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Bye-Bye, Moria

[[Hastige Übersetzung eines – eher aktivistischen – Textes, der angesichts des brennenden Morias einige Fragen der Solidarität aufwirft, die angesichts der hießigen „Solidaritätsdemonstrationen“ und karitativen Forderungen auch tausende Kilometer entfernt einige Relevanz zu besitzen scheinen.]]

Wenn ein Gefängnis niederbrennt können diejenigen von uns, die auch nur für einen kurzen Moment den Zustand des Eingesperrt-Seins erlebt haben, nur vor Freude beben. Ungeachtet dessen, ob nach seiner Zerstörung ein neues errichtet werden wird und ungeachtet dessen, ob die Zellen nach der Flucht einiger Gefangener aufs neue gefüllt werden, kann uns die Tatsache einer Flucht nur mit Freude erfüllen. Schließlich ist der Kampf für die Beseitigung jedes Gefängnisses Teil des Kampfes für individuelle und soziale Befreiung, genau hier und jetzt.

Am Abend des Dienstag, den 8. September 2020 ging eines der meistgehassten Gefängnisse in Europ in diea in Flammen auf. Es war nicht das erste Mal, dass einige Personen versucht hatten, das Konzentrationslager von Moria niederzubrennen. Beinahe täglich brachen kleinere Feuer aus, als Resultat der Entrüstung oder der explosiven Zustände, unter denen die Menschen dort lebten. Dieses Mal jedoch, war es nicht das Gleiche. Die Herzen der Menschen waren versteinerter denn je zuvor und ihre temporären Besitztümer sahen eher aus wie Brandbeschleuniger, als wie Waren. Am selben Tag kam es wieder einmal zu sich ausbreitenden Zusammenstößen, als die Polizei-Ärzt*innen eintrafen, um die vollständige Abschottung des gesamten Camps und die Isol in dieation von Insass*innengruppen innerhalb des Camps anzuordnen. Nur wenige Tage zuvor hatte der Staat entschieden, eine Mauer zu errichten, die all die Slums um das Camp Moria einschließen sollte. Noch ein paar Tage zuvor hatte der UNHCR (Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen) entschieden, die ohnehin schon geringe finanzielle Unterstützung für die Insass*innen zu kürzen. Einige Monate zuvor wurden in dem Camp Einschränkungen im Namen der öffentlichen Gesundheit verordnet. Seit Jahren schon gibt es im Camp keinerlei Perspektive mehr. All das und noch viel mehr führte dazu, dass sich die Gefangenen mit Steinen bewaffneten und sich den Löschfahrzeugen in den Weg stellten, um sicherzustellen, dass die Flammen ihre gesamte Hölle ergreifen würden. Raum für Raum öffneten sie die bürokratischen Strukturen des Prokrustes und brannten sie nieder, wieder und wieder, sowie am nächsten Tag und am Tag danach, bis sie sichergestellt hatten, dass diese nie wieder zurückkommen würden.

Diejenigen, die Angst vor Veränderungen haben, werden alles tun, um die vorherige Situation wiederherzustellen. Wir alle, die weißen Europäer*innen, die aufmachen, um zur Arbeit zu gehen und in der täglichen Routine verhältnismäßigen Überflusses und antizipierter Emotionen gefangen sind, sind von der gewalttätigen Effektivität des Feuers verstört. Wir sind verstört davon, wie leicht und schnell sich das verändert, was so unverwüstlich gewirkt hatte. Die Kapitalinteressen der Menschen benannten eine Reihe von Dämonen als Verantwortliche für das Feuer. Türkische Agent*innen, verborgene Herrscher*innen, Jihadist*innen, lokale Faschist*innen, Faschist*innen aus dem Ausland stolzierten durch die Fantasien der Spießbürger*innen, in dem Versuch zu befrieden und zu vermitteln. Es ist dieses dunkle Gewebe, mit dem wir unsere Augen verbinden, um der Realität nicht ins Auge sehen zu müssen, um nicht damit konfontiert sein zu müssen, Stellung zu beziehen. Egal, welcher Teufel das Feuer gelegt hat, kann dieser Akt doch nicht von dem Kinderlachen, den Jubelschreien der Menge, die sich wie in Extase von ihrem Gefängnis verabschiedete, getrennt werden. Dieser Akt kann nicht getrennt werden von den Steinen, die bis heute, eine Woche danach, in Richtung der Folterknechte geworfen werden. Dieser Akt steht in Zusammenhang mit der Weigerung der Menschen, sich in ein neues Konzentrationslager zu begeben, ihrer Weigerung gefüttert zu werden, ihrer Weigerung, die Wohltätigkeit der „Weißen“ anzunehmen.

Eine Woche später sind 13.000 Menschen auf einen Bereich der Straße beschränkt, die zum Hafen führt. Tag und Nacht fliegen Polizei- und Militärflugzeuge hunderte von Spezialkräften mit jeder erdenklichen Ausrüstung ein. Von Schiffen werden Wasserwerfer und andere Spezialfahrzeuge entladen. Löschflugzeuge fliegen beständig umher, um die von Aufständischen entfachten Feuer zu löschen, die entweder dazu dienen, das was übrig geblieben ist niederzubrennen, die Versuche ein neues Gefängnis zu errichten zu sabotieren oder um sich selbst von den hunderten Tränengasgranaten zu schützen, die von der Polizei abgefeuert werden. Zugleich fliegen am Himmel von Mytilene alle Arten von Drohnen und Helikoptern, die ihre Bewegungen beobachten und die Repression zu organisieren, von der Stunde um Stunde erwartet wird, dass sie ihren Höchststand erreicht.

Sicher sind nicht all diese Menschen vereint und genausowenig können wir sie alle als Rebell*innen bezeichnen. Ihre rassistischen und internen Konflikte wurden nicht zuletzt auch durch die miserablen Bedingungen unter denen sie gelebt hatten, geschürt. Dennoch können wir eine bedeutende revoltierende Menge beobachten, die keinen Schritt zurück akzeptiert. Sie sehen ihre Zukunft im Feuer und kämpfen Stein für Stein um ihre Freiheit. Die gleichen Menschen sind an direkten Aktionen beteiligt, zum Beispiel daran, agressiv Nahrung zu verweigern, agressiv Humanitäre Hilfe abzulehnen oder sich agressiv dem neuen Narrativ der Macht zu verweigern. Betrachtet man die Sorge einiger „weißer“ Menschen hinsichtlich der Nahrung und den Annehmlichkeiten der Aufständischen, genügt es, ihre Slogans anzuhören: „Wir wollen kein neues Camp, wir wollen Freiheit“, „Wir wollen keine Nahrungsmittel, wir wollen Freiheit“.

Beachtet man das oben genannte, ist es wichtig, die Sackgassen, in die sich solidarische Menschen und Anwohner*innen verrannt haben, zu bemerken. Die Bmühungen um ein humanitäres Management der chaotischen Situation, die auf die Aufstände folgten, ersetzte die anfängliche Benommenheit, die die solidarischen Menschen überkommen hatte. Die ersten Gedanken drehten sich um Nahrungsmittel, Kleidung, Unterkunft, Sicherheit vor Faschist*innen, usw. Dieser Ansatz kann zumindest als überholt betrachtet werden, wenn wir an die tausenden Portionen Essen denken, die aufgrund der Weigerung der Aufständischen zur vorherigen Normalität des humanitären Managements zurückzukehren im Müll landeten. Seit nunmehr fünf Jahren hat sich auf der Insel ein Multimillionengeschäft etabliert, durch das verschiedene systemische und nicht-systemische Akteur*innen reich werden und das die Befriedigung der grundlegenden Bedürfnisse der Gefangenen übernahm. Schlimmer noch, professionelle humanitäre Organisationen sind besorgt über eine Situation, die ihre Investitionen bedroht und schlagen mit ihrer aktiven Beteiligung am Wiederaufbau eines neuen Camps in Zusammenarbeit mit Polizei und Militär eine Rückkehr zur Vergangenheit vor. Wenn wir all das zusammenfügen stehen wir vor der zeitlosen Sackgasse  einer Solidarität, die mit Wohltätigkeit und der Logik der Viktimisierung flirtet, anstatt sich dem Kampf der Aufständischen anzuschließen und sie auf eine Art und Weise zu stärken, die ihre Forderungen aktiv vertritt.

Auf der anderen Seite hat eine Gruppe lokaler Anwohner*innen, die kontinuierlich die Schließung des Camps Moria forderten, ungeachtet ihres rassistischen Ansatzes eine effektivere Antwort auf die Forderungen der Aufständischen gefunden, indem sie eine Blockade errichteten und die Ankunft von Maschinen verhinderten, die das niedergebrannte Areal säubern sollten, so dass es wieder in Betrieb genommen werden könne. Sie richteten ihre Agression auch gegen den Minister für Immigration, den sie nicht passieren ließen. Der Kampf der Anwohner*innen kann tatsächlich als Spannungsfeld zwischen Hoffnungslosigkeit, Täuschung, persönlichen Ambitionen und Sackgassen betrachtet werden. Angesichts des Menschenhandels, den die globalen Interessensvertreter*innen offen aufbauen und angesichts der gigantischen staatlichen Aufrüstung sind sie Schritt für Schritt durch die Sackgasse humanitärer Verwaltung hin zur rassistischen Krankheit gelangt. Sie sind der Führung durch Politiker*innen mit geheimen Agenden und ehrgeizigen Anführer*innen, die im Strudel der Interessen nach oben gelangen, überlassen und schon bald werden die Ergebnisse genau das Gegenteil davon sein, was die Menschen erwarten.

Diejenigen von uns, die die griechische Gesellschaft seit Dekaden kennen, können von ihrem offensichtlichen Konservatismus nicht überrascht sein. Rassismus, Nationalismus, Patriarchat und Befriedung sind tief in der grichischen Gesellschaft im Allgemeinen verankert. Selbst wenn sich einige bourgeoise „gute Manieren“ während der kurzen Periode eines temporären Wohlstands der Gesellschaft etablierten, so waren doch Distanzierung und Gleichgültigkeit nichts weiter als eine künstliche Tarnung des obigen. Angesichts der derzeitigen Situation ist es heuchlerisch über 10 bis 100 Faschist*innen zu reden oder über das Verhalten einer politischen Partei. Das ganze „demokratische Spektrum“ in Lesbos begegnete dem großen Fest des brennenden Morias entweder mit Tränen oder sprach direkt von einer Jauchegrube. Eine Jauchegrube, die die Medien nicht verpassten, aufzubauschen, bis sie die entferntesten Gehirnzellen erreichte. Die Information wird im Sinne der Nationalen Bedrohung behandelt, unterstützt von denen mit den Gesundheits-Bomben. Die Sondereinheiten der Polizei und des Militärs, die die Migrant*innen daran hindern, sich dem Hafen zu nähern, haben sich im Gegensatz dazu, was vor einigen Monaten passiert ist, dieses Mal in ihre Beschützer*innen verwandelt, die sie vor den infizierten Zombies, die das türkische Regime gesandt habe, beschützen. Aber wir alle sind für diese Bilder im Hintergrund verantwortlich. Als wir unter dem Kittel des Arztes nicht die Uniform des Bullen erkannt haben, als die Wissenschaftlichkeit Konzepte wie Selbstbestimmung und Selbstverwaltung unterdrückte, als wir es vermieden gegen den Tanz der Millionen zu kämpfen, der darauf abzielte, Gefangenschaft und Repression zu erzeugen. Als wir es vermieden, so zu sprechen, dass wir uns nicht mit denjenigen, die wir Faschist*innen nannten, identifizieren mussten. Als wir den Rassismus der Gesellschaft unterschlugen, indem wir 10-100 extreme Rechte beschuldigten. Als wir uns mit dem medizinischen Klerus einverstanden erklärten und unsere Augen vor dem heuchlerischen Management, das in den Konzentrationslagern stattfand, verschlossen.

Die Einzige Lösung, die von den Aufständischen geäußert wird, ist keine Lösung. Und wir müssen diese mit all unseren Mitteln und allem in unserer Macht stehenden unterstützen. Während Staaten und humanitäre Organisationen nach Wegen suchen, diese erbärmliche Situation zu verwalten, ist die einzige Rolle, die wir dabei spielen können, sie zu sabotieren. Keine Lösung steht dem Konzept der Vermittlung entgegen. Weil jede Verwaltung durch ein zentrales System der Macht nur teilen, einsperren und isolieren kann.

Wieder einmal müssen wir über die Bedeutung von Solidarität nachdenken. Welche Form der Solidarität erwarten die Aufständischen von uns? In einem Kampf, in dem die Aufständischen ihre Körper geben und materielle Güter den Flammen übergeben, kann Solidarität nicht ein Teller Essen, ein Zelt oder einen Bullen bedeuten. Angesichts des großen Feuers, das Moria niedergebrannt hat, sind kleine Funken der einzige Weg, um mit den Aufständischen zu kommunizieren. Unsere Herzen wurden von den großen Feuern erwärmt, die die Hölle von Moria dem Erdboden gleich machten. Wie immer in solchen Momenten enthüllen die Monster ihre Absichten auf die deutlichste Art. Lasst uns auf ihre Schwächen zielen, bis jede Lösung endgültig zusammenbricht. Bis wir unendlich zerbrechliche Gesellschaften der Gleichheit und Solidarität errichten. Bis jedes Gefängnis dem Erdboden gleich gemacht ist, sowohl innen, als auch außen.

Übersetzung der englischen Version des Textes „Bye-Bye Moria“ bei Indymedia Athen.

Jenseits einer weiteren Geschlechterbinarität

Vorbemerkung der*des Übersetzenden

Der folgende Text entstand um 2016 in Pittsburgh, USA. Ihm liegt also ein etwas anderer Kontext zugrunde, als der, in dem er hier veröffentlicht wird. Insbesondere der Teil des Textes, der sich mit der Entstehung einer neuen Geschlechterbinarität zwischen Femme und Masc auseinandersetzt, mag hier auf den ersten Blick keine Rolle zu spielen. Ich denke jedoch, dass sich wesentliche Aspekte dieser Beobachtung durchaus auf den hiesigen Kontext übertragen lassen. Auch wenn die Binaritäten von Femme und Masc meines Wissens nach keine besonders relevante Rolle im hießigen (anarchistischen) Diskurs um Gender spielen, so lassen sich dennoch ähnliche Dynamiken beobachten, wo etwa „FLINT*“ als Gegenkonstruktion zu „Cis-Männern“ auftritt oder Charakterisierungen von Geschlechteridentitäten als „Nicht Cis-Männer“ existieren.

Auch wenn ich (in den meisten Fällen) die ursprüngliche Absicht der Verwendung solcher Identitäten durchaus in dem Wunsch begründet sehe, die (eigene) Ausgangsposition innerhalb des Systems von Geschlecht zu bestimmen (wie das etwa auch hinsichtlich der Binaritäten „weiß“ und „nicht weiß“ bzw. „PoC“ und „weiß“ beobachtet werden kann), beobachte ich auch, wie diese Bezugnahme auf die (eigene) Ausgangsposition oft zunehmend zur Reproduktion von Geschlechteridentitäten führt. Wenn beispielsweise Kritiken an bestimmten Praxen mit einer (vermeintlichen oder tatsächlichen; ich finde nicht, dass das eine Rolle spielt) „cis-männlichen“ Autor*innenschaft erklärt und damit als „unberechtigt“ beiseitegeschoben werden ohne dass das Anliegen der Kritik einer genaueren Betrachtung gewürdigt wird, was ist das dann anderes als eine Essentialisierung bestimmter Handlungen und Denkweisen als Geschlechter(rollen)? Ob eine*r vom Ausgangspunkt als „FLINT* Person“ oder als „cis-männliche Person“ zu dem Schluss gelangt, die Institutionen des Patriarchats oder von Gender anzugreifen, inwiefern ist dieser Ausgangspunkt dann noch relevant? Und wenn ein solcher Angriff stattfindet, ist es dann relevant, wer – im Sinne einer Identität – ihn ausführt (siehe dazu auch die Debatte um Anonymität mit den „Feministischen Autonomen Zellen“ in Zündlumpen Nr. 72 – Link 1, Link 2 – und 48)? Ist es relevant, ob eine „FLINT*-Person“, ein „cis-Mann“ oder eine Person, die sich weigert, irgendeine dieser Identitäten anzunehmen, diesen ausführt? Immerhin ist das verfolgte Ziel – die Zerstörung von Patriarchat – ja das gleiche, oder nicht? Und wenn ich zu dem Schluss käme, dass – eine gleiche oder zumindest kompatible Analyse und das allseitige Ziel der Zerstörung von Patriarchat und Geschlechterrollen vorausgesetzt – die Identität der Angreifer*innen einen Unterschied macht – und zwar jenseits der individuellen Ebene, in der jede*r, egal ob FLINT* oder cis-Mann oder sonstetwas sich auf ihre*seine eigene Weise von ansozialisierten Verhaltensweisen lösen muss –, perpetuiere ich dann nicht sogar eine bestimmte Vorstellung von Geschlechterrollen, zumindest aber die Vorstellung von Gender, als eine Ordnung von zueinander in Beziehung stehenden Identitäten, die der Aufrechterhaltung einer bestimmten Gesellschaftsordnung (Zivilisation) dient?

Dies ist der Kontext in dem ich diesen Text als einen zusätzlichen Beitrag zu dieser und ähnlichen Debatten übersetzt habe.

Jenseits einer weiteren Geschlechterbinarität

Ich gebrauche die Begriffe Patriarchat und Gender in einem austauschbaren Sinne, da ich Gender als einen Herrschafts- und Unterdrückungsapparat betrachte, der sich mit dem Apparat des Patriarchats überlappt und untrennbar mit ihm verbunden ist. Um mehr über diese Betrachtungsweise zu erfahren, empfehle ich die Lektüre von Gender-Nihilismus – Ein Anti-Manifest und Destroy Gender.

Gegen Femme, Gegen Gender, Gegen alle Binaritäten

In den letzten Jahren war innerhalb radikaler Millieus der Trend zu beobachten, den Begriff Femme anstelle von Frau zu gebrauchen. Die Gründe für diese Veränderung der Sprache variieren von Person zu Person, je nachdem wen du fragst, aber der allgemeine Grund für diese Veränderung ist es, „unser“ Verständnis von Patriarchat inklusiver zu machen, um all diejenigen zu integrieren, die sich nicht exakt als Frauen definieren. Wikipedia definiert Femme folgendermaßen:

„Femme ist eine Identität, die von Frauen (inklusive trans Frauen) und nichtbinären Menschen in Bezug auf ihre Weiblichkeit gebraucht wird. Als Gender-Identität markiert sie üblicherweise ein Individuum, das ’nichtbinär ist oder queeren femme Geschlechts und adressiert ganz besonders und in sich feminitätsfeindlichkeit [femmephobia] und die systematische Abwertung von Weiblichkeit als Teil ihrer Politik‘. Die Bezeichnung wird ausschließlich für queere Personen benutzt, unabhängig davon, ob diese sich als weiblich definieren oder nicht.“

Dieser [begriffliche] Austausch ist nicht nur semantischer Natur. Er ist das Ergebnis davon, dass nicht mehr nur Frauen als die unterdrückten Subjekte des Patriarchats gesehen werden, sondern alle femme oder weiblichen Personen. Er ist auch Ausdruck davon, dass Unterdrückung nicht länger nur als die eigene Beziehung zu vergeschlechtlichter Gewalt, sondern auch als die eigene Beziehung zu Ästhetik, Weiblichkeit, Verhaltensweisen und sozialen Normen gesehen wird.

Zuvor bestand „unser“ Verständnis von Patriarchat darin, dass nur Frauen vom Patriarchat und (ver)geschlecht(lichter Gewalt) unterdrückt werden konnten. Das heißt, dass unser Verständnis von Patriarchat niemals tief genug ging, um zu verstehen, dass es eine Vielzahl von Erfahrungen und Subjektivitäten gibt, die nicht einfach in eine von zwei Kategorien (Unterdrückte und Unterdrücker*innen, Männlich oder Weiblich, etc.) gepresst werden können. Für jede*n, die*der solche Ideen vertrat, ist es eine positive Entwicklung von dieser strohdummen Analyse des Patriarchats und des Apparats von Geschlecht [Gender] hin zu einer Interpretation, die mehr Erfahrungen als diese beinhaltet. Aber wie alle Interpretationen und Theorien, greift auch diese in ihren Zielen und ihrer Analyse zu kurz. Zu der Bezeichnung femme überzugehen bewirkt wenig, wenn nicht nichts, im Hinblick auf patriarchale Kategorisierung/Identifikation/Normalisierung, Binaritäten, die Reproduktion des Patriarchats oder seiner ökonomischen Grundlagen und es schafft nicht wirklich eine Theorie von Unterdrückung, die alle Subjektivitäteten/Erfahrung einzubeziehen vermag.

Was bedeutet es, Femme zu sein?

Wer ist femme? Wer ist tatsächlich unterdrückt? Wer ist femme genung, um als unterdrückt zu gelten? Sind alle Frauen femme?

Wie bei allen Theorien der Unterdrückung gilt auch hier: wenn es ein/e unterdrückte/s Subjekt/Klasse gibt, dann muss es auch ein/e unterdrückende/s Subjekt/Klasse geben (wie weiße, die nicht-weiße unterdrücken oder die Reichen/Bourgeoisie, die die Armen/das Proletariat unterdrücken). Unter dem vorherigen Verständnis von Patriarchat, in dem Frauen die einzige Klasse bildeten, die von Gender unterdrückt wurden, wurden Männer als die unterdrückende Klasse betrachtet. Dem gegenwärtigen Verständnis von Patriarchat zufolge sind Femme die unterdrückte Klasse und Mascs die Unterdrücker*innen. Alle Identitäten werden dadurch definiert, wer von anderen für wen gehalten wird.

Der Webseite everydayfeminism.com zufolge ist femme „eine explizit queere Bezeichnung, eine Gender-Expression die eine große Bandbreite an Identitäten umfasst. Homosexuelle und queere cis-Männer, trans Männer und genderqueere Leute werden oft als femme identifiziert. Zu sagen, dass Femme nur Frauen wären, transportiert eine vergeschlechtlichte Binarität, die viele Menschen ausschließt.“ Neben der fragwürdigen Verwendung des Begriffs queer als Sammelbegriff versucht diese Definition von femme die Erfahrungen vieler einzubeziehen, die sich nicht als Frauen definieren. Während sie einige femme homosexuelle/trans Männer und nichtbinäre Personen einschließt, schließt sie andererseits Frauen, die nicht femme sind, aus. Frauen, die nicht femme sind, wie butch Frauen und trans Frauen, die ihr Geschlecht verbergen, werden beiseite gelassen, entweder um sie vollständig zu ignorieren oder um als „männlich“ und somit Unterdrücker*innen klassifiziert zu werden. Als ob butch Frauen für die Kämpfe von femmes verantwortlich wären, als ob eine*r als femme homosexueller Mann nicht ein Verfechter patriarchaler Kontrolle sein könne, als ob unsere realen Erfahrungen mit Gender und Gewalt unseren persönlichen Bezeichnungen untergeordnet wären.

Weder Masc, noch Femme, sondern Einzigartig

Dieser Gedankengang bricht nicht damit, eine „Geschlechterbinarität“ zu transportieren, sondern erfindet diese neu, durch die Einteilung der Menschen entlang der Grenzen zwischen Unterdrückt/Femme und Unterdrücker*in/Masc, auch wenn diese Einteilung nicht so strikt auf Gender und Biologismen basiert wie die vorherige (und noch immer dominante) Geschlechterbinarität. Er teilt die Menschen basierend auf Ästhetik und Verhaltensweisen statt basierend auf Biologismen oder Selbstverortung in Kategorien ein. Beinahe alles ist eine Verbesserung zu biologischem Determinismus, aber diese Veränderung geht nicht weit genug, um binäres Denken zu beenden. Bevor mich irgendwer in der Szene nach meinem Namen und meinem Pronomen fragt, werde ich als „Masc“ eingestuft wegen meiner Gesichtsbehaarung und aufgrund der Art und Weise wie ich mich kleide. Meine persönlichen Erfahrungen mit vergeschlechtlichter Gewalt werden nur dann ernst genommen, wenn ich mich als als trans Frau oute. Unsere Theorien sollten vom Ausgangspunkt dessen starten, wie wir vergeschlechtlichte Gewalt in unseren alltäglichen Leben erlebt haben, nicht von Identitäten. Unsere Beziehungen zueinander sollten auf unseren Affinitäten und Ähnlichkeiten zueinander bassieren, anstatt auf den Kategorien einer kleinster-gemeinsamer-Nenner-Politik. Das alltägliche Leben ist viel zu kompliziert, um in zwei Kategorien reduziert zu werden.

Lerne die neue Binarität kennen, sie ist die gleiche wie die alte

Einige Jahre zuvor, bevor die Bezeichnung Femme die allgemein gebräuchliche inklusive Form der Benennung von Personen, die vom Patriarchat unterdrückt werden, wurde, war in radikalen Millieus die Bezeichnung „nicht-Männer“ gebräuchlich. Die theoretischen Mängel von nicht-Männern sind ähnlich zu denen des Begriffs Femme. Baedan, ein antizivilisatorisches, nihilistisches und anarchistisches Magazin, das die Themen Gender, Queerness und Domestizierung behandelt, hat diese theoretischen Mängel herausgearbeitet. Sie kritisieren die Bezeichnung nicht-männer dafür, dass sie nicht die Art von inklusiver Bezeichnung sei, die sie vorgibt zu sein, da sie nicht über binäre Kategorien hinausgeht und sie das Policing der Kategorisierung fortsetzt.

„Eine jüngere Antwort auf diese Kritiken war die Einführung des Konzepts nicht-Männer. Die meisten Versuche, diese Kategorie zu definieren, sind extrem unbeholfen. Manchmal soll dieser Begriff nicht-cismänner bezeichnen, manchmal bedeutet er, dass Schwule bei bestimmten Treffen nicht erwünscht sind. Manchmal bedeutet er schlicht Frauen plus trans Personen. Einige Feminist*innen haben sogar gesagt, dass die Kategorie manchmal ‚emaskulierte Männer of Color‘ umfasse. Für gewöhnlich ist der Begriff nur eine postmoderne Umschreibung für Frauen [1]. Wie andere Kategorien funktioniert auch diese nur dann, wenn sie eine klare Grenze hat und diese Grenze wird immer Schauplatz von Policing sein. Auf jeder Ebene ist dies ununterbrochen problematisch. Die am wenigsten problematischen Definitionen […] sind so vage, dass sie keinerlei praktischen Nutzen haben. Und in der praktischen Anwendung entfalten diese Theorien immer ihre Gewalt. Die Aussicht, dass eine politische Organisation aus vorrangig cisgeschlechtlichen Frauen bestimmen, welche genderqueeren oder transfemininen Individuen nicht-männlich genug sind, um Teil ihrer Gruppen zu werden ist geradezu ekelerregend. Dieses kategoriale Policing spiegelt all die anderen wider. Lerne die neue Binarität kennen, sie ist die gleiche wie die alte. Ein Weg aus diesem Dilemma könnte sein, nicht von Identitäten auszugehen, sondern vielmehr von Erfahrungen. Sich die Mitverschwörer*innen aufgrund geteilter Erfahrungen einer Bandbreite an vergeschlechtlichter Gewalt auszusuchen. Einige Befürworter*innen der Bezeichnung nicht-Männer haben das ähnlich definiert („die, die vergewaltigt werden“, „die, die die Carearbeit leisten“), aber keine dieser Erfahrungen sind auf die Identität beschränkt und ein phänomenologisches oder empirisches Bezugssystem zu akzeptieren würde die Nützlichkeit dieser Kategorie vollkommen zunichte machen. Wenn das Konzept aber entweder nutzlos oder problematisch ist, warum wurde/wird dann so viel Aufwand in den Versuch, das Konzept zu bewahren gesteckt? Was wir hier tatsächlich sehen ist der verzweifelte Versuch, binäre Kategorien zu bewahren, in einer Welt, in der diese längst begonnen haben, zu zerfallen.“

– Against the gendered Nightmare, Beadan 2: A Queer Journal of Heresy.

Egal ob es sich um Männer/Frauen, männlich/weiblich, afab/amab, nicht-Männer/Männer oder femme/masc handelt, alle Binaritäten erfordern Policing und Ausschluss um aufrechterhalten und definiert zu werden. Binäre Kategorisierung ist nur eine Methode, die vom Apparat des Genders genutzt wird, um zu herrschen. Binäre Kategorien erfordern Policing, Ausschluss, Regulierung, Normalisierung und Hierarchie.

Kein dritter Weg

„Die Revolution zielte auf neue Einrichtungen, die Empörung führt dahin, Uns nicht mehr einrichten zu lassen, sondern Uns selbst einzurichten, und setzt auf »Institutionen« keine glänzende Hoffnung.“ [2]

– Der Einzige und sein Eigentum, Max Stirner

Die Probleme hinter der Femme/Masc-Binarität beginnen weder mit ihrer Verbreitung in dem Millieu, noch werden sie damit enden, dass eine andere Begrifflichkeit an ihre Stelle tritt. Ich schlage keine Alternativen oder Erweiterungen dieser Kategorien vor, sondern ihre totale Aufgabe. Das kann nur durch einen aufständischen Bruch mit Gender passieren. Aufstand wäre die totale Untergrabung der Steuerung: Den Apparat der Steuerung aufzugeben und zu zerstören und unsere Angelegenheiten in die eigenen Hände zu nehmen.

„Um konkreter zu werden, bedeutet das, dass wir Communities und Räume haben, die nicht nur sicher sind, sondern gefährlich für diejenigen, die unseren Verlangen und unseren Räumen im Wege stehen. Nicht nur ein Lesekreis Safespace, sondern zurückgewonnenen Territorien, in denen die Bedürfnisse der Arbeiter*innen/Frauen/der Ausgeschlossenen (frei von Geschlecht/vergeschlechtlichter Gewalt) erfüllt werden können. Diese Räume können uns nicht einfach durch eine höhere Macht gegeben werden. Durch Besetzungen von Grenzregionen und Produktionsstätten oder weniger formelle Territorien des Widerstands, wie Freund*innen, die einander den Rücken freihalten, werden wir  die Gemeingüter schaffen oder sie zurückerobern.“

– Destroy Gender

 

Übersetzung aus dem englischen: Lena Kafka. „Beyond Another Gender Binary“ in „Destroy Gender„.

Anmerkungen

[1] Ich denke in vielen anarchistischen Kontexten des deutschsprachigen Raums lässt sich diese Kritik guten Gewissens auf die Bezeichnung „FLINT*“ übertragen bzw. zuweilen auch auf das vielerorts gebräuchliche „Frauen*“, auch wenn beide Begriffe vielleicht leicht abweichende Besonderheiten mit sich bringen. (Anm. d. Übers.)

[2] Dieses Zitat ist der ursprüngliche Wortlaut aus dem Einzigen und sein Eigentum. Im englischen Artikel ist eine recht ungenaue Übersetzung zitiert, die sich etwa folgendermaßen ins Deutsche rückübersetzen lässt und die den Unterschied, den Stirner zwischen Revolution und Empörung macht, außen vor lässt: „Der Aufstand verlangt von uns, uns nicht länger einrichten zu lassen, sondern uns selbst einzurichten und keine glänzenden Hoffnungen auf Institutionen zu setzen.“ (Anm. d. Übers.)

Ein Nekrolog auf Identitätspolitik

Ich begann mit dem Schreiben dieses Textes einige Monate vor den Krawallen nach George Floyds Tod. Der Aufstand, der mittlerweile zu einem globalen Ereignis geworden ist, hat mich motiviert, meine Perspektive in diesem Text darzulegen. Meine Erfahrungen in Minneapolis vom 26. bis zum 30. Mai haben meine Verachtung für Identitätspolitik gestärkt, weshalb ich diese um zusätzliche Kritiken daran, die aufgrund dieser Erfahrungen entstanden sind, ergänzt habe.

Gehen wir zurück zu einer Zeit und einem Ort, an dem die Menschen Pager und Münztelefone nutzten. Als Verandas und öffentliche Parks die Orte waren, an denen man herumlungerte. Eine Zeit, in der Konflikte von Angesicht zu Angesicht geklärt wurden und Scheißelabern direkte Konsequenzen im realen Leben hatte. Das waren die Zeiten vor „Callout-Culture“, „Troll-baiting“ und anderen internetdominierten Aktivitäten. Manche sagen das Internet und die Ausbreitung von Technologie hätten den Kampf gegen Unterdrückung vorangebracht. Meine Meinung? Das Internet ist der Ort, an dem alle Potenziale für soziale Revolte absterben. Zusätzlich zu unsinnigen Petitionen und endlosen Memes kann die [Selbst-] Wahrnehmung als Rebell*in durch Selbstmitleidsorgien und akademische Loyalität erzielt werden, anstatt durch praktische Direkte Aktion. Während das Internet die ideale Brutstätte für Tastatur-Krieger*innen und überhebliche Akademiker*innen ist, bewirkt es auch die Rückentwicklung der sozialen Fähigkeit von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren. Konfliktlösung nimmt die Formen eines undefinierten Internet-Schauspiels und meist auch die einer widerlichen, dem realen Leben nachempfundenen Nachbildung von Richter, Geschworenen und Henker an. Interaktion von Angesicht zu Angesicht ist beinnahe unnötig in der Techno-Gesellschaft, in der ein Smartphone zu einem persönlichen Bedarfsartikel geworden ist, der scheinbar mit den Händen seines Besitzers verwachsen ist. Von einem individuell verdunkelbaren Bildschirm kann nun das ganze Spektrum emotionalen Ausdrucks aus einem Pufferspeicher von Emotionen digital repräsentiert werden.

Das Internet ist auch ein Ort, an dem die Lynchmob-Mentalität der „Callout-Culture“ die Menschen ermutigt, sich gegenseitig als eindimensionale Wesen zu betrachten, die sich ausschließlich durch Fehler und Unvollkommenheiten definieren. Im Namen von „sozialer Gerechtigkeit“ und dem „Outing von Tätern“ entsteht ein neuer Etatismus, der Angst und Schuld dazu nutzt, die Konformität von Allies zu erzwingen. Und ähnlich dem Bestraftwerden durch den Staat, kann ein Individuum, wenn es einmal im Internet verurteilt wurde, niemals wieder diesem Stigma entfliehen. Stattdessen bleibt jegliche persönliche Entwicklung unbedeutend im Vergleich zu der statischen Natur vergangener Fehler. Unabhängig von persönlicher Entwicklung ist ein verurteiltes Individuum auf ewig dazu verdammt, der Aussage seiner Online-Darstellung unterworfen zu sein.

In meiner Erfahrung als „marginalisierte Stimme“ habe ich gesehen, wie Identitätspolitik von Aktivist*innen als Werkzeug der sozialen Kontrolle instrumentalisiert wurde, das gegen alle genutzt wurde, die in das identitäre Schema des „Unterdrückers“ passten. Der ursprüngliche Machtkampf um Gleichheit hat sich in eine olympische Sportart für sozialen Einfluss verwandelt, die die gleiche soziale Hierarchie umkehrt, die ursprünglich hätte zerstört werden sollen. Viele Identitätspolitiker*innen, die ich getroffen habe sind mehr daran interessiert „weiße Schuld“ für ihren persönlichen (und sogar finanziellen) Vorteil zu nutzen, als die Organisationsstrukturen des Rassismus [white supremacy] physisch anzugreifen. Ich habe erlebt, wie die Opferrolle dazu genutzt wurde, haarsträubende Lügen und Schikanen zu rechtfertigen, die durch persönliche Rache motiviert waren. Viel zu häufig habe ich gesehen, wie Identitätspolitik eine Kultur schafft, in der persönliche Erfahrungen auf passives Schweigen reduziert werden. Aber all das ist nichts Neues. Jede*r, die*der sich selbst (seit einiger Zeit) als Anarchist*in definiert, wird schon einmal die eine oder andere Form von „call-out“ oder „silencing“ gesehen oder auch selbst erlebt haben. Warum erwähne ich das also? Weil diese Scheiße immer noch passiert und ich immer noch so viele Menschen sehe, denen der Mut fehlt, sie offen zu konfrontieren.

Ich erwarte nicht, dass dieser Text der Identitätspolitik zu einem plötzlichen Ende verhilft. Vielmehr drücke ich meine Feindschaft ihr gegenüber und ihrem autoritären, anti-individualistischen Charakter aus. Ich sehe noch immer selbstbezeichnende Anarchist*innen über „weiße“ Dreads lästern (ebenso wie ich Menschen sehe, die ihre Dreads unter sozialem Druck abschneiden). Ich sehe noch immer Menschen, die das Wählengehen rechtfertigen, wie sie es bei Obama getan haben (dieses Mal für Bernie [Sanders] [1]). Und ich sehe noch immer „Allies“, die ihre Frustration in sich hinein fressen, weil sie zu verängstigt sind, den Autoritarismus, den sie vor sich sehen, zu konfrontieren.

Wie viele „weiße“ Anarchist*innen wurden Rassist*innen (oder Privilegierte) genannt und für ihre Weigerung an der vergangenen Wahl 2020 teilzunehmen, angedisst?

Stell dir vor, wie Anarchie aussähe, wenn die Menschen sich weigern würden, den herablassenden Forderungen von Identitätspolitiker*innen zu gehorchen. Würden sich die Menschen freier fühlen, ihre Leben jenseits der engstirnigen Grenzen vorgegebener Identitäten zu erforschen? Würden sie sich furchtlos ermächtigen, sich ihre eigene Meinung zu bilden? Gibt es irgendeine Freude zu erleben innerhalb der angespannten Farce des akademischen Elitarismus?

Wäre dieser Text weniger stichhaltig, wenn er nicht von einer queeren Person of Color geschrieben worden wäre? Was, wenn er von einem „weißen“ „cis“ „Mann“ stammen würde? Warum wäre das relevant?

Im Großen und Ganzen wäre es das nicht. Denn schließlich geht es hier nicht nur um Identität, sondern um anti-autoritäre Anarchie. Wenn es eine Sache gibt, die ich in den letzten paar Jahren zur Genüge beobachten konnte, dann ist es Identitätspolitik, die sich wie eine Plage ausbreitet und jeden sozialen Raum verschlingt – ironischerweise inklusive den anarchistischer Kreise. Für mich bedeutet Anarchie die Zerstörung sämtlicher sozial konstruierter Identitäten und aller Einschränkungen, die diese der Vorstellungskraft setzen. Anarchie ist eine individualistische Erfahrung, die sich selbst im Gefängnis zugewiesener Identitäten gefangen sieht. Statt dieses Gefängnis gemeinsam mit der Gesellschaft, die es errichtet, zu zerstören, ist der heutige Anarchismus zu einem Friedhof erstorbenen Potenzials, internalisierter Opferrollen und eines ideologischen Wettkampfes darum, wer „am meisten unterdrückt“ ist, geworden.

Anstatt Identität selbst anzugreifen und den Apparat, der dieses Paradigma aufrechterhält, vergeudet mensch seine Energie damit, sich gegenseitig fertig zu machen, indem mensch die Komplexität individueller Einzigartigkeit ausblendet und die staatliche Rolle einnimmt, einander aufgrund von Zugehörigkeit zu identitären Kategorien zu definieren. Eine bestimmte Identität anzunehmen bestätigt nur die Existenz dieser Identität als eine universelle Wahrheit und damit – aufgrund der kolonialen Intention zugewiesener Identitäten – auch die Knechtschaft und Versklavung einiger durch andere als eine ebenso universelle Wahrheit.

Ich weigere mich daran teilzunehmen, Versklavung als Voraussetzung meiner Existenz hochzuhalten und deshalb sind diese „Wahrheiten“ nichts weiter als politische Märchenerzählungen. Sie sind Produkt einer perfektionierten, sozial entwickelten Gottesvorstellung, die wie ein parasitärer Cordyceps [2] in den Verstand eindringt und unbedingten Gehorsam einfordert. Bestandteil dieser mentalen Manipulation ist ein durch die Einkerkerung der industriellen Gesellschaft institutionalisierter Verstand. Identitätspolitik ist die verstaubte Kette der Kolonisation, poliert von denen, die ihr persönlichen Wert beimessen. Diese „Wahrheiten“ sind die sozialen Konstrukte der Kontrolle, die ein Leben der Rebellion im tiefen und finsteren Brunnen der Reform in Ketten legen. Und während sich viele dort eingerichtet haben, bin ich ausgebrochen, um das unendliche unbekannte Terrain des Hedonismus und der anti-politischen Anarchie zu erforschen. „Schwarze“, „Braune“ oder „Weiße“ Macht [Power] ist die Antithese der Freiheit; sie ist die ideologische Wohltätigkeitsarbeit einer zivilisierten, humanistischen Form der Rebellion. Identitätspolitik ist die Sterilisation der Individualität, die sie sowohl gehorsam gegenüber der kollektivistischen Autorität, als auch gutgläubig gegenüber dem nationalistischen Mythos der Überlegenheit macht.

Letztlich ist der „Mensch“ ein Tier, das innerhalb sozial konstruierter Kategorien in eine Hierarchie des ökonomischen Status domestiziert wurde. Und auch wenn sich diese Hierarchie über die Jahre verändert hat, wird sie dennoch beständig durch die Beziehung derer, die Befehle erteilen und derer, die gehorchen, aufrecht erhalten. Unabhängig davon, wie die Kategorien innerhalb dieser Hierarchie positioniert sind, bleibt die Hierarchie autoritär; die Gruppe dominiert das Individuum. Was einen „Menschen“ definiert, ist der Grad seines Gehorsams und seiner Unterwürfigkeit gegenüber zivilisierten Rollen und Verhaltensweisen, die die industrielle Gesellschaft erfordert. Je weniger kooperativ ein „Mensch“ ist, desto wahrscheinlicher wird dieser „Mensch“ mit einem Tier verglichen werden. Das Tier ist das unerwünschte Wesen – selbst für die Identitätspolitiker*innen, die es vorziehen, den ideologischen Anthropozentrismus der Kolonisateur*innen zu übernehmen. Vielleicht erklärt das, warum es so wenig Diskussion um Tierbefreiung im links-anarchistischen Diskurs gibt. Die marginalisierte Stimme soll lieber als gleichwertig zu den zivilisierten Kolonisator*innen porträtiert werden, als als verlorengegangene Beziehung zwischen ihrer Animalität und der Erde. Im Zentrum linker Politik steht das humanistische Ziel sozialer Gleichheit innerhalb des industriellen Fortschritts – während die Erde zugleich weiterhin in Nationalstaaten zerteilt bleibt und für die anthropozentrische Ausbeutung und Ausbreitung verwüstet wird.

Meine Meinung ist, dass solange eine*r eine persönliche Beziehung zur „menschlichen“ Identität – ähnlich wie der zu „weißen“ oder „männlichen“ Identitäten – pflegt, das Individuum das koloniale Paradigma von zivilisiert vs. wild bekräftigt. Und solange diese Bekräftigung andauert, bleibt das Individuum auch anfällig dafür in anderen identitären Konstrukten gefangen zu werden, die das ungezähmte Potential weiter unterdrücken.

Ich frage mich, wann bzw. ob Anarchist*innen im Allgemeinen jemals über die Gruppen-Mentalität des Linksradikalismus hinaus hin zum individualistischen Aufstand gelangen werden, in dem sie die Konfrontation von Identität als einen Akt der persönlichen Emanzipation begreifen. Werden Anarchist*innen eines Tages begreifen, dass alles über dem Individuum eine Autorität darstellt, egal ob es sich dabei um „die Kommune“, die „Bewegung“ oder die kulturelle Herrschaft von Identität handelt? Vielleicht einige, aber ich bin mir sicher, nicht alle.

Die heilige Opferrolle

Nach 45-minütiger Fahrt sind wir endlich da. Wir haben einen langen Tag des Ladendiebstahls hinter uns und das ist unser letzter Halt. Ich bin an der Reihe und ich nehme mir vor, den Laden mit Waren im Wert von mindestens 500 Dollar zu verlassen, um diese später online zu verkaufen. Aber ich habe ein schlechtes Gefühl bei diesem Laden. Anders als die Läden davor ist dieser Laden wesentlich kleiner, was bedeutet, dass die Ladendetektive die Türen besser im Blick behalten können. Größere Läden haben meist ausgedehntere Ein- und Ausgangsbereiche. Außerdem ist es schwieriger, alle Einkäufer*innen durch die Kameras im Auge zu behalten, je größer ein Geschäft ist. Ich entscheide mich, trotzdem zu gehen. Sei dir nie sicher über irgendetwas, wenn du es nicht bereits versucht hast.

Ich gehe hinein, nehme mir einen Wagen und schaue mich nach den Waren um, die ich klauen will. Ich checke auch die Schlangen an den Kassen und den Kundenserviceschalter. Zwei der Mitarbeiter*innen am Kundenserviceschalter sind damit beschäftigt, sich zu unterhalten, die Kassen sind alle, bis auf eine am Eingang und zwei am Ausgang, geschlossen. Am Eingang steht ein*e Mitarbeiter*in, die*der die Einkaufswägen abwischt. An einer der Kassen sitzt ein*e Kassierer*in, während die andere unbesetzt ist. Ich speichere die Situation als „zu einfach“ aussehend ab, aber ich entscheide mich, mich zunächst darauf zu fokussieren, wo die Dinge sind, die ich brauche. Nachdem ich meinen Einkaufswagen beladen habe, beginne ich meine Reise in Richtung Ausgang. Jede*r, die*der Ladendiebstahl zum Lebensunterhalt begeht, weiß, dass das der aufregende Teil ist. Die ganze Zeit bis zu diesem Moment war ich nur ein*e gewöhnliche*r Einkäufer*in. Aber nun, da ich auf den Ausgang zugehe, werfe ich mein Kostüm der*des „Einkäufers*in“ ab und bereite mich auf die kriminelle Erfahrung der*des „Ladendiebs*in“ vor. Als mein Herz zu pochen beginnt, kann ich spüren wie meine Nerven ein Wohlgefühl auslösen – eine beruhigende Antwort als eine temporäre Ablenkung von der Panik, um meine Sinne scharf und fokussiert zu halten. Ich muss auf alles vorbereitet sein. Und noch immer muss ich mein(e) „gewöhnliche*r Einkäufer*in“-Gesicht und -Körpersprache bewahren. Als ich die „zu leichte“ Bahn zum Ausgang durchquere, sieht alles gut aus.

Die Menschen am Kundenservice unterhalten sich immer noch und widmen mir keine Aufmerksamkeit, der*die eine Kassierer*in ist zu beschäftigt, irgendwen anzurufen, um mich zu bemerken. Ich hole meinen Fake-Kassenzettel heraus und gehe ganz gewöhnlich durch die ersten Schleusentüren des Ausgangs. Wenn ich gesehen oder erwischt worden wäre, wäre das der Moment in dem sich mir von hinten jemand nähern würde oder ich jemanden nach meiner Schulter greifen spüren würde. Als ich die zweiten Schleusentüren passiere, ist noch immer alles gut. Zeit, mich auf den Weg zur Rückseite des Parkplatzes zu machen – und dann passiert es …

Jede*r, die*der lange genug geklaut hat, kennt diese gefürchteten Worte: „Entschuldigen Sie … Entschuldigen Sie!“, höre ich jemanden hinter mir rufen. Ich tue so, als hätte ich nichts gehört. Dann höre ich schnelle Schritte von hinten auf mich zukommen. „Entschuldigung, ich muss Ihren Kassenzettel sehen“, sagt er, als er mir seinen Ladendetektiv-Ausweis vorhält. Fuck. Wo hat mich dieser geleckte Hipster gesehen? Muss in der Kleidungsabteilung hinter mir gewesen sein … Vielleicht war diese Bahn eine verdammte Falle. Egal. Lass den Einkaufswagen stehen und geh weg. Ich beginne wegzulaufen und höre „Nein, nein … Wir müssen wieder reingehen und Papierkram ausfüllen. Keine Sorge, Sie werden nicht angezeigt.“ Ja klar, Papierkram mit all meinen Daten ausfüllen und für ihre Akten fotografiert werden – vergisss es. Ich laufe weiter davon. Ein anderer Ladendetektiv kommt rausgerannt und ist am Telefon. Er ruft die Polizei. Ich erkenne sofort, dass der erste Typ mich heimlich hinhalten wollte, bis die Polizei eintrifft! Ich sprinte los. Ich höre, wie die beiden mir dicht hinterherrennen. Ich überquere die Sraße und stürze in eine Wohnwagensiedlung. Im Zickzack renne ich zwischen den Wohnwagen weiter und verstecke mich schließlich in einem Blechschuppen. Ich zwinge mich, ruhig und tief durchzuatmen. Ich beruhige mich und lausche, wie die beiden in der Nähe nach mir suchen.

Als ich sie schließlich nicht mehr höre, texte ich meinen Kompliz*innen meinen ungefähren Aufenthaltsort. Ich verlasse den Schuppen, versuche einige Dinge aufzuräumen, die heruntergefallen sind, als ich dort hineingestürmt bin. Die Bullen müssen jede Sekunde hier sein. Ich sehe, wie das Auto meiner Kompliz*innen langsam vorüberfährt und winke sie zu mir. Ich springe hinein und lege mich auf den Boden, als wir wegfahren.

Ich hätte meinem Instinkt vertrauen sollen. Das war Pech. Aber es hätte schlimmer kommen können. Statt die Nacht in einer Zelle zu verbringen, sitze ich gemütlich hier und schreibe diesen Text. Aber das ist die Realität des Ladendiebstahls – oder jedes Verbrechens, was das angeht. Egal wie viele Male du damit durchkommst, es ist wichtig darauf vorbereitet zu sein, eines Tages gefasst zu werden. Sei bereit dafür. Und wenn es passiert, untersuche die Panik, die Emotionen und die physischen Reaktionen deines Körpers … Lerne sie kennen. So dass du das nächste Mal, wenn du ein Verbrechen begehst, ein besseres Verständnis vom worst-case-Szenarion besitzt. Für mich ist das elementar und es gibt keinen Platz für die Opferrolle oder einen Ausruf der Unschuldigkeit.

Während Covid-19 die Bedingungen für staatliche Repression in Form von „Ausgangssperren“ schuf, hat es ironischerweise zugleich meine Möglichkeiten für illegalistisches Vergnügen erweitert! Viele Unternehmen blieben wochenlang unbeaufsichtigt, was bedeutet, dass Sachbeschädigungen länger unbemerkt blieben. Inmitten der Panik waren die Supermarkt-Detektiv*innen und das Sicherheitspersonal damit beschäftigt, die Anzahl der Gegenstände, die die Menschen bezahlten zu überprüfen, ohne die Wagenladungen an Lebensmitteln zu bemerken, die heimlich zur anderen Tür hinausgeschoben wurden.

Bevor sie ihre Läden schlossen, deaktivierten viele Geschäfte wie REI, L.L Bean und andere ihre Sicherheitsschranken. Ich vermute, dass dies aufgrund der großen Menge an Menschen geschah, die diese mit bezahlten Waren passierten, auf denen ein versteckter Diebstahlschutz noch immer aufgeklebt war. Vielleicht wurden die Schleusen abgeschaltet, um einen sekündlich losgehenden Alarm zu vermeiden. Das eröffnete die gute Gelegenheit, gesicherte Waren stressfrei hinauszutragen.

Die letzten Wochen ließen in mir alte Erinnerungen an die Zeit aufsteigen, zu der ich Anarchie noch als eine Aktivität verstand, die nur solange andauerte, wie eine Erste-Mai-Demo, eine Demonstration oder ein nächtliches Vergnügen. Ich erinnere mich daran, dass ich das Gefühl hatte, Anarchie sei der Moment, in dem ich schwarze Hosen, Schuhe und Handschuhe trug und mit einem T-Shirt vermummt war. Nach diesen Aktivitäten galt es, in die „wirkliche Welt“ zurückzukehren. Zurück zur Lohnsklaverei, zurück zur täglichen Routine des Mietezahlens und Abzählens meiner Lebensmittelgutscheine für den Supermarkt. Sicher, neben den Büchertischen bei Punkkonzerten und radikalen Veranstaltungen gab es die gelegentlichen klandestinen Aktivitäten. Aber es gab diesen Zwiespalt, der immer eine Trennung kreierte, die Anarchie zu einer Art extrakurrikularen Aktivität machte. Sicher widmete ich mein Leben der Rebellion; Das ganze Konzept eines Zine-Distros, das ich später „Warzone Distro“ nennen würde, entwickelte ich, während ich meine Arbeitszeit auf dem Scheißhaus verstreichen ließ. Trotz der Lohnsklaverei war ich immer damit beschäftigt, den einfachsten Weg einzuschlagen und für den größtmöglichen Lohn so wenig wie nur möglich zu arbeiten. Ich war der*die Arbeiter*in, die*der seine*ihre Überstunden an andere weitergab. Einen halben Tag Arbeit für eine leichte LKW-Ladung? Scheiße Mann, ich bin raus!

Mit der Zeit war mir Anarchie als bloße extrakurrikulare Aktivität nicht mehr genug. Und was ich damit meine, ist, dass ich zunehmend intoleranter gegenüber Bossen, Lohnsklaverei, Weckern, Mietezahlen und Münzen abzählen wurde. Ich erinnerte mich daran, wie es war Kind zu sein und keine solche Verpflichtungen zu haben. Ich erinnerte mich an meine ganztägigen Abenteuer draußen, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Jeder Tag war ein neues Abenteuer und jeden Tag lernte ich etwas Neues über mich selbst. Dann, als verantwortungsbewusste*r Erwachsene*r lernte ich etwas Neues über mich. Ich hasste das Erwachsensein, mich erwachsen zu verhalten und die performative Rolle und Identität des „Erwachsenwerdens“. Aber ich versuchte nicht wieder zum Kind zu werden. Diese Tage waren vorbei. Ich fragte mich, wie ein anarchistisches Leben, das die Erwachsenen/Kind Binarität überwinden würde, aussehen könnte.

Schnell vergangene Jahre später stehe ich hier, arbeitslos, aber nicht länger Münzenzählend, älter, aber jugendlicher als ich jemals war. Einige sagen, ich verkörpere die schlimmste aller Welten; hedonistisch, gewaltsam und kindisch. Selbstverständlich obliegt es der subjektiven Interpretation, was diese Worte bedeuten und wie diese auf mich angewandt werden, aber eines ist sicher: Ich fühle mich freier als ich mich je gefühlt habe. Und ich habe eine Liebesaffäre mit dem Verbrechen. Es ist eine intime Erfahrung – Verbrechen in wütender Verachtung für die Gesellschaft und das Gesetz zu begehen. Brüche zu erzeugen und damit durchzukommen vervollkommnet mein Verlangen nach Anarchie mit jedem Moment. Heutzutage erlebe ich den ganzen Tag draußen, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Und mit jeder kriminellen Aktivität lerne ich mich besser kennen. Aufgrund der Tatsache, dass meine lustvollen Tage des Lebengenießens entweder im Gefängnis oder mit meinem plötzlichen Tod enden werden, lerne ich, die Gegenwart der Vergangenheit und der Zukunft vorzuziehen.

Eine Sache, die ich über Verbrechen gelernt habe, ist das einzigartige Gefühl, das mit dem Gesetzebrechen einhergeht, ein Sinn für individuelle Handlungsmöglich- und Unmöglichkeiten, ein Sinn für Stärken und Schwächen. All das kann durch die Erfahrung des Gesetzebrechens entdeckt werden. Und es ist diese Erfahrung, die ich ausweiten will, um mehr über mich selbst zu lernen, um unkontrollierbar im anti-sozialen Sinn zu werden.

Ich blicke auf meine Vergangenheit zurück, in der ich vom Kult der Identitätspolitik eingesperrt war. Ich erinnere mich daran, dass ein Grund dafür, die Opferrolle einzunehmen, war, soziale Aufmerksamkeit zu generieren und die (marginalisierten) Identitäten, die mir zugewiesen worden waren, in einem positiven Licht zu zeichnen. „Sieh mich an! Eine verantwortungsvolle queere Person of Color, die einer Arbeit nachgeht und ein*e gesetzestreue*r Bürger*in ist!“ Aber warum? Um zu beweisen, wie ähnlich ich all diesen „weißen“, hart arbeitenden proletarischen Helden war, die Amerika braucht, um sein koloniales Establishment aufrechtzuerhalten? Ein*e andere*r Lohnsklav*in, die*der passiv und bereitwillig die eigene Versklavung akzeptiert? Um ein*e weitere*r Christ*in of Color zu werden, die*der vorgibt, dass es ein imaginäres Königreich dort oben gibt für all diejenigen von uns Strolchen, die niemals eine faire Chance im Leben hatten? Scheiß auf all das.

Der Grund aus dem all die Rassist*innen, Homofeind*innen, Patriarchen und Patriot*innen Menschen wie mich fürchten, liegt jenseits von Identitätspolitik; Ich bin ein*e erbitterte Feind*in ihrer Kontrolle und Ordnung. Das gesellschaftliche Schloss, das sie zu errichten und aufrechtzuerhalten trachten, wird immer Ziel meiner Sabotage sein!

Ich denke die meisten Menschen können nachvollziehen und verstehen, dass es nicht nötig ist, sozial zugewiesene Identitäten anzunehmen, um zu verstehen wie die Gesellschaft diese als Werkzeuge der sozialen Kontrolle einsetzt. Ich denke es ist ebenso leicht zu erkennen, inwiefern Identität als Werkzeug der Revolution beschränkt ist und vielmehr zu internen Konflikten in vielen revolutionären Projekten geführt hat. Aber was mich umhaut, ist die Tatsache, dass so viele diese Identitäten nicht sofort als vorrangige persönliche Form der Rebellion zurückweisen. Ich denke mensch kann sagen, dass diese Identitäten die Hierarchien, die sie aufrechterhalten, gerade deshalb aufrechterhalten, weil sie so häufig von linken Organisationen für moralische Überzeugung genutzt werden. Durch Opferrolle und Unschuld wird Identitätspolitik als eine alle ansprechende Methode zur Schaffung einer kollektiven Gesinnung genutzt, die das Individuum letztlich ermutigt, unabhängiges Denken zugunsten eines Gottkomplexes von Moralität und Kollektivismus aufzugeben. Ich denke das spielt auch eine große Rolle im Etatismus und der Zurückweisung von illegalistischer Revolte.

Ich lehne die statische, ziviliserte Binarität von Schuld und Unschuld ab und damit auch die Internalisierung der Opferrolle. Ich habe keine Verwendung für eine „Call-out-Culture“ oder einen Internet-Lynchmob gegen meine Feind*innen. Im Internet werden alle meine Versuche öffentliche Unterstützung gegen eine*n Feind*in zu erlangen, nur einen anderen Feind (den Staat) informieren und ihn ermächtigen, mir meine Verantwortlichkeit zu stehlen. Schuld und Unschuld sind auch eine legalistische Binarität, die nur dazu dient, nach einem moralischen Determinismus zu urteilen. Ich verachte den Staat und alle seine Manifestationen, sowie seine Repression gegen das Chaos. Deshalb bin ich kein Opfer; Ich bin (selbst)erklärte*r Feind*in in einem Krieg gegen ihn [den Staat]. Ich erwarte kein Mitleid, keine Begnadigung oder Wohltätigkeit, weder von ihm, noch von seinen Befürworter*innen.

Es war der Tag, an dem Chicago sein Ausgangssperren-Dekret verhängte. Mein*e Kompliz*in und ich waren in meiner Heimatstadt bei meiner Mutter zu Besuch. Als wir, nachdem wir meiner Mutter ein paar Lebensmittel besorgt hatten, heimfuhren, bemerkte ich jemanden alleine auf einer Parkbank sitzen. Ihr Name ist „Big Momma“. Ich war überrascht, sie draußen in der Kälte zu sehen und nicht in einer der lokalen Zufluchtsstätten. Wir fanden heraus, dass die Unterkünfte ihre Türen geschlossen hatten, vermutlich wegen Covid-19. Ich fragte mich, wie viele andere draußen in der Kälte waren …

Mein*e Kompliz*in und ich gingen zu einem Park, in dem ich früher Food Not Bombs [eine Art Volksküche; Anm. d. Übers.] veranstaltet hatte und zu meiner Überraschung hatten dort um die 20 Personen ein Camp vor der Belüftungsanlage eines Gebäudes errichtet, aus der warme Luft strömte. Wir gingen hinüber und fragten die Menschen, wie es ihnen gehe. Einige Menschen, die mich noch von aktivistischen Projekten Jahre zuvor kannten, kamen aufgeregt herbeigelaufen, um mich zu begrüßen. Sie alle gehörten zu den Unglücklichen, die zumindest für dieses Wochenende aus den Unterkünften ausgesperrt worden waren. Mein*e Kompliz*in und ich gingen zurück zum Wagen und heckten einen Plan aus.

Eine halbe Stunde später stehen wir in einem anderen Lebensmittelgeschäft. Anders als sonst ist es nicht ganz leicht, Lebensmittel aus diesem Geschäft zu tragen ohne sie zu bezahlen. Aufgrund der erhöhten Sicherheit an der Tür wegen Covid-19 und der Angst vor Plünderungen hat sich das Szenario verändert. Aber es ist noch immer möglich, einen vollen Einkaufswagen aus dem Laden zu schieben. Wir befüllen den unteren Teil des Wagens mit Wasserflaschen, zahlreichen Brotlaiben, Erdnusbutter, Marmelade und über 20 Packungen gemischter Nüsse, frischen Äpfeln und Bananen. Fertig. Ich voraus bahnen wir uns den Weg zur Tür. Meine Aufgabe ist es, um die Ecke nach zwei Angestellten an den Selbstbedienungskassen zu spähen, um sicherzustellen, dass sie uns nicht beobachten. Wenn sie gerade schauen, würde ich mein Handy herausholen, als würde ich einen Anruf tätigen. Falls nicht, gehe ich einfach weiter. Mein*e Kompliz*in ist mit dem Wagen dicht hinter mir. Die Luft ist rein. Die ersten Schleusentüren … die zweiten Schleusentüren … Alles ist gut gelaufen. Schließlich erreichen wir den Wagen und beladen den Kofferraum. Geschafft! Nächster Halt ist ein anderer Lebensmittelladen, aber wir werden dort keine Lebensmittel besorgen: Wir überfallen die Männer- und Frauentoiletten, um große Rollen Toilettenpapier abzustauben. Manchmal ist es ein wenig laut, die Spender zu öffnen, aber es geht relativ einfach mit jeder Art von Hausschlüssel. Wir füllen zwei Rucksäcke mit je drei großen Rollen und schon sind wir fertig.

Zurück bei meiner Mutter waschen wir unsere Hände sorgfältig, bevor wir Beutel um Beutel Peanutbutter-Jelly-Sandwiches zubereiten. Nachdem wir damit fertig sind, kehren wir zurück zum Camp der Obdachlosen. Jede Person bekommt zwei Sandwiches, zwei Äpfel, Zwei Bananen, getrocknete Früchte und eine Flasche Wasser. Zusätzlich hüllen wir die Toilettenpapier-Rollen in Plastiktüten vom Supermarkt, um sie trocken zu halten und übergeben sie. Wir bleiben noch eine Weile, lachen gemeinsam und reden Scheiße über die Cops. Es tat gut, neue Bekanntschaften zu schließen und alten Freund*innen zu begegnen. Es tat gut zu sehen, dass sie alle zurechtkommen und trotz der Umstände des Wetters und der geschlossenen Unterkünfte guter Dinge waren. Wir gingen und beschlossen auch in anderen Parks nach den Menschen zu sehen. Wir fanden ein paar einsame Wölfe, die freudig nahmen, was wir an Wasser und Sandwiches übrig hatten. Dann kehrten wir zurück zum Haus meiner Mutter, wo wir die Nacht verbrachten. Ich öffnete den Kühlschrank und musste kichern, als ich all das gestohlene vegane Essen sah und überlegte, was ich zum Abendessen wollte.

Der Allyship-Feigling

Meiner Meinung nach begann das Konzept des „Allyship“ mit guten Absichten, aber ebenso wie andere Aspekte der Identitätspolitik wurde es schlecht und hätte dringend entsorgt werden müssen. Ich empfinde „Allyship“ folgendermaßen: Wenn du ein politisches Buzzword und Konzept brauchst, um dich zu motivieren, dich mit Menschen jenseits gegenderter oder rassifizierter Kategorien zu verbünden, dann ist deine „Solidarität“ unaufrichtig. Wenn deine Art zu kommunizieren voller vorab von einem „Woke Ally 1×1“-Workshop genehmigter Themen ist, bist du zu einer freilaufenden Marionette geworden. Aufrichtige gegenseitige Hilfe oder Solidarität benötigt keine trendigen Twitter-Phrasen, um dich zu motivieren, Beziehungen zu knüpfen. In anderen Worten: Gib dich nicht mit mir ab, nur weil du gelesen hast, dass das das Richtige ist, oder weil dein*e progressive*r College-Professor*in dir das gesagt hat. Kriech mir nicht in den Arsch und laufe mir hinterher, weil ich eine viktimisierte, „marginalisierte“ oder „PoC Stimme“ bin. Oder weil deine Freund*innen und Kamarad*innen dich dazu drängen. Lass nicht zu, dass etwas so Künstliches wie sozial konstruierte Kategorien unsere Beziehung definieren. Gib dich mit mir nur ab, wenn du persönlich Interesse an unserer Interaktion und meiner Persönlichkeit hast und du – das ist das wichtigste – das aus individuellem Verlangen willst. Ich glaube nicht an erzwungene gegenseitige Hilfe: Damit machst du zwei Menschen zugleich zur*zum Idiot*in.

Es gibt auch diejenigen, die aufgrund von rassifizierten oder vergeschlechtlichten Zuschreibungen annehmen, sie wüssten, wie andere Menschen denken. Das sind die Identitätspolitiker*innen, die sowohl als Polizei als auch als Repräsentant*innen anderer auftreten und versuchen, Allyship durch Schuldgefühle und Anprangerungskampagnen zu erzwingen. Sie nutzen ihre Identität, um sich selbst als unverantwortlich zu erklären, während sie zugleich eine passiv-agressive Form der Kommunikation zur Einschüchterung nutzen. Aber meiner Ansicht nach ist niemand verpflichtet ihnen oder irgendjemand anderem, besonders nicht aufgrund von etwas so flachem wie Identität, zuzuhören oder sie zu unterstützen. Ich bin stets derer überdrüssig, die sprechen, als würden sie die Interessen von Menschen vertreten, die sie nie getroffen haben. Es ist idiotisch zu glauben, dass nur weil Menschen sozial ähnliche Identitäten zugewiesen bekommen, jedes Individuum den Stereotypen dieser Identitäten entspricht.

Identitätspolitik war erfolgreich darin, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie die zivilisierte Gesellschaft funktioniert, aber als Lösung, um diese Gesellschaft einzureißen, führt sie nur dazu, Identitäten zu beschränken, zu Nationalismus, internalisierten Opferrollen und weiteren Stereotypen für Menschen, die dagegen ankämpfen.

Du willst etwas über die Erfahrungen einer Person erfahren? Sprich doch mit ihr direkt. Triff keine Annahmen aufgrund von sozialen Konstruktionen. Du willst deine Solidarität zu Menschen zeigen? Behandle sie als Individuen mit einzigartigen Erfahrungen und Geschichten, nicht als bloße Schwarmmitglieder irgendwelcher homogenisierter Gruppen. Und für all diejenigen, die noch immer gehorchen ohne zu hinterfragen gilt noch immer: Ein anderes Wort für Weißer Ally ist Feigling!

Die Woke Führung

Persönlich mag ich das Wort „bilden“ nicht, um den Austausch von Ideen zwischen zwei Individuen zu beschreiben. „Bilden“ impliziert die Etablierung universeller „Wahrheiten“ anstelle des horizontalen Austauschs persönlicher Perspektiven. Der Kontext, in dem ich das Wort „Bilden“ am häufigsten wahrnehme, kreiert eine soziale Hierarchie zwischen denjenigen, die „woke“ [dt. etwa ~politisch achtsam~, bzw. etwas polemisch ausgedrückt ~politisch konform~] sind und denjenigen, die das nicht sind. Lernen Menschen überhaupt irgendetwas, wenn die Kommunikation von Ideen von oben herab stattfindet? Vielleicht. Aber ich bevorzuge es, diese Hierarchie nicht zu befördern.

Individuelle Menschen sind mehr als nur „weiß“, „braun“ oder „schwarz“, „Männer“ oder „Frauen“ oder welche soziale Konstruktion ihnen auch immer bei ihrer Geburt zugewiesen wurde. Deshalb kommt die Kommunikation aufgrund identitätsbasierter Annahmen so gut wie immer herablassend rüber. Ich sehe Scheiße wie „Bilde deine Freunde“ oder „lass dich bilden“, als würde auf eine Kirche der sozialen Gerechtigkeit verwiesen, in der mensch „erweckt“ würde. Und offensichtlich ist die kapitalistische Mentalität, Informationen zu verkaufen, ohne Frage gerechtfertigt. Einige glauben die „Arbeit“, Fragen zu beantworten, sei einen Lohn wert und zitieren etwas vom Umfang einer Google-Suche, wenn eine*r nicht in der Lage dazu ist, sie zu bezahlen. Ironischerweise kommen viele Fragen in guter Absicht und stammen von gutmeinenden Aktivist*innen, die es ertragen, zunächst von oben herab behandelt zu werden. Meiner Meinung nach entmutigt diese elitäre Art des Antwortens gegenüber wohlmeinenden Menschen diese, indem sie deren persönliche Geschichten trivialisiert und ihnen einredet, andere als an der Spitze stehend zu akzeptieren. Dieser Methode des „Bildens“ liegt ein Kollektivismus zugrunde, der die Grundlage für ein weiteres soziales System des Zwangs legt. Ich habe kein Interesse daran, mich daran zu beteiligen. Ich kann eine kritische Perspektive einnehmen oder einem Punkt widersprechen ohne einen Austausch zu hierarchisieren.

Ich betrachte jeden individuellen Verstand als rauschenden, wilden Strom von Ideen, die über die Ufer treten, wenn der Damm der sozialen Unterwerfung zusammenbricht. Die Gesellschaft verhindert kollektiv jegliche Wildheit, indem sie das Individuum domestiziert und letzlich ein im Käfig eingesperrtes Tier aus dem Verstand macht. Unter all der sozialen Konditionierung gibt es ein einzigartiges Individuum, das sich selbst in chaotischem Widerspruch gegen die Gesellschaft entdeckt.

Gleichförmigkeit ist die Feindin des freien Ausdrucks. Es gibt keine „Bildung“, nur eine verbreitete Meinung, die von denen, die beabsichtigen für andere zu denken, durchgesetzt wird. Ich denke, Ideen und Perspektiven können auf eine Art und Weise ausgetauscht werden, die keinem autoritären Modell der Kommunikation von oben herab gleicht. Ich bin kein*e Lehrer*in und ich strebe nicht danach, andere zu bilden. Stattdessen teile ich meine persönlichen Erfahrungen und Ideen, sowie sie entstehen und sich entwickeln, mit der Welt in dem Verständnis, dass andere uneinverstanden sind und einzigartige eigene Erfahrungen haben.

Beispielsweise habe ich gelernt, dass das illegalistische Leben nicht jeder*jedem taugt. Ich habe einige Menschen, die eine Weile so gelebt haben, unter dem Gewicht des realen Stresses krimineller Aktivitäten zusammenbrechen sehen. Wenn ich also diese Worte über Kriminalität schreibe – ebenso wie meine Verachtung gegenüber Identitätspolitik – spreche ich nur für mich selbst. Als ich anfing „Descending into Madness“ zu schreiben, war ich in der selben Nacht mit zwei Taschen im Wert von je über 300 Dollar aus einem REI in Seattle gelaufen. Die Sicherheitstürme schlugen keinen Alarm, als ich mit zwei Diebstahlsicherungen durch sie durchging. Ehe ich hinauslief dachte ich bei mir selbst, dass meine kriminellen Aktivitäten nahelegen, dass ich dem Wahnsinn verfallen [descending into madness] sei, weil das zu versuchen verdammt noch mal verrückt war. Aber ich war erfolgreich. Und auf der Autofahrt nach Hause bemerkte ich, dass wenn ich solche mutigen Verrücktheiten nicht befördern würde, ich möglicherweise niemals bemerkt hätte, dass die Sicherheitstürme in diesen Geschäften nicht funktionierten.

Meiner Meinung nach führt die „woke Führung“ des Linksradikalismus den Anarchismus über eine Klippe in einen zunehmenden Zerfall [3]. Vor Angst und Scham, die von einer neuen Ordnung erzwungen wird, werden einige Anarchist*innen es niemals zu Selbstemanzipation oder unabhängigem Denken als Zurückweisung der Autorität eines Gruppendenkens bringen. Viele Menschen bezeichnen sich trotz einer engstirnigen, liberalen Definition von Anti-Diskriminierung selbst als Anarchist*innen – einer Definition, die Anti-Diskriminierung auf die moralistischen, humanistischen Grenzen der zivilisierten Gesellschaft beschränkt. Es ist kein Zufall, dass die meiste anti-diskriminatorische Praxis einen staatlichen Apparat erfordert, um Gesetze durchzusetzen, die gleiche Rechte schaffen. Und während es an gleichen Rechten für alle Menschen im Kapitalismus nichts auszusetzen gibt, wird mit diesem Sieg die staatliche Reform statt des antiautoritären Angriffs gefeiert. Und an der Spitze dieser staatlichen Macht stehen die „Community-Anführer*innen“ oder diejenigen, die kein Interesse daran haben, Herrschaft zu kritisieren. Stattdessen haben sie ihre soziopolitischen Karrieren mit belanglosen Reformen im Namen „der Gemeinschaft“ gemacht und Radikale diffamiert – indem sie sie als Aufrührer*innen bezeichnen. Und hinter diesen Anführer*innen stehen „weiße“ anarchistische Allies, verwirrt und frustriert, die sich zwischen den Alternativen entscheiden müssen, ein*e Rassist*in genannt zu werden, weil sie die Scheiße in Brand stecken oder eine*n gute*n Ally genannt zu werden, weil sie den Arsch eines*einer „schwarzen“ Predigers*in küssen.

Was du oder ich als „taktisch“ oder nicht bezeichnen, ist nicht wirklich relevant. Dies ist weniger ein Krieg im herkömmlichen Sinne als ein Sturm – unkontrollierbar und chaotisch. Das ist eines der Probleme mit der linken Charakterisierung „der Bewegung“ als etwas Einheitliches, Monolithisches und ideologisch Konsistentes. Das ist sie nicht. Das wird sie nie sein. „Die Bewegung“ besteht aus einer Million Individuen mit ihren eigenen individuellen Ansichten, Meinungen und Handlungen und es hilft niemandem irgendetwas, wenn du jede*n verspottest, die*der die Dinge nicht genauso macht, wie du es gerne hättest. – Baba Yaga

Ein anderes Wort für „Schwarze*r Anführer*in“ [Black Leadership] ist Autoritarismus

Am Ende unserer Demo kommen wir am Dritten Revier an der Ecke East Lake St./Minnehaha Ave an. Organisator*innen von Black Lives Matter beginnen etwas über Forderungen, gemischt mit einigen Gebeten und dumpfen Anfeuerungsrufen in ihr Megafon zu heulen. Ich bemerke, wie sich jemand hinter mir langsam heranschleicht und anfängt mit seiner Faust gegen das Fenster zu schlagen. Weil sie fürchten, es könne zerbrechen, beginnen drei in der Nähe Stehende leise, ihn zu ermahnen: „Das ist nicht der richtige Ort dafür, bleib freidlich!“ Die Person antwortet leise, aber mit wütender Anspannung in seiner Stimme, „Das ist das verdammte Problem, Ihr Motherfucker wollt nie etwas tun, außer zu marschieren und Sprechchöre zu rufen.“ Entmutigt läuft er weg. „Ich bin deiner Meinung, wirklich“, sage ich zu ihm. „Das ist es, was läuft – Scheiß auf den anderen Scheiß,“ antwortet er und geht weg. Ungefähr eine Minute später verliere ich die Geduld, der BLM Rede übers Friedlichsein zuzuhören und entscheide, nach dieser Person zu suchen. Ich gehe um die Ecke zur Hinterseite der Polizeiwache und bemerke einen Aufruhr. Eine Gruppe von 5-7 „schwarzen“ Typen blockieren die hinteren Glastüren der Polizeiwache und diskutieren mit rund 20 „schwarzen“ und „braunen“ wütenden Jugendlichen – inklusive dem von vorhin. Unfähig meine eigene Frustration an mich zu halten, lasse ich mich ebenfalls auf eine Diskussion mit den Polizei-Verteidiger*innen ein. Schließlich, inmitten des Gebrülls beginnen einige „schwarze“ und „braune“ Jugendliche damit „fuck 12“ [4] neben die Blockade zu sprühen. Von der Menschenmenge hinter mir, die sich mittlerweile verdreifacht hat, ertönt Jubel. An den Türen bricht ein Gerangel los und dann zerschmettert ein einzelner Stein ein Fenster der Polizeiwache, gefolgt von einem Hagel aus Steinen, Gehwegplatten, Flaschen und allem anderen in Reichweite. Die Gruppe von 5-7 „schwarzen“ Pazifist*innen schreien vor Verzweiflung, um die Zerstörung zu stoppen, gehen sogar soweit, Menschen physisch festzuhalten, aber werden schließlich überwältigt. Sie versuchen die bereits geworfenen Steine aufzusammeln und finden sich dabei in zahlreichen physischen Konfrontationen wieder. Menschen von vor dem Gebäude rennen herbei und stimmen in den Vandalismus mit ein. Nachdem alle Fenster eingeworfen sind, bewegt sich die Meute auf den Parkplatz der Polizei zu und beginnt, die Polizeifahrzeuge zu zerstören. Ich schnappe gerade nach Luft, als ich eine Blendgranate explodieren höre. Die Polizei kommt aus einer anderen Tür gerannt und beginnt, Gummischrot und Tränengas zu verschießen. Die Meute wird versprengt, aber unter hysterischem Lachen der Freude und Erfüllung. Das Dritte Revier liegt in Trümmern – und ich ahnte nicht, dass das erst der Anfang sein sollte.

Am nächsten Tag tauchte eine größere Menge vorrangig „schwarzer“ und „brauner“ Jugendlicher auf und setzte den Krieg gegen das Dritte Revier fort. Bis zur Nacht wurde von den Menschen auf diesen Straßen ein Radius von drei Meilen von der Kontrolle der Polizei befreit. Das Dritte Revier wurde aufgebrochen und gestürmt. Die Polizei verließ das gesamte Areal. Ihre Wache wurde in Brand gesteckt und Polizeifahrzeuge wurden auf die Straße gefahren und abgefackelt. In ein Gebäude, das an den Parkplatz angrenzte, wurde eingebrochen und dieses wurde mit anderen Läden nebenan in Brand gesteckt. Die Menschen feierten ihren Sieg, indem sie ihre Waffen in die Luft abfeuerten. Fremde sangen und tanzten um ausgebrannte Polizeifahrzeuge, gaben sich im Vorbeilaufen High-Fives und teilten geplünderte Lebensmittel untereinander. Vor brennenden Gebäuden standen angeregt plaudernde Menschen, während andere Steine auf die Überreste von Ladenfenstern warfen, um Zielen zu üben.

Auch wenn das Ganze wie eine perfekte Utopie ausgesehen haben mag, so war es doch nicht von der Realität entkoppelt. Zwischen kleinen Fraktionen von Menschen brachen Kämpfe aus und lange währende persönliche Konflikte wurden in den nun Cop-freien Straßen geklärt. Ladeninhaber*innen schossen auf Plünderer*innen und töteten sie und Sozialwohnungen wurden niedergebrannt. Aber das ist der Unterschied zwischen den zuckerüberzogenen Lehrbuch-Ideologien der Politik und roher, unvermittelter Wut. Die Revolution folgte keinen Lehren von Mao oder religiösen Botschaften eines Gottes. Die Feuer, Plünderungen und Angriffe auf die Polizei brauchten keinen Marxismus, kein Transkript des kommenden Aufstands oder einen akademischen Kurs zur Geschichte des Anarchismus. Alles Benötigte war der chaotische Ausdruck von Wut gegen die Repräsentationsformen von Herrschaft.

Wie es zu erwarten war, gaben viele Menschen im Internet – darunter auch viele selbstbezeichnende Anarchist*innen – ihr Urteil zu der Situation ab – die meisten davon aus einer ideologischen Position, die Gleichförmigkeit einen Wert einräumt und „akzeptablen“ Formen der Revolte engstirnige Grenzen setzt. Meiner Erfahrung nach entwickeln sich Aufstände wie dieser am Besten, wenn sie nicht kontrolliert oder organisiert werden. Je mehr der Ausdruck der Wut kontrolliert und organisiert wird, desto weniger anarchistisch wird er – und wird schließlich befriedet, um einer bestimmten politischen Vision in den Sattel zu verhelfen. Für mich ist das nicht wünschenswert und außerdem unrealistisch. Zerstörung ist Zerstörung, Gewalt wird immer Gewalt sein und von einem Aufstand irgendetwas Geringeres zu erwarten ist bestenfalls naiv. Während einige am Rand sitzen und spezifische Taktiken und Formen des emotionalen Ausdrucks moralisieren, missachten sie die Realität, dass ein ausgewachsener Krieg keine inhärente Moral kennt. Geschäfte, die vernagelt und als „Schwarzen gehörend“ ausgewiesen wurden, wurden nicht durch irgendeine moralische Überlegung ausgespart; auch in sie wurde eingebrochen, sie wurden geplündert und anschließend niedergebrannt.

Außerdem hat die Polizei meiner Meinung nach umso weniger Möglichkeiten, sich den Protesten anzupassen und sie zu dominieren, desto unkontrollierbarer und unverwaltbarer ein Aufstand bleibt. Die Polizei hatte nicht die geringste Kontrolle über hunderte Individuen, die so chaotisch rebellierten, dass sie sie überwältigten und in die Flucht schlugen.

Während der nächsten Tage fanden Angriffe gegen das 5. Polizeirevier statt, während Liberale, Pazifist*innen und Identitätspolitiker*innen sich still zurückzogen, um sich für ihre Unfähigkeit, den ersten Riot zu kontrollieren, zu rächen. Das Internet wurde zu ihrem Ausgangspunkt für eine der schlimmsten Lügenkampagnen und Panikmache, die ich je gesehen habe.

Als die Siege brennender Bullenwägen und Polizeiwachen online kursierten, traten Liberale von überall aus den Staaten auf die Bühne, in einem verzweifelten autoritären Versuch, ihre ideologische Moral und ihr politisches Programm durchzusetzen. Sie verbreiteten ein Narrativ, in dem jede*r, die*der an den Sabotageakten teilnimmt, als „Nazi“ [white supremacist] oder „Undercover Bulle“ gebrandmarkt wurde, die*der den Aufstand „infiltrieren“ würde.

Bei einigen dieser Liberalen handelt es sich um die gleichen „schwarzen“ Personen, die gescheitert waren, „schwarze“ und „braune“ Rebell*innen an Plünderungen und der Zerstörung von Eigentum zu hindern. Sie waren daran gescheitert, alle „weißen“ Menschen davon zu überzeugen, die Riots zu verlassen (weil sogar einige „weiße“ Menschen wussten, dass nicht alle „schwarzen“ und „braunen“ Menschen ein Problem mit ihrer Anwesenheit hätten, sondern sie als Kompliz*innen schätzten). Und in dem Versuch, kapitalistische, reformistische Werte zu wahren, strebten Liberale aller Hautfarben danach, die Plünderungen und den Vandalismus zu stoppen, indem sie die sozialen Medien mit offensichtlich falschen Informationen fluteten. Diese falschen Informationen sind gespickt mit Schlagwörtern wie „Agent Provocateur“ und „Nazis“, um die Leser*innen emotional dazu zu bringen innerhalb einer falschen Dichotomie Seite zu beziehen. Und diejenigen, die nicht physisch auf den Straßen sind oder zusammen mit der Polizei die Rebellen bekämpfen, sind die Zielgruppe dieser beschränkten, ungenauen Darstellungen der Realität.

Unterschiedliche ideologische Motive führen zu unterschiedlichen Interpretationen der Ereignisse. Und da Liberale und Pazifist*innen dazu tendieren, die sozialen Medien zu dominieren, während andere auf den Straßen beschäftigt sind, haben sie [dort] einen Vorteil. Da Liberale alle Personen of Color moralisch als gehorsame und aufopferungsvolle Held*innen framen, haben die meisten Menschen Schwierigkeiten, sich klarzumachen, dass Personen of Color verantwortlich für die Zerstörung von Eigentum und die Teilnahme an gewaltsamen Formen des Protests sind. Das spielt ebenfalls mit, wenn „weiße“ Personen für als moralisch verwerflich betrachtete Formen der Revolte verantwortlich gemacht werden. Riots/Aufstände sind niemals vollkommen utopisch und angenehm. Sie sind die gefährlichen Elemente der Befreiung, die auftreten, wenn alle anderen Möglichkeiten gescheitert sind. Egal ob Menschen Angst vor Gewalt haben oder nicht, wird das nichts an der Tatsache ändern, dass die Polizei tötet und auch weiterhin töten wird, solange das Konzept der Vollstreckung von Gesetzen existiert. Meiner Meinung nach gibt es keine „Verbesserung“ der Polizei und es gibt keine „Gerechtigkeit“, wenn sich jemand bereits sechs Fuß tief unter der Erde befindet.

Und Polizist*innen sind nicht alle „weiß“. Auch „schwarze“ Cops töten „schwarze“ Menschen.

Das Schlimmste an der Online-Deutung der Ereignisse ist, dass die Menschen, die diese Falschinformationen verbreiten, der Online-Welt nicht auch die Freude, das Lächeln, das Singen und Tanzen der Rebell*innen diverser Hautfarbe vermittelten, als diese die Zerstörung des 3. Polizeireviers feierten.

Scheiße, stell dir vor du wärst eine Person of Color, die ihr Leben lang von der Polizei schikaniert wird und dann kommt der Tag und die Nacht, in der du tatsächlich eine Polizeiwache brennen siehst und die Polizei sich vollkommen aus diesem Gebiet zurückzieht. All das wird aus der Geschichte getilgt, wenn Liberale das einer Gruppe von Menschen – Rassist*innen – zuschreiben, die gar nicht Teil dieser Kämpfe waren.

Bis heute, verbreiten noch immer Menschen diese Verschwörungstheorien im Internet, etwa das berühmte „Ziegelstein-Köder“-Video, in dem Cops (hinter ihrem eigenen Gebäude, nicht in einer Allee, wie ursprünglich behauptet) Ziegelsteine entladen. Auch wenn ich nicht mit absoluter Sicherheit sagen kann, dass gar keine Nazis anwesend waren (ich meine, ich konnte einige in Pickups vorüberfahren sehen, die white power-Scheiße riefen und auch einen „braunen“ Typen, der in einem Truck vorüberfuhr und Pro-Polizei-Slogans rief und eine Konföderierten-Flagge schwenkte), aber ich habe sicherlich keine von ihnen während der Kämpfe gesehen. Ich habe „schwarze“ Menschen einander unterhaken sehen, um die Riot-Polizei zu beschützen, ich habe weiße Allies gesehen, die andere „weiße“ Menschen der Polizei übergaben, im Namen der Unterstützung „Schwarzer“, und schließlich wie die Polizei die Kontrolle zurückgewann und diese befriedenden Bemühungen nutzte, um friedliche Protestierende niederzuknüppeln.

Ungezähmte Delinquenz

Meiner Meinung nach offenbaren die letzten Monate die Schwächen der Zivilisation ziemlich offensichtlich. Als panische Reaktion auf soziale Spannungen und spontane Ausbrüche illegaler Aktivitäten hat die Kontrolle der Regierung zugenommen. Covid-19 durchbrach die Ordnung der täglichen Produktivität und der zivilisierten Sklaverei und verschaffte den Menschen mehr Zeit, um über ihre Leben nachzudenken und den Wert ihrer freien Zeit außerhalb der Arbeit schätzen zu lernen. Die Aufstände in Reaktion auf die Ermordung George Floyds offenbarten die Schwächen der polizeilichen Macht und Kontrolle – selbst in ihrem Hoheitsgebiet. An diesem Punkt habe ich keine Vorstellung, was als Nächstes kommt.

Ich gebe zu, es faszinierend zu finden, nichtmenschliche Lebewesen und die Natur inmitten der industriellen Verzweiflung gedeihen zu sehen. Klarere Himmel, verschiedene Tiere auf den Straßen, Überschwemmungen, die die Grundmauern dieser Betonwüste lockern. Ich kann nicht umhin, beides, die Pandemie und diese andauernden Brüche mit der Autorität  besser als eine Rückkehr zur Normalität zu empfinden, einer Normalität, in der der Tod durch die industrielle Zivilisation und den Staat ebenso Routine ist wie in einem Schlachthaus.

Ich frage mich, welche Art von Unterhaltungen die Menschen miteinander oder mit sich selbst während dieser erblühenden Destabilisierung der domestizierten Ordnung führen. Werden mehr und mehr Menschen diese Gelegenheit ergreifen, um ihrem Ärger und ihrer Frustration durch zufällige Akte der Gewalt und Sabotage gegeneinander Luft zu machen? Gegen die Vollstreckung der Gesetze? Gegen die Institutionen, die aufgrund der finanziellen Einbußen geschwächt sind und nun anfälliger sind als jemals zuvor? Ich kann nur hoffen, dass die Aufstände in irgendeiner Form weitergehen – offen oder im Untergrund, was für mich persönlich wünschenswerter wäre.

Werden die Menschen auf die Rückkehr der alltäglichen Misere der Monotomie hoffen oder werden sie die Tiefen permanenter Unsicherheit erforschen? Zur Arbeit zurückkehren oder zur Ungezähmtheit? Ich vermute nur die Zeit wird darüber Aufschluss geben.

Aber hier kann ich nur für mich selbst sprechen. Meine Anarchie ist die meine, ebenso wie es meine Gedanken und Worte in diesem Text sind. Ich schreibe nicht, um irgendeinen Club von Internet-Anarchist*innen zu beeindrucken, die mit intellektuellen Texten jonglieren, um in Selbstlob zu verfallen. Ich mache mein Tagebuch öffentlich in dem antagonistischen Versuch, das Opfer- und anti-individualistische Narrativ des Linksradikalismus, das den gegenwärtigen Anarchismus dominiert, zu verhöhnen.

Ich sehne mich nicht nach einer Rückkehr zur Normalität und der alltäglichen Misere industrieller Produktion. Ich habe kein Verlangen danach, lächerliche „Siege“, wie das zur Verantwortungziehen der Polizei, Entlassungen oder Gefängnisstrafen zu feiern, die nur von der Wiedererrichtung ihres zerstörten Reviers oder möglicherweise eines ebenso autoritären „community-basierten“ Ersatzes gefolgt sein werden. Ich sehne mich nach nichts anderem als nach der totalen Abschaffung von jeder Regierung und Normierung. Und vermutlich werden diejenigen, die irgendeine Form elitistischer Macht besitzen mich unbequem finden und eine Diffamierungskampagne gegen mich starten, um meine Schriften und mich aus ihrer Bewegung zu verbannen. Aber sie haben keine Ahnung, dass die Tage und Nächte zwischen weiten Feldern und den Sternen und zwischen Baumwipfeln und dem Boden das Terrain meines Abenteuers ist!  Und damit einher geht eine Wonne, die Anarchie als eine pulsierende Lebenserfahrung ausmacht, anstatt einem Maß von digitalem Sozialkapital oder einer eingefrorenen Theorie aus einem akademischen Journal.

Das Internet hat eine Kultur geschaffen, die verzweifelt nach sozialer Kontinuität und digitaler Bestätigung sucht. Es ist die Brutstätte für „neue“ Konzepte des Anarchismus, die nichts weiter sind als kommunistische Leichen mit Hipster-Ästhetik. Antizivilisatorische Anarchie durchsetzt vom Linksradikalismus zeigt nun die Ausdehnung ihrer Macht durch endlose Twitter-Debatten über „Ökofaschismus“. Twitter – ein Ort wo die Wiederaneignung des eigenen Lebens und Körpers durch die Jünger*innen der Privilegien-Politik beschämt wird – ist ein Friedhof an Stimmen, die ihren eigenen Tod-durch-Internet verherrlichen.

Mein Animalismus strebt nicht danach, das Aussehen und die Verhaltensweisen existenter Tiere zu adaptieren. Stattdessen ist er die Silhouette einer illegalistischen, ungezähmten Bedrohung, die um die brennenden Gefängnisse der Domestizierung tanzt. Meine Ablehnung der Opferrolle ist eine Absage sowohl an die Mitleidspolitik moralitätsbasierter Organisierung, als auch an das Heiligtum der Unschuld. Meine Anarchie ist ein Nekrolog auf die Identitätspolitik. Sie ist ein persönlicher Aufstand ohne Zukunft, ein Traum ohne die Anästhesie der Hoffnung, ein Ausdruck der Wonne mit der Lebensdauer einer explodierenden Bombe.

Dieser Text ist all den Rebell*innen gewidmet, deren einzige Interaktion mit Autorität in Feuer und Zerstörung besteht … Ich bin für immer von eurem mutigen Zorn jenseits rassifizierter und vergeschlechtlichter Grenzen inspiriert … Gewidmet der Jugend, die am 26. Mai Geschichte schrieb, den Rebell*innen, die umkamen und denen, die derzeit für ihre Beteiligung an diesem Krieg gegen den Staat gefangen gehalten werden. RIP George Floyd

 

Übersetzung des englischen Originaltextes „An Obituary for Identity Politics“ von Flower Bomb, erschienen beim Warzone Distro.

Anmerkungen

[1] Ein demokratisch-sozialistischer US-Politiker, der wiederholt als Präsidentschaftskandidat antrat und dabei Unterstützung von vielen (radikalen) Linken der USA bekam (Anm. d. Übers.).

[2] Eine parasitäre Pilzgattung (Anm. d. Übers.).

[3] Nun, ich denke wenn dem so wäre, so wäre der Anarchismus ja auch irgendwie selbst schuld, wenn er sich von irgendetwas oder irgendwem „führen“ lässt. Aber vielleicht ist es – bei allem Verständnis für Polemik – auch ein wenig über die Strenge geschlagen, Anarchist*innen (in den USA und sonstwo) so sehr über einen Kamm zu scheren (Anm. d. Übers.).

[4] „Fuck 12“ bedeutet soviel wie „Fuck the Police“ [Fick die Polizei]. Die 12 bezieht sich dabei meines Wissens nach ursprünglich auf die Cop-interne – moglicherweise lokale – Einheitsnummerierung für das Drogendezernat (12). Die Bezeichnung wird allerdings allgemein für alle Bullen verwendet (Anm. d. Übers.).

Der Aufstand in Minneapolis und die Zerstörung des 3. Polizeireviers

Einige Auszüge aus einem Interview zu den Ereignissen in Minneapolis:

„(…) Die Community der Twin Cities hat in den letzten paar Jahre schon mehrere Beachtung findende Polizeimorde an Individuen gesehen. 2015 wurde Jamar Clard von der Polizei ermordet während er am Boden lag, Hinrichtungsstil, mit Pistole, auf kurze Distanz, nur ein Block vom 4. Polizeirevier von Minneapolis entfernt. Während den Protesten welche folgten gab es eine mehrwöchige Belagerung des 4. Reviers welche in Molliangriffen auf die Polizeistation kulminierte, ebenso gab es andere Scharmützel zwischen Protestierenden und Polizei. Während jener Zeit tauchten weisse Rassisten [white supremancists] auf und schossen auf mehrere Black Lives Matter Aktivisten.

Dann erschossen die Bullen 2016 in den Twin Cities [Minneapolis & St. Paul] Philando Castile während einer Verkehrskontrolle, bei der er auf dem Mitfahrersitz eines Autos mit seiner Partnerin und Kind sass, welche seine letzten Momente live auf Facebook streamte während er ausblutete. Während den Protesten welche auf den Mord an Philando Castile folgten wurden Autobahnen von Protestierenden blockiert und eskalierte Taktiken, einschliesslich des Feuerns von Mörserfeuerwerken in Polizeilinien, angewandt.

Dieses öffentliche Lynchen durch die Polizei, zusammen mit tausenden mehr in den letzten Jahren in den Vereinigten Staaten, sind nur ein kleiner Teil eines viel grösseren historischen Kontexts, von dem, was zum Aufstand über das polizeiliche Lynchen von George Floyd führte. Wenn der gegenwärtige Aufstand in den Vereinigten Staaten darin scheitert eine reale und unmittelbare substantielle Veränderung zu schaffen, dann wird der Konflikt, den man in diesem Land in den letzten Wochen gesehen hat rasch zu eskalieren fortfahren und möglicherweise in einen ausgewachsenen Bürgerkrieg auslaufen.

Farbige Menschen stehen auf und konfrontieren ihre Unterdrücker, teilweise aufgrund der Tatsache, dass es eine hohe statistische Wahrscheinlichkeit gibt, dass sie von der Polizei ermordet werden, egal ob sie zurückschlagen oder nicht. Einfach ausgedrückt: es gibt für die Leute keine Angst zurückzuschlagen weil es keine Hoffnung und keine Zukunft gibt es anders zu tun.

(…)

Am Tag nachdem George Floyd von der Polizei ermordet wurde, begaben sich die Protestierenden der Community zum Polizeirevier im 3. Bezirk, all die Wut und Hoffnungslosigkeit vom Kampf gegen vergangene Polizeimorde im Gepäck. Die Protestierenden zertrümmerten Polizeiautos während die Bullen sich, blast ball Granaten [Eine Art Blendschockgranaten mit Tränengas kombiniert] werfend und mit weniger-tödlicher Munition schiessend vor der schnell vorstossenden Menge zurückzogen.

Am nächsten Tag versammelten sich Protestierende einmal mehr ausserhalb des 3. Reviers, errichteten Barrikaden in den Strassen und schmissen Steine auf die Fenster der Polizeistation. Schwerbewaffnete Bullen mit Riot-Helmen, Schlagstöcken, Pistolen und grossen Gewehren standen vor dem Hauteingang zur Station. Taktische Einheiten standen auf einer hohen Ebene entlang des Daches der Wache und schossen auf die Protestierenden mit „weniger-tödlicher“ 40mm Markierungsgeschossen [marker rounds], Granaten und Tränengas.

Die Situation spielte sich ab wie eine revolutionäre Kriegswiedereinsetzung, in welcher die Polizei Salven von Projektilen in die Gesichter und Genitalien der Protestierenden feuerte, aber ohne dass die Protestierenden Salven zurückfeuerten. Es begannen Protestierende zu Boden zu gehen, schreiend, da ihre Augen zerstört wurden, und Luftröhren kollabierten durch den Hochgeschwindigkeitseinschlag von den 40mm Markierungsgeschossen.

Ärzte und andere Freiwillige trugen die Verwundeten zu nahestehenden Fahrzeugen, welche schnell ins Spital fuhren, während andere damit begannen, naheliegende Läden zu plündern und Gebäude anzuzünden. Dies verringerte die Stärke der Polizeikräfte die das 3. Revier verteidigten, insofern als diese schnell verschiedene Rioteinheiten abziehen mussten um die Feuerwehr zu den Feuern in der Stadt zu eskortieren.

Bei Einbruch der Dunkelheit hatte die Polizei komplett die Kontrolle über die Stadt verloren und die Protestierenden besetzten verschiedene Blocks rund um das 3. Revier. Mit dem folgenden Tag hatte sich die Nachricht in den Twin Cities verbreitet, dass die Polizei nicht fähig war das Chaos und das Plündern zu stoppen, welches um den Mittag rum in St. Paul bei hellem Tageslicht begonnen hatte. Bullen von verschiedenen Zuständigkeitsbereichen befanden sich einer viel grösseren Menge von Protestierenden und umherziehenden Gruppen von mit Brecheisen und anderem Brechwerkzeugen bewaffneten Plünderern gegenüber. Während Blocks von Geschäften in St. Paul in Flammen aufgingen, begaben sich Protestierende an diesem Abend wieder zum 3. Revier hin. Verschiedene grosse Strukturen im Gebiet rund um das 3. Revier, welche der vorangegangenen Nacht zu Asche reduziert wurden, qualmten noch immer.

Derweil suchten Protestierende welche Gasmasken und Helme trugen Steine und Sperrholz zusammen um den eskalierten Kampf gegen die Polizei vorzubereiten. Polizisten auf dem Hausdach setzten ihre Strategie, auf die Protestierenden hinunterzufeuern, fort. Inzwischen wussten die Protestierenden welche Taktiken und Munition von der Polizei zu erwarten war und spürten auch eine extreme Hoffnungslosigkeit, hatten sie doch den Tag zuvor ihre Freunde schreckliche Verletzungen erleiden sehen. Einige Protestierende brachten kugelsichere Kevlar-Anzüge, Molotov Cocktails, Steinschleudern, Motorsägen, Paintballausrüstung, Pistolen, und sogar Sturmgewehre. Es war klar, dass diese Nacht anders als jede andere Nacht sein würde und dass, auf die eine oder andere Art, die Community die Polizeistation runterbrennen würde.

Als die Strassenschlacht in Grösse und Intensität wuchs, erkannten die Bullen bald, dass ihre Leben in höchster Gefahr waren.

Tausende von Protestierenden stiessen mit Schildwällen durch die Wolken von Tränengas vor, zerdepperten Fenster auf Bodenhöhe, während Protestierende von hinten den Vorstoss mit dem feuern von Mörserfeuerwerk gegen die Polizei, welche mit „weniger-tödlichen“ Gewehren vom Dach schoss, deckten. Ein Polizist auf dem Fach schien direkt vom Mörserfeuerwerk getroffen zu sein, was ihn eine Granate fallen liess, welche adrupt in seinem Gesicht explodierte. Die Bullen auf dem Dach zogen sich schnell ins Gebäude zurück, während eine andere Gruppe versuchte den Vorstoss der Protestierenden ausserhalb des Gebäudes zu flankieren.

Als die Sonne unterging waren die Feuer in der Stadt Berichten zufolge von 30 Meilen entfernt zu sehen, im nahegelegenen Staat von Wisconsin. Als die Dunkelheit einsetzte begann die Polizei das 3. Revier zu evakuieren. Die Menge stiess zur Polizeibarrikade vor, warf Steine nach den Bullen und riss Zäune nieder während dutzende Polizisten um ihr Leben rannten, raus auf der Hinterseite des 3. Reviers. Ein Konvoi von panischen Polizisten fuhr ihre Einheitswagen durch deren eigenes geschlossenes Einganstor, während hinten ein gepanzertes BearCat-Gefährt 40mm Markierungsgeschosse in die rapide vorrückende Protestmenge schoss, so fuhren sie hinaus in die Nacht. Mündungsfeuer konnten in die Nacht blitzend gesehen werden, da Tausende Protestierende jubelten und durch das Abfeuern von Magazinen und Feuerwerk feierten.

Protestierende begannen schnell durch verschiedene Eingänge zugleich in die Wache einzubrechen, einige vorne und einige hinten. Man sah Protestierende Überwachungskameras zertrümmern, während andere Molotov Cocktails in die Fenster des zweiten Stocks schmissen. Die Leute arbeiteten zusammen um die Türen zur Wache aufzubrechen, behelfsmässige Rammböcke benutzend, während andere Äxte, Vorschlaghämmer, Schrotflinten und Handkreissägen benutzten. Nach einem ziemlichen Aufwand schwangen die Türen auf und die Protestierenden stürmten in das 3. Revier. Bewaffnete Protestierende welche Pistolen und Sturmgewehre trugen bewegten sich mit der Menge vor. Feuer und Schatten konnten in den Fenstern gesehen werden als einige Protestierende draussen mit neuerworbenen Polizeiuniformen, Riothelemn, Kevlarwesten und Polizeiknüppeln paradierten. Die komplette Wache wurde umgehend zertrümmert und geplündert während eine andere Gruppe von Individuen IED’s [improvised explosive devices; dt.: Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung; USBV] reintrug, aus Propangasbehältern gemacht, um das Gebäude zu sprengen. Am Ende der Belagerung war die komplette Front des 3. Reviers in Flammen gehüllt, mit Protestierenden die in den Strassen von Süd-Minneapolis feierten. Diese Nacht rief der Gouverneur von Minnesota die Armee der National Garde um die Kontrolle über sowohl St. Paul als auch Minneapolis zurückzuerlangen.

Die folgenden Tagen waren voll mit schnellst eskalierenden Konflikten zwischen der Community, Polizei und Armee, welche auch damit begann Sturmgewehre mit scharfer Munition zu tragen. Mehr Gebäude gingen in Minneapolis in Flammen auf.

Die meisten der abgefackelten Geschäfte waren jene, welche die Armen und Farbigen für Jahrzehnte ausgesaugt hatten, wie etwa Zahltagskreditvergeber [pay-day loans; etwas wie „Minikredit“] und Banken.

Gruppen von Plünderern konnte man dabei beobachten, wie sie elektrische Sägen an Geldautomaten benutzten während andere mit Pistolen dabeistanden und ihre Räubereien beschützten. Während jedem nächtlichen Scharmützel beamten Laser zwischen Protestierenden und Heckenschützen der Polizei hin und her, während militärische UH-60 Black Hawk Helikopter und Raubtierdrohnen [so wird das Drohnenmodell „General Atomics MQ-1″ genannt] über der Stadt kreisten.

Nach Tagen der Unruhe begann die Community sich neu zu versammeln und am Ort an dem George Floyd ermordert wurde eine friedliche Besetzung zu formen. Dort kann man Mitglieder der Community sehen wie sie Dosenfrass verteilen, ein Barbeque grillen und Pläne diskutieren die Polizeibehörde abzuschaffen.

(…)

In Minneapolis kommen jetzt die Arbeiterklasse-Leute aller Farben in den Strassen zusammen und benutzen verschieden Formen der direkten Aktion um Druck auf jene an der Macht auszuüben, die Polizeibehörde abzuschaffen. Nach den ersten paar Tagen des intensiven urbanen Konflikts in den Twin Cities kommt die Community jetzt zusammen um die Grundbedürfnisse ihrer Nachbarn zu unterstützen. Die Gegend im Süden von Minneapolis, wo George Floyd ermordet wurde, ist jetzt von der Community blockiert und besetzt, dort werden verschiedene Dienstleistungen für umsonst für die Bedürftigten angeboten, so wie Essen und medizinische Versorgung. Polizeipatrouillen haben in vielen Teilen der Twin Cities drastisch abgenommen seit der Aufstand begann. Während die Belagerung des 3. Reviers darin erfolgreich war, die Polizei dazu zu bringen, die Community zu verlassen, ist die befriedigendste Errungenschaft wie die Community zusammenkommt um alternativen zu den unterdrückerischen Polizierungsmethoden zu finden, welche sie so lange geplagt haben.“

Aus: ‘Something has changed in the power dynamic’; https://anarchistnews.org/content/%E2%80%98something-has-changed-power-dynamic%E2%80%99

Lang lebe die Revolte!

1. Juni 2020

Nach einer weiteren Nacht der Revolte in den Straßen der Vereinigten Staaten aufgrund der Ermordung von George Floyd kündigt Präsident Trump aus seinem Bunker im Weißen Haus heraus an, dass er „die Antifa“ als terroristische Organisation deklarieren werde. Diese Schuldzuweisung versucht, eine spontane und vielschichtige Bewegung (ohne Großbuchstaben (A.d.Ü., sprich keine politische Bewegung)) in einer Organisation zu verorten und ihr nicht nur eine Ideologie, sondern auch eine hierarchische Funktionsweise, die in die staatliche Logik hineinpasst, zuzuordnen.

Wieder einmal wird Terrorismus als Alibi für die Kriminalisierung breiter Sektionen im Kampf benutzt, der wiederum über „Antifaschismus“ völlig hinausgeht. Aber über das Anprangern dieses Vorgehens und den Kampf gegen den repressiven Vormarsch, den dieses bedeutet, hinaus, ist es notwendig, die Polarisierung zurückzuweisen, von der versucht wird sie im Herzen des Kampfes zu etablieren.

Die von Covid-19 auferlegte falsche Wahl zwischen Wirtschaft und Leben führte zum Wiederaufleben der klassischen bürgerlichen Polarisierung zwischen Wirtschaftsliberalismus und Staatsinterventionismus. Letztere wiederum ist je nach Region unterschiedlich kodifiziert worden. Im Allgemeinen als Fortschrittlichkeit versus die Rechte, und es geht sogar so weit, von Faschismus zu sprechen, wie in Brasilien und den Vereinigten Staaten. Wir sehen keinen Zufall darin, an den Antifaschismus zu appellieren, um eine Revolte zu kanalisieren, die sie nicht kontrollieren können.

Der in den Vereinigten Staaten und Europa verbreitete Straßenantifaschismus (die Antifa) vom Schlägertyp, der den Neonazi-Banden gegenübersteht, ist zwar nicht der staatsfixierte und militärische Antifaschismus (der „Guten“) der 1930er Jahre, aber er ist ihr Erbe. Die siegreichen Verteidiger des offiziellen Antifaschismus ermordeten im Zweiten Weltkrieg massenhaft Arbeiter*innen und vergewaltigten massenhaft Frauen. Und sie gehörten direkt zu den siegreichen Regierungen, die im Namen des Kampfes gegen den Faschismus so viele Länder einem demokratischen kapitalistischen Regime unterworfen haben, in dem man nicht mehr protestieren muss, weil wir angeblich frei sind und schlechter dran wären, wenn die anderen gewonnen hätten.

Faschismus und Demokratie waren schon immer komplementäre politische Systeme, die den Interessen der Reichen dienten. Wenn die Demokratie nicht in der Lage ist, die Kämpfe der Ausgebeuteten und Unterdrückten einzudämmen oder diese einfach nur in Schach zu halten, greift das Kapital auf brutalere Formen zurück [1]. Heute sind diese Methoden, die angeblich den Faschisten vorbehalten sein sollen, Teil jeder Regierung, die sich für frei und antifaschistisch erklärt, die wiederum offen totalitär sind: Morde wie der an George Floyd oder die Millionen von Toten durch die Polizei in jedem Land, Sklavenarbeit als notwendige Ergänzung des Arbeitsmarktes und Disziplin in Schulen, Gefängnissen und Irrenhäusern. Doch kein Präsident bezeichnet sich selbst als Faschist, ganz im Gegenteil!

Jetzt, da die Demokratie zu einer totalitären Kontrolle des Soziallebens geworden ist, hat der Faschismus als Herrschaftssystem seine Bedeutung verloren. Offensichtlich gibt es immer noch Nazis und Faschisten, aber sie sind nicht diejenigen, die die Fäden in der Hand halten, sie sind ein Problem der Straße und müssen jeden Tag auf der Straße bekämpft werden. Doch Antifaschismus als politische Option ist eine Farce. Heute wie gestern dient sie nur dazu, die Unterdrückten und die Unterdrücker, die Ausbeuter und die Ausgebeuteten, die Herrscher und die Beherrschten zu vereinen. Im Namen des Antifaschismus sind wir aufgerufen, uns den Völkermördern von heute anzuschließen: den fortschrittlichen oder linken Machthabern eines jeden Landes, die ebenfalls Blut an ihren Händen haben. Oder den Erben des Stalinismus und des völkermörderischen Maoismus.

Das Problem ist nicht die Rechte oder die Linke. Es ist Kapitalismus, es ist Demokratie. Man muss sich nicht der antifaschistischen Front anschließen, um die Faschisten zu bekämpfen. Was uns eint, ist das gemeinsame Handeln überall gegen das, was uns ausbeutet und unterdrückt, gegen die Wurzel des Problems: Privateigentum, Geld und den Staat.

In den Straßen der USA mischen sich schwarze Proletarier mit Weißen und Latinos. In weniger als einer Woche haben sie den bedrückenden alltägliche Normalität in Frage gestellt. Dies einer einzigen Bewegung zuschreiben zu wollen, wie Trump und sein Gefolge es tun, oder wie seine Opposition durch diese Erklärungen einen Punkt machen zu wollen, drückt aus, wie gleich diese beiden gegnerischen Fraktionen in ihrer politischen Mentalität sind, die sich nur darin uneinig sind, wie sie diese kaufmännische Welt verwalten wollen.

Weder Trump noch die Henker von irgendwo anders auf der Welt sollten die Ziele und die Entwicklungen unserer Kämpfe bestimmen!

Der Staat ist der wahre Terrorist!

Gefunden auf Panfletos Subversivos, von panopticon übersetzt, hier in einer überarbeiteten Fassung

Anmerkung der (zweiten) Übersetzung

[1] Ich stimme dieser Analyse nicht zu. Der deutsche Faschismus (über die Ausprägungen des Faschismus in anderen Ländern weiß ich zu wenig, deshalb spreche ich hier nur vom Nationalsozialismus) basierte auf einer Ideologie, die sich unter anderem auf sehr selektive Art und Weise den „Kampf gegen das Kapital“ – nur einer bestimmten Form des Kapitals natürlich, nämlich des „jüdischen Kapitals“ – auf die Fahnen geschrieben hatte. So wurden jüdische Unternehmen und Unternehmer*innen enteignet und angeblich „arischen“ Strukturen und Personen zugeführt. Faschismus als eine radikale Ausprägung des Kapitalismus zu betrachten anstatt zuerst seine herrschaftliche Ideologie zu untersuchen und dann den Einfluss des Kapitalismus darin zu untersuchen, scheint mir als würde man versuchen das Pferd von hinten aufzuzäumen und scheint mir der marxistischen Ideologie zu entspringen, die weder eine radikale Staats- noch Herrschaftskritik zu üben vermag, sondern ausschließlich im Kapitalismus den Grund allen Übels zu entdecken meint.

Ein knapper Gedanke über Gefängnisse

Die Gefängnisse, heute und schon immer, stellen die Waffe der Bestrafung dar, die die Macht gegen jeden und jede benutzt, die das Privateigentum angreifen. Die Ausbeuter bedienen sich dieser repressiven Apparate.

Um ihre Privilegien zu verewigen, halten sie die Ordnung und die Gesetze aufrecht, die ihren widerlichen Status Quo beschützen.
Diejenigen, die sich wehren, werden diese Mittel zu spüren bekommen und dienen somit als Exempel, um Angst zu schüren und diejenigen zum Schweigen zu bringen, die danach streben diese Ordnung umzuwälzen. So ensteht ein Gefängnis ausserhalb der Mauern, ein Gefängnis im eigenen Kopf, in dem die Ängste, mit denen sie uns tagtäglich füttern, die Zäune und Schlösser davon darstellen.

Wir können die Mauern nicht leugnen, die heute unsere Brüder und Schwestern einsperren, aber es sind eben gerade unsere mentalen Gefängnisse, die eine wirkliche Solidarität, alltäglich und aktiv, verwehren. Es sind unsere Ängste, die unsere Wünsche danach, die Macht zu zerstören, verwässern, die uns davon abhalten unsere Wildheit wachsen zu lassen und unsere Feinde anzugreifen.

Es ist an der Zeit zu handeln, in der Alltäglichkeit mit denjenigen, mit denen wir Affinität verspüren, um diese Gefängnisgesellschaft und jeglichen Versuch, dieses widerliche Todessystem zu reformieren, zu zerstören.

Die Solidarität darf niemals eine leere Parole sein, sondern muss ein alltäglicher Akt der Konfrontation mit der Macht und eine konstante Bestärkung unserer, im Kampf auf Leben und Tod, entführten Schwestern und Brüder sein.

(entnommen aus “MAURI…LA OFENSIVA NO TE OLVIDA. Escritos del compañero anarquista Mauricio Morales*” Orginaltitel “Una breve idea sobre las prisiones…”)

*Mauricio Morales oder auch Punky Mauri genannt, starb im Morgengrauen des 22.05.09 in Santiago de Chile, durch seinen eigenen Sprengsatz (ein Feuerlöscher mit Schwarzpulver gefüllt), der leider frühzeitig explodierte, als er gerade dabei war ihn vor einer Schule für Gefängniswärter zu platzieren. Noch am selben Tag kam es zu Konfrontationen mit der Polizei, als diese versuchte, die Besetzung zu durchsuchen, in welcher er zu diesem Zeitpunkt wohnte. Der Tod Punky Mauris zog nicht nur einen riesigen Prozess namens “Caso Bombas” (in den Jahren 2008 und 2009 kam es zu einer Vielzahl von Angriffen mittels selbstgebauter Sprengsätze gegen unter anderem Banken, Kasernen und Kirchen) gegen 14 weitere Gefährten nach sich, sondern mittlerweile auch Jahre der aktiven Erinnerung an einen Gefährten in Form des Angriffs. Der 22. Mai ist seitdem für viele, die sich mit dieser Tat verbunden fühlen, ein weiterer “Tag des Chaos”.

LASST. MICH. STERBEN. – Pandas, Technologie und das Ende der Welt. [Auszüge]

Unsterblichkeit zerstören

1. Die primäre Verteidigung der Zivilisation in dieser Epoche (insbesondere in der westlichen Welt) ist das Argument, dass Zivilisation das ‚Leben‘ verlängert, oder wenigstens die Lebenserwartung.

2. Die Wissenschaft erzählt, dass mensch erwarten könne länger zu leben, gesünder und produktiver als jede Generation vor uns.

3. Vermeintlich bessere medizinische Versorgung, die Fähigkeit viele Viren und Infektionen zu heilen oder einzudämmen, die Sterilisation von Umweltgefahren und die Verminderung der allgemeinen Risiken bei der eigenen Fortpflanzung tragen alle zu der Perspektive bei, dass diese Welt und ihre Organisation das Leben fördert.

4. Technologie hofiert unsere Todesangst mit dem Versprechen von Computern, die in der Lage dazu sind, unsere Psychen herunterzuladen, von der Möglichkeit uns in einer gigantischen Datenwolke zu speichern, ewig zu ‚leben‘.

5. Gleichzeitig sammeln Algorithmen von Werbetreibenden und Staaten bereits gewaltige Schwaden an individualisierten Daten – Musikgeschmack, Essgewohnheiten, innere Zweifel und Sorgen, Beziehungs’status‘, Freundeskreis etc. – und speichern diese in Datenbanken und Geräten, die deutlich langsamer verrotten werden als jeder menschliche Körper.

6. Der Prozess der Androidifizierung, der mit der Einführung ’smarter‘ Telefone in den Alltag begann; und nun mit ’smarten‘ Apps, Homes, Cities fortgeführt wird, verändert für immer die Natur nicht nur des menschlichen ‚Lebens‘, sondern auch den menschlichen Körper, wie wir ihn kennen. Mensch kann heute einen Gedanken in weniger als der Zeit, die benötigt wird, um ihn zu denken, um die ganze Welt schicken und dafür sorgen, dass dieser Gedanken ‚ewig‘ im Netzwerk aufgehoben wird. Die nächsten Schritte werden wahrscheinlich die Implantation solcher Technologien nicht nur auf, sondern auch in den menschlichen Körper sein [1].

7. Mensch muss nur in die Richtung sehen, die die Nanotechnologie und andere ‚hochmoderne‘ Wissenschaft eingeschlagen hat, um diesen Trend zu sehen – das Chaos der letzten Epoche aufräumen (kohlenstoffessende Technologien [2], ‚Recycling‘ bis zum Erbrechen), die Gefahr eindämmen, die in der Dunkelheit lauert (Sterblichkeit/Aussterben), und das Leben wieder einmal bis zu irgendeiner imaginären goldenen Ewigkeit verlängern.

8. Der Himmel ist nicht länger ein mythischer Ort neben Gott, in Kultur und Tradition verankert, sondern ein paar sehr konkrete wenige Quadratmillimeter Mikrochip und eine WLAN-Verbindung.

9. Selbst die endliche Existenz des Habitats (das Ende der Erde als gastlicher Planet aufgrund von Umweltzerstörung, ‚Natur’katastrophen etc.) wird mit dem Versprechen einer für das Weltall bereiten Menschheit abgemildert, die die Galaxie kolonisieren und dem Tod ein weiteres Mal entkommen wird.

10. Jenseits der Aufrechterhaltung lediglich des menschlichen Lebens betrachtet es diese Epoche als ihre Pflicht keimfrei alles zu bewahren, was die menschliche Zivilisation zerstört hat. Schau auf die Zoos, die ‚Umweltschutzprojekte‘, das Aufzwingen des Verlangens der Menschheit ewig zu leben auf andere Spezies, die bis heute ohne unsere Einmischung glücklich aufgehört hätten zu existieren (beispielsweise Pandas, die sich überwiegend der reproduktiven Futurorität [futurority] [*] verweigern [insbesondere in Zoos] und für die ‚Pandaporno [3]‘, Phäromonbehandlungen und künstliche Befruchtung erfunden wurden, um die Aufrechterhaltung der Spezies in Gefangenschaft zu erzwingen).

11. Alles muss leben. Alles muss ewig leben (egal um welchen Preis und um welche Konsequenzen). Tod ist etwas, dem wir entfliehen können. Qualität ist unwichtig, Fortdauer ist der Schlüssel.

12. Bei alledem scheint niemand die einfachste aller Fragen zu stellen. Warum? Warum sollte ein Leben länger dauern? Warum sollte ein Leben ewig dauern? Warum haben wir es nötig unendlich lange zu existieren?

13. Und indem diese Frage nicht gestellt wird, marschiert die Menschheit in einen viel wahreren, viel realeren Tod als das körperliche Ende eines einzelnen Wesens. Sterblichkeit ist, was die Möglichkeit zu leben, wirklich zu leben, erschafft – leben ohne Käfig oder Petrischale, gefährlich leben, leben mit dem Risiko zu sterben. Ohne Tod kann es kein Leben geben.

14. Die Aufrechterhaltung des ‚Lebens‘ auf Kosten des Lebens, sicher und beschützt vor den Gefahren von außerhalb, bildet straffere und straffere Beschränkungen gegenüber dem, was es bedeuten kann zu leben, die gesamte Zivilisation wird eine ‚lebenserhaltende Maschine‘ und im Austausch akzeptieren wir vollkommen komatös zu existieren.

15. Der Mythos des Himmels verlangte, dass mensch die Übel der Welt für das Versprechen eines glorreichen Jenseitses akzeptierte, der Mythos der Technologie vollstreckt die Übel der Welt im Austausch dafür, dass mensch innerhalb dieser für immer existieren kann.

16. Gefängnismauern, Irrenhäuser, Schulen, Büros, Wohnhäuser bedeuteten, dass menschliches Leben gezügelt werden konnte, bewahrt, beschützt (aber nie frei war eine Form zu finden) innerhalb einiger weniger Quadratmeter, Computertechnologie reduziert die Größe des Käfigs tausendfach.

17. Die Frage, die sich freie Wesen in dieser Epoche stellen müssen, ist, ob die Kosten fürs ‚Leben‘ die immer klinischere Umgebung rechtfertigen, in der sie reproduziert werden. Mensch muss sich selbst fragen: Möchte ich überleben? Oder möchte ich LEBEN? Die beiden sind nicht mehr länger dasselbe.

18. Mit der sehr realen Möglichkeit konfrontiert, dass es einer*m nicht mehr erlaubt wird zu sterben – kommt mensch zu der Forderung danach als eine Form der Weigerung.

19. Der Lebenskult – der paradoxerweise ein Kult des lebendigen Todes ist, muss zerstört werden.

20. Lassen wir die Finsternis ein, lassen wir diese fragilen Körper welken und schwinden, lassen wir den Wüstenwind die zerbrochenen Trümmer der Zivilisation zerstreuen, sorgen wir dafür, dass das Universum die Spuren vergisst, die wir hinterlassen haben.

21. Zerbrechlichkeit, Zeitlichkeit, Sterblichkeit ist nichts, vor dem mensch sich fürchten müsste; sondern dass es zu feiern gilt – „flüchtig, bedeutungslos und kurz“ sind wahrscheinlicher Synonyme für Freiheit als es „ewig, technologisch und gezügelt“ jemals sein könnten.

Sicherheit als Illusion – Gefahr als Bruch

1. Mit der Erhaltung des Lebens als lebendiger Tod ist das zweite Versprechen der Mauern der Zivilisation verbunden, das Versprechen von Sicherheit.

2. Sicherheit ist immer eine Illusion, wie die unzähligen Attentate und die ständig sich ändernden Sicherheitsprotokolle am Flughafen offenbaren – ihre Auferlegungen jedoch sind sehr solide. Nimm die traditionelle Mauer rund um eine Stadt oder eine Siedlung (die den Schutz vor Bedrohungen von außen – vor dem Barbarischen – verspricht); die Mauer kann untergraben, erklommen, ja sogar zerstört werden, wenn mensch denn Zeit und Motivation dazu hat, sie zerfällt mit der Zeit und ohne beständige Wartung und kann einfach nur dadurch überwunden werden, dass die Person verführt wird, die sie bewacht. Trotzdem scheint für das Individuum innerhalb der Mauern die Masse an Steinen undurchdringlich und unüberwindbar und stellt eine sehr materielle Abschneidung von dem dar, was sich draußen befindet (zum Beispiel kann mensch nicht einmal sehen, was sich außerhalb der Mauern befindet).

3. So ist die Illusion von Sicherheit bloßgestellt, nicht als eine Form von Schutz, sondern als eine Form der Einhegung; nur diejenigen, die innerhalb der Mauern leben, können von der Undurchdringlichkeit von Sicherheit überzeugt sein – jede*r willens genug jenseits der Mauer zu existieren, kann den Papiertiger so sehen, wie er wirklich ist – eine Falle, um Flucht zu verhindern und ein Schutz vor Zutritt.

4. Heutzutage sind Mauern viel diffuser; produziert auf psychischer Ebene und in der Psyche in den Schulen und innerhalb von menschlichen Beziehungen werden die Mauern in den Köpfen der Individuen errichtet, die über so viele Generationen hinweg innerhalb derselben gelebt haben und die es nun nicht mehr brauchen, dass sie das Außen nicht sehen, um davor Angst zu haben.

5. Die Illusion von Sicherheit durchdringt jeden Aspekt unseres Alltags, was ‚Sicherheit‘ bedeutet wird nie konkret definiert; abgesehen von den Kolonnen an Fußsoldat*innen, die in den Straßen patrouillieren, und Videoüberwachung an jeder Straßenecke gibt es keine diskursive Definition, was es bedeuten könnte ’sicher‘ zu sein und keine konkrete Beschreibung dessen, was denn die Gefahr wirklich ist.

6. Sogar radikale Milieus haben diese Logik übernommen, durch Forderungen nach ’safe spaces‘, durch Policies, die Sicherheit definieren und durch die Vorstellungen, mensch könne Orte oder Gemeinschaften schaffen, die frei seien von den ‚Gefahren‘ der äußeren Welt.

7. Sicherheit setzt immer imaginäre Gefahren voraus – normalerweise die Gefahren von außen, vom ‚anderen‘ oder am allermeisten die der Sterblichkeit. Im Namen der Überlebenssicherung wird jede repressive Maßnahme normalisiert.

8. Beim Suizid behilflich zu sein oder ihn zu erlauben ist fast überall auf der Welt illegalisiert [4], die Käfige von psychiatrischen Kliniken und Gefängnissen sind voller Individuen, die eine ‚Gefahr‘ für ihr eigenes oder das Leben anderer darstellen.

9. Die Forderung nach Sicherheit geht immer Hand in Hand mit den Kräften der Herrschaft. Mag es auch in der Tradition des radikalen Feminismusses liegen, die ’sicherere Straßen‘ für Frauen vor maskierten und rassifizierten Angreifern forderten (was zu riesigen Polizeieinmärschen in arme und rassifizierte Communities führte), oder der Vorstoß von LGBT Organisationen zu einer Gesetzgebung bezüglich Hassverbrechen, die Individuen vor Belästigung und Übergriffen auf der Straße beschützen sollte (und die als Vorwand hergenommen wurde, um im Zweifel jede*n damit festnehmen zu können und die die Zahl derer, die ins Gefängnis gesperrt wurden oder eine sonstige Strafe erhielten, in die Höhe trieb, für so geringe Dinge wie ‚fuck‘ in der Öffentlichkeit gesagt zu haben). [5]

10. Ein passendes Beispiel für die anthropozentrische Obsession mit Sicherheit ist die ‚Hauskatze‘; ein Wesen, das die Gesamtheit seiner Existenz in den begrenzten Mauern einer Wohnung verbringt. Auf der Idee basierend, dass die Gefahren der äußeren Welt – sich zu verlaufen, zu verhungern, von einem Auto überfahren zu werden – so angsteinflößend sind (aus der Sicht der*s menschlichen Geiselnehmers*in), dass sie als Rechtfertigung für diese absolute Grausamkeit und Beschneidung von Freiheit dienen. Die Katze wird komplett ’sicher‘ gehalten, in einem sterilen Umfeld, das ihr nichts tun kann; und doch kann mensch ehrlich sagen, dass [für] ein Wesen, für das lange Nächte, rastlose Jagden, eine schulterzuckende Geringschätzung gegenüber der Menschheit normale Charakterzüge sind – dass die vier Wände eines menschengemachten Gefängnisses sie glücklich machen werden?

11. Die ‚Hauskatze‘ fungiert auch als passende Analogie für unser eigenes Leben – die Gebieter*innen der Herrschaft halten uns sicher gezügelt in den Städten, dem Arbeitsplatz, zuhause; und wir mögen ein bisschen zappeln, aufgeregt vom Versprechen der Turnhalle oder des Schwimmbades –, aber hinauszugehen, wahrhaft außerhalb ihrer Welt ist nicht nur verboten, sondern heute auch unmöglich. Wir begrüßen die zerquetschenden Reifen des Autos oder den Nachbarshund, der uns davonträgt – Gefahr bedeutet Freiheit.

12. Individuen oszillieren zwischen Geiselnehmer*in und Geisel, da sie die Logik von Sicherheit internalisieren und reproduzieren. Vom*n der Bull*in an der Straßenecke zum Elternteil, der seine Kinder vor den Gefahren durch die Pädophilen warnt, zur liberalen queeren Person, die gewaltsame oder konfrontative Aktionen für daneben hält und Passivität im Namen von ‚Inklusivität‘ durchsetzt.

13. Individuen dieser Epoche müssen dem Fakt ins Auge sehen, dass es nirgends ’sicher‘ ist, und dass jede*r, die*der verspricht für Sicherheit zu sorgen, in Wahrheit lediglich Gefangenschaft (re)produziert.

14. Wenn mensch sich im Netz der Sicherheitshüter*innen (der Polizei oder ihren Repräsentant*innen) verfängt, wird einer*m bald klar, dass die Illusion von Sicherheit nicht irgendeine absolute Sicherheit vor Schädigung [harm] ist, sondern ein imaginärer Parameter von Sicherheit, der durch die Apparatschicks und Algorithmen der Herrschaft definiert wird.

15. Wenn mensch in Konflikt mit den Sicherheitshüter*innen gerät, erkennt mensch schnell, dass ihre Version davon ‚dich zu beschützen‘ [keeping you safe] in Wirklichkeit bedeutet dich unter Kontrolle zu halten [keeping you under control], oder meistens dich vor einer imaginären Gefahr zu retten, damit sie dir ihren eigenen sehr realen Schaden zufügen können.

16. Zum Beispiel kann mensch dafür angehalten werden zu schnell mit dem Auto gefahren zu sein, über eine rote Ampel gefahren zu sein, versucht zu haben von einer Brücke zu springen, eine verlassene Lagerhalle erkundet zu haben oder sich in eine physische Auseinandersetzung begeben zu haben, in allen Beispielen wird das Verhalten zuerst als ‚gefährlich‘ definiert werden und das Narrativ folgt normalerweise dem „wir sind hier, um dich zu beschützen“. Sobald mensch sich natürlich in den Händen der Sicherheitshüter*innen befindet, kann mensch erwarten, geschlagen, gefoltert, in einen Käfig gesperrt zu werden, sexualisierten Übergriffen ausgesetzt zu sein, gedemütigt, gemobbt und verletzt zu werden, auf alle möglichen unbenennbaren Arten und Weisen.

17. „Dich zu beschützen“ [keeping you safe] ist gleichbedeutend mit der Aufrechterhaltung des Monopols auf Gefahr, Schädigung [harm] und Gewalt.

18. Es nützt der Herrschaft möglichst viele imaginäre Gefahren an der Hand zu haben für egal welchen Moment. Je mehr und desto gefährlicher die Gefahren, desto größer der Spielraum um sich Wege auszudenken, um ‚Sicherheit‘ zu gewährleisten.

19. Die immer wachsende Anzahl an Gefahren, die die zivilisierte Ordnung sehr gerne in ihre Logik integriert – sei es die Bedrohung durch Terrorismus, Umweltkatastrophen, Kleinkriminalität, Homophobie, vergeschlechtlichte Gewalt oder Rassismus [oder aus aktuellem Anlass durch einen Virus, Anm. d. Übers.] – rechtfertigt eine immer wachsende Anzahl an Bestrafungen, Eingrenzungen und Käfigen.

20. In vielen ‚liberalen Demokratien‘ sehen wir, wie die Antwort auf die allgemeine Erkenntnis über strukturelle Unterdrückung darin bestand, jedes Individuum zu kriminalisieren, das beschuldigt wird Täter*in zu sein (wobei dabei die Realität ignoriert wird, dass der Staat immer der größte Übeltäter ist). Von der Gesetzgebung zu Hassverbrechen, um ‚unterdrückte Minderheiten‘ zu beschützen, zu Versuchen, Netzwerke wie Tor zu verbieten (weil das da ist, wo Terrorist*innen leben), sehen wir wieder und immer wieder, dass das Versprechen, uns vor Gefahr zu bewahren verzerrt wird zu einer sehr realen Anwendung von Schaden und Leid [harm].

21. Die Illusion von Sicherheit basiert auf einem sehr fluiden Verständnis davon, von was oder wem Gefahr ausgeht. In der Logik der Herrschaft wird uns täglich eingeredet, dass eine schwer bewaffnete Gang, die das Recht hat zu ermorden, zu entführen, zu vergewaltigen und zu foltern (die Polizei) ’sicher‘ ist und dass irgendein Kind, das eine rote Ampel überfährt oder wo entlang geht und dabei schwarz ist, eine Gefahr darstellt.

22. Das wird weiterhin verkompliziert durch einen Status, der Individuen verliehen wird und der auf einer angenommenen Konformität/Non-Konformität basiert. Der Flüchtling ist ’sicher‘, der*die illegale Immigrant*in ist gefährlich, der*die Stahlarbeiter*in ist ’sicher‘, die*der Sexarbeiter*in ist gefährlich, die*der gesetzestreue Bürger*in ist ’sicher‘, die*der Kriminelle ist gefährlich. Die willkürliche Verleihung des Rechts auf Sicherheit ist in Wirklichkeit die reale Gefahr.

23. Solche willkürlichen Verleihungen bedeuten, dass wir im Namen von Sicherheit bewaffnete Hooligans haben, die mit Sturmgewehren in den Straßen patrouillieren – und dass jemand dafür in den Knast kommen kann, ein Küchenmesser vom Laden zur Heimstätte zu tragen.

24. Jede*r, die*der glaubt, dass wir innerhalb der Mauern sicher sind, ist bestenfalls wahnhaft, wahrscheinlicher aber selbstmordgefährdet.

25. Einige ‚gute Bürger*innen‘ (weiß, reich, cis, hetero, gesetzestreu) könnten in der Lage sein die Lüge aufrechtzuerhalten, dass sie innerhalb der Mauern sicher sind (selbst wenn sie die giftigen Dämpfe und Radiowellen, die sie langsam dahinraffen, außer Acht lassen); aber selbst sie werden dazu gezwungen sein ihren Fehler zuzugeben, wenn sie im Namen der ‚Sicherheit‘ ihren Heimkäfig nicht mehr verlassen können, außer, um zu ihrem (re)produktiven Käfig zu gehen.

26. Mehr als das alles jedoch, warum brauchen wir es sicher zu sein? Warum haben wir es zugelassen, dass eine Angst vor Gefahr in unseren Köpfen brütet und in unserer Praxis wuchert? Wissen wir überhaupt wirklich, was wir meinen, wenn wir sagen, dass wir sicher sein wollen? Wir sind in Illusionen gefangen, die von Tyrann*innen kuratiert werden.

27. Sicherheit mag illusorisch sein, aber Gefahr kann sehr real sein. Nicht die imaginären Gefahren, mit denen die Herrschaft ihre Subjekte füttert, um sie unterwürfig zu halten – aber die Gefahr, vor der die Herrschaft selbst beständig Angst hat.

28. Aus der Gefangenschaft auszubrechen bedeutet Gefahr im eigenen Leben zu akzeptieren – nicht die falschen Gefahren, die Sicherheit ausschließt; aber die wahren Gefahren der aktiven Konfrontation mit denjenigen, die für sich in Anspruch nehmen für sie zu sorgen (Sicherheit). Reale Gefahr zu akzeptieren bedeutet die Konfliktualität mit dem Staat, der Polizei, der Technologie, pazifistischen Ideologien und vielleicht sogar mit sich selbst zu bewaffnen– es ist die Realisierung, dass selbst wenn es nichts gibt, für das es sich zu sterben oder in den Knast zu gehen lohnt, diese Möglichkeiten vielleicht weniger grauenerregend sind als sicher zu bleiben (d. h. in Gefangenschaft).

29. Die Illusion von Sicherheit aufrechtzuerhalten, in jedem Aspekt des Lebens, ist immer das Ziel der Herrschaft, jedes Mal, wenn jemand Konfliktualitäten bewaffnet, Gefahr inspiriert, einen Bruch kreiert; wird Sicherheit herbeieilen, um das Leck abzudichten. So wie mensch fast keine Chance hat die Zivilisation zu zerstören, gibt es wenig Hoffnung, Sicherheit in ihrer Totalität zu zerstören; mensch kann weghacken und Brüche vergrößern, aber mensch muss immer vorbereitet sein, dass diese Brüche neue Formen erschaffen werden und die Durchsetzung von Sicherheit – die Schlacht wird eine unendliche sein.

30. Der Kampf gegen Sicherheit an sich erschafft Gefahr für die Person, die diesen Kampf führt.

31. Wenn jemand ernsthaft die Illusion von Sicherheit erkennen, und von dieser Erkenntnis aus handeln will, um diese zu zerstören: diese Person muss zuerst Gefahr als stetige Freundin und Gefährtin willkommen heißen.

32. Im Laufe des Prozesses des Gefährlichwerdens muss sie sich den realen Gefahren innerhalb der Mauern stellen (Repression, Angriff, Mord) und ihr Herz allen möglichen imaginären Gefahren von außerhalb der Mauern öffnen.

33. Herrschaft wird an jeder Tür sein, wenn mensch sich selbst voll der Gefahr öffnet. Sie wird in dichten Reihen um eine*n zusammenrücken und versuchen Sicherheit um jeden Preis der*mjenigen aufzuzwingen, die*der danach sucht.

34. Gefahr muss all die Angst vor dem Unbekannten verkörpern, allen instinktiven Terror vor den Gebieten außerhalb der Mauern, sie muss tief in die Finsternis eintauchen und nie ein Licht erstrahlen lassen.

35. Wenn Gefahr sich verbreitet, wird ‚Sicherheit‘ verwelken.

Endnoten

[1] Vgl. die Implantierung von NFC-Chips in Leute in Schweden. https://www.npr.org/201 8/1 0/22/658808705/thousands-of-swedes-are-inserting-microchips-under-their-skin? t=1 570529276200.

[2] Vgl. Reise in Richtung Abgrund – Lose Betrachtungen zur Technowelt für eine Kritik an Nanotechnologien, die für diesen Zweck entwickelt wurden oder die neueste Entwicklung von Metall’bäumen‘ in Irland für denselben Zweck: https://oilprice.com/Latest-Energy-News/World-News/Metal-Trees-Suck-Up-CO2-From-Air.html als Beispiele.

[*]  „Futurorität ist das Versprechen der Zivilisation, dass die menschliche Spezies fortdauern wird. Mehr als das, es ist das Versprechen, dass die ‚richtige‘ menschliche Spezies fortdauern wird. Jenseits des Versprechens ist es auch der Zwang, dass sie fortdauern MUSS.“ (Fighting Futurority. In: LET. ME. DIE., S. 15) [Anm. d. Übers.]

[3] Zoos und Forschungseinrichtungen in China entwickelten diese Technik, die bisher in dutzenden Fällen angewendet worden ist. https://www.nationalgeographic.com.au/animals/panda-porn-and-other-desperate-measures-to-get-rare-species-to-mate.aspx

[4] https://en.wikipedia.org/wiki/Suicide_legislation

[5] Vgl. Dean Spade: ‚Normal Life: Administrative Violence, Critical Trans Politics, and the Limits of Law‘ für eine verständliche Kritik an diesen Verläufen, oder Teil 5 des Public Order Offenses Acts in Großbritannien als konkretes Beispiel.

Übersetzt aus dem Englischen. Den vollständigen Text mit dem Titel „LET. ME. DIE. Pandas, Technology, and the End of the World.“ findet ihr beim Down & Out Distro.

Der schlimmste aller Viren… die Autorität

Bezüglich COVID-19, autoritären Delirien und der Scheißwelt, in der wir leben…

Die makabre Zählung der Todesfälle steigt von Tag zu Tag, und in der Fantasie von jedem macht sich das Gefühl breit, erst vage und dann immer ein bisschen stärker, immer mehr vom Sensenmann bedroht zu sein. Für hunderte Millionen Menschen ist diese Fantasie sicher nichts Neues, die Fantasie des Todes, der jeden treffen kann, zu jeder Zeit. Es reicht an die Verdammten der Gebiete zu denken, die täglich auf dem Altar der Macht und des Profits geopfert werden: diejenigen, die unter den Bomben des Staates überleben, inmitten unendlicher Kriege für Erdöl oder für Bodenschätze, diejenigen, die mit unsichtbarer Radioaktivität leben, die durch Unfälle oder Atommüll verursacht wird, diejenigen, die die Sahelzone und das Mittelmeer durch- bzw. überqueren und die in Konzentrationslager für Migranten eingesperrt werden, diejenigen, die durch das Elend und die Verwüstung, die von der Agrarindustrie und durch den Abbau von Rohstoffen hinterlassen werden, nur Haut und Knochen sind… Und selbst in den Gebieten, in denen wir leben, vor gar nicht so langer Zeit, hat man den Terror des Gemetzels auf industrieller Ebene gekannt, die Bombardierungen, die Vernichtungslager… immer durch den Hunger nach Macht und Reichtum der Staaten und der Bosse geschaffen, immer treu von Armeen und Polizeien eingerichtet…

Aber nein, heute spricht man nicht von von diesen verzweifelten Gesichtern, die man stets versucht weit weg aus unseren Augen und aus unserem Sinn zu halten, auch nicht von einer inzwischen vergangenen Geschichte. Die Angst beginnt sich in der Wiege des Königreichs der Ware und des sozialen Friedens auszubreiten und sie wird von einem Virus verursacht, der jeden angreifen kann – auch wenn natürlich nicht alle dieselben Möglichkeiten der Behandlung haben werden. Und in einer Welt, in der wir an die Lüge gewöhnt sind, wo der Gebrauch von Zahlen und Statistiken eins der zentralen Mittel der Manipulation über die Medien ist, in einer Welt, in der die Wahrheit konstant von den Medien versteckt, verstümmelt und verwandelt wird, kann man nur versuchen, die einzelnen Puzzleteile zusammenzusetzen, Hypothesen aufzustellen, zu versuchen sich gegen diese Mobilisierung der Gemüter zur Wehr zu setzen und sich die Frage zu stellen: In welche Richtung gehen wir gerade?

In China, dann in Italien wurden jeden Tag neue repressive Maßnahmen auferlegt, bis hin zur Grenze, die kein Staat bisher zu überschreiten versucht hatte: das Verbot sein Zuhause zu verlassen und sich auf seinem Territorium ausschließlich für die Arbeit und für strikte Notwendigkeiten zu bewegen. Selbst der Krieg hat es nicht vermocht, dass die Bevölkerung Maßnahmen eines solchen Ausmaßes akzeptierte. Aber dieser neue Totalitarismus trägt das Gesicht der Wissenschaft und der Medizin, der Neutralität und des Gemeinwohls. Die Pharmakonzerne, die Telekommunikationsunternehmen und die Unternehmen für neue Technologien werden die Lösung finden. In China, der Zwang zur GPS-Ortung, um jeden Ortswechsel im Fall einer Infektion zu melden, die Gesichtserkennung und der Onlinehandel, die dem Staat helfen, die Einsperrung jedes Bürgers bei sich zuhause zu gewährleisten. Heute legen dieselben Staaten, die ihre Existenz auf der Einsperrung, den Krieg und das Massaker, einschließlich ihrer eigenen Bevölkerung, begründet haben, ihren „Schutz“ auf, mithilfe von Verboten, Grenzen und bewaffneten Menschen. Wie lange wird diese Situation andauern? Zwei Wochen, ein Monat, ein Jahr? Man weiß, dass der Notstand, der nach den Attentaten [in Frankreich 2015 bis 2017; Anm. d. Übers.] mehrmals verlängert wurde, bis die Notfallmaßnahmen definitiv in die französische Gesetzgebung integriert waren. Wohin wird uns dieser neue Notfall führen?

Ein Virus ist ein biologisches Phänomen, aber der Kontext, in dem er seinen Anfang nimmt, seine Verbreitung und seine Verwaltung sind soziale Fragen. In Amazonien, Afrika und in Ozeanien wurden ganze Bevölkerungen durch die Viren, die von den Kolonisatoren eingeschleppt worden waren, dahingerafft, während letztere ihre Herrschaft und ihre Lebensweisen auferlegten. In den Tropenwäldern haben Armeen, Händler und Missionare die Menschen – die davor die Gegend verstreut bewohnt hatten – dazu genötigt, sich um Schulen herum zu konzentrieren, in Dörfern und Städten. Das vereinfachte massiv die Verbreitung von verheerenden Epidemien. Heute lebt die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten, um die Tempel des Kapitals herum, und ernährt sich von Produkten der Agrarindustrie und der Massentierhaltung. Jede Möglichkeit zur Autonomie wurde von den Staaten und der Marktwirtschaft ausgerottet. Und solange die Megamaschine der Herrschaft weiter funktioniert, wird die menschliche Existenz immer mehr Desastern unterworfen sein, die nicht wirklich was „Natürliches“ an sich haben, und einer Verwaltung solcher, die uns jede Möglichkeit verwehren wird, unser Leben selbst zu bestimmen.

Außer wenn… in einem Szenario, das immer dunkler und beunruhigender wird, die Menschen entscheiden wie freie Wesen zu leben… auch wenn es nur für ein paar Stunden, für ein paar Tage oder für ein paar Jahre vor dem Ende ist – lieber als sich in einem Loch aus Angst und Unterwerfung einzuschließen. Wie es die Gefangenen von dreißig italienischen Gefängnissen gemacht haben, die, mit einem Besuchsverbot aufgrund von Covid-19 konfrontiert, sich gegen ihre Kerkermeister aufgelehnt haben, ihre Käfige verwüsteten und anzündeten und, in einigen Fällen, erfolgreich flohen.

JETZT UND IMMER IM KAMPF FÜR DIE FREIHEIT!

Übersetzt aus dem Französischen, unter dem Titel „Le pire des virus… l’autorité“ zuerst am 13.03.20 bei Indymédia Nantes veröffentlicht, gefunden bei Sans Attendre Demain.

Betäubte Wut – Einige Worte über die befriedende Funktion der Psychiatrie

Die Psychiatrie gehörte seit langem zu meinen Phobien. Ich habe Jahre mit der Vorahnung verbracht, dass ich eines Tages dort enden würde, dass mein Wahnsinn, meine Wut, meine Einzigartigkeit eines Tages dort stranden würden, eines Tages dort erlischen würden. Ich dachte, dass meine Wünsche dem Existierenden so entgegen gesetzt seien, dass diese Widersprüche nur durch die Zwangseinweisung gelöst werden könnten, ein wahrer Segen für die Macht, die sich mit Leichtigkeit der zu lebendigen Geister entledigt.

Ihre Welt hat mich schon immer intensiv leiden lassen. Und als ich entdeckt habe, dass ich nicht die einzige Person war, die mit diesem permanenten Schmerz lebte, habe ich gleichzeitig versucht ihn zu bekämpfen und vor ihm zu fliehen. Ich erinnere mich an die Momente, in denen ich vor innerer Wut brannt, in denen ich, während ich die Stadt von einem Aussichtspunkt aus betrachtete, fühlte, dass ein Schlag meines Herzens ihres Geschäftsviertel entzünden könnte, ihre Kommissariate, ihre Unternehmen, ihre Banken, ihre kalte Welt.

Heute ist es mir nicht mehr möglich solche Gefühle zu empfinden. Ich habe zwei Jahre meines kurzen Lebens im wattigen Universum der psychiatrischen Medikation verloren. Überspringen wir das Trauma der wahnhaften Psychose, die Tage mit Blackout auf dem Bett liegend, die Tage, die ich damit verbracht habe ohne Ziel in einer geschlossenen Klinikabteilung herumzuirren und die Chimäre zu nähren, dass ich hier bald herauskomme, die demütigenden Bestrafungen, die Isolation und alles, was die psychiatrische Zwangseinweisung bedeuten kann. Ich habe sechs Monate gebraucht, um wieder ein Lächeln auf mein Gesicht zu zeichnen, ich habe fast ein Jahr gebraucht, um aufs Neue lachen zu können. Aber jetzt, wo ich die Oberhand über die offensichtlichen Effekte eines psychiatrischen Traumas und der medikamentösen harten Drogen habe, ist der Schmerz, den ich heute empfinde, gedämpfter. Es ist der Schmerz, dass es nicht möglich war um eine geliebte Person zu trauern, die deren Welt auch fliehend verlassen hat. Es ist ein Schmerz, der es nicht möglich macht die Momente kollektiver Aufregung zu empfinden. Es ist ein Schmerz, weil ich nur eine gemäßigte Freude empfinde, nur ein Leid, das von seiner Tiefe abgetrennt wurde. Es ist der Schmerz darüber, gleichgültig geworden zu sein gegenüber allem, was kommen könnte, darüber das Leben ohne Leidenschaft zu durchqueren. Es ist der Schmerz darüber, mit Widersprüchen durch Ist-mir-alles-egal-ismus fertig geworden zu sein. Es ist der Schmerz darüber, keine emotionale Nahrung mehr zu haben, mit denen ich die radikalen Ideen nähren könnte, die mein Leben ausgemacht haben und diese um jede Praxis gebracht zu haben, aus Bequemlichkeit. Es ist der Schmerz darüber, die Wut nur noch wie eine Erinnerung zu kennen.

Indem ich meine Erfahrung mit der anderer verglichen habe, indem ich mit vertrauten Personen diskutiert habe, indem ich die Fakten analysiert habe, habe ich realisiert, dass ich mich nicht verändert habe, sondern dass ich lediglich in einer chemischen Zwangsjacke stecke, und dass ich aufgegeben habe, mich gegen sie zu wehren, weil ich vergessen habe, dass sie existiert. Man hat mir klar gemacht, dass mich der Lohnarbeit zu unterwerfen positiv wäre, damit meine Dosis reduziert werden könne, auf die ich keinen Einfluss habe, weil das, was ich sage, keine Berücksichtigung findet und weil jede Kritik oder zu klare Willensäußerung aufzuhören als „Nichteingehen“ auf die Behandlung gewertet wird, die mit der Verlängerung der Verabreichung von Depotinjektionen bestraft werden, mit denen man weder die Möglichkeit hat zu schummeln noch zu experimentieren.

Um Stück für Stück aufzuhören, um so die Risiken zu minimieren, bleibt mir nichts anderes übrig mich während der Zeit zu fügen, in der die heilige Objektivität des Psychiaters (der, er, weiß, was gut für mich ist) es für nötig hält, indem ich bei jedem Termin meine Normalität und meine soziale und wirtschaftliche Integration in diese Welt der Toten beweise. Parallel verhilft mir der chemische Effekt der Neuroleptika diese Situation der Unterwerfung mit einer gewissen Gleichgültigkeit zu ertragen. Bis wann?

Da, wo die psychiatrische Behandlung zur Integration führt, führt die Behandlung mit Neuroleptika zur individuellen Befriedung durch die Vernichtung jeglichen Gefühls, das zu stark werden droht. Ade liebe Wut zu leben. So kanalisiert die Psychiatrie unter dem Deckmantel der „Heilung“ alles, was die autoritäre Gesellschaft nicht händeln oder tolerieren kann und verwandelt die Zu-Lebendigen in Kohorten betäubter Individuen, fügsam und rentabel, bereit sich in die infernale Maschine des Kapitals zu integrieren (möge es verrecken!). Dass ich meiner Klarheit beraubt wurde, verbittert mich und ich hoffe, dass ich eines Tages die Fähigkeit wiederfinden werde, das Leben voll zu empfinden. Um wieder anzufangen zu leben und zu kämpfen.

Meine Solidarität mit allen Psychiatrisierten und ihren Liebsten.

Nieder mit allen Mächten!

Übersetzt aus dem Französischen. Das Original wurde 2012 unter dem Titel „Rage endormie – Quelques mots sur la fonction pacificatrice des la psychiatrie“ bei Le Cri du Dodo veröffentlicht.

Gender Nihilismus: Ein Anti-Manifest

Einführung

Wir befinden uns in einer Sackgasse. Die aktuelle Politik der Trans-Befreiung hat sich auf ein erlösendes Verständnis von Identität gestürzt. Ob durch die Diagnose eines:einer Ärzt:in [1] oder Psycholog:in oder durch eine persönliche Selbstbestätigung in Form einer sozialen Äußerung sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass es eine innere Wahrheit von Geschlecht gibt, die wir aufspüren müssen.

Eine endlose Folge positiver politischer Projekte haben den Weg abgesteckt, den wir derzeit eingeschlagen haben, eine unendliche Folge von Pronomen, Pride-Flaggen und Bezeichnungen. Die derzeitige Trans-Bewegung hat versucht, die Geschlechterkategorien zu erweitern, in der Hoffnung, dass wir den Schaden, den sie anrichten, verringern können. Das ist naiv.

Judith Butler bezeichnet Gender als „den Apparat durch den die Erzeugung und Normalisierung von Maskulinum und Femininum stattfindet, gemeinsam mit den interstitiellen Formen des Hormonellen, Chromosomalen, Psychischen und Performativen, von denen Gender ausgeht.“ Wenn die derzeitige liberale Politik unserer trans Genoss:innen und -Geschwister versucht, die sozialen Dimensionen, die von diesem Apparat erzeugt werden, zu erweitern, ist unsere Arbeit das Verlangen, sie auf ihre Grundfesten niederbrennen zu sehen.

Wir sind Radikale, die genug von den Versuchen haben, Gender zu retten. Wir glauben nicht, dass wir es für uns nutzen können. Wir betrachten die Transmisogynie, die wir in unseren eigenen Leben erfahren haben, die vergeschlechtlichte Gewalt, die sowohl unsere trans, als auch cis Genoss:innen erfahren haben und wir begreifen, dass der Apparat selbst diese Gewalt zwangsläufig mit sich bringt. Wir haben genug davon.

Wir wollen kein besseres System schaffen, da wir kein Interesse an positiver Politik haben. Alles was wir gegenwärtig fordern ist ein schonungsloser Angriff auf Gender und dessen soziale Bedeutungsweisen und Verständnis.

Diesem Gender Nihilismus liegen einige Prinzipien zugrunde, die im folgenden detailliert untersucht werden: Antihumanismus als Fundament und Eckpfeiler, die Abschaffung von Gender als Verlangen und radikale Negativität als Methode.

Antihumanismus

Antihumanismus ist die Grundlage, die eine Gender-nihilistische Analyse verbindet. Es ist der Punkt, von dem wir beginnen, unsere derzeitige Situation zu begreifen, er ist essentiell. Mit Antihumanismus meinen wir eine Zurückweisung des Essentialismus. Es gibt keinen wesenhaften Menschen. Es gibt keine menschliche Natur. Es gibt kein transzendentes Selbst. Subjekt zu sein bedeutet nicht, einen allgemeinen metaphysischen Zustand des Seins (Ontologie) mit anderen Subjekten zu teilen.

Das Selbst, das Subjekt ist ein Produkt von Macht. Das „Ich“ in „Ich bin ein Mann“ oder „Ich bin eine Frau“ ist kein „Ich“, das über diese Aussagen hinausgeht. Diese Aussagen enthüllen keine Wahrheit über das „Ich“, sie konstituieren dieses „Ich“ vielmehr. Männer und Frauen existieren nicht als Bezeichnungen für bestimmte methaphysische oder essentialistische Kategorien des Seins, sie sind vielmehr diskursive, soziale und linguistische Symbole, die historisch bedingt sind. Sie entwickeln und verändern sich mit der Zeit, aber ihre Auswirkungen wurden schon immer durch Macht bestimmt.

Wer wir sind, der eigentliche Kern unseres Wesens liegt vielleicht gar nicht in den kategorischen Gefilden des Seins. Das Selbst ist eine Annäherung von Macht und Diskursen. Jedes Wort, dass du nutzt, um dich selbst zu definieren, jede Kategorie der Identität, in der du dich selbst verortest, ist das Ergebnis einer historischen Entwicklung von Macht. Weder Gender, Race, Sexualität noch irgendeine andere normative Kategorie verweist auf eine Wahrheit über den Körper oder den Geist des Subjekts. Diese Kategorien konstruieren das Subjekt und das Selbst. Es gibt kein statisches Selbst, kein konsistentes „Ich“, kein die Zeiten überdauerndes Subjekt. Wir können nur mit der gegebenen Sprache auf ein Selbst verweisen und diese Sprache hat sich in der Geschichte radikal verändert und verändert sich auch weiter in unserem tagtäglichen Leben.

Wir sind nichts als die Annäherung von vielen verschiedenen Diskursen und Sprachen, die gänzlich außerhalb unseres Einflusses liegen und dennoch empfinden wir das Gefühl von Handlungsfähigkeit. Wir steuern diese Diskurse, untergraben sie gelegentlich und überleben sie stets. Die Fähigkeit zu steuern weist nicht auf ein metaphysisches Selbst, das aufgrund eines Gefühls von Handlungsfähigkeit handelt, hin, sondern lediglich darauf, dass es eine symbolische und diskursive Lockerheit gibt, die unsere Konstitution umgibt.

Wir verstehen Gender folglich innerhalb dieser Bedingungen. Wir begreifen Gender als eine spezifische Konstellatiuon von Diskursen, die durch Medizin, Psychiatrie, den Sozialwissenschaften, Religion und durch unseren täglichen Umgang mit Anderen verkörpert werden. Wir sehen Gender nicht als Bestandteil unseres „wahren Selbst“, sondern als gesamte(s) Bedeutungsordnung und Verständnis, in der/dem wir uns wiederfinden. Wir betrachten Gender nicht als eine Sache, die ein beständiges Selbst besitzen könnte. Wir behaupten im Gegenteil, dass Gender gemacht wird und an dem teilgehabt wird und dass dieses Tun ein kreativer Akt ist, durch den das Selbst geschaffen wird und ihm sozialer Ausdruck und Bedeutung verliehen wird.

Unsere Radikalität kann hier nicht enden. Wir behaupten weiter, dass der historische Beweis erbracht werden kann, dass Gender auf diese Art und Weise funktioniert. Die Arbeit vieler dekolonialer Feminist:innen war richtungsweisen darin zu zeigen, wie westliche Genderkategorien indigenen Gesellschaften gewaltsam auferlegt wurden und wie das eine vollständige linguistische und diskursive Veränderung bewirkt hat. Der Kolinialismus schuf neue Genderkategorien und mit ihnen neue gewaltsame Möglichkeiten ein bestimmtes Set vergeschlechtlichter Normen zu verfestigen. Die wahrnehmbaren und kulturellen Aspekte von Maskulinität und Feminität haben sich über die Jahrhunderte verändert. Es gibt kein statisches Gender.

Das Ganze hat eine praktische Bedeutung. Die Frage des Humanismus vs. Antihumanismus ist die Frage auf der die Debatte zwischen dem libreralen Feminismus und der nihilistischen Genderbeseitigung aufbauen wird.

Die:der liberale Feminist:in sagt „Ich bin eine Frau“ und dadurch ist sie:er spirituell, ontologisch, metaphysisch, genetisch oder in jeder anderen Form des „essentiellen“ eine Frau.

Die:der Gender Nihilist:in sagt „Ich bin eine Frau“ und meint, das sie:er sich innerhalb einer Matrix der Macht, die sie:ihn als solche konstituiert, an einer bestimmten Stelle befindet.

Der:die liberale Feminist:in ist sich der Arten, auf die die Macht Gender konstruiert nicht bewusst und klammert sich daher an Gender als Mittel, um sich in den Augen der Macht zu legitimieren. Sie:er vertraut darauf, zu versuchen, verschiedene Wissenssysteme (genetische Wissenschaft, Methaphysische Behauptungen über den Geist, kantianische Ontologie) zu nutzen, um der Macht zu beweisen, dass sie:er darin funktionieren kann.

Die:der Gender Nihilist:in, die:der Gender Abolitionist:in betrachtet das System von Gender selbst und sieht die Gewalt in seinem Kern. Wir sagen Nein zu einer positiven Wahrnehmung von Gender. Wir wollen es tot sehen. Wir wissen, dass jedes Bittstellen an die derzeitigen Konstellationen der Macht immer eine liberale Falle ist. Wir verweigern uns, uns selbst zu legitimieren.

Es ist wichtig, dass das verstanden wird. Antihumanismus verleugnet nicht die gelebten Erfahrungen vieler unserer trans Geschwister, die Gender seit jungen Jahren erfahren haben. Vielmehr würdigen wir, dass eine solche Erfahrung von Gender immer bereits durch die Bedingungen der Macht bestimmt war. Wir betrachten unsere eigenen Erfahrungen in unserer Kindheit. Wir sehen, dass wir sogar mit der regelwidrigen Aussage „Wir sind Frauen“, womit wird die Kategorie, die die Macht unseren Körpern auferlegt hatte, zurückwiesen, die Sprache des Genders sprachen. Wir verwiesen auf einen Begriff von „Frau“, der nicht in uns als beständige Wahrheit existiert, sondern wir verwiesen auf die Diskurse, durch die wir konstituiert wurden.

Dadurch bestätigen wir, dass es kein wahres Selbst gibt, dass dem Diskurs, den Begegnungen mit anderen, der Vermittlung des Symbolischen voraus geht. Wir sind Produkte der Macht, also was sollen wir tun? Wir beenden unsere Erkundung des Antihumanismus mit der Rückkehr zu den Worten von Butler:

„Meine Handlungsfähigkeit besteht nicht darin, diesen Umstand meiner Konstitution zu leugnen. Wenn ich irgendeine Handlungsfähigkeit besitze, wird sie mir durch die Tatsache eröffnet, dass ich durch eine soziale Welt, die ich nie gewählt habe, konstituiert werde. Dass meine Handlungsmöglichkeit von Paradoxen zerklüftet wird bedeutet nicht, dass sie unmöglich ist. Es bedeutet nur, dass die Bedingung ihrer Möglichkeit paradox ist.“

Die Abschaffung von Gender

Wenn wir akzeptieren, dass Gender nicht in uns selbst als transzendente Wahrheit gefunden werden kann, sondern vielmehr außerhalb von uns in den Gefilden des Diskurses zu finden ist, wonach streben wir dann? Zu sagen, dass Gender diskursiv ist, bedeutet, dass Gender nicht als metaphysische Wahrheit innerhalb des Subjekts existiert, sondern als vermittelndes Instrument sozialer Interaktion auftritt. Gender ist ein Rahmen, eine Teilmenge von Sprache und eine Mege von Symbolen und Zeichen, die zwischen und kommunizieren, uns konstruieren und von uns beständig reproduziert werden.

Demzufolge funktioniert der Apparat von Gender zyklisch: Ebenso wie wir durch ihn konstituiert werden, wird er durch unsere täglichen Handlungen, Rituale, Normen und Performances reproduziert. Es ist diese Erkenntnis, die die Manifestation einer Bewegung gegen diesen Kreislauf möglich macht. Eine solche Bewegung muss die zutiefst durchdringende und um sich greifende Natur dieses Apparates verstehen. Die Normierung naturalisiert, vereinnahmt und subsumiert Widerstand auf heimtückische Art und Weise.

An diesem Punkt mag es verlockend sein, sich einer bestimmten liberalen Politik der Expansion zu bedienen. Zahllose Theoretiker:innen und Aktivist:innen sind dem Irrtum erlegen, dass unsere Erfahrungen der transgender Verkörperung eine Bedrohung für den Prozess der Normierung, den Gender darstellt, sein könnte. Wir haben den Vorschlag vernommen, dass nichtbinäre Identität, trans Identität und queere Identität in der Lage wären, eine Subversion von Gender zu erzeugen. Das ist nicht der Fall.

Indem wir uns innerhalb der identitären Bezeichnungen des nicht-binären verorten finden wir uns immer wieder in den Gefilden von Gender gefangen. Identität in der Ablehnung von Geschlechterbinarität anzunehmen bedeutet immer noch, die Binarität als Referenzpunkt zu wählen. Durch den Widerstand gegen sie rekonstruiert eine:r nur den normativen Status des Binären. Normen wurden bereits durch Widerspruch begründet, sie legten die Grundlagen und Sprachen, durch die Widerspruch ausgedrückt werden kann. Nicht nur, dass unser verbaler Einspruch findet in der Sprache von Gender statt, auch die Aktionen, die wir unternehmen um Gender durch unsere Kleidung und unser Verhalten zu untergraben sind selbst nur subversiv durch ihren Verweis auf die Norm.

Wenn eine Identitätspolitik nichtbinärer Identität uns nicht befreien kann, verspricht uns auch eine queere oder trans Identitätspolitik keine Hoffnung. Beide treten in die gleich Falle, auf die Norm zu verweisen, indem sie versuchen Gender anders zu „machen“. Solche Politiken basieren auf der Logik von Identitäten, die selbst ein Produkt moderner und gegenwärtiger Diskurse der Macht sind. Wie wir bereits ausführlich gezeigt haben, kann es keine beständige Identität geben, auf die wir uns beziehen können. Folglich ist jeder Rekurs auf eine revolutionäre oder emanzipatorische Identität nur ein Rekurs auf einen bestimmten Diskurs. In diesem Fall ist dieser Diskurs Gender.

Das bedeutet nicht, dass diejenigen, die sich als trans, queer oder nichtbinär identifizieren, für Gender verantwortlich wären. Das ist der Fehler des traditionellen radikalen feministischen Ansatzes. Wir lehnen solche Behauptungen ab, da sie bloß diejenigen angreifen, die am meisten unter Gender leiden. Selbst wenn die Abweichung von der Norm diese stets begründet und neutralisiert wird, wird sie verdammt noch mal immer noch bestraft. Der queere, der trans, der nichtbinäre Körper ist immer noch massiver Gewalt ausgesetzt. Unsere Geschwister und Genoss*innen um uns herum werden noch immer ermordet, leben in Armut und im Schatten. Wir verraten sie nicht, denn das würde bedeuten uns selbst zu verraten. Stattdessen rufen wir zu einer ehrlichen Auseinandersetzung mit den Grenzen unserer Politik auf und wünschen uns einen neuen Weg vorwärts.

Mit dieser Einstellung sind es nicht nur bestimmte Konstellationen von Identitätspolitik, die wir bekämpfen wollen, sondern das Bedürfnis nach Identität im Allgemeinen. Wir behaupten, dass die immer erweiterte Liste persönlich präferierter Pronomen, die zunehmenden und immer ausgefeilteren Labels für verschiedene Ausdrucksweisen von Sexualität und Gender und der Versuch, neue identitäre Kategorien vielseitiger zu schaffen, die Anstrengung nicht wert sind.

Nachdem wir erkannt haben, dass Identität keine Wahrheit, sondern eine soziale und diskursive Konstruktion ist, können wir begreifen, dass die Schaffung dieser neuen Identitäten nicht die plötzliche Entdeckung von zuvor unbekannter gelebter Erfahrung ist, sondern vielmehr die Schaffung neuer Begriffe mit denen wir konstituiert werden können. Alles was wir tun, wenn wir die Genderkategorien erweitern ist die Schaffung neuer, ausgefeilterer Kanäle, durch die die Macht wirken kann. Wir befreien uns nicht selbst, wir umgarnen uns mit unzähligen und noch ausgefeilteren und machtvolleren Normen. Jede bildet ein neues Glied in der Kette.

Diese Terminologie zu gebrauchen ist nicht übertrieben, die Gewalt von Gender kann nicht überschätzt werden. Jede ermordete trans Frau, jedes zwangsoperierte intersexuelle Kind, jedes niedergeschlagene queere Kind ist ein Opfer von Gender. Die Abweichung von der Norm wird immer bestraft. Auch wenn Gender Abweichungen vereinnahmt, werden sie dennoch bestraft. Erweiterungen der Normen sind eine Ausweitung von Abweichungen, sie sind eine Erweiterung der Wege, auf denen wir von einem diskursiven Ideal abweichen können. Unendliche Genderidentitäten schaffen undendliche neue Räume für Abweichung, die gewaltsam bestraft werden. Gender muss Abweichungen bestrafen, deshalb muss Gender verschwinden.

Und daher halten wir eine Abschaffung von Gender für notwendig. Wenn alle unsere Versuche bei positiven Projekten der Erweiterung zu kurz griffen und uns nur in neue Fallen gelockt haben, müssen wir auf einen anderen Ansatz zurückgreifen. Dass die Erweiterung von Gender gescheitert ist, impliziert nicht, dass eine Verringerung unseren Zwecken dienen würde. Ein solcher Impuls ist zutiefst reaktionär und muss beseitigt werden.

Die reaktionären radikalen Feminist*innen sehen die Abschaffung von Gender als eine solche Verringerung. Sie sind der Meinung, dass wir Gender abschaffen müssten, damit Geschlecht [sex] (die physischen Charakteristika des Körpers) eine beständige materielle Basis, aufgrund derer wir gruppiert werden könnten, bilden könne. Wir lehnen das von ganzem Herzen ab. Geschlecht [sex] an sich basiert auf diskursiven Einteilungen, denen durch die Medizin Autorität verliehen wird und die gewaltsam den Körpern intersexueller Individuen auferlegt werden. Wir schreien diese Gewalt nieder.

Nein, eine Rückkehr zu einem einfacheren und geringeren Verständnis von Gender (selbst wenn es scheinbar auf einer materiellen Basis beruht) genügt nicht. Es ist die ursprüngliche, äußerst normative Einteilung von Körpern gegen die wir uns wenden. Weder die Verrringerung, noch die Erweiterung kann uns helfen. Unser einziger Pfad ist die Zerstörung.

Radikale Negativität

Im Herzen unserer Abschaffung von Gender steht eine Negativität. Wir streben nicht danach Gender zu beseitigen, damit wir zu einem wahren Selbst zurückkehren können; Ein solches Selbst gibt es nicht. Es ist nicht so, dass die Abschaffung von Gender uns befreien würde als wahres oder unverfälschtes Selbst zu existieren, frei von bestimmten Normen. Eine solche Schlussfolgerung stünde im Widerspruch zu der Gesamtheit unserer Antihumanistischen Ansprüche. Daher müssen wir einen Sprung ins Nichts wagen.

Hier bedarf es eines Moments leuchtender Klarheit. Wenn das, was wir sind ein Produkt der Diskurse der Macht sind und wir danach streben, diese Diskurse zu beseitigen und zu zerstören, gehen wir das größtmögliche Risiko ein. Wir tauchen ins Unbekannte ein. Die Begriffe, Symbole, Ideen und Realitäten, durch die wir geformt und erschaffen wurden, werden in Flammen aufgehen und wir können weder wissen, noch vorhersagen, was wir sein werden, wenn wir auf der anderen Seite wierder auftauchen.

Das ist der Grund, warum wir uns eine Einstellung radikaler Negativität zu Eigen machen müssen. Alle vorherigen Versuche einer positiven und erweiternden Gender-Politik ließen uns scheitern. Wir müssen aufhören darüber zu mutmaßen, wie Befreiung oder Emanzipation aussehen wird, da diese Ideen selbst auf einer Idee eines Selbst gründen, das einer Prüfung nicht standhält, einer Idee, die die längste Zeit dazu gedient hat, unseren Horizont zu beschränken. Nur die pure Ablehnung, die Abkehr von jeder Form erkennbarer oder verständlicher Zukunft können uns überhaupt die Möglichkeit einer Zukunft bieten.

Auch wenn das ein großes Risiko ist, ist es ein notwendiges. Indem wir ins Unbekannte springen tauchen wir in die Gewässer des Unverstehbaren ein. Diese Gewässer bergen ihre Gefahren und es besteht die reale Möglichkeit des Verlusts des Selbst. Die Begriffe, durch die wir uns gegenseitig verstehen, könnten aufgelöst werden. Aber es gibt keinen anderen Weg aus diesem Dilemma. Wir werden täglich von einem Prozess der Normierung angegriffen, der uns als abweichend codiert. Wenn wir uns nicht in der Bewegung der Negativität verlieren, werden wir vom status quo zerstört. Wir haben nur eine Option, scheiß auf die Risiken.

Dies erfasst die Zwickmühle in der wir uns derzeit befinden genau. Während das Risiko der Aneignung von Negativität hoch ist, wissen wir, dass uns die Alternative zerstören wird. Wenn wir uns in dem Prozess selbst verlieren, haben wir blos das selbe Schicksal erlitten, dass wir andernfalls sowieso erleiden. Daher verweigern wir mit unbekümmerter Hingabe Theorien darüber anzustellen, was eine Zukunft bereithalten mag und was wir in dieser Zukunft sein mögen. Eine Zurückweisung von Bedeutung, eine Zurückweisung von bekannten Möglichkeiten, eine Zurückweisung des Seins selbst. Nihilismus. Das ist unsere Haltung und Methode.

Beständige Kritik positiver Genderpolitik ist demnach ein Anfangspunkt, aber einer der mit Vorsicht genossen werden muss. Denn wenn wir ihre eigenen Untermauerungen zugunsten einer Alternative kritisieren, fallen wir nur wieder der neutralisierenden Macht der Normierung zum Opfer. Daher beantworten wir die Forderung nach einer klar definierten Alternative und nach einem Program von Aktionen, die getan werden müssten mit einem resoluten „Nein“. Die Tage der Manifeste und Tribünen sind vorbei. Die Negation aller Dinge, uns eingeschlossen ist das einzige Mittel durch das wir jemals in der Lage sein werden, irgendetwas zu erreichen.

 

 

Dieser Text wurde aus dem Englischen übersetzt. Originaltitel: Gender Nihilism. An Anti-Manifesto. aus What is Gender Nihilism? A Reader.

Anmerkungen

[1] Es mag widersprüchlich wirken, gängige Formen einer gendersensiblen Sprache in der Übersetzung dieses Textes zu reproduzieren. Da die deutsche Sprache im Gegensatz zum Englischen jedoch keine „geschlechtsneutralen“ Bezeichnungen für viele Begriffe kennt und die Reproduktion des generischen Maskulinums so ziemlich das Gegenteil dessen wäre, was in diesem Text vermittelt werden soll, habe ich mich dazu entschieden, eine leichte Abwandlung einer gängigen Variante gendersensibler Sprache zu verwenden und Stern bzw. Unterstrich durch einen Doppelpunkt zu ersetzen [Anm. d. Übers.].