Archiv der Kategorie: Meinung

Die Technologische Ordnung

Es ist der „technologische Fortschritt“, auf den so viele Menschen vertrauen. Egal ob es um eine Lösung der Klimakatastrophe geht, die zukünftige Energieversorgung oder einfach nur das neueste Smartphone, das noch besser, noch schneller, noch größer als seine Vorgänger sein soll. Technologie soll permanentes ökonomisches Wachstum garantieren und dabei zugleich negative Einflüsse auf Ökosysteme und Lebewesen verhindern oder kompensieren. Technologie ist die Lösung, auf die alle vertrauen.

Dabei gibt es allen Grund, Technologie auch in einem anderen Licht zu betrachten: Ist Technologie nicht auch für viele der Probleme, die sie nun lösen soll, überhaupt erst verantwortlich? Und wird Technologie nicht vor allem für streitbare Lösungen von Problemen eingesetzt, beispielsweise zur Produktion von immer tödlicheren Waffen oder auch zur Überwachung von Menschen. Wir neigen dazu, diesen Aspekt des „technologischen Fortschritts“ für gewöhnlich auszublenden. Stattdessen verklären wir teils die Rolle von Technologie. Wir machen sie verantwortlich für Errungenschaften, mit denen sie kaum bis gar nichts zu tun hat. Beispielsweise ist es eine ebenso gängige wie falsche Meinung, soziale Netzwerke, insbesondere Facebook, Twitter und Youtube hätten die Aufstände des sogenannten „arabischen Frühlings“ erst möglich gemacht. Im Gegenteil: Indem Regierungen Zugriff auf die dort gespeicherten Daten bekamen, war es ihnen möglich, viele Aufständische zu identifizieren und zu verhaften.

Ein anderes Beispiel ist die (drohende) Klimakatastrophe. Überall verspricht mensch sich von Technologie Lösungen, die Treibhausgasemissionen verhindern sollen, sei es durch neue Energiequellen, Speicherlösungen, die diese Gase in Gesteinen einsperren oder eine intelligentere Nutzung der produzierten Energie. Aber hat das blinde Vertrauen in Technologie nicht überhaupt erst zur Klimakatastrophe geführt?

Bei einer näheren Betrachtung lässt sich meist feststellen, dass technologische Entwicklungen die bereits bestehenden Strukturen der Gesellschaft stärken. Der Zentralismus unseres Stromnetzes beispielsweise begünstigt kapitalistische Unternehmen und verhindert dadurch die Nutzung regenerativer Energiequellen. Die zentralistische Infrastruktur des Internets – und da kann noch so oft davon geredet werden, das Internet sei dezemtral, dadurch wird das nicht wahrer – begünstigt die Überwachung und Kontrolle von Menschen, sowie die Zensur unliebsamer Inhalte. Und die große Verbreitung von motorisierten Individualverkehrsmitteln ist für die Automobilindustrie sicherlich lukrativer als die Herstellung von öffentlichen Verkehrsmitteln.

Technologie ist also immer abhängig von der Gesellschaft, in der sie entsteht und sie neigt dazu, sowohl gängige Vorstellungen dieser Gesellschaft zu reproduzieren, als auch bestehende Machtverhältnisse innerhalb dieser Gesellschaft zu stärken. Ich will damit nicht sagen, dass es grundsätzlich auch technologische Entwicklungen geben kann, die genau das Gegenteil bewirken, doch in der Mehrheit werden technologische Entwicklungen immer das bereits bekannte udn bestehende abbilden.

Aus diesem Grund halte ich es für notwendig, eine kritische Distanz zu technologischen Entwicklungen einzunehmen. Technologie ist ein Werkzeug. Um damit echte Lösungen entwickeln zu können, bedarf es zunächst einmal einer Gesellschaft, die an diesen Lösungen überhaupt interessiert ist.

Klimaerwärmung, Klimawandel oder Klimakatastrophe?

Klimaforscher*innen auf der ganzen Welt beobachten derzeit einen Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur; und sie sagen einen erheblichen weiteren Anstieg für die kommenden Jahrzehnte vorraus. Dieses Phänomen ist unter vielen Namen bekannt: Klimaerwärmung und Klimawandel sind wohl die gebräuchlichsten davon. Als Ursache für den bereits beobachtbaren, sowie den prognostizierten Anstieg der Temperaturen werden unterschiedliche, sogenannte Treibhausgase ausgemacht. Die wichtigsten dieser Gase sind das bei Verbrennungsvorgängen entstehende Kohlenstoffdioxid (CO2) und Methan (entsteht beispielsweise durch intensive Viehzucht).

Treibhausgase sind in der Lage, die Wärme der Sonneneinstrahlung zu absorbieren und diese dann an ihre Umgebung abzugeben. Die Folge einer steigenden Konzentration dieser Gase in der Atmosphäre ist ein Anstieg der Temperaturen. Soweit so gut, wird es also ein paar Grad wärmer auf der Welt. Dann können wir zukünftig an der Nordsee Urlaub machen, statt nach Italien zu fahren, denkt manch eine*r dazu. Der Begriff Klimaerwärmung impliziert das oder ein ähnliches Szenario. Aber der erste Eindruck täuscht, glaubt mensch der Einschätzung zahlreicher Klimaforscher*innen. Ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperaturen würde demnach nicht nur zu einer Klimaerwärmung führen, sondern zu einer tiefgreifenden Wandlung des Klimas mit regional ganz unterschiedlichen Auswirkungen. Der Begriff Klimawandel beschreibt diese Auswirkungen auf jeden Fall präziser, doch auch er berücksichtigt nicht die zum Teil katastrophalen Folgen einer solchen Entwicklung:

Ein Anstieg der Temperaturen könnte binnen kürzester Zeit zu einem Abschmelzen der Polkappen führen. Das dort in gefrorener Form vorhandene Süßwasser würde schmelzen und ins Meer fließen. Das bedingt wiederum eine ganze Reihe von Entwicklungen

Die offensichtlichste: Der Meeresspiegel würde ansteigen, einigen Vorhersagen zufolge um mehr als einen Meter bis zum Jahr 2050. Dadurch würden zahlreiche bewohnte Regionen weltweit im Meer versinken. Würde der Meeresspiegel von heute auf morgen ansteigen, würden rund 180 Millionen Menschen ihren Lebensraum verlieren. Außerdem würden zahlreiche landwirtschaftlich genutzte Flächen verloren gehen. Die davon am stärksten betroffenen Regionen liegen in den Ländern Bangladesch, Ägypten, Pakistan, Malediven, Indonesien und Thailand. Die betroffenen Menschen wären gezwungen, ihre Existenzen aufzugeben und in andere Regionen zu fliehen. Zum Vergleich: 2018 befanden sich weltweit 68,8 Millionen Menschen auf der Flucht. Viele von ihnen starben auf gefährlichen Fluchtrouten oder müssen unter unmenschlichen Bedingungen in Lagern leben. 150.000 Quadratkilometer Land würden insgesamt überschwemmt werden. Das würde zu einer weiteren Erwärmung der Temperaturen beitragen, da die Meeresoberfläche deutlich mehr Wärme absorbieren kann. Das begünstigt einen weiteren Anstieg des Meeresspiegels.

Doch ein Abtauen der Polkappen hätte noch andere Folgen: Durch ein Absinken des Salzgehalts (Süßwasser verdünnt das Salzwasser des Meeres) könnten zentrale Meeresströmungen zum Erliegen kommen. Diese haben zum Teil großen Einfluss auf das Klima in vielen Regionen. Kommen sie zum Erliegen, verändert sich das Klima in diesen Regionen drastisch.

Generell würden durch einen Anstieg der durchschnittlichen Temperaturen weitere bewohnbare Flächen vernichtet werden. Sie würden zu unbewohnbaren Wüsten werden. Viele empfindliche Ökosysteme wären bedroht. Kippen sie, sind die Folgen für an sie gekoppelte Ökosysteme kaum abzuschätzen.

Generell gilt für die meisten Folgen einer globalen Erwärmung, dass ihr Einfluss auf das Leben von Menschen und anderen Lebewesen nur sehr schwer abzuschätzen ist. Als relativ sicher gilt jedoch, dass die meisten Entwicklungen, sind sie erst einmal in Gang gekommen, kaum mehr rückgängig gemacht werden können. Dabei könnten viele der bereits heute prognostizierten Entwicklungen potenziell Lebensbedrohlich für betroffene Menschen sein. Dem versucht der Begriff Klimakatastrophe Rechnung zu tragen.

Von den verheerenden Folgen einer sich abzeichnenden Klimakatastrophe wären paradoxerweise zunächst vor allem die Menschen, die im globalen Süden leben, betroffen und nicht ihre Verursacher*innen aus dem globalen Norden. Das ist vermutlich einer der Gründe, warum sich im globalen Norden kaum irgendwer ernsthaft dafür interessiert, die Klimakatastrophe aufzuhalten. Und diejenigen, die das doch tun, setzen ihr Vertrauen in die Politik. Sie richten ihre Forderungen an die Staaten und verlangen staatliche Programme zur Reduktion von CO2. Das scheint jedoch unmöglich mit dem permanenten Wachstumskurs der Länder vereinbar zu sein. Überhaupt erscheint es mir symptomatisch, sich angesichts kollektiv verursachter Probleme an eine scheinbare Autorität zu wenden und damit die eigene Verantwortung von sich zu weisen. Das wird die entsprechenden Probleme aber nicht lösen. Vielmehr entspricht das einem Ignorieren des Problems.

Allerdings, das muss ich zugeben, erscheinen die eigenen Handlungsmöglichkeiten angesichts einer drohenden Klimakrise äußerst beschränkt. Eine Reduktion des eigenen Konsumverhaltens mag zwar das eigene Gewissen verbessern, doch da die Produktion heute in vielen Branchen kaum noch abhängig von der Nachfrage ist, dürfte auch dieser Weg kaum eine relevante Wirkung zeigen. Natürlich ist es erforderlich, den praktizierten Konsum drastisch zu reduzieren, doch wer glaubt, da durch individuelles Handeln eine relevante Veränderung herbeiführen zu können, lügt sich in die eigene Tasche. Welche Möglichkeiten gibt es also, um selbstbestimmt etwas gegen eine drohende Klimakatastrophe zu tun? Autos anzünden? Die Energieinfrastruktur blockieren? Sicher alles interessante Gedanken, die in Zukunft bestimmt noch eine wichtige Rolle spielen werden, aber ist es dafür nicht ohnehin längst zu spät?

Vielleicht müssen wir einsehen, dass wir innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaft kaum eine Möglichkeit haben, gegen eine Klimakatastrophe zu kämpfen. Vielleicht müssen wir einsehen, dass die drohende Klimakatastrophe mehr oder weniger bald eintreten wird und das alles, was wir tun können ist, eine Gesellschaft zu schaffen, in der es möglich sein wird, einen geeigneten Umgang mit dieser Katastrophe zu finden. Eine herrschaftsfreie, solidarische Gesellschaft, die die Opfer dieser Katastrophe nicht im Stich lässt und in der Lage dazu ist, einen gemeinsamen Weg aus dieser Krise zu finden. Ich jedenfalls kann mir eine akzeptable Lösung einer Klimakatastrophe innerhalb der heutigen Gesellschaft, die auf Herrschaft, Ausbeutung und Unterdrückung basiert, nicht vorstellen.

Freiraum Hambacher Forst

Sie sind ziemlich lädiert und mitgenommen… aber sie sind noch da: der Hambacher Forst und seine Besetzer*innen. Seit 2012 ist der Hambacher Forst in der Nähe von Köln von einem losen, immer wieder sich verändernden Haufen Öko-Anarchist*innen besetzt. Seit sieben Jahren kämpfen sie dafür, dass dieser nicht gerodet wird, um den Abbau von der darunter befindlichen Braunkohle durch den Energiekonzern RWE zu ermöglichen. September letzten Jahres kam es zur bisher größten Räumung und Rodung im Hambacher Forst – zynischerweise vordergründig nicht wegen der Braunkohle, sondern um die Brandschutzverordnung durchzusetzen. Wochenlang bekämpften sich Bullenschweine und die Besetzer*innen. Damals schaffte es der Hambacher Forst sogar in die großen Medien, seine Besetzung scheint mit Impuls dafür gewesen zu sein, dass sich jetzt neue ökoaktivistische Bewegungen wie „Fridays for Future“ oder „Extinction Rebellion“ bilden. Ein Gericht stoppte im letzten Moment, als die Räumung bereits vollendet war, vorläufig die Rodung des Waldes. Es wird geprüft, ob das Waldstück Naturschutzgebiet werden soll. Egal, was dabei herauskommen sollte: Aktuell hat RWE zugesagt, bis 2020 nicht mehr im Hambacher Forst zu roden. Auch wenn irgendwelche Politiker*innen nun den Erhalt des Hambacher Forstes als „wünschenswert“ bezeichnet haben, ist die Zukunft des Waldes allerdings immer noch ungewiss.

Der Kampf letzten September hat seine Spuren hinterlassen: viele Besetzer*innen haben nach der Räumung den Forst verlassen, haben mit psychischen Problemen zu kämpfen. Doch die Besetzung ist immer noch da, mit vielen neuen Leuten und wie jedes Jahr findet um das Osterwochenende herum zwei Wochen Skillsharingcamp statt, wie immer mit spannenden Workshops zum Thema Ladendiebstahl, ohne Fahrschein und sonstwie „geldneutral“ mobil sein, sich bewusst verschulden, Drogenpolitik und -konsum, Raupkopieren, Gerechtigkeit jenseits von Staat und Polizei… Skills, die Anarchist*innen halt so brauchen. Die Besetzung des Hambacher Forsts setzt (auch) auf militanten Widerstand. Brandanschläge auf Baustellen von RWE, Blockaden, Molotowcocktails, Sabotage, Zerstörung von Baggern, das ganze Repertoire kommt zum Einsatz. Seit sieben Jahren halten sie ihre Besetzung, zumindest ein Teilsieg ist gerade errungen. Doch nicht nur da zeigt der Hambacher Forst, wie „Rebellion“ aussehen kann (ja, liebe „Extinction Rebellion“-Menschen!). Der Hambacher Forst war und ist auch ein Freiraum, um im Hier und Jetzt eine andere, anarchistische Art und Weise des Miteinanders zu erproben, auch in einem anderen Verhältnis zu anderen Lebewesen, zu den Bäumen und anderen Pflanzen und Tieren im Wald. Ein Ort des Austauschs, eine Inspirationsquelle. Viel Wissen und Erfahrung wurden und werden hier gesammelt und weitergegeben. Das bedeutet nicht, dass immer alles rosig dort läuft, und die Repression, der die Aktivist*innen durch den Staat ausgesetzt sind, ist äußerst kräftezehrend. Für viele „alte“ Aktivist*innen stellt sich aktuell die Frage: Was jetzt? Wie weiter? Kann ich das weiterhin leisten? Die Ideale sind weiterhin da, der Wille auch, nur die Kraft fehlt vielen gerade. In konsequenter Revolte zu leben ist nicht einfach. Doch es lohnt sich. Wir werden stärker, je mehr Menschen die Möglichkeiten entdecken, sich wirklich selbst zu wehren, ohne dabei bei Politiker*innen oder anderen Machtinstitutionen betteln zu gehen. Der Kampf um den Hambacher Forst kann uns da bestärken. Wir können uns inspirieren lassen, neue Möglichkeiten entdecken. Der Hambacher Forst ist auch ein Ort der Zusammenkunft, ein Ort, an dem mensch sich mit Gleichgesinnten austauschen kann, neue Skills lernen kann. Bis 24. April habt ihr sogar intensiv Gelegenheit dazu. Solange geht das Skillsharing-Camp noch.

Ab in die Tonne!

Weil Supermärkte sich bei der eingekauften Menge verschätzen und diese Menge nicht verkaufen können, bevor das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, weil es billiger war eine größere Menge auf einmal abzunehmen, auch wenn klar war, dass eine solche Menge nicht verkauft werden kann, weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist, auch wenn die Sachen noch gut sind, oder weil im 2,5-kg-Kartoffelsack eine einzige Kartoffel schlecht geworden ist. Es gibt viele Gründe dafür, dass Lebensmittel im Müll landen. Das Resultat: eine gigantische Verschwendung an Lebensmitteln. Mindestens 50 % der Lebensmittel, die in Deutschland in Umlauf kommen, landen der WWF-Studie „Das große Wegschmeißen“ von 2015 zufolge im Müll. Schuld daran sind Hygienegesetze, Kapitalismus und insbesondere Tauschideologien, die verantwortlich sind, dass lieber Lebensmittel weggeworfen werden als dass sie wer unentgeltlich mit nach Hause nehmen darf.

So haben viele Supermarktketten in den letzten Jahren verboten, dass Mitarbeiter*innen abgelaufene oder bald ablaufende Lebensmittel mit nach Hause nehmen dürfen. Im Gegenteil, wer dabei erwischt wird, einen abgelaufenen Joghurt mit nach Hause zu nehmen, verliert nicht nur ihren*seinen Job, sondern wird zusätzlich wegen Diebstahls angezeigt. Teilweise geben Lebensmittelläden ihre bald ablaufenden Produkte an Institutionen wie die Tafel. Doch zum einen dürfen sie bereits abgelaufene Produkte aus hygienegesetzlichen Gründen nicht weitergeben, zum anderen vertritt auch die Tafel die Ansicht, dass nicht möglichst alle Nahrungsmittel verteilt werden sollen, sondern dass nur Menschen, die auf eine staatlich anerkannte und meist entwürdigende Art und Weise ihre „Bedürftigkeit“ nachweisen konnten, Lebensmittel bei der Tafel abholen dürfen. Dabei wird diesen keine Wahlfreiheit gelassen – mensch muss/darf nur einen bestimmten Anteil an Sachen nehmen. Damit wird das Beziehen von Lebensmitteln bei der Tafel ein entwürdigender Prozess, der die Menschen, die auf die Tafel angewiesen sind, zu Menschen zweiter Klasse degradiert… und häufig nicht einmal alle Lebensmittel verteilt bekommt, die sie geliefert bekommen hat. Supermärkte wie Penny schießen dabei den Vogel ab, indem sie ihre Kund*innen dazu animieren, „Gutes zu tun“, indem sie einen Teil ihrer Einkäufe der Tafel spenden, jedoch selbst ihre Lebensmittel entsorgen. Beim Modell der Tafel geht es natürlich nicht darum, möglichst alle Lebensmittel zu nutzen und Lebensmittelverschwendung zu verhindern, sondern es geht einzig darum, Menschen, die nicht das Geld haben, um sich die guten Lebensmittel leisten zu können, in einer unendlich großzügigen Geste die Lebensmittel, die für „Nicht-Bedürftige“ nicht mehr gut genug sind, manchmal zu schenken, häufig aber auch nur etwas billiger zu verkaufen und damit den „Spender*innen“ ein gutes Gefühl zu geben, weil mensch nun etwas Karitatives geleistet hat. Karitativ vorzugehen bedeutet allerdings immer, Menschen in „Bedürftige“ und „Gönner*innen“ einzuteilen, in denen die „Bedürftigen“ dann alle möglichen Demütigungen erdulden müssen, um dann das zu bekommen, was sonst niemand mehr will, während sich die „Gönner*innen“ auch noch wohl fühlen etwas Gutes getan zu haben.

Trotzdem sind die Tafel und ähnliche Institutionen einige der wenigen Organisationen, die „Reste“ von der Lebensmittelwirtschaft bekommen. Das meiste landet immer noch im Müll. Dieser Umstand veranlasst viele Menschen, nachts (oder auch tagsüber, je nach Dreistigkeit) an diese Mülltonnen zu gehen und die noch guten Lebensmittel wieder herauszuholen. Doch selbst ihren Müll verteidigen die Verteilstellen für Lebensmittel eisern: durch Videoüberwachung, abgeschlossene Mülltonnen oder -häuschen, durch Sicherheitsdienste, indem Waschmittel oder andere Gifte über den Müll gekippt werden oder indem der Müll direkt gepresst wird (z. B. bei vielen Lidl- und Aldi-Filialen). Wer erwischt wird, wird wegen Diebstahls angezeigt. Bis heute ist sich die Rechtsprechung nicht einig darüber, ob Müll noch eine*n Eigentümer*in hat und welchen Wert dieser hat, denn nur dann ist nämlich Diebstahl möglich und ja, soweit geht die Eigentumsideologie, dass sogar darüber gestritten wird, wem Müll – also per definitionem Dinge, die jemensch für nichts mehr gebrauchen kann und die der Vernichtung preisgegeben werden – gehört und dass er von Menschen, die diese Dinge doch gebrauchen können, nicht mitgenommen werden darf! Meist finden Richter*innen einfach andere Gründe, um containernde Menschen – Menschen also, die noch gute Lebensmittel aus dem Müll holen – zu verurteilen: wegen Diebstahls einer Bäckereikiste, wegen Hausfriedensbruchs oder Sachbeschädigung. Trotz dieser Kriminalisierung lassen sich viele nicht davon abhalten weiter die Lebensmittel aus dem Müll zu retten – auch wenn sie dafür ein Schloss aufbrechen (ein Bolzenschneider oder ein Brecheisen machen’s möglich), über Zäune klettern oder sich vermummen müssen. Trotzdem ist zum Containern selten viel Know-How nötig. Wer sich bei einem Supermarkt nicht traut, kann es ja einfach beim nächsten versuchen. Für alle Schwierigkeitsstufen ist was dabei.

Containern ist ein Beispiel dafür, wie ein herrschaftskritischer und herrschaftsfreier Umgang mit Lebensmittelverschwendung aussehen kann. Dabei ist Containern natürlich keine nachhaltige Lösung eines Problems. Es ist eine Form des Widerstands gegen eine absurde Eigentumsideologie, die verhindert, dass Menschen sich satt essen können, obwohl genug da wäre, dass beinahe anderthalb mal so viele sich vollstopfen könnten.

Andere Handlungsansätze sind, Verteilstellen aufzubauen oder zu unterstützen, an denen herrschaftsfrei Lebensmittel verteilt werden, dass also alle, die möchten, sich unkontrolliert so bedienen können, wie sie es brauchen. In München gibt es derzeit ein Projekt, das so was auf die Beine stellt: der sogenannte „Offene Mittagstopf“. Jeden Donnerstag gibt es ab 13:00 Uhr in der Ligsalzstr. 8 ein großes Mittagessen, gekocht aus geretteten Lebensmitteln, und weitere gerettete Lebensmittel zur Abholung. Gerne können Lebensmittel dort auch abgegeben werden. Wenn du also beim Containern viel zu viel mitgenommen hast (was dir meistens passieren wird), findest du dort sicher Leute, die dir dabei helfen, alles aufzuessen.

Ethischer Konsum?

Hast du heute schon etwas Gutes getan? Etwas, um die Welt zu retten? Vielleicht einen Fair Trade Kaffee getrunken oder den guten veganen Bio-Brotaufstrich aus nachhaltigem Ackerbau gefrühstückt? Achtest du immer darauf, dass die Produkte, die du kaufst aus nachhaltiger Bio-Produktion stammen, fair gehandelt und natürlich möglichst nicht in Plastik verpackt sind? Bestimmt bezahlst du, wenn du etwas bestellst oder eine Reise machst immer gerne auch ein paar Cent mehr, damit deine Lieferung oder dein Ausflug klimaneutral ist. Und wie ist es mit dem Strom? Klebt auf deinem Stromzähler auch ein Siegel von Greenpeace, das für besten Strom aus erneuerbaren Energiequellen garantiert? Herzlichen Glückwunsch, du bist ein wahrhaft guter Mensch. Nein, ehrlich!
Dein Problem ist eher: Du bist zu leichtgläubig, viel zu leichtgläubig.

Zugegeben, kaum etwas wäre schöner, als wenn sich die Probleme dieser Gesellschaft durch ein paar Spenden hier und da und ein wenig „kritischen Konsum“ lösen würden. Wir könnten unser Leben einfach weiter führen wie bisher, in Freiheit, Gleichheit und Sicherheit! Doch so funktioniert das nicht, ganz bestimmt nicht sogar, und wenn mensch so recht darüber nachdenkt, ist es gar nicht so leicht, einem Leben in dieser Gesellschaft etwas uneingeschränkt positives abzugewinnen, oder?

Aber warum lassen sich die Probleme dieser Gesellschaft nicht durch „kritischen Konsum“ lösen, wenn alle Menschen mehr darauf achten würden, was sie kaufen, wären die Unternehmen gezwungen, ethisch verantwortungsvoll zu handeln, oder nicht? Diese Ansicht setzt zunächst einmal vorraus, dass das bestehende Wirtschaftssystem sich tatsächlich über die Parameter von „Angebot und Nachfrage“ organisieren würde, sie setzt außerdem vorraus, dass es im Interesse aller, oder zumindest der Mehrheit aller Menschen liegt, die Verhältnisse zu verbessern, auch dann, wenn das bedeutet, persönliche Einschränkungen hinnehmen zu müssen und schließlich setzt sie vorraus, dass die weltweit herrschenden Problematiken tatsächlich alle etwas mit der Art und Weise, wie wir wirtschaften zu tun hätten. Zusätzlich neigen Vertreter*innen dieser Ansicht dazu, zu moralisieren, also insbesondere Personen, die nicht bereit oder nicht in der Lage dazu sind, „kritisch“ zu konsumieren, für ihr Handeln zu kritisieren und zu stigmatisieren.

Ein wesentlicher Irrglaube ist, dass vor allem die Nachfrage nach einem Produkt das Angebot regelt. Die moderne kapitalistische Wirtschaft funktioniert längst nicht mehr vorrangig oder gar ausschließlich nach diesem Aspekt. Die Automobilbranche beispielsweise produziert meist einen enormen Überschuss an Neuwägen, für die dann eigens Felder angemietet werden, auf denen diese abgestellt werden. Und das nicht etwa, um diese später an Endkund*innen zu verkaufen: Die meisten Fahrzeuge rosten an solchen Orten nur so vor sich hin. In der Lebensmittelproduktion ist das ähnlich: Auch hier gibt es eine enorme Überproduktion. Was nicht verkauft werden kann, wird einfach weggeworfen. Das ist billiger, als bedarfsgerecht zu produzieren.

Wie soll sich ein solches System durch „kritischen Konsum“ reformieren lassen? Sehen wir uns einmal an, wie bestehende Formen von „kritischem Konsum“ die Produktpalette, die Produktion und gesellschaftliche Problematiken verändern.

In der Lebensmittelbranche beispielsweise finden seit einigen Jahren zunehmend mehr „Bio“-Produkte Anklang bei den Käufer*innen. Natürlich fallen dabei viele Beweggründe zusammen, insgesamt lässt sich jedoch unterstellen, dass viele Käufer*innen von „Bio“-Produkten diese auch deshalb kaufen, weil sie damit zu einer nachhaltigeren Landwirtschaft beitragen wollen. Die Produktpalette hat das Ganze bereits verändert. Mittlerweile kann mensch in fast jedem Supermarkt auch „Bio“-Fleisch und Gemüse, „Bio“-Milchprodukte, „Bio“-Fertiggerichte und „Bio“-Konserven kaufen. Im Vergleich zu den nicht-„Bio“-zertifizierten Produkten sind diese Produkte in aller Regel teurer, teilweise sogar um ein Vielfaches. Interessanterweise sind vor allem „Bio“-Produkte häufiger in Plastik verpackt. Während mensch Tomaten, Paprika, Gurken, Zucchini, Zitronen, usw. im Supermarkt meist ohne Verpackung erwerben kann, wenn mensch zu nicht-„Bio“-Produkten greift, sind die entsprechenden „Bio“-Ausführungen in aller Regel in Plastik eingeschweist. Der „kritische Konsum“ von „Bio“-Produkten hat also dazu geführt, dass weitaus mehr Plastikverpackungen verwendet werden. Ob das so gut ist für die Umweltbilanz von „Bio“-Produkten? Nebenbei hat sich auch das Design von Verpackungen verändert. Statt leuchtenden Farben werden nun häufig Holzverpackungen immitiert. Auch zusätzliche Papierverpackungen, die das im Inneren dennoch in Plastik verpackte Produkt verbergen sollen, sind üblich geworden. Ökologischer macht das die Produkte aber wohl auch eher nicht. In der Produktion hat sich durch den „kritischen Bio-Konsum“ nur wenig geändert. Kunstdünger wurde vielfach durch biologische Düngmittel abgelöst, synthetische Pflanzenschutzmittel wurden durch biologische Pflanzenschutzmittel abgelöst. In der Tierhaltung hat sich der Platz, den bestimmte Tierarten eingeräumt bekommen, etwas vergrößert und die Futtermittel werden etwas anders zusammengesetzt. Die großen Probleme der Landwirtschaft haben sich durch den „kritischen Bio-Konsum“ kaum verändert. Auch weiterhin gibt es eine hohe Belastung von Gewässern, die Böden werden immer unfruchtbarer, weil sie zu intensiv bestellt werden und die Artenvielfalt ist ebenfalls nicht nennenswert größer geworden. Der Konsum von „Bio“-Produkten ist zudem nur wohlhabenderen Menschen möglich, weil diese je nach Produkt und Grad der Umsetzung typischer ökologischer Forderungen ein vielfaches des Preises von nicht-„Bio“-Produkten kosten.

Ähnlich wie mit „Bio“-Produkten verhält es sich auch mit „Fair Trade“-Produkten, oder „Veganen“-Produkten, sprich mit allen Produkten, bei denen irgendein Aspekt angeblich besonders ethisch, nachhaltig oder gerecht sein soll.

Woran liegt das? Das liegt vor allem daran, dass das kapitalistische System in dem wir leben auf Ungleichheit und Konkurrenz basiert. Innerhalb dieses Systems scheint eine freiere, gerechtere Welt kaum möglich, insbesondere nicht, da das System erstaunlich anpassungsfähig ist. Ganz unterschiedliche Initiativen, die ursprünglich entstanden, um innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystems für eine gerechtere Verteilung oder wenigstens geringere Ausbeutung zu sorgen, wurden vom System vereinnahmt. So können Veganer*innen heute beispielsweise vegane Fleischersatzprodukte von großen Flesichproduzent*innen kaufen, wer Kleidung aus fair gehandelter Baumwolle möchte, bekommt diese von den gleichen Unternehmen, die Fabrikarbeiter*innen wie Sklaven behandeln – und naja, nur weil die Baumwolle fair gehandelt ist – wobei es ja auch durchaus unterschiedliche Auffassungen von fair gibt –, muss das nicht für die Arbeiter*innen, die die Kleidung zusammen nähen, gelten. Und wer sich ein Smartphone, einen Laptop oder irgendein anderes elektronisches Gerät anschafft, die*der mag zwar in der Lage sein, darauf zu achten, dass dieses besonders energiesparend ist, manchmal sogar, dass es nicht in den Fabriken von Foxconn hergestellt wurde, in denen „freundlicherweise“ Netze über Abgründen aufgehängt wurden, um die extrem hohe Rate von Personen, die im Zuge ihrer „Beschäftigung“ in der Fabrik Freitod begehen, zu mindern, aber er*sie wird immer damit leben müssen, dass einige im Gerät verwendete Elemente aus Minen stammen, in denen Menschen gezwungen sind, als Sklaven zu arbeiten, in denen Menschen willkürlich ermordet werden, damit andere Profit machen.

All das wird „kritischer Konsum“ niemals ändern. Um diese Herrschaftsverhältnisse und Unterdrückungsstrukturen aufzuheben, bedarf es einer Abschaffung des kapitalistischen Systems, eine Abschaffung jeglicher Herrschaft!

Mensch und Umwelt – Ein apriorisches Herrschaftsverhältnis

Umweltschutz, Umweltaktivismus, Umweltbewegung, Umweltfreundlich, Umweltgerecht, Umweltkatastrophe … Was ist eigentlich diese Umwelt, von der so oft gesprochen wird? Was ist eine Umweltkatastrophe und wie schützt mensch diese Umwelt davor, oder geht es darum überhaupt? Und wenn nicht, worum geht es dann?

Ähnlich wie mit dem Begriff Natur wird mit dem Begriff Umwelt eine – oft unbestimmte – Ganzheit bezeichnet, die in der Regel alle nichtmenschlichen Lebewesen, deren typischen Lebensraum und deren Beziehungen zueinander meint. Dabei werden die Begriffe Natur und Umwelt häufig gar synonym verwendet; statt Umweltschutz sagen manche auch Naturschutz, eine Umweltkatastrophe wird häufig auch als Naturkatastrophe bezeichnet. Tatsächlich ähneln sich diese beiden Begriffe sehr stark.

Der Naturbegriff fasst die Gesamtheit nichtmenschlicher Lebewesen und deren – von Menschen bestenfalls unberührten – Lebensraum als eine ahistorische Gegebenheit, d.h. eine Gegebenheit, die nicht Ergebnis eines Prozesses ist, sondern mehr oder weniger schon immer so war, auf. Diese weitestgehend ahistorische Betrachtungsweise ist vermutlich auf den starken Einfluss der kreationistischen christlichen Mythologie auf die eurozentrische Philosophie zurückzuführen: Obwohl das Konzept der Evolution mittlerweile weitestgehend akzeptiert ist, wird die Natur üblicherweise auch weiterhin als eine Ganzheit betrachtet, die es zumindest in der bestehenden Form zu bewahren gelte. Dabei knüpfen auch scheinbar entgegengesetzte Naturbegriffe, die die Geschichte der Menschheit als Kampf gegen die Natur ansehen, an ähnliche Ideologiefragmente an. Auch sie betrachten „die Natur“ als eine (unveränderliche) Ganzheit. Lediglich der Schluss ist ein anderer, nämlich dass diese Ganzheit schädlich sei und beseitigt, statt geschützt werden müsse.

Der Umweltbegriff konstruiert die gleiche Ganzheit, ändert jedoch das Bezugssystem. Der Naturbegriff geht von einer*m Schöpfergött*in aus, der Umweltbegriff, bestimmt „den Menschen“ zu seinem Ausgangspunkt, denn Um | welt beschreibt die welt schließlich aus einer Perspektive, die ausschließlich von der*dem Betrachter*in abhängt: Umwelt ist demnach die Welt, die den Menschen umgibt, aber noch mehr: sie existiert nur dadurch, dass der Mensch sie betrachtet. Wenn der Mensch sich selbst in den Mittelpunkt seiner Welt stellt, nennt mensch das auch anthropozentrisch.

Das offenbart bereits das wesentliche zugrundeliegende Herrschaftsverhältnis des anthropozentrischen Umwelt-/Naturbegriffs: Gegenüber allen nichtmenschlichen Lebewesen erfährt „der Mensch“ dabei eine klare Aufwertung, aber das ist nicht alles: Während Menschen gemeinhin als Individuen betrachtet werden, verschmelzen alle anderen Lebewesen zu einer Gesamtheit, die nur als Einheit Beachtung findet. Das ist keineswegs ausschließlich begrifflich so zu verstehen, sondern spiegelt sich beispielsweise sehr deutlich in sogenannten Artenschutzbewegungen wider: Artenschützer*innen geht es nur selten um den Schutz eines einzelnen Individuums, ihnen geht es vielmehr darum, eine Art zu bewahren. Das erinnert mich persönlich oft an ein populäres Märchen aus einem der wohl bekanntesten Märchenbücher der Welt. Darin gibt es einen Schöpfergott, der erzürnt über einige Individuen seiner Schöpfung ist. Deshalb will er seine gesamte Schöpfung vernichten. Weil er danach aber einen Neustart wagen möchte und sich den Akt der Schöpfung wohl nicht mehr so ohne weiteres zutraut, befielt er seinem Diener, ich glaube er heißt Noah, eine Arche zu bauen und von jeder Tierart – übrigens auch von der menschlichen Spezies – zwei Individuen vor der zur Vernichtung allen übrigen Lebens geplanten Sintflut zu retten. Noah wäre demzufolge der erste Artenschützer gewesen.

Nun, in der Geschichte von Noah und seinem notorisch wütenden Schöpfergott werden zwar pflanzliche Lebewesen mehr oder weniger ignoriert, dafür werden menschliche und nichtmenschliche tierische Lebewesen zumindest relativ gleich behandelt – auch wenn es ausschließlich menschliche Lebewesen waren, die den Schöpfergott erzürnten und die tierischen Lebewesen für sie mitbüßen müssen, aber das ist vielleicht ein spezifisches Problem eines Gottes, der keine Blitze schleudern kann: Eine Sintflut ist nun einmal eine Massenvernichtungswaffe und nimmt per se wenig Rücksicht auf Individuen.

Heute ist das anders: Heute werden Menschen als Individuen behandelt, während andere Lebewesen in der gängigen Vorstellung nur sehr wenige bis gar keine individuellen Rechte besitzen. Das etabliert ein Herrschaftsverhältnis, bei dem der Mensch über alle anderen Lebewesen herrscht. Diverse Umweltschutzbewegungen haben es sich zum Ziel gemacht, dieses Herrschaftsverhältnis aufzubrechen – auch wenn Umweltschutz von Vielen erklärtermaßen nur im Interesse der Menschheit betrieben wird, etwa um eine „Umweltkatastrophe“, die unsere Lebensbedingungen zerstören würde, zu verhindern. Doch inwiefern lässt sich ein Herrschaftsverhältnis aufbrechen, bei dem die Beherrschten nicht oder nur eingeschränkt als Individuen betrachtet werden?

Eine Stimmung wie auf einer Beerdigung

Eigentlich wollte ich das nicht mehr tun: Auf eine Demonstration wie diese gehen; auf eine Demonstration, auf der sich Angehörige verschiedener politischer Parteien und anderen Organisationen des demokratischen Prozesses gemeinsam mit pseudo-radikalen Autoritärkommunist*innen selbst feiern. Aber ich tat es doch. Als stille*r Beobachter*in wohnte ich vergangenen Samstag der „#mietenwahnsinn“-Demonstration in München bei.

Deutschlandweit gab es an diesem Tag Proteste gegen Verdrängung und immer weiter steigende Mieten. In Berlin waren an diesem Tag rund 30.000 Menschen auf der Straße, es gab eine Demo und eine Hausbesetzung. Zuvor hatte es eine Aktionswoche zum Thema gegeben, mit zahlreichen Veranstaltungen und vielen direkten Aktionen. In München waren es eher überschaubar viele Menschen im mittleren bis oberen dreistelligen Bereich. Eigentlich halte ich wenig davon, die Qualität eines Protestes an der Teilnehmer*innenzahl zu bemessen, das widerspricht vielen meiner Vorstellungen, aber speziell dieser Protest macht es einer*m schwer, an etwas anderem bemessen zu werden. Und immerhin: Nicht ich bin es, die*der die Größe des Protests als Maßstab ins Spiel bringt, die Veranstalter*innen selbst betonten das immer wieder. Wiederholt schallte es aus den Lautsprechern: „Wir sind mehr!“

Hauptattraktion der Kundgebung in München war eine mit Kirchenglocken und Trauermarschmusik inszenierte Beerdigung. Eine als „Münchner Kindl“ verkleidete Person wurde von sechs Personen in Anzügen und mit gegelten Haaren zur Bühne getragen und dort aufgebahrt. Dort zündeten sich die Träger (zumindest dem Augenschein nach handelte es sich dabei ausschließlich um Männer, während das „Münchner Kindl“, die ohnehin schon objektifizierteste Person des Spektakels eine gelesene Frau war – sicher nur ein Fauxpass der Veranstalter*innen …) Zigarren an, ließen den Korken einer Sektflasche knallen und feierten den Tod des „Münchner Kindls“. Als sei diese Darbietung nicht schon skurril genug und als hätten die Verantwortlichen Zweifel daran, dass bei all den von ihnen zur Schau getragenen Klischees irgendein*e Zuschauer*in nicht verstanden hätte, dass es hier um eine (antisemitische) Personifizierung der Immobilienbranche ging, trugen die Sargträger weiße Schärpen, auf denen die Namen von Immobilienkonzernen standen.

Begleitet wurde dieses Spektakel schließlich von einer Grabrede, in der die dargestellten Konzerne den Tod des „Münchner Kindls“ feierten. In der Menge der Demonstrationsteilnehmer*innen versuchten einige – deutlich, wenngleich wohl eher unfreiwillig als „Animateur*innen“ erkennbare Personen, die Menge gegen die Personen auf der Bühne aufzustacheln. Das gelang ihnen teilweise. Zwar kommentierte die Menge die Aussagen des Redners brav mit Buh-Rufen, als dann aber ein – sichtlich unspotan gebildeter – Mob – oder sagen wir besser ein Möbchen – die Bühne stürmte und die dort befindlichen Personen von dort vertrieb, wollte sich dem kaum eine Person aus dem Publikum anschließen.

Warum berichte ich überhaupt von einer solchen Aktion? Ich habe den Eindruck, dass Wohnraumpolitik derzeit ein Thema ist, das in ganz Deutschland an Bedeutung gewinnt. Überall gehen Menschen gegen Verdrängung und steigende Mietpreise auf die Straße, teilweise werden gar Forderungen nach Enteignung laut – so auch in München. Jedenfalls scheint das Thema die Menschen zu beschäftigen – immerhin betrifft es sie ja auch. Doch die Kritik, die im Rahmen von Protesten wie dem oben beschriebenen zunehmend stärker zu etablieren scheint, halte ich für eine problematische. Einerseits werden Immobilienunternehmen oft verantwortlich gemacht, ohne dass Eigentumsverhältnisse und das Tauschprinzip – sprich kapitalistische Verhältnisse im allgemeinen – kritisiert werden. Ich möchte Immobilienunternehmen hier nicht in Schutz nehmen, im Gegenteil, ich glaube nur, dass eine Kritik an ihnen ohne eine Kritik der kapitalistischen Verhältnisse konservativ und reaktionär ist. Für ebenso konservativ halte ich ein anderes gängiges Argumentationsmuster, bei dem Verdrängung mit dem Argument begegnet wird, betroffene Personen würden schon seit Jahrzehnten dort wohnen. Bedeutet das in der Konsequenz nicht, dass Menschen, die weniger lange irgendwo wohnen oder gerade erst dort hinziehen dann weniger Recht haben, dort zu wohnen?

Ich würde mir wünschen, dass die gerade entstehende Bewegung rund um Verdrängung, steigende Mieten und Gentrifizierung sich kritischer mit verkürzten Formen der Kritik auseinandersetzen würde. Aber vielleicht muss dazu auch mehr interveniert werden.

Mit der Linken Brechen

Links – dieser Begriff stammt von den linken Plätzen im Parlament. Im Parlament sitzen zu wollen bzw. Politik machen zu wollen – können das Anarchist_innen wollen? Auch als radikale Linke, als außerparlamentarsiche Linke, als militante Linke – der Fokus bleibt die Politik, sprich die Verwaltung von Massen, das Anbieten von Lösungen, das Taktieren und Spielen mit macht — können das Anarchist_innen wollen? Gegenmachtskonzepte, Aufbau von Parteien und Massenorganisationen, Mitglieder und Anhänger sammeln und erziehen — wie war das nochmal mit anti-autoritär? Weltweit und teils seit dutzenden Jahrzehnten versuchen Anarchist_innen Projekte auf einer autonomen Basis aufzubauen, unabhängig von der Linken und gegen jede Politik. Nur in Deutschland scheint es noch Gang und Gebe zu sein, dass sich Anarchist_innen als Linke betrachten, als Teil einer linken Massenbewegung. Warum? Hier ein paar Stichpunkte, warum wir nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis mit der Linken brechen müssen:

  1. Die Ablehnung einer politischen Auffassung von sozialen Kämpfen; die Anerkennung, dass der revolutionäre Kampf kein Programm, sondern eher ein Kampf für die individuelle und soziale Wiederaneignung der Ganzheit des Lebens ist. Als solcher ist er von sich aus anti-politisch. Mit anderen Worten, er steht entgegengesetzt zu jeglicher Form von sozialer Organisation – und jeder Methode des Kampfes – in welcher die Entscheidungen darüber wie Mensch lebt und kämpft von der Ausführung dieser Entscheidungen getrennt sind, unabhängig davon, wie demokratisch und teilnehmend dieser getrennte Entscheidungsfindungsprozess auch sein mag.
  2. Die Ablehnung des Organisationismus; was heißen soll, die Ablehnung der Idee, dass irgendeine Organisation ausgebeutete Individuen oder Gruppen, soziale Kämpfe, die Revolution oder die Anarchie repräsentieren kann. Somit auch die Ablehnung aller formellen Organisationen – Parteien, Gewerkschaften, Föderationen, usw. – welche, auf Grund ihrer programmatischen Natur, solch eine repräsentative Rolle übernehmen. Es bedeutet nicht, die Möglichkeit zur Organisation, der für den revolutionären Kampf notwendigen Aktivitäten abzulehnen, sondern die Unterordnung von Aufgaben und Projekten unter den Formalismus eines organisatorischen Programms durch die Organisation abzulehnen. Die einzige Aufgabe, die je eine formelle Organisation begründet hat, ist der Aufbau und die Verwaltung einer formellen Organisation.
  3. Die Ablehnung der Demokratie und der quantitativen Illusion; Die Ablehnung der Ansicht, dass die Anzahl der Anhänger einer Sache, Idee oder eines Programms die Stärke eines Kampfes widerspiegelt. Im Gegenteil ist der qualitative Wert der Praxis eines Kampfes entscheidend, als eine Attacke gegen die Institutionen der Vorherrschaft und als eine Wiederaneignung des Lebens. Die Ablehnung jeder Institutionalisierung oder Formalisierung der Entscheidungsfindung und auch von jeder Konzeption der Entscheidungsfindung als ein vom Leben und von der Praxis getrennter Moment. Ebenfalls die Ablehnung der evangelistischen Methode, die bestrebt ist, die Massen zu gewinnen. Solch eine Methode unterstellt, dass das theoretisches Erkunden am Ende angelangt ist, dass jemand die eine Antwort hat, der alle anhängen müssen und dass folglich jedes Mittel akzeptabel ist, um die Botschaft zu verbreiten, selbst wenn diese Mittel dem widerspricht, was wir sagen. Es führt dazu, dass jemand eher eine Anhängerschaft sucht, die seine/ihre Position akzeptiert, anstatt Gefährt_innen und Kompliz_innen zu finden, mit welchen man die eigenen Entdeckungen fortführen kann. Anstatt eine Praxis anzustreben, mit welcher die eigenen Projekte so gut ausgeführt werden können, wie man selbst es kann, in einer Art, die vereinbar mit den eigenen Ideen, Träumen und Bedürfnissen ist; und damit potentielle Komplizen anzuziehen, mit welchen man Beziehungen der Affinität entwickeln und die Praxis der Revolte erweitern kann.
  4. Die Ablehnung von Forderungen an die Machthaber; anstatt eine Praxis von direkter Aktion und Attacke zu wählen. Die Ablehnung der Idee, dass wir unser Bedürfnis nach Selbstbestimmung durch Stück-für-Stück Forderungen, die bestenfalls eine temporäre Verbesserung der schädlichen, sozialen Ordnung des Kapitals bringen, realisieren können. Die Anerkennung der Notwendigkeit zum Angriff auf diese Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, um ein praktisches und theoretisches Bewusstsein für die Totalität, die zerstört werden muss. Folglich auch die Fähigkeit das zu sehen, was potentiell revolutionär ist – was jenseits der Logik von Forderungen und allmählichen Veränderungen geht. Dies in verschiedensten sozialen Kämpfen, denn im Grunde ist jeder radikale, aufständische Ausbruch durch einen Kampf entzündet worden, der als Versuch begonnen hat, bestimmte Forderungen zu gewinnen, sich jedoch von der Praxis der Forderung nach dem Verlangten dahin bewegt hat, das Verlangte und mehr zu ergreifen.
  5. Die Ablehnung der Idee des Fortschritts; der Idee, dass die jetzige Ordnung das Ergebnis eines fortdauernden Prozesses der Verbesserung ist, den wir weiterführen können, möglicherweise bis zu seiner Vergötterung, wenn wir fleissig genug sind. Die Anerkennung, dass die momentane Bahn – welche die Herrschenden und ihre loyalen Reformisten und die „revolutionäre“ Opposition als „Fortschritt“ bezeichnen – von sich aus schädlich für die individuelle Freiheit, den freien Umgang, für gesunde, menschliche Beziehungen, für die Gesamtheit des Lebens und den Planet selbst ist. Die Anerkennung, dass diese Bahn gestoppt werden muss und neue Wege des Lebens und Zusammenseins entwickelt werden müssen, wenn wir volle Autonomie und Freiheit erreichen wollen. (Dies führt nicht notwendigerweise zu einer totalen Ablehnung von Technologie und Zivilisation und solch eine Ablehnung bildet nicht den Endpunkt eines Bruchs mit der Linken. Jedoch bedeutet die Ablehnung des Fortschritts mit Sicherheit den Willen zur ernsthaften und kritischen Auseinandersetzung mit Fragen der Zivilisation und der Technologie, im Speziellen dem Industrialismus. Diejenigen, die nicht bereit sind solche Fragen zu stellen, werden mit Sicherheit am Mythos des Fortschritts festhalten.)
  6. Die Ablehnung der Identitäts-Politik; Die Anerkennung, dass obwohl verschiedene Gruppen ihre Enteignung in der Art ihrer spezifischen Unterdrückung erfahren und die Analyse dieser Ausprägungen notwendig ist, um ein volles Verständnis darüber zu erlangen, wie Herrschaft funktioniert. Nichts desto trotz ist Enteignung grundlegend das Stehlen der Fähigkeit von uns als Individuen unsere Leben nach unseren eigenen Bedingungen und in freiem Umgang mit anderen zu schaffen. Die Wiederaneignung des Lebens sowohl auf einer sozialen, wie auch auf einer individuellen Ebene, kann nur stattfinden, wenn wir damit aufhören, uns selbst in erster Linie auf Grund unserer sozialen Identitäten zu identifizieren.
  7. Die Ablehnung des Kollektivismus; der Unterordnung des Individuums unter die Gruppe. Die Ablehnung der Ideologie der kollektiven Verantwortung (eine Ablehnung, die nicht eine Zurückweisung von Sozialen- oder Klassenanalysen bedeutet, sondern vielmehr versucht, moralische Urteile auf Grund solcher Analysen zu vermeiden. Das bedeutet auch einen Ablehnung der gefährlichen Praxis, Individuen für Aktivitäten zu verurteilen, die im Namen oder vermutlich von einer sozialen Kategorie ausgeführt wurden, der diese Individuen angeblich angehören, darüber aber keine Wahlmöglichkeit hatten: z.B. „Juden“, „Zigeuner“, „Männer“, „Weisse“, etc.) Die Ablehnung der Idee, dass jemand sowohl auf Grund von „tatsächlicher“, als auch von vermuteter Zugehörigkeit zu einer bestimmten, unterdrückten Gruppe, unkritische Solidarität von irgendeinem Kampf oder einer Bewegung „verdient“ und das Bewusstsein, dass solch ein Konzept eine grosse Behinderung für jeden ernsthaften, revolutionären Prozess ist. Das Schaffen von kollektiven Projekten und Aktivitäten, die den Bedürfnissen und Wünschen der involvierten Individuen dienen und nicht umgekehrt. Die Anerkennung, dass die durch das Kapital auferlegte grundlegende Entfremdung nicht auf der hyper-individualistischen Ideologie basiert, die es verbreitet, sondern vielmehr vom kollektiven Projekt der Produktion abstammt, die es uns auferlegt, welches unsere kreativen Fähigkeiten enteignet um seine Ziele zu erreichen. Die Anerkennung der Befreiung von jedem Individuum zur Bestimmung der Bedingungen ihrer oder seiner Existenz in freiem Umgang mit Anderen ihrer oder seiner Wahl – d.h. die individuelle und soziale Wiederaneignung des Lebens – als das primäre Ziel der Revolution.
  8. Die Ablehnung von Ideologie; die Ablehnung von jedem Programm, jeder Idee, Abstraktion, Ideal oder Theorie, welches über das Leben und die Individuen gestellt wird, um ihm zu dienen. Folglich auch die Ablehnung von Gott, dem Staat, der Nation, der Rasse, etc. aber auch vom Anarchismus, Primitivismus, Kommunismus, Freiheit, Vernunft, dem Individuum, etc. wenn diese zu Idealen werden, für welche der einzelne sich selbst, seine Bedürfnissen, seine Sehnsüchte, seine Träume opfern muss. Die Benutzung von Ideen, theoretischen Analysen, der Fähigkeit zur Vernunft, zum abstrakten und kritischen Denken als Werkzeuge zur Realisierung der eigenen Ziele, für die Wiederaneignung des Lebens und zum handeln gegen alles, was im Weg dieser Wiederaneignung steht. Die Ablehnung von einfachen Antworten, die als Scheuklappen für die eigenen Versuche, die Realität mit der man konfrontiert ist zu ergründen, anstatt fortwähren Fragen zu stellen und theoretische Erkundungen zu unternehmen.

Meiner Meinung nach stellt dies einen echten Bruch mit der Linken dar. Wo eine dieser Ablehnungen fehlt – sei es in Theorie oder in der Praxis – bleiben Überreste der Linken bestehen und das ist ein Hindernis für unser Projekt der Befreiung. Da dieser Bruch mit der Linken auf der Notwendigkeit basiert, die Praxis der Anarchie von den Grenzen der Politik zu befreien, ist er mit Sicherheit keine Umarmung der Rechten oder irgendeines anderen Teils des politischen Spektrums. Er ist das Bewusstsein, dass ein Kampf für die Veränderung der Gesamtheit des Lebens, ein Kampf um jedes unserer Leben in einer kollektiven Bewegung für die individuelle Realisierung zurückzunehmen, nur behindert wird durch politische Programme, „revolutionäre“ Organisationen und ideologische Konstrukte, die unsere Mitarbeit verlangen, denn diese Dinge verlangen, genau wie Staat und Kapital, dass wir unsere Leben an sie geben, anstatt unsere Leben als unser Eigen zu nehmen. Unsere Träume sind viel zu gross, für die engen Grenzen der politischen Modelle. Es ist höchste Zeit, dass wir die Linke hinter uns zurücklassen und auf unserem fröhlichen Weg dem Unbekannten des Aufstands und der Schaffung von erfüllten und selbst-bestimmten Leben entgegen gehen.

Anarchismus – aber in teilzeit bitte!

Wer sich dafür entschieden hat Anarchismus gut zu finden und Anarchismus leben zu wollen, steht vor einer ziemlich großen Aufgabe. Denn der Anarchismus stellt eines der grundsätzlichsten Dinge, die aktuell das Fundament unserer Gesellschaft (und auch der meisten anderen Gesellschaften) bilden, infrage: Herrschaft und alle damit verbundenen Konzepte: Staat, Chefs, Macht von Eltern über ihre Kinder, Polizei, Justiz, Befehle, allgemein Hierarchien und autoritäres Verhalten.

Bis wir mal mit dem Konzept des Anarchismus in Berührung gekommen sind, haben wir bereits eine Riesendosis Herrschaft abbekommen und auch verinnerlicht. Insbesondere während der Kindheit die Herrschaft der eigenen Eltern oder von sonstigen Bezugspersonen und natürlich die Schule und die Lohnarbeit. Wenn wir uns nun vom Anarchismus haben überzeugen und begeistern lassen, dann stehen wir erst einmal vor einem großen Scherbenhaufen und wir stehen vor der großen Frage: aber was dann? Wie funktioniert eine Gesellschaft ohne Herrschaft? Wir haben keine Ahnung, schließlich kennen wir nichts anderes. Also stürzen wir uns evtl. in Literatur, besuchen Vorträge und insbesondere reden wir mit anderen. Doch auch wenn wir dann das Gefühl haben, alle Probleme in der Theorie so ganz abstrakt gelöst zu haben, stehen wir vor der großen Aufgabe, diese Theorie in die Praxis umzusetzen. Und das ist leichter gesagt als getan. Denn eine Ablehnung von Herrschaft muss auch eine Arbeit an sich selbst beinhalten. Ob im Umgang mit Kindern, im Haushalt mit den Mitbewohner*innen, sogar mit Freund*innen. Wer hat sich nicht auch mal autoritär durchgesetzt bei irgendetwas, das mensch halt so wollte. Punkt. Aus. Basta.

Abgesehen von der Arbeit an sich selbst, das Verändern eigener Verhaltensweisen und das Finden neuer Umgangsformen mit anderen Menschen, steht mensch noch vor einem ganz anderen Problem: nämlich dem, in einer Gesellschaft zu leben, die autoritär organisiert ist. Und da sie ja autoritär organisiert ist, lässt sie mensch auch nicht einfach in Ruhe, sondern im Zweifelsfall erzwingt sie auch gerne ein erwünschtes Verhalten. Teil dessen Anarchismus leben zu wollen ist also auch sich einen Umgang mit autoritären Institutionen zu überlegen; insbesondere da der brennende Wunsch da ist sie zerschlagen zu sehen, jedoch es diesen autoritären Institutionen inhärent ist, dass sie sich selbst erhalten und sich nicht einfach abschaffen lassen, im Zweifel also dir gegenüber (unmittelbareren) Zwang als üblich anwenden, wenn du ihnen gegenüber aufmüpfig wirst.

Manchmal handelt es sich aber auch um ein Zwischending von Selbstreflexion und Zwang von außen. So scheint es mir, dass es doch vielen sehr schwer fällt, sich so ganz vom Staat und seinen Zwangsmitteln zu verabschieden. Insbesondere dann, wenn die Justiz, die Gesetzgebung, die Polizei Dinge zugunsten einer Person verändert, ist eine positive Bezugnahme – und mehr als das – auch Inanspruchnahme nicht selten. Dabei geht es mir nicht darum, wenn Leute sich dazu entscheiden Hartz IV zu beziehen oder Sozialversicherungen abschließen. Es geht mir nicht darum sich die Dinge vom Staat zu nehmen, die einem ein besseres Leben ermöglichen, solange der Staat nicht dazu bereit ist seinen Anspruch auf alle Personen, die er als Staatsbürger*innen definiert hat, aufzugeben. Jedoch ist es äußerst irritierend, wenn Menschen Zwangsmittel des Staates auf einmal gutheißen und sogar selbst nutzen. Eine Ausnahme will ich gelten lassen: wenn Zwangsmittel des Staates gegen den Staat selbst verwendet werden, finde ich das zwar sicher nicht die ultimative Lösung – nein, es ist sicher gar keine Lösung! –, kann mensch aber schon mal machen, zum Beispiel, wenn mensch den Staat mal auf Schadensersatz verklagt und das kann teilweise auch ganz lustig sein oder um dadurch zu verhindern, mehr Repression als nötig abzukriegen. Eine andere Person zu verklagen oder anzuzeigen, finde ich hingegen ganz und gar nicht ok. Ebenso sich darüber zu ärgern, dass die Justiz rechtsradikale Personen nicht härter verurteilt oder ein Gesetz zu fordern, dass das oder das durchsetzt oder verbietet.

Ich bin durchaus der Ansicht, dass mensch sich auch mal dafür einsetzen kann die Lebenssituationen von Personen im Hier und Jetzt, in dieser Gesellschaft, zu verbessern. Ich finde nicht, dass alle Leute möglichst viel leiden müssen, damit es endlich zur ersehnten Revolution kommt. Das halte ich für gefährlich, grausam und für Quatsch. Deshalb kann ich auch mal ein Antidiskriminierungsgesetz nicht für ganz so problematisch wie ein verschärftes Polizeiaufgabengesetz halten und würde die Asylgesetzgebung massiv gelockert – nicht dass das auch nur in Nähe des Denkbaren liegt –, wäre ich sicher froh darum. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich meine kritische Distanz zu und meine Ablehnung von Gesetzen und der Gerichtsbarkeit, von Polizei und vom Staat aufgebe. Jede positive Bezugnahme auf den sogenannten „Rechtsstaat“ steht aber im absoluten Widerspruch zu anarchistischen Prinzipien. Wer den „Rechtsstaat“ immer nur dann ablehnt, wenn dieser etwas tut, das mensch nicht passt – wie eine*n selbst zu verurteilen oder auf einer Demo zu verprügeln –, aber schimpft, wenn dieser auf der Nazi-Demo niemanden verprügelt oder ins Gefängnis steckt, der*die hat wohl Anarchismus noch nicht so richtig zu Ende gedacht.

Natürlich ist das ein langer Erkenntnisprozess. Das Vertrauen auf Herrschaft, das Vertrauen auf den Staat sitzen tief. Es ist einfacher in den freudigen Chor mit einzusteigen, wenn die Nachricht kommt, dass Beate Zschäpe lebenslänglich verurteilt wurde als die eigene Ablehnung von Gefängnissen auch im Hinblick auf sie in diesem Moment zu äußern. Denn mensch wird auf massiven Widerstand stoßen. Doch mir scheint das nicht nur zu passieren, weil Leute Angst vor der Reaktion der anderen haben. Nein, gerade im Hinblick auf Rechtsradikale scheint dann doch jedes autoritäre Mittel Recht zu sein. Manchmal reicht es aber auch, dass jemand eine*n beim Kauf von etwas verarscht hat. Oder dass wer falsch geparkt hat. Jedoch nur in Teilzeit Anarchist*in zu sein, bedeutet sich darüber profilieren zu können, wann immer es einer*m nützt. Und sich ansonsten Papa Staat an die breite Brust zu werfen. Das hat aber nichts mehr mit Anarchismus zu tun.

Die Zukunft entscheidet sich nicht an einem Freitag

Die sogenannten „Fridays for Future“-Schulstreiks an Freitagen haben sich in den letzten Monaten vielerorts – so auch in München – zu einem Dauerärgernis entwickelt: Für die Schulleitungen, für rechte Spinner, die sich über streikende Schüler*innen ganz besonders aufregen können, aber auch für antiautoritäre Personen, die die Proteste beobachten.

Ich möchte gleich zu Beginn deutlich differenzieren: Ich erkläre mich durchaus solidarisch mit Schüler*innen, die der massiven Repression durch Schulleitungen und Staat ausgesetzt sind – so werden mittlerweile gar Ordnungsgelder fürs „Schule schwänzen“ verhängt – und ich befürworte jede Eskalation in diese Richtung: Zeigt es den autoritären und machtgeilen Arschlöchern in den Schuldirektionen! Sie haben keine Macht über euch! Dennoch lehne ich Form und Inhalt des Protests entschieden ab.

Zunächst einmal richten sich die „Fridays for Future“-Demonstrationen ganz konkret an den Staat und abgeordnete Politiker*innen. Von diesen wird die Umsetzung unterschiedlicher (ausformulierter) Ziele gefordert. Ganz unabhängig davon, dass ich es als Anarchist*in ganz grundsätzlich für den falschen Weg halte, sich mit Forderungen oder Bitten an irgendeine Autorität zu wenden: Glaubt ihr wirklich, dass sich jemals auch nur ein*e Politiker*in ernsthaft für euch und eure Forderungen interessieren wird? Ihr seid zwar überraschend viele Schüler*innen und einige Unterstützer*innen, aber ihr stellt weder eine Mehrheit, noch habt ihr die nötigen finanziellen Mittel, um euren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Gegen euch habt ihr dagegen eine riesige und auch finanziell ganz gut ausgestattete Lobby von Automobilkonzernen, Energieunternehmen und vielen weiteren Industriezweigen, ganz abgesehen von einer großen Mehrheit der Bevölkerung, die nicht bereit ist, auf bestimmte Annehmlichkeiten zu verzichten. Sprich: Euer Weg war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, warum verfolgt ihr ihn weiter? Schlimmer noch: Warum distanziert ihr euch von nicht friedlichen Formen des Protests? Glaubt ihr wirklich, eure Ziele lassen sich friedlich erreichen?

Apropos Ziele:
Habt ihr keine weitergehende Kritik an dieser Gesellschaft? Meint ihr mit der Beendigung der Klimaerwärmung wäre alles gut? Ihr fordert eine Zukunft für euch, aber was ist mit der Zukunft und der Gegenwart von anderen? Im kapitalistischen System werden Menschen immer ausgebeutet und erniedrigt werden. Wenn ihr daran etwas ändern wollt, genügt es nicht, den Klimawandel zu beenden, es bedarf eines Umsturzes der Gesellschaft, einer Abschaffung von Herrschaft.

Ich bin überzeugt davon, dass viele von euch darüber schon nachgedacht haben. Verwerft diesen Gedanken nicht einfach, lasst ihn euch nicht von anderen ausreden. Tragt ihn auf die Straße, konfrontiert euren Protest damit, probiert neue Wege des Protests aus.

Nur so bleibt ihr unbequem!