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Psychiatrie, du kannst verrecken.

Und bam! Da bin ich, den Bullen vorgeworfen. Zwei Beruhigungspillen in den Arsch und nix, nicht das kleinste Schläfchen. Sie ist schön, die medizinische Ethik, die zu nichts nutze ist, außer für den Profit einiger Pillen-Kapitalisten.

Dann das Leben vor diesen Staatshütern ausgepackt. Im Gegenzug Moralpredigt mit Staatsbeamtensauce. Der Aufenthalt fängt gut an…

Warten auf die Ambulanz-Arschkriecher, die nur ihren Job machen. Hinter Gittern. »Monsieur, könnte ich ein Glas Wasser bekommen?«. Infantilisierter und abhängiger als ein Kleinkind im Kindergarten.

Und dann wieder bam! In die Psychiatrie geworfen, auf Befehl der legalen Autoritäten. Bei der Ankunft: Weiße Kittel sagen »Achtung, er ist sehr unruhig«. Pff, wo denn, verdammte Bastarde?

Genug, um jeden Zweifel zur ZUSAMMENARBEIT zwischen psychiatrischen Diensten und der Polizei auszuräumen!

Wenn ich so unruhig gewesen wäre, dann hätte ich alles in dieser Wache kaputt gehauen. Dann hätte ich gerade so die Kränkung dieser dreckigen Spritzenpfaffen verstanden, dass man mir Handschellen anlegt und eine Zwangsjacke, mich in Gewahrsam nimmt oder dass man mich abknallt. Aber so…

Mich abknallen? Scheiße, das hätten sie mal lieber machen sollen, diese Polypen in weißen Kostümen, anstatt mir diese widerliche Gesellschaft und ihre hässlichen Kapo-Fressen aufzuzwingen!

Unmöglich rauszukommen, um eine zu rauchen. Ausgang verboten. Kameras, Alarmanlage und doppelte Türen. Und schon will mich der Copiater sehen. Pflichtbesuch. 15 Minuten Blabla später klebt mir schnellschnell das Etikett depressiv auf der Haut wie ein Stigma. Und die Gesellschaft kann diesem lieben Doktor danken für seine guten und treuen Dienste zum Vorteil der Eigentümer, der Bosse und der hohen Beamten, die stolz auf die Befriedung der Revolte sind, stolz darauf, den Prekarisierten der großen subproletarischen Müllhalde das Maul zu stopfen, die die letzten zehn Tage des Monats nur noch trockenes Brot und Nudeln mit wässriger Sauce essen.

Nachdem ich das Büro verlassen habe, lassen mich diese braven und anständigen Weißkittel, die sich nichts vorzuwerfen haben, Medikamente schlucken, ohne mich über meine Rechte aufzuklären. Aber es scheint, dass es keine Fälle von Machtmissbrauch in Copiatrien gibt. Außerdem steht das nicht in ihrem Ferienkatalog… Ein anderes Lügenland, das die Psychiatrie durcheinander bringt?

Dann sperrt man mich in einen winzigen Raum, nur mit Wasser und was zum Pissen und Scheißen. Die Medikamente schlagen ein wie ein Elektroschock: Krämpfe, Flashs, fast vollständige Bewegungsunfähigkeit, quälender Durst, Schwindel, unmöglich zu laufen ohne mich an den Wänden festzuhalten, Übelkeit, Pisse und Scheiße in den Bettlaken. „Scheiße, ich kratz ab, kein Wunder bei all dem, was sie mir gerade in die Fresse gestopft haben… Schnell, beschleunigt doch mein Ende!“

Zwei Wochen in diesem Loch verbracht. Unter dem wachsamen Blick des Krankenpflegercorps, zusammengeschweißt wie eine Bullenkette. Und er handelt auch so wie sie: mit Hilfe von Berichten, Pillen, Schlägen wenn nötig und Zwangsjacken.

Was tun? Lesen? Unmöglich, die Ärzte haben mir den Kopf zermatscht. Über Fußball diskutieren, über debile Fernsehserien, über Arbeit, über „Und was machst du so?“, über Familie…? Lieber verrecken, immer noch. Die Gefangenen der Copiatrie sind genauso brav, konformistisch und vorhersehbar wie die Knackis, wie all diese anständigen Leute, die perfekt darauf angepasst sind, dieser Scheißwelt zu dienen. Zustimmende Sklaven.

Dann erfahre ich, dass ich die Medikamente verweigern kann. Bei der Drogenlieferung zögere ich nicht, ich verweigere ihr Zeug, das mich kaputt macht, das meine Fähigkeit nachzudenken behindert und damit auch meine Fähigkeit mich zu verteidigen. Hab noch nie so überraschte und besorgt tuende Dealer gesehen wie diese „Pfleger“, wenn man ihnen mitteilt, dass man sich weigert, sich mit Medikamenten vollpumpen zu lassen. Das Schlafmittel genügt. In diesem Loch, in dem es dir verboten ist frische Luft zu schnappen, in dieser winzigen Zelle, die abgeschlossen wird und eine Schleuse mit zwei Türen besitzt, unmöglich zu schlafen, wenn deine Nachbarn 24 Stunden am Tag rumbrüllen.
Unterredung mit einem Pfleger, der erklärt „man hat eine Depression wie man einen Schnupfen hat“. Er behandelt mich wie einen Vollidioten, Lust ihm in die Fresse zu spucken.

Unterredung mit der Psychologin. Ihre wohlwollende Maske erinnert an das Lächeln einer Betschwester. Eindruck fünf Jahre alt zu sein, wenn du mit ihr sprichst. Debile Frage auf debile Frage. Nur Lust, ihren Kiefer mit der Ecke ihres Schreibtischs bekannt zu machen.

Unterredung mit dem Pflegeteam. Ich sei „respektlos“ gegenüber ihnen und den „Patienten“. Ohne Schmarrn. Wie im Kloster und überall anders in dieser Gesellschaft unterwirfst du dich, fügst dich in die ORDNUNG ein, oder MAN macht dich mundtot. Einziger tröstlicher Augenblick: eine Pflegerin heult, während ich ihr meine Haltung zur Psychiatrie, zur Welt drumherum und ihre Funktion als Bullin hinspucke. Scheiße, das war cool!

Erlaubnis zu gehen, nur um 15 Tage später wieder eingesperrt zu werden. Und das für mehrere Monate. Wenn du dein Gehirn durch von der Justiz befohlenene Behandlung zermatscht bekommst. Unfähig irgendetwas zu deichseln ohne komplett auszuflippen. Wenn der Knast die Schule des Verbrechens ist, macht die Psychiatrie nur krank.

DIE PSYCHIATRIE IST DER HÖCHSTE AUSDRUCK DER ORDNUNG. JE SCHNELLER SIE VERRECKT DESTO BESSER. ALL IHRE VERTEIDIGER IHR BRINGT MICH ZUM KOTZEN.

***

Zweite Einsperrung. 15 Tage später. Selbes Game.

Und wieder bam! Wieder bei den Bullen. Dieses Mal ohne Spritzen, die nichts bringen. Jemand anders wird davon profitieren können und an meiner Stelle wie eine Scheiße fallen!

Aber immer noch mit ihren idiotischen Moralpredigten. „Man muss arbeiten“, „Man muss seine Eltern respektieren“… Ja, ja, wie die Zehn Gebote was, du Clown.

Bis hin zu „Würde es Ihnen gefallen für uns zu arbeiten?“

Macht er Witze? In was für einem Film bin ich hier? Ist das versteckte Kamera? Für wen/was hält mich dieser Staatsdiener? Einen Jünger dieser Gesellschaft, der ihm seine stinkigen Füße leckt und ihm seine Pantoffeln und seine Zeitung holt, oder was?

Gehe in das Gefängnis, äh die Psychiatrie. Ein anderer Knast. Die erste Psychiatrie war zum Brechen voll. Leider nicht zum Explodieren. Mit einer Wolke Schlafmittel, die über und innerhalb derselben schwebt, kann man nicht darauf hoffen, mitanzusehen, wie sie zerstört wird. Wie in der Fabrik, in der du deine Gesundheit ruinierst im Austausch  für ein paar Steine als Gehalt, schlafen die Proletarier wie Schlafwandler. ALLES KAPUTTHAUEN steht nicht auf dem Programm. Außer gegen „all diese Ausländer, die uns die Jobs klauen!“. Ja, so isses, unter den Psychiatrisierten wie unter den Proletariern in der Fabrik gibts voll die scheißrassistischen Faschos.

Die Weißkittel hier sind genauso misstrauisch und zusammengeschweißt wie im anderen Loch.

Blöd die Lügenmärchen der Ordnungshüter wiederholend, „geben Sie acht, er ist gewalttätig!“ sagt ihnen ein Sanitäter. Ein anderer erwidert: „Das ist nicht das, was ich im Krankenwagen festgestellt habe…“ Puh! Endlich ein mehr oder weniger ehrlicher Lakai!

Gewalttätig, ich? Verbal ja, lieber einmal zu viel meine Wut gegen diese höllische Welt und ihre selbstzufriedenen Lakaien ausgekotzt. Aber Schläge, niemals! Außer man trampelt auf mir herum! Wenn ein Hund geschlagen wird, beißt er. Ich mache das genauso.

Also noch eine Lüge der Cops und der Sanitäter, die „Leben retten“ und es gibt welche, die dieses nicht verdienen in dieser verkorksten Welt…

„Was für Medikamente nehmen Sie?“, fragt mich die Pflegerin in ihrem Aquarium. „Nichts. Bis auf Schlafmittel.“

„Ich kann Ihnen keine ohne das Einverständnis des Arztes geben…“

Sie hält mich wohl für einen Vollidioten. Neuroleptika, Antidepressiva, Beruhigungsmittel kann sie mir ohne „ärztliche Verschreibung“ geben, aber ein Schlafmittel, das kann sie nicht? Ver-arsch-mich-nicht. „Ich folge den Anordnungen, ich wende die Hausregeln an.“… Der Job als Pflegerin in der Copiatrie ist auch nicht mehr wert als der des Kapo-Beamten im Migrationsministerium, der Migranten duldet oder abschiebt. „Just doing my job!“
Glücklicherweise hatte ich zwei Schlaftabletten in meiner Socke versteckt… Verhör mit dem „diensthabenden“ Copiater. 100 % ironieresistent. Er versteht nur die Hälfte von dem, was ich ihm sage und er merkt nicht einmal, dass ich ihn häufig verarsche. Ich hatte fast Lust ein Selfie mit ihm zu machen, so verblödet war er.

Man steckt mich in ein Zimmer mit einem Schlaflosen. Er hört nicht auf mit mir zu reden. Ich versteh nichts mehr von dem, was er mir sagt, so müde bin ich. Bin gezwungen ihm zu sagen, dass er die Klappe halten soll. Er ist beleidigt, aber hält die Klappe dann endlich. „ICH WILL SCHLAFEN, CHECKST DU DAS?“. Ich bedank mich nicht bei diesem Arsch.

Nächster Tag, Pflichtbesuch beim Chef. Der Copiater halt. Er schwitzt, zittert, wirkt teilweise abwesend. Er steht unter Pillen, das ist offensichtlich. Und wieder das Leben des armen Proletariers ausgepackt, schikaniert von den Institutionen der Arbeitsideologie wie jener, der er dient und die er verteidigt. Aus einer reaktionären Familie von total bescheuerten Proletariern. (– „Inakzeptabler Klassismus!“… – „HALTS MAUL!“).

„Sie nehmen keine Medikamente? Wie wollen Sie denn dann gesund werden?“

Ich sage ihm: „Nein, keine Medikamente. Sie machen mich krank und ich bin unfähig zu denken und mich zu wehren. Ich weigere mich zum formbaren Zombie zu werden, der Ihnen ausgeliefert ist. Mich macht Ihre Gesellschaft krank. Ich bin krank von der aufgezwungenen sozialen Gewalt, die ich schon immer voll in die Fresse kriege. Dieselbe Gewalt, die Sie hier an den Körpern reproduzieren, die den Bossen, den Steuern gehören, die Lakaien für totalitäre Institutionen wie die Ihre sind.“ Er wirkt überrascht und hält die Klappe.

Ich verstehe nicht, was in diesem Moment abgeht und füge hinzu: „Komm schon, verschreib mir schon dieses Medikament.“ Und ich frage dieses arme Schwein, „Was ist dieses Mal mein Barcode?“ „Melancholie. Bipolare Störung. Schizotypische Persönlichkeitsstörung. Paranoia“, antwortet er mir. Nur das. Nach nicht mal einer Stunde! Zu gut, der Typ! Das verschafft mir einige Tropheen in meinem Lebenslauf des vom Staat, Gerichtsvollziehern und Eigentümern Schikanierten!

Ich schlucke seine Tablette. Zwei Tage krank. Quasi identische Symptome wie im anderen Knast. Seitdem habe ich nie wieder ihre Drogen angerührt.

Ah, doch, ein einziges Mal. Sie haben mir dermaßen schwarze Ideen in den Kopf gesetzt, dass ich daran dachte mich umzubringen. Heilen, in dem man Leute in den Selbstmord treibt, die Bourgeoisie und ihre Gewerkschaften wie die CGT [Confédération Générale du Travail; zweitgrößter Gewerkschaftsbund Frankreichs; Anm. d. Übs.] sollten sich davon inspirieren lassen, um so Prolo-Parasiten wie mich, die auf ihre liebe Welt kotzen, zu vernichten.

Glücklicherweise sind in dieser psychiatrischen Klinik einige Gefangene nicht ganz so dämlich und gestaltlos wie in der anderen. Ein Punker, der wegen „Schizophrenie“ eingesperrt ist. Ein Künstler wegen „schwerer depressiver Phase“. Usw.

Einen stehlenden Hund schlägt man, einen „Kranken“ sperrt man ein. Gegen seinen Willen, oder „seinem Willen gemäß“. Vive la Vie, nicht wahr?

Die Teams des Nachtdienstes stinken ebenso nach Scheiße wie die Tagschichten. Wären sie noch patermaternalistischer, könntest du nur noch sterben. Genauso geeint und korporatistisch wie anderswo.

„Sie machen mir schlechtes Gewissen, obwohl ich nichts dafür kann! Ich mache nur meine Arbeit!“, kotzt mir eine Pflegerin hin. Ach nein? Du glaubst, dass dein Scheißknast ohne dich und deine Wachmann-Kollegen, die sich ihm zu Füßen werfen, um ihm für ein Gehalt zu dienen, existieren würde? Du glaubst, dass die Verwaltungen voller kleiner Papierdemokraten-Eichmanns wie ihr es seid, noch zu irgendetwas nütze wären, wenn sich alle weigern würden,wenn alle aus ihrer Rolle als Wachleute der psychiatrischen Macht und als Polizeispitzel desertieren würden?

„Aber das wäre ja Anarchie!“

Ja und? Die Freiheit tötet niemanden, Herrschaft allerdings…

Wie in der Armee: Es gibt nur die Deserteure und die Kriegsdienstverweigerer, die für ihre Handlungen vielleicht respektiert werden können. Wenn die ganze Armee desertieren würde, dann gäbe es keine mehr. So.
„Das hier ist kein Knast!“, behauptet ein Pfleger von der Nachtschicht. Der schlimmste von allen. Der autoritärste. Bei der kleinsten Reiberei schreibt er alles auf und petzt es seinem Chef. Eine richtige Snitch. Wenn du zu sehr protestierst, sperrt er dich in Isolation. Ich hoffe, dass irgendwer daran denken wird, die Reifen seiner Affenarsch-Karre aufzustechen oder Hakenkreuze in den Lack zu ritzen.

„Ach nein? Das ist hier kein Kerker?“, antworte ich ihm. OK, gut, das hier ist nicht La Santé [Pariser Gefängnis], aber trotzdem! Ausgangsverbote, Unterwerfung unter die copiatrische Autorität, penibel einzuhaltende Hausordnung unter Androhung von Strafen, ekliger, fast nicht essbarer Fraß, debile und todlangweilige Aktivitäten, Verbot von Liebes- und sexuellen Beziehungen, die „Patienten“ dürfen andere nicht auf ihren Zimmer besuchen, das Licht wird zu einer fixen Uhrzeit ausgemacht und die Türen werden abgesperrt, Kameras in den Gängen + Schleuse am Eingang, Isolationszellen, eine Kippe darf man nachts rauchen und nur eine, usw., usw., usw. Psychiatrie, Knast oder Kaserne, das ist mehr oder weniger die gleiche Scheiße!

Im Gegensatz zur anderen Psychiatrie herrscht hier nachts eine Grabesstille. Mit diesem faschistoiden nächtlichen Schließer ist das kein Wunder…

Während langer Tage der Langeweile erfahre ich, dass es mal einen Brand gegeben hat, den ein rebellischer „Patient“ gelegt hat. Das war vor Ewigkeiten. Ich habe gelacht und mir gedacht: „Sieh an, ein Freund.“

Da Verbote dazu da sind gebrochen zu werden, haben wir uns keine Umstände gemacht. Wir haben die Gemeinschaftsklos mit Klopapierrollen geflutet, die Feueralarme ausgelöst und heimlich geraucht, gesoffen und gevögelt, ehe ich zum Gassigehen rausgelassen wurde. Nach 10 Tagen Einsperrung wurde mir erlaubt auf dem Gelände spazieren zu gehen. Begleitet. Wie ein vierjähriges Kind, das seine Mami braucht, um die Straße zu überqueren.  Lust die Aufpasserin zu beleidigen, so sehr behandelt sie mich wie ein kleines Kind. Aber wenn ich das mache, kann es sein, dass ich in der Zelle lande. Ich halte die Klappe… Ich frage mich, was aus ihnen geworden ist, meinen Compas im Scheiß machen, im Abschießen und im Sex. Ich hoffe, dass sie nach ihrer Entlassung nicht noch einmal in diesem beschissenen Lager gelandet sind, auch nicht in einem anderen, wenn sie denn nicht drinnen gestorben sind.

In der Zwischenzeit Pflichttermin beim Psychologen. Wieder packe ich mein Leben aus. Geht auf die Eier und ist hyper-anstrengend. Besonders weil das NICHTS ändert, ABSOLUT GAR NICHTS, weder an meiner finanziellen noch an meiner sozialen hyper-prekären Lage. „Wir werden uns jede Woche sehen.“ Ja, klar! EINE STUNDE LANG LABERN NUR UM NICHTS ZU ÄNDERN. Lieber weiter lachen-rauchen-vögeln mit den paar von der Gesellschaft Angeekelten. Glück gehabt, dieser Psychologendiener ging in Urlaub. Einen Monat lang nicht da. Das war besser für alle. Trotz allem ein bisschen mehr „Freizeit“ eingeschlossen in den Mauern und hinterm „Stacheldracht“.

Während dieser Haft gab es eine Prügelei unter den Psychiatrisierten. Die Weißkittel, normalerweise so stolz und großmäulig, wenn es nichts zu befürchten gibt, haben sich nicht getraut auch nur einen Finger zu rühren. Sie haben es nicht gewagt, ihre Ärsche von ihren Kapostühlen zu heben, dermaßen aufgeheizt war die Stimmung. „Wir haben nichts gesehen.“ Ja klar! Es waren die Psychiatrisierten, die die „Free Fighter“ trennen mussten, ehe es zu Toten kam. Heißes Ambiente… Wenn es kein Risiko gibt, sind diese Wachleute der Psycho-Macht viel selbstsicherer, wie dann, wenn sie den „Patienten“, die sich zu heftig ausdrücken, das Telefon abstellen. Welche sie dann häufig mit starken Beleidigungen beschimpfen wie „FETTES SCHWEIN!“ „BLÖDE SCHLAMPE!“ und ähnlichem. Die sehr seltenen Augenblicke, in denen wir uns gut amüsieren, wenn diese Schilde der psychiatrischen Institution verbal fertiggemacht werden.

Da ich obdachlos war, musste ich mir nun eine Wohnung suchen. Suche eines zu 3/4 vernichteten Kämpfers. Null Hilfe. Die Familie, besser ists ihr aus dem Weg zu gehen. Sie widert mich an, kettet mich an, zieht mich runter. Die „Freunde“? Alle haben sich verpisst, oder fast. „Man wird nicht ohne Grund eingesperrt. Wo gehobelt wird, da fallen Späne…“ Die Sozialarbeiterin? Nur eine Befehlshaberin. Dafür bezahlt zu nichts nutze zu sein außer als unnützes Rädchen für die Ärmsten.

Nach mehreren Monaten der Einsperrung war die soziale Misere noch intensiver als vor der Einlieferung in die Copiatrie. Wie soll man denn in dieser Gesellschaft nicht austicken, die dich in ein finanzielles Desaster treibt, bis sie sich dich einverleibt hat? Bis du bis zum letzten Atemzug in ihr versunken bist?

Bevor ich freigelassen wurde, fragt mich der legale Dealer … Sorry, tut mir leid, ihr Linken, das ist mir rausgerutscht!… Ich korrigiere mich wie jemand Gutes: der von Papa Staat bezahlte Psychiater fragt mich: „Irgendwas hinzuzufügen?“ Ich antworte höflich: „Ja. Ich hoffe, dass früher oder später eine Revolte deinen ganzen Scheißknast zerstört, Arschloch.“

Ich verstehe die Leute, die sich irgendwann erschießen, wenn der Tod der einzige Ausweg aus dieser Gesellschaft voller Arschlöcher ist, die sich damit abgefunden haben ihr zu dienen und die Rebellischsten aufzuspüren und zu zerstören. Selbstmörder dieser Gesellschaft, ich drücke euch ganz fest. Die Lebenden, die zufrieden mit dieser grässlichen Welt sind, ich spucke euch meinen ganzen Hass in die Fresse.

„I will be back“

***

Mehr als ein Jahr ist seit der letzten Psychiatrisierung vergangen. 13 Monate Abstrampelei. Messer an der Kehle. Kopf ist aus dem Schneider, aber der Rest…

Danke Staat, danke Gesellschaft, danke ihr Millionen Kollaborateure, die ihr eure Rollen und Funktionen im Austausch für ein Stück Knochen akzeptiert. Die Domestizierung hat gut gearbeitet. Bis dahin all diejenigen verrecken zu lassen, die nicht in das Hamsterrad passen. Was würden wir nur ohne euch machen!

Schluss mit dem Besuch im Kommissariat und mit den Spritzen. Die Cops sind direkt zu mir gekommen. Tür eingeschlagen. Das alles, weil ich entschieden hatte mit allem Schluss zu machen, dermaßen verschuldet war ich. Dermaßen unterdrückt und ekelt mich diese Welt an.

BAM! Sobald sie reinkommen, legen sie mir Handschellen an. Weil diesmal war ich wirklich gepisst. „Aber ich habe niemanden getötet oder angegriffen, verdammt! Sind die irre oder was!?“

Marsch vorbei an den Gaffern, an den Tratschtanten, den aufrechten Bürgern, die ihr heiliges Vaterland lieben… „Was interessiert die das? Wollen Sie meine Spucke kosten, diese Herden an Idioten!?“

Ankunft in der Psychiatrie. Die Lakaien in Weiß wollen mir eine medikamentöse Behandlung verordnen. Ich lehne sie wie immer ab. Wie ihre Kollegen aus dem anderen Knast ziehen sie fassungslose Gesichter!

Hier ist der Fernseher superlaut, aber die Stimmung ist trist wie in einem Hospiz. „Gibt’s eine Beerdigung? Ist der Papst heute gestorben?“

„Medikamentenabholung!“ Und die Psychiatrisierten folgen in Reihen wie in der Grundschule… BOA! Kaum angekommen und dieses Kasernenambiente reizt in mir schon wieder Würgreiz alles vollzukotzen.

Medaille für den Chefpsychiater. Der innerhalb von 20 Minuten eine Diagnose stellt. Wieder ein Winner des Express-Urteils!

Er will mir auch eine medikamentöse Behandlung verordnen. Ich lehne ab. Er sagt, ich darf das. Er scheint „verständnisvoller“ zu sein als all die anderen Mediziner-Arschlöcher in den anderen Knästen. Aber mit der in diesem Loch verbrachten Zeit hat er sich als deutlich perverser entpuppt. Alles hinter dem Rücken der „Patienten“. Dr. Hinterlist wurde er heimlich genannt…

Einzelzimmer. Schick! Ein Palast im Knast! Der allerdings weder die Schreie der Psychiatrisierten, wenn sie eine Krise haben, filtert, noch die Fressen der Spritzenschließer!

Am nächsten Tag sehe ich beim Frühstück alle Psychiatrisierten. Wenige sprechen. Alle wirken von den Medikamenten zugedröhnt.
Die Tage vergehen und ich darf endlich rausgehen. Alleine, ohne Begleitbeamten diesmal. Aber die meisten Gefangenen sind ebenso resigniert wie in der Arbeit und in den anderen psychiatrischen Kerkern. Bis auf ein Typ und zwei Frauen.

Wir diskutieren, irgendwann fangen wir an heimlich zu rauchen und zu vögeln, in den hohen Gräsern und unter den Bäumen in der Sonne. Man kann unter dem Zaun hindurchkriechen. Wenn man vorsichtig ist und sich vorher gut umguckt. Die Psychiatrie hat ihre Schnüffler, die die Spaziergänger aufspüren, Berichte wie die Bullen schreiben und sie den Chefs präsentieren. Kein Zufall, dass man sie die Stasi vom Kaff nennt!

„Wann gibt es endlich Druck-Räume und Zimmer voller Sextoys in der Psychiatrie? Das wäre doch eine nette Reform!“ Wir lachen. Einige verlieben sich…

Aber lieber diese knastmedizinische Institution und ihre Krallen brennen sehen.

In totalitären Regimen dient sie dazu Oppositionelle zu Tode zu foltern. In „demokratischen“ Regimen dazu sie wieder für die Lohnarbeit und die Bosse auf Vordermann zu bringen, brav und schön unterwürfig gemacht dank der Pillen bis zum nächsten Zusammenbruch oder bis zum Grab. Mithilfe von ineffizienten Therapien, DIE MAN BEZAHLEN MUSS [in Frankreich bezahlt die Krankenkasse generell keine Psychotherapien, Anm. d. Übs.]… Ein saftiges Business von kapitalistischen Scharlatenen, das ist die Copiatrie und ihre White-Collar-Agenten. „Aber pst, nicht so laut, das reine Gewissen der Linken ist zerbrechlich und empfindlich…“

Hier passiert wenig. Aber wirklich wenig. Ich habe mich in meinem Leben noch nie so gelangweilt. Außer dass ich gute Bücher gelesen habe.

Die „Gruppentherapien“? Was für ein Witz! Was für eine Langeweile! Sermon auf Sermon, bei denen man höchstens ausflippt, weil man so viele Leute sieht, wie sie sich gegenseitig nachplappern und applaudieren! Wenn ihr Besuch verpflichtend gewesen wäre, hätte ich mich sicherlich direkt umgebracht!
Ich lasse Ausgaben der „Sans Remède“ [französischsprachige anarchistische antipsychiatrische Zeitschrift, Anm. d. Übs.] auf den debilen Papparazzi-Fernsehzeitschriften liegen. Eine Pflegerin checkts, schnappt sie sich und wirft sie in den Müll. Die Psychiatrie kann mit voller Kraft laufen. Dissidenz ist nicht erlaubt. Sonst, Isolation. Kompanieeee! Eins zwei, eins zwei, eins zwei! Zum gleichmäßigen Rhythmus der Drogenausgabe, die die Rechnung verlängert…

Eine „Patientin“ schneidet sich die Pulsadern auf. Sie wird in die Notaufnahme gebracht. Als sie wiederkommt, ist sie vollkommen zugedröhnt. Ein „Zombie“. Sie erkennt uns nicht mehr, sie läuft panisch und zitternd die Wände entlang, so als ob alle ihr Angst machen würden. Wie kann man nicht ein tiefes Verlangen danach verspüren diese Mauern in die Luft zu sprengen, wenn man diese Panik sieht, diese Tortur…?!?!

Ich denke an Grisélidis Réal [Schriftstellerin, Malerin und Prostituierte, Anm. d. Übs.], die auf die Herden der aufrechten Menschen spuckt, die sich an ihren Gesetzen festhalten und von ihrer Moral beschützt werden. Und ich denke mir: „Scheiße, das ist die perfekte Definition des Pflegers in der Psychiatrie!“

Die letzten zwei Jahre Abstrampelei waren sehr sehr hart gewesen. Aber ich habe mich über die anti-institutionellen und die antipsychiatrischen Bewegungen informiert. Es war zu gut etwas über die Rolle der Pfleger-Lakaien zu lernen, wie auch über die polizeiliche Funktion der Psychiatrie seit ihren Anfängen. Über die manchmal gewalttätigen Konflikte von informellen Gruppen gegen die Institution und ihre Hierarchie. Foucault, Laing, Sooper, Szasz, Lesage de la Haye, SPK, Basaglia, Sans Remède… nicht so die Art Literatur, die in den Kursen der zukünftigen Psychiatriekapos empfohlen wird, außer um zu lernen wie man besser den Abweichlern, den Feinden Fallen stellt! Auch nicht, um sie in diesen der Öffentlichkeit wie Zoos zugänglichen Festungen rumliegen zu lassen!

Also, ihr linken Copiater, die jetzt meinen „Die Antipsychiatrie ist verantwortlich für die Aufgabe der Kranken“: FICKT EUCH EINFACH INS KNIE! Es ist diese Scheißgesellschaft, die ihr unterstützt mit eurem Prestige, euren Privilegien und euren dicken Gehältern, die ihr verteidigt, in dem ihr mit der Polizei zusammenarbeitet, die „Kranke“ und Außenseiter schafft, die wieder auf den rechten Pfad gebracht werden müssen! Es sind eure Verlangen nach Einfluss auf und Kontrolle von Individuen, eure Verlangen nach Macht, die aus dieser eiternden Welt eine Copgesellschaft machen! Euer Paternalismus des behutsamen Heuchlers, eure guten Pfarrersgefühle und eure Expertentitel machen euch nicht sympathischer als die rechten Copiater, die genauso in die Bourgeoisie integriert sind wie ihr! INS SCHEISSHAUS MIT EUREM POLIZIERENDEN UND RANZIGEM PATERNALISMUS!

UND NIEDER MIT DIESER EKELERREGENDEN WELT UND SOLIDARITÄT MIT ALL DEN GEFANGENEN DER PSYCHIATRIE, DIE SICH NICHT DURCH IHRE MACHT ERDRÜCKEN LASSEN UND DIE DORT EIN MONSTERCHAOS STIFTEN!

FREI LEBEN ODER STERBEN!

Übersetzt aus dem Französischen. Veröffentlicht bei Ad Nihilo. Originaltitel: „Psychiatrie, tu peux crever.“ Juli 2020.

Lasst uns das Gefühl vom Draußen-Sein nicht vergessen, und auch nicht den Geschmack von Freiheit

Dieser Text erschien bereits im April 2020 während des ersten weltweiten Lockdowns unter Vorwand des Coronavirus. Angesichts täglicher Meldungen über erneute Lockdowns wegen einer „zweiten Welle“ aus allen Regionen weltweit und besonders anlässlich eines in Deutschland anstehenden zweiten Lockdowns ist seine Wiederveröffentlichung aktueller, als wir je angenommen hätten. [Anm. d. Red.]

Innerhalb von nur einer Woche kann sich heutzutage sehr viel ändern. Die Welt scheint sich so schnell zu drehen, mensch könnte jede Minute seinen Browser refreshen und sehen, dass schon wieder eine neue Maßnahme der sozialen Kontrolle in Kraft getreten ist.

Zunächst waren die Läden noch voll von panischen Einkäufer*innen, und wir konnten dieselbigen mit den Armen voller gestohlener Waren verlassen, später dann haben wir uns verstohlen durch unsere eigenen Nachbarschaft bewegt, haben heimlich Dinge in nun leeren Läden mitgehen lassen, haben uns klandestin in Hinterhöfen getroffen, einfach nur um der sozialen Interaktion willen, und mussten dann dazu übergehen, Zettel mit uns zu führen, die uns das “Recht” auf das Atmen von frischer Luft einräumen sollen. Und all das innerhalb von nur einer Woche.

Niemals zuvor schien die Polizei so präsent zu sein und noch nie war sie so freudig erregt wie jetzt, da sie den Status der sozialen Helden zugesprochen bekommen hat. Und wir, wir, ducken uns tiefer als jemals zuvor, wenn wir in der Nacht unser Unwesen treiben und das Geräusch eines vorbeifahrenden Autos hören.

Die Gefühle von Angst als auch von Regeltreue sind schon fast mit Händen zu greifen, selbst sogenannnte Anarchist*innen ermutigen uns dazu, zu Hause zu bleiben und den drakonischen Gesetzen zu gehorchen, die unsere Leben einschränken. Sie sagen, es gehe um Sicherheit, wir sagen, es geht um Kontrolle.

An einigen Orten sind nächtliche Ausgangssperren das neue “normal” geworden; so hat zum Beispiel der französische Präsident allen Stadtverwaltungen erlaubt, wo immer und wann immer sie wollen zwischen 20 Uhr und 6 Uhr eine Ausgangssperre zu verhängen. Aber Ausgangssperren werden die Verbreitung des Virus nicht stoppen. Sie werden lediglich dazu führen, dass Leute, die lieber in der Nacht Sport treiben, oder Angehörige von Risikogruppen, die es vorziehen ihre Hunde dann auszuführen, wenn die Straßen leerer sind, um die Risiken einer Ansteckung für sich gering zu halten, gezwungen werden, all das tagsüber zu tun. Gerade Ausgangssperren sind ein deutliches Zeichen dafür, welcher eigentliche Zweck hinter diesen staatlichen Maßnahmen steckt: Es geht nicht darum, ein Virus in Schach zu halten, sondern darum, eine Bevölkerung in Schach zu halten.

Gerade jetzt, wo die Unruhe steigt, wo in zahllosen Gefängnissen überall auf der Welt Unruhen, Riots und Hungerstreiks ausbrechen, wo die wirtschaftliche Dreifachbedrohung bestehend aus ‘keiner Arbeit – Miete zahlen müssen – Mäuler stopfen müssen’ zunimmt, wo die dauernde Belästigung durch die Polizei immer größer wird, da steigt die Wut in möglichen Teilnehmer*innen an insurrektionalistischen Aufständen beim Anblick der Balkone, auf denen die Leute jetzt immer so passiv sitzen und applaudieren. Der Staat ist sich diesem Risiko nur allzu bewusst, sie wissen um die Möglichkeiten, dass ein Massenmietstreik ausbricht und dass sich die Leute einfach nehmen werden, was sie zum Leben brauchen, und der Staat weiß auch um das Risiko, dass, wie es ja schon passiert ist, nun zunehmend Cops angegriffen werden, wenn sie andere Menschen tyrannisieren.

Wenn es dem Staat nicht gelingt, diese Wut unter Kontrolle zu bekommen, oder es ihm nicht gelingt, sie einzig und allein auf das Virus zu richten, dann wird er überrannt werden; der Winter ist bald vorbei, und mit jedem Tag, den die Menschen drinnen verbringen, sehen die sonnigen Straßen einladender aus. “Bleibt zuhause” sagen sie, aber wie lange können sie das noch wiederholen? In Spanien, Italien, Marokko und Tunesien (und wahrscheinlich noch vielen anderen, unbenannten Orten), reicht es nicht mehr, dass immer nur zu sagen, sondern es muss auch mit Gewalt durchgesetzt werden. Jeden Tag ist dort die Armee auf den Straßen, die die Straßen verbarrikadiert, Bewegungsfreiheiten einschränkt und Leute tyrannisiert (in Spanien zum ersten Mal seit dem Fall des Francoregimes). Überall auf der Welt tun Polizeieinheiten oder die Armee so etwas momentan.

Als Nihilist*innen fanden wir den jetzt berühmt gewordenen Ausspruch vom “social distancing” ja schon immer gut. Wir haben uns schon immer von dieser verabscheuungswürdigen Gesellschaft und allem, was sie uns bieten möchte, ferngehalten. Wir haben “Arbeit” ersetzt durch “Kriminalität” (wofür es nur ein paar wenige Menschen und offene Räume braucht, wobei “Arbeit” Hunderte von Menschen in engen, geschlossene Räumen benötigt), wir beschränken unseren Kontakt zu der ansteckendesten Krankheit von allen, der Autorität, und wir begnügen uns mit engen Beziehungen zu Freund*innen und Mitverschwörer*innen während wir uns von Chef*innen, Kolleg*innen, Verwaltungsbeamt*innen, Fahrkartenkontrolleur*innen, Cops und so weiter fernhalten.

Aber das ist nicht die Art von social distancing, die sie von uns wollen. Sie wollen nicht die Art von social distancing, die das mörderische Unterfangen beenden würde, einen überfüllten Bus zum überfüllten Arbeitsplatz zu nehmen oder die uns daran hindern würde, eine Polizeiwache zu betreten. Sie wollen die Art von social distancing, die uns auseinander bringt.

Jede*r von uns ist neuerdings zu einer tickenden Zeitbombe mutiert, ist eine abstoßende, kranke, infektiöse und monströse Kreatur, die sich und andere hassen sollte und sich von anderen Menschen so weit wie möglich fern zu halten hat. Für diejenigen von uns, die von der Gesellschaft schon vorher als abstoßend befunden wurden (Queere, Transmenschen, Sexarbeiter*innen, Junkies, HIV positive Menschen) mag das kein sonderlich neues Gefühl sein, aber jetzt betrifft das Krankheitsstigma uns alle.

Es hat dazu geführt, dass wir Angst vor menschlichem Kontakt haben, Angst vorm Umarmen, vorm Küssen, vor Treffen auf offener Straße oder bei uns zu Hause, es hat dazu geführt, dass wir mit unseren Liebsten “zoomen” anstatt sie im realen Leben zu treffen, dass wir Google Maps für virtuelle Spaziergänge mit Freund*innen nutzen, anstatt wirklich und wahrhaftig rauszugehen, mit dem Wind auf unserem Gesicht oder der Sonne auf unserem Rücken.

Wir sind genau dort, wo uns der Staat haben will; einsam und isoliert, alleine und depressiv, es ist uns nicht möglich, die Haut von denen, die wir lieben anzufassen oder die Hand ein*er Freund*in zu halten, und gleichzeitig sind wir über unsere IP und Mac Adressen unglaublich leicht lokalisierbar, aufspürbar und überwachbar.

Einige von uns sehen die, die sie lieben, vielleicht über Monate hinweg nicht. Wir sind “gelockdowned”, die Möglichkeiten zur freien Bewegung werden weniger und weniger und viele von uns akzeptieren das, weil wir den Glauben, dass wir das Risiko sind, internalisiert haben.

Aber das Problem sind nicht wir, nicht mal das Virus selbst ist das Problem. Das Problem sind Staaten, denen es egal ist, ob gewisse Leute sterben, Staaten, die immer mehr und mehr Macht anhäufen wollen, Staaten, die jetzt völlig ungestraft überall all die neusten Maßnahmen zur Überwachung austesten. Selbst sentimentale Liberale, die oft wenigstens noch die schlimmsten Auswüchse von Überwachung kritisiert haben, verstehen diese jetzt als “nötig” und feiern es sogar, wenn solche Maßnahmen eingeführt werden. Um hier mal den größten linken Schwachkopf Owen Jones (britischer Politiker der britischen linken Labor Partei), Held der Linken, aus Großbritannien zu zitieren “Ich hätte ja nie gedacht, dass ich mal erleichtert sein würde, zusammen mit Millionen anderer von einem Polizeistaat unter der Führung von rechten Tories (rechtskonservative Partei in GB) unter Hausarrest gestellt zu werden.”

Doch wir weigern uns, der Verzweiflung anheim zu fallen. Wir weigern uns, diese neue Form des Existierens auszuhalten. Innerhalb unserer eingegrenzten Aufenthaltsorte haben wir Wege und Mittel gefunden, um die Isolation zu durchbrechen, um geheime Treffen abzuhalten, Zusammenkünfte und Parties zu organisieren. Wir fälschen Schreiben über angebliche Arzttermine mit deren Hilfe wir uns weiter von unserem Wohnort wegbewegen können als offiziell erlaubt. Wir tauschen Adressen von Freunden untereinander, sodass wir uns innerhalb der Stadt von Ort zu Ort bewegen können ohne uns je zu weit von “zu Hause” wegzubewegen. Wir lernen andere Arten der Fortbewegung kennen und nutzen; denen schon lange bekannt, für die die Tore Europas seit jeher geschloßen sind (Laster, Güterzüge, andere Fortbewegungmittel, die für den “Warenverkehr” benötigt werden, usw). Wir finden neue Wege, um uns durch die Stadt zu bewegen, wie Seitengässchen, U-Bahn Tunnel, Bahnschienen und entdecken alte Methoden der Fortbewegung wieder, wie zum Beispiel das gute alte Fahrrad.

Außerdem haben wir gemerkt, dass es Anhaltspunkte dafür gibt, dass Maske und Handschuhe dazu beitragen die Polizei, wenn du denn zufällig auf sie triffst, davon zu überzeugen, dass du ein “gesetzestreuer Bürger” bist. Es reduziert die Wahrscheinlichkeit, an Checkpoints aufgehalten zu werden und wenn doch, dann erhöht es die Chancen, dass du ohne weitere Probleme wieder laufen gelassen wirst. Das sind scheinbar gute Neuigkeiten.

Klar gibt es da draußen viele, die uns verantwortungslos nennen, die uns erzählen, dass wir uns selbst und andere gefährden würden. Zusätzlich zu dem “Fick dich”, das wir ihnen entgegenschleudern, lässt sich noch Folgendes sagen. Wir entscheiden selbst, uns dem Risiko auszusetzen, unsere Freund*innen und die Menschen, die wir lieben, entscheiden sich selbst dazu, sich dem Risiko auszusetzen. Wie schon gesagt, social distancing ist etwas das wir mit einem Großteil der Gesellschaft bereits tun. Außerdem ist Entscheidungsfreiheit genau das, worum es hier geht, wir ENTSCHEIDEN uns dafür, uns dem Risiko auszusetzen, Supermarktmitarbeiter*innen oder Deliveroo Lieferant*innen haben keine solche Wahl, über ein Risiko zu entscheiden, dem sie aber ausgesetzt sind, ebenso wie Gefangene keine Wahl haben; all diese Leute haben am Tag zehn mal mehr soziale Interaktionen als wir es haben und stellen für sich selbst und andere ein viel größeres Risiko dar, als wir es tun, wenn wir unsere Freund*innen besuchen. Der Unterschied ist, dass die Leute den Wert, den eine Wirtschaft hat, als wichtig erachten, ebenso wie sie die Herrschaft von Gesetzen anbeten. Sich gegenseitig bringen sie aber keine Wertschätzung entgegen, und auch nicht ihrem eigenes Glück und ihrer Freiheit.

Wenn wir die Straßen jetzt aufgeben, bekommen wir sie dann je zurück?

Wenn wir verinnerlichen, dass es normal ist, Abstand zu denen zu halten, an denen uns etwas liegt und Nähe nur zu denen zu suchen, mit denen zusammen wir Wert anhäufen, werden wir uns dann je wieder daran erinnern, wie mensch Nähe zu anderen aufbaut?

Wenn wir unsere Leben einmal dem Staat aushändigen, bekommen wir sie dann je zurück?

Warum sollten wir den Befehlen jener gehorchen, die systematisch Gesundheitssysteme kaputtgemacht haben, jene Gesundheitssysteme, die jetzt Leben retten könnten?

Warum sollten wir denen zuhören, die so viele Millionen Menschen an AIDS und EBOLA haben sterben lassen, weil die es nicht wert waren, gerettet zu werden, aber jetzt in Panik verfallen, weil es endlich ein Virus gibt, dass auch vor weißen reichen Männern nicht Halt macht?

Warum sollten wir denen zuhören, die Zigmillionen in Banken, die Polizei, Armeen, große Konzerne und Grenzkontrollen pumpen und den Rest von uns verrotten lassen?

Ist es denn immer noch nicht klar geworden, dass der Feind der ist, der uns erzählt, dass wir Abstand voneinander halten sollen, wogegen wir widersprechen? Wir sagen: Abstand vom Staat, nicht Abstand von unseren Freund*innen.

Wenn mehr von uns diese Geisteshaltung annehmen würden, wenn mehr von uns auf den Straßen wären, dann wäre es für sie schwieriger, uns zu kontrollieren. Ja, das würde auch heißen, dass es mehr Infektionen gäbe, mehr Tote, mehr Brualität; aber hinterfrage dich mal ernsthaft, lebst du gerade eigentlich? Zu Hause sitzend, mit einem kostenlosen Porn Hub Abo und einer betäubenden Droge deiner Wahl…? Können wir bitte wenigstens ein bisschen mehr “Leben” vor dem Tod haben…

 

Übersetzung des Textes “We must not forget the feel of the outdoors not the taste of freedom”, aus dem zine “It’s the end of the world as we know it, volume II” im April im Down and and out Distro erschienen

Verbrenne alle Bibeln

Vor einiger Zeit stöberte ich in einigen individualistischen anarchistischen Ephemera und stieß dabei auf einen Artikel, der von einer Debatte zwischen zwei Egoist*innen erzählte. Das Thema, um das es in dieser Debatte ging ist nicht relevant für das, was ich hier sagen möchte. Was relevant ist, ist die Art und Weise auf die die Debattierenden ihre Standpunkte stützten. Keine*r dieser vorgeblichen egoistischen Individuen nahm sich die Zeit, sein*ihr eigenes Argument zu entwickeln und anhand ihrer*seiner gelebten Erfahrungen oder eigenwilligen Selbstschöpfung darzulegen … Nein, stattdessen zitierten sie Kapitel und Paragraph der Schrift von Max Stirner, als ob diese eine heilige Schrift wäre.

Ich hätte von fanatisch gläubigen christlichen Idioten oder massenverblödeten marxistischen Schwachköpfen erwartet, dass diese ihre heiligen Schriften auf diese Art und Weise durchsucht hätten, um ihre Deutung ihres Glaubens zu stützen. Schließlich besitzen diese einen Glauben, eine Heilige Schrift, Propheten und Gottheiten. Aus ihrer eigenen Sicht macht es Sinn, dass solche nichtsnutzigen, glaubensfanatischen Idioten sich ihrer Schrift zuwenden, anstatt selbst zu denken und zu fühlen. Immerhin könnte solch selbstbestimmtes Denken und Empfinden gut und gerne dazu führen, dass sie die eintönigen und beschränkten Doktrinen ihres Glaubens anzweifeln würden … Und wo kämen sie da hin?

Aber für diejenigen, die behaupten selbstbestimmte und eigensinnige Individuen zu sein, ist es eine Absurdität, ein tiefgreifender Widerspruch, sich auf irgendetwas oder irgendjemanden außer ihnen selbst zu berufen, um die eigenen Ideen zu stützen, für diejenigen, die sagen, dass sie ihr Leben und ihre Worte im Rahmen ihrer Möglichkeiten so gestalten, wie sie es wollen, ist es eine Absurdität und ein Widerspruch, irgendein Buch als heilige Schrift oder irgendeinen Denker als Propheten zu behandeln. Für jede*n selbst ernannte*n Individualist*in oder Egoist*in ist es nicht nur eine schwerwiegende Beleidigung, Stirner oder Nietzsche als Propheten und ihre Schriften als Bibel zu behandeln, sondern schlimmer noch, es enttarnt sie als eine*n weiteren dämliche*n Jünger*in in der unglückseligen Herde der Gläubigen. Es ist egal, dass er seinen Glauben „Individualismus“ oder „Egoismus“ nennen mag; es bleibt eine Form sklavischer Dienstbarkeit gegenüber einer höheren Macht ihrer eigenen Schöpfung. Andernfalls hätte er kein Bedürfnis nach einer heiligen Schrift, nach einer Bibel, die er zitieren kann, weil sie durchaus in der Lage wäre, für sich selbst zu sprechen und zu handeln.

Verstehe mich nicht falsch. Ich liebe die Schriften von Stirner und Nietzsche. Diese Typen waren klug. Sie konnten komisch, poetisch und stürmisch sein. Es gibt eine Menge in ihren Schriften, das es wert ist, zu stehlen, um es in deine eigene Weise, wie du mit deinem Leben und deinen Welten spielst, zu verweben. Aber sobald du diese Schriften wie eine Bibel behandelst, stiehlst du nicht länger aus ihnen für dein eigenes Stück. Stattdessen hast du dich diesen selbst unterworfen, du hast diese Schriften in etwas geheiligtes verwandelt, das du anbetest … du hast sie in eine Bibel verwandelt.

Ein wahrhaft eigenwilliger Selbstschöpfer wird es ablehnen an eine Bibel gebunden zu sein, irgendeiner Schrift zu dienen. Bei dem kleinsten Anzeichen dafür, dass eine solche Unterwerfung begonnen haben könnte, wird sie bereit sein, ihre Bibel zu verbrennen. Aber Feuer ist nicht das einzige (und ebensowenig notwendigerweise das beste) Mittel, um eine Bibel zu verbrennen. Was der Selbstschöpfer in diesem Fall verbrennen will, ist der sakrale Griff mit dem das Buch ihn gebannt hält, der ihn dazu bringt, daraus nicht Werk- und Spielzeuge daraus für sein eigenes Stück der Selbst- und Weltschöpfung zu stehlen, sondern darin universell anwendbare Antworten zu suchen. Um diese Heiligkeit auszulöschen, um sie niederzubrennen, ist das beste Werkzeug die sarkastische Verhöhnung und das Gelächter. Sarkasmus und Verachtung, die so oft und großzügig angewandt werden, wie nötig, um den Makel des heiligen vollständig auszulöschen.

Und wenn die Bibeln, die du verbrennen must, die Schriften von Stirner oder Nietzsche sind, die du für die in Heilige Schriften verwandelt hast – Nun, dann hast du Glück gehabt. Diese Schriften bieten selbst endlose Beispiele dafür, wie das Heilige mit der sarkastischen Säure ausgelöscht werden kann. Also stehle diese Klugscheißer-Waffe des Verstands von deinen grinsenden, gottlosen Göttern. Sie sind tot … sie können dich nicht daran hindern! Und dann verleibe sie deiner eigenen, einfältigen, verehrenden Einstellung ein. Dann solltest du feststellen, dass du die Bücher in Werk- und Spielzeuge, mit denen du spielen kannst, zurückverwandelt hast … Und wenn nicht … ?

Dann werfe deinen Stirner und deinen Nietzsche das nächste Mal, wenn du ein großes Lagerfeuer machst, hinein, lache dabei laut und singe „Stirner ist tot! Nietzsche ist tot! Ebenso tot und verschwunden wie Gott!!!“ Denn wenn du schließlich bereit bist, ohne jede Bibel zu leben, kannst du dir immer noch neue Exemplare dieser Bücher stehlen.

Übersetzt aus dem Englischen: Burn all Bibles von Apio Ludd in My Own #24

[Besançon, Doubs (Frankreich)] Zwei Texte zur Verhaftung eines Gefährten

Besançon: über die Einsperrung eines anarchistischen Gefährten

Indymedia Nantes, 5. Oktober 2020

Am 27. März 2020 wurde ein Mobilfunkmast am Fort de Brégille in Besançon, im Doubs, angezündet. Am 10. April sind zwei andere Masten, die mehrere Dutzend Meter voneinander entfernt standen und auf dem Mont Poupet über Salins-les-Bains, im Jura, standen, in Flammen aufgegangen. Sie sind nicht die Ersten, die ein wärmendes Ende erfahren haben, da seit zwei Jahren mehr als hundert dieser Herrschaftsstrukturen sabotiert worden sind, davon bereits mehr als zwanzig nur in der Zeit des Lockdowns im Frühling – anders gesagt quasi alle zwei Tage einen – und insgesamt um die sechzig seit Beginn des Jahres. Und es sind auch nicht die letzten, da der Kampf gegen die technologischen Käfige sich aufs Schönste fortsetzt, ohne auf die Ankunft von 5G zu warten, um sich die Mobilfunkmasten und Glasfaserkabel vorzunehmen, so sehr sind sie bereits von vielen als Ärgernis identifiziert worden, wenn es um Kontrolle geht, um Überwachung, Entfremdung, Enteignung oder Restrukturierung der Wirtschaft.

Am Dienstag, den 22. September im Morgengrauen, wurden drei Personen in Besançon wegen der Angriffe am Fort de Brégille und in Salins-les-Bains im Auftrag eines Untersuchungsrichters aus Nancy von den Bullen der Section de recherches (SR) des Polizeireviers dieser Stadt und durch die Kettenhunde der Direction interrégionale de police judiciaire (DIPJ) von Dijon verhaftet und ihre Wohnungen durchsucht. Während zwei der beiden nach 24 Stunden entlassen wurden, nachdem sie ihre DNA abgegeben haben, wurde gegen die dritte Person hingegen wegen „Zerstörung durch gefährliche Mittel“ Anklage erhoben und diese schließlich ins Gefängnis von Nancy-Maxéville gebracht.

Diese dritte Person, der die Zerstörung von Mobilfunkmasten während des Lockdowns vorgeworfen wird, ist ein anarchistischer Gefährte aus Besançon, B., der seit langem die Liebe zur Freiheit und den Hass gegen jede Autorität fest in sich trägt. Er ist derzeit in Untersuchungshaft, vorerst für vier Monate mit Möglichkeit der Verlängerung. Darüber hinaus ist im Rahmen dieser Ermittlung zumindest sicher bekannt, dass die Bullerei versucht, DNA-Treffer zu finden, sich für die Körpergröße möglicher Verdächtiger interessiert und sich nicht gescheut hat, mehrere Namen anderer lokaler Gefährt*innen zu nennen, um sie in Gewahrsam zu nehmen. Sie hat sich auch für die IGN-Karten [topographische Karten des frenzösischen Vermessungsamts] interessiert oder für eine anarchistische Broschüre, die aus dem Deutschen übersetzt wurde, „Brûler les foyers du virus technologique“ [1], die sie bei ihren Durchsuchungen gefunden haben. Nach unseren Kenntnissen ist der Gefährte immer noch im Gefängnis von Nancy am Einleben, im Rahmen der automatischen Covid-19-Isolationshaft hat er eine erste Erlaubnis zum Einkaufen erhalten und zeigt gute Miene.

Möge jede*r auf die Art und Weise, die er*sie für die angemessenste hält, sich dem Staatsterrorismus und dem demokratischen Totalitarismus widersetzen, von dem die schöne neue technologische Welt sicher einen seiner Pfeiler bildet. Und da es allgemein bekannt ist, dass Angriff die beste Solidarität ist… jede*m seinen*ihren Mast!

Einige anarchistische und solidarische Kompliz*innen

4. Oktober 2020

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[Text ohne Titel der Kumpelinen und Kumpels von B., der nach seiner Verhaftung in den Straßen und Lokalen von Besançon verteilt wurde.]

Per E-Mail erhalten.

Am Abend des Mittwochs, den 23. September, haben wir von der Einkerkerung in U-Haft unseres Gefährten und Freundes B. in die Strafanstalt Nancy-Maxeville in der Lorraine erfahren. Nachdem bei ihm zuhause ebenso wie bei seinem Bruder und einem anderen Gefährten eine Hausdurchsuchung durchgeführt worden war, wurde B. im Rahmen einer Ermittlung bezüglich der Brandstiftung an mehreren Funkmasten im Doubs (27. März) und im Jura (10. April) in Gewahrsam genommen und zum Kommisariat von Besançon gebracht.

Wir haben und pflegen engen Kontakt zu seiner Familie, um sie in dieser schwierigen Phase, die die Einkerkerung einer nahestehenden Person ist, zu unterstützen, aber auch mit dem Ziel, unserem Freund und Gefährten möglichst viel Unterstützung zu bieten. Diese Unterstützung ist bedingungslos und wir befürworten die Handlungen, die ihm vorgeworfen werden und die darauf zielen eine Welt zu zerstören, die uns zerstört, die darauf zielen mörderische Technologien zu bekämpfen, aus einem gesundheitlichen und sozialen Standpunkt wie auch im Hinblick auf die Umwelt und die ebenfalls darauf abzielen, den Wunsch zu bejahen, im Hier und Jetzt und überall außerhalb des Zugriffs und der Kontrolle des Staates und seiner kapitalistischen Verbündeten zu leben.

Wir erheben unsere Stimmen mit seiner, die heute durch das Gefängnissystem einen Maulkorb verpasst bekommen hat, um die autoritären und demütigenden Auswüchse anzuprangern, die uns jeden Tag in unseren Gesellschaften mehr aufgelegt werden. Wir profitieren von dem, was uns an Freiheit bleibt, um unseren Ekel über die Kerker, die heute unseren Gefährten und Freund neben zehntausenden anderen gefangenen Personen einsperren, hinauszuschreien. Unsere Kritik an den Orten der Einsperrung kann sich tatsächlich nur steigern, wenn wir die aktuellen Haftbedingungen kennen, die sich durch die COVID-Maßnahmen verschlimmert haben: Isolation, Besuchsverbot, Verbot von Freizeitaktivitäten, Videokonferenzen…

Um ihn zu unterstützen, findet ihr Spendenboxen in mehreren Städten, die wir euch schnellstmöglich kommunizieren werden. Eine Spendenkasse ist ab jetzt in der Bibliothek Autodidacte an der Place Marulaz in Besançon zu finden. Das Geld wird für die Gerichtskosten und die Reisekosten für seine Familie von Besançon nach Nancy verwendet. Die Kosten für die Haft und das benötigte Geld für den Knasteinkauf werden von der Kaliméro-Kasse übernommen. Momentan verfügen wir noch nicht über die Ermittlungsakten, aber angesichts der Vorwürfe, die B. gemacht werden. riskiert er mehrere Jahren Knast.

Unser Schreiben geht heute um die Einkerkerung unseres Gefährten und Freundes, aber natürlich vergessen wir all die anderen Gefangenen und Verfolgten im Rahmen dieses erbitterten Kampfes gegen die Einführung der neuen Pseudo-Informations- und -Kommunikationstechnologien, die nur den Interessen der Herrschenden dienen, nicht. Ihnen unsere Unterstützung.

Mittwoch, den 30. September,
Einige Kumpels und Kumpelinen von B. aus Besançon

 

Quelle: Sans Nom

Anmerkungen der Übersetzung

[1] Auf deutsch „Die Herde des technologischen Virus anzünden“; diese Broschüre enthält eine Übersetzung des Textes Wann, wenn nicht jetzt? aus dem Zündlumpen Nr. 064, plus anhängig zwei weitere Texte aus derselben Ausgabe Brenn, Funkmast, brenn – eine kleine (unvollständige) Chronik und Flammende Spaziergänge entlang der Bahngleise und einen Text mit dem Titel „Sabotages contre la normalité numérique [Sabotagen gegen die digitale Normalität], erschienen bei Sans Attendre Demain.

Die Katastrophenpsychose

Weitsichtiges aus den späten 1980er Jahren. Aktueller denn je. Man denke nicht nur an die gegenwärtige Coronahysterie sondern auch an die – gerade nicht ganz so präsenten – FFF…

Für eine lange Zeit ist jetzt schon eine terroristische Erpressung am Laufen, welche mehr und mehr zur polizistenmässigen Logik des Notstands führt. Die Medien führen die Aufgabe aus Probleme hervorzuheben und die apokalyptischen Bilder der Bedrohung durch die Katastrophe zu nutzen um grosse Volksmassen zu deren Verhinderung zu mobilisieren.

Man sollte sich selbst fragen was hinter dem von den Medien präsentierten Bild des bevorstehenden Albtraums der ökologischen Katastrophe steht. Diese wird präsentiert als etwas, was jenseits des Bereichs der gesellschaftlichen Verhältnisse oder des Klassenkonflikts gelöst werden soll.

Wir haben starke Zweifel bezüglich des Zeigens von guten Absichten, welche von Politikern aller Sorten und Farben gezeigt werden (einschliesslich der Umweltaktivisten) und ihrem plötzlichen Interesse an der Gesundheit der Bevölkerung.

Wir glauben das hinter der Bombardierung mit Neuigkeiten über die ökologische Alarmstufe Rot in Gebieten hoher industrieller Konzentration, wo Sicherheitslevels der Verschmutzung der Atmosphäre grosszügig übertreten wurden, ein anderer, viel weniger edler Kampf liegt: ein Machtkampf zwischen der alten, kapitalistisch-industriellen Klasse und der neuen, aufkommenden welche sich aus der öffentlichen und privaten Bürokratie zusammensetzt, angesichts der Position welche die letzteren innerhalb des technologischen Apparats des Kapitals und des Staates erreicht haben.

Wir wissen dass die Vorstellung der Katastrophe, in diesem Falle der ökologischen, die Massen gefühlsmässig dazu drängt, jenseits jeglicher Motivation welche von ihrer spezifischen Ausbeutungsbedingung herkommt zu kämpfen, also weniger für soziale Veränderung und mehr für ihr eigenes bedrohtes Überleben. Das drängt sie dazu, den Gedankengang welcher zur Konservierung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnung führt zu übernehmen.

Der Planet ist am Sterben, wir wissen es alle. Er ist voll Gift und es fehlt ihm Sauerstoff aufgrund der atmosphärischen Verschmutzung. Die Flüsse sind biologisch tot; Seen und Meere sind zu Müllhalden reduziert; der Treibhauseffekt wird hervorgebracht durch das Erhöhen der Menge von Karbondioxid dank der massiven Arbeit der Entwaldung einer der Hauptlungen der Erde, des amazonischen Regenwaldes. Zunehmende Dürre führt zur Vergrösserung von gewaltigen Wüsten, und wir sind der Tragödie behilflich, welche Völker und Tierarten in ihre Ausrottung führt, der Logik des Profits und der Herrschaft geopfert.

Jede Klasse, welche nach der Herrschaft strebt, bringt ihre eigene Welt und ihre eigene Logik mit sich. Die aufsteigenden Bürokraten benutzen Ökologie um den Prozess der Übernahme der alten Welt zu beschleunigen.

Aber was kann dies in der Masse auslösen – zunehmend verängstigt durch die Möglichkeit der Katastrophe und die Verinnerlichung der Notstandslogik – wenn nicht ein totales Haften an den repressiven Verhaltensnormen welche von der kybernetischen Macht diktiert werden. Mit wissenschaftlicher Pünktlichkeit lädt sie Millionen proletarisierter Individuen ein neben den Institutionen daran teilzunehmen und zu mobilisieren, neue Kontrollorgane zu erschaffen und einzusetzen und die neuen Autoritäten mit der Schubkraft eines neuen demokratischen Radikalismus zu sanktionieren.

Jenseits des unmittelbaren Dramas gab der Atomunfall von Chernobil dem Kapital und allen Staaten die Chance kalt mit Elementen zu experimentieren, auf welche die repressiven Projekte der Kontrolle und des Konsens angewandt werden können, und zwar durch die Ausbeutung der Idee eines permanenten Notstands.

Die Ausnahmeintervention löst folglich nicht das Problem sondern dient dazu, Kontrolle zu installieren um den Konflikt auf dem gesellschaftlichen Territorium auszulöschen, durch die Erpressung der Pflicht zur Kollaboration zwischen den Klassen. Alle Notstandsmassnahmen welche als für das allgemeine gesellschaftliche Interesse notwendig präsentiert werden, geben faktisch aber einem Prozess des Privilegs und der Unterwerfung Raum, angesichts der Ungleichheit der bestehenden materiellen Bedingungen.

Die Grünen und die Umweltverbände suchen nicht nach einer Lösung für das Problem der Verschmutzung, sondern nach einem Kapillargefäss [capillary] und der Verbreitung der Kontrolle um sie in in eine Profitquelle zu verwandeln. Man entdeckt die am wenigsten verschmutzten Teile der Städte der höheren gesellschaftlichen Schicht vorbehalten sind; die Armen kriegen die Quadratmeter von Zement und Abfalldeponien an den Stadträndern.

Es ist also Zeit, anstatt solchen Kräften unkritisches Lob zu spenden, ihre Rolle als die neuen gesellschaftlichen Befrieder zu enthüllen, welche über das aufgetakelte Spektakel der Erpressung, dass „der Planet um jeden Preis gerettet werden muss“, hinausgehen, und sich anbieten die bestehende Entfremdung auf eine alternative Art zu verwalten, aber immer auf Ausbeutung und Unterdrückung basierend.

Wir denken, dass der Kampf gegen die Herrschaft des Menschen über den Menschen die einzige Ausgangsbasis ist. Sie ist die einzige welche fähig ist die Verantwortlichen für die Zerstörung von sowohl dem Planeten als auch dem sozialen Reichtum anzugreifen. Wir müssen konkret auf die Befreiung der Menschheit und der Natur in einem globalen Sinne abzielen.

Die Grünen und die Umweltaktivisten sind sogenannte Ökologisten, deren Ziel nicht ein sauberer ökologischer Planet ist; ihre Politik ist ein grüner Apartheid welcher „grüne Inseln“ will, vorgesehen für den Komfort der Privilegierten. Die internationalen Umweltverbände sind die Multinationalen der „Ökologie“, Kapitalismus überarbeitet und verbessert nach dem Schaden, welchen er durch die vorhergehende Phase der maximalen Industrialisierung angerichtet hat.

Der soziale Kampf im ökologischen Sinne ist nur dann brauchbar, wenn er die Herrschaftsbeziehung angeht, die Strukturen von Kapital und Staat, und seine subversive Kraft zeigt, welche die Aussicht einer neuen Welt beinhaltet, nicht die alternative Verwaltung der alten.

[übersetzt aus dem Englischen. the catastrophe psychosis; in: Insurrection. Anarchist paper September 1989; London]

Bye-Bye, Moria

[[Hastige Übersetzung eines – eher aktivistischen – Textes, der angesichts des brennenden Morias einige Fragen der Solidarität aufwirft, die angesichts der hießigen „Solidaritätsdemonstrationen“ und karitativen Forderungen auch tausende Kilometer entfernt einige Relevanz zu besitzen scheinen.]]

Wenn ein Gefängnis niederbrennt können diejenigen von uns, die auch nur für einen kurzen Moment den Zustand des Eingesperrt-Seins erlebt haben, nur vor Freude beben. Ungeachtet dessen, ob nach seiner Zerstörung ein neues errichtet werden wird und ungeachtet dessen, ob die Zellen nach der Flucht einiger Gefangener aufs neue gefüllt werden, kann uns die Tatsache einer Flucht nur mit Freude erfüllen. Schließlich ist der Kampf für die Beseitigung jedes Gefängnisses Teil des Kampfes für individuelle und soziale Befreiung, genau hier und jetzt.

Am Abend des Dienstag, den 8. September 2020 ging eines der meistgehassten Gefängnisse in Europ in diea in Flammen auf. Es war nicht das erste Mal, dass einige Personen versucht hatten, das Konzentrationslager von Moria niederzubrennen. Beinahe täglich brachen kleinere Feuer aus, als Resultat der Entrüstung oder der explosiven Zustände, unter denen die Menschen dort lebten. Dieses Mal jedoch, war es nicht das Gleiche. Die Herzen der Menschen waren versteinerter denn je zuvor und ihre temporären Besitztümer sahen eher aus wie Brandbeschleuniger, als wie Waren. Am selben Tag kam es wieder einmal zu sich ausbreitenden Zusammenstößen, als die Polizei-Ärzt*innen eintrafen, um die vollständige Abschottung des gesamten Camps und die Isol in dieation von Insass*innengruppen innerhalb des Camps anzuordnen. Nur wenige Tage zuvor hatte der Staat entschieden, eine Mauer zu errichten, die all die Slums um das Camp Moria einschließen sollte. Noch ein paar Tage zuvor hatte der UNHCR (Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen) entschieden, die ohnehin schon geringe finanzielle Unterstützung für die Insass*innen zu kürzen. Einige Monate zuvor wurden in dem Camp Einschränkungen im Namen der öffentlichen Gesundheit verordnet. Seit Jahren schon gibt es im Camp keinerlei Perspektive mehr. All das und noch viel mehr führte dazu, dass sich die Gefangenen mit Steinen bewaffneten und sich den Löschfahrzeugen in den Weg stellten, um sicherzustellen, dass die Flammen ihre gesamte Hölle ergreifen würden. Raum für Raum öffneten sie die bürokratischen Strukturen des Prokrustes und brannten sie nieder, wieder und wieder, sowie am nächsten Tag und am Tag danach, bis sie sichergestellt hatten, dass diese nie wieder zurückkommen würden.

Diejenigen, die Angst vor Veränderungen haben, werden alles tun, um die vorherige Situation wiederherzustellen. Wir alle, die weißen Europäer*innen, die aufmachen, um zur Arbeit zu gehen und in der täglichen Routine verhältnismäßigen Überflusses und antizipierter Emotionen gefangen sind, sind von der gewalttätigen Effektivität des Feuers verstört. Wir sind verstört davon, wie leicht und schnell sich das verändert, was so unverwüstlich gewirkt hatte. Die Kapitalinteressen der Menschen benannten eine Reihe von Dämonen als Verantwortliche für das Feuer. Türkische Agent*innen, verborgene Herrscher*innen, Jihadist*innen, lokale Faschist*innen, Faschist*innen aus dem Ausland stolzierten durch die Fantasien der Spießbürger*innen, in dem Versuch zu befrieden und zu vermitteln. Es ist dieses dunkle Gewebe, mit dem wir unsere Augen verbinden, um der Realität nicht ins Auge sehen zu müssen, um nicht damit konfontiert sein zu müssen, Stellung zu beziehen. Egal, welcher Teufel das Feuer gelegt hat, kann dieser Akt doch nicht von dem Kinderlachen, den Jubelschreien der Menge, die sich wie in Extase von ihrem Gefängnis verabschiedete, getrennt werden. Dieser Akt kann nicht getrennt werden von den Steinen, die bis heute, eine Woche danach, in Richtung der Folterknechte geworfen werden. Dieser Akt steht in Zusammenhang mit der Weigerung der Menschen, sich in ein neues Konzentrationslager zu begeben, ihrer Weigerung gefüttert zu werden, ihrer Weigerung, die Wohltätigkeit der „Weißen“ anzunehmen.

Eine Woche später sind 13.000 Menschen auf einen Bereich der Straße beschränkt, die zum Hafen führt. Tag und Nacht fliegen Polizei- und Militärflugzeuge hunderte von Spezialkräften mit jeder erdenklichen Ausrüstung ein. Von Schiffen werden Wasserwerfer und andere Spezialfahrzeuge entladen. Löschflugzeuge fliegen beständig umher, um die von Aufständischen entfachten Feuer zu löschen, die entweder dazu dienen, das was übrig geblieben ist niederzubrennen, die Versuche ein neues Gefängnis zu errichten zu sabotieren oder um sich selbst von den hunderten Tränengasgranaten zu schützen, die von der Polizei abgefeuert werden. Zugleich fliegen am Himmel von Mytilene alle Arten von Drohnen und Helikoptern, die ihre Bewegungen beobachten und die Repression zu organisieren, von der Stunde um Stunde erwartet wird, dass sie ihren Höchststand erreicht.

Sicher sind nicht all diese Menschen vereint und genausowenig können wir sie alle als Rebell*innen bezeichnen. Ihre rassistischen und internen Konflikte wurden nicht zuletzt auch durch die miserablen Bedingungen unter denen sie gelebt hatten, geschürt. Dennoch können wir eine bedeutende revoltierende Menge beobachten, die keinen Schritt zurück akzeptiert. Sie sehen ihre Zukunft im Feuer und kämpfen Stein für Stein um ihre Freiheit. Die gleichen Menschen sind an direkten Aktionen beteiligt, zum Beispiel daran, agressiv Nahrung zu verweigern, agressiv Humanitäre Hilfe abzulehnen oder sich agressiv dem neuen Narrativ der Macht zu verweigern. Betrachtet man die Sorge einiger „weißer“ Menschen hinsichtlich der Nahrung und den Annehmlichkeiten der Aufständischen, genügt es, ihre Slogans anzuhören: „Wir wollen kein neues Camp, wir wollen Freiheit“, „Wir wollen keine Nahrungsmittel, wir wollen Freiheit“.

Beachtet man das oben genannte, ist es wichtig, die Sackgassen, in die sich solidarische Menschen und Anwohner*innen verrannt haben, zu bemerken. Die Bmühungen um ein humanitäres Management der chaotischen Situation, die auf die Aufstände folgten, ersetzte die anfängliche Benommenheit, die die solidarischen Menschen überkommen hatte. Die ersten Gedanken drehten sich um Nahrungsmittel, Kleidung, Unterkunft, Sicherheit vor Faschist*innen, usw. Dieser Ansatz kann zumindest als überholt betrachtet werden, wenn wir an die tausenden Portionen Essen denken, die aufgrund der Weigerung der Aufständischen zur vorherigen Normalität des humanitären Managements zurückzukehren im Müll landeten. Seit nunmehr fünf Jahren hat sich auf der Insel ein Multimillionengeschäft etabliert, durch das verschiedene systemische und nicht-systemische Akteur*innen reich werden und das die Befriedigung der grundlegenden Bedürfnisse der Gefangenen übernahm. Schlimmer noch, professionelle humanitäre Organisationen sind besorgt über eine Situation, die ihre Investitionen bedroht und schlagen mit ihrer aktiven Beteiligung am Wiederaufbau eines neuen Camps in Zusammenarbeit mit Polizei und Militär eine Rückkehr zur Vergangenheit vor. Wenn wir all das zusammenfügen stehen wir vor der zeitlosen Sackgasse  einer Solidarität, die mit Wohltätigkeit und der Logik der Viktimisierung flirtet, anstatt sich dem Kampf der Aufständischen anzuschließen und sie auf eine Art und Weise zu stärken, die ihre Forderungen aktiv vertritt.

Auf der anderen Seite hat eine Gruppe lokaler Anwohner*innen, die kontinuierlich die Schließung des Camps Moria forderten, ungeachtet ihres rassistischen Ansatzes eine effektivere Antwort auf die Forderungen der Aufständischen gefunden, indem sie eine Blockade errichteten und die Ankunft von Maschinen verhinderten, die das niedergebrannte Areal säubern sollten, so dass es wieder in Betrieb genommen werden könne. Sie richteten ihre Agression auch gegen den Minister für Immigration, den sie nicht passieren ließen. Der Kampf der Anwohner*innen kann tatsächlich als Spannungsfeld zwischen Hoffnungslosigkeit, Täuschung, persönlichen Ambitionen und Sackgassen betrachtet werden. Angesichts des Menschenhandels, den die globalen Interessensvertreter*innen offen aufbauen und angesichts der gigantischen staatlichen Aufrüstung sind sie Schritt für Schritt durch die Sackgasse humanitärer Verwaltung hin zur rassistischen Krankheit gelangt. Sie sind der Führung durch Politiker*innen mit geheimen Agenden und ehrgeizigen Anführer*innen, die im Strudel der Interessen nach oben gelangen, überlassen und schon bald werden die Ergebnisse genau das Gegenteil davon sein, was die Menschen erwarten.

Diejenigen von uns, die die griechische Gesellschaft seit Dekaden kennen, können von ihrem offensichtlichen Konservatismus nicht überrascht sein. Rassismus, Nationalismus, Patriarchat und Befriedung sind tief in der grichischen Gesellschaft im Allgemeinen verankert. Selbst wenn sich einige bourgeoise „gute Manieren“ während der kurzen Periode eines temporären Wohlstands der Gesellschaft etablierten, so waren doch Distanzierung und Gleichgültigkeit nichts weiter als eine künstliche Tarnung des obigen. Angesichts der derzeitigen Situation ist es heuchlerisch über 10 bis 100 Faschist*innen zu reden oder über das Verhalten einer politischen Partei. Das ganze „demokratische Spektrum“ in Lesbos begegnete dem großen Fest des brennenden Morias entweder mit Tränen oder sprach direkt von einer Jauchegrube. Eine Jauchegrube, die die Medien nicht verpassten, aufzubauschen, bis sie die entferntesten Gehirnzellen erreichte. Die Information wird im Sinne der Nationalen Bedrohung behandelt, unterstützt von denen mit den Gesundheits-Bomben. Die Sondereinheiten der Polizei und des Militärs, die die Migrant*innen daran hindern, sich dem Hafen zu nähern, haben sich im Gegensatz dazu, was vor einigen Monaten passiert ist, dieses Mal in ihre Beschützer*innen verwandelt, die sie vor den infizierten Zombies, die das türkische Regime gesandt habe, beschützen. Aber wir alle sind für diese Bilder im Hintergrund verantwortlich. Als wir unter dem Kittel des Arztes nicht die Uniform des Bullen erkannt haben, als die Wissenschaftlichkeit Konzepte wie Selbstbestimmung und Selbstverwaltung unterdrückte, als wir es vermieden gegen den Tanz der Millionen zu kämpfen, der darauf abzielte, Gefangenschaft und Repression zu erzeugen. Als wir es vermieden, so zu sprechen, dass wir uns nicht mit denjenigen, die wir Faschist*innen nannten, identifizieren mussten. Als wir den Rassismus der Gesellschaft unterschlugen, indem wir 10-100 extreme Rechte beschuldigten. Als wir uns mit dem medizinischen Klerus einverstanden erklärten und unsere Augen vor dem heuchlerischen Management, das in den Konzentrationslagern stattfand, verschlossen.

Die Einzige Lösung, die von den Aufständischen geäußert wird, ist keine Lösung. Und wir müssen diese mit all unseren Mitteln und allem in unserer Macht stehenden unterstützen. Während Staaten und humanitäre Organisationen nach Wegen suchen, diese erbärmliche Situation zu verwalten, ist die einzige Rolle, die wir dabei spielen können, sie zu sabotieren. Keine Lösung steht dem Konzept der Vermittlung entgegen. Weil jede Verwaltung durch ein zentrales System der Macht nur teilen, einsperren und isolieren kann.

Wieder einmal müssen wir über die Bedeutung von Solidarität nachdenken. Welche Form der Solidarität erwarten die Aufständischen von uns? In einem Kampf, in dem die Aufständischen ihre Körper geben und materielle Güter den Flammen übergeben, kann Solidarität nicht ein Teller Essen, ein Zelt oder einen Bullen bedeuten. Angesichts des großen Feuers, das Moria niedergebrannt hat, sind kleine Funken der einzige Weg, um mit den Aufständischen zu kommunizieren. Unsere Herzen wurden von den großen Feuern erwärmt, die die Hölle von Moria dem Erdboden gleich machten. Wie immer in solchen Momenten enthüllen die Monster ihre Absichten auf die deutlichste Art. Lasst uns auf ihre Schwächen zielen, bis jede Lösung endgültig zusammenbricht. Bis wir unendlich zerbrechliche Gesellschaften der Gleichheit und Solidarität errichten. Bis jedes Gefängnis dem Erdboden gleich gemacht ist, sowohl innen, als auch außen.

Übersetzung der englischen Version des Textes „Bye-Bye Moria“ bei Indymedia Athen.

Jenseits einer weiteren Geschlechterbinarität

Vorbemerkung der*des Übersetzenden

Der folgende Text entstand um 2016 in Pittsburgh, USA. Ihm liegt also ein etwas anderer Kontext zugrunde, als der, in dem er hier veröffentlicht wird. Insbesondere der Teil des Textes, der sich mit der Entstehung einer neuen Geschlechterbinarität zwischen Femme und Masc auseinandersetzt, mag hier auf den ersten Blick keine Rolle zu spielen. Ich denke jedoch, dass sich wesentliche Aspekte dieser Beobachtung durchaus auf den hiesigen Kontext übertragen lassen. Auch wenn die Binaritäten von Femme und Masc meines Wissens nach keine besonders relevante Rolle im hießigen (anarchistischen) Diskurs um Gender spielen, so lassen sich dennoch ähnliche Dynamiken beobachten, wo etwa „FLINT*“ als Gegenkonstruktion zu „Cis-Männern“ auftritt oder Charakterisierungen von Geschlechteridentitäten als „Nicht Cis-Männer“ existieren.

Auch wenn ich (in den meisten Fällen) die ursprüngliche Absicht der Verwendung solcher Identitäten durchaus in dem Wunsch begründet sehe, die (eigene) Ausgangsposition innerhalb des Systems von Geschlecht zu bestimmen (wie das etwa auch hinsichtlich der Binaritäten „weiß“ und „nicht weiß“ bzw. „PoC“ und „weiß“ beobachtet werden kann), beobachte ich auch, wie diese Bezugnahme auf die (eigene) Ausgangsposition oft zunehmend zur Reproduktion von Geschlechteridentitäten führt. Wenn beispielsweise Kritiken an bestimmten Praxen mit einer (vermeintlichen oder tatsächlichen; ich finde nicht, dass das eine Rolle spielt) „cis-männlichen“ Autor*innenschaft erklärt und damit als „unberechtigt“ beiseitegeschoben werden ohne dass das Anliegen der Kritik einer genaueren Betrachtung gewürdigt wird, was ist das dann anderes als eine Essentialisierung bestimmter Handlungen und Denkweisen als Geschlechter(rollen)? Ob eine*r vom Ausgangspunkt als „FLINT* Person“ oder als „cis-männliche Person“ zu dem Schluss gelangt, die Institutionen des Patriarchats oder von Gender anzugreifen, inwiefern ist dieser Ausgangspunkt dann noch relevant? Und wenn ein solcher Angriff stattfindet, ist es dann relevant, wer – im Sinne einer Identität – ihn ausführt (siehe dazu auch die Debatte um Anonymität mit den „Feministischen Autonomen Zellen“ in Zündlumpen Nr. 72 – Link 1, Link 2 – und 48)? Ist es relevant, ob eine „FLINT*-Person“, ein „cis-Mann“ oder eine Person, die sich weigert, irgendeine dieser Identitäten anzunehmen, diesen ausführt? Immerhin ist das verfolgte Ziel – die Zerstörung von Patriarchat – ja das gleiche, oder nicht? Und wenn ich zu dem Schluss käme, dass – eine gleiche oder zumindest kompatible Analyse und das allseitige Ziel der Zerstörung von Patriarchat und Geschlechterrollen vorausgesetzt – die Identität der Angreifer*innen einen Unterschied macht – und zwar jenseits der individuellen Ebene, in der jede*r, egal ob FLINT* oder cis-Mann oder sonstetwas sich auf ihre*seine eigene Weise von ansozialisierten Verhaltensweisen lösen muss –, perpetuiere ich dann nicht sogar eine bestimmte Vorstellung von Geschlechterrollen, zumindest aber die Vorstellung von Gender, als eine Ordnung von zueinander in Beziehung stehenden Identitäten, die der Aufrechterhaltung einer bestimmten Gesellschaftsordnung (Zivilisation) dient?

Dies ist der Kontext in dem ich diesen Text als einen zusätzlichen Beitrag zu dieser und ähnlichen Debatten übersetzt habe.

Jenseits einer weiteren Geschlechterbinarität

Ich gebrauche die Begriffe Patriarchat und Gender in einem austauschbaren Sinne, da ich Gender als einen Herrschafts- und Unterdrückungsapparat betrachte, der sich mit dem Apparat des Patriarchats überlappt und untrennbar mit ihm verbunden ist. Um mehr über diese Betrachtungsweise zu erfahren, empfehle ich die Lektüre von Gender-Nihilismus – Ein Anti-Manifest und Destroy Gender.

Gegen Femme, Gegen Gender, Gegen alle Binaritäten

In den letzten Jahren war innerhalb radikaler Millieus der Trend zu beobachten, den Begriff Femme anstelle von Frau zu gebrauchen. Die Gründe für diese Veränderung der Sprache variieren von Person zu Person, je nachdem wen du fragst, aber der allgemeine Grund für diese Veränderung ist es, „unser“ Verständnis von Patriarchat inklusiver zu machen, um all diejenigen zu integrieren, die sich nicht exakt als Frauen definieren. Wikipedia definiert Femme folgendermaßen:

„Femme ist eine Identität, die von Frauen (inklusive trans Frauen) und nichtbinären Menschen in Bezug auf ihre Weiblichkeit gebraucht wird. Als Gender-Identität markiert sie üblicherweise ein Individuum, das ’nichtbinär ist oder queeren femme Geschlechts und adressiert ganz besonders und in sich feminitätsfeindlichkeit [femmephobia] und die systematische Abwertung von Weiblichkeit als Teil ihrer Politik‘. Die Bezeichnung wird ausschließlich für queere Personen benutzt, unabhängig davon, ob diese sich als weiblich definieren oder nicht.“

Dieser [begriffliche] Austausch ist nicht nur semantischer Natur. Er ist das Ergebnis davon, dass nicht mehr nur Frauen als die unterdrückten Subjekte des Patriarchats gesehen werden, sondern alle femme oder weiblichen Personen. Er ist auch Ausdruck davon, dass Unterdrückung nicht länger nur als die eigene Beziehung zu vergeschlechtlichter Gewalt, sondern auch als die eigene Beziehung zu Ästhetik, Weiblichkeit, Verhaltensweisen und sozialen Normen gesehen wird.

Zuvor bestand „unser“ Verständnis von Patriarchat darin, dass nur Frauen vom Patriarchat und (ver)geschlecht(lichter Gewalt) unterdrückt werden konnten. Das heißt, dass unser Verständnis von Patriarchat niemals tief genug ging, um zu verstehen, dass es eine Vielzahl von Erfahrungen und Subjektivitäten gibt, die nicht einfach in eine von zwei Kategorien (Unterdrückte und Unterdrücker*innen, Männlich oder Weiblich, etc.) gepresst werden können. Für jede*n, die*der solche Ideen vertrat, ist es eine positive Entwicklung von dieser strohdummen Analyse des Patriarchats und des Apparats von Geschlecht [Gender] hin zu einer Interpretation, die mehr Erfahrungen als diese beinhaltet. Aber wie alle Interpretationen und Theorien, greift auch diese in ihren Zielen und ihrer Analyse zu kurz. Zu der Bezeichnung femme überzugehen bewirkt wenig, wenn nicht nichts, im Hinblick auf patriarchale Kategorisierung/Identifikation/Normalisierung, Binaritäten, die Reproduktion des Patriarchats oder seiner ökonomischen Grundlagen und es schafft nicht wirklich eine Theorie von Unterdrückung, die alle Subjektivitäteten/Erfahrung einzubeziehen vermag.

Was bedeutet es, Femme zu sein?

Wer ist femme? Wer ist tatsächlich unterdrückt? Wer ist femme genung, um als unterdrückt zu gelten? Sind alle Frauen femme?

Wie bei allen Theorien der Unterdrückung gilt auch hier: wenn es ein/e unterdrückte/s Subjekt/Klasse gibt, dann muss es auch ein/e unterdrückende/s Subjekt/Klasse geben (wie weiße, die nicht-weiße unterdrücken oder die Reichen/Bourgeoisie, die die Armen/das Proletariat unterdrücken). Unter dem vorherigen Verständnis von Patriarchat, in dem Frauen die einzige Klasse bildeten, die von Gender unterdrückt wurden, wurden Männer als die unterdrückende Klasse betrachtet. Dem gegenwärtigen Verständnis von Patriarchat zufolge sind Femme die unterdrückte Klasse und Mascs die Unterdrücker*innen. Alle Identitäten werden dadurch definiert, wer von anderen für wen gehalten wird.

Der Webseite everydayfeminism.com zufolge ist femme „eine explizit queere Bezeichnung, eine Gender-Expression die eine große Bandbreite an Identitäten umfasst. Homosexuelle und queere cis-Männer, trans Männer und genderqueere Leute werden oft als femme identifiziert. Zu sagen, dass Femme nur Frauen wären, transportiert eine vergeschlechtlichte Binarität, die viele Menschen ausschließt.“ Neben der fragwürdigen Verwendung des Begriffs queer als Sammelbegriff versucht diese Definition von femme die Erfahrungen vieler einzubeziehen, die sich nicht als Frauen definieren. Während sie einige femme homosexuelle/trans Männer und nichtbinäre Personen einschließt, schließt sie andererseits Frauen, die nicht femme sind, aus. Frauen, die nicht femme sind, wie butch Frauen und trans Frauen, die ihr Geschlecht verbergen, werden beiseite gelassen, entweder um sie vollständig zu ignorieren oder um als „männlich“ und somit Unterdrücker*innen klassifiziert zu werden. Als ob butch Frauen für die Kämpfe von femmes verantwortlich wären, als ob eine*r als femme homosexueller Mann nicht ein Verfechter patriarchaler Kontrolle sein könne, als ob unsere realen Erfahrungen mit Gender und Gewalt unseren persönlichen Bezeichnungen untergeordnet wären.

Weder Masc, noch Femme, sondern Einzigartig

Dieser Gedankengang bricht nicht damit, eine „Geschlechterbinarität“ zu transportieren, sondern erfindet diese neu, durch die Einteilung der Menschen entlang der Grenzen zwischen Unterdrückt/Femme und Unterdrücker*in/Masc, auch wenn diese Einteilung nicht so strikt auf Gender und Biologismen basiert wie die vorherige (und noch immer dominante) Geschlechterbinarität. Er teilt die Menschen basierend auf Ästhetik und Verhaltensweisen statt basierend auf Biologismen oder Selbstverortung in Kategorien ein. Beinahe alles ist eine Verbesserung zu biologischem Determinismus, aber diese Veränderung geht nicht weit genug, um binäres Denken zu beenden. Bevor mich irgendwer in der Szene nach meinem Namen und meinem Pronomen fragt, werde ich als „Masc“ eingestuft wegen meiner Gesichtsbehaarung und aufgrund der Art und Weise wie ich mich kleide. Meine persönlichen Erfahrungen mit vergeschlechtlichter Gewalt werden nur dann ernst genommen, wenn ich mich als als trans Frau oute. Unsere Theorien sollten vom Ausgangspunkt dessen starten, wie wir vergeschlechtlichte Gewalt in unseren alltäglichen Leben erlebt haben, nicht von Identitäten. Unsere Beziehungen zueinander sollten auf unseren Affinitäten und Ähnlichkeiten zueinander bassieren, anstatt auf den Kategorien einer kleinster-gemeinsamer-Nenner-Politik. Das alltägliche Leben ist viel zu kompliziert, um in zwei Kategorien reduziert zu werden.

Lerne die neue Binarität kennen, sie ist die gleiche wie die alte

Einige Jahre zuvor, bevor die Bezeichnung Femme die allgemein gebräuchliche inklusive Form der Benennung von Personen, die vom Patriarchat unterdrückt werden, wurde, war in radikalen Millieus die Bezeichnung „nicht-Männer“ gebräuchlich. Die theoretischen Mängel von nicht-Männern sind ähnlich zu denen des Begriffs Femme. Baedan, ein antizivilisatorisches, nihilistisches und anarchistisches Magazin, das die Themen Gender, Queerness und Domestizierung behandelt, hat diese theoretischen Mängel herausgearbeitet. Sie kritisieren die Bezeichnung nicht-männer dafür, dass sie nicht die Art von inklusiver Bezeichnung sei, die sie vorgibt zu sein, da sie nicht über binäre Kategorien hinausgeht und sie das Policing der Kategorisierung fortsetzt.

„Eine jüngere Antwort auf diese Kritiken war die Einführung des Konzepts nicht-Männer. Die meisten Versuche, diese Kategorie zu definieren, sind extrem unbeholfen. Manchmal soll dieser Begriff nicht-cismänner bezeichnen, manchmal bedeutet er, dass Schwule bei bestimmten Treffen nicht erwünscht sind. Manchmal bedeutet er schlicht Frauen plus trans Personen. Einige Feminist*innen haben sogar gesagt, dass die Kategorie manchmal ‚emaskulierte Männer of Color‘ umfasse. Für gewöhnlich ist der Begriff nur eine postmoderne Umschreibung für Frauen [1]. Wie andere Kategorien funktioniert auch diese nur dann, wenn sie eine klare Grenze hat und diese Grenze wird immer Schauplatz von Policing sein. Auf jeder Ebene ist dies ununterbrochen problematisch. Die am wenigsten problematischen Definitionen […] sind so vage, dass sie keinerlei praktischen Nutzen haben. Und in der praktischen Anwendung entfalten diese Theorien immer ihre Gewalt. Die Aussicht, dass eine politische Organisation aus vorrangig cisgeschlechtlichen Frauen bestimmen, welche genderqueeren oder transfemininen Individuen nicht-männlich genug sind, um Teil ihrer Gruppen zu werden ist geradezu ekelerregend. Dieses kategoriale Policing spiegelt all die anderen wider. Lerne die neue Binarität kennen, sie ist die gleiche wie die alte. Ein Weg aus diesem Dilemma könnte sein, nicht von Identitäten auszugehen, sondern vielmehr von Erfahrungen. Sich die Mitverschwörer*innen aufgrund geteilter Erfahrungen einer Bandbreite an vergeschlechtlichter Gewalt auszusuchen. Einige Befürworter*innen der Bezeichnung nicht-Männer haben das ähnlich definiert („die, die vergewaltigt werden“, „die, die die Carearbeit leisten“), aber keine dieser Erfahrungen sind auf die Identität beschränkt und ein phänomenologisches oder empirisches Bezugssystem zu akzeptieren würde die Nützlichkeit dieser Kategorie vollkommen zunichte machen. Wenn das Konzept aber entweder nutzlos oder problematisch ist, warum wurde/wird dann so viel Aufwand in den Versuch, das Konzept zu bewahren gesteckt? Was wir hier tatsächlich sehen ist der verzweifelte Versuch, binäre Kategorien zu bewahren, in einer Welt, in der diese längst begonnen haben, zu zerfallen.“

– Against the gendered Nightmare, Beadan 2: A Queer Journal of Heresy.

Egal ob es sich um Männer/Frauen, männlich/weiblich, afab/amab, nicht-Männer/Männer oder femme/masc handelt, alle Binaritäten erfordern Policing und Ausschluss um aufrechterhalten und definiert zu werden. Binäre Kategorisierung ist nur eine Methode, die vom Apparat des Genders genutzt wird, um zu herrschen. Binäre Kategorien erfordern Policing, Ausschluss, Regulierung, Normalisierung und Hierarchie.

Kein dritter Weg

„Die Revolution zielte auf neue Einrichtungen, die Empörung führt dahin, Uns nicht mehr einrichten zu lassen, sondern Uns selbst einzurichten, und setzt auf »Institutionen« keine glänzende Hoffnung.“ [2]

– Der Einzige und sein Eigentum, Max Stirner

Die Probleme hinter der Femme/Masc-Binarität beginnen weder mit ihrer Verbreitung in dem Millieu, noch werden sie damit enden, dass eine andere Begrifflichkeit an ihre Stelle tritt. Ich schlage keine Alternativen oder Erweiterungen dieser Kategorien vor, sondern ihre totale Aufgabe. Das kann nur durch einen aufständischen Bruch mit Gender passieren. Aufstand wäre die totale Untergrabung der Steuerung: Den Apparat der Steuerung aufzugeben und zu zerstören und unsere Angelegenheiten in die eigenen Hände zu nehmen.

„Um konkreter zu werden, bedeutet das, dass wir Communities und Räume haben, die nicht nur sicher sind, sondern gefährlich für diejenigen, die unseren Verlangen und unseren Räumen im Wege stehen. Nicht nur ein Lesekreis Safespace, sondern zurückgewonnenen Territorien, in denen die Bedürfnisse der Arbeiter*innen/Frauen/der Ausgeschlossenen (frei von Geschlecht/vergeschlechtlichter Gewalt) erfüllt werden können. Diese Räume können uns nicht einfach durch eine höhere Macht gegeben werden. Durch Besetzungen von Grenzregionen und Produktionsstätten oder weniger formelle Territorien des Widerstands, wie Freund*innen, die einander den Rücken freihalten, werden wir  die Gemeingüter schaffen oder sie zurückerobern.“

– Destroy Gender

 

Übersetzung aus dem englischen: Lena Kafka. „Beyond Another Gender Binary“ in „Destroy Gender„.

Anmerkungen

[1] Ich denke in vielen anarchistischen Kontexten des deutschsprachigen Raums lässt sich diese Kritik guten Gewissens auf die Bezeichnung „FLINT*“ übertragen bzw. zuweilen auch auf das vielerorts gebräuchliche „Frauen*“, auch wenn beide Begriffe vielleicht leicht abweichende Besonderheiten mit sich bringen. (Anm. d. Übers.)

[2] Dieses Zitat ist der ursprüngliche Wortlaut aus dem Einzigen und sein Eigentum. Im englischen Artikel ist eine recht ungenaue Übersetzung zitiert, die sich etwa folgendermaßen ins Deutsche rückübersetzen lässt und die den Unterschied, den Stirner zwischen Revolution und Empörung macht, außen vor lässt: „Der Aufstand verlangt von uns, uns nicht länger einrichten zu lassen, sondern uns selbst einzurichten und keine glänzenden Hoffnungen auf Institutionen zu setzen.“ (Anm. d. Übers.)

Ein Nekrolog auf Identitätspolitik

Ich begann mit dem Schreiben dieses Textes einige Monate vor den Krawallen nach George Floyds Tod. Der Aufstand, der mittlerweile zu einem globalen Ereignis geworden ist, hat mich motiviert, meine Perspektive in diesem Text darzulegen. Meine Erfahrungen in Minneapolis vom 26. bis zum 30. Mai haben meine Verachtung für Identitätspolitik gestärkt, weshalb ich diese um zusätzliche Kritiken daran, die aufgrund dieser Erfahrungen entstanden sind, ergänzt habe.

Gehen wir zurück zu einer Zeit und einem Ort, an dem die Menschen Pager und Münztelefone nutzten. Als Verandas und öffentliche Parks die Orte waren, an denen man herumlungerte. Eine Zeit, in der Konflikte von Angesicht zu Angesicht geklärt wurden und Scheißelabern direkte Konsequenzen im realen Leben hatte. Das waren die Zeiten vor „Callout-Culture“, „Troll-baiting“ und anderen internetdominierten Aktivitäten. Manche sagen das Internet und die Ausbreitung von Technologie hätten den Kampf gegen Unterdrückung vorangebracht. Meine Meinung? Das Internet ist der Ort, an dem alle Potenziale für soziale Revolte absterben. Zusätzlich zu unsinnigen Petitionen und endlosen Memes kann die [Selbst-] Wahrnehmung als Rebell*in durch Selbstmitleidsorgien und akademische Loyalität erzielt werden, anstatt durch praktische Direkte Aktion. Während das Internet die ideale Brutstätte für Tastatur-Krieger*innen und überhebliche Akademiker*innen ist, bewirkt es auch die Rückentwicklung der sozialen Fähigkeit von Angesicht zu Angesicht zu kommunizieren. Konfliktlösung nimmt die Formen eines undefinierten Internet-Schauspiels und meist auch die einer widerlichen, dem realen Leben nachempfundenen Nachbildung von Richter, Geschworenen und Henker an. Interaktion von Angesicht zu Angesicht ist beinnahe unnötig in der Techno-Gesellschaft, in der ein Smartphone zu einem persönlichen Bedarfsartikel geworden ist, der scheinbar mit den Händen seines Besitzers verwachsen ist. Von einem individuell verdunkelbaren Bildschirm kann nun das ganze Spektrum emotionalen Ausdrucks aus einem Pufferspeicher von Emotionen digital repräsentiert werden.

Das Internet ist auch ein Ort, an dem die Lynchmob-Mentalität der „Callout-Culture“ die Menschen ermutigt, sich gegenseitig als eindimensionale Wesen zu betrachten, die sich ausschließlich durch Fehler und Unvollkommenheiten definieren. Im Namen von „sozialer Gerechtigkeit“ und dem „Outing von Tätern“ entsteht ein neuer Etatismus, der Angst und Schuld dazu nutzt, die Konformität von Allies zu erzwingen. Und ähnlich dem Bestraftwerden durch den Staat, kann ein Individuum, wenn es einmal im Internet verurteilt wurde, niemals wieder diesem Stigma entfliehen. Stattdessen bleibt jegliche persönliche Entwicklung unbedeutend im Vergleich zu der statischen Natur vergangener Fehler. Unabhängig von persönlicher Entwicklung ist ein verurteiltes Individuum auf ewig dazu verdammt, der Aussage seiner Online-Darstellung unterworfen zu sein.

In meiner Erfahrung als „marginalisierte Stimme“ habe ich gesehen, wie Identitätspolitik von Aktivist*innen als Werkzeug der sozialen Kontrolle instrumentalisiert wurde, das gegen alle genutzt wurde, die in das identitäre Schema des „Unterdrückers“ passten. Der ursprüngliche Machtkampf um Gleichheit hat sich in eine olympische Sportart für sozialen Einfluss verwandelt, die die gleiche soziale Hierarchie umkehrt, die ursprünglich hätte zerstört werden sollen. Viele Identitätspolitiker*innen, die ich getroffen habe sind mehr daran interessiert „weiße Schuld“ für ihren persönlichen (und sogar finanziellen) Vorteil zu nutzen, als die Organisationsstrukturen des Rassismus [white supremacy] physisch anzugreifen. Ich habe erlebt, wie die Opferrolle dazu genutzt wurde, haarsträubende Lügen und Schikanen zu rechtfertigen, die durch persönliche Rache motiviert waren. Viel zu häufig habe ich gesehen, wie Identitätspolitik eine Kultur schafft, in der persönliche Erfahrungen auf passives Schweigen reduziert werden. Aber all das ist nichts Neues. Jede*r, die*der sich selbst (seit einiger Zeit) als Anarchist*in definiert, wird schon einmal die eine oder andere Form von „call-out“ oder „silencing“ gesehen oder auch selbst erlebt haben. Warum erwähne ich das also? Weil diese Scheiße immer noch passiert und ich immer noch so viele Menschen sehe, denen der Mut fehlt, sie offen zu konfrontieren.

Ich erwarte nicht, dass dieser Text der Identitätspolitik zu einem plötzlichen Ende verhilft. Vielmehr drücke ich meine Feindschaft ihr gegenüber und ihrem autoritären, anti-individualistischen Charakter aus. Ich sehe noch immer selbstbezeichnende Anarchist*innen über „weiße“ Dreads lästern (ebenso wie ich Menschen sehe, die ihre Dreads unter sozialem Druck abschneiden). Ich sehe noch immer Menschen, die das Wählengehen rechtfertigen, wie sie es bei Obama getan haben (dieses Mal für Bernie [Sanders] [1]). Und ich sehe noch immer „Allies“, die ihre Frustration in sich hinein fressen, weil sie zu verängstigt sind, den Autoritarismus, den sie vor sich sehen, zu konfrontieren.

Wie viele „weiße“ Anarchist*innen wurden Rassist*innen (oder Privilegierte) genannt und für ihre Weigerung an der vergangenen Wahl 2020 teilzunehmen, angedisst?

Stell dir vor, wie Anarchie aussähe, wenn die Menschen sich weigern würden, den herablassenden Forderungen von Identitätspolitiker*innen zu gehorchen. Würden sich die Menschen freier fühlen, ihre Leben jenseits der engstirnigen Grenzen vorgegebener Identitäten zu erforschen? Würden sie sich furchtlos ermächtigen, sich ihre eigene Meinung zu bilden? Gibt es irgendeine Freude zu erleben innerhalb der angespannten Farce des akademischen Elitarismus?

Wäre dieser Text weniger stichhaltig, wenn er nicht von einer queeren Person of Color geschrieben worden wäre? Was, wenn er von einem „weißen“ „cis“ „Mann“ stammen würde? Warum wäre das relevant?

Im Großen und Ganzen wäre es das nicht. Denn schließlich geht es hier nicht nur um Identität, sondern um anti-autoritäre Anarchie. Wenn es eine Sache gibt, die ich in den letzten paar Jahren zur Genüge beobachten konnte, dann ist es Identitätspolitik, die sich wie eine Plage ausbreitet und jeden sozialen Raum verschlingt – ironischerweise inklusive den anarchistischer Kreise. Für mich bedeutet Anarchie die Zerstörung sämtlicher sozial konstruierter Identitäten und aller Einschränkungen, die diese der Vorstellungskraft setzen. Anarchie ist eine individualistische Erfahrung, die sich selbst im Gefängnis zugewiesener Identitäten gefangen sieht. Statt dieses Gefängnis gemeinsam mit der Gesellschaft, die es errichtet, zu zerstören, ist der heutige Anarchismus zu einem Friedhof erstorbenen Potenzials, internalisierter Opferrollen und eines ideologischen Wettkampfes darum, wer „am meisten unterdrückt“ ist, geworden.

Anstatt Identität selbst anzugreifen und den Apparat, der dieses Paradigma aufrechterhält, vergeudet mensch seine Energie damit, sich gegenseitig fertig zu machen, indem mensch die Komplexität individueller Einzigartigkeit ausblendet und die staatliche Rolle einnimmt, einander aufgrund von Zugehörigkeit zu identitären Kategorien zu definieren. Eine bestimmte Identität anzunehmen bestätigt nur die Existenz dieser Identität als eine universelle Wahrheit und damit – aufgrund der kolonialen Intention zugewiesener Identitäten – auch die Knechtschaft und Versklavung einiger durch andere als eine ebenso universelle Wahrheit.

Ich weigere mich daran teilzunehmen, Versklavung als Voraussetzung meiner Existenz hochzuhalten und deshalb sind diese „Wahrheiten“ nichts weiter als politische Märchenerzählungen. Sie sind Produkt einer perfektionierten, sozial entwickelten Gottesvorstellung, die wie ein parasitärer Cordyceps [2] in den Verstand eindringt und unbedingten Gehorsam einfordert. Bestandteil dieser mentalen Manipulation ist ein durch die Einkerkerung der industriellen Gesellschaft institutionalisierter Verstand. Identitätspolitik ist die verstaubte Kette der Kolonisation, poliert von denen, die ihr persönlichen Wert beimessen. Diese „Wahrheiten“ sind die sozialen Konstrukte der Kontrolle, die ein Leben der Rebellion im tiefen und finsteren Brunnen der Reform in Ketten legen. Und während sich viele dort eingerichtet haben, bin ich ausgebrochen, um das unendliche unbekannte Terrain des Hedonismus und der anti-politischen Anarchie zu erforschen. „Schwarze“, „Braune“ oder „Weiße“ Macht [Power] ist die Antithese der Freiheit; sie ist die ideologische Wohltätigkeitsarbeit einer zivilisierten, humanistischen Form der Rebellion. Identitätspolitik ist die Sterilisation der Individualität, die sie sowohl gehorsam gegenüber der kollektivistischen Autorität, als auch gutgläubig gegenüber dem nationalistischen Mythos der Überlegenheit macht.

Letztlich ist der „Mensch“ ein Tier, das innerhalb sozial konstruierter Kategorien in eine Hierarchie des ökonomischen Status domestiziert wurde. Und auch wenn sich diese Hierarchie über die Jahre verändert hat, wird sie dennoch beständig durch die Beziehung derer, die Befehle erteilen und derer, die gehorchen, aufrecht erhalten. Unabhängig davon, wie die Kategorien innerhalb dieser Hierarchie positioniert sind, bleibt die Hierarchie autoritär; die Gruppe dominiert das Individuum. Was einen „Menschen“ definiert, ist der Grad seines Gehorsams und seiner Unterwürfigkeit gegenüber zivilisierten Rollen und Verhaltensweisen, die die industrielle Gesellschaft erfordert. Je weniger kooperativ ein „Mensch“ ist, desto wahrscheinlicher wird dieser „Mensch“ mit einem Tier verglichen werden. Das Tier ist das unerwünschte Wesen – selbst für die Identitätspolitiker*innen, die es vorziehen, den ideologischen Anthropozentrismus der Kolonisateur*innen zu übernehmen. Vielleicht erklärt das, warum es so wenig Diskussion um Tierbefreiung im links-anarchistischen Diskurs gibt. Die marginalisierte Stimme soll lieber als gleichwertig zu den zivilisierten Kolonisator*innen porträtiert werden, als als verlorengegangene Beziehung zwischen ihrer Animalität und der Erde. Im Zentrum linker Politik steht das humanistische Ziel sozialer Gleichheit innerhalb des industriellen Fortschritts – während die Erde zugleich weiterhin in Nationalstaaten zerteilt bleibt und für die anthropozentrische Ausbeutung und Ausbreitung verwüstet wird.

Meine Meinung ist, dass solange eine*r eine persönliche Beziehung zur „menschlichen“ Identität – ähnlich wie der zu „weißen“ oder „männlichen“ Identitäten – pflegt, das Individuum das koloniale Paradigma von zivilisiert vs. wild bekräftigt. Und solange diese Bekräftigung andauert, bleibt das Individuum auch anfällig dafür in anderen identitären Konstrukten gefangen zu werden, die das ungezähmte Potential weiter unterdrücken.

Ich frage mich, wann bzw. ob Anarchist*innen im Allgemeinen jemals über die Gruppen-Mentalität des Linksradikalismus hinaus hin zum individualistischen Aufstand gelangen werden, in dem sie die Konfrontation von Identität als einen Akt der persönlichen Emanzipation begreifen. Werden Anarchist*innen eines Tages begreifen, dass alles über dem Individuum eine Autorität darstellt, egal ob es sich dabei um „die Kommune“, die „Bewegung“ oder die kulturelle Herrschaft von Identität handelt? Vielleicht einige, aber ich bin mir sicher, nicht alle.

Die heilige Opferrolle

Nach 45-minütiger Fahrt sind wir endlich da. Wir haben einen langen Tag des Ladendiebstahls hinter uns und das ist unser letzter Halt. Ich bin an der Reihe und ich nehme mir vor, den Laden mit Waren im Wert von mindestens 500 Dollar zu verlassen, um diese später online zu verkaufen. Aber ich habe ein schlechtes Gefühl bei diesem Laden. Anders als die Läden davor ist dieser Laden wesentlich kleiner, was bedeutet, dass die Ladendetektive die Türen besser im Blick behalten können. Größere Läden haben meist ausgedehntere Ein- und Ausgangsbereiche. Außerdem ist es schwieriger, alle Einkäufer*innen durch die Kameras im Auge zu behalten, je größer ein Geschäft ist. Ich entscheide mich, trotzdem zu gehen. Sei dir nie sicher über irgendetwas, wenn du es nicht bereits versucht hast.

Ich gehe hinein, nehme mir einen Wagen und schaue mich nach den Waren um, die ich klauen will. Ich checke auch die Schlangen an den Kassen und den Kundenserviceschalter. Zwei der Mitarbeiter*innen am Kundenserviceschalter sind damit beschäftigt, sich zu unterhalten, die Kassen sind alle, bis auf eine am Eingang und zwei am Ausgang, geschlossen. Am Eingang steht ein*e Mitarbeiter*in, die*der die Einkaufswägen abwischt. An einer der Kassen sitzt ein*e Kassierer*in, während die andere unbesetzt ist. Ich speichere die Situation als „zu einfach“ aussehend ab, aber ich entscheide mich, mich zunächst darauf zu fokussieren, wo die Dinge sind, die ich brauche. Nachdem ich meinen Einkaufswagen beladen habe, beginne ich meine Reise in Richtung Ausgang. Jede*r, die*der Ladendiebstahl zum Lebensunterhalt begeht, weiß, dass das der aufregende Teil ist. Die ganze Zeit bis zu diesem Moment war ich nur ein*e gewöhnliche*r Einkäufer*in. Aber nun, da ich auf den Ausgang zugehe, werfe ich mein Kostüm der*des „Einkäufers*in“ ab und bereite mich auf die kriminelle Erfahrung der*des „Ladendiebs*in“ vor. Als mein Herz zu pochen beginnt, kann ich spüren wie meine Nerven ein Wohlgefühl auslösen – eine beruhigende Antwort als eine temporäre Ablenkung von der Panik, um meine Sinne scharf und fokussiert zu halten. Ich muss auf alles vorbereitet sein. Und noch immer muss ich mein(e) „gewöhnliche*r Einkäufer*in“-Gesicht und -Körpersprache bewahren. Als ich die „zu leichte“ Bahn zum Ausgang durchquere, sieht alles gut aus.

Die Menschen am Kundenservice unterhalten sich immer noch und widmen mir keine Aufmerksamkeit, der*die eine Kassierer*in ist zu beschäftigt, irgendwen anzurufen, um mich zu bemerken. Ich hole meinen Fake-Kassenzettel heraus und gehe ganz gewöhnlich durch die ersten Schleusentüren des Ausgangs. Wenn ich gesehen oder erwischt worden wäre, wäre das der Moment in dem sich mir von hinten jemand nähern würde oder ich jemanden nach meiner Schulter greifen spüren würde. Als ich die zweiten Schleusentüren passiere, ist noch immer alles gut. Zeit, mich auf den Weg zur Rückseite des Parkplatzes zu machen – und dann passiert es …

Jede*r, die*der lange genug geklaut hat, kennt diese gefürchteten Worte: „Entschuldigen Sie … Entschuldigen Sie!“, höre ich jemanden hinter mir rufen. Ich tue so, als hätte ich nichts gehört. Dann höre ich schnelle Schritte von hinten auf mich zukommen. „Entschuldigung, ich muss Ihren Kassenzettel sehen“, sagt er, als er mir seinen Ladendetektiv-Ausweis vorhält. Fuck. Wo hat mich dieser geleckte Hipster gesehen? Muss in der Kleidungsabteilung hinter mir gewesen sein … Vielleicht war diese Bahn eine verdammte Falle. Egal. Lass den Einkaufswagen stehen und geh weg. Ich beginne wegzulaufen und höre „Nein, nein … Wir müssen wieder reingehen und Papierkram ausfüllen. Keine Sorge, Sie werden nicht angezeigt.“ Ja klar, Papierkram mit all meinen Daten ausfüllen und für ihre Akten fotografiert werden – vergisss es. Ich laufe weiter davon. Ein anderer Ladendetektiv kommt rausgerannt und ist am Telefon. Er ruft die Polizei. Ich erkenne sofort, dass der erste Typ mich heimlich hinhalten wollte, bis die Polizei eintrifft! Ich sprinte los. Ich höre, wie die beiden mir dicht hinterherrennen. Ich überquere die Sraße und stürze in eine Wohnwagensiedlung. Im Zickzack renne ich zwischen den Wohnwagen weiter und verstecke mich schließlich in einem Blechschuppen. Ich zwinge mich, ruhig und tief durchzuatmen. Ich beruhige mich und lausche, wie die beiden in der Nähe nach mir suchen.

Als ich sie schließlich nicht mehr höre, texte ich meinen Kompliz*innen meinen ungefähren Aufenthaltsort. Ich verlasse den Schuppen, versuche einige Dinge aufzuräumen, die heruntergefallen sind, als ich dort hineingestürmt bin. Die Bullen müssen jede Sekunde hier sein. Ich sehe, wie das Auto meiner Kompliz*innen langsam vorüberfährt und winke sie zu mir. Ich springe hinein und lege mich auf den Boden, als wir wegfahren.

Ich hätte meinem Instinkt vertrauen sollen. Das war Pech. Aber es hätte schlimmer kommen können. Statt die Nacht in einer Zelle zu verbringen, sitze ich gemütlich hier und schreibe diesen Text. Aber das ist die Realität des Ladendiebstahls – oder jedes Verbrechens, was das angeht. Egal wie viele Male du damit durchkommst, es ist wichtig darauf vorbereitet zu sein, eines Tages gefasst zu werden. Sei bereit dafür. Und wenn es passiert, untersuche die Panik, die Emotionen und die physischen Reaktionen deines Körpers … Lerne sie kennen. So dass du das nächste Mal, wenn du ein Verbrechen begehst, ein besseres Verständnis vom worst-case-Szenarion besitzt. Für mich ist das elementar und es gibt keinen Platz für die Opferrolle oder einen Ausruf der Unschuldigkeit.

Während Covid-19 die Bedingungen für staatliche Repression in Form von „Ausgangssperren“ schuf, hat es ironischerweise zugleich meine Möglichkeiten für illegalistisches Vergnügen erweitert! Viele Unternehmen blieben wochenlang unbeaufsichtigt, was bedeutet, dass Sachbeschädigungen länger unbemerkt blieben. Inmitten der Panik waren die Supermarkt-Detektiv*innen und das Sicherheitspersonal damit beschäftigt, die Anzahl der Gegenstände, die die Menschen bezahlten zu überprüfen, ohne die Wagenladungen an Lebensmitteln zu bemerken, die heimlich zur anderen Tür hinausgeschoben wurden.

Bevor sie ihre Läden schlossen, deaktivierten viele Geschäfte wie REI, L.L Bean und andere ihre Sicherheitsschranken. Ich vermute, dass dies aufgrund der großen Menge an Menschen geschah, die diese mit bezahlten Waren passierten, auf denen ein versteckter Diebstahlschutz noch immer aufgeklebt war. Vielleicht wurden die Schleusen abgeschaltet, um einen sekündlich losgehenden Alarm zu vermeiden. Das eröffnete die gute Gelegenheit, gesicherte Waren stressfrei hinauszutragen.

Die letzten Wochen ließen in mir alte Erinnerungen an die Zeit aufsteigen, zu der ich Anarchie noch als eine Aktivität verstand, die nur solange andauerte, wie eine Erste-Mai-Demo, eine Demonstration oder ein nächtliches Vergnügen. Ich erinnere mich daran, dass ich das Gefühl hatte, Anarchie sei der Moment, in dem ich schwarze Hosen, Schuhe und Handschuhe trug und mit einem T-Shirt vermummt war. Nach diesen Aktivitäten galt es, in die „wirkliche Welt“ zurückzukehren. Zurück zur Lohnsklaverei, zurück zur täglichen Routine des Mietezahlens und Abzählens meiner Lebensmittelgutscheine für den Supermarkt. Sicher, neben den Büchertischen bei Punkkonzerten und radikalen Veranstaltungen gab es die gelegentlichen klandestinen Aktivitäten. Aber es gab diesen Zwiespalt, der immer eine Trennung kreierte, die Anarchie zu einer Art extrakurrikularen Aktivität machte. Sicher widmete ich mein Leben der Rebellion; Das ganze Konzept eines Zine-Distros, das ich später „Warzone Distro“ nennen würde, entwickelte ich, während ich meine Arbeitszeit auf dem Scheißhaus verstreichen ließ. Trotz der Lohnsklaverei war ich immer damit beschäftigt, den einfachsten Weg einzuschlagen und für den größtmöglichen Lohn so wenig wie nur möglich zu arbeiten. Ich war der*die Arbeiter*in, die*der seine*ihre Überstunden an andere weitergab. Einen halben Tag Arbeit für eine leichte LKW-Ladung? Scheiße Mann, ich bin raus!

Mit der Zeit war mir Anarchie als bloße extrakurrikulare Aktivität nicht mehr genug. Und was ich damit meine, ist, dass ich zunehmend intoleranter gegenüber Bossen, Lohnsklaverei, Weckern, Mietezahlen und Münzen abzählen wurde. Ich erinnerte mich daran, wie es war Kind zu sein und keine solche Verpflichtungen zu haben. Ich erinnerte mich an meine ganztägigen Abenteuer draußen, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Jeder Tag war ein neues Abenteuer und jeden Tag lernte ich etwas Neues über mich selbst. Dann, als verantwortungsbewusste*r Erwachsene*r lernte ich etwas Neues über mich. Ich hasste das Erwachsensein, mich erwachsen zu verhalten und die performative Rolle und Identität des „Erwachsenwerdens“. Aber ich versuchte nicht wieder zum Kind zu werden. Diese Tage waren vorbei. Ich fragte mich, wie ein anarchistisches Leben, das die Erwachsenen/Kind Binarität überwinden würde, aussehen könnte.

Schnell vergangene Jahre später stehe ich hier, arbeitslos, aber nicht länger Münzenzählend, älter, aber jugendlicher als ich jemals war. Einige sagen, ich verkörpere die schlimmste aller Welten; hedonistisch, gewaltsam und kindisch. Selbstverständlich obliegt es der subjektiven Interpretation, was diese Worte bedeuten und wie diese auf mich angewandt werden, aber eines ist sicher: Ich fühle mich freier als ich mich je gefühlt habe. Und ich habe eine Liebesaffäre mit dem Verbrechen. Es ist eine intime Erfahrung – Verbrechen in wütender Verachtung für die Gesellschaft und das Gesetz zu begehen. Brüche zu erzeugen und damit durchzukommen vervollkommnet mein Verlangen nach Anarchie mit jedem Moment. Heutzutage erlebe ich den ganzen Tag draußen, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Und mit jeder kriminellen Aktivität lerne ich mich besser kennen. Aufgrund der Tatsache, dass meine lustvollen Tage des Lebengenießens entweder im Gefängnis oder mit meinem plötzlichen Tod enden werden, lerne ich, die Gegenwart der Vergangenheit und der Zukunft vorzuziehen.

Eine Sache, die ich über Verbrechen gelernt habe, ist das einzigartige Gefühl, das mit dem Gesetzebrechen einhergeht, ein Sinn für individuelle Handlungsmöglich- und Unmöglichkeiten, ein Sinn für Stärken und Schwächen. All das kann durch die Erfahrung des Gesetzebrechens entdeckt werden. Und es ist diese Erfahrung, die ich ausweiten will, um mehr über mich selbst zu lernen, um unkontrollierbar im anti-sozialen Sinn zu werden.

Ich blicke auf meine Vergangenheit zurück, in der ich vom Kult der Identitätspolitik eingesperrt war. Ich erinnere mich daran, dass ein Grund dafür, die Opferrolle einzunehmen, war, soziale Aufmerksamkeit zu generieren und die (marginalisierten) Identitäten, die mir zugewiesen worden waren, in einem positiven Licht zu zeichnen. „Sieh mich an! Eine verantwortungsvolle queere Person of Color, die einer Arbeit nachgeht und ein*e gesetzestreue*r Bürger*in ist!“ Aber warum? Um zu beweisen, wie ähnlich ich all diesen „weißen“, hart arbeitenden proletarischen Helden war, die Amerika braucht, um sein koloniales Establishment aufrechtzuerhalten? Ein*e andere*r Lohnsklav*in, die*der passiv und bereitwillig die eigene Versklavung akzeptiert? Um ein*e weitere*r Christ*in of Color zu werden, die*der vorgibt, dass es ein imaginäres Königreich dort oben gibt für all diejenigen von uns Strolchen, die niemals eine faire Chance im Leben hatten? Scheiß auf all das.

Der Grund aus dem all die Rassist*innen, Homofeind*innen, Patriarchen und Patriot*innen Menschen wie mich fürchten, liegt jenseits von Identitätspolitik; Ich bin ein*e erbitterte Feind*in ihrer Kontrolle und Ordnung. Das gesellschaftliche Schloss, das sie zu errichten und aufrechtzuerhalten trachten, wird immer Ziel meiner Sabotage sein!

Ich denke die meisten Menschen können nachvollziehen und verstehen, dass es nicht nötig ist, sozial zugewiesene Identitäten anzunehmen, um zu verstehen wie die Gesellschaft diese als Werkzeuge der sozialen Kontrolle einsetzt. Ich denke es ist ebenso leicht zu erkennen, inwiefern Identität als Werkzeug der Revolution beschränkt ist und vielmehr zu internen Konflikten in vielen revolutionären Projekten geführt hat. Aber was mich umhaut, ist die Tatsache, dass so viele diese Identitäten nicht sofort als vorrangige persönliche Form der Rebellion zurückweisen. Ich denke mensch kann sagen, dass diese Identitäten die Hierarchien, die sie aufrechterhalten, gerade deshalb aufrechterhalten, weil sie so häufig von linken Organisationen für moralische Überzeugung genutzt werden. Durch Opferrolle und Unschuld wird Identitätspolitik als eine alle ansprechende Methode zur Schaffung einer kollektiven Gesinnung genutzt, die das Individuum letztlich ermutigt, unabhängiges Denken zugunsten eines Gottkomplexes von Moralität und Kollektivismus aufzugeben. Ich denke das spielt auch eine große Rolle im Etatismus und der Zurückweisung von illegalistischer Revolte.

Ich lehne die statische, ziviliserte Binarität von Schuld und Unschuld ab und damit auch die Internalisierung der Opferrolle. Ich habe keine Verwendung für eine „Call-out-Culture“ oder einen Internet-Lynchmob gegen meine Feind*innen. Im Internet werden alle meine Versuche öffentliche Unterstützung gegen eine*n Feind*in zu erlangen, nur einen anderen Feind (den Staat) informieren und ihn ermächtigen, mir meine Verantwortlichkeit zu stehlen. Schuld und Unschuld sind auch eine legalistische Binarität, die nur dazu dient, nach einem moralischen Determinismus zu urteilen. Ich verachte den Staat und alle seine Manifestationen, sowie seine Repression gegen das Chaos. Deshalb bin ich kein Opfer; Ich bin (selbst)erklärte*r Feind*in in einem Krieg gegen ihn [den Staat]. Ich erwarte kein Mitleid, keine Begnadigung oder Wohltätigkeit, weder von ihm, noch von seinen Befürworter*innen.

Es war der Tag, an dem Chicago sein Ausgangssperren-Dekret verhängte. Mein*e Kompliz*in und ich waren in meiner Heimatstadt bei meiner Mutter zu Besuch. Als wir, nachdem wir meiner Mutter ein paar Lebensmittel besorgt hatten, heimfuhren, bemerkte ich jemanden alleine auf einer Parkbank sitzen. Ihr Name ist „Big Momma“. Ich war überrascht, sie draußen in der Kälte zu sehen und nicht in einer der lokalen Zufluchtsstätten. Wir fanden heraus, dass die Unterkünfte ihre Türen geschlossen hatten, vermutlich wegen Covid-19. Ich fragte mich, wie viele andere draußen in der Kälte waren …

Mein*e Kompliz*in und ich gingen zu einem Park, in dem ich früher Food Not Bombs [eine Art Volksküche; Anm. d. Übers.] veranstaltet hatte und zu meiner Überraschung hatten dort um die 20 Personen ein Camp vor der Belüftungsanlage eines Gebäudes errichtet, aus der warme Luft strömte. Wir gingen hinüber und fragten die Menschen, wie es ihnen gehe. Einige Menschen, die mich noch von aktivistischen Projekten Jahre zuvor kannten, kamen aufgeregt herbeigelaufen, um mich zu begrüßen. Sie alle gehörten zu den Unglücklichen, die zumindest für dieses Wochenende aus den Unterkünften ausgesperrt worden waren. Mein*e Kompliz*in und ich gingen zurück zum Wagen und heckten einen Plan aus.

Eine halbe Stunde später stehen wir in einem anderen Lebensmittelgeschäft. Anders als sonst ist es nicht ganz leicht, Lebensmittel aus diesem Geschäft zu tragen ohne sie zu bezahlen. Aufgrund der erhöhten Sicherheit an der Tür wegen Covid-19 und der Angst vor Plünderungen hat sich das Szenario verändert. Aber es ist noch immer möglich, einen vollen Einkaufswagen aus dem Laden zu schieben. Wir befüllen den unteren Teil des Wagens mit Wasserflaschen, zahlreichen Brotlaiben, Erdnusbutter, Marmelade und über 20 Packungen gemischter Nüsse, frischen Äpfeln und Bananen. Fertig. Ich voraus bahnen wir uns den Weg zur Tür. Meine Aufgabe ist es, um die Ecke nach zwei Angestellten an den Selbstbedienungskassen zu spähen, um sicherzustellen, dass sie uns nicht beobachten. Wenn sie gerade schauen, würde ich mein Handy herausholen, als würde ich einen Anruf tätigen. Falls nicht, gehe ich einfach weiter. Mein*e Kompliz*in ist mit dem Wagen dicht hinter mir. Die Luft ist rein. Die ersten Schleusentüren … die zweiten Schleusentüren … Alles ist gut gelaufen. Schließlich erreichen wir den Wagen und beladen den Kofferraum. Geschafft! Nächster Halt ist ein anderer Lebensmittelladen, aber wir werden dort keine Lebensmittel besorgen: Wir überfallen die Männer- und Frauentoiletten, um große Rollen Toilettenpapier abzustauben. Manchmal ist es ein wenig laut, die Spender zu öffnen, aber es geht relativ einfach mit jeder Art von Hausschlüssel. Wir füllen zwei Rucksäcke mit je drei großen Rollen und schon sind wir fertig.

Zurück bei meiner Mutter waschen wir unsere Hände sorgfältig, bevor wir Beutel um Beutel Peanutbutter-Jelly-Sandwiches zubereiten. Nachdem wir damit fertig sind, kehren wir zurück zum Camp der Obdachlosen. Jede Person bekommt zwei Sandwiches, zwei Äpfel, Zwei Bananen, getrocknete Früchte und eine Flasche Wasser. Zusätzlich hüllen wir die Toilettenpapier-Rollen in Plastiktüten vom Supermarkt, um sie trocken zu halten und übergeben sie. Wir bleiben noch eine Weile, lachen gemeinsam und reden Scheiße über die Cops. Es tat gut, neue Bekanntschaften zu schließen und alten Freund*innen zu begegnen. Es tat gut zu sehen, dass sie alle zurechtkommen und trotz der Umstände des Wetters und der geschlossenen Unterkünfte guter Dinge waren. Wir gingen und beschlossen auch in anderen Parks nach den Menschen zu sehen. Wir fanden ein paar einsame Wölfe, die freudig nahmen, was wir an Wasser und Sandwiches übrig hatten. Dann kehrten wir zurück zum Haus meiner Mutter, wo wir die Nacht verbrachten. Ich öffnete den Kühlschrank und musste kichern, als ich all das gestohlene vegane Essen sah und überlegte, was ich zum Abendessen wollte.

Der Allyship-Feigling

Meiner Meinung nach begann das Konzept des „Allyship“ mit guten Absichten, aber ebenso wie andere Aspekte der Identitätspolitik wurde es schlecht und hätte dringend entsorgt werden müssen. Ich empfinde „Allyship“ folgendermaßen: Wenn du ein politisches Buzzword und Konzept brauchst, um dich zu motivieren, dich mit Menschen jenseits gegenderter oder rassifizierter Kategorien zu verbünden, dann ist deine „Solidarität“ unaufrichtig. Wenn deine Art zu kommunizieren voller vorab von einem „Woke Ally 1×1“-Workshop genehmigter Themen ist, bist du zu einer freilaufenden Marionette geworden. Aufrichtige gegenseitige Hilfe oder Solidarität benötigt keine trendigen Twitter-Phrasen, um dich zu motivieren, Beziehungen zu knüpfen. In anderen Worten: Gib dich nicht mit mir ab, nur weil du gelesen hast, dass das das Richtige ist, oder weil dein*e progressive*r College-Professor*in dir das gesagt hat. Kriech mir nicht in den Arsch und laufe mir hinterher, weil ich eine viktimisierte, „marginalisierte“ oder „PoC Stimme“ bin. Oder weil deine Freund*innen und Kamarad*innen dich dazu drängen. Lass nicht zu, dass etwas so Künstliches wie sozial konstruierte Kategorien unsere Beziehung definieren. Gib dich mit mir nur ab, wenn du persönlich Interesse an unserer Interaktion und meiner Persönlichkeit hast und du – das ist das wichtigste – das aus individuellem Verlangen willst. Ich glaube nicht an erzwungene gegenseitige Hilfe: Damit machst du zwei Menschen zugleich zur*zum Idiot*in.

Es gibt auch diejenigen, die aufgrund von rassifizierten oder vergeschlechtlichten Zuschreibungen annehmen, sie wüssten, wie andere Menschen denken. Das sind die Identitätspolitiker*innen, die sowohl als Polizei als auch als Repräsentant*innen anderer auftreten und versuchen, Allyship durch Schuldgefühle und Anprangerungskampagnen zu erzwingen. Sie nutzen ihre Identität, um sich selbst als unverantwortlich zu erklären, während sie zugleich eine passiv-agressive Form der Kommunikation zur Einschüchterung nutzen. Aber meiner Ansicht nach ist niemand verpflichtet ihnen oder irgendjemand anderem, besonders nicht aufgrund von etwas so flachem wie Identität, zuzuhören oder sie zu unterstützen. Ich bin stets derer überdrüssig, die sprechen, als würden sie die Interessen von Menschen vertreten, die sie nie getroffen haben. Es ist idiotisch zu glauben, dass nur weil Menschen sozial ähnliche Identitäten zugewiesen bekommen, jedes Individuum den Stereotypen dieser Identitäten entspricht.

Identitätspolitik war erfolgreich darin, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie die zivilisierte Gesellschaft funktioniert, aber als Lösung, um diese Gesellschaft einzureißen, führt sie nur dazu, Identitäten zu beschränken, zu Nationalismus, internalisierten Opferrollen und weiteren Stereotypen für Menschen, die dagegen ankämpfen.

Du willst etwas über die Erfahrungen einer Person erfahren? Sprich doch mit ihr direkt. Triff keine Annahmen aufgrund von sozialen Konstruktionen. Du willst deine Solidarität zu Menschen zeigen? Behandle sie als Individuen mit einzigartigen Erfahrungen und Geschichten, nicht als bloße Schwarmmitglieder irgendwelcher homogenisierter Gruppen. Und für all diejenigen, die noch immer gehorchen ohne zu hinterfragen gilt noch immer: Ein anderes Wort für Weißer Ally ist Feigling!

Die Woke Führung

Persönlich mag ich das Wort „bilden“ nicht, um den Austausch von Ideen zwischen zwei Individuen zu beschreiben. „Bilden“ impliziert die Etablierung universeller „Wahrheiten“ anstelle des horizontalen Austauschs persönlicher Perspektiven. Der Kontext, in dem ich das Wort „Bilden“ am häufigsten wahrnehme, kreiert eine soziale Hierarchie zwischen denjenigen, die „woke“ [dt. etwa ~politisch achtsam~, bzw. etwas polemisch ausgedrückt ~politisch konform~] sind und denjenigen, die das nicht sind. Lernen Menschen überhaupt irgendetwas, wenn die Kommunikation von Ideen von oben herab stattfindet? Vielleicht. Aber ich bevorzuge es, diese Hierarchie nicht zu befördern.

Individuelle Menschen sind mehr als nur „weiß“, „braun“ oder „schwarz“, „Männer“ oder „Frauen“ oder welche soziale Konstruktion ihnen auch immer bei ihrer Geburt zugewiesen wurde. Deshalb kommt die Kommunikation aufgrund identitätsbasierter Annahmen so gut wie immer herablassend rüber. Ich sehe Scheiße wie „Bilde deine Freunde“ oder „lass dich bilden“, als würde auf eine Kirche der sozialen Gerechtigkeit verwiesen, in der mensch „erweckt“ würde. Und offensichtlich ist die kapitalistische Mentalität, Informationen zu verkaufen, ohne Frage gerechtfertigt. Einige glauben die „Arbeit“, Fragen zu beantworten, sei einen Lohn wert und zitieren etwas vom Umfang einer Google-Suche, wenn eine*r nicht in der Lage dazu ist, sie zu bezahlen. Ironischerweise kommen viele Fragen in guter Absicht und stammen von gutmeinenden Aktivist*innen, die es ertragen, zunächst von oben herab behandelt zu werden. Meiner Meinung nach entmutigt diese elitäre Art des Antwortens gegenüber wohlmeinenden Menschen diese, indem sie deren persönliche Geschichten trivialisiert und ihnen einredet, andere als an der Spitze stehend zu akzeptieren. Dieser Methode des „Bildens“ liegt ein Kollektivismus zugrunde, der die Grundlage für ein weiteres soziales System des Zwangs legt. Ich habe kein Interesse daran, mich daran zu beteiligen. Ich kann eine kritische Perspektive einnehmen oder einem Punkt widersprechen ohne einen Austausch zu hierarchisieren.

Ich betrachte jeden individuellen Verstand als rauschenden, wilden Strom von Ideen, die über die Ufer treten, wenn der Damm der sozialen Unterwerfung zusammenbricht. Die Gesellschaft verhindert kollektiv jegliche Wildheit, indem sie das Individuum domestiziert und letzlich ein im Käfig eingesperrtes Tier aus dem Verstand macht. Unter all der sozialen Konditionierung gibt es ein einzigartiges Individuum, das sich selbst in chaotischem Widerspruch gegen die Gesellschaft entdeckt.

Gleichförmigkeit ist die Feindin des freien Ausdrucks. Es gibt keine „Bildung“, nur eine verbreitete Meinung, die von denen, die beabsichtigen für andere zu denken, durchgesetzt wird. Ich denke, Ideen und Perspektiven können auf eine Art und Weise ausgetauscht werden, die keinem autoritären Modell der Kommunikation von oben herab gleicht. Ich bin kein*e Lehrer*in und ich strebe nicht danach, andere zu bilden. Stattdessen teile ich meine persönlichen Erfahrungen und Ideen, sowie sie entstehen und sich entwickeln, mit der Welt in dem Verständnis, dass andere uneinverstanden sind und einzigartige eigene Erfahrungen haben.

Beispielsweise habe ich gelernt, dass das illegalistische Leben nicht jeder*jedem taugt. Ich habe einige Menschen, die eine Weile so gelebt haben, unter dem Gewicht des realen Stresses krimineller Aktivitäten zusammenbrechen sehen. Wenn ich also diese Worte über Kriminalität schreibe – ebenso wie meine Verachtung gegenüber Identitätspolitik – spreche ich nur für mich selbst. Als ich anfing „Descending into Madness“ zu schreiben, war ich in der selben Nacht mit zwei Taschen im Wert von je über 300 Dollar aus einem REI in Seattle gelaufen. Die Sicherheitstürme schlugen keinen Alarm, als ich mit zwei Diebstahlsicherungen durch sie durchging. Ehe ich hinauslief dachte ich bei mir selbst, dass meine kriminellen Aktivitäten nahelegen, dass ich dem Wahnsinn verfallen [descending into madness] sei, weil das zu versuchen verdammt noch mal verrückt war. Aber ich war erfolgreich. Und auf der Autofahrt nach Hause bemerkte ich, dass wenn ich solche mutigen Verrücktheiten nicht befördern würde, ich möglicherweise niemals bemerkt hätte, dass die Sicherheitstürme in diesen Geschäften nicht funktionierten.

Meiner Meinung nach führt die „woke Führung“ des Linksradikalismus den Anarchismus über eine Klippe in einen zunehmenden Zerfall [3]. Vor Angst und Scham, die von einer neuen Ordnung erzwungen wird, werden einige Anarchist*innen es niemals zu Selbstemanzipation oder unabhängigem Denken als Zurückweisung der Autorität eines Gruppendenkens bringen. Viele Menschen bezeichnen sich trotz einer engstirnigen, liberalen Definition von Anti-Diskriminierung selbst als Anarchist*innen – einer Definition, die Anti-Diskriminierung auf die moralistischen, humanistischen Grenzen der zivilisierten Gesellschaft beschränkt. Es ist kein Zufall, dass die meiste anti-diskriminatorische Praxis einen staatlichen Apparat erfordert, um Gesetze durchzusetzen, die gleiche Rechte schaffen. Und während es an gleichen Rechten für alle Menschen im Kapitalismus nichts auszusetzen gibt, wird mit diesem Sieg die staatliche Reform statt des antiautoritären Angriffs gefeiert. Und an der Spitze dieser staatlichen Macht stehen die „Community-Anführer*innen“ oder diejenigen, die kein Interesse daran haben, Herrschaft zu kritisieren. Stattdessen haben sie ihre soziopolitischen Karrieren mit belanglosen Reformen im Namen „der Gemeinschaft“ gemacht und Radikale diffamiert – indem sie sie als Aufrührer*innen bezeichnen. Und hinter diesen Anführer*innen stehen „weiße“ anarchistische Allies, verwirrt und frustriert, die sich zwischen den Alternativen entscheiden müssen, ein*e Rassist*in genannt zu werden, weil sie die Scheiße in Brand stecken oder eine*n gute*n Ally genannt zu werden, weil sie den Arsch eines*einer „schwarzen“ Predigers*in küssen.

Was du oder ich als „taktisch“ oder nicht bezeichnen, ist nicht wirklich relevant. Dies ist weniger ein Krieg im herkömmlichen Sinne als ein Sturm – unkontrollierbar und chaotisch. Das ist eines der Probleme mit der linken Charakterisierung „der Bewegung“ als etwas Einheitliches, Monolithisches und ideologisch Konsistentes. Das ist sie nicht. Das wird sie nie sein. „Die Bewegung“ besteht aus einer Million Individuen mit ihren eigenen individuellen Ansichten, Meinungen und Handlungen und es hilft niemandem irgendetwas, wenn du jede*n verspottest, die*der die Dinge nicht genauso macht, wie du es gerne hättest. – Baba Yaga

Ein anderes Wort für „Schwarze*r Anführer*in“ [Black Leadership] ist Autoritarismus

Am Ende unserer Demo kommen wir am Dritten Revier an der Ecke East Lake St./Minnehaha Ave an. Organisator*innen von Black Lives Matter beginnen etwas über Forderungen, gemischt mit einigen Gebeten und dumpfen Anfeuerungsrufen in ihr Megafon zu heulen. Ich bemerke, wie sich jemand hinter mir langsam heranschleicht und anfängt mit seiner Faust gegen das Fenster zu schlagen. Weil sie fürchten, es könne zerbrechen, beginnen drei in der Nähe Stehende leise, ihn zu ermahnen: „Das ist nicht der richtige Ort dafür, bleib freidlich!“ Die Person antwortet leise, aber mit wütender Anspannung in seiner Stimme, „Das ist das verdammte Problem, Ihr Motherfucker wollt nie etwas tun, außer zu marschieren und Sprechchöre zu rufen.“ Entmutigt läuft er weg. „Ich bin deiner Meinung, wirklich“, sage ich zu ihm. „Das ist es, was läuft – Scheiß auf den anderen Scheiß,“ antwortet er und geht weg. Ungefähr eine Minute später verliere ich die Geduld, der BLM Rede übers Friedlichsein zuzuhören und entscheide, nach dieser Person zu suchen. Ich gehe um die Ecke zur Hinterseite der Polizeiwache und bemerke einen Aufruhr. Eine Gruppe von 5-7 „schwarzen“ Typen blockieren die hinteren Glastüren der Polizeiwache und diskutieren mit rund 20 „schwarzen“ und „braunen“ wütenden Jugendlichen – inklusive dem von vorhin. Unfähig meine eigene Frustration an mich zu halten, lasse ich mich ebenfalls auf eine Diskussion mit den Polizei-Verteidiger*innen ein. Schließlich, inmitten des Gebrülls beginnen einige „schwarze“ und „braune“ Jugendliche damit „fuck 12“ [4] neben die Blockade zu sprühen. Von der Menschenmenge hinter mir, die sich mittlerweile verdreifacht hat, ertönt Jubel. An den Türen bricht ein Gerangel los und dann zerschmettert ein einzelner Stein ein Fenster der Polizeiwache, gefolgt von einem Hagel aus Steinen, Gehwegplatten, Flaschen und allem anderen in Reichweite. Die Gruppe von 5-7 „schwarzen“ Pazifist*innen schreien vor Verzweiflung, um die Zerstörung zu stoppen, gehen sogar soweit, Menschen physisch festzuhalten, aber werden schließlich überwältigt. Sie versuchen die bereits geworfenen Steine aufzusammeln und finden sich dabei in zahlreichen physischen Konfrontationen wieder. Menschen von vor dem Gebäude rennen herbei und stimmen in den Vandalismus mit ein. Nachdem alle Fenster eingeworfen sind, bewegt sich die Meute auf den Parkplatz der Polizei zu und beginnt, die Polizeifahrzeuge zu zerstören. Ich schnappe gerade nach Luft, als ich eine Blendgranate explodieren höre. Die Polizei kommt aus einer anderen Tür gerannt und beginnt, Gummischrot und Tränengas zu verschießen. Die Meute wird versprengt, aber unter hysterischem Lachen der Freude und Erfüllung. Das Dritte Revier liegt in Trümmern – und ich ahnte nicht, dass das erst der Anfang sein sollte.

Am nächsten Tag tauchte eine größere Menge vorrangig „schwarzer“ und „brauner“ Jugendlicher auf und setzte den Krieg gegen das Dritte Revier fort. Bis zur Nacht wurde von den Menschen auf diesen Straßen ein Radius von drei Meilen von der Kontrolle der Polizei befreit. Das Dritte Revier wurde aufgebrochen und gestürmt. Die Polizei verließ das gesamte Areal. Ihre Wache wurde in Brand gesteckt und Polizeifahrzeuge wurden auf die Straße gefahren und abgefackelt. In ein Gebäude, das an den Parkplatz angrenzte, wurde eingebrochen und dieses wurde mit anderen Läden nebenan in Brand gesteckt. Die Menschen feierten ihren Sieg, indem sie ihre Waffen in die Luft abfeuerten. Fremde sangen und tanzten um ausgebrannte Polizeifahrzeuge, gaben sich im Vorbeilaufen High-Fives und teilten geplünderte Lebensmittel untereinander. Vor brennenden Gebäuden standen angeregt plaudernde Menschen, während andere Steine auf die Überreste von Ladenfenstern warfen, um Zielen zu üben.

Auch wenn das Ganze wie eine perfekte Utopie ausgesehen haben mag, so war es doch nicht von der Realität entkoppelt. Zwischen kleinen Fraktionen von Menschen brachen Kämpfe aus und lange währende persönliche Konflikte wurden in den nun Cop-freien Straßen geklärt. Ladeninhaber*innen schossen auf Plünderer*innen und töteten sie und Sozialwohnungen wurden niedergebrannt. Aber das ist der Unterschied zwischen den zuckerüberzogenen Lehrbuch-Ideologien der Politik und roher, unvermittelter Wut. Die Revolution folgte keinen Lehren von Mao oder religiösen Botschaften eines Gottes. Die Feuer, Plünderungen und Angriffe auf die Polizei brauchten keinen Marxismus, kein Transkript des kommenden Aufstands oder einen akademischen Kurs zur Geschichte des Anarchismus. Alles Benötigte war der chaotische Ausdruck von Wut gegen die Repräsentationsformen von Herrschaft.

Wie es zu erwarten war, gaben viele Menschen im Internet – darunter auch viele selbstbezeichnende Anarchist*innen – ihr Urteil zu der Situation ab – die meisten davon aus einer ideologischen Position, die Gleichförmigkeit einen Wert einräumt und „akzeptablen“ Formen der Revolte engstirnige Grenzen setzt. Meiner Erfahrung nach entwickeln sich Aufstände wie dieser am Besten, wenn sie nicht kontrolliert oder organisiert werden. Je mehr der Ausdruck der Wut kontrolliert und organisiert wird, desto weniger anarchistisch wird er – und wird schließlich befriedet, um einer bestimmten politischen Vision in den Sattel zu verhelfen. Für mich ist das nicht wünschenswert und außerdem unrealistisch. Zerstörung ist Zerstörung, Gewalt wird immer Gewalt sein und von einem Aufstand irgendetwas Geringeres zu erwarten ist bestenfalls naiv. Während einige am Rand sitzen und spezifische Taktiken und Formen des emotionalen Ausdrucks moralisieren, missachten sie die Realität, dass ein ausgewachsener Krieg keine inhärente Moral kennt. Geschäfte, die vernagelt und als „Schwarzen gehörend“ ausgewiesen wurden, wurden nicht durch irgendeine moralische Überlegung ausgespart; auch in sie wurde eingebrochen, sie wurden geplündert und anschließend niedergebrannt.

Außerdem hat die Polizei meiner Meinung nach umso weniger Möglichkeiten, sich den Protesten anzupassen und sie zu dominieren, desto unkontrollierbarer und unverwaltbarer ein Aufstand bleibt. Die Polizei hatte nicht die geringste Kontrolle über hunderte Individuen, die so chaotisch rebellierten, dass sie sie überwältigten und in die Flucht schlugen.

Während der nächsten Tage fanden Angriffe gegen das 5. Polizeirevier statt, während Liberale, Pazifist*innen und Identitätspolitiker*innen sich still zurückzogen, um sich für ihre Unfähigkeit, den ersten Riot zu kontrollieren, zu rächen. Das Internet wurde zu ihrem Ausgangspunkt für eine der schlimmsten Lügenkampagnen und Panikmache, die ich je gesehen habe.

Als die Siege brennender Bullenwägen und Polizeiwachen online kursierten, traten Liberale von überall aus den Staaten auf die Bühne, in einem verzweifelten autoritären Versuch, ihre ideologische Moral und ihr politisches Programm durchzusetzen. Sie verbreiteten ein Narrativ, in dem jede*r, die*der an den Sabotageakten teilnimmt, als „Nazi“ [white supremacist] oder „Undercover Bulle“ gebrandmarkt wurde, die*der den Aufstand „infiltrieren“ würde.

Bei einigen dieser Liberalen handelt es sich um die gleichen „schwarzen“ Personen, die gescheitert waren, „schwarze“ und „braune“ Rebell*innen an Plünderungen und der Zerstörung von Eigentum zu hindern. Sie waren daran gescheitert, alle „weißen“ Menschen davon zu überzeugen, die Riots zu verlassen (weil sogar einige „weiße“ Menschen wussten, dass nicht alle „schwarzen“ und „braunen“ Menschen ein Problem mit ihrer Anwesenheit hätten, sondern sie als Kompliz*innen schätzten). Und in dem Versuch, kapitalistische, reformistische Werte zu wahren, strebten Liberale aller Hautfarben danach, die Plünderungen und den Vandalismus zu stoppen, indem sie die sozialen Medien mit offensichtlich falschen Informationen fluteten. Diese falschen Informationen sind gespickt mit Schlagwörtern wie „Agent Provocateur“ und „Nazis“, um die Leser*innen emotional dazu zu bringen innerhalb einer falschen Dichotomie Seite zu beziehen. Und diejenigen, die nicht physisch auf den Straßen sind oder zusammen mit der Polizei die Rebellen bekämpfen, sind die Zielgruppe dieser beschränkten, ungenauen Darstellungen der Realität.

Unterschiedliche ideologische Motive führen zu unterschiedlichen Interpretationen der Ereignisse. Und da Liberale und Pazifist*innen dazu tendieren, die sozialen Medien zu dominieren, während andere auf den Straßen beschäftigt sind, haben sie [dort] einen Vorteil. Da Liberale alle Personen of Color moralisch als gehorsame und aufopferungsvolle Held*innen framen, haben die meisten Menschen Schwierigkeiten, sich klarzumachen, dass Personen of Color verantwortlich für die Zerstörung von Eigentum und die Teilnahme an gewaltsamen Formen des Protests sind. Das spielt ebenfalls mit, wenn „weiße“ Personen für als moralisch verwerflich betrachtete Formen der Revolte verantwortlich gemacht werden. Riots/Aufstände sind niemals vollkommen utopisch und angenehm. Sie sind die gefährlichen Elemente der Befreiung, die auftreten, wenn alle anderen Möglichkeiten gescheitert sind. Egal ob Menschen Angst vor Gewalt haben oder nicht, wird das nichts an der Tatsache ändern, dass die Polizei tötet und auch weiterhin töten wird, solange das Konzept der Vollstreckung von Gesetzen existiert. Meiner Meinung nach gibt es keine „Verbesserung“ der Polizei und es gibt keine „Gerechtigkeit“, wenn sich jemand bereits sechs Fuß tief unter der Erde befindet.

Und Polizist*innen sind nicht alle „weiß“. Auch „schwarze“ Cops töten „schwarze“ Menschen.

Das Schlimmste an der Online-Deutung der Ereignisse ist, dass die Menschen, die diese Falschinformationen verbreiten, der Online-Welt nicht auch die Freude, das Lächeln, das Singen und Tanzen der Rebell*innen diverser Hautfarbe vermittelten, als diese die Zerstörung des 3. Polizeireviers feierten.

Scheiße, stell dir vor du wärst eine Person of Color, die ihr Leben lang von der Polizei schikaniert wird und dann kommt der Tag und die Nacht, in der du tatsächlich eine Polizeiwache brennen siehst und die Polizei sich vollkommen aus diesem Gebiet zurückzieht. All das wird aus der Geschichte getilgt, wenn Liberale das einer Gruppe von Menschen – Rassist*innen – zuschreiben, die gar nicht Teil dieser Kämpfe waren.

Bis heute, verbreiten noch immer Menschen diese Verschwörungstheorien im Internet, etwa das berühmte „Ziegelstein-Köder“-Video, in dem Cops (hinter ihrem eigenen Gebäude, nicht in einer Allee, wie ursprünglich behauptet) Ziegelsteine entladen. Auch wenn ich nicht mit absoluter Sicherheit sagen kann, dass gar keine Nazis anwesend waren (ich meine, ich konnte einige in Pickups vorüberfahren sehen, die white power-Scheiße riefen und auch einen „braunen“ Typen, der in einem Truck vorüberfuhr und Pro-Polizei-Slogans rief und eine Konföderierten-Flagge schwenkte), aber ich habe sicherlich keine von ihnen während der Kämpfe gesehen. Ich habe „schwarze“ Menschen einander unterhaken sehen, um die Riot-Polizei zu beschützen, ich habe weiße Allies gesehen, die andere „weiße“ Menschen der Polizei übergaben, im Namen der Unterstützung „Schwarzer“, und schließlich wie die Polizei die Kontrolle zurückgewann und diese befriedenden Bemühungen nutzte, um friedliche Protestierende niederzuknüppeln.

Ungezähmte Delinquenz

Meiner Meinung nach offenbaren die letzten Monate die Schwächen der Zivilisation ziemlich offensichtlich. Als panische Reaktion auf soziale Spannungen und spontane Ausbrüche illegaler Aktivitäten hat die Kontrolle der Regierung zugenommen. Covid-19 durchbrach die Ordnung der täglichen Produktivität und der zivilisierten Sklaverei und verschaffte den Menschen mehr Zeit, um über ihre Leben nachzudenken und den Wert ihrer freien Zeit außerhalb der Arbeit schätzen zu lernen. Die Aufstände in Reaktion auf die Ermordung George Floyds offenbarten die Schwächen der polizeilichen Macht und Kontrolle – selbst in ihrem Hoheitsgebiet. An diesem Punkt habe ich keine Vorstellung, was als Nächstes kommt.

Ich gebe zu, es faszinierend zu finden, nichtmenschliche Lebewesen und die Natur inmitten der industriellen Verzweiflung gedeihen zu sehen. Klarere Himmel, verschiedene Tiere auf den Straßen, Überschwemmungen, die die Grundmauern dieser Betonwüste lockern. Ich kann nicht umhin, beides, die Pandemie und diese andauernden Brüche mit der Autorität  besser als eine Rückkehr zur Normalität zu empfinden, einer Normalität, in der der Tod durch die industrielle Zivilisation und den Staat ebenso Routine ist wie in einem Schlachthaus.

Ich frage mich, welche Art von Unterhaltungen die Menschen miteinander oder mit sich selbst während dieser erblühenden Destabilisierung der domestizierten Ordnung führen. Werden mehr und mehr Menschen diese Gelegenheit ergreifen, um ihrem Ärger und ihrer Frustration durch zufällige Akte der Gewalt und Sabotage gegeneinander Luft zu machen? Gegen die Vollstreckung der Gesetze? Gegen die Institutionen, die aufgrund der finanziellen Einbußen geschwächt sind und nun anfälliger sind als jemals zuvor? Ich kann nur hoffen, dass die Aufstände in irgendeiner Form weitergehen – offen oder im Untergrund, was für mich persönlich wünschenswerter wäre.

Werden die Menschen auf die Rückkehr der alltäglichen Misere der Monotomie hoffen oder werden sie die Tiefen permanenter Unsicherheit erforschen? Zur Arbeit zurückkehren oder zur Ungezähmtheit? Ich vermute nur die Zeit wird darüber Aufschluss geben.

Aber hier kann ich nur für mich selbst sprechen. Meine Anarchie ist die meine, ebenso wie es meine Gedanken und Worte in diesem Text sind. Ich schreibe nicht, um irgendeinen Club von Internet-Anarchist*innen zu beeindrucken, die mit intellektuellen Texten jonglieren, um in Selbstlob zu verfallen. Ich mache mein Tagebuch öffentlich in dem antagonistischen Versuch, das Opfer- und anti-individualistische Narrativ des Linksradikalismus, das den gegenwärtigen Anarchismus dominiert, zu verhöhnen.

Ich sehne mich nicht nach einer Rückkehr zur Normalität und der alltäglichen Misere industrieller Produktion. Ich habe kein Verlangen danach, lächerliche „Siege“, wie das zur Verantwortungziehen der Polizei, Entlassungen oder Gefängnisstrafen zu feiern, die nur von der Wiedererrichtung ihres zerstörten Reviers oder möglicherweise eines ebenso autoritären „community-basierten“ Ersatzes gefolgt sein werden. Ich sehne mich nach nichts anderem als nach der totalen Abschaffung von jeder Regierung und Normierung. Und vermutlich werden diejenigen, die irgendeine Form elitistischer Macht besitzen mich unbequem finden und eine Diffamierungskampagne gegen mich starten, um meine Schriften und mich aus ihrer Bewegung zu verbannen. Aber sie haben keine Ahnung, dass die Tage und Nächte zwischen weiten Feldern und den Sternen und zwischen Baumwipfeln und dem Boden das Terrain meines Abenteuers ist!  Und damit einher geht eine Wonne, die Anarchie als eine pulsierende Lebenserfahrung ausmacht, anstatt einem Maß von digitalem Sozialkapital oder einer eingefrorenen Theorie aus einem akademischen Journal.

Das Internet hat eine Kultur geschaffen, die verzweifelt nach sozialer Kontinuität und digitaler Bestätigung sucht. Es ist die Brutstätte für „neue“ Konzepte des Anarchismus, die nichts weiter sind als kommunistische Leichen mit Hipster-Ästhetik. Antizivilisatorische Anarchie durchsetzt vom Linksradikalismus zeigt nun die Ausdehnung ihrer Macht durch endlose Twitter-Debatten über „Ökofaschismus“. Twitter – ein Ort wo die Wiederaneignung des eigenen Lebens und Körpers durch die Jünger*innen der Privilegien-Politik beschämt wird – ist ein Friedhof an Stimmen, die ihren eigenen Tod-durch-Internet verherrlichen.

Mein Animalismus strebt nicht danach, das Aussehen und die Verhaltensweisen existenter Tiere zu adaptieren. Stattdessen ist er die Silhouette einer illegalistischen, ungezähmten Bedrohung, die um die brennenden Gefängnisse der Domestizierung tanzt. Meine Ablehnung der Opferrolle ist eine Absage sowohl an die Mitleidspolitik moralitätsbasierter Organisierung, als auch an das Heiligtum der Unschuld. Meine Anarchie ist ein Nekrolog auf die Identitätspolitik. Sie ist ein persönlicher Aufstand ohne Zukunft, ein Traum ohne die Anästhesie der Hoffnung, ein Ausdruck der Wonne mit der Lebensdauer einer explodierenden Bombe.

Dieser Text ist all den Rebell*innen gewidmet, deren einzige Interaktion mit Autorität in Feuer und Zerstörung besteht … Ich bin für immer von eurem mutigen Zorn jenseits rassifizierter und vergeschlechtlichter Grenzen inspiriert … Gewidmet der Jugend, die am 26. Mai Geschichte schrieb, den Rebell*innen, die umkamen und denen, die derzeit für ihre Beteiligung an diesem Krieg gegen den Staat gefangen gehalten werden. RIP George Floyd

 

Übersetzung des englischen Originaltextes „An Obituary for Identity Politics“ von Flower Bomb, erschienen beim Warzone Distro.

Anmerkungen

[1] Ein demokratisch-sozialistischer US-Politiker, der wiederholt als Präsidentschaftskandidat antrat und dabei Unterstützung von vielen (radikalen) Linken der USA bekam (Anm. d. Übers.).

[2] Eine parasitäre Pilzgattung (Anm. d. Übers.).

[3] Nun, ich denke wenn dem so wäre, so wäre der Anarchismus ja auch irgendwie selbst schuld, wenn er sich von irgendetwas oder irgendwem „führen“ lässt. Aber vielleicht ist es – bei allem Verständnis für Polemik – auch ein wenig über die Strenge geschlagen, Anarchist*innen (in den USA und sonstwo) so sehr über einen Kamm zu scheren (Anm. d. Übers.).

[4] „Fuck 12“ bedeutet soviel wie „Fuck the Police“ [Fick die Polizei]. Die 12 bezieht sich dabei meines Wissens nach ursprünglich auf die Cop-interne – moglicherweise lokale – Einheitsnummerierung für das Drogendezernat (12). Die Bezeichnung wird allerdings allgemein für alle Bullen verwendet (Anm. d. Übers.).

Der Aufstand in Minneapolis und die Zerstörung des 3. Polizeireviers

Einige Auszüge aus einem Interview zu den Ereignissen in Minneapolis:

„(…) Die Community der Twin Cities hat in den letzten paar Jahre schon mehrere Beachtung findende Polizeimorde an Individuen gesehen. 2015 wurde Jamar Clard von der Polizei ermordet während er am Boden lag, Hinrichtungsstil, mit Pistole, auf kurze Distanz, nur ein Block vom 4. Polizeirevier von Minneapolis entfernt. Während den Protesten welche folgten gab es eine mehrwöchige Belagerung des 4. Reviers welche in Molliangriffen auf die Polizeistation kulminierte, ebenso gab es andere Scharmützel zwischen Protestierenden und Polizei. Während jener Zeit tauchten weisse Rassisten [white supremancists] auf und schossen auf mehrere Black Lives Matter Aktivisten.

Dann erschossen die Bullen 2016 in den Twin Cities [Minneapolis & St. Paul] Philando Castile während einer Verkehrskontrolle, bei der er auf dem Mitfahrersitz eines Autos mit seiner Partnerin und Kind sass, welche seine letzten Momente live auf Facebook streamte während er ausblutete. Während den Protesten welche auf den Mord an Philando Castile folgten wurden Autobahnen von Protestierenden blockiert und eskalierte Taktiken, einschliesslich des Feuerns von Mörserfeuerwerken in Polizeilinien, angewandt.

Dieses öffentliche Lynchen durch die Polizei, zusammen mit tausenden mehr in den letzten Jahren in den Vereinigten Staaten, sind nur ein kleiner Teil eines viel grösseren historischen Kontexts, von dem, was zum Aufstand über das polizeiliche Lynchen von George Floyd führte. Wenn der gegenwärtige Aufstand in den Vereinigten Staaten darin scheitert eine reale und unmittelbare substantielle Veränderung zu schaffen, dann wird der Konflikt, den man in diesem Land in den letzten Wochen gesehen hat rasch zu eskalieren fortfahren und möglicherweise in einen ausgewachsenen Bürgerkrieg auslaufen.

Farbige Menschen stehen auf und konfrontieren ihre Unterdrücker, teilweise aufgrund der Tatsache, dass es eine hohe statistische Wahrscheinlichkeit gibt, dass sie von der Polizei ermordet werden, egal ob sie zurückschlagen oder nicht. Einfach ausgedrückt: es gibt für die Leute keine Angst zurückzuschlagen weil es keine Hoffnung und keine Zukunft gibt es anders zu tun.

(…)

Am Tag nachdem George Floyd von der Polizei ermordet wurde, begaben sich die Protestierenden der Community zum Polizeirevier im 3. Bezirk, all die Wut und Hoffnungslosigkeit vom Kampf gegen vergangene Polizeimorde im Gepäck. Die Protestierenden zertrümmerten Polizeiautos während die Bullen sich, blast ball Granaten [Eine Art Blendschockgranaten mit Tränengas kombiniert] werfend und mit weniger-tödlicher Munition schiessend vor der schnell vorstossenden Menge zurückzogen.

Am nächsten Tag versammelten sich Protestierende einmal mehr ausserhalb des 3. Reviers, errichteten Barrikaden in den Strassen und schmissen Steine auf die Fenster der Polizeistation. Schwerbewaffnete Bullen mit Riot-Helmen, Schlagstöcken, Pistolen und grossen Gewehren standen vor dem Hauteingang zur Station. Taktische Einheiten standen auf einer hohen Ebene entlang des Daches der Wache und schossen auf die Protestierenden mit „weniger-tödlicher“ 40mm Markierungsgeschossen [marker rounds], Granaten und Tränengas.

Die Situation spielte sich ab wie eine revolutionäre Kriegswiedereinsetzung, in welcher die Polizei Salven von Projektilen in die Gesichter und Genitalien der Protestierenden feuerte, aber ohne dass die Protestierenden Salven zurückfeuerten. Es begannen Protestierende zu Boden zu gehen, schreiend, da ihre Augen zerstört wurden, und Luftröhren kollabierten durch den Hochgeschwindigkeitseinschlag von den 40mm Markierungsgeschossen.

Ärzte und andere Freiwillige trugen die Verwundeten zu nahestehenden Fahrzeugen, welche schnell ins Spital fuhren, während andere damit begannen, naheliegende Läden zu plündern und Gebäude anzuzünden. Dies verringerte die Stärke der Polizeikräfte die das 3. Revier verteidigten, insofern als diese schnell verschiedene Rioteinheiten abziehen mussten um die Feuerwehr zu den Feuern in der Stadt zu eskortieren.

Bei Einbruch der Dunkelheit hatte die Polizei komplett die Kontrolle über die Stadt verloren und die Protestierenden besetzten verschiedene Blocks rund um das 3. Revier. Mit dem folgenden Tag hatte sich die Nachricht in den Twin Cities verbreitet, dass die Polizei nicht fähig war das Chaos und das Plündern zu stoppen, welches um den Mittag rum in St. Paul bei hellem Tageslicht begonnen hatte. Bullen von verschiedenen Zuständigkeitsbereichen befanden sich einer viel grösseren Menge von Protestierenden und umherziehenden Gruppen von mit Brecheisen und anderem Brechwerkzeugen bewaffneten Plünderern gegenüber. Während Blocks von Geschäften in St. Paul in Flammen aufgingen, begaben sich Protestierende an diesem Abend wieder zum 3. Revier hin. Verschiedene grosse Strukturen im Gebiet rund um das 3. Revier, welche der vorangegangenen Nacht zu Asche reduziert wurden, qualmten noch immer.

Derweil suchten Protestierende welche Gasmasken und Helme trugen Steine und Sperrholz zusammen um den eskalierten Kampf gegen die Polizei vorzubereiten. Polizisten auf dem Hausdach setzten ihre Strategie, auf die Protestierenden hinunterzufeuern, fort. Inzwischen wussten die Protestierenden welche Taktiken und Munition von der Polizei zu erwarten war und spürten auch eine extreme Hoffnungslosigkeit, hatten sie doch den Tag zuvor ihre Freunde schreckliche Verletzungen erleiden sehen. Einige Protestierende brachten kugelsichere Kevlar-Anzüge, Molotov Cocktails, Steinschleudern, Motorsägen, Paintballausrüstung, Pistolen, und sogar Sturmgewehre. Es war klar, dass diese Nacht anders als jede andere Nacht sein würde und dass, auf die eine oder andere Art, die Community die Polizeistation runterbrennen würde.

Als die Strassenschlacht in Grösse und Intensität wuchs, erkannten die Bullen bald, dass ihre Leben in höchster Gefahr waren.

Tausende von Protestierenden stiessen mit Schildwällen durch die Wolken von Tränengas vor, zerdepperten Fenster auf Bodenhöhe, während Protestierende von hinten den Vorstoss mit dem feuern von Mörserfeuerwerk gegen die Polizei, welche mit „weniger-tödlichen“ Gewehren vom Dach schoss, deckten. Ein Polizist auf dem Fach schien direkt vom Mörserfeuerwerk getroffen zu sein, was ihn eine Granate fallen liess, welche adrupt in seinem Gesicht explodierte. Die Bullen auf dem Dach zogen sich schnell ins Gebäude zurück, während eine andere Gruppe versuchte den Vorstoss der Protestierenden ausserhalb des Gebäudes zu flankieren.

Als die Sonne unterging waren die Feuer in der Stadt Berichten zufolge von 30 Meilen entfernt zu sehen, im nahegelegenen Staat von Wisconsin. Als die Dunkelheit einsetzte begann die Polizei das 3. Revier zu evakuieren. Die Menge stiess zur Polizeibarrikade vor, warf Steine nach den Bullen und riss Zäune nieder während dutzende Polizisten um ihr Leben rannten, raus auf der Hinterseite des 3. Reviers. Ein Konvoi von panischen Polizisten fuhr ihre Einheitswagen durch deren eigenes geschlossenes Einganstor, während hinten ein gepanzertes BearCat-Gefährt 40mm Markierungsgeschosse in die rapide vorrückende Protestmenge schoss, so fuhren sie hinaus in die Nacht. Mündungsfeuer konnten in die Nacht blitzend gesehen werden, da Tausende Protestierende jubelten und durch das Abfeuern von Magazinen und Feuerwerk feierten.

Protestierende begannen schnell durch verschiedene Eingänge zugleich in die Wache einzubrechen, einige vorne und einige hinten. Man sah Protestierende Überwachungskameras zertrümmern, während andere Molotov Cocktails in die Fenster des zweiten Stocks schmissen. Die Leute arbeiteten zusammen um die Türen zur Wache aufzubrechen, behelfsmässige Rammböcke benutzend, während andere Äxte, Vorschlaghämmer, Schrotflinten und Handkreissägen benutzten. Nach einem ziemlichen Aufwand schwangen die Türen auf und die Protestierenden stürmten in das 3. Revier. Bewaffnete Protestierende welche Pistolen und Sturmgewehre trugen bewegten sich mit der Menge vor. Feuer und Schatten konnten in den Fenstern gesehen werden als einige Protestierende draussen mit neuerworbenen Polizeiuniformen, Riothelemn, Kevlarwesten und Polizeiknüppeln paradierten. Die komplette Wache wurde umgehend zertrümmert und geplündert während eine andere Gruppe von Individuen IED’s [improvised explosive devices; dt.: Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtung; USBV] reintrug, aus Propangasbehältern gemacht, um das Gebäude zu sprengen. Am Ende der Belagerung war die komplette Front des 3. Reviers in Flammen gehüllt, mit Protestierenden die in den Strassen von Süd-Minneapolis feierten. Diese Nacht rief der Gouverneur von Minnesota die Armee der National Garde um die Kontrolle über sowohl St. Paul als auch Minneapolis zurückzuerlangen.

Die folgenden Tagen waren voll mit schnellst eskalierenden Konflikten zwischen der Community, Polizei und Armee, welche auch damit begann Sturmgewehre mit scharfer Munition zu tragen. Mehr Gebäude gingen in Minneapolis in Flammen auf.

Die meisten der abgefackelten Geschäfte waren jene, welche die Armen und Farbigen für Jahrzehnte ausgesaugt hatten, wie etwa Zahltagskreditvergeber [pay-day loans; etwas wie „Minikredit“] und Banken.

Gruppen von Plünderern konnte man dabei beobachten, wie sie elektrische Sägen an Geldautomaten benutzten während andere mit Pistolen dabeistanden und ihre Räubereien beschützten. Während jedem nächtlichen Scharmützel beamten Laser zwischen Protestierenden und Heckenschützen der Polizei hin und her, während militärische UH-60 Black Hawk Helikopter und Raubtierdrohnen [so wird das Drohnenmodell „General Atomics MQ-1″ genannt] über der Stadt kreisten.

Nach Tagen der Unruhe begann die Community sich neu zu versammeln und am Ort an dem George Floyd ermordert wurde eine friedliche Besetzung zu formen. Dort kann man Mitglieder der Community sehen wie sie Dosenfrass verteilen, ein Barbeque grillen und Pläne diskutieren die Polizeibehörde abzuschaffen.

(…)

In Minneapolis kommen jetzt die Arbeiterklasse-Leute aller Farben in den Strassen zusammen und benutzen verschieden Formen der direkten Aktion um Druck auf jene an der Macht auszuüben, die Polizeibehörde abzuschaffen. Nach den ersten paar Tagen des intensiven urbanen Konflikts in den Twin Cities kommt die Community jetzt zusammen um die Grundbedürfnisse ihrer Nachbarn zu unterstützen. Die Gegend im Süden von Minneapolis, wo George Floyd ermordet wurde, ist jetzt von der Community blockiert und besetzt, dort werden verschiedene Dienstleistungen für umsonst für die Bedürftigten angeboten, so wie Essen und medizinische Versorgung. Polizeipatrouillen haben in vielen Teilen der Twin Cities drastisch abgenommen seit der Aufstand begann. Während die Belagerung des 3. Reviers darin erfolgreich war, die Polizei dazu zu bringen, die Community zu verlassen, ist die befriedigendste Errungenschaft wie die Community zusammenkommt um alternativen zu den unterdrückerischen Polizierungsmethoden zu finden, welche sie so lange geplagt haben.“

Aus: ‘Something has changed in the power dynamic’; https://anarchistnews.org/content/%E2%80%98something-has-changed-power-dynamic%E2%80%99

Lang lebe die Revolte!

1. Juni 2020

Nach einer weiteren Nacht der Revolte in den Straßen der Vereinigten Staaten aufgrund der Ermordung von George Floyd kündigt Präsident Trump aus seinem Bunker im Weißen Haus heraus an, dass er „die Antifa“ als terroristische Organisation deklarieren werde. Diese Schuldzuweisung versucht, eine spontane und vielschichtige Bewegung (ohne Großbuchstaben (A.d.Ü., sprich keine politische Bewegung)) in einer Organisation zu verorten und ihr nicht nur eine Ideologie, sondern auch eine hierarchische Funktionsweise, die in die staatliche Logik hineinpasst, zuzuordnen.

Wieder einmal wird Terrorismus als Alibi für die Kriminalisierung breiter Sektionen im Kampf benutzt, der wiederum über „Antifaschismus“ völlig hinausgeht. Aber über das Anprangern dieses Vorgehens und den Kampf gegen den repressiven Vormarsch, den dieses bedeutet, hinaus, ist es notwendig, die Polarisierung zurückzuweisen, von der versucht wird sie im Herzen des Kampfes zu etablieren.

Die von Covid-19 auferlegte falsche Wahl zwischen Wirtschaft und Leben führte zum Wiederaufleben der klassischen bürgerlichen Polarisierung zwischen Wirtschaftsliberalismus und Staatsinterventionismus. Letztere wiederum ist je nach Region unterschiedlich kodifiziert worden. Im Allgemeinen als Fortschrittlichkeit versus die Rechte, und es geht sogar so weit, von Faschismus zu sprechen, wie in Brasilien und den Vereinigten Staaten. Wir sehen keinen Zufall darin, an den Antifaschismus zu appellieren, um eine Revolte zu kanalisieren, die sie nicht kontrollieren können.

Der in den Vereinigten Staaten und Europa verbreitete Straßenantifaschismus (die Antifa) vom Schlägertyp, der den Neonazi-Banden gegenübersteht, ist zwar nicht der staatsfixierte und militärische Antifaschismus (der „Guten“) der 1930er Jahre, aber er ist ihr Erbe. Die siegreichen Verteidiger des offiziellen Antifaschismus ermordeten im Zweiten Weltkrieg massenhaft Arbeiter*innen und vergewaltigten massenhaft Frauen. Und sie gehörten direkt zu den siegreichen Regierungen, die im Namen des Kampfes gegen den Faschismus so viele Länder einem demokratischen kapitalistischen Regime unterworfen haben, in dem man nicht mehr protestieren muss, weil wir angeblich frei sind und schlechter dran wären, wenn die anderen gewonnen hätten.

Faschismus und Demokratie waren schon immer komplementäre politische Systeme, die den Interessen der Reichen dienten. Wenn die Demokratie nicht in der Lage ist, die Kämpfe der Ausgebeuteten und Unterdrückten einzudämmen oder diese einfach nur in Schach zu halten, greift das Kapital auf brutalere Formen zurück [1]. Heute sind diese Methoden, die angeblich den Faschisten vorbehalten sein sollen, Teil jeder Regierung, die sich für frei und antifaschistisch erklärt, die wiederum offen totalitär sind: Morde wie der an George Floyd oder die Millionen von Toten durch die Polizei in jedem Land, Sklavenarbeit als notwendige Ergänzung des Arbeitsmarktes und Disziplin in Schulen, Gefängnissen und Irrenhäusern. Doch kein Präsident bezeichnet sich selbst als Faschist, ganz im Gegenteil!

Jetzt, da die Demokratie zu einer totalitären Kontrolle des Soziallebens geworden ist, hat der Faschismus als Herrschaftssystem seine Bedeutung verloren. Offensichtlich gibt es immer noch Nazis und Faschisten, aber sie sind nicht diejenigen, die die Fäden in der Hand halten, sie sind ein Problem der Straße und müssen jeden Tag auf der Straße bekämpft werden. Doch Antifaschismus als politische Option ist eine Farce. Heute wie gestern dient sie nur dazu, die Unterdrückten und die Unterdrücker, die Ausbeuter und die Ausgebeuteten, die Herrscher und die Beherrschten zu vereinen. Im Namen des Antifaschismus sind wir aufgerufen, uns den Völkermördern von heute anzuschließen: den fortschrittlichen oder linken Machthabern eines jeden Landes, die ebenfalls Blut an ihren Händen haben. Oder den Erben des Stalinismus und des völkermörderischen Maoismus.

Das Problem ist nicht die Rechte oder die Linke. Es ist Kapitalismus, es ist Demokratie. Man muss sich nicht der antifaschistischen Front anschließen, um die Faschisten zu bekämpfen. Was uns eint, ist das gemeinsame Handeln überall gegen das, was uns ausbeutet und unterdrückt, gegen die Wurzel des Problems: Privateigentum, Geld und den Staat.

In den Straßen der USA mischen sich schwarze Proletarier mit Weißen und Latinos. In weniger als einer Woche haben sie den bedrückenden alltägliche Normalität in Frage gestellt. Dies einer einzigen Bewegung zuschreiben zu wollen, wie Trump und sein Gefolge es tun, oder wie seine Opposition durch diese Erklärungen einen Punkt machen zu wollen, drückt aus, wie gleich diese beiden gegnerischen Fraktionen in ihrer politischen Mentalität sind, die sich nur darin uneinig sind, wie sie diese kaufmännische Welt verwalten wollen.

Weder Trump noch die Henker von irgendwo anders auf der Welt sollten die Ziele und die Entwicklungen unserer Kämpfe bestimmen!

Der Staat ist der wahre Terrorist!

Gefunden auf Panfletos Subversivos, von panopticon übersetzt, hier in einer überarbeiteten Fassung

Anmerkung der (zweiten) Übersetzung

[1] Ich stimme dieser Analyse nicht zu. Der deutsche Faschismus (über die Ausprägungen des Faschismus in anderen Ländern weiß ich zu wenig, deshalb spreche ich hier nur vom Nationalsozialismus) basierte auf einer Ideologie, die sich unter anderem auf sehr selektive Art und Weise den „Kampf gegen das Kapital“ – nur einer bestimmten Form des Kapitals natürlich, nämlich des „jüdischen Kapitals“ – auf die Fahnen geschrieben hatte. So wurden jüdische Unternehmen und Unternehmer*innen enteignet und angeblich „arischen“ Strukturen und Personen zugeführt. Faschismus als eine radikale Ausprägung des Kapitalismus zu betrachten anstatt zuerst seine herrschaftliche Ideologie zu untersuchen und dann den Einfluss des Kapitalismus darin zu untersuchen, scheint mir als würde man versuchen das Pferd von hinten aufzuzäumen und scheint mir der marxistischen Ideologie zu entspringen, die weder eine radikale Staats- noch Herrschaftskritik zu üben vermag, sondern ausschließlich im Kapitalismus den Grund allen Übels zu entdecken meint.