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Wenn ein Taifun im Knast wütet

Ein Rebell erzählt von seinem Kampf gegen das Knastsystem

„Der Taifun“ – Das ist der Spitzname, den Andreas Krebs im Kampfsport erhielt und wie ihn auch viele Mitgefangene nannten, „da er schlagartig wie ein Sturm auf seine Gegner zugeht, … bis zum bitteren Ende, egal wie letztendlich alles ausgeht“. 17 Jahre hat Andreas Krebs in Deutschland in Strafhaft verbracht, bald vier Jahre sitzt er nun in Italien. Letzten August sind seine Erinnerungen erschienen. Sie erzählen überwiegend von seinen Erlebnissen in Haft und seinem beständigen Kampf gegen das Knastsystem.

Mehrmals versuchte er aus diversen Haftanstalten zu flüchten, leider erfolglos. Er erzählt von den Misshandlungen, die er im Knast erfahren hat, von bestechlichen Beamten und treuen Freundschaften, die er mit Mitgefangenen schloss, von Verrat, von Suizid im Gefängnis, von Nazi-Gefängnissen und natürlich von seinen Kämpfen, den Hungerstreiks, die er machte, den Berichten aus der Haft, die er unter anderem in der Gefangeneninfo veröffentlichte, und natürlich von seiner Art Konflikte zu lösen, die ihm gegenüber Pflegern (so nennt Andreas die Gefängniswärter) und Mitgefangenen Respekt verschaffte und die er einsetzte, um sich zu wehren, Verbesserungen durchzusetzen oder Mitgefangenen zu helfen.

„Doch diesmal schwor ich mir, haue ich dem nächstbesten eine in die Fresse, und so ist es dann auch gekommen, dass ich die ersten beiden Beamten so übel hergenommen habe, dass sie das ihr Leben nicht vergessen werden… Mir war es den Preis wert, denn dafür habe ich den beiden zuerst richtig Schaden zugefügt… Es war leider notwendig so manchen Spitzel oder Großmaul, der versuchte den Kleineren zu unterdrücken und um seinen Einkauf abzuziehen, in seine Schranken zu weisen. Ich konnte nicht mitansehen, wie Unrecht untereinander geschah, wie sich die Gefangenen gegenseitig fertigmachten, anstatt sich mit der überschüssigen Energie auf das System zu konzentrieren und dagegen anzukämpfen.“

Andreas politisiert sich in der Strafhaft. Er unterhält engen Briefkontakt mit Gefangenen der RAF aus der zweiten und dritten Generation. Dieser Briefwechsel sowie seine konstante Rebellion gegen das Knastsystem wird die Behandlung, die er durch das Knastsystem erhält, mit prägen, denn er gilt als Unruhestifter und gefährlicher Linksterrorist, wird von einer Anstalt in die nächste verlegt, wird verprügelt und in Isolationshaft gesteckt, ans Bett gefesselt und gedemütigt. Einmal versuchen die LKAs mehrerer Bundesländer ihn zu bestechen, um Informationen über gesuchte Mitglieder der RAF zu erhalten.

Nach 17 Jahren Haft wird er endlich entlassen. Er hält Vorträge über den Knast auf den Anti-Knast-Tagen in Wien und in Hamburg, kämpft auch draußen weiter gegen den Knast. Es fällt ihm allerdings schwer zurechtzukommen, denn die Zeit im Knast hat ihm zugesetzt. Er lernt seine Frau Jutta kennen und, müde von den dauernden Belästigungen durch die Cops, die Andreas auch nach der Entlassung nicht in Ruhe lassen, lassen sich die beiden in Süditalien nieder. 2016 dann wehrt sich Andreas gegen den Angriff seines äußerst aggressiven Arbeitgebers, dieser stirbt in der Auseinandersetzung. Andreas wird festgenommen und in U-Haft gesteckt. Doch Angehörige des Toten arbeiten in diesem Knast und er wird daraufhin massiv misshandelt. Schnell wird klar, dass es keinen „fairen Prozess“ geben wird, denn das gesamte lokale Justizsystem sympathisiert mit dem Toten oder ist mit dessen Familie verbandelt. Er wird in Hausarrest entlassen, was er dazu nutzt, um nach Deutschland unterzutauchen. Dort wird er jedoch eines Tages vom MEK festgenommen und 2018 nach Italien ausgeliefert. In erster und zweiter Instanz wird er wegen Mordes verurteilt, momentan versucht er dieses Urteil anzufechten, die Verhandlung findet voraussichtlich im April statt.

Zeitgleich hat Andreas mit einer unbehandelten Krebserkrankung zu kämpfen. Seit Beginn seiner gesundheitlichen Probleme weigert sich die italienische Strafjustiz eine ärztliche Behandlung durchführen zu lassen. Inzwischen haben sich die Metastasen im ganzen Körper ausgebreitet. Er hat voraussichtlich nur noch wenige Monate zu leben, trotzdem werden ihm Medikamente, Behandlung oder auch Haftentlassung aufgrund von schwerer Krankheit verweigert.

Das letzte Kapitel seiner Erinnerungen besteht aus Tagebucheinträgen von Februar und März 2020, die von seinem Alltag im italienischen Knast berichten, von seiner Krankheit und von den Auswirkungen der „Corona-Krise“ auf die Häftlinge. Besuche werden gestrichen, der versprochene Ersatz via Videotelefonie funktioniert aufgrund schlechter Internetverbindung nur mäßig und aufgrund weniger Computer hat sich die „Besuchszeit“ auch noch verkürzt. Gefangene sind panisch, Beamte überfordert, Berichte von Revolten, getöteten Gefangenen, aber auch der erfolgreichen Flucht von 60 Gefangenen erreichen Andreas Haftanstalt.

„Und wieder ein neuer Tag, diesmal kracht es gerade unter den Gefangenen gewaltig und alle sind total angespannt. Kann kaum schreiben, so sehr nimmt mich dieser Zustand gerade mit. Irre und noch nie habe ich so was erlebt. Es ist wie in einem Horrorfilm und draußen soll angeblich niemand auf der Straße zu sehen sein, außer die Bullen.“

„Und nun ist es also richtig passiert, es herrscht Ausnahmezustand. Seit sieben Uhr befinde ich mich wieder beim Arbeiten und habe nur noch ein Grinsen auf meinem Gesicht, weil hier alles drunter und drüber geht. Wir haben einen Infekt und weitere werden folgen. Dazu eine hysterische Ärztin, die einfach nur noch rumschreit und sogar die Beamten zum Explodieren bringt. Hat einfach ihre Arbeitsstelle verlassen…Es herrscht absolutes Chaos und die Beamten versuchen nun selbst medizinisch tätig zu werden… Als die Ärztin so laut um sich schrie…, kam ein aufgeschrecktes Rudel von mehreren Beamten ans Gitter gerannt, das elektronisch aus der Zentrale geöffnet werden muss. Die war allerdings nicht besetzt, denn auch dieser Beamte ging einfach weg und ließ alles stehen und liegen.“

„Heute gab es eine Massenschlägerei zwischen Beamten und Gefangenen. Für einen kurzen Augenblick gingen wir als Sieger hervor und die Pfleger waren gezwungen sich zurückzuziehen… Diese Schlägerei blieb ohne Konsequenzen, denn sie sind immer noch bemüht uns alle zu beruhigen…“

Der letzte Eintrag vom 26. März letztes Jahr, ist verzweifelt, doch auch durchdrungen von Andreas unermüdlichem Kampfgeist.

„Wie es weiter geht, weiß ich nicht, keinen Plan wie alles enden soll und meine Hoffnung, Wünsche und Träume sind erst mal auf Eis gelegt. Solange wie ich kann, werde ich weiter kämpfen, kämpfen bis zum Letzten! Ich hoffe, dass irgendetwas eines Tages auch Früchte trägt. Ich hoffe so sehr!“

Im Buch sind außerdem noch Auszüge aus den Briefen, Artikeln und Interviews angehängt, die er im Laufe der Jahre in seinem Kampf gegen das Knastsystem veröffentlicht hat. Eine „schwarze Liste der Gefängnisindustrie“ rundet das Buch ab.

Andreas‘ Erinnerungen geben einen tiefen Einblick in das Knastsystem. Es sind düstere Geschichten, auch wenn er immer wieder lustige Anekdoten einzustreuen vermag. Die Hässlichkeit des Justizsystems tritt in diesen Berichten deutlich zutage. Mut gibt nur der unermüdliche Kampfgeist von Andreas, sein Einsatz gegen den Knast und für seine Mitgefangenen, sein Erfindungsreichtum und seine Wärme, die auch 21 Jahre Knast ihm nicht austreiben konnten.

„Ich habe gelernt, dass im Knast wirklich alles möglich ist, wenn man nur will! Wenn man nur den Willen dafür aufbringt und sich gut untereinander organisiert, schafft man wirklich alles.“

Wenn ihr das Buch bestellen wollt, könnt ihr an andreaskrebs@riseup.net schreiben. In anarchistischen Bibliotheken solltet ihr das Buch auch finden. Ansonsten freut sich Andreas über Post. Ihr könnt ihm an folgende Adresse schreiben:

Andreas Krebs
Sez. 4 / Stz. 5
Mediterraneo
Via Roma Verso Scampia 250
CAP 80144 Napoli (NA)
Italien

Wenn ihr irgendwie Geld erübrigen könnt, freut er sich auch über Spenden. Er muss im italienischen Knast alles, auch seine Vitaminpräparate und Spezialnahrung, selbst bezahlen und braucht auch Geld für die nächste Gerichtsinstanz, die ziemlich teuer ist:

Empfänger: Krebs
IBAN: DE 90 1005 0000 1067 1474 26
BIC: BELADE BEXXX
Verwendungszweck: Spende/Andreas Krebs

Andreas Krebs Salih: Der Taifun. Erinnerungen eines Rebellen. Oktober 2020.

Gegen jede Föderation!

Und natürlich ganz besonders gegen jede Cyber-Zwangsföderation!

Was sagt man dazu: Da findet man in den Untiefen des Internets plötzlich eine Seite namens „Anarchistische Föderation“ mit identitärem schwarz-roten Stern als Logo, auf der man neben allem möglichen linken bis plattformistischen autoritärem Dreck auch eigene Artikel wiederfindet. Nicht weil man sie auf dieser Seite eingereicht hätte, nein, sie werden einfach zusammen mit denen von angeblich mehr als 250 anderen anarchistischen oder auch weniger anarchistischen Webseiten gespiegelt. Naja, selber Schuld, dann veröffentliche deinen Scheiß halt nicht im Internet muss ich mir da sicher an die eigene Nase fassen, aber so ganz will ich diese Dreistigkeit dann trotzdem nicht unkommentiert stehen lassen.

Ich meine es ist ja das eine, einen Artikel den man selbst gut findet oder spannend, oder ganz schlimm oder sonst irgendwie von Interesse, auf die eine oder andere Art zu reproduzieren. Man zitiert ihn, man kopiert ihn oder im Internet da spiegelt man ihn eben. Schön und gut, damit kann ich leben. Denn wenn mir auch an anderer Stelle nicht immer gefallen hat, was gelegentlich mit meinen Artikeln passiert ist, wenn andere sie auf ihren Webseiten gespiegelt haben und sie plötzlich im Kontext eines verwaschenen synthetischen Anarchismus-Blogs wiederauftauchten, gleich hinter Meldungen über neue plattformistische Publikationen, so hatte ich doch immer den Eindruck, dass diese Artikel von den veröffentlichenden Personen einerseits gelesen wurden, andererseits für irgendwie interesssant befunden wurden und zuletzt eben trotz dieses seltsamen Kontextes immer noch irgendwo für sich stehen konnten, weil sie niemand für sich vereinnahmt hat in dem Sinne, dass man behauptet oder den Eindruck erweckt hätte, diese Artikel würden mit den anderen auf dem Blog veröffentlichten zusammengehören.

In diesem Fall aber ist das anders. Wer eine Webseite mit „Anarchistische Föderation“ überschreibt und dann offenbar wahllos die Feeds von Seiten aggregiert, die einander kaum mehr widersprechen könnten, die*der sugeriert nicht nur eine krude Einheit anarchistischer Ideen und eine lächerliche Beliebigkeit der eigenen Vorstellungen, sondern vereinnahmt die Positionen anderer auch für sich selbst und die eigenen Absichten, die sich neben dem Internet-Kapital Traffic durchaus auch in herkömmlichen Währungen bemessen lassen oder warum sonst vertreibt man auf der Seite der entwickelnden Genossenschaft „No Gods No Masters“ den üblichen, ebenso ekelerregenden wie anrüchigen Szene-Merch? Ja so ist das im Kapitalismus, selbst mit seinen erbittertsten Feind*innen lässt sich noch Geld verdienen, wenn man sich nur die richtige Vermarktungsstrategie ausdenkt. Und bei dieser neuen Strategie der Cyber-Zwangsförderation, da brauchen die Feind*innen nicht einmal mitspielen.

„Das Problem mit unabhängigen dezentralen Medien ist, dass es so viele davon gibt, dass es schwierig ist, die verschiedenen Websites im Auge zu behalten und sicherzustellen, dass Sie keine Nachrichten verpassen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten 250 Freunde auf Facebook und der Newsfeed wäre nicht vorhanden. Die einzige Möglichkeit, Nachrichten von Freunden zu erhalten, besteht darin, sich 250 verschiedene Seiten anzusehen. Offensichtlich würden Sie viele Neuigkeiten von einigen Ihrer Freunde vermissen. Dies ist der Zustand des heutigen digitalen anarchistischen Medienuniversums.“

Diese Erklärung findet sich auf der Webseite dieser Zwangsföderation. Dabei weiß ich nicht einmal wie der beschissene Newsfeed bei Facebook aussieht. Aber dieser Newsfeed scheint das Vorbild für diese zumindest im Internetsprech plattfomistische Webseite zu sein! Und nicht nur das, auch die Anmeldung via Facebook beim Forum der Seite ist integriert. Haben die Macher*innen dieser Drecksseite schon einmal darüber nachgedacht, warum es wohl so viele verschiedene Websites im „digitalen anarchistischen Medienuniversum“ gibt?! Es fällt mir schwer zu entscheiden, was ich schlimmer finde. Entweder sie dachten sich „Ach, die Anarchist*innen, die sind offenbar zu blöd dazu, eine gemeinsame Online-Präsenz zu schaffen, da helfen wir Tech-Yuppies doch gerne nach“ oder aber man wusste um die Gründe warum es so viele verschiedene anarchistische Webseiten gibt und dachte sich, dass man sich aus Eigennutz einfach alle Beiträge aneignen könnte. Wahrscheinlich war es sowieso letzteres, denn wer sich den Namen „Anarchistische Föderation“ gibt und sowieso so ein*e Online-Enthusiast*in zu sein scheint, die*der wird wohl schon einmal über eine der dutzenden Föderationswebseiten im Internet gestolpert sein, die alle „gemeinsame Online-Präsenzen“ von „Anarchist*innen“ – mit und selten auch ohne Anführungszeichen – sind, auf einer freiwilligen Basis sogar, und von denen die meisten vielleicht ein oder zweimal im Jahr mit einem neuen Artikel aufwarten, den man dann aber doch nach den ersten beiden Sätzen wieder wegklickt, weil es doch spannenderes im eigenen Leben gibt, selbst während des Lockdowns. Und vielleicht dachte man sich da bei der „Anarchistischen Föderation“ ja: „Wenn es mit der Freiwilligkeit nicht so zu klappen scheint, dann machen wir das eben zwangsweise.“ Und ehrlich, besonders genau scheint man es mit dem Anarchismusbegriff ja ohnehin nicht zu nehmen. Oder wie kommt es, dass das „kommunistische Bündnis Ums Ganze“ Teil der Quellen ist, aus denen sich die Seite speist? Und das ist nur ein Beispiel von vielen …

„Massenmedien gehören und werden von einer Handvoll Kapitalisten kontrolliert, und Suchmaschinen gehören großen multinationalen Unternehmen wie Google und Microsoft. Wir brauchen eine Alternative, um den Inhalt aller anarchistischen Websites zusammenzufassen, ohne auf Unternehmen angewiesen zu sein.“

heißt es weiter auf der Seite der „Anarchistischen“ Cyber-Zwangsförderation. Und ich verstehe nicht so ganz was man damit sagen will. Will man nun Google-Alternative sein? Ist man letztlich auch noch Transhumanist*in? Oder will man einfach nur – wie Google – davon profitieren, dass andere sich die Mühe machen, Analysen, Meinungen, Rezensionen, usw. zu verfassen?

Aber immerhin wird von der Seite selbst, die gleich betont, dass eine Löschung von Artikeln nicht möglich sei, ein Ausweg beschrieben, wenn man zu dieser dämlichen Zwangsföderation nicht dazugehören will:

Das Kollektiv, das diese Website betreibt, behält sich das Recht vor, Quellen jederzeit zu entfernen, wenn der Inhalt nicht den Mindeststandards entspricht, die wir von einer anarchistischen Website erwarten. Wir tolerieren keinerlei Rassismus, Sexismus, Homophobie, Transphobie oder Diskriminierung, Autoritarismus, Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus oder Hass.

Und weil ich mich von all dem sicher zu nichts anderem als Hass hinreißen lassen werde, so muss es eben Hass sein, der nun dazu dient, diese Zeitung aus den Quellen dieser Zwangsföderation zu entfernen. Aber wie macht man das? Wie schüttet man seinen Hass über die vereinnahmenden Kommerz-Wichser dieser Zwangsföderation aus? Droht man ihnen? Beleidigt man sie? Gibt man sie der Lächerlichkeit preis? Oder vielleicht alles drei?

Aber was bringt es, wenn der Einzige, der das vonseiten der Verantwortlichen jemals lesen wird, nur ein Bot ist? Wie beleidigt man einen Bot? Wie bedroht man ihn? Wie macht man seine Drohung wahr? Wie gibt man ihn der Lächerlichkeit preis? Ok letzteres leuchtet ein, man jubelt ihm tausende und abertausende Artikel unter, die alles andere als anarchistisch sind, um ihn als autoritär zu entlarven. Und immerhin, das wäre nun auch eine Drohung, die sich – genießt man das zweifelhafte Privileg auf der Liste dieser Zwangsföderation zu stehen – recht leicht wahrmachen ließe. Aber ist das wirklich eine Drohung, wenn auf der Liste auch die berüchtigte „Plattform“ steht, diverse kommunistische Gruppen und antisexistische Organisationen, die offen mit Parteien zusammenarbeiten? Jaja, die Angelegenheit enpuppt sich als ziemlich verzwickt …

Also doch die Beleidigung?

Also gut ihr trafficgeilen Cyber-Möchtegernanarchist*innen, nehmt diese Zeitung aus euren Quellen ihr Vollidioten, die ihr nichteinmal Anarchist*innen von Kommunist*innen und Demokrat*innen unterscheiden könnt. Sollte ich euch jemals treffen, dann verspreche ich euch eine schöne Schlägerei, aber wahrscheinlich wird das ohnehin nicht passieren, wer weiß überhaupt ob ihr echte Menschen seid und nicht einfach nur Bots. Hirnlos wie ein Bot, das seid ihr ja auf alle Fälle. Und jetzt löscht eure scheiß Zwangsföderation oder werft gefälligst alle Anarchist*innen raus, die Feind*innen formeller Organisationen sind. Ansonsten werde ich mir ernsthaft Gedanken machen müssen, wie man eine Cyber-Zwangsföderation zerstören kann.

Eine*r, die*der sich nicht gerne vereinnahmen lässt

Die liebe Polizei, die Bombe und das Feuer

Komisch. Da fällt mir mal wieder eine alte anarchistische Zeitschrift in die Hände, welche ich vor einiger Zeit mal in einem Archiv kopiert habe. Sie ist vom 30. September 1932. Klandestin in Deutschland herausgegeben, trägt sie den vielversprechenden Titel Die Bombe. Und der erste Artikel der Nummer 1 beschäftigt sich dann auch mit dem kürzlich verhängten Ausnahmezustand der prä-hitler’schen (ob sie noch prä-faschistisch genannt werden kann, ist eher fragwürdig) Papen-Regierung. Und beim Lesen der Zeitung, die ganz humorvoll geschrieben ist, während die Druckqualität eher schlecht ist – erzwang die Zensur durch den neuverhängten Ausnahmezustand doch, dass die Zeitung nur in Schreibmaschinenschrift auf pappigem Papier gedruckt werden konnte… nun, beim Lesen dieser anonymen Anarchistischen Propagandaschrift von 1932 fühle ich mich, zwischen belustigt und schockiert, ziemlich stark an den heutigen Ausnahmezustand erinnert.

Der erste Artikel etwa, mit dem Titel „Ich verbiete…….!“, beginnt folgendermassen:

„“Mit dem Belagerungszustand kann jeder Esel regieren.“ Wenn dieses Bismarcksche Wort wahr sein sollte, dann regieren z. Zt. in Deutschland lauter Esel.“

Jaja. Der Artikel behandelt dann eben die Situation der prä-Hitler-Ära, die ja bald enden, bzw. allzu geschmeidig in den Nationalsozialismus übergehen sollte.. Auf der zweiten Seite dann ist das wunderschön-ironische Volkslied Die liebe Polizei, welches in den besseren Arbeiter-Turnvereinen spätestens ab den Sozialistengesetzen immer gern gesungen wurde, abgedruckt. Auch dieses wirkt heute sehr befremdlich aktuell. Und zutreffender als es sich der anonyme Dichter wohl jemals ausgemalt hätte. Es geht wie folgt:

1.) Wo zweie stehn und flüstern
Da sieht die Polizei
Den Himmel sich umdüstern
Und riecht Rebellerei
Fängt an zu arretieren,
Denn´s könnt zu Aufruhr führen
Und darauf hat sie ja zu sehn:
Die Welt soll sich auch morgen drehn:
Es lebe hoch die Polizei:
Die liebe Polizei.

2.) Fängt einer an zu niesen,
Spitzt sie die Ohren schnell
Und wittert hinter diesem
Den schändlichsten Rebell;
Niest er zum zweiten Male,
So sind es Kampfsignale; –
Die Polizei packt ihren Mann,
Bevor er weiter niesen kann.
Es lebe hoch die Polizei:
Die liebe Polizei.

3.) Vor jeder roten Nase
Da bleibt sie sinnend stehn,
Es könnte in der Strasse
Ein Attentat geschehn;
Und weiter dient dergleichen
Oft als Erkennunsgzeichen; –
Drum mit der Nase in Arrest,
Dann steh›n des Staates Pfeiler fest.
Es lebe hoch die Polizei:
Die liebe Polizei.

4. Drum lasst, ihr guten Christen
Euch nie von dem Geschrei
Der Wühler überlisten,
Und ehrt die Polizei;
Und tritt sie euch von hinten,
So lasst gefasst euch finden
Und denkt: „Ei nun, auch das ist gut
´s ist doch ein schönes Institut!“
Es lebe hoch die Polizei:
Die liebe Polizei.

So das schöne, leider allzu unbekannte Lied, welches heute – wortwörtlich – aktueller denn je ist, wenn man etwa die Sache mit dem Niesen beachtet. Es wurde traditionellerweise übrigens, als eine Art Parodie, zur Melodie des vaterländischen Liedes «Ich kenn einen hellen Edelstein» gesungen. Aber auch andere Vertonungen lassen sich finden.

Auch der nächste Text hat leider wieder einiges an Aktualität gewonnen. Dabei geht es um das liebe Denunzieren, welches das deutsche Volk ja nach 1932 bis zum geht nicht mehr betrieben hat, auch wenn diese Neigung ja schon vorher enorm ausgeprägt war – man denke z.B. an die sogenannte Hexenverfolgung.

Im Artikel handelt es sich vor allem um die Denunziation von illegalen Druckschriften. Auch wenn heute auch die Pressezensur ein Wiederaufleben erlebt, und bestimmt die im Internet (man denke daran, was Google, Facebook und Co. gerade abziehen, im Kampf gegen angebliche und reale Verschwörungstheorien). Aber eine akutere Gefahr wird der Denunziant gerade mehr durch das Verpfeifen von so kriminellen Dingen wie sich zuhause mit Freunden zu treffen, draussen im Kreis zu sitzen, rumzugammeln, verweilen und Bücher lesen etc. Auch hier ein paar Lesefrüchte:

«…besonders jene edle Institution, die unter dem Namen Polizei unrühmlich bekannt ist, kam ohne Denunzianten und Spitzel niemals aus. Das hatte seinen triftigen Grund; denn die Polizei bestand fast durchweg aus Elementen, die geistig auf sehr niedriger Stufe standen; auch brachte es der Beruf mit sich, dass nicht gerade die moralisch wertvollsten Individuen ihn ergriffen. Geistiger Tiefstand und moralische Minderwertigkeit also waren der Nährboden für das schmutzige Denunziantengeschäft.»

Auch wird behauptet, dass niemand ohne Belohnung Denunziant werden wollen würde. «Dieser Anreiz ist notwendig, denn ohne ihn würden sich keine Denunzianten melden und ohne diese würde die Polizei nie ihren Zweck erreichen.» Von 500 Mark ist die Rede. Leider hat sich das in der Geschichte und auch heute wieder als allzu optimistisch herausgestellt. Vielmehr führte und führt das Ressentiment, alle gleich unterdrückt sehen zu wollen wie man selbst es ist, dazu, aus purer Lust zu denunzieren… ist es nicht so?

Trotzdem ist es so und bleibt es immer so, vielleicht noch vielmehr wenn das ganze unentgeltlich geschieht:

«Der grösste Lump im ganzen Land,
Das ist und bleibt der Denunziant.»

Wie auch Die Bombe bekräftigt. Weiters schreibt die Bombe über das Leben unter der Papenregierung, welche etliche faschistische, wenn auch noch demokratische, Massnahmen durchsetzte. So wurden Bettler verhaftet, alle Subversiven eingesperrt und Nazis freigesprochen. Auch die wirtschaftliche Krise wird behandelt, die Armut, Hunger, etc. Dabei könnte wohl bald solches auf uns zukommen. Und es muss angemerkt werden: die Rezession, welche für 2020 von den Ökonomen prophezeit wurde, sie kommt jetzt. Und: sie kommt nicht «wegen corona». Vielmehr kommt sie ohnehin, und wenn in Zukunft das Geschwätz der Politik so gehen wird, als würden wir jetzt «alle den Gürtel enger schnallen müssen» und «wir sitzen alle im selben Boot», weil die Krise ja eine Art Naturereignis war, «wegen corona» eben, so ist das Quatsch. Es kommt ihnen aber gelegen. Auch, dass sie jetzt die Wirtschaft mit Geld vollpumpen können, ohne dass irgendwer das hinterfragt.

Aber zurück ins Jahr 1932. Natürlich ist 2020 nicht 1932. Aber auch heute stehen wir vor einem Abgrund. Einer Herrschaft durch den Ausnahmezustand, wie sie sich seit 2001 schon aufbaut, jetzt aber langsam endgültig normalisiert wird. Die Frage ist, ob wir im Pessimismus versinken sollen, angesichts der Tatsachen…? Und da muss man sagen, ob 2020 nicht 1932 ist, also die Einleitung zu Weltfaschismus und Weltkrieg, das liegt auch an uns allen… Das liegt daran, ob wir das mit uns machen lassen. Ob wir, die Ausgebeuteten und Ausgeschlossenen und Rebellen schon so am Ende sind, dass man alles mit uns machen kann.

Wir wissen es nicht.

Wenn Die Bombe schrieb: «Ein Regierungsgewaltiger unterdrückt eine zeitlang und glaubt damit die Stimme der Kritik, der Empörung, die Stimme des freien Geistes vernichten zu können. Ein jämmerlicher, bemitleidenswerter Narr, der sich das einbildet. Die Stimme der Empörung ist nicht zu unterdrücken, und sie wird lauter und lauter erschallen, trotz Verbot und Gewalt, bis sie eines Tages der Orkan entfacht, der alle Verbote und Unterdrückungsmassregeln wie Spreu hinwegfegt und mit ihnen diejenigen, die sie erliessen. Der freie Geist lebt, und er spottet der Reaktionäre von heute, wie er der Reaktionäre aller Zeiten gespottet hat: «Ich war, ich bin, ich werde sein!»»

Nun, wenn Die Bombe so schrieb, und sich die darauf folgende Zeit anschaut, dann wird einem mulmig zumute. Der Vorschlag der Bombe, der in der zweiten Ausgabe formuliert wurde, wurde leider nicht allzu häufig umgesetzt. Sie Bewirbt dort «Wanzol», ein «Vollkommen sicheres Mittel zur Vertilgung von Wanzen.» Dabei sind ganz besondere Wanzen gemeint. Jene, welche „wohlgenährt und gut gekleidet“ sind, „und in Villen und Palästen [wohnen]. Es sind die Leute, die im Besitz des Grund und Bodens, der Fabriken und sonstigen Reichtümer sind, es sind diejenigen, die uns ausbeuten und beherrschen.“ Zur Vernichtung dieser «Blutsauger» und «Parasiten» empfahl Die Bombe «Wanzol». Es wurde dabei kaum verhüllt, dass damit wohl eben das gemeint ist, was der Titel der Zeitung war. «Und wenn die Geplagten auch nicht an die Unfehlbarkeit des Mittels glauben – warum versuchen sie es nicht wenigstens? Versuch macht klug. Aber der Versuch muss gemacht werden. Und wenn Wanzol nicht helfen sollte, dann nehmt Feuer, das heilige Feuer, das Prometheus, wie die Sage berichtet, einst den Göttern raubte, um der leidenden und frierenden Menschheit die grösste Wohltat zu erweisen. Im Feuer stirbt jegliches Ungeziefer.»

Dabei empfiehlt Die Bombe vor allem, diese Kur beim damaligen Aussenminister Konstantin von Neurath anzuwenden. Aber eben: leider wurde «Wanzol» und auch das liebe Feuer viel zu wenig angewandt, und so konnte die Geschichte ihren Lauf nehmen. Und Neurath seine Rolle auch in der SS weiterführen.

Nur ein Subversiver, der dazu Extra aus Holland einreiste, fand noch die Kraft, welche in Deutschland niemand fand, und zündete den Reichstag an. Marinus van der Lubbe. Aber: anstatt dass diese Kur noch weitere Verbreitung fand, wurde er verleumdnet und diffamiert, während die Massen in den Nationalsozialismus marschierten, oder zumindest passiv und paralysiert dastanden.

Aber ja, diese kleine Geschichte, was hat sie mit 2020 zu tun?

Das mag jeder selber entscheiden.

Und jeder mag sich fragen, bei welcher Wanze heute wohl am ehesten eine Behandlung mit «Wanzol» nötig wäre. Sind es vielleicht gewisse Ministerpräsidenten und ähnliches Gesindel? Oder was wäre mit Herr Wieler, dem Präsidenten des RKI? Oder was mit Bill Gates, dem wichtigsten Privatfinancier hinter der WHO? Es gehen wohl so manchem noch viele Leute durch den Kopf.

Ich will hier bestimmt niemandem zu einem Verbrechen aufrufen, schliesslich handelt es sich hier ja nicht um eine klandestine Zeitung. Aber nachdenklich sollten diese Zeiten stimmen. Auch darüber, welche Mittel denn angebracht sind. Die Ära, die sich jetzt eröffnet, wird sie jene des absoluten Gehorsams werden, oder lebt die Flamme noch, welche sie in eine der Revolten und Aufstände verwandeln könnte? The future is unwritten.

Jenseits von Hoffnung und ihrem Kehrstück: Pessimismus; lohnt es sich zumindest, über die Sache mit «Wanzol» mal nachdenken. «Und wenn dies nicht hilft: Feuer!», schlussfolgert auch Die Bombe

Eine wühlende Leseratte

Verdrängung hat viele Gesichter

Der Dokumentarfilm „Verdrängung hat viele Gesichter“ des Kollektivs Schwarzer Hahn thematisiert Gentrifizierung und Verdrängung im Berliner Stadtteil Alt-Treptow. Die Besonderheit der Gentrifizierung in Alt-Treptow – so argumentiert der Film – ist, dass der Aufwertungsprozess des Stadtviertels dort nicht durch klassische Immobilienspekulationen von Investor*innen in Gang gebracht wurde, sondern von sogenannten Baugruppen angestoßen wurde. Baugruppen sind Zusammenschlüsse von Menschen mit dem nötigen Kleingeld, die gemeinsam den Bau einer (luxsuriösen) (Eigentums-)Wohnanlage planen. Diese Wohnanlagen entstehen vor allem auf bislang unbebautem Grund, trotzdem werten sie das Viertel entsprechend auf und bedingen Luxussanierungen, steigende Mieten und eine Anhebung des Mietspiegels. So zumindest in Alt-Treptow.

Der Film erzählt die lange Geschichte des Widerstands gegen die dadurch bedingte Verdrängung in Alt-Treptow und dokumentiert deren (nahendes vorläufiges) Scheitern. Aber er eröffnet auch Perspektiven für eine Weiterführung des Kampfes, dort wo dieser schon fast verloren scheint.

Den Fillm „Verdrängung hat viele Gesichter“ findet ihr online unter https://archive.org/details/verdraengung-hat-viele-gesichter-film.

Gentrifizierung und Verdrängung ist kein Thema, das einzelne Stadtviertel betrifft: Es ist ein Thema, das viele Menschen in ganz Deutschland, ja auf der ganzen Welt betrifft: Es ist die Gretchenfrage danach, unter welchen Bedingungen wir wohnen, unter welchen Bedingungen wir leben möchten!

Wollen wir in ständiger Angst vor Verdrängung, in ständiger Konkurrenz und zu fremdbestimmten Bedingungen leben, oder gestalten wir unser Leben selbstbestimmt und solidarisch? Wohnraum war viel zu lange eine Ware. Es ist an der Zeit, dass wir uns unseren Wohnraum zurückerkämpfen.

Deshalb beteiligt euch an diversen Aktionen gegen Verdrängung, diskutiert das Thema mit anderen, unterstützt euch gegenseitig im Kampf gegen Verdrängung und lasst Investor*innen, Eigentümer*innen, Bauunternehmer*innen und Immobilienbüros, denen das Leben und die Bedürfnisse der*des Einzelnen egal sind, keine Ruhe!