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Randale anlässlich des Alkoholverbots in Münchner S-Bahnen 2011

Um das „subjektive Sicherheitsempfinden“ von Fahrgästen zu steigern, wurde Ende 2011 ein allgemeines Alkoholverbot in Münchner S-Bahnen verhängt. Dass das bei all denjenigen, die sich nicht gerade bedroht fühlen, wenn jemand in ihrer Nähe einen Schluck Bier oder Wein zu sich nimmt, nicht gerade auf Begeisterung stieß, war abzusehen.

Nachdem mehrere tausend Menschen einem Aufruf zu einem „MVV-Abschiedstrinken“ gefolgt waren, eskalierte die Situation im Laufe der Nacht an mehreren Bahnhöfen und in den S-Bahnen: Trennwände, Beleuchtungen, Deckenverkleidungen und Glasscheiben fielen der Wut der Menschen zum Opfer. Insgesamt rund 50 S-Bahnen seien nach dieser Nacht beschädigt gewesen, resümierte die Bahn in den Folgetagen und sah darin den Beweis dafür, dass das Alkoholverbot in S-Bahnen eine angemessene „Maßnahme“ sei.

Naja, offenbar kann sich hier jede*r ihre eigene Interpretation zurechtlegen …

Die Münchner Bierkrawalle im März 1844

Eine königlich verordnete Bierpreiserhöhung um einen Pfennig löste im März 1844 viertägige Krawalle in München aus, die mit einer Rücknahme der Bierpreiserhöhung und sogar einer späteren Senkung des ursprünglichen Bierpreises beendet wurden.

Nachdem zuvor bereits der Brotpreis erhöht worden war, eskalierte die Situation in München am 01. März 1844, dem Tag der Bierpreiserhöhung wohl spätestens damit, dass die ersten Zechen ausgestellt wurden. Je nach Quelle sammelten sich daraufhin, ebenso wie an den folgenden Tagen mehrere hundert bis mehrere tausend Arbeiter*innen auf den Straßen Münchens, warfen Scheiben öffentlicher Gebäude und Brauereien ein, zerstörten die Einrichtungen und errichteten Barrikaden. Die Meute zog sogar vor den Palast des Königs, wo sie vom Militär, das sich zuvor – wohl aus Sympathie mit dem Anliegen – geweigert hatte, die Aufstände niederzuschlagen, gestoppt wurde. Nachdem dem König in den folgenden Tagen ein prestigeträchtiger Theaterbesuch vermiest wurde und die Ausschreitungen weiter anhielten, nahm der König die Bierpreiserhöhung am 05. März 1844 zurück. Daraufhin endeten die Ausschreitungen.

„Um dem Militär und der arbeitenden Klasse einen gesunden und wohlfeilen Trunk zu bieten.“ wurde einige Monate später, im Oktober 1944 der Bierpreis sogar noch einmal um 1 1/2 Kreuzer herabgesetzt.

Der britische Revolutionärsschnösel Engels, der die Ereignisse aus der Ferne mit den Worten „Wenn das Volk einmal gelernt hat, dass es der Regierung […] Angst einjagen konnte, dann wird es schnell erkennen, dass es eben so einfach ist, ihr auch bei wichtigeren Angelegenheiten das Fürchten zu lehren“ kommentierte, verkannte dabei schon damals, dass es weder eine wichtigere, noch eine unwichtigere Angelegenheit als eine Bierpreiserhöhung gibt, um zu revoltieren. Als neuer Möchtegern-Anführer der Revolution braucht es für Engels freilich irgendeinen gewichtigen Anlass, der spätestens nüchtern betrachtet dann seine eigene Herrschaft legitimieren soll. Wer jedoch aufrichtig gegen jede Form der Herrschaft rebelliert, die*der braucht doch sicher keine „wichtigere Angelegenheit“ als die Erhöhung des Bierpreises oder vielleicht neurdings ein Alkoholverbot. Wenn die möchtegern-revolutionären Autoritäten von mir verlangen aus diesen oder jenen richtigen Gründen zu rebellieren, dann erfüllt mich die Revolte aus den aus ihrer Sicht „falschen Gründen“ doch mit der größten Genugtuung. Also her mit dem Bier und dann nichts wie weg mit der Flasche in Richtung der Bullen!

Übrigens kam es auch nach 1844 immer wieder zu kleineren Randalen aufgrund von unliebsamen Regelungen hinsichtlich des Bieres in München. Beispielsweise im Oktober 1848.

Freiraum Hambacher Forst

Sie sind ziemlich lädiert und mitgenommen… aber sie sind noch da: der Hambacher Forst und seine Besetzer*innen. Seit 2012 ist der Hambacher Forst in der Nähe von Köln von einem losen, immer wieder sich verändernden Haufen Öko-Anarchist*innen besetzt. Seit sieben Jahren kämpfen sie dafür, dass dieser nicht gerodet wird, um den Abbau von der darunter befindlichen Braunkohle durch den Energiekonzern RWE zu ermöglichen. September letzten Jahres kam es zur bisher größten Räumung und Rodung im Hambacher Forst – zynischerweise vordergründig nicht wegen der Braunkohle, sondern um die Brandschutzverordnung durchzusetzen. Wochenlang bekämpften sich Bullenschweine und die Besetzer*innen. Damals schaffte es der Hambacher Forst sogar in die großen Medien, seine Besetzung scheint mit Impuls dafür gewesen zu sein, dass sich jetzt neue ökoaktivistische Bewegungen wie „Fridays for Future“ oder „Extinction Rebellion“ bilden. Ein Gericht stoppte im letzten Moment, als die Räumung bereits vollendet war, vorläufig die Rodung des Waldes. Es wird geprüft, ob das Waldstück Naturschutzgebiet werden soll. Egal, was dabei herauskommen sollte: Aktuell hat RWE zugesagt, bis 2020 nicht mehr im Hambacher Forst zu roden. Auch wenn irgendwelche Politiker*innen nun den Erhalt des Hambacher Forstes als „wünschenswert“ bezeichnet haben, ist die Zukunft des Waldes allerdings immer noch ungewiss.

Der Kampf letzten September hat seine Spuren hinterlassen: viele Besetzer*innen haben nach der Räumung den Forst verlassen, haben mit psychischen Problemen zu kämpfen. Doch die Besetzung ist immer noch da, mit vielen neuen Leuten und wie jedes Jahr findet um das Osterwochenende herum zwei Wochen Skillsharingcamp statt, wie immer mit spannenden Workshops zum Thema Ladendiebstahl, ohne Fahrschein und sonstwie „geldneutral“ mobil sein, sich bewusst verschulden, Drogenpolitik und -konsum, Raupkopieren, Gerechtigkeit jenseits von Staat und Polizei… Skills, die Anarchist*innen halt so brauchen. Die Besetzung des Hambacher Forsts setzt (auch) auf militanten Widerstand. Brandanschläge auf Baustellen von RWE, Blockaden, Molotowcocktails, Sabotage, Zerstörung von Baggern, das ganze Repertoire kommt zum Einsatz. Seit sieben Jahren halten sie ihre Besetzung, zumindest ein Teilsieg ist gerade errungen. Doch nicht nur da zeigt der Hambacher Forst, wie „Rebellion“ aussehen kann (ja, liebe „Extinction Rebellion“-Menschen!). Der Hambacher Forst war und ist auch ein Freiraum, um im Hier und Jetzt eine andere, anarchistische Art und Weise des Miteinanders zu erproben, auch in einem anderen Verhältnis zu anderen Lebewesen, zu den Bäumen und anderen Pflanzen und Tieren im Wald. Ein Ort des Austauschs, eine Inspirationsquelle. Viel Wissen und Erfahrung wurden und werden hier gesammelt und weitergegeben. Das bedeutet nicht, dass immer alles rosig dort läuft, und die Repression, der die Aktivist*innen durch den Staat ausgesetzt sind, ist äußerst kräftezehrend. Für viele „alte“ Aktivist*innen stellt sich aktuell die Frage: Was jetzt? Wie weiter? Kann ich das weiterhin leisten? Die Ideale sind weiterhin da, der Wille auch, nur die Kraft fehlt vielen gerade. In konsequenter Revolte zu leben ist nicht einfach. Doch es lohnt sich. Wir werden stärker, je mehr Menschen die Möglichkeiten entdecken, sich wirklich selbst zu wehren, ohne dabei bei Politiker*innen oder anderen Machtinstitutionen betteln zu gehen. Der Kampf um den Hambacher Forst kann uns da bestärken. Wir können uns inspirieren lassen, neue Möglichkeiten entdecken. Der Hambacher Forst ist auch ein Ort der Zusammenkunft, ein Ort, an dem mensch sich mit Gleichgesinnten austauschen kann, neue Skills lernen kann. Bis 24. April habt ihr sogar intensiv Gelegenheit dazu. Solange geht das Skillsharing-Camp noch.