft über die Natur endgültig seine moderne Form erreichte. Die Zahl, die einst aus der Abspaltung von der Natur entstanden war, endete darin, sie zu beschreiben und zu beherrschen.

Fontenelles Vorbemerkung zur Nützlichkeit der Mathematik und Physik (1702) feierte die Zentralität der Quantifizierung für die gesamte Bandbreite menschlicher Empfindsamkeit und trug damit zur Verfestigung der Durchbrüche des vorherigen Jahrhunderts im 18. Jahrhundert bei. Und wo Descartes versichert hatte, dass Tiere keinen Schmerz empfinden könnten, weil sie seelenlos seien, und dass der Mensch nicht ganz eine Maschine sei, weil er eine Seele habe, ging LeMetrie 1747 einen Schritt weiter und machte den Menschen in seinem L’Homme Machine vollständig mechanisch.

Bachs immense Leistungen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts warfen ebenfalls Licht auf den Geist der Mathematik, die ein Jahrhundert zuvor entfesselt worden war und halfen, die Kultur gemäß dieses Geistes zu formen. Im Hinblick auf die eher abstrakte Musik Bachs wurde gesagt, dass er »durch die Mathematik zu Gott sprach« (LeShan & Morgenau 1982). Zu dieser Zeit verlor die individuelle Stimme ihre Unabhängigkeit und Töne wurden nicht länger als gesungen verstanden, sondern als mechanische Konzeption. Bach behandelte die Musik als eine Art Mathematik und brachte sie von der Bühne der Vokalpolyphonie auf die der instrumentellen Harmonie, immer basierend auf einer einzigen, autonomen Stimme, die von Instrumenten gespielt wurde anstatt auf irgendetwas Variablem mit menschlichen Stimmen.

Später im Jahrhundert behauptete Kant, dass in jeder beliebigen Theorie immer nur so viel wahre Wissenschaft stecke wie Mathematik und widmete einen beachtlichen Teil seiner Kritik der reinen Vernunft einer Analyse der ultimativen Prinzipien der Geometrie und Arithmetik.

Descartes und Leibnitz strebten danach eine mathematische Wissenschaftsmethode als paradigmatischen Weg des Wissens zu etablieren und sahen die Möglichkeit einer einzigen universellen Sprache auf Basis empirischer Symbole, die die gesamte Philosophie enthalten könnte. Die Denker der Aufklärung des 18. Jahrhunderts arbeiteten tatsächlich daran, dieses Projekt zu verwirklichen. Condillac, Rousseau und andere waren auch besonders an den Ursprüngen interessiert – zum Beispiel an den Ursprüngen der Sprache; Ihr Ziel, das menschliche Verständnis zu erfassen, indem sie Sprache auf ihr ultimatives, mathematisiertes symbolisches Level führen, machte sie unfähig zu sehen, dass der Ursprung jeder Symbolisierung Entfremdung ist.

Symmetrisches Pflügen ist beinahe so alt wie Landwirtschaft selbst, ein Mittel, um einer ansonsten ordnungswidrigen Welt Ordnung aufzuerlegen. Aber dass die Landschaft des Ackerbaus durch lineare Formen einer zunehmenden mathematischen Regelmäßigkeit unterworfen wurde – inklusive der Beliebtheit geometrischer Gärten –, kann als ein weiteres Zeichen der mathematischen Vorherrschaft im 18. Jahrhundert ermessen werden.

In den frühen 1800ern jedoch protestierten die romantischen Poet*innen und Künstler*innen unter anderen gegen die neue Vision der Natur als Maschine. Blake, Goethe und John Constable zum Beispiel klagten die Wissenschaft an, die Welt in ein Uhrwerk zu verwandeln, mit der industriellen Revolution im Rücken, die reichlich Beweise für ihre Macht lieferte, organisches Leben zu zerstören.

Die Entwürdigung der Arbeit unter Textilarbeitern, die die wütenden Aufstände der englischen Ludditen während des zweiten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts hervorriefen, wurde durch solche automatisierten und verbilligten Produkte wie jene des jacquardschen Webstuhl verkörpert. Dieses französische Gerät repräsentierte nicht nur die Mechanisierung des Lebens und der Arbeit, die von den Umschwüngen des 17. Jahrhunderts entfesselt worden war, sondern inspirierte auch direkt die ersten Versuche eines modernen Computers. Die Entwürfe von Charles Babbage enthielten anders als die von Leibniz und Descartes sowohl Speicher als auch Recheneinheiten unter der Kontrolle von Programmen wie Lochkarten. Man kann sagen, dass die Ziele des Mathematikers Babbage und des Erfinder-Industriellen J. M. Jacquard auf der gleichen rationalistischen Reduktion menschlicher Aktivität auf die Maschine fußten, wie sie mit Beginn des Industrialismus boomte. Ganz in diesem Sinne lag der Schwerpunkt von Babbages mathematischer Arbeit auf dem Bedürfnis nach einer verbesserten Notation, um den Prozess der Symbolisierung weiter voranzutreiben, und so trug sein Prinzipien der Ökonomie zur Entstehung des modernen Managements bei – und brachte ihm zeitgenössische Berühmtheit, weil er Londoner »Missstände« wie etwa Straßenmusiker anprangerte!

Parallel zum vollständigen Angriff des industriellen Kapitalismus und der außerordentlichen Beschleunigung der Arbeitsteilung, die er mit sich brachte, gab es markante Fortschritte in der mathematischen Entwicklung. Whitehead zufolge »machte die reine Mathematik während des 19. Jahrhunders bereits beinahe so viel Fortschritte wie während der vorangegangenen Jahrhunderte seit Pythagoras.«

Die nicht-euklidsche Geometrie von Bolyai, Lobachevski, Riemann und Klein muss ebenso erwähnt werden wie die moderne Algebra von Boole, die allgemein als die Grundlage der symbolischen Logik gilt. Boolsche Algebra machte eine neue Stufe des formalisierten Denkens möglich, während ihr Gründer über »das menschliche Gehirn … als Instrument der Eroberung und Herrschaft über die Mächte der umgebenden Natur« (Boole 1952) nachsann und dabei unbedacht die Überlegenheit, die der mathematisierte Kapitalismus in den Mitt-1800ern erlangt hatte widerspiegelte. (Obwohl der Spezialist von der herrschenden Kultur nur selten für seine »reine« Kreativität bemängelt wird, beobachtete Adorno gewandt, dass »die resolute Unkenntnis des Mathematikers die Verbindung zwischen Arbeitsteilung und ›Reinheit‹ bezeugt.«)

Wenn Mathematik verarmte Sprache ist, kann sie also als die gereifte Form dieses sterilen Zwangs betrachtet werden, der als formale Logik bekannt ist. Betrand Russell bestimmte tatsächlich, dass Mathematik und Logik eins geworden waren. Indem sie die unverlässliche, alltägliche Sprache verwarfen, glaubten Russell, Frege und andere, dass in der weiteren Degradierung und Reduktion der Sprache die wahre Hoffnung auf einen »Fortschritt in der Philosophie« läge.

Das Ziel eine Logik auf mathematischer Grundlage zu etablieren, war mit einer noch ambitionierteren Anstrengung gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbunden, der der Etablierung der Grundlagen der Mathematik selbst. Während der Kapitalismus damit fortfuhr, die Realität nach seinem eigenen Bilde neu zu definieren, und begierig wurde, seine Grundlagen zu sichern, dachte die »logische« Ebene der Mathematik im 19. und frühen 20. Jahrhundert, beflügelt von neuen Triumphen, dasselbe. David Hilberts Theorie des Formalismus, einer dieser Versuche Widersprüche oder Fehler zu verbannen, zielte explizit auf die Absicherung »der Staatsmacht der Mathematik für alle Zeiten vor allen ›Rebellionen‹«“ ab.

Unterdessen schien die Zahl auch ganz gut ohne die philosophischen Untermauerungen zurechtzukommen. Lord Kelvins Erklärung im späten 19. Jahrhundert, dass wir nichts wirklich wissen, außer wenn wir es messen, verriet ein überschwängliches Selbstvertrauen, ebenso wie Frederick Taylors wissenschaftliches Management dabei war, die Quantifizierungsfront der industriellen Verwaltung weiter in Richtung der Unterwerfung des Individuums unter die leblosen newtonschen Kategorien von Zeit und Raum zu führen.

Wo wir von letzterem sprechen. Capra hat behauptet, dass die Relativitätstheorie und die Quantenphysik, die zwischen 1905 und den späten 1920ern entwickelt wurden, »alle grundlegenden Konzepte der kartesischen Weltanschauung und der newtonschen Mechanik erschüttert« haben. Aber die Relativitätstheorie ist sicherlich ein mathematischer Formalismus und Einstein suchte nach einer vereinheitlichten Feldtheorie, indem er die Physik geometrisierte, so dass ein Erfolg es ihm ermöglicht hätte, wie Descartes zu sagen, dass seine gesamte Physik nichts anderes als Geometrie wäre. Dass das Messen von Zeit und Raum (oder »Raumzeit«) eine relative Angelegenheit ist, ändert kaum etwas daran, dass Messung der Kern des Ganzen ist. Im Herzen der Quantentheorie steht sicherlich die heisenbergsche Unschärferelation, die Quantifizierung nicht widerlegt, sondern eher die Grenzen der klassischen Physik auf eine ausgeklügelte mathematische Weise ausdrückt. Gillespie formulierte prägnant, dass die kartesisch-newtonsche Physik »eine Anwendung der euklidschen Geometrie auf den Raum, die allgemeine Relativitätstheorie eine Verräumlichung von Riemanns gekrümmter Geometrie und die Quantenmechanik eine Naturalisierung statistischer Wahrscheinlichkeit ist«. Noch prägnanter: »Die Natur ist sowohl vor als auch nach der Quantentheorie das, was mathematisch begriffen werden muss.«

Während der ersten drei Dekaden des 20. Jahrhunderts schreiten zudem die großen Versuche von Russell & Whitehead, Hilbert, et al., eine vollständig unproblematische Basis für das ganze Gedankengebäude der Mathematik zu bilden, auf die zuvor verwiesen wurde, mit großem Optimismus voran. Aber 1931 zerschmettert Kurt Gödel diese großen Hoffnungen mit seinem Unvollständigkeitssatz, der besagt, dass jedes symbolische System entweder vollständig sein kann oder in sich konsistent, aber nicht beides. Gödels vernichtender mathematischer Beweis dessen zeigte nicht nur die Grenzen axiomatischer Zahlensysteme, sondern macht auch einen Strich durch das Vorhaben die Natur durch irgendeine geschlossene, konsistente Sprache zu umfassen. Wenn es in einem Denksystem Theoreme oder Aussagen gibt, die innerhalb davon weder bewiesen noch widerlegt werden können, wenn es unmöglich ist, einen Beweis für die Konsistenz in der genutzten Sprache zu führen, wie Gödel und direkte Nachfolger wie Tarski und Church überzeugend argumentierten, »dann ist jedes System des Wissens über die Welt grundsätzlich unvollständig und muss es bleiben, ewig der überarbeitung unterworfen.« (Rucker 1982)

Morris Klines Mathematik: Der Verlust der Bestimmtheit erzählte von den »Katastrophen«, die die einst scheinbar unantastbare »Majestät der Mathematik« heimgesucht haben, und die hauptsächlich von Gödel stammen. Die Mathematik – wie die Sprache – wird dazu genutzt, die Welt und sich selbst zu beschreiben und scheitert an ihrer totalen Aufgabe auf die gleiche Weise, auf die auch der Kapitalismus sich nicht mit einer unangreifbaren Grundlage versehen kann. Weiter wurde die Mathematik dank Gödels Theorem nicht nur »als viel abstrakter und formaler als ursprünglich angenommen erkannt«, sondern es wurde auch offensichtlich, dass »die Ressourcen des menschlichen Verstandes nicht vollständig formalisiert wurden und das auch nie werden«. (Nagel & Newman 1958)

Aber wer könnte leugnen, dass die Quantität uns in der Praxis beherrscht, mit oder ohne definitive Absicherung ihrer theoretischen Grundlage? Die Hilflosigkeit der Menschen scheint direkt proportional zur Herrschaft der mathematischen Technologie über die Natur zu sein, oder wie Adorno es beschrieb, »die Unterwerfung der äußeren Natur ist nur in dem Maße erfolgreich, in dem es auch die Unterdrückung der inneren Natur ist.« Und mit Sicherheit nimmt das Verständnis dank des Markenzeichens der Zahl, die Arbeitsteilung, ab. Raymond Firth veranschaulichte versehentlich die Idiotie fortgeschrittener Spezialisierung, als er ein bedeutendes Thema kommentierte: »Die Behauptung, dass Symbole Wissensinstrumente sind, wirft epistemologische Fragen auf, für die Anthropolog*innen nicht ausgebildet sind.« Die Verbindung zu einer verbreiteteren Erniedrigung wird von Singh im Kontext einer immer weiter verfeinerten Arbeitsteilung und einem immer technisierteren Sozialleben gezogen, indem er bemerkt, dass »die Automatisierung von Berechnungen unmittelbar den Weg für die Automatisierung industrieller Operationen geebnet hat.“

Die gesteigerte Langeweile von computerisierter Büroarbeit ist die heute sehr sichtbare Manifestation von mathematisierter, mechanisierter Arbeit mit ihrer neo-tayloristischen Quantifizierung via elektrischen Bildschirmen, die die »Informationsexplosion« oder die »Informationsgesellschaft« verkünden. Informationsarbeit ist nun die hauptsächliche ökonomische Aktivität und Information die charakteristische Ware, was großteils das Kernkonzept von Shannons Informationstheorie der späten 1940er wiedergibt, in dem »die Produktion und die Übermittlung von Information quantitativ definiert werden kann«. (Feinstein 1958)

Von Wissen zu Informationen zu Daten bewegt sich die Mathematisierung weg von Bedeutung – was seine exakte Parallele in den Gefilden der »Ideen« (die ihrer Ziele und Inhalte beraubt werden) durch die Vorherrschaft des Strukturalismus findet. Die »globale Kommunikationsrevolution« ist ein anderes vielsagendes Phänomen, bei dem ein bedeutungsloser »Input« unmittelbar überall verfügbar ist, unter Menschen, die wie nie zuvor in Isolation voneinander leben.

Der Computer ist kühn in dieses spirituelle Vakuum getreten. 1950 antwortete Turing auf die Frage, ob Maschinen denken könnten: »Ich glaube, dass sich die Verwendung von Worten und die allgemein gelehrte Meinung bis zum Ende des Jahrhunderts so sehr verändert haben werden, dass man in der Lage dazu sein wird, von Maschinen als denkend zu sprechen, ohne zu erwarten, dass einem widersprochen wird.« Man beachte, dass seine Antwort nichts mit dem Zustand von Maschinen zu tun hat, sondern ausschließlich mit dem von Menschen. Entstanden aus dem Druck, das Leben mehr zu quantifizieren und maschinenartig zu machen, gibt es nun den Trend, Maschinen lebhafter zu machen.

Tatsächlich verkündeten in den Mittsechzigern einige prominente Stimmen bereits, dass der Unterschied zwischen Mensch und Maschine kurz davor stünde, aufgehoben zu werden – und sahen das als etwas Positives. Mazlish hatte dazu einen besonders eindeutigen Kommentar: »Die Menschheit steht an der Schwelle die Definitionslücke zwischen sich und Maschinen zu überbrücken … Wir können uns den Menschen nicht mehr ohne Maschine vorstellen … Wichtiger noch ist dieser Wandel … bedeutend für unsere harmonische Akzeptanz einer industrialisierten Welt.«

In den späten 1980ern hat das Denken die Maschine bereits so sehr vermenschlicht, dass Expert*innen für Künstliche Intelligenz wie Minsky nüchtern vom symbol-manipulierenden Gehirn als einem »Computer aus Fleisch« sprechen können. Hobbes aufgreifend, basiert die kognitive Psychologie in den Dekaden seit Turings Vorhersage 1950 beinahe vollständig auf dem komputationalen Modell des Denkens.

Heidegger hat gespürt, dass es eine inhärente Tendenz des westlichen Denkens gibt, mit der mathematischen Wissenschaft zu verschmelzen und sah die Wissenschaft als »unfähig den Geist aufrichtiger Erforschung zu erwecken, ja diesen tatsächlich kastrierend«. In einer Zeit, in der die Früchte der Wissenschaft drohen, das menschliche Leben insgesamt zu beenden, in der ein sterbender Kapitalismus in der Lage dazu zu sein scheint, alles mit sich zu reißen, sehen wir uns geneigter, die ursprüngliche Quelle des Albtraums erkunden zu wollen.

Wenn die Welt und ihr Denken (Lévi-Strauss und Chomsky kommen einer*m da sofort in den Sinn) einen Zustand erreicht, der zunehmend mathematisiert und leer ist (wo Computer weithin als empfindungsfähig und sogar als lebensfähig angepriesen werden), verlangen die Anfänge dieser trostlosen Reise, inklusive die Anfänge des Konzepts der Zahl, Verständnis. Es könnte sein, dass diese Erkundung unerlässlich ist, um uns und unsere Menschlichkeit zu retten.

 

Übersetzung aus dem Englischen: John Zerzan. Number: Its Origin and Evolution.

Landwirtschaft

Landwirtschaft, die unverzichtbare Grundlage der Zivilisation, gab es bereits, bevor Zeit, Sprache, Zahl und Kunst siegten. Als Verwirklichung der Entfremdung ist die Landwirtschaft der Siegeszug von Entfremdung und endgültiger Trennung zwischen Kultur und Natur und der Menschen voneinander.

Landwirtschaft ist die Geburt der Produktion und zwar mit all ihren wesentlichen Funktionen und ihrer Umformung des Lebens und des Bewusstseins. Das Land selbst wird zu einem Instrument der Produktion und die Spezies der Planeten zu ihren Objekten. Wild oder zahm, Unkraut oder Nutzpflanze zeugen von dieser Dualität, die den Geist unserer gesamten Existenz verkrüppelt, und relativ schnell den Despotismus, den Krieg und die Verelendung der entwickelten Zivilisation über diese langanhaltende frühere Einheit mit der Natur brachte. Der Gewaltmarsch der Zivilisation, den Adorno in der »Prämisse einer irrationalen Katastrophe zu Beginn der Geschichte« verortete, den Freud als »etwas, das der trotzenden Mehrheit aufgezwungen wurde«, empfand, in dem Stanley Diamind nur »Wehrpflichtige, keine Freiwilligen« fand, wurde durch die Landwirtschaft diktiert. Und Mircea Eliade lag richtig darin, ihr Aufkommen als »Aufstände und spirituelle Zusammenbrüche hervorrufend«, deren Tragweite der moderne Verstand nicht begreifen kann, bewertet zu haben. »Die menschliche Landschaft einebnen und standardisieren, ihre Unregelmäßigkeiten beseitigen und ihre Überraschungen bannen«, diese Worte von E. M. Cioran beschreiben die Logik der Landwirtschaft ausgezeichnet, das Ende des Lebens als vorrangig sinnliche Betätigung, die Verkörperung und der Erzeuger des vereinzelten Lebens. Künstlichkeit und Arbeit haben sich seit ihrer Begründung beständig vermehrt und sind als Kultur bekannt geworden: Durch die Domestizierung von Tieren und Pflanzen domestizierte sich der Mensch notwendigerweise selbst. Historisch ist die Zeit, ebenso wie die Landwirtschaft, keine zwangsläufige soziale Realität, sondern eine Auferlegung. Die Dimensionen der Zeit oder der Geschichte sind eine Funktion der Unterdrückung, deren Fundament die Produktion oder Landwirtschaft ist. Das Leben der Jäger*innen und Sammler*innen war antizeitlich in seiner gleichzeitigen und spontanen Offenheit; das bäuerliche Leben schaffte ein Gefühl für Zeit durch seine engstirnige schrittweise Arbeit, seine geregelte Routine. Als die nicht abgeschlossenen und vielfältigen Formen altsteinzeitlichen Lebens der buchstäblichen Einhegung der Landwirtschaft wichen, übernahm die Zeit die Macht und fuhr fort, den Charakter eines abgeschlossenen Raumes zu verbreiten. Formalisierte zeitliche Referenzpunkte – Zeremonien mit festen Daten, die Benamung von Tagen, usw. – sind für die Bestellung der Welt der Produktion unerlässlich; als Zeitplan der Produktion ist der Kalender wesentlich für die Zivilisation. Umgekehrt wäre nicht nur die industrielle Gesellschaft ohne Zeitpläne unmöglich, sondern das Ende der Landwirtschaft (der Basis jeder Produktion) wäre auch das Ende der historischen Zeit.

Repräsentation beginnt mit der Sprache, einem Mittel der Zügelung des Verlangens. Durch die Verschiebung von eigenständigen Bildern hin zu verbalen Symbolen wird das Leben reduziert und unter rigorose Kontrolle gebracht; jede direkte, unvermittelte Erfahrung wird von dieser höchsten Art symbolischen Ausdrucks, der Sprache, subsumiert. Sprache zerstückelt und organisiert die Realität, wie es Benjamin Whorf ausdrückt, und diese Aufspaltung der Natur, ein Aspekt von Grammatik, schafft die Grundlage für Landwirtschaft. Julian Jaynes folgert vielmehr, dass die neue linguistische Mentalität relativ direkt zur Landwirtschaft führte. Unbestreitbar ist die Auskristallisierung der Sprache in Schrift, verursacht vor allem von dem Bedürfnis landwirtschaftliche Transaktionen feszuhalten, ein Zeichen dafür, dass die Zivilisation begonnen hat. Im nicht kommodifizierten, egalitären Jäger*innen/Sammler*innen-Ethos, dessen Grundlage (wie so oft gesagt) das Teilen war, war die Zahl unerwünscht. Es gab keinen Grund Dinge zu quantifizieren, keinen Grund etwas Ganzes zu teilen. Dieses kulturelle Konzept setzte sich erst mit der Domestizierung von Tieren und Pflanzen flächendeckend durch. Zwei der Gründerväter der Zahl beweisen eindrücklich ihre Verknüpfung mit Trennung und Eigentum: Pythagoras, zentral für einen sehr einflussreichen religiösen Kult um die Zahl, und Euklid, Vater der Mathematik und Wissenschaft, der seine Geometrie entwickelte, um Felder zu Zwecken der Eigentümerschaft, Besteuerung und Sklavenarbeit zu vermessen. Eine der frühen Formen der Zivilisation, die Häuptlingsschaft, beinhaltet eine lineare Rangordnung, bei der jedem Mitglied ein exakter numerischer Platz zugewiesen wird. Schon bald folgte auf die unnatürliche Linerarität der Pflugkultur der unflexible 90-Grad-Gitternetzplan für selbst die ältesten Städte, die sich entwickelten. Ihre nachdrückliche Regelmäßigkeit stellt an sich eine repressive Ideologie dar. Die nun mit Zahlen versehene Kultur wird enger umgrenzt und leblos. Auch die Kunst betont in ihrer Beziehung zur Landwirtschaft beide Institutionen. Sie beginnt als ein Mittel, die Realität zu interpretieren und zu unterwerfen, die Natur zu rationalisieren und entspricht dem großen Wendepunkt, den die Landwirtschaft in ihren Grundzügen ausmacht. Die präneolithischen Höhlenmalereien beispielsweise sind lebendig und verwegen, eine dynamische Begeisterung für die tierische Anmut und Freiheit. Die neolithische Kunst der Bäuer*innen und Hirten jedoch versteift in stilisierten Formen; Franz Borkenau beschrieb ihre Töpfereien als »beschränkte, ängstliche Stümperei von Materialien und Formen«. Mit der Landwirtschaft verlor die Kunst ihre Vielfalt und wurde in geometrische Entwürfe standardisiert, die dazu neigten, in langweilige, sich wiederholende Muster auszuarten, eine perfekte Widerspiegelung des standardisierten, beengten und regelgeprägten Lebens. Und während es in der paläolithischen Kunst keinerlei Repräsentationen davon gab, wie Menschen andere Menschen töten, entwickelt sich in der neolithischen Periode eine Obsession für die Darstellung von Konfrontationen zwischen Menschen, und Kampfszenen werden üblich. Zeit, Sprache, Zahl, Kunst und all der Rest der Kultur, die der Landwirtschaft vorausgehen und zu ihr führen, basieren auf Symbolisierung. Ebenso wie Autonomie der Domestizierung und Selbstdomestizierung voranging, gehen das Rationale und das Soziale dem Symbolischen voraus. Die Produktion von Nahrungsmitteln, so wird es ewig und dankenswerterweise verkündet, »erlaubte die Entwicklung des kulturellen Potentials der menschlichen Spezies«. Aber wie verhält sich diese Tendenz gegenüber dem Symbolischen, gegenüber der Erarbeitung und Auferlegung beliebiger Formen? Es ist die wachsende Fähigkeit zur Objektifizierung, durch die das, was lebt, als Gegenstand verdinglicht wird. Symbole sind mehr als die Grundbausteine der Kultur, sie sind Auslesefilter, um uns von unseren Erfahrungen zu entfremden. Sie klassifizieren und reduzieren, »um die andernfalls beinahe untragbare Bürde, eine Erfahrung mit einer anderen zu verbinden, zu beseitigen«, um es in Leakey und Lewins beeindruckenden Worten zu sagen. Dadurch wird die Kultur vom Gebot der Umgestaltung und Unterwerfung der Natur beherrscht. Die künstliche Umgebung der Landwirtschaft erreichte diese ausschlaggebende Vermittlung durch den Symbolismus von Objekten, die zur Schaffung von Herrschaftsstrukturen manipuliert wurden. Denn es ist nicht nur die externe Natur, die unterworfen wird: Die Begegnung von Angesicht zu Angesicht des prä-landwirtschaftlichen Lebens selbst schränkte Herrschaft erheblich ein, während die Kultur sie ausbaut und legitimiert.Vermutlich wurden bereits während des paläolithischen Zeitalters Objekten und Ideen bestimmte Formen und Namen auf eine symbolisierende Art und Weise zugewiesen, allerdings auf eine wechselnde, unbeständige, vielleicht spielerische Art und Weise. Der Wille zu Gleichheit und Sicherheit, der sich in der Landwirtschaft beobachten lässt, bewirkte, dass die Symbole ebenso statisch und beständig wurden wie das bäuerliche Leben. Regularisierung, Regel-Strukturierung und technologische Ausdifferenzierung unter dem Banner der Arbeitsteilung wirken zusammen, um die Symbolisierung zu begründen und zu etablieren. Landwirtschaft vollendet die symbolische Veränderung und der Virus der Entfremdung hat das unverfälschte freie Leben bezwungen. Es ist der Sieg der kulturelle Kontrolle oder wie es der Anthropologe Marshall Sahlin ausdrückt: »Die Pro-Kopf-Menge an Arbeit wächst mit der Evolution von Kultur und die Pro-Kopf-Menge an Muße sinkt.«

Heute bevölkern die wenigen überlebenden Jäger*innen/Sammler*innen die am wenigsten »ökonomisch interessanten« Gebiete der Welt, in die die Landwirtschaft nicht vorgedrungen ist, so wie die Eislandschaften der Inuit oder die Wüste der australischen Aborigines. Und trotzdem lohnt sich die Verweigerung der landwirtschaftlichen Plackerei selbst in diesen nachteiligen Umgebungen. Die Hazda in Tansania, die philippinischen Tasaday, die !Kung von Botswana oder die !Kung San der Kalahari-Wüste – die Richard Lee eine mehrjährige, schwere Dürre mit Leichtigkeit überleben sieht, während benachbarte Bäuer*innen verhungerten – beweisen ebenfalls Holes und Flannerys Zusammenfassung, dass »keine Gruppe auf der Erde mehr Mußezeit zur Verfügung hat als Jäger*innen/Sammler*innen, die diese vorrangig mit Spielen, Plaudereien und Entspannung verbringen.« Service hat diesen Zustand richtigerweise auf »die besondere Einfachheit der Technologie und das Fehlen von Kontrolle über die Umwelt« solcher Gruppen zurückgeführt. Und doch waren einfache paläolithische Methoden auf ihre eigene Art und Weise »fortgeschritten«. Stell dir eine einfache Kochtechnik vor, wie das Dünsten von Essen durch heiße Steine in einer abgedeckten Grube; das ist sehr viel älter als jede Töpferware, Kessel oder Körbe und ist doch die gesündeste Art zu kochen, viel gesünder als Essen in Wasser zu kochen beispielsweise. Oder denke an die Herstellung solcher Steinwerkzeuge wie der langen und außerordentlich dünnen »Lorbeerblatt«-Messer, filigran abgeschlagen, aber stabil, die moderne industrielle Techniken nicht reproduzieren können. Der Jäger*innen/Sammler*innen-Lebensstil repräsentiert die erfolgreichste und beständigste Anpassung, die von der Menschheit je erreicht wurde. In den gelegentlichen prälandwirtschaftlichen Phänomenen wie dem intensiven Sammeln von Nahrung oder der systematischen Jagd einer einzelnen Spezies können Anzeichen eines bevorstehenden Zusammenbruchs einer genussvollen Art und Weise zu leben gesehen werde, die so lange beständig geblieben war, eben weil sie genussvoll war. Die »Armut und ganztägige Schinderei« der Landwirtschaft, um Clark zu zitieren, ist das Vehikel der Kultur, die nur in ihrem permanenten Ungleichgewicht »rational« ist und ihrem logischen Fortschreiten in Richtung immer größerer Zerstörung, wie unten dargelegt werden wird.

Auch wenn der Begriff Jäger*innen/Sammler*innen eigentlich umgedreht werden müsste (und von nicht wenigen zeitgenössischen Anthropolog*innen auch wurde), weil das Sammeln den bei weitem größeren Anteil für das Überleben ausmacht, zeigt die Natur des Jagens einen hervorstechenden Kontrast zur Domestizierung. Die Beziehung der*des Jäger*in zu dem gejagten Tier, das souverän und frei ist und als gleichwertig betrachtet wird, unterscheidet sich offensichtlich qualitativ von der der*des Bäuer*in oder Hirt*in zu dem versklavten Vieh, über das er absolut herrscht. Beweise für das Verlangen Ordnung zu schaffen oder zu unterwerfen können in den Zwangsriten und Unreinheits-Tabus der aufkeimenden Religion gefunden werden. Die letztendliche Unterwerfung der Welt, was Landwirtschaft ist, hat zumindest einen Teil ihrer Grundlagen dort, wo unklares Verhalten ausgeschlossen und Reinheit und Befleckung definiert und erzwungen werden. Lévi-Strauss definierte Religion als den Anthropomorphismus [1] der Natur; frühere Spiritualität nahm Anteil an der Natur und projizierte keine kulturellen Werte oder Eigenschaften auf sie. Die heiligen Mittel, durch die die Trennung vollzogen wurde, Rituale und Formalisierung, wurden zunehmend von den Aktivitäten des täglichen Lebens getrennt und unter die Kontrolle von Spezialist*innen wie Schamanen und Priestern gebracht, was eng mit Hierarchien und institutionalisierter Macht verbunden ist. Religion entsteht und legitimiert die Kultur mithilfe einer »höheren« Ordnung der Realität; sie wird ganz besonders in ihrer Funktion, die Solidarität der Gesellschaft aufrechtzuerhalten, von den unnatürlichen Forderungen der Landwirdschaft benötigt. In dem neolithischen Dorf Catal Hüyük im türkischen Anatolien wurde einer von drei Räumen zu rituellen Zwecken genutzt. Burkert zufolge können Pflügen und Säen als rituelle Entsagung betrachtet werden, einer Form der systematischen Unterdrückung, die von einem aufopfernden Element begleitet wird. Wo wir schon von Opfern sprechen: Das Töten domestizierter Tiere (oder gar Menschen) zu rituellen Zwecken ist in landwirtschaftlichen Gesellschaften allgegenwärtig und kann nur dort beobachtet werden. Einige der größten neolithischen Religionen versuchten oft eine symbolische Heilung des landwirtschaftlichen Bruchs mit der Natur durch die Mythologie von Mutter Erde, die – eigentlich ist es unnötig das zu sagen – natürlich nichts unternahm, um die verlorene Einheit wiederherzustellen. Fruchtbarkeitsmythen sind ebenfalls zentral; der ägyptische Osiris, die griechische Persephone, Baal von den Kanaaiten und Jesus aus dem neuen Testament sind Götter, deren Tod und Wiederauferstehung die Ausdauer der Erde bezeugen, ganz zu schweigen von der menschlichen Seele. Die ersten Tempel symbolisierten den Aufstieg von Kosmologien basierend auf einem Modell des Universums als eine Arena der Domestizierung oder eine Scheune, die im Gegenzug dazu dienten, die Unterdrückung menschlicher Autonomie zu rechtfertigen. Während die präzivilisierte Gesellschaft, wie Redfield schreibt, von »größtenteils unerklärten, aber beständig umgesetzten ethischen Konzeptionen zusammengehalten« wurde, entwickelte sich die Religion als ein Weg, Bürger zu kreieren und die moralische Ordnung unter öffentliche Verwaltung zu stellen.

Domestizierung beinhaltete die Einführung der Produktion, erheblich fortgeschrittene Arbeitsteilungen und die vollendeten Fundamente sozialer Schichtung. Das trug zu einer epochalen Veränderung sowohl des Charakters menschlicher Existenz als auch ihrer Entwicklung bei und trübte letztere mit immer größerer Gewalt und Arbeit. Entgegen des Mythos, dass Jäger*innen/Sammler*innen gewalttätig und aggressiv seien, zeigen jüngere Beweise übrigens, dass existierende Nicht-Bauern wie die Mbuti (»Pygmäen«), die von Turnbull studiert worden sind, offensichtlich selbst das Töten ohne jede aggressive Einstellung tun, sogar mit einer Art von Bedauern. Krieg und die Bildung jeder Zivilisation oder jedes Staates dagegen sind untrennbar miteinander verbunden.

Urvölker kämpften nicht um Gebiete, in denen unterschiedliche Gruppen in ihrem Sammeln und Jagen aufeinander getroffen sein mögen. »Territorial«kämpfe sind nicht einmal Teil der ethnografischen Literatur und es ist noch viel unwahrscheinlicher, dass diese in der Vorgeschichte aufgetaucht wären, als die Ressourcen größer waren und es keine Kontakte mit der Zivilisation gegeben hat. Tatsächlich hatten diese Stämme keine Vorstellung von Privateigentum, und Rousseaus metaphorisches Urteil, dass die geteilte Gesellschaft von denjenigen begründet wurde, die als erstes ein Stück Land bestellt hätten und gesagt hätten »Dieses Land gehört mir« und andere gefunden hätten, die ihnen glaubten, ist essentiell richtig. »Mein und Dein, die Saat allen Unheils, sind ihnen nicht bekannt«, kann man in einer Erzählung von Pietro aus dem Jahre 1511 lesen, die von den Ureinwohner*innen bei Kolumbus zweiter Seereise handelt. Jahrhunderte später fragen überlebende Ureinwohner*innen Amerikas, »Die Erde verkaufen? Warum nicht auch die Luft, die Wolken und das Meer?« Landwirtschaft schafft und überhöht Besitztümer; betrachte die Sehnsucht nach Eigentum, als ob dieses jemals den Verlust kompensiert hätte. Arbeit als eine eigenständige Kategorie des Lebens existierte vor der Landwirtschaft vermutlich nicht. Die menschliche Rolle an Felder und Herden gebunden zu sein, übertrug sich recht schnell. Die Nahrungsmittelproduktion überwand die allgemeine Abwesenheit oder Armut an Ritualen und Hierarchien in der Gesellschaft und schuf zivilisierte Tätigkeiten wie die Zwangsarbeit des Tempelbauens. Hier liegt die wirkliche »kartesische Trennung« zwischen innerer und äußerer Realität, der Trennung, durch die die Natur zu etwas verkam, das bloß »bearbeitet« wurde. Auf dieser Grundlage einer sesshaften und sklavischen Existenz basiert der gesamte Überbau der Zivilisation mit ihrer wachsenden Unterdrückung. Männliche Gewalt gegenüber Frauen entstand mit der Landwirtschaft, die Frauen in Lasttiere und Züchterinnen für Kinder verwandelte. Vor der Landwirtschaft galt die Gleichheit des nahrungssuchenden Lebens »ebenso für Frauen wie für Männer«, urteilte Eleanor Leacock, aufgrund der Unabhängigkeit von Aufgaben und der Tatsache, dass Entscheidungen von denjenigen getroffen wurden, die diese auch ausführten. In Abwesenheit der Produktion und ohne eine Sklavenarbeit, die für Kinderarbeit geeignet war, wie etwa Unkrautjäten, wurden Frauen nicht die beschwerliche Hausarbeit oder die beständige Versorgung von Säuglingen überlassen. Gemeinsam mit dem Fluch beständiger Arbeit durch die Landwirtschaft sagte Gott bei der Verbannung aus dem Garten Eden zur Frau: »Ich werde dein Leiden und deine Empfängnis erheblich vergrößern; In Schmerzen sollst du Kinder zur Welt bringen; Und du sollst dem Verlangen deines Ehemannes dienen und er soll über dich herrschen.« Ähnlich sehen auch die ältesten bekannten kodifizierten Gesetze, die des sumerischen Königs Ur-Namu, den Tod für Frauen vor, die ihr Verlangen außerhalb der Ehe befriedigten. Entsprechend spricht Whyte vom Stand, den die Frauen »im Verhältnis zu Männern verloren, als die Menschen erstmals einen einfachen Jäger*innen/Sammler*innen-Lebensstil aufgaben« und Simone de Beauvoir sah in der kulturellen Gleichsetzung von Pflug und Phallus ein geeignetes Symbol für die Unterdrückung der Frau.

Ebenso wie wilde Tiere in träge Fleischproduktionsmaschinen verwandelt werden, ist auch das Konzept des »Kultiviert«-Werdens eine Tugend, die den Menschen aufgezwungen wird, die das Unkrautjäten der Freiheit aus der eigenen Natur im Dienste der Domestizierung und Ausbeutung meint. In Sumer, der ersten Zivilisation, hatten die ersten Städte Fabriken mit ihrem charakteristischen hohen Organisationsgrad und der Brechung von Fähigkeiten, wie Rice betont. Von diesem Moment an fordert die Zivilisation menschliche Arbeit und die Massenproduktion von Nahrung, Gebäuden, Krieg und Autoritäten ein. Für die Griechen war Arbeit nichts als ein Fluch. Ihr Name dafür – Ponos – hat die gleiche Herkunft wie das lateinische poena, was so viel wie Leid bedeutet. Der berühmte alttestamentarische Fluch der Landwirtschaft als die Verbannung aus dem Paradies (Genesis 3:17-18) erinnert uns an die Ursprünge der Arbeit. »Konformität, Wiederholung und Geduld waren die Schlüsselelement dieser [neolithischen] Kultur […] der langmütigen Fähigkeit zur Arbeit«, schreibt Mumford. In dieser Monotomie und Passivität der Pflege und des Wartens werden gemäß Pail Shepard die »tiefsitzenden, latenten Ressentiments, die krude Mischung aus Rechtschaffenheit und Schwerfälligkeit und der Mangel an Humor« des Bauern geboren. Man mag ebenso eine stoische Gefühllosigkeit und das Fehlen von Vorstellungskraft, unzertrennlich verbunden mit religiösem Glauben, Verdrossenheit und Misstrauen ergänzen als Teil der Charakterzüge, die vor allem dem domestizierenten Leben der Landwirtschaft zugeschrieben werden.

Auch wenn die Nahrungsmittelproduktion schon von Natur aus eine latente Bereitschaft für politische Herrschaft beinhaltet und obwohl die zivilisierende Kultur von Beginn an ihre eigene Propagandamaschinerie war, brachte der Übergang einen gewaltigen Kampf mit sich. Fredy Perlmans Against His-story, Against Leviathan! ist darüber konkurrenzlos, es erweitert Tonybees Behandlung des »inneren« und »äußeren Proletariats« um das Unbehagen innerhalb und außerhalb der Zivilisation. Nichtsdestotrotz findet während der Entwicklung vom Grabstock-Ackerbau über Pflug-Landwirtschaft bis hin zu ausdifferenzierten Bewässerungssystemen notwendigerweise ein beinahe absoluter Genozid an Sammler*innen und Jäger*innen statt.

Die Erzielung und Lagerung von Überschüssen sind Teil des domestizierenden Willens, zu kontrollieren und etwas statisch zu machen, was ein Aspekt der Tendenz ist zu symbolisieren. Als Bollwerk gegen den Lauf der Natur nimmt Überschuss die Form von Tierherden und Kornspeichern an. Gelagertes Getreide war das erste Medium der Äquivalenz, die älteste Form von Kapital. Nur durch das Aufkommen von Wohlstand in Form von lagerbarem Getreide kann die Einteilung der Arbeit und in soziale Klassen fortgesetzt werden. Obwohl es mit Sicherheit wildes Getreide vor all dem gab (wobei wilder Weizen übrigens aus 24 Prozent Proteinen besteht, statt aus 12 Prozent wie domestizierter Weizen), machte der Einfluss der Kultur den entscheidenden Unterschied. Die Zivilisation und ihre Städte beruhten ebensosehr auf Getreidespeichern wie auf Symbolisierung. Das Mysterium der Ursprünge der Landwirtschaft erscheint umso undurchdringlicher im Lichte der jüngsten Widerlegung lange verbreiteter Auffassungen, dass die vorangehende Ära eine der Feindschaft zur Natur und des Mangels an Muße war. »Man kann nicht mehr länger annehmen«, schreibt Arme, »dass die frühen Menschen Pflanzen und Tiere domestizierten, um Schinderei und Hunger zu entfliehen. Wenn überhaupt, dann ist das Gegenteil der Fall und der Beginn der Landwirtschaft setzte der Unschuld ein Ende.« Lange Zeit war die Frage gewesen, »Warum wurde die Landwirtschaft nicht viel früher in der menschlichen Evolution angenommen?« Heute wissen wir, dass die Landwirtschaft »weder einfacher ist als Jagen und Sammeln, noch eine qualitativere, schmackhaftere oder sichere Nahrungsmittelbasis bietet«, um es in Cohens Worten zu sagen. Daher lautet die allseitige Frage nun, »Warum hat sie sich überhaupt durchgesetzt?«

Dazu wurden viele Theorien aufgestellt, aber keine ist überzeugend. Childe et al. argumentieren, dass ein Anstieg der Bevölkerung die menschlichen Gemeinschaften in engeren Kontakt mit anderen Spezies brachte, was zu Domestizierung führte und zur Notwendigkeit zu produzieren, um die zusätzlichen Mäuler zu stopfen. Aber es wurde recht eindeutig bewiesen, dass das Bevölkerungswachstum der Landwirtschaft nicht voranging, sondern von ihr verursacht wurde. »Ich sehe nirgendwo auf der Welt irgendeinen Beweis«, folgerte Flannery, »der nahelegt, dass der Bevölkerungsdruck verantwortlichfür den Beginn der Landwirtschaft war.« Eine andere Theorie besagt, dass die größeren klimatischen Veränderungen, die gegen Ende des Pleistozens, vor rund 11.000 Jahren, das alte Jäger*innen/Sammler*innen-Leben umwarfen und direkt zu der Kultivierung bestimmter Grundnahrungsmittel für das Überleben führten. Jüngere Datierungsmethoden haben diesen Ansatz gesprengt; Es hat keine solche klimatische Veränderung gegeben, die diese neue Lebensweise erforderlich gemacht hätte. Nebenbei bemerkt gibt es eine Menge an Beispielen dafür, dass Landwirtschaft in jeder Art von Klima übernommen – oder verweigert – wurde. Eine weitere bedeutende Hypothese ist, dass Landwirtschaft durch eine Zufallsentdeckung oder -erfindung eingeführt wurde, als ob es den Spezies vor einem bestimmten Zeitpunkt niemals bekannt gewesen wäre, dass beispielsweise Nahrung aus gekeimten Samen wächst. Es scheint gesichert zu sein, dass die paläolithische Menschheit ein geradezu unerschöpfliches Wissen über die Flora und Fauna besaß, schon viele zehntausende Jahre, bevor die Kultivierung von Pflanzen begann, was diese Theorie ganz besonders schwach dastehen lässt. Es genügt tatsächlich die Zustimmung zu Carl Sauers Zusammenfassung, dass »Landwirtschaft nicht aus einer wachsenden oder chronischen Nahrungsmittelknappheit entstand«, um buchstäblich alle originären Theorien, die entwickelt wurden, abzulehnen. Eine überbleibende Idee, die von Hahn, Isaac und anderen formuliert wird, behauptet, dass die Nahrungsmittelproduktion vor allem als religiöse Handlung begann. Diese Hypothese kommt der Plausibilität am nächsten.

Die ersten Tiere, die domestiziert wurden, waren Schafe und Ziegen, von denen man auch weiß, dass sie breitflächig in religiösen Zeremonien eingesetzt wurden und zu Opferzwecken auf eingezäunten Weiden aufgezogen wurden. Bevor sie domestiziert wurden, war die Wolle der Schafe zudem nicht zur Herstellung von Textilien geeignet. Der hauptsächliche Gebrauch von Hennen im Südosten Asiens und dem östlichen Mittelmeerraum – den frühesten Zentren der Zivilisation – »schien« Darby zufolge »vielmehr in Opfern und Prophezeiungen zu liegen, als zur Nahrung.« Sauer ergänzt, dass das »Eierlegen und die Fleisch produzierenden Fähigkeiten« von gezähmtem Geflügel »relativ späte Konsequenzen ihrer Domestizierung sind«. Wilde Rinder waren stürmisch und gefährlich; weder die Fügsamkeit von Ochsen noch das veränderte Fleischgewebe solcher Kastrierter konnten vorhergesehen werden. Rinder wurden erst Jahrhunderte nach ihrer ursprünglichen Gefangennahme gemolken und Repräsentationen weisen darauf hin, dass ihre ersten bekannten Anschirrungen vor Wägen in religiösen Prozessionenen stattfanden. Pflanzen, die als nächstes kontrolliert werden würden, weisen, soweit das bekannt ist, ähnliche Hintergründe auf. Man denke an das Beispiele aus der Neuen Welt vom Kürbis, der ursprünglich als zeremonielle Rassel verwendet wurde. Johannessen diskutierte die religiösen und mystischen Motive, die mit der Domestizierung von Mais verbunden sind, der wichtigsten Nutzpflanze Mexikos und dem Zentrum seiner einheimischen, neolithischen Religion. Ebenso untersuchte Anderson die Auswahl und Entwicklung bestimmter Arten verschiedener kultivierter Pflanzen aufgrund ihrer magischen Bedeutung. Die Schamanen, das sollte ich dazu sagen, befanden sich in Machtpositionen, die es ihnen erlaubten, die Landwirtschaft mithilfe der Zähmungen und Anpflanzungen, die in Ritualen und Religionen stattfanden, wie oben skizziert wurde, einzuführen. Auch wenn die religiöse Erklärung der Ursprünge der Landwirtschaft etwas Übersehenes ist, bringt sie uns meiner Meinung nach zur Schwelle einer wirklichen Erklärung der Geburt der Produktion: dieser irrationalen kulturellen Kraft der Entfremdung, die sich in Form von Zeit, Sprache, Zahl und Kunst ausbreitete und schließlich das materielle und psychische Leben durch die Landwirtschaft kolonisierten. »Religion« ist eine zu enge und zu konzeptionalisierte Vorstellung dieser Ansteckung und ihres Wachstums. Herrschaft ist zu schwerwiegend, zu allumfassend, um nur von der Pathologie der Religion übertragen zu werden.

Aber die kulturellen Werte der Kontrolle und Einheitlichkeit, die Teil der Religion sind, sind mit Sicherheit Teil der Landwirtschaft und zwar von Beginn an. Indem er bemerkt, dass sich bestimmte Stämme von Mais sehr leicht kreuzen lassen, studiert Anderson die äußerst primitiven Landwirte von Assam, dem Naga-Stamm, und ihre Maissorte, die von Pflanze zu Pflanze keinerlei Unterschiede aufweist. Er zeigt, dass die Naga ihre Sorte gemäß der Kultur »nur durch ein fanatisches Festhalten an einem idealen Typus« seit Beginn der Produktion so unverfälscht gehalten haben. Das versinnbildlicht die Heirat von Kultur und Produktion in der Domestizierung und ihren unausweichlichen Nachwuchs, die Unterdrückung und Arbeit.

Die gewissenhafte Pflege bestimmter Pflanzenarten hat ihre Parallele in der Domestizierung von Tieren, die ebenso der natürlichen Selektion trotzt und die kontrollierbare organische Welt auf einer entwürdigten künstlichen Ebene wiederherstellt. Wie Pflanzen sind auch Tiere bloße Dinge, die manipuliert werden; Eine Milchkuh beispielsweise wird als eine Art Maschine betrachtet, die Gras in Milch verwandelt. Von einem Zustand der Freiheit in den von hilflosen Parasiten verwandelt, werden diese Tiere für ihr Überleben vollständig vom Menschen abhängig. Bei domestizierten Säugetieren beispielsweise, von denen Exemplare produziert werden, die mehr Energie auf ihr Wachstum verwenden und weniger auf ihre Aktivität, nimmt die Größe des Gehirns relativ ab. Friedlich und bevormundet, vielleicht versinnbildlicht durch das Schaf, das am meisten domestizierte Herdentier; die beachtliche Intelligenz wilder Schafe ist in ihren gezähmten Gegenstücken vollständig verloren gegangen. Die sozialen Beziehungen unter Haustieren sind auf die absoluten Grundzüge reduziert. Nichtreproduktive Teile des Lebenszyklus werden auf ein Minimum reduziert, das Balzverhalten wird gestutzt und selbst die Fähigkeit des Tieres, seine eigene Spezies zu erkennen, wird gestört. Landwirtschaft schuf auch das Potenzial für rapide Umweltzerstörung und die Herrschaft über die Natur begann schon bald den grünen Mantel, der die Geburtsstätten der Zivilisation umgab, in unfruchtbare und unbelebte Gebiete zu verwandeln. »Ganze Regionen haben ihr Aussehen vollständig verändert«, bewertet Zeiner, »immer zu scheinbar trockeneren Bedingungen, seit Beginns des Neolithikums.« Wüsten bedecken nun die meisten der Gebiete, in denen die Hochzivilisationen einst aufblühten und es gibt viele historische Beweise dafür, dass diese frühen Bildungen ihre Umwelt zerstört haben.

Überall im Mittelmeerraum und im angrenzenden Nahen Osten und Asien hat die Landwirtschaft üppige und wirtliche Ländereien in erschöpfte, trockene und steinige Gebiete verwandelt. In den Kritias beschreibt Plato Attika als »ein von der Krankheit dahingerafftes Skelett« und bezieht sich dabei auf die Abholzung der Wälder Griechenlands und vergleicht es mit seinem früheren Reichtum. Das Abgrasen durch Ziegen und Schafe, die ersten domestizierten Wiederkäuer, war ein wesentlicher Faktor in der Entblößung Griechenlands, Libanons und Nordafrikas und der Versteppung der römischen und mesopotamischen Imperien. Ein anderer, direkterer Einfluss der Landwirtschaft, der in den letzten Jahren zunehmend ans Licht gebracht wurde, betraf das physische Wohlbefinden seiner Subjekte. Die Forschung von Lee und Devore zeigt, dass »die Ernährung von sammelnden Stämmen bei weitem besser war als die der Landwirte, dass Hungersnöte selten waren, dass ihre Gesundheit allgemein besser war und dass es ein geringeres Vorkommen von chronischen Krankheiten gibt.« Umgekehrt fasste Farb zusammen, dass »die Produktion eine schlechtere Ernährung basierend auf einer beschränkten Anzahl an Nahrungsmitteln bietet, aufgrund von Schädlingsbefall und den Launen des Wetters viel weniger verlässlich und bei weitem kostenintensiver im Hinblick auf die benötigte menschliche Arbeit ist.«

Das neue Feld der Paläopathologie kommt sogar zu noch empathischeren Schlussfolgerungen, indem es wie Angel die »starke Abnahme im Wachstum und der Ernährung« betont, »der vom Übergang vom Essensammeln zur Essensproduktion verursacht wurde.« Frühere Erkenntnisse hinsichtlich der Lebensdauer wurden ebenfalls revidiert. Obwohl Augenzeugenberichte von Spanier*innen aus dem sechzehnten Jahrhundert existierten, die davon berichteten, dass die indigenen Väter Floridas die Geburt der fünften Generation nach ihnen erlebten, bevor sie verstarben, wurde lange davon ausgegangen, dass primitive Menschen in ihren 30ern oder 40ern starben. Robson, Boyden und andere haben die Verwirrung über die Lebenserwartung vertrieben und entdeckt, dass zeitgenössische Jäger*innen/Sammler*innen, abgesehen von Verletzungen und schwerwiegenden Erkrankungen, oft länger leben, als ihre zivilisierten Zeitgenoss*innen. Während des industriellen Zeitalters vor nur kurzer Zeit verlängerte sich erst die Lebensdauer der Spezies und es ist nun weitläufig anerkannt, dass Menschen im Paläolithikum langlebige Tiere waren, wenn erst einmal bestimmte Risiken überwunden worden waren. DeVries liegt mit seiner Beurteilung richtig, dass sich die Lebenserwartung bei Kontakt mit der Zivilisation dramatisch verringerte. »Tuberkulose und Durchfallerkrankungen mussten auf den Aufstieg der Landwirtschaft warten, Masern und Beulenpest auf das Aufkommen großer Städte«, schrieb Jared Diamond. Malaria, vermutlich die bei weitem häufigste Todesursache von Menschen, und so gut wie alle anderen Infektionskrankheiten sind das Erbe der Landwirtschaft. Ernährungs- und Degenerationskrankheiten im Allgemeinen treten mit der Herrschaft von Domestizierung und Kultur auf. Krebs, Koronarthrombose, Anämie, Zahnkaries und Geisteskrankheiten sind nur einige Gütesiegel der Landwirtschaft; zuvor gebaren Frauen ohne Schwierigkeiten unter nur wenigen oder keinen Schmerzen. Die menschlichen Sinne waren bei weitem ausgeprägter. R. H. Post berichtete, dass die !Kung San eine Einpropellermaschine aus 70 Meilen Entfernung hören konnten und viele von ihnen mit bloßem Auge vier Monde des Jupiters ausmachen konnten. Die zusammenfassende Beurteilung von Harris und Ross ist, dass »die allgemeine Abnahme in der Qualität und vermutlich auch in der Länge des menschlichen Lebens bei Landwirt*innen verglichen mit früheren Jäger*innen/Sammler*innen-Gruppen« nicht genug betont werden kann.

Es ist eine der beständigsten und universellsten Vorstellungen, dass es einst ein Goldenes Zeitalter der Unschuld gegeben haben muss, bevor die Geschichte begann. Hesiod beispielsweise bezog sich auf die »lebenserhaltende Erde, die ihre reichen Früchte ohne die Bestechung durch Schufterei hergegeben hat«. Eden war ganz klar das Zuhause der Jäger*innen/Sammler*innen und die Sehnsucht, die durch die historischen Bilder vom Paradies ausgedrückt wird, muss die desillusionierter Ackerbauern der Erde gewesen sein, nach einem verlorenen Leben der Freiheit und relativen Leichtigkeit.

Die Geschichte der Zivilisation zeugt von der zunehmenden Entfernung der Natur von der menschlichen Erfahrung, die teilweise durch die Verringerung der Nahrungsmittel veranschaulicht wird. Gemäß Rooney haben prähistorische Stämme mehr als 1500 Spezies wilder Pflanzen zur Nahrung gehabt, wohingegen »alle Zivilisationen«, wie uns Wenke erinnert, »auf der Kultivierung von mehr oder weniger nur sechs Pflanzenarten basierten: Weizen, Gerste, Hirse, Reis, Mais und Kartoffeln.« Es ist eine auffallende Wahrheit, dass über die Jahrhunderte »die Anzahl verschiedener essbarer Nahrungsmittel, die tatsächlich gegessen werden«, wie Pyke hervorhebt, »kontinuierlich abgenommen hat.« Die Weltbevölkerung ist für den Großteil ihrer Ernährung heute von bloß rund 20 Pflanzengattungen abhängig, während deren natürlichen Stämme durch künstliche Hybride ersetzt werden und der Genpool dieser Pflanzen immer kleiner wird.

Die Vielfalt an Nahrungsmitteln neigt dazu zu verschwinden oder abzuflachen, wenn sich die Menge produzierter Lebensmittel erhöht. Heute werden dieselben Lebensmittelprodukte weltweit verteilt, sodass Inuit und ein*e Afrikaner*in schon bald das gleiche, in Wisconsin hergestellte Milchpulver verzehren werden oder die gleichen Fischstäbchen aus einer einzigen Fabrik in Schweden. Wenige multinationale Konzerne, so wie Unilever, der weltweit größte Nahrungsmittelproduzent, stehen einem hochvernetzten Produktionssystem vor, dessen Anliegen es nicht ist, zu ernähren oder auch nur zu füttern, sondern der Welt einen immer zunehmenden Konsum fabrizierter verarbeiteter Produkte aufzuzwingen.

Als Descartes das Prinzip ausdrückte, dass die vollste Ausbeutung der Materie zu jedem beliebigen Zweck die ganze Pflicht des Menschen sei, war unsere Trennung von der Natur so gut wie abgeschlossen und der Weg für die industrielle Revolution war bereitet. Dreihundertfünfzig Jahre später hallte dieser Geist in der Person Jean Vorsts wieder, dem Museumsdirektor des französischen Museums für Naturgeschichte, der betonte, dass unsere Spezies »wegen ihres Intellekts« nicht wieder unter einen bestimmten Grenzwert der Zivilisation fallen könne und wieder zu einem Teil des natürlichen Habitats werden. Er fuhr fort, indem er perfekt den ursprünglichen und standhaften Imperialismus der Landwirtschaft ausdrückte, »Da die Erde in ihrem primitiven Zustand nicht für unsere Expansion geeignet ist, muss der Mensch sie in Ketten legen, um die menschliche Bestimmung zu erfüllen.« Die frühen Fabriken ahmten das landwirtschaftliche Modell geradezu nach, und wiesen damit erneut darauf hin, dass die Landwirtschaft der Ausgangspunkt aller Massenproduktion ist. Die natürliche Welt muss gebrochen und zur Arbeit gezwungen werden. Man denkt an die mittelamerikanischen Prärien, in denen die Siedler*innen sechs Ochsen ins Joch spannen mussten, um die Erde das erste Mal durchzupflügen. Oder an eine Szene aus den 1870ern aus Der Octopus von Frank Norris, in dem Gruppen-Pflüge wie »eine große Kolonne Feld-Atillerie« durch das San Jaquin Valley gefahren wurden und dabei 175 Furchen auf einmal gruben. Heute wird das, was vom Organischen übrig geblieben ist, unter der Schirmherrschaft weniger petrochemischer Unternehmen mechanisiert. Ihre Kunstdünger, Pestizide, Herbizide und ihr beinahes Monopol auf das weltweite Saatgut definieren eine totale Umwelt, die die Nahrungsproduktion vom Anpflanzen bis zum Verzehr umfasst. Auch wenn Lévi-Strauss richtig damit liegt, dass die »Zivilisation Monokulturen wie Zuckerrüben produziert«, hat seit dem zweiten Weltkrieg eine vollständig synthetische Ausrichtung die Vorherrschaft übernommen.

Landwirtschaft entnimmt der Erde mehr organisches Material, als sie ihr wieder zurückgibt und Erderosionen gehen grundsätzlich mit den jahrelangen Monokulturen einher. Letztere werden dem Land mit verheerenden Folgen aufgedrückt; Neben Baumwolle und Sojabohnen ist auch Mais, der in der derzeitigen domestizierten Form hinsichtlich seiner Existenz absolut abhängig von der Landwirtschaft ist, besonders verheerend. J. Russell Smith nannte ihn »den Tod der Kontinente […] und einer der schlimmsten Feind der menschlichen Zukunft.« Die Erosionskosten eines Scheffels Mais aus Iowa sind zwei Scheffel Mutterboden, was die allgemeinere flächendeckende industrielle Zerstörung des Ackerlandes hervorhebt. Die bestände Bestellung durch große Monokulturen unter massivem Einsatz von Chemikalien und ohne den Einsatz von Gülle oder Hummus hebt die Verschlechterung und den Verlust des Erdbodens offensichtlich auf eine viel größere Ebene. Die vorherrschende landwirtschaftliche Methode beinhaltet den Bedarf gigantischer Infusionen von Chemikalien, die von Ingenieuren überwacht werden, deren über allem stehendes Ziel die Maximierung der Produktion ist. Kunstdünger und alles andere aus dieser Perspektive eliminieren die Erforderlichkeit des komplexen Lebens der Erde und verwandeln sie tatsächlich in ein bloßes Werkzeug der Produktion. Das Versprechen der Technologie ist absolute Kontrolle, eine vollständig durchgeplante Umwelt, die schlicht die natürliche Balance der Biosphäre ablöst.

Aber es ist mehr und mehr Energie erforderlich, um die großen monokulturellen Erträge zu erkaufen, die begonnen haben, zurückzugehen, um nicht von der giftigen Kontamination der Erde, des Grundwassers und des Essens zu sprechen. Die Landwirtschaftsbehörde der USA sagt, dass die Erosion von Ackerfläche in diesem Land bei zwei Milliarden Tonnen Erde im Jahr liegt. Die Nationale Akademie der Wissenschaften schätzt, dass über ein Drittel des Mutterbodens bereits für immer verschwunden ist. Das durch die monokulturelle Bewirtschaftung und Kunstdünger verursachte ökologische Ungleichgewicht führt zu einer Zunahme an Schädlingen und Pflanzenkrankheiten; Seit dem zweiten Weltkrieg hat sich der Ernteverlust durch Insekten bereits verdoppelt. Die Antwort der Technologie ist natürlich eine Spirale der Anwendung von mehr Kunstdüngern und »Unkraut«- und »Schädlings«-Bekämpfungsmitteln, die das Verbrechen gegen die Natur beschleunigen.

Ein weiteres Nachkriegsphänomen war die Grüne Revolution, die als die Rettung der verarmten Dritten Welt durch das amerikanische Kapital und die amerikanische Technologie angekündigt wurde. Aber statt die Hungernden zu ernähren, vertrieb die Grüne Revolution Millionen armer Menschen von den Anbauflächen Asiens, Lateinamerikas und Afrikas als Opfer des Programms, das große Genossenschaftsfarmen förderte. Es trug zu einer enormen technologischen Kolonisierung bei und schuf Abhängigkeiten von der kapitalintensiven Agrarwirtschaft, zerstörte den früheren landwirtschaftlichen Kommunalismus, erforderte einen gigantischen fossilen Brennstoffverbrauch und schädigte die Natur in einem beispiellosen Ausmaß. Die Wüstenbildung oder der Verlust von Erde aufgrund der Landwirtschaft haben seitdem beständig zugenommen. Jedes Jahr wird weltweit eine Gesamtfläche, die mehr als zweimal so groß ist wie Belgien, in Wüste verwandelt. Das Schicksal der weltweiten tropischen Regenwälder ist ein Faktor in der Beschleunigung dieser Wüstenbildung: Rund die Hälfte davon wurde in den letzten dreißig Jahren gerodet. In Botswana sind die letzten Wildnis-Regionen Afrikas verschwunden, ebenso wie ein Großteil des Amazonas-Regenwalds und beinahe die Hälfte des Regenwalds in Zentralamerika, vorrangig um die Rinder für den Hamburger-Markt in Europa und den USA aufzuziehen. Die wenigen Gebiete, die vor Kahlschlag geschützt sind, sind die, in denen Landwirtschaft nicht ökonomisch ist. Die Zerstörung des Landes erstreckt sich in den USA über ein größeres Gebiet als das von den ursprünglich dreizehn Kolonien umspannte, ebenso wie sie Ursprung der großen Afrikanischen Hungersnot Mitte der 80er Jahre war und der Auslöschung einer Spezies wilder Tiere und Pflanzen nach der anderen.

Hinsichtlich der Tiere wird man an die Erzählung der Genesis erinnert, in der Gott zu Noah sagte, »Und die Angst und das Grauen vor dir soll in jedem Vogel am Himmel, in allem, das auf der Erde wandelt und in den Fischen des Ozeans wohnen; sie sind deinen Händen ausgeliefert.« Als neu entdeckte Gebiete das erste Mal von der Avantgarde der Produktion betreten wurden, zeigten die wilden Säugetiere und Vögel, wie eine große Bandbreite an Literatur beschreibt, keinerlei Angst oder etwas ähnliches vor den Entdeckern. Die landwirtschaftlich-kulturelle Mentalität jedoch, wie es in der biblischen Passage so treffend vorausgesagt wird, projiziert einen übertriebenen Glauben an den Grimms wilder Kreaturen, dem eine zunehmende Entfremdung und der Verlust der Beziehung zur Welt der Tiere folgt, sowie das Bedürfnis Macht über sie auszuüben.

Das Schicksal domestizierter Tiere wird davon bestimmt, dass die landwirtschaftlichen Ingenieur*innen beständig nach den Fabriken als Modelle für eine Verfeinerung ihres eigenen Produktionssystems sehen. Die Natur wird aus diesen Systemen verbannt, wenn die gehaltenen Tiere zunehmend in ihren entstellten Leben immobil gehalten werden, dicht zusammengedrängt und in absolut künstlichen Umgebungen. Milliarden Hühner, Schweine und Fleischkälber beispielsweise bekommen überhaupt kein Tageslicht mehr zu Gesicht und wandern noch weniger auf den Feldern, Felder wachsen in immer größerer Totenstille, umso mehr und mehr Weiden umgepflügt werden, um Futter für diese abscheulich eingesperrten Wesen anzubauen.

Die Hightech-Hühner, deren Schnabelenden abgeschnitten werden, um die Tode aus stressbedingten Kämpfen zu reduzieren, leben oft zu viert oder fünft in einem 12 x 18 Zoll (ca. 30 x 45 cm) großen Käfig und werden regelmäßig für bis zu zehn Tage ihres Essens und Wassers beraubt, um ihren Eierlegezyklus zu regulieren. Schweine leben auf Betonböden ohne Einstreu; Fußfäule, Schwanzabbeißen und Kanibalismus sind aufgrund ihres physischen Zustands und ihres Stresses vorherrschend. Säue stillen ihre Ferkel durch Metallstäbe voneinander getrennt, die Mutter und ihr Nachwuchs werden von natürlichem Kontakt getrennt. Fleischkälber werden oft in Dunkelheit großgezogen, in Ställe gesperrt, die so eng sind, dass sie sich nicht einmal umdrehen oder irgendeine andere normale Haltungsveränderung machen können. Diese Tiere befinden sich allgemein unter dem Regiment einer konstanten Medikation aufgrund der angewandten Folter und ihrer erhöhten Anfälligkeit für Krankheiten; die automatisierte Tierproduktion basiert auf Hormonen und Antibiotika. So eine systematische Grausamkeit, um nicht von der Art von Essen zu sprechen, die daraus resultiert, ruft in Erinnerung, dass für die Gefangenschaft selbst und jede Form der Versklavung die Landwirtschaft Modell stand oder diese begründete. Nahrung war einst einer unserer direktesten Kontakte zur natürlichen Umwelt, aber wir werden zunehmend stärker von einem technologischen Produktionssystem abhängig gemacht, in dem schließlich sogar unsere Sinne überflüssig werden; Der Geschmackssinn, einst unabkömmlich, um die Qualität und Sicherheit von Nahrungsmitteln zu beurteilen, wird nicht länger empfunden, sondern vielmehr von einem Label zertifiziert. Insgesamt wird das, was wir konsumieren, immer ungesünder und Land, das einst zur Herstellung von Nahrung kultiviert wurde, produziert nun Kaffee, Tabak, Korn für Alkohol, Marihuana und andere Drogen, die die Grundlage für Hungersnöte schaffen. Selbst die nichtverarbeiteten Nahrungsmittel, wie Früchte und Gemüse, werden heute gezüchtet, geschmacklos und gleichförmig zu sein, da die Anforderungen der Bearbeitung, des Transports und der Lagerung, nicht die Nahrhaftigkeit oder der Genuss die wichtigsten Aspekte sind. Der totale Krieg der Landwirtschaft wurde während des Vietnamkrieges übernommen, um Millionen Morgen Land in Südostasien zu entlauben, aber die Plünderung der Biosphäre setzt sich in ihrer täglichen, globalen Form sogar noch heftiger fort. Nahrung als ein Erzeugnis der Produktion ist selbst auf der offensichtlichsten Ebene absolut gescheitert: Die Hälfte der Welt leidet, wie jede*r weiß, unter Mangelernährung bis hin zum Verhungern.

Unterdessen werden die »Zivilisationskrankheiten« von Eaton und Konner im New England Journal of Medicin vom 31. Januar 1985 diskutiert und der gesunden, prä-landwirtschaftlichen Ernährung gegenübergestellt, wobei die freudlose, kränkliche Welt chronischer Verhaltensgestörtheit, die wir als Beute der Hersteller von Medizin, Kosmetika und fabrizierter Nahrung beleben, unterstrichen wird. Die Domestizierung erreicht neue pathologische Höhepunkte in der genetischen Nahrungsmittelproduktion mit neuen Arten von Tieren am Horizont, sowie künstlichen Mikroorganismen und Pflanzen. Aller Logik nach wird die Menschheit selbst ebenfalls in dieser Ordnung domestiziert werden, da die Welt der Produktion uns ebenso bearbeitet, wie sie jedes andere natürliche System herabwürdigt und entstellt.

Das Projekt der Unterwerfung der Natur, das mit der Landwirtschaft begonnen hat und durchgesetzt wurde, hat gigantische Ausmaße angenommen. Der »Erfolg« des Fortschritts der Zivilisation, ein Erfolg, der von der früheren Menschheit niemals beabsichtigt gewesen ist, schmeckt mehr und mehr nach Asche. James Serpell fasste das folgendermaßen zusammen: »In Kürze scheinen wir das Ende der Linie erreicht zu haben. Wir können nicht weiter expandieren; wir scheinen nicht in der Lage dazu zu sein, die Produktion zu intensivieren ohne weitere Verwüstung zu betreiben und der Planet entwickelt sich schnell zu einem Ödland.« Der Physiologe Jared Diamond bezeichnete den Beginn der Landwirtschaft als »Katastrophe, von der wir uns niemals erholt haben.« Landwirtschaft war und bleibt eine »Katastrophe« auf allen Ebenen, eine, die die gesamte materielle und spirituelle Kultur der Entfremdung untermauert, die uns nun zerstört. Befreiung ohne ihre Zersetzung ist unmöglich.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Agriculture von John Zerzan

 

Anmerkungen

[1] Anthropomorphismus (Vermenschlichung) bezeichnet die Projektion von menschlichen Gefühlen, Empfindungen, Eigenschaften, Wesenszügen, usw. auf nichtmenschliche Dinge und Lebewesen (Anm. d. Übers.).

Uhren

Ein Fama hatte eine Wanduhr, die er jede Woche SEHR SEHR SORGFÄLTIG aufzog. Ein Cronopio bemerkte dies, als er vorüberging, begann zu lachen und ging nach Hause, wo er eine Artischockenuhr erfand, oder vielmehr eine wilde Artischockenuhr, auch wenn man sie so oder so nennen kann und soll.

Bei dieser wilden Artischockenuhr des Cronopios handelt es sich um eine Waldartischocke der größeren Gattung, die mit ihrem Stiel an einem Loch in der Wand befestigt ist. Ihre unzähligen Blätter zeigen die Stunde an, alle Stunden, um genau zu sein, auf eine Art und Weise, dass der Cronopio nur eines der Blätter zu pflücken braucht, um zu wissen, wie viel Uhr es ist. So fährt er fort sie von links nach rechts zu pflücken, immer das Blatt, das zu der jeweiligen Stunde gehört, und jeden Tag beginnt der Cronopio damit, eine neue Ebene von Blättern zu pflücken. Wenn er das Zentrum erreicht, kann die Zeit nicht gemessen werden und in der unendlichen violetten Rosenblüte des Artischockenherzens findet der Cronopio große Zufriedenheit. Dann verspeist er sie mit Essig und Öl und Salz und steckt eine neue Uhr in das Loch.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Julio Cortázar. Clocks in Killing King Abacus Anthology S. 58.

Sprache: Ursprung und Bedeutung

Die jüngere Anthropologie (z.B. Sahlins, R. B. Lee) hat die lange dominante Vorstellung, nach der die prähistorische Menschheit als in Armut und Verrohung lebend definiert wurde, geradezu weggefegt. Als würden die Implikationen dessen bereits weithin verstanden werden, scheint diese Epoche zunehmend als eine der Ganzheit und Anmut empfunden zu werden. Unsere Zeit auf dieser Erde, die vom genauen Gegenteil dieser Qualitäten gekennzeichnet ist, bedarf dringend einer Umkehrung der Dialektik, die unserem Leben als Spezies diese Ganzheit genommen hat.

In der Natur zu leben, bevor unsere Abstraktion von ihr einsetzte, muss eine Auffassung von ihr und eine Verbindung beinhaltet haben, die wir aus unserem Zustand der Qual und der Entfremdung nur spärlich begreifen können. Die Kommunikation mit der gesamten Existenz muss ein ausgefallenes Zusammenspiel aller Sinne gewesen sein, das die zahllosen, namenlosen Varietäten des Vergnügens und der Gefühle, die uns einst zugänglich waren, widerspiegelte.

Für Lévy-Bruhl, Durkheim und andere ist der grundlegende und qualitative Unterschied zwischen dem »primitiven Verstand« und unserem dessen fehlende Distanzierung im Moment der Erfahrung; »Der wilde Verstand totalisiert«, wie Lévi-Strauss es ausdrückte. Natürlich wurde uns lange erzählt, dass diese ursprüngliche Einheit zum Zerfall verurteilt war, dass Entfremdung die Domäne des Menschseins ist: Das Bewusstsein basiert auf ihr.

Gewissermaßen im selben Sinne, in dem objektifizierte Zeit für wesentlich für ein Bewusstsein gehalten wurde – Hegel nannte das »die notwendige Entfremdung« –, so wurde das auch Sprache; und zwar ebenso fälschlicherweise. Sprache kann viel eher als die grundlegende Ideologie betrachtet werden, vielleicht als eine ebenso tiefgehende Trennung von der natürlichen Welt wie die selbstexistente Zeit. Und wenn Zeitlosigkeit die Trennung zwischen Spontaneität und Bewusstsein überwindet, dann mag Sprachlosigkeit ebenso notwendig sein.

Adorno schrieb in Minima Moralia: »Für Glücklichkeit gilt das gleiche wie für Wahrheit: Man kann sie nicht besitzen, aber sich in ihr befinden.« Das könnte als eine exzellente Beschreibung der Menschheit dienen, wie wir vor dem Aufkommen von Zeit und Sprache, vor der Teilung und Distanzierung, die Unverfälschtheit zerstört hat, existiert haben.

Das Thema dieser Untersuchung ist die Sprache, in ihrem virulentesten Sinne verstanden. Ein Fragment von Nietzsche veranschaulicht ihre zentrale Perspektive: »Worte schwächen und verrohen; Worte entpersonalisieren; Worte machen das Außergewöhnliche gewöhnlich.«

Auch wenn die Sprache von Gelehrten immer noch in Ausdrücken wie »die bedeutendste und ungeheuerlichste Arbeit, die der menschliche Geist entwickelte« beschrieben werden kann, erscheint diese Charakterisierung nun im Kontext einer Extremität, in der wir gezwungen werden, die Gesamtheit der Arbeit des »menschlichen Geistes« in Frage zu stellen. Wenn in Cowards und Ellis Einschätzung, die »größte Errungenschaft der intellektuellen Entwicklung des 20. Jahrhunderts« das Licht gewesen sei, das von der Linguistik auf die soziale Realität geworfen wurde, dann verweist dieser Fokus ähnlich darauf, wie grundlegend unsere Untersuchung werden muss, um das verstümmelte moderne Leben zu begreifen. Es mag positivistisch klingen, zu versichern, dass Sprache auf irgendeine Weise all die »Fortschritte« der Gesellschaft umfassen muss, aber innerhalb der Zivilisation scheint jede Bedeutung letztlich linguistisch zu sein; Die Frage nach der Bedeutung der in ihrer Totalität begriffenen Sprache ist der unvermeidbare nächste Schritt geworden.

Frühere Autor*innen hätten Bewusstsein banal als das, was verbalisiert werden kann, definiert oder möglicherweise gar argumentiert, dass wortloses Denken unmöglich sei (trotz Gegenbeispielen wie Schachspielen oder Musikkomponieren). Aber in unseren gegenwärtigen Nöten müssen wir die Geburt und den Charakter der Sprache neu überdenken, anstatt sie bloß als eine neutrale, wenn nicht gar harmlose, unvermeidbare Gegebenheit hinzunehmen. Die Philosoph*innen sind nun gezwungen, die Frage mit verstärktem Interesse anzuerkennen; Gadamer zum Beispiel: »Zugegebenermaßen ist die Natur der Sprache eine der rätselhaftesten Angelegenheiten, über die man als Mensch nachgrübeln kann.«

Ideologie, die gepanzerte Betrachtungsweise der Entfremdung, ist Herrschaft, die in einem systematisch falschen Bewusstsein eingebettet ist. Es ist immer noch einfacher, damit zu beginnen, Sprache aus dieser Perspektive zu begreifen, wenn man eine andere sowohl für Ideologie als auch für Sprache übliche Definition aufgreift: nämlich dass jede ein System gestörter Kommunikation zwischen zwei Enden ist undauf Symbolisierung basiert.

Wie die Ideologie erzeugt Sprache durch ihre symbolisierende Macht falsche Trennungen und schafft Objektifizierungen. Diese Verzerrung wird durch die Tarnung und schließlich die Beschädigung der Teilnahme des Subjekts an der physischen Welt möglich gemacht. Moderne Sprachen beispielsweise nutzen das Wort »Verstand«, um etwas zu beschreiben, das unabhängig in unserem Körper haust, verglichen mit dem sanskritischen Wort, das so viel bedeutet wie »darin arbeitend« und das aktiv Empfindungen, Wahrnehmungen und Erkenntnis umfasst. Die Logik der Ideologie, vom Aktiven hin zum Passiven, von der Einheit hin zur Trennung, wird ähnlich im Verfall der Verbform im Allgemeinen widergespiegelt. Es ist bemerkenswert, dass die viel freieren und sinnlicheren Jäger*innen/Sammler*innen-Kulturen der neolithischen Auferlegung von Zivilisation, Arbeit und Eigentum um dieselbe Zeit wichen, als Verben auf etwa die Hälfte aller Worte einer Sprache zurück gingen; Im modernen Englisch machen Verben weniger als 10% der Worte aus.

Obwohl die Sprache in ihren maßgeblichen Eigenschaften seit ihrem Aufkommen vollständig erscheint, wird ihr Fortschritt von einem beständigen Prozess der Verschlechterung markiert. Die Zerstückelung der Natur, ihre Reduktion auf Konzepte und Gleichsetzungen tritt entlang der Linien auf, die von den Mustern der Sprache gezogen werden. Und je mehr die Maschinerie der Sprache, wieder parallel zur Ideologie, sich die Existenz unterwirft, desto mehr überdeckt sie ihre Rolle bei der Reproduktion einer Gesellschaft der Unterwerfung.

Navajo ist aus der charakteristischen Voreingenommenheit unserer Zeit für das Allgemeinere und Abstrakte heraus, eine »übertrieben wörtliche« Sprache genannt worden. In einer viel früheren Zeit, werden wir erinnert, herrschte das Direkte und Konkrete vor; es existierte eine »Vielzahl an Begriffen für das Gefühlte und Gesehene.« (Mellersh 1960) Tonybee stellte »einen beeindruckenden Reichtum an Flexionen« in frühen Sprachen fest und die spätere Tendenz hin zur Vereinfachung der Sprache durch die Verbannung der Flexionen. Cassirer sah die »verblüffende Vielfalt an Begriffen für eine bestimmte Handlung« unter indigenden amerikanischen Stämmen und verstand, dass solche Begriffe einander eine Beziehung der Gegenüberstellung statt einer der Unterwerfung ermöglichten. Aber es lohnt sich, einmal mehr zu bemerken, dass auch wenn Sprache sehr früh eine üppige Verschwendung an Symbolen enthielt, sie selbst auf dieser Ebene dennoch eine Einsperrung in Symbolen, in abstrakten Konventionen war, die als heranwachsende Ideologie betrachtet werden kann.

Als Paradigma der Ideologie betrachtet muss Sprache auch als das bestimmende Organisationsprinzip der Erkenntnis begriffen werden. Wie der linguistische Pionier Sapir bemerkte, sind Menschen hinsichtlich dessen, was die »soziale Realität« ausmacht, ziemlich abhängig von der Sprache. Ein anderer einflussreicher anthropologischer Linguist, Whorf, entwickelte das weiter und verkündete, dass Sprache die gesamte eigene Lebensweise bestimmt, inklusive des eigenen Denkens und aller anderen Formen der Geistestätigkeit. Sprache zu gebrauchen bedeutet sich selbst auf die Weisen ihrer Wahrnehmung zu beschränken, die dieser Sprache bereits innewohnen. Die Tatsache, dass Sprache nur eine Form ist und dennoch alles gestaltet, reicht an den Kern dessen heran, was Ideologie ist.

Sie ist die nur ideologisch enthüllte Realität, wie eine von uns getrennte Schicht. Auf diese Weise erschafft und erniedrigt Sprache die Welt. »Die menschliche Sprache verbirgt viel mehr, als sie mitteilt; sie verwischt viel mehr, als sie definiert; sie entfernt mehr, als sie verbindet«, war George Steiners Schlussfolgerung.

Etwas konkreter ausgedrückt, besteht das Wesen des Erlernens einer Sprache darin, ein System zu erlernen, ein Modell, das das Sprechen formt und kontrolliert. Es ist immer noch leichter, Ideologie auf dieser Ebene zu sehen, auf der aufgrund der wesentlichen Beliebigkeit des Phonologischen syntaktische und semantische Regeln jeder einzelnen menschlichen Sprache erlernt werden müssen. Das Unnatürliche wird auferlegt als ein notwendiger Aspekt der Reproduktion einer unnatürlichen Welt.

Selbst in den primitivsten Sprachen enthalten Worte nur selten eine feststellbare Ähnlichkeit zu dem, was sie bezeichnen; sie sind absolut konventionell. Selbstverständlich ist das Teil einer Tendenz, die Realität symbolisch wahrzunehmen, die Cioran als »unnachgiebiges symbolisches Netz« der Sprache bezeichnete, als unendliche Regression, die uns von der Welt abschneidet. Die beliebige, autarke Natur der Symbolik der Sprache erschafft wachsende Bereiche falscher Gewissheit, wo Staunen, Vielfalt und Kontravalenz vorherrschen sollten. Barthes Darstellung der Sprache als »absolut terroristisch« bringt das gut auf den Punkt; er sah, dass ihre systematische Natur »um vollständig zu sein, lediglich gültig sein muss, nicht zutreffend.« Sprache führt die ursprüngliche Trennung zwischen Weisheit und Vorgehen herbei.

Entlang dieser Linien, hinsichtlich der Struktur, ist es offensichtlich, dass »Redefreiheit« nicht existiert; Grammatik ist die unsichtbare »Gedankenkontrolle« unseres unsichtbaren Gefängnisses. Mit der Sprache haben wir uns bereits selbst in einer Welt der Unfreiheit eingerichtet.

Verdinglichung, die Neigung, Konzeptuelles als Wahrgenommenes zu sehen und Konzepte als real zu behandeln, ist für die Sprache ebenso grundlegend wie für Ideologie. Sprache repräsentiert die Verdinglichung der Erfahrung durch den Verstand, was eine analytische Zerlegung in Teile bedeutet, die als Konzepte wie Objekte verändert werden können. Horkheimer hat darauf hingewiesen, dass Ideologie mehr darin besteht, wie die Menschen sind – in ihrer mentalen Beschränktheit, ihrer vollständigen Abhängigkeit von Assoziationen, die ihnen angeboten werden –, als woran sie glauben. In einer Bemerkung, die ebenso für Sprache wie für die Ideologie zu gelten scheint, ergänzte er, dass die Menschen alles nur innerhalb des konventionellen Rahmens von Konzepten erfahren.

Es ist versichert worden, dass Verdinglichung notwendig für die mentale Funktionsweise sei, dass die Bildung von Konzepten, die fälschlicherweise für lebhafte Eigenschaften und Beziehungen gehalten werden können, Schluss macht mit der andernfalls beinahe untragbaren Erfahrung, eine Erfahrung auf eine andere zu beziehen.

Cassirer sagte von dieser Distanzierung von der Erfahrung, »Die physische Realität scheint in dem Maße abzunehmen, in dem die symbolische Aktivität des Menschen zunimmt.« Repräsentation und Gleichförmigkeit beginnen mit der Sprache und erinnern uns an Heideggers Insistieren, dass durch die Zivilisation etwas außerordentlich Wichtiges vergessen wurde.

Die Zivilisation wird oft nicht als ein Vergessen, sondern als ein Erinnern betrachtet, wobei es Sprache ermöglicht, akkumuliertes Wissen weiter zu vermitteln und uns so erlaubt von den Erfahrungen anderer zu profitieren, als wären sie unsere eigenen. Was dabei vielleicht in Vergessenheit geriet, ist, dass die Erfahrungen anderer eben nicht unsere eigenen sind, dass der Prozess der Zivilisierung also ein stellvertretender und unauthentischer ist. Wenn Sprache aus guten Gründen für buchstäblich an das Leben angrenzend gehalten wird, dann ist das eine andere Art auszudrücken, dass das Leben sich beständig weiter von der direkt empfundenen Erfahrung entfernt hat.

Sprache, ebenso wie Ideologie, vermittelt das Hier und Jetzt und greift direkt spontane Verbindungen an. Ein eindringliches Beispiel wurde einmal von einer Mutter gegeben, die Einwände gegen den Zwang lesen zu lernen erhob: »Wenn ein Kind erst einmal alphabetisiert wurde, gibt es keinen Weg zurück. Man gehe durch ein Kunstmuseum. Dort kann man die belesenen Student*innen dabei beobachten, wie sie die Aushängeschilder lesen, bevor sie die Gemälde betrachten, um sicherzustellen, dass sie wissen, was sie betrachten. Manchmal lesen sie sogar die Schilder und ignorieren die Gemälde vollständig … Die ersten Lesebücher weisen darauf hin, dass das Lesen Türen öffnet. Aber wenn diese Türen erst einmal offen stehen, ist es sehr schwierig, die Welt nicht durch sie zu betrachten.«

Sprache, der Prozess jede direkte Erfahrung in höheren symbolischen Ausdruck zu verwandeln, reißt das Leben an sich. Wie die Ideologie verdeckt und rechtfertigt die Sprache und verlockt uns, unsere Zweifel an ihrer behaupteten Gültigkeit fallen zu lassen. Sie liegt in der Wurzel der Zivilisation, ist der dynamische Schlüssel zur entfremdeten Natur der Zivilisation. Als Paradigma der Ideologie steckt die Sprache hinter all der massiven Legitimation, die erforderlich ist, um die Zivilisation zusammenzuhalten. Es liegt an uns, klarzustellen, welche Formen aufkeimender Herrschaft diese Rechtfertigung erzeugten und Sprache als ein grundsätzliches Mittel der Repression erforderlich machten.

Zunächst sollte klar sein, dass die beliebige und maßgebliche Verbindung eines bestimmten Klangs mit einem bestimmten Ding weder unvermeidbar noch zufällig ist. Sprache ist eine Erfindung aus dem Grund, dass kognitive Prozesse ihrem Ausdruck in Sprache vorangehen müssen. Zu versichern, dass die Menschheit nur wegen ihrer Sprache menschlich ist, vernachlässigt die logische Folge, dass menschlich zu sein die Vorbedingung für die Erfindung der Sprache ist.

Die Frage lautet, wie kam es, dass Worte erstmals überhaupt als Zeichen akzeptiert wurden? Wie entstand das erste Symbol? Zeitgenössische Linguist*innen empfinden das als »ein so schwerwiegendes Problem, dass man daran verzweifelt, einen Ausweg aus diesen Schwierigkeiten zu finden.« Unter den mehr als zehntausend Arbeiten zum Ursprung der Sprache räumen selbst die jüngsten ein, dass die theoretischen Unstimmigkeiten gigantisch sind. Die Frage nach dem Zeitpunkt der Entstehung von Sprache brachte auch äußerst verschiedene Meinungen hervor. Es gibt kein bedeutenderes kulturelles Phänomen und doch gibt es keine andere Entwicklung, übere deren Entstehung weniger Fakten bekannt sind. Kaum überraschend ist Bernard Campell nicht alleine in seinem Urteil, dass »wir einfach nicht wissen und nie wissen werden, wie und wann Sprache aufkam.«

Viele der Theorien zum Ursprung der Sprache sind trivial: Sie erklären nichts über die qualitativen, vorsätzlichen Veränderungen, die von der Sprache eingeführt wurden. Die »Ding-Dong«-Theorie vertritt, dass es irgendeine angeborene Verbindung zwischen Klang und Bedeutung gäbe; Die »Puh-Puh«-Theorie vertritt, dass Sprache anfangs aus Ausrufen des Erstaunens, der Angst, der Lust, des Schmerzes, usw. bestand; Die »Ta-Ta«-Theorie postuliert die Nachahmung körperlicher Bewegungen bei der Entstehung der Sprache, und so weiter, alles Erklärungen, die an der eigentlichen Frage vorbeigehen. Die Hypothese, dass die Erfordernisse des Jagens Sprache notwendig machten, lässt sich andererseits leicht widerlegen; Tiere jagen gemeinsam ohne Sprache und es ist für Menschen oft notwendig, sich still zu verhalten, um zu jagen.

Meiner Meinung nach kommt der Ansatz des zeitgenössischen Linguisten E. H. Sturtevant dem Ganzen schon näher: Da sich alle Absichten und Emotionen unfreiwillig durch Gestik, Aussehen und Geräusche ausdrücken, muss freiwillige Kommunikation, wie Sprache, in der Absicht erfunden worden sein, zu lügen oder zu betrügen. In einer zurückhaltenderen Manier bestand der Philosoph Caws darauf, dass »Wahrheit … ein relativer Nachzügler auf dem Feld der Linguistik ist und dass es sicherlich ein Fehler ist, anzunehmen, dass Sprache dazu erfunden wurde, diese mitzuteilen.«

Aber es liegt in dem spezifischen sozialen Kontext unserer Erkundung, den Bedingungen und Entscheidungen konkreter Aktivitäten und Beziehungen, dass nach einem tieferen Verständnis der Entstehung der Sprache gesucht werden muss. Olivia Vlahos mutmaßte, dass die »Macht der Worte« sehr früh entstanden sein muss; »Sicherlich … nicht lange nachdem der Mensch begonnen hat, nach einem bestimmten Muster gefertigte Werkzeuge zu gebrauchen.« Das Abblättern oder Absplittern von Steinwerkzeugen während der ein oder zwei Millionen Jahre des paläolithischen Lebens jedoch, scheint viel mehr geeignet zu sein, durch direkte, vertraute Vorführung weitergegeben worden zu sein als durch gesprochene Anweisungen.

Dennoch zielt die Behauptung, dass Sprache mit den Anfängen der Technologie – die in diesem Sinne in der Arbeitsteilung und ihren Begleiterscheinungen besteht, wie einer Standardisierung der Dinge und Ereignisse und der effektiven Macht von Spezialist*innen über andere – aufkam, meiner Meinung nach auf den Kern der Angelegenheit. Es scheint sehr schwierig zu sein, die Arbeitsteilung – »die Quelle der Zivilisation«, um Durkheim zu zitieren – in egal welchem Stadium von der Sprache zu entkoppeln, vielleicht am schwierigsten zu Beginn. Arbeitsteilung erforderte eine relativ komplexe Kontrolle von Gruppenaktivitäten; effektiv erfordert sie, dass die gesamte Gemeinschaft organisiert und gelenkt wird. Das passiert durch das Herunterbrechen der Funktionen, die zuvor von allen erfüllt wurden, in eine zunehmend breitere Differenzierung von Aufgaben und entsprechend durch Rollen und Unterschiede.

Während Vlahos spürte, dass Sprache recht früh aufkam, im Verhältnis zu einfachen Steinwerkzeugen und ihrer Herstellung, hat Julian Jaynes eine vielleicht interessantere Frage aufgeworfen, die aus seiner gegensätzlichen Meinung, dass Sprache erst viel später aufkam, resultiert. Er fragt, wie es komme, dass, wenn die Menschheit Sprache seit einigen Millionen Jahren kenne, es kaum eine Entwicklung der Technologie gegeben habe? Jaynes Frage impliziert einen nützlichen Wert, der der Sprache anhaftet, eine angebliche Entfesselung latenter Potentiale positiver Natur. Aber wenn man sich die destruktive Dynamik der Arbeitsteilung, auf die weiter oben verwiesen wurde, vor Augen hält, so mag es, auch wenn Sprache und Technologie in der Tat verbunden sind, dennoch sein, dass sich beider tausende Generationen lang erfolgreich erwehrt wurde.

Zu Beginn musste die Sprache die Anforderungen eines Problems, das außerhalb der Sprache existierte, erfüllen. Angesichts der Kongruenz von Sprache und Ideologie ist auch offensichtlich, dass, sobald ein Mensch sprach, er oder sie abgetrennt wurde. Dieser Bruch ist der Moment der Auflösung der ursprünglichen Einheit zwischen Menschheit und Natur; Er fällt mit der Einführung der Arbeitsteilung zusammen. Marx erkannte, dass das Aufkommen von ideologischem Bewusstsein durch die Arbeitsteilung eingeführt wurde; Sprache war für ihn das grundsätzliche Paradigma »produktiver Arbeit«. Jeder Schritt im Fortschreiten der Zivilisation bedeutete jedoch zusätzliche Arbeit und die grundsätzlich fremde Realität produktiver Arbeit wird durch die Sprache begriffen und vertieft. Ideologie erhält ihren Gehalt durch die Arbeitsteilung und, untrennbar damit verbunden, ihre Form durch die Sprache.

Engels, der die Arbeit sogar noch mehr aufwertet als Marx, erklärt den Ursprung der Sprache durch und mit der Arbeit, der »Beherrschung der Natur«. Er drückte die wesentliche Verbindung durch die Wendung »Arbeit zuerst, nach und dann mit ihr die Sprache« aus. Um es kritischer auszudrücken: Die künstliche Kommunikation der Sprache war und ist die Stimme der künstlichen Trennung der Arbeit(steilung). (In der üblichen, repressiven Ausdrucksweise wird das natürlich positiv ausgedrückt, im Sinne der unschätzbaren Natur der Sprache hinsichtlich der Organisierung »individueller Verantwortlichkeiten«.)

Sprache wurde zur Unterdrückung von Empfindungen erarbeitet; als Schlüssel der Zivilisation drückt sie die Sublimierung des Eros, die Repression des Instinkts aus, die das Herz der Zivilisation ausmacht. Freud verband in dem einen Absatz, den er dem Ursprung der Sprache widmete, ursprüngliche Sprache mit sexueller Verbindung als das Instrument, durch das Arbeit als »eine Gleichwertigkeit und als Ersatz für sexuelle Aktivität« erträglich gemacht wurde. Diese Übertragung einer freien Sexualität auf die Arbeit ist die ursprüngliche Sublimierung und Freud sah Sprache in der Herstellung der Verbindung zwischen Balzrufen und Arbeitsprozessen begründet.

Der neo-freudsche Lacan führt diese Analyse fort und versichert, dasss das Unterbewusstsein durch die ursprüngliche Unterdrückung durch die Aneignung von Sprache geformt wird. Für Lacan ist das Unterbewusstsein demnach »wie eine Sprache strukturiert« und funktioniert linguistisch, nicht instinktiv oder symbolisch im herkömmlichen freudschen Sinne.

Wenn man die Frage nach dem Ursprung auf einer bildlichen Ebene betrachtet, ist es interessant, sich den Mythos des Turmbaus zu Babel anzusehen. Die Geschichte der Sprachverwirrung ist, wie die andere Geschichte aus Genesis über die Vertreibung aus dem Garten Eden, ein Versuch, den Ursprung des Bösen zu beschreiben. Die Zersplitterung einer »ursprünglichen Sprache« in gegenseitig unverständliche kann am Besten als das Aufkommen symbolischer Sprache aufgefasst werden, die einen früheren Zustand einer umfassenderen und authentischeren Kommunikation in den Schatten stellte. In zahlreichen Traditionen des Paradieses können beispielsweise Tiere sprechen und Menschen sie verstehen.

Ich habe anderswo argumentiert, dass der Sündenfall als ein Sturz in die Gefilde der Zeit betrachtet werden kann. Ebenso legt des Scheitern des Turmbaus zu Babel, wie Russell Fraser es ausdrückt, »die Isolation des Menschen in der historischen Zeit« nahe. Aber der Sündenfall hat auch eine Bedeutung im Hinblick auf den Ursprung der Sprache. Benjamin fand diese in der Vermittlung, die die Sprache ist, und auch im »Ursprung der Abstraktion als eines Vermögens des Sprachgeistes«. »Der Sündenfall führt in die Sprache«, gemäß Norman O. Brown.

Ein anderer Teil der Genesis enthält einen biblischen Kommentar zur Erforderlichkeit von Sprache, Namen und der Vorstellung, dass Benennung ein Akt der Herrschaft ist. Ich beziehe mich auf den Schöpfungsmythos, der die Passage »Und welchen Namen Adam auch jedem der Lebewesen verlieh, so wurde es fortan genannt« enthält. Das betrifft direkt die notwendige linguistische Komponente der Herrschaft über die Natur: Der Mensch wurde zum Herren über die Dinge, nur weil er diese zuerst benannte, um es in den Worten von Dufrenne auszudrücken. Oder wie Spengler sagte, »Etwas durch einen Namen zu benennen, bedeutet Macht über es zu erlangen.«

Der Beginn der Trennung der Menschheit von der Welt und ihrer Eroberung durch den Menschen liegt demnach in der Benennung der Welt. Das Logos selbst ist als Gott an der ersten Benennung beteiligt, die die Herrschaft der Gottheit repräsentiert. Die weithin bekannte Passage ist im Johannesevangelium enthalten: »Am Anfang war das Wort und das Wort war mit Gott, und das Wort war Gott.«

Um auf die Frage nach dem Ursprung der Sprache in der Realität zurückkommen, kommen wir auch zu der Feststellung zurück, dass das Problem der Sprache das Problem der Zivilisation ist. Der Anthropologe Lizot bemerkte, dass die Lebensweise der Jäger*innen/Sammler*innen dieses Fehlen von Technologie und Arbeitsteilung aufweist, die für Jaynes ein Hinweis auf dasgleichzeitige Fehlen von Sprache ist; »Die Verachtung [der primitiven Menschen] gegenüber Arbeit und ihr Desinteresse an technologischem Fortschritt an sich stehen außer Frage.« Ferner zeige die »Mehrzahl jüngerer Studien« Lees Worten um 1981 zufolge, dass die Jäger*innen/Sammler*innen »wohl genährt waren und reichlich Freizeit gehabt [haben]«.

Die frühe Menschheit war nicht durch den Druck konstanter Sorgen um ihr Überleben von der Sprache abgelenkt; die Zeit für Reflektionen und linguistische Entwicklung war vorhanden, aber dieser Pfad wurde offensichtlich für viele tausende von Jahren verweigert. Genausowenig fand der endgültige Sieg der Landwirtschaft, dem Grundstein der Zivilisation (in Form der neolithischen Revolution) aufgrund von Nahrungsknappheit oder Bevölkerungsdruck statt. Tatsächlich »lautet die Frage, die man sich stellen muss«, wie Lewis Binford schloss, »nicht, warum Landwirtschaft und Nahrungsmittel-Lagertechniken nicht überall entwickelt wurden, sondern warum sie überhaupt entwickelt wurden.«

Die Vorherrschaft von Landwirtschaft, inklusive Eigentum, Gesetz, Städten, Mathematik, Überschüssen, permanenter Hierarchie und Spezialisierung, Schrift, um nur einige ihrer Elemente zu erwähnen, war kein unvermeidbarer Schritt des menschlichen »Fortschritts«, genausowenig wie es Sprache selbst war. Die Realität des prä-neolithischen Lebens veranschaulicht die Entwürdigung oder Niederlage dessen, was allgemein als ein gigantischer Schritt vorwärts betrachtet wird, eine bewundernswerte Überwindung der Natur, etc.. In diesem Licht erweisen sich viele der Einblicke Horkheimers und Adornos in Die Dialektik der Aufklärung (wie die Verbindung des Fortschritts in instrumenteller Kontrolle mit dem Rückschritt in der affektiven Wahrnehmung) als zweifelhaft aufgrund ihrer falschen Schlussfolgerung, dass die Menschen … immer zu wählen [hatten] zwischen ihrer Unterwerfung unter Natur oder der Natur unter das Selbst«.

»Nirgendwo spiegelt sich die Zivilisation so perfekt wieder wie in der Sprache«, kommentierte Pei und auf einige sehr bedeutenden Weisen hat die Sprache nicht nur Umbrüche im menschlichen Leben widergespiegelt, sondern vielmehr bestimmt. Der tiefgreifende, machtvolle Bruch, der von der Geburt der Sprache eingeleitet wurde, prophezeite und überschattete die Ankunft der Zivilisation und der Geschichte vor gut 10.000 Jahren. Im Einflussbereich der Sprache »steht die gesamte Geschichte vereint und vollständig im Sinne einer natürlichen Ordnung da«, sagt Barthes.

Mythologie, die, wie Cassirer bemerkte, »von ihrem Beginn an potenzielle Religion ist«, kann als eine Funktion der Sprache verstanden werden, als ihren Erfordernissen unterworfen, wie jedes andere ideologische Produkt. Der Linguist Muller aus dem 19. Jahrhundert beschrieb Mythologie als eine »Krankheit der Sprache« in genau diesem Sinne; Sprache deformiert das Denken durch ihre Unfähigkeit, die Dinge direkt zu beschreiben. »Mythologie ist unvermeidbar, sie ist natürlich, sie ist eine inhärente Notwendigkeit der Sprache … (Sie ist) der dunkle Schatten, der sich über das Denken legt und der niemals verschwinden kann, bis die Sprache vollständig dem Denken entsprechen wird, was sie niemals tun wird.«

Es ist kein Wunder, dass der alte Traum nach einer Lingua Adamica, nach einer »wahren« Sprache, die nicht aus konventionellen Zeichen besteht, sondern die direkte, unvermittelte Bedeutung der Dinge ausdrückt, immer schon wesentlicher Bestandteil des Verlangens der Menschheit nach einem verlorenen urzeitlichen Zustand war. Wie bereits weiter oben bemerkt, ist der Turmbau zu Babel einer der dauerhaften Hinweise auf dieses Verlangen, wahrhaftig miteinander und mit der Natur zu kommunizieren.

In diesem früheren (aber lange währenden) Zustand bildeten die Natur und die Gesellschaft ein kohärentes Ganzes, das durch die engsten Bande verbunden war. Der Schritt von der Teilnahme an der Gesamtheit der Natur hin zur Religion beinhaltete eine Ablösung von Kräften und von Wesen in nach außen verkehrte Existenzen. Diese Trennung nahm die Form von Gottheiten an und die religiösen Praktiker, die Schamanen, waren die ersten Spezialist*innen.

Die entscheidenden Vermittlungen der Mythologie und der Religion sind jedoch nicht die einzigen tiefgreifenden kulturellen Entwicklungen, die der modernen Entfremdung zugrunde liegen. Die Kunst wurde ebenfalls im Jungpaläolithikum geboren, als die Spezies der Neanderthaler dem Cromagnonmenschen wich (und das Gehirn an Größe verlor). In den gefeierten Höhlenmalereien von vor gut 30.000 Jahren findet sich eine große Palette an abstrakten Zeichen wieder; der Symbolismus der Kunst des späten Paläolithikums versteift langsam zu den stilisierteren Formen der neolithischen Bauern. Während dieser Periode, die entweder auch die der Entstehung der Sprache ist oder in der sich ihre erste wirkliche Vorherrschaft feststellen lässt, tritt eine wachsende Unzufriedenheit zutage. John Pfeiffer beschrieb dies als den Verfall der egalitären Jäger*innen/Sammler*innen-Traditionen, als der Cromagnonmensch seine Vorherrschaft ausbaute. Während es bis zum Jungpaläolithikum »keine Spur von Rängen« gegeben hat, erforderte die aufkommende Arbeitsteilung mit ihren sofortigen sozialen Konsequenzen eine Disziplinierung derer, die dem schrittweisen Vorrücken der Zivilisation Widerstand leisteten. Als ein formalisierendes, indoktrinierendes Instrument erfüllte die dramatische Macht der Kunst dieses Bedürfnis nach kultureller Einheit und der Beständigkeit von Autorität. Sprache, Mythos, Religion und Kunst entwickelten sich also als tiefgreifende »politische« Bedingungen des sozialen Lebens, durch die das künstliche Medium symbolischer Formen die direkt gelebten Qualitäten des Lebens vor der Arbeitsteilung ersetzten. Von diesem Punkt an konnte die Menschheit die Realität nicht mehr von Angesicht zu Angesicht wahrnehmen; die Logik der Herrschaft hüllte den Schleier des Vergessens über Spiel, Freiheit und Überfluss.

Gegen Ende des Paläolithikums, als ein abnehmender Anteil an Verben in der Sprache den Verfall einzigartiger und frei gewählter Handlungen in Konsequenz der Arbeitsteilung widerspiegelte, besaß die Sprache noch immer keine Zeiten. Obwohl die Erschaffung einer symbolischen Welt die Bedingung für die Existenz der Zeit war, entwickelten sich keine festen Ausdifferenzierungen, bevor das Jäger*innen/Sammler*innen-Leben von der neolithischen Landwirtschaft abgelöst worden war. Aber wenn jedes Verb eine Zeit aufzeigt, erfordert die Sprache »ein Lippenbekenntnis zur Zeit, selbst wenn die Zeit unseren Gedanken gerade am fernsten ist«. (Van Orman Quine 1960) Ab diesem Punkt kann man sich fragen, ob Zeit außerhalb der Grammatik existiert. Als die Struktur der Sprache die Zeit ersteinmal in sich eingebunden hatte und dadurch bei jedem Ausdruck von ihr animiert wurde, war es der Arbeitsteilung endgültig gelungen eine frühere Realität zu zerstören. Mit Derrida lässt sich akkurat auf »Sprache als den Ursprung der Geschichte« verweisen. Sprache selbst ist eine Repression und entlang ihrem Fortschritt versammelt sich Repression – wie Ideologie, wie Arbeit –, um historische Zeit zu erzeugen. Ohne Sprache würde die gesamte Geschichte verschwinden.

Urgeschichte ist Urschrift; Eine bestimmte Art der Schrift ist das Signal dafür, dass die Zivilisation ihren Lauf genommen hat. »Man bekommt den Eindruck«, schrieb Freud in Die Zukunft einer Illusion, »dass Zivilisation [im Original »Kultur«; 1] etwas ist, was einer widerstrebenden Mehrheit von einer Minderzahl auferlegt wurde, die es verstanden hat sich in den Besitz von Macht- und Zwangsmitteln zu setzen.« Wenn die Frage der Zeit und der Sprache problematisch erscheint, so ist die Schrift eine Ebene von Sprache, die ziemlich direkt zur Unterwerfung beiträgt. Freud hätte berechtigterweise auf geschriebene Sprache als den Hebel, durch den Zivilisation aufgezwungen und gefestigt wurde, hingewiesen werden können.

Um rund 10.000 vor Christus erzeugte eine umfangreiche Arbeitsteilung die Art von sozialer Kontrolle, die von Städten und Tempeln widergespiegelt wird. Die frühesten Schriften sind Steueraufzeichnungen, Gesetze, Arbeitsvereinbarungen. Diese objektifizierte Herrschaft entstand demnach aus den praktischen Anforderungen der politischen Ökonomie. Ein erhöhter Gebrauch von Buchstaben und Tafeln ermöglichte es denen, die an der Macht waren, bald, eine neue Stufe der Macht und Eroberung zu erreichen, wie sie in der neuen Form der Regierung von Hammurabi von Babylon veranschaulicht wird. Wie Lévi-Strauss es ausdrückt, »scheint« Schrift »mehr die Ausbeutung als die Aufklärung der Menschen zu begünstigen … Schrift hat sich seit ihrem ersten Auftreten mit der Unwahrheit verbündet.«

Sprache ist in diesem kritischen Augenblick zur Repräsentation der Repräsentation geworden, zuerst in der hyroglyphischen und ideografischen Schrift, später in der phonetisch-alphabetischen Schrift. Der Fortschritt der Symbolisierung, von der Symbolisierung von Worten über die von Silben und schließlich die von Buchstaben in einem Alphabet, erzwang einen zunehmend unaufhaltbaren Sinn für Ordnung und Kontrolle. Und in der Verdinglichung, die die Schrift erlaubt, ist Sprache nicht länger an ein sprechendes Subjekt oder eine Diskursgemeinschaft gebunden, sondern erschafft ein unabhängiges Feld, in dem es keines Subjekts mehr bedarf.

In der modernen Welt hat die Kunst-Avantgardeam auffälligsten die Gesten der Verweigerung des Gefängnisses der Sprache vollführt. Seit Mallarmé hat sich ein beachtlicher Anteil der modernen Poesie und Prosa der für selbstverständlich hingenommenen normalen Sprache widersetzt. Auf die Frage »Wer spricht?« antwortete Mallarmé, »Die Sprache spricht.« Nach dieser Antwort und besonders seit der explosiven Periode um den ersten Weltkrieg, als Joyce, Stein und andere sich an einer neuen Syntax sowie einem neuen Vokabular versuchten, sind die Einschränkungen und Verzerrungen der Sprache in der Literatur massiv angegriffen worden. Die russischen Futurist*innen, Dada (zum Beispiel Hugo Balls Anstrengungen in den 1920ern, eine »Poesie ohne Worte« zu schaffen), Artaud, die Surrealist*innen und Lettristen waren unter den exotischeren Vertretern eines allgemeinen Widerstands gegen die Sprache.

Die symbolistischen Poeten und viele, die ihre Nachkommen genannt werden können, vertraten die Auffassung, dass eine Verachtung der Gesellschaft auch die Verachtung ihrer Sprache beinhaltet. Aber Unangemessenheit im ersteren Feld schloss Erfolg im letzteren aus, was eine*n dazu bringt zu fragen, inwiefern avantgardistische Bestrebungen irgendetwas anderes sein können als abstrakte, hermetische Gebärden. Sprache, die zu jedem Zeitpunkt die Ideologie einer bestimmten Kultur umfasst, muss in dem Bestreben beendet werden, beide Kategorien der Entfremdung abzuschaffen; ein Projekt, das beachtliche Dimensionen besitzt, kann man sagen. Diese literarischen Texte (z.B. Finnegans Wake, die Dichtung von e. e. cummings), die die Regeln der Sprache brechen, scheinen vor allem den paradoxen Effekt zu besitzen, diese Regeln selbst wieder hervorzurufen. Indem sie das freie Spielen mit Vorstellungen von Sprache erlaubt, behandelt die Gesellschaft diese Vorstellungen als ein bloßes Spiel.

Die gigantische Masse an Lügen – offizielle, kommerzielle und andere – ist vielleicht an sich geeignet, um zu erklären, warum Johnny weder lesen noch schreiben kann [2], warum Analphabetismus in der Metropole zunimmt. Jedenfalls liegt es nicht nur daran, dass Canetti zufolge »der Druck auf die Sprache sehr groß geworden ist«, sondern dass das »Verlernen zu einer Macht in beinahe jedem Denkfeld« geworden ist, wie Robert Harbison das einschätzt.

Wo heute »unfassbar« und »überwältigend« auf die gewöhnlichsten und langweiligsten Dinge angewedet werden, ist es kein Zufall, dass machtvolle und schockierende Worte kaum noch existieren. Der Verfall der Sprache spiegelt eine allgemeinere Entfremdung wider; sie ist uns beinahe vollständig fremd geworden. Von Kafka bis Pinter ist die Stille selbst eine geeignete Stimme unserer Zeit. »Nur wenige Bücher sind verzeihlich. Schwarz auf der Leinwand, Stille auf dem Bildschirm, ein leeres weißes Blatt sind vielleicht glaubhaft«, wie es R. D. Laing so treffend ausdrückt. Unterdessen sind die Strukturalist*innen – Lévi-Strauss, Barthes, Foucault, Lacan, Derrida – in ihrem endlosen exegetischen Wühlen in ihr beinahe vollständig mit der Doppelzüngigkeit der Sprache beschäftigt. Sie haben sich buchstäblich von dem Projekt, Bedeutung aus der Sprache zu gewinnen, losgesagt.

Ich schreibe (offensichtlich) eingeschlossen in Sprache, wobei ich mir bewusst darüber bin, dass Sprache den Widerstand gegen die Verdinglichung verdinglicht. Wie T.S. Eliots Sweeney erklärt, »muss ich Worte gebrauchen, wenn ich mit dir spreche«. Man kann sich vorstellen, die Gefangenschaft der Zeit durch eine angenehme Gegenwart zu ersetzen – nur indem man sich eine Welt ohne Arbeitsteilung, ohne diese Trennung von der Natur vorstellt, aus der jede Ideologie und Autorität erwachsen. Wir wären nicht in der Lage dazu, in dieser Welt ohne Sprache zu leben und das drückt aus, wie umfassend wir diese Welt verändern müssen.

Worte verraten eine Tristesse; sie werden dazu gebraucht, die Leere einer ungezügelten Zeit aufzusaugen. Wir haben alle schon einmal dieses Verlangen empfunden, weiter zu gehen, tiefer zu dringen, als Worte es können, das Gefühl, mit all dem Reden fertig sein zu wollen, wissend, dass es unnötig ist, Kohärenz auszudrücken, wenn einem erlaubt ist, kohärent zu leben.

Es liegt eine tiefgründige Wahrheit in der Feststellung, dass »Liebende keine Worte brauchen«. Der Punkt ist, dass wir eine Welt der Liebenden benötigen, eine Welt des Angesichts-zu-Angesicht, in der selbst Namen vergessen werden können, eine Welt, die weiß, dass Verzücken das Gegenteil von Ignoranz ist. Nur eine Politik, die Sprache und Zeit annuliert und demnach visionär im Hinblick auf Sinnlichkeit ist, hat irgendeine Bedeutung.

 

Übersetzung aus dem Englischen: John Zerzan. Language: Origin and Meaning

[1] Im deutschen Original steht hier statt Ziviliation Kultur, in der vom Text zitierten, englischen Version ist Kultur allerdings durch Zivilisation ersetzt worden, was durchaus im Sinne Freuds zu sein scheint, der an anderer Stellen von »Die Zukunft einer Illusion« schreibt: »Die menschliche Kultur – ich meine all das, worin sich das menschliche Leben über seine animalischen Bedingungen erhoben hat und worin es sich vom Leben der Tiere unterscheidet – und ich verschmähe es, Kultur und Zivilisation zu trennen –…«

[2] »Warum Johnny weder lesen noch schreiben kann« bezieht sich wohl auf einen Bestseller von Rudolf Flesch (Why Jonny can’t Read), der diese Phrase zu einem geflügelten Ausdruck gemacht hat.

Die Abschaffung der Arbeit

Niemand sollte jemals arbeiten

Arbeit ist die Ursache nahezu allen Elends in der Welt. Fast jedes erdenkliche Übel geht aufs Arbeiten oder auf eine fürs Arbeiten eingerichtete Welt zurück. Um das Leiden zu beenden, müssen wir aufhören zu arbeiten.

Das bedeutet nicht, dass wir aufhören sollten, Dinge zu tun. Vielmehr sollten wir eine neue Lebensweise schaffen, der das Spielen zugrunde liegt; sozusagen eine spielerische Revolution. Unter Spielen verstehe ich dabei ebenso Feierlichkeiten, Kreativität, Geselligkeit und vielleicht sogar Kunst. Spielen umfasst mehr als bloßes Kinderspiel, so wertvoll das auch sein mag. Ich fordere ein kollektives Abenteuer allgemeiner Freude in freiem und gegenseitigem Überschwang. Spielen hat nichts Passives an sich. Ohne Zweifel brauchen wir alle mehr Zeit fürs Faulsein und Herumlungern als gegenwärtig, unabhängig vom Einkommen oder der Beschäftigung, doch wenn wir uns erst von der beschäftigungsbasierten Verausgabung unserer Kräfte erholt haben werden, werden beinahe alle von uns wieder tätig werden wollen. Oblomowismus und Stachanowismus sind zwei Seiten derselben entwerteten Medaille.

Spielerisches Leben ist vollkommen inkompatibel mit der bestehenden Wirklichkeit. Das sagt alles über die „Wirklichkeit“, das schwarze Loch, das dem Wenigen im Leben, das es noch vom bloßen Überleben unterscheidet, die Lebenskraft entzieht. Seltsamerweise – oder vielleicht auch nicht – sind alle alten Ideologien konservativ, weil sie an die Arbeit glauben. Manche von ihnen, wie der Marxismus oder die meisten Spielarten des Anarchismus, glauben an die Arbeit umso inbrünstiger, als sie an so wenig anderes glauben.

Die Liberalen wollen die Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt beenden. Ich sage, wir sollten den Arbeitsmarkt abschaffen. Die Konservativen unterstützen Gesetze für ein Recht auf Arbeit. Mit Karl Marx eigensinnigem Schwiegersohn Paul Lafargue unterstütze ich das Recht auf Faulheit. Linke bevorzugen Vollbeschäftigung. Ebenso wie die Surrealist*innen, abgesehen davon, dass ich es auch so meine, bevorzuge ich volle Beschäftigungslosigkeit. Die Trotzkisten agitieren für die permanente Revolution. Ich agitiere für permanente Gelage. Aber auch wenn alle Ideolog*innen (wie sie es tun) für die Arbeit streiten – und nicht nur, weil sie beabsichtigen, andere Menschen die ihre verrichten zu lassen –, sind sie doch seltsam zurückhaltend, das zu sagen. Sie debattieren endlos über Löhne, Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen, Ausbeutung, Produktivität und Profitabilität. Sie reden gerne über alles, außer über die Arbeit selbst. Diese Expert*innen, die uns anbieten, das Denken für uns zu übernehmen, teilen nur selten ihre Erkenntnisse über die Arbeit mit uns, wo doch die Arbeit so bedeutend für unser aller Leben ist. Unter sich streiten sie sich ein bisschen um Einzelheiten. Gewerkschaften und Vorstände stimmen darin überein, dass wir unsere Lebenszeit für unser Überleben verkaufen sollen, auch wenn sie sich über den Preis streiten. Marxist*innen sind der Meinung, dass wir von Bürokrat*innen geleitet werden sollten. Liberale sind der Meinung, dass wir von Unternehmern geführt werden sollten. Feminist*innen interessieren sich nicht für die Art von Chef*innen, solange es Frauen sind. Alle diese Ideolog*innen haben ernste Differenzen hinsichtlich der Verteilung der Macht. Genauso klar ist, dass sie kein Problem mit Macht als solcher haben und dass sie uns alle am Arbeiten halten wollen.

Du magst dich fragen, ob ich Witze mache oder es ernst meine. Ich mache Witze und meine es ernst. Spielerisch zu sein bedeutet nicht notwendigerweise frivol zu sein und Frivolität ist nicht gleichbedeutend mit Trivialität. Sehr oft sollten wir Frivolitäten ernst nehmen. Ich möchte, dass das Leben ein Spiel ist – aber ein Spiel mit hohen Einsätzen. Ich will für immer spielen.

Das Gegenteil von Arbeit ist nicht nur Faulheit. Kindlich und kindisch sind nicht dasselbe. So sehr ich die Lust der Trägheit schätze, so ist sie doch am Lohnendsten, wenn sie anderen Genuss und Zeitvertreib unterbricht. Genausowenig werbe ich für das verwaltete, zeitlich begrenzte Sicherheitsventil namens „Freizeit“, nichts läge mir ferner. Freizeit ist Nicht-Arbeit um der Arbeit willen. Freizeit ist die Zeit, die man damit verbringt, sich von der Arbeit zu erholen und der fieberhafte, aber hoffnungslose Versuch die Arbeit zu vergessen. Viele Menschen kehren so geschafft aus dem Urlaub zurück, dass sie es nicht erwarten können, wieder zu arbeiten, um sich zu erholen. Der Hauptunterschied zwischen Arbeit und Freizeit ist, dass du bei der Arbeit wenigstens für deine Entfremdung und Entkräftung bezahlt wirst.

Ich betreibe hier keine Wortklauberei. Wenn ich sage, dass ich die Arbeit abschaffen will, meine ich genau das, aber ich will mich nicht auf eigenartige Art und Weise ausdrücken. Meine Minimaldefinition von Arbeit ist Zwangsarbeit, also erzwungene Produktivität. Beide Bestandteile dieses Wortes sind zentral für seine Bedeutung. Arbeit ist Produktion, die mithilfe von wirtschaftlichen oder politischen Mitteln erzwungen wird, durch Zuckerbrot oder Peitsche (Das Zuckerbrot ist letztlich auch nichts anderes als die Peitsche mit anderen Mitteln.) Aber nicht jede schöpferische Tätigkeit ist Arbeit. Arbeit wird niemals um ihrer selbst Willen verrichtet, sie wird mit dem Ziel verrichtet, dass der*die Arbeiter*in (oder meistens jemand anderes) durch sie ein bestimmtes Produkt oder eine bestimmte Leistung gewinnt. Das ist es, was Arbeit notwendigerweise ist. Sie zu definieren, bedeutet sie zu verachten. Aber Arbeit ist üblicherweise noch schlimmer, als ihre Definition verheißt. Die Herrschaftsdynamik, die der Arbeit innewohnt, entwickelt sich mit der Zeit weiter. In fortgeschrittenen Arbeitsgesellschaften, inklusive allen industriellen Gesellschaften, egal ob kapitalistisch oder „kommunistisch“, besitzt Arbeit immer auch andere Eigenschaften, die ihre Absurdität noch weiter betonen.

Üblicherweise – und das gilt mehr noch als in kapitalistischen in „kommunistischen“ Ländern, wo der Staat beinahe als einziger Arbeitgeber auftritt und jede*r Arbeitnehmer*in ist –bedeutet Arbeit Anstellung, d.h. Lohnarbeit, was bedeutet, sich an den Dienstplan zu verkaufen. Dementsprechend arbeiten 95% der Amerikaner*innen, die arbeiten, für jemand (oder etwas) anderen. In der UdSSR oder Kuba oder Jugoslawien oder irgendeinem anderen alternativen Modell, das man heranziehen will, nähert sich dieser Anteil 100% an. Lediglich in den umkämpften Bauernbastionen der Dritten Welt – Mexiko, Indien, Brasilien, Türkei – gibt es derzeit einen bedeutenden Anteil an Landwirten, die an den traditionelleren Organisationsmodellen der meisten Arbeiter*innen der letzten paar Jahrhunderte festhalten, der Zahlung von Steuern (= Lösegeld) an den Staat oder von Pacht an parasitäre Landbesitzer*innen im Austausch dafür, ansonsten in Ruhe gelassen zu werden. Selbst dieses schlechte Abkommen erscheint mittlerweile verhältnismäßig gut. Sämtliche Industriearbeiter*innen (ebenso wie Büroarbeiter*innen) sind Angestellte und stehen unter einer Art von Beobachtung, die ihre Unterwürfigkeit garantiert.

Aber die moderne Arbeit hat noch schlimmere Implikationen. Die Menschen arbeiten nicht einfach nur, sie haben „Jobs“. Eine Person erledigt eine produktive Aufgabe die ganze Zeit über auf einer „sonst setzt es was“-Basis. Selbst wenn dieser Tätigkeit auch nur ein Quäntchen Erfüllung innewohnt (was zunehmend mehr Jobs nicht bieten können), so zerstört doch die Eintönigkeit ihrer verbindlichen Ausschließlichkeit jedes spielerische Potenzial. Ein „Job“, der die Energien einiger Personen für einen naheliegenderweise begrenzten Zeitraum und für den Spaß an der Sache zu mobilisieren vermag, ist für diejenigen, die ihn 40 Stunden die Woche erledigen müssen, ohne Mitspracherecht darüber, wie er erledigt werden sollte und zum Profit der Eigentümer, die nichts zu dem Projekt beitragen und ohne die Möglichkeit, die Aufgaben unter denen, die tatsächlich daran arbeiten, aufzuteilen, nichts als eine Bürde. Das ist die wirkliche Welt der Arbeit: Eine Welt des bürokratischen Pfuschs, sexueller Belästigung und Diskriminierung, eine Welt voller holzköpfiger Bosse die ihre Untergebenen, die – allen rational-technischen Erwägungen zufolge – eigentlich das Sagen haben sollten, ausbeuten und zu Sündenböcken machen. Aber der Kapitalismus der realen Welt ordnet die rationale Maximierung der Produktivität und des Profits den Erfordernissen der organisatorischen Kontrolle unter.

Die Entwürdigung, die die meisten Arbeiter*innen in ihrem Job erfahren, ist die Summe allerlei Demütigungen, die als “Disziplin” bezeichnet werden können. Foucault hat dieses Phänomen verkompliziert, aber eigentlich ist es ganz simpel. Disziplin besteht aus der Gesamtheit an totalitärer Kontrollen am Arbeitsplatz – Überwachung, Fließband, festgelegte Arbeitsgeschwindigkeiten, Produktionsziffern, Ein- und Ausstempeln, etc. Disziplin ist das, was die Fabrik, das Büro und der Laden mit dem Gefängnis, der Schule und dem Irrenhaus gemein haben. Sie ist etwas historisch Einzigartiges und Schreckliches. Sie übersteigt die Möglichkeiten der dämonischen Diktatoren der alten Zeiten wie Nero, Dschingis Khan und Iwan der Schreckliche. Ungeachtet all ihrer üblen Absichten hatten sie einfach nicht die geeignete Maschinerie, um ihre Subjekte so vollständig zu kontrollieren, wie es die modernen Despoten tun. Disziplin ist der spezifische, diabolische Kontrollmechanismus der Moderne, sie ist ein innovativer Eingriff, dem schnellstmöglich Einhalt geboten werden muss.

Das meine ich mit “Arbeit”. Spiel ist genau das Gegenteil. Spiel ist immer freiwillig. Was ansonsten Spiel wäre, aber erzwungen wird, ist Arbeit. Das ist axiomatisch. Bernie de Koven hat Spiel als die “Aussetzung von Konsequenzen” definiert. Das ist dann unhaltbar, wenn es darauf hinauslaufen soll, dass Spiel konsequenzlos wäre. Der Punkt ist nicht, dass Spielen keine Konsequenzen hätte. Das soll das Spiel bloß herabsetzen. Der Punkt liegt darin, dass die Konsequenzen, soweit es sie gibt, unbedeutend sind. Spielen und Schenken sind eng miteinander verwandt, sie sind die verhaltensbezogenen und transaktionalen Facetten des gleichen Impulses, des Spieltriebs. Sie teilen eine vornehme Verachtung gegenüber Ergebnissen. Der Spieler zieht etwas aus seinem Spiel, deshalb spielt er. Aber die hauptsächliche Entlohnung ist die Erfahrung der Aktivität selbst (egal worin sie besteht). Einige ansonsten aufmerksame Beobachter*innen des Spiels, wie Johan Huizinga (Homo Ludens) definieren es als Spielespielen oder Regelbefolgen. Ich respektiere Huizingas Gelehrsamkeit, aber weise seine Befangenheit entschieden zurück. Es gibt viele gute Spiele (Schach, Baseball, Monopoly, Bridge) die regelbeherrscht sind, aber es gibt viel mehr zu spielen als nur Spiele. Unterhaltungen, Sex, Tanzen, Reisen – diese Tätigkeiten sind nicht regelbeherrscht, aber sie fallen auf jeden Fall in die Kategorie des Spiels, wenn das irgendetwas tut. Und selbst mit Regeln lässt sich spielen, ebenso wie mit allem anderen.

Arbeit verspottet die Freiheit. Die offizielle Behauptung ist, dass wir alle Rechte haben und in einer Demokratie leben. Andere Unglückliche, die nicht so frei sind wie wir, müssen in Polizeistaaten leben. Diese Opfer müssen Befehle befolgen, egal wie willkürlich sie sind. Die Autoritäten behalten sie unter ständiger Kontrolle. Staatsbürokrat*innen kontrollieren selbst die kleinsten Details ihres Alltags. Die Beamt*innen, die sie herumschubsen, müssen sich nur nach oben verantworten, öffentlich wie privat. Auf die eine oder andere Art und Weise wird jede Abweichung und jeder Ungehorsam bestraft. Denunzianten erstatten den Autoritäten regelmäßig Bericht. All das gilt als etwas sehr Schlechtes.

Und das ist es schließlich auch, obwohl es nichts anderes ist als die Beschreibung des modernen Arbeitsplatzes. Die Liberalen und Konservativen, ebenso wie die Libertären, die den Totalitarismus anklagen, sind Schwindler und Heuchler. In jeder moderaten ent-stalinisierten Diktatur gibt es mehr Freiheit als an einem durchschnittlichen amerikanischen Arbeitsplatz. In einem Büro oder einer Fabrik kann man die gleiche Art von Hierarchien und Disziplin beobachten wie in einem Gefängnis oder in einem Kloster. Tatsächlich haben Foucault und andere gezeigt, dass Gefängnisse und Fabriken etwa zur gleichen Zeit aufkamen und ihre Betreiber ganz bewusst Kontrollmechanismen beieinander abgeschaut haben. Eine Arbeiter*in ist eine Teilzeitsklav*in. Ihre Chef*in befiehlt ihr, wann sie aufzutauchen und zu gehen hat und was sie in der Zwischenzeit tun soll. Er sagt dir, wie viel Arbeit du zu erledigen hast und wie schnell. Es steht ihm frei, seine Kontrolle bis hin zu demütigenden Extremen auszuweiten, indem er, wenn er will, sogar die Kleidung, die du trägst, bestimmt und wie oft du auf die Toilette gehen darfst. Mit wenigen Ausnahmen kann er dich aus beliebigen Gründen oder grundlos feuern. Er lässt dich von Denunzianten und Vorgesetzten bespitzeln, er führt Akten über jeden Angestellte*n. Ihm zu widersprechen wird “Aufmüpfigkeit” genannt, als wäre eine Arbeiter*in ein ungezogenes Kind, und führt nicht nur zu deiner Entlassung, sondern es verwehrt dir auch das Arbeitslosengeld. Ohne das notwendigerweise bei ihnen gutzuheißen, ist es bemerkenswert, dass Kinder zu Hause und in der Schule ziemlich die gleiche Behandlung erfahren, und diese in ihrem Fall mit ihrer angeblichen Unreife gerechtfertigt wird. Was sagt das über ihre Eltern und Lehrer*innen aus, die arbeiten?

Das erniedrigende System der Herrschaft, das ich hier beschrieben habe, beherrscht fast die Hälfte der Wachzeit einer Mehrheit der Frauen und der überwiegenden Mehrheit der Männer seit Jahrzehnten für beinahe deren gesamtes Leben. Aus bestimmten Gründen ist es nicht allzu irreführend, unser System Demokratie oder Kapitalismus oder – noch besser – Industrialismus zu nennen, aber sein eigentlicher Name ist Fabrik-Faschismus oder Büro-Oligarchie. Jede*r, die sagt, dass diese Menschen “frei” sind, lügt oder ist ein Idiot. Du bist, was du tust. Wenn du langweilige, dumme, monotone Arbeit verrichtest, dann stehen die Chancen gut, dass du darin endest, langweilig, dumm und monoton zu sein. Arbeit ist eine viel bessere Erklärung für die schleichende Verblödung um uns herum, als selbst so bedeutende, verdummende Mechanismen wie das Fernsehen und die Bildung. Menschen, die ihr gesamtes Leben herumkommandiert werden, erst in der Schule, dann in der Arbeit und von der Familie zu Anfang und dem Pflegeheim am Ende umschlossen, sind an Hierarchien gewöhnt und psychologisch versklavt. Ihre Eignung zu Autonomie ist so verkümmert, dass ihre Angst vor Freiheit zu den wenigen rational begründeten Phobien gehört. Ihr Gehorsamkeitstraining in der Arbeit pflanzt sich sowohl in den von ihnen begründeten Familien fort, wo es das System auf mehr als nur eine Weise reproduziert, als auch in der Politik, der Kultur und allem anderen. Wenn die Vitalität der Menschen in der Arbeit erst einmal ausgetrocknet wurde, unterwerfen sie sich der Hierarchie und Expertise vermutlich auch in allen anderen Beziehungen. Sie sind ja daran gewöhnt.

Wir sind der Welt der Arbeit so verbunden, dass wir nicht in der Lage sind zu sehen, was sie mit uns macht. Wir müssen auf außenstehende Beobachter*innen aus anderen Zeiten oder anderen Kulturen zurückgreifen, um die Extremität und die Krankhaftigkeit unserer derzeitigen Situation zu erkennen. Es gab eine Zeit in unserer eigenen Geschichte, als die “Arbeitsehtik” unvorstellbar gewesen wäre und möglicherweise lag Weber gewissermaßen richtig damit, ihr Erscheinen mit einer Religion zu vergleichen, dem Calvinismus, der, wenn er heute statt vor vier Jahrhunderten aufgekommen wäre, sofort und passenderweise als Sekte bezeichnet worden wäre. Wie dem auch sei, wir müssen uns nur der Weisheit der Antike bedienen, um uns ein Bild von Arbeit zu machen. Die Menschen der Antike sahen die Arbeit als das, was sie ist, und ihre Sicht dauerte so lange an, die calvinistischen Sonderlinge einmal ausgenommen, bis sie vom Industrialismus über den Haufen geworfen wurde – aber nicht bevor diese die Unterstützung ihrer Propheten erhielt.

Tun wir für einen Moment so, als ob die Arbeit die Menschen nicht in verdummte Untertanen verwandeln würde. Tun wir entgegen jeder plausiblen Psychologie und der Ideologie ihrer Verfechter*innen so, als ob sie keinerlei Auswirkung auf die Charakterbildung hätte. Und tun wir so, als wäre die Arbeit nicht langweilig, ermüdend und entwürdigend, wie wir alle wissen, dass sie es ist. Selbst dann würde die Arbeit noch immer alle humanistischen und demokratischen Ansprüche verspotten, alleine aus dem Grund, dass sie so viel Zeit verschlingt. Sokrates sagte, dass Handarbeiter schlechte Freunde und Bürger abgäben, weil sie keine Zeit hätten, die Pflichten der Freundschaft und Bürgerschaft zu erfüllen. Er hatte Recht. Wegen der Arbeit schauen wir dauernd auf unsere Uhr, unabhängig davon, was wir gerade machen. Das einzig “freie” an der sogenannten Freizeit ist, dass wir von unseren Bossen dafür nicht bezahlt werden. Freizeit dient hauptsächlich dazu, sich für die Arbeit fertig zu machen, zur Arbeit zu gehen, von der Arbeit nach Hause zu gehen und sich von der Arbeit zu erholen. Freizeit ist ein Euphemismus für die merkwürdige Art und Weise, auf die sich Arbeit als eine Ressource der Produktion nicht nur auf eigene Kosten vom und zum Arbeitsplatz transportiert, sondern auch die Hauptverantwortung für ihrer Wartung und Reparatur übernimmt. Kohle und Stahl tun das nicht. Drehstühle und Schreibmaschinen tun das nicht. Aber Arbeiter*innen tun das. Kein Wunder, dass Edward G. Robinson in einem seiner Gangsterfilme ausrief: “Arbeiten ist etwas für Trottel!”

Sowohl Plato als auch Xenophon schreiben Sokrates die Wahrnehmung der destruktiven Auswirkungen der Arbeit auf die Arbeiter als Bürger und Menschen zu und stimmen mit ihm darin offensichtlich überein. Herodotus identifizierte die Verachtung der Arbeit als eine Einstellung der klassischen Griechen auf dem Höhepunkt ihrer Kultur. Um nur ein römisches Beispiel zu nennen: Cicero sagte, dass “wer auch immer seine Arbeit gegen Geld anbietet, sich selbst verkauft und sich in die Reihen der Sklaven begibt.” [1] Seine Freimütigkeit ist heutzutage rar, aber zeitgenössische Vertreter*innen primitiver Gesellschaften, auf die wir es gewöhnt sind, herabzublicken, haben westliche Anthropologen erhellt. Die Kapauku aus Westpapua besitzen, Posposil zufolge, eine Vorstellung von Ausgeglichenheit des Lebens und arbeiten entsprechend nur jeden zweiten Tag, während die übrigen Tage dazu dienen “die verlorene Kraft und Gesundheit wiederzuerlangen.” Unsere Vorfahren waren sich selbst bis ins 18. Jahrhundert, als sie sich bereits auf dem Pfad unseres heutigen Dilemmas befanden, darüber im Klaren, was wir heute vergessen haben, die Kehrseite der Industrialisierung. Ihre religiöse Zuneigung zu den “Blauen Montagen” – und die damit verbundene Etablierung einer de facto Fünf-Tage-Woche rund 150 bis 200 Jahre vor ihrer rechtlichen Einführung – trieb die frühen Fabrikbesitzer zur Verzweiflung. Es dauerte ziemlich lange, bis sie sich der Tyrannei der Glocke, der Vorgängerin der Uhr, unterwarfen. Tatsächlich war es notwendig, eine oder zwei Generationen lang erwachsene Männer durch Frauen, die an Gehorsam gewöhnt waren [2], und Kinder, die nach den industriellen Bedürfnissen geformt werden konnten, zu ersetzen. Selbst die ausgebeuteten Bauern der alten Ordnung entrissen der Fronarbeit eine bedeutende Menge an Zeit. Lafargue zufolge bestand ein Viertel des Kalenders der französischen Bauern aus Sonntagen oder Feiertagen und Tschajanows Zahlen aus Dörfern des zaristischen Russlands – schwerlich eine fortschrittliche Gesellschaft – zeigen ebenfalls, dass zwischen einem Viertel und einem Fünftel der Tage der Bauern der Ruhe gewidmet waren. Der Produktivität unterworfen fallen wir offensichtlich hinter diese rückschrittlichen Gesellschaften zurück. Die ausgebeuteten Muzhiks [russische Bauern des Zarenreichs] würden sich fragen, warum wir überhaupt arbeiten. Und wir sollten uns diese Frage auch stellen.

Um jedoch den vollen Umfang unseres Verfalls zu begreifen, müssen wir uns in den frühesten Zustand der Menschheit hineinversetzen, ohne Regierung und Eigentum, als wir als Jäger*innen/Sammler*innen umherzogen. Hobbes bildete sich ein, dass das Leben damals scheußlich, roh und kurz gewesen sein müsse. Andere nehmen an, dass das Leben ein verzweifelter, unaufhörlicher Kampf ums Überleben gewesen sei, ein Krieg gegen die raue Natur mit Tod und Katastrophe, die die Unglücklichen oder alle, die den Herausforderungen des Kampfs ums Überleben nicht gewachsen waren, erwartete. Tatsächlich war all das eine Projektion der Ängste um einen Zusammenbruch der Regierung von Gemeinschaften, die es nicht gewohnt waren, ohne auszukommen, wie das England zu Zeiten Hobbes während des Bürgerkriegs. Hobbes‘ Landsleute waren bereits mit alternativen Gesellschaftsformen in Berührung gekommen, die andere Lebensweisen vorführten – besonders in Nordamerika –, aber schon diese waren zu weit von ihren Erfahrungen entfernt, um von ihnen verstanden zu werden. (Die niederen Klassen, die den Lebensbedingungen der Indianer näher standen, verstanden sie besser und fanden sie oft attraktiv. Während des gesamten 17. Jahrhunderts liefen englische Siedler*innen zu den Stämmen der Indianer über oder weigerten sich nach ihrer Gefangennahme im Krieg zurückzukehren. Unterdessen wanderten die Indianer ebensowenig in die weißen Siedlungen aus, wie Deutsche die Berliner Mauer von der Westseite her überkletterten.) Die “Überleben des Bestangepassten”-Version – die Thomas-Huxley-Version – des Darwinismus war eine bessere Beschreibung der ökonomischen Zustände des viktorianischen Englands als der natürlichen Selektion, wie der Anarchist Kropotkin in seinem Buch Gegenseitige Hilfe, ein Faktor der Evolution zeigte. (Kropotkin war ein Wissenschaftler – ein Geograph –, der reichlich unfreiwillige Gelegenheit für Feldforschung hatte, als er nach Sibirien verbannt wurde: Er wusste, wovon er sprach.) Wie die meiste soziale und politische Theorie war die Geschichte, die Hobbes und seine Nachfolger*innen erzählten, nichts anderes als eine uneingestandene Autobiografie.

Der Anthropologe Marshall Sahlins, der die Daten heutiger Jäger*innen/Sammler*innen auswertete, nahm den Hobbes’schen Mythos in einem Artikel mit dem Titel “Die ursprüngliche Überflussgesellschaft” auseinander. Sie arbeiten viel weniger als wir und ihre Arbeit lässt sich nur schwer von dem unterscheiden, was wir Spiel nennen. Sahlins folgerte, dass “Jäger*innen/Sammler*innen weniger arbeiten als wir; und statt dass die Suche nach Nahrung eine anhaltende Plackerei ist, ist sie ständig von Müßiggang unterbrochen und es gibt eine größere Menge an Schlaf pro Kopf und Jahr während des Tages als in jeder anderen Gesellschaftsform.” Sie arbeiten durchschnittlich vier Stunden am Tag, wenn man davon ausgehe, dass sie überhaupt “arbeiten”. Ihre “Arbeit”, wie sie uns erscheint, sei Facharbeit, die sowohl ihre geistigen als auch körperlichen Fähigkeiten trainiert; Hilfsarbeit im größeren Stil ist, wie Sahlins sagt, unmöglich außer im Industrialismus. Damit erfüllt sie Friedrich Schillers Definition des Spiels als einzige Gelegenheit, bei der der Mensch seine vollständige Menschlichkeit erkennt, indem er beiden Seiten seiner doppelten Natur ihren Lauf lässt, dem Denken und Empfinden. Er drückt das folgendermaßen aus: “Das Thier arbeitet, wenn ein Mangel die Triebfeder seiner Thätigkeit ist, und es spielt, wenn der Reichthum der Kraft diese Triebfeder ist, wenn das überflüssige Leben sich selbst zur Thätigkeit stachelt.” (Eine moderne Version dessen – etwas zweifelhaft weiterentwickelt – ist Abraham Maslows Gegensatz von “Mangel” und “Wachstum” als Motivation.) Spiel und Freiheit sind, was die Produktion angeht, deckungsgleich. Selbst Marx, der (trotz all seiner guten Intentionen) in die produktivistischen Ruhmeshallen gehört, beobachtete, dass “das Reich der Freiheit in der Tat erst da beginnt, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört.” Er konnte sich nicht dazu durchringen, diesen glücklichen Umstand als das zu erkennen, was er ist, die Abschaffung der Arbeit – immerhin ist es eher eine Anomalie, für die Arbeiter zu sein, aber gegen die Arbeit –, aber wir können das tun.

Das Bestreben, zu einem Leben ohne Arbeit voranzuschreiten oder zurückzukehren, findet sich in jeder ernstzunehmenden Sozial- oder Kulturgeschichte des präindustriellen Europas, darunter auch M. Dorothy Georges England im Umbruch und Peter Burkes Populärkultur im frühen modernen Europa. Ebenfalls passend ist Daniel Bells Essay “Arbeit und ihr Unbehagen”, der erste Text, wie ich glaube, der die “Revolte gegen Arbeit” so ausführlich beschreibt und, wäre er verstanden worden, ein wichtiges Korrektiv der sonstigen Selbstgefälligkeit der Sammlung, in der er erschienen ist, Das Ende der Ideologie. Weder Kritiker*innen noch Bewunderer*innen haben bemerkt, dass Bells Ende-der-Ideologie-These nicht das Ende der sozialen Unruhen bedeutete, sondern den Beginn einer neuen, unerforschten Phase, die von der Ideologie nicht gehemmt oder beeinflusst wird. Es war Seymour Lipset (in Political Man), nicht Bell, der zur selben Zeit verkündete, dass “die grundlegenden Probleme der industriellen Revolution gelöst worden” seien, nur wenige Jahre bevor die post- oder meta-industrielle Unzufriedenheit Lipset von der Universität Berkeley ins (vorübergehend) verhältnismäßig ruhige Harvard vertrieb.

Wie Bell bemerkt, war Adam Smith in seinem Wohlstand der Nationen trotz all seinem Enthusiasmus für den Markt und die Arbeitsteilung den Schattenseiten der Arbeit viel aufgeschlossener (oder ehrlicher gegenüber) als Ayn Rand oder die Chicagoer Ökonomen oder irgendeine*r von Smiths modernen Immitator*innen. Smith beobachtete: “Der Intellekt des größten Teils der Menschen wird notwendigerweise von ihrer gewöhnlichen Beschäftigung geformt. Der Mann, der sein Leben damit verbringt, einige einfache Tätigkeiten auszuführen … hat keine Gelegenheit seinen Intellekt zu schulen … Er wird für gewöhnlich so dumm und ignorant wie ein Mensch nur werden kann.” Hier findet sich in wenigen, ungeschminkten Worten meine Kritik der Arbeit. Bell identifizierte bereits 1956, dem goldenen Zeitalter von Eisenhowers Beschränktheit und amerikanischer Selbstgefälligkeit, das unorganisierte, unorganisierbare Unwohlsein seit den 1970ern als eines, das sich keine politische Strömung zunutze machen kann, als das, das im Regierungsbericht Arbeit in Amerika identifiziert wurde, als das, das sich nicht nutzen lässt und das deshalb ignoriert wird. Dieses Problem ist die Revolte gegen die Arbeit. Es kommt in keinem Text irgendeines Laissez-faire-Ökonomen – Milton Friedman, Murray Rothbard, Richard Posner – vor, weil es sich ihren Worten zufolge, wie es bei Star Trek heißt, “nicht berechnen lässt”.

Wenn all diese von der Liebe zur Freiheit bewegten Argumente die Humanist*innen nicht zu einer utalitaristischen oder selbst paternalistischen Wende bewegen mögen, so gibt es andere, die sie nicht ignorieren können [3]. Arbeit ist eine Gefährdung unserer Gesundheit, um den Titel eines Buches zu zitieren. Tatsächlich ist Arbeit Massenmord und Genozid. Arbeit wird die meisten Menschen, die diese Worte lesen, direkt oder indirekt umbringen. Zwischen 14.000 und 25.000 Arbeiter*innen werden in diesem Land jährlich von ihrem Job getötet. Über zwei Millionen werden behindert. Zwanzig bis fünfundzwanzig Millionen werden jedes Jahr verletzt. Und all diese Zahlen basieren auf einer sehr konservativen Vorstellung davon, was ein Arbeitsunfall ist. Als solche zählen sie die halbe Million Fälle von Berufskrankheit jedes Jahr nicht mit. Ich habe ein medizinisches Lehrbuch über Berufskrankheiten gefunden, das 1.200 Seiten umfasste. Und selbst das kratzt kaum an der Oberfläche. Die verfügbaren Statistiken zählen die offensichtlichen Fälle, wie die der 100.000 Bergarbeiter*innen, die eine Staublunge haben und von denen 4000 jedes Jahr sterben, eine viel höhere Sterblichkeitsrate als beispielsweise die von AIDS, die so große mediale Aufmerksamkeit erlangt. Das resultiert aus der unausgesprochenen Annahme, dass AIDS Perverse befallen würde, die ihre Sittenlosigkeit kontrollieren könnten, während Kohlebergbau eine unantastbare Tätigkeit ist, die nicht in Frage gestellt wird. Was die Statistiken nicht zeigen, ist, dass Arbeit die Lebenserwartung von zehn Millionen Menschen verkürzt – was so viel wie Mord bedeutet. Man denke an die Ärzte, die sich in ihren 50ern zu Tode arbeiten. Man denke an all die anderen Workaholics.

Selbst wenn du, während du tatsächlich arbeitest, nicht getötet oder verstümmelt werden magst, kann dir das auch auf dem Weg zu oder von der Arbeit passieren, während du nach Arbeit suchst oder beim Versuch, die Arbeit zu vergessen. Die große Mehrheit der Opfer des Automobils waren entweder dabei, eine dieser für die Arbeit obligatorischen Tätigkeiten auszuüben oder kollidierten mit denen, die es taten. Zu diesem übermäßigen Leichenzählen müssen noch die Opfer der autoindustriellen Luftverschmutzung und des arbeitsinduzierten Alkoholismus und Drogenabhängigkeit addiert werden. Sowohl Krebs als auch Herzkrankheiten sind moderne Beschwerden, die üblicherweise direkt oder indirekt auf Arbeit zurückgeführt werden können.

Demnach institutionalisiert Arbeit Mord als eine Lebensweise. Die Menschen sind der Ansicht, dass die Kambodschaner*innen verrückt waren, sich selbst auszulöschen [4], aber sind wir denn anders? Das Pol-Pot-Regime hatte immerhin, wenn auch verschwommen, eine Vision einer egalitären Gesellschaft. Wir töten Menschen in sechsstelliger Höhe (mindestens), nur um Big Macs und Cadillacs an die Überlebenden zu verkaufen. Unsere vierzig- bis fünfzigtausend jährlichen Autobahnunfalltote sind Opfer, keine Märtyrer. Sie starben für nichts – oder vielmehr starben sie für die Arbeit. Aber Arbeit ist nichts, für das es sich lohnt zu sterben.

Schlechte Neuigkeiten für Liberale: regulatorisches Flickwerk ist in diesem Leben-und-Tod-Kontext sinnlos. Die Bundesbehörde für Arbeitsschutz und Gesundheitsverwaltung (OSHA) war dazu gedacht, das Kernproblem des Ganzen, die Sicherheit am Arbeitsplatz, zu kontrollieren. Selbst bevor Reagan und der Oberste Gerichtshof sie lahmlegten, war die OSHA eine Farce. In der vorangehenden und (gemessen an heutigen Standards) generösen Finanzierung in der Carter-Ära konnte ein Arbeitsplatz statistisch nur etwa alle 46 Jahre von einem Inspektor der OSHA Besuch erwarten.

Staatliche Kontrolle der Wirtschaft ist keine Lösung. Arbeit ist, wenn überhaupt, in den staatssozialistischen Ländern eher noch gefährlicher als hier. Beim Bau der Moskauer U-Bahn wurden tausende russischer Arbeiter*innen getötet oder verletzt. Geschichten, die den vertuschten sowjetischen Nuklearkatastrophen nachhallen, lassen Times Beach und Three Mile Island [5] wie Grundschul-Luftschutzübungen erscheinen. Deregulierung auf der anderen Seite hilft ebenfalls nicht und richtet möglicherweise sogar Schaden an. Von einem Gesundheits- und Sicherheitsstandpunkt betrachtet waren die Auswirkungen von Arbeit in den Tagen am Schlimmsten, als die Wirtschaft dem Laissez-faire [Wirtschaftsliberalismus des 19. Jahrhunderts, weitestgehend ohne staatliche Einmischung] am Nächsten kam.

Historiker*innen wie Eugene Genovese haben überzeugend argumentiert, dass – wie die Befürworter*innen der Sklaverei vor den Sezessionskriegen insistierten – die Lohnarbeiter*innen der Fabriken nordamerikanischer Staaten und Europas schlechter dran waren als die Sklav*innen der südlichen Plantagen. Keine Neuordnung der Beziehungen von Bürokrat*innen und Geschäftsleuten scheint einen besonderen Unterschied hinsichtlich der Produktion zu machen. Eine ernsthafte Umsetzung selbst der recht vagen Standards, die die OSHA in der Theorie umsetzen könnte, würde die Wirtschaft vermutlich zum Stillstand bringen. Die Gesetzeshüter*innen scheinen das offensichtlich gutzuheißen, da sie nicht einmal versuchen, selbst die größten Übel anzugehen.

Was ich bisher gesagt habe, sollte kaum umstritten sein. Viele Arbeiter*innen haben die Schnauze voll von Arbeit. Es gibt hohe und wachsende Raten von Fehlzeiten, Fluktuation, Diebstahl am Arbeitsplatz und Sabotage, wilden Streiks und allgemeinem Blaumachen im Job. Es mag eine gewisse Bewegung in Richtung einer bewussten und nicht nur instinktiven Ablehnung von Arbeit geben. Und doch ist es vorherrschende Meinung, die nicht nur von Bossen und ihren Agent*innen geteilt wird, sondern auch unter Arbeiter*innen selbst weitverbreitet ist, dass Arbeit selbst unvermeidbar und notwendig ist.

Ich stimme dem nicht zu. Es ist nun möglich, Arbeit abzuschaffen und sie, soweit es nützlichen Zwecken dient, durch eine Vielzahl neuer Arten freier Aktivitäten zu ersetzen. Arbeit abzuschaffen macht es erforderlich, das in zweierlei Hinsicht zu tun: quantitativ und qualitativ. Einerseits, auf Seite des Quantitativen, müssen wir die Menge an Arbeit, die erledigt werden muss, massiv reduzieren. Derzeit ist die meiste Arbeit überflüssig oder schlimmeres und wir sollten uns ihrer einfach entledigen. Auf der anderen Seite – und ich denke, das ist der Knackpunkt der Angelegenheit und die revolutionäre neue Abfahrt – müssen wir das, was als nützliche Arbeit bleibt, in eine erfreuliche Vielfalt spielerischer und handwerklicher Zeitvertreibe verwandeln, die von anderen erfreulichen Zeitvertreiben ununterscheidbar sind, außer darin, dass sie stattfinden, um nützliche Endprodukte zu erzeugen. Das sollte sie aber nicht weniger verlockend machen. Dann können all die künstlichen Barrieren der Macht und des Eigentums fallen. Erzeugung kann zu Erholung werden. Und wir können alle damit aufhören uns voreinander zu fürchten.

Ich schlage nicht vor, dass die meiste Arbeit auf diese Art und Weise gerettet werden kann. Aber dann ist es die meiste Arbeit auch nicht wert, bewahrt zu werden. Nur ein kleiner und schwindender Anteil der Arbeit dient irgendeinem sinnvollen Zweck unabhängig von der Verteidigung und Reproduktion des Arbeitssystems und seinen politischen und legalen Anhängseln. Vor zwanzig Jahren haben Paul und Percival Goodman überschlagen, dass nur fünf Prozent der damals erledigten Arbeit – und man kann annehmen, dass die Zahl, wenn sie denn stimmt, nun noch niedriger ist – unseren minimalen Bedürfnissen nach Essen, Kleidung und Obdach diente. Natürlich handelt es sich dabei nur um eine informierte Schätzung, aber der grundsätzliche Punkt ist geradezu offensichtlich: Direkt oder indirekt dient die meiste Arbeit den unproduktiven Zwecken des Handels oder der sozialen Kontrolle. Aus dem Stegreif können wir Zehnmillionen von Händler*innen, Soldat*innen, Managern, Bullen, Geistlichen, Bankern, Anwält*innen, Lehrer*innen, Grundbesitzer*innen, Sicherheitsangestellten, Werbeleuten und alle, die für sie arbeiten, befreien. Das verursacht einen Schneeballeffekt, da jedes Mal, wenn man ein großes Tier unproduktiv macht, man auch seine Lakaien und Untergebenen befreit. Dadurch implodiert die Wirtschaft.

Vierzig Prozent der Arbeitskräfte sind Angestellte, von denen die meisten einige der lästigsten und idiotischsten Jobs haben, die jemals irgendwer ausgeheckt hat. Ganze Branchen, die Bank- und Versicherungsbranche und die Immobilienbranche zum Beispiel, bestehen aus nichts anderem als nutzlosem Papier-Hin-und-Hergeschiebe. Es ist kein Zufall, dass der “tertiäre Sektor”, der Dienstleistungssektor, wächst, während der “sekundäre Sektor” (die Industrie) stagniert und der “primäre Sektor” (die Landwirtschaft) beinahe vollständig verschwindet. Weil Arbeit unnötig ist, außer für diejenigen, deren Macht sie sichert, werden Arbeiter*innen von relativ nützlichen zu relativ nutzlosen Beschäftigungen verschoben, um die öffentliche Ordnung sicherzustellen. Alles ist besser als Nichts. Deswegen kannst du nicht einfach nach Hause gehen, nur weil du früher fertig bist. Sie wollen deine Zeit, genug davon, um dich zu besitzen, selbst wenn sie für das meiste davon keinerlei Verwendung haben. Warum sonst ist die durchschnittliche Wochenarbeitszeit in den letzten fünfzig Jahren kaum mehr als um wenige Minuten gesunken?

Als nächstes können wir uns mit dem Fleischerbeil über die produktive Arbeit selbst hermachen. Keine weitere Kriegsproduktion, Kernkraft, Junk Food, Damenhygiene-Deodorants – und vor allem keine weitere nennenswerte Autoindustrie. Gelegentlich ein Stanley Steamer oder ein Modell-T scheinen mir ok zu sein, aber der Auto-Erotizismus, von dem solche Seuchenherde wie Detroit und Los Angels abhängen, steht außer Frage. Ohne es eigentlich beabsichtigt zu haben, haben wir buchstäblich die Energiekrise gelöst, sowie die Umweltkrise und verschiedene andere unauflösliche soziale Probleme.

Schließlich müssen wir uns der bei weitem größten Tätigkeit entledigen, der mit den meisten Stunden, der niedrigsten Bezahlung und einigen der nervtötendsten Aufgaben, die es gibt. Ich beziehe mich auf Hausfrauen, die Hausarbeit verrichten und Kinder aufziehen. Durch die Abschaffung von Lohnarbeit und der Erzielung vollständiger Arbeitslosigkeit untergraben wir die vergeschlechtlichte Arbeitsteilung. Die Kernfamilie, wie wir sie kennen, ist eine unvermeidbare Adaption der Arbeitsteilung, die von moderner Lohnarbeit auferlegt wird. Das mag dir gefallen oder nicht, aber wie sich die Dinge im letzten oder den letzten beiden Jahrhunderten entwickelt haben, ist es ökonomisch sinnvoll, dass der Mann den Speck nach Hause bringt und die Frau die Scheißarbeit erledigt, um ihm einen Himmel in einer herzlosen Welt zu bieten und die Kinder in die Jugendkonzentrationslager namens “Schulen” abgeschoben werden, vor allem um sie der Mutter vom Leib, aber trotzdem unter Kontrolle zu behalten, aber nebenbei auch um die Angewohnheiten des Gehorsams und der Pünktlichkeit zu erlangen, die für Arbeiter*innen so wichtig sind. Wenn du dich des Patriarchats entledigen willst, musst du die Kernfamilie loswerden, deren unbezahlten “Schattenarbeit”, wie Ivan Ilich sagt, das Arbeitssystem möglich macht, das sie erfordert. Mit dieser Kein-Kern-Strategie ist die Abschaffung der Kindheit und das Schließen der Schulen verbunden. Es gibt in diesem Land mehr Vollzeitschüler*innen als Vollzeitarbeitskräfte. Wir benötigen Kinder als Lehrer*innen, nicht als Schüler*innen. Sie haben eine Menge zu der spielerischen Revolution beizutragen, weil sie besser darin sind, zu spielen, als Erwachsene. Erwachsene und Kinder sind nicht identisch, aber sie werden durch gegenseitige Abhängigkeit gleich werden. Nur das Spiel kann diesen Generationenkonflikt überbrücken.

Ich habe bisher noch gar nicht von der Möglichkeit gesprochen, die wenige verbleibende Arbeit durch Automatisierung und Kybernetisierung erheblich zu reduzieren. All die Wissenschaftler*innen und Ingenieur*innen und Techniker*innen, die von der Beschäftigung mit Kriegsforschung und geplanter Überalterung befreit wurden, könnten ihre Zeit gut damit verbringen, sich Mittel zur Eliminierung von Erschöpfung, Überdruss und Gefahren solcher Aktivitäten wie denen des Bergbaus auszudenken. Zweifellos werden sie andere Projekte finden, in denen sie sich amüsieren können. Vielleicht schaffen sie ein weltweites, allumfassendes Multimedia-Kommunikationssystem oder gründen Weltraumkolonien. Vielleicht. Ich selbst bin kein Maschinenfreak. [6] Ich habe kein Interesse daran in einem Knopfdruck-Paradies zu leben. Ich will keine Robotersklav*innen, die alles für mich erledigen; ich will die Dinge selbst tun. Meiner Meinung nach gibt es einen Platz für Technologie zur Einsparung von Arbeit, aber nur einen bescheidenen Platz. Die historische und prähistorische Aufzeichnung ist nicht gerade vielversprechend. Als sich die produktive Technologie vom Jagen/Sammeln über die Landwirtschaft zur Industrie entwickelte, wuchs die Arbeit, während Fähigkeiten und Selbstbestimmung schwanden. Die weitere Entwicklung des Industrialismus hat das hervorgehoben, was Harry Braverman die Entwürdigung der Arbeit genannt hat. Intelligente Beobachter*innen waren sich dessen immer bewusst. John Stuart Mill schrieb, dass all die Eingriffe zur Arbeitseinsparung, die jemals erdacht wurden, nicht einen Augenblick Arbeit einsparten. Karl Marx schrieb, dass es möglich wäre „Geschichte über all die Erfindungen seit 1830 zu schreiben, die einzig zu dem Zweck gemacht wurden, das Kapital mit Waffen zur Niederschlagung der Arbeiterklasse zu versorgen.” Die enthusiastischen Technophilen – der Compte von Saint-Simon, Lenin, B. F. Skinner – waren auch immer unverschämte Autoritäre; was so viel heißt wie Technokraten. Wir sollten den Versprechungen der Computer-Mystiker*innen mehr als nur skeptisch gegenüberstehen. Sie arbeiten wie Hunde; da stehen die Chancen nicht schlecht, dass, wenn sie sich durchsetzen, der Rest von uns das ebenfalls tut. Aber wenn sie irgendwelche detaillierten Beiträge haben, die den menschlichen Zwecken bereitwilliger dienen, als der Weg von High-Tech, dann lasst uns ihnen zuhören.

Was ich wirklich sehen möchte, ist Arbeit, die in Spiel verwandelt wurde. Ein erster Schritt wäre es, die Vorstellung eines “Jobs” und einer “Beschäftigung” zu verwerfen. Selbst Aktivitäten, die bereits einen gewissen spielerischen Gehalt haben, verlieren diesen, wenn sie zu Jobs reduziert werden, die zu erledigen bestimmte Menschen und nur diese Menschen gezwungen werden, unter Ausschluss aller anderen. Ist es nicht seltsam, dass Feldarbeiter*innen schmerzhaft auf den Feldern schuften, während ihre klimatisierten Herr*innen jedes Wochenende nach Hause gehen und in ihren Gärten herumwerkeln? Unter einem System der permanenten Lustbarkeit werden wir Zeug*innen eines Goldenen Zeitalters der Dilettant*innen werden, das selbst die Renaissance in den Schatten stellen wird. Es wird keine Jobs mehr geben, sondern nur Dinge, die getan werden müssen und Menschen, die sie tun.

Das Geheimnis, Arbeit in Spiel zu verwandeln, liegt wie Charles Fourier gezeigt hat, darin, nützliche Aktivitäten so zu arrangieren, dass ein Vorteil aus dem gezogen werden kann, was verschiedene Menschen zu verschiedenen Zeiten zu tun genießen. Um es für einige Menschen möglich zu machen, die Dinge zu tun, die sie genießen können, genügt es bereits, die Irrationalitäten und Verzerrungen, die diese Aktivitäten belasten, wenn sie auf Arbeit reduziert werden, auszumerzen. Ich zum Beispiel würde es genießen ein bisschen (nicht allzu viel) zu unterrichten, aber ich möchte keine gezwungenen Schüler*innen und ich lege keinen Wert darauf, mich bei armseligen Pedant*innen für eine Anstellung einzuschleimen.

Zweitens gibt es einige Dinge, die Menschen von Zeit zu Zeit gerne machen, aber nicht zu lange und ganz bestimmt nicht die ganze Zeit. Du magst es genießen für einige Stunden zu babysitten, um mit Kindern zusammen zu sein, aber nicht so viel, wie ihre Eltern das tun. Unterdessen mögen die Eltern die Zeit, die du damit für sie selbst frei machst, zutiefst schätzen, auch wenn sie quengelig werden, wenn sie allzu lange von ihrem Nachwuchs getrennt sind. Diese Unterschiede unter Individuen sind das, was ein Leben des freien Spielens möglich macht. Das gleiche Prinzip lässt sich auf viele andere Tätigkeitsbereiche anwenden, ganz besonders auf die primären. Obwohl viele Menschen es genießen zu kochen, wenn sie das wirklich in ihrer Freizeit tun können, gefällt ihnen das nicht, wenn sie damit nur menschliche Körper für die Arbeit auftanken.

Drittens – wenn alles andere beim Gleichen bleibt – können einige Dinge, die, wenn du sie für dich tust, oder in einer unerfreulichen Umgebung oder auf Befehl eines Vorgesetzten, unzufriedenstellend sind, zumindest für eine Zeit lang angenehm sein, wenn dessen Umstände verändert werden. Das gilt gewissermaßen für alle Arbeiten. Menschen wenden ihren andernfalls verschwendeten Einfallsreichtum auf, um so gut es eben geht, ein Spiel aus den am wenigsten einladenden Schind-Jobs zu machen. Aktivitäten, die einen Reiz auf manche Menschen ausüben, üben nicht immer einen Reiz auf alle anderen aus, aber jede*r hat schließlich zumindest potenziell eine Vielfalt an Interessen und ein Interesse an Abwechslung. “Alles einmal ausprobieren”, wie man sagt. Fourier war Meister darin, zu spekulieren, wie abnormale und perverse Neigungen in einer post-zivilisierten Gesellschaft Verwendung finden könnten, was er Hamonie nannte. Er war der Ansicht, dass der Kaiser Nero ganz umgänglich geworden wäre, wenn er seinem Geschmack fürs Blutvergießen als Kind bei der Arbeit in einem Schlachthaus nachgegeben hätte. Kleine Kinder, die es bekanntermaßen genießen, sich im Dreck zu suhlen, könnten in “kleinen Scharen” organisiert werden, um Toiletten zu säubern und den Müll zu leeren, mit Medaillien, die an diejenigen verliehen werden, die sich besonders verdient gemacht haben. Ich argumentiere nicht für genau diese Beispiele, aber für das zugrundeliegende Prinzip, das, wie ich denke, absolut Sinn als eine Dimension einer insgesamt revolutionären Transformation macht. Man behalte im Hinterkopf, dass wir nicht einfach die Arbeit, wie wir sie heute vorfinden, nehmen und sie den Menschen, die dafür geeignet sind, zuordnen, von denen dann tatsächlich einige pervers sein müssten. Wenn die Technologie bei all dem eine Rolle spielt, dann weniger die, Arbeit wegzuautomatisieren, als vielmehr die, neue Gefilde der Wieder-/Erschaffung zu eröffnen. Zu einem gewissen Grad mögen wir zur Handarbeit zurückkehren wollen, wie William Morris als wahrscheinliches und wünschenswertes Ergebnis einer kommunistischen Revolution betrachtete. Die Kunst würde von den Snobs und Sammler*innen zurückgenommen werden, als ein spezialisiertes Fach-Catering eines elitären Publikums abgeschafft und in ihren Qualitäten der Schönheit und Schöpfung wiederhergestellt werden, hin zu dem ganzheitlichen Leben, das ihr von der Arbeit gestohlen wurde. Es ist ein ernüchternder Gedanke, dass die griechischen Gefäße, über die wir Gedichte schreiben und die wir in Museen ausstellen, in ihrer Zeit genutzt wurden, um Olivenöl aufzubewahren. Ich bezweifle, dass mit unseren heutigen Artefakten in der Zukunft ebenso verfahren werden wird, wenn es überhaupt eine gibt. Der Punkt ist, dass es in der Welt der Arbeit so etwas wie Fortschritt nicht gibt, wenn überhaupt, dann nur das Gegenteil. Wir sollten nicht zögern, der Vergangenheit zu stehlen, was sie zu bieten hat, die Menschen der Antike verlieren dabei ja nichts und wir werden bereichert.

Die Neuerfindung des alltäglichen Lebens bedeutet, die Grenzen unserer Karten zu überschreiten. Darüber gibt es, das ist wahr, mehr bildmächtige Spekulationen, als gemeinhin angenommen wird. Neben Fourier und Morris – und hier und da ein Hinweis selbst bei Marx – gibt es die Schriften von Kropotkin, der Syndikalisten Pataud und Pouget, der alten (Berkman) und neuen (Bookchin) Anarchokommunisten. Die Communitas der Goodman Brüder ist beispielhaft dafür, zu zeigen, welche Formen aus bestimmten Funktionen (Zwecken) resultieren, und wenn man erst einmal ihre Nebelmaschinen abklemmt, lässt sich manches aus den Schriften der oft schwammigen Verkünder*innen der alternativen/angemessenen/vermittelnden/geselligen Technologie wie Schumacher und besonders Illich ziehen. Die Situationist*innen – beispielsweise vertreten durch Vaneigems Revolution des Alltags und in der Anthologie der Situationistischen Internationale – sind so schonungslos verspielt, dass sie anregend sind, selbst wenn sie niemals die Herrschaft der Arbeiter*innenräte durch die Abschaffung der Arbeit ersetzt haben. Aber lieber ihre Ungereimtheiten als irgendeine erhaltene linke Spielart, deren Anhänger*innen danach streben, die letzten Verteidiger*innen der Arbeit zu sein, da es, wenn es keine Arbeit gäbe, auch keine Arbeiter*innen gäbe und sie ohne die Arbeiter*innen niemanden hätten, den sie organisieren könnte.

So stehen die Arbeits-Abolitionist*innen recht alleine da. Niemand kann sagen, was aus der Entfesselung der kreativen Kraft, die in der Arbeit gebunden ist, entstehen könnte. Der ermüdende Debattierzirkel-Streit der Freiheit gegen die Notwendigkeit mit seinem theologischen Unterton löst sich selbst in der Praxis, wenn die Produktion von Gebrauchswerten deckungsgleich mit dem Genuss erfreulicher Spiel-Aktivität ist.

Das Leben wird zu einem Spiel oder vielmehr vielen Spielen, aber nicht – wie es das heute ist – zu einem Nullsummenspiel. Eine ideale sexuelle Begegnung ist das Paradigma des produktiven Spielens. Die Beteiligten potenzieren gegenseitig ihre Lust, keine*r zählt die Punkte und jede*r gewinnt. Je mehr du gibst, desto mehr bekommst du. Im spielerischen Leben wird sich das Beste am Sex auf den Großteil des täglichen Lebens ausdehnen. Allgemeines Spiel führt zu der Libidinisierung des Lebens. Umgekehrt kann Sex dadurch weniger vorrangig und verzweiflungsvoller und dafür spielerischer werden. Wenn wir es richtig anstellen, können wir alle mehr vom Leben bekommen als wir hineinstecken. Aber nur wenn wir ernsthaft spielen.

Keine*r sollte jemals arbeiten. Arbeiter dieser Welt… entspannt euch!

Übersetzung aus dem Englischen: Bob Black. The Abolition of Work. Die Übersetzung wurde unter stellenweiser Zuhilfenahme der gleichnamigen Übersetzung von Daniel Kulla (Der Grüne Zweig 242), angefertigt.

Kurze Nachbemerkung der Herausgeber*innen

Auf den ersten Blick mag man sich fragen, warum sich dieser Text in einer Sammlung antizivilisatorischer Texte wiederfindet, denn wenngleich es sicherlich explizit antizivilisatorische Argumente in “Die Abschaffung der Arbeit” gibt, brechen andere Argumente wiederum nicht mit der Logik der Zivilisation und die letztliche Perspektive der beinahe institutionalisierten Verwandlung von Arbeit in Spiel erscheint sogar spezifisch zivilisatorisch zu sein, da sie einen gesamtgesellschaftlichen Blickwinkel einnimmt, aus dem heraus Arbeit demnach als Spiel zu organisieren wäre.

Auf einer Metaebene jedoch scheint der Text trotz seines schon im Titel (“Abschaffung”) angelegten, transformativen Einschlags (auch) eine antizivilisatorische Perspektive zu entwickeln. Er begreift Arbeit als ein fundamentales Organisationsprinzip der Gesellschaft, das zugunsten einer Tätigkeit, die als Spiel, also sozusagen vielleicht als ein Teil des Lebens, begriffen wird, aufgehoben werden müsse. Diese Aufhebung geht dabei mehr oder weniger mit einer grundlegenden Zerrüttung der den Erfordernissen der Arbeit unterworfenen gesellschaftlichen Strukturen (inklusive der Kernfamilie und des Patriarchats, was uns so ein wenig optimistisch erscheint) einher. Was am Ende übrig bleibt, sind diejenigen Tätigkeiten, die den Bedürfnissen und Sehnsüchten der Menschen entsprechen, vor allem denen nach Nahrung, Obdach und Kleidung. Und indem diese als spielerische Tätigkeiten neu definiert und erkundet werden sollen, wird selbst ihre Erscheiungsform als Arbeit verworfen. Soweit die Grundstruktur des Textes. Und soweit kann dieser unserer Auffassung nach auch als eine Entwicklung einer antizivilisatorischen Perspektive im Hinblick auf Arbeit verstanden werden, weil er eben danach strebt, die organisatorische Kontrolle durch Arbeit, die als ein Aspekt des Zivilisationsprozesses betrachtet werden kann, aufzuheben.

Diese Entwicklung einer in ihren Konsequenzen implizit antizivilisatorischen Perspektive ausgehend von einer Kritik der Arbeit empfinden wir im Kontext dieser Sammlung von Texten, in der ansonsten oft umgekehrt, von einer Kritik an Zivilisation ausgehend, Institutionen wie Arbeit als dem Zivilisationsprozess dienlich kritisiert werden, als eine interessante Abwechslung. Auch wenn uns zugleich der durch den Text unterbreitete Vorschlag einer – verallgemeinerten – “revolutionären Transformation” der Arbeit im Gegensatz zu ihrer Zerstörung in der Tendenz ein gewisses Unbehagen bereitet, weil sich dabei nur allzu leicht Gedankenkonstrukte einschleichen, die eine – in ihrer Tendenz immer zivilisatorische – allgemeine Organisierung der Gesellschaft erforderlich machen.

Anmerkungen:

[1] Was sich an dieser Stelle vielleicht zu bemerken lohnt, ist, dass all diese Philosophen der griechischen und römischen Antike zwar auf Arbeit verächtlich herabgeblickt haben mögen, dies aber aus der Position der herrschenden Klasse taten, die die anfallenden Arbeiten ihrer Gesellschaft, die ihnen ihren erheblichen Wohlstand garantierte, mehr oder weniger vollständig von einer gigantischen Klasse aus Sklav*innen verrichten ließen. Zumindest finde ich, das dies im Hinterkopf behalten werden sollte, wenn man diese Philosophen und ihre Verachtung für die Arbeit für sein Argument heranzieht. (Anm. d. Übers.)

[2] Das erscheint mir eine recht eigenwillige, reduktionistische Deutung zu sein, insbesondere da ein Großteil der in Fabriken arbeitenden Frauen jung und ledig gewesen sein soll. Frauen verdienten in den frühen Textilfabriken – ebenso wie in anderen Bereichen des ökonomischen Lebens, in denen sie überhaupt angestellt wurden – erheblich weniger als Männer, was zumindest die Frage aufwirft, ob Frauen nicht häufig einfach die billigere Arbeitskraft waren. Sicher lässt sich aufgrund einer patriarchalen Ausprägung der Gesellschaft bis zu einem gewissen Grade auch argumentieren, dass Frauen mehr an Herrschaft gewöhnt gewesen sein mögen, ihnen jedoch soweit jegliches subversive Potenzial abzusprechen, dass man behaupten könnte, durch ihre Anstellung in Fabriken wären die Blauen Montage beseitigt worden, erscheint mir doch ein wenig klischeebehaftet und reduktionistisch und lässt zudem die sozioökonomischen Verhältnisse außen vor, die dazu führten, dass Frauen sich etwa auch mit erheblich schlechteren Löhnen als Männer zufrieden geben mussten. (Anm. d. Übers.)

[3] Auch wenn man sich ein wenig fragen mag, warum einer*m daran gelegen sein sollte, die Humanist*innen zu überzeugen, aber das mag vielleicht als eine Eigenheit des Textes verstanden werden. (Anm. d. Übers.)

[4] Gemeint ist vermutlich die Periode der Diktatur von Pol Pot von 1975 bis 1979 und der darauf folgende Bürgerkrieg, während der rund jede*r sechste Kambodschaner*in starb. (Anm. d. Übers.)

[5] Times Beach war eine Stadt mit rund 2200 Einwohner*innen in Missouri, die in den 1980er Jahren vollständig evakuiert und abgerissen wurde, nachdem der Entsorgungsunternehmer Russell Bliss mit Dioxin verseuchte Altölreste der Herstellung von Agent Orange für den Vietnam-Krieg jahrelang auf den Straßen von Times Beach versprüht hatte (Dazu war er übrigens von der Stadt beauftragt worden. Das Besprühen unbefestigter Wege mit Altöl war eine gängige Praxis, um Staubbildung zu verhindern.). Three-Mile Island war ein Kernkraftwerk in Pennsylvania, in dem sich 1979 eine partielle Kernschmelze ereignete, bei der rund ein Drittel des Reaktorblocks zerstört wurde. Folgen waren zahlreiche Todesfälle in der näheren Umgebung des Reaktors, sowie eine um bis zu 150 Prozent erhöhte Krebsrate, wie eine Langzeitstudie ermittelte. (Anm. d. Übers.)

[6] Ich denke hier reproduziert sich bereits das, was den schädlichen Charakter der Technologie ausmacht, nämlich ihr bestimmender Charakter für menschliche Beziehungen. Ich bin kein*e Verfechter*in davon, in “gute” und “schlechte” Technologien zu unterteilen, sondern sehe vielmehr die Geschichte der Technologie und der ihr zugrundeliegenden philosophisch-naturwissenschaftlichen Grundannahmen, wie sie uns heute erzählt wird, als eine einzige Kontinuität sozialer Kontrollmechanismen. Und doch wird vielleicht in der Unterscheidung dessen, was hier als “Verbesserung des Bergbaus” (zumindest wenn man einmal ganz fest die Augen davor verschließt, was der Bergbau an sich für technologisch-soziale Implikationen haben mag) auf der einen Seite und der Etablierung eines “globalen Multimedia-Kommunikationssystems”, einer “Weltraumkolonisierung” und der Etablierung eines “Knopfdruck-Paradieses” auf der anderen Seite deutlich, was das Problem ist. Im letzteren Fall wird die Technologie stets zu einer Totalität, deren Erfordernissen die sie umgebende lebendige Welt untergeordnet werden muss. Ihr Anspruch ist es nicht, eine Verbesserung zu erdenken, die mir vielleicht mein Leben leichter macht, sondern vielmehr ordnet sie die Welt neu gemäß ihres Paradigmas, stellt – um vielleicht einmal das sinnvollste der drei Beispiele aufzugreifen – beispielsweise überall Funkmasten auf, verlegt hunderttausende Kilometer von Glasfaserleitungen, schießt Satelliten ins All, usw., usw., nur damit ich dann eine völlig abgeflachte Form der Kommunikation mit jeder beliebigen anderen Person am anderen Ende des Planeten eingehen könnte. Leichter macht dies mein Leben nicht, weil ich ja auch gar nicht wüsste, was mir dies nun brächte, dafür – um mal nur beim Menschen zu bleiben – macht sie den hunderttausenden Menschen die die Infrastruktur verlegen und warten müssen, allerlei Mühe. Aber nicht nur ihnen. Diese wiederum bedürfen gigantischer Mengen an Rohstoffen – wo übrigens der Bergbau wieder ins Spiel kommt –, die wiederum von hunderttausenden von Menschen gewonnen und transportiert werden müssen, usw. Und am Ende hat sich diese Technologie schon damit den eigenen Bedarf geschaffen, weil nun plötzlich eine globale Abstimmung derjenigen, die die Infrastruktur in Europa planen, mit denjenigen, die in Latein- und Südamerika das erfoderliche Lithium gewinnen und denen, die dieses wiederum über den Ozean transportieren werden, erforderlich wird. Praktisch, oder? Und schon haben wir wieder einen gigantischen Apparat, der neue Arbeiten schafft, um auf das Thema dieses Textes zurückzukommen. (Anm. d. Übers.)

Lektionen aus dem Untergang Roms

Es wird der Tag kommen, an dem ein verdienter Sturm des Himmels über Rom hereinbricht. Ihr werdet geplündert und zerstört werden und jammernd und zähneknirschend werdet ihr bezahlen.

– Orakelspruch aus den Sibyllinischen Büchern –

Ich denke in diesen Zeiten ist es wichtig und inspirierend, sich an den Untergang Roms als Parabel und Analogie zu erinnern. Rom wird als die größte altertümliche Zivilisation betrachtet. Seine Errungenschaften sind ebenso gefeiert wie die sogenannten Fortschritte dieser Zivilisation auf Kosten der Welt herausposaunt werden. Von Beginn an wurde das römische Imperium durch Unterwerfung und mit Waffengewalt errichtet. Es war rücksichtslos in seiner Gier nach Macht und „unersättlich in seinem Ehrgeiz“, beides prägende Merkmale, die charakteristisch für jegliche Zivilisation sind. Rom war ein imperialistisches Reich, wie sie es alle sind, das einen großen Teil der ihm bekannten Welt kontrollierte und durch Unterwerfung und Kolonisierung kontinuierlich expandierte. Das Imperium sammelte gigantische Armeen von Sklav*innen an, die nötig waren, um das Monster zu erschaffen, und auf deren Rücken das Reich gegründet wurde. Aber die versklavten und erniedrigten Barbaren waren dessen überdrüssig. Während Rom seine Kriege der Unterwerfung führte, erschütterten Rebellionen das Imperium und forderten beständige Repression.

Ich mache allerdings keine Unterscheidung zwischen verschiedenen oder eigenständigen Zivilisationen. Es gibt verschiedene Kulturen und Gesellschaften, verschiedene Varianten, aber nur eine Zivilisation. All die zivilisierten Gesellschaften der letzten 10.000 Jahre sind alle Teil desselben Monsters, der gleichen Pathologie. Ich gebrauche Rom nur als Beispiel, da es zu seiner Zeit das entsetzlichste Beispiel für die Zerstörungskraft der Zivilisation war.

Wie die USA rief Rom extreme Verachtung bei seinen Nachbar*innen und Kolonien hervor. Auf der Höhe seiner imperialien Macht erreichte das Römische Imperium auch den Höhepunkt seines Missfallens. Feindseligkeit brodelte in der Peripherie. Die Menschen wurden durch die Kolonisation Roms nicht nur entmündigt, sondern auch die römischen Beamten, die ihren Reichtum zur Schau stellten, riefen Verachtung und Neid hervor. Die Römer stellten ihre Machtentfaltung immer pompös zur Schau. Sie fuhren in vergoldeten Streitwägen durch die Straßen, mit Gewändern, in die Gold gewebt war, schmissen üppige Gelage, bei denen sie den Exzess feierten. Amerikaner*innen fahren in ihren SUVs umher, mit Diamantringen und verrückten Klamotten, alles aus der Sklav*innenarbeit ihrer Kolonien stammend. Amerikaner*innen besetzen und ermorden Menschen überall auf der Welt und bringen dann ihre Reichtümer und Ressourcen zurück in US-Firmen. Das macht es den Menschen unmöglich, sich mit dem, was übrig bleibt, selbst zu versorgen und unfähig eigenständig zu leben und zwingt sie so in eine Abhängigkeit vom Kolonisator. Und wir wundern uns darüber, warum wir verhasst sind? Wir, die Römer, leben im Überfluss der blutbefleckten, gestohlenen Reichtümer unserer eroberten und kolonisierten Opfer.

Ich habe nicht ein Körnchen Vertrauen in die Zukunft der „Zivilisation“. Ich weiß nun, dass sie zur Zerstörung verdammt ist – vermutlich schon seit Langem. Was für eine Freude ist es und wie oft ist es mir Trost daran zu denken, das die Barbarei einmal mehr die Welt überschwemmen wird, mit echten Gefühlen und Leidenschaften – wenn auch unentwickelt – und diese den Platz unserer erbärmlichen Heucheleien einnehmen werden.

– William Morris –

Es sollte keine Überraschung sein, dass der lokale römische Statthalter, der seinen Reichtum auf den Straßen zur Schau stellt, den Hass weckt, der sich gegen die Herrscher und Regenten richtet und gegen alles, was sie repräsentiert. Eine spätere Konsequenz davon war, dass die zivilisierten Herrscher*innen der Menschen, die Rom kolonisiert hatte, eifersüchtig wurden und forderten, dass Rom seinen Reichtum teile. Das bewegte verschiedene solcher nicht-römischen Herrscher, die als Barbaren bezeichnet werden, und die nun so zivilisiert waren wie jeder römische Statthalter, gegen Rom zu revoltieren und es anzugreifen, um einen Anteil seiner Beute zu fordern. Entsprechend verhielt es sich mit der berühmten barbarischen Gruppe, die Rom im Jahre 410 plünderte, was angeblich den Niedergang des Römischen Imperiums einleitete. Der Anführer dieses gallischen Stammes, Alaric, war ein Intellektueller, ein durchweg zivilisierter Mann, der in all den klassischen Werken belesen war, der fließend Latein sprach und ein großer Bewunderer Roms war.

Er genoss den Respekt römischer Beamter und wurde von diesen als nobel betrachtet. Er war der Meinung, dass er und seine Leute ein Stück vom Kuchen der Reichtümer Roms verdient hätten. Also befahl er seinen Armeen, Rom aus dem Norden anzugreifen und stieß überraschenderweise auf nur geringen bis gar keinen Widerstand. Seine Streitkräfte wurden zum Teil regelrecht willkommen geheißen, da die armen Städte/Kolonien Roms sich auf seine Seite und die seiner Armee stellten, in der Hoffnung, sich eine Atempause von der unterdrückenden römischen Herrschaft zu verschaffen. Er legte den ganzen Weg bis zur Stadt Rom zurück und forderte ein großes Lösegeld aus Gold, Silber, Früchten und Eisen, doch sein Protest blieb unerhört. Seine Streitkräfte wurden außerhalb der verteidigten Stadt in Schach gehalten, bis Sklaven in Rom die Tore öffneten und die Barbaren herein ließen.

Es war für unmöglich gehalten worden, dass die Stadt Rom im Herzen des Imperiums angegriffen und zerstört werden könnte. Die Römer*innen hielten die Hauptstadt für unantastbar und hätten niemals angenommen, dass sie verwundbar sein, oder selbst zu Opfern werden könnten. Der Angriff öffnete Rom die Augen für die Bedrohung, die seine grausame Politik kreierte. Dieser Angriff war ein Vorzeichen der Katastrophe.

Zusammen mit Rom wuchs auch der weltweite Hass gegen es. So wie es Amerikaner*innen heute ergeht, schlug auch Rom wachsende Feindschaft vom Rest der Welt entgegen, die es beherrschen wollte. Vor dem 11. September war die anti-amerikanische Stimmung auf einem nie dagewesenen Höhepunkt gewesen. Durch den linkischen Marionettenherrscher Amerikas, dem Sohn eines ehemaligen Diktators, der für seine eigene blutige Herrschaft gehasst wurde, wurde die Arroganz und Brutalität Amerikas zum Vorschein gebracht und es fiel leichter, es als das, was es war, zu erkennen.

Amerikas Blockade des Kyoto-Protokolls, eines weltweiten Versuchs, die industriellen Emissionen von Treibhausgasen zu verlangsamen (eine kläglicher liberaler Reformversuch, um Legalisierungstechniken zu nutzen, die industrielle Zerstörung des Planeten zu stoppen), ließ den den weltweiten Frust gegen die imperiale Macht, die das Leben auf der Erde in den Abgrund führt, auf ein hohes Niveau ansteigen. Vertuschungsaktionen der USA und die Unterstützung skrupelloser Diktatoren hatten uns den Ruf brutaler Lehnsherren eingebracht und seit Jahren eine große Ablehnung Amerikas verursacht. Entsprechend schufen die militärischen Eroberungen Roms Feinde Roms, die in ihrer Zahl wuchsen, während die Eroberungen weiter gingen. Diese Menschen setzten sich zur Wehr, führten mehr und mehr Angriffe gegen das üble Imperium. Der Widerstand gegen Rom wurde erfolgreicher, als die barbarischen Soldaten, die gezwungen worden waren, in der römischen Armee zu dienen, in ihre Heimat zurückkehrten und ihr neues militärisches Wissen gegen den Kolonisator anwandten, von dem sie es gelernt hatten.

Die Natur selbst schien sich gegen das Imperium verschworen zu haben.

Andere beachtenswerte Ereignisse brachten Rom seinem Untergang näher. Rom hatte noch andere Rechnungen zu begleichen. Was Rom tat, fiel gnadenlos auf es zurück; In Form von verschiedenen Angriffen und Überfällen, Revolten, Aufständen und Machtkämpfen. Aber sie kamen auch aus der Natur, die Rom über ihre Grenzen hinaus ausgebeutet hatte. Es war Zeit für Rom die Schulden zurückzuzahlen, die es bei der Umwelt aufgenommen hatte. Die Aquädukte, die als technologisch so fortgeschritten verkauft werden und die Rom so großen Respekt seitens der modernen Zivilisation einbrachten und es von der Geschichte abhoben, trockneten die Wasserreservoirs aus, die einst seinen diabolischen Durst gelöscht hatten. Diese Wasserquellen, die es so vielen erlaubt hatten, sesshaft zu leben, in so unnatürlich großer Anzahl, zusammengeballt in Städten aus getrockneter Erde, versiegten letzten Endes und tränkten den verrückten Moloch nicht länger. Der natürliche Grundwasserspiegel war gesunken und die Ökosysteme, die durch ihn gediehen, wurden zerstört.

Die Straßen, für die Rom berühmt ist, zerstörten Ökosysteme überall in seinem Imperium. Diese Straßen ermöglichten den einfachen Transport von Personen und Militär, Handel und die alltägliche Verwaltung des Imperiums. Sie zerteilten intakte Ökosysteme, zerrissen die Lebensräume von Tieren und schufen künstliche Grenzen, die das grundlegende tierische Verhalten beeinträchtigten. Zusätzlich schufen sie Probleme beim Abfluss des Wassers und Erosionen. Die Straßen, die Roms Wachstum sowie die Aufrechterhaltung des Imperiums ermöglichten, trugen zu einer ökologischen Katastrophe bei.

Wahrhaft, das Erbe Roms ist eine Wüste. Es holzte die Wälder in seinen Kolonien ab, ebenso wie die eigenen. Die Berührung der Zivilisation zerstört die Natur, wo auch immer sie stattfindet. Überjagung und landwirtschaftliche Unterfangen, die gewaltige Bevölkerung zu ernähren, zerstören die „natürlichen Ressourcen“ (eine zivilisatorische Bezeichnung für Pflanzen und Tiere). Bodenerosionen und Versalzung durch die Landwirtschaft führten manchmal zu Versorgungsproblemen bei der Ernährung der Bevölkerung und sie trugen auf lange Sicht zum Kollaps des Imperiums bei.

Worte können nicht beschreiben, wie verbittert wir unter ausländischen Völkern verhasst sein werden, wegen der abscheulichen Führung durch die Männer, die wir gesandt haben, um sie zu regieren. All die Provinzen beschweren sich über die römische Gier und die römische Ungerechtigkeit. Ich erinnere euch, meine Herren, Rom wird nicht in der Lage sein, gegen die ganze Welt standzuhalten. Ich meine nicht gegen ihre Macht und Waffen im Krieg, sondern gegen ihr Stöhnen, ihre Tränen und ihr Wehklagen.

– Cicero –

Rom war das größte Imperium der Welt, weil es sich immer weiter ausbreitete. Es wuchs, um all das Land um das Mittelmeer in Afrika, dem mittleren Osten und bis zum Kaspischen Meer zu umfassen. Es dehnte sich weit in Richtung Norden aus, über Frankreich bis tief nach England hinein. Es wuchs zu einer solchen Größe an, dass es selbst mit seinen zahlreichen Tentakeln nicht in der Lage war, die Kontrolle zu behalten. Das Imperium war unverwaltbar geworden. Seine Armeen konnten nicht überall gleichzeitig sein und brauchten zu lange, um das Imperium zu durchqueren, wenn das erforderlich war. Es wurde unmöglich, die Ordnung so weit entfernt von der Hauptstadt aufrecht zu erhalten.

Rom als eine große und komplexe Gesellschaft besaß eine große Bürokratie. Bürokratien reproduzieren sich selbst und wachsen immer weiter an. Schließlich wuchs die Bürokratie so sehr an, dass sie unverwaltbar wurde, sie wurde zu schwergewichtig und brach unter ihrer eigenen Last zusammen. Nahrung und Nachschübe zu den Streitkräften an der Front zu befördern wurde immer schwieriger, als sich die Frontlinien weiter nach außen bewegten. Befehle brauchten zu lange, um in die entlegenen Ecken des Imperiums zu gelangen und direkte Kontrolle wurde unmöglich. Als Rom fiel, führte es Krieg an allen Ecken, verteidigte all seine Grenzen. Parallel beobachten wir einen Anstieg der Angriffe gegen Amerika und seine Symbole und Monumente der Macht.

Ich denke etwas, das nicht unerwähnt bleiben sollte, sind die Sklav*innenaufstände in Rom. Roms Sklav*innen überstiegen die Zahl seiner Bürger*innen in einigen Regionen im Verhältnis 2:1, was einer großen Aufmerksamkeit bedurfte, um sie unter Kontrolle zu halten. Sklav*innen wurden von der Aristokratie gefürchtet, die wussten, dass, wenn sie die Chance dazu hätten, viele von ihnen ihre Kehlen im Schlaf aufschlitzen würden. Die Wahrheit dieser Situation spiegelt sich in dem alten Sprichwort „Jeder Sklave ist ein Feind“ wider, das zeigt, dass die Römer wussten, dass sie von ihren Sklav*innen verachtet wurden.

Natürlich waren große Faktoren des Zusammenbruchs Roms seine Machtkämpfe. In der späten römischen Geschichte teilte sich das Imperium in den Ost- und den Westteil auf. Es lohnt sich zu bemerken, dass es in einem dieser Machtkämpfe war, dass der Kaiser Konstantin Berichten zufolge eine Vision von einem brennenden Kreuz im Himmel hatte, zusammen mit den Worten „In hoc signo vinces“, „Dieses Zeichen wird dir den Sieg bringen“. Er ließ das Kreuz auf die Schilde seiner Armee malen und war in einer blutigen Schlacht vor den Toren Roms siegreich gegen seinen Machtrivalen. Dies war der erste Kampf einer langen Serie von Kämpfen um Macht unter diesem Zeichen, dem Kreuz. Als seine Armeen gesiegt hatten, konvertierte er zum Christentum und erklärte es zur rechtmäßigen Religion in Rom und verschaffte ihm damit die benötigte Legalität und den Schub, den dieses brauchte, um zur Macht zu gelangen und zu dem Akteur der Zerstörung zu werden, der es werden würde. Davor war das Christentum eine kleine, unbeliebte Sekte gewesen. Dieser Schachzug, es zu legalisieren, verhieß nicht nur eine Katastrope für die Welt und ihre Zukunft, sondern auch für Rom selbst.

Der größte Beitrag des Christentums zum Niedergang Roms war die Rolle, die es in der bürokratischen Trennung zwischen dem Ost- und dem Westreich spielte. Teil der Gründe, aus denen Konstantin die Hauptstadt nach Konstantinopel verlegte, war, dass Rom noch immer hauptsächlich heidnisch und nicht christlich war. Die Teilung in zwei Reiche, tatsächlich durchgeführt durch Diokletian, war ein Versuch, den Zerfall des Imperiums zu stoppen. Die Teilung beschleunigte den Kollaps, weil sie eine große Zahl zusätzlicher Regierungsbeamter und Bürokratien schuf. Das kam zusätzlich zu der schweren Inflation, die auf dem Imperium lastete. Das war möglicherweise das einzige Mal in der Geschichte, dass christliche Missionar*innen und Zeloten der Zivilisation schadeten, anstatt sie zu verbreiten.

Es dauerte nicht lange, bis das Christentum die ersten asketischen Mönche hervorbrachte, was keine Überraschung ist, wenn man betrachtet, dass in dieser neuen Religion das Leiden ein Zeichen von Heiligkeit war. Sie praktizierten Enthaltsamkeit und eine strenge Entsagung der Leidenschaften. Das zähmte wirkungsvoll das Verlangen und den Instinkt. Das Christentum verkörperte direkt die Werte der Zivilisation. Konstantin nutzte das Christentum später, um das Reich zu vereinen, weil es die Werte predigte, auf denen die Zivilisation basiert: Gehorsam, Disziplin und Monotheismus. Konstantin regierte mit absoluter Macht und sah sich selbst als dreizehnten Apostel. Schon bald gab es mehr als 60 Dekrete, die andere Religionen ächteten, und das Christentum verlor keine Zeit, die repressiven Praktiken zu entwickeln, die es in den folgenden Jahren berühmt machen würden.

Das Westliche Römische Imperium mit seinem Zentrum in der ursprünglichen Hauptstadt, in Rom, zerfiel zuerst im Jahre 476, einige Jahrhunderte später folgte das Oströmische Reich, das zunächst degenerierte und dann als Teil des Byzantinischen Reichs wiederauferstand.

Solange das Kolosseum besteht,
soll auch Rom bestehen;
Wenn das Kolosseum fällt,
soll auch Rom fallen;
Und wenn Rom fällt
dann die Welt mit ihm.

– Lord Byron –

Während ihre Welt im Chaos versank, wuchs der Durst der Römer nach makabrer Ablenkung. Rom feierte sein Jubiläum und seinen Sieg über Rumänien auf die passendste Weise, mit 117 blutigen Tagen anhaltender Gladiatorenspiele im Kolosseum, wobei 9000 Gladiatoren starben und unzählig mehr Tiere abgeschlachtet wurden, während die Barbaren gegen die Stadtmauer hämmerten und Rebellionen in den Provinzen ausbrachen. Tatsächlich war Ablenkung ein wesentliches Merkmal Roms. In der Absicht, sich selbst abzulenken, bemerkten die meisten Römer „das um sie herum zusammenbrechende Sozialgefüge nicht“. Die Römischen Herrscher lernten schon früh, wie wichtig Beschwichtigungspolitik und Ablenkung für die Kontrolle der Menschen waren. Roms effizientestes Mittel dafür waren „Brot und Spiele“. Mit dem Programm „Brot und Spiele“ gab die Regierung den Menschen, was sie wollten, um sie bei Laune zu halten. Die römische Regierung gab Essen an die Armen aus, um diese zufrieden zu stellen, eine tägliche Essensration und ein kleines Taschengeld, und bot verschwenderische Unterhaltung, um ihre Aufmerksamkeit zu binden.

Die großen Gladiatorenspiele Roms waren Teil von Roms Methoden die Menschen abzulenken und zu kontrollieren. Selbst die ärmsten Menschen konnten schließlich auf diejenigen herabblicken, die im Kolosseum bestraft wurden. Diese Spiele und Wettkämpfe erfüllten denselben Zweck, den heute das Fernsehen erfüllt. Die meisten Kaiser gaben große Summen des Staatsbudgets aus, um die Menschen bei Laune zu halten. Das Kolosseum selbst wurde als Geschenk an die Bevölkerung errichtet und der Eintritt war frei. Es war ein Versuch, die Menschen zu bestechen. Die Veranstaltungen waren übertrieben spektakulär. Die Gladiatoren – das stammt vom Wort gladus für Schwert – unternahmen große Anstrengungen, um die Menge bei Laune und abgelenkt zu halten. Die Gladiatoren kämpften so dramatisch wie nur möglich, um das Spektakel zu vergrößern, beispielsweise indem sie mit ihren Waffen extra weit ausholten, obwohl das nicht nötig war.

Man kann leicht sehen, wie wichtig die Spiele für die Herrscher waren; es gab ein Amphitheater in jeder römischen Stadt. Tatsächlich galt ein Amphitheater als notwendig für jede römische Stadt, zusammen mit einem Marktplatz, einem Theater und einem Gericht. Das Wort Kolosseum selbst kommt von dem Wort Colossus. Die berühmte Arena wurde eigentlich während des Mittelalters Kolosseum getauft, nach der kolossalen Statue von Nero, die neben ihm stand. Ihr eigentlicher Name zur Zeit ihrer Nutzung war der flavische Begriff Amphitheater.

Das Kolosseum bot 60.000 Zuschauer*innen Platz, mehr als die meisten modernen Stadien. Das Amphitheater in der Stadt Pompeji bot Platz für 5 mal so viele Besucher*innen wie Bewohner*innen der Stadt. Aber die immense Popularität dieser Form der Ablenkung wird am Besten durch die Größe des Circus Maximus deutlich. Der Circus Maximus war die ringförmige Rennstrecke, ebenfalls in der Stadt Rom, auf der die Streitwagen-Wettrennen ausgetragen wurden. Sie bot Platz für 200.000 Zuschauer*innen!

Tiere wurden in den Kolosseumskämpfen exzessiv eingesetzt. Die Tiere waren da, um bewundert zu werden, um gefürchtet zu werden, um beherrscht und getötet zu werden. Sie waren wilde, bezaubernde Anblicke von jenseits der Herrschaft der Zivilisation, gefangen an deren Rändern. Die Grenzen hatten sich so weit nach außen verschoben, dass der*die durchschnittliche Römer*in kaum in Kontakt mit dem Anderen, dem Wilden kam. Wenn also exotische Tiere von den entfernten Feldzügen Roms mit zurückgebracht wurden, boten sie eine einmalige Chance, diese Neuheiten zu bestaunen. Es scheint, dass die Tiere Wildheit als Ganzes verkörperten. Das Szenario im Kolosseum wurde entsprechend verändert, so dass es die Welt, aus der das Tier stammte, nachbildete, um die Jagd nachzuspielen. Dies wurde getan, um den Prozess der Eroberung des Wilden nachzubilden, das Ritual der Zivilisation.

Die Massen hatten so einen Hunger nach exotischen Tieren, dass viele der Tiere, die für die Kolosseumsspiele genutzt wurden, bis zu ihrem Aussterben gejagt wurden. Eine ganze Spezies Afrikanischer Elefanten war eine unter vielen anderen, die in den Spielen eingesetzt und ausgerottet wurde. In einem humoristischen Brief schreibt Cicero über den Mangel an wilden Tieren in der Provinz, von der er der Gouverneur war, die gefangen werden könnten: „Es gibt eine bemerkenswerte Knappheit an Tieren und nur wenige „dieser Panther“ sind verblieben.“ Der Gestank des Todes im Kolosseum wurde so überwältigend, dass sie versuchten, ihn mit einem System an Sprinkelanlagen, das Parfüm im Stadion aussprühte, zu überdecken. Mich erinnert das an die Vielzahl von Wegen, auf die der Gestank des Todes, den die Zivilisation mit sich bringt, überdeckt oder ignoriert wird.

Eine interessante Analogie zwischen der römischen Kultur und der amerikanischen ist, dass die Gladiatoren wie Sportstars heute betrachtet wurden. Sie wurden von Kindern verehrt und man fand einige kleine Spielzeuge von Gladiatoren. Viele Statuen berühmter Gladiatoren hatten Darstellungen von wilden Tieren anstelle ihres Penisses und versinnbildlichen so die Verbindung von Patriarchat, Herrschaft und Eroberung.

Tacitus sagte im 2. Jahrhundert,

Raub und Mord werden unter dem Namen Imperium verborgen.

Mit Rom wuchs auch die Kluft zwischen Arm und Reich. „Eine grausame Ungleichheit, die das Imperium bis zu ihrem endgültigen Ende verfolgte.“ Rom boomte durch die Beute aus Kriegen und von der Natur. Wenn du reich genug warst, um es zu genießen, war das Leben in Rom tatsächlich so, wie es uns berichtet wird. Aber für die meisten war es ein Leben des Elends. Die Trennung zwischen den Klassen wurde strikt gezogen und die Feindschaft zwischen den Klassen war heftig. Es gab zwei Hauptklassen, die plebejische Klasse, die hauptsächlich aus römischen Bauern und den Armen bestand, und die Klasse der Patrizier, die die hochrangigen Adligen waren. All die Beamten in Rom stammten aus der Klasse der Patrizier. Die reichsten von ihnen waren so wohlhabend wie das Imperium selbst, aber die meisten Einwohner*innen wurden in kleine mehrstöckige Appartements gepfercht. Hinter dem Prunkviertel des Forums, wo sich der Senat traf, waren gewaltige Areale überfüllter Slums.

Die Expansionskriege hatten Reichtum und Sklaven gebracht. Alleine bei der Eroberung Karthagos wurden eine halbe Million Sklaven gefangen genommen. 10.000 Sklaven erreichten Rom pro Tag über dessen Haupthafen. Zu Hochzeiten war eine von drei Personen in Rom ein*e Sklav*in. Bis zum 5. Jahrhundert vor Christus war Rom übersät mit Familienfarmen, aber kleine Familienfarmen wurden von den großen Gutshöfen verdrängt, die sich entwickelten und die fortan die Landschaft dominierten. Die kleinen Bauern konnten mit den großen Betrieben nicht konkurrieren, die sich der Sklav*innenarbeit bedienten. Auch passierte es, dass Bauern von ihrem militärischen Pflichtdienst zurückkehrten und ihr Land von Aristokraten aufgekauft oder gestohlen vorfanden.

Schon bald wurden die Bauern verdrängt und zogen in die Städte, wo sie eine neue urbane Unterklasse bildeten. Dadurch wuchs die Stadt Rom auf sieben Millionen Einwohner an, zur größten Stadt in Europa bis zur industriellen Revolution. Jobs waren keine verfügbar, weil die große Sklavenpopulation alle nötigen Arbeiten verrichtete. Aber tausende hungriger Bürger*innen wären eine Bedrohung für den Frieden in der Stadt gewesen. Also startete die Regierung ein Programm, um die Armen zu ernähren, das „Dole“ [dt. etwa „Arbeitslosengeld“, „Spende“] genannt wurde und aus einer täglichen Essensration und ein wenig Taschengeld bestand. Schon bald bekam die Hälfte der Menschen in den Städten diese Getreidespende. Ein Viertel des Getreides aus Afrika wurde an die Armen Roms verteilt. 70-80% der Bevölkerung lebte von einem Quäntchen.

Unsere Geschichte steigt nun von einem Königreich des Goldes hinab zu einem des Eisens und des Rosts.

– Eutropius, Römischer Historiker gegen Ende des 3. Jahrhunderts –

Es ist äußerst interessant, dass Rom engültig wegen der Zivilisation selbst fiel. Tatsächlich führte eine der wichtigsten Grundlagen der Zivilisation zu seinem Zusammenbruch. Die charakteristische Eigenschaft der Zivilisation ist die Verdrängung. Von den chinesischen Grundbesitzern hinausgeworfen, hatten die Hunnen keine andere Wahl, als nach Westen zu ziehen. Und wie sie sich bewegten, drängten sie alle Stämme auf ihrem Weg ebenfalls nach Westen. Dieser Kreislauf der Verdrängung setzte sich fort und viele Gruppen wurden so weit nach Westen gedrängt, wie sie gehen konnten und wurden gegen die östlichen Grenzen Roms gedrängt. Sich ausbreitende Zivilisationen anderswo verdrängten die berühmten Barbaren, die Rom in den letzten paar Jahrhunderten angriffen.

Von 235 bis 285 markierten eine heftige Epidemie, die sinkende Versorgung mit Getreide und die Invasionen der Barbaren den Beginn des Niedergangs des Römischen Reichs. Der letzte Kaiser, Romulus Augustulus, wurde vom Thron gestürzt. Es ist sehr interessant, dass der erste, ebenso wie der letzte Kaiser Roms Romolus hießen. Der erste Präsident der Vereinigten Staaten hieß George, der derzeitige Präsident heißt ebenfalls George … Könnte er ebenfalls der letzte sein? [1]

Der Fall Rom war ein großartiges Ereignis. Ein Anlass zum Feiern, da es der Zusammenbruch dessen war, was zu dieser Zeit die zerstörerischste, entfremdendste und brutalste Gesellschaft war. Rom fiel langsam über einen Zeitraum mehrerer Jahrhunderte. Die Zivilisation kollabiert stets degenerierend. Manchmal langsam, manchmal im Einklang mit einer ökologischen Katastrophe und einem sozialen Zusammenbruch. Auch Amerika bricht zusammen. Aber Amerika ist ein viel größeres Imperium als es Rom war und all seine Laster, Gewohnheiten, Hierarchien und Ausbeutung übertreffen Rom in ihrer Zerstörungskraft. Seine Obsession für die ökologische Zerstörung macht das moderne techno-industrielle Imperium umso mehr anfällig.

Der Niedergang Roms sollte lehrreich sein. Die Verachtung, der Neid und Hass seiner Unterdrückten und Kolonisierten, die Zerstörung seiner ökologischen Grundlagen, sein zu ausgedehntes Imperium und die erdrückende Bürokratie, all das trug zu seinem Niedergang bei. Ich behaupte, dass die moderne Zivilisation selbst Rom in all diesen Bereichen übertroffen hat. Die einzige Sache, die diese Leiche noch am Leben hält, ist ihre Fähigkeit, jeder bisherigen Form der Zivilisation überlegen, ihre Subjekte durch Überdomestizierung davon zu überzeugen in sie zu vertrauen und auch mehr und mehr technologische Fortschritte zu erreichen, die ihre verfaulenden Systeme am Leben halten. Die technologische Medizin half dabei die Vielzahl an Krankheiten zu bekämpfen, die die Bürger*innen der industrialisierten Zivilisation befallen und diese sicherlich bereits beendet hätten und sie dennoch in die Knie zwingen werden. „Fortschritte“ in der Landwirtschaft wie die Vergiftung des Landes und Wassers mit Düngemitteln und die Domestizierung und Manipulation der Gene, die die Essenz des Lebens ausmachen, haben es ermöglicht, überbevölkerte menschliche Städte mit einer nicht nachhaltigen Nahrungsmittelquelle zu ernähren, die schnell zusammenbricht. Die Liste könnte endlos fortgesetzt werden. Ohne dieses technologische Flickwerk hätte die Zivilisation längst geendet, wie es sich gehört, aber bislang ist nichts davon irgendetwas anderes als eine Symptombekämpfung, deren oberflächliche Lösungen scheitern und ihr glänzendes Image verlieren werden. Also ja, diese Todesmaschine, die die westliche Zivilisation ist, wird schließlich kollabieren, es ist nur eine Frage der Zeit.

Königreiche gehen unter, Städte versinken
Und von dem, was einst Rom war,
bleibt nichts als ein leerer Name.
Nur die Berühmtheit und Ehre dieser Dinge,
herausgesucht aus alten Büchern,
Entfliehen dem Scheiterhaufen der Bestattung.

– Florent Schoonhoven –

Als Rom zusammenbrach, folgte darauf das Dunkle Zeitalter. Auch wenn es so von den Propheten dieser Zivilisation wegen seiner Rückschrittlichkeit und dem langsamen technologischen Fortschritt genannt wird, war das Dunkle Zeitalter eine Periode einer Art proto-modernen Zivilisation, eine schreckliche Ära, kein bisschen besser als das, was ihr voranging oder folgte. Wird ein ähnliches „dunkles Zeitalter“ auf den Kollaps des amerikanischen Imperiums folgen? Wir müssen hart daran arbeiten, sicherzustellen, dass, wenn Amerika und die Zivilisation, die es anführt, zusammenbrechen, wir auf ihrer Asche tanzen, um wirklich alle Spuren der Tendenz namens Zivilisation zu zerstampfen, um sicherzustellen, dass eine Ära der Freiheit und der Harmonie folgen wird.

Übersetzt aus dem Englischen: Lessons from the Fall of Rome, Green Anarchy #12, 2003

Anmerkungen

[1] Nun, wie die Zeit bewiesen hat, war er es nicht. Aber wer wird denn all seine Hoffnungen in den Namen eines irrelevanten Präsidenten setzen? [Anm. d. Übers.]

Ekstase in Zeiten der Cholera

Anmerkung der Übersetzung

Noch nie standen den Herrschenden so viele Kommunikationsmittel zur Verfügung, um die Menschen live und in Echtzeit mit Daten, Verordnungen, Statistiken, herzergreifenden Reden und herzergreifenden Bildern vollzuscheißen und noch nie wurden die Menschen gleichzeitig so stark vor die Bildschirme verbannt wie heute. Konfrontiert mit einer unendlichen Flut an vermeintlich objektiven Zahlen ertrinken wir in einem Meer der scheinbaren Alternativlosigkeit. Medien, Werbung, Politik, alle ziehen an einem Strang in ihrem Ruf nach der absoluten Unterwerfung unter die neue #stayathome-Ideologie. Dass man dabei vollkommen offensichtlich manipuliert und verarscht wird… scheißegal. Denn eine Lüge braucht nur oft genug wiederholt werden, damit sie zur Wahrheit wird. Und wenn es nun mal jede*r sagt. Dann muss es auch stimmen. Dass der Impfstoff ganz offiziell eine Weiterverbreitung des Virus‘ nicht verhindert, hindert trotzdem Politiker, Medien und irgendwelche Ethikrat-Professor*innen nicht daran, die Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, als Massenmörder hinzustellen und – ganz in der Tradition des sozialdemokratischen wie nationalsozialistischen „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“ –  zu fordern: Wer sich nicht impfen lässt, solle sich auch nicht beatmen lassen. Dass die Mortalitätsrate von Corona die der Grippe kaum übersteigt – geschenkt. Und dass eine Neuinfektionsrate (der berühmte Inzidenzwert) eine absolut irrelevante Zahl ist, wenn eine Krankheit so dramatisch auch nicht ist – egal. 200 oder 400 klingt schon krass, dass es allerdings 200 pro 100 000, als 0,2 % sind – was viel weniger krass klingt – wen interessiert’s? Dass 90 % aller „mit und an Corona Gestorbenen“ im Alters- oder Pflegeheim waren, bringt die Medien nur dazu zu skandalisieren, dass man die Menschen in diesen modernen Knästen für alt gewordene Menschen, die nicht mehr nützlich für diese Gesellschaft sind, nicht genug eingesperrt hat und nicht, dass zum einen das menschenverachtende System der Lagerhaltung von Menschen deutlich wird noch dass trotz allem überwiegend bereits stark geschwächte Menschen „an oder mit“ Corona sterben, was nun einmal Teil des Lebens ist, dass man im Alter irgendwann mal an etwas stirbt. Realität ist nichts mehr, das man direkt erlebt, sondern nunmehr endgültig (denn diese Tendenz ist Teil des seit Jahrtausenden vor sich gehenden Zivilisationsprozesses) etwas medial Produziertes, etwas Erzähltes, etwas Diskursives. Endgültig dahin verbannt die Welt vorgefiltert über unsere Bildschirme und Lautsprecher präsentiert zu bekommen, wissen wir einfach nicht mehr, was wir nun glauben sollen. Und selbst wenn wir von Anfang an der Berichterstattung gegenüber misstrauisch waren, ertappen wir uns immer wieder selbst dabei, ob wir uns vielleicht doch geirrt haben und dass ja schon was dran sein müsse und wie solle man denn sonst mit einer Pandemie umgehen? Um diese gewollt verursachte Verwirrung zu überwinden, scheint es mir hilfreich zu sein sich der Strategien der Meinungsbildung und der dahinterliegenden Ideologie bewusst zu werden, und sich der Intentionen der Machthabenden klar zu werden.

Der folgende Text liefert auf Basis von Foucaults Theorie der Biopolitik und Biomacht eine Analyse der Strategien der Machthabenden im Kontext der „Corona-Krise“ und der ideologischen Grundlagen für die Verwaltung der – ja, wie soll man es denn anders nennen – „Volksgesundheit“. Wenn ich diesen Text übersetzt habe, dann nicht, weil es mir darum geht eine rein wissenschaftliche Analyse der Macht um ihrer selbst Willen zu verfeinern, sondern darum in dem  Nebel voller Zahlen, Statistiken, Fotos von Särgen etc. noch (oder wieder) klar zu sehen und die Punkte auszumachen, an denen die Macht angegriffen und zerstört werden kann.

***

Anstatt ein Kommentar über die Zweckdienlichkeit – oder auch nicht – der vom Staat auferlegten Quarantänemaßnahmen zu sein, was eine ganz andere Diskussion wäre, ist das ein Kommentar zu biopolitischen Regierungstechniken und zum Verhalten der „Bevölkerung“ in dieser Zeit, von der es den Herrschenden gelang sie als „globale Gesundheitskrise“ zu definieren. Ich denke, dass die Weise, auf die wir in solchen Momenten reagieren, symptomatisch ist für die Funktionsweise der aktuellen Ordnung.

Knappe Notizen zu Biopolitik

  • Die Funktion eines Dispositivs* der Kontrolle ist es sicherzustellen, dass in dem Sinne „nichts wirklich passiert“, dass das Ausbrechen von unvorhersehbaren, rebellischen oder antagonistischen Realitäten innerhalb der Grenzen der offiziellen Realität (welche selbst durch genau dieselben Kontrollinstrumente modelliert wird) verhindert oder eliminiert wird.
  • Wir können die charakteristischen Kontrolltechniken der europäischen Modernität als „Biopolitik“ bezeichnen, das heißt als die Erschaffung eines Kapillarnetzes an Machtbeziehungen, das das Beherrschen von Leben („bios“) zum Ziel hat. „Das Leben beherrschen“ kann unterschiedliche Formen annehmen: Es kann die Kontrolle über die Gesundheit, Fortpflanzung, Demographie, Ernährung und Epidemiologie der Subjekte bedeuten; oder das Formen und die Kontrolle über deren intime Praxen, Wünsche, Vergnügungen und Vorstellungskraft.
  • In der westlichen Welt handelt Biomacht normalerweise mithilfe von Verführung, Manipulation, Anregungen, Handlungsempfehlungen oder Lenkung, also eher beispielsweise mithilfe von Techniken wie Therapie, Beratung oder Bildung als durch direkten Zwang. Ein erfolgreiches Instrument der Biomacht zwingt dich nicht dazu, einen bestimmten Weg einzuschlagen, sondern überzeugt dich davon, dass dieser der einzig begehrenswerte ist, oder sogar dass er der einzig mögliche Weg ist, den du einschlagen kannst. Aber natürlich kann die moderne Biopolitik dich auch in ein Konzentrationslager einsperren und mit dir verfahren, wie es ihr beliebt.
  • Der biopolitische Diskurs ist immer der gleiche: die Obrigkeit ergreift alle notwendigen Maßnahmen zu Eindämmung von Bedrohungen für die Gesundheit [1]: die „Ansteckenden“ (die eingesperrt werden müssen), die „Degenerierten“ (die vernichtet werden müssen), die „Primitiven“ (die erzogen und/oder integriert werden müssen), die Subversiven/Unregierbaren (die vereinnahmt, integriert, eingesperrt, isoliert oder vernichtet werden müssen). Und was auch immer der Staat als seinen Feind betrachtet, das wird als eine Krankheit dargestellt (Infektion, Seuche, Krebs, Plage, etc.), das den Körper der Nation angreift. Das bedeutet, dass wann immer die „biopolitische Modernität“ Unterdrückung, Ausgrenzung, Diskriminierung, Apartheid, Verhaftungen, Terror, Krieg, Folter, Völkermord usw. anordnet, sie diese als einen Akt zur Bewahrung der Gesundheit und des Wohlergehens der Nation oder der Bevölkerung rechtfertigt. Auf diesem Weg werden sogar die skrupellosesten Reigerungsmaßnahmen von den loyalen Bürgern als eine neutrale und wohltätige therapeutische Intervention, als einen Akt der Heilung betrachtet.
  • Eine der größten Ängste in der bourgeoisen Modernität ist die der „Ansteckung“: die Ansteckung unseres „natürlichen“ Geschlechts/unserer Geschlechtsidentität mit dem „anderen“ Geschlecht/der Geschlechtsidentität (die Verweiblichung „richtiger Männer“, die Vermännlichung „richtiger Frauen“); unserer „normalen“ Sexualität mit „perversen“ Sexualitäten; unserer Kultur und Zivilisation mit primitiven und barbarischen; unserer Nation mit Ausländern; unserer Privatsphäre mit anderen Menschen; unserer Rationalität und unserer Wahrheiten mit Irrationalität, Unsicherheit und Ambivalenz; und, natürlich, unserer Gesundheit mit unterschiedliche Krankheiten.
  • Innerhalb des – inzwischen globalen – biopolitischen Dispositivs der Macht ist die Einsperrung eines der Hauptregierungsinstrumente: die Bedrohung für die Gesundheit der Nation muss isoliert werden. Die Nazis erschaffen Konzentrations- und Vernichtungslager, um die jüdische Bevölkerung zu vernichten,  die sie als die Plage definieren, die den Körper der arischen Nation infiziert; der israelische Staat  verordnet ein System der Apartheid, der Mauern, des Stacheldrahts, von Check-Points, Blockaden, Hausdurchsuchungen, Konzentrationslagern, Gefängnissen, der Entführungen, des Mordes, des Terrors, der Folter usw., um die Palästinenser einzusperren, welche sie als eine Bedrohung für die Gesundheit der Nation definieren. Die europäischen Staaten „schützen ihre Grenzen“, um die Migranten draußen zu halten, die sie ebenfalls als eine Bedrohung für die Gesundheit der Nation definieren; die USA tun dasselbe, um die Mexikaner draußen zu halten, die sie als eine Infektion für die Nation definieren… usw. man findet tausende Beispiele.
  • Die Mehrheit der westlichen Bevölkerung wurde in einen Zustand des Infantilismus versetzt. Damit meine ich, dass man vom Willen, der Führung und der Ressourcen von jemand anderem komplett abhängig gemacht wird (im Fall des Kindes [2] beispielsweise ist es abhängig von der Familie, den Erziehern und dem Staat); und gleichzeitig die Disziplin und Kontrolle, die diese Autoritäten ausüben, für normal hält, für gut befindet, als Privileg, als Recht, als Freiheit oder als Liebe betrachtet.
  • „Krise“ ist das neue Lieblingswerkzeug der Biopolitik: in einen beständigen Krisenzustand versetzt, wird die infantilisierte Bevölkerung alles tun, um „ihr Leben zu retten“.
  • In Zeiten der biopolitischen Krise, wie der „pandemische Notfall“, den wir gerade erleben, amüsieren sich die Faschisten, die ja auch in besten Zeiten bei biopolitische Fantasien von Völkermord und „Säuberung“ aus dem Häuschen geraten. Die faschistischen Anführer vergleichen Migrantinnen mit dem Coronavirus; die Medien verkünden, dass Migranten die Infektion mitbringen; alle möglichen Formen der Brutalität werden mithilfe von Diskursen über die öffentliche Gesundheit gerechtfertigt, usw.
  • Je unterwürfiger jemand ist, desto aggressiver wird diese Person Überheblichkeit und Faschismus in Zeiten der Krise begrüßen: von der eigenen Hilflosigkeit terrorisiert, beginnt der loyale Bürger nach einem Sündenbock zu suchen, nach jemandem, auf den man den eigenen Selbsthass projizieren kann. Das kann beispielsweise einer der klassischen anderen der Modernität sein: Frauen, Migranten, „Nicht-Weiße“, „Homosexuelle“, etc. In unserem Fall des „biopolitischen Staatsterrors“ von 2020 sind die Sündenböcke „die Infizierten“, „die asymptomatisch Positiven“, „jene, die der Quarantäne nicht gehorchen und uns alle gefährden“ usw.

Einige Gedanken über das, was vor sich geht

  • Sobald endlich ein tödlicher und abscheulicher Feind – der Virus –gefunden worden war, ergriff der italienische Staat die Gelegenheit beim Schopf, um mit den Muskeln zu spielen und um seine Funktion als Vater der Nation, der alle seine Kinder retten, sie jedoch auch bestrafen wird, wenn es nötig ist – nur zu ihrem Besten natürlich –, wiederherzustellen. Die feierliche und heroische Rhetorik der Kriegspropaganda wurde wiederbelebt, um ein bisschen Patriotismus in die verkalkten Venen der Nation zu pumpen: „Italien leidet! Italien bringt Opfer! Italien steht zusammen! Italien kämpft! Wir werden obsiegen!“
  • Der Staat erweitert die Technik der Einsperrung auf die gesamte Bevölkerung und spuckt eine Unmenge an administrativen Maßnamen aus, die versuchen, das, was wir tun, sagen und denken können, zu kontrollieren. Uns wird versichert, dass die Auferlegungen, entschieden von Politikercliquen und Juristen, und unterstützt von der halbgöttlichen Autorität der biomedizinischen Kaste, der einzige Weg sind, um die Gesundheit der Bevölkerung zu retten und, warum nicht, auch der ganzen Welt.
  • Die meisten loyalen Bürger beklatschen die drakonischen Maßnahmen und einige fordern noch mehr Strenge; sie warten, voller Hoffnung, auf die Erlösung von oben, und stürmen die Apotheken und Supermärkte in einem Wettlauf um „das Überleben des stärkeren Konsumenten“. Das Höchste, das sie erwarten, ist die Rückkehr zur „Normalität“, zu den Machtbeziehungen „vor der Epidemie“, die jetzt die absolute Freiheit zu repräsentieren scheinen.
  • Typischerweise überfluten die Medien einen mit Aufrufen zu „sozialer Verantwortung“, die nur noch heuchlerisch klingen können, denn so wie sie sind, kommen sie von der überernährten, überprivilegierten Bevölkerung des reichen Europas, die in ihrem Alltag die krasseste Gleichgültigkeit gegenüber dem Leben anderer Menschen zeigt und gegenüber dem, inwiefern ihre eigenen täglichen Handlungen die verschiedenen globalen Dispositive des Ausschlusses, der Verelendung und der Zerstörung füttern. Das Modell des „verantwortlichen Bürgers“, das sie heraufbeschwören, ist eine der typischen Figuren der faschistischen Bürgerlichkeit: entweder der „unschuldige Bürger“, der pflichtbewusst gehorcht oder die „Polizeibürgerin“, die den Behörden bei ihren Kontrollbemühungen hilft.
  • Es scheint, dass die loyalen Bürger auf perverse Art diese Weltuntergangsparanoia genießen [3]; endlich etwas Erregung, etwas Tragik in unserem faden Leben, das Gefühl Teil von etwas Wichtigem zu sein! Dieses Wiederaufflackern des Spektakels unter biopolitischen Vorzeichen erregt jede*n in einem hohen Maße und sie stürzen sich entzückt in leidenschaftliche Diskussionen über die Epidemie; polizieren die anderen; und ziehen neue Linien in ihrem eigenen Leben in der Logik und innerhalb der Stacheldrahtumzäunungen des Konzentrationslagers.
  • Dieser ganze biopolitische Einsatz fungiert als Dispositiv der Kontrolle: er verschafft den, inzwischen eher erschlafften, Säulen der bourgeoisen Ordnung eine neue Erektion und erlegt sie den Menschen als sakrosankte Gewissheiten und unstreitbare moralische Prinzipien auf. Ich denke, dass, in anderen Worten, das Hauptergebnis dieser biopolitischen Krise der neue Konsens ist, dass die bourgeoise Realität die einzig mögliche ist und dass der Staat, Para-Staat oder körperschaftliche Institutionen die einzigen Entitäten sind, die in der Lage sind eine solche Krise ordentlich zu bewältigen. Einige dieser letztlich erlassenen „Infektionseindämmungs“-Maßnahmen behaupten, implizit oder explizit, dass:
    • Menschen unfähig sind ihre eigenen Realitäten zu bewältigen, das heißt, dass sie unfähig sind autonom zu leben; deshalb haben Autoritäten – politische, administrative, biomedizinische, militärische, wirtschaftliche, mediale, der Bildung – das Recht und die Pflicht, die Situation in die Hand zu nehmen und welche Mittel auch immer zu nutzen, die ihnen angemessen erscheinen.
    • Die Pflicht und Verantwortung eines „guten Bürgers“ ist es zu gehorchen. Sich den Kontrollmaßnahmen zu widersetzen bedeutet eine „Bedrohung der Gesellschaft“ und gefährdet „unsere Gesundheit und unsere Lebensart“ und muss sofort unterdrückt werden.
    • Die senilen Proklamationen der klassischen liberalen politischen Philosophie werden bekräftigt. So sind die einzigen Orte, die für die Bürgerin als sicher deklariert werden, die Grenzen der Immobilie, die sie besitzt oder mietet; der Arbeitsplatz (welcher heutzutage häufig mit dem Zuhause verschmilzt); oder der Konsumort (der Supermarkt, das Einkaufszentrum, etc.); während unsere Erlösung in der Isolation liegt, darin nur an uns selbst und die eigene Familie zu denken und jede*n andere*n als Bedrohung zu behandeln (Internalisierung des „Social Distancing“). Gemäß den selben Verlautbarungen sind die einzigen „gesunden“ Sozialbeziehungen jene innerhalb der bourgeoisen Kernfamilie; oder mit der Arbeit verbunden. Die Gruppe, das Kollektiv und jede Form der Selbstorganisierung, die nicht unter diese Kategorien fällt, die von der Obrigkeit als repräsentativ für die „Zivilgesellschaft“  anerkannt werden, sind eine Bedrohung für das Wohlergehen der Gesellschaft, ein Infektionsherd.
    • Die Hauptzielsetzungen im Leben sind „Sicherheit“ und „Komfort“: die „Sicherheit“, die von der Obrigkeit und dem Gesetz gesichert wird; und der „Komfort“, den die kapitalistischen Kreisläufe aus Arbeit-Konsum-Freizeit verschaffen. Als solche können die begehrenswertesten Dinge im Leben nur durch Gehorsam gegenüber den Regeln der offiziellen Realität erhalten werden. Einschränkungen, Bestrafungen und Kontrollen sind eine Form des Schutzes unserer Privilegien als Bürger*innen der Metropole.
  • Ein solches Funktionieren des „Safe Spaces“ des Bürgers ist nach der Zelle in der Knastwirtschaft modelliert.
  • Diese Zusammenführung der Säulen der liberalen „Freiheit“ stimuliert einen weiteren Schriftt in Richtung eines faschistischen Modells der sozialen Organisierung, wo „Allgemeinwohl“ Kontrolle bedeutet, „Verantwortung“ Gehorsam und „Solidarität“ bedeutet, das Vater-/Mutterland gegen Bedrohungen zu verteidigen. So wird biopolitischer Absolutismus nahtlos dort errichtet, wo vorher „weiche“ Biopolitik herrschte, was mich an die typisch europäischen Schwankungen zwischen „Liberalismus“ und „Faschismus“ erinnert, von der die bourgeoise Ordnung versucht uns zu überzeugen, dass es sich um Antagonisten handelt, welche aber tatsächlich zwei synergetische Aspekte des modernen Regierens sind, das seine Kreuzzüge für die „Freiheit und Gleichheit (von weißen reichen Männern)“ mit kolonialen und heimischen Massakern beginnt und das sich bis heute auf immer ähnliche Weise fortsetzt.
  • So viele von uns haben sich an die Autoritäten gewandt – an den Staat, die medizinische Kaste, die Polizei, Unternehmen, etc. –, um Führung und Erlösung zu finden. So viele haben, mit paranoider Erregung, die herrschende Version der Realität verinnerlicht und sich an Übertragungen der Macht gewandt, an Kanäle, durch welche die herrschenden Diskurse zirkulieren. Sie starren fieberhaft auf ihre Bildschirme und wiederholen wie Papageien die offiziellen Mantras und Rituale: „Charakteristika des Coronavirus, Morbidität, Mortalität, Inzidenz, Virulenz, Symptomatologie, Prävention, Schutz, sanitäre Versorgung, Sicherheitsmaßnahmen, Selbstquarantäne, tu dies, vermeide das… Italien, die Wirtschaft, Wachstum/Rückgang, das BIP, Arbeit, Schulden, Fördermittel, Corona-Finanzpakete…“ Alle anderen Realitäten wurden von dieser offiziellen Realität verschluckt, die mit epidemiologischen Daten um sich wirft und Anweisungen ruft. Unsere rasante Verwandlung in Bauchrednerpuppen ist ein Zeichen für unsere Abhängigkeit von der Führung der elterlichen Stimme und des elterlichen Blicks.
  • Doch für die Handvoll an Leuten, die sich weigern, dass ihre Vorstellungskraft von den hypnotischen Mechanismen der biopolitischen Kontrolle kolononisiert wird und die, anstatt Gehorsam zu genießen, weiterhin darüber nachdenken, wie man den Konzentrationslagern der liberalen Demokratie entkommen kann, sind diese die richtigen Momente, um die Form und die Stärke unserer Autonomie kennenzulernen und im Gehen neue Pfade zu erkunden.

Anmerkungen der*s Autors*in

[1] Im modernen Staatsdiskurs kann die „Gesundheit“ einer Nation viele Formen annehmen, nicht nur die der „öffentlichen Gesundheit“; es können „die Wirtschaft“, „der Wohlstand“, „die Kultur“, „die Werte“, „das soziale Gefüge“, „die Institutionen“, „die Gesellschaftsordnung“, „Frieden“, „Sicherheit“ usw. gemeint sein, ein ganzer Strauß an hohlen Begriffen, die versuchen, der Gnadenlosigkeit biopolitischer Herrschaft einen hübschen Mantel umzuhängen.

[2] Kinder sind nicht per se infantil, aber die bourgeoise Ordnung hat ein unentrinnbares Netzwerk an Mechanismen und Institutionen errichtet, um sie gewaltsam zu infantilisieren. Ich beziehe mich auf das gigantische „Dispositiv des Kindes“, das, von den abstrakteren Fantasien über die Reinheit, Unschuld und „Natürlichkeit“ von Kindern zu Kinderspielzeugen und -filmen, von der Entwicklungspsychologie zu Erziehungsratgebern und von Erziehungsinstitutionen bis zu Gesetzbüchern, nicht nur die westliche Ideologie über das Kind reguliert, sondern auch die Subjektivität von Eltern und Kindern. Die Widersprüche dieser Ideologie sind interessant: zum Beispiel definiert die liberale Gesetzgebung Kinder als unfähig rationale Entscheidungen zu treffen, als zu Selbstständigkeit nicht in der Lage und als abhängig von den Ressourcen und der Erfahrung von erwachsenen Experten (woraus dann das Fehlen legaler Verantwortlichkeit bei Kindern folgt, ebenso wie die Erforderlichkeit eines erwachsenen Vormunds, Zensur, Altersbeschränkungen, Schutzalter, etc); und gleichzeitig versucht dieselbe westliche Ideologie jede_n davon zu überzeugen, dass Kinder frei, autonom und in der Lage sein sollten ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, etc.

[3] Ich verwende „Genuss“ auf die Art, wie es einige psychoanalytische Texte tun, um eine Form der „libidinösen Intensität“ oder „Erregung“ zu benennen, die, wenn auch ritualisiert und süchtig machend, weder angenehm noch vollkommen bewusst sein muss. Genuss ist meiner Meinung nach eng von Dispositiven der Kontrolle beherrscht, ja, diese Form der Kontrolle ist tatsächlich die Hauptinnovation der Regierung in den letzten zwei Jahrhunderten gewesen.

Anmerkungen der Übersetzung

[*] Der Begriff „Dispositiv“ wurde von Foucault zum Zwecke der Analyse entwickelt. Er dient dazu, ein bestimmtes Verhalten, einen Diskurs oder ein bestimmtes Selbstverhältnis zu fokussieren und nach seiner jeweiligen Akzeptanz zu fragen. Das Dispositiv koordiniert Machtbeziehungen. Es besteht aus einer Vielzahl unterschiedlicher Elemente wie Aussagen, Regeln, Praktiken, Institutionen etc.  Der zentrale Effekt dieser Koordination von Machtbeziehungen ist, dass zu Diskursen angereizt wird, die ein bestimmtes Wissen erzeugen. Dieses Wissen bringt Individuen dazu, sich auf bestimmte Weise zu denken und sich auf bestimmte Weise zur Welt und zu sich selbst zu verhalten.

 

Von M.E.K.A.N. Übersetzt aus dem Englischen. Originaltitel: Ecstasy in the Time of the Cholera, September 2020, veröffentlicht bei Pagini Libere.

„Gutes Fernsehen“: ein Hindernis dafür unregierbar zu werden

Kurze Vorbemerkung des Übersetzers:

Während des Stay-at-Home-Diktats ist es verlockend seine Zeit risikolos mit endlosem Netflix-, Amazon-Prime-, Hulu-, etc. Konsum auf- und auszufüllen. Ein nie enden wollender Stream an Serien ermöglicht es eine:r sich von den Maßnahmen und der eigenen – meist freiwilligen – Unterwerfung abzulenken. Man hockt vereinzelt daheim vor dem Bildschirm, während man innerlich, sozial und emotional verkümmert. Wer dabei immer noch glaubt, dass es ein Zurück zur „alten Normalität“ geben wird, kann nur noch als naiv bezeichnet werden. Eine gesamtgesellschaftliche Umstrukturierung ist im Gange hin zu einem kybernetischen, planetaren Freiluftgefängnis und wer jetzt ausschließlich daheim lungert und sich Serien ballert, stimmt zu. Hier geht es nicht um eine moralische Verurteilung, sondern um ein nüchternes Festhalten von Tatsachen. Und wenn wir nicht nur von Freiheit schwätzen, sondern diese auch erringen wollen, gilt es diese Umstrukturierung zu konfrontieren. Ein erster Schritt für viele könnte ein Bruch mit dem sein, was im nachfolgenden Text als „gutes Fernsehen“ beschrieben wird.


„Unregierbar werden“ [„Become ungovernable“] ist eine Parole, die Anarchist:innen dieser Tage gerne verwenden. Es klingt cool und passt zur anarchistischen Ästhetik von Revolte und spektakulärem Konflikt. Es bedeutet unmittelbar nicht viel, aber das ist ihre Schönheit, denn die Bedeutung verschiebt sich mit jeder Person und den Besonderheiten ihres Lebens. Mit keiner Revolution, stattdessen aber Umweltkatastrophen, Staatsgewalt und Amokläufen am Horizont, liefert die Parole einen Pfad nach vorne anstatt in Anbetracht auf unsere no-future Zukunft zu verzweifeln: sich der Unterwerfung gegenüber dem Gesetz, der Pflicht und der Passivität des alltäglichen Lebens zu verweigern.

Aber, unregierbar „werden“? Wie in „dein eigenes Leben in ein Unregiertes verwandeln“? Das ist es, wo die Dinge schwierig werden. Der Kapitalismus und die Technologie, die durch ihn entwickelt wurde, haben Umstände geschaffen, die die Schaffung langfristiger Lebensgewohnheiten außerhalb von Passivität und Konsumieren nahezu verunmöglichen. Die Spielzeuge der Informationstechnologie sind klein, aber enthalten Terabytes an Ablenkung, immer die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer:innen zu sich hinziehend, wie das massive Gravitationsfeld eines kleinen schwarzen Loches. Selbst die Energieschübe eines spektakulären Moments der Krise, die durch den Kapitalismus hervorgerufen wurde, mag die Leute kurzzeitig von ihrer täglichen Tech-Routine abbringen, für Tage, Wochen oder sogar Monate, aber das System hat Werkzeuge, um die Leute wieder zurückzuziehen. Es gäbe hier eine Menge zu untersuchen, aber dieser Artikel beschäftigt sich nur mit einem Element: „gutem Fernsehen“.

Wir leben in der Ära des „guten Fernsehens“ oder der „goldenen Ära des Fernsehens“, einem relativ neuen Phänomen, wo Fernseh-Serien als intelligent, packend und sogar als künstlerische Arbeiten angepriesen werden. Bis ins letzte Jahrzehnt hatte der „Flimmerkasten“ gewissermaßen einen schlechten Ruf. Während die meisten der Masse von ihm eingesogen wurden, wie sie es heute auch sind, schien es, dass die Leute damals zumindest wussten, dass es eine geistlose Unterhaltung war und verdrehten ihre Augen gegenüber dem eingespielten Lachen im Hintergrund, den Spieleshows und der Gefühlsduselei.

Da das Fernsehen in aller erster Linie ein Vehikel für die Werbung war, wurden die Shows so gestaltet, dass sie dem kleinsten gemeinsamen Nenner entsprachen und deshalb die unkontroverseste und normativste Porträtierung der Charaktere und des Lebens enthielt. Sie zeigten fast ausschließlich attraktive weiße Schauspieler:innen, die statische und eindimensionale Klischeecharaktere spielten. Mit dem „guten Fernsehen“ haben die Shows überzeugende fortlaufende Geschichten, Komödien wurden schärfer und Charaktere haben ein weiteres Spektrum an Emotionen und sind nicht mehr länger nur weiße heterosexuelle Personen. Zusätzlich werden Nischenzuseherschaften mit subkulturellen Anekdoten, politischen Witzen, Ästhetik und Ton geködert, was es den Zuseher:innen ermöglicht, sich leichter mit spezifischen Serien zu identifizieren. In anderen Worten: Das Ansehen des Fernsehens ist in die Höhe gegangen und Fernsehen wird damit nicht mehr als etwas angesehen, das vermieden werden sollte.

Die „gute“ Qualität der Programme ging in die Höhe mit dem Erfolg von HBOs „The Sopranos“ und „The Wire“ in den frühen 2000ern. Die düsteren und stimmungsvollen Sopranos nutzten subtile literarische Techniken und komplexen Symbolismus, während sie Geschichten über das organisierte Verbrechen erzählten, als Metaphern und Kritiken des gegenwärtigen amerikanischen Lebens. The Wire, ähnlich pessimistisch, beschrieb detailliert die Lügen und Widersprüche rund um den Drogenkrieg im urbanen Amerika, um aufzuzeigen, wie schwierig und naiv Reformversuche sein können. Die Sopranos waren ein kommerzieller Erfolg, The Wire zwar nicht so sehr außerhalb liberaler und akademischer Kreise, jedoch demonstrierten diese beiden Serien der Fernsehindustrie, dass Zuseher:innen an Serien interessiert waren, die einen Aufwand beinhalteten und eine Sorgfalt, die in sie gesteckt wurde und damit mehr als nur geistlose Unterhaltung. Folglich wurden Serien wie True Detektive produziert, die unzählige literarische und philosophische Quellen und Referenzen aufweisen.

Auch wenn sie nicht immer so tiefgründig sind wie The Sopranos oder The Wire, hat es seither eine Verbreitung von Serien gegeben, welche fortlaufende Geschichten erzählen, wie die Soap-Opern der Vergangenheit, nur mit viel mehr Sorgfalt, die in die Ausarbeitung der Charaktere und den Plot gesteckt wird, genauso wie ein höheres Budget für das Gestalten der Kulisse und das Anstellen der Schauspieler:innen. Im Gegensatz zu episodischen Serien, wo alles mehr oder weniger am Ende der Folge zum Normalzustand zurückkehrt, sind diese Serien ähnlich einem Buch, wo jede Folge ein Kapitel darstellt. Episoden hören oft mit einem Cliffhanger auf oder mit einem dramatischen Moment, der eine große Aufregung kreiert und damit Vorfreude auf die nächste Folge schafft. Oder sie werden auf einen Schlag als Staffel veröffentlicht, damit man sie „binge-watchen“ kann. Verglichen mit deinem banalen jedoch sorgenvollen Leben unter dem techno-industriellen Kapitalismus geben diese Serien mit ihren fortlaufenden Geschichten der Zuseher:in eine eskapistische Fantasie eines Lebens als Abenteuer, jedoch von der Sicherheit des Schlafzimmers oder der Couch.

Wahrscheinlich resultierend vom unmittelbaren Feedback der Zuseher:innen in Internetforen und in den sozialen Medien haben Marktforscher:innen die Inhalte für die Medienunternehmen verfeinert, sowohl, was sie in der Vergangenheit schlecht gemacht haben, als auch, wie sie Serien für spezifische Demographien stricken müssen. Zusätzlich wurden Kulturkritiken integriert, die von Akademiker:innen in den 90ern verfasst wurden und die ausführlich beschrieben, dass Serien und Filme rassistisch, homophob und sexistisch waren. Dieses Material, einschließlich der tumblr-Sphäre, in der Serien, anhand dieser Kriterien, praktisch in Echtzeit kritisiert werden, ist alles zugänglich für Marktforscher:innen, um es zu untersuchen und um so ihre Produkte der Generation der Millenials zu vermarkten, die sich für soziale Gerechtigkeit zu interessieren scheint. Das hat mittlerweile zu bestimmten Serien geführt, die jetzt einen höheren Prozentsatz an Schauspieler:innen of Color und queeren Charakteren haben, was ihre Anziehungskraft erweitern kann, besonders wenn eine jüngere Zuseherschaft geködert werden soll.

Für jene, die an der Befreiung von Unterdrückung, Ausbeutung und anderen Systemen der Kontrolle interessiert sind, ist gutes Fernsehen eine schlechte Nachricht. Das Fernsehen ist eine Technologie der sozialen Kontrolle und die Welt wäre ein besserer Ort, wenn sie zerstört wäre. Jedoch scheint es, als wie wenn das Gegenteil geschehen würde, und Leute zunehmend dahin gesogen werden einen signifikanten Teil ihrer Zeit damit zu verbringen, diese Serien zu schauen. Sei es gutes Fernsehen oder 90er Sitcoms, diese Technologie isoliert die Leute voneinander und folglich fördert sie die Einsamkeit und Angst im Kapitalismus. Serien rahmen [frame] diese Gesellschaft und all ihre ekelhaften Mechanismen und sozialen Beziehungen als natürlich. Und sie töten die Vorstellungskraft, indem sie uns in eine Position der Passivität zwingen, wo wir in einen Empfängermodus versetzt werden, während wir mit Bildern, Archetypen und Geschichten überflutet werden. Fernsehen ist schlecht als solches, und im besonderen, weil es Revolte verhindert und Leute davon abhält, tätig zu werden gegen die albtraumhafte Welt um sie herum.

Isolation und die Ideologie, die der Technologie inhärent ist.

Der Kapitalismus erzeugt Isolation. In keiner anderen Gesellschaft in der Geschichte haben die Menschen eine solche Trennung zwischen sich selbst und den anderen erfahren. Das liegt daran, dass getrennte Leute leichter zu kontrollieren sind. Wo Leute einander regelmäßig begegnen, existiert das Potential für eine Vielzahl an Interaktionen, Verhaltensweisen und Beziehungen, die sich über die Zeit entwickeln können. In diesen Räumen wird es möglich für Leute Vertrauen aufzubauen, sich über Frustrationen auszutauschen und vielleicht rebellische Akte gemeinsam durchzuführen. Streiks, Krawalle und das Aufbauen subversiver Bande braucht Räume, um sich zu entfalten. Es gibt einen Grund, wieso totalitäre Gesellschaften Gesetze einführen, die verbieten, dass sich mehr als eine gewisse Anzahl von Leuten in der Öffentlichkeit versammeln. Das Fernsehen ist das liberale demokratische Mittel für dieses Problem, in dem es Leute zu freiwilliger Isolation antreibt.

Das Kapital, das grob und vereinfacht definiert werden kann als „Geld, das in etwas investiert wird, um mehr Geld zu machen“, kolonisiert über die Zeit hinweg zunehmend die Welt und transformiert sie, damit die Investitionen profitabel sein können. Dieser Prozess involviert die Evolution der Technologien in eine Richtung, die den Status Quo unterstützt und die Gewohnheiten und kulturellen Normen zementiert, die von diesem Status profitieren. Wir kommen nach dem Arbeiten erschöpft nach Hause und die attraktivste Option ist es, auf der Couch zu kollabieren, vielleicht eine Beziehungsperson neben uns, während amüsierende Spektakel auf dem Bildschirm vorbeiziehen, bis wir schlafen gehen und unsere Körper wieder genug aufladen, um uns wieder in die Arbeit zu schleppen. Das ist nicht natürlich. Das ist die Umwelt, die über die Zeit dominant geworden ist, da sie für das Kapital nützlich ist – das ist der Kapitalismus.

Sich hinzusetzen und eine Serie zu schauen ist besonders verführerisch, da es tatsächlich keinerlei Aufwand erfordert. Es ist die einfachste Option Langeweile zu vertreiben und sich von Sorgen abzulenken. Im Gegensatz dazu erfordert das Sozialisieren mit anderen aktives Zuhören und emotionale Energie. Die Möglichkeit das Falsche zu sagen, sich zu blamieren oder verletzt und unglücklich zu werden durch etwas, das jemand sagt, besteht immer. Deshalb zieht uns das Fernsehen, das viel leichter zu handhaben ist, weg von den sozialen hin zu den getrennten privaten Welten.

Gutes Fernsehen tötet dabei die Kreativität, da es keinen Grund zu denken oder damit zu ringen gibt, was man mit seiner Zeit anstellen soll, wenn dich der Bildschirm immer mit unmittelbarer Unterhaltung verbinden kann. Das Fernsehen füllt die leeren Stellen in deiner täglichen Routine. Es gibt keine Dringlichkeit sich mit einer Gesellschaft zu konfrontieren, die alles zerstört durch Umweltkatastrophen, Krieg und Unterdrückung, da die Möglichkeit sich abzulenken oder uns leicht zu unterhalten immer besteht.

Die Leute verlieren rasant das Talent miteinander von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren. Diese Tendenz, die Jahrhunderte alt ist, wird schlimmer mit jeder Generation, mit der Zunahme der Vermittlung durch die Informationstechnologien. Es ist ein allgemeines kulturelles Trope zu bemerken, dass die Leute kaum wirklich miteinander kommunizieren. In unserer Zeit ist die Verlockung der vermittelnden Technologie oder der freiwilligen Isolation durch das Zuhausebleiben und Serienschauen ein Resultat und ein weiterer Grund für dieses Phänomen. Je unsicherer wir sind, desto mehr bleiben wir drinnen, je mehr wir drinnen bleiben, desto unsicherer werden wir.

Zusätzlich dazu, dass Leute in die Isolation gezogen werden, präsentieren das Fernsehen und ähnliche Medienformate, wie Filme, die Welt unhinterfragt, wie sie ist. Die Porträts des Lebens kopieren die Struktur unserer Leben, die wir jetzt leben und verstärken deshalb die Hegemonie dieser Lebensformen in unseren Köpfen. Das ist keine intentionale Strategie der Eliten, die sich das in einem verrauchten Hinterzimmer ausgemacht haben, sondern in die Technologie selbst eingeschrieben.

Das alltägliche Leben, soziale Beziehungen, Wertesysteme, Technologie und sogar die Geographie der Infrastruktur sind dem Kapitalismus spezifisch, zu dieser Stufe seiner Entwicklung. Die tagtägliche Erfahrung aufzuwachen, in die Arbeit zu fahren, zu arbeiten, nach Hause zu fahren, Netflix zu schauen und schlafen zu gehen, ist eine von Millionen möglichen Lebensformen, die existieren können. Der Kapitalismus hat die Welt kolonisiert und hält uns damit davon ab, fast jede andere mögliche Lebensform zu entdecken und/oder zu erschaffen. Jedoch haben die Charaktere in den Serien und Filmen ein in etwa ähnliches Alltagsleben wie wir. (Wenn die Dinge abweichen, dann in spezifischen Genres, wie Fantasy oder Science Fiction, wo diese Abweichung Teil des Reizes ist.) Wenn wir diese Spektakel auf fortlaufender Basis konsumieren, werden die Rhythmen und Formen des Alltagsleben unter dem Kapitalismus in unseren Köpfen zementiert, so dass es scheint, dass kein anderes Leben möglich sein könnte.

Um klar zu sein, das Fernsehen „verteidigt“ diese Konzeptualisierung des Lebens nicht. Stattdessen präsentiert es Karikaturen unseres tagtäglichen Lebens, unserer Beziehungen und der Art und Weise, was wir alles als Normalität hinnehmen müssen. Wie jede Ideologie verschleiert sie sich dabei als natürlich. Jedwede gutartigen Intentionen subversiven Inhalt für das Fernsehen zu produzieren und Visionen, wie das Fernsehen in einer post-kapitalistischen Welt aussehen könnte, würden genau dieselben Umstände schaffen für Isolation und Ideologie.

Abschließend

Ich will das Fernsehen und die Welt, die es spiegelt, bis zu den Grundfesten zerstören. Die Welt, von der ich träume, kennt natürlich Geschichten, Rollenspiele und andere ähnliche Formen des Spiels, jedoch nicht so eine geistbetäubende und passive wie das Fernsehen.

Ich weiß nicht, was sich Leser:innen von diesem Artikel mitnehmen sollen. Ich kenne nur mein eigens Leben und ich habe kein Interesse daran, Leuten zu erzählen, was sie in ihrem alltäglichen Leben tun sollen. Jedoch weiß ich, dass diese Gesellschaft mystifiziert, was sie den Leuten antut und ich habe Interesse daran, diese Dinge aufzuzeigen, wenn ich sie sehe. Dass das Fernsehen durchschnittlich grob fünf Stunden täglich die Leute in den USA aussaugt [1], scheint mir wichtig zu bemerken und darüber nachzudenken, was das für uns heißt. Besonders für jene von uns, die eine Revolte und ein Leben kreieren wollen, basierend auf den eigenen subversiven Begierden.

Frei übersetzt aus dem Englischen. Originaltitel: „Good TV as a Roadblock to Becoming Ungovernable, or Anything Else Really“; Original veröffentlicht in Plain Words #4, Winter 2017/2018, Bloomingto, Indiana. Oder: https://plainwordsbloomington.noblogs.org/post/2017/09/16/good-tv-as-a-roadblock-to-becoming-ungovernable-or-anything-else-really/#more-430

Anmerkungen

[1] https://www.nytimes.com/2016/07/01/business/media/nielsen-survey-media-viewing.html

Industrielle Domestizierung

Industrie als Ursprung moderner Herrschaft

Wenn sich das Kapital der Wissenschaft bemächtigt, dann wird die Fügsamkeit des widerspenstigen Arbeiters gesichert sein.

– Andrew Ure, Philosophy of Manufactures, 1835

Wenn in der Vergangenheit irgendjemand einen Handwerker einen Arbeiter nannte, riskierte er eine Schlägerei. Heute, wo ihnen gesagt wird, dass die Arbeiter dem Staate die liebsten seien, bestehen sie alle darauf, Arbeiter zu sein.

M. May, 1848

Der Begriff Industrielle Revolution, der allgemein gebraucht wird, um die Periode zwischen 1750 und 1850 zu bezeichnen, ist eine blanke bourgeouise Lüge, parallel zu der Lüge über die politische Revolution. Sie beinhaltet nicht das Negative und rührt von einer Vorstellung der Geschichte als nur die Geschichte des technologischen Fortschritts her. Hier landet der Feind einen doppelten Treffer, indem er die Existenz der Manager und Hierarchien als unvermeidbare technische Notwendigkeit legitimiert und eine maschinelle Vorstellung des Fortschritts einführt, die fortan für ein positives und sozial neutrales Gesetz gehalten wird. So eine Lüge war offensichtlich für die Armen bestimmt, bei denen sie bleibende Schäden hinterließ. Um sie zu widerlegen genügt es, sich an die Fakten zu halten.

Die meisten technologischen Innovationen, die das Entstehen von Fabriken erlaubten, waren bereits früher entdeckt worden, aber ungenutzt geblieben. Ihre weitverbreitete Anwendung war keine mechanische Konsequenz, sondern resultierte aus einer historisch datierbaren Entscheidung der herrschenden Klassen. Und diese Entscheidung war weniger eine Reaktion auf eine Frage bloßer technischer Effizienz (die oft zweifelhaft war), sondern vielmehr eine Strategie sozialer Domestizierung. Die pseudo-industrielle Revolution kann daher auf ein Projekt sozialer Konterrevolution reduziert werden. Es gibt nur einen einzigen Fortschritt: den Fortschritt der Entfremdung.

Unter dem vorher existierenden System genossen die Armen immerhin eine beachtliche Menge an Unabhängigkeit in der Arbeit, die sie gezwungen wurden zu verrichten. Ihre dominante Form war die heimische Werkstatt: Kapitalist*innen verliehen Werkzeuge an die Arbeiter*innen, versorgten sie mit Rohmaterial und kauften dann das fertige Produkt spottbillig. Für die Arbeiter*innen bestand die Ausbeutung lediglich in einem Moment des Geschäfts, über den sie keine direkte Kontrolle hatten.

Die Armen konnten ihre Arbeit noch immer als „Kunst“ begreifen, über die sie eine beachtliche Breite an Entscheidungsmacht ausübten. Aber vor allem blieben sie die Herren ihrer eigenen Zeit: Sie arbeiteten zu Hause und konnten aufhören, wann immer es ihnen beliebte; ihre Arbeitszeit entzog sich jeglicher Berechnung. Und Abwechslung sowie Unregelmäßigkeit charakterisierten ihre Arbeit, da die heimische Werkstatt in den meisten Fällen nur eine Ergänzung zu den landwirtschaftlichen Tätigkeiten war.

Die daraus folgenden Schwankungen der industriellen Aktivität waren unvereinbar mit der harmonischen Ausweitung des Handels. Daher besaßen die Armen immer noch ein beachtliches Druckmittel, von dem sie beständig Gebrauch machten. Das Unterschlagen von Rohmaterial war eine übliche Praxis und speiste einen ausgedehnten parallelen Markt. Aber vor allem konnten diejenigen, die zu Hause arbeiteten, Druck auf ihre Arbeitgeber ausüben: Die häufige Zerstörung von Webstühlen war ein Mittel der „kollektiven Verhandlung durch Aufruhr“ (Hobsbawm). Rück die Kohle raus oder wir zerstören alles.

Fabriken entworfen nach dem Vorbild von Gefängnissen

Um die bedrohliche Unabhängigkeit der Armen zu unterdrücken, sah sich die Bourgeousie gezwungen, die Gefilde der Produktion direkt zu kontrollieren. Das war der Grund, der für die Verbreitung von Fabriken sorgte. „Es sind weniger diejenigen, die absolut nicht arbeiten, die der Öffentlichkeit Leid zufügen, sondern diejenigen, die nur die Hälfte ihrer Zeit arbeiten“, schrieb Ashton bereits 1725. Die militärischen Fertigkeiten wurden auf die Industrie angewandt und Fabriken wurden buchstäblich nach dem Vorbild von Gefängnissen entworfen, die übrigens zur selben Zeit auftauchten.

Eine riesige Ummauerung trennte den Arbeiter von allem, das betriebsfremd war und Wärter wurden angestellt, um die Menschen zurückzuhalten, die es anfangs selbstverständlich fanden, ihre weniger glücklichen Freunde zu besuchen. Im Inneren hatten drakonische Bestimmungen das primäre Ziel, die Sklav*innen zu zivilisieren. Im Jahr 1770 hatte ein Schriftsteller eine Vision eines neuen Plans, um die Armen produktiv zu machen: Das Haus des Terrors, in dem die Insass*innen 14 Stunden am Tag zum Arbeiten gezwungen werden und durch eine Hungerkur unter Kontrolle gehalten würden. Er war seiner Zeit nicht weit voraus; eine Generation später wurde das Haus des Terrors schlicht Fabrik genannt.

In England verbreiteten sich Fabriken als Erstes. Hier hatten die herrschenden Klassen ihre internen Konflikte längst überwunden und konnten sich daher ohne Hemmungen der Leidenschaft des Kommerzes widmen. Die Repression, die auf die millenaristischen [1] Angriffe der Armen gefolgt war, hatte außerdem den Weg für die industrielle Gegenoffensive geebnet.

Es war das traurige Schicksal der Armen in England, die ersten zu sein, die der absoluten Brutalität dieses sich entwickelnden sozialen Mechanismus unterworfen wurden. Selbstverständlich betrachteten sie dieses Schicksal als totale Erniedrigung und diejenigen, die es akzeptierten, wurden von ihren Kollegen verachtet. Zur Zeit der Levellers [Egalitaristen, Anm. d. Übs.] [2] war es bereits die allgemeine Meinung, dass diejenigen, die ihre Arbeit für ein Gehalt verkauften, all ihre Rechte als „frei geborene“ Engländer aufgegeben hatten. Schon bevor die Produktion überhaupt begann, hatten die ersten Fabrikbesitzer Schwierigkeiten, Arbeiter*innen anzuwerben und mussten oft weit reisen, um sie zu finden.

Als nächstes war es notwendig, die Armen dazu zu zwingen, ihre neuen Jobs zu behalten, von denen sie massenhaft dessertierten. Deshalb kamen die Fabrikbesitzer für die Behausungen ihrer Sklav*innen auf, die als Vorkammern der Fabrik dienten. Die Bildung dieser riesigen industriellen Reservearmee brachte die Militarisierung der Gesamtheit des sozialen Lebens mit sich.

Der Luddismus war die Antwort der Armen auf die Einführung dieser neuen Ordnung. Während der ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in einem Klima aufständischer Wut eine Bewegung, die sich der Zerstörung der Maschinen widmete. Es war nicht nur eine Frage der Nostalgie nach dem Goldenen Zeitalter des Handwerks. Sicherlich war auch das Aufkommen der Herrschaft des Quantitativen, der massenproduzierten, schäbigen Waren eine Hauptquelle der Wut. Fortan wurde die Zeit, die man brauchte, um eine Aufgabe zu erledigen, wichtiger als die Qualität des Resultats, und diese Entwertung des Inhalts jeder einzelnen Arbeit brachte die Armen dazu, die Arbeit als solche anzugreifen, die dadurch ihre Essenz enthüllt hatte. Aber der Luddismus war vor allem ein antikapitalistischer Unabhängigkeitskrieg, ein „Versuch die neue Gesellschaft zu zerstören“ (Mathias). „Alle Adligen und Tyrannen müssen niedergestreckt werden“, heißt es in einem seiner Flugblätter.

Der Luddismus war das Erbe der millenaristischen Bewegung der vorangegangenen Jahrhunderte und auch wenn er sich nicht länger als universelle und vereinheitlichte Theorie ausdrückte, blieb er allen politischen Perspektiven gegenüber radikal fremd, ebenso wie gegenüber jedem ökonomischen Pseudorationalismus. Die Aufstände der Seidenarbeiter zur gleichen Zeit in Frankreich, die sich ebenfalls gegen den Prozess der industriellen Domestizierung richteten, waren dagegen bereits von der politischen Lüge kontaminiert.

„So verdunkelte ihr politischer Verstand ihnen die Wurzel der geselligen Not, so verfälschte er ihre Einsicht in ihren wirklichen Zweck“, schrieb Marx 1844. Ihr Slogan war „arbeitend leben oder kämpfend sterben.“

Die Auferlegung der Industriellen Logik

Während die aufkommende Gewerkschaftsbewegung in England kaum unterdrückt und sogar geduldet wurde, wurde das Zerstören von Maschinen mit dem Tode bestraft. Die unerschütterliche Negativität der Ludditen machte sie sozial untolerierbar. Der Staat antwortete auf diese Bedrohung auf zwei Wegen: Er bildete eine moderne professionelle Polizei und erkannte Gewerkschaften offiziell an. Der Luddismus wurde zuerst durch brutale Repression besiegt und verblasste dann, als die Gewerkschaften Erfolg damit hatten, die industrielle Logik durchzusetzen. 1920 bemerkte ein englischer Beobachter mit Erleichterung, dass „die Verhandlungen über die Bedingungen des Wandels über die bloße Verneinung des Wandels selbst gesiegt hatten.“ Ein schöner Fortschritt!

Von all den Verleumdungen, mit denen die Ludditen überhäuft wurden, kamen die schlimmsten von den Apologet*innen der Arbeiterbewegung, die sie für blind und infantil hielten. Daraus resultiert auch die folgende Passage von Karl Marxs Kapital, die beispielhaft für eine fundamentale Missinterpretation dieser Ära steht: „Es bedarf Zeit und Erfahrung, bevor der Arbeiter die Maschinerie von ihrer kapitalistischen Anwendung unterscheiden und daher seine Angriffe vom materiellen Produktionsmittel selbst auf dessen gesellschaftliche Exploitationsform übertragen lernt.“

Diese materialistische Vorstellung der Neutralität von Maschinen reicht aus, um die Organisation der Arbeit, die eiserne Disziplin (in dieser Hinsicht war Lenin ein konsequenter Marxist) und letztlich den ganzen Rest zu legitimieren. In ihrer angeblichen Rückschrittlichkeit begriffen die Ludditen doch, dass die „materiellen Produktionsmittel“ vor allem anderen Instrumente der Domestizierung waren, deren Form nicht neutral ist, weil sie Hierarchien und Abhängigkeiten garantiert.

Der Widerstand der ersten Fabrikarbeiter*innen äußerte sich vor allem in Bezug auf eines der wenigen Dinge, die sie besaßen und dessen sie beraubt werden sollten: ihrer Zeit. Es war ein alter religiöser Brauch weder an Sonn-, noch an Montagen zu arbeiten, was „Blauer Montag“ genannt wurde. Da Dienstage der Erholung von zwei Tagen Trinkgelage gewidmet war, begann die Arbeit vernünftigerweise nicht vor Mittwoch. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch weit verbreitet, dauerte dieser gesunde Brauch in einigen Branchen bis 1914 an. Ohne Erfolg versuchten sich die Bosse an verschiedenen Zwangsmethoden, um diesen institutionalisierten Absentismus zu bekämpfen. Mit dem Aufkommen von Gewerkschaften wurden die „Blauen Montage“ durch freie Samstagnachmittage ersetzt. Ein ruhmreiche Sieg: die Arbeitswoche wurde so um zwei Tage verlängert!

Die Blauen Montage spielten nicht nur bei der Frage der Arbeitszeit eine Rolle, sondern auch hinsichtlich des Umgangs mit Geld, da die Arbeiter*innen nicht zur Arbeit zurückkehrten, bevor sie ihr gesamtes Gehalt ausgegeben hatten. Mit Beginn dieser Periode wurden die Sklav*innen nicht länger nur als Arbeiter*innen, sondern auch als Konsument*innen betrachtet. Die Notwendigkeit, die Binnenmärkte zu entwicklen, indem diese für die Armen geöffnet wurden, war von Adam Smith theoretisiert worden. Außerdem „wäre die Schaffung von Bedürfnissen doch das beste Mittel, um das Volk arbeitsam zu machen“, schrieb der Erzbischof Berkeley 1755.

Auf eine noch immer nur geringfügige Art und Weise wurde das Gehalt, das den Armen zugeteilt wurde, den Notwendigkeiten des Marktes angepasst. Aber die Armen nutzten dieses zusätzliche Geld nicht so, wie es die Ökonomen vorausgesagt hatten: Der Anstieg der Gehälter bedeutete für sie gewonnene Zeit bei der Arbeit (eine nette Umkehrung von Benjamin Franklins utilitaristischer Maxime Zeit ist Geld). Zeit, die durch die Abwesenheit in den Fabriken gewonnen wurde, verbrachte man in den – zurecht so genannten – Public Houses (während dieser Periode wurden Nachrichten von Revolten von Pub zu Pub weitergetragen).

Je mehr Geld die Armen zur Verfügung hatten, desto mehr tranken sie. Der Geist der Ware wurde zuerst in Form von Spirituosen entdeckt, zum Missfallen der Ökonomen, die beabsichtigt hatten, dass die Armen ihr Geld sinnvoll ausgaben. Die Mäßigungskampagne, die gemeinsam von der Bourgeoisie und den „fortschrittlichen (und daher nüchternen) Fraktionen der Arbeiterklasse“ ins Leben gerufen wurde, war vielmehr eine Ermahnung an die Arbeiter*innen, ihre Gehälter weise zu nutzen, als eine Sorge um die öffentliche Gesundheit (die viel größeren Schäden, die von der Arbeit verursacht wurden, veranlassten sie nicht dazu, für ihre Abschaffung zu plädieren). Einhundert Jahre später sind die gleichen Akteur*innen unfähig zu ergründen, warum Arme auf Essen verzichten, um „überflüssige“ Waren zu kaufen.

Die Wildheit kommt immer zurück

Die Propaganda, die zum Sparen ermutigte, wurde ins Leben gerufen, um diese Neigung zum direkten Ausgeben des Geldes zu bekämpfen. Und wieder war es die „Avantgarde der Arbeiterklasse“, die Einrichtungen zum Sparen für die Armen einrichtete.

Das Sparen vergrößerte sowohl die Abhängigkeit der Armen als auch die Macht ihrer Feinde: Die Kapitalist*innen konnten durch eine Senkung der Gehälter temporäre Krisen überstehen und gewöhnten die Arbeiter*innen an die Idee des Existenzminimums.

Doch hier gibt es einen damals unauflösbaren Widerspruch, den Marx in seinen Grundrissen aufgezeigt hat: Jede*r Kapitalist*in fordert, dass seine Sklav*innen als Arbeiter*innen sparen, aber eben nur seine Arbeiter*innen; Alle anderen Sklav*innen sind für ihn Konsument*innen und sind als solche verpflichtet, Geld auszugeben. Dieser Widerspruch konnte erst viel später aufgehoben werden, als die Entwicklung der Ware die Aufnahme von Krediten durch die Armen erlaubte. Jedenfalls, selbst wenn es der Bourgeoisie vorläufig gelungen war, das Arbeitsverhalten der Armen zu zivilisieren, konnte sie ihr Ausgabeverhalten niemals absolut domestizieren. Das Geld ist das, durch das die Wildheit immer zurückkehrt…

Nachdem die Abschaffung der Blauen Montage die Arbeitswoche verlängert hatte, „nahmen sich nunmehr die Arbeiter*innen ihre Freizeit am Arbeitsplatz“ (Geoff Brown). Die Verminderung des Arbeitstempos wurde zur Regel. Es war die Einführung der Akkordarbeit, die die Disziplin endgültig in die Werkstätten brachte und eine Erhöhung des Fleißes und der Produktivität erzwang. Das wichtigste Ergebnis dieses Systems, das sich seit den 1850ern verbreitete, war, dass es die Arbeiter*innen zwang die industrielle Logik zu verinnerlichen: Um mehr zu verdienen, war es notwendig, mehr zu arbeiten. Das hatte jedoch nachteilige Auswirkungen auf die Gehälter der anderen und die weniger stürmischen konnten sogar ihren Job verlieren.

Die Antwort auf diese ungezügelte Konkurrenz war die Etablierung kollektiver Verhandlungsformen, um über die zu erledigende Menge an Arbeit und ihre Verteilung und Vergütung zu entscheiden, was zu der Durchsetzung der gewerkschaftlichen Schlichtung führte. Nachdem sie hinsichtlich der Produktivität den Sieg errungen hatten, willigten die Kapitalist*innen ein, die Anzahl der Arbeitsstunden zu reduzieren. Das berühmte Zehn-Stunden-Gesetz war, auch wenn es faktisch ein Sieg der Gewerkschaften war, eine Niederlage für die Armen, da es die Niederlage ihres langen Widerstands gegen die neue industrielle Ordnung besiegelte.

Die omnipräsente Diktatur der Notwendigkeit war errichtet. Sobald die Überreste der früheren sozialen Ordnung beseitigt waren, gab es nichts mehr auf dieser Welt, das nicht von den Geboten der Arbeit bestimmt wurde. Der Horizont der Armen begrenzte sich auf den „Existenzkampf“. Die absolute Herrschaft der Notwendigkeit kann jedoch nicht einfach als eine quantitative Zunahme des Mangels betrachtet werden: Sie war vor allem die Kolonisierung des Verstands durch das triviale und vulgäre Prinzip der Nützlichkeit, eine Niederlage für das Denken selbst.

Hier können wir die Konsequenzen der Zerstörung des Millenarischen Geistes ermessen, der die Armen während der ersten Phase der Industrialisierung inspirierte. Während dieser Periode war die Herrschaft der brutalen Not klar als Resultat einer bestimmten Welt begriffen worden – der Welt des Antichristen basierend auf Eigentum und Geld. Die Vorstellung der Abschaffung der Not war untrennbar mit der Idee der Realisierung des Garten Edens der Menschlichkeit verbunden, „dem spirituellen Kanaan, wo Wein, Milch und Honig fließen und Geld nicht existiert“ (Coppe). Mit der Niederlage dieses versuchten Umsturzes erlangte die Not das Erscheinungsbild der Unmittelbarkeit. Fortan erschien Mangel als natürliche Katastrophe, die nur durch eine umfangreichere Organisiation der Arbeit behoben werden könnte. Mit dem Triumpf der englischen Ideologie wurden die Armen, die bereits vollkommen enteignet waren, sogar noch der eigentlichen Vorstellung von Reichtum beraubt.

Der puritanische Abschaum

Es war der Protestantismus, oder präziser seine angelsächsische puritanische Form, die den Kult der Nützlichkeit und des Fortschritts begründete und legitimierte. Indem sie die Religion zu einer Privatangelegenheit machte, billigte die protestantische Ethik die von der Industrialisierung verursachte soziale Atomisierung: Individuen standen Gott auf dieselbe Art und Weise alleine gegenüber, wie sie im Hinblick auf Waren und Geld isoliert waren. Ebenso vertrat sie genau die Werte, die von den modernen Armen verlangt wurden: Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Enthaltsamkeit, Arbeit, Sparsamkeit.

Die Puritaner, dieser Abschaum, der rastlos gegen Feste, Spiele, Ausschweifung und alles, was der Logik der Arbeit entgegen stand, kämpfte und den Millenarischen Geist als „lähmend für den Unternehmergeist“ (Webb 1644) betrachtete, ebnete den Weg für die industrielle Konterrevolution. Ferner kann die Reformation als Prototyp des Reformismus betrachtet werden: Als Produkt einer Meinungsverschiedenheit betrachtete er alle widerstreitenden Ansichten als Bereicherung. Sie „forderte nicht, dass man dieses Christentum praktiziert; sie forderte, dass man zu einem Gläubigen wurde. Jede Religion war recht.“

1789 wurden diese Prinzipien in Frankreich vollständig realisiert, als sie ihre religiöse Form endgültig abwarfen und eine universelle Form des Rechts und der Politik annahmen. Frankreich war Nachzügler im industriellen Prozess: Ein unversöhnlicher Konflikt zwischen Bourgeoisie und der Aristokratie, die sich weigerte, Geld zu investieren. Paradoxerweise war es dieser Rückstand, der die Bourgeoisie dazu brachte, den modernsten Ansatz zu verfolgen. In Großbritannien, wo die herrschenden Klassen seit langem einen gemeinsamen historischen Weg eingeschlagen hatten, „nahm die Erklärung der Menschenrechte Form an, nicht im Gewand der römischen Toga, sondern in der Robe der Propheten des Alten Testaments“ (Hobsbawn). Genau das ist die Grenze, die unvollständige Natur der englischen theoretischen Konterrevolution. Staatsbürgerschaft war im Endeffekt noch immer auf einer Doktrin der Auserwähltheit basierend, durch die die Auserwählten einander durch die Früchte ihrer Arbeit und ihre moralische Einwilligung zu dieser Welt wahrnahmen. Das schloss den Pöbel aus, der noch immer vom Schlaraffenland träumen konnte.

Das ursprüngliche Ziel der Zwangsarbeit in den Fabriken war vor allem, diese bedrohliche Stärke zu beschränken und es durch einen machtvollen sozialen Mechanismus zu integrieren. Den Lügen der englischen Bourgeoisie fehlte noch immer die Raffinesse, die jene ihrer Kollegen auf der anderen Seite des Kanals charakterisierten, und die es diesen erlaubte, die Armen von Anfang an durch die Ideologie zu schwächen. Selbst heute noch führen die englischen Verfechter*innen der Alten Welt eher ihre moralische Rechtschaffenheit als ihre politischen Meinungen an. Die besonders sichtbare und arrogante Grenze, die Arm und Reich in diesem Land trennt, entspricht der schwachen Verankerung des Konzepts von individueller und rechtlicher Gleichheit der Individuen.

Während die puritanische moralische Indoktrination den ursprünglichen Effekt hatte, alle zu vereinen und zu stärken, die ein bestimmtes Interesse hatten, eine sich verändernde und ungewisse Welt zu bekämpfen, zerschmetterte sie die Unterklassen, die sich bereits unter das Joch der Arbeit und des Geldes gebeugt hatten, und vollendete so deren Niederlage. Daher schlug Ure vor, dass seinesgleichen die „moralische Maschinerie“ mit ebensoviel Sorgfalt aufrechterhalten wie die „mechanische Maschinerie“, um „Gehorsam hinnehmbar zu machen“. Aber vor allem enthüllte diese moralische Maschinerie ihre schädlichen Effekte, als sie von den Armen übernommen wurde und der aufkommenden Arbeiterbewegung ihren Stempel aufdrückte.

Die Kampagne zur Zivilisierung der Armen

Es vermehrten sich die methodistischen, wesleyanischen, baptistischen und anderen Arbeitersekten, bis sie schließlich genauso viele Gläubiger versammelten wie die Kirche Englands, Institution des Staates. In der feindlichen Umgebung der neuen Industrieanlagen zogen sich die zitternden Arbeiter in die Kapelle zurück. Man ist immer dazu geneigt die Erniedrigungen rechtzufertigen, für die man sich nicht rächt. Die neue Moral der Arbeiter*innen verwandelte Armut in einen Zustand der Gnade und Sparen in eine Tugend.

An jenen Orten waren die Gewerkschaften direkte Nachkommen der Kirche und Laienprediger wurden zu Gewerkschaftsvertretern [3]. Die von der Bourgeoisie geführte Kampagne, um die Armen zu zivilisieren, erlangte nur durch Querschläger die Oberhand über den sozialen Hass, sobald dieser einmal in den Händen der Arbeiterrepräsentanten lag, die fortan in ihren Kämpfen gegen ihre Herren die gleiche Sprache wie sie sprachen. Doch die noch religiösen Formen, die die Domestizierung des Denkens immer wieder annahm, waren nur eine Nebenerscheinung. Diese hatte eine deutlich effizientere Basis in der ökonomischen Lüge. J. und P. Zerzan [4] haben diesen Widerspruch treffend hervorgehoben: Es war während des zweiten Drittels des 19. Jahrhunderts, als die Armen den entwürdigendsten und verstümmelndsten Bedingungen in allen Bereichen ihres Lebens unterworfen wurden und jeder Widerstand gegen die Gründung einer neuen kapitalistischen Ordnung niedergeschlagen worden war; es war genau in diesem Moment, dass Marx, Engels und alle ihre Jünger mit Genugtuung die Geburt „der revolutionären Armee der Arbeit“ begrüßten und die objektiven Bedingungen für einen siegreichen proletarischen Angriff für endlich eingetreten erklärten.

In seiner berühmten “Adresse” der Internationalen Arbeiter-assoziation von 1864 begann Marx damit, ein detailliertes Bild der entsetzlichen Situation der Armen in England zu zeichnen und fuhr dann fort, die „wunderbaren Erfolge“ zu loben, wie das Zehn-Stunden-Gesetz (wir haben bereits gesehen, was das wert war) und die Etablierung von Kooperativfabriken, die einen „Sieg der politischen Ökonomie der Arbeit über die politische Ökonomie des Kapitals“ darstellen würde! Wenn marxistische Kommentator*innen das grausame Schicksal der Arbeiter*innen des 19. Jahrhunderts ausführlich beschrieben haben, so betrachteten sie dieses Schicksal bis zu einem gewissen Grad als unausweichlich und förderlich. Unausweichlich, weil sie es als die unvermeidbare Konsequenz der Anforderungen der Wissenschaft und als eine notwendige Entwicklung der „Produktionsverhältnisse“ betrachteten. Förderlich in dem Sinne, dass „das Proletariat durch die Mechanismen der Produktion vereint, diszipliniert und organisiert worden ist“ (Marx).

Die Arbeiterbewegung gründet sich auf einer rein defensiven Basis. Die ersten Arbeiterassoziationen waren „Vereinigungen des Widerstands und der gegenseitigen Hilfe“. Aber wenn die revoltierenden Armen sich selbst zuvor immer im Negativen wiedererkannt hatten, durch die Benennung der Klasse ihrer Feinde, so war es doch in und durch die Arbeit, die ihnen als Zentrum ihrer Existenz aufgezwungen worden war, dass die Arbeiter begannen nach einer positiven Gemeinschaft zu streben, einer, die nicht von ihnen selbst produziert wurde, sondern von einem äußeren Mechanismus.

Diese Ideologie nahm zuerst Gestalt an inmitten der „aristokratischen Minderheit“der qualifizierten Arbeiter*innen, „dieser Sektor, der für Politiker*innen von Interesse ist und aus dem diejenigen stammen, die die Gesellschaft nur zu dankbar als Repräsentant*innen der Arbeiterklasse begrüßen will“, wie Edith Simcox 1880 treffend bemerkte. Die riesige Masse der noch immer unregelmäßigen und unqualifizierten Arbeiter*innen hatte deshalb keine Bürgerrechte. Sie waren diejenigen, die den legendären wilden und kampfeslustigen Geist der englischen Arbeiter bewahrten, als sich die Türen der Gewerkschaften öffneten. Es begann ein langer Kreislauf sozialer Kämpfe, zuweilen gewaltsam, aber ohne jegliches einigende Prinzip.

„Obgleich die revolutionäre Initiative wahrscheinlich von Frankreich ausgehen wird, kann allein England als Hebel für eine ernsthafte ökonomische Revolution dienen.[…] Die Engländer verfügen über alle notwendigen materiellen Voraussetzungen für eine soziale Revolution. Woran es ihnen mangelt, ist der Geist der Verallgemeinerung und die revolutionäre Leidenschaft.“ Diese Erklärung des Generalrats der Internationale enthält sowohl ein wahres, als auch ein falsches Bewusstsein einer Epoche. Von einem sozialen Standpunkt aus gesehen war England immer ein Rätsel gewesen: Das Land, das die modernen Bedingungen der Ausbeutung hervorgebracht hatte und das entsprechend als erstes große Massen von Armen hervorbrachte, ist auch das Land, in dem die Institutionen seit nunmehr drei Jahrhunderten unverändert geblieben sind und das niemals von einem revolutionären Angriff erschüttert worden ist.

Bereit für die Barrikaden

Das ist es, was England von den Nationen des europäischen Kontinents trennt und der marxistischen Konzeption einer Revolution widerspricht. Kommentatoren haben versucht, dieses Rätsel mit einen britischen Atavismus zu erklären, was zu den andauernd wiederholten Lügengeschichten über den reformistischen und theoriefeindlichen Geist der englischen Armen geführt hat, verglichen mit dem radikalen Bewusstsein, das die Armen Frankreichs antrieb, die immer bereit waren, auf die Barrikaden zu gehen. Diese Art von ahistorischer Sichtweise scheitert daran, sich an die theoretische Fülle während der Jahre des Bürgerkriegs im 17. Jahrhundert zu erinnern und vergisst die Beharrlichkeit und Gewalt, die die sozialen Kämpfe der englischen Armen immer ausgemacht haben und die sich seit Mitte dieses Jahrhunderts immer mehr ausgeweitet haben. Tatsächlich lässt sich das Rätsel wie folgt lösen: Die Revolte der Armen hängt immer davon ab, was sie bekämpft.

In England führten die herrschenden Klassen ihr Unterfangen der Domestizierung durch die brutale Kraft eines sozialen Mechanismus und ohne blumige Phrasen durch. Englische Historiker*innen bedauern häufig, dass die „industrielle Revolution“ nicht von einer „kulturellen Revolution“ begleitet wurde, die die Armen in den „industriellen Geist“ integriert hätte (solche Überlegungen häuften sich in den 70ern, als die großflächigen wilden Streiks ihre Schärfe enthüllten).

In Frankreich war die bourgeoise Konterrevolution vor allem theoretischer Natur; Herrschaft wurde durch Politik und Gesetze ausgeübt, „diesem Wunder, das die Menschen seit 1789 in einem Zustand des Missbrauchs gefangen hält“ (Louis Blanc). Diese Prinzipien repräsentierten ein universelles Projekt, das den Armen versprach teilzuhaben, wenn sie dessen Modalitäten zu den ihren machen würden. Um 1830 herum ernannte sich ein Teil der Armen zu ihrem Sprachrohr. Sie forderten, dass „man den Menschen, die erniedrigt worden sind, ihre bürgerliche Würde zurückgeben müsse“ (Proudhon). Ab 1848 wurden die gleichen Prinzipien im Namen der „Republik der Arbeit“ gegen die Bourgeoisie ins Feld geführt. Und es ist allgemein bekannt, in welchem Ausmaß dieser Ballast von 1789 eine Rolle in der Niederschlagung der Pariser Kommune spielte.

Dieses soziale Projekt zerfiel im 19. Jahrhundert in zwei Teile. In England, der Metropole des Kapitals, konnten die sozialen Kämpfe nicht zu einem vereinten Angriff verschmelzen, sie wurden zu Zerrbildern, die auf einer Ebene der „ökonomischen“ Kämpfe blieben. In Frankreich, der Wiege des Reformismus, blieb dieser vereinte Angriff in einer politischen Form gefangen, und überließ somit das letzte Wort dem Staat. Das Geheimnis des Fehlens einer revolutionären Bewegung jenseits des Ärmelkanals ist also identisch mit dem Geheimnis der Niederlage der revolutionären Bewegungen auf dem Kontinent.

Wir haben den Beginn eines Prozesses beschrieben, der nun seine Vollendung erreicht. Die klassische Arbeiterbewegung ist definitiv in die Zivilgesellschaft integriert und ein neues Projekt der industriellen Domestizierung hat seinen Anfang genommen. Heute werden die Pracht sowie die Grenzen der Bewegungen der Vergangenheit – die bis heute die sozialen Bedingungen in jeder Region dieser Welt bestimmen – ans Licht gebracht.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Leopold Roc. Industrial Domestication. Industry as the Origins of Modern Domination. Die Übersetzung folgt dem Reprint von Quiver Distro. Ursprünglich erschien der Text in der Zeitung Fith Estate. Überarbeitet anhand des französischen Originals: Léopold Roc: La domestication industrielle. Ursprünglich veröffentlicht in: Os Cangaceiros N° 3, Juni 1987, und der deutschen Übersetzung “Die industrielle Domestizierung” erstmals erschienen im September 2013 in “Os Cangaceiros – Ein Verbrechen namens Freiheit” bei Cumbula Velifera & Unruhen Publikationen.

 

Anmerkungen
[1] S. L’Incendie millénariste, S. 233-258. [Die Millenaristischen Bewegungen, die in Europa vor allem vom 13. bis zum 17. Jahrhundert aktiv waren, versuchten ein Goldenes Zeitalter oder einen Gnadenstand im realen Leben zu verwirklichen. Sie entwuchsen einem messianischen Christentum, das die zeitliche Autoritäten – die Kirche und den Staat – als Antichristlich betrachtete und sie für ein Hindernis der Ankunft des Milleniums hielt, des 1000-jährigen Reiches Christi auf Erden. Seine Anhänger*innen prangten ökonomische, sexuelle, religiöse und bürgerliche Tabus an und nutzten eine Vielzahl an Taktiken – einige davon waren gewaltsam – um ihre Utopie zu erreichen. (Siehe auch Norman Cohn, Auf den Spuren des Millenarismus, eine aufregende und akkurate, wenngleich konservative Sicht auf diese Ära.) Anm. d. Übs.]

[2] Als Levellers wurden die Angehörigen einer frühdemokratischen, politischen Bewegung in England bezeichnet, die ihren stärksten Einfluss während des Bürgerkriegs (1642–1649) ausübte. Die Levellers engagierten sich für eine demokratische und freie Gesellschaft, für vollständige Religionsfreiheit sowie für die Abschaffung der Stände und für Gleichheit vor dem Gesetz.

[3] Ein bezeichnendes Beispiel: die Arbeiterkirche, 1891 in Manchester gegründet, hatte als einzige Funktion die Arbeiter*innen aus dem Norden dazu zu bringen, einer unabhängigen Arbeiterpartei beizutreten. Danach verschwand sie.

[4] Industrialism & Domestication, Black Eye Press, Berkeley, 1979.