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Katastrophismus XXIII

Die Expertenbürokratie, welche zusammen mit der Entwicklung der Planung auftauchte, stellt für alle Verwalter der Herrschaft eine gemeinsame Sprache und die Repräsentationen her, mittels welcher die Letzteren ihre eigene Aktivität verstehen und rechtfertigen. Mit ihren Diagnosen und Voraussagen, formuliert in der Neosprache der rationalen Kalkulation, kultiviert sie die Illusion einer technowissenschaftlichen Kontrolle von „Problemen“. Das Programm eines vollständig verwalteten Überlebens zu verteidigen ist ihre Aufgabe. Es ist diese Bürokratie, die regelmässig Alarmsignale und Warnungen herausgibt. Dabei zählt sie darauf, dass die Notlage, welche sie ausruft, sie befähigt direkter in die Verwaltung der Herrschaft eingebunden zu werden. In ihrer Kampagne für die Schaffung eines Ausnahmezustands hat ihr niemals die Unterstützung von linken Staatsanhängern und anderen bürgerbewegten [citizenists] gefehlt, und hat künftig also kaum Widerstand von den Verwaltern der Wirtschaft zu erwarten, da die meisten von ihnen die Perspektive einer endlosen Katastrophe als eine permanente Wiederauferstehung der Produktion durch die Suche nach „Ökokompatibilität“ betrachten. Eine Sache ist nun klar: wenn die Zeit für das alte Keynesianische Rezept der öffentlichen Wohlfahrtsprogramme – zusammengefasst in der Formel „Löcher graben um diese wieder aufzufüllen“ – gekommen ist, wird es genügend bereits gegrabene „Löcher“, zu reparierende Verheerungen, Abfälle zum recyclen, Verschmutzung zu reinigen, etc. geben. („Wir werden das reparieren müssen, was nie zuvor repariert wurde, verwalten, was niemand zuvor verwaltet hat“, Hervé Juvin, Produire le monde. Pour une croissance écologique, 2008).

Die Ausbildung dieses neuen „Labour Corps“ bedeutet bereits Kriegsfuss. So wie der New Deal die Unterstützung praktisch aller linken Intellektuellen und Aktivisten in den USA erhalten hat, mobilisiert der neue ökologische Kurs des bürokratischen Kapitalismus alle „gutherzigen Apparatschiks“ auf Weltebene. Letztere sind jung, Spezialisten, enthusiastisch, kompetent und ehrgeizig: kampferprobt in den NGOs und anderen Vereinen, in Führung und Organisation, fühlen sie sich fähig „die Dinge voranzutreiben“. Überzeugt, dass sie die höheren Interessen der Menschheit verkörpern und die Geschichte auf ihrer Seite haben, sind sie mit einem absolut reinen Gewissen ausgestattet und, als wäre das noch nicht genug, dem Wissen, dass die Gesetze auf ihrer Seite sind: die Gesetze die bereits in den Büchern stehen und all jene, welche sie zu verkünden hoffen. Denn sie wollen mehr Gesetze und Vorschriften, und hier ist es, wo sie mit dem Rest der Progressiven, „Anti-Liberalen“ und Militanten der Partei des Staates übereinstimmen, für welche „Gesellschaftskritik“ – ganz im Stile Bourdieus – darin besteht, die „Regierten“ dazu aufzurufen, „den Staat“ gegen seine „neoliberale Demontage“ „zu verteidigen“.

Nichts macht die Art und Weise klarer, in welcher der Katastrophismus der Experten etwas anderes ist als eine „Bewusstwerdung“ über die reale Katastrophe des entfremdeten Lebens, als die Art in welcher er versucht jeden Lebensaspekt und jedes Detail des persönlichen Verhaltens zu einem Gegenstand der Staatskontrolle zu machen, Regeln, Vorschriften und Verboten gemäss. Jeder zum Katastrophismus konvertierte Experte weiss, dass er ein Verwahrer des wahren Glaubens ist, der unpersönlichen Rationalität, welche das grundlegende Ideal des Staates ist. Wenn er seine Anklagen und Empfehlungen an politische Führer richtet, ist sich der Experte der Tatsache bewusst, dass er das höhere Interesse der kollektiven Verwaltung repräsentiert, die Imperative des Überlebens der Massengesellschaft. (Er wird vom „politischen Willen“ sprechen, der nötig ist, wenn er sich auf diesen Aspekt des Themas bezieht.) Die Verwaltung durch die Experten ist nicht nur aufgrund ihres Habitus etatistisch, da nur ein verstärkter Staat ihre Lösungen anwenden kann: sie ist strukturell etatistisch, in all ihren Methoden, ihren intellektuellen Kategorien und ihren „Mitgliedschaftskriterien“. Diese „Jesuiten des Staates“ haben ihren Idealismus (ihren „Spiritualismus“ wie es Marx nannte), die Überzeugung, dass sie für die Erlösung des Planeten arbeiten; aber dieser Idealismus fällt in der alltäglichen Praxis oft einem vulgären Materialismus anheim, in dessen Augen es nicht eine einzige spontane Lebensäusserung gibt, die nicht auf den Zustand eines passiven Objekts reduziert werden könnte, empfänglich dafür verwaltet zu werden: um das Programm der bürokratischen Verwaltung („Natur produzieren“) aufzuerlegen, ist es notwendig alles zu bekämpfen und zu eliminieren was unabhängig, ohne Hilfe der Technologie, existiert und das folglich irrational sein muss (wie es, bis gerade gestern noch, die Kritiken an der industriellen Gesellschaften waren, die ihr voraussehbares Verhängnis verkündeten).
Der Kult der unpersönlichen wissenschaftlichen Objektivität, des Wissens ohne Subjekt, ist die Religion der Bürokratie. Und unter ihren Lieblingsfrömmigkeiten ist – aus offensichtlichen Gründen – die Statistik, die Staatswissenschaft par excellence, welche diesen Status im Grunde im militaristischen und absolutistischen Preussen des 18. Jahrhunderts erreichte, welches auch – wie [Lewis] Mumford beobachtete – die erste Gesellschaft war, welche die Uniformität und die Unpersönlichkeit des modernen öffentlichen Schulsystems im grossen Massstab auf die Erziehung anwandte. So wie in Los Alamos das Labor in ein Gefängnis verwandelt wurde, ist das, was das Weltlabor nun ankündigt, so wie es die Experten darstellen, eine Barackenökologie. Der Datenfetischismus und der kindliche Respekt für alles was in Form einer Gleichung präsentiert werden kann, hat nichts mit der Angst vor dem Irrtum zu tun, sondern vielmehr mit der Angst vor der Wahrheit, die der Nichtexperte ohne Rückgriff auf irgendwelche Zahlen formulieren kann. Das ist der Grund wieso der Nichtexperte erzogen und informiert werden muss, so dass er sich im Vorhinein der ökologisch-wissenschaftlichen Autorität fügen kann, welche ihm die neuen Regeln diktieren wird, die so notwendig für das geschmeidige Funktionieren der sozialen Maschine sind. In den Stimmen jener, die leidenschaftlich die Statistiken wiederholen, welche von der katastrophistischen Propaganda verbreitet werden, ist es nicht die Revolte die widerhallt, sondern Unterwerfung unter die Ausnahmezustände im Voraus, die Akzeptanz der kommenden Disziplinarregimes, und die Unterstützung für die bürokratische Macht die vorgibt durch den Gebrauch von Zwangsmassnahmen das kollektive Überleben sicherzustellen.

[Übersetzung eines Kapitels aus dem Buch: „Catastrophism, disaster management and sustainable submission“ von René Riesel und Jaime Semprun, Roofdruk Edities, April 2014. Das Original von 2008 (!) ist französisch und heisst „Catastrophisme, administration du désastre et soumission durable“, Edition de l`encyclopédie des nuisances]

Gegen seine Geschichte, Gegen Leviathan! – Kapitel 2

Bei dem folgenden Text handelt es sich um das 2. Kapitel der deutschen Übersetzung von Against History, Against Leviathan!, die wir seit Ausgabe #080 in einer Vorabfassung kapitelweise abdrucken.

Das 1. Kapitel findest du hier, alle bisher erschienenen Kapitel hier.

Da es sich bei den hier veröffentlichten Übersetzungen um eine vorläufige Fassung handelt, freuen sich die Übersetzer*innen ganz besonders über Hinweise auf Fehler, Gedanken zu Ungenauigkeiten in der Übersetzung und Verbesserungsvorschläge. Ihr könnt sie direkt per E-Mail an gegen-leviathan@riseup.net kontaktieren.

2.

Ein Gepanzerter fragt: Wenn das Goldene Zeitalter so wertvoll, so wunderschön, so rein gewesen ist, warum haben die Menschen es dann hinter sich gelassen? Wenn sich die Zivilisierten an es erinnern, warum kehren sie nicht zu ihm zurück? Wenn es so angenehm gewesen ist, warum werfen Landwirte dann nicht ihre Pflüge weg und kehren zu Grabstöcken zurück? (Wer diese Fragen stellt, fragt auch: Wenn du so clever bist, warum bist du dann nicht reich?)

Es gibt Antworten auf diese Fragen. Aber der Fragensteller will diese nicht hören. Er kennt die Antwort bereits. Die Menschheit verließ den Naturzustand, weil die Zivilisation eine höhere Entwicklung ist. (Eine höhere Entwicklung gegenüber was? Das wird der Gepanzerte niemals verraten. Er kehrt schnell zu etwas anderem zurück.)

Die Theorie der höheren Entwicklung ist so alt wie die Zivilisation selbst. Eine der einflussreicheren modernen Versionen stammt von einem Anwalt des 19. Jahrhunderts, der im Hinterland von New York lebte, von Lewis Henry Morgan.

Als Berater für spekulierende Geschäftsleute, als republikanischer Politiker und Rassist fand Morgan dennoch die Zeit, eine Studie über seine Nachbarn im Hinterland von New York anzustellen, über eines der zerstreuten Überbleibsel der einst zahlreichen irokesischen Gemeinschaften. Morgans rassistische Vorgänger Washington und Jefferson haben darauf bestanden, dass die Irokesen Kinder seien, aber Morgan war der Ansicht, dass die Irokesen einen Zustand zwischen Kindheit und Adoleszenz erreicht hätten.

Morgan verallgemeinerte seinen Rassismus zu einer Leiter, von der jede Stufe vor rassistischer Politur nur so glänzt. Er betrieb keinerlei Anstrengung, seine Geringschätzung zu verbergen, im Gegenteil, er trug sie offen zur Schau; eine solche Geringschätzung war (und ist bis heute) ein Zeichen von Vornehmheit in Amerika. Er nannte die unterste Stufe, den Zustand der Kleinkindheit, Wildheit. Die nächste Stufe, den Zustand der Kindheit, Barbarei. Und natürlich nannte er die höchsten Stufen Zivilisation, die allerhöchste amerikanische Zivilisation. Auf dieser höchsten Stufe saß Morgan zusammen mit der Großen Weißen Rasse. Die amerikanischen Professoren fühlten sich so sehr geschmeichelt, dass sie Morgan zum Präsidenten der Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften wählten.

Später würden die Professoren ihre Wahl bereuen. Der Aufwiegler Karl Marx und der revolutionäre Geschäftsmann Friedrich Engels borgten sich Morgans rassistische Leiter aus. Marx beabsichtigte die Leiter auszubessern, aber er fand dazu nie Zeit. Es war Engels, der schließlich Morgans Leiter ausbesserte. Er flickte nicht gerade viel. Er borgte sie sich vollständig intakt, inklusive all der rassistischen Politur durch Morgans Nomenklatur: Wildheit, Barbarei, usw. Engels besserte lediglich die Spitze der Leiter aus. Er benannte Morgans oberste Stufe um und fügte der Leiter noch eine weitere, höhere Stufe hinzu.

Engels änderte den Namen von Morgans Großer Weißer Rasse in Kapitalistische Klasse und platzierte darüber die Anführer*innen und Anhänger*innen von Marx politischer Partei. Und in dieser Form wurde Morgans rassistische Leiter zur offiziellen Religion der UdSSR, Chinas, Osteuropas und anderer Länder, in denen die Namen der Stufen als ein Katechismus in die Köpfe der Schulkinder eingehämmert werden.

Natürlich wollten die amerikanischen Professoren mit dieser Leiter nichts mehr zu tun haben, nachdem diese den Aufwieglern in die Hände gelangt war. Sie vergaßen Morgan. (Das kann an Orten, an denen das Gedächtnis von der Gunst der Verleger*innen des geschriebenen Wortes abhängt, sehr leicht vollbracht werden.)

Aber der Rassismus verflüchtigte sich nicht aus Amerika und Morgans Leiter war eine zu gute Sache, um sie den Aufwiegler*innen zu überlassen. Der Archäologe V. G. Childe, wenngleich er selbst Marxist war, verlieh der Leiter eine Aura der Wohlanständigkeit, indem er ihre Stufen mit all den jüngsten eindeutigen Beweisen füllte. Und die Leiter kehrte nach Amerika zurück, weniger als eine offizielle Religion, sondern vielmehr als ein letzter Ausweg, als etwas, dessen man sich in Notfällen bedienen konnte. Verweise auf den »Naturzustand« lösen stets solche Notfälle aus.

Die Leiter, die Theorie der höheren Entwicklungen, erklärt natürlich, warum die Menschen den Naturzustand hinter sich ließen. Zu diesem Zweck wurde sie entwickelt. Der Titel von Engels Buch lautet Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates. Die Erklärung ist einfach, klar, tatsächlich mechanisch und sie kann in Grundschulen unterrichtet werden. Alles, was wir tun müssen, ist uns von lebendigen Wesen abwenden und uns auf Dinge konzentrieren. Die Leiter ist ein Ding. Ebenso wie ihre Stufen. Und die Verbindungen zwischen niedrigeren und höheren Stufen sind ebenso Dinge. Sie sind Apparate. Childe nannte sein Buch irreführenderweise Der Mensch schafft sich selbst [Man Makes Himself] und erweckte dadurch den Eindruck, dass er von einem lebendigen Wesen sprechen würde. Für Childe ist der Mensch selbst ein Ding, ein Gefäß für Objekte und Bauteile; Materie ist der Kern und der Mensch der Auswuchs.

Der Apparat, der verantwortlichfür den Übergang des Menschen von der Wildheit genannten Stufe zu der Barbarei genannten Stufe ist, ist ein Apparat, der Materielle Bedingungen genannt wird, oder vollinhaltlicher die Ebene der Entwicklung der Produktivkräfte. Derselbe Apparat ist verantwortlich für das Erklimmen aller höheren Stufen.

Marx und Engels und ebenso Morgan lebten zu einer Zeit, als die materiellen Bedingungen, buchstäblich der Boden selbst, den Füßen der ehemaligen Herrscher entglitt, den verhassten Baronen und Bischöfen: Kapitalistische Eigentümer von Minen und Fabriken kauften das Land der Aristokraten auf. Marx und Engels prognostizierten, dass der Boden auch den Füßen der Kapitalisten auf eine ähnliche Weise entgleiten würde und sie projizierten ihren Wunsch auf die erste Morgendämmerung.

Im Sinne dieser Projektion existierte der Mensch seit tausenden Generationen als Wilder. Dann, ungefähr vor dreihundert Generationen, wurden die materiellen Bedingungen günstig für etwas höheres als diese Wildheit. Diese Bedingungen umfassten Landwirtschaft, Metallurgie, das Rad, usw. Als er erst einmal all diese Dinge hatte, war der Mensch in der Lage einen Überschuss zu produzieren, einen Gewinn. (Turner erliegt diesem Teil der Theorie ebenfalls.) Dieser Überschuss, dieser Gewinn, ist das, was die schöne neue Welt fördert, buchstäblich füttert, die nun möglich geworden ist: Könige, Armeegeneräle, Sklavenbesitzer und Bosse von Arbeitskolonnen. Der Mensch habe immer Herrscher gewollt, Berufsheere, Sklaverei und Arbeitsteilung, aber er hätte diese Träume nicht realisieren können, bis die materiellen Bedingungen dafür reif waren. Und sobald sie reif dafür geworden seien, seien alle fortschrittlich eingestellten Wilden ohne Zögern zur nächsthöheren Stufe gesprungen.

(Tue mir einen Gefallen, Leser*in, und überprüfe die Theorie der höheren Entwicklungsstufen noch einmal. Dann sage mir, ob du meine Karrikatur noch immer übertrieben findest.)

Die Theorie der höheren Entwicklungsstufen kann kleinen Kindern erzählt werden, weil sie ein Märchen ist. Ich habe nichts gegen Märchen. Aber die Verfechter*innen dieses Märchens behaupten, dass es etwas anderes wäre; sie verachten Märchen.

***

Die sogenannten materiellen Bedingungen waren nichts anderes als Hilfsmittel fürs Schlemmen, Umherspazieren und Sichtreibenlassen. Sie waren wie Spazierstöcke für Greise. Ihre Vielfalt und Komplexität belegen den Einfallsreichtum von Menschen. Aber die Zentralität solcher Dinge ist für uns kein Beweis dafür, dass Menschen im Naturzustand um Früchte, Nüsse und Spazierstöcke kreisten. So wenig wir auch über ihre Sternstunden wissen, wissen wir doch, dass diese keine Industriemessen, Feiern neuer Erfindungen oder Maschinenausstellungen waren. Dinge mögen nützlich gewesen sein, aber sie waren Belanglosigkeiten im Vergleich mit den Augenblicken, in denen man in Kontakt mit dem Ursprung, der Quelle des Lebens, des Seins selbst kam.

Die Belanglosigkeiten sind uralt und mögen früher weitaus vielfältiger gewesen sein, als sie es heute sind. Als die Früchte noch auf hochliegenden Ästen reiften, wurden alle möglichen Arten von hakenförmigen Stöcken, Stricken und Leitern entwickelt, um die Früchte zu erreichen, bevor es die Affen taten.

Die Menschen verstanden sich selbst als Cousinen der Tiere. Viele ihrer Gerätschaften ermöglichten es ihnen, die Handlungsweisen der Tiere zu kopieren. An den Ufern der Flüsse und Seen entwickelten die Menschen alle möglichen Arten von Flößen und Kanus, um wie Enten und Schwäne zu schwimmen. Sie lagerten Nüsse, um sie nach dem Vorbild der Eichhörnchen im Winter zu verzehren. Sie verstreuten Samen nach dem Vorbild der Vögel. Sie webten Netze nach dem Vorbild der Spinnen. Sie pirschten sich an Wild heran nach dem Vorbild der Wölfe. Wölfe haben starke Zähne und Kiefer. Die Menschen schärften Stöcke und Steine. (Unsere Archäologen stellen sie dar, als hätten sie wie Zeks den ganzen Tag damit zugebracht, sie abzuplätten. Diese Menschen waren nicht von etwas gezwungen, was Tonybee »gesichtslose Institutionen« nennt. Sie hatten keinen Grund dazu, mit dem Abblätten weiter zu machen, wenn es ihnen keinen Spaß mehr machte.)

Moderne Gräber haben selbst die Überbleibsel altertümlicher Städte an Orten in Anatolien und im vorderen Orient ausgegraben, Orte, die später Shanidar, Jericho, Catal Höyük, Hacilar genannt wurden.In Shanidar teilte die gesamte Gemeinschaft eine Höhle als Winterunterschlupf; die Höhlenbewohner*innen nutzten Metalle. In Jericho mauerten sich die Menschen selbst ein, indem sie eine Mauer errichteten, vermutlich um sich vor feindlichen Eindringlingen zu schützen. Diese Menschen scheinen kaum bis gar keine Anpflanzung betrieben zu haben. Im Norden von ihnen lebten Menschen, die Samen anpflanzten und Tiere hielten, aber keine Städte oder Mauern errichteten. Und auf der anderen Seite der Welt waren die Vorfahren oder Vorgänger*innen der Ojibwa, die am Lake Superior Metallurgie betrieben und wunderschönen Kupferschmuck und -werkzeuge herstellten.

Keines dieser Völker entwickelte »gesichtslose Institutionen«. Sie blieben eine Sippschaft. Sie fuhren fort alles, was sie besaßen und was sie erlebten, zu teilen. Die Kupfer-Nutzer*innen vom Lake Superior pflanzten keine Samen an oder hielten Tiere. Vielleicht hätten sie es gekonnt, aber sie hatten keinen weltlichen Grund dazu. Sie hielten Hunde. Hunde haben sich offensichtlich selbst domestiziert, entweder aus einer unbegreiflichen Liebe zu Menschen oder aus einem parasitären Antrieb. Aber welche Befriedigung würde es einem verschaffen, Züchtungen parasitärer, hundeartiger Rothirsche oder Elche zu entwickeln?

Die materiellen Objekte, die Spazierstöcke und Kanus, die Grabstöcke und Mauern, waren Dinge, die ein einzelnes Individuum schaffen konnte, oder sie waren Dinge, wie eine Mauer, die die Zusammenarbeit vieler zu einem einzigen Anlass erforderten. Ich würde vermuten, dass die Erbauer*innen der ersten Mauer von Jericho in dem Moment, als sie damit fertig waren, aufhörten Mauerbauer*innen zu sein; sie kehrten zu wichtigeren Aktivitäten zurück. Ich würde sogar vermuten, dass sie die Mauer errichteten, um den wichtigeren Aktivitäten ungestört nachzugehen.

Was die überschüssigen Erzeugnisse, die berümten Gewinne angeht, die diese Werkzeuge angeblich möglich gemacht hätten: Sahlins und andere haben gezeigt, dass sowohl Gemeinschaften mit vielen Werkzeugen als auch Gemeinschaften mit wenigen, welche, die in üppigen Umgebungen und welche, die in rauen Umgebungen lebten, alle von Überschüssen umgeben waren. Nachdem all die Menschen ihre Ration gegessen hatten, nachdem all die Insekten und Vögel und Tiere ihre Ration gegessen hatten, gab es noch immer eine ganze Fülle, die auf die Erde fiel und Triebe des nächsten Frühjahrs düngte. Viele Tiere und viele Menschen lagerten das, wovon sie erwarteten, es während eines durchschnittlichen Winters zu benötigen, aber keine*r hortete mehr als das; freie Menschen brauchten das nicht zu tun.

***

Die meisten der Werkzeuge sind uralt und die Überschüsse sind seit der ersten Morgendämmerung reif, aber sie erschufen keine gesichtslosen Institutionen. Die Menschen, lebendige Wesen, erschufen beides. Und es ist nicht der Mensch oder die Menschheit, die dafür verantwortlich ist, sondern eine isolierte Gemeinschaft, eine kleine Minderheit in Tonybees Worten.

Zudem erschafft diese kleine Minderheit derartige Institutionen nicht in den günstigsten materiellen Bedingungen, beispielsweise in den üppigen Wäldern der Great Lakes oder den ergiebigen Wäldern Afrikas oder Eurasiens. Sie machen das unter den ungünstigsten materiellen Bedingungen, in einer erbitterten, rauen Umgebung.

Gräber haben tatsächlich Tafeln ausgegraben und entziffert, die Licht auf die ersten Augenblicke gesichtsloser Institutionen werfen.

Die Tafeln sind auf Sumerisch geschrieben, einer Sprache, die in Zentralasien entstanden sein könnte. Die Autor*innen sind die ersten schriftkundigen Menschen. Die Dörfer, in denen sie leben, werden Erech, Ur, Eridu und Lagasch genannt. Die Dörfer befinden sich im Tal zwischen den Flüssen Tigris und Euphrat. Der Ort wird später Fruchtbarer Halbmond genannt werden, um zu erklären, warum Esel Schwänze haben.

Die ersten Tafeln beschreiben den Ort nicht so günstig. Sie beschreiben ihn als einen höllischen Ort und lassen eine*n sich wundern, warum diese Menschen dort bleiben. Sie sind erpicht darauf, Landwirtschaft in einem Urwald zu betreiben. Die Flüsse treten jährlich über ihre Ufer, düngen das Tal und verwandeln es in ein Moor.

Frauen pflanzen Samen. In einem Jahr ist die Flut so gewaltig, dass sie die Erde sowie die Häuser mit sich fortträgt. Im nächsten Jahr gibt es nicht genug Wasser und die Pflanzen vertrocknen und sterben in der sengenden Hitze der Sonne.

Sicherlich müssen die Dorfbewohner*innen daran gedacht haben, in die günstigeren materiellen Bedingungen Zentralasiens zurückzukehren, wo sie nicht so viel Zeit und Energie auf das bloße Überleben aufwenden mussten, wo sie Zeit für erfreulichere Aktivitäten hatten.

Aber sie sind hartnäckig. Die Großmütter rufen die alten Männer zu einem Rat zusammen. Diese Männer hatten geträumt. Die Frauen ermahnten die Männer von einer verlässlichen Wasserversorgung zu träumen, weder zu wenig, noch zu viel.

Die Männer sind offensichtlich beleidigt wegen solcher Banalitäten von ihren mentalen Transporten weggerufen zu werden. Sie müssen vermutlich zu einem zweiten Rat und dann einem Dritten einberufen werden, letzterer während einer Hungersnot.

Die alten Männer reagieren träge. Sie könnten gesehen haben, wie Biber sich eine verlässliche Wasserversorgung gewährleisten. Sie träumen. Sie sehen, dass das, was benötigt wird, ein Damm, Kanäle und Entwässerungsgräben wären. Aber wer würde diese errichten? Sicherlich nicht die alten Männer. Sie sind keine Biber. Sie rufen die jungen Männer zusammen und erklären den Traum.

Die jungen Männer haben bisher nichts getan, daher sind sie begierig sich als bereitwillige und edelmütige Geber zu zeigen.

Aber keine*r weiß, wie man fortfahren solle. Die alten Männer mögen oder mögen nicht die Pläne erträumt haben, aber sie werden sicherlich nicht die tatsächliche Umsetzung beaufsichtigt haben. Sie wählten einen starken jungen Mann, einen Lugal; sie sagen ihm, er solle die Biber beobachten. Die alten Männer kehren dann zu ihren wichtigeren philosophischen Unterfangen zurück.

Der Lugal, was auf Sumerisch starker Mann bedeutet, mag von den Bibern lernen oder auch nicht und er mag die Pläne machen oder auch nicht. Auf jeden Fall beaufsichtigt er das Projekt. War er nicht von den Ältesten dazu auserwählt worden?

Als die Gräben und Kanäle gegraben sind, kehrt der Lugal unter seinesgleichen zurück, stolz, aber noch nicht hochmütig. Nichts hat sich bisher verändert. Solche kooperativen Unterfangen waren selten, aber nicht ungewöhnlich in Gemeinschaften der Sippschaft.

Aber das hier ist Erech, ein Ort, von dem die Götter offensichtlich nicht wollen, dass dort Menschen leben. Eine einzige Flut spült die ganze Arbeit ins Meer. Die Frauen rufen die alten Männer zu einem weiteren Rat zusammen. Diese Mal wählen die Ältesten einen noch stärkeren jungen Mann aus und drängen ihn, die Biber gewissenhafter zu studieren oder tiefgreifender zu träumen. Und dieses Mal halten die Ufer und Deiche, zumindest anfänglich.

Aber Erech bleibt ein materiell miserabler Ort und binnen Kurzem beginnen die Ufer zu bröckeln. Der erfahrene Lugal wird beauftragt, die Ufer und Dämme zu reparieren. Der Lugal und seine Cousins beschweren sich, dass sie schon vor einem Mond hätten gerufen werden sollen, als die Ufer noch repariert hätten werdenkönnen; Nun müssen sie das gesamte Werk wieder errichten. Das passiert zweimal, höchstens dreimal, bevor der Lugal darauf besteht, einen Sitz im Rat der Ältesten zu bekommen, um ein Mitspracherecht darauf zu haben, wann die Deiche repariert werden.

Frühlinge vergehen und Winter vergehen, voller Festessen, Festivals, Tänze und Spiele.

Die Ältesten von Ur und selbst die von Lagasch bestimmten Lugals, um die Bewässerungswerke von Erech zu studieren.

Ein Ältester von Erech und dann ein weiterer sterben in hohem Alter; sie werden im Rat durch Neuankömmlinge ersetzt.

Nun ist der Lugal ein erfahrenerer Ältester als die Neuankömmlinge und er äußert sich über andere Dinge als Deiche. Er wird hochmütig und seine Cousins stehen hinter ihm. Er und sie sind schließlich diejenigen, die Erech eine verlässliche Wasserversorgung verschaffen. Der Lugal wagt es sogar einer alten Großmutter zu sagen, wo sie ihre Samen nicht pflanzen solle.

Eines Tages wird der Lugal tot aufgefunden, ermordet von einer Gottheit, einer Gottheit, von der bekannt ist, dass sie in engem Kontakt mit der beleidigten Großmutter steht. Ein neuer Lugal wird auserwählt, ein weniger hochmütiger und die Ältesten achten sorgsam darauf, ihn aus ihrem Rat herauszuhalten.

Es gibt keinen eindeutigen Beweis für irgendetwas davon. Tatsache ist, dass die sumerischen Tafeln geheimnisvoll stumm hinsichtlich der Taten der Frauen und Ältesten zur Zeit der ersten Lugale bleiben. Und sowie die Zeit voranschreitet, helfen die Tafel-Schreiberlinge den Menschen dabei zu vergessen, dass die sumerischen Frauen wichtig waren, dass die Ältesten einst in einem Rat saßen, dass es ein Zeitalter vor dem ersten Lugal gab.

***

Aber zurück zu meiner Geschichte.

Die Menschen aus Ur und Lagasch haben ihre Bewässerungsarbeiten vollendet. Diese wurden jedes Jahr umfangreicher.

In einem Jahr überfluteten die Entwässerungsgräben von Lagasch die Kanäle von Ur und fluteten und ruinierten die Arbeit Urs.

Das machte den Lugal von Ur, der Urlugal genannt wurde, so wütend, dass er seine speerbewaffneten Cousins gegen die von Lagasch anführte. Die erzürnte Jugend von Ur zerstörte die Bewässerungswerke ihrer Nachbarn und verfolgte fliehende Menschen aus Lagasch bis in die Wüste. In ihrer Wut ermordeten sie mehrere Fremde, Wüstennomaden, deren Pfade sie kreuzten.

Als schließlich die belagerten Lagaschianer*innen um ein Ende der Gewalt bettelten, legten die Sieger mit Urlugal an ihrer Spitze den Besiegten eine höllisch schwere Bürde auf. Die Menschen von Ur forderten Entschädigung von den Lagaschiern, die ihre eigenen Bewässerungsanlagen und die von Ur wiederaufbauen mussten. Lagaschier, die unwillig oder unfähig wären, eine solche Bürde zu tragen, sollten den Menschen von Ur große Geschenke zu bestimmten Zeiten bringen.

Urlugal ist entschlossen, den Überblick über all die Geschenke, die ihm zum Tribut geschuldet wurden, zu behalten, da er ebenso hartnäckig ist wie diejenigen seiner Vorfahren, die den Fruchtbaren Halbmond nicht aufgaben. Um den Überblick über die Geschenke und die Schenkenden zu behalten, schickt er einen oder zwei seiner Cousins nach Erech, um die Zeichen zu studieren, die einige der Männer des Erechlugals auf Lehmtafeln gemacht hatten, um den Überblick über die besten Zeiten, um die Dämme zu reparieren, zu behalten. Die Männer des Urlugals fertigten bald selbst Lehmtafeln an und auf diese Tafeln meißelten sie keilförmige Zeichen, um die Namen derer in Lagasch zu kennzeichnen, die noch immer Tributgeschenke schulden, sowie die Mengen.

All diese Ereignisse geschehen nicht in der Lebenszeit eines einzigen Urlugals. Urlugal ist nur einer der Namen der Lugale Urs. Die Sumerer hatten hunderte, vielleicht tausende Lugale und die Schriftgelehrten erfanden noch mehr Namen von Lugalen, um die Zeit zwischen sich und der ersten Morgendämmerung zu füllen. Für die Sumerer ist die Zeit zwischen ihnen und den Anfängen nicht so gering, wie sie später für die Christen sein wird. Die zähen Sumerer schätzen in Millionen.

Ich bin bei Urlugal hängen geblieben, wegen seines sprechenden Namens und so will ich bei ihm bleiben. Er sammelt noch immer Tribute von Lagasch ein. Seine Neffen amüsieren sich bestens dabei, die Kanalarbeiten ihrer Nachbarn zu beaufsichtigen, anstatt sie selbst zu erledigen.

Nun treffen beunruhigende Nachrichten ein. Einige von Urlugals Cousins gingen jagen, möglicherweise in den Wäldern des Libanon. Einer von ihnen kehrt zurück, mit kaum genug Leben in ihm, um seine Geschichte zu erzählen. Die Jäger wurden von speerbewaffneten Nomad*innen angegriffen; alle außer dem Erzähler wurden getötet. Die Angreifer waren möglicherweise versippt mit den Fremden, die von den Männern des Urlugals während des Raubzugs gegen Lagasch getötet worden waren.

Urlugal bereitet sich sofort darauf vor, seine stärksten Cousins gegen die mörderischen Fremden anzuführen. Die Ältesten versuchen die Hitzköpfe zu beruhigen, indem sie darauf hinweisen, dass die Fremden die Opfer von Urlugals ursprünglichem Überfall rächten und ein weiterer Überfall nur zu mehr Vergeltungsmaßnahmen führen würde. Aber die Hitzköpfe lassen sich nicht stoppen.

Urlugal und seine Cousins, noch immer von ihrem Sieg über Lagasch beschwingt, ziehen in den Wald Libanons aus. Tatsächlich finden sie ein Lager der Fremden. Sie machen es dem Erdboden gleich und ermorden die meisten der Nomaden. Auf ihrem Weg zurück mit den gefangengenommenen Tierherden werden die Männer von Ur von einer anderen Bande Fremder angegriffen. Der Wald scheint vor Fremden nur so zu wimmeln.

Urlugal und viele seiner Cousins werden getötet. Die Überlebenden lassen ihre Beute zurück und fliehen in Unordnung zurück nach Ur.

Ganz Ur schäumt vor Wut. Jemand erinnert die wütende Meute an die Vorhersage der Ältesten und wird sofort getötet. Die Überlebenden und ihre Cousins schreien nach der Ernennung des stärksten und entschlossensten unter ihnen zum Lugal. Die Sieger über Lagasch würden nicht von irgendwelchen Fremden geschlagen werden, sie würden nicht die Fliegen für Spinnen sein, die nicht in Städten leben und keine Samen anpflanzen. Der Rat der Ältesten ernennt bedrängt vom Zorn der ganzen Stadt zögerlich den neuen Lugal.

Die wütenden Krieger ziehen gegen die Fremden aus. Sie senden Späher voraus, um nicht in einen weiteren Hinterhalt zu geraten. Sie transportieren ihre Verpflegung, sowie Lugal selbst in Gespannen auf Rädern; der Lugal kann so seine Stärke für den eigentlichen Kampf aufsparen und die Männer von Ur können sich schneller bewegen als alle Fremden. Sie entdecken verschiedene Lager von Nomaden und machen alle dem Erdboden gleich.

Sie kehren nach Ur zurück – dieses Mal nicht nur mit den gefangenen Herden, sondern auch mit den gefangenen Fremden. Die zurückgekehrten Krieger werden von ihrer besorgten Sippe in die Arme geschlossen. Zwei Wochen lang gibt es Feste, Tänze und Feiern in ganz Ur. Die Ältesten, Männer und Frauen bringen den Geistern und Mächten, die diesen Sieg möglich machten, großzügige Opfer dar. Ganz besondere Opfer werden der Gottheit des Lugals dargeboten.

Als die Feiern enden, kehren die beschwingten Krieger, die Helden, nicht zu ihren Kanalreparaturen zurück. Das Pensum der Lagaschianer neigt sich dem Ende zu. Tatsächlich beschweren sich die Lagaschianer, dass sie bereits mehr für Ur getan haben, als sie jemals eingewilligt hätten. Wer wird die Reparaturen nun machen? Die Cousins der Lugals haben die besiegten Lagaschianer lange beaufsichtigt und sie sind von der Aussicht nicht begeistert, den Platz der Besiegten einzunehmen.

Die gefangengenommenen Fremden werden an die Arbeit an den Kanälen geschickt. Jede*r der Cousins des Lugals ist nun selbst ein Lugal, ein Vorgesetzter. Das sumerische Wort dafür lautet Ensi. Das ist ein Unter-Lugal, ein Assistent des Lugals, ein Chef, aber nicht der Chef.

Die Nomaden fahren fort, die Jäger und Reisenden aus Ur zu bedrängen. Aber die Nachrichten ihrer Überfälle sind nicht mehr so erschreckend. Der Lugal führt häufige Expeditionen gegen die unverständlich semitisch sprechenden Fremden an.

Die Ältesten erheben keine Einwände mehr gegen diese Expeditionen und beschränken sich umsichtigerweise auf visionäre und philosophische Aktivitäten. Gelegentlich konsultiert der Lugal einen alten Mann oder eine alte Frau hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit eines Sieges, aber ansonsten nimmt er eine respektvolle Distanz zu ihnen ein.

Der Lugal blickt diesen Expeditionen nun freudig entgegen, da jeder neue Überfall neue Fremde nach Ur bringt. Mittlerweile gibt es genug Fremde in Ur, um die Kanäle jede Saison zu reparieren. Bald werden die Gefangenen früherer Expeditionen für Expeditionen gegen neue Angreifer rekrutiert.

Bald reparieren Fremde nicht nur Deiche. Sie reparieren auch die Häuser alter Männer und Frauen. Sie erledigen die Hausarbeiten des Lugals und bald auch die der Ensis.

Die sumerischen Frauen lassen noch immer die Pflanzen auf dem Feld entstehen, aber nun tun sie das, indem sie engen und beständigen Kontakt mit der Erde und den Geistern, die für die Nährung der Pflanzen verantwortlich sind, halten. Die tatsächliche Verstreuung der Samen wird von den gefangengenommenen Fremden erledigt.

Und wer sind die Fremden? Sicherlich können wir sie als die ersten Zeks identifizieren! Sie sind Arbeiter, Proletarier, Vollzeitarbeiter. Die sumerische Sprache stammt aus einem anderen Zeitalter. Ebenso wie sie kein Wort für König, Herrscher, Kaiser oder Präsident besitzt, besitzt sie auch kein Wort für Zek, Arbeiter, Sklave. Die Sumerer fahren fort den Lugal Lugal zu nennen und sie fahren fort, die Fremden Fremde zu nennen. Aber in einem unfassbar kurzen Zeitraum gibt Ur die exotische Welt der Seher*innen und Visionen auf.

***

Ich habe im Präsens gesprochen. Ur ist Jetzt. Es ist kein bisschen exotisch. Es ist unsere Welt.

Was ist passiert?

Ich habe die marxistische Erklärung bereits verworfen. Günstige materielle Bedingungen erschufen nicht den ersten Lugal von Erech. Materielle Bedingungen blieben dieselben, wie die, die sie seit Generationen gewesen sind und die Menschen von Erech hatten keinen Zugang zu den besten von ihnen. Die materiellen Bedingungen begannen sich erst nach dem ersten Lugal zu verändern und seitdem haben sie sich rapide verändert.

Pierre Clastres würde sagen, dass es eine Revolution gegeben hat – keine materielle, sondern eine politische Revolution. Das wird dem Ganzen ziemlich gerecht, aber es stellt sich erst rückblickend als wahr heraus. Die Sumerer erleben offensichtlich einen großen Wandel; wir können das eine Revolution nennen, aber sie erleben es nicht als eine solche.

Vom Standpunkt der Sumerer her ändert sich nichts. Auf eine gewisse Art und Weise verlassen sie den Naturzustand niemals. Vielleicht ist es das, was den Exotizismus ausmacht, der dem, was wir »frühe Zivilisationen« nennen werden, anhaften wird. Die Sumerer sind nicht zu Zeks geworden. Sie sind noch immer Besessene. Die sumerischen Frauen gebären noch immer nicht als Maschinen für die Produktion von Soldaten und Arbeitern, sondern als lebendige Wesen in engem Kontakt mit den Quellen des Seins. Die sumerischen Männer, besonders die älteren, suchen noch immer den Kontakt mit den Geistern des Windes, der Wolken, selbst mit denen des Himmels selbst. Tatsächlich widmen sie sich ihrer Suche vollständiger, als sie es jemals zuvor gekonnt hätten. Nun widmen sie all ihre Energie den Tänzen, Festivals und Zeremonien. Sie müssen sich nicht länger mit den Banalitäten des materiellen Überlebens herumschlagen. Die Banalitäten werden allesamt für sie erledigt.

Ferner bieten der Lugal und seine Männer den Geistern weitaus großzügigere Geschenke dar, als jemals zuvor hätte gegeben werden können. Die Männer des Lugals haben sogar dauerhafte Schreine für alle Geister und Mächte errichtet, unglaublich schöne Schreine und um die Schreine herum haben sie Gärten angelegt und diese mit all den Kreaturen der Wüste und des Waldes gefüllt.

Niemals zuvor haben die Menschen den Wesen, die für das Leben verantwortlich sind, eine solche Huldigung, einen solchen Respekt gezollt. Es stimmt, dass der Lugal seiner eigenen Gottheit den größten Schrein errichtet. Das ist offensichtlich anmaßend von Seiten des hochmütigen Lugals, da er nicht wissen kann, dass die Geister die hierarchische Konstellation, in die er sie bringt, akzeptieren. Das ist eine Art von Revolution. Aber die Sumerer werden sich nicht jetzt wegen seiner Hochmütigkeit gegen den Lugal wenden. Sie haben sich daran gewöhnt und anstatt sie zu verärgern, lässt sie sie nun mit einem gewissen Stolz lächeln. Dank ihm können sie sich so vollständig dem Wohlergehen ihrer Stadt widmen.

Ich muss gegenüber meiner*m Kritiker*in zugeben, dass die Sumerer sich nicht von einem einzigen der neuen Werkzeuge trennen würden. Sie sehnen sich nicht danach, zum zeitlosen goldenen Zeitalter zurückzukehren. Sie befinden sich im Goldenen Zeitalter, mehr als jemals zuvor.

Aber die goldenen Sumerer sind nicht länger alle aus Sumerien. Tatsächlich existieren die goldenen Sumerer gemäß einiger späterer wissenschaftlicher Erzählungen überhaupt nicht. Sie werden durch ein simples Wort abgesetzt. Das Wort lautet Tempel. Die Anhänger*innen von Inanna, der liebevollen Tochter des Mondes; die Kommunikant*innen von Anu, dem Geist des Himmels, sind nicht die Anwender*innen der neuen Werkzeuge. Sie sind nicht die Verwalter*innen der Entwässerungsarbeiten, die Erbauer*innen der großen Paläste, die Helden der militärischen Gefechte. Sie sind das, was wir Priester und Priesterinnen, Orakel und Wahrsager*innen nennen. Alles, was in Sumerien vom Naturzustand übrig geblieben ist, ist zu dem geschrumpft, was wir Religion nennen.

Vielleicht empfinden einige der Frauen, die keine Samen mehr aussäen oder einige der Männer, die nicht mehr jagen oder das Vieh hüten, eine gewisse Nostalgie nach den alten Tagen. Aber es gibt keinen Hinweis auf eine »zurück zur Erde«-Bewegung unter den sumerischen Geistlichen. Die Schriftgelehrten, die die Tafeln meißeln, sind Angestellte des Lugals; Sie sind nicht angestellt, um die Nostalgie der Geistlichen aufzuzeichnen. Die einzigen Hinweise, die wir besitzen, sind die Gärten, die die Männer des Lugals anlegen und für die Bewohner*innen des Tempels füllen.

Diese Tempelgärten sind rätselhaft üppig für kleine Städte, die von nichtstädtischen Aussichten umgeben sind und die in Fußweite zu Wäldern und Bergen liegen – und die Sumerer sind so gute Wanderer. Kann es sein, dass, wie Turner vorschlägt, die Welt außerhalb der Städte bereits zur Wildnis wird?

Wir sollten das sorgfältig betrachten. Die Welt außerhalb von Ur ist nicht die Wildnis, wie sie unsere Welt kennzeichnen würde. Ihre Wildnis ist sicherlich nicht der Wald oder die Wüste, die Pflanzen oder die Tiere, da die naturliebenden Tempelbewohner*innen all das in die Stadt gebracht haben.

Könnte es sein, dass ihre Wildnis die Wildnis ist, die vom Lugal und seinen Männern erschaffen wird: die Schlachtfelder, die alle sumerischen Städte umgeben, die Szenen der Überfälle und Gegen-Überfälle, die Szenen der Folter, der Massaker und Gefangennahme? Eine Priesterin, die an einem Waldteich mit dem Mond kommunizieren will, musste dorthin mit einer bewaffneten Eskorte aufbrechen. Es war praktischer geworden, einen geschrumpften Teich und Wald in die Einfriedung von Ur zu bringen.

Während die ehemalige freie Gemeinschaft zu einem Tempel geschrumpft war, so ist ein Auswuchs dieser Gemeinschaft zu extremer Größe angewachsen, da der Tempel nun von einer geschäftigen Stadt umgeben ist, die in jeder Hinsicht außer in ihrer Religion beinahe modern ist – vielleicht nicht absolut modern, aber zumindest gut verständlich für uns.

Es gibt Reiche und es gibt Arme, da die Familien von Ensis keine Sippschaft mit den Fremden eingehen und auch sonst nichts mit ihnen teilen. Es gibt einen Markt, da die gut Situierten ihr Essen nicht länger selbst sammeln, anbauen oder jagen. Es gibt Arbeitsprojekt-Manager und ihre Arbeitskolonnen. Es gibt Generäle und ihre Soldaten. Es gibt Archivare und selbst eine Schule für Schriftgelehrte. Und alles läuft wie ein Räderwerk.

Schauen wir genauer hin. Wenn die Menschen im Tempel golden sind, dann sind diejenigen draußen weniger edlen Metalls.

Die semitisch-sprachigen Mitglieder der Arbeitskolonnen, verheiratet und mit einem oder mehreren Kindern, noch nicht besonders sumeranisiert, erinnern sich besserer Tage. Es mag nicht vollkommen verrückt sein zu behaupten, dass diese ersten Zeks ihre Ensis kaum mehr lieben, als spätere Zeks die ihren lieben werden. Einige der Siege, die auf den Tafeln gefeiert werden, sind Siege gegen die Fremden, die sich bereits in Sumerien befinden; oder anders ausgedrückt: Es sind Siege über rebellierende Zeks.

Die Fremden werden misshandelt, überstrapaziert und verachtet. Sie sind weder frei noch unversehrt. Sie sind die Enteigneten. Einige ihrer Kinder mögen einer besseren Zukunft entgegenblicken, besonders diejenigen, die in den Krieg ziehen und andere Fremde tapfer genug abschlachten. Die Sumerer sind bislang nicht zu einer höheren Ebene des erblichen Elends fortgeschritten. Aber selbst so ist die Vielzahl sumerischer Zeks in keinem Sinne golden.

Rousseau und vor ihm de La Boétie werden sich über Situationen wie diese wundern. In jeder Arbeiterkolonne gibt es viele Zeks und nur einen Ensi. Was hält die Zeks davon ab, sich gegen den Ensi zusammenzutun? Warum reproduzieren die Menschen ein miserables alltägliches Leben?

Lasst uns die Ensis betrachten. Sie sind materiell wohlhabend. Aber sie werden von Ängsten heimgesucht und wenigstens ein Ensi ist paranoid. Er hat Angst von den Zeks in seiner Kolonne ermordet zu werden. Er hat bereits mehrere Verschwörer*innen hingerichtet. Er hat Angst, dass die Nachricht seiner Inkompetenz den Lugal erreichen könnte. Und – die Götter bewahren! – er hat den Verdacht, dass jemand im Tempel einen Groll gegen ihn hegt.

Aber da gibt es noch etwas über den Ensi. Seine Zeks sind nicht frei oder unversehrt. Aber ebensowenig ist er es. Außer wenn sie sich gegen einen Ensi erheben oder verbünden, sind die Zeks nicht von ihrer eigenen Natur oder ihrem eigenen Wesen, ihren eigenen Entscheidungen oder Wünschen bestimmt. Die Aufgaben, mit denen sie ihre Tage verbringen, sind nicht ihre eigenen. Aber diese Aufgaben sind auch nicht die des Ensis.

Der Ensi weiß von einer Arbeiterkolonne, deren Aufseher von Zek-Verschwörern ermordet wurde. Der ermordete Mann wurde durch einen Mann mit einem anderen Aussehen und gänzlich anderen Interessen ersetzt. Doch als er einmal Aufseher war, tat der neue Mann die genau gleichen Dinge wie der ermordete Aufseher und auf beinahe dieselbe Art und Weise.

Seltsame Gedanken schießen dem Ensi durch den Kopf. Könnte es sein, fragt er sich, dass der einzige Mann in Ur, der frei ist, der Lugal ist? Nun fragt er sich, ob selbst das wahr ist. Er hat von einer Stadt gehört, deren Lugal zusammen mit den meisten seiner Ensis in einem Aufstand der Zeks getötet wurde. Als der Ensi die Geschichte zum ersten Mal hörte, war er nicht überrascht, dass es einen Aufruhr gab, dass viele der Aktivitäten, die dem Willen des Lugals entsprangen, zum Stillstand kamen. Aber nun erinnert er sich, dass nur sehr wenige Aktivitäten vollständig zum Erliegen kamen, selbst während der Zwischenregierung zwischen den beiden Lugals. Er erinnert sich sogar, dass kein Rat der Ältesten den toten Lugal ersetzte; die Ältesten blieben im Tempel und verschlossen seine Tore. Viele der Aktivitäten der Stadt, wichtige noch dazu, gingen weiter wie bisher, wie das Räderwerk der Nachkommen des Ensis.

Noch seltsamere Gedanken spuken dem Ensi durch den Kopf. Für ihn scheint es, dass die Stadt einen eigenen Willen besitzt. Aber er weiß, dass dem nicht so ist. Der einzige in der Stadt mit einem Willen ist der Lugal. Die Ensis führen nur den Willen des Lugals aus. Und wenn die Zeks überhaupt einen Willen besitzen, dann den Willen auszubrechen. Der Ensi schlussfolgert, dass es zwecklos ist, darüber nachzugrübeln. Denken ist die Aufgabe der Priester*innen und Orakel.

Einer der entfernten Nachfahren des Ensis in einem viel späteren Ur, ein Schriftgelehrter namens Thomas Hobbes, wird wissen, dass der Ensi versucht die Zivilisation mit Vorstellungen zu verstehen, die aus dem Naturzustand stammen. Dieser Hobbes wird wissen, dass Ur sich nicht länger im Naturzustand befindet, es nicht länger eine Gemeinschaft selbstbestimmter Menschen ist.

***

Hobbes wird wissen, dass Ur nicht bloß eine Stadt ist. Ur ist ein Staat, vielleicht sogar der erste Staat. Und ein Staat, wird Hobbes sagen, ist ein »künstliches Tier«. Er ist etwas Brandneues, etwas, von dem weder der Mensch noch die Natur geträumt haben. Er ist »dieser große Leviathan, der Gemeinwohl oder Staat genannt wird, auf Latein Civitas, der schließlich ein künstlicher Mensch ist.«

Wie der denkende Ensi wird Hobbes wissen, dass dieser künstliche Mann kein eigenes Leben besitzt und er wird fragen, »Können wir nicht sagen, dass alle Automaten (Maschinen, die sich selbst durch Federn und Räder bewegen, wie das eine Uhr tut) ein künstliches Leben besitzen?«

Der Ensi kann sich noch keine Uhr vorstellen. Der fortgeschrittenere Hobbes wird nicht länger in der Lage dazu sein, sich die Natur oder Menschen vorzustellen. Er wird fragen, »Was ist das Herz anderes als eine Feder; und die Nerven anderes als so viele Seile, und die Gelenke anderes als so viele Räder …?« In einer Welt der Uhren wird der Leviathan Hobbes nicht so seltsam erscheinen, wie er dem Ensi erscheint.

Hobbes wird den Leviathan als einen künstlichen englischen Gentleman beschreiben: maskulin, blond, mit einer Krone auf seinem Kopf, einem Zepter in der einen Hand und einem Schwert in der anderen, während sein Körper aus Myriaden gesichtsloser Menschen zusammengesetzt ist, den Zeks.

Hobbes wird darauf bestehen, dass der Leviathan den Kopf eines Mannes hat. Er mag mit dem noch späteren Dichter Yeats darin übereinstimmen, dass das Ungeheuer »den Körper eines Löwen und den Kopf eines Mannes« hat. Aber er wird auf den Kopf des Mannes bestehen. Er wird wissen, dass die Zeks kopflos sind, dass sie die Federn und Seile sind, die den Körper betätigen. Er wird denken, dass das Monster einen freien und unversehrten Mann enthält, den Lugal. Hobbes wird in der Lage dazu sein, den Lugal einen König, Monarch, Herrscher oder bei einem anderen Namen zu nennen, weil seine Sprache durch die dazwischenkommende Ausbreitung von Leviathanen bereichert worden sein wird.

Der philosophische Ensi weiß bereits besser als Hobbes, dass das Ungeheuer weder den Körper noch den Kopf eines Mannes hat, weder englisch noch sumerisch. Der Ensi weiß, dass selbst der Lugal, der freieste Mann in Ur nicht morgens jagen, nachmittags fischen und abends tanzen gehen kann, wie ihn sein eigener Geist bewegt. Er kannte einen Lugal, der nur zweimal zum Jagen gegangen war und beim zweiten Mal, als der Lugal im Wald war, durch seinen Lieblings-Ensi als Lugal ersetzt wurde, und der ehemalige Lugal musste in einer benachbarten Stadt um Asyl bitten. Der Ensi weiß, dass ein Lugal, der sich selbst von seinem eigenen Geist bestimmen ließe, schnell von Ensis oder sogar Zeks gestürzt werden würde und dass selbst der Tempel in Aufruhr wäre.

Der Ensi, weniger fortgeschritten als Hobbes, ist jedoch vertrauter mit lebendigen Wesen als mit Federn und Uhren. Er kann sich den Leviathan weder mit einem menschlichen Kopf noch mit dem Körper eines Löwen vorstellen. Er mag Hobbes erste Beschreibung nutzen und sich das Ungeheuer als ein künstliches Ungeheuer vorstellen, aber nicht als ein Tier, das so anmutig und gelenkig ist wie ein Löwe.

Er mag es sich als einen Wurm vorstellen, einen gigantischen Wurm, keinen lebendigen Wurm, sondern einen Kadaver eines Wurmes, einen monströsen Kadaver, dessen Körper aus zahlreichen Segmenten besteht, dessen Haut mit Speeren und Rädern und anderen technologischen Gerätschaften übersät ist. Er weiß aus seiner eigenen Erfahrung, dass der gesamte Kadaver durch die Bewegungen der in ihm gefangenen Menschen zum Leben erweckt wird, den Zeks, die die Federn und Räder bedienen, ebenso wie er weiß, dass der kadaverhafte Kopf bloß von einem Zek bedient wird, dem Kopf Zek.

Unter den Spekulationen, die dieser Hobbes seinem Ur als Opfer darbietet, wird die Behauptung sein, dass die Zeks sich tatsächlich selbst zur Gefangenschaft innerhalb des Kadavers verpflichtet hätten, oder wie er es ausdrücken wird, dass der Kopf eine Vereinbarung mit dem Körper getroffen hätte, wenn nicht im Hobbes’schen Ur, so zumindest im ursprünglichen Ur.

Der philosophischen Ensi, der sich inzwischen im Tempel zur Ruhe gesetzt hat, weiß das bereits besser. Er weiß, dass die Zeks Fremde sind, die mit Gewalt nach Ur gebracht wurden, bevor sie überhaupt die Sprache des Lugals verstanden; die Zeks willigten damals in keinen Vertrag ein und sie haben es auch seitdem nicht getan.

Der Ensi erinnert sich sogar, dass die besiegten Lagaschianer, die sich selbst dazu verpflichteten, die Kanäle Urs zu reparieren, diese Vereinbarung nur unter vorgehaltenen Speeren trafen.

Zudem hat kein Lugal jemals Hobbes‘ Behauptung vorgebracht; er wäre lachend abgesetzt worden. Der Lugal weiß, dass ihn selbst die Ältesten nicht ernennen, da die Ältesten keinerlei Ernennungen mehr machen; sie kümmern sich um die Schreine. Der Lugal behauptet, dass seine Macht von dem brutalen Geist stammt, der im Tempelturm oder dem künstlichen Berg wohnt. Diese ausladende, menschgemachte Phallusform ist der wahre Kopf des Leviathan und er schließt keine Verträge.

***

Mein frakturierter Geist und Körper: Eine Kritik der Zivilisation und der modernen Medizin

Mit meinen Behinderungen zu leben ist mindestens schwierig, um es milde auszudrücken. Nicht weil ich in unserer vergifteten, standardisierten Welt nicht funktionieren kann, sondern weil von mir erwartet wird, es zu tun. Meine “Probleme” werden von den Unwissenden nicht bemerkt. Sie sind so gut wie immer da. In meinem frakturierten Geist und Körper. Ich habe Osteogenesis Imperfecta (OI) und DID, das bedeutet ich habe die Glasknochenkrankheit und eine dissoziative Identitätsstörung.

Nein, sprich nicht M. Night Shyamalans Split oder Glass an.

Osteogenesis Imperfecta hat meine Zähne geschwächt, meine Gelenke ruiniert und meine Muskeln verwüstet. Ich habe das Glück, bisher noch keinen Knochen gebrochen zu haben und ich befinde mich in meinen 20ern. Einige werden von dieser Behinderung in ihrer Kindheit getötet, andere leben ihr ganzes Leben ohne zu wissen, dass sie sie haben.

Dissoziative Identitätsstörung macht sich bei denen, die es mit ihr zu tun haben, früh bemerkbar. Sie besteht aus der Anwesenheit zweier oder mehr ausgeprägten Persönlichkeitszuständen, zusammen mit einem Erinnerungsverlust zwischen den beiden Zuständen. Wenn beispielsweise ich [Artxmis] die Kontrolle über den Körper habe [fronting], dann weiß eine andere Identität nicht, was ich in dieser Zeit getan, gefühlt oder gedacht habe. Das gilt für beide Seiten. Es gibt Zeiten, in denen mir Sekunden an Erinnerung fehlen oder Monate. Ich kann mich an den Großteil meiner Unterstufe in der Highschool nicht erinnern.

All das zusammen führt zu einem beinahe unsichtbaren Leiden. Ich muss damit kämpfen Stufen zu erklimmen und stabile Beziehungen zu führen.

Aber trotzdem lehne ich Zivilisation, Technologie und Domestizierung ab.

Ich erhöhe trotzdem Wildnis, begehre nach einer Verwilderung und hasse die moderne Medizin.

Ich tue das nicht, weil ich selbsthassend wäre oder ableistisch, sondern aus dem Gegenteil. Ich hoffe, dass diejenigen, die mit mentalen und körperlichen Krankheiten kämpfen, in der Wildnis Zuspruch finden können und auf der Asche der Zivilisation tanzen. Am Rande bemerkt: Ich bin nicht der Meinung, dass eine Wanderung eine Depression heilt.

Zivilisation ist eine standardisierende Kraft. Sie nimmt Individuen und versucht diese zu organisieren, kategorisieren und zu beherrschen. Sie präsentiert auch eine enge Matrix »idealer« Mitglieder. Denjenigen, die nicht in diese Kategorie passen, bleiben zwei Optionen: sich anpassen oder verstoßen werden. Darin liegt oft die Rolle der modernen Medizin. Sie behandelt viele der Außenseiter*innen der Zivilisation. Sie kann am besten als ein Filtersystem betrachtet werden.

(Mit moderner Medizin beziehe ich mich in den meisten Fällen auf die westliche/koloniale Medizin. Allerdings kann man allgemein argumentieren, dass die mit dem Aufstieg jeder Zivilisation entstandene Medizin auf die gleiche Art und Weise kritisiert werden kann.)

Sowie die Zivilisation wächst, benötigt sie eine größere Arbeitskraft. Das ist der größte Effekt vieler Rechtebewegungen. Frauenrechte verschafften neben anderen legalen und sozialen Möglichkeiten für Frauen ihnen vor allem einen breiteren Zugang zur Arbeitskraft der Zivilisation. Medizin in ihrer modernen Form funktioniert auf eine ähnliche Art und Weise. Wenn man nicht in die Zivilisation [den Techno-Kapitalismus, die industrielle Gesellschaft, sozialistische Experimente, etc.] hineinpasst, muss man sich anpassen.

Wenn wir diese vorangehende Feststellung übernehmen, können wir anfangen zu verstehen, dass es der modernen Wissenschaft nicht darum geht, Menschen zu helfen oder sie zu ermächtigen, sondern um die Anpassung von allem und jedem, um der Mainstream-Gesellschaft nützlich zu werden. Viele werden auf genetische Krankheiten oder Erkrankungen wie Krebs verweisen. Das Evolution Institute behauptet neben anderen, dass es einen Widerspruch zwischen unseren evolutionären Merkmalen und unserer derzeitigen Umwelt gibt. Fehlendes Ausgesetztsein von Bakterien und Krankheiten als Kinder hat verheerende Auswirkungen auf unser Immunsystem. Landwirtschaft bringt unsere Zähne und unser Verdauungssystem komplett durcheinander. Die Domestizierung von Pflanzen und Tieren hat neue Krankheiten erschaffen, die unserer Spezies zuvor unbekannt waren.

Selbst die Gebärkultur hat einen Einfluss auf Brustkrebs! Das Evolution Institute behauptet, »moderne Fortpflanzungsmuster tragen auch zum Brustkrebsrisiko bei. In Jäger*innen/Sammler*innen-Bevölkerungen beginnen Frauen in der Regel mit etwa 18 Jahren Kinder zu haben, haben durchschnittlich 5 Kinder und stillen diese mit ungefähr drei Jahren ab. Das unterscheidet sich erheblich von modernen Bevölkerungen, in denen Frauen typischerweise mit etwa 26 Jahren Kinder bekommen, durchschnittlich 1,86 Kinder bekommen und sie typischerweise vor dem 6. Monat abstillen. Unsere Vorfahren hatten vermutlich Fortpflanzungsmuster, die denen heutiger Jäger*innen/Sammler*innen gleichen, und hatten daher weit weniger Menstruationszyklen als wir modernen Menschen. Moderne Fortpflanzungsmuster wie diese sind mit einem höheren Risiko hormoninduzierten Brustkrebses verbunden.«

Zusätzlich dazu, wie man die Effekte der Zivilisation während der eigenen Lebenszeit wahrnimmt, mögen diese sogar Einfluss auf die Anfälligkeit für Krankheiten vor der Geburt haben. Epigenetik wird folgendermaßen definiert: »Epigenetik ist die Wissenschaft vererblicher Veränderungen der Genexpression (aktive vs. passive Gene), die keine Veränderung der zugrundeliegenden DNA-Sequenz beinhalten – eine Veränderung des Phänotyps ohne eine Veränderung des Genotyps –, die umgekehrt beeinflussen, wie die Zellen die Gene lesen«, aus What Is Epigenetics.

Beispielsweise sind diejenigen, die in dichten urbanen Regionen leben, besonders um bestimmte Schadstoffquellen wie Luft- und Wasserverschmutzungen herum, einem höheren Risiko für kardiovaskulären Krankheiten [Herzkrankheiten; Anm. d. Übers.] und Krebs ausgesetzt. Das gilt einer Studie von 2017 namens »Epigenetics and Health Disparities« zufolge besonders für afroamerikanische Gemeinschaften.

Eine Studie von 2009 mit dem Titel »Epigenetic mechanisms in schizophrenia« behauptet, dass urbane Umgebungen eine Rolle bei psychischen Störungen spielen. Die Studie kam zu folgendem Schluss: »Statistiken legen nahe, dass sich Psychosen in urbanen Umgebungen und in niedrigeren sozioökonomischen Gruppen anhäufen. Beispielsweise haben afro-karibische Immigrant*innen im Vereinigten Königreich und besonders ihre Nachkommen ein ungefähr 10-fach größeres Risiko an Schizophrenie zu erkranken und ethnische Minderheiten in Großbritannien haben immerhin ein 3-fach größeres Risiko für Schizophrenie. Diese Beobachtungen haben manche dazu veranlasst vorzuschlagen, dass Schizophrenie eine Krankheit epidemiologischer Übertragung sein könnte, oder in anderen Worten eine Krankheit, deren Wahrscheinlichkeit mit der Entwicklung einer Gesellschaft ansteigt.«

Die moderne Medizin ist auch eine zentralisierte Praxis. Sie versucht sich selbst auf ein Gefilde der Gesellschaft zu beschränken – die »tatsächliche medizinische Verwendung«. Damit meine ich die medizinische Verwendung, wie sie innerhalb des modernen Selbstbewusstseins verstanden wird. Impfungen, komplizierte Operationen oder andere medizinische Verfahren. Sie findet außerdem innerhalb einer vielgestaltigen hierarchisierten Kultur statt – Ärzte unterschiedlicher Spezialisierungen, Krankenpfleger*innen, Krankenpfleger-Assistent*innen, usw.

Vergleiche das mit der Medizin in prä-zivilisierten Kulturen. Diese Form war eine Schnittmenge aus den Gefilden sozialer Zusammenhänge, wie religiösen Praktiken und Friedensstiftung, der Ethnobotanik und anderem bioregionalem Wissen, ebenso wie der »tatsächlicher medizinischer Verwendung«. Medizinische Praktiken variierten natürlich zwischen den Kulturen. Sie mag in den Händen von Medizinmännern, Hexenärztinnen, Schaman*innen und anderen spirituellen Anführer*innen gelegen haben oder von der größeren Gemeinschaft praktiziert worden sein. Einige Kulturen mögen einen stärkeren Akzent auf Zeremonien und Magie gelegt haben, weil sie Krankheit als Geist-verbunden betrachtet haben. Andere mögen weniger religiöse Pflanzen- und Kräuterpraktiken genutzt haben.

Psychiatrie ist ungeachtet vieler scheinbarer Vorteile darauf fixiert, Menschen zu »reparieren«, damit sie fähig sind zu arbeiten. Psychiater*innen sind wie Mechaniker*innen oder Techniker*innen, die Maschinen reparieren, damit die Fabrik weiter funktionieren kann. Manche argumentieren sogar, dass sie [die Psychiatrie] keine Form der Medizin im eigentlichen Sinne sei, sondern eine soziale Institution, die sich unter dem Deckmantel der modernen Medizin versteckt und ihre Glorifizierung für ihre eigenen Zwecke nutzt.

Persönlich war ich, und bin es noch immer, eine lebhafte Person. Mir wurde in der ersten Klasse ADHS diagnostiziert und Medikamente verabreicht. Auch wenn ich zu jung war, um mich heute noch an die Details zu erinnern, war ich von dieser Diagnose wirklich verletzt und sie hat noch immer anhaltende Auswirkungen auf mich. Viele haben ähnliche Geschichten und Erfahrungen.

Um eine*n bestimmte*n anti-technologischen Denker*in zu zitieren: »Das Konzept von Geisteskrankheit‹ ist in unserer Gesellschaft größtenteils durch den Grad definiert, in dem sich ein Individuum im Einklang mit den Anforderungen des Systems verhält und das ohne Anzeichen von Stress zu zeigen tut.«

Wie andere argumentiert haben und ich selbst weiter oben ist die zivilisierte Medizin und vielleicht jegliche Wissenschaft nichts als ein Trend in Richtung der Anpassung der Individuen an die Bedürfnisse der Zivilisation selbst. Wo endet das? Erfindungen wie CRISPR verstehen sich selbst als die Lösung erblicher Anlagen von Krankheit, aber wir können ihnen nicht aufrichtig zugestehen, dass sie nur zu diesem Zweck verwendet werden und nicht für rassistische oder faschistische Zwecke. Es fällt einer nicht schwer, sich vorzustellen, was Führer wie Hitler mit einer solchen Entwicklung anstellen würden.

Tatsächlich dränge ich Unterstützer*innen der Psychiatrie und Psychologie dazu, ihren Einsatz im nationalsozialistischen Deutschland in den 30er und 40er Jahren zu erkunden. Das Programm wurde »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« genannt. Es zielte auf diejenigen mit oder die Kinder derer mit diagnostizierter geistiger Zurückgebliebenheit, Schizophrenie oder sogar Alkoholismus ab. Die Aktion T4 war der systematische eugenische Massenmord derer in psychiatrischen Krankenhäusern. Zwischen 270.000 und 300.000 starben. Genutzt wurden Methoden wie Gaskammern, die die Grundlage für den Holocaust bildeten.

Ähnliche Praktiken existierten auch außerhalb Deutschlands, zum Beispiel in den Vereinigten Staaten im frühen 19. Jahrhundert. Henry G. Goddard, amerikanischer Psychologe und Eugeniker, war einer der vielen, die darüber diskutierten, wie man mit den »untauglichen« oder »schwachsinnigen« umgehen solle. Für ihn war eine Segregation die vorrangige politische Maßnahme, um eine Mischung »schlechter« Gene zu vermeiden. Andere auf diesem Gebiet argumentierten für Immigrationsstopps, sogar Vernichtungen. Oft hatten verarmte Frauen das höchste Risiko, für »untauglich« befunden zu werden.

Ich werde nicht lügen und vorgeben, dass einige prä-zivilisierte Kulturen nicht auch kranke oder behinderte Menschen missbrauchten, verstießen oder anderweitig missachteten. Mein Punkt ist, ans Licht zu bringen, dass die moderne Medizin einer der vielen Versuche ist, die zahlreichen Widersprüche der modernen Gesellschaft zu lösen, oftmals diejenigen, die widersprüchlich zwischen unserer Evolution und unserer derzeitigen Umgebung sind. Ich vertrete zudem keine idealistische Rückkehr zum paläolithischen Leben. Es ist absolut vorstellbar, dass eine zukünftige Medizin eine Synthese vergangener und gegenwärtiger Methoden bildet.

Ich kann ebensowenig irgendwelche gesicherten Vorteile der Medizin und Wissenschaft in unserem Zeitalter leugnen, aber Anarchist*innen würden genausowenig die amerikanische Polizei auf Basis dessen akzeptieren, dass sie auch Gutes tun, wenn sie Vergewaltiger*innen fangen. Sie greifen die Polizei an, weil sie zunächst das System als Ganzes erzwingen und darauffolgendes oder bloß damit einhergehendes »Gutes« ein zweitrangiges Anliegen ist. Die moderne Medizin ist eine ähnliche Institution.

 


Artxmis Graham Thoreau in Eine ikonoklastische Ungeheuerlichkeit: Behinderung gegen die Zivilisation, erschienen als Übersetzung aus dem Englischen beim Maschinenstürmer Distro.

Wilde Medizin

Vor dreißig Jahren ist eine Autoimmunerkrankung in meinem Blut aufgetaucht. Ich habe die giftigen künstlichen Medikamente recherchiert und die Verschreibungen abgesetzt. Rheumatolog*innen, die Spezialist*innen, die die höchste Todesrate durch ihre Rezeptblöcke verursachen, behandelten mich wie eine*n Aussätzige*n, weil ich ihre Expertise verweigerte. Dann behandelten sie mich wie eine bizarre Kuriosität, als ich ihnen erzählte, wie ethnobotanische Heilmittel linderten, was mich plagte. Sie fühlten sich entmachtet, als sie mich baten, die Namen der Pflanzen zu buchstabieren, um sie in meinen Akten zu dokumentieren.

Selbst wenn das moderne Gesundheitswesen sicher und effektiv wäre, kollaboriert die Medizin noch immer mit der Zivilisation darin, genug »Zuckerbrot« auszuteilen, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, während sie die Schichten der »Armen« und »Reichen« getrennt hält. Die Ungleichheit des institutionalisierten Gesundheitswesens dient der Zivilisation als Warnung davor aus der Reihe zu tanzen, sonst wirst auch du in Hunger und Elend schmachten. Aber wie Schulen und Jobs ist auch die Medizin ein Trick, den Ökozid der Zivilisation voranzutreiben, der seine Wurzeln im Glauben an den Fortschritt hat. Es ist schlicht zu erschreckend, diesen Glauben als falsch zu betrachten, wir sind bereits so tief in der Falle des Fortschritts eingesunken, dass es sich anfühlt, als gäbe es keine andere Option; und so ist der Fortschritt zur einzigen Welt geworden, die die Menschen kennen.

Was ist der Preis des Fortschritts? Die Medizin nimmt am hochmütigen Massaker an der »besitzlosen« Erde und an den Tieren in der Moderne teil – indem sie Labortiere foltert und tötet, Wasserläufe mit giftigen Medikamenten verschmutzt, die Mutationen bei Fischen und Amphibien hervorbringen und das Land mit Bergen von synthetischen Abfallprodukten zumüllt. Sie verfüttert gesundheitsschädliche getötete Tierkörper an stationäre Herzpatient*innen, die später weitere Medikamente und Operationen benötigen – wie eine gut geölte Maschine.

Es ist nicht so, dass ich die moderne Medizin automatisch ablehne, aber ich bin aus dem Bauch heraus wählerisch. Gebrochene Knochen – ok, ich nehme einen Gips. Ich fühle mich berechtigt, die Techno-topie der Moderne auszunutzen, wo und wie ich will. Sie hat den Menschen das wilde Wissen, das wilde Zuhause, in dem wilde Nahrung und Medizin lebt, gestohlen. Sie verursacht eine Katastrophe voller menschlicher und nichtmenschlicher Erkrankungen und Tode und verdient ebensoviel Vertrauen und Respekt wie ein*e pathologische*r Serienmörder*in. Von der technologischen Umweltverschmutzung über Autounfälle, Wohnungsbrände, Suizide aufgrund von Depressionen bis hin zu Klimawandel-Katastrophen; die Liste ist endlos. Während die präzivilisatorische Wildnis ein anderes Set an gefährlichen Risiken bereithielt, verblassen die frühen menschlichen Erkrankungen und Tode im Vergleich dazu.

Die neandertalische Heilkunst, die sowohl akute als auch chronische schwerwiegende Bedürfnisse mit einfachen, effektiven Heilmitteln behandelte, war weitverbreitet. Es gab Individuen mit Verletzungen und Krankheiten, die ein hohes Maß an täglicher Fürsorge für Monate und sogar Jahre benötigten. Feldhofer 1 [wissenschaftliche Bezeichnung eines Neandertaler-Fossils; Anm. d. Übers.] (ca. 40.000 Jahre vor unserer Zeit) erholte sich von einem schwerwiegenden Armbruch, der eine Fixierung seines Armes erforderte, sowie die Versorgung mit Essen, Wasser und Schutz und erhielt eine Langzeitbehandlung einer chronischen Krankheit. Shanidar I [ebenfalls ein Neandertaler-Fossil; Anm. d. Übers.] (ca. 45.000 Jahre vor unserer Zeit) erhielt für mindestens eine Dekade Fürsorge, um mit einem verkümmerten Arm, einem beschädigten Bein und vermutlich einem blinden Auge sowie Gehörverlust zu überleben. La Chapelle aux Saints [ebenfalls ein Neandertaler-Fossil; Anm. d. Übers.] (ca. 60.000 Jahre vor unserer Zeit) wurde wegen einer schwerwiegenden Arthrose und einer systemischen Erkrankung umsorgt. Bloß durch sich kümmernde Begleiter*innen und primitive Mittel, keine Notwendigkeit ein Blutbad zu begehen.

Frühe Menschen kümmerten sich auch selbst um ihre eigenen medizinischen Bedürfnisse. Beispielsweise fanden Anthropolog*innen einen erkrankten Neandertaler aus der El Sidrón-Höhle mit einem eiternden Zahn und einem Darmparasiten, der Durchfall verursacht. Eine DNA-Analyse seines Zahnsteins ergab, dass er eine beständige Ernährung aus Pappeln zu sich nahm, die das natürliche Schmerzmittel Salicylsäure enthielt, den Wirkstoff in Aspirin, sowie Pflanzen, die von Penicillium-Pilzen bedeckt waren, dem Penicillin des Antibiotikums. Frühere Menschen, wie alle Tiere, fanden ihre Medizin und Heilstrategien durch tiefgehende Beziehungen, Instinkte und scharfe primäre Sinne, die in der Zivilisation schwinden.

Die Wissenschaft bezweifelt und spottet über primitive Weisheit. Gesundheits-Animalität wiederzuerwecken verschiebt den Ort der Kontrolle zurück in Richtung Ökologie, wieder eingesetzter Zugehörigkeit und Symbiose. Während fortgeschrittene medizinische Technologien die Heilkunst früherer Zeiten besonders für Kinder übertreffen, gilt jedoch: Wie viele Verletzungen und Krankheiten werden von der Technologie verursacht? Und ist sie den Preis des Techno-Ökozids für alle wert? Ich habe das Gefühl, dass die meisten Tiere, inklusive mir, wilde Heilkunst und die Rückgabe unseres gestohlenen Landes und unseres Lebens bevorzugen. Der Fortschritt erwidert: Willst du, dass ein Kind an einer leicht zu behandelnden Infektion stirbt? Genausowenig, wie ich ein Kind von einer Kugel niedergestreckt haben will, Großmutters Pillen fressen will oder angesichts dessen, was die Menschen der Welt antun, Suizid begehen möchte.

Referenzen

  • Derricourt, Robin M. Unearthing Childhood: Young Lives in Prehistory, 2018.
  • Ryan, Christopher. Civilized to Death: The Price of Progress, 2019.
  • Spikins, Penny. How Compassion Made us Human: the Evolutionary Origins of Tenderness, Trust and Morality, 2015
  • Spikins, Penny, et al. »Living to Fight Another Day: The Ecological and Evolutionary Significance of Neanderthal Healthcare« in Quaternary Science Reviews, Vol. 217, 2019 S. 98-118.
  • Weyrich, Laura S., et al. »Neanderthal Behaviour, Diet, and Disease Inferred from Ancient DNA in Dental Calculus.« Nature, International Journal of Science, Vol. 544, 2017, S. 357-361.

 


Ria Del Montana in Eine ikonoklastische Ungeheuerlichkeit: Behinderung gegen die Zivilisation, erschienen als Übersetzung aus dem Englischen beim Maschinenstürmer Distro.

Fortschritt und Atomkraft

Die Zerstörung des Kontinents und seiner Völker

Die vorsätzliche Vergiftung von menschlichen Wesen, der Erdböden und anderer lebender Spezies kann nur durch größte Heuchelei als „Unfall“ betrachtet werden. Nur die*der willentlich Blinde kann behaupten, dass diese Konsequenz des technischen Fortschritts „unvorhergesehen“ gewesen wäre.

Die Vergiftung und Entfernung der lebendigen Bewohner dieses Kontinents zum Zwecke einer „höheren Sache“ mag in Ost-Pennsylvania begonnen haben, allerdings nicht in den vergangenen Wochen.

Zweiundzwanzig Jahrzehnte zuvor haben in der Region, die derzeit von Strahlung aus Three Mile Island vergiftet wird, Spekulant*innen mit Namen wie Franklin, Morris, Washington und Hale ihre Namen hinter Fassaden wie der Vandalia Company und der Ohio Company verborgen. Diese Firmen hatten einen Zweck: das Land zu verkaufen, um Profit zu machen. Die Individuen hinter den Firmen hatten ein Ziel: alle Hindernisse, die ihrer Entwicklung und ihrem Gewinn im Wege standen, zu beseitigen, egal ob es sich bei diesen Hindernissen um Menschen, jahrtausendealte Kulturen, Wälder, Tiere oder sogar Flüsse und Berge handelte. Ihr Ziel war es, diesen Kontinent zu zivilisieren, einen Kreislauf von Aktivitäten auf ihm einzuführen, die hier niemals zuvor ausgeübt worden waren: Arbeiten, Sparen, Investieren, Verkaufen – der Kreislauf, der das Kapital reproduziert und vergrößert.

Das größte Hindernis dafür bestand aus Menschen, die auf diesem Kontinent seit Jahrtausenden gelebt hatten und die ohne Gesetz, Regierung oder Kirche die Sonne, die Flüsse, die Wälder, die verschiedenen Spezies von Pflanzen und Tieren und einander genossen. Diese Menschen betrachteten das Leben als einen Zweck, nicht als ein Mittel, das in den Dienst eines „höheren“ Zwecks gestellt werden müsste. Sie strömten der Zivilisation nicht in Scharen zu, wie Kinder einer Keksdose, wie es die Franklins und Washingtons von ihnen erwarteten. Im Gegenteil. Sie wollten kaum etwas von dem, was die Zivilisation zu geben hatte. Sie wollten einige der Waffen und sie wollten diese nur, um ihre Freiheit gegen die weiteren Übergriffe der Zivilisation zu verteidigen; sie zogen den Tod einem Leben vor, das auf Arbeiten, Sparen, Investieren und Verkaufen reduziert war. In einem letzten, verzweifelten Versuch die Zivilisation und ihre Vorzüge zurück ins Meer und darüber hinaus zu treiben, in einem Aufstand, der derzeit als der Name eines Automobils erinnert wird, verdrängten ihre Krieger*innen die Landräuber und ihre Soldaten aus Ontario, Michigan, Ohio und West-Pennsylvania. Für diesen kompromisslosen Widerstand bekamen sie von den Zivilisierten den Status von Wilden verliehen. Dieser Status verlieh den Zivilisierten die Erlaubnis, sie ohne Bedenken oder Skrupel auszulöschen: „Schickt ihnen pockeninfizierte Decken“, ordnete einer der Kommandeure an, der verantwortlich für ihre Auslöschung ist.

Die jüngst gefeierte zweihundertjährige Amerikanische Unabhängigkeit gedachte dem Tag, an dem vor zwanzig Jahrzehnten Landräuber*innen, Spekulant*innen und ihre Verbündeten entschieden, die Auslöschung der Unabhängigkeit in der Region westlich von Three Mile Island zu beschleunigen. Die Regierung des Königs war zu weit entfernt, um ihre Investionen adäquat zu schützen und in vielerlei Hinsicht war sie feudal und teilte nicht immer die Ziele der Spekulant*innen; sie ging sogar soweit, die Grenzen, die durch Verträge mit den Wilden festgelegt worden waren, durchzusetzen. Was benötigt wurde, war ein effizienter Apparat unter direkter Kontrolle der Landräuber*innen und exklusiv dem Wohlstand ihres Unterfangs ergeben. Informelle Grenzpolizeiorganisationen wie die Paxton Boys waren für ein Massaker an den Bewohner*innen eines isolierten Dorfes wie Conestoga brauchbar. Aber solche Grenzer-Gründungen waren klein und vorübergehend und sie waren ebenso abhängig von der expliziten Einwilligung jedes einzelnen Teilnehmers wie die Stammeskrieger selbst; daher handelte es sich bei ihnen eigentlich überhaupt nicht um geeignete Polizeiorganisationen. Die Spekulant*innen verbündeten sich mit Idealist*innen und Träumer*innen und hinter einem Banner, auf dem Freiheit, Unabhängigkeit und Glück stand, nahmen sie Regierung, Militär und Polizei in ihre eigenen Hände.

Vor ungefähr 150 Jahren war der effiziente Apparat für den Fortschritts des Kapitals voll ausgeprägt. Militär- und Polizeiorganisationen basierten auf Gehorsam und Unterwerfung und nicht auf der aktiven Einwilligung jedermanns und sie waren bereit gegen diejenigen Menschen vorzugehen, die sich dieser Form der Herrschaft zwanzigtausend Jahre, wenn nicht länger widersetzt hatten. Der Kongress verabschiedete eines seiner explizitesten Gesetze: das Indianer-Umsiedlungsgesetz. Innerhalb weniger Jahre wurde jeder Widerstand, jede Aktivität, die nicht die des Kapitals war, aus der Region entfernt, die sich westlich von der Three Mile Island bis zum Mississippi erstreckt und südlich von Michigan bis Georgia. Die Regierung wurde schnell zu einer der mächtigsten auf der Welt und war nicht länger darauf beschränkt, Dorfbewohner*innen mit Pocken zu vergiften oder sie in einem Überraschungsangriff zu massakrieren; sie setzte die Entfernung durch eine besonnene Kombination aus hohlen Phrasen, Versprechungen und Polizei um. Die verbleibenden freien Stammesmenschen konnten dieser Kombination keinen Widerstand leisten, ohne sie anzunehmen, aber sie konnten sie nicht annehmen, ohne aufzuhören, frei zu sein. Sie entschieden sich dazu frei zu bleiben und die letzten freien menschlichen Wesen zwischen der Three Miles Island und dem Mississippi wurden entfernt.

Als die Siedler*innen in die vorsätzlich geräumten Ländereien zogen, wo ihnen die Luft, die sie atmeten, eine Vorstellung der kürzlich ausgelöschten Freiheit gab, verwandelten sie weitläufige Wälder in ausgedehnte Nachbildungen der Hölle, die sie hinter sich gelassen hatten. Der Genuss der Pfade und Wälder endete: Die Wälder wurden niedergebrannt; die Pfade wurden zu Hindernisläufen, die so schnell durchquert wurden, wie es das Kapital möglich machte. Freude hörte auf, das Ziel des Lebens zu sein; das Leben selbst wurde zu einem bloßen Mittel, sein Ziel war der Profit. Die Vielfalt hunderter kultureller Formen wurde auf die Gleichförmigkeit einer einzigen Routine reduziert: Arbeiten, Sparen, Investieren, Verkaufen, jeden Tag von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang und nach dem Sonnenuntergang wurde das Geld gezählt. Jede vorherige Aktivität und unzählige neue Aktivitäten wurden von Quellen der Freude in Quellen des Profits verwandelt. Mais, Bohnen und Kürbis, die „drei Schwestern“, die unter den vorherigen Bewohner*innen der Region respektiert und geliebt gewesen waren, wurden zu bloßen Waren für den Verkauf auf Lebensmittelmärkten; Ihre Säer*innen und Ernter*innen pflanzten sie nicht länger an, um sie bei Mahlzeiten, Festen und Festivals zu genießen, sondern um sie für Profit zu verkaufen. Gemächliches Gärtnern wurde durch die harte Arbeit der Landwirtschaft ersetzt, Pfade wichen Gleisen, Gehen wurde durch die Fortbewegung gigantischer, kohleverbrennender Öfen auf Rädern ersetzt, Kanus wurden von schwimmenden Städten zur Seite gespült, die vor keinem Hindernis Halt machten, während sie die Luft mit Funken und schwarzem Rauch erfüllten. Die „drei Schwestern“ wurden zusammen mit dem Rest ihrer Familie zu bloßen Handelswaren degradiert, ebenso wie die Bäume, die zu Holz wurden, die Tiere, die zu Fleisch wurden und selbst die Reisen, die Lieder, die Mythen und Märchen der neuen Bewohner*innen des Kontinents.

Und neue Bewohner*innen sollte es geben: zuerst hunderte, dann tausende, schließlich Millionen. Als der Import reiner Sklav*innen schließlich endete, wurden überschüssige Bäuer*innen aus den heruntergewirtschafteten Ländereien des post-feudalen Europas importiert. Ihre Vorfahr*innen hatten die Freiheit seit so vielen Generationen nicht mehr gekannt, dass sogar die Erinnerung daran verloren gegangen ist. Vormals als Diener*innenschaft oder Gesinde auf den Ländereien zunehmend kommerzieller Adliger tätig, trafen die Neuankömmlinge bereits genau darauf trainiert ein, genau das zu wollen, was das Kapital anzubieten hatte, und die vom Kapital auferlegte Entwürdigung des Lebens war verglichen mit ihrem einzigen Vergleichsrahmen Freiheit für sie. Landinvestor*innen verkauften ihnen Parzellen, Schieneninvestor*innen transportierten sie zu den Parzellen, Ackergerät-Investor*innen statteten sie aus, Bank-Investor*innen finanzierten sie, gekleidet und möbliert wurden sie durch die gleichen Interessen, oft von den gleichen Häusern, die sie zugunsten des Profits mit allem anderen versorgt hatten, was kein vorangehendes Zeitalter als „angemessen“ betrachtet hätte, und so schrieben sie prahlerisch an ihre Verwandten im alten Land, dass sie zu ihren eigenen Herren geworden seien, dass sie freie Bauern wären, aber in ihrer Magengrube und zwischen ihren Herzschlägen spürten sie die Wahrheit: Sie waren Sklav*innen eines Herren, der sogar noch hartnäckiger und unmenschlicher war und sie ihren ehemaligen Herren entrissen hatte, eines Herren, dessen tödliche Macht wie die der Radioaktivität gespürt, aber nicht gesehen werden konnte. Sie waren zu den ausgewiesenen Diener*innen des Kapitals geworden. (Und diejenigen, die als „Fabrikarbeiter“ oder „ungelernte Arbeitskräfte“ in den Fabriken endeten, die die Werkzeuge und Schienen produzierten, hatten kaum etwas, mit dem sie in ihren Briefen angeben konnten; sie hatten, wo immer sie herkamen, freiere Luft geatmet.)

Ein Jahrhundert nach dem Aufstand, der heute mit dem Namen von Pontiac verbunden wird, ein Jahrhundert, das voller verzweifeltem Widerstand von Pontiacs Nachfolgern gegen die weiteren Übergriffe des Kapitals war, begannen einige der importierten Bauern gegen ihre Reduzierung auf Diener des Eisenbahn-, Ausstattungs- und Finanzkapitals zu kämpfen. Die volksnahen Bauern brannten darauf die Rockefellers, Morgans und Goulds, die direkt für ihre Entwürdigung verantwortlich waren, zu verhaften und einzusperren, aber ihre Revolte war nur ein schwaches Echo der früheren Revolten der Ottowas, Chippewas, Delawares und Potawatomies. Die Bauern wendeten sich gegen die Persönlichkeiten, aber fuhren fort damit, die Kultur, die für ihre Entwürdigung verantwortlich war, zu teilen. Folglich scheiterten sie darin, sich mit dem bewaffneten Widerstand der Menschen der Great Plains zu vereinen oder diese überhaupt als ihresgleichen wahrzunehmen. Diese waren die letzten, die den Kontinent davor bewahrten, gänzlich zu einer Insel des Kapitals zu werden – ein Kampf, der mithilfe der antiken assyrischen (und modernen sowjetischen) Methoden der massenhaften Deportation, Konzentrationslager, Massaker an unbewaffneten Gefangenen und nicht nachlassender Gehirnwäsche durch militärische und missionarische Schläger niedergeschlagen wurde.

Obwohl viele von ihnen militant und mutig waren, stellten die kämpfenden Bauern Genuss und Leben nur selten über Arbeit, Ersparnisse und Profit, und ihre Bewegung entgleiste vollkommen, als sie von radikalen Politiker*innen infiltriert wurde und die Sehnsucht nach einem neuen Leben mit der Sehnsucht nach einem neuen Anführer gleichsetzten. Diese Form der Entgleisung einer volksnahen Bewegung wurde zu einem Wesenszug der Arbeiterbewegung in dem darauffolgenden Jahrhundert. Die Politiker*innen, die das Grab des Populismus ausgehoben hatten, waren die Vorläufer einer unendlichen Bandbreite von mönchischen Sekten, die organisatorisch auf der jesuitischen Ordnung aufbauten, aber ihre Doktrin und ihre Dogmen von dem einen oder anderen kommunistischen, sozialistischen oder anarchistischen Buch ableiteten. Bereit, beim ersten Anzeichen einer Situation, in der die Menschen darum kämpfen, ihre eigene Menschlichkeit zurückzuerlangen, hervorzuspringen, zermalmten sie eine potentielle Rebellion nach der anderen, indem sie Menschen, die dafür kämpften, zu leben, ihre Doktrin, ihre Organisation und ihre Führung aufbürdeten. Diese Clowns, für die alles, was fehlte, ihre Ergüsse und Ansprachen auf den Titelseiten der Zeitungen waren, wurden schließlich zu Kapitalist*innen, die die einzige Ware, die sie in die Ecke getrieben hatten, auf den Markt brachten: die Arbeiterschaft.

Kurz vor der Zeitenwende des gegenwärtigen Jahrhunderts [20. Jahrhundert; Anm. d. Übers.], in dem tatsächlicher Widerstand endgültig durch einen Pseudo-Widerstand, der tatsächlich ein Instrument der endgültigen Reduktion menschlicher Aktivität auf eine bloße Größe des Kapitals ist, beseitigte der effiziente Apparat zur Generierung von Profit alle äußeren Hindernisse. Er besaß noch immer innere Hindernisse: die verschiedenen Fraktionen des Kapitals, die Vanderbits, Goulds und Morgans richteten ihre Waffen fortwährend aufeinander und drohten, die gesamte Struktur von innen ins Wanken zu bringen. Rockefeller und Morgan bereiteten den Weg für eine Fusion, den Zusammenschluss der unterschiedlichen Fraktionen: Vermögende Investor*innen verteilten ihr Vermögen auf die jeweils anderen Unternehmen; Direktor*innen saßen im Vorstand der jeweils anderen; und ein jeder erlangte ein Interesse am ungehinderten Vormarsch jeder Einheit des gesamten Apparats. Mit Ausnahme von wenigen überlebenden persönlichen und familiären Imperien wurden die Unternehmen von bloßen Heuerleuten geleitet, die sich vom Rest der Angestellten nur durch die Höhe ihrer Bezüge unterschieden. Die Aufgabe der Direktor*innen bestand darin, alle Hindernisse zu überwinden, menschliche und natürliche, mit nur einer Einschränkung: der der effizienten Funktionsweise der anderen Unternehmen, die gemeinsam das Kapital bildeten.

Vor vier Jahrzehnten gelangten die Forscher*innen der physikalischen und chemischen Wissenschaften im Dienste des Kapitals zu der Entdeckung, dass großen Substanzen über und unter der Erde nicht die einzigen Substanzen waren, aus denen sich Profit schlagen ließ. Es schien, dass die „befreiten“ [Atom]kerne bestimmter Substanzen vom Kapital ganz besonders ausgebeutet werden konnten. Die Zerstörung der Materie auf atomarer Ebene, die zuerst in den abscheulichsten Waffen, die bisher jemals von Menschen gefertigt wurden, genutzt wurde, wurde zur neuesten Ware. Zu dieser Zeit hatten die Zinszahlungen, Frachtgebühren und Ausrüstungs-Käufe der Bauern ebenso wie die seit langem verschwundenen Bäume und Waldtiere aufgehört als Quellen eines signifikanten Profits von Interesse zu sein. Energieunternehmen, die mit Uran- und Erdöl-Imperien verzahnt waren, wurden zu mächtigeren Imperien als irgendeiner der Staaten, die ihnen als Problembeheber dienten. Innerhalb der Computer dieser Imperien wurden die Gesundheit und die Leben einer „angemessenen“ Anzahl an Farm- und Stadtbewohnern gegen einen „angemessenen“ Zuwachs oder Verlust von Profit abgewogen. Mögliche volksnahe Antworten auf solche Berechnungen wurden durch besonnene Kombinationen aus hohlen Phrasen, Versprechungen und Polizei kontrolliert.

***

  • Die Vergiftung von Menschen in Ost-Pennsylvania mit krebserzeugender Strahlung durch ein System, das einen bedeutenden Anteil seiner Aktivität der „Verteidigung“ gegen atomare Angriffe aus dem Ausland widmet,
  • Die Kontamination von Nahrung, die von den verbleibenden Bewohner*innen des Kontinents verzehrt werden wird und die Zerstörung der Perspektiven von Bäuer*innen, die ihr Leben pflichtbewusst dem Anbau von Waren widmeten, die für das Kapital auf einer Entwicklungsstufe interessant waren, die vor einem halben Jahrhundert endete,
  • Die Verwandlung in ein buchstäbliches Minenfeld durch den Gebrauch von beispiellos tödlichen Giften und Sprengstoffen eines Kontinents, der einst von Menschen bevölkert wurde, deren Ziel im Leben es war, die Luft, die Sonne, die Bäume, die Tiere und einander zu genießen,
  • Die Aussicht, dass ein Kontinent mit wütenden Infernos übersät sein wird, während ihre Lautsprecher ihre aufgezeichneten Botschaften an eine verkohlte Erde abspielen: „Es gibt keinen Grund überzureagieren, die Situation ist stabil, die Anführer*innen haben alles unter Kontrolle“,

all das ist kein Unfall. Es ist die derzeitige Stufe des Fortschritts der Technologie, alias des Kapitals, von Marry Wollstonecraft Shelley Frankenstein genannt, die von ehrgeizigen Managern, die darauf brennen, ihre „revolutionären“ Hände an ihr Schaltpult zu bekommen, als „neutral“ betrachtet wird. Seit zweihundert Jahren hat sich das Kapital durch die Zerstörung der Natur, durch die Entfernung und Zerstörung von Menschen entwickelt. Das Kapital hat nun einen Frontalangriff auf seine eigene Diener*innenschaft gestartet, seine Computer haben damit begonnen, die Entbehrlichkeit derjenigen zu berechnen, die gelehrt worden sind, sich als seine Nutznießer zu verstehen.

Wenn die Geister der Toten unter den Lebenden geboren werden könnten, könnten Krieger der Ottawa und Chippewa und Potawatomi den Kampf dort wieder aufnehmen, wo sie ihn vor zwei Jahrhunderten verlassen haben, unterstützt von den Kräften der Sioux, Dakota und Nez Perce, der Yana und Medoc und den zahllosen Stämmen, deren Sprachen nicht mehr gesprochen werden. So eine Kraft könnte die Kriminellen zusammentreiben, die andernfalls niemals vor irgendein Gericht gestellt werden würden. Die zahlreichen Agent*innen des Kapitals könnten dann damit fortfahren, ihre Routine des Arbeiten-Sparen-Investieren-Verkaufens auszuüben, einander gegenseitig mit hohlen Phrasen, Versprechungen und Polizei zu foltern, innerhalb entschärfter und vom Netz getrennter Kraftwerke, hinter den Plutonium-Türen.

Nachbemerkung der Übersetzer*in

Vor über 40 Jahren verfasst ließe sich die Erzählung Perlmans heute sicher noch um die „Errungenschaften“ des Fortschritts der letzten Jahrzehnte sowie die des letzten Jahres erweitern. Und doch würde kaum eine Formulierung dem, was gerade passiert, so sehr gerecht werden wie die folgende, eben bereits vor rund 40 Jahren gültige: „Das Kapital hat nun einen Frontalangriff auf seine eigene Diener*innenschaft gestartet, seine Computer haben damit begonnen, die Entbehrlichkeit derjenigen zu berechnen, die gelehrt worden sind, sich als seine Nutznießer zu verstehen.“

Und dabei steht es kurz vor der Vollendung dieser Pläne, während diejenigen, die sich um eine Wiedergeburt der Geister der Toten bemühen (indem sie etwa Funkmasten anzünden oder gegen Ausgangssperren rebellieren), von jenen Dienern, die durch die Begründung diverser politischer Sekten und ihren Führungsanspruch auch weiterhin jeden populären Widerstand zum Erliegen bringen, als „Verschwörungstheoretiker“ verspottet werden …


Übersetzung aus dem Englischen: Fredy Perlman. „Progress and Nuclear Power“ (1979) aus Anything can Happen (2017).

In Richtung eines indigenen Egoismus

Einführung

Ich bin eine indigene Person der Oglala-Lakota-Nation. Meine Vorfahren stammen aus dem Pine-Ridge-Indian-Reservat im westlichen South Dakota. Davor waren sie nomadisch und zogen frei über das gesamte Gebiet, das als die Great Plains bekannt ist. Ich bin auch ein*e individualistische*r Anarchist*in und existiere, was auch immer daraus werden wird, innerhalb einer radikalen „Community“ anderer Anarchist*innen hier in den Vereinigten Staaten. Ich wurde mit zahllosen Abhandlungen über individualistisches und egoistisches Denken bombardiert, die es als kapitalistisch, kolonialistisch und sogar rassistisch/faschistisch [white supremacist] bezeichnen. Ich schreibe diesen Text als Antwort auf eine*n Freund*in von mir, die*der die Behauptung aufgestellt hat, dass Individualismus und Eigeninteressen grundlegende Elemente der Kolonisierung wären. Während das stimmen mag, wenn Eigeninteressen durch koloniale Ideologie definiert werden, werde ich ein individualistisches und egoistisches anarchistisches Denken skizzieren, das ein Werkzeug der Dekolonialisierung und des indigenen Widerstands ist.

Individualismus, Kolonialismus und Beanspruchung

Was den Individualismus und Egoismus so attraktiv macht, ist der Sinn für Freiheit, den er anbietet: Der Sinn, dass kein anderer dich davon abhalten sollte, deine Sehnsüchte zu verwirklichen und dass du und deine Sehnsüchte von Bedeutung sind. In jeder Kultur und Gesellschaft werden wir unserer Freiheit beraubt: wir sind mit dem Zwang zur Arbeit konfrontiert, damit dem Kollektiv zu dienen, die Moral von Gott und der Kirche zu ehren, das Gefängnis zu fürchten und die Verhaltensregeln [Policing] zu verinnerlichen, sozialen Rollen gerecht zu werden, die Familie zu reproduzieren, sich der Autorität zu unterwerfen, ein*e produktive*r Beiträger*in zur Gesellschaft und Menschheit zu sein. Das aktive Verfolgen von Freiheit scheint eine natürliche Reaktion auf Einschränkungen zu sein. Europäische Entdecker, Kolonisten und Siedler suchten diese Freiheit. Sie erhoben Anspruch auf das Land und die Ressourcen, was zur Abschiebung und Umsiedlung indigener Völker führte. Sie beanspruchten die Ausbeutung freier Arbeitskraft, was zur Verschleppung und Versklavung von Afrikaner*innen führte. Es lag in ihrem Interesse den Wohlstand und die Macht ihrer Nation oder Kolonie auszuweiten und die Interessen von allen, die dem im Weg standen, zu übergehen. Kurz gesagt: die Kolonisierung ist das Handeln im Eigeninteresse der*s Kolonisierer*in.

Allerdings eröffnet Max Stirners Definition dessen, was eine*n willentliche*n Egoist*in ausmacht, eine andere Perspektive auf den kolonialen Individualismus. Eine Kolonie ist ein Kollektiv, das existiert, um seinem Vaterland mit natürlichen Ressourcen, Arbeit und Verbreitung der nationalistischen und christlichen Ideologien und Kultur zu nützen, sowie der strategischen Kontrolle von Landstrichen, von denen aus Kriege geführt werden können. Jede*r, die*der innerhalb einer Kolonie lebt, lebt dann, um seinem*ihrem Land zu dienen, sei es als Arbeiter*in, um Ressourcen abzubauen oder die Produktion in den Fabriken zu fördern, als Armee, um rivalisierende Länder und indigene Völker abzuwehren, als Missionar*in, die die Religion unter den indigenen Nationen verbreitet oder als Politiker*in, die*der die Ordnung der Bevölkerung der Kolonie aufrechterhält. Die dreizehn Kolonien bemerkten ihren Mangel an Freiheit gegenüber Großbritannien und starteten die Amerikanische Revolution, erschufen die „Unabhängigkeits“erklärung und gründeten die Vereinigten Staaten von Amerika. Die Vereinigten Staaten gründen sich auf einer Illusion von Freiheit und Individualismus. Das war immer ein zentrales Merkmal der amerikanischen nationalen Ideologie. Aber eine wahnhafte Masse, die fortfährt, verschiedenen Autoritäten zu dienen und sich ihnen zu unterwerfen, macht keine willentlichen Egoist*innen aus, sondern vielmehr, um es in Stirners Worten zu sagen, unfreiwillige Egoist*innen. Ein patriotischer Soldat mag aus Eigeninteresse zum Militär gehen und den Feind seines Landes bekämpfen, aber indem er das tut, unterwirft er sich seinem befehlshabenden Offizier, den Politiker*innen, die entschieden haben, Krieg zu führen, der Pflicht, Befehlen zu gehorchen und seiner Hingabe zu seinem Land. Er gibt seine Freiheit als ein Individuum auf und dient einem Kollektiv: seiner Vorstellung von einem „höheren Wohl“. Er gibt die Möglichkeit auf, zu seinem vollen Selbst zu gelangen. Das gleiche gilt für den religiösen Mann, der Gott aus Eigeninteresse dient, um Erlösung zu erlangen und ewiges Leiden in einer imaginären Hölle zu vermeiden. Er unterdrückt viele Aspekte seines Selbsts, um seiner Vorstellung oder der seiner Kirche von Gott und Moral gerecht zu werden. Jeder Mann, der in der Amerikanischen Revolution gekämpft hat und jede Person, die nach Amerika eingewandert ist – auf der Suche nach Freiheit, nach Individualismus, nach dem amerikanischen Traum –, jagte einem Individualismus nach, der durch Unterwürfigkeit niemals wirklich erreicht werden kann.

Die Geschichte des amerikanischen Kolonialismus und der indigenen Völker

Kolonialer Individualismus und Anspruch wurden auf Kosten der indigenen Völker erreicht. Damit diese Entdecker*innen, Kolonist*innen und Siedler*innen sich ausbreiten konnten und Zugang zu dem, was ihnen Macht und Wohlstand verlieh, erlangen konnten, mussten die indigenen Völker unterworfen werden. In einem militärischen Sinne war das anfangs keine leichte Aufgabe, aber dank der Epidemien, die von den Europäer*innen mitgebracht worden waren, wurden viele indigene Nationen schwerwiegend geschwächt oder beinahe vollständig ausgelöscht. Das erlaubte es den europäischen/amerikanischen Kolonisator*innen die militärische Oberhand zu erlangen. Erzwungene Räumungen von Land folgten; alle Ländereien, die einen Wert irgendeiner Art hatten, wurden von den Kolonisator*innen geräumt und ausgebeutet, was in der beinahen Ausrottung der Tiere und Pflanzen resultierte, auf die die indigenen Menschen angewiesen waren, um sich zu versorgen. Jeder Widerstand gegen eine Räumung brachte Krieg und die Individuen, die zu solchem aufriefen, wurden als „Wilde“ gebrandmarkt und entweder gewaltsam zivilisiert oder getötet. Die Zivilisierung blieb den Missionar*innen überlassen, während das Töten die Aufgabe der Regierungen der Vereinten Nationen und Kanadas war. Sowohl spirituelle und kulturelle Traditionen als auch Zeremonien wurden geächtet. Habseligkeiten, von denen angenommen wurde, dass sie heilig seien, wurden den Menschen weggenommen und zerstört. Kinder wurden ihren Familien weggenommen und in Internate geschickt. Ihr Haar, das eine ungeheure spirituelle Bedeutung besaß, wurde abgeschnitten, damit sie Weißen ähnelten. Sie wurden geschlagen und verprügelt, wenn sie in ihren traditionellen Sprachen sprachen. Sie wurden zum Christentum konvertiert. Sie wurden so unterrichtet, wie es die Kolonisator*innen für geeignet hielten, um gemäß der westlichen Standards zu leben. Im Dienste des Kolonialismus wurde alles unternommen, um indigene Kulturen auszulöschen.

Selbsthass in den heutigen indigenen Communities

Wir haben dennoch eine ganze Zeit überlebt. Die Geschichte hat uns ausradiert, für die meisten existieren wir nicht länger. Dennoch sind wir sehr wohl noch am Leben, aber das heutige Leben in den Reservaten ist kein Vergnügen. Die Auswirkungen der Kolonisierung suchen uns als Volk noch immer heim und nehmen dabei oft subtile Formen an. Alkoholismus, Sucht, häusliche Gewalt, ökonomischer Mangel, Armut, Diabetes und Selbstmorde sind in Reservaten überall in Nordamerika verbreitet. Das meiste davon resultiert aus einem Selbsthass, sowohl einem individuellen, als auch einem kollektiven. Ist es Zufall, dass viele dieser Probleme auch die afrikanisch-amerikanischen Nachbarschaften in den größeren Städten überall in den Vereinigten Staaten plagen? Das sind die Resultate der Kolonisierung, der Räumung indigener Menschen von den Ländereien, mit denen sie gewohnt waren zu leben, davon sie zu zwingen, sich an die westlichen zivilisierten kulturellen Standards und an eine kapitalistische Marktwirtschaft anzupassen.

Der Kolonisator in unseren Köpfen

Neben dem Selbsthass, den ich bei indigenen Gefährt*innen beobachte, werde ich auch Zeug*in einer Anpassung und einem Sinn der Identifizierung mit dem Kolonisator. Die Überreste unserer Communities werden nun von Stammesregierungen, Stammespolizeien und Stammesgerichten verwaltet, die Reformen vorantreiben und die Art und Weise nachahmen, auf die die Kolonisator*innen die Dinge in ihrer Welt regeln. Unsere Jugend wird ermutigt auf die Uni zu gehen, Karrieren zu beginnen und erfolgreich zu sein; oder dazu zur Armee zu gehen und in den Kriegen der US-Regierung zu kämpfen, um den Kolonialismus in anderen Teilen der Welt zu erzwingen. Ich nehme häufig an Tänzen und Gesängen auf Versammlungen überall in Nordamerika teil und beobachte Kreuze und Nike-Logos auf den Tanzbekleidungen von Individuen. Es ist ohnehin unabkömmlicher Teil des Ganzen, dass eine amerikanische Flagge während der Eröffnung hereingetragen wird, gefolgt von einem Lied zu Ehren aller indigenen und nicht-indigenen Veteran*innen, die „unsere Freiheit verteidigen“ und „uns das Privileg verleihen, das zu tun, was wir heute tun.“

Individualismus als Grundsatz der Dekolonisierung

Es sollte offensichtlich sein, dass wenn wir von „Eigeninteresse“ sprechen, wir nicht von etwas Objektivem sprechen können. Was in deinem Eigeninteresse liegen mag, kann auch sehr gut etwas sein, dass mich von etwas in meinem Eigeninteresse abhält. Das macht die pauschale Behauptung „Eigeninteresse und Individualismus sind ein Grundsatz der Zivilisation“ zu einer allzu vereinfachten Betrachtung dessen, was Eigeninteresse ist und vermeidet die Frage danach, über wessen Interesse wir sprechen. Als eine indigene Person, die eine starke Haltung gegen Anpassung, Kolonialismus und Kapitalismus einnimmt, liegt es sicherlich nicht in meinem Interesse, diese Strukturen zu fördern.

Individualismus ist die Vorstellung, dass du und deine Sehnsüchte von Bedeutung sind. Egoismus impliziert das und behauptet zusätzlich dass man in seinem eigenen Namen handeln sollte, um seine Sehnsüchte zu erreichen. Was könnte uns als indigenes Volk nützlicher sein als Selbstbewusstsein? Wir müssen wissen, dass wir als Individuen und als ein indigenes Volk von Bedeutung sind. Jahrhunderte wurden wir sowohl physisch als auch psychisch niedergeknüppelt. Wir wurden von der Macht so lange unterdrückt, dass wir davon überzeugt sind, dass wir nicht von Bedeutung sind, das wir nichts wert sind, dass wir Wilde sind: geringer als Menschen und für die Gesellschaft ungeeignet. Die psychologischen Auswirkungen der Kolonisierung wurden untersucht, analysiert und bewiesen, dass diese sowohl in innerem als auch äußerem Selbsthass resultieren.

Einige von uns haben das akzeptiert; wir missbrauchen uns selbst und einander. Oder wir medikamentieren uns selbst, um den Schmerz zu betäuben. Einige von uns passen sich an, um von unseren Unterdrücker*innen anerkannt zu werden, um einen Hauch von Selbstwertgefühl zu empfinden. Ich will mich vor niemandem ins rechte Licht rücken. Ich will wissen, dass ich für mich selbst wichtig bin, nicht für die Gesellschaft, die mich und meine Sehnsüchte verleugnet, mich von meiner Freiheit trennt: eine Gesellschaft, die verantwortlich ist für all den Schaden, der indigenen Menschen weltweit zugefügt wurde. Eine Sache, die ich bei Zusammenkünften überall auf dem Kontinent beobachte, sind Autoaufkleber und Kleidung, die „indigenen Stolz“ ausdrücken. Das ist etwas, was meine Ältesten so lange ich mich erinnern kann, gesagt haben. „Sei stolz darauf, wer und was du bist.“ Wenn wir diesen Stolz annnehmen würden und verstehen würden, dass wir von Bedeutung für uns selbst sind und anfingen, in unserem Eigeninteresse zu handeln, würde das Krieg gegen diejenigen bedeuten, die uns im Wege stehen und uns an unserer Freiheit hindern.

Egoismus bedeutet Krieg gegen die Gesellschaft

Die Vorstellung von Individualismus, die zu realisieren die europäischen Entdecker*innen und Kolonisator*innen gescheitert sind, ist ihre Verweigerung von Pflicht, Hingabe und Unterwerfung. Ich akzeptiere keine Autorität über mir, ebensowenig wie ich nach irgendeiner bestimmten Ideologie strebe. Ich werde von keiner Verpflichtung beeinflusst, weil ich niemandem irgendetwas schulde. Ich bin nichts außer mir selbst ergeben. Ich unterwerfe mich keinen zivilisierten Standards und keiner Moral, weil ich keinen Gott und keine Religion anerkenne. Kein Druck, Urteil oder Zwang sollte mich dazu bringen, mich selbst von dem, was ich ersehne, abzuhalten. Egoistische Anarchist*innen haben der Gesellschaft und der Zivilisation den Krieg erklärt. Dieser Widerstand liegt im Interesse von Jeder*m, die*der ein Leben frei von Unterwerfung unter eine herrschende Macht herbeisehnt, von jenen, die von einer Welt der Freiheit träumen, von jenen, die eine Gemeinschaft mit denen bilden wollen, die gemeinsame Interessen und Affinität teilen: eine Welt freier Assoziation, in der wir leben können, wie wir es wollen und ein erfüllendes Leben erfahren können. Das sollte auf keine*n mehr zutreffen als auf indigene Menschen. Auch wenn die westlichen, zivilisierten Kulturstandards und Werte in uns hineingeprügelt wurden, müssen wir uns daran erinnern, wer wir sind. Wir müssen uns der Wichtigkeit unseres Selbsts und unserer Sehnsüchte erinnern.

Die Verweigerung dieser Unterwerfung ist nicht leicht. Wenn ich vom Krieg gegen die Gesellschaft spreche, dann meine ich das auch. Dekolonisierung kann nur dann stattfinden, wenn wir unseren Feind angreifen: den Kolonisator. Wenn wir das nicht tun, dann perpetuieren wir nur die Beziehung zwischen Kolonisator und Kolonisierter*m. Wir können von den Unterdrücker*innen niemals erwarten, dass sie zugunsten der Unterdrückten ihre Privilegien aufgeben. Diese Initiation und dieser Angriff mag Gewalt erfordern. „Es sollte festgehalten werden, dass der Kolonialismus durch militärische Gewalt auferlegt wurde. Schließlich ist es das Gewaltmonopol des Systems, das es dazu befähigt, seinen Willen aufzuzwingen“ (Warrior Magazine).

Wir müssen uns daran erinnern, was es bedeutet, ein*e „Krieger*in“ zu sein. Wir ehren unsere Veteran*innen als indigene Menschen, um die Traditionen der Ehrung unserer Krieger*innen wiederzubeleben; Aber eine wahre Kriegerin kämpft nicht für ihren Feind und sie unterwirft sich keiner Autorität, die sie und ihr Volk beherrscht und unterjocht. Ein wahrer Krieger kämpft für sich selbst, seine Familie und seine Community. Begehe keinen Fehler: Unsere indigenen Vorfahren gingen nicht kampflos unter. Wir erinnern uns des Aufstands der Sioux, bei dem ein gebrochenes Versprechen von Nahrung zu Angriffen auf weiße Siedler*innen und den Raub von Nahrung aus den Siedlungen führte. Andrew Myrick, ein führender Händler, der hinsichtlich des gebrochenen Versprechens gesagt hatte, „wenn sie hungern, lasst sie Gras essen“, war unter den ersten, die getötet wurden. Er wurde Tage später gefunden, sein Mund war mit Gras vollgestopft worden.

Die Geschichte des indigenen Widerstands begann an dem Tag, an dem Kolumbus und seine Männer an der Küste landeten und setzt sich heute in Kämpfen wie der Verweigerung der Diné, umzusiedeln, weil Tagebaue ihr Land nehmen und Elektrizitätswerke die Wüstenluft vergiften, fort. Ich denke es ist Zeit, dass wir die Bedeutung des Selbst betonen. Ich denke es ist an der Zeit, dass wir uns neue Strategien ausdenken und die Geschichte des indigenen Widerstands studieren, um neue Pfade in Richtung Dekolonialisierung und der Zerstörung der Zivilisation zu finden.


Übersetzung aus dem Englischen: Towards an Indigenous Egoism von Cante Waste, Warzone Distro, 2019.

Gegen Seine Geschichte, Gegen Leviathan! – Kapitel 1

Against His-story, Against Leviathan! von Fredy Perlman aus dem Jahr 1983 ist ein recht einflussreiches Buch für die (Weiter-)Entwicklung spezifisch antizivilisatorischer Positionen im Anarchismus gewesen. Eine deutsche Übersetzung des Werkes suchte man jedoch bislang vergebens.

Umso mehr freuen wir uns, dass wir nun die Möglichkeit haben, im Zündlumpen einen Vorabdruck einer gerade entstehenden deutschen Übersetzung zu veröffentlichen. In dieser und den kommenden Ausgaben werden wir dieses Werk in einer vorläufigen deutschen Fassung kapitelweise abdrucken, bevor das Ganze dann wohl irgendwann im nächsten Jahr in Buchform erscheinen wird.

Da es sich bei den hier veröffentlichten Übersetzungen um eine vorläufige Fassung handelt, freuen sich die Übersetzer*innen ganz besonders über Hinweise auf Fehler, Gedanken zu Ungenauigkeiten in der Übersetzung und Verbesserungsvorschläge. Ihr könnt sie direkt per E-Mail an gegen-leviathan@riseup.net kontaktieren.

Gegen Seine Geschichte, Gegen Leviathan!

1.

Und hier sind wir, wie auf einer sich verdunkelnden Ebene

weggefegt von verworrenen Rufen zum Kampf und zur Flucht,

wo unwissende Armeen des Nachts zusammentreffen. (M. Arnold)

Hier kann man weder stehen, noch liegen, noch sitzen

Dort ist nicht einmal Stille in den Bergen

Aber trockener, steriler Donner ohne Regen … (T.S. Eliot)

Die sich verdunkelnde Ebene ist hier. Das ist das Ödland: England, Amerika, Russland, China, Israel, Frankreich …

Und wir sind hier als Opfer, oder als Zuschauer, oder als Täter der Folter, Massaker, Vergiftungen, Manipulationen, Plünderungen.

Hic Rhodus! Dies ist der Ort zum Springen, der Ort zum Tanzen! Das ist die Wildnis! Gab es jemals eine andere? Das ist die Brutalität! Nennst du sie Freiheit? Das ist Barbarei! Der Kampf ums Überleben findet genau hier statt. Haben wir das nicht immer schon gewusst? Ist das nicht ein offenes Geheimnis? War das nicht schon immer das große offene Geheimnis?

Es bleibt ein Geheimnis. Es ist allgemein bekannt und doch unausgesprochen. Öffentlich gibt es die Wildheit anderswo, die Barbarei ist im Ausland, die Wildheit spiegelt sich im Gesicht der*des Anderen wider. Der trockene, sterile Donner ohne Regen, die verworrenen Rufe des Kampfes und der Flucht werden nach außen projiziert in das große Unbekannte, jenseits der Meere und der Gebirge. Wir befinden uns auf der Seite der Engel.

Ein Schatten mit dem Körper eines Löwen und dem Kopf eines Menschen,

Ein Blick so ausdruckslos und unbarmherzig wie die Sonne,

Bewegt seine langsamen Schenkel … (W.B. Yeasts)

… bewegt seine langsamen Schenkel in Richtung der projizierten Wildheit, in Richtung des Spiegelbilds der Barbarei, in Richtung des brutalen Gesichts, das einer*m aus dem Teich entgegenblickt, seine Bewegung legt den Teich trocken, zerreißt seine Ufer und lässt einen ausgedörrten Krater zurück, wo zuvor das Leben blühte.

In einem wunderbar erhellenden Buch mit dem Titel Jenseits der Geographie, einem Buch das auch über die Geschichte, die Technologie und die Zivilisation hinausweist, lichtet Frederick W. Turner (nicht zu verwechseln mit Frederick Jackson Turner, dem Advokaten der Grenzer) die Vorhänge und flutet die Bühne mit Licht.

Schon vor Turner lichteten andere die Vorhänge; sie waren es, die das Geheimnis zu einem bekannten machten: Tonybee, Drinnon, Jennings, Camatte, Debord, Zerzan – unter den Zeitgenoss*innen, deren Lichter ich mir ausleihe –, Melville, Thoreau, Blake, Rousseau, Montaigne, Las Cases – unter den Vorgänger*innen – Lao Tze aus der Zeit, bis zu der die schriftliche Überlieferung zurückreicht.

Turner borgt sich das Licht der menschlichen Gemeinschaften jenseits des Horizonts der Zivilisation, um über die Geographie hinaus zu blicken. Er sieht mit den Augen der Enteigneten dieser einst wunderschönen Welt, die auf dem Rücken einer Schildkröte ruht, auf diesen Double-Kontinent, dessen Tümpel trockengelegt, dessen Ufer zerrissen und dessen Wälder ausgedörrte Krater wurden, von dem Tag an, an dem er Amerika getauft wurde.

… Ein gewaltiges Bild aus dem Zeitgeist

verdeckt meine Sicht …

Sich auf das Bild konzentrierend, fragt Yeats,

Und welche grobe Bestie, deren Stunde schließlich gekommen ist,

latscht da gen Bethlehem, um geboren zu werden?

Die Vision ist für Turner so klar, wie sie es auch für Yeats war:

Die Dunkelheit breitet sich erneut aus; aber nun weiß ich

Dass zwanzig Jahrhunderte des Tiefschlafs,

durch eine schaukelnde Wiege zum quälenden Albtraum wurden.

Die Seher*innen von damals kehrten zurück, um ihre Visionen mit ihren Gemeinschaften zu teilen, ebenso wie die Frauen ihr Getreide teilten und die Männer ihre Jagdbeute.

Aber es gibt keine Gemeinschaft mehr. Die bloße Erinnerung an die Gemeinschaft ist nur ein verschwommenes Bild des Zeitgeistes.

Der Seher von heute schüttet seine Vision auf Papierblättern aus, an den Ufern ausgedörrter Krater, an denen bewaffnete Schläger Wache stehen und nach dem Passwort fragen: Eindeutiger Beweis. Keine Vision kann durch ihre Tore gelangen. Das einzige Lied, das passieren darf, ist ein Lied so trocken und verwest wie die Fossilien im Sande.

Turner, seines Zeichens nach selbst ein Wächter, ein Professor, hat den Mut eines Bartolomé de Las Casas. Er stürmt die Tore, weigert sich das Passwort zu sagen und er singt, er lärmt, ja er tanzt beinahe.

Die Rüstung fällt. Auch wenn sie nicht nur wie Kleidung oder Masken getragen wird, auch wenn sie an Körper und Gesicht geklebt ist, auch wenn Haut und Fleisch mit ihr weggerissen werden müssen, die Rüstung fällt dennoch.

In letzter Zeit haben viele die Tore gestürmt. Erst kürzlich sang einer, dass das Netz der Fabriken und Minen der Archipel Gulag sei und alle Arbeiter*innen Zeks (namentlich Wehrdienstpflichtige, Gefangene und Arbeits-Gang-Mitglieder). Ein anderer sang, dass die Nazis zwar den Krieg verloren hätten, aber ihre neue Ordnung gesiegt hätte. Die Unruhestifter sind heutzutage zahlreich. Zieht ein Sturm auf? Ist das das Zwielicht einer neuen Dämmerung? Oder ist es das Zwielicht, in dem Minervas Eule sehen kann, weil der Tag vorbei ist?

***

Turner, Tonybee und andere konzentrieren sich auf das Ungeheuer, das die einzige bekannte Heimat lebender Wesen zerstört.

Turner untertitelt sein Buch mit “Der Westliche Geist gegen die Wildnis”. Mit Westlichem Geist meint er die Einstellung oder Haltung, die Seele oder den Geist der westlichen Zivilisation, heute bekannt als Zivilisation.

Turner definiert Wildnis auf dieselbe Art und Weise, wie sie auch der Westliche Geist definiert, nur dass der Begriff für Turner positiv ist, wohingegen er für den Westlichen Geist negativ ist: Wildnis umfasst sämtliche Natur und alle menschlichen Gemeinschaften jenseits des Horizonts der Zivilisation.

In Eine Studie über die Geschichte drückt Arnold Tonybee seinen Enthusiasmus für Geschichte und Zivilisation aus. Nachdem er den Aufstieg und Fall des nationalsozialistischen Dritten Reiches sah und all die Raffiniertheiten, die es mit sich brachte, verlor Tonybee seinen Enthusiasmus. Er drückte diesen Verlust in einem Buch mit dem Titel Menschheit und Mutter Erde aus. Die Vision in diesem Buch ist ähnlich der von Turner: Die Menschheit zerfleischt Mutter Erde.

Tonybees Begriff Menschheit umfasst den Westlichen Geist sowie die menschlichen Gemeinschaften jenseits des Horizonts der Zivilisation und sein Begriff Mutter Erde umfasst alles Leben.

Ich borge mir Tonybees Begriff Mutter Erde. Sie ist die erste Protagonistin. Sie lebt, sie ist das Leben selbst. Sie empfängt und gebärt alles, das wächst. Viele nennen sie Natur. Die Christen nennen sie Wildnis. Tonybees alternativer Name für sie lautet Biosphäre. Sie ist das trockene Land, das Wasser und der Erdboden, die unseren Planeten umhüllen. Sie ist der einzige Lebensraum menschlicher Wesen. Tonybee beschreibt sie als eine dünne, empfindliche Haut, nicht höher als Flugzeuge fliegen können und nicht tiefer als Minen gegraben werden können. Kalkstein, Kohle und Öl sind Teil ihrer Substanz, sie sind Materie, die einst lebte. Sie filtert die Strahlung der Sonne selektiv, auf genau solche Art und Weise, auf die sie verhindert, dass das Leben verbrennt. Tonybee nennt sie einen Auswuchs, einen Heiligenschein oder Rost auf der Oberfläche des Planeten und er spekuliert, dass es keine anderen Biosphären geben könnte.

Tonybee sagt dass die Menschheit, menschliche Wesen, in anderen Worten wir, sehr machtvoll geworden sind, machtvoller als jedes andere lebende Wesen und schließlich machtvoller als die Biosphäre. Die Menschheit besitzt die Macht, die empfindliche Kruste zu zerstören, und sie tut genau das.

Es gibt viele Arten von einer Falle zu sprechen. Sie kann vom Standpunkt der selbst ausgeglichenen Umgebung, vom Standpunkt der*s Fallensteller*in oder des gefangenen Tieres beschrieben werden. Sie kann sogar vom Standpunkt der Falle selbst beschrieben werden, also namentlich vom objektiven, wissenschaftlichen und technologischen Standpunkt.

Es gibt ebenso viele Arten von der Zerstörung der Biosphäre zu sprechen. Vom Standpunkt einer einzelnen Protagonistin, der Erde selbst, kann gesagt werden, dass sie Selbstmord begehe. Mit zwei Protagonistinnen, der Menschheit und Mutter Erde, kann gesagt werden, dass wir sie ermorden. Diejenigen von uns, die diesen Standpunkt akzeptieren und sich vor Scham krümmen, mögen wünschen, dass wir Wale wären. Aber diejenigen von uns, die den Standpunkt des gefangenen Tieres einnehmen, werden Ausschau nach einer dritten Protagonistin halten.

Tonybees Protagonistin, die Menschheit, ist zu unscharf. Sie umfasst die gesamte Zivilisation, sowie alle Gemeinschaften jenseits des Horizonts der Zivilisation. Allerdings haben diese Gemeinschaften, wie Tonybee selbst zeigt, mit anderen Lebewesen seit tausenden von Generationen koexistiert, ohne der Biosphäre irgendeinen Schaden zuzufügen. Sie sind nicht die Fallenstellerinnen, sondern die Gefangenen.

Wer ist dann der Zerstörer der Biosphäre? Turner zeigt auf den Westlichen Geist. Das ist der Held, der den Kampf gegen die Wildnis aufnimmt, der zu einem Vernichtungskrieg des Geistes gegen die Natur, der Seele gegen den Körper, der Technologie gegen die Biosphäre, der Zivilisation gegen Mutter Erde und Gottes gegen sie alle aufruft.

Marxist*innen zeigen auf die kapitalistische Produktionsweise, manchmal nur auf die Klasse der Kapitalist*innen. Anarchist*innen zeigen auf den Staat. Camatte zeigt auf das Kapital. Neue Lärmer*innen zeigen auf die Technologie oder die Zivilisation oder beide.

Wenn Tonybees Protagonistin, die Menschheit, zu unscharf ist, sind viele der anderen zu eng gefasst.

Die Marxist*innen sehen nur das Staubkörnchen im Auge des Feindes. Sie ersetzen ihren Bösewicht mit einem Helden, der antikapitalistischen Produktionsweise, der revolutionären Errungenschaft. Sie sind nicht in der Lage zu erkennen, dass ihr Held genau derselbe “Schatten mit dem Körper eines Löwen und dem Kopf eines Menschen und einem Blick so ausdruckslos und unbarmherzig wie die Sonne” ist. Sie sehen nicht, dass die antikapitalistische Produktionsweise nur danach strebt, ihren Bruder darin zu übertreffen, die Biosphäre zu zerstören.

Anarchist*innen sind so vielfältig wie die Menschheit. Es gibt staatliche und kommerzielle Anarchist*innen, ebenso wie einige käufliche. Einige Anarchist*innen unterscheiden sich von Marxist*innen nur darin, dass sie weniger gut informiert sind. Sie wollen den Staat mit einem Netzwerk von Rechenzentren, Fabriken und Minen, die “von den Arbeiter*innen selbst” oder einer Anarchistischen Union verwaltet werden, ersetzen. Sie würden diese Konstellation nicht einen Staat nennen. Die Namensänderung würde das Ungeheuer bannen.

Camatte, die neuen Lärmer*innen und Turner behandeln die Bösewichte der Marxist*innen und Anarchist*innen als bloße Kennzeichen der wahren Protagonist*innen. Camatte gibt dem Monster einen Körper; er tauft das Monster Kapital, indem er sich den Begriff von Marx leiht, ihm aber eine neue Bedeutung gibt. Er verspricht die Ursprünge und die Entwicklung des Monsters zu beschreiben, aber dieses Versprechen hat er bislang nicht eingelöst. Die neuen Lärmer*innen haben sich das Licht von L. Mumford, J. Ellul und anderen geliehen, aber sind meines Wissens nach nicht weiter gekommen als Camatte.

Turner geht weiter. Sein Ziel ist es, nur des Monsters Geist zu beschreiben, aber er weiß, dass es der Körper des Monsters ist, das die Körper der menschlichen Gemeinschaften und den Körper von Mutter Erde zerstört. Er sagt viel über den Ursprung des Monsters und seine Entwicklung und er spricht oft von seiner Rüstung. Aber es ist jenseits seines Zieles, dem Monster einen Namen zu geben oder seinen Körper zu beschreiben.

Mein Ziel ist es, vom Körper des Monsters zu sprechen. Denn es besitzt einen Körper, einen monströsen Körper, einen Körper der mächtiger geworden ist als die Biosphäre. Es mag ein Körper sein, der selbst keinerlei Leben besitzt. Es mag ein totes Ding sein, ein riesiger Kadaver. Es mag seine langsamen Schenkel nur dann bewegen, wenn lebende Wesen es bewohnen. Dennoch ist es sein Körper, der die Zerstörung verursacht.

Wenn die Biosphäre ein Auswuchs auf der Oberfläche des Planeten ist, so ist das Ungeheuer, das sie zerstört, ebenfalls eine Wucherung. Der Erdzerstörer ist Rost oder ein Heiligenschein auf der Oberfläche einer menschlichen Gemeinschaft. Er ist kein Auswuchs jeder Gemeinschaft oder der Menschheit. Tonybee selbst macht eine kleine Minorität, sehr wenige Gemeinschaften verantwortlich. Möglicherweise war das verweste Ungeheuer über all die Myriaden der Auswuchs nur einer Gemeinschaft.

***

Das verweste Ungeheuer, das von einer menschlichen Gemeinschaft ausgeschieden wird, ist jung, es ist höchstens zwei- oder dreihundert Generationen alt. Bevor ich mich ihm zuwende, werfe ich einen Blick auf menschliche Gemeinschaften, da diese viel älter sind, sie sind tausende Generationen alt.

Uns wird erzählt, dass sogar menschliche Gemeinschaften jung sind, dass es eine Zeit gab, als alles Wasser war, bis eine Bisamratte auf den Meeresgrund tauchte und die Erde auf den Rücken der Schildkröte brachte. So erzählt man uns.

Angeblich waren die ersten Wandelnden, die von den Anstrengungen der Bisamratte profitierten, Giganten oder Götter, die heutzutage Dinosaurier genannt werden.

Moderne Grabräuber*innen haben die Knochen dieser Götter ausgegraben und präsentieren die Knochen in Glasvitrinen des Eindeutigen Beweises. Die Grabräuber*innen nutzen diese Knochenschaukästen, um alle Geschichten außer ihrer eigenen aus der menschlichen Erinnerung zu tilgen. Aber die Geschichten der Grabräuber*innen sind dumpfer als eine Myriade anderer Geschichten und ihre Schaukästen der Knochen werfen bloß Licht auf die Grabräuber*innen selbst.

Die Geschichten sind so verschieden wie ihre Erzähler*innen. In vielen der Geschichten zieht sich die Erinnerung bis hin zu einer Zeit, als sie, die Erinnerung, in einer Großmutter wohnte, die die Schwimmer*innen, die Kriecher*innen und die Geher*innen als ihre Verwandten kannte, da sie nicht häufiger auf ihren Hinterbeinen lief als sie.

In einem altertümlichen Bericht fiel die erste Großmutter durch ein Loch im Himmel auf die Erde.

In einer modernen Erzählung war sie ein Fisch mit einer Schnauze, die, weil sie spielerisch das Atmen geübt hatte, als sie ihre Schnauze aus dem Wasser streckte, dank dieses Tricks überlebte, als ihr Tümpel austrocknete.

In einer anderen altertümlichen Erzählung verschluckte die Biosphäre mehrere Großmütter, bevor die allgemeine Vorfahrin auftauchte und es wird erwartet, dass die Biosphäre die Urgroßenkel dieser Vorfahrin verschlingen wird. Es könnte sich herausstellen, dass Tonybee falsch lag bezüglich des Machtverhältnisses der beiden Protagonistinnen.

Viele Geschichten handeln von Miniaturversionen von Großeltern, Winzlingen; eine moderne Erzählung nennt sie Spitzhörnchen.

Diese Winzlinge bevölkerten die Erde, als die Giganten, die Dinosaurier, im Tageslicht herumliefen. Kluge Spitzhörnchen kletterten bei Nacht die Bäume herab, um sich an den Insekten gütlich zu tun, nicht weil die Giganten gemein waren, sondern wegen ihres Größenungleichgewichts. Viele der Spitzhörnchen waren mit diesem Arrangement zufrieden und sie blieben Spitzhörnchen. Einige, zweifellos eine kleine Minderheit, wollte bei Tageslicht umherlaufen.

Glücklicherweise für die Umtriebigen waren die Dinosaurier unter den Großmüttern, die von der Biosphäre verschluckt wurden. Die ehemaligen Spitzhörnchen konnten sich an der Sonne wärmen oder im hellen Sonnenlicht tanzen und spielen ohne befürchten zu müssen, zertrampelt zu werden. Eine Minderheit unter diesen wurde erneut unruhig; einige wollten kriechen, andere fliegen. Die selbstgefällige, konservative Mehrheit, die glücklich mit ihren Bedürfnissen war, die von ihren Umgebungen erfüllt wurden, blieben, was sie waren.

***

Die Verwalter*innen der Gulag-Inseln erzählen uns, dass die Schwimmer*innen, die Kriecher*innen, die Geher*innen und die Flieger*innen ihre Leben damit verbrachten, zu arbeiten, um zu essen.

Diese Verwalter*innen verbreiten ihre Kunde zu früh. Die verschiedenen Wesen sind bislang nicht alle ausgerottet worden. Du, Leser*in, musst dich nur unter sie mischen oder sie aus der Ferne betrachten, um zu sehen, dass ihre aufgeweckten Leben voller Tänze, Spiele und Feste sind. Selbst die Jagd, das Anschleichen und Verstellen und Hervorspringen ist nicht das, was wir Arbeit nennen, sondern das, was wir Spaß nennen. Die einzigen Lebewesen, die arbeiten, sind die Insass*innen der Gulag-Inseln, die Zeks.

Die Vorfahren der Zeks verrichteten weniger Arbeit als ein*e Firmenbesitzer*in. Sie wussten nicht, was Arbeit ist. Sie lebten in einem Zustand, den J.J. Rousseau den “Naturzustand” nannte. Rousseaus Begriff sollte wieder allgemein gebräuchlich werden. Er erregt die Gemüter derjenigen, die in R. Vaneigems Worten Kadaver in ihren Mündern tragen. Er macht die Rüstung sichtbar. Sage “Naturzustand” und du kannst die Kadaver hervorscheinen sehen.

Bestehe darauf, dass “Freiheit” und “Naturzustand” Synonyme sind und die Kadaver werden versuchen dich zu beißen. Die Gefügigen, die Domestizierten versuchen das Wort Freiheit für sich zu beanspruchen; sie wollen es auf ihren eigenen Zustand anwenden. Sie verwenden das Wort “wild” für die Freien. Aber es ist ein weiteres offenes Geheimnis, dass die Gefügigen, die Domestizierten gelegentlich wild werden, aber niemals frei sind, solange sie in ihrem Gehege bleiben.

Selbst das allgemeine Wörterbuch hält dieses Geheimnis nur halb versteckt. Es beginnt damit, zu sagen, dass frei Bürger bedeutet! Aber dann sagt es, “Frei: a) nicht von irgendetwas jenseits der eigenen Natur oder des eigenen Wesens bestimmt b) vom Willen der*s Handelnden oder seinen Wünschen bestimmt …”

Das Geheimnis ist gelüftet. Vögel sind frei, bis Menschen sie in Käfige sperren. Die Biosphäre, Mutter Erde selbst, ist frei, wenn sie sich selbst befeuchtet, wenn sie sich in der Sonne räkelt und auf ihrer Haut verschiedenfarbige Haare sprießen lässt, wenn sie vor Kriecher*innen und Flieger*innen nur so wimmelt. Sie wird von nichts außer ihrer eigenen Natur oder ihres Wesens bestimmt, bis eine andere Sphäre gleichen Ausmaßes mit ihr zusammenstößt oder bis ein verwestes Ungeheuer in ihre Haut schneidet und ihr die Eingeweide herausreißt.

Bäume, Fische und Insekten sind frei, wie sie vom Samen bis zur Reife wachsen, jeder sein eigenes Potenzial erkennt und seine Wünsche – bis die Freiheit des Insekts von der des Vogels gestutzt wird. Das gegessene Insekt schenkte seine Freiheit der Freiheit des Vogels. Der Vogel seinerseits fällt und düngt die Saat der Lieblingspflanze des Insekts und steigert die Freiheit der Nachfahren des Insekts.

Der Naturzustand ist eine Gemeinschaft der Freiheiten.

Ein solcher war die Umgebung der ersten menschlichen Gemeinschaften und ein solcher blieb es für tausende von Generationen.

Moderne Anthropologen, die das Gulag in ihren Köpfen umhertragen, reduzieren solche menschlichen Gemeinschaften auf die Handlungen, die am meisten wie Arbeit aussehen und geben Menschen, die ihre liebsten Speisen pflücken und manchmal lagern, den Namen Sammler. Ein Bankangestellter würde solche Gemeinschaften Sparkassen nennen!

Die Zeks einer Kaffeplantage in Guatemala sind Sammler und der Anthropologe ist eine Sparkasse. Ihre freien Vorfahren hatten wichtigere Dinge zu tun.

Die !Kung Leute überlebten wundersamerweise als eine Gemeinschaft freier menschlicher Wesen bis in unsere eigene, vertilgende Zeit. R.E. Leakey beobachtete sie in ihrer üppigen afrikanischen Waldheimat. Sie haben nichts außer sich selbst kultiviert. Sie machten sich selbst zu dem, was sie sein wollten. Sie wurden von nichts außer ihrer eigenen Existenz bestimmt – nicht von Weckern, nicht von Schulden, nicht von Befehlen von Vorgesetzten. Sie schlemmten und feierten und spielten in Vollzeit, außer wenn sie schliefen. Sie teilten alles mit ihren Gemeinschaften: Essen, Erfahrungen, Visionen, Lieder. Große persönliche Zufriedenheit, tiefe innere Freude resultierten aus dem Teilen.

(In der heutigen Welt erleben Wölfe noch immer die Freuden, die vom Teilen kommen. Vielleicht zahlen Regierungen deswegen Abschussprämien an die Mörder von Wölfen.)

S. Diamond beobachtete andere freie menschliche Wesen, die bis in unsere Zeit überlebten, ebenfalls in Afrika. Er sah, dass sie keine Arbeit verrichteten, aber konnte sich nicht dazu durchringen, das auf Englisch zu sagen. Stattdessen sagte er, dass sie keine Unterscheidung zwischen Arbeit und Spielen machten. Meint Diamond, dass die Aktivität der freien Menschen in einem Moment als Arbeit betrachtet werden kann, und als Spiel im nächsten, abhängig davon wie sich der Anthropologe fühlt? Meint er wir, du und ich, Diamonds gepanzerte Zeitgenoss*innen können ihre Arbeit nicht von ihrem Spiel unterscheiden?

Wenn die !Kung unsere Büros und Fabriken besucht hätten, hätten sie vielleicht gedacht, dass wir spielen. Warum sollten wir sonst dort sein?

Ich denke Diamond wollte etwas Tiefgreifenderes sagen. Ein Zeit-und-Bewegungs-Ingenieur, der einen Bär neben einem Beerenfeld beobachtet, würde nicht wissen, wann er seine Stechkarte stempeln solle. Beginnt der Bär zu arbeiten, wenn er zum Beerenfeld spaziert, wenn er die Beere pflückt, wenn er sein Maul öffnet? Wenn der Ingenieur nur eine Gehirnhälfte hat, würde er vielleicht sagen, dass der Bär keinen Unterschied zwischen Arbeit und Spiel macht. Wenn der Ingenieur Phantasie hat, würde er vielleicht sagen, dass der Bär Freude von dem Moment an erlebt, in dem die Beeren ihre tiefrote Farbe bekommen und dass keine der Bewegungen des Bärs Arbeit sind.

Leaky und andere schlagen vor, dass die allgemeinen Vorfahren der menschlichen Wesen, unsere frühesten Großmütter, aus den üppigen afrikanischen Wäldern irgendwo in der Nähe der Heimat der !Kung stammen. Die konservative Majorität, zutiefst zufrieden mit der üppigen Großzügigkeit der Natur, glücklich mit ihren Errungenschaften und zufrieden mit sich selbst und der Welt, hatte keinen Grund, ihre Heimat zu verlassen. Sie blieben.

Eine unruhige Minderheit ging auf Wanderschaft. Vielleicht folgten sie ihren Träumen. Vielleicht trockneten ihre Lieblingstümpel aus. Vielleicht zogen ihre Lieblingstiere fort. Diese Menschen waren sehr tierlieb; sie kannten die Tiere als ihre Cousinen.

Von den Wanderern wird gesagt, dass sie zu jedem flachen und an einem See gelegenen Waldgebiet in Eurasia gezogen wären. Sie seien zu beinahe jeder Insel gegangen oder geschwommen. Sie wanderten über die Landbrücke beim nördlichen Eisland bis zur südlichsten Spitze des Double-Kontinents, der Amerika genannt werden würde.

Die Wanderer gingen durch heiße und kalte Regionen, in Gebiete mit viel Regen und mit wenig. Vielleicht hatten manche Heimweh, nach der warmen Heimat, die sie verlassen hatten. Falls dem so war, kompensierte die Präsenz ihrer Lieblingstiere, ihrer Cousinen, ihren Verlust. Wir können noch immer die Huldigung, die manche von ihnen diesen Tieren zollten, an Höhlenwänden von Altamire, an Felsen in Abrigo del Sol im Amazonastal sehen.

Einige der Frauen lernten von Vögeln und vom Wind, Samen auszusähen. Einige der Männer lernten von Wölfen und Adlern zu jagen.

Aber keine*r von ihnen arbeitete jemals. Und jede*r weiß das. Die gepanzerten Christen, die diese Gemeinschaften später “entdeckten”, wussten, dass diese Menschen nicht arbeiteten und dieses Wissen erregte die christlichen Gemüter, es wurmte sie, es ließ die Kadaver hervorscheinen. Die Christen sprachen von Frauen, die “gespenstische Tänze” in ihren Feldern aufführten, anstatt sich auf die Arbeit zu beschränken; sie sagten die Jäger*innen vollführten eine Menge teuflischen “Hokuspokus”, bevor sie die Bogensehne spannten.

Diese Christen, frühe Zeit-und-Bewegungs-Ingenieure konnten nicht sagen, wann das Spiel endete und die Arbeit begann. Seit langem vertraut mit der Plackerei als Zeks, wurden die Christen von den gespenstischen und teuflischen Heiden abgestoßen, die vorgaben, dass der Fluch der Arbeit nicht auf ihnen lag. Die Chisten setzten dem “Hokuspokus” und den Tänzen ein schnelles Ende und sorgten dafür, dass niemand mehr daran scheitern würde, den Unterschied zwischen Arbeit und Spiel zu erkennen.

Unsere Vorfahren – ich borge mir Turners Bezeichnung und nenne sie die Besitzenden – hatten wichtigere Dinge zu tun, als um ihr Überleben zu kämpfen. Sie liebten die Natur und die Natur erwiderte ihre Liebe. Wo immer sie auch waren, sie fanden Überfluss, wie Marshall Sahlins in seinem Steinzeitökonomie zeigt. Pierre Clastres La société contre l’état besteht darauf, dass der Kampf ums Überleben unter den Besitzenden nicht belegbar ist; er ist belegbar unter den Enteigneten in den Gruben und an den Rändern der progessiven Industrialisierung. Leslie White kommt nach der überfliegenden Durchsicht von Berichten aus entfernten Orten und Zeiten, einer Sichtung der “Primitiven Kultur als Ganzes”, zu dem Ergebnis, dass “es genug zu essen für ein reichhaltiges Leben gibt, wie es unter den ‘Zivilisierten’ nur selten vorkommt.” Ich würde das Wort Primitiv nicht für Menschen mit einem Reichtum des Lebens gebrauchen. Ich würde das Wort Primitiv nutzen, um mich auf mich selbst und meine Zeitgenoss*innen mit unserer zunehmenden Armut des Lebens zu beziehen.

***

Der größte Teil unserer Armut ist, dass der Reichtum des Lebens der Besitzenden für uns kaum zugänglich ist, selbst für diejenigen von uns, die ihre Phantasie nicht in Ketten gelegt haben.

Unsere Professoren sprechen von Früchten und Nüssen, Tierfellen und Fleisch. Sie zeigen auf unsere Supermärkte, die voll sind von Früchten und Nüssen. Wir haben einen Überfluss, von dem unsere Vorfahren nicht zu träumen gewagt hätten, q.e.d. Dies sind letztlich die wahren Dinge, die Dinge, die von Bedeutung sind. Und wenn wir mehr als Früchte und Nüsse wollen, können wir ins Theater gehen und Stücke ansehen, wir können uns sogar vor dem Fernseher ausstrecken und das gesamte weltweite Spektakel konsumieren. Hallelujah! Was könnten wir mehr wollen?

Dank unserer Professoren haben wir kaum Zugang zu unseren gefährlichen, dämonischen, besitzenden Vorfahren, die dachten, dass Früchte und Nüsse nicht die wahren Dinge wären, sondern Belanglosigkeiten, die sich selbst an Visionen, Mythen und Zeremonien verloren haben. Dank unserer Professoren wissen wir nun, dass Visionen persönliche Wahnvorstellungen sind, Mythen Märchenerzählungen und Zeremonien Schau-spiele, die wir jederzeit in Filmen sehen können.

Wir wissen sogar eine Menge über Besitz. Besitz ist Eigentum. Wir besitzen Häuser und Garagen und Autos und Stereoanlagen und wir streben konstant danach mehr zu besitzen; es gibt keine Grenzen darin, was wir besitzen wollen. Sicher muss man sagen, dass Besitz unser zentrales Ziel ist, nicht ihres.

Die Professoren, die sich, wie Mircea Eliade, selbst von der gepanzerten Vision befreien und hinter die eisernen Vorhänge der Umkehrung und Verzerrung blicken, sind selten. Und selbst Eliade verschleiert, was er sieht, dadurch, dass er behauptet, Analogien und Überbleibsel in unserer Welt zu finden. Die Meerenge, die uns von der anderen Küste trennt, hat sich seit dreihundert Generationen vergrößert und was auch immer von der anderen Küste kannibalisiert wurde, ist nicht länger eine Spur deren Aktivität, sondern eine Absonderung der unseren: Es ist Scheiße.

Von der Schule zu leeren Tafeln reduziert, können wir nicht wissen, wie es wäre, als Erb*in tausender Generationen der Vision, des Verständnisses und der Erfahrung aufzuwachsen.

Wir können nicht wissen, wie es wäre, zu lernen die Pflanzen wachsen zu hören und das Wachstum zu fühlen.

Wir können nicht wissen, wie es wäre, den Samen im Mutterleib zu fühlen und zu lernen den Samen im Mutterleib der Erde zu fühlen, zu fühlen, wie die Erde fühlt, und schließlich sich selbst aufzugeben und die Erde einen besitzen zu lassen, die Erde zu werden, zur ersten Mutter allen Lebens zu werden. Wir sind wahrlich arm. Tausende Generationen der Vision, des Verständnisses und der Erfahrung wurden ausradiert.

Anstatt dass wir uns selbst aufgeben, anstatt dass wir das wenige, was wir von ihren Kräften auskosten können genießen, definieren und kategorisieren wir.

Wir sprechen von Matri-archat. Der Name ist ein schwacher Ersatz für die Erfahrung. Es ist ein Schnäppchen und wir sind immer auf der Suche nach Schnäppchen. Wenn der Name erst einmal an einer Türe steht, kann die Tür geschlossen werden. Und wir wollen, dass die Türen geschlossen bleiben.

Der Name Matri-archat steht an der Türe zu einer Zeit, in der Frauen sich selbst kannten und von Männern gekannt wurden als Empfängerinnen, als die Schöpferinnen des Lebens, als Verkörperungen des ersten Wesens, als erste Wesen.

Den Namen an der Türe zu kennen, bedeutet nichts zu wissen. Wissen beginnt auf der anderen Seite der Schwelle. Selbst der Name an der Tür ist falsch. Matri bezieht sich auf Mutter, aber Archy stammt aus einem ganz anderen Zeitalter. Archy bezieht sich auf Regierung, auf künstliche im Gegensatz zu natürlicher Ordnung, auf eine Ordnung, in der der Archon stets ein Mann ist. An-archy wäre ein besserer Name für die Tür. Das griechische Präfix “an” bedeutet “ohne”.

Auf der anderen Seite der Schwelle kehrt die besitzende Mutter zurück zu ihrem Körper und fährt fort, ihre Erfahrung mit ihrer Sippschaft zu teilen, ebenso wie sie Früchte und Nüsse teilt.

Unsere Lippen werden nach den Früchten und Nüssen gieren. Aber ihre Schwestern, Cousinen, Nichten und Neffen sind hungrig nach der Erfahrung.

Wenn die Mutter ihre Erfahrung teilt, teilt sie auch die tausenden Generationen der Vision, des Verständnisses und der Weisheit, die dazu beitrugen, ihre Erfahrung so bedeutend zu machen, so furchtbar tiefgründig. Sie nutzt keine Kreide auf einer Tafel. Sie schreibt kein Lehrbuch. Sie hüpft. Sie singt. Sie beginnt den “gespenstischen Tanz”, die “Orgie”, die eines Tages die Christen erschrecken wird.

Ihre Cousinen und Nichten tanzen mit ihr. Sie lassen sich gehen, sie verlieren sich selbst in ihren Liedern, ihren Bewegungen. Sie lassen sich selbst vom Geist der Erde besitzen. Sie erfahren ebenfalls die größte vorstellbare Freude.

Die Neffen verlieren sich auch selbst; auch sie werden bessessen, bereichert. Aber wenn die Zeremonie vorbei ist, fühlen sie, dass sie weniger haben, das sie erwarten können, als ihre Schwestern. Sie wissen, dass sie nicht die Schöpfer des Lebens, nicht die ersten Wesen sind. In Der Butt beschreibt Günther Grass lebhaft diesen Minderwertigkeitskomplex dieser Neffen, dieser Männer im Naturzustand. Sie sind Zuchthengste. Sie sind sexuelle Objekte. Sie sind diejenigen, die sich glätten und schmücken, um sich wie Pfauen, Enten und andere Cousins von ihnen für die Frauen attraktiv zu machen.

Die Neffen nehmen phallusförmige Speere und Pfeile mit in den Wald und kehren mit Fleisch in das Dorf zurück. Aber sie wissen, dass Fleisch, auch wenn es nicht so gewöhnlich ist wie Früchte und Nüsse, noch immer bedeutungslos ist, verglichen mit den Trips der Besessenheit und Selbstaufgabe ihrer Tanten, da solche Trips eine von Angesicht zu Angesicht den Ursprüngen des Seins gegenüberstellen.

Auch die Neffen suchen nach Visionen. Auch sie sind Erben von tausend Generationen der Beobachtung und Weisheit. Ihre Onkel sorgten dafür. Sie wissen, dass der Wald nicht das ist, was er für uns geworden ist: Ein Fleischgehege, eine Holzfabrik. Sie wissen um den Wald als ein lebendes Wesen, das vor lebenden Wesen nur so wimmelt. Auch sie, wie ihre Tanten, verlieren sich selbst, lassen sich selbst vom Geist eines Baumes besitzen, eines Ortes, eines Tieres. Wenn sie viel gelernt haben und gut, sehen sie sogar auf, über den Wald. Sie streben nach dem Himmel. Und bei seltenen Gelegenheiten ergreift der Geist des Himmels Besitz von ihnen. Sie fliegen. Sie werden zum Himmel, empfinden all seine Emotionen, spüren all seine Absichten. Sie werden zum Himmel, der sich mit der Erde vereinte und das Leben zur Welt brachte. Ein Mann, der zu seinem Dorf mit solchen Neuigkeiten zurückkehrt, ist mehr und hat viel zu teilen, mehr als bloß Fleisch.

Was für Trips müssen das gewesen sein! Solche tiefgründigen Feiern des Lebens haben kein Gegenstück, keine Analogie in dem, was Turner “die enge, geschlechtslose, anthropozentrische Version dessen, womit die Westliche Zivilisation unbehaglich vertraut geworden ist …”, nennt.

Wie weit uns der Fortschritt gebracht hat, wird deutlich durch einen gewöhnlichen Touristen, der einem Seher begegnet. Der Tourist hört dem alten Mann, der irgendwie von der anderen Seite in unser Zeitalter geschlüpft ist, zu. Der Tourist sitzt zappelnd in einer – wie er es nennt – “Sitzung” und knippst Fotos. Am Ende von all dem macht der Tourist ein Foto, das beweist, dass der Seher nicht geflogen ist, sich nicht einmal von seinem Platz erhoben hat. Und der Tourist geht, glücklich überzeugt davon, dass sie, nicht er, Betrogene und Schwachköpfe sind.

Fotografien zeigen, woran wir am meisten Interesse haben: An der Oberfläche der Dinge. Sie zeigen keine Qualitäten, keine Geister.

Einige der Menschen, die die menschlichen Gemeinschaften verlassen haben, erinnerten sich an einige der Qualitäten. Sie erinnerten sich an einige der Freuden des Besitzes – nicht des Besitzes von Dingen, sondern des Besitzes des Seins.

Sie erinnerten sich – aber nur vage und verschwommen. Umgeben von Dingen verloren sie die Fähigkeit die Qualitäten auszudrücken. Sie wussten, dass die Zeit, die sie verlassen hatten, wertvoller, reiner, schöner war, als alles, was sie seitdem vorgefunden hatten. Aber ihre Sprache war verarmt. Sie konnten von dem, was sie verloren hatten, nur durch den Vergleich mit Dingen ihrer Welt sprechen. Sie nannten das vergessene Zeitalter das Goldene Zeitalter.

Eine Kritik, kein Programm:

Für eine nicht-primitivistische, antizivilisatorische Kritik

Also gibt es für die anarchistische Individualistin, so wie ich sie verstehe, nichts worauf sie zu warten hätte. […] Ich verstehe mich bereits als Anarchist und kann nicht darauf warten, dass die kollektive Revolution eintrifft, um zu rebellieren oder auf den Kommunismus, damit er meine Freiheit erlangt.

– Renzo Novatore

Ich begreife Anarchismus vom Standpunkt der Zerstörung aus. Das ist es, worin seine vornehme Logik besteht. Zerstörung! Hier liegt die wahre Schönheit des Anarchismus. Ich will alle die Dinge zerstören, die mich versklaven, die mir auf die Nerven gehen und die meine Sehnsüchte unterdrücken; Ich will sie alle als Leichen hinter mir lassen. Reue, Skrupel, Gewissen sind Dinge, die mein ikonoklastischer Geist zerstört hat […]. Ja, die ikonoklastische Negation ist am praktischsten.

– Armando Diluvi

Bevor ich beginne, möchte ich klarstellen, dass eine Kritik der Zivilisation nicht notwendigerweise primitivistisch ist, ganz besonders dann nicht, wenn diese Kritik anarchistisch und revolutionär ist. Solche Kritiken existieren beinahe so lange, wie auch eine selbstbewusste anarchistische Bewegung existiert – und sie waren nicht einmal immer mit einer Kritik an Technologie oder Fortschritt verbunden (Dejacque fand, dass bestimmte technologische Entwicklungen den Menschen eine Überwindung der Zivilisation erleichtern würden; Auf der anderen Seite betrachtete Enrico Arrigoni alias Frank Brand die Zivilisation und die industrielle Technologie als Barrieren, die echten menschlichen Fortschritt verhindern würden). Die eigentliche Frage ist meiner Meinung nach, ob Primitivismus irgendeine Hilfe für eine anarchistische und revolutionäre Kritik der Zivilisation ist.

Das Wort Primitivismus kann zwei ziemlich verschiedene Dinge bedeuten. Einerseits kann es schlicht bedeuten, Gebrauch von dem zu machen, was wir über „primitive“ Gesellschaften [1] wissen, um die Zivilisation zu kritisieren. Diese Form des Primitivismus erscheint relativ harmlos. Aber ist sie das wirklich? Lässt man die offensichtliche Kritik an der Abhängigkeit von diesen Expert*innen namens Anthropologen im Hinblick auf Informationen über „primitive“ Gesellschaften beiseite, gibt es noch ein anderes Problem. Die eigentlichen Gesellschaften, die wir „primitiv“ nennen, waren und – wo sie noch existieren – sind lebende Beziehungen zwischen realen, lebenden, atmenden menschlichen Wesen, Individuen die in Interaktion mit der Welt um sie herum stehen. Sie als Vergleichsmodell zu begreifen beinhaltet bereits eine Verdinglichung dieser gelebten Beziehungen, die diese in etwas Abstraktes – die „Primitiven“ – verwandelt, ein idealisiertes Bild der „Primitivität“. Dadurch entmenschlicht und deindividualisiert der Gebrauch dieser Methode der Zivilisationskritik die realen Menschen, die diese Beziehungen leben und gelebt haben. Außerdem bietet uns diese Art von Kritik kein wirkliches Werkzeug, um zu identifizieren, wie wir hier und jetzt gegen Zivilisation kämpfen können. Bestenfalls wird die vergegenständlichte, abstrakte Konzeption des „Primitiven“ zu einem Modell, einem Programm für eine mögliche zukünftige Gesellschaft.

Das bringt mich zu der zweiten Bedeutung von Primitivismus, der Idee, dass „primitive“ Gesellschaften ein Modell für eine zukünftige Gesellschaft bieten. Die Anhänger*innen dieser Form des Primitivismus können selbst rechtmäßig Primitivist*innen genannt werden, weil sie, so sehr sie es auch leugnen mögen, ein Programm und eine Ideologie unterstützen. In dieser Form halte ich Primitivismus tatsächlich für unvereinbar mit anarchi[sti]schem Denken und Handeln. Der Grund dafür findet sich in dem Zitat von Novatore zu Beginn dieses Textes. Man ersetze einfach „Kommunismus“ mit „Primitivismus“ und „kollektive Revolution“ mit „industriellem Kollaps“ und alles sollte klar sein. So wie ich es sehe, ist einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Marxismus und Anarchismus, dass letzterer nicht eine im Grunde eschatologische Vision einer Zukunft ist, auf die wir warten, sondern ein Weg, auf dem wir die Welt hier und jetzt konfrontieren. Demnach ist Revolution für eine*n Anarchist*in nicht etwas, das irgendwelche historischen Prozesse für die Zukunft garantieren, sondern etwas, das wir hier und jetzt leben und kreieren. Primitivismus kann genausowenig im Jetzt gelebt werden wie der marxistische Kommunismus. Auch er ist ein Programm für die Zukunft und zudem eines, das von Ungewissheiten abhängt, die jenseits unserer Kontrolle liegen diese herbeizuführen. Daher hat er nicht mehr mit einer anarchistischen Praxis zu tun als Marx‘ Eschatologie.

Ich habe bereits dargelegt, wie das bloße Konzept des „Primitiven“ die realen Leben und Beziehungen derer, die mit diesem Label versehen werden, verdinglicht. Das offenbart sich unter Primitivist*innen, die danach streben, ihre Ideologie jetzt zu praktizieren, auf die Art und Weise, dass diese Praxis schließlich definiert wird. Auf eine Weise, die viel zu sehr an den Marxismus erinnert, wird „primitives“ Leben auf ökonomische Notwendigkeiten reduziert, auf eine Reihe an Fähigkeiten – Feuer mit einem Bogen machen, mit einer Speerschleuder jagen, wilde essbare und heilende Pflanzen kennenlernen, einen Bogen herstellen, Shelter zu bauen, etc., etc. –, die erlernt werden müssen, um zu überleben. Das mag dann ein wenig aufgepeppt werden mit einem Konzept von Naturspiritualität aus einem Buch oder irgendeinem neuzeitlichen Bullshit entlehnt, die vielleicht auf eine Rückkehr zu einer „natürlichen Einheit“ hinausläuft. Aber letzteres gilt nicht als Notwendigkeit. Die Totalität des Lebens der Menschen, die als „primitiv“ gelabelt werden, wird ignoriert, weil sie weitestgehend unbekannt und für diejenigen, die in der industriellen kapitalistischen Zivilisation, die heute die Welt dominiert, geboren und aufgewachsen sind – und das beinhaltet uns alle, die wir in die Entwicklung einer anarchistischen Kritik der Zivilisation involviert sind –, vollkommen unzugänglich ist. Aber selbst wenn wir bloße Überlebensfähigkeiten berücksichtigen, ist es eine Tatsache, dass selbst in den Vereinigten Staaten und Kanada, wo echte, ziemlich ausgedehnte (wenngleich recht beschädigte) Wildnis existiert, sich nur sehr wenige Menschen auf diese Art und Weise selbst versorgen können. Also denken diejenigen, die diese Fähigkeiten mit dem Gedanken lernen, tatsächlich in ihrer eigenen Lebenszeit als „Primitive“ zu leben, nicht an die Zerstörung der Zivilisation (außer vielleicht als unvermeidbarer zukünftiger Umstand, für den sie glauben vorbereitet zu sein), sondern an eine Flucht aus ihr. Ich missgönne ihnen das nicht, aber das hat nichts mit Anarchie oder einer Kritik der Zivilisation zu tun. Auf einer praktischen Ebene ist es vielmehr eine fortgeschrittene Form des „Indianer Spielens“, wie das die meisten von uns hier in den USA als Kinder taten und in Wahrheit wird es auch ungefähr genauso ernst genommen. Fast alle Personen, die ich kenne, die im Namen des „Anarcho-Primitivismus“ damit begonnen haben, sich „primitive“ Fertigkeiten anzueignen, zeigen durch die Unmengen an Zeit, die sie vor dem Computer verbringen, um Webseiten aufzusetzen, sich an Online-Diskussionen zu beteiligen, Blogs zu betreiben, etc., etc., wie bereit sie für ein solches Leben sind. Häufig wirken sie auf mich eher wie hyperzivilisierte Kids, die Rollenspiele im Wald spielen, als wie Anarchist*innen im Prozess der Entzivilisierung.

Eine anarchistische und revolutionäre Kritik der Zivilisation beginnt nicht mit dem Vergleich mit anderen Gesellschaften oder irgendeinem zukünftigen Ideal. Sie beginnt mit meiner Konfrontation, mit deiner Konfrontation mit der unmittelbaren Realität der Zivilisation in unseren Leben im Hier und Jetzt. Sie beginnt mit der Erkenntnis, dass die Totalität sozialer Beziehungen, die wir Zivilisation nennen, nur existieren kann, indem sie uns unsere Leben stiehlt und diese in kleine Teile zerlegt, die die herrschende Ordnung für ihre eigene Reproduktion nutzen kann. Das ist kein Prozess, der ein für allemal in einer entfernten Vergangenheit abgeschlossen wurde, sondern einer, der fortwährend, in jedem Moment, weitergeht. Das ist, wo die anarchistische Art, das Leben zu begreifen, beginnt. In jedem Moment müssen wir versuchen zu bestimmen, wie wir die Totalität unseres eigenen Lebens zurückerlangen können, um sie gegen die Totalität der Zivilisation zu verwenden. Entsprechend ist unser Anarchismus, wie Armando Diluvi gesagt hat, essentiell destruktiv. Als solcher bedarf er keiner Modelle oder Programme, auch nicht dem des Primitivismus. Wie ein alter, toter, bärtiger Kenner des Anarchismus gesagt hat: „Das Verlangen zu zerstören ist ebenfalls ein kreativer Drang“. Und einer, der sofort in die Tat umgesetzt werden kann. (Ein anderer toter anti-autoritärer Revolutionär eine oder zwei Generationen später nannte die leidenschaftliche Zerstörung „einen Weg, die Freude sofort zu ergreifen“).

Allerdings bin ich nicht dagegen, sich spielerisch mögliche dezivilisierte Welten vorzustellen. Aber damit solche Vorstellungen wirklich spielerisch sind und damit sie experimentelles Potenzial haben, können sie keine Modelle sein, die aus abstrakten Konzeptionen vergangener oder zukünftiger Gesellschaften entwickelt wurden. Tatsächlich ist es meiner Meinung nach am Besten das Konzept einer „Gesellschaft“ selbst hinter sich zu lassen und stattdessen von sich fortwährend verändernden, miteinander verwobenen Beziehungen zwischen einzigartigen begehrenden Individuen auszugehen. Abgesehen davon können wir nur dort spielen und experimentieren, wo unser Verlangen nach dem augenscheinlich „Unmöglichen“ auf die Realität trifft, die uns umgibt. Würde die Zivilisation zu unseren Lebzeiten niedergerissen, würden wir nicht einer Welt voller üppiger Wälder und Wiesen und gesunden Wüsten gegenüberstehen, die vor Überfluss an wildem Leben nur so wimmelt. Stattdessen würden wir einer Welt der Trümmer der Zivilisation gegenüberstehen – verlassene Gebäude, Geräte, Schrott, etc., etc. [2]. Vorstellungen, die weder an einen Realismus noch an eine primitivistische moralische Ideologie gefesselt sind, können viele Wege finden, das alles zu nutzen, zu entdecken und damit zu spielen – die Möglichkeiten sind beinahe unendlich. Wichtiger noch, das ist eine unmittelbare Möglichkeit und eine, die explizit mit einem destruktivem Angriff auf die Zivilisation verbunden werden kann. Und diese Unmittelbarkeit ist äußerst wichtig, denn ich lebe jetzt, du lebst jetzt, nicht in mehreren hundert Jahren, wenn ein erzwungenes Programm mit dem Ziel eines primitivistischen Ideals vielleicht in der Lage wäre, eine Welt zu schaffen, in der dieses Ideal global realisiert werden könnte – wenn Primitivist*innen ihre Revolution jetzt zustandebrächten und ihr Programm umsetzen würden. Glücklicherweise scheint kein*e Primitivist*in die Absicht zu haben, derart autoritäre revolutionäre Maßnahmen anzuwenden; stattdessen ziehen sie es vor, auf eine Art quasi-mystische Transformation zu vertrauen, die ihren Traum wahr werden lässt (Vielleicht wie die Vision der Native American Geistertanzreligion, wo die Landschaft, die von den europäischen Invasor*innen geschaffen wurde, abgeschält werden sollte, um eine unberührte wilde Landschaft voll von üppigem Leben zurückzulassen).

Deshalb mag es ein wenig ungerecht sein, die primitivistische Vision ein Programm zu nennen (Auch wenn ich, da ich keine Verwendung für bürgerliche Werte habe, einen Scheiß darauf gebe, ungerecht zu sein). Vielleicht ist sie eher eine Sehnsucht. Wenn ich einige dieser Fragen mit Primitivist*innen diskutiere, die ich kenne, dann sagen sie oft, dass die primitivistische Vision ihre „Sehnsüchte“ widerspiegeln würde. Nun, ich habe ein anderes Konzept von Sehnsucht als sie. „Sehnsüchte“ basierend auf abstrakten und verdinglichten Bildern – in diesem Fall dem Bild des „Primitiven“ – sind jene Gespenster der Sehnsucht [3], die den Konsum von Waren antreiben. Das äußert sich explizit bei manchen Primitivist*innen nicht nur durch den Konsum von Büchern der verschiedenen Theoretiker*innen des Primitivismus, sondern auch durch das Geld und/oder die Arbeitszeit, die aufgewandt werden, um sogenannte „primitive“ Fähigkeiten in Schulen zu erwerben, die sich darauf spezialisiert haben. [4] Aber dieses Gespenst der Sehnsucht , dieses Sehnen nach einem Bild, das keinerlei Verbindung zur Realität hat, ist keine wahre Sehnsucht, da der Gegenstand wahrer Sehnsucht kein abstraktes Bild ist, auf das man sich fokussiert – ein Bild, das man kaufen kann. Sie wird durch Aktivitäten und Beziehungen innerhalb der Welt im Hier und Jetzt entdeckt. Sehnsucht, wie ich sie betrachte, ist vielmehr der Drang zu handeln, sich in Beziehung zu setzen, zu erschaffen. In diesem Sinne kann ihr Gegenstand nur in der Erfüllung der Sehnsucht, in ihrer Verwirklichung erschaffen werden. Das verweist wieder auf die Notwendigkeit der Unmittelbarkeit. Und nur in diesem Sinne wird die Sehnsucht zum Feind der Zivilisation, in der wir leben, der Zivilisation, deren Existenz auf dem Versuch basiert, alle Beziehungen und Aktivitäten zu verdinglichen, sie in Dinge zu verwandeln, die über uns stehen und uns definieren, sie zu identifizieren, zu institutionalisieren und zu kommerzialisieren. Demnach wirkt die Sehnsucht unmittelbar vielmehr als ein Antrieb, als ein Verlangen darauf hin, alles was sie am entschlossenen Voranschreiten hindert, anzugreifen. Sie entdeckt ihren Gegenstand in der Welt um sie herum, nicht als ein abstraktes Ding, sondern als lebhafte Beziehungen. Deshalb muss sie die institutionalisierten Beziehungen angreifen, die die Aktivität in Routine, Muster, Bräuche und Gewohnheiten zwängen – in Dinge, die dazu dienen, zu herrschen. Betrachte dies im Hinblick darauf, was das für Aktivitäten wie Hausbesetzungen, Enteignungen, die Arbeitszeit für sich selbst nutzen, Graffiti, etc., etc. bedeuten könnte und wie diese sich zu expliziteren Formen der zerstörerischen Aktivität verhalten.

Wenn wir schließlich die Dekonstruktion der Zivilisation als lebhaften und bewussten Akt ihrer Zerstörung begreifen, nicht um ein Programm einzuführen oder eine bestimmte Vision zu realisieren, sondern um offen und endlos die Möglichkeiten uns selbst zu verwirklichen und unsere Potenziale und Sehnsüchte zu erforschen, dann können wir damit beginnen, dies als unsere Art und Weise, im Hier und Jetzt gegen die bestehende Ordnung zu leben, zu tun. Wenn wir statt auf ein Paradies zu hoffen, das Leben, die Freude und das Staunen jetzt ergreifen, so werden wir eine wahrhaft anarchi[sti]sche Kritik der Zivilisation leben, die nichts mit irgendeinem Bild des „Primitiven“ zu tun hat, sondern vielmehr mit unserem unmittelbaren Bedürfnis nicht länger domestiziert zu werden, mit unserem Bedürfnis einzigartig zu sein, nicht gezähmt, kontrolliert oder durch Identitäten bestimmt. Dann werden wir Wege finden, all das, was wir uns zu eigen machen können, zu ergreifen und all das zu zerstören, das danach strebt uns zu bezwingen.

Endnoten

[1] Die Verwendung des Begriffs „primitiv“ – was so viel bedeutet wie „erste“ oder „frühe“ – für Gesellschaften, die bis in moderne Zeiten existiert haben, ohne eine Zivilisation zu entwickeln, bringt einige fragwürdige Annahmen mit sich. Wie können Gesellschaften, die heute existieren, „erste“ oder „frühe“ sein? Sind diese gerade erst aufgetaucht? Sind diese in einer lebendigen Welt, die beständig in Bewegung ist, statisch und unverändert geblieben? Kann menschliche Entwicklung nur auf eine Art stattfinden – als die Entwicklung der Zivilisation? Außerdem, welche dieser Gesellschaften ist die authentische „primitive“? Sie sind sicher nicht alle gleich oder zumindest so ähnlich. Homogenität ist ein Charakterzug der Zivilisation, nicht dieser anderen sozialen Realitäten. Also ist es lächerlich, sie alle mit einem Label zu versehen … Deshalb habe ich mich entschieden, das Wort „primitiv“ in Anführungszeichen zu setzen.

[2] Ich spreche hier spezifisch von einer bewussten, revolutionären Dekonstruktion der Zivilisation und nicht von ihrem Kollaps. Ein Kollaps wäre kein plötzliches Ereignis, das diese ein für allemal beseitigen würde. Im Prozess eines Kollapses können wir nicht einfach den Überresten der Zivilisation begegnen. Wir wären auch mit ihrem noch immer lebenden menschlichen Müll in Form von Politiker*innen konfrontiert, die zu Warlords geworden sind, um ihre Macht zu erhalten, die extrem gefährliche Waffen besitzen – sogenannte „Massenvernichtungswaffen“ –, die sie aller Wahrscheinlichkeit nach brutal einsetzen würden. Die Auswirkungen des Prozesses des Kollaps wären verheerender als alles, was wir bisher gesehen haben.

[3] Der Poet William Blake sprach über diese in Die Hochzeit von Himmel und Hölle.

[4] Diese hochpreisigen Schulen lassen diejenigen, denen das Geld für sie fehlt, im Austausch für unbezahlte Arbeit teilnehmen. Dies ist eine Form der Ausbeutung, die euphemistischerweise als „Arbeits-Tausch“ bezeichnet wird, ein Begriff, der von der Linken der Moderne erfunden wurde – und so handelt es sich dabei unvermeidbar um eine Wagenladung Ochsenscheiße, die geschaffen wurde, um die ausbeuterische Beziehung zu verschleiern.

 

Übersetzung aus dem Englischen: Wolfi Landstreicher. A Critique, Not a Program: For a Non-Primitivist Anti-Civilization Critique.

Eine ausgeglichene Bilanz der Welt: Ein kritischer Blick auf die wissenschaftliche Weltanschauung

Der Ursprung der modernen Wissenschaft im 16. und 17. Jahrhundert stimmt mit den Ursprüngen des modernen Kapitalismus und des Industriesystems überein. Von Anfang an passten die Weltanschauung und die Methoden der Wissenschaft perfekt mit der Notwendigkeit des kapitalistischen Sozialsystems zusammen, die Natur und die überwältigende Mehrheit der Menschen zu beherrschen. Francis Bacon stellte klar, dass Wissenschaft nicht der Versuch sei die Natur so zu verstehen wie sie ist, sondern sie so zu beherrschen, dass sie für die Zwecke der Menschheit – in diesem Fall sind jene die derzeitigen Herrscher der sozialen Ordnung – verändert werden könne. In diesem Licht muss Wissenschaft notwendigerweise durch jede_n, der die gegenwärtige soziale Realität infrage stellt, einer sozialen Analyse unterworfen werden.

Wissenschaft ist nicht einfach eine Art die Welt zu beobachten, mit ihren Elementen zu experimentieren und daraus vernünftige Schlüsse zu ziehen. Ansonsten müssten wir Kinder, sogenannte Primitive und eine große Anzahl an Tieren als exzellente Wissenschaftler_innen anerkennen. Doch den praktischen Experimenten, die von uns allen jeden Tag durchgeführt werden, fehlen einige notwendige Faktoren, von denen der erste und wichtigste das Konzept des Universums als eine einzelne Entität ist, die sich an universelle, rationale, erfahrbare Gesetze hält. Ohne dieses Fundament kann Wissenschaft nicht als solche agieren.

Natürlich kam die Vorstellung von universellen Naturgesetzen bereits im antiken Griechenland auf, ungefähr zur selben Zeit, zu der schriftliche Gesetze zum Regieren der Stadtstaaten und geldbasierter Handel aufkamen. Aber die griechisch-antike Perspektive unterschied sich erheblich von der der modernen Wissenschaft. Die universellen Naturgesetze der griechischen Philosophie waren fundamental relational, parallel zu den politischen und ökonomischen Institutionen der griechisch-antiken Gesellschaft. So tendierte diese Wahrnehmung dazu Mäßigung zu propagieren – Aristoteles‘ „goldener Mittelweg“ – und die Vermeidung von Hybris, Züge, die sehr deutlich nicht ihr Äquivalent in der modernen wissenschaftlichen Perspektive finden.

Zwischen der Zeit der griechisch-antiken Philosophen und dem Beginn der modernen Wissenschaft beeinflussten zwei bedeutende historische Ereignisse die westliche Sicht auf die Welt. Das erste war das Aufkommen des Christentums als der zentrale bestimmende Faktor im westlichen Denken. Diese Weltanschauung ersetze das Konzept vielfacher Gottheiten, die Teil der Welt waren, mit einem Gott außerhalb des Universums, der dieses erschaffen hätte und der es kontrolliere. Zusätzlich erklärte sie, dass die Welt zum Gebrauch von Gottes Lieblingskreatur, dem Menschen, geschaffen worden sei, der diese unterwerfen und beherrschen solle. Das zweite bedeutende Ereignis war die Erfindung der ersten automatischen Maschine, die eine bedeutende Rolle im öffentlichen Sozialleben spielte: der Uhr. Die volle Bedeutung der Erfindung der Uhr in der Entwicklung des Kapitalismus, insbesondere in seiner industrialisierten Form, ist eine Geschichte für sich, aber mein Interesse hier ist spezifischer. Durch die Materialisierung des Konzepts einer nicht-lebendigen Sache, die sich nichtsdestotrotz von selbst bewegen konnte, schuf die Uhr für die Bevölkerung eine verständliche Basis für ein neues Verständnis des Universums. Zusammen mit der Vorstellung eines Schöpfers außerhalb des Universums stellte sie die Basis dafür, die Einsheit des Universums als ein Uhrwerk zu betrachten, das durch den großen Uhrmacher erschaffen worden war. In anderen Worten, sie war essenziell mechanisch.

So legten Religion und eine technologische Entwicklung die Basis für die Entwicklung einer mechanistischen Sicht auf das Universum und damit auf moderne Wissenschaft. Wenn man anerkennt, wie wichtig Religion für die Entwicklung dieses Systems ist, dann sollte es niemanden überraschen, dass die meisten frühen Wissenschaftler Geistliche waren, und dass die Leiden von Galileo und Kopernikus Ausnahmen waren, nützlich, um die Mythologie der Wissenschaft als eine Kraft der Wahrheit zu entwickeln, die den Obskurantismus von Aberglaube und Dogma bekämpft. Tatsächlich arbeiteten die frühen Wissenschaftler:innen im Allgemeinen für die eine oder andere der verschiedenen Staatsmächte als integraler Teil der Machtstrukturen, und folgten demselben Pfad wie einer der Meistbekannten unter ihnen, Francis Bacon, der kein Problem damit hatte, Leute wie Giordano Bruno den kirchlichen Autoritäten zu melden, weil sie ‚ketzerische‘ Ideen verbreiten würden.

Doch die Wissenschaftsskandale, wie die Skandale der Kirche, des Staates oder des Kapitals, sind nicht das wesentliche Problem. Dieses liegt in den ideologischen Fundamenten der Wissenschaft. Im Wesentlichen relationale Sichtweisen auf das Universum – ob das legalistische der antiken Griechen oder die fluideren Sichtweisen der Menschen, die außerhalb der Zivilisation lebten – implizieren, dass ein Verständnis vom Universum daher kommen würde, zu versuchen es so holistisch wie möglich zu betrachten, um die Beziehungen zwischen den Dingen, die Verbindungen und die Interaktionen zu beobachten. Solch ein Sichtweise funktioniert für jene gut, die kein Verlangen haben, das Universum zu beherrschen, sondern lieber lediglich herausfinden wollen, wie sie mit ihrer Umgebung interagieren können, um ihre Wünsche zu erfüllen und ihr Leben zu erschaffen. Aber der kapitalistische Bedarf an industrieller Entwicklung verlangte eine andere Sichtweise.

Wenn das Universum eine Maschine ist und kein Beziehungsgeflecht von Myriaden an Wesen, dann erlangt niemand durch simple Beobachtung und direkte Experimente ein Verständnis davon. Stattdessen bedarf es einer spezialisierten Form des Experimentierens. Man kann kein Verständnis darüber erlangen, wie eine Maschine funktioniert, indem man sie einfach nur beobachtet, wie sie in ihrer Umgebung funktioniert. Man muss sie in ihre Teile zerlegen – die Zahnräder, die Räder, die Kabel, die Hebel, etc. –, um herauszufinden, welcher Teil was tut. Ein fundamentaler Aspekt der Methode der modernen Wissenschaft ist also die Notwendigkeit, alles in seine Teile zu zerlegen, mit dem Ziel die grundlegendste Einheit zu finden. In diesem Licht versteht man, warum Wissenschaftlerinnen denken, dass es möglich ist mehr über das Leben herauszufinden, indem sie im Labor einen Frosch aufschneiden, als indem sie am Teich sitzen und Frösche und Fische und Mücken und Seerosenblätter dabei beobachten, wie sie tatsächlich zusammenleben. Das Wissen, das Wissenschaft verfolgt, ist quantitatives Wissen, mathematisches Wissen, utilitaristisches Wissen – eine Art von Wissen, das die Welt in die Maschine verwandelt, von der sie behauptet, dass die Welt diese sei. Diese Art von Wissen kann nicht durch freie Beobachtung in der Welt erworben werden. Es braucht die Sphäre des Labors, wo mit Teilen experimentiert werden kann, außerhalb des Kontextes des Ganzen, und innerhalb des Systems der ideologischen Fundamente mathematischer und mechanistischer Weltanschauungen. Nur Teile, die auf diese Art getrennt worden sind, können so wieder zusammengebaut werden, dass sie die Bedürfnisse derjenigen befriedigen, die bestimmen.

Natürlich sind die ersten Teile, die von diesem mechanistischen Ganzen getrennt werden müssen, die Wissenschaftler selbst. Der Faktor, der die Experimente von Tieren, Kindern, unzivilisierten und nicht ausgebildeten Menschen innerhalb der modernen Welt unwissenschaftlich macht, ist unser Mangel an sogenannter Objektivität; wir sind zu sehr Teil, immer noch in intimer Beziehung zu dem, mit dem wir experimentieren. Die Wissenschaftler:in hingegen wurde dazu ausgebildet sich selbst außerhalb dessen zu platzieren, mit dem sie experimentieren will, und die kalte Rationalität der Mathematik zu nutzen. Jedoch unterscheidet sich diese Objektivität tatsächlich nicht von der Trennung des Königs, einer Kaiserin oder eines Diktators von den Menschen, die jene beherrschen. Der Wissenschaftler kann nicht in irgendeinem wortwörtlichen Sinne aus der natürlichen Welt heraustreten, was ihm erlauben würde, diese von außerhalb ihrer Grenzen zu betrachten (für alle praktischen Vorhaben und Zwecke hat dieses Universum keine Grenzen). Eher wie ein Kaiser von den Höhen seines Thrones aus proklamiert die Wissenschaftlerin aus ihrem Labor heraus dem Universum: „Du wirst dich meinen Befehlen unterwerfen.“ Die wissenschaftliche Weltanschauung kann wirklich nur auf diese Art verstanden werden. Die Auffassungen von der Natur des Universums, die von der modernen Wissenschaft hervorgebracht wurden, sind weniger beschreibend als vorschreibend, Erlasse, die proklamieren, in was die natürliche Welt gezwungen wird sich zu verwandeln: mechanische Teile mit regelmäßigen, voraussehbaren Bewegungen, die so zum Funktionieren gebracht werden können, wie es die herrschende Klasse, die die wissenschaftliche Forschung finanziert, wünscht. Es sollte nicht überraschen, dass die Sprache der Wissenschaft die gleiche Sprache ist wie die der Wirtschaft und der Bürokratie, eine leidenschaftslose Sprache ohne konkrete Verbindung zum Leben, die Sprache der Mathematik. Welche bessere Sprache konnte man finden, um das Universum zu beherrschen – eine Sprache, die zur selben Zeit sowohl ganz und gar willkürlich als auch ganz und gar rational ist?

Also entwickelte sich moderne Wissenschaft mit einem spezifischen Zweck. Dieser Zweck war nicht die Suche nach der Wahrheit oder gar Wissen außer im aller utilitaristischsten Sinne, sondern eher die Atomisierung und Rationalisierung der natürlichen Welt, sodass sie in ihre Bestandteile zerlegt werden kann, die dann in neue, regulierte, bemessene Beziehungen gezwungen werden können, die nützlich für die Entwicklung techologischer Systeme sind, die mehr und mehr Bestandteile zur Reproduktion dieser Systeme extrahieren können. Schließlich war es das, was die Herrscher wollten, und sie waren die Förderer (und so finanziell auch die Begründer) der modernen Wissenschaft.

Mit der Mathematisierung aller Dinge verschwindet alles, das einzigartig an einem Ding ist, denn das, was einzigartig ist, steht außerhalb jeder Abstraktion und folglich außerhalb der Mathematik. Wenn das, was einzigartig an Wesen und Dingen ist, verschwindet, verschwindet auch die Basis für leidenschaftliche Beziehungen, für Beziehungen des Verlangens. Wie misst man schließlich Leidenschaft? Wie kalkuliert man Verlangen? Die Vorstellung der instrumentellen Vernunft bietet wenig Raum für irgendeine andere Leidenschaft als diese verformte Art der Gier, die danach aus ist, mehr und mehr der standardisierten, in Waren verwandelten Gegenstände, die auf dem Markt erhältlich sind, zu akkumulieren, ebenso wie das Geld, das sie im striktesten mathematischen Sinne gleich macht.

Die verschiedenen Klassifikationssysteme der Wissenschaft – die Parallelen zu Systemen aufweisen, die von staatlichen Bürokratien verwendet werden – spielten mit Sicherheit eine bedeutende Rolle in dem Prozess, das Einzigartige aus den Gefilden der Wissenschaft zu verbannen. Doch die Wissenschaft nutzt eine andere heimtückischere und irreparable Methode, um das Einzigartige zu zerstören. Sie versucht, alles in seine kleinstmöglichen Komponenten zu zerteilen – erst jene Einheiten, die sich alle Entitäten eines besonderen Typs teilen, und dann jene, die von allen Entitäten, die existieren, geteilt werden –, denn Mathematik kann nur bei homogenen Einheiten angewendet werden, Einheiten, die äquivalent sei können. Wenn frühe Wissenschaftler*innen dazu tendierten häufig mit toten Tieren, Menschen eingeschlossen, zu experimentieren, dann lag das daran, dass im Tod ein Hund oder ein Affe oder ein Mensch ziemlich so ist wie jeder andere. Wenn sie mit aufgeschnittenen Körpern auf einem Brett im Labor aufgepinnt sind, sind Frösche dann nicht alle äquivalent geworden? Doch das nimmt Dinge noch nicht aduäquat auseinander. Sicherlich erlaubten es solche Experimente, ob mit toten Organismen oder mit nicht-organischer Materie, der Wissenschaft, die Welt in Bestandteile zu zerlegen, die sie so gestalten konnte, dass sie in ihre wohlbemessene, kalkulierte, mechanistische Perpektive passten, ein notwendiger Schritt in der Entwicklung industrieller Technologie. Jedoch waren Mathematik und ihre korrespondierende mechanistische Weltanschauung immer noch relativ klar Ideen, die einer unwilligen und widerständigen Welt aufgezwungen wurden – insbesondere (oder vielleicht nur am deutlichsten) der menschlichen Welt, der Welt der Ausgebeuteten, die nicht wollten, dass ihre Leben in Arbeitsstunden abgemessen werden, getimed durch die industriell akkuraten Uhren des Bosses, die Ausgebeuteten, die nicht jeden Tag damit verbringen wollten, die gleiche repetitive Aufgabe zu verrichten, die gleichzeitig auch von hunderten – oder vielleicht tausenden – anderen im selben Gebäude oder in einem, das identisch mit diesem ist, verrichtet wird, um das allgemeine Äquivalent zu verdienen, um das eigene Überleben zu kaufen.

Physik war schon immer die Wissenschaft gewesen, die sich an vorderster Front bemühte, Mathematik zur inhärenten Basis der Realität zu machen. Wenn man dem Mythos Glauben schenken will, brachte der Umstand, dass Newton der Apfel am Kopf traf, ihn angeblich auf die Idee, mathematische Gleichungen aufzustellen, die mathematisch die Anziehung und die Abstoßung von Objekten erklärten. Aus irgendeinem Grund soll uns das davon überzeugen, dass er ein Genie war und nicht etwa ein kleinkarierter, berechnender Geschäftsmann/Wissenschaftler. (Er war Aktionär der berühmten East India Company, die die finanzielle Basis für so viele britische imperialistische Bemühungen gestellt hat und war eine gewisse Zeit Direktor der Bank of England). Aber das Newtonsche Gravitationsgesetz, Galileos Trägheitsgesetz, die Gesetze der Thermodynamik, etc. begegnen einer als mathematische Konstrukte des menschlichen Gehirns, die dem Universum auferlegt werden, so wie auch ihre technologischen Ergebnisse – das industrielle System des Kapitalismus –, diese rationalisierte Weltanschauung, den ausgebeuteten Klassen im Alltag auferlegt wurde.

Davon ausgehend sollte klar sein, dass die wissenschaftliche Methode nie die empirische Methode war. Letztere basierte ausschließlich auf Erfahrung, Beobachtung und Experimenten innerhalb der Welt ohne Vorannahmen, weder mathematische noch sonstige. Die wissenschaftliche Methode auf der anderen Seite beginnt mit der Notwendigkeit dem Universum mathematische, instrumentelle Rationalität aufzuerlegen. Um diese Aufgabe ausführen zu können, mussten, wie ich bereits sagte, spezifische Bestandteile von ihrer Umgebung getrennt und in die sterile Umgebung eines Labors transferiert werden, damit dort dann an ihnen herumexperimentiert werden kann, um herauszufinden, wie sie an diese instrumentelle, mathematische Logik angepasst werden können. Weit entfernt von der sinnlichen Erforschung der Welt, die eine wahrhaft empirische Untersuchung darstellen würde.

Moderne Wissenschaft war nicht in der Lage sich weiterzuentwickeln, weil sie den Weg dahin eröffnet, Wissen zu vergrößern, sondern weil sie darin erfolgreich war, die Aufgabe zu erfüllen, für welche der Staat und die herrschende Klasse sie finanzierte. Moderne Wissenschaft sollte nie dazu dienen, wahres Wissen über diese Welt zur Verfügung zu stellen – das hätte ein Eintauchen in die Welt erfordert, nicht die Trennung davon –, sondern eher dazu eine bestimmte Perspektive auf das Universum aufzuerlegen, die jenes in eine Maschine verwandeln könne, die der herrschenden Klasse nützlich ist. Das industrielle System ist der Beweis für den Erfolg der Wissenschaft, diese Aufgabe zu erfüllen, aber nicht für den Wahrheitsgehalt ihrer Weltanschauung. In diesem Licht können wir die „Fortschritte“ untersuchen, die die „neue Physik“ genannt werden – Relativitätsphysik, Atomphysik und Quantenphysik, denn es ist diese post-Newton’sche Physik, der es gelingt, die mathematische Konzeption des Universums zu solch einem Grad aufzuerlegen, dass beide als eins angesehen werden. In der Newton’schen Physik ist das Universum eine materielle Realität, eine Maschine, die aus verschiedenen Teilen zusammengebaut ist, deren Interaktionen mathematisch „erklärt“ werden können (auch wenn, tatsächlich, nichts wirklich erklärt ist). In der „neuen“ Physik ist das Universum ein mathematisches Konstrukt – bei der Materie einfach Teil der Gleichung ist –, das aus Informationsteilchen besteht. In anderen Worten, die „neue“ Physik hat eine kybernetische Sicht auf das Universum.

Die Relativitätsphysik mathematisiert das Universum auf einer makrokosmischen Ebene. Laut ihrer Theorie ist das Universum ein „Raum-Zeit-Kontinuum“. Aber was bedeutet das? Das „Raum-Zeit-Kontinuum“ ist tatsächlich ein rein mathematisches Konstrukt, der multidimensionale Graph einer komplexen Gleichung. So ist dieses komplett außerhalb einer empirischen Observation – seltsamerweise wie ein Cyberspace. Oder nicht seltsamerweise, wenn man das Erstere als Vorbild für das Letztere betrachtet. Noch einmal, es ist wenig von Bedeutung, ob dieses Bild des Universums wahr ist. Es funktioniert auf einer technologischen und wirtschaftlichen Ebene, und eine korrekte Summe unter dem Bilanzstrich ist schon immer die einzige Wahrheit gewesen, für die sich die Wissenschaft interessierte.

Die „endgültige Realität“, die dieses „Raum-Zeit-Kontinuum“ ist – diese „Realität“ jenseits unserer Sinne, von der uns die Expertinnen erzählen, sie sei realer als unsere tägliche Erfahrung (und wer zieht sie noch in Zweifel in dieser entfremdeten Welt?) –, ist aus Informationsteilchen konstruiert, die Quanten genannt werden. Das ist der Mikrokosmos der totalen Mathematisierung des Universums, das Reich der Quantenphysik. Die Quantenphysik ist besonders interessant wegen der Art, auf die sie das Projekt der modernen Wissenschaft offenbart. Quantenphysik soll die Wissenschaft über subatomare Partikel sein. Zuerst gab es davon nur drei: das Proton, das Elektron und das Neutron. Diese erklärten das atomare Gewicht, Elektrizität, etc. und erlaubten die Entwicklung von Nukleartechnologie und moderner Elektronik. Aber zu viele mathematische Diskrepanzen taten sich auf. Die Quantenphysik hat sich dieser Diskrepanzen mit der konsistentesten wissenschaftlichen Methode, die es gibt, angenommen; sie hat neue Gleichungen formuliert, um die Diskrepanzen wegzukalkulieren und hat diese mathematischen Konstrukte neu entdeckte sub-atomare Partikel genannt. Wieder einmal gibt es nichts, das wir mithilfe unserer Sinne beobachten könnten – selbst mithilfe von Werkzeugen wie dem Mikroskop. Wir sind von der Behauptung von Experten abhängig. Aber Expertinnen für was? Offensichtlich sind sie Expert·innen darin, Gleichungen mit Lückenfüllern zu bauen, die die mathematische Konzeption des Universums aufrechterhalten, bis die nächste Diskrepanz aufkommt – und funktioniert so auf eine Weise, die parallel zum Kapitalismus selbst verläuft.

Die Relativitätsphysik und die Quantenphysik werden oft als „reine Wissenschaften“ dargestellt (als ob so etwas jemals existiert hätte), theoretische Erkundungen ohne irgendwelche instrumentalen Überlegungen. Und ohne überhaupt die Rolle dieser Wissenschaftszweige in Betracht zu ziehen, die sie in der Entwicklung von Nuklearwaffen und nuklearer Macht gespielt haben, in der Kybernetik, der Elektronik, und so weiter, wird diese Behauptung auch durch die ideologischen Interessen der Mächte, denen sie dienen, widerlegt. Zusammen präsentieren diese wissenschaftlichen Perspektiven eine Konzeption der Realität, die sich komplett außerhalb der Sphäre empirischer Beobachtung befindet. Die endgültige Realität liegt vollkommen jenseits dessen, was wir durch unsere Sinne erfahren können und existiert komplett innerhalb der Sphäre komplexer mathematischer Gleichungen, die lediglich jene mit Zeit und Bildung – das heißt die Expert_innen – lernen und manipulieren können. Dementsprechend bewirbt die „neue“ Physik – wie die alte, aber mit mehr Nachdruck – die Notwendigkeit, an die Experten zu glauben und ihrem Wort mehr als der eigenen Wahrnehmung zu vertrauen. Außerdem wird die Idee beworben, dass die Realität aus Informationsteilchen besteht, die mathematisch verbunden sind und die nach Wunsch von denen manipuliert werden können, die in die Geheimnisse eingeweiht sind, die Zauberer unseres Zeitalters, die Wissenschafts-Techniker.

Relativitäts- und Quantenphysik waren darin erfolgreich das zu tun, wovon jeder Zweig der Wissenschaft träumt; sie haben ihre Wissenssphäre komplett vom Reich der Sinne getrennt. Wenn die Realität lediglich eine komplexe mathematische Gleichung ist, die aus Informationsteilchen besteht, dann sind Gedankenexperimente sicherlich mindestens genauso verlässlich wie Experimente an materiellen Objekten. Es sollte inzwischen offensichtlich sein, dass das von Anfang an ein Ideal der modernen Wissenschaft gewesen ist. Die Trennung der Wissenschaftlerin von der Sphäre des Alltags, das sterile Labor als die Umgebung für Experimente, die eklatante Verachtung der frühen Wissenschaftler·innen für alltägliche Erfahrung und für das, was man allein über die Sinne lernen kann, sind klare Indizien für die Haltung und die Richtung der Wissenschaft. Für Bacon, für Newton, für die moderne Wissenschaft als Ganzes sind die Sinne – wie die natürliche Welt, deren Teil sie sind – auf der Suche nach Herrschaft über das Universum zu überwindende Hindernisse. Mit der Welt auf sinnlicher Ebene zu interagieren könnte sehr wahrscheinlich Leidenschaft erwecken, und die Vernunft der Wissenschaft ist eine kalte, kalkulierende Vernunft, nicht die leidenschaftliche Vernunft des Verlangens. Entsprechend passt die Welt der nicht-materiellen Experimente, die die „neue“ Physik eröffnet hat, gut in die Entwicklung der Wissenschaft.

Während einige versuchten haben, die Konzepte der Relativitäts- und der Quantenphysik als einen Bruch mit der mechanistischen Weltanschauung, die die Wissenschaft jener Zeit hochhielt, zu beschreiben, ist tatsächlich diese „neue“ Sicht auf die Welt als reines mathematisches Konstrukt, das aus Informationsteilchen besteht, exakt das Ziel der Wissenschaft. Sie entwickelte ihre materielle Manifestation in der kybernetischen Technologie. Die industrielle mechanistische Weltanschauung machte der deutlich totalisierenderen kybernetischen mechanistischen Weltanschauung Platz, denn letztere dient den Zwecken der Wissenschaft und ihrer Herr*innen besser als erstere. Die Entwicklung kybernetischer Technologie und insbesondere der virtuellen Realität eröffnete die Möglichkeit des nicht-materiellen Experimentierens für jene Wissenschaftszweige, für welche dieses vorher unmöglich gewesen ist, insbesondere für die Lebens- und die Sozialwissenschaften. Diese Welt liefert nicht nur Möglichkeiten zum Lagern, Organisieren, Kategorisieren und Manipulieren von Werten und Informationen, die während der Experimente und Forschung in der physischen Welt gesammelt werden; sie liefert eine virtuelle Welt, in der man mit virtuellen organischen Wesen und Systemen experimentieren kann, mit virtuellen Gesellschaften und Kulturen. Und wenn das Universum nicht mehr als austauschbare Informationsteilchen ist, die in mathematischer Beziehung zueinander stehen, dann sind solche Experimente auf der gleichen Ebene wie jene, die in der physischen Welt gemacht werden. Tatsächlich sind sie verlässlicher, da die Hindernisse, die durch die Sinne aufkommen und durch die Möglichkeit, eine mitfühlende Beziehung zu jenen zu entwickeln, mit denen der Wissenschaftler experimentiert, keine Rolle spielen. Nicht nötig, sich über den Fakt Sorgen zu machen, dass alles, das mathematisch kalkulierbar und entsprechend programmierbar ist, in der virtuellen Sphäre passieren kann; das zeigt lediglich die unendlichen technologischen Möglichkeiten, die in der Manipulation von Informationsteilchen liegen.

Es lohnt sich festzustellen, dass die DNA lediglich einige wenige Jahre vor dem Beginn dessen, was einige das „Informationszeitalter“ genannt haben, „entdeckt“ wurde. Natürlich hatten Kybernetik und Informationstechnologien schon seit einiger Zeit existiert, doch es war in den frühen 70er Jahren, dass diese Technologien begannen, in ausreichendem Ausmaß in die allgemeine soziale Sphäre einzudringen, so dass sie beeinflussen konnten, wie Leute die Welt sahen. Da wir bereits durch die Anforderungen des industriellen Systems von jeder tiefen, direkten Beziehung zur natürlichen Welt getrennt worden sind, erreicht uns das meiste Wissen über die Welt indirekt. Es ist nicht wirklich überhaupt irgendein Wissen, sondern Informationsteilchen, die wir durch Glauben akzeptieren. Es ist folglich nicht so schwierig, Menschen davon zu überzeugen, dass Wissen tatsächlich nicht mehr ist als eine Anhäufung dieser Teilchen, und dass die Realität einfach die komplexe mathematische Gleichung ist, die sie umschließt. Es ist nur ein kurzer Weg von dem zu der genetischen Perspektive, dass das Leben einfach die Beziehung zwischen Teilchen kodifizierter Informationen ist. Die DNA liefert genau diese austauschbaren Teilchen, die die notwendige Basis dafür sind, und liefert dadurch die Basis für die Digitalisierung des Lebens.

Wie wir gesehen haben, ist Wissenschaft nie lediglich ein Versuch gewesen, das zu beschreiben, das existiert. Stattdessen strebt sie danach, die Realität zu beherrschen und sie den Zwecken derer, die Macht besitzen, anzupassen. Demzufolge hat die Digitalisierung des Lebens und des Universums den ausdrücklichen Zweck, alles auf austauschbare Teilchen herunterzubrechen, die von jenen, die in diesen komplexen Techniken ausgebildet sind, manipuliert und angepasst werden können, um die spezifischen Erfordernisse der herrschenden Ordnung zu erfüllen. In dieser Perspektive gibt es keinen Platz für eine Vorstellung von Individualität, die sich aus dem eigenen Körper, dem eigenen Geist, den eigenen Leidenschaften, den eigenen Wünschen und den eigenen Beziehungen in einem einzigartigen Tanz durch die Welt zusammensetzt. Stattdessen sind wir nicht mehr als eine Serie an anpassbaren Bio-Teilchen. Diese Vorstellung hat eine soziale Basis. Die kapitalistische Entwicklung, insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts verwandelte Bürger (bereits Teil des Apparates des Nationalstaats) in Produzenten-Konsumenten, austauschbar mit allen anderen, je nach Bedarf der sozialen Maschine. Dank der bereits erfolgten Erschütterung der Integrität des Individuums ist es kein großer Schritt, jedes lebendige Wesen in eine reine Speicherbank für nützliche genetische Teile, in eine Ressource für die Entwicklung der Biotechnologie zu verwandeln.

Nanotechnologie wendet die gleiche Digitalisierung auf anorganische Materie an. Die Chemie und die Atomphysik lieferten die Vorstellung von Materie als ein Konstrukt von Molekülen, die wiederum ein Konstrukt von Atomen sind, die ein Konstrukt von subatomaren Partikeln sind. Das Ziel der Nanotechnologie ist die Konstruktion von mikroskopischen Maschinen auf der Molekularebene, die im Idealfall so programmiert sind, dass sie sich selbst durch die Manipulation von molekularen und atomaren Strukturen vermehren. Wenn man die verarmte Vorstellung des Lebens akzeptiert, die die Genwissenschaft und die Biotechnologie vorantreibt, wären diese Maschinen nachvollziehbarerweise „lebendig“. Wenn man einige der Ziele untersucht, von denen ihre Entwicklerinnen hoffen, dass sie diesen dienen könnten, scheint es, dass sie, wie Genmodifikationen, in der Umwelt auf eine Weise funktionieren, die der von Viren ähnelt. Andererseits erwecken einige der Beschreibungen der selbstvermehrenden Funktion, die in sie hineinprogrammiert werden soll, die furchteinflößende Idee von vom Wind verbreiteten, aktiven Krebszellen.

Die Bio- wie auch die Nanotechnologie können Horrorvision hevorrufen: groß- und kleinformatige Monster, seltsame Krankheiten, totalitäre Genmanipulation, mikroskopische vom Wind verbreitete Spionagegeräte, intelligente Maschinen, die ihren menschlichen Anhang nicht mehr benötigen. Doch dieser potentielle Horror trifft nicht das Herz des Problems. Diese Technologien reflektieren eine Sicht auf die Welt, die trocken gelegt wurde, ohne Staunen, ohne Freude, Verlangen, Leidenschaft und Individualität, eine Sicht auf eine Welt, die in eine Rechenmaschine verwandelt wurde, das Weltbild des Kapitalismus.

Die frühesten modernen Wissenschaftler:innen waren überwiegend devote Christen. Ihr mechanisches Universum war eine Maschine, die von Gott hergestellt worden war, mit einem Zweck jenseits ihrer selbst, bestimmt von Gott. Diese Idee eines höheren Zwecks ist vor langer Zeit aus der wissenschaftlichen Theorie verschwunden. Das kybernetische Universum dient keinem anderen Zweck als sich selbst aufrechzuerhalten, um den Fluss der Informationsteilchen aufrechtzuerhalten. Auf sozialer Ebene, wo es sich auf uns in unserem Leben auswirkt, bedeutet das, dass jedes Indiviuum lediglich ein Werkzeug zur Aufrechterhaltung der gegenwärtigen sozialen Ordnung ist und wenn nötig angepasst werden kann, um den Informationsfluss aufrechtzuerhalten, der dieser Ordnung erlaubt sich selbst zu reproduzieren, Informationen, die präziser Warenbörse genannt werden können.

Und hier ist die reale Funktion der Wissenschaft enthüllt. Wissenschaft ist der Versuch ein System zu schaffen, das eine Bilanz aller Ressourcen im Universum präsentieren kann, um sie dem Kapital zugänglich zu machen. Deshalb muss sie das Universum in seine kleinsten Teilchen herunterbrechen, Teilchen, die einen ausreichenden Grad an Identität und Austauschbarkeit haben, damit sie als allgemeine Äquivalente dienen können. Deshalb muss sie das Universum dazu zwingen, einem mathematischen Konstrukt zu entsprechen. Deshalb ist letztlich ein kybernetisches Modell das Geeignetste für die Funktionsweise von Wissenschaft. Der reale Zweck der modernen Wissenschaft war es von Beginn an, das Universum in eine riesige Rechenmaschine zu verwandeln, die ihre eigenen Ressourcen bilanziert. Folglich ist die Funktion der Wissenschaft schon immer gewesen, der Wirtschaft zu dienen, und ihre Entwicklung war die Suche nach den effizientesten Mitteln, um dies zu erfüllen. Doch die wissenschaftlichen Buchhalterinnen mit ihren Kalkulationen, Graphen, Grafiken und Geschäftsbüchern sind unaufhörlich mit einer widerspenstigen Realität konfrontiert, die aus Entitäten besteht, die nicht zu Nummern oder Messungen passen, aus Individuen, die sich der Austauschbarkeit widersetzen, aus Phänomenen, die sich nicht wiederholen lassen – in anderen Worten, aus Dingen, die unaufhörlich die Bilanz nicht aufgehen lassen. Wissenschaftler*innen mögen sich in ihre Laboratorien zurückziehen, in ihre Gedankenexperimente, in die virtuelle Realität, aber hinter den Türen, jenseits ihrer Gedanken, jenseits der Sphäre des Cyberspaces, wartet immer noch das nicht Bilanzierbare/Verlässliche. So wird die Wissenschaft, wie die kapitalistische soziale Ordnung, der sie dient, ein System der Verlegenheitslösungen, der beständigen Anpassung angesichts eines Chaoses, das droht die Wirtschaft zu zerstören. Die Welt, die sich die Wissenschaft ausmalt – die, von der sie behauptet, sie sei real, während sie versucht, sie durch qualvolle technologische Sklaverei und Tortur zu erschaffen – ist eine ökonomisierte Welt, und solch eine Welt ist eine trocken gelegte Welt, ohne Staunen, Freude und Leidenschaft, entwässert von allem, das sich nicht messen lässt, von allem, das über sich keine Bilanz erstellen wird.

Folglich ist der Kampf gegen den Kapitalismus der Kampf gegen die moderne Wissenschaft, der Kampf gegen ein System, das danach strebt, die Welt nur in Form von messbaren Ressourcen kennenzulernen, die einen Preis haben, in Form von austauschbaren Teilchen mit einem bestimmten ökonomischen Wert. Für jene von uns, die die Welt leidenschaftlich kennen lernen wollen, mit einem Sinn fürs Staunen, sind andere Formen der Wissensaneignung essenziell, Formen, die nicht auf Herrschaft abzielen, sondern auf Vergnügen und Abenteuer. Dass es möglich ist, das Universum auf andere Weise zu studieren und zu erforschen als auf die der modernen Wissenschaft, wurde oft genug bewiesen, durch die Überlegungen einiger Naturphilosophen im antiken Griechenland, durch das Wissen, das polynesische Seefahrer über das Meer haben, durch die Liedzeilen der australischen Aborigines und durch die besten Entdeckungen einiger Alchemist_innen und Ketzer·innen wie Giordano Bruno. Aber ich interessiere mich nicht für Vorbilder, sondern für das Eröffnen von Möglichkeiten, das Sich öffnen für Beziehungen mit der Welt um uns herum, die maßlos sind – und die Vergangenheit eröffnet nie etwas; bestenfalls zeugt sie davon, dass das, was existiert, nicht unvermeidlich ist. Eine bewusste Revolte jener, die sich nicht mäßigen lassen, könnte eine Welt voller Möglichkeiten eröffnen. Das ist ein Risiko, das sich einzugehen lohnt.

Übersetzung aus dem Englischen: Wolfi Landstreicher. A Balanced Account of the World: A Critical Look at the Scientific Worldview in Killing King Abacus Anthology.

Zahl: Ihr Urspung und ihre Evolution

Der zerreißende und demoralisierende Charakter der Krise, in der wir uns befinden, vor allem der wachsenden Leere des Geistes und der Künstlichkeit der Materie, führen uns mehr und mehr dazu, die alltäglichsten »Gegebenheiten« zu hinterfragen. Zeit und Sprache beginnen Argwohn zu erregen und auch die Zahl scheint nicht länger »neutral« zu sein. Die Blendung der Entfremdung in der technologischen Zivilisation ist zu schmerzhaft grell. um ihr Wesen noch zu verbergen und die Mathematik ist das Schema der Technologie.

Sie ist auch die Sprache der Wissenschaft – wie tief müssen wir graben, wie weit müssen wir zurückgehen, um die »Ursprünge« des beschädigten Lebens zu enthüllen? Der verworrene Strang des unnötigen Leidens, die Stränge der Herrschaft, werden durch den Druck einer unerbittlichen Gegenwart unvermeidbar abgespult.

Wenn wir fragen, auf welche Art von Fragen die Antwort eine Zahl ist und versuchen uns auf die Bedeutung von oder die Gründe für das Aufkommen des Quantitativen zu fokussieren, blicken wir wieder einmal auf ein ausschlaggebendes Moment unserer Entfremdung von einem natürlichen Dasein.

Zahl sagt, wie die Sprache, immer das, was sie nicht sagen kann. Als Wurzel einer bestimten Art der Logik oder Methode ist die Mathematik nicht bloß ein Werkzeug, sondern ein Ziel wissenschaftlichen Wissens: absolut exakt, absolut in sich stimmig und absolut allgemeingültig zu sein. Auch wenn die Welt unexakt, in Wechselbeziehung stehend und spezifisch ist, und keine*r je zwei Blätter, Bäume, Wolken, Tiere gesehen hat, die exakt gleich sind, ebenso wie kein Moment dem anderen gleich ist. Dingle reflektierte über die Vorherrschaft des Konzepts der Identität in der Mathematik und ihrem Sprössling, der Wissenschaft: »Alles, was einer*m die ultimative wissenschaftliche Analyse der materiellen Welt geben kann, ist eine Reihe von Zahlen.«

Ein wenig weitergehend will ich eine »Anthropologie« der Zahlen entwerfen und ihre soziale Einbettung erkunden. Horkheimer und Adorno verweisen auf die Grundlage der Krankheit: »Noch die deduktive Form der Wissenschaft spiegelt Hierarchie und Zwang. […] die gesamte logische Ordnung, Abhängigkeit, Verkettung, Umgreifen und Zusammenschluß der Begriffe [gründet] in den entsprechenden Verhältnissen der sozialen Wirklichkeit« – die die Arbeitsteilung ist.

Wenn die mathematische Realität die absolut formale Struktur des Normativen oder des Standardisierungs-Maßes (und später der Wissenschaft) ist, war das erste, das jemals gemessen wurde, die Zeit. Die grundlegende Verbindung zwischen Zeit und Zahl ist auf den ersten Blick offensichtlich. Die erstmals durch die Zeit vergegenständlichte Autorität wurde durch das allmähliche mathematisierte Bewusstsein der Zeit verfestigt. Oder etwas anders ausgedrückt: Die Zeit ist ein Maß und existiert als Vergegenständlichung oder Materialität dank der Einführung von Maßen.

Die Bedeutung der Symbolisierung sollte nebenbei ebenfalls bemerkt werden, da eine weitere Wechselbeziehung aus der Tatsache resultiert, dass weil das grundlegende Element jeder Messung die symbolische Repräsentation ist, die Schaffung einer symbolischen Welt die Voraussetzung für die Existenz der Zeit ist.

Zu erkennen, dass die Repräsentation mit der Sprache beginnt, die diese durch die Schaffung einer reproduzierbaren formalen Struktur verwirklicht, bedeutet auch die fundamentale Verknüpfung zwischen Sprache und Zahl zu verstehen. Eine verarmte Gegenwart, in der die Sprache zunehmend mehr verkümmert, macht es leicht zu erkennen, dass die Mathematik schlicht die reduzierteste und ausgetrocknetste Sprache ist. Der letzte Schritt der Formalisierung einer Sprache besteht darin, sie in Mathematik zu verwandeln; oder umgekehrt: je näher Sprache an die dichten Verschmelzungen der Realität herankommt, desto weniger abstrakt und exakt kann sie sein.

Die Symbolisierung des Lebens und der Bedeutung ist in der Sprache am gewandtesten, die Wittgenstein in seinem Spätwerk als buchstäblich die Welt konstituierend beschreibt. Weiterhin basiert die Sprache, wie wir sie kennen, auf dem symbolischen Vermögen, gewöhnliche und beliebige Vergleiche zu ziehen und findet darin in der Mathematik ihre größte Verfeinerung. Max Black beurteilt die Mathematik als die »Grammatik aller symbolischen Systeme«.

Der Zweck des mathematischen Aspekts von Sprache und Vorstellung ist die vollständigere Abgrenzung der Vorstellung von den Sinnen. Mathematik ist das Paradigma des abstrakten Denkens, weshalb Levy bloße Mathematik »die Methode der Isolation auf höchster Ebene« genannt hat. Eng damit verbunden sind ihre Eigenschaften der »enormen Universalität«, wie von Parsons diskutiert und ihre Verweigerung der Grenzen dieser Universalität, wie Whitehead ausführte.

Dieser Abstraktionsprozess und seine formalen, universellen Ergebnisse schaffen einen Gehalt, der vollständig vom denkenden Individuum entkoppelt zu sein scheint; der*die Nutzer*in eines mathematischen Systems und seine*ihre Werte fließen nicht in das System ein. Die hegelianische Vorstellung der Verselbstständigung entfremdeter Aktivitäten findet in der Mathematik ihre ideale Entsprechung; sie besitzt eigene Gesetze des Wachstums, ihre eigene Dialektik und steht als eine separate Macht über dem Individuum. Eine selbst existierende Zeit und die erste Entfernung der Menschheit von der Natur, muss man vorläufig hinzufügen, begannen in dem Moment aufzukommen, in dem wir erstmals anfingen zu zählen. Dadurch wurde die Beherrschung der Natur und folglich auch die des Menschen ermöglicht.

In der Abstraktion liegt die Wahrheit von Heytings Schlussfolgerung, dass »es am Charakter des mathematischen Denkens liegt, dass es keinerlei Wahrheit über die äußere Welt transportiert«. Die grundlegende Einstellung der Mathematik gegenüber dem gesamten farbenfrohen Verlauf des Lebens wird durch Folgendes zusammengefasst: »Setze dies und das mit diesem und jenem gleich!« Abstraktion und die Äquivalenz von Identität sind voneinander untrennbar; die Unterdrückung des Reichtums der Welt, die für die Identität Priorität hat, brachte Adorno zu seiner »Urwelt der Ideologie«. Die Unwahrheit der Identität ist schlicht, dass das Konzept nicht den betrachteten Gegenstand erschöpft.

Die Mathematik ist eine verdinglichte, ritualisierte Denkweise, der buchstäbliche Verzicht auf das Denken. Foucault drückte das folgendermaßen aus: »In der ersten Gebärde des ersten Mathematikers konnte man die Konstitution eines Idealzustands beobachten, der sich seither durch die gesamte Geschichte gezogen hat und nur danach strebte, wiederholt und reiner gemacht zu werden.«

Die Zahl ist die folgenschwerste Idee in der Geschichte der menschlichen Natur. Nummerierung oder Zählen (und Messung, der Prozess, in dem Zahlen Qualitäten zugewiesen werden) verfestigte Pluralität schrittweise als Quantifizierung und erzeugte dadurch den homogenen und abstrakten Charakter der Zahl, der die Mathematik möglich machte. Von ihrem Beginn als elementare Formen des Zählens (beginnend mit einer Zweiteilung und fortgesetzt mit dem Gebrauch von Fingern und Zehen als Basen) bis zur griechischen Idealisierung der Zahl entwickelte sich eine zunehmend abstrakte Art des Denkens, die parallel zur Reifung des Konzepts der Zeit verlief. Wie William James sagt, »das intellektuelle Leben des Menschen besteht beinahe vollständig aus der Substitution der empfundenen Ordnung, aus der seine Erfahrungen stammen, mit einer konzeptionellen Ordnung.«

Boas folgerte, dass »das Zählen erst notwendig wurde, als die Objekte in einer so verallgemeinerten Art und Weise begriffen wurden, dass ihre Einzigartigkeiten völlig aus dem Blickfeld verschwunden waren.« Mit der wachsenden Zivilisation haben wir gelernt zunehmend abstrakte Zeichen zu verwenden, um auf zunehmend abstraktere Referenten zu verweisen. Auf der anderen Seite besaßen prähistorische Sprachen eine Vielzahl an Begriffen für das Gefühl und das Empfinden, während sie oft keine Zahlwörter außer eins, zwei und viele besaßen. Die Jäger*innen/Sammler*innen-Menschheit hatte kaum, wenn nicht gar keinen Gebrauch für Zahlen, weshalb Hallpike verkündete, dass »wir nicht erwarten könnten, dass eine funktionierende Vorstellung von Quantifizierung eine kulturelle Norm in vielen primitiven Gesellschaften wäre«. Viel früher und wesentlich ungehobelter verwies Allier auf »die von unzivilisierten Menschen empfundene Abscheu gegenüber jeder genuinen intellektuellen Anstrengung, ganz besonders hinsichtlich der Arithmetik«.

Tatsächlich gab es entlang des langen Weges hin zur Abstraktion, von einem intuitiven Sinn für Mengen über den Gebrauch verschiedener Mengen an Zahlwörtern, um verschiedene Arten von Dingen zu zählen, bis hin zur vollkommen abstrahierten Zahl, einen immensen Widerstand, da die beinhaltete Objektifizierung gewissermaßen als das gesehen wurde, was sie war. Das erscheint angesichts der auffallenden einheitlichen Schönheit von Werkzeugen unserer Vorfahren vor rund einer halben Million Jahren, in denen das unmittelbare künstlerische und technische (auf der Suche nach einem besseren Wort) Vermögen so offensichtlich ist, und angesichts von »jüngsten Studien, die die mentalen Fähigkeiten der Menschen von vor rund 300.000 Jahren als den unseren ebenbürtig beweisen«, wie es der britische Archäologe Clive Gamble ausdrückt, weniger unplausibel.

Basierend auf der Beobachtung überlebender Stammesmenschen ist es offensichtlich, um ein weiteres Argument vorzutragen, dass Jäger*innen/Sammler*innen ein enormes und intimes Verständnis für Natur und Ökologie ihrer Umgebungen hatten, das ausreichend dafür gewesen wäre, Landwirtschaft vielleicht schon hunderttausende Jahre vor der neolithischen Revolution einzuführen. Aber dafür war eine neue Art von Beziehung zur Natur erforderlich, eine, die offensichtlich von so vielen, vielen Generationen verweigert wurde.

Für uns schien es ein großer Vorteil zu sein, die natürlichen Beziehungen der Dinge zu abstrahieren, während über die gesamte Steinzeit hinweg das Wesen als Ganzes begriffen und geschätzt wurde, nicht hinsichtlich separierbarer Eigenschaften. Wenn sich heute, ebenso wie jemals zuvor, eine große Familie zum Abendessen niederlässt und bemerkt wird, dass eine*r fehlt, dann wird das nicht durch Zählen erreicht. Oder wenn in prähistorischen Zeiten eine Hütte errichtet wurde, wurde die Zahl der erforderlichen Pfosten weder spezifiziert noch gezählt, stattdessen waren sie der Vorstellung der Hütte inhärent, waren wesensmäßig in ihr enthalten. (Selbst in der frühen Landwirtschaft konnte der Verlust eines Herdentieres nicht durch Zählen festgestellt werden, sondern weil man ein bestimmtes Gesicht oder eine bestimmte, charakteristische Eigenschaft vermisste; es erscheint jedoch klar zu sein, wie Bryan Morgan argumentiert, dass »der erste Gebrauch eines Zahlensystems durch die Menschen« sicherlich in der Kontrolle domestizierter Herdentiere bestand, da wilde Kreaturen zu Produkten wurden, die man erntete.) Der Kern der Mathematik liegt in der Entfremdung und Abtrennung: die diskursive Reduktion von Mustern, Zuständen und Beziehungen, die wir ursprünglich als Ganzes begriffen haben.

Im Aufkommen von Steuerelementen, die auf die Kontrolle dessen, was frei und unkontrolliert ist, abzielen, wie es sich durch frühes Zählen herauskristallisiert, können wir eine neue Einstellung gegenüber der Welt beobachten. Wenn Benennung eine Entfremdung ist, eine Beherrschung, dann ist es auch die Zahl, die eine verarmte Benennung ist. Da die Nummerierung eine Konsequenz der Sprache ist, ist sie ein Zeichen für einen kritischen Durchbruch der Entfremdung. Die Ursprungsbedeutungen von Zahl [number] sind erhellend: »etwas, das schnell begriffen oder angeeignet werden kann« und »etwas nehmen, besonders etwas stehlen«, sowie »genommen, ergriffen, und deshalb … gefühllos [numb]«. Was zu einem Objekt der Herrschaft gemacht wurde und daher verdinglicht wurde, wird taub.

Hunderttausende von Jahre lang genossen Jäger*innen/Sammler*innen einen direkten, unbeeinträchtigten Zugang zu den Rohmaterialien, die sie für ihr Überleben benötigten. Es gab keine Arbeitsteilung und auch kein Privateigentum. Dorothy Lee fokussierte sich auf ein überlebendes Beispiel aus Ozeanien und kam zu dem Ergebnis, dass sich keine der Aktivitäten der Trobriander in eine lineare, einteilbare Zeit einfügte. »Es gibt keine Aufgabe, keine Arbeit, keine Plackerei, die ihre Entlohnung außerhalb des Akts selbst entfaltet.« Ebenso wichtig ist die »Verschwendungssucht«, »die großzügigen Bräuche, für die Jäger*innen zu Recht berühmt sind«, »ihre Neigung, ein Festmahl aus allem zu machen, was sie haben«, wie Sahlins sagt.

Teilen und Zählen oder auch Tausch sind natürlich relative Gegensätze. Wo für den heimischen Gebrauch anstatt für den Tausch Waren hergestellt, Tiere getötet oder Pflanzen gesammelt werden, gibt es keinen Bedarf an standardisierten Zahlen oder Messungen. Maß- und Wiegeinstrumente entwickeln sich später, zusammen mit der Messung und Definition von Eigentumsrechten und Pflichten gegenüber der Autorität. Issac verortet einen entscheidenden Wandel hin zur Standardisierung von Werkzeugen und Sprache in der Periode des Jungpaläolithikums, der letzten Entwicklungsstufe der Jäger*innen/Sammler*innen-Menschheit. Zahlen und weniger abstrakte Maßeinheiten leiten sich, wie zuvor bemerkt, aus der Gleichmachung von Unterschieden ab. Der früheste Tausch, was das Gleiche wie die früheste Arbeitsteilung ist, war unbestimmt und trotzte der Systematisierung; Eine Tabelle von Äquivalenzen ließ sich nicht wirklich aufstellen. Als das Überwiegen von Geschenken dem Fortschritt des Tauschs und der Arbeitsteilung weicht, findet die universelle Austauschbarkeit der Mathematik ihren konkreten Ausdruck. Was als Prinzip der Gerechtigkeit festgesetzt wird – die Ideologie des gleichwertigen Tauschs –, ist nichts anderes als die Praxis der Herrschaft der Arbeitsteilung. Das Fehlen einer unmittelbar gelebten Existenz, der Verlust der Autonomie, der die Trennung von der Natur begleitet, sind die Begleiterscheinungen der effektiven Macht der Spezialisierung.

Mauss behauptete, dass Tausch nur von allen Institutionen einer Gesellschaft definiert werden kann. Dekaden später begriff Belshaw die Arbeitsteilung nicht bloß als einen Teilbereich der Gesellschaft, sondern als die ganze Gesellschaft. Ähnlich dramatisch, aber realistisch ist die Schlussfolgerung, dass eine Welt ohne Tausch oder die Bemühung, sie in Teile zu zerlegen, eine Welt ohne Zahlen wäre.

Clastres und Childe erkannten unter anderen vor ihnen, dass die Fähigkeit der Menschen, einen Überschuss zu produzieren, nicht notwendigerweise die Basis für Tausch bedeutete, sondern dass sich sich dafür entschieden, es auch zu tun. Ausgehend von der ohnehin verbreiteten Sichtweise, dass nur mentale/kulturelle Unzulänglichkeiten für das Fehlen von Überschüssen verantwortlich waren, »könnte der Irrtum nicht größer sein«, urteilte Clastres. Für Sahlins war die »Steinzeitökonomie in ihrem Wesen ein Anti-Überschuss System«, den Begriff sehr weit fassend. Lange Zeit hatten die Menschen keinerlei Verlangen nach den zweifelhaften Entlohnungen, die mit einer Umsetzung eines geteilten Lebens einhergingen, ebenso wie sie keinerlei Interesse an Zahlen hatten. Überschüsse von irgendetwas anzuhäufen war offensichtlich fremd, ehe die Zeiten des Neanderthalers in die Zeit des Cromagnonmenschen übergingen; ausgedehnte Handelsverträge, wie sie schließlich mit der Cromagnonmensch-Gesellschaft üblich wurden, gab es in der früheren Periode nicht.

Überschuss wurde erst mit der Landwirtschaft vollständig entwickelt und charakteristischerweise ist die hauptsächliche technische Entwicklung des neolithischen Lebens die Perfektion des Gefäßes: Krüge, Kästen, Kornspeicher, und ähnliches. Diese Entwicklung gibt auch einer aufkeimenden Tendenz hin zur Verräumlichung ihre konkrete Form, der Sublimation einer zunehmend unabhängigen Dimension der Zeit in räumliche Formen. Abstraktion, vielleicht die erste Verräumlichung, war die erste Kompensation für den Verlust, der von dem Sinn für die Zeit verursacht wurde. Die Verräumlichung wurde durch die Zahl und die Geometrie massiv kultiviert. Ricœur bemerkt, dass »Unendlichkeit entdeckt wird… in Form der Idealisierung von Größen, Maßen, Zahlen und Figuren«, um das noch weiter zu treiben. Die Suche nach unbeschränkter Verräumlichung ist fester Bestandteil des abstrakten Vormarschs der Mathematik. Ebenso wie das Gefühl, von der Welt, ja von der Endlichkeit befreit zu sein, das Hannah Arendt in der Mathematik sah.

Mathematische Prinzipien und ihre Bestandteile, Zahlen und Werte scheinen eine Zeitlosigkeit zu veranschaulichen, die möglicherweise ihre tiefsitzendste Eigenschaft ausmacht. Hermann Weyl nannte das in dem Versuch, die »Lebenssumme der Mathematik« aufzusummieren (Wortspiel nicht beabsichtigt [auf Deutsch schon, Anm. d. Übers.]), die Wissenschaft des Unendlichen. Wie ließe sich eine Flucht vor einer verdinglichten Zeit besser ausdrücken als dadurch, sie unendlich dem Raum unterzuordnen – in Form der Mathematik.

Verräumlichung – wie Mathematik – basiert auf Abtrennung; ihr sind Teilung und eine Organisierung dieser Teilung wesentlich. Die Einteilung der Zeit in Teile (was das erste Zählen oder Messen gewesen zu sein scheint) ist in sich selbst räumlich. Zeit wurde immer auf diese Art und Weise gemessen, als Bewegung der Erde oder des Mondes oder der Zeiger einer Uhr. Die ersten Zeitangaben waren nicht numerisch, sondern konkret, so wie jedes früheste Zählen. Dennoch wird, wie wir wissen, ein Zahlensystem, das sich parallel zur Zeit entwickelt, ein separates, unveränderliches Prinzip. Die Abtrennungen im sozialen Leben – vor allem die Arbeitsteilung – scheinen alleine verantwortlich für die Zunahme entfremdender Konzeptualisierung zu sein.

Tatsächlich können zwei bedeutende mathematische Erfindungen, die Null und das Koordinatensystem, als kultureller Beweis für die Arbeitsteilung angesehen werden. Null und das Koordinatensystem bzw. die Position kamen unabhängig voneinander »gegen beachtlichen psychologischen Widerstand« in den Zivilisationen der Maya und der Hindu auf. Die Arbeitsteilung der Maya, die von einer enormen sozialen Schichtung (ganz abgesehen von einer notorische Obsession für Zeit und groß angelegten Menschenopfern durch eine mächtige Priesterklasse) begleitet wurde, ist ein anschaulich dokumentiertes Ereignis, während die Arbeitsteilung, die sich im indischen Kastensystem spiegelt, »die komplexeste ist, die die Welt vor der industriellen Revolution kannte«. (Coon 1954)

Die Erforderlichkeit von Arbeit (Marx) und die Erforderlichkeit von Verdrängung/Unterdrückung [repression] (Freud) tragen zur gleichen Sache bei: Zivilisation. Diese falschen Gebote wendeten die Menschheit von der Natur ab und legen Rechenschaft über eine Geschichte als eine »kontinuierlich verlängerte Chronik der Massenneurose« (Turner 1980) ab. Freud bewertet wissenschaftlich/mathematische Errungenschaften als höchsten Ausdruck der Zivilisation und dies scheint hinsichtlich der Funktion ihrer symbolischen Natur richtig zu ein. »Der neurotische Prozess ist der Preis, den wir für unser kostbarstes menschliches Erbe, nämlich unsere Fähigkeit Erfahrungen zu repräsentieren und unsere Gedanken mithilfe von Symbolen auszudrücken, bezahlen.«

Der Dreiklang aus Symbolisierung, Arbeit und Verdrängung/Unterdrückung findet in der Arbeitsteilung sein Funktionsprinzip. Deshalb wurde vor dem großen Anstieg der Arbeitsteilung und der neolithischen Revolution nur so wenig Fortschritt bei der Akzeptanz numerischer Werte erreicht: vom Essensammeln bis zu seiner tatsächlichen Produktion. Mit diesem massiven Umschwung wurde die Mathematik endgültig etabliert und notwendig. Tatsächlich wurde sie zu einer Kategorie der Existenz, nicht nur zu einem reinen Instrument.

Der Historiker Herodot aus dem fünften Jahrhundert vor Christus schrieb den Ursprung der Mathematik dem ägyptischen König Sesostris (1300 v. Chr.) zu, der das Land zu Zwecken der Besteuerung vermessen musste. Die systematisierte Mathematik – in diesem Fall die Geometrie, was wörtlich »Landvermessung« bedeutet – kam tatsächlich durch die Anforderungen der politischen Ökonomie auf, allerdings etwa 2000 Jahre vor Sesostris Ägypten. Der Nahrungsmittelüberschuss der neolithischen Zivilisation machte die Entstehung spezialisierter Klassen von Priestern und Verwaltern möglich, die etwa 3200 v. Chr. das Alphabet, die Mathematik, die Schrift und den Kalender erschufen. In Sumerien tauchten die ersten mathematischen Berechnungen zwischen 3500 und 3000 v. Chr. auf, in Form von Bestandsaufnahmen, Verkaufsurkunden, Verträgen und den zugehörigen Stückpreisen, bezahlten Mengen, Zinszahlungen, usw. Wie Bernal hervorhebt, »entstand die Mathematik oder zumindest die Arithmetik sogar vor der Schrift«. Die Zahlsymbole sind aller Wahrscheinlichkeit nach älter als alle andere Elemente der ältesten Formen der Schrift.

An diesem Punkt wird die Herrschaft über die Natur und Menschheit nicht nur durch Mathematik und Schrift signalisiert, sondern auch durch die von Mauern umgebene, mit Getreidelagern versehene Stadt, zusammen mit Krieg und menschlicher Sklaverei. »Soziale Arbeit« (Arbeitsteilung), die gleichzeitige, erzwungene Koordination verschiedener Arbeiter*innen wird von den alten, persönlichen Maßen vereitelt; Längen, Gewichte, Volumina müssen standardisiert werden. In dieser Standardisierung, eines der Kennzeichen von Zivilisation, gehen mathematische Exaktheit und spezialisierte Fähigkeiten miteinander Hand in Hand. Mathematik und Spezialisierung benötigten einander, entwickelten sich schnell und die Mathematik wurde selbst zu einer Spezialisierung. Die großen Handelsrouten, die den Triumph der Arbeitsteilung ausdrücken, verbreiteten die neuen, verfeinerten Techniken des Zählens, Messens und der Berechnung.

In Babylon erfanden zwischen 3000 und 2500 v. Chr. kaufmännische Mathematiker eine umfangreiche Arithmetik, deren System »als abstrakte Wissenschaft des Rechnens um 2000 v. Chr. vollständig ausdifferenziert war« (Brainerd 1979). In den folgenden Jahrhunderten erfanden die Babylonier sogar eine symbolische Algebra, auch wenn die babylonisch-ägyptische Mathematik allgemein als sehr empirisch gilt, im Vergleich zur viel späteren griechischen.

Für die Ägypter und Babylonier hatten mathematische Werte konkrete Referenten: Algebra war eine Hilfe für kaufmännische Transaktionen, ein Rechteck war ein Stück Land in einer bestimmten Form. Die Griechen jedoch versicherten explizit, dass sich die Geometrie mit Abstraktionen beschäftige, und diese Entwicklung spiegelt eine extreme Form der Arbeitsteilung und der sozialen Schichtung wider. Anders als die ägyptische und babylonische Gesellschaft verrichtete in Griechenland eine große Klasse an Sklav*innen alle produktive Arbeit, sowohl technische als auch ungelernte, so dass das Millieu der herrschenden Klasse, das die Mathematiker beinhaltete, praktische Betätigung oder Anwendung verachtete.

Pythagoras, mehr oder weniger der Gründer der griechischen Mathematik (6. Jahrhundert v. Chr.), dürckte diese exklusive Tendenz deutlich aus. Für ihn waren Zahlen unveränderlich und ewig. Indem er den platonischen Idealismus vorwegnahm, erklärte er, dass Zahlen der erkennbare Schlüssel zum Universum seien. Üblicherweise als „Alles ist Zahl“ wiedergegeben, vertrat die pythagoräische Philosophie, dass Zahlen buchstäblich existierten und quasi alles seien, das existiere.

Diese Form der mathematischen Philosophie mit der Extremität ihrer Suche nach Harmonie und Ordnung kann als eine tiefsitzende Angst vor Widerspruch oder Chaos betrachtet werden, als versteckte Bestätigung der massiven und möglicherweise labilen Verdrängung, die der griechischen Gesellschaft zugrunde lag. Ein künstliches, intellektuelles Leben, das so vollständig auf dem Überschuss beruhte, der von den Sklav*innen erzeugt wurde, gab sich große Mühe, die Sinne zu verleugnen, die Emotionen und die reale Welt. Griechische Skulpturen sind ein anderes Beispiel dafür, in ihrem abstrakten, ideologischen Konformismus, ohne jedes Gefühl oder eine Geschichte. Seine Figuren sind standardisierte Idealisierungen; die Parallele mit einem massiv übertriebenen Kult um Mathematik ist offensichtlich.

Die unabhängige Existenz der Ideen, was Platos Grundannahme ist, ist direkt von Pythagoras abgeleitet, ebenso wie seine ganze Theorie der Ideen aus dem besonderen Charakter der Mathematik entspringt. Geometrie ist eine geeignete Übung für einen körperlosen Intellekt, lehrte Plato, ganz im Geiste seiner Ansicht, dass die Realität eine Welt der Form ist, aus der die Materie in jeder relevanten Hinsicht verbannt ist. Der philosophische Idealismus wurde entsprechend aus dieser weltverleugnenden Verarmung geboren, basierend auf der Vorherrschaft des quantitativen Denkens. Wie C. I. Lewis beobachtete, »sind von Plato bis zum heutigen Tage alle großen epistemologischen Theorien von den begleitenden Vorstellungen der Mathematik dominiert oder vor ihrem Hintergrund formuliert«.

Es ist nicht weniger ein Versehen, dass Plato über die Tür seiner Akademie schrieb »Lasst nur Geometer eintreten«, als dass sein totalitärer Staat darauf beharrt, dass Jahre des mathematischen Trainings erforderlich seien, um die wichtigsten politischen und ethischen Fragen zu beantworten. Beständig hat er verneint, dass eine staatenlose Gesellschaft jemals existierte, indem er eine solche Vorstellung mit dem eines »Schweinestaates« identifizierte.

Durch die Systematisierung von Euklid im 3. Jahrhundert vor Christus, etwa ein Jahrhundert nach Plato, erreichte die Mathematik einen Höhepunkt, der beinahe zwei Jahrtausende lang unerreicht bleiben sollte; Der geistige Vordenker der sklavereibasierten und feudalen Gesellschaften, die folgten, war nicht Plato, sondern Aristoteles, der die vorherige, pythagoräische Reduktion der Wissenschaften auf die Mathematik kritisierte.

Die lange Nichtweiterentwicklung der Mathematik, die buchstäblich bis zum Ende der Renaissance andauerte, bleibt ein Rätsel. Aber der wachsende Handel begann die Kunst des Quantitativen im 12. und 13. Jahrhundert wiederzubeleben. Die unpersönliche Ordnung des Kontorhauses im neuen Handelskapitalismus veranschaulichte eine erneuerte Konzentration auf abstrakte Messung. Mumford betont die mathematischen Voraussetzungen einer späteren Mechanisierung und Stardardisierung; in der aufsteigenden Handelswelt »begann man Zahlen zu zählen und am Ende zählten nur noch Zahlen« (Mumford 1967).

Aber die Überzeugung der Renaissance, dass die Mathematik auf alle Künste angewendet werden solle (ganz zu schweigen von früheren und atypischen Vorläufern wie Roger Bacons Beitrag aus dem 13. Jahrhundert für eine strikt mathematische Optik), war ein milder Auftakt für den großen Triumph der Zahl im 17. Jahrhundert.

Auch wenn sie schon bald von anderen Fortschritten des 17. Jahrhunderts in den Schatten gestellt werden würden, enthüllten Johannes Kepler und Francis Bacon schon zu Beginn des Jahrhunderts seine beiden wichtigsten und eng verwandten Aspekte. Kepler, der den kopernikanischen Übergang zum heliozentrischen Modell vollendete, sah die reale Welt ausschließlich als aus quantitativen Unterschieden bestehend; ihre Unterschiede seien strikt die der Zahl. Bacon stellte in Das Neue Atlantis (ca. 1620) eine idealisierte wissenschaftliche Gemeinschaft dar, deren Hauptanliegen die Herrschaft über die Natur sei, oder wie Jaspers es ausdrückte, »Beherrschung der Natur … ›Wissen ist Macht‹, ist seit Bacon die Losung gewesen.«

Das Jahrhundert von Galileo und Descartes – beide herausragend unter denen, die all die vorherigen Formen der quantitativen Entfremdung vertieften und dadurch eine technologische Zukunft entwarfen – begann mit einem qualitativen Sprung in der Arbeitsteilung. Franz Borkenau lieferte den Schlüssel dafür, warum ein tiefgreifender Wandel in der westlichen Weltsicht im 17. Jahrhundert stattfand, ein Wandel hin zu einer fundamental mathematisch-mechanistischen Perspektive. Borkenau zufolge führte eine große Ausweitung der Arbeitsteilung beginnend ab etwa 1600 die Vorstellung von abstrakter Arbeit ein. Diese Verdinglichung der menschlichen Aktivität stellte sich als ausschlaggebend heraus.

Zusammen mit der Entwürdigung durch die Arbeit ist die Uhr die Basis des modernen Lebens, gleichermaßen »wissenschaftlich« in ihrer Reduktion des Lebens auf etwas Messbares durch die objektiven verdinglichten Einheiten der Zeit. Die zunehmend genauere und omnipräsentere Uhr erreichte im 17. Jahrhundert wahre Vorherrschaft, als entsprechend »die Meister der neuen Wissenschaften ein gieriges Interesse an horologischen Fragen entwickelten«.

Dementsprechend scheint es passend, Galileo vorzustellen, da dieser genau dieses starke Interesse an der Messung der Zeit hatte; seine Erfindung der ersten mechanischen Uhr basierend auf dem Prinzip des Pendels war zugleich ein passender Höhepunkt seiner langen Karriere. Ebenso wie eine zunehmend objektifizierte oder verdinglichte Zeit vielleicht auf höchster Ebene eine zunehmend entfremdete soziale Welt widerspiegelt, war es Galileos grundsätzliches Ziel, die Welt auf ein Objekt mathematischer Zergliederung zu reduzieren.

Einige Jahre vor dem 2. Weltkrieg und Auschwitz schrieb Husserl einen Text, in dem er die Ursprünge der gegenwärtigen Krise in dieser objektifizierenden Reduktion verortet und Galileo als einen ihrer Hauptverursacher benennt. Die Lebenswelt sei von der Wissenschaft genau so sehr »entwertet« worden, wie die »Mathematisierung der Natur«, die von Galileo begonnen worden war, vorangeschritten war – sicher keine geringfügige Anklage (Husserl 1970).

Ebenso wie für Kepler war die Mathematik auch für Galileo die »zugrundeliegende Grammatik des neuen philosophischen Diskurses, der die moderne wissenschaftliche Methode konstituierte«. Er drückte das Prinzip aus, »zu messen, was messbar ist und das, was es nicht ist, versuchen messbar zu machen«. Damit grub er die pythagoräisch-platonische Substitution der realen Welt durch eine Welt abstrakter mathematischer Beziehungen wieder aus, ebenso wie ihre Methode der absoluten Entsagung gegenüber dem Anspruch der Sinne, die Realität zu kennen. Indem er diese Abwendung von Qualitäten hin zu Quantitäten, diesen Kopfsprung in die Schattenwelt der Abstraktionen beobachtete, folgerte Husserl, dass die moderne mathematische Wissenschaft uns davon abhält, das Leben zu kennen, wie es ist. Und der Aufstieg der Wissenschaft hat immer mehr spezialisiertes Wissen befeuert, diesen überwältigenden und einsperrenden Fortschritt, der heute so wohlbekannt ist.

Collingwood nannte Galileo wegen des Erfolgs seines Diktums, das das Buch der Natur »in mathematischer Sprache geschrieben sei« und der Konsequenz, dass daher die »Mathematik die Sprache der Wissenschaft« sei, »den wahren Vater der modernen Wissenschaft«. Wegen dieser Trennung von der Natur folgerte Gillispie: »Nach Galileo kann die Wissenschaft nicht länger menschlich sein.«

Es erscheint äußerst passend, dass der Mathematiker, der Geometrie und Algebra zusammenführte, um die analytische Geometrie (1637) zu begründen und der, mit Pascal, als Erfinder der Infinitesimalrechnung gilt, die galileanische Mathematik zu einem neuen Denksystem formte. Die These, dass die Welt auf eine Art und Weise organisiert sei, dass es einen totalen Bruch zwischen den Menschen und der natürlichen Welt gäbe, was als totale und triumphale Weltsicht erdacht wurde, ist die Basis für Descartes Ruhm als Begründer der modernen Philosophie. Grundlage seines neuen Systems, das berühmte »cogito ergo sum« [dt. etwa »Ich denke, also bin ich«] ist die Zuweisung wissenschaftlicher Gewissheit über die Trennung zwischen Verstand und dem Rest der Realität.

Dieser Dualismus lieferte ein entfremdetes Mittel, um nur eine absolut objektifizierte Natur zu sehen. Im Diskurs über die Methode erklärte Descartes, dass es Ziel der Wissenschaft sei »uns zu den Herren und Besitzern der Natur zu machen«. Obwohl er ein frommer Christ war, erneuerte Descartes die Entfernung vom Leben, die ein bereits schwindender Gott nicht länger wirksam legitimieren konnte. Als das Christentum schwächer wurde, trat eine neue zentrale Ideologie der Entfremdung in den Vordergrund, die Ordnung und Herrschaft basierend auf der mathematischen Präzision garantierte.

Für Descartes war das materielle Universum eine Maschine, nichts weiter, ebenso wie Tiere »tatsächlich nichts anderes als Motoren, oder Materie, die in eine anhaltende und geordnete Bewegung gebracht wurde«, seien. Er sah den Kosmos selbst als ein gigantisches Uhrwerk, zu einem Zeitpunkt, als die Illusion, dass Zeit ein separater, autonomer Prozess ist, gerade Fuß fasste. Ebenso wie die lebendige, lebhafte Natur starb, wurde totes, lebloses Geld mit Leben ausgestattet, da das Kapital und der Markt die Eigenschaften von organischen Prozessen und Zyklen annahmen. Schließlich eliminierte Descartes mathematische Vision alle unordentlichen, chaotischen oder lebendigen Elemente und mündete in eine begleitende, mechanische Weltsicht, die gleichzeitig mit einer Tendenz hin zu zentralisierter Regierungskontrolle und der Konzentration der Macht in Form des modernen Nationalstaats verlief. »Die Rationalisierung der Verwaltung und der natürlichen Ordnung traten zeitgleich auf«, um es in Merchants Worten zu sagen. Die totale Ordnung der Mathematik und seiner mechanischen Philosophie der Realität erwiesen sich als unaufhaltsam; Zur Zeit von Descartes Tod im Jahre 1650 war sie buchstäblich zum offiziellen Bezugsrahmen des Denkens überall in Europa geworden.

Leibniz, beinahe ein Zeitgenosse, verfeinerte und erweiterte die Arbeit von Descartes; die »prästabilierte Harmonie«, die er in der Existenz sah, ist ebenso in der Linie des pythagoräischen Denkens. Diese mathematische Harmonie, die Leibniz durch den Verweis auf zwei unabhängige Uhren veranschaulichte, erinnert an sein Diktum: »Dagegen gibt es nichts, das der Zahl nicht unterworfen wäre..« Ebenso wie Galileo und Descartes war auch Leibniz stark am Entwurf von Uhren interessiert.

In der binären Arithmetik, die er entwickelte, rief er ein Bild der Schöpfung hervor; er stellte sich vor, dass Eins Gott repräsentiere und Null das Nichts, dass Eins und Null alle Zahlen und jede Schöpfung ausdrückten. Er strebte danach, das Denken mithilfe einer formalen Infinitesimalrechnung zu mechanisieren, ein Projekt, dass er zu optimistisch auf fünf Jahre ansetzte. Sein Unterfangen bestand darin, Antworten auf alles zu liefern, inklusive auf Fragen der Moral und Metaphysik. Trotz dieses Fehlschlags war Leibniz vermutlich der Erste, der eine Theorie der Mathematik auf dem Fakt basieren ließ, dass sie eine universelle symbolische Sprache ist; er war mit Sicherheit der »erste große moderne Denker, der um den wahren Charakter des mathematischen Symbolismus wusste«.

Der englische Royalist Hobbes vertiefte das quantitative Modell der Realität, indem er die menschliche Seele, den Willen, das Gehirn und Appetit auf Materie auf mechanische Bewegung reduzierte und damit direkt zur heutigen Vorstellung des Denkens als »Output« des Gehirns als ein Computer beitrug.

Die vollständige Objektifizierung der Zeit, die uns bis heute erhalten geblieben ist, wurde von Isaac Newton erreicht, der die Funktionsweise des galileanisch-kartesischen Uhrwerk-Universums abbildete. Als Produkt der massiv unterdrückten puritanischen Weltanschauung, die sich darauf fokussierte, sexuelle Energie in brutale Arbeit zu sublimieren, sprach Newton von absoluter Zeit, »die gleichförmig dahinfließt, ohne Rücksicht auf irgendetwas Externes«. Geboren im Jahr 1642, dem Jahr, in dem Galileo starb, krönte Newton die wissenschaftliche Revolution des 17. Jahrhunders, indem er eine vollständige mathematische Formel der Natur als eine perfekte Maschine, eine perfekte Uhr, entwickelte.

Whitehead urteilte, dass »sich die Geschichte der Wissenschaft des 17. Jahrhunderts liest, als sei sie ein lebhafter Traum von Plato oder Pythagoras«, weil er die überraschend ausgefeilte Art seines quantitativen Denkens bemerkt. Wieder lohnt es sich auf den Zusammenhang mit einem Sprung in der Arbeitsteilung hinzuweisen; wie Hill das mittsiebzehnte Jahrhundert Englands beschreibt, »begann eine bedeutende Spezialisierung einzusetzen. Die letzten Universalgebildeten starben aus …« Die Lieder und Tänze der Bauern starben langsam aus und in einer beinahe buchstäblichen Mathematisierung wurden die Allmenden [common lands] stillgelegt und geteilt.

Das Wissen über die Natur war bis zu dieser Zeit Teil der Philosophie gewesen; die beiden trennten sich, als das Konzept der Herrschaft über die Natur endgültig seine moderne Form erreichte. Die Zahl, die einst aus der Abspaltung von der Natur entstanden war, endete darin, sie zu beschreiben und zu beherrschen.

Fontenelles Vorbemerkung zur Nützlichkeit der Mathematik und Physik (1702) feierte die Zentralität der Quantifizierung für die gesamte Bandbreite menschlicher Empfindsamkeit und trug damit zur Verfestigung der Durchbrüche des vorherigen Jahrhunderts im 18. Jahrhundert bei. Und wo Descartes versichert hatte, dass Tiere keinen Schmerz empfinden könnten, weil sie seelenlos seien, und dass der Mensch nicht ganz eine Maschine sei, weil er eine Seele habe, ging LeMetrie 1747 einen Schritt weiter und machte den Menschen in seinem L’Homme Machine vollständig mechanisch.

Bachs immense Leistungen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts warfen ebenfalls Licht auf den Geist der Mathematik, die ein Jahrhundert zuvor entfesselt worden war und halfen, die Kultur gemäß dieses Geistes zu formen. Im Hinblick auf die eher abstrakte Musik Bachs wurde gesagt, dass er »durch die Mathematik zu Gott sprach« (LeShan & Morgenau 1982). Zu dieser Zeit verlor die individuelle Stimme ihre Unabhängigkeit und Töne wurden nicht länger als gesungen verstanden, sondern als mechanische Konzeption. Bach behandelte die Musik als eine Art Mathematik und brachte sie von der Bühne der Vokalpolyphonie auf die der instrumentellen Harmonie, immer basierend auf einer einzigen, autonomen Stimme, die von Instrumenten gespielt wurde anstatt auf irgendetwas Variablem mit menschlichen Stimmen.

Später im Jahrhundert behauptete Kant, dass in jeder beliebigen Theorie immer nur so viel wahre Wissenschaft stecke wie Mathematik und widmete einen beachtlichen Teil seiner Kritik der reinen Vernunft einer Analyse der ultimativen Prinzipien der Geometrie und Arithmetik.

Descartes und Leibnitz strebten danach eine mathematische Wissenschaftsmethode als paradigmatischen Weg des Wissens zu etablieren und sahen die Möglichkeit einer einzigen universellen Sprache auf Basis empirischer Symbole, die die gesamte Philosophie enthalten könnte. Die Denker der Aufklärung des 18. Jahrhunderts arbeiteten tatsächlich daran, dieses Projekt zu verwirklichen. Condillac, Rousseau und andere waren auch besonders an den Ursprüngen interessiert – zum Beispiel an den Ursprüngen der Sprache; Ihr Ziel, das menschliche Verständnis zu erfassen, indem sie Sprache auf ihr ultimatives, mathematisiertes symbolisches Level führen, machte sie unfähig zu sehen, dass der Ursprung jeder Symbolisierung Entfremdung ist.

Symmetrisches Pflügen ist beinahe so alt wie Landwirtschaft selbst, ein Mittel, um einer ansonsten ordnungswidrigen Welt Ordnung aufzuerlegen. Aber dass die Landschaft des Ackerbaus durch lineare Formen einer zunehmenden mathematischen Regelmäßigkeit unterworfen wurde – inklusive der Beliebtheit geometrischer Gärten –, kann als ein weiteres Zeichen der mathematischen Vorherrschaft im 18. Jahrhundert ermessen werden.

In den frühen 1800ern jedoch protestierten die romantischen Poet*innen und Künstler*innen unter anderen gegen die neue Vision der Natur als Maschine. Blake, Goethe und John Constable zum Beispiel klagten die Wissenschaft an, die Welt in ein Uhrwerk zu verwandeln, mit der industriellen Revolution im Rücken, die reichlich Beweise für ihre Macht lieferte, organisches Leben zu zerstören.

Die Entwürdigung der Arbeit unter Textilarbeitern, die die wütenden Aufstände der englischen Ludditen während des zweiten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts hervorriefen, wurde durch solche automatisierten und verbilligten Produkte wie jene des jacquardschen Webstuhl verkörpert. Dieses französische Gerät repräsentierte nicht nur die Mechanisierung des Lebens und der Arbeit, die von den Umschwüngen des 17. Jahrhunderts entfesselt worden war, sondern inspirierte auch direkt die ersten Versuche eines modernen Computers. Die Entwürfe von Charles Babbage enthielten anders als die von Leibniz und Descartes sowohl Speicher als auch Recheneinheiten unter der Kontrolle von Programmen wie Lochkarten. Man kann sagen, dass die Ziele des Mathematikers Babbage und des Erfinder-Industriellen J. M. Jacquard auf der gleichen rationalistischen Reduktion menschlicher Aktivität auf die Maschine fußten, wie sie mit Beginn des Industrialismus boomte. Ganz in diesem Sinne lag der Schwerpunkt von Babbages mathematischer Arbeit auf dem Bedürfnis nach einer verbesserten Notation, um den Prozess der Symbolisierung weiter voranzutreiben, und so trug sein Prinzipien der Ökonomie zur Entstehung des modernen Managements bei – und brachte ihm zeitgenössische Berühmtheit, weil er Londoner »Missstände« wie etwa Straßenmusiker anprangerte!

Parallel zum vollständigen Angriff des industriellen Kapitalismus und der außerordentlichen Beschleunigung der Arbeitsteilung, die er mit sich brachte, gab es markante Fortschritte in der mathematischen Entwicklung. Whitehead zufolge »machte die reine Mathematik während des 19. Jahrhunders bereits beinahe so viel Fortschritte wie während der vorangegangenen Jahrhunderte seit Pythagoras.«

Die nicht-euklidsche Geometrie von Bolyai, Lobachevski, Riemann und Klein muss ebenso erwähnt werden wie die moderne Algebra von Boole, die allgemein als die Grundlage der symbolischen Logik gilt. Boolsche Algebra machte eine neue Stufe des formalisierten Denkens möglich, während ihr Gründer über »das menschliche Gehirn … als Instrument der Eroberung und Herrschaft über die Mächte der umgebenden Natur« (Boole 1952) nachsann und dabei unbedacht die Überlegenheit, die der mathematisierte Kapitalismus in den Mitt-1800ern erlangt hatte widerspiegelte. (Obwohl der Spezialist von der herrschenden Kultur nur selten für seine »reine« Kreativität bemängelt wird, beobachtete Adorno gewandt, dass »die resolute Unkenntnis des Mathematikers die Verbindung zwischen Arbeitsteilung und ›Reinheit‹ bezeugt.«)

Wenn Mathematik verarmte Sprache ist, kann sie also als die gereifte Form dieses sterilen Zwangs betrachtet werden, der als formale Logik bekannt ist. Betrand Russell bestimmte tatsächlich, dass Mathematik und Logik eins geworden waren. Indem sie die unverlässliche, alltägliche Sprache verwarfen, glaubten Russell, Frege und andere, dass in der weiteren Degradierung und Reduktion der Sprache die wahre Hoffnung auf einen »Fortschritt in der Philosophie« läge.

Das Ziel eine Logik auf mathematischer Grundlage zu etablieren, war mit einer noch ambitionierteren Anstrengung gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbunden, der der Etablierung der Grundlagen der Mathematik selbst. Während der Kapitalismus damit fortfuhr, die Realität nach seinem eigenen Bilde neu zu definieren, und begierig wurde, seine Grundlagen zu sichern, dachte die »logische« Ebene der Mathematik im 19. und frühen 20. Jahrhundert, beflügelt von neuen Triumphen, dasselbe. David Hilberts Theorie des Formalismus, einer dieser Versuche Widersprüche oder Fehler zu verbannen, zielte explizit auf die Absicherung »der Staatsmacht der Mathematik für alle Zeiten vor allen ›Rebellionen‹«“ ab.

Unterdessen schien die Zahl auch ganz gut ohne die philosophischen Untermauerungen zurechtzukommen. Lord Kelvins Erklärung im späten 19. Jahrhundert, dass wir nichts wirklich wissen, außer wenn wir es messen, verriet ein überschwängliches Selbstvertrauen, ebenso wie Frederick Taylors wissenschaftliches Management dabei war, die Quantifizierungsfront der industriellen Verwaltung weiter in Richtung der Unterwerfung des Individuums unter die leblosen newtonschen Kategorien von Zeit und Raum zu führen.

Wo wir von letzterem sprechen. Capra hat behauptet, dass die Relativitätstheorie und die Quantenphysik, die zwischen 1905 und den späten 1920ern entwickelt wurden, »alle grundlegenden Konzepte der kartesischen Weltanschauung und der newtonschen Mechanik erschüttert« haben. Aber die Relativitätstheorie ist sicherlich ein mathematischer Formalismus und Einstein suchte nach einer vereinheitlichten Feldtheorie, indem er die Physik geometrisierte, so dass ein Erfolg es ihm ermöglicht hätte, wie Descartes zu sagen, dass seine gesamte Physik nichts anderes als Geometrie wäre. Dass das Messen von Zeit und Raum (oder »Raumzeit«) eine relative Angelegenheit ist, ändert kaum etwas daran, dass Messung der Kern des Ganzen ist. Im Herzen der Quantentheorie steht sicherlich die heisenbergsche Unschärferelation, die Quantifizierung nicht widerlegt, sondern eher die Grenzen der klassischen Physik auf eine ausgeklügelte mathematische Weise ausdrückt. Gillespie formulierte prägnant, dass die kartesisch-newtonsche Physik »eine Anwendung der euklidschen Geometrie auf den Raum, die allgemeine Relativitätstheorie eine Verräumlichung von Riemanns gekrümmter Geometrie und die Quantenmechanik eine Naturalisierung statistischer Wahrscheinlichkeit ist«. Noch prägnanter: »Die Natur ist sowohl vor als auch nach der Quantentheorie das, was mathematisch begriffen werden muss.«

Während der ersten drei Dekaden des 20. Jahrhunderts schreiten zudem die großen Versuche von Russell & Whitehead, Hilbert, et al., eine vollständig unproblematische Basis für das ganze Gedankengebäude der Mathematik zu bilden, auf die zuvor verwiesen wurde, mit großem Optimismus voran. Aber 1931 zerschmettert Kurt Gödel diese großen Hoffnungen mit seinem Unvollständigkeitssatz, der besagt, dass jedes symbolische System entweder vollständig sein kann oder in sich konsistent, aber nicht beides. Gödels vernichtender mathematischer Beweis dessen zeigte nicht nur die Grenzen axiomatischer Zahlensysteme, sondern macht auch einen Strich durch das Vorhaben die Natur durch irgendeine geschlossene, konsistente Sprache zu umfassen. Wenn es in einem Denksystem Theoreme oder Aussagen gibt, die innerhalb davon weder bewiesen noch widerlegt werden können, wenn es unmöglich ist, einen Beweis für die Konsistenz in der genutzten Sprache zu führen, wie Gödel und direkte Nachfolger wie Tarski und Church überzeugend argumentierten, »dann ist jedes System des Wissens über die Welt grundsätzlich unvollständig und muss es bleiben, ewig der überarbeitung unterworfen.« (Rucker 1982)

Morris Klines Mathematik: Der Verlust der Bestimmtheit erzählte von den »Katastrophen«, die die einst scheinbar unantastbare »Majestät der Mathematik« heimgesucht haben, und die hauptsächlich von Gödel stammen. Die Mathematik – wie die Sprache – wird dazu genutzt, die Welt und sich selbst zu beschreiben und scheitert an ihrer totalen Aufgabe auf die gleiche Weise, auf die auch der Kapitalismus sich nicht mit einer unangreifbaren Grundlage versehen kann. Weiter wurde die Mathematik dank Gödels Theorem nicht nur »als viel abstrakter und formaler als ursprünglich angenommen erkannt«, sondern es wurde auch offensichtlich, dass »die Ressourcen des menschlichen Verstandes nicht vollständig formalisiert wurden und das auch nie werden«. (Nagel & Newman 1958)

Aber wer könnte leugnen, dass die Quantität uns in der Praxis beherrscht, mit oder ohne definitive Absicherung ihrer theoretischen Grundlage? Die Hilflosigkeit der Menschen scheint direkt proportional zur Herrschaft der mathematischen Technologie über die Natur zu sein, oder wie Adorno es beschrieb, »die Unterwerfung der äußeren Natur ist nur in dem Maße erfolgreich, in dem es auch die Unterdrückung der inneren Natur ist.« Und mit Sicherheit nimmt das Verständnis dank des Markenzeichens der Zahl, die Arbeitsteilung, ab. Raymond Firth veranschaulichte versehentlich die Idiotie fortgeschrittener Spezialisierung, als er ein bedeutendes Thema kommentierte: »Die Behauptung, dass Symbole Wissensinstrumente sind, wirft epistemologische Fragen auf, für die Anthropolog*innen nicht ausgebildet sind.« Die Verbindung zu einer verbreiteteren Erniedrigung wird von Singh im Kontext einer immer weiter verfeinerten Arbeitsteilung und einem immer technisierteren Sozialleben gezogen, indem er bemerkt, dass »die Automatisierung von Berechnungen unmittelbar den Weg für die Automatisierung industrieller Operationen geebnet hat.“

Die gesteigerte Langeweile von computerisierter Büroarbeit ist die heute sehr sichtbare Manifestation von mathematisierter, mechanisierter Arbeit mit ihrer neo-tayloristischen Quantifizierung via elektrischen Bildschirmen, die die »Informationsexplosion« oder die »Informationsgesellschaft« verkünden. Informationsarbeit ist nun die hauptsächliche ökonomische Aktivität und Information die charakteristische Ware, was großteils das Kernkonzept von Shannons Informationstheorie der späten 1940er wiedergibt, in dem »die Produktion und die Übermittlung von Information quantitativ definiert werden kann«. (Feinstein 1958)

Von Wissen zu Informationen zu Daten bewegt sich die Mathematisierung weg von Bedeutung – was seine exakte Parallele in den Gefilden der »Ideen« (die ihrer Ziele und Inhalte beraubt werden) durch die Vorherrschaft des Strukturalismus findet. Die »globale Kommunikationsrevolution« ist ein anderes vielsagendes Phänomen, bei dem ein bedeutungsloser »Input« unmittelbar überall verfügbar ist, unter Menschen, die wie nie zuvor in Isolation voneinander leben.

Der Computer ist kühn in dieses spirituelle Vakuum getreten. 1950 antwortete Turing auf die Frage, ob Maschinen denken könnten: »Ich glaube, dass sich die Verwendung von Worten und die allgemein gelehrte Meinung bis zum Ende des Jahrhunderts so sehr verändert haben werden, dass man in der Lage dazu sein wird, von Maschinen als denkend zu sprechen, ohne zu erwarten, dass einem widersprochen wird.« Man beachte, dass seine Antwort nichts mit dem Zustand von Maschinen zu tun hat, sondern ausschließlich mit dem von Menschen. Entstanden aus dem Druck, das Leben mehr zu quantifizieren und maschinenartig zu machen, gibt es nun den Trend, Maschinen lebhafter zu machen.

Tatsächlich verkündeten in den Mittsechzigern einige prominente Stimmen bereits, dass der Unterschied zwischen Mensch und Maschine kurz davor stünde, aufgehoben zu werden – und sahen das als etwas Positives. Mazlish hatte dazu einen besonders eindeutigen Kommentar: »Die Menschheit steht an der Schwelle die Definitionslücke zwischen sich und Maschinen zu überbrücken … Wir können uns den Menschen nicht mehr ohne Maschine vorstellen … Wichtiger noch ist dieser Wandel … bedeutend für unsere harmonische Akzeptanz einer industrialisierten Welt.«

In den späten 1980ern hat das Denken die Maschine bereits so sehr vermenschlicht, dass Expert*innen für Künstliche Intelligenz wie Minsky nüchtern vom symbol-manipulierenden Gehirn als einem »Computer aus Fleisch« sprechen können. Hobbes aufgreifend, basiert die kognitive Psychologie in den Dekaden seit Turings Vorhersage 1950 beinahe vollständig auf dem komputationalen Modell des Denkens.

Heidegger hat gespürt, dass es eine inhärente Tendenz des westlichen Denkens gibt, mit der mathematischen Wissenschaft zu verschmelzen und sah die Wissenschaft als »unfähig den Geist aufrichtiger Erforschung zu erwecken, ja diesen tatsächlich kastrierend«. In einer Zeit, in der die Früchte der Wissenschaft drohen, das menschliche Leben insgesamt zu beenden, in der ein sterbender Kapitalismus in der Lage dazu zu sein scheint, alles mit sich zu reißen, sehen wir uns geneigter, die ursprüngliche Quelle des Albtraums erkunden zu wollen.

Wenn die Welt und ihr Denken (Lévi-Strauss und Chomsky kommen einer*m da sofort in den Sinn) einen Zustand erreicht, der zunehmend mathematisiert und leer ist (wo Computer weithin als empfindungsfähig und sogar als lebensfähig angepriesen werden), verlangen die Anfänge dieser trostlosen Reise, inklusive die Anfänge des Konzepts der Zahl, Verständnis. Es könnte sein, dass diese Erkundung unerlässlich ist, um uns und unsere Menschlichkeit zu retten.

 

Übersetzung aus dem Englischen: John Zerzan. Number: Its Origin and Evolution.