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Gegen seine Geschichte, Gegen Leviathan – Kapitel 4

Das Buch am Ursprung der heutigen zivilisierenden Religionen beginnt nicht mit Zivilisations-Erbauer*innen, etwa mit den Sumerern, die den ersten Leviathan zum Leben erweckten. Sein erstes Kapitel erzählt von einem irdischen Garten, Eden, einem Ort, der an den Naturzustand erinnert. Sein zweites Kapitel erzählt von dem Auszug von Menschen aus den Eingeweiden eines großen Leviathans. Das Buch beschreibt dann unkritisch den Versuch dieser Menschen, selbst einen Leviathan zum Leben zu erwecken, aber das Buch fährt fort, von schmerzhaften und oft unerträglichen Gefangenschaften in den Eingeweiden anderer Würmer zu erzählen. Der allgemeine Eindruck, den es vermittelt, ist, dass die Wunder der Zivilisation keine positiven, das Leben steigernden Wunder sind.

Auszüge aus Zivilisationen sind so zahlreich und häufig, dass die lebensverzehrenden Würmer in einem ständigen Zustand des Zerfalls zu sein scheinen.

Der Exodus Israels aus Ägypten ist kein großer Auszug, aber er ist ein gut dokumentierter, so dass wir Einblicke in einige der Handlungen und sogar einige der Gedanken der Teilnehmer*innen gewinnen können.

Die Subjekte des Exodus sind Zeks in Ägypten, aber sie scheinen relativ privilegierte Zeks zu sein. Sie sind vorschriftlich. Sie sind keine Menschen mit einer einheitlichen Denkweise, wie sie später in der Geschichte enthüllen werden und wenn sie nicht sogar aus einem einzigen Stamm stammen, werden sie durch ihre späteren gemeinsamen Erfahrungen zu einem zusammengeschweißt werden.

Sie sind nicht sehr lange in Ägypten gewesen, bloß ein paar Generationen, sodass sie sich daran erinnern, dass es eine Welt außerhalb Ägyptens gibt. Ihr Bezug zum irdischen Garten mag sogar eine Erinnerung an eine Welt außerhalb von Leviathan sein. Turner wird vorschlagen, dass der einzige Garten, an den sie sich erinnern, der mesopotamische Garten des Lugals und seiner akkadischen Nachfolger sei.

Das mag auf einige von ihnen tatsächlich zutreffen, aber ich haben den Verdacht, dass einige von ihnen etwas anderes im Kopf haben.

Vierzig Generationen nach ihrem Exodus aus Ägypten werden die Schriftgelehrten dieser Menschen ihr Buch schreiben; in ihm werden sie akkurat von politischen und militärischen Ereignissen erzählen, wie sie auf Tafeln und Schriftrollen beschrieben sind, die modernen Forscher*innen zugänglich sind, den Schriftgelehrten jedoch nicht zugänglich waren. Die Erinnerungen der vorschriftlichen Menschen sind lang. Menschen, die sich der Taten von Pharaos, Hethitern und Assyrern erinnern, können sich auch daran erinnern, dass ihre eigenen Vorfahren einst in Gemeinschaften freier Menschen lebten, egal ob im Jemen oder in Äthiopien, und dass diese Vorfahren mit Tieren, mit der Erde, mit dem Geist des Himmels und dem Geist des Apfelbaumes kommunizierten.

Ich habe den Verdacht, dass sie sich erinnern und Eden nennen, woran sich andere als das Goldene Zeitalter erinnern. Und wenn wenn sie sich in Ägypten unwohl fühlen, muss die Erinnerung, dass es ein Außerhalb gibt, sogar ein angenehmes, idyllisches Außerhalb, in ihnen ein Verlangen wecken, die größte und wohlhabendste aller antiken Zivilisationen zu verlassen.

Ungeachtet ihrer Nostalgie für das, was Morgan und Engels eine primitivere Stufe des Seins nennen werden, eine Stufe, die keine Produktionsweise war, sind sich diese relativ privilegierten Zeks des materiellen und sozialen Zustands ihres Zeitalters sehr wohl bewusst. Sie wissen, dass der ägyptische Leviathan nur ein Monolith unter anderen ist und sie scheinen eine ganze Menge über die anderen zu wissen. Das ist nicht überraschend, da sie sich an jüngere Vorfahren lebhafter erinnern, als sie sich an Edens Adam erinnern, und zumindest einer dieser jüngeren Vorfahren, ein Mann namens Abraham, stammte aus Haran, einer genau an der Kreuzung zwischen den größten Leviathanen der Welt gelegenen Stadt. Selbst wenn dieser Abraham nicht neben dem Palast des Regierungsoberhauptes oder dem Tempel, sondern in einem Außenbezirk lebte, war er sicherlich vertraut mit der inneren Stadt und ihren Gärten und möglicherweise sogar mit den Gärten anderer Städte.

Abraham muss sogar noch vertrauter mit den Händlern und Soldaten der großen Leviathane gewesen sein, da Haran entlang der Straße gelegen war, die von assyrischen Handelsreisenden genutzt wurde, die nach überraschenden Gewinnen in Anatolien suchten und der friedliche Handel der Händler am Tage führte beinahe unvermeidbar zu Zusammenstößen ungehobelter Armeen in der Nacht, die Harans Außenbezirke in eine sich verdunkelnde Ebene verwandelten.

Abrahams Sippe wurde sicherlich in die verwirrten Rufe zum Kampf und zur Flucht gefegt. Sie mögen sogar an Seiten der gepanzerten ägyptischen oder hethitischen Männer als Hilfstruppen gekämpft haben. Es ist unwahrscheinlich, dass sie jemals Hilfstruppen der Assyrer gewesen sind, da ihr Buch nur Angst und Schrecken vor den Todesschwadronen ausdrückt, die von den Tyrannen von Assur und Ninive ausgesandt wurden.

Die Schriftgelehrten werden schreiben, dass ihr Vorfahre Abraham bereits ausschließlich Jahwe verehrte, aber das ist sicherlich Wunschdenken ihrerseits, da Abrahams Großenkel in ihrer späteren Gefangenschaft in Ägypten noch immer verschiedenen Naturgöttern huldigen.

Uns wird nicht genau erzählt, wann oder warum Abrahams Sippe ihren Weg nach Ägypten nahm oder mitgenommen wurde, aber es gab viele Gelegenheiten, zu denen solch eine Reise opportun oder sogar notwendig gewesen sein könnte.

***

Die wiederholten Versuche der akkadischen und amoritischen Nachfolger Lugalzagesis den weltumfassenden Leviathan wieder zum Leben zu erwecken hatten den unbeabsichtigten Effekt viele der Menschen auf der Welt in Bewegung zu versetzen.

Wir haben bereits gesehen, wie beunruhigend ein Besuch durch einen Händler, seinen Cousin und einige bewaffnete Männer sein konnte. Gemeinschaften von Aussäher*innen und ländlichen Nomad*innen nahmen ihre Waffen auf, entweder um sich vor zukünftigen Besuchen zu schützen oder um zu versuchen, ihre gefangengenommene Sippe zu retten.

In Anatolien zwangen einflussreiche Frauen den Pankuš, die Versammlung aller, ihre Lebensweise gegen den Angriff der Todeshändler zu verteidigen und die mächtigeren Gemahle einflussreicher Frauen begannen Mauern zu errichten. Spätere hethitische Schriftgelehrte werden sich auf ihren Tafeln nur auf den mächtigeren Gemahl beziehen und sich an ihn als König Labarnasch den Ersten erinnern, aber sie werden sich erinnern, dass der König ein bloßer Gemahl war, da die Frauen bis in die Zeit der Schriftgelehrten stolz und stark bleiben werden. Anatolische Frauen werden nicht so leicht entwürdigt werden; mehr als 50 Generationen später wird Herodot von anatolischen “Amazonen” sprechen und es wird bis in Roms patriarchales Zeitalter noch immer mächtige Frauen in Anatolien geben.

Während die sesshafteren Gemeinschaften dem Ungeheuer widerstanden, indem sie sich selbst einmauerten, machten es mobilere, ländliche Nomad*innen, wie es die Guti getan hatten, und stürmten die Tore der betrügerischen Leviathane. Zu dieser Zeit haben die habgierigen Tentakeln der verschiedenen Leviathana die Ur-Großeltern beinahe aller Menschen, die die Tore der Leviathane in späteren Zeitaltern stürmen werden, auseinandergerissen, die Ur-Großeltern von Sanskrit- und Iranischsprachigen, von Tungusisch- undTürkischsprachigen, der Mongolen, Finnen und Ungaren. Die Mesopotamier*innen nannten sie Kassiten, Hurriter und Mittani. Die Ägypter*innen nannten sie Hyksos. Von den anatolisch-beinflussten Hethitern sagt man, dass sie von ihnen hervorgebracht wurden.

Viele dieser königlosen Völker ritten auf Pferden und einige handhabten eiserne Werkzeuge, aber das machte sie in keiner Weise zivilisierter als die kupferverarbeitenden Vorfahren der Ojibwa der Great Lakes; die Pferde und das Eisen wurden erst zu Produktivkräften, zur Technologie der Zivilisation, nachdem sie Teil von Leviathans Waffenarsenal geworden waren.

Diese Menschen hatten keine Angst Städte anzugreifen und ihr Zorn trieb viele von ihnen dazu, die Stadtzentren ihrer Störer vollständig ins Chaos zu stürzen. Sanskritsprachige Kassiten, die mit Elamitern verbündet waren, machten das Meiste des Imperiums der Amoriter dem Erdboden gleich und erreichten sogar die Grenze nach Babylon.

Die Cousins der Kassiten, von den Assyrern Hurriter genannt, bildeten ihr eigenes Bündnis berittener Männer im armenischen Hochland und zermürbten Assur, sowie Assurs levantische Außenposten.

Die Menschen oder Völker, die Hyksos genannt wurden, verbündeten sich mit ägyptischen Armeen und jagten die Assyrer aus der gesamten Levante.

Die hethitische Armee verbündete sich mit Hyksos, Hurritern und Kassiten und plünderte das kommerzielle Aleppo, das Juwel der Levante, sowie das entfernte Babylon selbst, und halfen den Kassiten, den Amoritern die gleiche Bürde aufzuerlegen, die die Amoriter den Kassiten auferlegt hatten.

Es mag sein, dass Abrahams Sippe den Hyksos dabei half, assyrische Außenposten aus der Levante zu verdrängen und einige ihrer Mit-Hilfstruppen in das Heimatland des großen Bruders am Nil zu begleiten, wo das Leben weniger von verwirrten Rufen zum Kampf und zur Flucht erfüllt war. Oder es mag sein, dass sie eine Generation später Zuflucht am Nil suchten, als berittene Mittani den Gebieten Assyriens das antaten, was die Kassiten denen Babylons angetan hatten.

Es ist auch möglich, das Abrahams Sippe von den siegreichen Ahmosiden gefangen genommen wurden. Oder sie mögen einige Generationen später von einer Zeks-jagenden Expedition an den Nil verschleppt worden sein, die von dem zweiten Thutmosis ausgesandt worden war.

Es erscheint wahrscheinlich, dass Abrahams Erben bereits etablierte Zeks in den Außenbezirken Karnaks oder sogar weiter südlich gewesen sind, als Menelaos und seine Mykener ihre Städte an der nördlichen Küste zum Mittelmeer befestigten, als ein Vulkanausbruch in Kreta die kommunale Steinbehausung einebnete, die später Minospalast genannt werden würde.

Vermutlich sahen sie – und halfen vielleicht sogar bei seiner Errichtung – den Palast von Königin Hatschepsut am anderen Nilufer, eines der schönsten architektonischen Wunder überhaupt – ein Palast, der von üppigen tropischen Gärten umgeben war, die später wieder zu Wüstensand zerfallen würden. Wie die Zeks anderswo auch fühlten sie vermutlich den Schmerz in ihren Gelenken, wenn sie die großen Monumente ihrer Herr*innen betrachteten. Aus eben jenem Grund konnten sie nicht an den Garten des Lugals gedacht haben, als sie sich an Eden erinnerten und sie konnten schwerlich angenommen haben, dass ihre Vorfahren aus einem solchen Garten des Lugals stammten.

Sie waren noch immer in Ägypten, als die Königin Hatschepsut von ihrem Nachfolger ermordet wurde, als die Schriftgelehrten ihren Namen von den Kartuschen radierten und den eindeutigen Beweis schufen, dass es niemals eine weibliche Pharaonin gegeben habe. Die Zeks müssen sich gefragt haben, ob all das wirklich getan werden müsse, um die Erinnerung an eine Frau auszulöschen, die niemals behauptet hatte, irgendetwas anderes zu sein als ein Mann.

Die Gefangenen konnten nicht wissen, dass während Hatschepsuts Name in Ägypten besudelt und vergessen wurde, der Frauenhasser Theseus, ein Archon basileus oder Befehlshaber einer Bande Mykener die anatolischen Amazonen besiegte, Antiope tötete, ihre Schwestern versklavte und sich selbst im befestigten Troja verschanzte.

***

Die Israeliten in Ägypten waren keineswegs unwissend über die Lebensweisen und Taten der großen Leviathane ihrer Zeit. Wir können sogar annehmen, dass sie mit diesen Lebensweisen und Taten nicht einverstanden waren. Einige unter ihnen, sowie einige unter den Hyksos, waren möglicherweise Modernisierer, die dachten, dass Lugalzagesi und andere Friedensstifter gigantischer Regionen Frieden brachten und nicht den Speer. Die Modernisierer*innen waren zweifelslos eine Minderheit. Die Mehrheit muss das gewesen sein, was wir Primitivist*innen nennen würden, Menschen, die nostalgisch auf den altertümlichen Garten und seine Naturgötter zurückblickten.

Die Modernisierer*innen unter ihnen konnten sich weder unter ihren Mitmigrant*innen noch unter ihren ägyptischen Gastgeber*innen geborgen fühlen, da zahlreiche Hyksos für ihre fremden Ansichten und Lebensweisen verstoßen wurden, als respektable Ägypter*innen ihre einstigen Verbündeten als Verwalter*innen des Sinai und der Levante ersetzten. Die Modernisierer*innen können nur Ressentiment empfunden haben, als Tuthmosis der Dritte Ägypter, denen alle kanaanitischen Sprachen fremd waren, sandte, um die Ländereien des Pharaos in der Levante zu verwalten und diese vor den grausamen Mittani zu schützen; Und die Möchtegern-Botschafter*innen müssen erzürnt gewesen sein, als Amenophis der Zweite die Tochter des mittanischen Artatama heiratete und dann ein Bündnis mit diesen Wagenlenkern gegen die Hethiter schloss.

Die Kinder oder Enkel der Modernisierer*innen, ebenso wie die Primitivist*innen, müssen sich von Amenophis dem Dritten abgestoßen gefühlt haben, der nicht nur die verhasste Allianz mit den Mittani fortsetzte und Botschafter*innen in das grauenvolle Assyrien sandte, sondern der auch seine eigene Tocher heiratete. Die unsägliche Herrschaft des Tyrannen hielt beinahe zwei Generationen lang an; Glücklicherweise scheiterte der Ischtar, der von den Mittani geschickt wurde, um das Leben des Tyrannen noch mehr zu verlängern.

Die Modernisierer*innen müssen das erste Mal befreit aufgeatmet haben, als ein fürstlicher Modernisierer als Amenophis der Vierte ins Amt des Pharaos aufstieg und seinen Namen in Echnaton änderte. Wenn dieser Pharao nicht der erste totalitäre war, so war der doch der erste revolutionär totalitäre.

Es wird unserer Tage gesagt werden, dass die Großväter von Moses ihren Monotheismus von Echnaton erlernten, von dem angenommen wird, dass er ihn erfunden hätte. Ich glaube dieser Pharao musste nicht erfinden, was seit mehr als fünfzig Generationen allgemeine Praxis seiner Tempelturm-bauenden Nachbar*innen gewesen war. Er könnte einige Details dieser Praxis von den semitisch-sprachigen Immigrant*innen in und um seinen Palast erfahren haben.

Der Pharao verfügte, dass ebenso wie er der König der Könige und der Herr der Herren war, auch Aton, der Sonnengott, fortan der Gott aller Götter sei. Die Revolution bestand nicht in dem Dekret, sondern darin, was darauf folgte. Bewaffnete Banden neu konstituierter Priester von Aton stürmten begleitet von den Truppen des Pharaos und möglicherweise von modernisierenden Immigrant*innen die Tempel aller anderen Götter und enteigneten alle anderen Priesterschaften, indem sie die Ländereien und Paläste Aton widmeten. Dies war ein Vorläufer der berümteren Religionskriege, die Europa in einem späteren Zeitalter verwüsten würden. Ägypten hatte nie zuvor einen solchen Ikonoklasmus, eine solche Verfolgung, eine solche innere Gewalt erfahren.

Zum Unglück der Modernisierer*innen erhoben sich ganze Geschwader konservativer Priester, die den verdrängten Göttern gegenüber loyal waren, gegen die Thronräuber und gegen ihren Gott Aton. Wenn irgendeiner der Immigrant*innen die Gunst von Echnaton gehabt haben mochte, so waren diese nun in Schwierigkeiten. Nachdem sie den neunjährigen Tutanchamun auf den Thron gesetzt hatten, fuhren die Götzen-anbetenden Priester*innen fort, die monotheistischen Partisanen so zu behandeln, wie sie zuvor behandelt worden waren. Eine neue Säuberungswelle gegen Fremde begann. Dies war eine gute Zeit, Ägypten zu verlassen.

Wenn Echnaton den Israeliten schon nicht den Monotheismus gebracht hatte, so hat er ihnen doch einen anderen Gefallen getan: Er hatte die Levante aufgegeben, als er seine Armeen nach Hause beordert hatte, um die Götzenbilder zu zerstören. Aber die Verfolgten erfuhren schnell, dass die Hethiten die Ägypter als Besatzer der Levante ersetzt hatten, so dass die Levante für die ägyptisierten Semiten noch immer nicht sicher war.

Also blieben die Israeliten wo sie waren und hielten sich bedeckt, als der Armeeführer Horemheb Echnatons Name besudelte, behauptete, die monotheistische Verwaltung sei korrupt gewesen, seine Steuereintreibungen betrügerisch, seine Beschlagnahmungen willkürlich und seine Armee eine Bande von Plünderern.

Die Israeliten mögen gehört haben, dass sich Zeks, die sich mit nomadischen Aramäern verbündet hatten, kürzlich den babylonischen Tyrannen gestürzt hatten und dass assyrische Todesschwadronen Babylon auf der Stelle eingenommen und den Rebellen abscheuliche Verstümmelungen zugefügt hatten. Solche Neuigkeiten ermutigten potenzielle Rebell*innen nicht gerade. Also blieben die Israeliten noch immer wo sie waren, während der erste und dann der zweite Ramses der Erinnerung an Echnaton das antaten, was der dritte Tuthmosis mit der Erinnerung an Hatschepsut gemacht hatte: sie auslöschen.

***

Schließlich kam der Tag, auf den sie gewartet hatten.

Der zweite Ramses, ein Größenwahnsinniger, der berggroße Statuen von sich selbst überall in Ägypten in Auftrag gab, entschied die Welt zu erobern. Dieser Pharao erschöpfte Ägypten seines Essens und seiner Vorräte um seine Armeen zu versorgen. Er marschierte nach Westen und reduzierte freie lybische Stämme zu Abgaben-entrichtenden Subjekten. Dann marschierte er nach Osten und Norden, in Richtung der Levante, mit der größten Armee, die jemals zusammengetrommelt worden war. Diese Armee, die sich selbst versorgte, indem sie entlang ihrer Route jede Gemeinschaft ausplünderte, erschuf eine unvergängliche Feindseligkeit entlang der gesamten südöstlichen Mittelmeerküste.

Unterdessen zogen die vorgewarnten Hethiter die größte Armee, die jemals nördlich von Ägypten aufgestellt worden war, zusammen, und bereiteten sich darauf vor, den Eindringlingen entgegenzutreten; ihre Armee erregte Feindseligkeiten entlang der gesamten nordöstlichen Mittelmeerküste.

Die beiden aufeinander zuschlurfenden, bewaffneten Giganten trafen sich in der Schlacht bei Kadesch am Orontes. Sowohl die Schriftgelehrten der Ägypter als auch die der Hethiter behaupteten, dass ihr Herr siegreich gewesen sei, aber die Leviathane eines jeden begannen von dem Tag nach dem Sieg an zu zerfallen.

Die siegreichen Hethiten kehrten nach Anatolien zurück und wurden von nachtragenden mykenischen und anderen Banden bewaffneter Abenteurer heimgesucht. Keines der hethitischen anatolischen Subjekte war bereit, weiterhin Khatushilischs Palast oder seine Armee zu unterstützen.

In der Levante hielten die Hethiten noch immer Karkemisch, aber Assyrer, die von Salmanassar angeführt wurden, setzten dem hethitischen Karkemisch ein abruptes Ende. Die Assyrer fuhren fort, “den Feind der Mittani abzuschlachten” und hätten vermutlich die gesamte Levante eingenommen, wenn sie sich nicht nach Osten hätten wenden müssen, gegen aufständische Babylonier, die von Elamitern unterstützt wurden.

Phönizische Handelsstädte, insbesondere Tyros und Sidon, die immerhin so frei waren, ihre eigenen Götter Baal und Moloch zu füttern anstatt die Götter ihrer hethitischen Lehnsherren, entsandten große Schiffe nach Libyen und anderswohin in Afrika, in die Ägäis und die Adria, eigentlich überall hin entlang des Mittelmeeres und bis in den Atlantik. Sie hinterließen Spuren ihrer Besuche in vielen Teilen der Welt, aber sie gaben ihre Ziele nicht an ihre Konkurrent*innen preis.

Rein zufällig wurden auf der entgegengesetzten Seite des Globus, jenseits eines Ozeans, der offiziell nicht durchsegelt wurde, bis ein gewisser Kolumbus diese Meisterleistung vollbrachte, gigantische Häupter geformt, Häupter von Menschen, die kein bisschen so aussahen wie irgendjemand, der jemals bei Tehuantepec gelebt hatte, die sogenannten Köpfe der Olmeken. Es wäre natürlich beleidigend den heutigen Nahua-Völkern und Maya nahezulegen, dass ihre Vorfahr*innen Praktiken wie das Erbauen von Zikkurats oder das Verfüttern menschlicher Opfer an Baal nicht erfunden haben. Aber eine solche Unterstellung wäre keineswegs beleidigend für die Vorfahren dieser Menschen gewesen, die tatsächlich darauf bestanden, dass sie viel von seltsam aussehenden Fremden gelernt hatten, die über das Meer gekommen waren.

Wie auch immer, im Mittelmeerraum riefen die Handelsreisende der großen Schiffe Verteidigungsbündnisse hervor, die mit kleinen Schiffen ausgerüstet waren und die schon bald ihrerseits zu Plünderungsexpeditionen aufbrachen.

Die gesamte Welt schien in hektische Bewegung versetzt worden zu sein.

Der zweite Ramses kehrte schon bald an den Nil zurück, um seine Heldentat zu feiern und er wies seine Bildhauer an, den Sieg von Kadesch auf die Mauern jedes neuen Tempels zu meißeln, auf jede Wand eine andere Szene der Schlacht.

Aber schon bald zerfiel Ramses Leviathan ebenso sicher wie der seines Feindes. Eine Verschwörung in seinem Palast brachte den Pharao fast zur Strecke. Zeks in den Arbeitskolonnen weigerten sich, weigerten sich einfach die ihnen zugeteilten Aufgaben auszuführen. Das war eine frühe aufgezeichnete Form des Streiks. Die Besorgnis, die von den Schriftgelehrten ausgedrückt wird, legt nahe, dass es sogar ein Generalstreik gewesen sein könnte. Und dann kam die Kunde, dass Libyer*innen auf dem Seeweg und andere mysteriöse Fremde das Nildelta überfielen.

Wenn die Israeliten jemals aus ihrer ägyptischen Gefangenschaft ausziehen wollten, dann war dies sicherlich die richtige Zeit dafür.

***

Die ausziehenden Gefangenen übertragen ihre Verantwortung an einen Moses, einen Ägypter, zumindest von mütterlicher Seite her. (In Ägypten werden Namen und Reichtum noch immer durch die mütterliche Erblinie weitergegeben, ein alter Brauch, den die Schriftgelehrten und Pharaonen kein bisschen besser abzuschaffen vermochten als die anatolischen Hethiten.)

Moses mag ein niederer Palastbeamter gewesen sein, der wegen seiner familiären Verbindungen zu den Fremden daran scheiterte aufzusteigen. Die späteren Äußerungen dieses Mannes sind geradezu fanatisch patriarchal und dieser Fanatismus lässt sich nicht einfach erklären, indem man auf die patriarchalen Tendenzen ländlicher Nomaden verweist; es werden Materialien gefunden werden, die zeigen, dass die israelitischen ländlichen Nomaden ebenso weibliche wie auch männliche Gottheiten in Ägypten verehren. Sein Vater war möglicherweise ein Beamter während Echnatons Herrschaft gewesen, der sein Amt verlor, als der monotheistische Pharao fiel, und der seither seinen Landsleuten seine modernistischen Ansichten vorgrummelte und anpries. Der Sohn, Moses, verschmäht seine Mutter offensichtlich, ebenso wie ihr Volk und entscheidet sich, ein Verfechter, ein Erlöser des Volkes seines Vaters und seines Halbbruders zu werden.

Wir werden keinen guten Grund haben, Moses Motive zu hinterfragen, seine Entscheidung auf Missgunst zu schieben. Das Buch porträtiert ihn als ein prinzipientreues Mitglied der herrschenden Klasse, das sich auf die Seite der Unterdrückten schlägt und wir können das akzeptieren und davon ausgehen. Er ist ebenso ideal geeignet für die Aufgabe die Gefangenen aus dem Leviathan zu führen, wie jeder andere Cousin eines Ensis. Er braucht bloß zu sagen, “Lass mein Volk ziehen” und seine ehemaligen Beamtenkollegen und sogar Verwandte werden die nötigen Anweisungen und Papiere ausstellen.

Das Ziel ist klar. Moses wird die Gefangenen nach Kanaan führen, was erst kürzlich von all den großen Armeen verlassen wurde, von denen zumindest zwei der Besetzer wahrscheinlich nicht so bald zurückkehren werden: Der ägyptische Leviathan wird von Streikenden, Verschwörern und Plünderern beschäftigt, und der hethitische Leviathan scheint allen Berichten zufolge, die Moses gehört haben muss, gänzlich zu zerfallen, heimgesucht von anhaltenden Hungersnöten und feindlichen Plünderern. Die dritte große Armee, die assyrische, ist anderswo beschäftigt; ihr Tyrann Tukulti-Ninurta unterwirft am Tigris Babylonier und Elamiten und ruft sich selbst als König der Könige, Herr der Herren, Sonne aller Menschen aus. Folglich erscheint Kanaan ein sicherer Zufluchtsort zu sein, zumindest für den Moment.

Aber für Moses Gefolgsleute, zumindest für die “Primitivist*innen” unter ihnen, bedeutet Kanaan etwas anderes; es bedeutet für sie eine gewohnte Sprache, ein ursprünglich gewohntes Zuhause; es bedeutet wahrscheinlich etwas wie der Eden, zu dem sie zurückkehren wollten. Warum sonst sollten sie eine kriegsgebeutelte levantinische Provinz “das gelobte Land” nennen?

Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Moses ein Modernisierer wie sein Vater ist, besonders nicht angesichts der Tatsache, dass er Ägypten mit den Zeks verlässt. Das Buch macht deutlich, dass es keine Modernisierer in der gesamten Gruppe von Wanderern gibt. Tatsächlich ist der Ekel dieser Menschen vor den Annehmlichkeiten der Zivilisation so tiefgreifend, dass er noch immer von den zivilisierten städtischen Schriftgelehrten empfunden werden wird, die noch vierzig Generationen später mit Abscheu von den “Amüsierlokalen” Ägyptens und der “Hure” Babylon schreiben werden.

Moses war eindeutig kein Modernisierer in Ägypten. Aber als er erst einmal draußen im Wüstensand steht und einige der Menschen in Richtung Jemen ziehen, andere in Richtung des Roten Meeres und Äthiopien, muss Moses sich entscheiden, wer und was genau er ist.

Der Moses des Buches ist kein Modernisierer. Er denkt nicht, dass die Einölung und Straffung eines Leviathans irgendeine menschliche Bedeutung haben könnte. Er fühlt sich ebenso abgestoßen von Aschur, Khatti und Ur, wie jede*r seiner Gefolgsleute.

Aber wo ist das gelobte Land? Die meisten seiner Gefolgsleute sind offensichtlich Primitivist*innen. Und offensichtlich sind sie entweder schwach oder blind, da ihnen klar sein sollte, dass wenn sie erst sicher die Wüste erreicht hatten, Moses nichts mehr für sie tun konnte. Sie klammern sich an ihn, entweder aus Loyalität oder weil sie immer noch eingeschüchtert sind von dem ehemaligen Mitglied des ägyptischen Palastpersonals.

Moses ist weder ein Modernisierer noch ein Primitivist. Es ist klar, dass er ein gepanzerter Mann ist, der unfähig ist, seinen Panzer zu entfernen. Er ist wie Lenin. Er sucht innerhalb, aber findet dort keine Bestimmung; alles, was er in sich selbst findet, sind Versatzstücke leviathanischer Rüstung. Er hasst Ur und Aschur und sein Zeitgenosse Tukulti-Ninurta lässt ihn vor Wut erschaudern. Aber die einzige Stimme in ihm ist die Stimme von Lugalzagesi, die Stimme des Allmächtigen, des Königs der Könige, des Herrn der Herren, des Mannes aller Männer. Lenin wird die Stimme der Elektrifizierung hören. Dennoch hasst Moses jeden einzelnen König der Könige, ebenso wie Lenin die Kapitalist*innen hassen wird. Moses abstrahiert den König, macht ihn zu einem Gott, ebenso wie Lenin die Elektrifizierung abstrahieren wird und sie zum Kommunismus machen wird.

Durch diesen Akt projiziert Moses seine innere Leere, seinen Panzer, seinen eigenen toten Geist in den Kosmos.

Wenn sich irgendjemand in dieser Gruppe Eden als den Garten eines Lugals vorstellt, dann ist das Moses. Die Götter sind für diesen Ägypter der Oberklasse alle tot. Für ihn gibt es keinen Eden, es gibt nur Leviathan.

Es ist eine Ironie, dass dieser Mann, für den es kein Außerhalb gibt, derjenige sein sollte, der die anderen nach draußen führen sollte.

Natürlich hatte er über all das nicht zuende nachgedacht, bevor er Ägypten verließ und vielleicht hatte er erwartet, dass sich sein Panzer ablösen würde, vielleicht hatte er gehofft, dass irgendein Funke in ihm zum Leben erwachen würde. Aber nichts dergleichen passierte. Nur eine Abstraktion regt sich in ihm, körperlos, asexuell, geschlechtslos und unsterblich. Die Abstraktion ist Leviathan selbst, als Konzept.

Wir werden alle wissen, dass seine Gefolgsleute nicht mochten, was sie hörten. Sobald er ihnen den Rücken zuwandte, bilden sie den uralten, heiligen Kreis der alten Gemeinschaft. Sie geben sich selbst auf. Sie träumen. Sie werden besessen. Sie verehren ein goldenes Kalb, nicht weil sie aus Gold ist, sondern weil sie weiblich ist, weil sie das Leben gebärt, weil sie von der Erde ist und weil sie die Erde ist.

Diese Menschen kannten den Unterschied zwischen den toten Götterbildern der Ägypter und den lebendigen Symbolen ihrer eigenen Vorfahren. Sie erinnern sich. Ihr Inneres war nicht abgestorben. Sie sind Zeks und Kinder von Zeks. Sie haben immer gewusst, dass der Panzer eine Bürde ist, die sie eines Tages ablegen würden und als der Tag gekommen ist, sind sie in der Lage ihn abzuwerfen.

Moses ist gehandicapt. Er kann darauf antworten, indem er zu ihnen geht und ihren Stimmen lauscht. Er ist noch immer Moses, der Mann, der potentielle Mensch. Er ist frei. Er kann den lebendigen Funken in ihm aufbrechen lassen, wie ein Ei. Er kann sich entscheiden lebendig zu werden.

Aber Moses antwortet, indem er ihnen den Rücken zuwendet. Er lässt den Panzer die Kontrolle übernehmen. Er versteift sich. W. Reich würde sagen, er wird rigide. Er entscheidet sich, das Potenzial Nichts werden zu lassen, den Panzer den kleinen Funken des Lebens, der da war, auslöschen zu lassen. Er lässt Leviathan durch sich sprechen. Und die Stimme, die da spricht, ist nicht die von Echnaton, der Sonne, sondern die von Lugalzagesi, dem Herrn der Herren.

Der Panzer spricht von keinem Garten. Er drückt “eine Vision des Lebens” aus, “die spirituell Lichtjahre von der mythischen Gemeinschaft entfernt ist”, wie Turner es ausdrücken wird. Die Stimme von Leviathan spricht von Geboten und Strafen. Sie spricht nicht von Sitten, von Wegen des Seins, sondern von Gesetzen, von geschlossenen Toren. Sie sagt nicht: Du kannst und Du sollst sein. Sie sagt: Du sollst nicht.

Und wehe denen, die nicht gehorchen. Ebenso wie das Ding Leviathan seine Polizei besitzt, um diejenigen, die von seinem Recht abweichen zu verfolgen, zu foltern und zu exekutieren, so hat auch das Konzept von Leviathan, Jahwe, seine Polizei.

Aber die Polizei des Konzepts ist nicht selbst bloß ein Konzept. Moses verleiht diese Aufgabe an die Lebensspenderin selbst, an die Natur – nicht die gesamte Natur, sondern bloß ihre Einbrüche, ihre Gewalt, alles vereint und zusammengefasst wie in Lugalzagesis eigener Gottheit im Zikkurat. Erdbeben, Stürme, Fluten und Plagen sind Jahwes Instrumente der Verfolgung, Folter und Hinrichtung. Die Göttin, die in dem Kalb verehrt wurde, wird gegen ihre Verehrer*innen gewendet.

Und nun kommt das krönende Detail. Nun wird Moses zu einem tatsächlichen Vorreiter Lenins. “Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.” Das ist etwas, das Moses von Echnaton gelernt haben mag. Das ist modern. Keine Sumero-Akkadier waren bisher in der Lage, das “kein anderes” aufzuerlegen. Moses legt sich nicht nur Teile der Rüstung an; er trägt sie vollständig.

Das Gebot hat noch immer eine sumerische Form, aber seine moderne Bedeutung wird vorbuchstabiert:

Dann packte er das Kalb, das sie gemacht hatten, verbrannte es im Feuer und zerstampfte es zu Staub. Den Staub streute er in Wasser und gab es den Israeliten zu trinken.

Der ehemalige Beamte des Pharaos weiß, dass Gefangene von freien Gemeinschaften in Zeks verwandelt werden mussten; sie mussten domestiziert werden, sie mussten gezwungen werden, ihre Freiheit zu essen.

Aber die Verehrer*innen des Kalbs leisten noch immer Widerstand. Sie rebellieren. Sie sind bereit erneut auszuziehen, dieses Mal aus dem Leviathan ihres eigenen Anführers.

Also lässt der gepanzerte Mann den Schleier fallen und enthüllt die Rüstung allen. Er hört auf, ein Medium zu sein, durch das Lugalzagesi spricht. Er wird Lugalzagesi. Er setzt eine allgemeine Säuberungswelle in Bewegung, mit einer Polizei, die weder ein Konzept ist noch der konzentrierte Zorn der Erde:

„Jeder lege sein Schwert an. Zieht durch das Lager von Tor zu Tor! Jeder erschlage seinen Bruder, seinen Freund, seinen Nächsten.“ Die Leviten [sie werden später ein Verteidigungsbündnis schließen] taten, was Mose gesagt hatte. Vom Volk fielen an jenem Tag gegen dreitausend Mann.

Dieses Massaker ist der erste Völkermord, der im Namen von Jahwe verübt wird. Und dafür gibt es weder einen menschlichen Grund noch eine menschliche Rechtfertigung. “Ich bin, der ich bin.” Das ist der Glaubenssatz.

Das anti-menschliche, anti-natürliche Gesicht dessen, was später Totalitarismus genannt werden würde, muss zusammen mit dem Rest der Rüstung getragen werden. Jedes letzte Fleckchen menschlicher Haut muss verdeckt werden. Leviathan besitzt weder Leben noch Seele. Er ist, der er ist. Er ist sein eigener, einziger Zweck. Er ist Tod, total, ungerechtfertigt, unerklärt.

Wir werden an Wissenschaft, Technologie und den säkularen Staat gewöhnt werden; wir werden nicht erschreckt werden von der Unmenschlichkeit der Vision dieses Mannes; einige von uns werden sogar beeindruckt sein von seinem progressiven, nein prophetischen, Charakter.

Aber diejenigen, die Ägypten verließen, diejenigen von ihnen, die immer noch am Leben sind, können diesen monströsen Rückschritt nicht verdauen und Moses weiß das. Wenn er nicht schnell handelt, wird dieser Massenmord von einem Massensuizid oder von einem Exodus derer, die übrig geblieben sind, gefolgt werden. “Ich bin, der ich bin” ist nicht genug für Menschen, die sich noch immer erinnern.

Also führt er den berühmten Bund ein. Er hatte ihnen bereits gesagt, “wenn ihr auf meine Stimme hört … werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein …” Nun, wie ein Pferdedompteur, erzählt er ihnen, dass sie entlohnt werden würden, erzählt er von dem, was ihnen ihr Gehorsam einbringen würde. Sie würden das gelobte Land erreichen. Aber in diesem Land würden sie Zeks bleiben. Der Fluch mühsamer Arbeit würde nicht von ihnen genommen werden. Das Land würde nicht Eden sein, ein Ort, der für diesen gepanzerten Mann nicht länger existierte (ebenso wie Frauen für ihn nicht existierten; nur Söhne existierten; Frauen sind für ihn nichts als Gebärmaschinen für Kinder, Gefäße, die ebensogut aus Ton gemacht sein könnten, das Material, zu dem die Erde selbst reduziert worden ist, das Material, das manipuliert und verstümmelt werden wird).

Das gelobte Land ist ein neuer Leviathan und die Geschätzten werden ebenso belohnt werden, wie Lugalzagesis Ensis belohnt werden. Du sollst die anderen enteignen. Du sollst große und stattliche Städte, die du nichts selbst erbaut und Häuser voller guter Waren, die du nicht selbst gefüllt hast und Weinberge und Olivenbäume, die du nicht gepflanzt hast, einnehmen.

Dies ist das Land, wo Milch und Honig fließen und Moses Truppen werden es wie Pioniere stürmen:

Ich vertreibe die Kanaaniter, Amoriter, Hetiter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter …

Es ist von Bedeutung, dass die Kanaaiter, die Cousin*en, die ersten Opfer sind. Leviathan hat keine Sippe. Wer auch immer in seinem Weg steht, was auch immer außerhalb von ihm lebt, ist sein Feind. Alle Lebewesen, die nicht in seinen Eingeweiden eingeschlossen sind, egal ob Mensch, Tier oder Bäume, sind sein Feind.

… bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alles Tier, das auf Erden kreucht.

Das ist, wie Turner hervorhebt, eine Kriegserklärung gegen die Wildnis und dieses Wort hat nun eine furchteinflößende Bedeutung erlangt: es bezieht sich auf “alles Tier, das auf Erden kreucht.” Das ist Leviathans Kriegserklärung gegen alles Leben.

Moses stirbt, aber die “Söhne Levis” erreichen tatsächlich das Gelobte Land, das Land ihrer einstigen Sippschaft. Und sie erreichen es nicht als Sippe; sie bilden nicht den uralten Kreis oder beleben die verlorene Gemeinschaft wieder. Sie erreichen es wie Tukulti-Ninurtas’ bewaffnete Assyrer, als die Nemesis ihrer einstigen Sippe. Einer der Söhne Levis, ein Mann namens Deborah, ein Vorreiter der gepanzerten Jeanne d’Arc, erfüllt die Pioniere mit genozidalem Hass. Sie, oder vielmehr er, ermahnt, schwärmt und gestikuliert um die Söhne noch gegen den letzten Moabiter*in, Hazoriter*in und Kanaaniter*in im Gelobten Land aufzubringen.

Moses stirbt, aber der Leviathan, den er in Bewegung setzt, ist unsterblich und wenn er auch schon bald selbst verschlungen wird, wird sein Konzept eines Tages den Pfad von Ungeheurlichkeiten erleuchten, von denen Lugalzagesi oder Moses nicht zu träumen gewagt hätten.

Du wirst alle Völker verzehren, die der HERR, dein Gott, für dich bestimmt. Du sollst in dir kein Mitleid mit ihnen aufsteigen lassen …

Wie Turner beobachten wird, ist dies eine Beschreibung der Dinge, die kommen werden; das sieht bereits die “dunklen Wolken über Afrika, den Amerikaner*innen, dem fernen Osten bis schließlich den entferntesten Inseln und Dschungel-Enklaven, die mit Feuer und Schwert und durch die subtilere Waffe der Missionierung durch Verspottung getroffen werden werden”, voraus. Dies ist bereits die Entdeckung der Neuen Welt.

Die künstliche Reproduktion des Menschen: Der Pfad des Transhumanismus

Transhumanismus und Techno-Wissenschaften

Die transhumanistische Bewegung nahm ihren Beginn in den späten 1980er Jahren im Silicon Valley, USA, aber wenn wir versuchen,  die Ursprünge dieser Ideologie nachzuverfolgen, finden wir uns im Jahre 1883 wieder, als der Begriff der Eugenik von Galton geprägt wurde, oder im Jahre 1957, als Huxley eine Rede hielt, in der er das Wort Transhumanismus gebrauchte, um seinen transzendenten Glauben an den Menschen zu beschreiben und wir landen bei dem kybernetischen Paradigma, das während des zweiten Weltkriegs im Militärsektor entstand. Das kybernetische Paradigma, die Wissenschaft der Kontrolle von Systemen, ob lebendig oder nicht, basiert auf dem Konzept der Information: Wenn alles, vom lebendigen bis zur anorganischen Welt, auf einen Informationsaustausch reduziert werden kann, dann fällt auch jede Barriere zwischen dem Lebendigen und Leblosen, dem Menschlichen und der Maschine und alle Unterschiede werden eliminiert. Und das Subjekt wird auf eine Ansammlung von Informationseinheiten reduziert, auf ein Programm, das dechiffriert und folglich wie eine Maschine manipuliert werden kann. Craig Venter, der Gründer von Celera Genomics, startete, nachdem er das menschliche Genom sequenziert hatte, das Minimal Genome Project. Warum sollte ein Unternehmen Zeit und Geld für die Erforschung solch einfacher Organismen aufwenden, wenn andere bereits darum wetteifern, die Genome von Fröschen, Ratten und Schimpansen zu sequenzieren? Bereits von Beginn des Genome Projekts an war es nicht nur Venters Ziel gewesen, Gene zu entschlüsseln oder ihre DNA zu verändern, sondern sie mithilfe der synthetischen Biologie neu zu designen.

Das ultimative Ziel dieser Prozesse ist immer der Mensch, das wurde von der Singularitäts-Universität bei einer kürzlich abgehaltenen Konferenz zu Exponentieller Medizin klar ausgedrückt: „Wir können Embryos designen. Wir können die Gene von Menschen verändern. Also arbeiten wir ernsthaft daran, die zukünftigen Menschen zu designen.“

Der Transhumanismus ist kein Nebeneffekt, sondern das ultimative Ziel der technologischen Entwicklung, er ist die Ideologie der Annäherung von Biotechnologien, Nanotechnologien, Informationswissenschaft und Neurowissenschaften.

Die transhumanistische Ideologie strebt danach, den Menschen durch Technologie dazu zu ermächtigen und dies auch in die Tat umzusetzen, seine biotechnologische Transformation zu erreichen: den Post-Menschen. Die Biologie und selbst Körper werden als Einschränkungen und Grenzen gesehen, die überwunden, neu definiert, modifiziert oder eliminiert werden müssen. Was vor der gewünschten biotechnologischen Transformation oder Hybridisierung mit Maschinen verändert wird, ist das ontologische Konzept des Menschen: Wir waren niemals Menschen, wir sind schon immer Cyborgs und Hybriden gewesen. Es entsteht eine anthropotechnische Cyborg-Vorstellung, in der der Mensch undeterminiert wird und sich gemeinsam mit der Technologie selbst erschafft, als eine Unbestimmtheit, die die technische Hybridisierung ist, in der die bloße Natur des Menschen, seine biologische Existenz, technologisch ist. Eine technische Hybridisierung, die die Grenzen zwischen Subjekt und Objekt zerstört, zwischen Natur und Technik, zwischen dem Lebendigem und der Maschine, so dass alles, von der Natur um uns herum bis zu unseren nackten Körpern, zu einem Artefakt wird.

Der Transhumanismus ist nicht das Luftschloss einiger verrückter Technologiefans, die zu viel Science Fiction konsumiert haben. Er ist Ausdruck der Ideen und Vorstellungswelten des Silicon Valleys, von Philosoph*innen, Wissenschaftler*innen und Forscher*innen. Natascha und Max Moore, Nick Bostrom, David Pearce, James J. Hughes, Hans Moravec, Ray Kurzweill, um nur die bekanntesten Namen zu nennen, sind die Gründer*innen der weltweiten transhumanistischen Vereinigung, die heute als Humanity+ [Menschheit+] bekannt ist, und sie sind die Gründer, Förderer und Geschäftsführer*innen vieler Stiftungen, Institute, Start-Ups, Forschungsprojekte und Firmen von weltweiter Bedeutung und sind in den Bereichen der Forschung und Entwicklung tätig, die die Technologie-Hubs ausmachen, auf denen das transhumanistische Projekt fußt. Sie sind Berater*innen für Bereiche wie Verteidigung, Sicherheit, Biomedizin, allesamt führende Sektoren der Entwicklung und Forschung und sie haben großen Einfluss auf die Art und Weise, auf die Forscher*innen und Regierungen interdisziplinäre Wissenschaften entwickeln und strategische Entscheidungen treffen.

Wenn die transhumanistische Welt sich selbst und ihre Projekte beschreibt, spricht sie von exponentiellen Wissenschaften, geschaffen um die neuesten und wichtigsten Herausforderungen der Gegenwart anzugehen und eine neue Ordnung hervorzurufen. Ohne allzu sehr hinterm Berg zu halten, nutzt sie die besten Mittel, die die Technologie bereithält für ihre Zwecke, um eine Techno-Macht zu konzentrieren, die die Vergangenheit hinwegfegen kann, und alles abzuschaffen, was sie angesichts solcher Herausforderungen für obsolet hält. In diesem Kontext werden auch Menschen, wie wir sie bisher gekannt haben, zu einer nutzlosen Papillote.

Wir sollten nicht den Fehler begehen, den Transhumanismus als Tendenz einiger weniger, unbedeutender Forscher*innen zu betrachten, als Philosoph*innen, die die Realität mit ihren Träumen verwechseln. Also wollen wir vermeiden uns auf Dinge zu konzentrieren, die bisher nicht passiert sind. Wenn wir von Nanotechnologien sprechen, sollten wir uns nicht auf das Risiko einer grauen Glibber [Gray goo]-Katastrophe konzentrieren, der unkontrollierten Vermehrung von Nanorobotern. Gleichermaßen wäre es, wenn wir von Transhumanismus sprechen, ein Fehler uns auf Projekte der Kryokonservierung [Einfrierung] des Gehirns oder des Uploads des Gehirns in einen Computer zu konzentrieren: Lasst uns auf das konzentrieren, was gerade passiert. Die transhumanistische Ideologie – Grenzen überwinden, den Menschen zu verbessern und zu ermächtigen, das Lebendige neu zu designen und zu verkünstlichen – ist keine abstrakte Spekulation. Sie nimmt die Form transgener Chimären, Militärdrohnen, neuer Smart-City-Geräte, biomedizinischer Praxis, medizinisch gestützter Fortpflanzung und der Genmanipulation an. Und das alles findet in Forschungszentren, bei Giganten wie Google, IBM, Microsoft, in der Agrarwirtschaft, bei pharmazeutischen und biotechnologischen Unternehmen und in den Projekten der Techno-Wissenschaft und in Forschungslaboren statt.

Die transhumanistische Ideologie durchdringt und erstreckt sich auf einen Kontext, in dem bereits ein starker Kult einer „idealen“ Gesundheit und der Spitzen-Performance herrscht. Sie ist im Begriff, sich auf einen Kontext auszudehnen, in der jede Lebensphase, von der Geburt bis zum Tode, medikamentiert wurde, von der pränatalen Diagnostik bis zur regenerativen Medizin. Der transhumanistische Mensch ist ein totalitäres eindimensionales biomedizinisiertes menschliches Wesen. Der Mensch wird als der Fehler betrachtet und alles muss in das Kriterium anhaltender Perfektionierung einer konstanten Anpassung an eine Maschinenwelt passen. Wo Grenzen ständig überwunden werden und der menschliche Körper als eine dieser Grenzen gilt. Eine techno-wissenschaftliche Anpassungsfähigkeit wird zur einzigen Option werden. Wir können nun sehen, wie das kybernetische Paradigma, gemäß dem „die Umgebung, in der wir leben, immer so radikal verändert wurde, dass wir heute gezwungen sind, uns selbst zu verändern“ eine materielle und spektakuläre Form annimmt.

Wenn wir an Exoskelette für Querschnittsgelähmte denken, die ebenfalls genutzt werden können, um die Leistung von Soldaten zu verbessern, können wir sehen, wie klein der Unterschied ist zwischen dem Heilen und der Veränderung des Menschen. Keine*r würde gesunde Beine abschneiden, um sich Protesen anzulegen, die die eigene Leistungsfähigkeit steigern, aber die Ideen der Implantate, der beständigen Zunahme von Macht, der Veränderung des Körpers setzen sich in den Vorstellungen der Menschen fest bis zu dem Punkt, an dem sie ihre Sehnsüchte bestimmen.

Die Entwicklung der Techno-Wissenschaften verändert die Paradigmen des Denkens, durch die man die Realität wahrnimmt und interpretiert, und verändert folglich unsere Beziehung zu unserem Körper, zur Realität um uns herum und zu unseren Handlungen. Diese Transformationen implizieren tiefgreifende und irreversible Konsequenzen für alles Lebendige. Sie bedeuten den Körper als eine Reihe von Modulen zu betrachten, die abgenommen werden können, was ihn veränderbar macht. Nur eine Welt, die man sich auf einer Nanotechnologie-Ebene vorstellt, kann Werkzeuge herstellen, mit denen Atome bewegt werden können: Ein Tunneleffekt-Mikroskop ist kein einfaches Werkzeug, es erschafft eine Welt, in der Materie auf einer Nanotech-Ebene wahrgenommen, gemessen und schließlich modifiziert wird.  Auf die gleiche Art und Weise, auf die Biotechnologie die tiefsitzendsten Ebenen lebendiger Wesen erforscht, erforscht die Nanotechnologie die tiefliegendsten Ebenen der Strukturen der Welt, was auch einen erheblichen Wandel ihrer Bedeutung mit sich bringt. Während Gegenstände einst aus natürlichen Elementen mit all ihren Grenzen hergestellt wurden, erschaffen sich diese gleichen natürlichen Elemente ohne diese Grenzen neu, wenn man die Materie auf einer atomaren Ebene verändert, und ermöglichen neue Eigenschaften. Die natürliche Welt wird folglich zu einer künstlichen Kategorie und die molekulare Herstellung führt zu einer vollständig veränderten Vorstellung davon, was eine materielle Grenze ist, und die Nanotechnologie ermöglicht es einem in die schiere Natur der Materie vorzudringen.

Offensichtlich sind die Technowissenschaften und die transhumanistische Ideologie nicht neutral. Weder bloß in ihren Zielen – egal ob sie diese erreichen oder nicht – noch in ihrem Ursprung, ihrer Vorstellung das Lebendige zu verkünstlichen und neu zu erschaffen. In den Lebenswissenschaften findet nicht nur eine Katastrophe statt, wenn das Experiment erfolgreich ist;  die Katastrophe liegt bereits in der Richtung, die die Forschung eingeschlagen hat. Das Experiment findet nicht nur innerhalb der vier Wände der Labore statt, die ganze Welt ist ein Labor und die Körper selbst werden zu lebendigen Laboratorien.

Eugenik

Galton schlug eine milde Form der Eugenik vor, eine positive Eugenik, um „die Eigenschaften höherer Abstammung oder Rassen zu würdigen und sie so zu begünstigen, dass ihre Nachkommenschaft zahlreicher werde“. Durch dieses Prinzip, das die Zootechnik leitete, bezog sich Galton auf den Menschen, indem er in Betracht zog, dass der Mensch, wie andere Tiere, gezähmt und ausgewählt werden könne.

Lange vor Nazi-Deutschland setzten die USA zwischen 1905 und 1972 ein umfangreiches Zwangssterilisierungsprogramm von Behinderten, psychiatrischen Patient*innen, Blinden, Schwerhörigen, Gefängnisinsass*innen, Obdachlosen, jenen, die an Lepra, Syphilis und Tuberkulose litten, um. Hitler wurde von einem berühmten amerikanischen Biologen zu seinem radikalen Vernichtungsprogramm inspiriert, dem Verfechter solcher Sterilisationen.

Ein Nazi-Psychologe sollte der erste sein, der die Idee entwickelte, den Zellkern einer Eizelle zu entfernen und duch den Zellkern einer anderen Eizelle zu ersetzen und erfand so das Konzept der „Leihmutterschaft“.

Ausgehend von Programmen rassischer Sterilisation von Menschen, die als minderwertig und unrein erachtet wurden – definiert als negative Eugenik – über die Absicht die arische Rasse zu verbessern – definiert als positive Eugenik – sind wir heute bei einer neuen „positiven“ Eugenik angelangt: Es ist nicht mehr die „Verbesserung“ einer Rasse, die für überlegen gehalten wird, sondern die „Verbesserung“ des einzelnen Menschen. Und um Menschen zu verbessern, müssen ihre Defekte eliminiert werden.

Das wird zwar weite Teile der Welt umfassen, aber natürlich nicht alle: Diejenigen, die an den Rändern der Welt in vergessenen Slums leben oder schlicht diejenigen, die von ökonomischem und sozialen Status ausgeschlossen sind, werden zu Untermenschen werden und folglich zu Körpern in Gnaden der Märkte oder von geopolitischen Prozessen, die die Natur ignorieren. Diese Körper dienen als Ersatzteillager oder als Massen, die von einem Land in das nächste herumgeschubst werden können, um sie zu erpressen. All diejenigen, die sich weigern, sich der Logik des fortgesetzten Wachstums an Macht mit biomedizinischen Programmen zu beugen, und diejenigen, die keine künstliche Reproduktion nutzen, werden zu diesem Ersatzteillager an Untermenschen zählen.

Die Vorstellung rassischer Reinheit ist heute der einer „idealen“ Gesundheit und der Herstellung des „idealen“ Kindes gewichen. Die Eugenik gibt sich somit ein neues Gesicht, aus freien Stücken akzeptiert, und bezieht sich auf eine neue, sanfte Art der Macht, die nicht länger auf Zwang basiert, weit entfernt von der Gewalt der Nazi-Eugenik. In diesem Kontext normalisiert sie sich und wird zu etwas Gewöhnlichem, während die neuen Technologien der Gentechnik und ihre Anwendungen in den interdisziplinären Wissenschaften sie effizienter und verbreiteter machen. Nicht länger ein Teil eines Projekts der Auslöschung, zumindest momentan nicht, aber immer noch unverändert mit dem ultimativen Ziel die menschliche Spezies auszulesen.

Eugenik ist keine dunkle Abweichung: Sie ist der Motor und die Richtung der genetischen Forschung. Es ist kein Zufall, dass das erste Projekt der Dekodierung des menschlichen Genoms Read [dt. „Lesen“] genannt wurde, das zweite aber Write [dt. „Schreiben“].

Eugenik war seit den Ursprüngen der künstlichen Reproduktionstechnologien immer an ihnen beteiligt, an ihrer zootechnischen Entwicklung und an ihrem Transfer auf den Menschen. Bereits in den 1980ern erklärte R. Edward, der Louise Brown [die erste Person, die in Folge einer In-Vitro-Fertilisation geboren wurde] zuwege gebracht hat, dass die genetische Verbesserung der menschlichen Spezies möglich und folglich legitim sei. 2018 erklärte der Britische Bioethik-Ausschuss [1], dass es zulässig sei, die DNA eines Embryos genetisch zu verändern (Genetische Veränderung des Erbguts) um die Eigenschaften eines zukünftigen Menschen zu beeinflussen.

In der Reproduktionsmedizin beginnt die Eugenik bei In-Vitro-Fertilisationen (IVF) und genetischer Präimplantationsdiagnostik (PID), während Selektion in jeder Phase des Prozesses künstlicher Reproduktion erforderlich ist und auf verschiedenen Ebenen stattfindet: Selektion unter den Keimzellen-Spender*innen, Selektion der Spermien, der Eizellen und schließlich des Embryos. Im globalisierten Supermarkt der menschlichen Reproduktion gedeiht ein Milliarden-Dollar-Markt der Eizellen-, Spermien- und Embryoselektion. Der Preis der Eizelle variiert abhängig von den Eigenschaften der „Spenderin“, die eigentlich eine Verkäuferin ist, die von den Reproduktionsmedizin-Kliniken bezahlt wird. Kliniken, die große Eizellenbanken haben, die abrufbereit zur Verfügung stehen, bieten eine sorgfältig ausgewählte Bandbreite an Spenderinnen an. Eine Eizelle einer weißen Universitätsstudentin ist natürlich mehr wert als jede andere und auf dem Reproduktionsmarkt steht alles zum Verkauf, mit einer großen Bandbreite für jeden Geschmack. Die Fragen, die den Eizellenspenderinnen in ihren Fragebögen zu ihren persönlichen Verhältnissen gestellt werden, reichen von wie tierlieb sie sind über was ihre Religion ist, ob sie mit Kuscheltier schlafen und ob sie die Polizei mögen. Eigenschaften, die nichts mit der Entwicklung des Embryos zu tun haben, aber auf dem Reproduktionsmarkt steht eben alles zum Verkauf, selbst Illusionen, Erwartungen, Hoffnung und Lügen.

Bevor der Embryo in die Gebärmutter der zukünftigen Mutter eingesetzt wird, die sich an die Reproduktionsmedizin gewandt hat (oder in die der Mutter, die ihre Gebärmutter verliehen hat), wird eine genetische Präimplantationsdiagnose an einem dutzend Embryonen durchgeführt, um den „besten“ auszuwählen.

Genetische Präimplantationsdiagnostik folgt der Logik der Eugenik in jeder Hinsicht: Wenn wir auf die sich zunehmend öffnenden nationalen Gesetze in verschiedenen europäischen Ländern blicken, können wir sehen, wie sie mit Ausnahmen begannen, um die Übertragung ernsthafter genetischer Erkrankungen zu vermeiden, mit Krankheiten, die wahrscheinlich auftreten würden und schließlich zu solchen ästhetischen Fragen fortschritten wie schielenden Augen [2].

Wir beobachten eine zunehmende Ausweitung genetischer Präimplantationsdiagnostik: In Frankreich wurde die Anwendung des vorherigen Gesetzes zur Bioethik (2004) von der Feststellung einer unheilbaren Krankheit bei einem Elternteil auf die Feststellung einer schwerwiegenden Krankheit mit spätem Ausbruch bei einem direkten Vorfahren ausgedehnt, und das war ein großer Schritt. Nun wird die Legalisierung von „Reproduktionsmedizin für alle“, wie sie vom jüngsten französischen Bioethik-Gesetz  [3] festgelegt wird, nicht nur Single-Frauen und lesbischen Paaren das Recht einräumen, Gebrauch von Reproduktionsmedizin-Techniken zu machen, inklusive der In-Vitro-Fertilisation, sondern allen, die davon Gebrauch machen wollen. Dieser Schritt wird mit dem Kunststoffschlauch zur Befruchtung beginnen und mit der genetischen Selektion von Embryos enden, nachdem die künstliche Reproduktion des Menschen auf alle ausgedehnt wurde. Man muss sich in Erinnerung rufen, dass wir uns in einem medikamentierten Kontext befinden, in dem die Wartezeit für die Definition einer Frau mit Unfruchtbarkeit von zwei Jahren auf sechs Monate gekürzt wurde, einem Kontext, in dem die Mutterschaft zunehmend verschoben wird, in dem 35- bis 37-jährige Frauen, die Angst haben, nicht mehr in der Lage zu sein, schwanger werden zu können, sich nach der gesetzlich festgelegten Wartezeit von sechs Monaten nach künstlicher Befruchtung umsehen. Nach nur drei Zyklen erfolgloser künstlicher Besamung führt der medikalisierende Trend zu einer In-Vitro-Fertilisation mit der intrazytoplasmatischen Injektion des Spermazotoons.

In den Vereinigten Staaten können Paare, die nicht unter Fruchtbarkeitsproblemen oder der Übertragung genetischer Krankheiten leiden, in eine Reproduktionsklinik gehen, mit dem einzigen Zweck, eine In-Vitro-Fertilisation mit Selektion der Embryos durchzuführen: sie können sogar einige Eigenschaften wählen, wie das Geschlecht und die Augenfarbe.

Die wichtige Veränderung in der französischen Gesetzgebung und ein Blick auf andere Länder veranschaulichen den globalen Trend in Richtung einer verallgemeinerten künstlichen Reproduktion des Menschen.

Freiwillige Unterwürfigkeit

Eugenik hat nicht das Gesicht eines Diktators, sie wird nicht erzwungen, sie trägt das Gewandt der freien Entscheidung. Die demokratische und fortschrittliche Linke treibt sie bereits mit der Rhetorik von Prophylaxe, Gesundheit, Zugang aller zu Technologien, Freiheit, Selbstbestimmung und Anti-Diskriminierung voran. Eine demokratische und konsensbasierte Eugenik.

Gesundheitsprobleme werden als Hebel benutzt, um In-Vitro-Fertilisation und Präimplantationsdiagnostik anzupreisen und sie sozial zu etablieren. Tatsächlich ist es eine Art von Erpressung mögliche genetische Krankheiten des zukünftigen Kindes aufzubringen oder eine ständig sinkende Fruchtbarkeit, besonders aufgrund von Pestiziden, Mikroplastik und elektromagnetischen Wellen.

Präimplantationsdiagnostik wird als notwendig dargestellt um schwerwiegende Krankheiten zu vermeiden, während sie tatsächlich die Türen für eine flächendeckende Eugenik öffnet. Von einer genetischen Selektion zur nächsten, in Richtung eines auf Bestellung hergestellten Kindes, all das hinter der Maskerade bester Intentionen versteckt. Von Paaren mit Fruchtbarkeitsproblemen zu fruchtbaren Paaren mit Problemen aufgrund von genetisch vererbbaren Krankheiten wird Reproduktionsmedizin Schritt für Schritt ohne Grenze auf alle ausgeweitet, indem die Rhetorik der Anti-Diskriminierung gebraucht wird und natürlich jedem erlaubt wird, auf sie zuzugreifen: Das techno-industrielle System stellt sich selbst als Verfechter der Gleichheit dar.

„Das ‚Recht ein Kind zu bekommen‘ für Menschen mit biologischer Unfruchtbarkeit oder aufgrund der chemischen und industriellen Vergiftung der Umwelt, für Single-Frauen oder gleichgeschlechtliche Paare wird heute als ein Vorwand gebraucht, die künstliche Reproduktion zu generalisieren und dient den Plänen und Prozessen von eugenischen und transhumanistischen Wissenschaftler*innen, indem es zur neuen Norm wird.“ [4]

Es gibt eine Mutter, die ihren Uterus verleiht, eine genetische Mutter, die ihre Eizellen verkauft und eine Kunden-Mutter: Die Grenzen des Konzepts der Mutter werden ausgeweitet, um es undefinierbar und folglich absolut bedeutungslos zu machen. Wenn alle Mütter sein können, dann ist es niemand mehr.

Mit der „vorsätzlichen Mutter“, den „vorsätzlichen Eltern“, dem „Elternschaftsplan“ und der „Absichtserklärung“ hat der Mensch keine Herkunft, er wird auf die eugenische Vereinigung von Eizelle und Spermium reduziert, aus dem narrzistischen und selbstsüchtigen Wunsch nach einem Kind zu jedem Preis eines Konsumenten, der es in manchen Ländern bereits auf Bestellung nach seinem Geschmack produzieren lassen und durch die Auswahl bestimmter Eigenschaften programmieren kann.

Die Linke und ein großer Teil der LGBT*QIAAP-Bewegung haben die Werte des Bio-Marktes, in dem alles, inklusive des Körpers, eine Ware ist, übernommen und sie unterstützen Leihmutterschaft und Reproduktionsmedizin mit der Rhetorik der Freiheit und Selbstbestimmung. Allerdings ist die künstliche Reproduktion des Menschen nicht wirklich Gleichheit für Minderheiten. Was sie eigentlich ist, ist die Unterwerfung aller unter das techno-wissenschaftliche System und „Reproduktionsmedizin für alle“ ist kein Slogan der Emanzipation, es ist die Zukunft zu der wir verdammt sein mögen. Reproduktive Freiheit kann uns nicht durch Laboratorien gebracht werden. Wie jedes Wesen, das in diesen Räumen entworfen und neu-designed wurde, ist was immer dabei herauskommt etwas anderes. Wir werden geboren, nicht hergestellt und wir werden von Frauen geboren.

Reproduktionsmedizin: Der Pfad des Transhumanismus

Künstliche Reproduktion basiert darauf den reproduktiven Prozess herunterzubrechen und in Abschnitte zu zerlegen. Diese Fragmentierung beinhaltet die Eizelle einer Frau zu nehmen und sie einer anderen einzusetzen, als ob sie etwas Austauschbares wäre, und dabei einen Teil des Reproduktionsprozesses, der nicht länger im Körper der Frau stattfindet, sondern auf einem Objektträger und in einem Reagenzglas, in die Hände der Techniker*innen zu legen. Der Augenblick der Befruchtung wird zu einem technischen Vorgang in einem Laboratorium und „Reproduktion wird zur Produktion des Lebendigen, inklusive all der Instrumentalisierung, die das mit sich bringt“. [5] In der Logik der künstlichen Reproduktion werden Männer und Frauen zu bloßen Lieferant*innen von Keimzellen reduziert, die ausgewählt, manipuliert und ersetzt werden können. Ebenso wie der Mann und die Frau ersetzt und folglich eliminiert werden können, wenn wir an die Erforschung künstlicher Gebärmuttern denken. Der Embryo wird zu einem „Produkt“ und ein „Produkt“ kann jeder Art von Experiment unterzogen werden und muss so gut wie irgendwie möglich, defektfrei sein.

Reproduktionsmedizin ist das trojanische Pferd des Transhumanismus, weil sie die Möglichkeit künstlicher Reproduktion für alle eröffnet und die logische Konsequenz dessen die beständige Verbesserung des „Produkts“ sein wird.

Transhumanistische Projekte begannen in Forschungszentren zu Tierklonung, mit dem Ziel die natürliche Evolution mit einer künstlichen Evolution zu ersetzen. Im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Menschen sind Menschen von Geburt an zur Ware geworden, einem Produkt der Körperschaft des Lebens und der Gentechnik, bloß zu einer eugenischen Montage und einem genetischen Code, der modifiziert und redesigned werden kann.

Bisher gibt es keine genetisch modifizierten Kinder, aber in China wurde die Schwelle der veränderten Babys überschritten und es gibt kein Zurück, nachdem eine solche Grenze überschritten wurde. In der Zwischenzeit wird die Idee verbreitet, dass es vorzuziehen wäre, die Reproduktion den Techniker*innen und der Technologie zu überlassen, dass die zukünftige Tochter eine besser genetische Ausstattung bekommen solle, als sie von ihren Keimzellenspender*innen bekommen könnte.

Bereits im Jahr 2016, als eine Gruppe schwedischer Forscher*innen des Karolinska-Instituts in Stockholm das Genom gesunder menschlicher Embryos modifiziert haben, verkündeten Teile der Forschungsarbeit, dass der Zweck der Modifikation die „Verhinderung der Vererbbarkeit einer bestimmten genetischen Krankheit [sei]. Später kann man noch weiter gehen. […] Es gibt keinen Grund das abzulehnen. Die Technik der Erbgutveränderung ist nicht an sich unmoralisch, tatsächlich besitzt sie das Potenzial eine alternative Strategie für Eltern zu werden, um eine größere Bandbreite an Zielen zu erreichen“.

Ein fundamentaler Schritt in diese Richtung war die Erklärung des britischen Bioethik-Ausschusses [6] von 2018, in der er erklärte, dass „der Einsatz von vererbbaren Interventionen der Genveränderung ethisch völlig vertretbar [sei]“.

Die Botschaft ist eindeutig: Es gibt keinen gültigen ethischen Grund, um in einer nicht allzu fernen Zukunft die Hypothese auszuschließen, dass der genetische Code des Menschen verändert werden darf. Der Weg dorthin ist nur allzu offensichtlich: Freie Fahrt für die Forschung, grünes Licht von den verschiedenen Bioethik- und Sicherheits-Ausschüssen und -Körperschaften, Legalisierung dessen und Anwendung am Menschen. Der Schritt hin zum Menschen war von außen betrachtet offensichtlich von dem Moment an, als sie Dolly folterten.

Experimentelles zootechnisches Labor

Mit der neuen CRISPR/CAS-9-Gentechnik-Technologie wurden Genkorrekturen – Genveränderung – möglich. Diese Technologie wurde entwickelt, um Gemüse, Haus- und Labortiere zu verändern, für Gentherapien mit besonderem Augenmerk auf die mögliche Verwendung zur Modifizierung der menschlichen Keimbahn.

Es ist kein Zufall, dass genau der Forscher, der in Frankreich die Geburt des ersten Reagenzglasbabys zuwege gebracht hatte, vorher im Bereich der Zootechnik arbeitete, um die Milchproduktion von Kühen zu erhöhen. Die Geschichte der Zootechnik sollte uns etwas lehren. Techniken der künstlichen Befruchtung, hormonelle Manipulationen des Ovulationszyklus, Embryo-Verfahren, Kryokonservierung von Embryonen und Spermien wurden entwickelt um die Tiere im Hinblick auf ihr Wachstum und die Experimentierung mit ihnen tauglich zu machen, um sicherzustellen, dass sie bestimmte Eigenschaften besitzen. Eugenische Technologien setzten dann den Prozess fort, Tiere in Werkzeuge der Produktion zu verwandeln, in Produkte, in Testobjekte: der tierische Körper wurde zu einem austauschbaren Modell der Spezies. Zootechnik, „eine wahrhaft angewandte Wissenschaft, die darauf abzielt ‚einkommen-produzierende‘ Tiere für das moderne Massenproduktionssystem zu erzeugen“ [7] wurde zu einem massiven Laborversuch und die wichtigsten Errungenschaften der Transgenetik und des Klonens stammen daher.

Die Propaganda der Genveränderung hat bereits begonnen

Da man bereits dank besserer Selektion einen Embryo aussuchen kann und andere Eigenschaften wie Geschlecht oder Augenfarbe wählen kann, warum sollte man, wenn es möglich wäre, diese herzustellen, nicht auch Gene hinzufügen, um ihn zu „verbessern“? Und warum sollte man nicht allen erlauben, davon Gebrauch zu machen? Es wäre doch diskriminierend, wenn es nur den Träger*innen genetischer Krankheiten erlaubt wäre, den Embryo auszuwählen oder ihn sogar genetisch zu verändern! Ausgehend von der Reproduktionsmedizin für alle, entstünde der Ruf nach genetischer Modifikation für alle! Für die Gleichheit der Gesunden und der Kranken, der Homosexuellen und Heterosexuellen, von Frauen und Männern! Und unter dem Vorwand der Diskriminierung würde jede*r, die*der die genetische Veränderung von Embryonen – sowie Leihmutterschaft und Reproduktionsmedizin – kritisiert beschuldigt werden, Reaktionär*in zu sein.

Welches Kriterium wird bestimmen, welche Krankheit oder welche angebliche Krankheit zu den Fällen gehört, für die genetische Modifikationen festgelegt sind? Wie weit wird das medikalisierte Spektrum reichen, das Launen oder bloße Störungen betrachtet, als wären sie Krankheiten, denen pharmazeutische und genetische Beachtung geschenkt werden müsse? Es wird mit schwerwiegenden Pathologien anfangen, aber diese Technologien lassen viel mehr zu, werden sie auf diese beschränkt bleiben? Die Propaganda mit ihrer Rhetorik der Diskriminierung und Gleichheit wird die Tore für Genmanipulationen für Alle öffnen. Was das Thema der Genetik mit Eingriffen in die Keimlinie angeht, wo wird die Grenze zwischen therapeutischer Genetik und „Verbesserungen“ gezogen werden? Zuerst wird diese Grenze das finanzielle Vermögen sein: „Verbesserungen“ erhalten diejenigen, die sie sich leisten können, aber das wird nicht zu einem biologischen Klassenkampf führen – diese Technologien werden schnell verfügbar werden. Die Frage wird nicht länger der Unterschied zwischen Therapie und Verbesserung des menschlichen Genoms sein, da die Verbesserung etwas gegebenes sein wird. Wenn eine zunehmende Anzahl an Menschen sich auf Reproduktionsmedizin und später genetischen Veränderungen einlässt, wird es schwer, wenn nicht unmöglich sein, sich ihrer zu verweigern: Der soziale Druck wird zu stark sein.

Ein sozialer Konsens und eine soziale Akzeptanz sind für alle Entwicklungen der techno-wissenschaften notwendig. Konsens wird stets durch Versprechen, Sehnsüchte, Ängste, Gesundheitsrisiken und Sicherheit erzeugt. Diese Propaganda hat bereits begonnen: Der transhumanistische Forscher Giuseppe Testa beschreibt in einer Vorlesung zu Genveränderungen die größte Studie zur Architektur der menschlichen Intelligenz, in der 78.000 Individuen miteinander verglichen wurden und in der den Forschern zufolge zwischen 30 bis 40 verschiedene Gene als zur Intelligenz beitragend identifiziert wurden: „Sagen sie, dass diejenigen, die diese besitzen cleverer wären? Nein, aber sie könnten etwas beitragen. Wir machen so viele Dinge und wir lassen unsere Kinder so viele Dinge machen, ohne dass wir uns darüber im Klaren wären, was wir da tun; es ist eine Chance, sie sind Optionen auf dem Spieltisch, sollten wir auch diese Karte ausspielen? Vielleicht kann man alle vierzig dieser Varianten verändern, wenn man fünftausend Euro mehr ausgibt; garantiert dir das, dass das Kind intelligenter sein wird? Nein, aber selbst wenn du das Kind auf eine Eliteschule schickst hast du keine Garantie dafür und wenn du reich bist, kannst du vielleicht beides tun.“

Metamorphose

Es findet ein Wandel statt, der so tiefgreifend ist, dass er den Charakter einer Metamorphose hat. Metamorphose ist etwas grundverschiedenes zu einem Wandel. Während eines Wandels ändern sich einige Dinge, andere jedoch bleiben gleich, während eine Metamorphose eine totale und radikale Transformation ist, die alles betrifft, was den Menschen und alles lebendige ausmacht. Diese Metamorphose wird unumkehrbar sein, wenn sie erst einmal abgeschlossen ist.

Was passiert ist eine anthropologische Metamorphose des Menschen. In der Maschinenwelt, die errichtet wird, wird das Individuum zunehmend angepasst sein – ein Maschinen-Mensch in einer Maschinen-Welt. Das techno-wissenschaftliche System macht einen Menschen erforderlich, der so anpassbar und formbar wie nur möglich ist: Deshalb ist es sein Ziel Identität, Werte, Referenzpunkte, Erinnerungen an die Vergangenheit, solide Bande der Gemeinschaft und Familie zu zerstören. Ein neutrales Individuum für ein neues anthropologisches Modell, ein Individuum ohne Identität, Erinnerung, Werte, Solidaritätsbande zwischen Gemeinschaft und familiäre Solidaritätsbande ist ein leeres, fragiles Individuum ohne jede Aussicht, ohne Vergangenheit und Zukunft, nur ein ewiges Präsens, das leicht mit Sehnsüchten und Bedürfnissen gefüllt werden kann, die perfekt mit dem Bio-Markt und dem Transhumanismus übereinstimmen.

Ein nie endender Drang nach Selbstperfektionierung, nach neuen Leistungen jedweder Art, der niemals ausgeht oder endet: Neue Bedürfnisse werden unablässig geschaffen und Produkte oder Prozesse mit denen sie befriedigt werden können werden immer zur Verfügung gestellt werden. Wenn der Körper selbst zu einer Ware wird, verändert sich alles, weil der Fetisch einer gewählten Freiheit sich in etwas vorausgewähltes verwandelt, alles beginnt mit dem Individuum, das seinen neuen Käfig der Ausbeutung und Selbstausbeutung erbauen kann. Die Leistungslogik basiert nicht auf Pflicht und Auferlegung, sondern auf Selbstzwang, der besser funktioniert als Zwang von außen und auf der Macht des Individuums, das zu seinem eigenen Unternehmer wird.

Der Körper selbst, in seiner materiellen Realität, wird fluide, unterschiedslos, protetisch, porös, grenzenlos, formbar und unendlich manipulierbar. Sich selbst von seinem Körper zu befreien ist die Krönung des Transhumanismus.

Lasst uns stattdessen eindeutig die Linie bewahren, die das organische von dem anorganischen trennt, elektronische Schaltkreise von Nervensystemen, das Leben vom Tod, die Natur vom Künstlichen. Das Leben kann nicht hergestellt werden, Craig Venters künstliche Bakterien wurden nicht aus Nichts hergestellt. Das lebendige wird geboren, entflieht, pocht, schlüpft, bewegt sich und wird niemals vollständig kontrollierbar sein. Das Leben und folglich auch Körper, der Körper, repräsentiert das Hinderniss für die absolute Herrschaft der Technologie. Lasst uns mit der Unverfügbarkeit von Körpern und des Lebendigen beginnen.

Die Zeit zu kämpfen ist jetzt

Wenn die irreversiblen Katastrophen genveränderter Kinder in Erscheinung treten, werden wir dann in der Lage sein, sie als das zu erkennen, was sie repräsentieren? Es wird nicht nur Tragödien hinischtlich der Gesundheit von Individuen geben, sondern wahrhafte Katastrophen, die die Gesellschaft als Ganzes treffen werden, weil sie die Welt um uns herum verändern werden. Wenn die Menschen dem techno-wissenschaftlichen System nicht nur die Verwaltung ihrer Gesundheit gewähren werden, sondern auch die totale Verwaltung jedes ihrer Lebensbereiche, ihrer Körper und ihrer Fortpflanzung, dann wird es schwer sein, eine Kritik zu üben, die nicht als verrückt betrachtet werden wird, weil wir dann das bekämpfen werden, was als normal begriffen und gelebt werden wird. Von dem Moment an, in dem techno-wissenschaftliche Entwicklung möglich wird, wird eine Praktik akzeptabel, schlicht weil sie machbar ist: Was zuvor undenkbar und inakzeptabel war, wird zum Normal.

Das techno-wissenschaftliche Paradigma erfordert die Möglichkeit der Ersetzung oder künstlichen Neuerschaffung des Rohmaterials, das das System aus unseren Körpern gewinnt, aus den Körpern anderer Tiere und von ganzen natürlichen Ökosystemen, das es die ganze Zeit benötigt. Eine Nachbildung, um mit der Begrenztheit und der Zerstörung des Lebendigen fertig zu werden. Allerdings impliziert die synthetische Ära nicht nur ein radikales Neudesign der Welt um uns herum, sie bedeutet auch ein dramatisches Neudesign von uns selbst. Der Mensch ist der ultimative Zweck des kybernetischen und transhumanistischen Projekts.

Der kommodifizierte Mensch wird zur menschlichen Ware. Der Mensch im Zeitalter seiner technologischen Reproduzierbarkeit wird als Ware geboren, die bereits von der Lebens- und Gentech-Industrie hergestellt wird. Er ist nicht länger kommodifizierbar, weil er bereits von Geburt an, eine Ware ist.

Um eine Gegenhaltung zu entwickeln müssen wir zuerst eine Ware erkennen; aber wie sollen wir das zun, wie sollen wir eine technologische Invasion von Körpern bemerken, eine genetische Manipulation, wenn diese das Leben bereits von seinen ersten Augenblicken an ausmachen? Eine neue Norm wird das zur Normalität machen, was vom Leben am weitesten entfernt ist, von seinen Unbestimmtheiten, Grenzen, von seinem Unerwarteten.

Wenn wir in einer Maschinenwelt geboren werden, wenn die Natur nachgeahmt und technisiert wird, wird selbst die notwendige Basis für das Verständnis der Möglichkeit einer anderen Welt verloren gegangen sein. Der Transhumanist Bostrom sagt: „Zu den wichtigsten möglichen Entwicklungen gehören die, die uns in die Lage versetzen unsere Biologie direkt mit technologischen Mitteln zu verändern. Solche Interventionen können uns grundlegender beeinträchtigen, als die Veränderung von Vorstellungen, Angewohnheiten, der Kultur und der Bildung.“ [8]

Wenn wir wollen, dass unsere Handlungen die Gegenwart beeinflussen, müssen wir Prioritäten setzen, tief in uns den Drang verspüren zu handeln. Aber um zu handeln brauchen wir ein sorgfältiges und klares Verständnis der Realität um uns herum. Wir müssen die Veränderungen, die um uns herum geschehen verstehen, um einen flüchtigen Blick auf die Richtung zu erhasschen, in die sich die Macht bewegt, bevor sie vollständig abgeschlossen sind. Wir müssen uns fragen, wohin sich diese Richtungen verdichten und worauf sie abzielen. Eine Analyse der Gegenwart mit einem Auge auf die Zukunft gerichtet, die näher und näher rückt, ist essentiell, wenn wir den Pfad verstehen wollen, den wir einschlagen müssen. Wenn wir uns nicht jetzt gegen das System wenden, auf seinem eigenen Terrain, werden wir bald plötzlich erwachen, wenn wir der harten Realität einer Zukunft ins Auge blicken, von der wir gedacht hatten, dass sie noch in weiter Ferne liege, die aber tatsächlich zur Gegenwart geworden ist. Die Zeit, zu beginnen diese Prozesse zu bekämpfen ist jetzt.

März 2020

 


[1] Nuffield Council on Bioethics, im Dokument Genome editing and human reproduction: social and ethical issues, http://nuffieldbioethics.org/wp-content/uploads/Genome-editing-and-human-reproduction-short-guide-website.pdf

[2] 2007 erlaubte die Britische Behörde für ART den Zugriff auf Präimplantationsdiagnostik, um die Geburt von schieläugigen Kindern zu verhindern.

[3] Guerini Silvia, Considerazioni intorno alla nuova legge francese di bioetica, https://www.resistenzealnanomondo.org/necrotecnologie/biotecnologie/considerazioni-intorno-alla-nuova-legge-francese-di-bioetica-e-aperta-la-strada-alla-riproduzione-artificiale-dellumano-contro-leugenetica-e-lantropocidio-riaffermiamo-con-forza-lindisponib-2/,
Pièces et main d’œuvre, Alertez les bébés ! Objections aux progrès de l’eugénisme et de l’artificialisation de l’espèce humaine, http://www.piecesetmaindoeuvre.com/spip.php?page=resume&id_article=1191

[4] Against eugenics and anthropocide. AN APPEAL TO ABOLISH ANY ARTIFICIAL REPRODUCTION OF THE HUMAN BEING, https://www.resistenzealnanomondo.org/necrotecnologie/against-eugenics-and-anthropocide-an-appeal-to-abolish-any-artificial-reproduction-of-the-human-being-2/; http://www.piecesetmaindoeuvre.com/spip.php?page=resume&id_article=1200

[5] Collins Françoise, La fabrication des humains, Persée, 1987

[6] Nuffield Council on Bioethics, im Dokument Genome editing and human reproduction: social and ethical issues, http://nuffieldbioethics.org/wp-content/uploads/Genome-editing-and-human-reproduction-short-guide-website.pdf

[7] Pivetti Cristiana, Dall’addomesticamento alla manipolazione e riproduzione dei corpi animali,in Meccanici i miei occhi, nati in laboratorio, dall’utero in affitto alla manipolazione genetica, Ortica edizioni, 2019.

[8] N. Bostrom, The Future of Humanity, in New Waves in Philosophy of Technology, ed. J.B. Olsen & E. Selinger, http://www.nickbostrom.com/papers/future.pdf


[Übersetzung aus dem Englischen: The Artificial Reproduction of the Human: the Road of Transhumanism in 325 #12]

„Bis in ihre inneren Gemächer“

Es wird oft angenommen, dass die Ideale der Aufklärung, des Rationalismus, des Liberalismus und der Fortschritt durch die Wissenschaft mit der Befreiung von Frauen verbunden sind. Auch Reproduktionstechnologien als Teil der Medizin werden als reiner Vorteil für Frauen betrachtet, die ihnen reproduktive Wahlfreiheit und Kontrolle über ihr Leben verleihen. Auch wenn darin eine gewisse Wahrheit liegt, so gibt es doch eine Schattenseite der liberalen Agenda, die bis zu den Ursprüngen der modernen Wissenschaft in der Wissenschaftlichen Revolution des 17. Jahrhunderts zurückverfolgt werden kann. Diese Revolution markierte einen Wandel der grundlegenden Weltanschauungen in der gesamten europäischen Gesellschaft und die Begründung der technokratischen, kapitalistischen Moderne.

Die mittelalterliche Welt

[Die mittelalterliche Weltanschauung Europas] betrachtete die Erde/Natur als weiblich und als ein an sich lebendiges  und vernetztes Ganzes. Es gab unterschiedliche Ausprägungen dieser Philosophie, einschließlich der Betrachtung der Alchemist*innen, die die Welt als eine Einheit gegensätzlicher und gleichwertiger männlicher und weiblicher Prinzipien betrachteten. Während das männliche Prinzip das aktive war, wurde das weibliche als das passive und fürsorgliche betrachtet. Zum Beispiel wurde geglaubt, dass der Himmel männlich war und die Erde durch Regen (Samen) befruchtete. […] Die mittelalterliche Weltanschauung spielte eine bedeutende Rolle darin, die uneingeschränkte Ausbeutung natürlicher Ressourcen zurückzuhalten. Zum Beispiel existierte in der mittelalterlichen Weltanschauung unsere Unterscheidung zwischen organischen und anorganischen Substanzen nicht: Man glaubte, dass Metalle von den Aussonderungen des erdlichen Mutterleibes gebildet wurden. Als die Marktwirtschaft aufkam und mit ihr der Bedarf an Mineralien, gab es im 16. Jahrhundert große Debatten um die Akzeptanz von Bergbau, wobei die Gegner*innen ihn nicht nur als die Sünde der Gier beschrieben, sondern auch als Vergewaltigung von Mutter Erde. Die Befürworter*innen antworteten darauf, indem sie die Natur als böse Stiefmutter darstellten, die sich weigere, ihre Kinder zu ernähren.

Organische Metaphern durchdrangen auch das politische Denken, wobei das Bild des „Staatskörpers“ sehr wörtlich genommen wurde. Während der Adel hierarchischen Philosophien anhing, die die aktive Rolle des Kopfes betonten, betrachteten Vitalist*innen wie Paracelsus Aktivität und Veränderung als der Natur innewohnend, was sich in einer [radikalen] Politik äußerte, die zu seiner Verfolgung durch verschiedene Staaten in Europa führte. In der Übergangsperiode, in der die Stabilität der mittelalterlichen Ordnung unter der Last des aufkommenden Marktkapitalismus zusammenbrach, hatten die Beziehungen zwischen metaphysischen Vorstellungen von Natur, Geschlecht, Politik und Fragen der politischen Macht eine große Bedeutung. Der Zusammenbruch der alten Ordnung und der damit einhergehende soziale Aufruhr lösten eine weitverbreitete Existenzangst aus, inklusive Ängsten vor Chaos, Anarchie und selbst einem Zerfall der Gesetze der Natur. Die destruktive Seite der Natur (Plagen, Hungersnöte, Unwetter) wurde in den Vordergrund gestellt und mit der männlichen Angst vor der widerspenstigen und gefährlichen Kraft weiblicher Sexualität verknüpft.

Folglich begann die jüdisch-christliche Vorstellung der Herrschaft des Mannes über die Natur und die Frauen Anhänger*innen zu finden und wurde von einem Backlash gegen Frauen begleitet, die versuchten ihren mittelalterlichen Rollen zu entfliehen und sich einen Platz in der neuen kommerziellen Wirtschaft zu suchen. Diese Politik kann sehr deutlich beispielsweise in Miltons Paradise Lost beobachtet werden. Auf der politischen Ebene der Eliten wurde der Konflikt in John Knox‘ First Trumpet Blast Against the Monstrous Regiment of Woman ausgetragen, einer Polemik gegen die drei katholischen Königinnen Marys von Schottland und England, die die aristotelische Orthodoxie unterstrichen, dass das männliche Prinzip des Geistes über das weibliche herrschen solle, um die Ordnung im Kosmos aufrechtzuerhalten. Für Frauen der niedrigeren Klassen nahm der männliche Backlash die gewaltsamere Form der Hexenverfolgungen an, die ein Angriff der Hierarchie der Kirche gegen [das Heidentum] waren.

Die Geburt der Technokratie

Die aufkommende mechanistische und wissenschaftliche Philosophie des 17. Jahrhunderts kristallisierte sich erstmals in den Schriften von Francis Bacon [1], der als Generalstaatsanwalt von England persönlich in die Hexenprozesse verwickelt war. Bacons größter Beitrag war die Idee der empirischen Methode der Wissenschaft und ein striktes Beharren auf induktiver Argumentation, d.h. auf das Argumentieren ausgehend von Beobachtungen in der Natur und den Ergebnissen von Experimenten statt der abstrakt-logischen Theorienbildung, die die Philosophie des Mittelalters ausgemacht hatte. Bacon, der ein großer Enthusiast der neuen „Handwerkskünste“ war, drückte als erster die Leitlinie der Technokratie aus – „Wissen ist Macht“. Indem er Aristoteles‘ Ansatz der Naturgeschichte hinsichtlich der Entdeckung von Erkenntnissen über die Natur kritisierte, betonte Bacon, dass die Natur die in ihrem Mutterleib und Schoß verborgenen Geheimnisse nicht preisgeben würde, außer wenn man sie durch die Interventionen der Wissenschaft „dazu bringe“, was er oft mit den Techniken der Staatsanwälte und Inquisitoren verband. Er bezieht sich auf die Natur oft als eine Hure, die durch die Wissenschaft gewaltsam gebändigt werden müsse. In seiner Utopie New Atlantis beschreibt er eine voll entwickelte politische Technokratie (z.B. eine Gesellschaft, die von Wissenschaftlern regiert wird), die vom Vater ihres wissenschaftlichen Instituts, das „Haus Salomons“, beherrscht wird.

Bacons Philosophie fand bei den aristokratischen Gründern der Royal Society [ein naturwissenschaftlicher Verein; Anm. d. Übers.] Anklang. 1664 beispielsweise verkündete Henry Oldenburg, der Vorstand der Gesellschaft, dass es seine Absicht sei, eine „maskuline Philosophie aufzustellen … wobei der Verstand des Mannes mit dem Wissen der verlässlichen Wahrheiten geadelt werden soll.“ Ungeachtet ihrer Betrachtung der Natur als bloße tote Materie fuhren solche Schreiber fort, die Natur als weiblich zu identifizieren. Robert Hooke beispielsweise betrachtete Materie als das „weibliche oder mütterliche Prinzip„, das „ohne Leben oder Bewegung, ohne Form und leer, dunkel und Macht, die von sich aus vollkommen inaktiv ist, bis sie vom zweiten Prinzip, das den Pater repräsentiert, befruchtet wird.

Diese Wissenschaftler waren eindeutig darin, dass der wissenschaftliche Ansatz gegenüber der Natur kraftvoll sein müsse und ihre Schriften sind voller sexueller Metaphern. Bacon behauptete, dass die Männer Frieden untereinander schließen müssten, um ihre „vereinten Kräfte gegen die Natur der Dinge“ zu wenden, „um ihre Burgen und Festungen zu erstürmen und zu besetzen.“ Anstatt in den „äußeren Höfen der Natur“ zu verbleiben, hielt Bacon seine Anhänger dazu an, „weiter einzudringen … bis in ihre inneren Gemächer.“ John Webster, ein etwas späterer Autor, argumentierte, dass ein solcher Ansatz nötig sei, um „ihre Kammer zu entriegeln“ und Oldenburg wiederholte diesen Tonfall, indem er argumentierte, dass Wissenschaftler „vom Vorzimmer der Natur bis in ihre innere Toilette eindringen“ müssten. Obwohl sich moderne Wissenschaftler*innen nicht offen in solchen Begrifflichkeiten ausdrücken, können auch in den Schriften von Wissenschaftler*innen des gesamten 19. und 20. Jahrhunderts Beispiele dafür gefunden werden.

Während dieser Periode unternahmen männliche Ärzte die erste von vielen Wellen der Verdrängung weiblicher Hebammen von der Begleitung der Geburten. Allerdings war ihr wissenschaftliches Selbstbewusstsein nicht im Einklang mit ihrem Verständnis davon, wie menschliche Reproduktion funktionierte. Indem sie die vom Patriarchat übernommene Annahme wiederholten, dass das aktive Prinzip im männlichen „Samen“ liege, bestanden diese Autoren darauf, dasss das Ei und der Mutterleib nichts anderes als passive Behältnisse für den Samen seien, die keinerlei Beitrag zu den Eigenschaften des Kindes leisten würden. Es ist geradezu ironisch, dass mein Exemplar von Carolyn Merchants The Death of Nature, der klassischen Beschreibung der misogynen Philosophie der Wissenschaftlichen Revolution, von seinen Herausgeber*innen als eine „fruchtbare“ [spermatische] (anstatt einer ovularen) Arbeit beschrieben wird.

In Bacons Vorstellung der Natur, sowie in der des anderen Schlüsselphilosophen der Wissenschaftlichen Revolution, René Descartes, ist Materie grundsätzlich passiv und bewegt sich oder verändert sich nur als Resultat einer äußeren Kraft, die als das Prinzip oder der Geist von Gott identifiziert wird. Das folgt den früheren aristokratischen Vorstellungen der Gesellschaft und des Kosmos: Es war kein Zufall, dass die erste wissenschaftliche Körperschaft den Namen „Royal Society“ [dt. etwa königliche Gesellschaft] trug. In der Mitte des 17. Jahrhunderts entwickelte sich mit der Arbeit von Isaac Newton und den Gründern der Royal Society ein „Billardkugel“- oder ein Uhrwerk-Modell der Natur zur dominanten Vorstellung des wissenschaftlichen Denkens, das im Einklang mit Descartes und Bacons mechanistischem Modell des Universums stand. Es war diese „Entzauberung“ der Natur, die den technokratischen Trieb nach vollständiger Kontrolle und die kapitalistischen Projekte der grenzenlosen Ausbeutung natürlicher Ressourcen legitimierte.

Die Grundlage der wissenschaftlichen Haltung zur Natur liegt in der Distanzierung des wahrnehmenden Subjekts von seinem [mask.] Objekt (Natur), eine Durchtrennung der Beziehung zwischen dem Wissenschaftler und der Natur, die genau das ist, was Wissenschaftler als notwendig beschreiben, um „Objektivität“ zu erlangen. In den 1660ern wurde dieser vergeschlechtlichte Unterschied sehr deutlich in den berühmten Experimenten zum Vakuum wiedergespiegelt, als die Wissenschaftler*innen einen Vogel in eine Glasglocke sperrten und dann die Luft absaugten und den Vogel dabei töteten. Gemäß zeitgenössischer Erzählungen protestierten weibliche Beobachter*innen vehement dagegen und zwangen die Männer, die Experimente in der tiefen Nacht durchzuführen, nachdem die Frauen zu Bett gegangen waren. Es ist diese Distanzierung des Subjekts vom Objekt, die die Frauenbewegung in ihrer zweiten Welle im späten 20. Jahrhundert als den „männlichen Blick“, durch den die Männer die Frauen objektifizieren, identifizierten.

Reproduktive Technologien

Dem technokratischen Projekt der Kontrolle über die Natur gelang es bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nicht, die menschliche Reproduktion in den Griff zu bekommen, bis es in Form der Eugenikbewegung auftrat. In dieser Periode war die Technokratie eine offen politische Bewegung von Wissenschaftlern und Ingenieuren, die argumentierten, dass die Probleme der Verwaltung der industriellen Gesellschaft zu komplex seien, um demokratischen Prozessen überlassen zu werden und dass die Verwaltung der Gesellschaft ihrer „apolitischen“ Führung anvertraut werden solle. Die Eugenikbewegung war eng mit der Technokratischen Bewegung verbunden und im Gegensatz zu der Vorstellung, die wir von Eugenik als einem extrem rechten Phänomen haben, betrachteten sich die meisten Eugeniker*innen als progressiv und humanitär. Die Eugenik war Teil einer allgemeinen managerhaften Tendenz in der Politik, die als Resultat des Scheiterns des laissez-faire-Kapitalismus des 19. Jahrhunderts entstand, um mit dem sozialen Aufruhr der industriellen Massengesellschaft fertig zu werden. In ihrem Herzen stand das technokratische Konzept der sozialen Kontrolle durch die Kontrolle der Natur, insbesondere der Zufälligkeit und der Unordnung, die aus der menschlichen sexuellen Reproduktion entstanden. Eugeniker*innen würden immer damit beginnen, zu fragen: „Wie können wir der Zucht unserer Nutztiere so viel Aufmerksamkeit widmen und doch nichts für die menschliche Zucht tun?“ Aber ihr Ziel waren die weiblichen Körper und deren reproduktive Fähigkeiten, nicht die der Männer.

Die Geschlechterpolitik der Eugenik erscheint widersprüchlich, wenn man sie nicht als eine Form der Technokratie versteht, die grundlegend auf die rationale Kontrolle der Reproduktion abzielt. Einige ihrer Aspekte erscheinen sehr deutlich anti-feministisch und repressiv gegenüber Frauen, beispielsweise die Tendenz ledige Mütter zu sterilisieren. Es ist kein Zufall, dass in der klassischen eugenischen Studie über eine arme weiße US-Familie diejenige Jukes, die angeblich bewies, dass vier Generationen der Familie kriminelle, „schwachsinnige“, Prostituierte, etc. waren, die Vorfahrin, von der all diese Lasten der Gesellschaft abstammte, eine Frau war, Ada Jukes. Wenn sie nur sterilisiert worden wäre, argumentierten die Eugeniker*innen, wäre der Gesellschaft die Last der folgenden Generationen erspart geblieben. Ähnlich beinhaltete auch der Fall vor dem Obersten Gerichtshof, der das Recht der US-Staaten begründete, Personen zwangszusteriliseren, eine Frau, Carrie Buck.

Auf der anderen Seite bot die Eugenikbewegung (die immer auch aus einem großen Anteil von Frauen bestand) Frauen auch Vorteile: Es waren weibliche Eugenikerinnen, Margaret Sanger in den USA [2] und Marie Stopes in England, die die Pioniere der Geburtenkontrolle für Frauen waren und die beispielsweise die Family Planning Association gründeten. Stopes und Sanger argumentierten immer, dass sie die Frauen von der Bürde vielfacher Schwangerschaften und der Pflege großer Familien erlösen würden, und doch war ebenso klar, dass sich ihre Anstrengungen auf die „niederen“ Klassen richteten.

Die Integration der Eugenik in die Technologische-Kontrolle-Bewegung des 20. Jahrhunderts (Fordismus) wird am besten von Aldous Huxleys Roman Brave New World umrissen. Er ist am bekanntesten für seine Vision künstlicher Mutterleibe und künstlicher Klasseneinteilung durch die Dosierung von Alkohol, der den in Flaschen abgepackten Föten verabreicht wird. In dieser Welt ist der Begriff „Mutter“ eine Beleidigung, die etwas ekelerregendes beschreibt, während es den Frauen schlicht nicht erlaubt ist, Sex abzulehnen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Eugenik sich einen extrem schlechten Namen gemacht hatte, verlagerten sich die Anstrengungen der Eugenik auf die Bevölkerungskontrolle in der Dritten Welt. Abermals, auch wenn die Kontrolle ihrer Empfängnisfähigkeit für viele Frauen in diesen Ländern unzweifelhaft ein wahrer Vorteil war, enthült der Fokus auf die Reproduktion von schwarzen Frauen, die angeblich ein Weltbevölkerungsproblem verursachen würden und die zwanghafte Natur vieler Bevölkerungskontrollprogramme den eugenischen Charakter dieser Bewegung. In den 1970ern und 80ern setzt das Abzielen auf arme Frauen und Frauen of Color mit gefährlichen Langzeitverhütungsmitteln wie Norplant und Depo-Provera diese Politik fort. Auch wenn oft angenommen wird, dass rassistische und Zwangssterilisierungsprogramme ein Phänomen der Vergangenheit wären, zeigen jüngste Skandale in Israel [3] und den USA [4], dass dies nicht der Fall ist.

Während die unverhohlene Eugenik über das 20. Jahrhundert hinweg abnahm [– und bevor sie in versteckter Form als Transhumanismus im 21. Jahrhundert wiederkehrte –], wurde die menschliche Reproduktion zu einem zunehmend technologisierten Prozess, in dem Schwangerschaft und das Gebären zunehmend medikamentiert und hospitalisiert wurden und Geburtshilfe und Gynäkologie zu der Domäne von vorrangig männlichen Ärzten wurden, wobei Hebammen eine zunehmend untergeordnete Rolle spielen. Technologische Interventionen in die Reproduktion beinhalten hormonelle Verhütung und Fruchtbarkeitsmedikamente, sowie die katastrophalen Erfahrungen von Medikamenten wie DES und Thalidomid. Die Technologisierung der Reproduktion hat durch die Entwicklung des Ultraschalls und andere pränatale Screening-Programme ihre eigene Logik der Qualitätskontrolle erschaffen. Im Jahre 1979 gelang Robert Edwards, einem bekennenden Eugeniker und Vorstandsmitglied der British Eugenics Society, erstmals eine In-vitro-Fertilisation (IVF) [dt. etwa „Befruchtung im Reagenzglas“].

Die Antwort der Feminist*innen auf reproduktive Technologien fiel entsprechend ihrer Haltung zu Technokratie unterschiedlich aus. Beispielsweise versuchte die radikale Feministin Shulamith Firestone in den frühen 1970ern mit ihrem Buch The Dialectic of Sex eine Art marxistische Herangehensweise zu entwickeln, in dem sie für den Gebrauch der Technologie zur Befreiung von Frauen von der Bürde der Reproduktion als einzigen Weg Gleichheit für Frauen zu erlangen, argumentierte. Am meisten Bekanntheit erlangte Firestones Argument dafür, dass Wissenschaftler*innen wie in Huxleys Brave New World Ektogenese entwickelt sollten, d.h. künstliche Mutterleibe, in denen Babys außerhalb des Körpers heranwachsen können.

Im Gegensatz dazu entwickelte in den 1980ern ein internationales Netzwerk aus Feminist*innen namens The Feminist International Network for Resistance to Reproductive and Genetic Engineering (FINRRAGE) eine ökofeministische Kritik der Reproduktionstechnologie und argumentierte, dass diese Teil des patriarchalen Versuchs sei, sich die Körper von Frauen zu eigen zu machen und zu kontrollieren. Einige dieser Autor*innen theorisierten, dass dieser Trieb die weibliche Fruchtbarkeit zu kontrollieren aus den fundamentalen männlichen Unsicherheiten, die von ihrer marginalen Rolle im Reproduktionsprozess resultieren, stammten und argumentierten, dass die Technologisierung der Reproduktion zur Eliminierung der letzten weiblichen Domäne des menschlichen Lebens führe. Folgende Generationen feministischer Autor*innen und Redner*innen fuhren fort mit den Widersprüchen des technokratischen Prozesses, der Kontrolle vs. der Wahlfreiheit, zu kämpfen und Frauen kämpften gegen die Medikalisierung durch die natürliche Geburtenbewegung.

Einige derzeitige Geschlechterfragen der Reproduktiven Technologie

IVF: Obwohl In-Vitro-Fertilisation nun seit über 30 Jahren praktiziert wird und Millionen von Frauen diese durchführen ließen, gibt es noch immer eine Leerstelle in der Erforschung von Langzeitfolgen für Frauen. IVF ist eine stressige und invasive Prozedur mit beachtlichen kurzzeitigen Beeinträchtigungen der Gesundheit, besonders dem Ovariellen Überstimulationssyndrom. Dieser Zustand kann in seiner milden Ausprägung bis zu 30 % der Frauen beeinträchtigen und es gibt keine einhelligen Meinungen darüber, wie viele Frauen von den mittleren und schweren Formen betroffen sind, wobei die Zahlen von einem bis zu acht Prozent reichen. In diesen Fällen werden Blutgefäße undicht, was zu einer großen Ansammlung von Flüssigkeit im Bauchraum führt. Obwohl die Zahlen uneindeutig sind, mag es wohl eine Tote pro Jahr durch OHSS im UK geben, aber es gibt keine systematische Auswertung dazu. Feministische Kritiken haben argumentiert, dass der Standard-Ansatz der In-Vitro-Fertilisation, der große Hormondosen nutzt, um 10 bis 15 Eizellen zu produzieren, von denen viele von schlechter Qualität sind, die Frauen unnötigen Risiken aussetzt. Es wird manchmal angenommen, dass diese hohen Dosen genutzt werden, um einen Vorrat überschüssiger Eizellen zu erzeugen, die dann in der Forschung genutzt werden können.

Eizellen-Spende: Diese Bedenken hinsichtlich Hormonbehandlungen sind besonders schwerwiegend für Frauen, die Eizellen für andere Frauen spenden, da sie nicht selbst beabsichtigen schwanger zu werden. Diese Frauen nehmen bedeutende Risiken auf sich und es hat große Kontroversen über die Ausbeutung von Frauen für Eizellenspenden gegeben. Beispielsweise existierte in den 1990ern und 2000ern ein Eizellenhandel in Europa, bei dem Frauen aus Osteuropa Eizellen im Gegenzug für geringe Zahlungen an „Fruchtbarkeits-Touristen“ aus westeuropäischen Ländern spendeten. In einigen Fällen machten die Kliniken große Profite aus diesem Handel, verabreichten den Spenderinnen extrem hohe Dosen an Hormonen, was zu Schäden der Gesundheit der Spenderinnen führte. Es gibt einige Hinweise auf Überlappungen zwischen den kriminellen Netzwerken, die illegal mit osteuropäischen Frauen handeln und dem Eizellen-Handel. 2009 änderte das UK seine Politik zu Eizellen-Spenden und erlaubte Zahlungen von bis zu 750 Pfund für Spenderinnen mit dem Ziel, dass Frauen aus dem UK die Versorgungsengpässe in den UK ausgleichen würden. Kritiken wie die No2Eggsploitation-Kampagne argumentierten, dass diese finanziellen Anreize vermutlich dazu führen würden, dass von Sozialhilfe lebende Frauen und Studentinnen mit großen Schulden die Risiken einer Eizellenspende aus rein finanziellen, statt aus altruistischen Gründen auf sich nehmen würden.

Leihmutterschaft: Im UK ist kommerzielle Leihmutterschaft nicht erlaubt (obwohl beträchtliche „Unkosten“-Zahlungen getätigt werden können). In der Folge hat sich ein internationaler Leihmutterschafts-Handel entwickelt, der sich auf Indien und die Ukraine konzentriert, wobei viele der gleichen Bedenken wie die von dem Handel mit Eizellen auch hier gelten. In Indien wird Leihmüttern nur ein kleiner Anteil der Gesamtgebühren bezahlt, während die Kliniken große Profite machen und oft müssen die Leihmütter Verträge unterzeichnen, die vereinbaren, dass die Klinik nicht für irgendwelche Schäden der Gesundheit der Frauen in Folge der Schwangerschaft und Geburt haftet. Die Frauen werden oft durch ihre Ehemänner oder Väter zur Leihmutterschaft als Einkommensquelle gezwungen (in Indien wird solche Arbeit als vergleichbar mit Prostitution betrachtet, und sie werden verpflichtet während ihrer Schwangerschaft in Schlafsälen der Befruchtungs-Klinik zu wohnen). Letztlich scheint sich diese Situation kaum von Babyzucht zu unterscheiden und ist ein besonders unschönes Beispiel der Ausbeutung von Menschen in Entwicklungsländern durch reiche Westliche.

Geschlechtauswahl: Die Entwicklung der Ultraschalluntersuchung in den 1980ern hat die weitverbreitete Abtreibung weiblicher Föten ermöglicht, besonders in Indien und China. Diese Praktiken, die aus der traditionellen patriarchalen Bevorzugung von Söhnen sowie komplexen sozialen Faktoren resultieren, haben das traditionelle Phänomen der weiblichen Kindstötung und den Tod junger Mädchen durch Vernachlässigung ausgeweitet. Das Ergebnis ist, dass in einigen Teilen Indiens das Verhältnis von Jungen zu Mädchen bis zu 125 Jungen auf 100 Mädchen betragen kann und es wird geschätzt, dass mehr als 100 Millionen Frauen in der Weltbevölkerung aufgrund geschlechtlicher Selektion fehlen. Umgekehrt führt das zu bedeutenden sozialen Problemen, inklusive einer großen Zahl von Männern, die nicht in der Lage sind, eine Ehefrau zu finden und der daraus resultierenden Zunahme des Frauenhandels in diesen Regionen. In den 1990ern erließ Indien ein Gesetz gegen pränatale Geschlechterselektion, aber das Gesetz wurde niemals geeignet umgesetzt und die großen Mengen an Geld, die in dieser Industrie verdient werden, zeigen, dass das Problem weiter wächst. Es scheint, dass die Praxis sich nun auch auf einige osteuropäische Länder wie Georgien ausgeweitet hat.

Schlussfolgerung

Anliegen dieses Beitrags war die Probleme der Reproduktionstechnologien in Beziehung zur allgemeinen Herrschaft der Technokratie zu setzen, die ein zentrales Element der kapitalistischen Moderne ist […]. Basierend auf Prinzipien der Kontrolle und Autorität über die widerspenstige Frau sind diese eng mit denen des traditionellen Patriarchats verwandt.

Diese fundamentalen Dynamiken der Technokratie kamen bei der Entwicklung der Reproduktionstechnologien unter dem Banner der Eugenik im 20. Jahrhundert zur Anwendung. Der allgemeine Trend in Richtung wachsender technologisch-medizinischer Kontrolle folgte aus der offensichtlichen Herausforderung, die ungeregelte menschliche Reproduktion für eine technokratische soziale Ordnung darstellt.

[…] Oft wird auch argumentiert, dass diese Technologien Frauen mehr Wahl ermöglichen (dieser große Slogan des marktorientierten Kapitalismus) und es kann nicht geleugnet werden, dass sie das auf gewisse Weise tun. Aber wie alle Technologien kontrollieren diese uns auch, indem sie kontrollieren, was die Optionen sind, ebenso wie durch den sozialen Druck einer Gesellschaft, die der Ansicht ist, dass Hightech und Kontrolle immer am besten wären. Keine*r muss vom Staat gezwungen werden, sich pränatalen Tests zu unterziehen und das Ergebnis – der Abbruch von 90 % aller Schwangerschaften, bei denen das Down-Syndrom festgestellt wurde, beispielsweise – ist eine vorhersehbare Folge, ohne dass irgendjemand dafür die Verantwortung tragen müsste. Eine Sache jedoch, die uns die Betrachtung dieser Entwicklungen in einem allgemeinen Rahmen der Technokratie zu verstehen ermöglicht, ist, dass diese Vorteile oft nur Techno-Flickwerk sind – technologische Lösungen für soziale/politische Probleme, die daran scheitern, die wahren Ursachen der Probleme anzugehen.

Die Bereitstellung von Verhütungsmitteln für Frauen in der Dritten Welt ist ein Paradebeispiel. Das Leiden der Frauen unter der Bürde so vieler Kinder wird durch eine Kombination aus Patriarchat – das Insistieren der Männer auf ihren sexuellen Rechten in der Ehe und dem Zeugen von Kindern – und Armut verursacht, die es zu einer rationalen Strategie macht, viele Kinder zu haben. Anstatt diese Probleme anzugehen, kam die Bevölkerungskontrollbewegung des Mitt-20. Jahrhunderts mit ihrer Technologie über diese Länder – Verhütung/Sterilisation, oft zwangsweise angewendet.

Eine beständige Eigenschaft von Techno-Flickwerk ist, dass es von innerhalb der technokratischen Ordnung für nützlich erachtet wird und so dazu beiträgt, diese Ordnung aufrecht zu erhalten, ebenso wie die Interessen, die hinter ihr stehen. Für Frauen in industrialisierten Ländern mag Verhütung das Risiko ungewollter Schwangerschaften reduziert haben und sie sexuell befreit haben, aber sie schuf auch eine Situation, in der von ihnen erwartet wurde, immer bereit zu sein Sex mit Männern zu haben, wenn diese es wünschten, anstatt den Frauen aufrichtig die Kontrolle über ihr sexuelles Leben und ihre Reproduktion zu verleihen.

Eine einfache Sache, die wir über den gesamten Prozess der Entwicklung dieser Technologie sagen können (wie das oft über die technologiegetriebene Entwicklung von Dritte-Welt-Ländern gesagt wurde), ist, dass sie schwerlich von den ausdrücklichen Wünschen ihrer beabsichtigten Nutznießer*innen angetrieben wird. Stattdessen wird sie von der Logik der Technokratie angetrieben, die Frauen auf bestimmte Weisen manchmal teilweise helfen mag.

Es gibt kaum Zweifel über den Verlauf fortwährender Reproduktionstechnologien und Technologien der genetischen Kontrolle – nicht bloß die freie-Märkte-Eugenik, die sich gerade entwickelt, sondern eine Welt, in der Sex vollständig von Reproduktion getrennt ist, so dass beide als Formen sozialer Kontrolle dienen, wie Huxley vorhergesagt hat. Schließlich mögen – wie die „Transhumanist*innen“ hoffen – beide vollkommen überflüssig werden, wenn die Menschen endlich den maskulinen Traum erreichen, der der Technokratie seit ihren Anfängen inhärent ist – die Flucht aus dem Materiellen, aus der körperlichen Existenz insgesamt, wenn wir zu Entitäten aus reinem Geist werden, die in Computern laufen. Diese Vision ist nicht bloß Anti-Weiblich, sondern Anti-Menschlich.

 

[1] Bacon betrachtete die Wissenschaft und den Kapitalismus als göttlich. Zusätzlich zu seiner Rolle bei den Hexenverfolgungen war er ein Verfechter der Kolonisation von Virginia und betrachtete Widerstand zu den Landumzäunungen, die in Großbritannien stattfanden, als Hochverrat; er folterte gefangen genommene Kämpfer*innen monatelang höchstpersönlich. Während er behauptete, danach zu streben, die „Grenzen des menschlichen Imperiums“ zu erweitern, um „alles möglich zu machen“, zerstörte er gewaltsam diejenigen, die nach einem anderen Leben strebten. [Anm. in Return Fire]

[2] Tatsächlich wurden gemäß Barbara Ehrenreich und Deirdre Englisch „zu ungefähr der Zeit, als Margaret Sangers Mutter ein kleines Mädchen war, die Geburtenkontrolle durch einige Elemente des Popular Health Movement in den Vereinigten Staaten vorangetrieben“. Zudem äußerte sie sich rassistisch über Aborigines und sprach vor den weiblichen Helfern des Ku-Klux-Klans und unterstützte Immigrationsbeschränkungen. [Anm. in Return Fire]

[3] Es wurde aufgedeckt, dass tausende äthiopische Immigrantinnen in Israel alle drei Monate routinemäßig mit Depo-Provera (ein „ultima ratio“ Verhütungsmittel, das andernfalls nicht verabreicht wird und das die Menstruation stoppt und mit Fruchtbarkeitsproblemen und Osteoporose in Verbindung gebracht wird) geimpft wurden, obwohl das zuvor vom Gesundheitsminister geleugnet wurde. Es wurde bereits in Transitlagern in Äthiopien damit begonnen, die Frauen zu impfen, einige ohne dass ihnen gesagt wurde, dass ihnen Verhütungsmittel verabreicht wurden und viele ohne dass sie von den Nebenwirkungen wussten. Diejnigen, die wussten, was ihnen verabreicht wurde, riskierten, dass ihre Immigration nach Israel verweigert werden würde, wenn sie sich weigerten und sie keine weitere medizinische Versorgung in den Camps bekommen würden. [Anm. in Return Fire]

[4] Insassinnen kalifornischer Gefängnisse wurden zur Sterilisation gezwungen, was zwischen 2006 und 2010 aufgedeckt wurde. Schwarze und Braune Bevölkerungen mit unterschiedlichen Graden medizinischen und finanziellen Zwangs zu bewegen war in den USA eine verbreitete Praxis, wo zwischen 1970 und 1976 auch zwischen 25 und 50 Prozent der indigenen Frauen sterilisiert wurden (vorrangig danach ausgewählt, „Vollblütige Indianerfrauen“ zu sein), dabei mindestens ein Viertel ohne ihre Einwilligung. [Anm. in Return Fire]


Übersetzung aus dem Englischen: „Into her inner chambers“ aus Return Fire Vol. 3. Dort ist der Text als Reprint von David Kings Artikel Technocracy, Gender and Reproductive Technology abgedruckt.

Gegen seine Geschichte, Gegen Leviathan! – Kapitel 3

Das Mehrprodukt, der berühmte Gewinn, verhalf Leviathan nicht zu seinem Aufstieg. Im Gegenteil: Es ist Leviathan, der den Gewinn ermöglicht. Gemeinschaften von Menschen brauchten diesen Gewinn kein bisschen mehr als Gemeinschaften von Wölfen.

Bienen benötigen einen Gewinn, um ihre Königin zu ernähren. Der Leviathan benötigt einen Gewinn, nicht nur um seine Götter und ihre Schreinwärter*innen zu ernähren, sondern vor allem um den Lugal, die Ensis und die Schriftgelehrten, sowie die Federn und Räder, mit denen Kriege geführt werden, zu verpflegen.

Der erste Leviathan revolutionierte nicht die materiellen Produktionsbedingungen, sondern begründete sie; er ist an sich synonym zu den materiellen Produktionsbedingungen. Der erste Leviathan revolutionierte die Bedingungen der Existenz selbst und nicht bloß die der menschlichen Wesen, sondern die aller lebendigen Wesen und der von Mutter Erde selbst.

Das Mehrprodukt taucht zusammen mit den Gefäßen auf, in denen es gelagert wird. Menschliche Gemeinschaften besaßen bereits seit langem Körbe und Vasen, wenngleich kaum mehr als sie von ihren Winterlagern in ihre Frühlingslager transportieren konnten. Sie benötigten sie nicht. Mit dem Aufstieg des ersten Leviathans findet eine buchstäbliche technologische Revolution in der Gefäßherstellung statt. Turner und vor ihm Mumford haben die rapide Vermehrung von Eimern, Vorratsgefäßen und Tontöpfen erwähnt, die nun auftauchen.

Tatsächlich ist das von Mauern eingeschlossene und mit Korn gefüllte Ur an sich ein großes Fass, ein stadtgroßer Vorratsspeicher.

Mehrprodukt ist bloß ein anderer Name für Leviathans materiellen Inhalt, für seine Eingeweide. Es kann für sich kaum existieren, der Luft ausgesetzt ist es “reif” dafür, dass sich um es der Kadaver des Ungetüms formt.

Gemeinschaften freier Menschen haben üblicherweise genug Essen aufbewahrt, um durch einen durchschnittlichen Winter zu kommen und obwohl einige ihrer Träumer*innen exzellente Meteorologen waren, mussten sie häufig knausern und sparen, wenn der Himmel die*den Träumer*in überlistete.

Der erste Leviathan lagerte erst genug für den schlimmsten vorstellbaren Winter und dann für mehrere, da die freien Menschen nicht mehr die Arbeit verrichten. Ein lebendiges Wesen, das so vollgestopft wäre, würde ersticken oder platzen. Es gibt Massen von jedem vorstellbaren Produkt. Und wo es Massen gibt, da gibt es Handel.

Handel ist sehr alt. Im Naturzustand ist Handel etwas, das die Menschen mit ihren Feinden treiben. Sie handeln nicht mit ihrer Sippschaft.

Eine Person gibt Dinge, ebenso wie sie Lieder oder Geschichten oder Visionen an ihre Sippschaft weitergibt. Die*der Empfänger*in mag sich oder mag sich nicht bei einer anderen Gelegenheit revanchieren. Das Geben ist die Quelle der Zufriedenheit. Wir mögen davon so weit entfernt sein, dass wir das nicht verstehen werden. Das ist unsere Unzulänglichkeit, nicht ihre.

Sie handelt nur mit Feinden. Wenn eine feindliche Gruppe, egal ob nah oder fern, etwas hat, das sie möchte, geht sie und einige gut bewaffnete Cousinen mit etwas zu den Feind*innen, das diese wollen könnten. Sie bietet ihr Geschenk an und die Feinde bieten lieber auf der Stelle das Ding an, das sie will oder sie wird ihr Geschenk sofort zurück in ihr Dorf tragen.

Kurz nach dem Aufkommen des ersten Urs nimmt der Handel überhand. Beinahe Jede*r ist nun Jedermans Feind*in. Wenn du jemandem ein Geschenk gibst, dann erwartest du das zu bekommen, für das du gekommen bist; du führst peinlich genau Buch darüber auf deiner Tontafel und wehe dem, der das unterlässt.

Der bloße Anblick der Massen lässt eine neue menschliche Eigenschaft entstehen. Diese Eigenschaft wird sich so weit verbreiten, dass wir nicht mehr glauben werden, dass sie nicht schon immer existierte: Gier.

Du kannst sehen, dass über die Hälfte des Korns in den Speichern jedes Jahr ungenutzt verrottet. Und du weißt, dass es im Zagros-Gebirge und in der Levante Lager von Fremden gibt, die kaum genug Essen lagern, um sich durch einen harten Winter zu bringen. Die im Zagros-Gebirge tragen wunderschöne Fellbekleidung und die in der Levante gewinnen einen violetten Farbstoff aus Muscheln.

Du, der Bruder einer*s Priester*in und der Cousin einer*s Ensis, ziehst mit vierzig Wagenladungen Korn, dem Jahresertrag von vierzig Zeks, in das Zagros-Gebirge. Du startest gegen Ende eines langen, harten Winters. Du bekommst zehn Pelzgewänder für jede Wagenladung. Du kehrst mit dem, was nach einer kleineren Ladung aussieht nach Ur zurück, aber als du erst einmal in Ur bist, sind die Menschen bereit, dir für jedes Gewand eine Wagenladung Korn und mehr zu geben. Bald schon hast du mehr Gewänder und Korn als jeder andere Mann in Ur.

Aber eines Winters erreichst du das Lager der Fremden und sie weigern sich, dir zehn Gewänder für eine Wagenladung zu geben. Sie behaupten, dass sie nicht so viele Felle hätten. Vielleicht ist ihnen gedämmert, dass sie ausgeplündert werden, dass die Beziehung, die sie mit dir eingegangen sind, keine Beziehung zwischen ihren Fellen und deinem Korn ist, sondern zwischen ihnen und den Zeks, die das Korn ernten und dass du ein Dieb bist, der von beiden stiehlt.

Also stürzt du mit deinem Korn zurück nach Ur und kehrst mit deiner*m Cousin*e der*dem Ensi und einer Bande gut bewaffneter Männer ins Lager der Fremden zurück. Die Männer der*s Ensis streifen die Gewänder von den Rücken der Fremden ab. Doch es gibt immer noch nicht genügend Gewänder, also kehren die Männer der*s Ensis mit einigen der Söhne und Töchter der Fremden nach Ur zurück.

Ur hat die Stufe des Außenhandels erreicht.

***

 

Es gibt einige Hinweise dafür, dass die sumerischen Händler*innen ihrer Gier in den Osten bis nach Indien und in den Westen bis nach Anatolien und vielleicht sogar bis in die Ägäis, sowie bis zum ersten oder zweiten Wasserfall des Nils in den Süden gefolgt sind. Bevor ich über ihre Reisen spekuliere, muss ich auf ein anderes Thema eingehen, da die modernen Vorurteile mit den wenigen Hinweisen, die es gibt, Schindluder getrieben haben.

Viele, wenn nicht die meisten der frühen Archäolog*innen waren aufgeklärte, fortschrittliche und unverfrorene Rassist*innen. Das Aufkommen der mörderischen Leviathane war für sie ein großer Moment und sie behaupteten, dass der Leviathan der entsprechenden Rasse der Vater all der anderen Leviathane wäre.

Ein wenig später, während der Ära der Völkergemeinschaft, wurde der Rassismus ein klein wenig gedämpft. Es wurde gesagt, dass die Menschen in Ägypten sowie die in Persien und Indien alle mit dem Genie ausgestattet gewesen wären, um Maschinen des permanenten Krieges zu entwickeln, dass sie durch Zufall alle ihre eigenen Leviathane während der gleichen paar Generationen unabhängig voneinander entwickelt hätten.

Die Meisterleistung einen Leviathan zu erschaffen wird als ein Zeichen von Genie betrachtet. Aber ist diese Heldentat ein Zeichen von Genie oder eines der Geisteskrankheit? Wer außer Schwachköpfen würde ohne einen guten Grund dafür den Naturzustand verlassen und sich in die Eingeweide des Kadavers eines künstlichen Wurmes begeben? Die Annahme, dass zahlreiche menschliche Gemeinschaften dieser Idiotie zu einem bestimmten Zeitpunkt, jede aus ihrer eigenen Initiative, unterliegen, ist weder plausibel noch wohlwollend. Es bedarf vielmehr einer Genialität, um das Ungeheuer von sich fern zu halten.

Es gibt viele Wege, das Monster von sich fern zu halten. Unglücklicherweise für die menschlichen Gemeinschaften, führen nicht alle diese Wege zu einer sicheren Zuflucht. Um mich kurz zu fassen, werde ich diese Wege auf zwei beschränken: Die Gemeinschaft kann sich selbst physisch außer Reichweite des Ungeheuers halten, oder sie kann bleiben wo sie ist und versuchen, dem Ungeheuer standzuhalten.

Die frühesten Tafeln zeichnen die Bewegungen von Gemeinschaften außerhalb des Gebiets von Sumerien nicht auf. Es wird angenommen werden, dass die letzten Immigrant*innen des Double-Kontinents auf der anderen Seite der Erde von Ur, die Inuit-Stämme, um ungefähr die Zeit beginnen, von Siberien nach Alaska und Grönland überzusiedeln, als sich der erste Leviathan in Bewegung setzt. Es wird keinen Beweis dafür geben, dass diese Menschen von anderen in einer frühen Version der heute berühmten Analogie fallender Dominosteine verdrängt werden. Tonybee und andere werden solche Bewegungen in späteren Zeitaltern dokumentieren, als die Feldzüge chinesischer Generäle Menschen, die an der chinesischen Mauer lagerten, verdrängten, die wiederum alle anderen vor sich herschoben, durch ganz Eurasien bis vor die Tore Roms. Wir werden wissen, dass eine große Anzahl eurasischer Gemeinschaften sich erfolgreich außerhalb der Reichweite des Ungeheuers halten, bis der Leviathan namens UdSSR in unserer Zeit die letzte von ihnen verschlingen wird.

Physisches Entfernen, also fliehen oder wie wir sagen werden, herausfallen, entzieht eine*n effektiv der Reichweite des Ungeheuers. Aber schließlich wird niemand endgültig fliehen, da der Leviathan die Größe der Welt schrumpfen und alle Zufluchtsorte in freie Felder verwandeln wird.

Und nicht alle Gemeinschaften wollen fliehen. Ihre Täler, Haine und Oasen, die Orte an denen ihre Vorfahren begraben sind, sind mit vertrauten und oft freundschaftlichen Geistern erfüllt. So ein Ort ist geweiht. Er ist das Zentrum der Welt. Die Landmarken dieses Ortes sind die Orientierungsprinzipien der Psyche des Individuums. Ohne sie hat das Leben keine Bedeutung. Für eine solche Gemeinschaft ist das Verlassen ihres Ortes gleichbedeutend mit einem gemeinschaftlichen Selbstmord.

Also bleiben sie, wo sie sind. Und sie werden von den bizarren Lippen des Monsters geküsst. Artefakte sumerischen Ursprungs werden in frühen ägyptischen sowie indischen Stätten gefunden werden. Wir werden nicht wissen, wer diese Artefakte trägt, aber wir werden wissen, dass es im Zeitalter des ersten Urs einfacher ist von Mesopotamien zum Nil zu laufen, selbst nachdem Urlugal damit beginnt, die Region in eine “sich verdunkelnden Ebene, weggefegt von verworrenen Rufen zum Kampf und zur Flucht, wo unwissende Armeen des Nachts zusammentreffen” zu verwandeln. Verglichen mit dem, was moderne Leviathane mit dieser Region machen werden, ist die sich verdunkelnde Ebene aus Urlugals Zeitalter ein friedlicher Garten und der Cousin einer*s Ensis würde keine Probleme haben, in ihm zu wandeln.

Von den weiter entfernten Orten werden wir wissen, dass als die Meeres- und Landkarawanen zwischen dem Fruchtbaren Halbmond und Indien erstmals in den Aufzeichnungen erwähnt werden, diese nicht als etwas Neues, sondern als etwas sehr Altes erwähnt werden und die erste Erwähnung der Seidenstraße nach China wird keine Antrittsrede sein.

Leviathane werden irgendwann riesig, so groß wie Kontinente. Aber wir sollten diese ungeheuren Ausmaße nicht auf die frühen Tage projizieren und von diesen ersten Kontakten annehmen, dass diese häufig stattfanden und viele Menschen umfassten. Unter bestimmten Umständen kann ein Kiesel an einer Quelle den Verlauf des gesamten Flusses verändern. Wir kennen alle den späteren Reisenden Marco Polo, der auf den Geschmack chinesischer Pizza, Spaghetti und Ravioli kam und diesen Geschmack über die gesamte Länge von Eurasien brachte und damit den Speiseplan Italiens vollständig umkrempelte. Ich würde vermuten, dass nur zwei Besuche, der erste von dem kaufmännischen Cousin des Ensis und der zweite vom Ensi und seiner Strafexpedition, einen starken Eindruck auf jede Gemeinschaft im Naturzustand machen würde. Und sumerische Kaufleute reisten weit, sowohl zu Lande als auch zu Wasser, an entferte Orte, die sie Dilmun, Magan und Meluhha nannten.

Ich lasse die*den Leser*in über die Details solcher Begegnungen spekulieren. Ich werde nur sagen, dass nachdem die Kinder der Schuldner*innen von den speerbewaffneten Schlägertypen gekidnappt worden sind, ein Mitglied der Gemeinschaft, das von den positiven Wundern der Zivilisation spricht, ein Trottel ist, nicht nur in den Augen seiner Sippe, sondern auch in den unseren.

***

Hier stoßen wir auf ein Problem, das die Menschen seit dem Zeitalter des ersten Urs geplagt hat, das Problem des Widerstands. Einige von uns werden sich rückblickend wünschen, dass die Gemeinschaften in Reichweite Urs das erste Monster in seinem Unterschlupf zerstört hätten, solange es isoliert und noch nicht besonders groß gewesen ist.

Offensichtlich haben zahlreiche Gemeinschaften im Zagros-Gebirge und den persischen Ebenen genau das versucht, aber sind gescheitert.

Andere, weniger zuversichtlich, vielleicht der Macht ihrer Götter angesichts des Anblicks von Panzern und Rädern weniger gewiss, machen das Zweitbeste nach dem Fliehen; sie mauern sich ein und damit die Klauen des Monsters aus. Die Mauern beschützen diese Widerstandleistenden vor den Klauen Urs, aber halten die Widerständler*innen nicht aus Leviathans Eingeweiden heraus.

Warum scheitern die Widerständler*innen? Das ist eine wichtige Frage, die Frage des Lebens gegen den Tod. Norman O. Brown macht das zum Titel eines sehr informativen Buches.

Vorstaatliche Gemeinschaften waren Zusammenkünfte lebendiger, aber sterblicher Individuen. All ihre Geheimnisse, all ihre Gepflogenheiten wurden direkt weitergegeben, durch das gesprochene Wort. Wenn die Verwahrerin wichtiger, unkommunizierter Geheimnisse starb, starben ihre Geheimnisse mit ihr. Feindschaften und Grolle starben mit ihren Inhaber*innen. Die Visionen und die Gepflogenheiten waren so verschieden wie die Individuen, die sie erlebten und ausübten; deshalb gab es einen solchen Reichtum. Aber die Visionen und Gepflogenheiten waren ebenso sterblich wie die Menschen. Sterblichkeit ist ein untrennbarer Teil des Lebens: Sie ist das Ende des Lebens.

Wir projizieren noch immer moderne Institutionen in den Naturzustand. Es gab keine Institutionen im Naturzustand.

Institutionen sind unpersönlich und unsterblich. Sie teilen diese Unsterblichkeit mit keinem lebenden Wesen unter der Sonne. Natürlich sind sie keine lebendigen Wesen. Sie sind Segmente eines Kadavers. Institutionen sind kein Teil des Lebens, aber ein Teil des Todes. Und der Tod kann nicht sterben.

Ensis sterben und Zeks sterben, aber die Arbeitskolonnen “leben” weiter. Generäle und Soldat*innen sterben, aber Urs Armee “lebt” weiter und wächst sogar an und wird tödlicher. Das Gefilde des Todes wächst, aber die Lebenden sterben. Das erzeugt Probleme, mit denen die Widerständler*innen bisher nicht in der Lage gewesen sind umzugehen.

Diejenigen, die versuchen, den ersten Leviathan zu zerstören, indem sie seine Mauern erstürmen, die Guti und andere aus dem Zagros-Gebirge, die Elamiten von den persischen Ebenen, die Kanaaniten und andere Semiten aus der Levante können keine einfache Kriegspartei mit einem inoffiziellen Stammesführer entsenden wie in den alten Tagen. Eine Kriegspartei aus einem einzigen Lager würde nicht einmal die Vororte von Ur erreichen. Sie müssen sich mit anderen Lagern verbünden, mit so vielen wie möglich, bevor sie überhaupt einen ernsthaften Überfall erwägen können. Und wenn sie sich erst einmal verbündet haben und angreifen, können sie sich nicht einfach zerstreuen und zu dem dörflichen Leben zurückkehren, wie sie es zuvor immer gekonnt hatten. Sie mögen sogar Urs Hauptarmee besiegen, aber noch bevor ihre Siegesfeier endet, erreicht sie die Kunde, dass Urs unsterbliche Armee bereits weitere ihrer Sippe niedergemetzelt hat.

Da sie sich also die Mühe gemacht hatten, sich zu verbünden, blieben sie verbündet. Die jungen Männer legen ihre Speere nicht ab. Das ist bisher ungekannt, aber wie sonst sollen sie dem Monster Widerstand leisten? Sie haben sich selbst dazu verpflichtet zu bleiben und sie fühlen sich genötigt, die schrecklichen Konsequenzen zu ertragen.

Ihre bewaffneten Männer verfahren mit den Fremden so, wie die Fremden mit ihnen verfahren sind. Sie kehren mit gefangenen Sumerern zurück und die Gefangenen werden für lokale Schreine und Befestigungsanlagen an die Arbeit geschickt.

Die Technologie schreitet rasant voran. Das Gefilde des Todes breitet sich aus. Bald gibt es viele Leviathane. Es gibt Elam in den persischen Ebenen, es gbt Mari und Ebla und andere in der Levante und es ist die Rede von einem Leviathan der Guti irgendwo in den Bergen. Die mutigen Kämpfer*innen waren nur erfolgreich darin, sich selbst zu besiegen.

***

Diejenigen, die sich selbst einmauern, tappen in eine ähnliche Falle.

Gemeinschaften haben schon früher Mauern errichtet, zum Beispiel in Jericho. Aber sie haben die Mauer nur einmal errichtet. Mauerbauen war bei ihnen keine Institution. Die draußen lagernden Feind*innen waren nicht die unsterbliche Armee des Urlugals. Sie waren eine andere Gemeinschaft, die entweder an einen anderen Ort zog oder die unter denen von Jericho Ehemänner und Ehefrauen fanden und aufhörten Feind*innen zu sein.

Das ist nicht mehr der Fall für die Erbauer*innen der Mauern an den Ufern des Nils, für diejenigen, die das ummauerte Mohenjo Daro an den Ufern des Indus errichteten, für diejenigen, die sich selbst geringfügig später in Festungen in Zentralanatolien einschlossen.

Die leviathanischen Invasor*innen sind keine Gemeinschaften freier Sterblicher. Sie sind Abgesandte von etwas, das weder weggeht noch stirbt. Selbst ihre Erinnerungen sind nicht menschlich, sondern bestehen aus Steinen, die in Beuteln getragen werden. Jerichos Mauern reichen nicht länger. Die Mauen müssen hoch und stark sein und sie müssen ebenso oft repariert werden wie die Dämme von Erech.

Die Jahreszeiten vergehen und die Generationen gehen dahin, und immer noch müssen die Mauern gewartet werden. Und Generation für Generation repariert sie.

Die Seherin, die von der Notwendigkeit dieser Mauern geträumt hatte, hat ihre letze wichtige Vision erlebt. Von diesem Tag an hat ihre Sippe ihr nur spärlich Aufmerksamkeit gewidmet; sie hat ihren Bruder, Pharao, umschwänzelt, der in seiner Person die Ämter des sumerischen Priesters und des sumerischen Lugals vereint.

Mauern können nicht dauerhaft mit einer vorübergehenden Arbeitsteilung in Stand gehalten werden. Zunächst werden die Besteller*innen des Bodens eingeladen, beim Bau der Mauer zu helfen, im Austausch gegen anregende Visionen sowie Korn, das von den Männern Pharaos von anderen Bauern geplündert worden ist. Und die freien Bauern bauen, offenbar aus eigenem Antrieb, erhabene wunderschöne Mauern und Säulen und Schreine, mit Oberflächen, die reich mit gemeißelten und gemalten Motiven geschmückt sind, die jeder*m am Nil etwas bedeuten.

Aber eine permanente Arbeitsteilung ist zwanghaft, schlicht weil sie dauerhaft ist und Zwang ist an den Ufern des Nils bald so gewöhnlich wie an denen des Tigris. Was von einer Generation freiwillig getan wurde, wird von der nächsten erwartet und ihr aufgezwungen. Ägypten ist nicht länger ein Ort, an dem die Menschen Gepflogenheiten teilen; es ist nun ein Ort, an dem einige anderen Gesetze auferlegen. Gepflogenheiten waren immer Lebensweisen; Gesetze sind keine Gepflogenheiten freier Menschen. Gesetze sind die Gepflogenheiten Leviathans.

Die Arbeiten, die für Pharao verrichtet werden, sind nicht frei gewählt; es sind aufgezwungene Aufgaben, erzwungene Arbeit.

Und wie ein lebendiger Wurm, der sich selbst aus einem einzigen Segment wiederherstellt, wird vom Haushalt das Pharaos ein vollständiger Leviathan ausgeschieden. Die Erbauer*innen und Handwerker sind nicht länger eingeladen. Pharao führt nun Armeen nach Norden an, nach Sinai und in der Levante, in den Süden nach Nubien. Er kehrt mit Gefangenen zurück. Er legt denen, die nicht gefangen genommen werden, schwere Tribute auf und lässt Tribut-Eintreiber*innen in entfernten Garnisonen zurück. Wie der Lugal hat er nun Schriftgelehrte, die Aufzeichnungen über die Tribute führen und er entsendet Strafexpeditionen.

Auch Pharao hat nun ein künstliches Gedächtnis, eine Datenbank, wie wir sie nennen würden. Seine Schriftgelehrten haben ihrerseits eine Schrift entwickelt, ebenso wie die Schriftgelehrten im entfernten Mohenjo Daro am Indus. Die Zeichen und Materialien sind verschieden, aber das Ziel ist das gleiche. Und Pharaos Schriftgelehrte, wie die des Lugals, haben ein künstliches Jahr entwickelt, einen Kalender, die früheste Form einer Uhr, um die Tage vorherzusehen, wenn die Feldfrüchte der Schuldner*innen reif werden.

Wie traurig! All das wird getan, um die alten Gewohnheiten vor dem Angriff eines Ungeheuers mit “einem Blick so ausdruckslos und unbarmherzig wie die Sonne” zu bewahren. All das wird wegen der Geister des Tals gemacht, für die Gottheiten der alten Gemeinschaft.

Wir müssen uns erinnern, dass aufgeklärte Fortschrittliche, die all das für die Produktivkräfte, für die Wissenschaft und Technologie, für den Leviathan selbst tun, noch nicht geboren wurden. Vielleicht findet man in den beeindruckend säkularen Städten Sumeriens bereits die Vorgänger*innen moderner Fortschrittlicher, aber selbst dort kommt der Gott im Tempelturm zuerst.

In Ägypten gibt es nicht einmal einen Funken fortschrittlicher Aufklärung und für mindestens hundert Generationen wird es dort auch keinen geben. Dort ist das Ziel all der Gewalt, der Gefangennahme von Fremden, dem Zerfleischen von Gemeinschaften, die alte Gemeinschaft zu bewahren, das Leben gegen den großen Kadaver zu verteidigen. All das Morden der Überfälle, Invasionen und Kriege ist geheiligtes Morden. Es wird im Namen des Lebens getan, im Namen der Geister der Tiere, der Pflanzen, des Flusses, der Unterwelt und des Himmels.

Aber die Welt der Geister schrumpft, wie sie es in Sumerien getan hat, und wird auf den Tempel eingeschränkt, der in Ägypten zugleich auch der Haushalt des Pharaos ist.

Unglücklicherweise für die Ägypter kann das Leben nicht in einem abgedichteten Gefäß bewahrt werden. Es verkümmert und schließlich stirbt es.

Der traurige, langsame Tod kann auf den Gemälden Ägyptens, seinen Skulpturen, in seinen Überlieferungen und in seinen Schreinen gesehen werden.

Die frühesten Maler*innen und Bildhauer*innen atmen offensichtlich noch immer die Luft der Gemeinschaft, die Pharaos Haushalt als intakt zu bewahren beabsichtigt. Diese Menschen sind noch immer in Kontakt mit Frauen, die ihre Körper verlassen und die Unterwelt besuchen, mit Männern, die sich selbst gen Himmel strecken und fliegen, mit Menschen, die tatsächlich mit dem Schakal und dem Steinbock sprechen, da sich die Götter noch immer unter die Menschen mischen. Pharaos erste Handwerker kennen noch solche Seher*innen, aber nicht sehr viele und die nächste Generation kennt nur noch weniger.

Es gibt noch immer Seher*innen, die Visionen und Offenbarungen haben, aber wer weiß, welche Fremden sie inspiriert haben? Schließlich kann nur noch den Visionen des Pharaos vertraut werden und Pharao sich selbst auf die Visionen der Alten zu beschränken.

Die Götter hören von dem Tag an, an dem Pharao sich vornimmt, die Götter zu verteidigen und zu bewahren, auf, sich unter die Menschen zu mischen. Und ungeachtet aller Anstrengungen Pharaos sterben die Götter. Ich denke es liegt an seinen Anstrengungen, dass sie sterben. Ich behaupte nicht, viel über Gottheiten zu wissen, aber es scheint, dass sie Leviathane ebensowenig gutheißen können, wie die Menschen Plagen gutheißen; Götter sind unter den ersten Opfern des Kadavers, das Ungeheuer ist gottesmörderisch.

Der Tod der ägyptischen Götter ist dokumentiert. Nach zwei oder drei Generationen unter Pharaos Schutz springen oder fliegen die Figuren auf den Mauern und Säulen des Tempels nicht länger; sie atmen nicht einmal mehr. Sie sind tot. Sie sind leblose Kopien der vormals lebenden Figuren. Die Kopist*innen sind exakt, wir würden sagen pedantisch; sie scheinen zu glauben, dass gewissenhaftes Kopieren der Originale die Kopien zum Leben erwecken wird.

Ein ähnlicher Tod und Verfall muss auch die Lieder und Zeremonien verblassen lassen. Was einst eine vergnügliche Feier, selbstaufgebende, orgiastische Kommunion mit dem Jenseitigen war, schrumpft auf leblose Rituale, offizielle Zeremonien, die vom Kopf des Staates und seinen Beamten geleitet werden, zusammen. Es wird alles zu einem Theater und alles ist inszeniert. Es geht nicht länger um Teilen, sondern um die Show. Und es erfasst die*den Teilnehmer*in nicht länger, die*der nun zu einer*m bloßen Zuschauer*in wird. Er fühlt sich von der Macht des Haushalts von Pharao vermindert, eingeschüchtert und verängstigt.

Unsere Gemälde, Musik, Tänze, alles, was wir Kunst nennen, wird das Erbe dieser todgeweihten spirituellen Aktivität sein. Was wir Religion nennen, wird ein weiteres totes Erbe sein, aber auf einer so fortgeschrittenen Ebene der Verwesung, dass ihre einst lebendige Quelle nicht länger erahnt werden kann.

***

Während die Ekstase der ehemals lebendigen Gemeinschaft im Tempel dahinschmachtet und einen langsamen und qualvollen Tod erleidet, verlieren die Menschen außerhalb der Bezirke des Tempels, aber innerhalb derer des Staates, ihre innere Ekstase. Der Geist in ihnen dörrt aus. Sie werden zu beinahe leeren Hüllen. Wir haben gesehen, dass dies sogar in Leviathanen passiert, die, zumindest ursprünglich, aufgebrochen waren, um einem solchen Schwund Widerstand zu leisten.

Während die Generationen dahingehen, werden die Individuen innerhalb der künstlichen Eingeweide des Kadavers, die Ensis ebenso wie die Zeks, das Bedienungspersonal der Segmente des großen Wurmes, zunehmend den Federn und Rädern, die sie bedienen, ähnlicher; so sehr, dass sie später irgendwann als nichts anderes als Federn und Räder erscheinen. Sie werden niemals vollständig zu Automaten reduziert; Hobbes und seine Nachfolger*innen werden das bedauern.

Menschen werden niemals vollständig zu leeren Hüllen. Ein Funken Leben bleibt in den gesichtslosen Ensis und Zeks zurück, die eher wie Federn und Räder erscheinen als wie Menschen. Sie sind potenzielle Menschen. Sie sind schließlich die lebendigen Wesen, die dafür verantwortlich sind, dass der Kadaver zum Leben erwacht, sie sind diejenigen, die den Leviathan reproduzieren, abstillen und bewegen. Sein Leben ist nichts anderes als ein geborgtes Leben; weder atmet er, noch vermehrt er sich; er ist nicht einmal ein lebendiger Parasit; er ist eine Ausscheidung und sie sind diejenigen, die ihn ausscheiden.

Die zwanghafte und obligatorische Reproduktion des Lebens des Kadavers ist das Thema von mehr als einem Essay. Warum machen die Menschen das? Das ist das große Rätsel des zivilisierten Lebens.

Es genügt nicht zu sagen, dass die Menschen dazu gezwungen sind. Die ersten eingefangenen Zeks mögen es nur deshalb tun, weil sie physisch gezwungen werden, aber physischer Zwang erklärt nicht mehr, warum die Kinder der Zeks sich an ihren Schalthebeln festklammern. Nicht dass der Zwang vergeht. Er tut es nicht. Arbeit ist immer erzwungene Arbeit. Aber etwas anderes passiert, etwas, das den physischen Zwang ersetzt.

Zuerst wird die auferlegte Aufgabe als Bürde betrachtet. Der neu eingefangene Zek weiß, dass er kein Klempner ist, er weiß, dass er ein freier Kanaanäer ist, der bis zum Rand mit ekstatischem Leben gefüllt ist, da er noch immer die Geister der Berge und Wälder der Levante in sich pulsieren fühlt. Das Klempnern ist etwas, das er auf sich nimmt, um nicht abgeschlachtet zu werden; es ist etwas, das er bloß trägt, wie eine schwere Rüstung oder eine hässliche Maske. Er weiß, dass er die Rüstung abwerfen wird, sobald der Ensi ihm den Rücken zuwendet.

Aber die Tragödie dessen ist, dass je länger er die Rüstung trägt, desto weniger ist er in der Lage sie zu entfernen. Die Rüstung klebt an seinem Körper. Die Maske wird mit seinem Gesicht verklebt. Versuche die Maske zu entfernen werden zunehmend schmerzhaft, da die Haut dazu neigt, sich mit ihr abzulösen. Es gibt immer noch ein menschliches Gesicht unter der Maske, ebenso wie es noch immer einen potentiell freien Körper unter der Rüstung gibt, aber ihre bloße Enthüllung erfordert beinahe übermenschliche Anstrengung.

Und als ob all das nicht schlimm genug wäre, beginnt auch noch etwas mit dem inneren Leben des Individuums zu passieren, mit seiner Ekstase. Sie beginnt auszutrocknen. Ebenso wie die lebendigen Geister der ehemaligen Gemeinschaft schrumpften und starben, als sie in den Tempel eingesperrt wurden, so schrumpft und stirbt auch der lebendige Geist des Individuums innerhalb der Rüstung. Sein Geist kann in einem geschlossenen Gefäß nicht besser atmen, als die Götter es konnten. Er erstickt. Und sowie das Leben in ihm schwindet, lässt es eine wachsende Leere zurück. Der klaffende Abgrund wird so schnell wieder gefüllt, wie er sich auftut, aber nicht mit Ekstase, nicht mit lebendigen Geistern. Die Leere wird mit Federn und Rädern gefüllt, mit toten Dingen, mit der Substanz des Leviathan.

***

Der einst freie Mensch wird zunehmend zu dem, von dem Hobbes denken wird, dass er es ist. Die Rüstung, die einst außen getragen worden ist, hüllt sich um das Innere des Individuums. Die Maske wird zum Gesicht des Individuums. Oder wie wir sagen werden: Die Einschränkung wird verinnerlicht. Das ekstatische Leben, die Freiheit schrumpft zu einer bloßen Möglichkeit. Und Möglichkeit ist, wie Sartre hervorheben wird, Nichts.

Diese Reduzierung wird in den Städten Sumers am sichtbarsten, an den Leviathanen, die in dieser Hinsicht auch erstaunlich modern sind. Sie wird so sichtbar, dass die Sumerer*innen sie selbst zu bemerken beginnen. Es sind nicht die zunehmend betäubenden Ritualisierungen der Aktivitäten des Tempels, die sie plagen, und genausowenig die sogar noch auffälligere innere Leere der Ensis und ihrer Familien. All das scheint als Konsequenzen akzeptiert zu werden, die aus dem Bedarf an einer verlässlichen Quelle an Wasser und Zeks resultieren. Was sie plagt, ist, dass die Nachfahren der ersten Sumerer selbst zu Zeks reduziert werden. Das wichtigste Werkzeug dieser Reduzierung ist der Handel, oder wie wir es nennen würden, das Geschäft. Die sumerische Stadt ist mehr als jeder andere frühe Leviathan ein Paradies für Geschäftsleute.

Ein Geschäftsmann ist ein Mensch, der seiner lebendigen Menschlichkeit vollständig entleert wurde. Er ist der Definition nach eine Person, die in und durch die körperlichen Eingeweide des Leviathans gedeiht. Menschen, die zu Dingen reduziert sind, sind unter den Objekten in den Eingeweiden des Ungeheuers und sie sind offensichtlich Freiwild für diese Jagd nach Profit. Die Maxime der Geschäftsleute ist, schon lange bevor Adam Smith sie publizieren wird: Jeder Mensch für sich selbst und die Götter gegen alle.

Wir haben bereits gesehen, wie der sumerische Geschäftsmann eine Gemeinschaft von Fremden zu Schuldner*innen, dann zu Zahlungsunwilligen und schließlich zu Zeks reduzierte. Er wendet nun die gleich ökonomische Weisheit gegen die Fremden innerhalb Sumers an und schließlich hört er damit auf, zwischen Fremden und Sumerern zu unterscheiden.

Die Reduzierung geht zur Zeit der Herrschaft von Urukagina so weit, dass selbst der Lugal davon gestört wird. Und dieser Lugal entscheidet, etwas dagegen zu unternehmen, oder veröffentlicht zumindest eine Tafel, die eine solche Intervention behauptet.

Dieser Urukagina, der das Amt des Lugals von Lagesch zu einer Zeit ausübt, als seine südlichen Nachbar*innen bereits die Ufer des Nils mit den ersten Pyramiden verziert hatten, mag nicht der erste Reformer gewesen sein. Er ist der erste dokumentierte Reformer. Er ist der Erste von Vielen, die das Wohlergehen des gesamten Wurmes über das Wohlergehen eines einzelnen Segments stellen. Er kann sehen, dass die gierigen Profitsuchenden, die bloß ein Segment des Ganzen ausmachen, den Zusammenhalt des Kadavers beeinträchtigt hatten, seine Fähigkeit sich zu bewegen, indem sie seine gesamten Eingeweide aufgefressen hatten. Er proklamiert, dass die Vipern “keine Früchte im Garten des armen Mannes sammeln sollten”, sie sollten die Sumerer nicht zu Zeks reduzieren.

Indem er das Wohlergehen des gesamten Wurmes über das seines angeschwollenen Segments stellt, entfesselt dieser Lugal, wie viele seiner liberalen Nachfolger*innen, Kräfte, die ihn erdrücken. Sich auf die Erinnerung an frühere Phasen der Existenz des Wurmes verlassend, nimmt er an, die beste oder geeignetere Anordnung der Segmente des Wurmes zu kennen.

Der erste Urlugal maßte sich an die Hierarchie der Götter zu kennen und kam mit seiner Anmaßung durch, weil die Götter bereits schwach waren und im Sterben lagen.

Urukagina kommt nicht durch, weil das Segment, das er angreift, obwohl es der Definition nach tot ist, nicht schwach ist. Vergeltung folgt in Form einer Invasion aus Umma. Urukagina wird von Lugalzaggizi aus Umma seines Amtes enthoben. Urukagina wird wie seine liberalen Ensis und die meisten ihrer Zeks getötet und Lagasch wird dem Erdboden gleich gemacht.

Die Stadt Umma ist weder für ihre Macht noch ihren Mut bekannt und sie erwirbt diese Fähigkeiten nicht plötzlich. Ihr Machthaber Lugalzaggizi erobert Lagasch nicht mit Ummas Streitkräften. Die notwendigen Armeen ebenso wie die benötigte Technologie für eine solche Invasion stammen von dem Segment, das Urukagina angegriffen hatte. Lugalzaggizi ist das Instrument für den Sturz des Reformers, nicht nur weil er die Mächtigen verficht, sondern auch weil er etwas weiß, dass Urukagina nicht wusste.

Lugalzaggizi versteht, dass der Kopf des Leviathans sich nicht dort befindet, wo er sich ein Jahr oder eine Generation zuvor befunden hat und genausowenig dort, wo Urukagina denkt, dass er sein sollte. Ebenso wie der Gott des Lugals stets der Gott in der phallusförmigen Zikkurat [Tempelturm] ist, so ist auch das mächtigste Segment des Leviathans immer sein Kopf. Das ist leviathanisches Recht, und Lugalzaggizi, nicht Urukagina, ist der wahre Verteidiger des Wurmes.

Lugalzaggizis Eintreten für die Mächtigen verschafft ihm Verbündete in allen sumerischen Städten. Vielleicht sind sie alle von Reformern befallen, die eine Nostalgie für eine frühere leviathanische Ordnung haben. Lugalzaggizis Armeen überrollen sie alle.

Bevor all die Leichen begraben werden, ist Lugalzaggizi der Lugal von Umma, Lagasch, Ur und Erech. Seine Schriftgelehrten beschreiben ihn als den Mann von Erech, den Einen und Einzigen. Das Tal von Tigris und Euphrat wird von einem einzigen Leviathan besetzt. Sumer ist zum ersten Mal eins. Der Wurm hat all seine Vorgänger aufgefressen. Lugalzaggizis Schriftgelehrte beschreiben ihn auch als den Lugal der Lugals, ein Ausdruck, den seine semitisch-sprechenden Subjekte als König der Könige und Herr der Herrscher übersetzen.

Aber die Tage selbst dieses Allmächtigen sind gezählt. Ebenso wie die Sumerischsprechenden nicht länger nur Priester und Ensis sind, sind die Semitischsprechenden nicht länger nur Zeks. Durch Heirat, physische Tüchtigkeit und Kriecherei befinden sich die Großenkel der Zeks im Palast und im Tempel. Die im Tempel wagen es, den sumerischen Gottheiten die Namen der vor langem vergessenen, semitischen Gottheiten zu verleihen und geben der Tochter des Mondes den landesüblichen Namen Ischtar. Die sumerischsprechenden Priester*innen scheint das nicht weiter zu kümmern; viele von ihnen müssen wissen, dass die sumerischen Götter nicht länger mehr als Namen sind. Zudem sind viele der Brüder der semitischsprechenden Priester*innen Ensis – tatsächlich sind es so viele, dass es leichtsinnig wäre, darauf zu bestehen, dass Ischtars eigentlicher Name Inanna ist. Zudem sind in den entlegenen Städten entlang des Weges von Sumer zur Levante und dem Sinai nicht nur semitischsprechende Ensis, sondern sogar einige, die das Amt des Lugals ausüben. Ein solcher ist Sargon, der Akkade.

Sargon ist in jeder Hinsicht sumerisch, außer in seiner Sprache. Er begann seine Karriere offensichtlich als ein Ensi des Lugals von Ur, für den er die Steuern einer Provinz in der Levante eingetrieben hatte. Als Ur Lugalzaggizi unterlag, nannte Sargon seine Provinz Akkad und nahm den Posten des Lugals ein. Er hatte Lugalzaggizis fetten Leviathan, etwas, das wir ein Imperium nennen würden, eine ganze Generation lang beobachtet. Plötzlich versteht er etwas, das selbst Lugalzaggizi nicht weiß; seine Schriftgelehrten sagen, dass ihm das von Ischtar gesagt worden sei. Sargon weiß, dass der phallusförmige Kopf des Leviathan allen Mächtigen gehört, nicht nur den sumerischsprechenden Mächtigen.

All die Mächtigen, die sich auch nur das kleinste bisschen herabgewürdigt fühlen, sehen in Sargon einen Helden. Dem Vorbild Lugalzaggizis folgend nimmt er seinen Mentor gefangen und fegt durch die Städte, die die ersten Leviathane hervorgebracht haben.

Ein einziger Leviathan, so lang wie der Nil und um einiges länger, erstreckt sich nun über den gesamten Fruchtbaren Halbmond. Seine Eingeweide umfassen das mesopotamische Umma, Ur, Lagasch und Erech, sowie all die Städte entlang der Straßen in der Levante.

Sargon, der seine Karriere als Steuereintreiber begonnen hatte, weiß so wie jeder Pharao oder Lugal, was der Wurm am Besten kann. Er frisst Abgaben, nicht nur um den Lugal und seine Ensis zu ernähren, die nun semitische Namen haben, sondern vor allem um die zunehmend gewaltsamen Götter im Tempel zu ernähren, Götter, die so tot sind wie der Leviathan selbst und ebenso hungrig.

***

Die Taten und Schicksale von Urukagina, Lugalzaggizi und Sargon sind der Gegenstand dessen, was wir “Geschichte” nennen. Mary Jane Shoultz hat dieses Wort entmystifiziert. Wenn wir von tatsächlicher Geschichte, Geschichte im eigentlichen Sinne sprechen, meinen wir seine Geschichte. Sie ist eine exklusiv maskuline Angelegenheit. Wenn Frauen in ihr auftauchen, dann tun sie das eine Rüstung tragend und ein Phallussymbol handhabend. Solche Frauen sind maskulin.

Diese gesamte Angelegenheit dreht sich um Phallussymbole: den Speer, den Pfeil, die Zikkurat [Tempelturm], den Obelisk, den Dolch und später natürlich das Projektil und die Rakete. All diese Objekte sind zugespitzt und sie sind alle dazu geschaffen, einzudringen und zu töten. Die mesopotamische Zikkurat [Tempelturm] und der ägyptische Obelisk, männergemachte Berge, die in den Himmel weisen, sagen den Tag voraus, an dem Männer die Ozonschicht der Atmosphäre zerreißen und sich selbst in den luftleeren Raum schießen werden, in dem einst nur Götter zu fliegen vermochten.

Viele, von Euripides bis Bachofen, Schultz, Grass und Turner werden sich fragen, warum seine Geschichte so exklusiv maskulin ist. Sie werden sich an die Zuchthengst-artige Rolle des menschlichen Mannes im Naturzustand erinnern und sich fragen, ob die leviathanischen Kunststücke, die seine Geschichte ausmachen, die Rache der Männer sind.

Mit dem Aufstieg der Leviathane werden Frauen entwürdigt, domestiziert, missbraucht und instrumentalisiert und dann fahren die Schriftgelehrten fort, die Erinnerung daran auszulöschen, dass Frauen einmal wichtig gewesen waren. Diamond sagt, dass die Literatur, die Shoultz männliche Literatur nennt, bestenfalls dazu geeignet ist, die Vergangenheit aus dem Gedächtnis zu tilgen.

In den alten Gemeinschaften erinnerte sich an das, was eine*r der Ältesten vergaß, wahrscheinlich ein*e andere*r und Traditionen konnten nur schwer verloren gehen, außer die gesamte Gemeinschaft wurde ins Unheil gestürzt.

Aber sobald sich das soziale Gedächtnis auf den Schriftrollen und Tafeln der Schriftgelehrten einnistet, konnte eine einzelne Weisung des Pharaos oder Lugals einen ganzen Abschnitt der Vergangenheit oder sogar die gesamte auslöschen. In Ägypten werden viele frühe Kartuschen und Namenstafeln gefunden werden, die den kaum wahrnehmbaren Namen einer Frau tragen, der Matriarchin; auf allen von ihnen ist der Name der Frau von späteren Schriftgelehrten ausradiert, die dann den Namen eines Mannes in der Kartusche platzierten.

Die Frau ist die Mutter; sie ist die Erde; sie gebärt das Leben. Aber der Mann fühlt sich nicht länger unterlegen; er hat sich im Leviathan eingelebt, der geschlechtslos ist und kein Leben gebiert, der aber kein Leben zu gebären braucht, da er unsterblich ist. Durch die leviathanische Rüstung ermächtigt schlagen die Männer zurück.

Turner wird eine der Gutenachtgeschichten, die von den sumerisierten Akkadianern, die die Macht mit Sargon teilen, erzählt wurden, zitieren. Sie erinnern sich noch immer an die ursprüngliche Mutter, Tiamat, die erste Spenderin des Lebens. Aber nun verstehen sie sie als ebenso tot wie Leviathan, indem sie sagen, dass der Himmel und die Erde selbst aus ihrem zergliederten Kadaver geformt sind. Marduk, Sargons Gott, ist ihr Zergliederer. In Turners Worten “zertrümmert” Marduk “ihren Schädel, teilt ihren Körper wie eine Auster und die folgsamen Winde blasen ihr Blut fort.” Turner wird hervorheben, dass der gewaltsame Marduk eine lange Linie erdhassender Nachfahren haben wird; unser zeitgenössischer Lugal Reagan wird versuchen der letzte von ihnen zu sein.

Seine Geschichte ist eine Chronik der Taten der Männer am Phallus-Ruder von Leviathan und in ihrer weitesten Bedeutung ist sie die “Biografie” dessen, was Hobbes den Künstlichen Mann nennen wird. Es gibt so viele seiner Geschichten, wie es Leviathane gibt.

Aber seine Geschichte neigt dazu, zu einer einzigen zu werden, aus demselben Grund, aus dem Sumerien und nun der gesamte Fruchtbare Halbmond zu einem Einzigen wird. Der Leviathan ist ein Kanibale. Er frisst seine Zeitgenossen, ebenso wie seine Vorfahren. Er liebt eine Vielfalt von Leviathanen ebensowenig, wie er die Erde liebt. Sein Feind ist alles außerhalb von ihm selbst.

Seine Geschichte wird mit Ur geboren, dem ersten Leviathan. Vor oder außerhalb des ersten Leviathans gibt es keine Geschichte [His-story].

Die freien Individuen einer Gemeinschaft ohne Staat hatten per Definition keine Geschichte [His-story]: Sie waren nicht von dem unsterblichen Kadaver umfasst, der der Gegenstand seiner Geschichte ist. Eine solche Gemeinschaft war eine Vielheit an Individuen, eine Ansammlung von Freiheiten. Die Individuen hatten Biografien und sie waren diejenigen, die von Interesse waren. Aber die Gemeinschaft als solche hatte keine “Biografie”, keine Geschichte [His-story].

Nichtsdestotrotz besitzt der Leviathan eine Biografie, eine künstliche. “Der König ist tot, lang lebe der König!” Generationen sterben, aber Ur lebt weiter. Innerhalb des Leviathans ist eine interessante Biografie ein Privileg, das nur sehr wenigen oder nur einem verliehen wird; der Rest hat langweilige Biografien, einander so ähnlich wie die ägyptischen Kopien einst wunderschöner Originale. Was nun von Interesse ist, ist die Geschichte Leviathans, zumindest für seine Schriftgelehrten und His-toriker.

Für andere, wie Macbeth wissen wird, ist die Geschichte Leviathans, wie die seiner Herrscher, “eine Erzählung, die von einem Idioten erzählt wird, voller leerem Schall, die nichts bedeutet.” Der Herrscher wird von einem Invasor oder einem Thronräuber getötet und seine großen Taten sterben mit ihm. Die unsterbliche Geschichte des Wurms endet, wenn er von einem anderen unsterblichen verschlungen wird. Die Geschichte des Verschlingens ist der Gegenstand der Weltgeschichte [World His-story], die schon in ihrem Namen einen einzigen Leviathan prophezeit, der die gesamte Erde in seinen Eingeweiden eingeschlossen hat.

***

Rückzüge menschlicher Gefangener aus den Eingeweiden toter Würmer sind schließlich ebenso häufig wie das Verschlingen kleiner Leviathane durch größere. Die Menschen revoltieren nicht nur. Die Menschen verlassen, fliehen, entkommen tatsächlich. Sie versuchen das die ganze Zeit. Sie haben häufig Erfolg.

Sargons Herrschaft war lang. Sein Imperium überdauerte zwei Generationen. Es endete, als “alle Lande gegen ihn revoltierten und ihn in Akkad heimsuchten”, in den Worten einer Keilschrifttafel. Nichts bleibt von dem enormen Leviathan übrig, der sich über den gesamten Fruchtbaren Halbmond erstreckte.

Unglücklicherweise blieben Segmente des zersetzten Wurmes über das Land verstreut und jedes Segment neigt dazu, sich selbst wieder zu einem vollständigen Wurm zusammenzusetzen. Tote Dinge haben Mächte, die lebendigen Wesen fehlen. Biolog*innen werden versuchen, den Lebenden diese seltsame Fähigkeit des Toten durch einen Prozess, der Klonen genannt wird, zu verleihen.

Einige der Fragmente, diejenigen, die die Reichen und Mächtigen enthalten, haben Erfolg darin, einen neuen Wurm zum Leben zu erwecken und ein neuer Leviathan straft die Desserteure, indem er sie zu unverhohlener Sklaverei, zu immerwährendem Zektum erniedrigt. Sargons Nachfolger Rimusch erweitert den Kadaver des Wurms sogar noch um die Elamiter in den persischen Ebenen.

In allen Gegenden gibt es Revolten und schließlich wird Rimusch von seinen eigenen Wachen getötet. Ihm folgt Naram-sin nach, von seinen eigenen Schriftgelehrten “Gott von Akkad” genannt, aber das Imperium dieses Gottes befindet sich in einem fortwährenden Zerfall. Die Gefangenen in den Eingeweiden dieses Leviathans laden königlose Nomaden aus allen Gegenden ein, ihnen zu helfen, das Ungeheuer von innen zu zerreißen.

Die Intestinalkriege [Eingeweidekriege] dauern bis lange in die Herrschaft des nächsten Nachfolgers an. Schließlich ziehen sich die Elamiter zurück, ziehen sich die Ladaschianer zurück und dann zerbricht das gesamte Ungeheuer in kleine Stücke. Die Zeks verlassen sogar die Kanäle.

Der große Leviathan ist zerstört, für manche Menschen dauerhaft. Ein ähnlicher Leviathan wird in diesem Teil der Welt erst vier Generationen später wiederauferstehen. Anarchie kehrt zum Fruchtbaren Halbmond zurück.

Unglücklicherweise ist dies nicht die Anarchie eines früheren Zeitalters. Die Menschen, die sich vom Leviathan zurückgezogen haben, sind verkrüppelt. Ihre Rüstung lässt sich nicht ablösen. In vielen bleibt die Möglichkeit menschlich zu sein Nichts. Die Gegend selbst ist von den kriegführenden Leviathanen in eine unwirtliche Wüste verwandelt worden. Und einige der Verbündeten, beispielsweise die Gutianer*innen, die eingeladen worden waren, den großen Wurm zu stürzen, versuchen ihrerseits einen eigenen Wurm zum Leben zu erwecken, der auf dem Vorbild derer von Lugalzaggizi und Sargon basiert. Nichtsdestotrotz ziehen sich die Gefangenen zurück, offensichtlich bevorzugen sie diese beschädigte Anarchie der leviathanischen Ordnung.

Während eben jener Generation, in der die Anarchie ins ehemalige Sumer-Akkadien zurückkehrt, kehren sich die Wehrpflichtigen des Pharaos von ihren Pyramiden- und Palastbau-Anweisungen ab und wenden sich gegen den Pharao und gegen all die offiziellen Bräuche seiner Priester*innen und stellen ebenfalls einen gewissen Grad von Anarchie im Niltal wieder her. Die Zeks des Pharaos kehren zu ihren Dörfern zurück und versuchen das Leben so fortzusetzen, wie es in den alten Tagen gelebt worden war. Frakturierte Segmente des Ungeheuers, das vom Memphis-Monarchen angeführt worden war, liegen verstreut an den Ufern des Nils. Die ehemaligen Agenten des gefallenen Pharaos versuchen einige dieser Segmente wieder zum Leben zu erwecken. “Siebzig Könige in siebzig Tagen“ offenbaren den Grad ihres Erfolgs.

Und eine oder zwei Generationen nach dem Zusammenbruch dieser beiden Giganten (Archäolog*innen sind sich uneinig hinsichtlich der Chronologie) scheitert ein dritter Versuch, einen Leviathan zu begründen. Mohenjo Daro am Indus wird von seinen Insass*innen verlassen. Die Details dieses Rückzugs werden nicht bekannt sein, weil die Schrift nicht entschlüsselt werden wird. Dieser Rückzug wird für Menschen mit zivilisierten Gehirnen ein Rätsel sein und seine Gründe werden in Fluten, Dürren, Invasionen und sogar einer “tektonischen Verschiebung” gesucht werden. Wenn man davon überzeugt ist, dass die Menschen niemals die Eingeweide der Zivilisation verlassen würden, dann muss man sich in tektonische Verschiebungen flüchten um zu erklären, warum die Menschen fliehen. Aber wenn man nicht so überzeugt davon ist, dann ist das Rätsel nicht, warum die Menschen fliehen, sondern warum sie so lange in ihr bleiben, wie sie es tun.

Die Menschen am Indus bleiben viele Generationen lang davon verschont, von einem Staat gefesselt zu werden. Diejenigen am Tigris und am Nil bleiben nicht so lange verschont.

Hier sollte hervorgehoben werden, dass die Segmente zersetzter Leviathane einen ungerechten Vorteil gegenüber Gemeinschaften freier Menschen haben. Die Segmente sind wie Maschinen. Wenn sie bloß verlassen worden sind und nicht allzu eingerostet sind, können sie von jedem guten Mechaniker geölt und wieder in Betrieb genommen werden. Die Segmente, die tote Dinge sind, mögen rosten; sie sterben jedoch nie.

Aber menschliche Gemeinschaften bleiben tot, wenn sie erst einmal tot sind. Gemeinschaften lebendiger Wesen sind in dieser Hinsicht klar unterlegen. Um es etwas anders auszudrücken: Der Tod steht immer auf Seiten der Maschinen.

Das hat tragische Konsequenzen für diejenigen, die schließlich erfolgreich darin waren, sich von dem schweren Kadaver zu entlasten. Sie können nicht in ihre alten Gemeinschaften zurückkehren, da diese durch Generationen des Plünderns, Kidnappings und Mordens von Zivilisationen zerstört wurden. Die Menschen können nicht fortfahren; sie müssen von vorne anfangen. Wir sollten nicht annehmen, dass die Gepflogenheiten, die wir Kultur nennen werden, und die über tausende Generationen genährt und kultiviert wurden, über Nacht regeneriert werden könnten. Es mag gut sein, dass solche Gepflogenheiten die Kultivierung vieler Generationen erfordern.

Aber die Menschen, die darum kämpfen, einen Neustart zu machen, haben kein Zeitalter, in dem sie das tun könnten. Sie befinden sich inmitten leviathanischer Segmente, Maschinen, die jede*r gute Mechaniker*in reaktivieren und dazu nutzen kann, die Anstrengungen einer ganzen Generation in einem einzigen Feldzug ins Nichts zu stürzen.

Das ist genau das, was passiert. Am Nil werden in Theben und Herakleopolis Segmente des zersetzten Leviathans instand gesetzt und beide wachsen zu vollständigen Würmern heran. Im Tigris-Euphrat-Tal, genauer gesagt, in Erech, erlangt der Machthaber Utukhegal die Kontrolle über den schwerfälligen Wurm, den die Guti zum Leben erweckt haben, nur um von seinem eigenen Stellvertreter enttrohnt zu werden; aber sein Stellvertreter, Urnammu, hat Erfolg darin, den gesamten sumerisch-akkadischen Leviathan wieder zum Leben zu erwecken und ihn erneut von der Levante bis nach Elam auszudehnen. All die Anstrengungen, einen Neubeginn zu starten, werden zunichte gemacht; sie werden nicht unterbrochen; sie werden vernichtet.

Nach zwei Generationen ziehen sich die Gefangenen des wiedererweckten Ungeheuers erneut zurück. Dieses Mal wird der sumerisch-akkadische Leviathan für alle Zeiten verlassen. Aber gepanzerte Ssumerianisierte Semiten bestehen darauf, die Segmente zu flicken und bei Aschschur erwecken sie einen neuen Wurm zum Leben, der mit Zeks von neuen semitischen Fremden bemannt ist, den Amoritern.

Fünf Generationen später starten die Nachfahren der Amoriter-Zeks in Babylon einen eigenen Leviathan, wobei sie fortfahren, die Bosse der Arbeiter-Gangs “Aufseher von Amoritern” zu nennen. Und fünf Generationen danach dehnt der Amoriter Hammurabi den babylonischen Wurm über die antiken Gefilde Urukaginas aus, während die ehemaligen Herren der Amoriter, die Assyrer, ihren Wurm über die westlichen Provinzen von Lugalzaggizis Gefilde ausdehnen.

Unterdessen haben unbekannte Menschen aus den Wäldern und Bergen der Guti Teile der mesopotamischen Rüstung durch ganz Eurasien nach China getragen, von denen gesagt wird, dass sie der Ursprung der Yang-Shao-Kultur seien. Nur zwei Generationen später gibt es eine Schrift und eine Xia-Dynastie, deren Gründer, Yû, die Bereitstellung einer verlässlichen Wasserversorgung zugeschrieben wird.

Im Westen des Fruchtbaren Halbmonds, in Anatolien, wo die Frauen viele Generationen lang fortfahren werden, die unbegrenzte Fruchtbarkeit der Erde zu feiern, befinden sich an zwei oft von assyrischen Händlern besuchten Orten bereits aufkommende Würmer, die den Ägyptern und Assyrern später als Hethiter bekannt sein werden.

Jedes neue Modell besitzt Zusätze, die seinen Vorgängern fehlten. Die Segmente, die vom Zerfall von Sargons Ungeheuer in der Levante übrig geblieben sind, werden generalüberholt in mobile, oktopusähnliche Monströsitäten, die den phönizischen Handel an Orte bringen, die weit außerhalb der Reichweite stationärerer Würmer liegen. Die phönizischen Händler*innen in Byblos und Ugarit überholen sogar die hyroglyphischen und keilförmigen Schriften zu einem weitaus effizienteren kommerziellen Werkzeug, dem Alphabet.

Menschliche Gemeinschaften entwickeln sich zurück, während die Würmer fortschreiten. Die größte Errungenschaft des Leviathans ist es, wie L. Mumford behaupten wird, Menschen zu Dingen zu reduzieren, sie zu effizienten mechanischen Kampfeinheiten umzuarbeiten.

All das ist deprimierend. Das Gefilde des Todes breitet sich aus. Und da der Tod sich zum Leben verhält wie die Nacht zum Tage, schrumpft das Leben zusammen, während sich das Gefilde des Todes ausbreitet. Die unmenschliche Erzählung bedeutet wahrhaft nichts menschliches.

Nachdem ich einige der Hauptprotagonisten genannt habe, die sich gegen menschliche Gemeinschaften und gegen Mutter Erde selbst in Stellung brachten, wende ich mich einer kleinen Gruppe von Menschen zu, die sich den Eingeweiden eines der großen Leviathane entzogen. Diese Menschen waren zum Zeitpunkt ihrer Entziehung für alle außer sich selbst unbedeutend und wären unbedeutend geblieben, wenn ihre jüdischen, christlichen und muslimischen Erben nicht den Schatten ihrer Entziehung in jedes vormals sichere Refugium auf dem Globus getragen hätten.

Diese Menschen sind natürlich die Israeliten, die sich der ägyptischen Zivilisation entzogen und an dieser Stelle muss ich sagen, dass ich von dem gepanzerten Fragensteller überrascht bin, der selbstgefällig die positiven Wunder der Zivilisation in mein Gesicht schleuderte, da ein Teil seines Panzers aus den Überbleibseln dieser kleinen Gruppe besteht, die vor den Wundern floh.

***

 

Katastrophismus XXIII

Die Expertenbürokratie, welche zusammen mit der Entwicklung der Planung auftauchte, stellt für alle Verwalter der Herrschaft eine gemeinsame Sprache und die Repräsentationen her, mittels welcher die Letzteren ihre eigene Aktivität verstehen und rechtfertigen. Mit ihren Diagnosen und Voraussagen, formuliert in der Neosprache der rationalen Kalkulation, kultiviert sie die Illusion einer technowissenschaftlichen Kontrolle von „Problemen“. Das Programm eines vollständig verwalteten Überlebens zu verteidigen ist ihre Aufgabe. Es ist diese Bürokratie, die regelmässig Alarmsignale und Warnungen herausgibt. Dabei zählt sie darauf, dass die Notlage, welche sie ausruft, sie befähigt direkter in die Verwaltung der Herrschaft eingebunden zu werden. In ihrer Kampagne für die Schaffung eines Ausnahmezustands hat ihr niemals die Unterstützung von linken Staatsanhängern und anderen bürgerbewegten [citizenists] gefehlt, und hat künftig also kaum Widerstand von den Verwaltern der Wirtschaft zu erwarten, da die meisten von ihnen die Perspektive einer endlosen Katastrophe als eine permanente Wiederauferstehung der Produktion durch die Suche nach „Ökokompatibilität“ betrachten. Eine Sache ist nun klar: wenn die Zeit für das alte Keynesianische Rezept der öffentlichen Wohlfahrtsprogramme – zusammengefasst in der Formel „Löcher graben um diese wieder aufzufüllen“ – gekommen ist, wird es genügend bereits gegrabene „Löcher“, zu reparierende Verheerungen, Abfälle zum recyclen, Verschmutzung zu reinigen, etc. geben. („Wir werden das reparieren müssen, was nie zuvor repariert wurde, verwalten, was niemand zuvor verwaltet hat“, Hervé Juvin, Produire le monde. Pour une croissance écologique, 2008).

Die Ausbildung dieses neuen „Labour Corps“ bedeutet bereits Kriegsfuss. So wie der New Deal die Unterstützung praktisch aller linken Intellektuellen und Aktivisten in den USA erhalten hat, mobilisiert der neue ökologische Kurs des bürokratischen Kapitalismus alle „gutherzigen Apparatschiks“ auf Weltebene. Letztere sind jung, Spezialisten, enthusiastisch, kompetent und ehrgeizig: kampferprobt in den NGOs und anderen Vereinen, in Führung und Organisation, fühlen sie sich fähig „die Dinge voranzutreiben“. Überzeugt, dass sie die höheren Interessen der Menschheit verkörpern und die Geschichte auf ihrer Seite haben, sind sie mit einem absolut reinen Gewissen ausgestattet und, als wäre das noch nicht genug, dem Wissen, dass die Gesetze auf ihrer Seite sind: die Gesetze die bereits in den Büchern stehen und all jene, welche sie zu verkünden hoffen. Denn sie wollen mehr Gesetze und Vorschriften, und hier ist es, wo sie mit dem Rest der Progressiven, „Anti-Liberalen“ und Militanten der Partei des Staates übereinstimmen, für welche „Gesellschaftskritik“ – ganz im Stile Bourdieus – darin besteht, die „Regierten“ dazu aufzurufen, „den Staat“ gegen seine „neoliberale Demontage“ „zu verteidigen“.

Nichts macht die Art und Weise klarer, in welcher der Katastrophismus der Experten etwas anderes ist als eine „Bewusstwerdung“ über die reale Katastrophe des entfremdeten Lebens, als die Art in welcher er versucht jeden Lebensaspekt und jedes Detail des persönlichen Verhaltens zu einem Gegenstand der Staatskontrolle zu machen, Regeln, Vorschriften und Verboten gemäss. Jeder zum Katastrophismus konvertierte Experte weiss, dass er ein Verwahrer des wahren Glaubens ist, der unpersönlichen Rationalität, welche das grundlegende Ideal des Staates ist. Wenn er seine Anklagen und Empfehlungen an politische Führer richtet, ist sich der Experte der Tatsache bewusst, dass er das höhere Interesse der kollektiven Verwaltung repräsentiert, die Imperative des Überlebens der Massengesellschaft. (Er wird vom „politischen Willen“ sprechen, der nötig ist, wenn er sich auf diesen Aspekt des Themas bezieht.) Die Verwaltung durch die Experten ist nicht nur aufgrund ihres Habitus etatistisch, da nur ein verstärkter Staat ihre Lösungen anwenden kann: sie ist strukturell etatistisch, in all ihren Methoden, ihren intellektuellen Kategorien und ihren „Mitgliedschaftskriterien“. Diese „Jesuiten des Staates“ haben ihren Idealismus (ihren „Spiritualismus“ wie es Marx nannte), die Überzeugung, dass sie für die Erlösung des Planeten arbeiten; aber dieser Idealismus fällt in der alltäglichen Praxis oft einem vulgären Materialismus anheim, in dessen Augen es nicht eine einzige spontane Lebensäusserung gibt, die nicht auf den Zustand eines passiven Objekts reduziert werden könnte, empfänglich dafür verwaltet zu werden: um das Programm der bürokratischen Verwaltung („Natur produzieren“) aufzuerlegen, ist es notwendig alles zu bekämpfen und zu eliminieren was unabhängig, ohne Hilfe der Technologie, existiert und das folglich irrational sein muss (wie es, bis gerade gestern noch, die Kritiken an der industriellen Gesellschaften waren, die ihr voraussehbares Verhängnis verkündeten).
Der Kult der unpersönlichen wissenschaftlichen Objektivität, des Wissens ohne Subjekt, ist die Religion der Bürokratie. Und unter ihren Lieblingsfrömmigkeiten ist – aus offensichtlichen Gründen – die Statistik, die Staatswissenschaft par excellence, welche diesen Status im Grunde im militaristischen und absolutistischen Preussen des 18. Jahrhunderts erreichte, welches auch – wie [Lewis] Mumford beobachtete – die erste Gesellschaft war, welche die Uniformität und die Unpersönlichkeit des modernen öffentlichen Schulsystems im grossen Massstab auf die Erziehung anwandte. So wie in Los Alamos das Labor in ein Gefängnis verwandelt wurde, ist das, was das Weltlabor nun ankündigt, so wie es die Experten darstellen, eine Barackenökologie. Der Datenfetischismus und der kindliche Respekt für alles was in Form einer Gleichung präsentiert werden kann, hat nichts mit der Angst vor dem Irrtum zu tun, sondern vielmehr mit der Angst vor der Wahrheit, die der Nichtexperte ohne Rückgriff auf irgendwelche Zahlen formulieren kann. Das ist der Grund wieso der Nichtexperte erzogen und informiert werden muss, so dass er sich im Vorhinein der ökologisch-wissenschaftlichen Autorität fügen kann, welche ihm die neuen Regeln diktieren wird, die so notwendig für das geschmeidige Funktionieren der sozialen Maschine sind. In den Stimmen jener, die leidenschaftlich die Statistiken wiederholen, welche von der katastrophistischen Propaganda verbreitet werden, ist es nicht die Revolte die widerhallt, sondern Unterwerfung unter die Ausnahmezustände im Voraus, die Akzeptanz der kommenden Disziplinarregimes, und die Unterstützung für die bürokratische Macht die vorgibt durch den Gebrauch von Zwangsmassnahmen das kollektive Überleben sicherzustellen.

[Übersetzung eines Kapitels aus dem Buch: „Catastrophism, disaster management and sustainable submission“ von René Riesel und Jaime Semprun, Roofdruk Edities, April 2014. Das Original von 2008 (!) ist französisch und heisst „Catastrophisme, administration du désastre et soumission durable“, Edition de l`encyclopédie des nuisances]

Gegen seine Geschichte, Gegen Leviathan! – Kapitel 2

Bei dem folgenden Text handelt es sich um das 2. Kapitel der deutschen Übersetzung von Against History, Against Leviathan!, die wir seit Ausgabe #080 in einer Vorabfassung kapitelweise abdrucken.

Das 1. Kapitel findest du hier, alle bisher erschienenen Kapitel hier.

Da es sich bei den hier veröffentlichten Übersetzungen um eine vorläufige Fassung handelt, freuen sich die Übersetzer*innen ganz besonders über Hinweise auf Fehler, Gedanken zu Ungenauigkeiten in der Übersetzung und Verbesserungsvorschläge. Ihr könnt sie direkt per E-Mail an gegen-leviathan@riseup.net kontaktieren.

2.

Ein Gepanzerter fragt: Wenn das Goldene Zeitalter so wertvoll, so wunderschön, so rein gewesen ist, warum haben die Menschen es dann hinter sich gelassen? Wenn sich die Zivilisierten an es erinnern, warum kehren sie nicht zu ihm zurück? Wenn es so angenehm gewesen ist, warum werfen Landwirte dann nicht ihre Pflüge weg und kehren zu Grabstöcken zurück? (Wer diese Fragen stellt, fragt auch: Wenn du so clever bist, warum bist du dann nicht reich?)

Es gibt Antworten auf diese Fragen. Aber der Fragensteller will diese nicht hören. Er kennt die Antwort bereits. Die Menschheit verließ den Naturzustand, weil die Zivilisation eine höhere Entwicklung ist. (Eine höhere Entwicklung gegenüber was? Das wird der Gepanzerte niemals verraten. Er kehrt schnell zu etwas anderem zurück.)

Die Theorie der höheren Entwicklung ist so alt wie die Zivilisation selbst. Eine der einflussreicheren modernen Versionen stammt von einem Anwalt des 19. Jahrhunderts, der im Hinterland von New York lebte, von Lewis Henry Morgan.

Als Berater für spekulierende Geschäftsleute, als republikanischer Politiker und Rassist fand Morgan dennoch die Zeit, eine Studie über seine Nachbarn im Hinterland von New York anzustellen, über eines der zerstreuten Überbleibsel der einst zahlreichen irokesischen Gemeinschaften. Morgans rassistische Vorgänger Washington und Jefferson haben darauf bestanden, dass die Irokesen Kinder seien, aber Morgan war der Ansicht, dass die Irokesen einen Zustand zwischen Kindheit und Adoleszenz erreicht hätten.

Morgan verallgemeinerte seinen Rassismus zu einer Leiter, von der jede Stufe vor rassistischer Politur nur so glänzt. Er betrieb keinerlei Anstrengung, seine Geringschätzung zu verbergen, im Gegenteil, er trug sie offen zur Schau; eine solche Geringschätzung war (und ist bis heute) ein Zeichen von Vornehmheit in Amerika. Er nannte die unterste Stufe, den Zustand der Kleinkindheit, Wildheit. Die nächste Stufe, den Zustand der Kindheit, Barbarei. Und natürlich nannte er die höchsten Stufen Zivilisation, die allerhöchste amerikanische Zivilisation. Auf dieser höchsten Stufe saß Morgan zusammen mit der Großen Weißen Rasse. Die amerikanischen Professoren fühlten sich so sehr geschmeichelt, dass sie Morgan zum Präsidenten der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften wählten.

Später würden die Professoren ihre Wahl bereuen. Der Aufwiegler Karl Marx und der revolutionäre Geschäftsmann Friedrich Engels borgten sich Morgans rassistische Leiter aus. Marx beabsichtigte die Leiter auszubessern, aber er fand dazu nie Zeit. Es war Engels, der schließlich Morgans Leiter ausbesserte. Er flickte nicht gerade viel. Er borgte sie sich vollständig intakt, inklusive all der rassistischen Politur durch Morgans Nomenklatur: Wildheit, Barbarei, usw. Engels besserte lediglich die Spitze der Leiter aus. Er benannte Morgans oberste Stufe um und fügte der Leiter noch eine weitere, höhere Stufe hinzu.

Engels änderte den Namen von Morgans Großer Weißer Rasse in Kapitalistische Klasse und platzierte darüber die Anführer*innen und Anhänger*innen von Marx politischer Partei. Und in dieser Form wurde Morgans rassistische Leiter zur offiziellen Religion der UdSSR, Chinas, Osteuropas und anderer Länder, in denen die Namen der Stufen als ein Katechismus in die Köpfe der Schulkinder eingehämmert werden.

Natürlich wollten die amerikanischen Professoren mit dieser Leiter nichts mehr zu tun haben, nachdem diese den Aufwieglern in die Hände gelangt war. Sie vergaßen Morgan. (Das kann an Orten, an denen das Gedächtnis von der Gunst der Verleger*innen des geschriebenen Wortes abhängt, sehr leicht vollbracht werden.)

Aber der Rassismus verflüchtigte sich nicht aus Amerika und Morgans Leiter war eine zu gute Sache, um sie den Aufwiegler*innen zu überlassen. Der Archäologe V. G. Childe, wenngleich er selbst Marxist war, verlieh der Leiter eine Aura der Wohlanständigkeit, indem er ihre Stufen mit all den jüngsten eindeutigen Beweisen füllte. Und die Leiter kehrte nach Amerika zurück, weniger als eine offizielle Religion, sondern vielmehr als ein letzter Ausweg, als etwas, dessen man sich in Notfällen bedienen konnte. Verweise auf den »Naturzustand« lösen stets solche Notfälle aus.

Die Leiter, die Theorie der höheren Entwicklungen, erklärt natürlich, warum die Menschen den Naturzustand hinter sich ließen. Zu diesem Zweck wurde sie entwickelt. Der Titel von Engels Buch lautet Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. Die Erklärung ist einfach, klar, tatsächlich mechanisch und sie kann in Grundschulen unterrichtet werden. Alles, was wir tun müssen, ist uns von lebendigen Wesen abwenden und uns auf Dinge konzentrieren. Die Leiter ist ein Ding. Ebenso wie ihre Stufen. Und die Verbindungen zwischen niedrigeren und höheren Stufen sind ebenso Dinge. Sie sind Apparate. Childe nannte sein Buch irreführenderweise Der Mensch schafft sich selbst [Man Makes Himself] und erweckte dadurch den Eindruck, dass er von einem lebendigen Wesen sprechen würde. Für Childe ist der Mensch selbst ein Ding, ein Gefäß für Objekte und Bauteile; Materie ist der Kern und der Mensch der Auswuchs.

Der Apparat, der verantwortlichfür den Übergang des Menschen von der Wildheit genannten Stufe zu der Barbarei genannten Stufe ist, ist ein Apparat, der Materielle Bedingungen genannt wird, oder vollinhaltlicher die Ebene der Entwicklung der Produktivkräfte. Derselbe Apparat ist verantwortlich für das Erklimmen aller höheren Stufen.

Marx und Engels und ebenso Morgan lebten zu einer Zeit, als die materiellen Bedingungen, buchstäblich der Boden selbst, den Füßen der ehemaligen Herrscher entglitt, den verhassten Baronen und Bischöfen: Kapitalistische Eigentümer von Minen und Fabriken kauften das Land der Aristokraten auf. Marx und Engels prognostizierten, dass der Boden auch den Füßen der Kapitalisten auf eine ähnliche Weise entgleiten würde und sie projizierten ihren Wunsch auf die erste Morgendämmerung.

Im Sinne dieser Projektion existierte der Mensch seit tausenden Generationen als Wilder. Dann, ungefähr vor dreihundert Generationen, wurden die materiellen Bedingungen günstig für etwas höheres als diese Wildheit. Diese Bedingungen umfassten Landwirtschaft, Metallurgie, das Rad, usw. Als er erst einmal all diese Dinge hatte, war der Mensch in der Lage einen Überschuss zu produzieren, einen Gewinn. (Turner erliegt diesem Teil der Theorie ebenfalls.) Dieser Überschuss, dieser Gewinn, ist das, was die schöne neue Welt fördert, buchstäblich füttert, die nun möglich geworden ist: Könige, Armeegeneräle, Sklavenbesitzer und Bosse von Arbeitskolonnen. Der Mensch habe immer Herrscher gewollt, Berufsheere, Sklaverei und Arbeitsteilung, aber er hätte diese Träume nicht realisieren können, bis die materiellen Bedingungen dafür reif waren. Und sobald sie reif dafür geworden seien, seien alle fortschrittlich eingestellten Wilden ohne Zögern zur nächsthöheren Stufe gesprungen.

(Tue mir einen Gefallen, Leser*in, und überprüfe die Theorie der höheren Entwicklungsstufen noch einmal. Dann sage mir, ob du meine Karrikatur noch immer übertrieben findest.)

Die Theorie der höheren Entwicklungsstufen kann kleinen Kindern erzählt werden, weil sie ein Märchen ist. Ich habe nichts gegen Märchen. Aber die Verfechter*innen dieses Märchens behaupten, dass es etwas anderes wäre; sie verachten Märchen.

***

Die sogenannten materiellen Bedingungen waren nichts anderes als Hilfsmittel fürs Schlemmen, Umherspazieren und Sichtreibenlassen. Sie waren wie Spazierstöcke für Greise. Ihre Vielfalt und Komplexität belegen den Einfallsreichtum von Menschen. Aber die Zentralität solcher Dinge ist für uns kein Beweis dafür, dass Menschen im Naturzustand um Früchte, Nüsse und Spazierstöcke kreisten. So wenig wir auch über ihre Sternstunden wissen, wissen wir doch, dass diese keine Industriemessen, Feiern neuer Erfindungen oder Maschinenausstellungen waren. Dinge mögen nützlich gewesen sein, aber sie waren Belanglosigkeiten im Vergleich mit den Augenblicken, in denen man in Kontakt mit dem Ursprung, der Quelle des Lebens, des Seins selbst kam.

Die Belanglosigkeiten sind uralt und mögen früher weitaus vielfältiger gewesen sein, als sie es heute sind. Als die Früchte noch auf hochliegenden Ästen reiften, wurden alle möglichen Arten von hakenförmigen Stöcken, Stricken und Leitern entwickelt, um die Früchte zu erreichen, bevor es die Affen taten.

Die Menschen verstanden sich selbst als Cousinen der Tiere. Viele ihrer Gerätschaften ermöglichten es ihnen, die Handlungsweisen der Tiere zu kopieren. An den Ufern der Flüsse und Seen entwickelten die Menschen alle möglichen Arten von Flößen und Kanus, um wie Enten und Schwäne zu schwimmen. Sie lagerten Nüsse, um sie nach dem Vorbild der Eichhörnchen im Winter zu verzehren. Sie verstreuten Samen nach dem Vorbild der Vögel. Sie webten Netze nach dem Vorbild der Spinnen. Sie pirschten sich an Wild heran nach dem Vorbild der Wölfe. Wölfe haben starke Zähne und Kiefer. Die Menschen schärften Stöcke und Steine. (Unsere Archäologen stellen sie dar, als hätten sie wie Zeks den ganzen Tag damit zugebracht, sie abzuplätten. Diese Menschen waren nicht von etwas gezwungen, was Tonybee »gesichtslose Institutionen« nennt. Sie hatten keinen Grund dazu, mit dem Abblätten weiter zu machen, wenn es ihnen keinen Spaß mehr machte.)

Moderne Gräber haben selbst die Überbleibsel altertümlicher Städte an Orten in Anatolien und im vorderen Orient ausgegraben, Orte, die später Shanidar, Jericho, Catal Höyük, Hacilar genannt wurden.In Shanidar teilte die gesamte Gemeinschaft eine Höhle als Winterunterschlupf; die Höhlenbewohner*innen nutzten Metalle. In Jericho mauerten sich die Menschen selbst ein, indem sie eine Mauer errichteten, vermutlich um sich vor feindlichen Eindringlingen zu schützen. Diese Menschen scheinen kaum bis gar keine Anpflanzung betrieben zu haben. Im Norden von ihnen lebten Menschen, die Samen anpflanzten und Tiere hielten, aber keine Städte oder Mauern errichteten. Und auf der anderen Seite der Welt waren die Vorfahren oder Vorgänger*innen der Ojibwa, die am Lake Superior Metallurgie betrieben und wunderschönen Kupferschmuck und -werkzeuge herstellten.

Keines dieser Völker entwickelte »gesichtslose Institutionen«. Sie blieben eine Sippschaft. Sie fuhren fort alles, was sie besaßen und was sie erlebten, zu teilen. Die Kupfer-Nutzer*innen vom Lake Superior pflanzten keine Samen an oder hielten Tiere. Vielleicht hätten sie es gekonnt, aber sie hatten keinen weltlichen Grund dazu. Sie hielten Hunde. Hunde haben sich offensichtlich selbst domestiziert, entweder aus einer unbegreiflichen Liebe zu Menschen oder aus einem parasitären Antrieb. Aber welche Befriedigung würde es einem verschaffen, Züchtungen parasitärer, hundeartiger Rothirsche oder Elche zu entwickeln?

Die materiellen Objekte, die Spazierstöcke und Kanus, die Grabstöcke und Mauern, waren Dinge, die ein einzelnes Individuum schaffen konnte, oder sie waren Dinge, wie eine Mauer, die die Zusammenarbeit vieler zu einem einzigen Anlass erforderten. Ich würde vermuten, dass die Erbauer*innen der ersten Mauer von Jericho in dem Moment, als sie damit fertig waren, aufhörten Mauerbauer*innen zu sein; sie kehrten zu wichtigeren Aktivitäten zurück. Ich würde sogar vermuten, dass sie die Mauer errichteten, um den wichtigeren Aktivitäten ungestört nachzugehen.

Was die überschüssigen Erzeugnisse, die berümten Gewinne angeht, die diese Werkzeuge angeblich möglich gemacht hätten: Sahlins und andere haben gezeigt, dass sowohl Gemeinschaften mit vielen Werkzeugen als auch Gemeinschaften mit wenigen, welche, die in üppigen Umgebungen und welche, die in rauen Umgebungen lebten, alle von Überschüssen umgeben waren. Nachdem all die Menschen ihre Ration gegessen hatten, nachdem all die Insekten und Vögel und Tiere ihre Ration gegessen hatten, gab es noch immer eine ganze Fülle, die auf die Erde fiel und Triebe des nächsten Frühjahrs düngte. Viele Tiere und viele Menschen lagerten das, wovon sie erwarteten, es während eines durchschnittlichen Winters zu benötigen, aber keine*r hortete mehr als das; freie Menschen brauchten das nicht zu tun.

***

Die meisten der Werkzeuge sind uralt und die Überschüsse sind seit der ersten Morgendämmerung reif, aber sie erschufen keine gesichtslosen Institutionen. Die Menschen, lebendige Wesen, erschufen beides. Und es ist nicht der Mensch oder die Menschheit, die dafür verantwortlich ist, sondern eine isolierte Gemeinschaft, eine kleine Minderheit in Tonybees Worten.

Zudem erschafft diese kleine Minderheit derartige Institutionen nicht in den günstigsten materiellen Bedingungen, beispielsweise in den üppigen Wäldern der Great Lakes oder den ergiebigen Wäldern Afrikas oder Eurasiens. Sie machen das unter den ungünstigsten materiellen Bedingungen, in einer erbitterten, rauen Umgebung.

Gräber haben tatsächlich Tafeln ausgegraben und entziffert, die Licht auf die ersten Augenblicke gesichtsloser Institutionen werfen.

Die Tafeln sind auf Sumerisch geschrieben, einer Sprache, die in Zentralasien entstanden sein könnte. Die Autor*innen sind die ersten schriftkundigen Menschen. Die Dörfer, in denen sie leben, werden Erech, Ur, Eridu und Lagasch genannt. Die Dörfer befinden sich im Tal zwischen den Flüssen Tigris und Euphrat. Der Ort wird später Fruchtbarer Halbmond genannt werden, um zu erklären, warum Esel Schwänze haben.

Die ersten Tafeln beschreiben den Ort nicht so günstig. Sie beschreiben ihn als einen höllischen Ort und lassen eine*n sich wundern, warum diese Menschen dort bleiben. Sie sind erpicht darauf, Landwirtschaft in einem Urwald zu betreiben. Die Flüsse treten jährlich über ihre Ufer, düngen das Tal und verwandeln es in ein Moor.

Frauen pflanzen Samen. In einem Jahr ist die Flut so gewaltig, dass sie die Erde sowie die Häuser mit sich fortträgt. Im nächsten Jahr gibt es nicht genug Wasser und die Pflanzen vertrocknen und sterben in der sengenden Hitze der Sonne.

Sicherlich müssen die Dorfbewohner*innen daran gedacht haben, in die günstigeren materiellen Bedingungen Zentralasiens zurückzukehren, wo sie nicht so viel Zeit und Energie auf das bloße Überleben aufwenden mussten, wo sie Zeit für erfreulichere Aktivitäten hatten.

Aber sie sind hartnäckig. Die Großmütter rufen die alten Männer zu einem Rat zusammen. Diese Männer hatten geträumt. Die Frauen ermahnten die Männer von einer verlässlichen Wasserversorgung zu träumen, weder zu wenig, noch zu viel.

Die Männer sind offensichtlich beleidigt wegen solcher Banalitäten von ihren mentalen Transporten weggerufen zu werden. Sie müssen vermutlich zu einem zweiten Rat und dann einem Dritten einberufen werden, letzterer während einer Hungersnot.

Die alten Männer reagieren träge. Sie könnten gesehen haben, wie Biber sich eine verlässliche Wasserversorgung gewährleisten. Sie träumen. Sie sehen, dass das, was benötigt wird, ein Damm, Kanäle und Entwässerungsgräben wären. Aber wer würde diese errichten? Sicherlich nicht die alten Männer. Sie sind keine Biber. Sie rufen die jungen Männer zusammen und erklären den Traum.

Die jungen Männer haben bisher nichts getan, daher sind sie begierig sich als bereitwillige und edelmütige Geber zu zeigen.

Aber keine*r weiß, wie man fortfahren solle. Die alten Männer mögen oder mögen nicht die Pläne erträumt haben, aber sie werden sicherlich nicht die tatsächliche Umsetzung beaufsichtigt haben. Sie wählten einen starken jungen Mann, einen Lugal; sie sagen ihm, er solle die Biber beobachten. Die alten Männer kehren dann zu ihren wichtigeren philosophischen Unterfangen zurück.

Der Lugal, was auf Sumerisch starker Mann bedeutet, mag von den Bibern lernen oder auch nicht und er mag die Pläne machen oder auch nicht. Auf jeden Fall beaufsichtigt er das Projekt. War er nicht von den Ältesten dazu auserwählt worden?

Als die Gräben und Kanäle gegraben sind, kehrt der Lugal unter seinesgleichen zurück, stolz, aber noch nicht hochmütig. Nichts hat sich bisher verändert. Solche kooperativen Unterfangen waren selten, aber nicht ungewöhnlich in Gemeinschaften der Sippschaft.

Aber das hier ist Erech, ein Ort, von dem die Götter offensichtlich nicht wollen, dass dort Menschen leben. Eine einzige Flut spült die ganze Arbeit ins Meer. Die Frauen rufen die alten Männer zu einem weiteren Rat zusammen. Diese Mal wählen die Ältesten einen noch stärkeren jungen Mann aus und drängen ihn, die Biber gewissenhafter zu studieren oder tiefgreifender zu träumen. Und dieses Mal halten die Ufer und Deiche, zumindest anfänglich.

Aber Erech bleibt ein materiell miserabler Ort und binnen Kurzem beginnen die Ufer zu bröckeln. Der erfahrene Lugal wird beauftragt, die Ufer und Dämme zu reparieren. Der Lugal und seine Cousins beschweren sich, dass sie schon vor einem Mond hätten gerufen werden sollen, als die Ufer noch repariert hätten werdenkönnen; Nun müssen sie das gesamte Werk wieder errichten. Das passiert zweimal, höchstens dreimal, bevor der Lugal darauf besteht, einen Sitz im Rat der Ältesten zu bekommen, um ein Mitspracherecht darauf zu haben, wann die Deiche repariert werden.

Frühlinge vergehen und Winter vergehen, voller Festessen, Festivals, Tänze und Spiele.

Die Ältesten von Ur und selbst die von Lagasch bestimmten Lugals, um die Bewässerungswerke von Erech zu studieren.

Ein Ältester von Erech und dann ein weiterer sterben in hohem Alter; sie werden im Rat durch Neuankömmlinge ersetzt.

Nun ist der Lugal ein erfahrenerer Ältester als die Neuankömmlinge und er äußert sich über andere Dinge als Deiche. Er wird hochmütig und seine Cousins stehen hinter ihm. Er und sie sind schließlich diejenigen, die Erech eine verlässliche Wasserversorgung verschaffen. Der Lugal wagt es sogar einer alten Großmutter zu sagen, wo sie ihre Samen nicht pflanzen solle.

Eines Tages wird der Lugal tot aufgefunden, ermordet von einer Gottheit, einer Gottheit, von der bekannt ist, dass sie in engem Kontakt mit der beleidigten Großmutter steht. Ein neuer Lugal wird auserwählt, ein weniger hochmütiger und die Ältesten achten sorgsam darauf, ihn aus ihrem Rat herauszuhalten.

Es gibt keinen eindeutigen Beweis für irgendetwas davon. Tatsache ist, dass die sumerischen Tafeln geheimnisvoll stumm hinsichtlich der Taten der Frauen und Ältesten zur Zeit der ersten Lugale bleiben. Und sowie die Zeit voranschreitet, helfen die Tafel-Schreiberlinge den Menschen dabei zu vergessen, dass die sumerischen Frauen wichtig waren, dass die Ältesten einst in einem Rat saßen, dass es ein Zeitalter vor dem ersten Lugal gab.

***

Aber zurück zu meiner Geschichte.

Die Menschen aus Ur und Lagasch haben ihre Bewässerungsarbeiten vollendet. Diese wurden jedes Jahr umfangreicher.

In einem Jahr überfluteten die Entwässerungsgräben von Lagasch die Kanäle von Ur und fluteten und ruinierten die Arbeit Urs.

Das machte den Lugal von Ur, der Urlugal genannt wurde, so wütend, dass er seine speerbewaffneten Cousins gegen die von Lagasch anführte. Die erzürnte Jugend von Ur zerstörte die Bewässerungswerke ihrer Nachbarn und verfolgte fliehende Menschen aus Lagasch bis in die Wüste. In ihrer Wut ermordeten sie mehrere Fremde, Wüstennomaden, deren Pfade sie kreuzten.

Als schließlich die belagerten Lagaschianer*innen um ein Ende der Gewalt bettelten, legten die Sieger mit Urlugal an ihrer Spitze den Besiegten eine höllisch schwere Bürde auf. Die Menschen von Ur forderten Entschädigung von den Lagaschiern, die ihre eigenen Bewässerungsanlagen und die von Ur wiederaufbauen mussten. Lagaschier, die unwillig oder unfähig wären, eine solche Bürde zu tragen, sollten den Menschen von Ur große Geschenke zu bestimmten Zeiten bringen.

Urlugal ist entschlossen, den Überblick über all die Geschenke, die ihm zum Tribut geschuldet wurden, zu behalten, da er ebenso hartnäckig ist wie diejenigen seiner Vorfahren, die den Fruchtbaren Halbmond nicht aufgaben. Um den Überblick über die Geschenke und die Schenkenden zu behalten, schickt er einen oder zwei seiner Cousins nach Erech, um die Zeichen zu studieren, die einige der Männer des Erechlugals auf Lehmtafeln gemacht hatten, um den Überblick über die besten Zeiten, um die Dämme zu reparieren, zu behalten. Die Männer des Urlugals fertigten bald selbst Lehmtafeln an und auf diese Tafeln meißelten sie keilförmige Zeichen, um die Namen derer in Lagasch zu kennzeichnen, die noch immer Tributgeschenke schulden, sowie die Mengen.

All diese Ereignisse geschehen nicht in der Lebenszeit eines einzigen Urlugals. Urlugal ist nur einer der Namen der Lugale Urs. Die Sumerer hatten hunderte, vielleicht tausende Lugale und die Schriftgelehrten erfanden noch mehr Namen von Lugalen, um die Zeit zwischen sich und der ersten Morgendämmerung zu füllen. Für die Sumerer ist die Zeit zwischen ihnen und den Anfängen nicht so gering, wie sie später für die Christen sein wird. Die zähen Sumerer schätzen in Millionen.

Ich bin bei Urlugal hängen geblieben, wegen seines sprechenden Namens und so will ich bei ihm bleiben. Er sammelt noch immer Tribute von Lagasch ein. Seine Neffen amüsieren sich bestens dabei, die Kanalarbeiten ihrer Nachbarn zu beaufsichtigen, anstatt sie selbst zu erledigen.

Nun treffen beunruhigende Nachrichten ein. Einige von Urlugals Cousins gingen jagen, möglicherweise in den Wäldern des Libanon. Einer von ihnen kehrt zurück, mit kaum genug Leben in ihm, um seine Geschichte zu erzählen. Die Jäger wurden von speerbewaffneten Nomad*innen angegriffen; alle außer dem Erzähler wurden getötet. Die Angreifer waren möglicherweise versippt mit den Fremden, die von den Männern des Urlugals während des Raubzugs gegen Lagasch getötet worden waren.

Urlugal bereitet sich sofort darauf vor, seine stärksten Cousins gegen die mörderischen Fremden anzuführen. Die Ältesten versuchen die Hitzköpfe zu beruhigen, indem sie darauf hinweisen, dass die Fremden die Opfer von Urlugals ursprünglichem Überfall rächten und ein weiterer Überfall nur zu mehr Vergeltungsmaßnahmen führen würde. Aber die Hitzköpfe lassen sich nicht stoppen.

Urlugal und seine Cousins, noch immer von ihrem Sieg über Lagasch beschwingt, ziehen in den Wald Libanons aus. Tatsächlich finden sie ein Lager der Fremden. Sie machen es dem Erdboden gleich und ermorden die meisten der Nomaden. Auf ihrem Weg zurück mit den gefangengenommenen Tierherden werden die Männer von Ur von einer anderen Bande Fremder angegriffen. Der Wald scheint vor Fremden nur so zu wimmeln.

Urlugal und viele seiner Cousins werden getötet. Die Überlebenden lassen ihre Beute zurück und fliehen in Unordnung zurück nach Ur.

Ganz Ur schäumt vor Wut. Jemand erinnert die wütende Meute an die Vorhersage der Ältesten und wird sofort getötet. Die Überlebenden und ihre Cousins schreien nach der Ernennung des stärksten und entschlossensten unter ihnen zum Lugal. Die Sieger über Lagasch würden nicht von irgendwelchen Fremden geschlagen werden, sie würden nicht die Fliegen für Spinnen sein, die nicht in Städten leben und keine Samen anpflanzen. Der Rat der Ältesten ernennt bedrängt vom Zorn der ganzen Stadt zögerlich den neuen Lugal.

Die wütenden Krieger ziehen gegen die Fremden aus. Sie senden Späher voraus, um nicht in einen weiteren Hinterhalt zu geraten. Sie transportieren ihre Verpflegung, sowie Lugal selbst in Gespannen auf Rädern; der Lugal kann so seine Stärke für den eigentlichen Kampf aufsparen und die Männer von Ur können sich schneller bewegen als alle Fremden. Sie entdecken verschiedene Lager von Nomaden und machen alle dem Erdboden gleich.

Sie kehren nach Ur zurück – dieses Mal nicht nur mit den gefangenen Herden, sondern auch mit den gefangenen Fremden. Die zurückgekehrten Krieger werden von ihrer besorgten Sippe in die Arme geschlossen. Zwei Wochen lang gibt es Feste, Tänze und Feiern in ganz Ur. Die Ältesten, Männer und Frauen bringen den Geistern und Mächten, die diesen Sieg möglich machten, großzügige Opfer dar. Ganz besondere Opfer werden der Gottheit des Lugals dargeboten.

Als die Feiern enden, kehren die beschwingten Krieger, die Helden, nicht zu ihren Kanalreparaturen zurück. Das Pensum der Lagaschianer neigt sich dem Ende zu. Tatsächlich beschweren sich die Lagaschianer, dass sie bereits mehr für Ur getan haben, als sie jemals eingewilligt hätten. Wer wird die Reparaturen nun machen? Die Cousins der Lugals haben die besiegten Lagaschianer lange beaufsichtigt und sie sind von der Aussicht nicht begeistert, den Platz der Besiegten einzunehmen.

Die gefangengenommenen Fremden werden an die Arbeit an den Kanälen geschickt. Jede*r der Cousins des Lugals ist nun selbst ein Lugal, ein Vorgesetzter. Das sumerische Wort dafür lautet Ensi. Das ist ein Unter-Lugal, ein Assistent des Lugals, ein Chef, aber nicht der Chef.

Die Nomaden fahren fort, die Jäger und Reisenden aus Ur zu bedrängen. Aber die Nachrichten ihrer Überfälle sind nicht mehr so erschreckend. Der Lugal führt häufige Expeditionen gegen die unverständlich semitisch sprechenden Fremden an.

Die Ältesten erheben keine Einwände mehr gegen diese Expeditionen und beschränken sich umsichtigerweise auf visionäre und philosophische Aktivitäten. Gelegentlich konsultiert der Lugal einen alten Mann oder eine alte Frau hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit eines Sieges, aber ansonsten nimmt er eine respektvolle Distanz zu ihnen ein.

Der Lugal blickt diesen Expeditionen nun freudig entgegen, da jeder neue Überfall neue Fremde nach Ur bringt. Mittlerweile gibt es genug Fremde in Ur, um die Kanäle jede Saison zu reparieren. Bald werden die Gefangenen früherer Expeditionen für Expeditionen gegen neue Angreifer rekrutiert.

Bald reparieren Fremde nicht nur Deiche. Sie reparieren auch die Häuser alter Männer und Frauen. Sie erledigen die Hausarbeiten des Lugals und bald auch die der Ensis.

Die sumerischen Frauen lassen noch immer die Pflanzen auf dem Feld entstehen, aber nun tun sie das, indem sie engen und beständigen Kontakt mit der Erde und den Geistern, die für die Nährung der Pflanzen verantwortlich sind, halten. Die tatsächliche Verstreuung der Samen wird von den gefangengenommenen Fremden erledigt.

Und wer sind die Fremden? Sicherlich können wir sie als die ersten Zeks identifizieren! Sie sind Arbeiter, Proletarier, Vollzeitarbeiter. Die sumerische Sprache stammt aus einem anderen Zeitalter. Ebenso wie sie kein Wort für König, Herrscher, Kaiser oder Präsident besitzt, besitzt sie auch kein Wort für Zek, Arbeiter, Sklave. Die Sumerer fahren fort den Lugal Lugal zu nennen und sie fahren fort, die Fremden Fremde zu nennen. Aber in einem unfassbar kurzen Zeitraum gibt Ur die exotische Welt der Seher*innen und Visionen auf.

***

Ich habe im Präsens gesprochen. Ur ist Jetzt. Es ist kein bisschen exotisch. Es ist unsere Welt.

Was ist passiert?

Ich habe die marxistische Erklärung bereits verworfen. Günstige materielle Bedingungen erschufen nicht den ersten Lugal von Erech. Materielle Bedingungen blieben dieselben, wie die, die sie seit Generationen gewesen sind und die Menschen von Erech hatten keinen Zugang zu den besten von ihnen. Die materiellen Bedingungen begannen sich erst nach dem ersten Lugal zu verändern und seitdem haben sie sich rapide verändert.

Pierre Clastres würde sagen, dass es eine Revolution gegeben hat – keine materielle, sondern eine politische Revolution. Das wird dem Ganzen ziemlich gerecht, aber es stellt sich erst rückblickend als wahr heraus. Die Sumerer erleben offensichtlich einen großen Wandel; wir können das eine Revolution nennen, aber sie erleben es nicht als eine solche.

Vom Standpunkt der Sumerer her ändert sich nichts. Auf eine gewisse Art und Weise verlassen sie den Naturzustand niemals. Vielleicht ist es das, was den Exotizismus ausmacht, der dem, was wir »frühe Zivilisationen« nennen werden, anhaften wird. Die Sumerer sind nicht zu Zeks geworden. Sie sind noch immer Besessene. Die sumerischen Frauen gebären noch immer nicht als Maschinen für die Produktion von Soldaten und Arbeitern, sondern als lebendige Wesen in engem Kontakt mit den Quellen des Seins. Die sumerischen Männer, besonders die älteren, suchen noch immer den Kontakt mit den Geistern des Windes, der Wolken, selbst mit denen des Himmels selbst. Tatsächlich widmen sie sich ihrer Suche vollständiger, als sie es jemals zuvor gekonnt hätten. Nun widmen sie all ihre Energie den Tänzen, Festivals und Zeremonien. Sie müssen sich nicht länger mit den Banalitäten des materiellen Überlebens herumschlagen. Die Banalitäten werden allesamt für sie erledigt.

Ferner bieten der Lugal und seine Männer den Geistern weitaus großzügigere Geschenke dar, als jemals zuvor hätte gegeben werden können. Die Männer des Lugals haben sogar dauerhafte Schreine für alle Geister und Mächte errichtet, unglaublich schöne Schreine und um die Schreine herum haben sie Gärten angelegt und diese mit all den Kreaturen der Wüste und des Waldes gefüllt.

Niemals zuvor haben die Menschen den Wesen, die für das Leben verantwortlich sind, eine solche Huldigung, einen solchen Respekt gezollt. Es stimmt, dass der Lugal seiner eigenen Gottheit den größten Schrein errichtet. Das ist offensichtlich anmaßend von Seiten des hochmütigen Lugals, da er nicht wissen kann, dass die Geister die hierarchische Konstellation, in die er sie bringt, akzeptieren. Das ist eine Art von Revolution. Aber die Sumerer werden sich nicht jetzt wegen seiner Hochmütigkeit gegen den Lugal wenden. Sie haben sich daran gewöhnt und anstatt sie zu verärgern, lässt sie sie nun mit einem gewissen Stolz lächeln. Dank ihm können sie sich so vollständig dem Wohlergehen ihrer Stadt widmen.

Ich muss gegenüber meiner*m Kritiker*in zugeben, dass die Sumerer sich nicht von einem einzigen der neuen Werkzeuge trennen würden. Sie sehnen sich nicht danach, zum zeitlosen goldenen Zeitalter zurückzukehren. Sie befinden sich im Goldenen Zeitalter, mehr als jemals zuvor.

Aber die goldenen Sumerer sind nicht länger alle aus Sumerien. Tatsächlich existieren die goldenen Sumerer gemäß einiger späterer wissenschaftlicher Erzählungen überhaupt nicht. Sie werden durch ein simples Wort abgesetzt. Das Wort lautet Tempel. Die Anhänger*innen von Inanna, der liebevollen Tochter des Mondes; die Kommunikant*innen von Anu, dem Geist des Himmels, sind nicht die Anwender*innen der neuen Werkzeuge. Sie sind nicht die Verwalter*innen der Entwässerungsarbeiten, die Erbauer*innen der großen Paläste, die Helden der militärischen Gefechte. Sie sind das, was wir Priester und Priesterinnen, Orakel und Wahrsager*innen nennen. Alles, was in Sumerien vom Naturzustand übrig geblieben ist, ist zu dem geschrumpft, was wir Religion nennen.

Vielleicht empfinden einige der Frauen, die keine Samen mehr aussäen oder einige der Männer, die nicht mehr jagen oder das Vieh hüten, eine gewisse Nostalgie nach den alten Tagen. Aber es gibt keinen Hinweis auf eine »zurück zur Erde«-Bewegung unter den sumerischen Geistlichen. Die Schriftgelehrten, die die Tafeln meißeln, sind Angestellte des Lugals; Sie sind nicht angestellt, um die Nostalgie der Geistlichen aufzuzeichnen. Die einzigen Hinweise, die wir besitzen, sind die Gärten, die die Männer des Lugals anlegen und für die Bewohner*innen des Tempels füllen.

Diese Tempelgärten sind rätselhaft üppig für kleine Städte, die von nichtstädtischen Aussichten umgeben sind und die in Fußweite zu Wäldern und Bergen liegen – und die Sumerer sind so gute Wanderer. Kann es sein, dass, wie Turner vorschlägt, die Welt außerhalb der Städte bereits zur Wildnis wird?

Wir sollten das sorgfältig betrachten. Die Welt außerhalb von Ur ist nicht die Wildnis, wie sie unsere Welt kennzeichnen würde. Ihre Wildnis ist sicherlich nicht der Wald oder die Wüste, die Pflanzen oder die Tiere, da die naturliebenden Tempelbewohner*innen all das in die Stadt gebracht haben.

Könnte es sein, dass ihre Wildnis die Wildnis ist, die vom Lugal und seinen Männern erschaffen wird: die Schlachtfelder, die alle sumerischen Städte umgeben, die Szenen der Überfälle und Gegen-Überfälle, die Szenen der Folter, der Massaker und Gefangennahme? Eine Priesterin, die an einem Waldteich mit dem Mond kommunizieren will, musste dorthin mit einer bewaffneten Eskorte aufbrechen. Es war praktischer geworden, einen geschrumpften Teich und Wald in die Einfriedung von Ur zu bringen.

Während die ehemalige freie Gemeinschaft zu einem Tempel geschrumpft war, so ist ein Auswuchs dieser Gemeinschaft zu extremer Größe angewachsen, da der Tempel nun von einer geschäftigen Stadt umgeben ist, die in jeder Hinsicht außer in ihrer Religion beinahe modern ist – vielleicht nicht absolut modern, aber zumindest gut verständlich für uns.

Es gibt Reiche und es gibt Arme, da die Familien von Ensis keine Sippschaft mit den Fremden eingehen und auch sonst nichts mit ihnen teilen. Es gibt einen Markt, da die gut Situierten ihr Essen nicht länger selbst sammeln, anbauen oder jagen. Es gibt Arbeitsprojekt-Manager und ihre Arbeitskolonnen. Es gibt Generäle und ihre Soldaten. Es gibt Archivare und selbst eine Schule für Schriftgelehrte. Und alles läuft wie ein Räderwerk.

Schauen wir genauer hin. Wenn die Menschen im Tempel golden sind, dann sind diejenigen draußen weniger edlen Metalls.

Die semitisch-sprachigen Mitglieder der Arbeitskolonnen, verheiratet und mit einem oder mehreren Kindern, noch nicht besonders sumeranisiert, erinnern sich besserer Tage. Es mag nicht vollkommen verrückt sein zu behaupten, dass diese ersten Zeks ihre Ensis kaum mehr lieben, als spätere Zeks die ihren lieben werden. Einige der Siege, die auf den Tafeln gefeiert werden, sind Siege gegen die Fremden, die sich bereits in Sumerien befinden; oder anders ausgedrückt: Es sind Siege über rebellierende Zeks.

Die Fremden werden misshandelt, überstrapaziert und verachtet. Sie sind weder frei noch unversehrt. Sie sind die Enteigneten. Einige ihrer Kinder mögen einer besseren Zukunft entgegenblicken, besonders diejenigen, die in den Krieg ziehen und andere Fremde tapfer genug abschlachten. Die Sumerer sind bislang nicht zu einer höheren Ebene des erblichen Elends fortgeschritten. Aber selbst so ist die Vielzahl sumerischer Zeks in keinem Sinne golden.

Rousseau und vor ihm de La Boétie werden sich über Situationen wie diese wundern. In jeder Arbeiterkolonne gibt es viele Zeks und nur einen Ensi. Was hält die Zeks davon ab, sich gegen den Ensi zusammenzutun? Warum reproduzieren die Menschen ein miserables alltägliches Leben?

Lasst uns die Ensis betrachten. Sie sind materiell wohlhabend. Aber sie werden von Ängsten heimgesucht und wenigstens ein Ensi ist paranoid. Er hat Angst von den Zeks in seiner Kolonne ermordet zu werden. Er hat bereits mehrere Verschwörer*innen hingerichtet. Er hat Angst, dass die Nachricht seiner Inkompetenz den Lugal erreichen könnte. Und – die Götter bewahren! – er hat den Verdacht, dass jemand im Tempel einen Groll gegen ihn hegt.

Aber da gibt es noch etwas über den Ensi. Seine Zeks sind nicht frei oder unversehrt. Aber ebensowenig ist er es. Außer wenn sie sich gegen einen Ensi erheben oder verbünden, sind die Zeks nicht von ihrer eigenen Natur oder ihrem eigenen Wesen, ihren eigenen Entscheidungen oder Wünschen bestimmt. Die Aufgaben, mit denen sie ihre Tage verbringen, sind nicht ihre eigenen. Aber diese Aufgaben sind auch nicht die des Ensis.

Der Ensi weiß von einer Arbeiterkolonne, deren Aufseher von Zek-Verschwörern ermordet wurde. Der ermordete Mann wurde durch einen Mann mit einem anderen Aussehen und gänzlich anderen Interessen ersetzt. Doch als er einmal Aufseher war, tat der neue Mann die genau gleichen Dinge wie der ermordete Aufseher und auf beinahe dieselbe Art und Weise.

Seltsame Gedanken schießen dem Ensi durch den Kopf. Könnte es sein, fragt er sich, dass der einzige Mann in Ur, der frei ist, der Lugal ist? Nun fragt er sich, ob selbst das wahr ist. Er hat von einer Stadt gehört, deren Lugal zusammen mit den meisten seiner Ensis in einem Aufstand der Zeks getötet wurde. Als der Ensi die Geschichte zum ersten Mal hörte, war er nicht überrascht, dass es einen Aufruhr gab, dass viele der Aktivitäten, die dem Willen des Lugals entsprangen, zum Stillstand kamen. Aber nun erinnert er sich, dass nur sehr wenige Aktivitäten vollständig zum Erliegen kamen, selbst während der Zwischenregierung zwischen den beiden Lugals. Er erinnert sich sogar, dass kein Rat der Ältesten den toten Lugal ersetzte; die Ältesten blieben im Tempel und verschlossen seine Tore. Viele der Aktivitäten der Stadt, wichtige noch dazu, gingen weiter wie bisher, wie das Räderwerk der Nachkommen des Ensis.

Noch seltsamere Gedanken spuken dem Ensi durch den Kopf. Für ihn scheint es, dass die Stadt einen eigenen Willen besitzt. Aber er weiß, dass dem nicht so ist. Der einzige in der Stadt mit einem Willen ist der Lugal. Die Ensis führen nur den Willen des Lugals aus. Und wenn die Zeks überhaupt einen Willen besitzen, dann den Willen auszubrechen. Der Ensi schlussfolgert, dass es zwecklos ist, darüber nachzugrübeln. Denken ist die Aufgabe der Priester*innen und Orakel.

Einer der entfernten Nachfahren des Ensis in einem viel späteren Ur, ein Schriftgelehrter namens Thomas Hobbes, wird wissen, dass der Ensi versucht die Zivilisation mit Vorstellungen zu verstehen, die aus dem Naturzustand stammen. Dieser Hobbes wird wissen, dass Ur sich nicht länger im Naturzustand befindet, es nicht länger eine Gemeinschaft selbstbestimmter Menschen ist.

***

Hobbes wird wissen, dass Ur nicht bloß eine Stadt ist. Ur ist ein Staat, vielleicht sogar der erste Staat. Und ein Staat, wird Hobbes sagen, ist ein »künstliches Tier«. Er ist etwas Brandneues, etwas, von dem weder der Mensch noch die Natur geträumt haben. Er ist »dieser große Leviathan, der Gemeinwohl oder Staat genannt wird, auf Latein Civitas, der schließlich ein künstlicher Mensch ist.«

Wie der denkende Ensi wird Hobbes wissen, dass dieser künstliche Mann kein eigenes Leben besitzt und er wird fragen, »Können wir nicht sagen, dass alle Automaten (Maschinen, die sich selbst durch Federn und Räder bewegen, wie das eine Uhr tut) ein künstliches Leben besitzen?«

Der Ensi kann sich noch keine Uhr vorstellen. Der fortgeschrittenere Hobbes wird nicht länger in der Lage dazu sein, sich die Natur oder Menschen vorzustellen. Er wird fragen, »Was ist das Herz anderes als eine Feder; und die Nerven anderes als so viele Seile, und die Gelenke anderes als so viele Räder …?« In einer Welt der Uhren wird der Leviathan Hobbes nicht so seltsam erscheinen, wie er dem Ensi erscheint.

Hobbes wird den Leviathan als einen künstlichen englischen Gentleman beschreiben: maskulin, blond, mit einer Krone auf seinem Kopf, einem Zepter in der einen Hand und einem Schwert in der anderen, während sein Körper aus Myriaden gesichtsloser Menschen zusammengesetzt ist, den Zeks.

Hobbes wird darauf bestehen, dass der Leviathan den Kopf eines Mannes hat. Er mag mit dem noch späteren Dichter Yeats darin übereinstimmen, dass das Ungeheuer »den Körper eines Löwen und den Kopf eines Mannes« hat. Aber er wird auf den Kopf des Mannes bestehen. Er wird wissen, dass die Zeks kopflos sind, dass sie die Federn und Seile sind, die den Körper betätigen. Er wird denken, dass das Monster einen freien und unversehrten Mann enthält, den Lugal. Hobbes wird in der Lage dazu sein, den Lugal einen König, Monarch, Herrscher oder bei einem anderen Namen zu nennen, weil seine Sprache durch die dazwischenkommende Ausbreitung von Leviathanen bereichert worden sein wird.

Der philosophische Ensi weiß bereits besser als Hobbes, dass das Ungeheuer weder den Körper noch den Kopf eines Mannes hat, weder englisch noch sumerisch. Der Ensi weiß, dass selbst der Lugal, der freieste Mann in Ur nicht morgens jagen, nachmittags fischen und abends tanzen gehen kann, wie ihn sein eigener Geist bewegt. Er kannte einen Lugal, der nur zweimal zum Jagen gegangen war und beim zweiten Mal, als der Lugal im Wald war, durch seinen Lieblings-Ensi als Lugal ersetzt wurde, und der ehemalige Lugal musste in einer benachbarten Stadt um Asyl bitten. Der Ensi weiß, dass ein Lugal, der sich selbst von seinem eigenen Geist bestimmen ließe, schnell von Ensis oder sogar Zeks gestürzt werden würde und dass selbst der Tempel in Aufruhr wäre.

Der Ensi, weniger fortgeschritten als Hobbes, ist jedoch vertrauter mit lebendigen Wesen als mit Federn und Uhren. Er kann sich den Leviathan weder mit einem menschlichen Kopf noch mit dem Körper eines Löwen vorstellen. Er mag Hobbes erste Beschreibung nutzen und sich das Ungeheuer als ein künstliches Ungeheuer vorstellen, aber nicht als ein Tier, das so anmutig und gelenkig ist wie ein Löwe.

Er mag es sich als einen Wurm vorstellen, einen gigantischen Wurm, keinen lebendigen Wurm, sondern einen Kadaver eines Wurmes, einen monströsen Kadaver, dessen Körper aus zahlreichen Segmenten besteht, dessen Haut mit Speeren und Rädern und anderen technologischen Gerätschaften übersät ist. Er weiß aus seiner eigenen Erfahrung, dass der gesamte Kadaver durch die Bewegungen der in ihm gefangenen Menschen zum Leben erweckt wird, den Zeks, die die Federn und Räder bedienen, ebenso wie er weiß, dass der kadaverhafte Kopf bloß von einem Zek bedient wird, dem Kopf Zek.

Unter den Spekulationen, die dieser Hobbes seinem Ur als Opfer darbietet, wird die Behauptung sein, dass die Zeks sich tatsächlich selbst zur Gefangenschaft innerhalb des Kadavers verpflichtet hätten, oder wie er es ausdrücken wird, dass der Kopf eine Vereinbarung mit dem Körper getroffen hätte, wenn nicht im Hobbes’schen Ur, so zumindest im ursprünglichen Ur.

Der philosophischen Ensi, der sich inzwischen im Tempel zur Ruhe gesetzt hat, weiß das bereits besser. Er weiß, dass die Zeks Fremde sind, die mit Gewalt nach Ur gebracht wurden, bevor sie überhaupt die Sprache des Lugals verstanden; die Zeks willigten damals in keinen Vertrag ein und sie haben es auch seitdem nicht getan.

Der Ensi erinnert sich sogar, dass die besiegten Lagaschianer, die sich selbst dazu verpflichteten, die Kanäle Urs zu reparieren, diese Vereinbarung nur unter vorgehaltenen Speeren trafen.

Zudem hat kein Lugal jemals Hobbes‘ Behauptung vorgebracht; er wäre lachend abgesetzt worden. Der Lugal weiß, dass ihn selbst die Ältesten nicht ernennen, da die Ältesten keinerlei Ernennungen mehr machen; sie kümmern sich um die Schreine. Der Lugal behauptet, dass seine Macht von dem brutalen Geist stammt, der im Tempelturm oder dem künstlichen Berg wohnt. Diese ausladende, menschgemachte Phallusform ist der wahre Kopf des Leviathan und er schließt keine Verträge.

***

Mein frakturierter Geist und Körper: Eine Kritik der Zivilisation und der modernen Medizin

Mit meinen Behinderungen zu leben ist mindestens schwierig, um es milde auszudrücken. Nicht weil ich in unserer vergifteten, standardisierten Welt nicht funktionieren kann, sondern weil von mir erwartet wird, es zu tun. Meine “Probleme” werden von den Unwissenden nicht bemerkt. Sie sind so gut wie immer da. In meinem frakturierten Geist und Körper. Ich habe Osteogenesis Imperfecta (OI) und DID, das bedeutet ich habe die Glasknochenkrankheit und eine dissoziative Identitätsstörung.

Nein, sprich nicht M. Night Shyamalans Split oder Glass an.

Osteogenesis Imperfecta hat meine Zähne geschwächt, meine Gelenke ruiniert und meine Muskeln verwüstet. Ich habe das Glück, bisher noch keinen Knochen gebrochen zu haben und ich befinde mich in meinen 20ern. Einige werden von dieser Behinderung in ihrer Kindheit getötet, andere leben ihr ganzes Leben ohne zu wissen, dass sie sie haben.

Dissoziative Identitätsstörung macht sich bei denen, die es mit ihr zu tun haben, früh bemerkbar. Sie besteht aus der Anwesenheit zweier oder mehr ausgeprägten Persönlichkeitszuständen, zusammen mit einem Erinnerungsverlust zwischen den beiden Zuständen. Wenn beispielsweise ich [Artxmis] die Kontrolle über den Körper habe [fronting], dann weiß eine andere Identität nicht, was ich in dieser Zeit getan, gefühlt oder gedacht habe. Das gilt für beide Seiten. Es gibt Zeiten, in denen mir Sekunden an Erinnerung fehlen oder Monate. Ich kann mich an den Großteil meiner Unterstufe in der Highschool nicht erinnern.

All das zusammen führt zu einem beinahe unsichtbaren Leiden. Ich muss damit kämpfen Stufen zu erklimmen und stabile Beziehungen zu führen.

Aber trotzdem lehne ich Zivilisation, Technologie und Domestizierung ab.

Ich erhöhe trotzdem Wildnis, begehre nach einer Verwilderung und hasse die moderne Medizin.

Ich tue das nicht, weil ich selbsthassend wäre oder ableistisch, sondern aus dem Gegenteil. Ich hoffe, dass diejenigen, die mit mentalen und körperlichen Krankheiten kämpfen, in der Wildnis Zuspruch finden können und auf der Asche der Zivilisation tanzen. Am Rande bemerkt: Ich bin nicht der Meinung, dass eine Wanderung eine Depression heilt.

Zivilisation ist eine standardisierende Kraft. Sie nimmt Individuen und versucht diese zu organisieren, kategorisieren und zu beherrschen. Sie präsentiert auch eine enge Matrix »idealer« Mitglieder. Denjenigen, die nicht in diese Kategorie passen, bleiben zwei Optionen: sich anpassen oder verstoßen werden. Darin liegt oft die Rolle der modernen Medizin. Sie behandelt viele der Außenseiter*innen der Zivilisation. Sie kann am besten als ein Filtersystem betrachtet werden.

(Mit moderner Medizin beziehe ich mich in den meisten Fällen auf die westliche/koloniale Medizin. Allerdings kann man allgemein argumentieren, dass die mit dem Aufstieg jeder Zivilisation entstandene Medizin auf die gleiche Art und Weise kritisiert werden kann.)

Sowie die Zivilisation wächst, benötigt sie eine größere Arbeitskraft. Das ist der größte Effekt vieler Rechtebewegungen. Frauenrechte verschafften neben anderen legalen und sozialen Möglichkeiten für Frauen ihnen vor allem einen breiteren Zugang zur Arbeitskraft der Zivilisation. Medizin in ihrer modernen Form funktioniert auf eine ähnliche Art und Weise. Wenn man nicht in die Zivilisation [den Techno-Kapitalismus, die industrielle Gesellschaft, sozialistische Experimente, etc.] hineinpasst, muss man sich anpassen.

Wenn wir diese vorangehende Feststellung übernehmen, können wir anfangen zu verstehen, dass es der modernen Wissenschaft nicht darum geht, Menschen zu helfen oder sie zu ermächtigen, sondern um die Anpassung von allem und jedem, um der Mainstream-Gesellschaft nützlich zu werden. Viele werden auf genetische Krankheiten oder Erkrankungen wie Krebs verweisen. Das Evolution Institute behauptet neben anderen, dass es einen Widerspruch zwischen unseren evolutionären Merkmalen und unserer derzeitigen Umwelt gibt. Fehlendes Ausgesetztsein von Bakterien und Krankheiten als Kinder hat verheerende Auswirkungen auf unser Immunsystem. Landwirtschaft bringt unsere Zähne und unser Verdauungssystem komplett durcheinander. Die Domestizierung von Pflanzen und Tieren hat neue Krankheiten erschaffen, die unserer Spezies zuvor unbekannt waren.

Selbst die Gebärkultur hat einen Einfluss auf Brustkrebs! Das Evolution Institute behauptet, »moderne Fortpflanzungsmuster tragen auch zum Brustkrebsrisiko bei. In Jäger*innen/Sammler*innen-Bevölkerungen beginnen Frauen in der Regel mit etwa 18 Jahren Kinder zu haben, haben durchschnittlich 5 Kinder und stillen diese mit ungefähr drei Jahren ab. Das unterscheidet sich erheblich von modernen Bevölkerungen, in denen Frauen typischerweise mit etwa 26 Jahren Kinder bekommen, durchschnittlich 1,86 Kinder bekommen und sie typischerweise vor dem 6. Monat abstillen. Unsere Vorfahren hatten vermutlich Fortpflanzungsmuster, die denen heutiger Jäger*innen/Sammler*innen gleichen, und hatten daher weit weniger Menstruationszyklen als wir modernen Menschen. Moderne Fortpflanzungsmuster wie diese sind mit einem höheren Risiko hormoninduzierten Brustkrebses verbunden.«

Zusätzlich dazu, wie man die Effekte der Zivilisation während der eigenen Lebenszeit wahrnimmt, mögen diese sogar Einfluss auf die Anfälligkeit für Krankheiten vor der Geburt haben. Epigenetik wird folgendermaßen definiert: »Epigenetik ist die Wissenschaft vererblicher Veränderungen der Genexpression (aktive vs. passive Gene), die keine Veränderung der zugrundeliegenden DNA-Sequenz beinhalten – eine Veränderung des Phänotyps ohne eine Veränderung des Genotyps –, die umgekehrt beeinflussen, wie die Zellen die Gene lesen«, aus What Is Epigenetics.

Beispielsweise sind diejenigen, die in dichten urbanen Regionen leben, besonders um bestimmte Schadstoffquellen wie Luft- und Wasserverschmutzungen herum, einem höheren Risiko für kardiovaskulären Krankheiten [Herzkrankheiten; Anm. d. Übers.] und Krebs ausgesetzt. Das gilt einer Studie von 2017 namens »Epigenetics and Health Disparities« zufolge besonders für afroamerikanische Gemeinschaften.

Eine Studie von 2009 mit dem Titel »Epigenetic mechanisms in schizophrenia« behauptet, dass urbane Umgebungen eine Rolle bei psychischen Störungen spielen. Die Studie kam zu folgendem Schluss: »Statistiken legen nahe, dass sich Psychosen in urbanen Umgebungen und in niedrigeren sozioökonomischen Gruppen anhäufen. Beispielsweise haben afro-karibische Immigrant*innen im Vereinigten Königreich und besonders ihre Nachkommen ein ungefähr 10-fach größeres Risiko an Schizophrenie zu erkranken und ethnische Minderheiten in Großbritannien haben immerhin ein 3-fach größeres Risiko für Schizophrenie. Diese Beobachtungen haben manche dazu veranlasst vorzuschlagen, dass Schizophrenie eine Krankheit epidemiologischer Übertragung sein könnte, oder in anderen Worten eine Krankheit, deren Wahrscheinlichkeit mit der Entwicklung einer Gesellschaft ansteigt.«

Die moderne Medizin ist auch eine zentralisierte Praxis. Sie versucht sich selbst auf ein Gefilde der Gesellschaft zu beschränken – die »tatsächliche medizinische Verwendung«. Damit meine ich die medizinische Verwendung, wie sie innerhalb des modernen Selbstbewusstseins verstanden wird. Impfungen, komplizierte Operationen oder andere medizinische Verfahren. Sie findet außerdem innerhalb einer vielgestaltigen hierarchisierten Kultur statt – Ärzte unterschiedlicher Spezialisierungen, Krankenpfleger*innen, Krankenpfleger-Assistent*innen, usw.

Vergleiche das mit der Medizin in prä-zivilisierten Kulturen. Diese Form war eine Schnittmenge aus den Gefilden sozialer Zusammenhänge, wie religiösen Praktiken und Friedensstiftung, der Ethnobotanik und anderem bioregionalem Wissen, ebenso wie der »tatsächlicher medizinischer Verwendung«. Medizinische Praktiken variierten natürlich zwischen den Kulturen. Sie mag in den Händen von Medizinmännern, Hexenärztinnen, Schaman*innen und anderen spirituellen Anführer*innen gelegen haben oder von der größeren Gemeinschaft praktiziert worden sein. Einige Kulturen mögen einen stärkeren Akzent auf Zeremonien und Magie gelegt haben, weil sie Krankheit als Geist-verbunden betrachtet haben. Andere mögen weniger religiöse Pflanzen- und Kräuterpraktiken genutzt haben.

Psychiatrie ist ungeachtet vieler scheinbarer Vorteile darauf fixiert, Menschen zu »reparieren«, damit sie fähig sind zu arbeiten. Psychiater*innen sind wie Mechaniker*innen oder Techniker*innen, die Maschinen reparieren, damit die Fabrik weiter funktionieren kann. Manche argumentieren sogar, dass sie [die Psychiatrie] keine Form der Medizin im eigentlichen Sinne sei, sondern eine soziale Institution, die sich unter dem Deckmantel der modernen Medizin versteckt und ihre Glorifizierung für ihre eigenen Zwecke nutzt.

Persönlich war ich, und bin es noch immer, eine lebhafte Person. Mir wurde in der ersten Klasse ADHS diagnostiziert und Medikamente verabreicht. Auch wenn ich zu jung war, um mich heute noch an die Details zu erinnern, war ich von dieser Diagnose wirklich verletzt und sie hat noch immer anhaltende Auswirkungen auf mich. Viele haben ähnliche Geschichten und Erfahrungen.

Um eine*n bestimmte*n anti-technologischen Denker*in zu zitieren: »Das Konzept von Geisteskrankheit‹ ist in unserer Gesellschaft größtenteils durch den Grad definiert, in dem sich ein Individuum im Einklang mit den Anforderungen des Systems verhält und das ohne Anzeichen von Stress zu zeigen tut.«

Wie andere argumentiert haben und ich selbst weiter oben ist die zivilisierte Medizin und vielleicht jegliche Wissenschaft nichts als ein Trend in Richtung der Anpassung der Individuen an die Bedürfnisse der Zivilisation selbst. Wo endet das? Erfindungen wie CRISPR verstehen sich selbst als die Lösung erblicher Anlagen von Krankheit, aber wir können ihnen nicht aufrichtig zugestehen, dass sie nur zu diesem Zweck verwendet werden und nicht für rassistische oder faschistische Zwecke. Es fällt einer nicht schwer, sich vorzustellen, was Führer wie Hitler mit einer solchen Entwicklung anstellen würden.

Tatsächlich dränge ich Unterstützer*innen der Psychiatrie und Psychologie dazu, ihren Einsatz im nationalsozialistischen Deutschland in den 30er und 40er Jahren zu erkunden. Das Programm wurde »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« genannt. Es zielte auf diejenigen mit oder die Kinder derer mit diagnostizierter geistiger Zurückgebliebenheit, Schizophrenie oder sogar Alkoholismus ab. Die Aktion T4 war der systematische eugenische Massenmord derer in psychiatrischen Krankenhäusern. Zwischen 270.000 und 300.000 starben. Genutzt wurden Methoden wie Gaskammern, die die Grundlage für den Holocaust bildeten.

Ähnliche Praktiken existierten auch außerhalb Deutschlands, zum Beispiel in den Vereinigten Staaten im frühen 19. Jahrhundert. Henry G. Goddard, amerikanischer Psychologe und Eugeniker, war einer der vielen, die darüber diskutierten, wie man mit den »untauglichen« oder »schwachsinnigen« umgehen solle. Für ihn war eine Segregation die vorrangige politische Maßnahme, um eine Mischung »schlechter« Gene zu vermeiden. Andere auf diesem Gebiet argumentierten für Immigrationsstopps, sogar Vernichtungen. Oft hatten verarmte Frauen das höchste Risiko, für »untauglich« befunden zu werden.

Ich werde nicht lügen und vorgeben, dass einige prä-zivilisierte Kulturen nicht auch kranke oder behinderte Menschen missbrauchten, verstießen oder anderweitig missachteten. Mein Punkt ist, ans Licht zu bringen, dass die moderne Medizin einer der vielen Versuche ist, die zahlreichen Widersprüche der modernen Gesellschaft zu lösen, oftmals diejenigen, die widersprüchlich zwischen unserer Evolution und unserer derzeitigen Umgebung sind. Ich vertrete zudem keine idealistische Rückkehr zum paläolithischen Leben. Es ist absolut vorstellbar, dass eine zukünftige Medizin eine Synthese vergangener und gegenwärtiger Methoden bildet.

Ich kann ebensowenig irgendwelche gesicherten Vorteile der Medizin und Wissenschaft in unserem Zeitalter leugnen, aber Anarchist*innen würden genausowenig die amerikanische Polizei auf Basis dessen akzeptieren, dass sie auch Gutes tun, wenn sie Vergewaltiger*innen fangen. Sie greifen die Polizei an, weil sie zunächst das System als Ganzes erzwingen und darauffolgendes oder bloß damit einhergehendes »Gutes« ein zweitrangiges Anliegen ist. Die moderne Medizin ist eine ähnliche Institution.

 


Artxmis Graham Thoreau in Eine ikonoklastische Ungeheuerlichkeit: Behinderung gegen die Zivilisation, erschienen als Übersetzung aus dem Englischen beim Maschinenstürmer Distro.

Wilde Medizin

Vor dreißig Jahren ist eine Autoimmunerkrankung in meinem Blut aufgetaucht. Ich habe die giftigen künstlichen Medikamente recherchiert und die Verschreibungen abgesetzt. Rheumatolog*innen, die Spezialist*innen, die die höchste Todesrate durch ihre Rezeptblöcke verursachen, behandelten mich wie eine*n Aussätzige*n, weil ich ihre Expertise verweigerte. Dann behandelten sie mich wie eine bizarre Kuriosität, als ich ihnen erzählte, wie ethnobotanische Heilmittel linderten, was mich plagte. Sie fühlten sich entmachtet, als sie mich baten, die Namen der Pflanzen zu buchstabieren, um sie in meinen Akten zu dokumentieren.

Selbst wenn das moderne Gesundheitswesen sicher und effektiv wäre, kollaboriert die Medizin noch immer mit der Zivilisation darin, genug »Zuckerbrot« auszuteilen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, während sie die Schichten der »Armen« und »Reichen« getrennt hält. Die Ungleichheit des institutionalisierten Gesundheitswesens dient der Zivilisation als Warnung davor aus der Reihe zu tanzen, sonst wirst auch du in Hunger und Elend schmachten. Aber wie Schulen und Jobs ist auch die Medizin ein Trick, den Ökozid der Zivilisation voranzutreiben, der seine Wurzeln im Glauben an den Fortschritt hat. Es ist schlicht zu erschreckend, diesen Glauben als falsch zu betrachten, wir sind bereits so tief in der Falle des Fortschritts eingesunken, dass es sich anfühlt, als gäbe es keine andere Option; und so ist der Fortschritt zur einzigen Welt geworden, die die Menschen kennen.

Was ist der Preis des Fortschritts? Die Medizin nimmt am hochmütigen Massaker an der »besitzlosen« Erde und an den Tieren in der Moderne teil – indem sie Labortiere foltert und tötet, Wasserläufe mit giftigen Medikamenten verschmutzt, die Mutationen bei Fischen und Amphibien hervorbringen und das Land mit Bergen von synthetischen Abfallprodukten zumüllt. Sie verfüttert gesundheitsschädliche getötete Tierkörper an stationäre Herzpatient*innen, die später weitere Medikamente und Operationen benötigen – wie eine gut geölte Maschine.

Es ist nicht so, dass ich die moderne Medizin automatisch ablehne, aber ich bin aus dem Bauch heraus wählerisch. Gebrochene Knochen – ok, ich nehme einen Gips. Ich fühle mich berechtigt, die Techno-topie der Moderne auszunutzen, wo und wie ich will. Sie hat den Menschen das wilde Wissen, das wilde Zuhause, in dem wilde Nahrung und Medizin lebt, gestohlen. Sie verursacht eine Katastrophe voller menschlicher und nichtmenschlicher Erkrankungen und Tode und verdient ebensoviel Vertrauen und Respekt wie ein*e pathologische*r Serienmörder*in. Von der technologischen Umweltverschmutzung über Autounfälle, Wohnungsbrände, Suizide aufgrund von Depressionen bis hin zu Klimawandel-Katastrophen; die Liste ist endlos. Während die präzivilisatorische Wildnis ein anderes Set an gefährlichen Risiken bereithielt, verblassen die frühen menschlichen Erkrankungen und Tode im Vergleich dazu.

Die neandertalische Heilkunst, die sowohl akute als auch chronische schwerwiegende Bedürfnisse mit einfachen, effektiven Heilmitteln behandelte, war weitverbreitet. Es gab Individuen mit Verletzungen und Krankheiten, die ein hohes Maß an täglicher Fürsorge für Monate und sogar Jahre benötigten. Feldhofer 1 [wissenschaftliche Bezeichnung eines Neandertaler-Fossils; Anm. d. Übers.] (ca. 40.000 Jahre vor unserer Zeit) erholte sich von einem schwerwiegenden Armbruch, der eine Fixierung seines Armes erforderte, sowie die Versorgung mit Essen, Wasser und Schutz und erhielt eine Langzeitbehandlung einer chronischen Krankheit. Shanidar I [ebenfalls ein Neandertaler-Fossil; Anm. d. Übers.] (ca. 45.000 Jahre vor unserer Zeit) erhielt für mindestens eine Dekade Fürsorge, um mit einem verkümmerten Arm, einem beschädigten Bein und vermutlich einem blinden Auge sowie Gehörverlust zu überleben. La Chapelle aux Saints [ebenfalls ein Neandertaler-Fossil; Anm. d. Übers.] (ca. 60.000 Jahre vor unserer Zeit) wurde wegen einer schwerwiegenden Arthrose und einer systemischen Erkrankung umsorgt. Bloß durch sich kümmernde Begleiter*innen und primitive Mittel, keine Notwendigkeit ein Blutbad zu begehen.

Frühe Menschen kümmerten sich auch selbst um ihre eigenen medizinischen Bedürfnisse. Beispielsweise fanden Anthropolog*innen einen erkrankten Neandertaler aus der El Sidrón-Höhle mit einem eiternden Zahn und einem Darmparasiten, der Durchfall verursacht. Eine DNA-Analyse seines Zahnsteins ergab, dass er eine beständige Ernährung aus Pappeln zu sich nahm, die das natürliche Schmerzmittel Salicylsäure enthielt, den Wirkstoff in Aspirin, sowie Pflanzen, die von Penicillium-Pilzen bedeckt waren, dem Penicillin des Antibiotikums. Frühere Menschen, wie alle Tiere, fanden ihre Medizin und Heilstrategien durch tiefgehende Beziehungen, Instinkte und scharfe primäre Sinne, die in der Zivilisation schwinden.

Die Wissenschaft bezweifelt und spottet über primitive Weisheit. Gesundheits-Animalität wiederzuerwecken verschiebt den Ort der Kontrolle zurück in Richtung Ökologie, wieder eingesetzter Zugehörigkeit und Symbiose. Während fortgeschrittene medizinische Technologien die Heilkunst früherer Zeiten besonders für Kinder übertreffen, gilt jedoch: Wie viele Verletzungen und Krankheiten werden von der Technologie verursacht? Und ist sie den Preis des Techno-Ökozids für alle wert? Ich habe das Gefühl, dass die meisten Tiere, inklusive mir, wilde Heilkunst und die Rückgabe unseres gestohlenen Landes und unseres Lebens bevorzugen. Der Fortschritt erwidert: Willst du, dass ein Kind an einer leicht zu behandelnden Infektion stirbt? Genausowenig, wie ich ein Kind von einer Kugel niedergestreckt haben will, Großmutters Pillen fressen will oder angesichts dessen, was die Menschen der Welt antun, Suizid begehen möchte.

Referenzen

  • Derricourt, Robin M. Unearthing Childhood: Young Lives in Prehistory, 2018.
  • Ryan, Christopher. Civilized to Death: The Price of Progress, 2019.
  • Spikins, Penny. How Compassion Made us Human: the Evolutionary Origins of Tenderness, Trust and Morality, 2015
  • Spikins, Penny, et al. »Living to Fight Another Day: The Ecological and Evolutionary Significance of Neanderthal Healthcare« in Quaternary Science Reviews, Vol. 217, 2019 S. 98-118.
  • Weyrich, Laura S., et al. »Neanderthal Behaviour, Diet, and Disease Inferred from Ancient DNA in Dental Calculus.« Nature, International Journal of Science, Vol. 544, 2017, S. 357-361.

 


Ria Del Montana in Eine ikonoklastische Ungeheuerlichkeit: Behinderung gegen die Zivilisation, erschienen als Übersetzung aus dem Englischen beim Maschinenstürmer Distro.

Fortschritt und Atomkraft

Die Zerstörung des Kontinents und seiner Völker

Die vorsätzliche Vergiftung von menschlichen Wesen, der Erdböden und anderer lebender Spezies kann nur durch größte Heuchelei als „Unfall“ betrachtet werden. Nur die*der willentlich Blinde kann behaupten, dass diese Konsequenz des technischen Fortschritts „unvorhergesehen“ gewesen wäre.

Die Vergiftung und Entfernung der lebendigen Bewohner dieses Kontinents zum Zwecke einer „höheren Sache“ mag in Ost-Pennsylvania begonnen haben, allerdings nicht in den vergangenen Wochen.

Zweiundzwanzig Jahrzehnte zuvor haben in der Region, die derzeit von Strahlung aus Three Mile Island vergiftet wird, Spekulant*innen mit Namen wie Franklin, Morris, Washington und Hale ihre Namen hinter Fassaden wie der Vandalia Company und der Ohio Company verborgen. Diese Firmen hatten einen Zweck: das Land zu verkaufen, um Profit zu machen. Die Individuen hinter den Firmen hatten ein Ziel: alle Hindernisse, die ihrer Entwicklung und ihrem Gewinn im Wege standen, zu beseitigen, egal ob es sich bei diesen Hindernissen um Menschen, jahrtausendealte Kulturen, Wälder, Tiere oder sogar Flüsse und Berge handelte. Ihr Ziel war es, diesen Kontinent zu zivilisieren, einen Kreislauf von Aktivitäten auf ihm einzuführen, die hier niemals zuvor ausgeübt worden waren: Arbeiten, Sparen, Investieren, Verkaufen – der Kreislauf, der das Kapital reproduziert und vergrößert.

Das größte Hindernis dafür bestand aus Menschen, die auf diesem Kontinent seit Jahrtausenden gelebt hatten und die ohne Gesetz, Regierung oder Kirche die Sonne, die Flüsse, die Wälder, die verschiedenen Spezies von Pflanzen und Tieren und einander genossen. Diese Menschen betrachteten das Leben als einen Zweck, nicht als ein Mittel, das in den Dienst eines „höheren“ Zwecks gestellt werden müsste. Sie strömten der Zivilisation nicht in Scharen zu, wie Kinder einer Keksdose, wie es die Franklins und Washingtons von ihnen erwarteten. Im Gegenteil. Sie wollten kaum etwas von dem, was die Zivilisation zu geben hatte. Sie wollten einige der Waffen und sie wollten diese nur, um ihre Freiheit gegen die weiteren Übergriffe der Zivilisation zu verteidigen; sie zogen den Tod einem Leben vor, das auf Arbeiten, Sparen, Investieren und Verkaufen reduziert war. In einem letzten, verzweifelten Versuch die Zivilisation und ihre Vorzüge zurück ins Meer und darüber hinaus zu treiben, in einem Aufstand, der derzeit als der Name eines Automobils erinnert wird, verdrängten ihre Krieger*innen die Landräuber und ihre Soldaten aus Ontario, Michigan, Ohio und West-Pennsylvania. Für diesen kompromisslosen Widerstand bekamen sie von den Zivilisierten den Status von Wilden verliehen. Dieser Status verlieh den Zivilisierten die Erlaubnis, sie ohne Bedenken oder Skrupel auszulöschen: „Schickt ihnen pockeninfizierte Decken“, ordnete einer der Kommandeure an, der verantwortlich für ihre Auslöschung ist.

Die jüngst gefeierte zweihundertjährige Amerikanische Unabhängigkeit gedachte dem Tag, an dem vor zwanzig Jahrzehnten Landräuber*innen, Spekulant*innen und ihre Verbündeten entschieden, die Auslöschung der Unabhängigkeit in der Region westlich von Three Mile Island zu beschleunigen. Die Regierung des Königs war zu weit entfernt, um ihre Investionen adäquat zu schützen und in vielerlei Hinsicht war sie feudal und teilte nicht immer die Ziele der Spekulant*innen; sie ging sogar soweit, die Grenzen, die durch Verträge mit den Wilden festgelegt worden waren, durchzusetzen. Was benötigt wurde, war ein effizienter Apparat unter direkter Kontrolle der Landräuber*innen und exklusiv dem Wohlstand ihres Unterfangs ergeben. Informelle Grenzpolizeiorganisationen wie die Paxton Boys waren für ein Massaker an den Bewohner*innen eines isolierten Dorfes wie Conestoga brauchbar. Aber solche Grenzer-Gründungen waren klein und vorübergehend und sie waren ebenso abhängig von der expliziten Einwilligung jedes einzelnen Teilnehmers wie die Stammeskrieger selbst; daher handelte es sich bei ihnen eigentlich überhaupt nicht um geeignete Polizeiorganisationen. Die Spekulant*innen verbündeten sich mit Idealist*innen und Träumer*innen und hinter einem Banner, auf dem Freiheit, Unabhängigkeit und Glück stand, nahmen sie Regierung, Militär und Polizei in ihre eigenen Hände.

Vor ungefähr 150 Jahren war der effiziente Apparat für den Fortschritts des Kapitals voll ausgeprägt. Militär- und Polizeiorganisationen basierten auf Gehorsam und Unterwerfung und nicht auf der aktiven Einwilligung jedermanns und sie waren bereit gegen diejenigen Menschen vorzugehen, die sich dieser Form der Herrschaft zwanzigtausend Jahre, wenn nicht länger widersetzt hatten. Der Kongress verabschiedete eines seiner explizitesten Gesetze: das Indianer-Umsiedlungsgesetz. Innerhalb weniger Jahre wurde jeder Widerstand, jede Aktivität, die nicht die des Kapitals war, aus der Region entfernt, die sich westlich von der Three Mile Island bis zum Mississippi erstreckt und südlich von Michigan bis Georgia. Die Regierung wurde schnell zu einer der mächtigsten auf der Welt und war nicht länger darauf beschränkt, Dorfbewohner*innen mit Pocken zu vergiften oder sie in einem Überraschungsangriff zu massakrieren; sie setzte die Entfernung durch eine besonnene Kombination aus hohlen Phrasen, Versprechungen und Polizei um. Die verbleibenden freien Stammesmenschen konnten dieser Kombination keinen Widerstand leisten, ohne sie anzunehmen, aber sie konnten sie nicht annehmen, ohne aufzuhören, frei zu sein. Sie entschieden sich dazu frei zu bleiben und die letzten freien menschlichen Wesen zwischen der Three Miles Island und dem Mississippi wurden entfernt.

Als die Siedler*innen in die vorsätzlich geräumten Ländereien zogen, wo ihnen die Luft, die sie atmeten, eine Vorstellung der kürzlich ausgelöschten Freiheit gab, verwandelten sie weitläufige Wälder in ausgedehnte Nachbildungen der Hölle, die sie hinter sich gelassen hatten. Der Genuss der Pfade und Wälder endete: Die Wälder wurden niedergebrannt; die Pfade wurden zu Hindernisläufen, die so schnell durchquert wurden, wie es das Kapital möglich machte. Freude hörte auf, das Ziel des Lebens zu sein; das Leben selbst wurde zu einem bloßen Mittel, sein Ziel war der Profit. Die Vielfalt hunderter kultureller Formen wurde auf die Gleichförmigkeit einer einzigen Routine reduziert: Arbeiten, Sparen, Investieren, Verkaufen, jeden Tag von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang und nach dem Sonnenuntergang wurde das Geld gezählt. Jede vorherige Aktivität und unzählige neue Aktivitäten wurden von Quellen der Freude in Quellen des Profits verwandelt. Mais, Bohnen und Kürbis, die „drei Schwestern“, die unter den vorherigen Bewohner*innen der Region respektiert und geliebt gewesen waren, wurden zu bloßen Waren für den Verkauf auf Lebensmittelmärkten; Ihre Säer*innen und Ernter*innen pflanzten sie nicht länger an, um sie bei Mahlzeiten, Festen und Festivals zu genießen, sondern um sie für Profit zu verkaufen. Gemächliches Gärtnern wurde durch die harte Arbeit der Landwirtschaft ersetzt, Pfade wichen Gleisen, Gehen wurde durch die Fortbewegung gigantischer, kohleverbrennender Öfen auf Rädern ersetzt, Kanus wurden von schwimmenden Städten zur Seite gespült, die vor keinem Hindernis Halt machten, während sie die Luft mit Funken und schwarzem Rauch erfüllten. Die „drei Schwestern“ wurden zusammen mit dem Rest ihrer Familie zu bloßen Handelswaren degradiert, ebenso wie die Bäume, die zu Holz wurden, die Tiere, die zu Fleisch wurden und selbst die Reisen, die Lieder, die Mythen und Märchen der neuen Bewohner*innen des Kontinents.

Und neue Bewohner*innen sollte es geben: zuerst hunderte, dann tausende, schließlich Millionen. Als der Import reiner Sklav*innen schließlich endete, wurden überschüssige Bäuer*innen aus den heruntergewirtschafteten Ländereien des post-feudalen Europas importiert. Ihre Vorfahr*innen hatten die Freiheit seit so vielen Generationen nicht mehr gekannt, dass sogar die Erinnerung daran verloren gegangen ist. Vormals als Diener*innenschaft oder Gesinde auf den Ländereien zunehmend kommerzieller Adliger tätig, trafen die Neuankömmlinge bereits genau darauf trainiert ein, genau das zu wollen, was das Kapital anzubieten hatte, und die vom Kapital auferlegte Entwürdigung des Lebens war verglichen mit ihrem einzigen Vergleichsrahmen Freiheit für sie. Landinvestor*innen verkauften ihnen Parzellen, Schieneninvestor*innen transportierten sie zu den Parzellen, Ackergerät-Investor*innen statteten sie aus, Bank-Investor*innen finanzierten sie, gekleidet und möbliert wurden sie durch die gleichen Interessen, oft von den gleichen Häusern, die sie zugunsten des Profits mit allem anderen versorgt hatten, was kein vorangehendes Zeitalter als „angemessen“ betrachtet hätte, und so schrieben sie prahlerisch an ihre Verwandten im alten Land, dass sie zu ihren eigenen Herren geworden seien, dass sie freie Bauern wären, aber in ihrer Magengrube und zwischen ihren Herzschlägen spürten sie die Wahrheit: Sie waren Sklav*innen eines Herren, der sogar noch hartnäckiger und unmenschlicher war und sie ihren ehemaligen Herren entrissen hatte, eines Herren, dessen tödliche Macht wie die der Radioaktivität gespürt, aber nicht gesehen werden konnte. Sie waren zu den ausgewiesenen Diener*innen des Kapitals geworden. (Und diejenigen, die als „Fabrikarbeiter“ oder „ungelernte Arbeitskräfte“ in den Fabriken endeten, die die Werkzeuge und Schienen produzierten, hatten kaum etwas, mit dem sie in ihren Briefen angeben konnten; sie hatten, wo immer sie herkamen, freiere Luft geatmet.)

Ein Jahrhundert nach dem Aufstand, der heute mit dem Namen von Pontiac verbunden wird, ein Jahrhundert, das voller verzweifeltem Widerstand von Pontiacs Nachfolgern gegen die weiteren Übergriffe des Kapitals war, begannen einige der importierten Bauern gegen ihre Reduzierung auf Diener des Eisenbahn-, Ausstattungs- und Finanzkapitals zu kämpfen. Die volksnahen Bauern brannten darauf die Rockefellers, Morgans und Goulds, die direkt für ihre Entwürdigung verantwortlich waren, zu verhaften und einzusperren, aber ihre Revolte war nur ein schwaches Echo der früheren Revolten der Ottowas, Chippewas, Delawares und Potawatomies. Die Bauern wendeten sich gegen die Persönlichkeiten, aber fuhren fort damit, die Kultur, die für ihre Entwürdigung verantwortlich war, zu teilen. Folglich scheiterten sie darin, sich mit dem bewaffneten Widerstand der Menschen der Great Plains zu vereinen oder diese überhaupt als ihresgleichen wahrzunehmen. Diese waren die letzten, die den Kontinent davor bewahrten, gänzlich zu einer Insel des Kapitals zu werden – ein Kampf, der mithilfe der antiken assyrischen (und modernen sowjetischen) Methoden der massenhaften Deportation, Konzentrationslager, Massaker an unbewaffneten Gefangenen und nicht nachlassender Gehirnwäsche durch militärische und missionarische Schläger niedergeschlagen wurde.

Obwohl viele von ihnen militant und mutig waren, stellten die kämpfenden Bauern Genuss und Leben nur selten über Arbeit, Ersparnisse und Profit, und ihre Bewegung entgleiste vollkommen, als sie von radikalen Politiker*innen infiltriert wurde und die Sehnsucht nach einem neuen Leben mit der Sehnsucht nach einem neuen Anführer gleichsetzten. Diese Form der Entgleisung einer volksnahen Bewegung wurde zu einem Wesenszug der Arbeiterbewegung in dem darauffolgenden Jahrhundert. Die Politiker*innen, die das Grab des Populismus ausgehoben hatten, waren die Vorläufer einer unendlichen Bandbreite von mönchischen Sekten, die organisatorisch auf der jesuitischen Ordnung aufbauten, aber ihre Doktrin und ihre Dogmen von dem einen oder anderen kommunistischen, sozialistischen oder anarchistischen Buch ableiteten. Bereit, beim ersten Anzeichen einer Situation, in der die Menschen darum kämpfen, ihre eigene Menschlichkeit zurückzuerlangen, hervorzuspringen, zermalmten sie eine potentielle Rebellion nach der anderen, indem sie Menschen, die dafür kämpften, zu leben, ihre Doktrin, ihre Organisation und ihre Führung aufbürdeten. Diese Clowns, für die alles, was fehlte, ihre Ergüsse und Ansprachen auf den Titelseiten der Zeitungen waren, wurden schließlich zu Kapitalist*innen, die die einzige Ware, die sie in die Ecke getrieben hatten, auf den Markt brachten: die Arbeiterschaft.

Kurz vor der Zeitenwende des gegenwärtigen Jahrhunderts [20. Jahrhundert; Anm. d. Übers.], in dem tatsächlicher Widerstand endgültig durch einen Pseudo-Widerstand, der tatsächlich ein Instrument der endgültigen Reduktion menschlicher Aktivität auf eine bloße Größe des Kapitals ist, beseitigte der effiziente Apparat zur Generierung von Profit alle äußeren Hindernisse. Er besaß noch immer innere Hindernisse: die verschiedenen Fraktionen des Kapitals, die Vanderbits, Goulds und Morgans richteten ihre Waffen fortwährend aufeinander und drohten, die gesamte Struktur von innen ins Wanken zu bringen. Rockefeller und Morgan bereiteten den Weg für eine Fusion, den Zusammenschluss der unterschiedlichen Fraktionen: Vermögende Investor*innen verteilten ihr Vermögen auf die jeweils anderen Unternehmen; Direktor*innen saßen im Vorstand der jeweils anderen; und ein jeder erlangte ein Interesse am ungehinderten Vormarsch jeder Einheit des gesamten Apparats. Mit Ausnahme von wenigen überlebenden persönlichen und familiären Imperien wurden die Unternehmen von bloßen Heuerleuten geleitet, die sich vom Rest der Angestellten nur durch die Höhe ihrer Bezüge unterschieden. Die Aufgabe der Direktor*innen bestand darin, alle Hindernisse zu überwinden, menschliche und natürliche, mit nur einer Einschränkung: der der effizienten Funktionsweise der anderen Unternehmen, die gemeinsam das Kapital bildeten.

Vor vier Jahrzehnten gelangten die Forscher*innen der physikalischen und chemischen Wissenschaften im Dienste des Kapitals zu der Entdeckung, dass großen Substanzen über und unter der Erde nicht die einzigen Substanzen waren, aus denen sich Profit schlagen ließ. Es schien, dass die „befreiten“ [Atom]kerne bestimmter Substanzen vom Kapital ganz besonders ausgebeutet werden konnten. Die Zerstörung der Materie auf atomarer Ebene, die zuerst in den abscheulichsten Waffen, die bisher jemals von Menschen gefertigt wurden, genutzt wurde, wurde zur neuesten Ware. Zu dieser Zeit hatten die Zinszahlungen, Frachtgebühren und Ausrüstungs-Käufe der Bauern ebenso wie die seit langem verschwundenen Bäume und Waldtiere aufgehört als Quellen eines signifikanten Profits von Interesse zu sein. Energieunternehmen, die mit Uran- und Erdöl-Imperien verzahnt waren, wurden zu mächtigeren Imperien als irgendeiner der Staaten, die ihnen als Problembeheber dienten. Innerhalb der Computer dieser Imperien wurden die Gesundheit und die Leben einer „angemessenen“ Anzahl an Farm- und Stadtbewohnern gegen einen „angemessenen“ Zuwachs oder Verlust von Profit abgewogen. Mögliche volksnahe Antworten auf solche Berechnungen wurden durch besonnene Kombinationen aus hohlen Phrasen, Versprechungen und Polizei kontrolliert.

***

  • Die Vergiftung von Menschen in Ost-Pennsylvania mit krebserzeugender Strahlung durch ein System, das einen bedeutenden Anteil seiner Aktivität der „Verteidigung“ gegen atomare Angriffe aus dem Ausland widmet,
  • Die Kontamination von Nahrung, die von den verbleibenden Bewohner*innen des Kontinents verzehrt werden wird und die Zerstörung der Perspektiven von Bäuer*innen, die ihr Leben pflichtbewusst dem Anbau von Waren widmeten, die für das Kapital auf einer Entwicklungsstufe interessant waren, die vor einem halben Jahrhundert endete,
  • Die Verwandlung in ein buchstäbliches Minenfeld durch den Gebrauch von beispiellos tödlichen Giften und Sprengstoffen eines Kontinents, der einst von Menschen bevölkert wurde, deren Ziel im Leben es war, die Luft, die Sonne, die Bäume, die Tiere und einander zu genießen,
  • Die Aussicht, dass ein Kontinent mit wütenden Infernos übersät sein wird, während ihre Lautsprecher ihre aufgezeichneten Botschaften an eine verkohlte Erde abspielen: „Es gibt keinen Grund überzureagieren, die Situation ist stabil, die Anführer*innen haben alles unter Kontrolle“,

all das ist kein Unfall. Es ist die derzeitige Stufe des Fortschritts der Technologie, alias des Kapitals, von Marry Wollstonecraft Shelley Frankenstein genannt, die von ehrgeizigen Managern, die darauf brennen, ihre „revolutionären“ Hände an ihr Schaltpult zu bekommen, als „neutral“ betrachtet wird. Seit zweihundert Jahren hat sich das Kapital durch die Zerstörung der Natur, durch die Entfernung und Zerstörung von Menschen entwickelt. Das Kapital hat nun einen Frontalangriff auf seine eigene Diener*innenschaft gestartet, seine Computer haben damit begonnen, die Entbehrlichkeit derjenigen zu berechnen, die gelehrt worden sind, sich als seine Nutznießer zu verstehen.

Wenn die Geister der Toten unter den Lebenden geboren werden könnten, könnten Krieger der Ottawa und Chippewa und Potawatomi den Kampf dort wieder aufnehmen, wo sie ihn vor zwei Jahrhunderten verlassen haben, unterstützt von den Kräften der Sioux, Dakota und Nez Perce, der Yana und Medoc und den zahllosen Stämmen, deren Sprachen nicht mehr gesprochen werden. So eine Kraft könnte die Kriminellen zusammentreiben, die andernfalls niemals vor irgendein Gericht gestellt werden würden. Die zahlreichen Agent*innen des Kapitals könnten dann damit fortfahren, ihre Routine des Arbeiten-Sparen-Investieren-Verkaufens auszuüben, einander gegenseitig mit hohlen Phrasen, Versprechungen und Polizei zu foltern, innerhalb entschärfter und vom Netz getrennter Kraftwerke, hinter den Plutonium-Türen.

Nachbemerkung der Übersetzer*in

Vor über 40 Jahren verfasst ließe sich die Erzählung Perlmans heute sicher noch um die „Errungenschaften“ des Fortschritts der letzten Jahrzehnte sowie die des letzten Jahres erweitern. Und doch würde kaum eine Formulierung dem, was gerade passiert, so sehr gerecht werden wie die folgende, eben bereits vor rund 40 Jahren gültige: „Das Kapital hat nun einen Frontalangriff auf seine eigene Diener*innenschaft gestartet, seine Computer haben damit begonnen, die Entbehrlichkeit derjenigen zu berechnen, die gelehrt worden sind, sich als seine Nutznießer zu verstehen.“

Und dabei steht es kurz vor der Vollendung dieser Pläne, während diejenigen, die sich um eine Wiedergeburt der Geister der Toten bemühen (indem sie etwa Funkmasten anzünden oder gegen Ausgangssperren rebellieren), von jenen Dienern, die durch die Begründung diverser politischer Sekten und ihren Führungsanspruch auch weiterhin jeden populären Widerstand zum Erliegen bringen, als „Verschwörungstheoretiker“ verspottet werden …


Übersetzung aus dem Englischen: Fredy Perlman. „Progress and Nuclear Power“ (1979) aus Anything can Happen (2017).

In Richtung eines indigenen Egoismus

Einführung

Ich bin eine indigene Person der Oglala-Lakota-Nation. Meine Vorfahren stammen aus dem Pine-Ridge-Indian-Reservat im westlichen South Dakota. Davor waren sie nomadisch und zogen frei über das gesamte Gebiet, das als die Great Plains bekannt ist. Ich bin auch ein*e individualistische*r Anarchist*in und existiere, was auch immer daraus werden wird, innerhalb einer radikalen „Community“ anderer Anarchist*innen hier in den Vereinigten Staaten. Ich wurde mit zahllosen Abhandlungen über individualistisches und egoistisches Denken bombardiert, die es als kapitalistisch, kolonialistisch und sogar rassistisch/faschistisch [white supremacist] bezeichnen. Ich schreibe diesen Text als Antwort auf eine*n Freund*in von mir, die*der die Behauptung aufgestellt hat, dass Individualismus und Eigeninteressen grundlegende Elemente der Kolonisierung wären. Während das stimmen mag, wenn Eigeninteressen durch koloniale Ideologie definiert werden, werde ich ein individualistisches und egoistisches anarchistisches Denken skizzieren, das ein Werkzeug der Dekolonialisierung und des indigenen Widerstands ist.

Individualismus, Kolonialismus und Beanspruchung

Was den Individualismus und Egoismus so attraktiv macht, ist der Sinn für Freiheit, den er anbietet: Der Sinn, dass kein anderer dich davon abhalten sollte, deine Sehnsüchte zu verwirklichen und dass du und deine Sehnsüchte von Bedeutung sind. In jeder Kultur und Gesellschaft werden wir unserer Freiheit beraubt: wir sind mit dem Zwang zur Arbeit konfrontiert, damit dem Kollektiv zu dienen, die Moral von Gott und der Kirche zu ehren, das Gefängnis zu fürchten und die Verhaltensregeln [Policing] zu verinnerlichen, sozialen Rollen gerecht zu werden, die Familie zu reproduzieren, sich der Autorität zu unterwerfen, ein*e produktive*r Beiträger*in zur Gesellschaft und Menschheit zu sein. Das aktive Verfolgen von Freiheit scheint eine natürliche Reaktion auf Einschränkungen zu sein. Europäische Entdecker, Kolonisten und Siedler suchten diese Freiheit. Sie erhoben Anspruch auf das Land und die Ressourcen, was zur Abschiebung und Umsiedlung indigener Völker führte. Sie beanspruchten die Ausbeutung freier Arbeitskraft, was zur Verschleppung und Versklavung von Afrikaner*innen führte. Es lag in ihrem Interesse den Wohlstand und die Macht ihrer Nation oder Kolonie auszuweiten und die Interessen von allen, die dem im Weg standen, zu übergehen. Kurz gesagt: die Kolonisierung ist das Handeln im Eigeninteresse der*s Kolonisierer*in.

Allerdings eröffnet Max Stirners Definition dessen, was eine*n willentliche*n Egoist*in ausmacht, eine andere Perspektive auf den kolonialen Individualismus. Eine Kolonie ist ein Kollektiv, das existiert, um seinem Vaterland mit natürlichen Ressourcen, Arbeit und Verbreitung der nationalistischen und christlichen Ideologien und Kultur zu nützen, sowie der strategischen Kontrolle von Landstrichen, von denen aus Kriege geführt werden können. Jede*r, die*der innerhalb einer Kolonie lebt, lebt dann, um seinem*ihrem Land zu dienen, sei es als Arbeiter*in, um Ressourcen abzubauen oder die Produktion in den Fabriken zu fördern, als Armee, um rivalisierende Länder und indigene Völker abzuwehren, als Missionar*in, die die Religion unter den indigenen Nationen verbreitet oder als Politiker*in, die*der die Ordnung der Bevölkerung der Kolonie aufrechterhält. Die dreizehn Kolonien bemerkten ihren Mangel an Freiheit gegenüber Großbritannien und starteten die Amerikanische Revolution, erschufen die „Unabhängigkeits“erklärung und gründeten die Vereinigten Staaten von Amerika. Die Vereinigten Staaten gründen sich auf einer Illusion von Freiheit und Individualismus. Das war immer ein zentrales Merkmal der amerikanischen nationalen Ideologie. Aber eine wahnhafte Masse, die fortfährt, verschiedenen Autoritäten zu dienen und sich ihnen zu unterwerfen, macht keine willentlichen Egoist*innen aus, sondern vielmehr, um es in Stirners Worten zu sagen, unfreiwillige Egoist*innen. Ein patriotischer Soldat mag aus Eigeninteresse zum Militär gehen und den Feind seines Landes bekämpfen, aber indem er das tut, unterwirft er sich seinem befehlshabenden Offizier, den Politiker*innen, die entschieden haben, Krieg zu führen, der Pflicht, Befehlen zu gehorchen und seiner Hingabe zu seinem Land. Er gibt seine Freiheit als ein Individuum auf und dient einem Kollektiv: seiner Vorstellung von einem „höheren Wohl“. Er gibt die Möglichkeit auf, zu seinem vollen Selbst zu gelangen. Das gleiche gilt für den religiösen Mann, der Gott aus Eigeninteresse dient, um Erlösung zu erlangen und ewiges Leiden in einer imaginären Hölle zu vermeiden. Er unterdrückt viele Aspekte seines Selbsts, um seiner Vorstellung oder der seiner Kirche von Gott und Moral gerecht zu werden. Jeder Mann, der in der Amerikanischen Revolution gekämpft hat und jede Person, die nach Amerika eingewandert ist – auf der Suche nach Freiheit, nach Individualismus, nach dem amerikanischen Traum –, jagte einem Individualismus nach, der durch Unterwürfigkeit niemals wirklich erreicht werden kann.

Die Geschichte des amerikanischen Kolonialismus und der indigenen Völker

Kolonialer Individualismus und Anspruch wurden auf Kosten der indigenen Völker erreicht. Damit diese Entdecker*innen, Kolonist*innen und Siedler*innen sich ausbreiten konnten und Zugang zu dem, was ihnen Macht und Wohlstand verlieh, erlangen konnten, mussten die indigenen Völker unterworfen werden. In einem militärischen Sinne war das anfangs keine leichte Aufgabe, aber dank der Epidemien, die von den Europäer*innen mitgebracht worden waren, wurden viele indigene Nationen schwerwiegend geschwächt oder beinahe vollständig ausgelöscht. Das erlaubte es den europäischen/amerikanischen Kolonisator*innen die militärische Oberhand zu erlangen. Erzwungene Räumungen von Land folgten; alle Ländereien, die einen Wert irgendeiner Art hatten, wurden von den Kolonisator*innen geräumt und ausgebeutet, was in der beinahen Ausrottung der Tiere und Pflanzen resultierte, auf die die indigenen Menschen angewiesen waren, um sich zu versorgen. Jeder Widerstand gegen eine Räumung brachte Krieg und die Individuen, die zu solchem aufriefen, wurden als „Wilde“ gebrandmarkt und entweder gewaltsam zivilisiert oder getötet. Die Zivilisierung blieb den Missionar*innen überlassen, während das Töten die Aufgabe der Regierungen der Vereinten Nationen und Kanadas war. Sowohl spirituelle und kulturelle Traditionen als auch Zeremonien wurden geächtet. Habseligkeiten, von denen angenommen wurde, dass sie heilig seien, wurden den Menschen weggenommen und zerstört. Kinder wurden ihren Familien weggenommen und in Internate geschickt. Ihr Haar, das eine ungeheure spirituelle Bedeutung besaß, wurde abgeschnitten, damit sie Weißen ähnelten. Sie wurden geschlagen und verprügelt, wenn sie in ihren traditionellen Sprachen sprachen. Sie wurden zum Christentum konvertiert. Sie wurden so unterrichtet, wie es die Kolonisator*innen für geeignet hielten, um gemäß der westlichen Standards zu leben. Im Dienste des Kolonialismus wurde alles unternommen, um indigene Kulturen auszulöschen.

Selbsthass in den heutigen indigenen Communities

Wir haben dennoch eine ganze Zeit überlebt. Die Geschichte hat uns ausradiert, für die meisten existieren wir nicht länger. Dennoch sind wir sehr wohl noch am Leben, aber das heutige Leben in den Reservaten ist kein Vergnügen. Die Auswirkungen der Kolonisierung suchen uns als Volk noch immer heim und nehmen dabei oft subtile Formen an. Alkoholismus, Sucht, häusliche Gewalt, ökonomischer Mangel, Armut, Diabetes und Selbstmorde sind in Reservaten überall in Nordamerika verbreitet. Das meiste davon resultiert aus einem Selbsthass, sowohl einem individuellen, als auch einem kollektiven. Ist es Zufall, dass viele dieser Probleme auch die afrikanisch-amerikanischen Nachbarschaften in den größeren Städten überall in den Vereinigten Staaten plagen? Das sind die Resultate der Kolonisierung, der Räumung indigener Menschen von den Ländereien, mit denen sie gewohnt waren zu leben, davon sie zu zwingen, sich an die westlichen zivilisierten kulturellen Standards und an eine kapitalistische Marktwirtschaft anzupassen.

Der Kolonisator in unseren Köpfen

Neben dem Selbsthass, den ich bei indigenen Gefährt*innen beobachte, werde ich auch Zeug*in einer Anpassung und einem Sinn der Identifizierung mit dem Kolonisator. Die Überreste unserer Communities werden nun von Stammesregierungen, Stammespolizeien und Stammesgerichten verwaltet, die Reformen vorantreiben und die Art und Weise nachahmen, auf die die Kolonisator*innen die Dinge in ihrer Welt regeln. Unsere Jugend wird ermutigt auf die Uni zu gehen, Karrieren zu beginnen und erfolgreich zu sein; oder dazu zur Armee zu gehen und in den Kriegen der US-Regierung zu kämpfen, um den Kolonialismus in anderen Teilen der Welt zu erzwingen. Ich nehme häufig an Tänzen und Gesängen auf Versammlungen überall in Nordamerika teil und beobachte Kreuze und Nike-Logos auf den Tanzbekleidungen von Individuen. Es ist ohnehin unabkömmlicher Teil des Ganzen, dass eine amerikanische Flagge während der Eröffnung hereingetragen wird, gefolgt von einem Lied zu Ehren aller indigenen und nicht-indigenen Veteran*innen, die „unsere Freiheit verteidigen“ und „uns das Privileg verleihen, das zu tun, was wir heute tun.“

Individualismus als Grundsatz der Dekolonisierung

Es sollte offensichtlich sein, dass wenn wir von „Eigeninteresse“ sprechen, wir nicht von etwas Objektivem sprechen können. Was in deinem Eigeninteresse liegen mag, kann auch sehr gut etwas sein, dass mich von etwas in meinem Eigeninteresse abhält. Das macht die pauschale Behauptung „Eigeninteresse und Individualismus sind ein Grundsatz der Zivilisation“ zu einer allzu vereinfachten Betrachtung dessen, was Eigeninteresse ist und vermeidet die Frage danach, über wessen Interesse wir sprechen. Als eine indigene Person, die eine starke Haltung gegen Anpassung, Kolonialismus und Kapitalismus einnimmt, liegt es sicherlich nicht in meinem Interesse, diese Strukturen zu fördern.

Individualismus ist die Vorstellung, dass du und deine Sehnsüchte von Bedeutung sind. Egoismus impliziert das und behauptet zusätzlich dass man in seinem eigenen Namen handeln sollte, um seine Sehnsüchte zu erreichen. Was könnte uns als indigenes Volk nützlicher sein als Selbstbewusstsein? Wir müssen wissen, dass wir als Individuen und als ein indigenes Volk von Bedeutung sind. Jahrhunderte wurden wir sowohl physisch als auch psychisch niedergeknüppelt. Wir wurden von der Macht so lange unterdrückt, dass wir davon überzeugt sind, dass wir nicht von Bedeutung sind, das wir nichts wert sind, dass wir Wilde sind: geringer als Menschen und für die Gesellschaft ungeeignet. Die psychologischen Auswirkungen der Kolonisierung wurden untersucht, analysiert und bewiesen, dass diese sowohl in innerem als auch äußerem Selbsthass resultieren.

Einige von uns haben das akzeptiert; wir missbrauchen uns selbst und einander. Oder wir medikamentieren uns selbst, um den Schmerz zu betäuben. Einige von uns passen sich an, um von unseren Unterdrücker*innen anerkannt zu werden, um einen Hauch von Selbstwertgefühl zu empfinden. Ich will mich vor niemandem ins rechte Licht rücken. Ich will wissen, dass ich für mich selbst wichtig bin, nicht für die Gesellschaft, die mich und meine Sehnsüchte verleugnet, mich von meiner Freiheit trennt: eine Gesellschaft, die verantwortlich ist für all den Schaden, der indigenen Menschen weltweit zugefügt wurde. Eine Sache, die ich bei Zusammenkünften überall auf dem Kontinent beobachte, sind Autoaufkleber und Kleidung, die „indigenen Stolz“ ausdrücken. Das ist etwas, was meine Ältesten so lange ich mich erinnern kann, gesagt haben. „Sei stolz darauf, wer und was du bist.“ Wenn wir diesen Stolz annnehmen würden und verstehen würden, dass wir von Bedeutung für uns selbst sind und anfingen, in unserem Eigeninteresse zu handeln, würde das Krieg gegen diejenigen bedeuten, die uns im Wege stehen und uns an unserer Freiheit hindern.

Egoismus bedeutet Krieg gegen die Gesellschaft

Die Vorstellung von Individualismus, die zu realisieren die europäischen Entdecker*innen und Kolonisator*innen gescheitert sind, ist ihre Verweigerung von Pflicht, Hingabe und Unterwerfung. Ich akzeptiere keine Autorität über mir, ebensowenig wie ich nach irgendeiner bestimmten Ideologie strebe. Ich werde von keiner Verpflichtung beeinflusst, weil ich niemandem irgendetwas schulde. Ich bin nichts außer mir selbst ergeben. Ich unterwerfe mich keinen zivilisierten Standards und keiner Moral, weil ich keinen Gott und keine Religion anerkenne. Kein Druck, Urteil oder Zwang sollte mich dazu bringen, mich selbst von dem, was ich ersehne, abzuhalten. Egoistische Anarchist*innen haben der Gesellschaft und der Zivilisation den Krieg erklärt. Dieser Widerstand liegt im Interesse von Jeder*m, die*der ein Leben frei von Unterwerfung unter eine herrschende Macht herbeisehnt, von jenen, die von einer Welt der Freiheit träumen, von jenen, die eine Gemeinschaft mit denen bilden wollen, die gemeinsame Interessen und Affinität teilen: eine Welt freier Assoziation, in der wir leben können, wie wir es wollen und ein erfüllendes Leben erfahren können. Das sollte auf keine*n mehr zutreffen als auf indigene Menschen. Auch wenn die westlichen, zivilisierten Kulturstandards und Werte in uns hineingeprügelt wurden, müssen wir uns daran erinnern, wer wir sind. Wir müssen uns der Wichtigkeit unseres Selbsts und unserer Sehnsüchte erinnern.

Die Verweigerung dieser Unterwerfung ist nicht leicht. Wenn ich vom Krieg gegen die Gesellschaft spreche, dann meine ich das auch. Dekolonisierung kann nur dann stattfinden, wenn wir unseren Feind angreifen: den Kolonisator. Wenn wir das nicht tun, dann perpetuieren wir nur die Beziehung zwischen Kolonisator und Kolonisierter*m. Wir können von den Unterdrücker*innen niemals erwarten, dass sie zugunsten der Unterdrückten ihre Privilegien aufgeben. Diese Initiation und dieser Angriff mag Gewalt erfordern. „Es sollte festgehalten werden, dass der Kolonialismus durch militärische Gewalt auferlegt wurde. Schließlich ist es das Gewaltmonopol des Systems, das es dazu befähigt, seinen Willen aufzuzwingen“ (Warrior Magazine).

Wir müssen uns daran erinnern, was es bedeutet, ein*e „Krieger*in“ zu sein. Wir ehren unsere Veteran*innen als indigene Menschen, um die Traditionen der Ehrung unserer Krieger*innen wiederzubeleben; Aber eine wahre Kriegerin kämpft nicht für ihren Feind und sie unterwirft sich keiner Autorität, die sie und ihr Volk beherrscht und unterjocht. Ein wahrer Krieger kämpft für sich selbst, seine Familie und seine Community. Begehe keinen Fehler: Unsere indigenen Vorfahren gingen nicht kampflos unter. Wir erinnern uns des Aufstands der Sioux, bei dem ein gebrochenes Versprechen von Nahrung zu Angriffen auf weiße Siedler*innen und den Raub von Nahrung aus den Siedlungen führte. Andrew Myrick, ein führender Händler, der hinsichtlich des gebrochenen Versprechens gesagt hatte, „wenn sie hungern, lasst sie Gras essen“, war unter den ersten, die getötet wurden. Er wurde Tage später gefunden, sein Mund war mit Gras vollgestopft worden.

Die Geschichte des indigenen Widerstands begann an dem Tag, an dem Kolumbus und seine Männer an der Küste landeten und setzt sich heute in Kämpfen wie der Verweigerung der Diné, umzusiedeln, weil Tagebaue ihr Land nehmen und Elektrizitätswerke die Wüstenluft vergiften, fort. Ich denke es ist Zeit, dass wir die Bedeutung des Selbst betonen. Ich denke es ist an der Zeit, dass wir uns neue Strategien ausdenken und die Geschichte des indigenen Widerstands studieren, um neue Pfade in Richtung Dekolonialisierung und der Zerstörung der Zivilisation zu finden.


Übersetzung aus dem Englischen: Towards an Indigenous Egoism von Cante Waste, Warzone Distro, 2019.