Category Archives: Übersetzungen

Der schlimmste aller Viren… die Autorität

Bezüglich COVID-19, autoritären Delirien und der Scheißwelt, in der wir leben…

Die makabre Zählung der Todesfälle steigt von Tag zu Tag, und in der Fantasie von jedem macht sich das Gefühl breit, erst vage und dann immer ein bisschen stärker, immer mehr vom Sensenmann bedroht zu sein. Für hunderte Millionen Menschen ist diese Fantasie sicher nichts Neues, die Fantasie des Todes, der jeden treffen kann, zu jeder Zeit. Es reicht an die Verdammten der Gebiete zu denken, die täglich auf dem Altar der Macht und des Profits geopfert werden: diejenigen, die unter den Bomben des Staates überleben, inmitten unendlicher Kriege für Erdöl oder für Bodenschätze, diejenigen, die mit unsichtbarer Radioaktivität leben, die durch Unfälle oder Atommüll verursacht wird, diejenigen, die die Sahelzone und das Mittelmeer durch- bzw. überqueren und die in Konzentrationslager für Migranten eingesperrt werden, diejenigen, die durch das Elend und die Verwüstung, die von der Agrarindustrie und durch den Abbau von Rohstoffen hinterlassen werden, nur Haut und Knochen sind… Und selbst in den Gebieten, in denen wir leben, vor gar nicht so langer Zeit, hat man den Terror des Gemetzels auf industrieller Ebene gekannt, die Bombardierungen, die Vernichtungslager… immer durch den Hunger nach Macht und Reichtum der Staaten und der Bosse geschaffen, immer treu von Armeen und Polizeien eingerichtet…

Aber nein, heute spricht man nicht von von diesen verzweifelten Gesichtern, die man stets versucht weit weg aus unseren Augen und aus unserem Sinn zu halten, auch nicht von einer inzwischen vergangenen Geschichte. Die Angst beginnt sich in der Wiege des Königreichs der Ware und des sozialen Friedens auszubreiten und sie wird von einem Virus verursacht, der jeden angreifen kann – auch wenn natürlich nicht alle dieselben Möglichkeiten der Behandlung haben werden. Und in einer Welt, in der wir an die Lüge gewöhnt sind, wo der Gebrauch von Zahlen und Statistiken eins der zentralen Mittel der Manipulation über die Medien ist, in einer Welt, in der die Wahrheit konstant von den Medien versteckt, verstümmelt und verwandelt wird, kann man nur versuchen, die einzelnen Puzzleteile zusammenzusetzen, Hypothesen aufzustellen, zu versuchen sich gegen diese Mobilisierung der Gemüter zur Wehr zu setzen und sich die Frage zu stellen: In welche Richtung gehen wir gerade?

In China, dann in Italien wurden jeden Tag neue repressive Maßnahmen auferlegt, bis hin zur Grenze, die kein Staat bisher zu überschreiten versucht hatte: das Verbot sein Zuhause zu verlassen und sich auf seinem Territorium ausschließlich für die Arbeit und für strikte Notwendigkeiten zu bewegen. Selbst der Krieg hat es nicht vermocht, dass die Bevölkerung Maßnahmen eines solchen Ausmaßes akzeptierte. Aber dieser neue Totalitarismus trägt das Gesicht der Wissenschaft und der Medizin, der Neutralität und des Gemeinwohls. Die Pharmakonzerne, die Telekommunikationsunternehmen und die Unternehmen für neue Technologien werden die Lösung finden. In China, der Zwang zur GPS-Ortung, um jeden Ortswechsel im Fall einer Infektion zu melden, die Gesichtserkennung und der Onlinehandel, die dem Staat helfen, die Einsperrung jedes Bürgers bei sich zuhause zu gewährleisten. Heute legen dieselben Staaten, die ihre Existenz auf der Einsperrung, den Krieg und das Massaker, einschließlich ihrer eigenen Bevölkerung, begründet haben, ihren „Schutz“ auf, mithilfe von Verboten, Grenzen und bewaffneten Menschen. Wie lange wird diese Situation andauern? Zwei Wochen, ein Monat, ein Jahr? Man weiß, dass der Notstand, der nach den Attentaten [in Frankreich 2015 bis 2017; Anm. d. Übers.] mehrmals verlängert wurde, bis die Notfallmaßnahmen definitiv in die französische Gesetzgebung integriert waren. Wohin wird uns dieser neue Notfall führen?

Ein Virus ist ein biologisches Phänomen, aber der Kontext, in dem er seinen Anfang nimmt, seine Verbreitung und seine Verwaltung sind soziale Fragen. In Amazonien, Afrika und in Ozeanien wurden ganze Bevölkerungen durch die Viren, die von den Kolonisatoren eingeschleppt worden waren, dahingerafft, während letztere ihre Herrschaft und ihre Lebensweisen auferlegten. In den Tropenwäldern haben Armeen, Händler und Missionare die Menschen – die davor die Gegend verstreut bewohnt hatten – dazu genötigt, sich um Schulen herum zu konzentrieren, in Dörfern und Städten. Das vereinfachte massiv die Verbreitung von verheerenden Epidemien. Heute lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, um die Tempel des Kapitals herum, und ernährt sich von Produkten der Agrarindustrie und der Massentierhaltung. Jede Möglichkeit zur Autonomie wurde von den Staaten und der Marktwirtschaft ausgerottet. Und solange die Megamaschine der Herrschaft weiter funktioniert, wird die menschliche Existenz immer mehr Desastern unterworfen sein, die nicht wirklich was „Natürliches“ an sich haben, und einer Verwaltung solcher, die uns jede Möglichkeit verwehren wird, unser Leben selbst zu bestimmen.

Außer wenn… in einem Szenario, das immer dunkler und beunruhigender wird, die Menschen entscheiden wie freie Wesen zu leben… auch wenn es nur für ein paar Stunden, für ein paar Tage oder für ein paar Jahre vor dem Ende ist – lieber als sich in einem Loch aus Angst und Unterwerfung einzuschließen. Wie es die Gefangenen von dreißig italienischen Gefängnissen gemacht haben, die, mit einem Besuchsverbot aufgrund von Covid-19 konfrontiert, sich gegen ihre Kerkermeister aufgelehnt haben, ihre Käfige verwüsteten und anzündeten und, in einigen Fällen, erfolgreich flohen.

JETZT UND IMMER IM KAMPF FÜR DIE FREIHEIT!

Übersetzt aus dem Französischen, unter dem Titel „Le pire des virus… l’autorité“ zuerst am 13.03.20 bei Indymédia Nantes veröffentlicht, gefunden bei Sans Attendre Demain.

Betäubte Wut – Einige Worte über die befriedende Funktion der Psychiatrie

Die Psychiatrie gehörte seit langem zu meinen Phobien. Ich habe Jahre mit der Vorahnung verbracht, dass ich eines Tages dort enden würde, dass mein Wahnsinn, meine Wut, meine Einzigartigkeit eines Tages dort stranden würden, eines Tages dort erlischen würden. Ich dachte, dass meine Wünsche dem Existierenden so entgegen gesetzt seien, dass diese Widersprüche nur durch die Zwangseinweisung gelöst werden könnten, ein wahrer Segen für die Macht, die sich mit Leichtigkeit der zu lebendigen Geister entledigt.

Ihre Welt hat mich schon immer intensiv leiden lassen. Und als ich entdeckt habe, dass ich nicht die einzige Person war, die mit diesem permanenten Schmerz lebte, habe ich gleichzeitig versucht ihn zu bekämpfen und vor ihm zu fliehen. Ich erinnere mich an die Momente, in denen ich vor innerer Wut brannt, in denen ich, während ich die Stadt von einem Aussichtspunkt aus betrachtete, fühlte, dass ein Schlag meines Herzens ihres Geschäftsviertel entzünden könnte, ihre Kommissariate, ihre Unternehmen, ihre Banken, ihre kalte Welt.

Heute ist es mir nicht mehr möglich solche Gefühle zu empfinden. Ich habe zwei Jahre meines kurzen Lebens im wattigen Universum der psychiatrischen Medikation verloren. Überspringen wir das Trauma der wahnhaften Psychose, die Tage mit Blackout auf dem Bett liegend, die Tage, die ich damit verbracht habe ohne Ziel in einer geschlossenen Klinikabteilung herumzuirren und die Chimäre zu nähren, dass ich hier bald herauskomme, die demütigenden Bestrafungen, die Isolation und alles, was die psychiatrische Zwangseinweisung bedeuten kann. Ich habe sechs Monate gebraucht, um wieder ein Lächeln auf mein Gesicht zu zeichnen, ich habe fast ein Jahr gebraucht, um aufs Neue lachen zu können. Aber jetzt, wo ich die Oberhand über die offensichtlichen Effekte eines psychiatrischen Traumas und der medikamentösen harten Drogen habe, ist der Schmerz, den ich heute empfinde, gedämpfter. Es ist der Schmerz, dass es nicht möglich war um eine geliebte Person zu trauern, die deren Welt auch fliehend verlassen hat. Es ist ein Schmerz, der es nicht möglich macht die Momente kollektiver Aufregung zu empfinden. Es ist ein Schmerz, weil ich nur eine gemäßigte Freude empfinde, nur ein Leid, das von seiner Tiefe abgetrennt wurde. Es ist der Schmerz darüber, gleichgültig geworden zu sein gegenüber allem, was kommen könnte, darüber das Leben ohne Leidenschaft zu durchqueren. Es ist der Schmerz darüber, mit Widersprüchen durch Ist-mir-alles-egal-ismus fertig geworden zu sein. Es ist der Schmerz darüber, keine emotionale Nahrung mehr zu haben, mit denen ich die radikalen Ideen nähren könnte, die mein Leben ausgemacht haben und diese um jede Praxis gebracht zu haben, aus Bequemlichkeit. Es ist der Schmerz darüber, die Wut nur noch wie eine Erinnerung zu kennen.

Indem ich meine Erfahrung mit der anderer verglichen habe, indem ich mit vertrauten Personen diskutiert habe, indem ich die Fakten analysiert habe, habe ich realisiert, dass ich mich nicht verändert habe, sondern dass ich lediglich in einer chemischen Zwangsjacke stecke, und dass ich aufgegeben habe, mich gegen sie zu wehren, weil ich vergessen habe, dass sie existiert. Man hat mir klar gemacht, dass mich der Lohnarbeit zu unterwerfen positiv wäre, damit meine Dosis reduziert werden könne, auf die ich keinen Einfluss habe, weil das, was ich sage, keine Berücksichtigung findet und weil jede Kritik oder zu klare Willensäußerung aufzuhören als „Nichteingehen“ auf die Behandlung gewertet wird, die mit der Verlängerung der Verabreichung von Depotinjektionen bestraft werden, mit denen man weder die Möglichkeit hat zu schummeln noch zu experimentieren.

Um Stück für Stück aufzuhören, um so die Risiken zu minimieren, bleibt mir nichts anderes übrig mich während der Zeit zu fügen, in der die heilige Objektivität des Psychiaters (der, er, weiß, was gut für mich ist) es für nötig hält, indem ich bei jedem Termin meine Normalität und meine soziale und wirtschaftliche Integration in diese Welt der Toten beweise. Parallel verhilft mir der chemische Effekt der Neuroleptika diese Situation der Unterwerfung mit einer gewissen Gleichgültigkeit zu ertragen. Bis wann?

Da, wo die psychiatrische Behandlung zur Integration führt, führt die Behandlung mit Neuroleptika zur individuellen Befriedung durch die Vernichtung jeglichen Gefühls, das zu stark werden droht. Ade liebe Wut zu leben. So kanalisiert die Psychiatrie unter dem Deckmantel der „Heilung“ alles, was die autoritäre Gesellschaft nicht händeln oder tolerieren kann und verwandelt die Zu-Lebendigen in Kohorten betäubter Individuen, fügsam und rentabel, bereit sich in die infernale Maschine des Kapitals zu integrieren (möge es verrecken!). Dass ich meiner Klarheit beraubt wurde, verbittert mich und ich hoffe, dass ich eines Tages die Fähigkeit wiederfinden werde, das Leben voll zu empfinden. Um wieder anzufangen zu leben und zu kämpfen.

Meine Solidarität mit allen Psychiatrisierten und ihren Liebsten.

Nieder mit allen Mächten!

Übersetzt aus dem Französischen. Das Original wurde 2012 unter dem Titel „Rage endormie – Quelques mots sur la fonction pacificatrice des la psychiatrie“ bei Le Cri du Dodo veröffentlicht.

Gender Nihilismus: Ein Anti-Manifest

Einführung

Wir befinden uns in einer Sackgasse. Die aktuelle Politik der Trans-Befreiung hat sich auf ein erlösendes Verständnis von Identität gestürzt. Ob durch die Diagnose eines:einer Ärzt:in [1] oder Psycholog:in oder durch eine persönliche Selbstbestätigung in Form einer sozialen Äußerung sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass es eine innere Wahrheit von Geschlecht gibt, die wir aufspüren müssen.

Eine endlose Folge positiver politischer Projekte haben den Weg abgesteckt, den wir derzeit eingeschlagen haben, eine unendliche Folge von Pronomen, Pride-Flaggen und Bezeichnungen. Die derzeitige Trans-Bewegung hat versucht, die Geschlechterkategorien zu erweitern, in der Hoffnung, dass wir den Schaden, den sie anrichten, verringern können. Das ist naiv.

Judith Butler bezeichnet Gender als „den Apparat durch den die Erzeugung und Normalisierung von Maskulinum und Femininum stattfindet, gemeinsam mit den interstitiellen Formen des Hormonellen, Chromosomalen, Psychischen und Performativen, von denen Gender ausgeht.“ Wenn die derzeitige liberale Politik unserer trans Genoss:innen und -Geschwister versucht, die sozialen Dimensionen, die von diesem Apparat erzeugt werden, zu erweitern, ist unsere Arbeit das Verlangen, sie auf ihre Grundfesten niederbrennen zu sehen.

Wir sind Radikale, die genug von den Versuchen haben, Gender zu retten. Wir glauben nicht, dass wir es für uns nutzen können. Wir betrachten die Transmisogynie, die wir in unseren eigenen Leben erfahren haben, die vergeschlechtlichte Gewalt, die sowohl unsere trans, als auch cis Genoss:innen erfahren haben und wir begreifen, dass der Apparat selbst diese Gewalt zwangsläufig mit sich bringt. Wir haben genug davon.

Wir wollen kein besseres System schaffen, da wir kein Interesse an positiver Politik haben. Alles was wir gegenwärtig fordern ist ein schonungsloser Angriff auf Gender und dessen soziale Bedeutungsweisen und Verständnis.

Diesem Gender Nihilismus liegen einige Prinzipien zugrunde, die im folgenden detailliert untersucht werden: Antihumanismus als Fundament und Eckpfeiler, die Abschaffung von Gender als Verlangen und radikale Negativität als Methode.

Antihumanismus

Antihumanismus ist die Grundlage, die eine Gender-nihilistische Analyse verbindet. Es ist der Punkt, von dem wir beginnen, unsere derzeitige Situation zu begreifen, er ist essentiell. Mit Antihumanismus meinen wir eine Zurückweisung des Essentialismus. Es gibt keinen wesenhaften Menschen. Es gibt keine menschliche Natur. Es gibt kein transzendentes Selbst. Subjekt zu sein bedeutet nicht, einen allgemeinen metaphysischen Zustand des Seins (Ontologie) mit anderen Subjekten zu teilen.

Das Selbst, das Subjekt ist ein Produkt von Macht. Das „Ich“ in „Ich bin ein Mann“ oder „Ich bin eine Frau“ ist kein „Ich“, das über diese Aussagen hinausgeht. Diese Aussagen enthüllen keine Wahrheit über das „Ich“, sie konstituieren dieses „Ich“ vielmehr. Männer und Frauen existieren nicht als Bezeichnungen für bestimmte methaphysische oder essentialistische Kategorien des Seins, sie sind vielmehr diskursive, soziale und linguistische Symbole, die historisch bedingt sind. Sie entwickeln und verändern sich mit der Zeit, aber ihre Auswirkungen wurden schon immer durch Macht bestimmt.

Wer wir sind, der eigentliche Kern unseres Wesens liegt vielleicht gar nicht in den kategorischen Gefilden des Seins. Das Selbst ist eine Annäherung von Macht und Diskursen. Jedes Wort, dass du nutzt, um dich selbst zu definieren, jede Kategorie der Identität, in der du dich selbst verortest, ist das Ergebnis einer historischen Entwicklung von Macht. Weder Gender, Race, Sexualität noch irgendeine andere normative Kategorie verweist auf eine Wahrheit über den Körper oder den Geist des Subjekts. Diese Kategorien konstruieren das Subjekt und das Selbst. Es gibt kein statisches Selbst, kein konsistentes „Ich“, kein die Zeiten überdauerndes Subjekt. Wir können nur mit der gegebenen Sprache auf ein Selbst verweisen und diese Sprache hat sich in der Geschichte radikal verändert und verändert sich auch weiter in unserem tagtäglichen Leben.

Wir sind nichts als die Annäherung von vielen verschiedenen Diskursen und Sprachen, die gänzlich außerhalb unseres Einflusses liegen und dennoch empfinden wir das Gefühl von Handlungsfähigkeit. Wir steuern diese Diskurse, untergraben sie gelegentlich und überleben sie stets. Die Fähigkeit zu steuern weist nicht auf ein metaphysisches Selbst, das aufgrund eines Gefühls von Handlungsfähigkeit handelt, hin, sondern lediglich darauf, dass es eine symbolische und diskursive Lockerheit gibt, die unsere Konstitution umgibt.

Wir verstehen Gender folglich innerhalb dieser Bedingungen. Wir begreifen Gender als eine spezifische Konstellatiuon von Diskursen, die durch Medizin, Psychiatrie, den Sozialwissenschaften, Religion und durch unseren täglichen Umgang mit Anderen verkörpert werden. Wir sehen Gender nicht als Bestandteil unseres „wahren Selbst“, sondern als gesamte(s) Bedeutungsordnung und Verständnis, in der/dem wir uns wiederfinden. Wir betrachten Gender nicht als eine Sache, die ein beständiges Selbst besitzen könnte. Wir behaupten im Gegenteil, dass Gender gemacht wird und an dem teilgehabt wird und dass dieses Tun ein kreativer Akt ist, durch den das Selbst geschaffen wird und ihm sozialer Ausdruck und Bedeutung verliehen wird.

Unsere Radikalität kann hier nicht enden. Wir behaupten weiter, dass der historische Beweis erbracht werden kann, dass Gender auf diese Art und Weise funktioniert. Die Arbeit vieler dekolonialer Feminist:innen war richtungsweisen darin zu zeigen, wie westliche Genderkategorien indigenen Gesellschaften gewaltsam auferlegt wurden und wie das eine vollständige linguistische und diskursive Veränderung bewirkt hat. Der Kolinialismus schuf neue Genderkategorien und mit ihnen neue gewaltsame Möglichkeiten ein bestimmtes Set vergeschlechtlichter Normen zu verfestigen. Die wahrnehmbaren und kulturellen Aspekte von Maskulinität und Feminität haben sich über die Jahrhunderte verändert. Es gibt kein statisches Gender.

Das Ganze hat eine praktische Bedeutung. Die Frage des Humanismus vs. Antihumanismus ist die Frage auf der die Debatte zwischen dem libreralen Feminismus und der nihilistischen Genderbeseitigung aufbauen wird.

Die:der liberale Feminist:in sagt „Ich bin eine Frau“ und dadurch ist sie:er spirituell, ontologisch, metaphysisch, genetisch oder in jeder anderen Form des „essentiellen“ eine Frau.

Die:der Gender Nihilist:in sagt „Ich bin eine Frau“ und meint, das sie:er sich innerhalb einer Matrix der Macht, die sie:ihn als solche konstituiert, an einer bestimmten Stelle befindet.

Der:die liberale Feminist:in ist sich der Arten, auf die die Macht Gender konstruiert nicht bewusst und klammert sich daher an Gender als Mittel, um sich in den Augen der Macht zu legitimieren. Sie:er vertraut darauf, zu versuchen, verschiedene Wissenssysteme (genetische Wissenschaft, Methaphysische Behauptungen über den Geist, kantianische Ontologie) zu nutzen, um der Macht zu beweisen, dass sie:er darin funktionieren kann.

Die:der Gender Nihilist:in, die:der Gender Abolitionist:in betrachtet das System von Gender selbst und sieht die Gewalt in seinem Kern. Wir sagen Nein zu einer positiven Wahrnehmung von Gender. Wir wollen es tot sehen. Wir wissen, dass jedes Bittstellen an die derzeitigen Konstellationen der Macht immer eine liberale Falle ist. Wir verweigern uns, uns selbst zu legitimieren.

Es ist wichtig, dass das verstanden wird. Antihumanismus verleugnet nicht die gelebten Erfahrungen vieler unserer trans Geschwister, die Gender seit jungen Jahren erfahren haben. Vielmehr würdigen wir, dass eine solche Erfahrung von Gender immer bereits durch die Bedingungen der Macht bestimmt war. Wir betrachten unsere eigenen Erfahrungen in unserer Kindheit. Wir sehen, dass wir sogar mit der regelwidrigen Aussage „Wir sind Frauen“, womit wird die Kategorie, die die Macht unseren Körpern auferlegt hatte, zurückwiesen, die Sprache des Genders sprachen. Wir verwiesen auf einen Begriff von „Frau“, der nicht in uns als beständige Wahrheit existiert, sondern wir verwiesen auf die Diskurse, durch die wir konstituiert wurden.

Dadurch bestätigen wir, dass es kein wahres Selbst gibt, dass dem Diskurs, den Begegnungen mit anderen, der Vermittlung des Symbolischen voraus geht. Wir sind Produkte der Macht, also was sollen wir tun? Wir beenden unsere Erkundung des Antihumanismus mit der Rückkehr zu den Worten von Butler:

„Meine Handlungsfähigkeit besteht nicht darin, diesen Umstand meiner Konstitution zu leugnen. Wenn ich irgendeine Handlungsfähigkeit besitze, wird sie mir durch die Tatsache eröffnet, dass ich durch eine soziale Welt, die ich nie gewählt habe, konstituiert werde. Dass meine Handlungsmöglichkeit von Paradoxen zerklüftet wird bedeutet nicht, dass sie unmöglich ist. Es bedeutet nur, dass die Bedingung ihrer Möglichkeit paradox ist.“

Die Abschaffung von Gender

Wenn wir akzeptieren, dass Gender nicht in uns selbst als transzendente Wahrheit gefunden werden kann, sondern vielmehr außerhalb von uns in den Gefilden des Diskurses zu finden ist, wonach streben wir dann? Zu sagen, dass Gender diskursiv ist, bedeutet, dass Gender nicht als metaphysische Wahrheit innerhalb des Subjekts existiert, sondern als vermittelndes Instrument sozialer Interaktion auftritt. Gender ist ein Rahmen, eine Teilmenge von Sprache und eine Mege von Symbolen und Zeichen, die zwischen und kommunizieren, uns konstruieren und von uns beständig reproduziert werden.

Demzufolge funktioniert der Apparat von Gender zyklisch: Ebenso wie wir durch ihn konstituiert werden, wird er durch unsere täglichen Handlungen, Rituale, Normen und Performances reproduziert. Es ist diese Erkenntnis, die die Manifestation einer Bewegung gegen diesen Kreislauf möglich macht. Eine solche Bewegung muss die zutiefst durchdringende und um sich greifende Natur dieses Apparates verstehen. Die Normierung naturalisiert, vereinnahmt und subsumiert Widerstand auf heimtückische Art und Weise.

An diesem Punkt mag es verlockend sein, sich einer bestimmten liberalen Politik der Expansion zu bedienen. Zahllose Theoretiker:innen und Aktivist:innen sind dem Irrtum erlegen, dass unsere Erfahrungen der transgender Verkörperung eine Bedrohung für den Prozess der Normierung, den Gender darstellt, sein könnte. Wir haben den Vorschlag vernommen, dass nichtbinäre Identität, trans Identität und queere Identität in der Lage wären, eine Subversion von Gender zu erzeugen. Das ist nicht der Fall.

Indem wir uns innerhalb der identitären Bezeichnungen des nicht-binären verorten finden wir uns immer wieder in den Gefilden von Gender gefangen. Identität in der Ablehnung von Geschlechterbinarität anzunehmen bedeutet immer noch, die Binarität als Referenzpunkt zu wählen. Durch den Widerstand gegen sie rekonstruiert eine:r nur den normativen Status des Binären. Normen wurden bereits durch Widerspruch begründet, sie legten die Grundlagen und Sprachen, durch die Widerspruch ausgedrückt werden kann. Nicht nur, dass unser verbaler Einspruch findet in der Sprache von Gender statt, auch die Aktionen, die wir unternehmen um Gender durch unsere Kleidung und unser Verhalten zu untergraben sind selbst nur subversiv durch ihren Verweis auf die Norm.

Wenn eine Identitätspolitik nichtbinärer Identität uns nicht befreien kann, verspricht uns auch eine queere oder trans Identitätspolitik keine Hoffnung. Beide treten in die gleich Falle, auf die Norm zu verweisen, indem sie versuchen Gender anders zu „machen“. Solche Politiken basieren auf der Logik von Identitäten, die selbst ein Produkt moderner und gegenwärtiger Diskurse der Macht sind. Wie wir bereits ausführlich gezeigt haben, kann es keine beständige Identität geben, auf die wir uns beziehen können. Folglich ist jeder Rekurs auf eine revolutionäre oder emanzipatorische Identität nur ein Rekurs auf einen bestimmten Diskurs. In diesem Fall ist dieser Diskurs Gender.

Das bedeutet nicht, dass diejenigen, die sich als trans, queer oder nichtbinär identifizieren, für Gender verantwortlich wären. Das ist der Fehler des traditionellen radikalen feministischen Ansatzes. Wir lehnen solche Behauptungen ab, da sie bloß diejenigen angreifen, die am meisten unter Gender leiden. Selbst wenn die Abweichung von der Norm diese stets begründet und neutralisiert wird, wird sie verdammt noch mal immer noch bestraft. Der queere, der trans, der nichtbinäre Körper ist immer noch massiver Gewalt ausgesetzt. Unsere Geschwister und Genoss*innen um uns herum werden noch immer ermordet, leben in Armut und im Schatten. Wir verraten sie nicht, denn das würde bedeuten uns selbst zu verraten. Stattdessen rufen wir zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit den Grenzen unserer Politik auf und wünschen uns einen neuen Weg vorwärts.

Mit dieser Einstellung sind es nicht nur bestimmte Konstellationen von Identitätspolitik, die wir bekämpfen wollen, sondern das Bedürfnis nach Identität im Allgemeinen. Wir behaupten, dass die immer erweiterte Liste persönlich präferierter Pronomen, die zunehmenden und immer ausgefeilteren Labels für verschiedene Ausdrucksweisen von Sexualität und Gender und der Versuch, neue identitäre Kategorien vielseitiger zu schaffen, die Anstrengung nicht wert sind.

Nachdem wir erkannt haben, dass Identität keine Wahrheit, sondern eine soziale und diskursive Konstruktion ist, können wir begreifen, dass die Schaffung dieser neuen Identitäten nicht die plötzliche Entdeckung von zuvor unbekannter gelebter Erfahrung ist, sondern vielmehr die Schaffung neuer Begriffe mit denen wir konstituiert werden können. Alles was wir tun, wenn wir die Genderkategorien erweitern ist die Schaffung neuer, ausgefeilterer Kanäle, durch die die Macht wirken kann. Wir befreien uns nicht selbst, wir umgarnen uns mit unzähligen und noch ausgefeilteren und machtvolleren Normen. Jede bildet ein neues Glied in der Kette.

Diese Terminologie zu gebrauchen ist nicht übertrieben, die Gewalt von Gender kann nicht überschätzt werden. Jede ermordete trans Frau, jedes zwangsoperierte intersexuelle Kind, jedes niedergeschlagene queere Kind ist ein Opfer von Gender. Die Abweichung von der Norm wird immer bestraft. Auch wenn Gender Abweichungen vereinnahmt, werden sie dennoch bestraft. Erweiterungen der Normen sind eine Ausweitung von Abweichungen, sie sind eine Erweiterung der Wege, auf denen wir von einem diskursiven Ideal abweichen können. Unendliche Genderidentitäten schaffen undendliche neue Räume für Abweichung, die gewaltsam bestraft werden. Gender muss Abweichungen bestrafen, deshalb muss Gender verschwinden.

Und daher halten wir eine Abschaffung von Gender für notwendig. Wenn alle unsere Versuche bei positiven Projekten der Erweiterung zu kurz griffen und uns nur in neue Fallen gelockt haben, müssen wir auf einen anderen Ansatz zurückgreifen. Dass die Erweiterung von Gender gescheitert ist, impliziert nicht, dass eine Verringerung unseren Zwecken dienen würde. Ein solcher Impuls ist zutiefst reaktionär und muss beseitigt werden.

Die reaktionären radikalen Feminist*innen sehen die Abschaffung von Gender als eine solche Verringerung. Sie sind der Meinung, dass wir Gender abschaffen müssten, damit Geschlecht [sex] (die physischen Charakteristika des Körpers) eine beständige materielle Basis, aufgrund derer wir gruppiert werden könnten, bilden könne. Wir lehnen das von ganzem Herzen ab. Geschlecht [sex] an sich basiert auf diskursiven Einteilungen, denen durch die Medizin Autorität verliehen wird und die gewaltsam den Körpern intersexueller Individuen auferlegt werden. Wir schreien diese Gewalt nieder.

Nein, eine Rückkehr zu einem einfacheren und geringeren Verständnis von Gender (selbst wenn es scheinbar auf einer materiellen Basis beruht) genügt nicht. Es ist die ursprüngliche, äußerst normative Einteilung von Körpern gegen die wir uns wenden. Weder die Verrringerung, noch die Erweiterung kann uns helfen. Unser einziger Pfad ist die Zerstörung.

Radikale Negativität

Im Herzen unserer Abschaffung von Gender steht eine Negativität. Wir streben nicht danach Gender zu beseitigen, damit wir zu einem wahren Selbst zurückkehren können; Ein solches Selbst gibt es nicht. Es ist nicht so, dass die Abschaffung von Gender uns befreien würde als wahres oder unverfälschtes Selbst zu existieren, frei von bestimmten Normen. Eine solche Schlussfolgerung stünde im Widerspruch zu der Gesamtheit unserer Antihumanistischen Ansprüche. Daher müssen wir einen Sprung ins Nichts wagen.

Hier bedarf es eines Moments leuchtender Klarheit. Wenn das, was wir sind ein Produkt der Diskurse der Macht sind und wir danach streben, diese Diskurse zu beseitigen und zu zerstören, gehen wir das größtmögliche Risiko ein. Wir tauchen ins Unbekannte ein. Die Begriffe, Symbole, Ideen und Realitäten, durch die wir geformt und erschaffen wurden, werden in Flammen aufgehen und wir können weder wissen, noch vorhersagen, was wir sein werden, wenn wir auf der anderen Seite wierder auftauchen.

Das ist der Grund, warum wir uns eine Einstellung radikaler Negativität zu Eigen machen müssen. Alle vorherigen Versuche einer positiven und erweiternden Gender-Politik ließen uns scheitern. Wir müssen aufhören darüber zu mutmaßen, wie Befreiung oder Emanzipation aussehen wird, da diese Ideen selbst auf einer Idee eines Selbst gründen, das einer Prüfung nicht standhält, einer Idee, die die längste Zeit dazu gedient hat, unseren Horizont zu beschränken. Nur die pure Ablehnung, die Abkehr von jeder Form erkennbarer oder verständlicher Zukunft können uns überhaupt die Möglichkeit einer Zukunft bieten.

Auch wenn das ein großes Risiko ist, ist es ein notwendiges. Indem wir ins Unbekannte springen tauchen wir in die Gewässer des Unverstehbaren ein. Diese Gewässer bergen ihre Gefahren und es besteht die reale Möglichkeit des Verlusts des Selbst. Die Begriffe, durch die wir uns gegenseitig verstehen, könnten aufgelöst werden. Aber es gibt keinen anderen Weg aus diesem Dilemma. Wir werden täglich von einem Prozess der Normierung angegriffen, der uns als abweichend codiert. Wenn wir uns nicht in der Bewegung der Negativität verlieren, werden wir vom status quo zerstört. Wir haben nur eine Option, scheiß auf die Risiken.

Dies erfasst die Zwickmühle in der wir uns derzeit befinden genau. Während das Risiko der Aneignung von Negativität hoch ist, wissen wir, dass uns die Alternative zerstören wird. Wenn wir uns in dem Prozess selbst verlieren, haben wir blos das selbe Schicksal erlitten, dass wir andernfalls sowieso erleiden. Daher verweigern wir mit unbekümmerter Hingabe Theorien darüber anzustellen, was eine Zukunft bereithalten mag und was wir in dieser Zukunft sein mögen. Eine Zurückweisung von Bedeutung, eine Zurückweisung von bekannten Möglichkeiten, eine Zurückweisung des Seins selbst. Nihilismus. Das ist unsere Haltung und Methode.

Beständige Kritik positiver Genderpolitik ist demnach ein Anfangspunkt, aber einer der mit Vorsicht genossen werden muss. Denn wenn wir ihre eigenen Untermauerungen zugunsten einer Alternative kritisieren, fallen wir nur wieder der neutralisierenden Macht der Normierung zum Opfer. Daher beantworten wir die Forderung nach einer klar definierten Alternative und nach einem Program von Aktionen, die getan werden müssten mit einem resoluten „Nein“. Die Tage der Manifeste und Tribünen sind vorbei. Die Negation aller Dinge, uns eingeschlossen ist das einzige Mittel durch das wir jemals in der Lage sein werden, irgendetwas zu erreichen.

 

 

Dieser Text wurde aus dem Englischen übersetzt. Originaltitel: Gender Nihilism. An Anti-Manifesto. aus What is Gender Nihilism? A Reader.

Anmerkungen

[1] Es mag widersprüchlich wirken, gängige Formen einer gendersensiblen Sprache in der Übersetzung dieses Textes zu reproduzieren. Da die deutsche Sprache im Gegensatz zum Englischen jedoch keine „geschlechtsneutralen“ Bezeichnungen für viele Begriffe kennt und die Reproduktion des generischen Maskulinums so ziemlich das Gegenteil dessen wäre, was in diesem Text vermittelt werden soll, habe ich mich dazu entschieden, eine leichte Abwandlung einer gängigen Variante gendersensibler Sprache zu verwenden und Stern bzw. Unterstrich durch einen Doppelpunkt zu ersetzen [Anm. d. Übers.].

Santiago, Chile: 18. November, 31. Tag der sozialen Revolte

EIN UNVERGESSLICHER MONAT

Unter den Kapuzen… ein unauslöschliches Lächeln!

Wir atmen ein Gemisch aus Rauch und Tränengas. Wenn wir uns umsehen, sind wir überwältigt von dem Anblick, Tausende kämpfen noch immer. Ein gewaltiges Hochgefühl breitet sich in unseren Gliedern aus und unter den Kapuzen zeichnet sich ein unauslöschliches Lächeln ab. Wir leben das, wovon wir hunderte Male gelesen haben!

Es gibt keine Gewissheit für irgendetwas, wir werden auch weiterhin von der Suche nach Freiheit angetrieben. Aber beinahe zu jedem Zeitpunkt steht unser Verlangen dem der Massen entgegen, wir sind noch immer eine schwarze Minderheit… Aber eine äußerst aktive Minderheit.

Dieses Wochenende gab es fünf Brandanschläge auf Banken in Peñalolén, Cerrro Navia, Lo Espejo, El Bosque und Santiago und einen Molotow-Cocktail-Angriff gegen eine Polizeistation in Maipu, in deren Folge zwei Menschen festgenommen worden sind.

Am heutigen Montag kam es auf dem Plaza de Puente Alto zu Zusammenstößen mit den Scherg*innen und zu einem Angriff auf ihre Polizeiwache. Auf dem Plaza de Maipu gab es Riots und eine Kanone wurde vom Plaza Monument gestürzt, als Student*innen die CODEDUC [1] besetzten.

In Antogasta bemalten unbekannte Menschen den Anker, das Wahrzeichen der Stadt, mit schwarzer Farbe. In Iquique wurde ein Wachhäuschen der Regierung mit Molotow-Cocktails attackiert. In Valdivia wurde das Hauptquartier der Sozialistischen Partei in Brand gesteckt. In Concepción wurden die Flaggen aller Parteien als Zeichen dafür verbrannt, dass die Revolte keine Anführer*innen und keine politischen Parteien hat. In Santiago wurde die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Beatriz Sánchez vom „Nullpunkt“ vertrieben, weil mensch ihr vorwarf, Teil der Verhandlungen mit den Eliten zu sein.

Unter den tausenden Menschen auf dem „Plaza de la Dignidad“ flatterten schwarze anarchistische Flaggen und ökoanarchistische Flaggen. Encapuchadxs (Vermummte) verteilten anarchistische Zeitungen und eine Brassband spielte „Bella Ciao“.

Als die Sonne unterging, entfesselte die Polizei ihre gesamte Artillerie, feuerte Gummischrot und Tränengas in großer Menge ab. Angesichts dieser Gewalt seitens der Polizei bevorzugten es heute einige, sich in den Fluss Mapocho zu stürzen, um zu entkommen.

Die zentrale medizinische Notaufnahme behandelte mehr als 40 Verletzungen durch Gummischrot, doch die Anzahl der Wunden vervielfacht sich, wenn wir andere medizinische Zentren und diejenigen, die kein medizinisches Zentrum aufsuchten, berücksichtigen. Ein Demonstrant erlitt einen Schädelbruch, als eine Tränengasgranate explodierte und musste notoperiert werden.

In Valparaiso ließ die Polizei einen jungen Mann, der von einem Schuss im Nacken getroffen worden war, in kritischem Zustand zurück. Demonstrant*innen beklagten Verbrennungen zweiten Grades durch das toxische Wasser der eingesetzten Wasserwerfer.

Die Rache folgte in der Nacht, als unbekannte Menschen die anonym veröffentlichten Daten nutzten und ihre nächtlichen Attacken gegen die Privatfahrzeuge und -häuser der Polizei fortsetzten.

Abgeordnete fordern von der Regierung die Entlassung des Generaldirektors der Carabineros ungeachtet der Vorwürfe von Verstößen gegen die Menschenrechte, die sie in ihrer Position nochmals bestätigen.

Es gibt virale Videos von Restaurants und Geschäftsgrundstücken, in denen Polizist*innen in Zivil buchstäblich ausgeschlossen werden, weil mensch diese wegen ihrer repressiven Tätigkeit weder bedienen noch in seiner*ihrer Nähe haben will.

Rekrutierungszentren brechen zusammen aufgrund der hohen Anzahl junger Menschen, die sich weigern, ihren Militärdienst zu leisten. Es herrscht eine lautstarke Ablehnung der mörderischen Arbeit des bewaffneten Arms von Staat und Kapital.

Große Waldbrände breiten sich in verschiedenen Teilen von Valparaiso aus und alles deutet darauf hin, dass diese vorsätzlich entfacht wurden. Bewohner*innen beschuldigen den Staat des Versuches, sie durch diese Katastrophe zu demobilisieren.

Noch immer gibt es keine Antwort auf die Forderungen der Menschen. Die professionellen Bürokrat*innen verzögern die Erhöhung der Renten, der Mindestlöhne, die Streichung der CAE-Schulden [2] und so weiter. Sie behaupten, es gäbe keine Ressourcen und sie versprechen langfristig einige Brotkrümmel. Wir haben ihnen niemals geglaubt, geschweige denn jetzt.

Gewerkschaften haben einen 48-Stunden Streik für den 19. und 20. November angekündigt und einen GENERALSTREIK für den 21. November und das Lehrer*innenkollegium wiederholt seinen Aufruf zum Boykott des Simce Tests [3].

Absolvent*innenfeiern sind voll von Plakaten zur Unterstützung der Revolte und Sportler*innen zeigen Gesten der Solidarität mit den Verstümmelten, indem sie bei der Verleihung von Medaillen oder wenn sie für klassische Teamfotos posieren mit ihrer Hand ein Auge zuhalten.

LASST UNS DIE BEISPIELE ANTIAUTORITÄRER ORGANISIERUNG VERVIELFACHEN!

WIR VERSUCHEN NOCH IMMER, ANARCHIE ZUM LEBEN ZU ERWECKEN!

Anmerkungen

[1] Eine Schule in Maipu.

[2] Studiengebühr-Kreditsystem (CAE), das für die Absolvent*innen der Universitäten bedeutet, dass sie 20 Jahre lang massive Schulden für ihre Ausbildung zurückzahlen müssen.

[3] Ein System zur Messung der Bildungsqualität, eine Reihe an Tests, die in Chile genutzt werden, um bestimmte Aspekte der Bildungspläne zu messen. Derzeit verantwortet eine staatliche Behörde, das Amt für Bildungsqualität, die Tests für Schüler*innen in der 2., 4., 6. und 8. Klasse (Grundausbildung) und der 10. und 11. Klasse (2. und 3. Jahr der Sekundarausbildung).

 

Diese Übersetzung folgt der bei Anarchists Worldwide veröffentlichten englischen Übersetzung eines über soziale Netzwerke verbreiteten Updates zur Situation in Chile.

Nihilismus ist nicht Nichts

Egal, wen du fragst, die meisten würden dir sagen, dass Nihilismus der Glaube an Nichts ist. Durch den Film „The Big Lebowksi“ bekannt geworden und durch faule Akademiker*innen und Philosoph*innen fortgeführt, hat dieses Missverständnis von Nihilismus zu einer Art Dämonisierung in anarchistischen Kreisen geführt. Der Primitivist John Zerzan lamentiert oft über Nihilismus, und sagt dabei Dinge wie „…du fängst an, Leute zu finden, die so nihilistisch sind, dass ihnen das Leben nur noch egal ist.“ Für Zerzan ist Nihilismus einfach, dass einer*m das Leben egal ist.

Sogar jemand, der zum Primitivismus entgegengesetzt steht, der Transhumanist William Gillis, meint, „Kann ein*e Nihilist*in ein*e Anarchist*in sein? Nein. Sicher nicht. Nihilismus ist die Philosophie unserer durch und durch soziopathischen Gesellschaft. Nihilismus ist alles, was wir bekämpfen.“ Wenn Primitivist*innen und Transhumanist*innen beide Nihilismus zusammen so aktiv hassen können, dann zeigt das vielleicht, dass sie mehr gemeinsam haben als mensch erst meinen könnte. Vielleicht ist Nihilismus ein bequemes Schreckgespenst für Anarchist*innen, die so festgefahren in ihren Ideologien sind, dass diese Ideologien angefangen haben, an Stelle des Anarchismus zu treten?

Ist Nihilismus lediglich, „dass einer*m das Leben egal ist“? Sicher nicht! Die ersten Nihilist*innen wurden so genannt, weil nichts, „das existierte, in ihren Augen Gefallen fand“. Das bedeutete nicht, dass diese Leute an nichts glaubten, oder dass ihnen das Leben egal war. Eher das Gegenteil! Für diejenigen, die die Grundlagen des Nihilismus formen würden, war das Leben wichtig genug, um die Dinge zurückzuweisen, die versuchten, das Leben zu fesseln. Die ersten Nihilist*innen sahen sich um, und sahen nichts, das sie gutheißen konnten und zogen dann los, um diese Dinge zu zerstören, während sie gleichzeitig Strukturen und Umstände schufen, die ihnen gefielen. Nihilismus stammt von Leuten, die ihre Wünsche durch Handlungen verwirklichen wollten. Wenn Nihilismus lediglich Leute wären, denen alles egal ist, wie Zerzan behauptet, dann könnte Nihilismus nicht für sich beanspruchen einen Zaren getötet und fast ein Reich gestürzt zu haben. Die Geschichte unterstützt nicht Mr. Zerzans Behauptungen.

Kann jemand Anarchist*in und Nihilist*in sein, was Mr. Gillis als unmöglich definiert? Natürlich! Tatsächlich, von Renzo Novatore zur Verschwörung der Feuerzellen (CCF) und  der Informellen Anarchistischen Föderation (FAI) sind Anarchist*innen seit über einem Jahrhundert Nihilist*innen gewesen und sind es fast so lange, wie der Begriff „Anarchismus“ in politischen Diskursen verwendet wird. Mr. Gillis stellt entweder großspurige Behauptungen auf, während er die Geschichte ignoriert, oder er behauptet, dass Personen und Gruppen, die deutlich mehr zur Schaffung von Anarchie beigetragen haben als er selbst, keine Anarchist*innen seien oder sogar Feind*innen des Anarchismus! Noch einmal, die Realität springt denen ins Gesicht, die falsche Behauptungen über Nihilismus aufstellen.

Mr. Gillis behauptet, dass Nihilismus „die Philosophie unserer durch und durch soziopathischen Gesellschaft“ sei. Wenn das nur der Fall wäre! Wenn nur unsere Gesellschaft in der Zurückweisung aufgezwungener Normen wurzeln würde und unterdrückende Strukturen angreifen würde! Das ist das, was Nihilist*innen tun… Ich verstehe nicht ganz, inwiefern das sie zu Feind*innen des Anarchismus macht.

„Verneinung jeder Gesellschaft, jeden Kultes, jeder Regel und jeder Religion. Aber ich sehne mich nicht nach dem Nirvana, genauso wenig, wie ich das Verlangen nach dem verzweifelten und kraftlosen Pessimismus von Schopenhauer habe, was schlimmer ist als der gewaltsame Verzicht auf das Leben selbst. Meins ist ein enthusiastischer und dionysischer Pessimismus, wie eine Flamme, die meinen lebendigen Überschwang entfacht, das sich über jedes theoretische, wissenschaftliche oder moralische Gefängnis lustig macht.“ – Renzo Novatore

Renzo Novatore, ein italienischer nihilistischer Anarchist aus dem frühen 20. Jahrhundert bekämpft ausdrücklich die Vorstellung, dass Nihilismus eine Art verbitterte Hoffnungslosigkeit sei, und weist Nihilismus als „kraftlosen Pessimismus“ zurück. Novatore versteht, dass Herrscher*innen in vielen Formen kommen können, sogar „theoretische, wissenschaftliche und moralische“. Sollten wir als Anarchist*innen nicht gegenüber allen Konzepten, die alle potenziell herrschaftsvoll sind, wachsam sein? Sollten wir nicht versuchen, das fühlbar zu bekämpfen, das uns zwingen will? Sollten wir nicht versuchen Bedingungen zu schaffen, die mehr unseren Sehnsüchten entsprechen? Für Mr. Gillis wären diese Handlungen viel zu nihilistisch, was bedeutet, dass er an einem Anarchismus festhält, der ziemlich wirkungslos zu sein scheint. Ich denke, dass Nihilismus ein Kompliment für den Anarchismus ist, wenn nicht sogar dem Anarchismus innewohnt.

Weit weg von einem Glauben an nichts, fordert uns der Nihilismus heraus zu handeln. Er ermutigt uns, die Welt zu schaffen, die wir sehen wollen, und dies jetzt sofort zu tun. Wie die Nihilist*innen von Bakunin übernahmen, „Die Leidenschaft zur Zerstörung ist auch eine kreative Leidenschaft!“ Nihilismus ist kein hoffnungsloses Ende, sondern ein fröhlicher Anfang!

„(Nihilismus) ist ein Extrem, über das mensch nicht hinausgehen kann, und doch ist er der einzig wahre Pfad, um darüber hinauszugehen; er ist das Prinzip des Neuanfangs.“ – Maurice Blanchot

Warum gibt es also diese gemeinsame Anstrengung gegen das Konzept des Nihilismus von vielen verschiedenen Ecken des Anarchismus? Warum sind manche Menschen so entschlossen, sich gegen das zu stellen, das laut Definition und historisch etwas ist, das sehr stark im Anarchismus verwurzelt ist? Ich denke, dass es exakt wegen der Art und Weise ist, auf die diese Gestalten sich selbst im Anarchismus positioniert haben. Die Unwilligkeit des Nihilismus Dogmen zu akzeptieren steht im Gegensatz zu den sehr dogmatischen Standpunkten, die Anarchist*innen wie Gillis und Zerzan vertreten. Da sie sich selbst in die Ecke als Transhumanist*innen und Primitivist*innen gedrängt haben, fühlen sich diese Leute von einem Nihilismus bedroht, der Transhumanismus oder Primitivismus als statische Ideologien zurückweisen würde. Schließlich ruft der Nihilismus nach einer Fluidität der Ideen, die im Gleichklang ist mit der Fluidität der Sehnsüchte, und die kein Interesse an „theoretischen Gefängnissen“ hat, die einen bestimmten Weg zur Anarchie propagieren. Gillis und Zerzan haben sich ein sehr spezifisches Set an Ideen aufgebaut, und sie verstehen, dass Nihilismus diese Ideen, auf denen sie sitzen, herausfordert…Entweder das, oder sie sind tatsächlich nur ungebildet und unwissend, was die wahren Ursprünge des Nihilismus anbelangt.

„Jede Gesellschaft, die du aufbaust, wird ihre Grenzen haben. Und außerhalb der Grenzen jeglicher Gesellschaft werden immer widerspenstige und heldenhafte Vagabund*innen mit ihren wilden und unberührten Gedanken umherziehen – diejenigen, die nicht leben können, ohne ständig neue und furchtbare Ausbrüche der Rebellion zu planen! Ich werde unter ihnen sein!“ – Renzo Novatore

Nihilismus stellt sich gegen die Vorschriften und Dogmen von vorgefertigten Ideologien. Er ermutigt dazu zu handeln und bewegt Menschen dazu, gleichzeitig das zu verneinen, das sie unterdrückt, als auch ihre Sehnsüchte zu verwirklichen. Weit davon entfernt, eine passive Zurückweisung des Lebens zu sein, ist der Nihilismus eine aktive Feier des Lebens, unserer Fähigkeit zu schaffen und zu zerstören. Nihilismus ist sich der Notwendigkeit bewusst, konstant wachsam gegenüber der Verkalkung zu sein, die in allen Ideologien und allen Gesellschaften auftaucht. Ohne diese Wachsamkeit ist auch die*der leidenschaftlichste Anarchist*in für genau die Herrschaft empfänglich, die sie*er meint zu bekämpfen.

„Besiegt im Schlamm oder siegreich in der Sonne, ich besinge das Leben und liebe es!“ – Renzo Novatore

Dieser Beitrag erschien auf Englisch unter dem Titel „Nihilism is not nothing“ am 02. November 2019 und wurde für diese Zeitung ins Deutsche übersetzt. Das Original findet ihr hier.

Dreizehn Minuten

Am 30. Januar 1933 kommt Adolf Hitler in Deutschland an die Macht. Er macht dies nicht mittels eines brutalen Staatsstreiches, bei dem er seine bewaffneten Milizen den vermeintlichen Rechtsstaat wegfegen lässt: Er wird direkt vom Präsident Hindenburg zum Kanzler ernannt. Drei Monate zuvor war der Führer des Nationalsozialismus abgeschrieben worden, nachdem seine Partei bei den Wahlen am 6.November zwei Millionen Stimmen verloren, während die Kommunistische Partei (KPD) 700.000 gewonnen hatte.

Am auf das Wahlergebnis folgenden Morgen annoncierte die Rote Fahne [das zentrale Organ der KPD] euphorisch, dass „ überall Mitglieder der Sturmabteilung (SA) aus den Reihen des Hitlerismus desertieren und sich der kommunistischen Fahne anschließen.“ Die selbe Fahne, die noch am 25 Januar 1933 während der großen Antifaschistischen Demonstration in Berlin stolz im Wind wehte, bei der 125.000 Arbeiter aufmarschierten- „eine wundervolle Jugend“,“eine Beteiligung, ein Enthusiasmus, eine Entschlossenheit, die wir noch nie gesehen hatten.““Versuchen wir die Anzahl an Kämpfern zu bewerten, die der Kolonne nützlich sein können. Fünfundneunzig Prozent, in Anbetracht ihres Alters, ihres Verhaltens beeindrucken uns als Aktivisten, die bereit sind für den bewaffneten Kampf“ wird ein Zeuge sagen, der fünf Tage später sehen wird, „wie sich die großartige Kommunistische Partei Deutschlands wie ein Stück Zucker im Wasser auflösen wird. Die erste Partei Berlins, die stärkste Sektion der kommunistischen Internationalen.“

Hitler war an der Macht und das Rote der Fahne der Arbeiter nahm die Farbe der Schmach, der Schande, der Demütigung an. Es gab keine Massenproteste, es gab keine Generalstreiks, es gab keine Zusammenstöße auf der Straße. Es gab keinen Bürgerkrieg, es gab keine Revolution. Es ist nichts Nennenswertes passiert, außer einer Reihe von Subversiven, die unter den Schlägen der braunen Pest gefallen sind. Entmutigung, Verzweiflung, Enttäuschung, Machtlosigkeit, Kappitulation, Niederlage, das ist es ,was in diesem Februar 1933 die revolutionäre Beweging durchdrang, die vom stupidesten Gehorsam und dem blinden Vertrauen in die Partei dominiert wurde. Wohin waren die abertausenden „Kameraden“ verschwunden, die Teil der verschiedenen Selbstverteidigungsmilizen waren, die allen Parteien, die sozialdemokratische mit eingeschlossen, zur Verfügung standen. Wo waren diese fünfundneunzig Prozent Aktivisten, die für den bewaffneten Kampf bereit waren?

Verschwunden, aufgelöst während einer kalten Nacht Ende Januars. An diesen furchtbaren Tagen ist es nicht das Kommunistische Manifest, ist es nicht das anarchistische Ideal, ist es nicht die Metaphysische Wahrheit die von einem dreiundzwanzigjährigen, holländischen, halbblinden Räteanhänger, Marinus Van der Lubbe, allein gegen alle verteidigt werden, sondern menschliche Gefühle wie die Würde und der Stolz. In der Nacht vom 27. zum 28. Februar schleuste er sich in den Reichstag ein und steckte ihn in einem letzten Versuch, das deutsche Proletariat zur Revolte aufzurufen, an. Ein großzügiger und vergeblicher Versuch, der nicht nur durch die Folter und Enthauptung durch seine Feinde bestraft wurde, sondern auch mit dem Unverständnis, der Verleumdung und dem Vegessen seiner eigenen Freunde belohnt wurde.

Nein! Im Land des Spartakusaufstandes von 1919, im Land, das die Wiege der Arbeiterbewegung war, protestieren und warten die Massen im Angesicht des Nazi-Schreckens, sie wählen und warten, sie demonstrieren und warten, sie schimpfen und warten, sie ertragen und warten, warten, warten… warten darauf die Meinung ihrer Anführer zu hören, dieser Funktionäre der dialektischen Wissenschaft, die am Abend des 30.Januar – als der österreichische Schmierfink gerade frisch ernannt worden war – davon überzeugt waren, dass dieser Hitler sich bald aufbrauchen würde, dass Hitler mit dem Krieg den Weg zur Revolution öffnen würde, dass Hitler es niemals wagen würde, sie zu Gesetzlosen zu erklären, dass Hitler niemals von den internatioalen Regierungen anerkannt werden würde, dass Hitler ein dunkler, brutaler Übergang sei, den die Massen durchlaufen müssten, bevor sie dann zur so sehr angestrebten roten Regierung gelangen würden.
Die Massen warteten und hofften während die Parteichefs hinhielten und verrieten. Aber nicht das Individuum. Letzteres hat nichts zu erwarten oder zu erhoffen, es hat nur sein Gewissen, vor dem es sich zu verantworten hat und seinen Willen, den es in die Tat umzusetzen gilt. Und manchmal reicht dies, um Geschichte zu machen. Oder sie um nur dreizehn Minuten, um nur 780 Sekunden zu verfehlen.

Der Handwerker

Er hieß Georg Elser und wurde am 4. Januar 1903 in Hermaringen, einer kleinen Ortschaft im Südwesten Deutschlands geboren, bevor seine Familie dann nach Königsbronn (ebenfalls in Baden-Würtemberg) zog. Als Ältestes von vier Kindern arbeitete er schon sehr jung auf dem Bauernhof der Familie. Mit sechzehn begann er eine Ausbildug in einer Schreinerei, eine Arbeit, die er liebte und in der er ein wahrhafter Meister wurde. Dabei begriff er den qualitativen Unterschied zwischen der Arbeit eines Arbeiters, die mechanisch und sich wiederholend war und bei dem sich der Arbeiter am Fließband auslaugte und dem Beruf des Schreiners, der Gegenstände mit seinen eigenen Händen erschafft. Er arbeitete nicht nur für Geld, sondern auch um wahrhaften Kunstwerken Form zu geben. Im Lauf der Jahre voller Armut und Arbeitslosigkeit war Elser gezwungen, in der Gegend umherzuwandern und oftmals die Arbeit zu wechseln. Die Wirtschaftskrise verschonte niemanden, nicht einmal die Möbelfabrikanten, es wurde immer schwieriger. Er arbeitete auch in irgendeinder Uhrenfabrik, wobei er sich für die Mechanik der Uhren begeisterte. Schließlich kehrte er auf das dringliche Bitten seiner Familie nach Hause zurück, die kurz davor stand ihren Bauernhof zu verlieren.

Als Hitler Anfang 1933 die Macht ergriff befand Elser sich eben in Königsbronn, wo er sein Leben in mitten von tausenden von Schwierigkeiten fortsetzte. Die Arbeit wurde immer automatisierter, die menschliche Fertigkeit war nicht mehr wichtig, die Löhne brachen zusammen. Im Laufe der Jahre näherte sich Elser linken Gruppen, in denen er nie aktiv gewesen zu sein scheint. Er war kein Aktivist, er öffnete keine Bücher, er las sehr wenig die Zeitungen, er interessierte sich nicht für Politik. Es gefiel ihm ganz einfach unter Leuten wie er selbst zu sein, unter Proletariern. Er hat natürlich schon seine Mitgliedskarte der Kommunistischen Partei genommen und sich zur selben Zeit sogar dem Rotfrontkämpferbund angeschlossen, aber nur weil dies ihm ermöglichte, in der Blaskapelle dieser Organisation zu spielen. Leidenschaftlich für Musik, konnte er mehrere Instrumente spielen, unter diesen die Zither.

Georg Elser war sehr geschickt mit seinen Händen, aber besaß eine geringe „politische“ Kultur und Vorbildung. Dies war ein wahrhaftes Glück, denn sein Kopf wurde so von den marxistischen Tiraden über den historischen Materialismus und die Dialektik verschont. Man musste nicht diplomiert sein, um zu merken, was die Nazis am Treiben waren, die alltägliche Vergewaltigung jeglicher Freiheit, der auferzwungene Terror mit dem Verbannen der Parteien und Gewerkschaften, die Verschärfung der Lebensbedingungen und – ab 1938 – dem Schreckgespenst des Krieges, das immer konkreter wurde. Nicht nötig, einen durchdringenden Blick zu haben, um die Privilegien zu sehen, in denen sich die Nazifunktionäre suhlen. Und daraus alle Konsequenzen zu ziehen.

Seine Freunde erinnerten sich viel später daran, dass sich Elser nie Hitlers Reden im Radio anhörte, dass er sich weigerte den Hitlergruß zu machen und dass er einmal während einer Demonstration für Hitler sich umdrehte und sie auspfiff. Aber Georg Elser war nicht wie seine Freunde, er war nicht wie die Millionen Deutschen, die sich damit zu frieden gaben über das Naziregime zu meckern. Als einfacher und praktischer Mensch, traf er Anfang 1938 seine Entscheidung. Wie er später erklärte, kam er zum Schluss, „dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten.“ Das Individuum, Begehren und Willen, hatte seine Entscheidung getroffen: Hitler musste sterben. Der große Diktator und sein ganzer Kreis wurden damit zum Tode verurteilt; nicht durch ein Gericht des Staates, nicht durch das Urteil der Geschichte und noch weniger durch das göttliche, sondern durch einen kleinen Handwerker aus dem Schwabenland. Ein Weckruf an die Massen und ihre Organisationen.

Einsam und alleinstehend vertraute Elser niemandem seine Projekte an und suchte laut den Historikern keine Hilfe von außerhalb. Es scheint dennoch, dass ihm bei seiner Unternehmung von ein paar Individuen geholfen wurde: der Anarchist und deutsch-englische Ex-Spartakist John Olday und revolutionäre Sozialistin jüdischer Herkunft Hilda Monte, beide in Verbindung mit der Schwarzrotgruppe. Aus was diese Hilfe bestand weiß niemand wirklich. Jedenfalls musste Elser ein praktisches Problem lösen. Es musste ihm gelingen, sich dem Führer nah genug zu nähern, um ihn zu töten. Es hatten schon andere diese Idee liebgewonnen, aber alle sind auf die selbe Schwierigkeit gestoßen. Im Bewusstsein, dass er mehr gefürchtet als geliebt wurde, war Hitler von Attentaten besessen und hatte die Gewohnheit seine Programmpläne unvorhersehbar zu ändern.

Wenn seine Anwesenheit bei irgendeiner öffentlichen Versammlung angekündigt wurde, wussten nicht einmal seine nahestehendsten Kolaborateure ob er zu dem vorgesehenen Termin kommen würde. Auf diese Weise konnte kein eventuelles Durchsickern seinen Feinden helfen, die nie im Voraus wissen konnten, wo er hingehen würde.

Diese unentwegte Vorsicht hatte jedoch einen Fehler. Es gab tatsächlich einen einzigen öffentlichen, jährlichen Termin, den er um Nichts in der Welt aufgegeben, vor dem er sich nicht gedrückt hätte. Eine besondere Gedenkfeier, ein Jahrestag an den es sich zu erinnern galt, eine Rede voller Emotionen, die Feier seines ersten, fehlgeschlagenen Versuches die Macht zu ergreifen – der Putsch in München vom 8. November 1923. An jenem Tag hatte der vierunddreißigjährige Hitler an der Spitze seiner Waffenbrüder ein beeindruckendes Eintreten in den Bürgerbräukeller hingelegt, wo eine Versammlung stattfand, an der die bayerischen Autoritäten teilnahmen, wobei er einen Schuss in die Luft abgab. Er hatte ihnen angekündigt, dass ein Staatsstreich im Gange war, wobei er sie dazu einlud, sich den Nazis anzuschließen. Der Putschversuch, der allzu improvisiert war, endete am nächsten Morgen während einer Schießerei zwischen den Demonstranten, die auf dem Weg zum Kriegsministerium waren und den Ordungskräften, an deren Ende vierzehn Nazis getötet worden waren.

Ab 1933 fand sich Adolf Hitler jeden 8. November mit seinem gesamten inneren Kreis ein um an der Gedenkfeier des Putschs teilzunehmen. Umgeben von tausend frühen Nazikämpfern, mit denen er Witze und Anekdoten austauschte, versuchte der Führer dieses Jahr 1938 in seinem üblichen Redefluß die kriegerische Wut seiner Anhänger anzuheizen. Im November 1938 – 10 Monate vor dem Überfall auf Polen durch die deutschen Truppen – nahm Elser den Zug nach München und beteiligte sich unauffällig an den Festlichkeiten der Nazis. Als Hitler an jenem Abend auf die Bühne stieg, konnte er nicht wissen, dass sich vor den Türen der Brauerei sein Todfeind einfand, der bis dorthin gekommen war um sich ein Bild zu machen. Die Brauerei, die ihren Namen von Bürgerbräukeller zu Löwenbräu geändert hatte, enthielt einen enormen unterirdischen Saal, der mehr als 3000 Personen fassen konnte. Elser mischte sich unter die Menge derer, die eine Erlaubnis hatten am Ende des Abends, nach der Rede und der Abfahrt Hitlers, einzutreten, und merkte sich die Einteilung des Ortes, indem er die Sicherheitsmaßnahmen studierte, die für das Ereignis getroffen wurden. Er konstatierte unglaubliche Mängel. Ihr Verantwortlicher war Christian Weben, ein ehemaliger Türsteher vor Nachtlokalen, dem es, als glühender Nazi, nicht in den Sinn gekommen war, dass jemand Hitler bis auf den Tod hassen konnte. Die Aufmerksamkeit Elsers konzentrierte sich vorallem auf den einzigen Ort wo sich Hitler seit zu langer Zeit in Sicherheit wähnte: die Bühne. Er bemerkte eine Säule aus Stein genau dahinter, die einen großen Balkon stütze, der der Mauer entlang verlief. Unschwer zu verstehen, dass eine, im Innern der Säule platzierte, mächtige Bombe, den gesamten Balkon zusammenbrechen lassen würde, und Hitler und seine Nahestehenden unter dem Schutt begraben würde. Eine unmögliche Unternehmung für viele, aber für einen erfahrenen Handwerker nicht.

Es ist der Tag nach dem 9. und 10. November 1938, an dem sich die Nazis durch das ganze Land, aber auch teils durch Österreich und Tschechoslowakei austobten, in dem, was Kristallnacht heißen sollte. Das anti-jüdische Pogrom verstärkte Elsers Entschlossenheit noch. Er hatte ein Jahr um sein Projekt zu Ende zu bringen, und dem er sich mit Zähigkeit und Akribie widmete. Er musste sich Sprengstoff besorgen, eine Bombe mit Zeitverzögerung konstruieren, dann das Gerät im Inneren der Säule verstecken. Um das zu tun, versuchte er temporäre Arbeit in einer Waffenfabrik zu finden, dann in einer Mine und dort hatte er Erfolg. Dort, nutzte er jede Gelegenheit um sich starken Sprengstoff und Dynamit anzueignen, und auch Detonatoren habhaft zu werden. Abends, eingeschlossen in seiner Wohnung, erarbeitete er Pläne um eine raffinierte zeitverzögerte Bombe zu konstruieren.

Im April kehrte er nach München zurück um unter ruhigeren Umständen eine neue, detailliertere Zeichnung anzufertigen. Er bemerkte, dass sich auf der Etage über dem Saal Lagerräume befanden, wo er sich verstecken und aus der Nähe die Säule begutachten konnte. Sie war bedeckt mit Holz! Perfekt. Er erkundete dann die schweizerische Grenze, um einen Fluchtweg zu finden, und fand schließlich einen Abschnitt ohne Patrouillen. Sicherlich, Georg Elser wollte Hitler töten, aber er hatte auch die Absicht die an sich gerissene Freiheit zu leben und zu geniessen. Es gab keinen Opfergeist in ihm.

Am 5. August 1939 nahm Georg Elser den Zug und ließ sich ein letztes Mal in München nieder um den letzten Teil seines Projekts zu realisieren, den schwierigsten und auch den riskantesten: einen Hohlraum in den Pfeiler hinter dem Rednerpult zu graben, der groß genug ist, und dort eine tödliche Vorrichtung zu verstecken, ohne entdeckt zu werden. Er wurde zu einem Stammkunden des Löwenbräu, der bei den Nazis beliebtesten Brauerei in München. Er verbrachte dort den ganzen Tag, so dass die Kellner und Kellnerinnen aufhörten ihrem gemächlichen, teuren Kunden allzu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Jeden Abend, blieb Elser bis zur Schließung, um dann heimlich auf die obere Etage zu schleichen, wo er sich in einem Lagerraum versteckte. Während die Räumlichkeiten leer waren, kam er heraus um am Pfeiler zu arbeiten. Beim Licht einer Taschenlampe demontierte er mit Vorsicht die Holzpanele der Säule, stellte sie zur Seite damit sie einfach wieder anzubringen waren, und begann geduldig den Stein auszuhöhlen. Inmitten der Stille, hallte der Lärm des Bildhauerbeitels, der den Stein schlug, derartig in diesem Kuppeldach, dass er gezwungen war, mit einer anstrengenden Langsamkeit zu arbeiten. Die einzelnen Schläge folgten den Intervallen mehrerer Minuten, die er versuchte mit dem Lärmen der Straße, wie dem Vorbeifahren eines Autos, in Einklang zu bringen. Jede Spur von Pulver oder Stein musste anschließend verschwinden, und das Holzpanel musste vor dem Morgengrauen perfekt an Ort und Stelle angebracht werden.

Abend für Abend widmete er sich seinem Meisterwerk.
Er verbrachte 35 schlaflose Nächte, gebeugt von der anstrengenden Arbeit. Eines Morgens, wurde er von einem Kellner überrascht, der vor Arbeitsbeginn ankam und sofort den Wirt der Brauerei rief. Elser, der gerade dabei gewesen war zu gehen, nachdem er alles aufgeräumt hatte, entschuldigte sich, indem er sagte ein Stammkunde zu sein und dass er die Örtlichkei offen vorgefunden habe. Er bestellte einen Kaffee, trank ihn schweigend und mit kleinen Schlücken, bis er ging. Er war nicht verbrannt.
Um seine Bombe zu preparieren, stellte er einen Zeitzünder her, indem er eine Uhr modifizierte. Der Zeitzünder konnte im Rahmen von 144 Stunden laufen, bevor er auf einen kleinen Hebel drückte, der die Vorrichtung aktivierte. Aus Skrupel fügte er zur Sicherheit einen zweiten Zeitzünder hinzu. Die Bombe war in einem eleganten Holzgehäuse untergebracht, das mit Präzision in das gegrabene Loch im Innern der Säule eingefügte war. Damit man das Tick-Tack der Uhr nicht hörte, nahm er Kork und bereitete ein Blech vor um das Innere des Holzpanels auszukleiden. Er wollte nicht, dass ein Mitglied des Personal versehentlich einen Nagel in sein Kunstwerk trieb!

Im vorangegangenen Jahr, notierte sich Elser, dass die Rede Hitler um 20.30Uhr begann, man versicherte ihm das sei eine Gewohnheit. Der Führer sprach für eineinhalb Stunden, blieb dann im Lokal um sich unter seine alten Kameraden zu mischen. Elser stellte seine Uhr, damit sie in der Hälfte der Rede auslöste, das heißt um 21.20Uhr. Der erste Versuch die Bombe zu platzieren scheiterte, und zwang ihn die Abmessungen seines Gehäuses zu reduzieren. Am Abend des 5. Novembers 1939 beendete Georg Elser sein Meisterstück. Er fügte das Gehäuse in die Säule ein, übergab das Holzpanel seinem Platz, indem er es versiegelte, und beseitigte dann jede Spur. Er verließ München bevor er zwei Tage später zurückkehrte. Am Tag vor der Ankunft des großen Diktators, näherte sich das kleine Individuum dieser Säule und legte sein Ohr an in der Hoffnung, aus der Ferne etwas zu hören. Wir können uns sein Lächeln vorstellen, während er noch ein Mal dieses wunderbare Ticken vernahm.

8. November 1939

Georg Elser las keine Zeitungen, und noch weniger in diesen fieberhaften Tagen. Andernfalls hätte er herausgefunden, dass Hitler sein üblicherweise jährliches Treffen annuliert hatte. Oder besser gesagt, er hatte seine Idee wieder geändert: er würde dorthin zurückkommen, aber viel eher als gewöhnlich. Seine Anwesenheit in Berlin war unerlässlich, deswegen würde er nur kurz nach München kommen. Seine Rede würde um 20Uhr beginnen, und nur eine kurze Stunde dauern. Aufgrund des schlechten Wetters, wurde ihm abgeraten mit dem Flugzeug zu reisen, und sich für den Zug zu entscheiden; langsamer, aber sicherer. Am Abend des 8. Novembers 1939 hörte Adolf Hitler um 21.07Uhr auf zu reden. Fünf Minuten später, die Einladungen älterer Kämpfer noch zu bleiben ablehnend, verließ er die Halle mit seiner Gefolgschaft an würdetragenden Nazis, unter ihnen der Chef der Polizei und Reichsführer SS Heinrich Himmler, der Propagandaminister Joseph Goebbels und der Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes Reinhard Heydrich. Sie waren zweifelos dabei in den Zug zu steigen, als die Explosion losging, und hörten sie selbst noch nicht einmal. Sie erfuhren von dem was passiert war erst während des kurzen Halts ihres Expresszugs nach Berlin in Nürnberg.

Um 21.20Uhr, wie vorher gesehen, hörte das Tick-Tack der Uhr Georg Elsers auf zu schlagen. Mit einem schrecklichen Rumoren brach die hinter der Bühne stehende Säule zusammen, ließ den Balkon, den sie stützte sowie das Dach einstürzen, und zerstörte das Lokal. Ein Regen holziger Trümmer, Ziegelsteine und Stahl fiel herab auf die Szene und vernebelte sie vollständig. Aber die Bühne war schon leer, und die Halle beinahe verlassen. Acht Personen starben und dreiundsechzig wurden verletzt, alles alte Nazi-Kämpfer oder Brauereiangestellte. „Das Glück des Teufels“ ein weiteres Mal an seiner Seite, mit dem Hitler prahlte, es zu besitzen. Das war dagegen nicht der Fall bei dem Individuum, welches ihn herausgefordert hatte.
Am Morgen des 8. Novembers 1939 nahm Georg Elser den Zug nach Konstanz, an die deutsch-schweizer Grenze. In der kommenden Nacht, ging er zu Fuß in Richtung Grenze, in dem ruhigen Bereich, den er im vorherigen April entdeckt hatte. Aber mit der Invasion von Polen durch Deutschland am 1. September hatte sich die Situation grundlegend verändert. Er wurde von einer Patrouille bemerkt und festgenommen, die ihn durchsuchte. Er trug eine Mitgliedskarte der kommunistischen Partei, die Zeichnungen eines seltsamen Gerätes, das an ein Schema einer Bombe erinnerte, einen Zünder und eine Besuchskarte einer bekannten münchner Brauerei, dem Löwenbräu, mit sich.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Elser all diese Dinge, die ihn entschiedenerweise verdächtig machten, mit sich führte, um die helvetischen Autoritäten zu überreden ihm Asyl zu gewähren. Er ging im Gegenzug das Risiko ein, dass, sollte er in die Hände des Feindes fallen, es genau diese Objekte sein würden, die sein Ende bedeuteten.

Einer

Nach München gebracht, wurde Georg Elser von Männern der Gestapo verhört. Trotz der Schläge und der Folter, hat er nie die Version der Ereignisse geändert. Er war es, und er allein, der das Attentat vorbereitet und durchgeführt hatte. In Berlin war Hitler persönlich an der Affäre interessiert, und geriet in Zorn, als man ihm die Wort Elsers berichtete. „Wer ist der Narr, der diese Befragung führt?“, schrie er ihn an. Es war unmöglich, dass ein erbärmliches Individuum das große Reich hätte herausfordern können: die Komplexität der Aktion bewies, dass es dahinter ein breite Verschwörung geben musste, die aus… Geheimdiensten bestand, offensichtlich, und in diesem Fall den britischen. Um seine Entscheidung aufzuerlegen, schickte Hitler einen Vertrauensmann nach München, damit beauftragt die Verhöre neuzubeginnen: Heinrich Himmler.

Weder er noch all die Foltern, die er umsetzte, schafften es den Führer zu befriedigen. Elser wiederholt bis zu seinem Ende allein gehandelt zu haben, um seinen Henkern zu beweisen, dass er ganz allein es gewagt hatte Hitler anzugreifen, reproduzierte er von neuem ein Schema seiner Bombe. Himmler selbst musste schließlich offiziell die Verschwörungsthese aufgeben, und Elser, um später hingerichtet zu werden, wurde ins KZ Sachsenhausen verbracht. In Isolation, erlaubte man ihm ganz für sich an einer Werkbank zu arbeiten. Der Grund für diese anscheinend gefällige Behandlung war, dass Hitler in der Folgezeit Elser dazu bestimmte in einem Prozess der Kriegsverbrechen gegen England benutzt zu werden. Am 9. April 1945, während die amerikanischen, englischen und russischen Truppen sich immer mehr Berlin näherten, erinnerte sich Himmler an die Kühnheit des unglücklichen Schreiner-Uhrmachers, der in der Zwischenzeit nach Dachau verlegt worden war. Er gab den Befehl ihn aus der Zelle zu holen und hinzurichten. Die Neuigkeiten seines Todes gingen eine Woche später durch die deutsche Presse, und wurde einem alliierten Luftangriff zu gewiesen.

Trotz des Einsatzes der nazistischen Effizienz im Vorhinein, um die Wahrhaftigkeit der individuellen Initiative Elsers anzuzweifeln, und trotz des Geschwätzes seiner Unglückskameraden in Sachsenhausen, gemäß denen Elser, sowie Van der Lubbe, auf Befehl der Nazis selbst gehandelt haben soll, wagt es heute niemand die Aufrichtigkeit seiner Unternehmung zu leugnen. Sein Gedenken, wie das von vielen verpassten Attentaten gegen Hitler, wurde lange Zeit von Historikern verwischt, die einzig der Staatsraison gehörig waren, aber auch von bestimmten revolutionären Liebhabern der kollektiven Aktionen, welche wenig begierig darauf sind ihrer ideologischen Bewegung einen „schlechten Ruf“ zu geben.

Weil keiner unter ihnen die Beaobachtung tolerieren kann, dass die Entschlossenheit eines einzelnen Individuums, im Gegenteil zur trostosen Ohnmacht der Massen, die Geschichte hätte ändern können, indem es sie vor dem bewahrt, das als das absolut Böse definiert wurde. Um nur 13 unglückliche Minuten wurde der zweite Weltkrieg nicht abgewendet, was vielleicht Millionen Menschenleben und unaussprechliche Leiden erspart hätte. Und das, was diese Möglichkeit ergriff, das war keine erleuchtete Regierung, das war keine effektive Organisation. Das war ein kleiner Mensch, allein, oder vielleicht mit ein oder zwei Gefährten. Hier haben wir es, warum der Name Georg Elsers seit so langem vergessen ist, und hier ist auch der Grund, wieso wir ihm hier eine Huldigung geben. Nichts ist unmöglich für einen Willen, der vom Begehren getrieben wird. Und trotz der Rückschläge des Unvorhergesehenen, ist es das Tick-Tack dieses Uhrmachers, das wir noch heute vernehmen.

13 minuti, in Insolito sguardo, ed. Gratis, mars 2015. Französische Übersetzung erschienen in: Avis de tempêtes. Bulletin anarchiste pour la guerre sociale; Nr. 9, September 2018.

Übersetzt aus dem Französischen Oktober 2019 von RumpelstilzchenEditionen.

Chile: Wohin gehen wir? In Richtung Ungewissheit und permanenter Konfliktualität! Einige Worte von und für die Revolte im Oktober.

Ab einem bestimmten Punkt gibt es kein Zurück mehr. Das ist der Punkt, der erreicht werden muss. – Franz Kafka

Der unbeugsame Protest zweitrangiger Student*innen gegen die Fahrpreiserhöhung der U-Bahnen und die sofortige Antwort der Repression bildeten den günstigen Kontext für den sozialen Krieg, der in all seiner uneingeschränkten Reinheit Tage später ausbrach.

Die Dynamik des Konfliktes war rasant, unvorhersehbar und instinktiv. Das Unwohlsein, das sich zunächst hauptsächlich gegenüber dem U-Bahnverkehr äußerte, wurde zu einem allgemeinen Unbehagen und begann aufzulodern, sichtbar zu werden, Formen des Kampfes auszumachen und buchstäblich an jeder Straßenecke von Santiago zu explodieren. Am 18. Oktober 2019 brach eine großflächige Revolte überall in der Hauptstadt aus, Barrikaden und Zusammenstöße entwickelten sich überall und zu jeder Zeit. Verschiedene Symbole, Strukturen und die Infrastruktur der Macht wurden in der ganzen Stadt attackiert und sehr rasch auch überall im Land. Als die Ordnung gebrochen war und das Verbrechen die Straßen erfüllte, fanden sich schnell Individuen zusammen und griffen das an, was sie immer als ihre Ketten empfunden hatten. Es war kein Plan, sondern die Spontanität, die den Feind so klar identifizierte: den Staat, das Kapital und ihre repressiven Kräfte. Die abgefackelten und geplünderten Ziele sind die besten Beispiele: Ministerien, Finanzinstitute, Landräuber*innen, große Warenhäuser, die mit Handelswaren und Lebensmitteln gefüllt waren und vieles mehr.

Die revolutionäre Gewalt wurde von weiten Teilen der Unterdrückten anerkannt und entfesselt.

Einige abscheuliche Theoretiker*innen oder Enthusiast*innen von geringster „politischer Kompetenz“ haben gefragt: Wo waren die Anarchist*innen? Die Antwort ist ebenso schlicht wie einfach: Auf den Straßen, in den Nachbarschaften, in den Städten, in der vielfältigen Revolte, bei den Straßenkämpfen.

Es gab mit Sicherheit nicht viel Zeit, sich hinzusetzen und einige Ideen niederzuschreiben oder zu entwerfen, das war dieser Tage schlicht unmöglich gewesen.

Angesichts der Ausdehnung und Intensität der Revolte, die zeitweise tatsächlich in der Lage zu sein schien, den Staat innerhalb kurzer Zeit abzusetzen, war die Reaktion der Mächtigen die Ausrufung eines „Ausnahmezustands“. Sie ließen Einheiten der Armee in den Straßen patroullieren und verhängten eine Ausgangssperre, die in verschiedenen Regionen tagelang anhielt.

Die rasche Aufhebung der Fahrpreiserhöhung durch die Autoritäten offenbarte, dass diese Revolte keinem klaren Anliegen folgte. Sie hat keine spezifischen „Forderungen“ oder „Ansprüche“, oder um es anders auszudrücken, es gibt so viele, dass sie sich letztlich gegen die von Herrschaft und Waren beherrschte Welt richtet.

Die Repression bediente sich eines Arsenals, das – auch wenn es nie ganz verschwunden war – in einem Backlash seine historische Kontinuität wiederaufnimmt: Sexuelle Gewalt, tausende verhaftete Menschen, hunderte Verletzte durch Flashballs, Gummigeschosse (LBD), und scharfe Munition, dutzende von compas, die ihre Augen verloren, Folterungen, Morde, bei denen die Körper in Feuer geworfen werden, um die uniformierten Urheber*innen dieser Massaker zu verschleiern und eine ganze Serie von verschiedenen und erfolgreichen Methoden der Aufstandsbekämpfung.

Die Dinge verändern sich schnell und nehmen ihren eigenen Lauf. Als Anarchist*innen sind wir auf den Straßen, um den Punkt zu erreichen, an dem eine Rückkehr zur Herrschaft unmöglich ist. Es kamen verschiedene Positionen zur Praxis unseres Kampfes, der Athmosphere der Revolte und den daraus entstehenden Möglichkeiten auf. Einige stimmten den Aufrufen und Bestrebungen zu, Nachbarschaftsversammlungen zu bilden, Orten der „Gegenmacht“ oder „Macht von unten“, die von der Presse als „Bürger*innenräte“ bezeichnet werden, die es erlaubten eine Liste verhandelbarer Forderungen zu erarbeiten und die natürlich Gesichter oder Organisationen mit denen Mensch eine Einigung treffen könnte, schaffen würden. Versammlungen, die sich – wie wir es beobachten – in Bürger*inneninitiativen verwandeln und einen friedlichen Weg aus dem Konflikt suchen, stellen sich als weiteres Rädchen im Getriebe der Herrschaft heraus. Die Zuspitzung des Konflikts öffnet unbestreitbar Wege, die es ermöglichen, sich zu treffen, etwas zu schaffen und aufzubauen, immer mit der Perspektive des Kampfes und auf eine antiautoritäre Art und Weise Netzwerke mit verschiedenen Personen und Gruppen zu bilden, die weit von jeder Form der Missionierung oder zentralisierten Versuchen der Machtübernahme entfernt sind.

In dieser Hinsicht, wenn die Idee der permantenten Konfrontation ist, dass wir nichts als gegeben oder ewig betrachten, muss die Dynamik des Kampfes notwendigerweise auf die Eliminierung jeder Art von Autorität zielen, sei es der Staat, die Versammlung oder irgendeine andere Institution, die unsere Leben kontrollieren will.

Diese Revolte hat keine Namen oder eine einzige Richtung, sie gehört nicht zu irgendjemandem, weil sie allen Rebell*innen und Aufständischen gehört, die, wie wir auf der Straße kämpfen. Daher ist jede lächerliche Art der Vereinnahmung irgendeiner Aktion im Kontext dieser Revolte ein plumper Versuch, sich zum*zur Anführer*in aufzuspielen.

Andererseits sind die in vergangenen Diskussionen über ähnliche Situationen, jedoch mit einem eindeutig gleichförmigeren Puls, dargestellten Notwendigkeiten nun unerlässlich. Räume der Abstimmung und Begegnung zu schaffen, wo es die wichtigste Aufgabe ist, die gewaltsame Konfrontation gegen den repressiven Staatsapparat fortzuführen. Zu diesem Zeitpunkt hat die Macht ihr brutalstes Gesicht auf den Straßen gezeigt, das – weit davon entfernt uns abzuschrecken – für uns ein Aufruf ist, unseren Horizont um die neuen Szenarien, die sich eröffnen und näherrücken zu erweitern.

Um die Offensive als echte Praktik jenseits des bloßen Redens zu begreifen, müssen wir in der Lage dazu sein, eine Infrastruktur aufzubauen, die es uns erlaubt, anzugreifen. Das ist der Punkt, an dem einige Zweifel die Anspannung verstärken: Sind wir in der Lage dazu, die gewaltvolle Konfrontation gegen die Macht in diesem neuen Panorama zu unterstützen, zu intensivieren und auszuweiten? Bis zu welchem Grad  ist die Revolte ansteckend und reproduzierbar? Wir haben erlebt, wie die Sozialdemokratie diese Wut aufgefangen hat, sie in einige Forderungen „von außen“ kanalisiert hat. Wir haben keine Forderungen, sondern Ansprüche und unser Anspruch ist die Zerstörung des Staates, seiner Befürworter*innen und Verteidiger*innen. Möge die soziale Katastrophe den Zusammenbruch der auf der kapitalistischen Logik gründenden Beziehungen einleiten und uns Affinität dabei helfen, zu diesem Punkt, an dem es keine Umkehr gibt, zu kommen.

Wie so oft haben wir keine Antworten, nicht wie andere, deren Organisationen bereits die Verwaltung und den Zusammenschluss dieser Versammlungen, deren Dauer, Widerrufbarkeit und Statuten planen, sondern eher Fragen und Negationen, da wir diejenigen sind, die Anarchismus als permanenten Konflikt betrachten. Angesichts der Ungewissheit des Moments sammeln wir Erfahrungen, Erkenntnisse, lesen, lernen und teilen Reaktionen und führen wichtige Gespräche in den Stunden, die uns neben den intensiven Konfrontationen auf der Straße und dem Ungehorsam gegenüber der Ausgangssperre bleiben. Wir wissen, dass dieser Moment ein wichtiger war, ist und sein könnte und dass er Möglichkeiten der effektiven Zerstörung des Staates bietet, die sich nie zuvor geboten haben, aber dennoch sind wir noch immer ablehnend gestimmt, sogar in diesen stimmungsvollen Momenten. Wir wissen sehr gut, was uns zu Sklav*innen macht und unsere Schritte müssen immer in die entgegengesetzte Richtung führen.

Last uns deutlich werden. Die, die das Kapital und die Herrschaft unterstützen, befürworten und verteidigen sind unsere Feind*innen.

Für die Befreiung aller Gefangener der Revolte und der subversiven Gefangenen!

Solidarität mit den Verwundeten und denen, auf die losgegangen wurde!

Die Revolte ist reproduzierbar und ansteckend!!

Du glaubst nicht, wie die Mächtigen zittern würden, wenn wir die Gewalt zu ihnen bringen. Wenn ihre Privilegien und Leben bedroht wären, würden sie verhandeln, um nicht alles zu verlieren. – Ulrike Meinhof

Einige Antiautoritäre für die soziale Katastrophe

 

Diese Übersetzung folgt der englischen Übersetzung bei Act for Freedom Now eines ebenfalls dort zu findenden Textes auf Spanisch zu den Revolten aus Chile.

Aus Chile: Ein anarchistischer Blick auf die Revolte und die Repression

In Chile herrscht derzeit ein von der rechten Regierung Sebastián Piñeras ausgerufener Ausnahmezustand, der das Ergebnis des Ausbruchs einer Revolte am Freitag, den 18. Oktober 2019 ist.

Dieser Text entstand aus dem Bedürfnis heraus den Gefährt*innen aus den verschiedenen Teilen der Welt die derzeitige Situation, wie sie in dieser Region erlebt wird, näherzubringen.

Wir geben hier wieder, was wir aus einer anarchistischen Perspektive für die relevantesten Punkte halten, um die derzeitigen Ereignisse bekannt zu machen und zu ihrem Verständnis beizutragen.

Vorspiel: Der Kampf der Jugend und der Funken, der das Feuer entfachte

Nach einer Woche des massenhaften Schwarzfahrens mit der U-Bahn im Vorfeld der Fahrpreiserhöhungen, das besonders von Student*innen geprägt war, folgten zahlreiche Akte individuellen und kollektiven Ungehorsams, die in der Zerstörung der Infrastruktur und Zusammenstößen mit Polizeikräften innerhalb und außerhalb der U-Bahnhaltestellen resultierten und die sich über verschiedene Stadtteile von Santiago ausbreiteten.

Am Freitag, den 18. Oktober war die Ausbreitung dieses massenhaften Schwarzfahrens und der Radikalitätsgrad, den diese Proteste entwickelten, von vielen nicht erwartet und von der Regierung unterschätzt worden, die zusammen mit ihren loyalen Journalist*innen und den Sozialwissenschaftler*innen bis heute nicht in der Lage dazu ist, zu erklären, warum diese Ereignisse zu einer Situation flächendeckenden Chaos führte, das bis zum heutigen Tag anhält.

Erster Akt: Ausbruch einer beispiellosen Revolte im Post-Diktatorischen Chile

Am Freitag, den 18. Oktober radikalisierte sich die Revolte in dem Moment, als es zu Zusammenstößen mit der Polizei kam und sich die Zerstörung kapitalistischer Infrastruktur in den Straßen der Santiagoer Innenstadt ausbreitete. Begonnen in den Außenbereichen des Regierungspalasts brauchten die Akte der Straßengewalt nicht lange, um sich bis spät in der Nacht in verschiedene Teile der Stadt auszubreiten.

Mit einer Situation allgemeiner Rebellion und weitschweifigem Chaos in zahlreichen Stadtteilen konfrontiert, waren die Polizeikräfte nicht in der Lage, den Ausbruch der Wut zu kontrollieren, der seither weite Teile einer Gesellschaft erfasst hat, die nicht länger schläft und die die Schnauze voll hat von der ganzen Unterdrückung und der Prekarisierung des Lebens, die in dem neoliberalen ökonomischen System und dem Polizeistaat, der in Chile während der jüngsten Zivil- und Militärdiktatur (1973-1990) installiert wurde, begründet liegen. Die Menschen haben auch die Schnauze voll den verschärften Lebensbedingungen und der Herrschaft, die sowohl von den Mitte-Linken und rechten Regierungen, die sich seit der Rückkehr zur Demokratie abgewechselt hatten, verschärft wurden.

Den Riots, die im Zentrum der Stadt begannen, schlossen sich später tausende von Menschen an, die in ihren Nachbarschaften demonstrierten und die als Form des Protests auf leere Töpfe schlugen, aber auch Riots, Brandstiftungen und Zerstörungen lostraten, die sich in zahlreichen attackierten, geplünderten und niedergebrannten Bussen, öffentlichen Gebäuden und Bürogebäuden ausdrückten und als wesentliches Element die dutzenden U-Bahnhöfe enthielten, die von Horden von Individuen bis spät in die Nacht voller Wut zerstört und in Brand gesteckt wurden.

Die Regierung zögerte nicht lange, bevor sie in Santiago den Notstand ausrief, einen Ausnahmezustand, der den Einsatz des Militärs auf den Straßen und den Einsatz bewaffneter Kräfte zur Wiederherstellung der Ordnung beinhaltet.

Dennoch breitete sich bereits eine massive, natürliche, unkontrollierbare und noch nie dagewesene Revolte in der post-diktatorischen Landschaft aus, die in der Praxis die Gehorsamkeit, Unterwürfigkeit und Angst auslöschte, die die Dekaden kapitalistischer Herrschaft in Chile den Menschen auferlegt hatten.

Zweiter Akt: Die Ausweitung des zerstörerischen Ungehorsams und der Beginn der Ausgangssperre

Am Samstag, den 19. Oktober wurden angesichts der anhaltenden und sich zuspitzenden Unruhen Militäreinheiten in verschiedenen Teilen der Stadt stationiert. Im Zentrum von Santiago und in den umliegenden Stadtteilen bewachte das Militär die Straßen, kommerzielle Gebäude und U-Bahnhöfe. Dennoch wichen die Demonstrant*innen aller Lager vor der Militärpräsenz nicht zurück und lehnten diese aufgrund der lebendigen Erinnerung der Repression, die sie wenige Dekaden zuvor während der Jahre der Diktatur erlitten hatten, allgemein ab.

Am gleichen Tag stieg die Anzahl der von Demonstrant*innen abgefackelten Busse, Autos und U-Bahnhaltestellen an. Zeitgleich gerieten die Plünderungen von Supermärkten und großen Einkaufszentren außer Kontrolle und das Bild von tausenden Menschen, die sich ihre Leben zurückeroberten, indem sie sich die Produkte aus den Zentren des Konsums griffen, wurde zu einem der lebendigsten Bilder dieser Tage der Revolution und war ein wichtiger Faktor für die von den Plünderungen und die Gewalt überforderte Regierung, in der gleichen Nacht eine Ausgangssperre in Santiago zu verhängen.

Ohne jedes Schamgefühl verkündeten der Präsident und der für die Stadt verantwortliche Militäroffizier den Medien die Beschränkung der „Bürger*innenrechte“, die an diesem Abend von 19 Uhr bis 6 Uhr des folgenden Morgens dauern sollte. Auch in dieser Nacht hielten die Demonstrationen, Riots, Plünderungen, Brandstiftungen und Konfrontationen mit den Repressionsorganen in der ganzen Stadt bis in die frühen Morgenstunden an.

Zwischen Samstag und Sonntag verbreitete sich der Funke der Wut sogar noch weiter und entzündete Massendemonstrationen und Szenen primitiver Gewalt in anderen Regionen des Landes, die einer neuen Bewegung allgemeinen Chaoses mit zahlreichen Akten der Rebellion und Riots in verschiedenen Städten den Weg ebneten. Sie legte in nur wenigen Tagen einen großen Teil der urbanen Infrastruktur durch Barrikaden, Vandalismus und Brandanschläge auf städtische Gebäude, Regierungsgebäude, Einkaufszentren und Gebäude der öffentlichen Medien in Schutt und Asche. Zu dieser Zeit hatte die Revolte sich bereits jeglicher spezifischer Forderungen entledigt, da sich Menschen mit diversen Hintergründen und von verschiedenen Orten auf den Straßen inmitten der Proteste und Riots gegenseitig fanden und einen gigantischen Riss in das neoliberale System Chiles und sein System kapitalistischer/ extraktivistischer [1] Ausbeutung, das das ganze Gebiet betrifft, sprengten.

Seit Sonntag, dem 20. Oktober erklärte die Regierung in den Städten, in denen Aufstände stattfanden, den Ausnahmezustand und verhängte Ausgangssperren, dennoch breiteten sich die Riots weiterhin entgegen der Verbote bis in die späte Nacht aus und zeigten, dass die Wut und Gewalt, die die Menschen gegen die herrschende Ordnung entfesselten, die Angst und Passivität, die seit Dekaden in großen Teilen der chilenischen Bevölkerung geherrscht hatte, gebrochen hatte.

Dritter Akt: Die Würde und der Kampf gegen die Strategie der staatlichen Repression

Seit Beginn des Ausnahmezustands verschärfte sich die staatliche Repression und verbreitete sich auch offen innerhalb der verschiedenen aufständischen Regionen.

Als Anarchist*innen wollen wir klarstellen, dass wir uns nicht in die Opferrolle begeben wollen, dennoch ist es immer gut, Informationen über die Strategien zu teilen, die die Herrschaft gegen die Aufständischen und die rebellische Bevölkerung im Allgemeinen anwendet.

Im derzeitigen Kontext umfasste das repressive Arsenal des chilenischen Staates folgendes:

  • Über 2000 Menschen wurden verhaftet und mehr als 15 Menschen wurden ermordet. Außerdem werden unzählige Menschen vermisst.
  • Der Beschuss von Demonstrant*innen mit verschiedenen Arten von Projektilen, darunter Tränengas, Gummigeschossen und andere Kriegswaffen, verletzt und tötet eine wachsende und unbestimmbare Zahl von Menschen auf den Straßen. Außerdem wurden Tiere und Menschen, die auf den Straßen leben, ebenfalls durch den Beschuss verletzt und getötet.
  • Physische und psychische Angriffe, sowie sexuelle Übergriffe und Folter gegen festgenommene Menschen auf öffentlichen Straßen, in Fahrzeugen und Polizeiwachen.
  • Entführungen von Menschen mit Polizeifahrzeugen und zivilen Fahrzeugen. Es kursierten Bilder von Menschen, die in den Kofferraum von Polizeifahrzeugen gesperrt waren.
  • Schüsse von hinten auf den Straßen gegen Menschen, denen die falsche Hoffnung gegeben wurde, dass sie einer Verhaftung entkommen könnten.
  • Gefälschte Genehmigungen, um Supermärkte zu plündern, die von Polizei und Militär erteilt werden und die in Verhaftungen und Ermordungen resultieren, die später zu Toten in Folge von Riots erklärt werden.
  • Feuer auf großen Firmengrundstücken, die von den Repressionsorganen gelegt wurden, damit die Firmen Geld von den Versicherung bekommen. In einigen dieser Feuer sind verbrannte Leichen entdeckt worden.
  • Menschen werden aus fahrenden Polizeiautos geworfen und dann erschossen.
  • Aufknüpfen der Körper getöteter Menschen auf unbebauten Flächen und Erhängung lebender Menschen in Polizeibarracken.

Die massive Nutzung von sozialen Netzwerken wie Instagram, Twitter und Facebook erlaubten die sofortige Verbreitung unzähliger audiovisueller Beweise der oben beschriebenen Situationen, die von sogenannten „alternativen“ Veröffentlichungsgruppen verbreitet werden, die den Kämpfen verbunden sind und die die von der Regierung entwickelte und von den öffentlichen Medien, die schon immer der Macht dienten, unterstützte Kommunikationsstrategie durchbrechen.

Die Kommunikationsoffensive der Regierung stellt einen anderen Teil der Repression dar, indem versucht wird, die Meinung der Menschen mit den folgenden Methoden zu beeinflussen:

  • Zensur und Kontrolle der Informationen, um heuchlerisch die Aufnahmen von Repression zu verbergen, zu rechtfertigen und/oder anzuzweifeln.
  • Im Fernsehen übertragene Reden von Regierungsvertreter*innen, in denen diese eine soziale Krise bemerkt haben, die nun mittels eines „neuen sozialen Vertrags“ gelöst werden soll.
  • Es wird explizit von einem Kriegszustand gegen eine*n interne*n Feind*in gesprochen, die*der angeblich den Plan verfolgen soll, Chaos zu säen und kleine Läden, Schulen und Krankenhäuser anzugreifen. Besonders viel Aufmerksamkeit hat mensch der Kriminalisierung der Plünderer*innen und Vandal*innen gewidmet. Außerdem wurde in einem Bericht im Staatsfernsehen erwähnt, dass die Riots von nihilistischen anarchistischen Zellen organisiert worden seien.
  • Eine beständige Berichterstattung während des ganzen Tages, die die Angst vor Nahrungsmittelknappheit wegen der Plünderungen schürt und die Idee verbreitet, dass die Diebstähle auch auf gewöhnliche Haushalte übergreifen würden.
  • Die Unterteilung der Demonstrant*innen in gute, legitime und friedliche Demonstrant*innen und gewalttätige, gegen die jede Form der Repression gerechtfertigt sei.
  • Die Präsentation eines Plans für ökonomische und soziale Maßnahmen, in dem Versuch Interesse für eine Lösung der existierenden Krise zu zeigen.
  • Die Darstellung des Militärs als Kräfte zum Schutz und für den Frieden.

Glücklicherweise hatte die repressive Kommunikationsstrategie der diskreditierten Regierung nicht den gewünschten Effekt und der Ungehorsam blieb trotz der Tatsache erhalten, dass einige ewig unterwürfige und gehorsame Bürger*innen mit der Macht zusammenarbeiteten, indem sie sich freiwillig an der Reinigung der Straßen und der Überwachung der Viertel beteiligten, indem sie gelbe Westen trugen und diesem Kleidungsstück eine vollständig andere Bedeutung gaben als die Revolte, für die es nach den wilden Protesten in Frankreich bekannt wurde.

Unsere Anarchistische Position: Notizen zu einem Nachspiel, das noch nicht existiert

Zwischen Mittwoch, dem 23. Oktober und Donnerstag, dem 24. Oktober versuchten sich die Regierung und die Repressionsorgane darin, ein freundlicheres Gesicht zu zeigen, angesichts der anhaltenden Demonstrationen und der großen Zahl an Ursachen für Aufstände, zu denen die dauernde Enthüllung von Beweisen für repressive Handlungen und das öffentliche Bekanntwerden einer als geheimes Gefangenenlager genutzten U-Bahnhaltestelle und Berichte, dass dort gefoltert würde, hinzu kamen.

Dieser Tage scheint es Anzeichen dafür zu geben, dass die allgemeine Revolte ein wenig an Intensität verliert, was vermutlich der Situation der tagelangen, permanenten Proteste mit ständigen Unruhen und Konfrontationen geschuldet ist. Einige von uns sind der Meinung, dass das dem Prozess einer fortschreitenden Befriedung den Weg ebnen könnte, in der einige Kessel der Revolte fortdauern und sich die selektive Repression gegen Menschen, die bereits für ihr Engagement in sozialen Bewegungen, Kollektiven und im Umfeld radikalen Kampfes bekannt sind, verschärfen könnte. Tatsächlich wurden Menschen mit Verbindungen zu studentischen und Umwelt-Bewegungen bereits verhaftet.

Ungeachtet dessen, was kommen wird, wissen diejenigen von uns, die schon lange vor dem aktuellen sozialen Ausbruch die Macht und Autoritäten angegriffen haben, dass all die oben aufgelisteten Praktiken der Repression und Kommunikation Teil des repressiven Arsenals sind, mit dem wir und andere Gruppen in der gesamten Geschichte des Staates und der Autoritäten konfrontiert waren. Heute werden wir Zeug*innen einer postmodernen Erneuerung von Methoden und Strategien, die bereits in früheren diktatorischen und demokratischen Regimen in Chile, Lateinamerika und dem Rest der Welt angewandt wurden, wenn die Interessen der Herrschaft gefährdet waren und sie nicht zögerte, ihr wahres Gesicht der geplanten und systematischen Unterdrückung zu zeigen.

Wir wissen, dass die Feindschaft und Angriffe auf die Herrschaft seit Jahrhunderten von unzähligen Generationen von Rebell*innen, Aufständischen, Revolutionär*innen und Subversiven jeder Art verfolgt wurden, ebenso wie wir die Gewissheit haben, dass wir, die Anarchist*innen zusammen mit den communities der Mapuche und der vermummten Jugend in den letzten zwei Jahrzehnten Folter, Knast und Tod als Teil der repressiven Politik des Staates angesichts des Widerstands und der anhaltenden Angriffe, die wir gegen die kapitalistische und autoritäre soziale Ordnung ausgeführt haben, erfahren haben.

Heute werden viele Menschen Zeug*in dessen, was wir seit Jahren verbreitet haben: Dass den Mächtigen Täuschung, Folter und Mord gelegene Mittel sind, um die Welt, die sie zu ihrem Profit errichtet haben, zu verteidigen, und dass der einzig mögliche Weg zu einem Ende der Herrschaft über unsere Leben mit einer zerstörerischen Rebellion gegen all das beginnt, was uns von denen auferlegt wurde, die versuchen, unsere Existenz zu einem Dasein als Sklave zu machen, die uns unsere Freiheit rauben.

Wir sind uns bewusst, dass alle Feinheiten der staatlichen Repression, sogar die, die vorgeben, wie ein „freundliches“ Gesicht auszusehen, Teil der Aufstandsbekämpfung sind, wie sie ursprünglich in Algerien eingeführt, in den Diktaturen Lateinamerikas verbessert und von Besatzungstruppen im Irak, in Haiti und anderen Teilen der Welt angewandt wurden. Wir wissen genau, dass massive und selektive Repression, Folter, Vernichtung, Versammlungen und Kommunikationsstrategien der psychologischen Kriegsführung keine Neuheit sind und wir leben und erleben diese heute in einem Szenario, das wir nie für möglich gehalten hätten: Wir führen unser tägliches Leben und unsere Kämpfe in einem Ausnahmezustand mit Militär auf den Straßen.

Wir wissen auch, dass die Existenz, die Ausbreitung und der Fortbestand anarchistischer Ideen und Praktiken der Konfrontation während der letzten Dekaden im chilenischen Gebiet ein echtes, lebendiges und dynamisches Element bildeten, das auf gewisse Weise zur Identifizierung von und zum Angriff auf Symbole und Ziele der Macht inmitten der derzeitigen Unruhen und zur Verbreitung einer radikalen, kämpferischen Subjektivität gegen die Welt des Kapitals und der Herrschaft beitrug. Dennoch müssen wir so ehrlich sein zu betonen, dass die Unzufriedenheit, die mit so unvergleichlicher Gewalt im demokratischen Chile ausgebrochen ist, einer allgemeinen Revolte ohne Anführer*innen entspricht, in der die anarchistischen Individualitäten nur eine der vielen Akteur*innen auf den Straßen sind.

Wir haben nie an die guten Absichten der demokratischen Lügen geglaubt, daher sind wir nicht überrascht, dass die repressiven Kräfte ihre Waffen auf Kinder, Alte und Tiere richten. Heute lernen wir auch, mit der Ausgangssperre zu leben, die unsere Mobilität und die Möglichkeit sich unter Freund*innen, Gefährt*innen und Affinitätsgruppen zu umarmen und miteinander zu teilen einschränkt.

Viele Emotionen und Empfindungen sind Tag für Tag und Minute um Minute miteinander verflochten: Wut, Ohnmacht, Nervosität und ein Quäntchen Angst erfüllt die Herzen und den Verstand vieler Menschen.

NICHTS IST ZU ENDE, ALLES GEHT WEITER

HEUTE MEHR DENN JE SETZEN WIR UNSEREN KAMPF GEGEN DEN STAAT, DAS KAPITAL UND JEDE AUTORITÄT FORT.

Sin Banderas Ni Fronteras

 

Dieser Text wurde ursprünglich am 26. Oktober 2019 bei mpalothia veröffentlicht. Diese Übersetzung ins Deutsche folgt der englischen Übersetzung, die bei Anarchists Worldwide veröffentlicht wurde.

Anmerkungen

[1] Extraktivismus bezeichnet in diesem Fall die Ausbeutung natürlicher Ressourcen (in Chile unter anderem beispielsweise Kupfer, Lithium und Gold), die dann auf dem Weltmarkt verkauft werden.

Archipel – Affinität, informelle Organisation und aufständische Projekte (Auszüge)

Originaltitel: „Archipel – Affinité, organisation informelle et projets insurrectionnels“, anonym publiziert in “Salto – Subversion & Anarchie”, Nr. 2. November 2012, Brüssel. Übersetzt aus dem Französischen von Edition Irreversibel, Frühjahr 2014. Im folgenden auszugsweise wiedergegeben.

***

[…]

Keine menschliche Aktivität ist möglich ohne Organisation, zumindest wenn wir unter „Organisation“ die Koordination von mentalen und physischen Anstrengungen verstehen, die für notwendig erachtet werden, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Aus dieser Definition können wir einen wichtigen Aspekt ableiten, der oft vergessen wird: Organisation ist funktional, sie zielt auf die Realisierung von etwas ab, auf Aktion im weitesten Sinne des Wortes. Diejenigen, die heute jeden einfach nur dazu aufrufen, sich zu organisieren, weil ihnen klare Ziele fehlen, jedoch gleichzeitig erwarten, dass sich aus diesem ersten Moment der Organisation der ganze Rest automatisch entwickelt, diejenigen erheben das sich Organisieren zum Ziel in sich. […] [Jedoch ist] eine Organisation fruchtbar, wenn sie nicht von einer banalen quantitativen Präsenz genährt wird, sondern von Individuen, die sie nutzen um ein gemeinsames Ziel zu realisieren. Mit anderen Worten: Es ist es zwecklos zu glauben, dass wir nur indem wir uns organisieren, die Frage des wie, was, wo und warum wir kämpfen durch die Magie des Kollektivs lösen können. Im besten Fall – oder im schlechtesten, abhängig vom Standpunkt – findet man viel, kann man vielleicht auf einen Zug aufspringen, der schon von jemandem gezogen wird und sich einfach mit der eher unangenehmen Rolle des Anhängers abfinden. So ist es nur eine Frage der Zeit bis man der Organisation überdrüssig wird und unbefriedigt mit dieser bricht.

Organisation ist also dem untergeordnet, was man machen will. Für Anarchisten muss es außerdem den direkten Zusammenhang geben, der zwischen dem, was man machen will, dem Ideal für das man kämpft und dem Weg es zu erreichen, existieren muss. Trotz der gegenwärtigen Verschleierung und Wortklauberei, auf mehr oder weniger marxistischen Irrwegen, werden Parteien für ein angebrachtes Mittel gehalten, um politische Parteien zu bekämpfen. Man hört heute immer noch die fortgeschrittene politische Behauptung, dass Produktionskräfte ein Weg sind, um kapitalistische Beziehungen zu beenden, und das in Zeiten, in denen jeder das Ausmaß des industriellen Desasters vor Augen hat. Einige wollen Maßnahmen ergreifen, um alle anderen Maßnahmen überflüssig zu machen. Anarchisten haben nichts mit dieser Art von Zaubertricks zu tun, für sie müssen die Ziele mit den Mitteln übereinstimmen. Autorität kann nicht mit autoritären Organisationsformen bekämpft werden. [Das ist aber nicht gleichbedeutend damit, dass keine Gewalt angewendet werden kann.] […] Jede menschliche Beziehung ist konfliktreich, was nicht bedeutet, dass sie deshalb zwingend autoritär ist. […]

Wenn wir heute denken, dass Affinität und Affinitätsgruppen die angemessenste Form für den Kampf und anarchistische Intervention in die soziale Konfliktualität sind, liegt das daran, dass eine solche Überlegung sehr stark damit zusammenhängt, wie wir diesen Kampf und diese Intervention verstehen.

Es existieren in der Tat zwei Wege, um dieser Frage zu begegnen, zwei Wege, die zwar nicht diametral entgegengesetzt sind, die aber auch nicht vollkommen übereinstimmen.

Zum einen ist da der nicht zu vernachlässigende Bedarf nach Kohärenz. Es stellt sich demnach die Frage, in welchem Maßstab bestimmte anarchistische Organisationsformen (zum Beispiel Syntheseorganisationen mit Programmen, Deklarationen von Prinzipien und Kongressen, wie anarchistische Föderationen oder anarcho-syndikalistische Strukturen) unserer Idee des Anarchismus entsprechen.

Zum anderen die Frage der Tauglichkeit bestimmter organisatorischer Strukturen. Diese Tauglichkeit setzt die Frage mehr in den Kontext historischer Bedingungen, Ziele die erreicht werden wollen (also der organisatorischen Formen, die man am geeignetsten dafür hält) der Analyse der sozialen und ökonomischen Situation… […]

Wir denken, dass der Beitrag zu aufständischen Brüchen oder deren Entwicklung heute die angemessensten anarchistischen Interventionen sind, um gegen Herrschaft zu kämpfen. Unter aufständischen Brüchen verstehen wir bewusst herbeigeführte Brüche, wenn auch temporärer Natur, in Zeit und Raum der Herrschaft, deshalb notwendigerweise einen gewaltvollen Bruch. Obwohl solche Brüche auch einen quantitativen Aspekt haben (weil soziale Phänomene nicht auf eine beliebige Aktion einer Hand voll Revolutionärer reduziert werden können), zielen sie auf die Qualität der Konfrontation ab. Sie zielen auf Machtstrukturen und -beziehungen, brechen mit deren Zeit und Raum und erlauben durch die Erfahrungen und angewendeten Methoden zur Selbst-Organisation und direkten Aktion immer mehr Aspekte der Herrschaft zu hinterfragen und anzugreifen. Kurz gesagt, erscheinen uns die aufständischen Brüche notwendig auf dem Weg in eine revolutionäre Transformation des Bestehenden.

Aus all dem leitet sich logischerweise die Frage ab, wie Anarchisten sich organisieren können, um zu einem solchen Bruch beizutragen. Ohne die stets wichtige Verbreitung anarchistischer Ideen aufzugeben, geht es unserer Meinung nach heutzutage nicht darum, um jeden Preis möglichst viele Leute um den Anarchismus zu versammeln. Mit anderen Worten denken wir nicht, dass starke anarchistische Organisationen nötig sind, deren Einfluss Ausgebeutete und Ausgeschlossene anzieht, ein quantitatives Vorspiel für diese Organisationen, die wiederum (wenn die Zeit reif ist) das Signal für den Aufstand geben werden. Darüber hinaus denken wir, dass es undenkbar ist, dass heutzutage aufständische Brüche von Organisationen ausgehen können, die die Interessen einer bestimmten sozialen Gruppe vertreten, ausgehend von zum Beispiel mehr oder weniger anarcho-syndikalistischen Formen. Die Integration solcher Organisationen ins demokratische Management entspricht tatsächlich perfekt der heutigen kapitalistischen Ökonomie. Eben diese Integration hat jeden erhofften Übergang von einer defensiven Position zur Offensive unmöglich gemacht. […]

Affinität und Affinitätsgruppen

Viele schrecken vor Affinität zurück. Es ist in der Tat sehr viel einfacher und weniger anstrengend, irgendwo beizutreten – sei es einer Organisation, einer permanenten Versammlung oder einer Szene – und deren formale Charakteristiken aufzunehmen und zu reproduzieren, anstatt eine lange und nie ausgereizte Suche nach Kameraden durchzuführen um Ideen, Analysen und eventuelle Projekte zu teilen. Denn Affinität ist genau dies: Ein wechselseitiges Wissen zwischen Kameraden, geteilte Analysen, die zu Perspektiven der Aktionen führen. Affinität zielt deshalb einerseits auf theoretische Vertiefung und andererseits auf Intervention innerhalb der sozialen Konfliktualität ab.

Affinität ist radikal qualitativ. Ihr Ziel ist das Teilen von Ideen und Methoden und nicht das endlose Wachstum. Dennoch scheint die größte Sorge vieler Kameraden, wenn auch gut versteckt, die Zahl der Mitstreiter zu sein. Wie viele sind wir? Wie können wir handeln um zahlreicher zu werden? Aus der Konzentration auf diese Frage und der Feststellung, dass wir heute nicht sehr viele sind, was auch damit zusammenhängt, dass viele unsere Ideen nicht teilen (nein, auch nicht unbewusst), können wir folgern, dass wir, um zahlreicher zu werden, vermeiden sollten, einen zu starken Akzent auf bestimmte Ideen zu legen. Dieser Tage […] denken [sehr viele], der beste Weg, andere kennenzulernen bestehe in „Konsens“-Aktivitäten, wie zum Beispiel Workshops, Konzerte, selbst verwaltete Bars etc. Sicherlich können solche Aktivitäten ihren Platz haben, aber wenn wir die Vertiefung der Affinität betrachten, geht es um etwas anderes. Affinität ist nicht das gleiche wie Freundschaft. Natürlich schließen sich die beiden nicht aus, aber nur weil man bestimmte Analysen miteinander teilt heißt das nicht, dass man auch miteinander schläft, und umgekehrt. Genau wie es auch nicht bedeutet, auf dem gleichen Weg gegen Herrschaft kämpfen zu wollen, nur weil man die gleiche Musik hört.

Die Suche nach Affinität spielt sich auf zwischenmenschlicher Ebene ab. Es handelt sich also nicht um eine kollektive Angelegenheit, eine Sache der Gruppe, wo es immer einfacher wäre, zu folgen, als selbst zu denken. Die Vertiefung der Affinität ist offensichtlich eine Sache des Gedankens und der Aktion, aber im Grunde ist Affinität nicht das Resultat einer gemeinsam ausgeführten Aktion sondern eher der Ausganspunkt, um zur Aktion zu schreiten. Okay, das haben wir verstanden, werden einige erwidern, aber das heißt dann, dass ich viele Leute nicht kennenlernen werde, die gute Kameraden sein könnten, denn auf gewisse Art und Weise würde ich mich selbst mit meiner Affinitätsgruppe von allen anderen isolieren. Es ist richtig, dass die Suche nach und die Vertiefung der Affinität viel Zeit und Energie erfordern und dass es deshalb nicht möglich ist, sie mit allen Kameraden zu generalisieren. Die anarchistische Bewegung eines Landes, einer Stadt oder sogar eines Viertels kann nicht zu einer großen Affinitätsgruppe werden. Es geht nicht darum verschiedene Affinitätsgruppen mit immer mehr Kameraden zu vergrößern, sondern darum eine Vervielfachung von autonomen Affinitätsgruppen möglich zu machen. Die Suche, die Ausarbeitung und die Vertiefung der Affinität führen zu kleinen Gruppen von Kameraden die einander kennen, Analysen teilen und gemeinsam zur Aktion übergehen.

Der Aspekt „Gruppe“ einer Affinitätsgruppe wurde regelmäßig kritisiert, sowohl zu Unrecht, als auch zu Recht. Oft gibt es Kameraden, die den Gedanken der Affinität teilen. Aber sehr viel komplizierter wird es, wenn wir über „Gruppen“ sprechen, die einerseits über einen zwischenmenschlichen Aspekt hinausgehen, andererseits jedoch das „Wachstum“ begrenzen. Die Einwände bestehen meistens daraus, die schädlichen Mechanismen des „intern / extern“, des „innen / außen“, das solche Affinitätsgruppen generieren können, zu unterstreichen […]. Aber dies sind Probleme, die in jeder Organisation vorkommen und nicht exklusiv mit Affinität einher gehen. Es geht also eher darum, zu reflektieren, wie die Suche nach Affinität eine Expansion, eine Verbreitung und Multiplikation zur Folge haben kann statt eine Stagnation und Paralyse zu verursachen.

Eine Affinitätsgruppe ist nicht das gleiche wie eine „Zelle“ einer Partei oder eine urbanen Guerillaformation. Da die Suche nach ihr permanent ist, entfaltet sich Affinität in Permanenz. Sie kann „wachsen“ bis zu dem Punkt, dass ein gemeinsames Projekt möglich wird, andererseits kann sie sich auch „verkleinern“ bis es unmöglich wird, irgendetwas zusammen zu machen. Das Archipel der Affinitätsgruppen verändert sich deshalb konstant. Auf diese konstante Veränderung wird von Kritikern oft hingewiesen: Man kann nicht darauf aufbauen da es keine stabile Konstellation ist. Wir sind vom Gegenteil überzeugt: man kann nichts rund um organisatorische Formen aufbauen, die sich um sich selbst drehen, weg von den Individuen die Teil davon sind. Denn früher oder später, bei ersten Rückschlägen, werden ohnehin Entschuldigungen und Ausflüchte auftauchen. Der einzig fruchtbare Boden auf dem wir bauen können ist die gemeinsame Suche nach Affinität.

Schlussendlich wollen wir noch aufzeigen, dass ein weiterer Vorteil dieser Form der Organisation ihre starke Widerstandsfähigkeit gegen repressive Maßnahmen des Staates ist, da sie keine repräsentative Basteien, Strukturen oder Namen zu verteidigen hat. […] Affinität ist eine sehr schwer zu korrumpierende Basis, eben weil sie von Ideen ausgeht und sich entlang dieser entfaltet.

Informelle Organisation und Projektualität

Wir glauben, dass Anarchisten die größte Freiheit in Autonomie und Bewegung haben, um in soziale Konflikutalität zu intervenieren, indem sie sich selbst in kleinen auf Affinität basierenden Gruppen organisieren, statt in großen Formationen oder in quantitativen Organisationsformen. Natürlich ist es wünschenswert und oft auch notwendig, dass diese kleinen Gruppen fähig sind zu einem gegenseitigen Verständnis zu gelangen. Und nicht um sich in ein Moloch oder eine Phalanx zu verwandeln, sondern um spezifische und gemeinsame Ziele zu realisieren. Deshalb bestimmen diese Ziele die Intensität der Kooperation, der Organisation. Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass eine Afffinitätsgruppe eine Demonstration organisiert, aber in vielen Fällen ist die Koordination zwischen den verschiedenen Gruppen wünschenswert und notwendig um ein spezifisches, zeitlich begrenztes Ziel zu realisieren. Die Kooperation kann auch intensiver sein, im Falle eines mittelfristigen Kampfes, wie zum Beispiel ein spezifischer Kampf gegen eine Machtstruktur (der Bau eines Abschiebezentrums, [etc.]). In diesem Fall könnte man von informeller Organisation sprechen. Organisation, weil es um Koordination von Wille, Mitteln und Kapazitäten der verschiedenen Affinitätsgruppen und Individuen geht, die ein zeitlich begrenztes spezifisches Projekt teilen. Informell, weil es nicht darum geht, irgendeinen Namen zu vermarkten, die Organisation in ihrer Quantität zu stärken, ihr formell beizutreten oder sich einem Programm oder einer Deklaration von Grundsätzen zu verschreiben, sondern um eine agile und lockere Koordination, um den Bedürfnissen eines Projekts des Kampfes gerecht zu werden.

In gewisser Weise findet informelle Organisation auch auf der Basis von Affinität statt, aber sie geht über den interindividuellen Charakter hinaus. Sie existiert nur in der Präsenz einer gemeinsamen Projektualität. Eine informelle Organisation ist deshalb direkt in Richtung Kampf orientiert, und kann nicht unabhängig von ihm existieren. Wie wir vorher erwähnten, hilft sie gewissen Anforderungen eines Projekts des Kampfes gerecht zu werden, die von einer einzelnen Affinitätsgruppe nicht oder nur schwer allein gestemmt werden können. Sie kann beispielsweise die Mittel die wir als notwendig erachten, zugänglich machen. Deshalb hat die informelle Organisation nicht das Ziel, alle Gefährten unter einer Flagge zu vereinen, oder die Autonomie der Affinitätsgruppe und Individualitäten zu reduzieren, sondern dieser Autonomie einen Dialog zu ermöglichen. Es geht bei informeller Organisation nicht darum, alles gemeinsam zu machen, sie ist vielmehr ein Werkzeug, um einem gemeinsamen Projekt durch die spezifischen Interventionen von Affinitätsgruppen und Individualitäten Gestalt zu geben.

Was bedeutet es ein Projekt zu haben? Anarchisten wollen die Zerstörung jeder Autorität, wir können also davon ausgehen, dass sie permanent Wege suchen, um dieses Ziel zu erreichen. Mit anderen Worten, ist es sicherlich möglich Anarchist und aktiv zu sein, ohne ein spezifisches Projekt des Kampfes zu haben. Tatsächlich ist es das, was im Allgemeinen passiert. Entweder Anarchisten folgen den Anweisungen der Organisation, der sie angehören (das scheint der Vergangenheit anzugehören), oder sie warten auf Kämpfe, an denen sie teilnehmen können, oder sie versuchen so viele anarchistische Aspekte wie möglich in ihr tägliches Leben einzubringen. Keine dieser Haltungen lässt die Anwesenheit einer realen Projektualität vermuten – was, um es klarzustellen, diese Gefährten nicht weniger anarchistisch macht. Ein Projekt basiert jedoch auf der Analyse des sozialen, politischen und ökonomischen Kontextes, in dem man sich selbst befindet, und von dem ausgehend man eine Perspektive entwirft, die einem erlaubt, kurz- oder mittelfristig zu intervenieren. Deshalb umfasst also ein Projekt Analysen, Ideen und Methoden, koordiniert um ein Ziel zu erreichen. […] Man kann sich [beispielsweise] dazu entscheiden, gegen Abschiebungen zu kämpfen, gegen die Verschlechterung der Überlebensbedingungen, gegen Knäste… weil all diese Dinge einfach unvereinbar mit seinen Ideen sind. Ein Projekt zu entwickeln würde eine Analyse erfordern um zu verstehen, wo eine anarchistische Intervention am interessantesten wäre, welche Methoden zu nutzen wären, wie man sich vorstellen könnte, einen Impuls oder eine Intensivierung der konfliktuellen Spannung in einer bestimmten Zeitspanne auszulösen. Es ist selbstverständlich, dass solche Projekte oft der Anlass sind, sich informell, in einer Koordination der verschiedenen Gruppen und anarchistischen Individualitäten, zu organisieren.

Deshalb kann eine informelle Organisation nicht gegründet, gebildet oder abgeschafft werden. Sie wird auf einem komplett natürlichen Weg geboren, erfüllt die Bedürfnisse eines Projekts des Kampfes und verschwindet wenn das Projekt realisiert ist oder es als nicht mehr möglich oder nicht mehr angemessen zu realisieren bewertet wird. Sie stimmt nicht mit der Gesamtheit des gerade stattfindenden Kampfes überein: die vielen organisatorischen Formen, die verschiedenen Treffpunkte, die Versammlungen etc. die vom Kampf produziert wurden, werden unabhängig von der informellen Organisation weiterexistieren, was nicht heißt, dass Anarchisten nicht auch dort präsent sein können.

***

[…]

Kurz

Wenn es nicht mehr darum geht, wie man Menschen für den Kampf organisieren kann, ist die neue Frage, wie man den Kampf organisieren kann. Wir denken, dass Archipele aus voneinander unabhängigen Affinitätsgruppen, die gleiche Perspektiven und konkrete Projekte des Kampfes haben, der beste Weg sind, um direkt in die Offensive zu gehen. Diese Konzeption bietet die größte Autonomie und das breiteste Spektrum möglicher Aktionen. Im Rahmen aufständischer Projekte ist es nötig und möglich, Wege der informellen Organisation zu finden, die die Auseinandersetzung zwischen Anarchisten und anderen Rebellen erlauben, Formen der Organisation, die nicht dazu gedacht sind fortzudauern, sondern auf ein spezifisches und aufständisches Ziel ausgerichtet sind.

Revolutionäre Solidarität

von Pierleone Porcu

Es gibt viele Wege, um Solidarität mit GefährtInnen zu demonstrieren, welche vom Staat kriminalisiert werden, wobei jeder davon ein direkter Ausdruck der Form ist, in der man im allgemeinen sozialen Zusammenprall interveniert.

Da sind diejenigen, die Solidarität darin sehen, diesem oder jenem inhaftierten Gefährten, mit einem sozialen Dienst unter die Arme zu greifen, und das ist die Form in der sie ihre Aktivität ausüben: nach AnwältInnen suchen, Kleider und Geld in den Knast schicken, Besuche und so weiter. Diese rein humanitäre Solidarität, überträgt sich auch in die Errichtung von Verteidigungs Kommitees und dementsprechenden Kampagnen, die darauf ausgerichtet sind, die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Dann gibt es jene, die Solidarität als eine strikt politische Sache betrachten und sich damit beschäftigen, einen Haufen “Unterscheidungen” zu machen, die darauf abzielen, das Bild ihrer eigenen Aktivität, nicht zu kompromitieren. Aus opportunistischen Gründen, verteidigen und zeigen sie Solidarität mit denjenigen, die sich selbst als unschuldig erklären und nicht mit denen, die Verantwortung für ihre eigenen Aktionen übernehmen.

Andere bringen sofort Flugblätter und Broschüren heraus, in formeller Solidarität mit dieser oder jener verhafteten Gefährtin, wenn diese sehen, daß es aus der Sicht der politischen Propoganda, etwas zu gewinnen gibt, d.h. sie verkünden Solidarität in Worten, während in deren Praxis keine Spur davon zu finden ist.

Dann gibt es Solidarität in einem ideologischen Zusammenhang. Das ist der Fall der Marxisten-Leninisten, in der Version der revolutionären Kampfpartei. Diese zeigen Solidarität mit denen, dessen Haltungen den eigenen ähnlich sind, und halten Abstand zu denen, die ihre eigene politische Linie oder Strategie nicht teilen oder erkennen. Oftmals unter Verwendung von Zensur und Ächtung gegenüber jenen, die sie als unbequem betrachten.

Welchen Sinn denken wir also, sollte revolutionäre Solidarität haben?

Der erste Aspekt ist der, Solidarität als eine Erweiterung der aufständischen sozialen Praxis zu sehen, die man bereits innerhalb des Klassenzusammenpralls ausführt. D.h. als eine direkte Demonstration von Aktionen gegen alle Strukturen der Macht, die im eigenen Umfeld präsent sind, egal ob groß oder klein. Denn diese Strukturen müssen in jeder Hinsicht für alles als verantwortlich bezeichnet werden, für was in der sozialen Realität passiert, einschließlich der Kriminalisierung und Verhaftung von GefährtInnen, wo auch immer diese sein mögen. Es wäre kurzsichtig, die Frage der Repression gegen GefährtInnen zu etwas zu reduzieren, das strengstens mit dem legalen und polizeilichen Apparat verknüpft ist. Die Kriminalisierung und Verhaftung von GefährtInnen, sollte im Kontext des sozialen Kampfes als Ganzes gesehen werden, gerade weil diese immer die eiligen Mittel sind, die der Staat verwendet, um die Radikalisierung überall abzuschrecken. Ganz gleich wie groß oder unbedeutend er sein mag, so macht doch jeder Akt der Repression,Teil der Beziehungen des sozialen Kampfes aus, welcher gegen die Herrschaftsstrukturen im Gange ist.

Der zweite Aspekt ist, daß jeder revolutionärer Gefährte, jede Gefährtin, schon aus Prinzip verteidigt werden sollte, ungeachtet der Anschuldigungen, die vom staatlichen Justiz und Polizeiapparat, gegen ihn oder sie vorgebracht werden. Zu allererst weil es darum geht, ihn oder sie aus seinen Klauen zu entreißen, d.h. aus der Position des/der „Gegeiselten“, zu der er oder sie reduziert wurden. Darüber hinaus dreht es sich auch darum, die Gelegenheit nicht zu verpassen, den Angriff gegen das “Gesetz” zu intensivieren, welches dazu dient, die Äusserungen aller Machtsbeziehungen, innerhalb der bestehenden Ordnung, zu regulieren.

Beim dritten Aspekt handelt es sich um die Weigerung, die Logik der Verteidigung zu akzeptieren, die inhärent im verfassungsgebenden Gesetz liegt, so wie etwa das Problem der “Unschuld” oder “Schuld” der involvierten GefährtInnen. Wir haben mehr als genug Gründe dafür, um sie zu verteidigen und niemand kann den politischen Opportunismus rechtfertigen, dies nicht zu tun. Wir können und dürfen uns selbst nicht als AnwältInnen betrachten, sondern als revolutionäre AnarchistInnen, die an allen Fronten im Krieg sind, gegen die verfestigte soziale Ordnung. Wir wollen diese Gesellschaft von unten nach oben radikal zerstören und wir sind nicht daran interessiert über diese Ordnung zu urteilen, wie sie ein Urteil über uns fällt. Aus diesem Grund, bezeichnen wir jegliche Verurteilung, die von den staatlichen Geiern gegen ProletarierInnen in der Revolte gefällt werden, und mehr noch, wenn diese GefährtInnen sind, als eine Verurteilung gegen uns selbst und als solche rächen wir sie mit all den Mitteln, die wir als passend erachten, gemäß unserer Veranlagung und unserer persönlichen Neigung.

Der vierte und letzte Aspekt, bezieht sich auf unser Verhalten gegenüber den inhaftierten GefährtInnen. Wir fahren fort, uns ihnen gegenüber auf die selbe Weise zu verhalten, wie zu der Zeit, als sie nicht im Knast waren. Das bedeutet, daß wir mit der revolutionären Solidarität immer und in jedem Fall eine radikale Kritik vereinen. Wir können und werden Solidarität mit inhaftierten GefährtInnen zeigen, ohne uns dafür ihren Ideen zu verschreiben. Diejenigen, die Solidarität zu inhaftierten GefährtInnen zeigen, teilen nicht unbedingt deren Meinungen und Sichtweisen, und umgekehrt. Wir unterstützen alle inhaftierten GefährtInnen aber nur bis zu dem Punkt hin, wo das, was wir für sie tun, nicht in Kontrast oder in Widerspruch kommt, mit unserem revolutionären aufständischen Dasein. Unseres Beziehung ist einzig jene zwischen rebellierenden sozialen Revolutionären, nicht die von eintauschbaren Positionen. Wir opfern nicht den geringsten Teil von uns selbst, genau so, wie wir von anderen nicht erwarten dies zu tun.

Wir sehen Solidarität als eine Art Komplizenschaft, dem wir wechselseitiges Vergnügen entnehmen können. Es soll in keiner Weise eine Pflicht oder ein Opfer für die “gute und heilige Sache” sein. Es geht immer um unsere Sache, um uns selbst.

Deswegen ist revolutionäre Solidarität von primärer Bedeutung, in der Entwicklung der eigenen anarchistischen aufständischen Aktion; womit sie den Sinn bekommt, der ihr zusteht. Denn simple materielle Unterstützung, würden wir jedem Freund der im Knast endet, zukommen lassen.

Revolutionäre Solidarität macht einen wesentlichen Teil unseres Daseins als aufständische AnarchistInnen aus. Dies in einer Dimension, in der sie ein ununterbrochener Schwerpunkt darstellt und zwar einfach weil sie keine Unterbrechung bedeutet, sondern eine Fortsetzung und Ausbreitung von dem, was wir bereits tun.

Original: Solidarietà rivoluzionaria, Anarchismo n.72, Mai 1993, pp.8-9. Übersetzt aus dem Englischen im Juli 2008 von Amplexus Publikationen.