Archiv der Kategorie: Meinung

Bull*in = Mensch

Immer wieder höre ich über Bull*innen Sätze wie „Für mich sind das keine Menschen mehr“. Das stimmt mich jedes Mal aufs neue nachdenklich: Was bedeutet es, Bull*innen zu entmenschlichen? Was bedeutet das für uns? Was bedeutet das für die Bull*innen?

Nein, ich bin kein Hippie, kein*e Pazifist*in und kein*e Bull*innenfreund*in! Ich hasse Bull*innen abgrundtief und ich befürworte (fast) jede Form von Gewalt gegen Bull*innen, ich wünsche ausnahmslos jeder*jedem Bull*in, dass sie*er mal so richtig auf die Fresse bekommt und bei jeder Bull*innenkontrolle wünsche ich mir, ich könnte diese Aufgabe übernehmen. Aber ich kann es nicht, d.h. ich will es nicht, denn ich würde verlieren und die Aussicht, mehrere Jahre im Knast zu sitzen, nur für den Versuch, einem*einer Bull*in die Fresse einzuschlagen, reizt mich nicht besonders.

Das passt nicht zusammen? Ich finde schon.

Wenn ich einer*einem Bull*in das Recht – ja, das kann auch ein Privileg sein – zugestehe, kein Mensch zu sein, gestehe ich ihr*ihm automatisch auch zu, für die eigenen Handlungen keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Als Menschen, so zumindest die gängige gesellschaftliche Interpretation, sind wir für unsere Taten und Handlungen verantwortlich, gilt eine Person nicht mehr als menschlich, entbindet sie das gewissermaßen auch von der eigenen Verantwortung. Schon häufiger habe ich erlebt, dass diejenigen, für die Bull*innen keine Menschen sind, einem dieser Arschlöcher in Uniform vorschlagen, diese doch abzulegen, dann könne mensch sich gerne unterhalten. Schön wär’s für die Bull*innen: Zum Schichtbeginn schlüpfen sie in ihre Uniform und legen ihr Menschsein ab. In der Uniform üben sie dann ihre Macht aus, berauben andere Menschen ihrer Freiheit, ihrer Gesundheit und manchmal gar ihres Lebens und nach Schichtende legen sie die Uniform ab, kehren zurück in ihr Menschsein, fahren nach Hause, treffen sich mit ihren Freund*innen und Familien und vergessen ihre Taten. So sind sie keiner*keinem Rechenschaft schuldig, nicht einmal sich selbst, denn sie befolgten ja „nur“ Befehle, taten das was nötig gewesen sei und hatten überhaupt nur gute Absichten. Wie die Deutschen nach ’45.

Nein, so dürfen wir Bull*innen nicht davon kommen lassen. Für mich ist das was Bull*innen tun nicht damit abgegolten, dass ein*e Bull*in mal eben kurz ihre*seine Uniform ablegt, ich laste diese Taten dem Menschen an. Und gerade weil Bull*innen Menschen sind, hasse ich sie für das was sie tun.

„Aber es gibt doch auch Menschen, die mit guten Absichten zu den Bull*innen gegangen sind.“ Mit Sicherheit, ich würde sogar sagen, dass die allermeisten Menschen, die Bull*innen geworden sind, das nicht taten, weil sie eigentlich lieber Verbrecher*innen geworden wären. Aber das ist ja das Problem. Die berühmten guten Absichten sind abhängig von gesellschaftlichen Moralvorstellungen, die in Gut und Böse zu unterscheiden gewohnt sind. Bull*innen gehören zu denjenigen, die sich in diesem Koordinatensystem selbst um jeden Preis auf der Seite des Guten verorten möchten. Damit jedoch erhalten sie dieses Koordinatensystem, das all diejenigen auf der anderen Seite abwertet und zu unterdrücken sucht, implizit aufrecht. Bei Bull*innen ist das sogar nicht nur eine Metapher, sie tun das buchstäblich: Indem sie Jagd auf alle Gesetzesbrecher*innen und diejenigen machen, die in dieser Gesellschaft scheinbar auch ohne jeden Gesetzesverstoß als vogelfrei gelten.

Aber auch diejenigen, die Bull*innen entmenschlichen schaffen ein solches Koordinatensystem, auch wenn sie Ursprung und Achsen je nach ihrem eigenen Standpunkt anders ausrichten würden. Eine Person oder eine Personengruppe zu entmenschlichen dient denjenigen, die diese Entmenschlichung vornehmen unter anderem dazu, sich selbst über diese Person oder Personengruppe zu erheben, sich selbst als Gut, den*die andere*n als Böse zu betrachten. Und schon bewegt mensch sich auf dem gleichen moralisierenden Niveau wie auch die Bull*innen und ihre Freund*innen, nur dass die Standpunkte vertauscht wurden. Wozu das führen kann? Nun, das haben die Deutschen vor ’45 ausgiebig erforscht, als sie diverse Personengruppen zunächst entmenschlichten und dann vernichteten. Ist das wirklich eine Perspektive, die mensch einnehmen möchte? Ich finde nicht.

In diesem Sinne möchte ich – wie im Titel dieses Artikels angedeutet – ebenso wie die lächerliche Pro-Bull*innen-Kampagne „Polizist = Mensch“ dafür plädieren, den „Mensch in der Uniform zu sehen“. Denn nur auf diesem Weg, wenn wir uns nicht moralisch über diejenigen erheben, die es vorzogen, Bull*innen zu werden, können wir unser eigenes Handeln beständig hinterfragen und auch in Zukunft verhindern, dass wir zu Bull*innen im Geiste werden.

Und ganz nebenbei: Nur wer den Menschen in einer*einem Bull*in sieht, kann ihr*ihm nach Hause folgen …

Europa den Garaus machen

Wenn ich das Wort „Europa“ oder „EU“ höre, muss ich unweigerlich an ertrinkende Menschen denken, Menschen in Zeltlagern, Menschen, die in Gefängnisse gesperrt, gefoltert und erschossen werden, Menschen die verschleppt werden, Menschen, die auf alle denkbaren und undenkbaren Weisen brutal unterdrückt, erniedrigt und entmenschlicht werden. All das repräsentiert die EU, der gerade nichts wichtiger zu sein scheint, als der „Schutz“ der eigenen Grenzen. All das war schon immer fester Bestandteil des europäischen Gedankens. Selbst die Nationalsozialist*innen hatten Visionen von einer „Festung Europa“, die unter deutscher Vorherrschaft Bollwerk gegen Angriffe von außen sein sollte. Wer „EU“ sagt oder „Europa“, der*die muss sich bewusst sein, dass damit immer auch Folter, Mord und Deportationen gemeint sind.

In verschiedenen europäischen Städten sollen an diesem Sonntag Großdemonstrationen „für Europa“ und „gegen Nationalismus“ stattfinden. Unter dem verlogenen Motto „Ein Europa für Alle“ wollen die Veranstalter*innen demonstrieren, darunter ironischerweise auch jede Menge nationalstaatlicher Parteien, die – wen wundert es eigentlich noch – die menschenverachtende europäische Außenpolitik mitverantworten und für die diese Demonstration eine Woche vor den Europawahlen eine willkommene Wahlwerbung sein dürfte.

Dabei zeigt sich bereits im Aufruf des politischen Bündnisses, dass es eben nicht um „ein Europa für Alle“ geht, wenn darin nicht etwa die Abschaffung von Grenzen gefordert wird, sondern lediglich, dass jede*r Flüchtende ein „faires Asylverfahren“ bekommen soll. Na schönen Dank auch. Das erinnert mich an die Erfindung der Guillotine für „humanere“ Hinrichtungen. Wen wundert es da noch, dass das Bündnis außerdem für die „Verteidigung“ des „Rechtsstaats“ steht. Vielleicht wäre der Titel „Für Nationalstaatlichkeit, gegen Nationalismus“ ein treffenderes Motto gewesen, zumindest hätte es den Widerspruch zwischen der sprachlichen Schönfärberei und den tatsächlichen Ansichten offener zutage befördert.

Schon innerhalb der Logik von Nationalstaaten erscheint es mir absurd, vom europäischen Gedanken etwas anderes zu erwarten, als eben diese grausamen und widerwärtigen Vergehen an de EU-Grenzen. Die EU entstand als wirtschaftlich-politischer Zusammenschluss von Nationalstaaten zur Wahrung ihrer gemeinsamen Interessen. Zu diesen Interessen gehört es ja gerade per Definition nicht, die Interessen von Menschen anderer Herkunft zu vertreten. Im Gegenteil: Europa profitiert mehr als keine andere Region auf dieser Welt von der Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen im globalen Süden. Ohne sie wäre der Wohlstand, der hierzulande herrscht, kaum denkbar, bzw. nicht in dieser Form. Da jedoch das damit verbundene Elend nicht vor unserer Haustür stattfindet, fällt es uns leicht, die Augen davor zu verschließen. Zu diesem Zweck haben sich die Menschen in Europa eine ganze Reihe ideologischer Rechtfertigungsmuster geschaffen: Rassistische und Neokolonialistische Denkweisen, das Prinzip des Geburtrechts, das Prinzip karitativer Hilfe, die letztlich immer nur dazu dient, den bestehenden Zustand aufrechtzuerhalten, all das sind Mechanismen, das enorme Leid kollektiv auszublenden, das durch die geopolitischen und wirtschaftlichen Bemühungen europäischer Nationalstaaten entsteht. Aber nur weil das mehr oder weniger gut gelingt, bedeutet das nicht, dass dieses Leid nicht vorhanden ist. Nur weil die Menschen sich gerne einreden, dass der europäische Gedanke ein fortschrittlicher ist, ein besseres Europa denkbar, verschwindet die Tatsache nicht einfach, dass Europa nur eine Transformation bestehender Herrschaftsverhältnisse in eine neue Dimension ist.

Kurz Gesagt: Wer ernstahft daran interessiert ist, Mord, Folter und Deportationen zu stoppen, der*dem sollte klar sein, dass dies nur durch die Zerschlagung aller staatlichen Macht gelingen kann. Denn jede Grenze tötet Menschen.

Herrschaftsbekämpfung ist Intolerant

Fundis wie Faschos und andere Menschen, die aufgrund ihrer autoritären, gruppenbezogen menschenfeindlichen Überzeugungen das Ziel von Angriffen durch Anarchist*innen werden, beschweren sich oft über die „Intoleranz dieser Linksextremisten“, fordern für sich die Toleranz ein, die diese von ihnen doch angeblich auch gegenüber anderen Menschen einfordern würden. Natürlich sprechen auch der Verfassungsschutz und sonstige Repressionsbehörden immer wieder von der „Intoleranz der Linksextremisten“ und auch auf Demos oder in anderen Momenten, in denen Anarchist*innen öffentlich in den Fokus geraten, bekommt mensch oft den Vorwurf der „Intoleranz“ zu hören, auch insbesondere von den Menschen, die sich „friedlich“ gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und für ein „tolerantes, multikulturelles“ Miteinander einsetzen.

Ja, all diese Menschen haben recht: Wir sind intolerant! Und das aus gutem Grund: Denn „Toleranz“ ist ein Begriff, der den Blick einer Mehrheitsgesellschaft einnimmt, die gewisse Werte, Einstellungen, Traditionen und Verhaltensweisen teilt und die diverse gesellschaftliche Minderheiten als bedrohlich empfindet, weil diese abweichende Werte und Traditionen vertritt. Dem drängenden Impuls der Mehrheit, diese Minderheiten dafür zu verurteilen und auszugrenzen, sie vielleicht sogar dazu zu zwingen, sich an die Mehrheit anzupassen oder im schlimmsten Fall diese Minderheiten auch zu vernichten, diesen Impuls zu unterdrücken, das ist „Toleranz“. Historisch gesehen kam der „Toleranz“-Begriff auf, um an Leute zu appellieren, damit aufzuhören, Menschen zu foltern, zu verbrennen oder sonstwie einen grausamen Tod angedeihen zu lassen, weil diese an einen anderen Gott glaubten oder auch nur ein bisschen anders an denselben oder einen sehr ähnlichen Gott glaubten oder auch gar nicht an Gott glaubten oder eine sonstige abweichende abgefahrene Jenseitsvorstellung hatten.

Ich meine, ist ja ganz nett, dass es irgendwann Leute gab, die das nicht mehr so cool fanden, und dass diese einen Begriff erfunden haben, um Leuten beizubringen nicht mehr gar so „intolerant“ zu sein. Diese Menschen doch lieber am Leben zu lassen, sie zu „erdulden“, sie zu „ertragen“, so die wortwörtliche Übersetzung des Begriffs „Toleranz“. Sorry, aber der Begriff der „Toleranz“ ist mir zum einen nicht radikal genug und trifft es nicht auf den Punkt, und zum anderen ist er von der Mehrheitsgesellschaft für die Mehrheitsgesellschaft erfunden. Der Begriff „Toleranz“ lässt das Dominanzverhältnis der Mehrheits- gegenüber der Minderheitspartei unberührt, „schützt […] ein bestehendes System, da fremde Auffassungen zwar zur Kenntnis genommen, aber nicht zwangsläufig übernommen werden.“ (Wikipedia: „Toleranz“) Die Kultur der Mehrheit habe diese „Abweichungen“ zu „ertragen“ und mehr sei auch nicht drin.

Jedoch möchte ich nicht, dass die Menschen einer Mehrheitsgesellschaft oder einer privilegierten gesellschaftlichen Gruppe Leute nicht mehr mobben oder umbringen, weil diese schwul, jüdisch, dick, etc. sind. Ich will, dass solche Diskriminierungsverhältnisse nicht mehr existieren, dass Leute nicht einmal auf die Idee kommen, dumm zu gucken, weil irgendwer lesbisch, asexuell oder be_hindert ist. Ich möchte, dass die Idee einer einheitlichen Volksgemeinschaft mit geteilten Werten, Traditionen und Lebensweisen verschwindet, denn einer solchen Vorstellung ist die Ausgrenzung von „Abweichler*innen“ und die Abgrenzung zu anderen Menschen inhärent. Es geht mir also um mehr als um „Toleranz“, es geht mir um das herrschaftsfreie Leben von Diversität, ohne dass irgendwer anderes Ansprüche erhebt, sich in das Leben und die Entscheidungen einer anderen Person einzumischen.

Ich möchte allerdings noch mehr. Ich möchte, dass jegliche Herrschaftsverhältnisse verschwinden, jegliche Privilegierung von einigen Menschen über andere Menschen, jegliche Unterdrückung von Menschen und jegliche Einschränkung ihrer Freiheit. All diejenigen, die eine solche Unterdrückung wollen und diese vorantreiben, die Herrschaft ausüben, die Menschen ihrer Freiheit berauben, sie ausschließen, weil sie nicht in ihr Konzept einer Volksgemeinschaft oder „natürlichen Familie“ oder was auch immer, hineingehören, die die Unterwerfung unter irgendein abstraktes und absurdes Konstrukt wie Gott oder den Staat verlangen, all diese werde ich bekämpfen, jederzeit. Und ich werde sie weder „ertragen“ noch „erdulden“, denn wenn ich es tue, dann akzeptiere ich ihre Herrschaftsansprüche und lasse es zu, dass sie Herrschaft ausüben. All diesen Menschen gegenüber werde ich immer intolerant sein.

Sie Gestatten, ich bin Demokratiefeind*in!

D: „Wen wählst du eigentlich?“
A: „Ich wähle nicht.“
D: „Aber du bist doch politisch so interessiert, warum wählst du denn dann nicht? Nur so kannst du etwas verändern.“
A: „Ich bin nicht politisch interessiert. Ich bin Anarchist*in.“

Solche Gespräche oder ähnliche muss ich immer dann führen, wenn mal wieder eine sogenannte „Wahl“ ansteht. Noch besser als die Frage danach, wen ich eigentlich zu wählen beabsichtige gefällt mir die Frage danach, wem ich „meine Stimme gebe“. Ich finde diesen Ausdruck, einer Person „meine Stimme zu geben“ so paradigmatisch für dieses absurde Spektakel einer Wahl: Warum sollte ich einer anderen Person meine Stimme geben? Warum spreche ich nicht einfach für mich selbst? Dem Ausdruck das „Stimme abgebens“ wohnt meines Erachtens die gesamte Tragik des regelmäßigen Wahlspektakels inne: Den Menschen wird die kleinste vorstellbare Illusion von Mitbestimmung eingeredet und schon nehmen sie es hin, dass andere Menschen über sie herrschen, schlimmer noch: Sie verteidigen dieses System der Herrschaft sogar noch, feiern sich für ihre „Volksherrschaft“ (dt. Übers. von Demokratie) selbst. Und sind sie doch einmal unzufrieden, begnügen sie sich damit, in vier oder fünf Jahren eine*n andere*n Politiker*in zu wählen. Ganz so, als ob sich dadurch irgendetwas ändern würde.

Dieses System von Repräsentation und Mehrheitsherrschaft, das sich Demokratie nennt, hat sich seit seiner Entstehung kaum gewandelt. Schon die attische Demokratie eröffnete nur einem geringen Anteil der Bevölkerung die Möglichkeit politischer Teilhabe. Sklaven, Frauen, aber auch Staatsbürger niederer Stände waren vom politischen Geschehen ausgeschlossen. Über sie wurde von denjenigen, die am politischen Prozess teilhaben konnten, bestimmt. Ähnlich ist es auch heute. Zahlreiche Menschen, die in Deutschland leben, sind bei Wahlen nicht stimmberechtigt, darunter Menschen mit bestimmten diagnostizierten be_hinderungen, Menschen unter 18 Jahren, Menschen ohne deutsche Staatsbürger*innenschaft, manche Strafgefangene und viele weitere. Die demokratische Teilhabe bleibt also auch heute einigen Privilegierten vorbehalten, deren gewählte Repräsentant*innen dann über sie selbst, aber auch alle anderen herrschen.

Doch auch wählen zu dürfen (welch großzügige Geste des Staates, seinen für mündig befundenen Bürger*innen derartiges zu erlauben) verschafft einer*einem nicht zwangsläufig Einfluss oder auch nur Repräsentation. Im Gegenteil! Das Mehrheitsprinzip des demokratischen Systems ist ein äußerst geeignetes Instrument, die Interessen einer Mehrheitsgesellschaft gegen die Interessen marginalisierter Minderheiten durchzusetzen, das Prinzip der Repräsentation erstickt ohnehin jegliche Form individueller Interessensvertretung und ersetzt sie durch korrupte und ausschließlich am Machterhalt interessierte Parteipolitik und der Zentralismus von Politik und Verwaltung ist höchstens dazu geeignet, Menschen im Sinne der besseren Beherrschbarkeit entlang irgendwelcher Normen zu erziehen und zu kontrollieren.

Bestrebungen der Menschen sich außerhalb des nationalstaatlichen Projekts selbstbestimmt und freiwillig zu organisieren, um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, Bestrebungen Entscheidungen mit allen Betroffenen im Konsens zu treffen und jegliche Einmischung von außen zu unterbinden, werden von den Institutionen des Staates kritisch beäugt und regelmäßig gewaltsam verhindert. Zu sehr fürchtet mensch sich vor dem Verlust, staatlichen Einflusses, so sehr geht es um Machterhalt und Kontrolle.

Doch in den Augen der eigenen Bevölkerung erscheint die Demokratie nur selten als System staatlicher Herrschaft. Sie gilt vielfach als „bestmögliches politisches System“ und „als Staatsform zivilisierter Gesellschaften“ (was auch immer das sein soll). Dabei wird die Demokratie einerseits als Exportgut westlicher Gesellschaften gesehen, das in kolonialistischen und neokolonialistischen Bestrebungen in die angeblich weniger „zivilisierten“ Teile der Welt getragen wird – ähnlich wie einst die christliche Glaubensdoktrin, andererseits sind sich Demokratien wie die Bundesrepublik Deutschland nicht zu schade mit autoritären und faschistoiden Regimen zu kooperieren, wenn es darum geht, sich selbst zu bereichern oder vor ungewollter Zuwanderung zu „schützen“.

Dabei scheitern Demokratien nicht etwa an ihrem eigenen Anspruch, sondern erfüllen lediglich ihre Funktion. Sie etablieren ein System globaler und lokaler Herrschaft, das ihren Bürger*innen eine gewisse Privilegiertheit zusichert, wenn diese sich im Gegenzug freiwillig der staatlichen Herrschaft unterordnen. Ideologisch wird dieses Verhältnis durch die Illusion von Teilhabe und Mitbestimmung, insbesondere anlässlich von Wahlen gefestigt.

Aus all diesen Gründen bin ich ein*e erklärte*r Feind*in der Demokratie. Ich lehne diese Form der Herrschaft über mich und andere ab, verweigere mich der Teilnahme am Spektakel der Wahlen. Stattdessen versuche ich mein Leben selbst zu gestalten, ich such nach selbstbestimmten und kollektivistischen Formen der Verwirklichung meiner Träume und Sehnsüchte und ich erkläre mich zum*zur Feind*in des Bestehenden, denn nur wenn es eines Tages gelingt, diese Demokratie, diesen Staat zu zerschlagen, kann ich frei sein.

Plädoyer für eine Anerkennung von Geschaffenem

Wenn ich nachts sprühen gehe und mir begegnet dabei eine mir aus der linksradikalen Szene bekannte Person, die aus einem komplett anderen Spektrum kommt, und wir uns gegenseitig nicht mögen, so kann ich doch darauf vertrauen, dass sie nicht die Bullen rufen wird. Im schlimmsten Fall wird sie mich ignorieren.

Noch vor einiger Zeit hätte ich auf so eine Feststellung nicht viel Wert gelegt, weil sie mir so ganz und gar natürlich erschienen wäre.

Knapp ein Jahr lang hatte ich das Glück, dem was landläufig unter „Gesellschaft“ läuft, den Rücken zuzukehren und hauptsächlich aktivistisch unterwegs zu sein. Auch wenn ich nebenbei gearbeitet habe, so erforderte die Tätigkeit nur selten einen näheren Kontakt zu Menschen. So hielt ich bald, völlig in Aktivitäten aufgegangen, Umgangsformen für normal und alltäglich, die es nicht sind. Irgendwann habe ich mich mehrheitlich an Zuständen gestört, war genervt bis frustriert etwa von Mackern, Sexismus und internen Streitereien, als dass ich die Vorzüge, die ein Leben außerhalb der Mehrheitsgesellschaft bietet, genossen habe. Leider.

Denn weil alles einmal zu Ende geht, bin ich jetzt hier gelandet. An einer Uni irgendwo in Deutschland.

Erst hier wird mir die Abwesenheit der oben beschriebenen Grundsolidarität, die sonst einfach da ist und über die meiner Erfahrung nach selten viele Worte gemacht werden, schmerzlich bewusst. Es ist selbstverständlich, auf Demos zu verhindern zu versuchen, dass Bullen in den Block rocken um andere Menschen zu entführen. Oder bei Gericht Menschen solidarisch zu unterstützen und anschließend Solipartys zu schmeißen. Oder Stunden vor Gesas zu warten. Oder, oder, oder.

Wenn ich hier während eines Seminars die Anwesenheitsliste einstecke, muss ich das heimlich tun, nicht um den Augen der Dozierenden zu entgehen, sondern allen Ernstes, um nicht von Kommiliton*innen bei diesem kleinen Akt der Selbstermächtigung verraten zu werden. Wäre ich mit den Leuten, die ich hier tagtäglich treffe, auf einer Demo unterwegs, schubsten sie mich wahrscheinlich noch in eine Bullenkette, generierte das irgendeinen Vorteil für sie.

Ich habe viel zu viel für selbstverständlich hingenommen, was es alles nicht ist. Taten, Lebensentwürfe, Gedanken, die unter linksradikalen Menschen selbstverständlich sind, so die profane und doch irgendwie schwerwiegenden Erkenntnis, sind es eben nicht.

Natürlich ist in der linksradikalen Szene nicht alles perfekt, bei weitem nicht. Aber der Unterschied ist, dass dort anderes Verhalten eingefordert werden kann, dass Menschen generell (nicht alle natürlich und nicht immer!) offener sind. Hier ist das nicht möglich. Am ersten Unitag, im ersten Seminar fiel mir etwa die ungleiche Redeverteilung auf. Ein Viertel der Anwesenden füllte 70% der gesamten Redezeit. So etwas war ja nun leider zu erwarten gewesen, doch niemensch störte sich daran. Meine später geäußerte Kritik wurde mit den Worten „Wenn sich halt sonst niemand meldet“ abgekanzelt und über Redelisten, die dominantes Redeverhalten quotieren, nicht einmal nachgedacht.

Das hier soll kein Aufruf zur Selbstbeweihräucherung sein, kein Aufruf zum Überlegen-Fühlen. Es soll einfach vor Augen führen, dass wir, wie mir nun tagtäglich wieder vor Augen geführt wird, manchmal nur im sehr Kleinen aber doch, eine bessere, eine anarchistischere Welt geschaffen haben. Das ist kein Grund, stehenzubleiben. Aber sich das einmal klarzumachen, lohnt doch.

Es geht hier immer nur Gegeneinander, es ist ein Hauen und Stechen und Ellbogen-Einsetzen. Es geht darum, sich zu profilieren und besser zu sein als andere. Es ist ermüdend, frustrierend und nach einer Zeit auch deprimierend. Das Universitätssystem ist natürlich nicht darauf angelegt, sich zu verbünden. Aber von Seiten der Studierenden besteht dazu auch gar keine Lust.

Plötzlich ist es wieder wichtig, wie mensch aussieht, was mensch anhat und anstrebt. Wieso läufst du eigentlich immer so abgeranzt rum, scheinen ihre Blicke zu sagen, wie, du machst nicht mindestens die hochgehaltenen 30 ECTS im Semester? Du willst noch ein Leben neben der Uni haben? Das ist aber nicht gut für den Lebenslauf. Und bäääh, hast du da gerade etwa die Reste von den Tellern fremder Leuten in der Mensa gegessen? Na danke, was ist das eklig!

Solche Äußerungen und Unverständnisbekundungen, das kenne ich aus linksradikalen Kreisen doch viel weniger. Hier sind Lookism, Ageism, Ableism an der Tagesordnung und so selbstverständlich, dass sie den Leuten nicht einmal dann auffallen, wenn sie direkt darauf hingewiesen werden.

Rassismus dagegen wird weniger offen, sondern subtiler geäußert, schließlich rühmt mensch sich, in einer liberalen und offenen Welt der Forschung und Lehre zu leben. Aber sag mal, warum sind hier eigentlich so viele Leute aus Pakistan? Nur so aus Interesse gefragt natürlich! Was wollen die denn alle hier? Und überall auf dem Campus sieht man inzwischen Asiaten! Das ist doch schon irgendwie auffällig, oder?

Noch mal, ich will die linksradikale Szene nicht besser reden, als sie ist und ich weiß sehr gut, dass wir vieles noch sehr viel besser machen könnten und sollten. Das hier soll also kein Aufruf dazu sein, sich „auf Lorbeeren auszuruhen“. Und auch kein Aufruf zur weiteren Abschottung. Aber ich habe das Gefühl, dass wir doch oft vergessen, was wir schon geschafft haben. Und wozu wir eigentlich tun, was wir tun. So kann dieser Text als Ermutigung weiterzumachen gelesen werden, auch wenn es manchmal so schwer fällt, wenn wir zermalmt zu werden scheinen zwischen anarchistischem Alltag auf der einen Seite – da ist noch dieser Text fertig zu schreiben, jene Aktion zu planen, achja, die Demo heute Abend nicht vergessen!, was, laufen übermorgen Fundis durch die Stadt?, oh, und dann noch Plenum! – und unangekündigten Bullenbesuchen, gelben Briefen, Gerichtsterminen und genereller staatlicher Repression auf der anderen Seite. Ich plädiere für einen Moment des Innehaltens, indem wir uns mal alle klarmachen, dass es bei uns nicht perfekt läuft. Aber deutlich besser, als in anderen Strukturen, wie etwa in denen, die mich hier momentan so umgeben.

Das Private ist antipolitisch

Die Produktion neuer Menschen ist – entgegen der Annahme, dass eigentlich nur sehr wenige Menschen da irgendwie dran beteiligt sind – unzähligen Kontrollinstanzen unterworfen und ein stark umkämpftes Feld. Dabei geht es insbesondere darum, wer wann wie viele Nachkommen welcher Konstitution zeugen soll und darf und wer nicht.

Wenn wir das Ziel des Staates im Hinblick auf das Zeugen von Menschen betrachten, stellen wir fest, dass es ihm besonders darum geht, der ableistischen Norm entsprechende, produktive deutsche Staatsbürger*innen nachgezüchtet zu bekommen, die er mithilfe des Schulsystems so indoktriniert bekommt, dass diese die Aufgaben erfüllen, die zum Erhalt des Staates lebensnotwendig sind. Während also versucht wird, Menschen „mit mittlerem und gesichertem Einkommen in stabilen Verhältnissen“ zum Kinderkriegen zu bewegen – mithilfe von Kindergeld und Herdprämie u.ä. –, sollen möglichst alle anderen davon abgehalten werden. Während also Schwangerschaftsabbrüche bis heute grundsätzlich unter Strafe stehen, sind bis heute Zwangssterilisationen bei Menschen mit geistiger Be_hinderung gang und gäbe und auch Ärzt*innen raten gerne und – dank besserer pränataler Diagnostik –immer häufiger dazu, Föten mit Be_hinderung abzutreiben. In der DDR wurden schwangere „Vertragsarbeiter*innen“ sogar vor die Wahl gestellt, entweder abzutreiben oder das Land zu verlassen. Bis vor einigen Jahren mussten trans Personen sich sterilisieren lassen, bevor sie eine Personenstandsänderung durchführen lassen konnten. Viele Menschen berichten, wie Ärzt*innen, Berater*innen oder ihr Umfeld sie dazu drängen, eine Schwangerschaft abzubrechen, weil sie nicht dem Bild der „perfekten Eltern“ entsprechen. Auch Fundis scheint es doch nicht so sehr um die „Seele“ des einzelnen Fötus‘ zu gehen, wenn sie beklagen, dass „das europäische Volk“ ausstirbt. Ebenso äußert der deutsche Staat Bestürzung darüber, dass „die Deutschen“ zu wenige Kinder kriegen würden. Gute deutsche, weiße, nicht be_hinderte Kinder, die nicht so stark nachproduziert werden, wie es die post-nationalsozialistische deutsche Gesellschaft gemeinsam mit ihren fundamentalistischsten Christ*innen gerne hätte. Der Staat muss sich selbst erhalten und das kann er am besten, wenn er die Produktion des Nachwuchses organisiert. Übrigens bis weit über die Schwangerschaft hinaus, durch die Isolierung der Menschen mithilfe der Förderung der Struktur der heterosexuellen blutsverwandten Kleinfamilie und die Übernahme der Erziehung durch die Schule.

Unabhängig davon, wie sehr dem Staat Kleinfamilienstrukturen nützen, ist auch sonst gruselig, wie sehr dieses Familienbild als einziges Ideal immer noch vorherrscht. Ihr habt bestimmt auch schon gehört, dass Menschen, die ein Kind austragen, halt Pech haben und im Zweifel sich allein darum kümmern müssen, weil sie nun mal das Baby im Bauch hatten und damit eindeutig als Beteiligte*r im Zeugungsprozess identifizierbar seien, im Gegensatz zu der Person, die die Samenzelle beigesteuert hätte. Dabei sieht ein Baby wie ein anderes aus. Sobald jemensch das Baby aus sich herausgequetscht hat, ist es genauso wenig dieser Person zuordenbar wie dem*der Erzeuger*in. Trotzdem wird ein solcher „natürlicher Bund“ zwischen austragender Person und geborenem Kind erfunden, den die schwängernde Person einfach nicht haben soll. Das führt dazu, dass adoptierte und Pflegekinder immer unter dem Makel leiden, von ihrer Blutsverwandschaft und zwar insbesondere von „ihrer Mutter“ im Stich gelassen worden zu sein. Das führt auch dazu, dass die austragenden Personen „natürlicherweise“ die Verantwortung für ihre Brut haben, während alle anderen – und ich meine hier alle anderen, also nicht nur die schwängernde Person, sondern auch alle anderen im Umfeld der schwangeren Person – „nichts damit zu tun haben“. Das müsste nicht so sein, denn es stimmt einfach nicht, dass die beste Bezugsperson für einen jungen Menschen zwangsläufig die Person ist, die ihn aus sich rausgequetscht hat. Sie kann und darf natürlich, wenn sie das möchte. Aber wie so ein dämliches Sprichwort sagt: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen.“ Und warum bitte muss dieses Dorf dieselben Gene teilen? Oder nur aus zwei Leuten, nämlich Mama und papa,bestehen?

Bereits in den 1930er Jahren haben die anarchistischen Mujeres Libres, die freien Frauen, eine Bewegung, die zu ihren Hoch-Zeiten über 30 0000 Mitglieder hatte, sich mit neuen Familienmodellen auseinandergesetzt. So haben sie das Kochen und Kinderbetreuen kollektiv organisiert, in Form von Gemeinschaftsküchen und Kindergärten, der anarchistische Syndikalistische Frauenbund in Deutschland bildete einige Jahre davor „Müttersiedlungen“, in denen sich alleinerziehende Frauen zusammenschlossen oder propagierten „Einküchenhäuser“, ebenfalls eine Form der kollektiven Organisation der Küche. Jedoch sollten wir diese Formen der Organisierung nicht verwechseln mit aktuellen Kinderbetreuungsstätten und Firmenkantinen. Im Neoliberalismus finden sich viele Vereinnahmungsversuche ursprünglich revolutionärer Ideen von Autonomie, gesellschaftlicher Organisierung und Befreiung. Vereinnahmt durch die kapitalistische Logik werden sie zu subtileren Ausbeutungsmechanismen, die nur schwerer zu bekämpfen sind. Ziel der Etablierung einer Ganztagskinderbetreuung ist hier die Urbarmachung von Arbeitskraft, nicht die Umsetzung eines herrschaftsfreien Familienmodells.

Doch warum brauchen wir ein herrschaftsfreies Familienmodell? Ein radikaler Feminismus, der das Patriarchat infrage stellt, wird zu dem Schluss kommen, dass nicht nur die Herrschaft von vätern irgendwie kacke ist, sondern dass eigentlich alle Herrschaft ausübenden Institutionen abzulehnen sind. Denn wer anfängt die Autorität des eigenenvaters infragezustellen, wird auch bald dazu kommengottvater und natürlich den höchsten aller väter, Vater Staat zu hinterfragen. Wer einmal damit anfängt, kommt da nicht mehr hinaus, sodass auf einmal klar wird, dass nur ein herrschaftsfreies Miteinander ein feministisches ist, denn alle Machtinstitutionen sind Gehilf*innen des Patriarchats.

Wie sieht ein herrschaftsfreies Familienmodell denn dann so aus? Ganz unterschiedlich, je nach Bedürfnissen der an der Familie beteiligten Personen. Klar ist aber: Wer mit wem welche Gene teilt, ist vollkommen unwichtig, keine Person ist „natürlicherweise“ für irgendwelche Aufgaben zuständig, auch wieviele Personen sich wie sehr für die jungen Menschen verantwortlich fühlen, kann ganz unterschiedlich sein. Zusätzlich können kollektive und solidarische Lösungen aus spontanen freiwilligen Zusammenkünften heraus aufgebaut werden, die Arbeiten wie Kochen, Putzen und junge Menschen Versorgen, neu verteilen und stemmen. Diese dürfen allerdings weder aus der kapitalistischen noch der staatlichen oder patriarchalen Logik heraus entstehen, sondern ausschließlich aus dem Geist einer Abschaffung jeglicher Herrschaft heraus. Und natürlich muss der Umgang mit den aufwachsenden Menschen ein anderer werden. Anstatt dass junge Menschen erzogen werden, sie also zur Anpassung an von außen festgelegte Ideale und zum Lernen bestimmter Inhalte gezwungen werden, werden sie beim Aufwachsen und beim freiwilligen Lernen begleitet und unterstützt.

Jedoch wird es so lange nicht möglich sein, ernsthafte herrschaftsfreie Umgangsformen mit neu auf diese Welt gekommenen Menschen zu finden, wie es Politik und in diesem Fall insbesondere „Bevölkerungspolitik“ gibt. Wenn also die Produktion neuer Menschen und der Umgang mit ihnen irgendeinem Ziel unterworfen ist, wie dem ein „gesundes Volk an guten Staatsbürger*innen“ zu erhalten, oder auch eine neue Generation Christ*innen oder Proletarier*innen, oder die Generation zu zeugen, die die Erde vor der Zerstörung bewahren wird, dann wird es immer zur Unterdrückung von Menschen und zur Kontrolle menschlicher Reproduktion kommen. Da das Ziel eines jeden Staates ist, seine Bürger*innen zu beherrschen und damit auch Ziel eines jeden Staates ist, die Reproduktion seiner Bürger*innen zu kontrollieren, kann also nur die Zerschlagung des Staates die Lösung sein, um ein wahrhaft herrschaftsfreies Miteinander zu finden, das den Umgang mit Schwangerschaft und dem eigenen Körper nur denjenigen überlässt, die unmittelbar davon betroffen sind. Dabei kann eine solche Zerschlagung nicht über das Mitspielen nach den Regeln des Staates erfolgen, nicht übers „Politik-Machen“. Denn „Politik-machen“ ist immer eine Form von Herrschaftsausübung über die Köpfe betroffener Menschen hinweg, ist immer das Akzeptieren der Spielregeln, die erst die Strukturen hervorbringen, die es möglich machen, Menschen derart auch in ihren reproduktiven Freiheiten zu unterdrücken. In diesem Sinne möchte ich dazu aufrufen, das „Politik-machen“ endlich sein zu lassen und die unterdrückenden Strukturen dieser Gesellschaft radikal und kompromisslos zu bekämpfen, und ein herrschaftsfreies Miteinander im Hier und Jetzt zu beginnen. Es lebe die Anarchie!

Keine Gewalt ist auch keine Lösung

Es scheint eine nie enden wollende Debatte zu sein: Die Frage nach der Legitimation von Gewalt. Das charakteristische an dieser Debatte: Einen Begriff von Gewalt, scheint kaum eine*r, die*der so eifrig an der Debatte teilnimmt zu haben. Insbesondere diejenigen, die Gewaltfreiheit von emanzipatorischen Bewegungen einfordern zu dürfen glauben, schweigen so oft von der Gewalt, in deren Folge diese Bewegungen überhaupt entstehen, ja erkennen diese in so vielen Fällen nicht einmal als Gewalt an.

Der folgende Artikel versteht sich als eine Antwort auf derartige Positionen. Er soll gerade keine differenzierte, moralische Betrachtung der Gewaltfrage leisten, sondern ist vielmehr ein Plädoyer dafür, die verstaubten und herrschaftsaffirmativen Moralkataloge unserer Gesellschaft endgültig über Bord zu werden. Ich möchte damit Gewalt nicht verherrlichen oder fetischisieren, sondern vielmehr darauf aufmerksam machen, dass wir in einer Welt voller Gewalt leben, in der wir ständig freiwillig und unfreiwillig gewaltsam handeln und behandelt werden. Erst die Akzeptanz dieser Tatsache jenseits einer moralischen Bewertung ermöglicht uns eine Reflexion über diese Zustände.

„Gewalt ist keine Lösung“, dieses Dogma bekommen wir seit unserer Kindheit von Erltern, Lehrer*innen, von Medien, von Repressionsbehörden, usw. eingetrichtert. Als Gewalt gilt dabei nicht nur körperliche Gewalt gegen Individuen, sondern auch „Gewalt gegen Sachen“. In aller Regel nicht als Gewalt – oder zumindest nur eingeschränkt – gilt dagegen psychische und verbale Gewalt, die Gewalt der Lohnarbeit oder gar die Gewalt des Staates zur Durchsetzung seiner Interessen. Um diese zum Teil so offensichtliche Gewalt zu kaschieren, hat unsere Gesellschaft eine beeindruckende Reihe von Euphemismen geschaffen: „Unmittelbarer Zwang“ steht etwa dafür, dass Bullen einem ins Gesicht schlagen oder Schmerzgriffe anwenden, um dich zu zwingen, zu tun was sie von dir wollen, „Rückführung“ steht dafür, dass eine Horde bewaffneter Bull*innen in deine Unterkunft eindringt, dich gegen deinen Willen entführt und in ein anderes Land verschleppt, „Untersuchungshaft“ steht dafür, dass Bull*innen dich einsperren, jeden Kontakt zur Außenwelt überwachen, weil sie der Ansicht sind, du könntest gegen das Gesetz verstoßen haben. Ist es dennoch einmal unvermeidlich, bei den Schikanen des Staates von Gewalt zu sprechen, heißt es lapidar, der Staat hätte eben ein „Gewaltmonopol“, er dürfe das also und das Ganze diene dem guten Zweck.

Ebenfalls vom gängigen Gewaltbegriff der Gesellschaft nicht erfasst sind die zahlreichen Diskriminierungen, die Menschen in Form von Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Klassismus, Homo- und Transfeindlichkeit, u.v.m. erleiden. Diese Diskriminierungen haben zum Teil immensen Einfluss auf das Leben Betroffener; sie verhindern die selbstbestimmte Entfaltung betroffener Individuen. Trotzdem gelten sie nicht als Gewalt.

Wer sich jedoch mit Gewalt diesen Diskriminierungen, der Gewalt des Staates, der Gewalt der kapitalistischen Eigentumsverhältnisse widersetzt, der*die muss mit moralischen Anfeindungen, Kriminalisierung und Repression rechnen. Die Kritik an einer solchen Gewalt stammt dabei vor allem von einem Kreis privilegierter Menschen, die über die Anwendung von Gewalt selbstverständlich erhaben sind. Wozu sollten sie auch Gewalt – nach ihrem Begriffsverständnis – anwenden? Ihre Interessen werden durch den Staat geschützt, Diskriminierungen erfahren sie keine und mit ihrem Leben sind sie mehr oder weniger zufrieden – zumindest reden sie sich das gerne selbst ein. Wer Gewalt anwendet, delegitimiert sich in ihren Augen. Schön für sie.

Aber allzu häufig übernehmen auch wir anderen diese Argumentationsweise. Wir richten uns dabei nach Moralkatalogen, aufgestellt von Religionen, Philosoph*innen, Politiker*innen. Kurz: Von denjenigen, oder im Auftrag für diejenigen, die mit am meisten von diesen Moralvorstellungen profitieren. Dabei neigen auch wir dazu, die Gewalt, die wir täglich selbst erfahren oder beobachten müssen, in unserer Betrachtungsweise außen vor zu lassen, denn ansonsten müssten wir auch unsere Moralvorstellungen über Bord werfen.

Befreien wir uns also von dem Dogma der Gewaltfreiheit und richten wir unser Handeln stattdessen nach unseren eigenen Ansprüchen: Nach dem Anspruch auf ein Leben frei von Herrschaft.

Gewalt kann sowohl Herrschaftsverhältnisse schaffen, als auch zerschlagen. Ich für meinen Teil kann an der Zerschlagung von Herrschaftsverhältnissen und der damit einhergehenden Befreiung von Menschen nichts negatives finden.

Rebellion für das Leben – Wie Fridays for Future jetzt weitergehen muss

Fridays For Future hat in den letzten Monaten Klimaschutz in das öffentliche Bewusstsein gestreikt. Die Menschen in ihren SVUs fahren jeden Freitag an uns vorüber oder stehen hinter uns im Stau und hören währenddessen das Radio über die „Kinder“ berichten. Politiker beteuern wie wichtig sie unser Engagement finden. Bio-Eltern schreiben ihren Sprösslingen Entschuldigungen und Schulleitungen schreiben Verweise. Merkel beteuert wie wichtig sie den Klimaschutz findet.

Doch dieser Gesellschaftlicher Aufruhr und all dieses Berichten und all diese Diskussionen sind schlussendlich nur heiße Luft. Die gleiche heiße Luft die bei jeder Bundestagsdebatte und bei jeder Kabinettssitzung zu diesem Thema den Politiker*innen die weißen alten Ärsche wärmt. Dabei ist heiße Luft grundsätzlich nichts Schlechtes. Auch wenn Politiker*innen warm wird, ist das grundsätzlich nichts Schlechtes. Doch die Luft muss heißer werden, sie muss brennen. Die Politiker*innen dürfen nicht auf gut gewärmten Stühlen sitzen, sondern auf glühenden Kohlen.

Allerdings kann das Fridays For Future nicht. Denn FFF ist nur ein ein Pulverkörnchen. Ein Pulverkörnchen, das hoffentlich eines der letzten in einem sehr vollen Fass sein wird. Den Funken müssen andere liefern. Der Funken muss von den tausenden und Millionen jungen Menschen auf der Welt kommen, die gerade von der Politik ans Messer geliefert werden. Wir haben die moralische Pflicht nicht nur zu streiken, sondern „denen da Oben“, mal richtig Angst zu machen.

Wie genau soll das funktionieren? Denn das Problem ist ein riesenhaftes und schwer zu durchblinkendes. Natürlich ist es auch nicht nur ein Problem welches gelöst werden muss. Es sind unglaublich viele Probleme und wahnsinnig mannigfaltige. Allerdings haben all diese Probleme auch Namen. Aufgezählt werden sie täglich hundertmal. Verstanden werden sie selten. Auch ich erhebe keinerlei Anspruch auf die absolute Korrektheit meiner Thesen und Analysen. Daher werde ich versuchen sie so generell wie möglich zu halten, denn sie sind mehr als Gedankenanstoß und Interpretationsanregung gedacht.

Dazu gibt es zwei Punkte die ich ansprechen möchte. Der erste ist mehr eine Analyse größerer Zusammenhänge der andere ein Vorschlag für weiteres politisches Vorgehen.

Meiner Meinung nach hat die Menschheit nur ein einziges Problem welches allerdings noch nicht in seiner Gesamtheit verstanden werden kann. Ich möchte sogar behaupten, dass ich mir nicht sicher bin ob der Mensch in seiner momentanen psychischen Ausprägung dazu fähig ist. Das heißt, dass wir möglicherweise aufgrund der Art und Weise wie unser Gehirn aufgebaut ist keine Kapazitäten dazu haben es zu lösen. Denn seit Jahrtausenden arbeiten wir zielstrebig auf unsere Vernichtung zu. Zuerst schien alles sehr harmlos. Mensch schuftete als Sklave oder schlug sich in Saus und Braus den Bauch voll. Aber bis auf ein paar kleinere Kriege gab es nichts Größeres zu befürchten. Imperien kamen und gingen aber wir wurden kontinuierlich mehr. Die Produktion musste kontinuierlich gesteigert werden, die alten Unterschiede zwischen oben und unten blieben die gleichen. Die Maßstäbe wurden nur immer größer. Der Vernichtungsaspekt kam, geboren aus dieser Produktionswut und Profitgier, mit der Industrialisierung. Sie brachte teilweise auch großartige Errungenschaften und Möglichkeiten auf die wir nie wieder verzichten wollen würden. Das ist auch gar nicht schlimm. Aber nun stellt sich heraus diese Art und Weise zu leben wird uns früher oder (nicht wirklich viel) später vernichten.

Meiner Meinung nach müssen wir daher die Balance finden zwischen einer Umweltbewussten und trotzdem technologisierten Gesellschaft. Doch wichtig dabei zu beachten ist, und dass dürfen wir nie vergessen, dass der Großteil der Technologien heutzutage (Smartphones, Internet, Produktionsketten) Konsumgüter sind. Sie sind von einer Gesellschaft erschaffen die ein Interesse an ihrem Fortbestehen hat. Sie sind also nur dazu da um die bestehenden Verhältnisse zu reprodozieren.

Wir müssen also in unserem alltäglichen Leben differenzieren zwischen Technologie die wir konsumieren und die wir bzw. uns nutzen. Wir sollten uns bewusst sein, dass eine ständige Kommunikation über Bildschirme nur eine sehr minimale Wiedergabe echter menschlicher Kommunikation ist.
Der Protest organisiert sich schon seit langem über Social Media. (Allein den Begriff finde ich persönlich unglaublich widersprüchlich). Jeden Freitag zwischen 1100 und 1500 wird er zu echter Menschlicher Interaktion, dann treffen sich gleichgesinnte Schüler*innen aus ganz München und kommen zusammen um diese Welt zu retten. Doch wenn unser Weg um das zu erreichen der Protest ist, dann kann er nicht nur einmal die Woche an einem Freitag zu wirklichen Handlungen werden. Wir müssen die Angst die wir freitags seit einigen Monaten auslösen endlich auf den Rest der Woche ausweiten.

Wir sollten uns in Gruppen zusammenfinden und uns dort ausleben. Wir sollten die gegebenen Regeln anzweifeln und und bewusst friedlich brechen. Wer sagt denn, dass das Lehrpersonal das Thema der Unterrichtsstunde, oder sogar den Ort bestimmt. Wer sagt denn, dass für produktiven Unterricht überhaupt eine Lehrperson anwesend sein muss? Die Räume stehen doch da, viele von ihnen sind tagsüber auch gar nicht benutzt. Warum nehmen wir sie uns nicht einfach und bestimmen selbst was in ihnen geschieht. Gemeinsam und Individuell. Fridays For Future ist eine Bewegung die von uns gestaltet und geführt wird. Wir sollten sie alle gemeinsam gestalten.

Jeden Freitag läuft ein Antikapitalistischer Block mit einem grünen Banner. Dieser sollte größer werden. Die meisten Leser*innen dieser Zeitschrift gehen höchstwahrscheinlich nicht zur Schule. Doch auch sie sind dazu aufgefordert sich freitags den Demonstrationen anzuschließen und eigene Aktionen des zivilen Ungehorsams zusammen mit Schüler*innen zu veranstalten. Momentan wird daran gearbeitet Schulen untereinander zu vernetzen. Denn jede Schule mit einer organisierten Gruppe hat viel mehr Potential für derartige Aktionen. Aktionen zivilen Ungehorsams sollten einen möglichst friedlichen Ausdruck haben. In Schulen ist es wichtig, dass die kläglichen Zustände unseres Bildungssystems aufgezeigt werden. Am besten zu erreichen ist das durch alternativ Angebote und Vorschläge von den Schüler*innen wie es besser zu gestalten ist. Wichtig dabei ist, dass sich nicht im begrenzten ja einengenden Raum der Institutionellen Regeln gehandelt wird, sondern diese bewusst friedlich und eigenwillig gebrochen werden.

Organisiert euch, wehrt euch, befreit euch!

Die Technologische Ordnung

Es ist der „technologische Fortschritt“, auf den so viele Menschen vertrauen. Egal ob es um eine Lösung der Klimakatastrophe geht, die zukünftige Energieversorgung oder einfach nur das neueste Smartphone, das noch besser, noch schneller, noch größer als seine Vorgänger sein soll. Technologie soll permanentes ökonomisches Wachstum garantieren und dabei zugleich negative Einflüsse auf Ökosysteme und Lebewesen verhindern oder kompensieren. Technologie ist die Lösung, auf die alle vertrauen.

Dabei gibt es allen Grund, Technologie auch in einem anderen Licht zu betrachten: Ist Technologie nicht auch für viele der Probleme, die sie nun lösen soll, überhaupt erst verantwortlich? Und wird Technologie nicht vor allem für streitbare Lösungen von Problemen eingesetzt, beispielsweise zur Produktion von immer tödlicheren Waffen oder auch zur Überwachung von Menschen. Wir neigen dazu, diesen Aspekt des „technologischen Fortschritts“ für gewöhnlich auszublenden. Stattdessen verklären wir teils die Rolle von Technologie. Wir machen sie verantwortlich für Errungenschaften, mit denen sie kaum bis gar nichts zu tun hat. Beispielsweise ist es eine ebenso gängige wie falsche Meinung, soziale Netzwerke, insbesondere Facebook, Twitter und Youtube hätten die Aufstände des sogenannten „arabischen Frühlings“ erst möglich gemacht. Im Gegenteil: Indem Regierungen Zugriff auf die dort gespeicherten Daten bekamen, war es ihnen möglich, viele Aufständische zu identifizieren und zu verhaften.

Ein anderes Beispiel ist die (drohende) Klimakatastrophe. Überall verspricht mensch sich von Technologie Lösungen, die Treibhausgasemissionen verhindern sollen, sei es durch neue Energiequellen, Speicherlösungen, die diese Gase in Gesteinen einsperren oder eine intelligentere Nutzung der produzierten Energie. Aber hat das blinde Vertrauen in Technologie nicht überhaupt erst zur Klimakatastrophe geführt?

Bei einer näheren Betrachtung lässt sich meist feststellen, dass technologische Entwicklungen die bereits bestehenden Strukturen der Gesellschaft stärken. Der Zentralismus unseres Stromnetzes beispielsweise begünstigt kapitalistische Unternehmen und verhindert dadurch die Nutzung regenerativer Energiequellen. Die zentralistische Infrastruktur des Internets – und da kann noch so oft davon geredet werden, das Internet sei dezemtral, dadurch wird das nicht wahrer – begünstigt die Überwachung und Kontrolle von Menschen, sowie die Zensur unliebsamer Inhalte. Und die große Verbreitung von motorisierten Individualverkehrsmitteln ist für die Automobilindustrie sicherlich lukrativer als die Herstellung von öffentlichen Verkehrsmitteln.

Technologie ist also immer abhängig von der Gesellschaft, in der sie entsteht und sie neigt dazu, sowohl gängige Vorstellungen dieser Gesellschaft zu reproduzieren, als auch bestehende Machtverhältnisse innerhalb dieser Gesellschaft zu stärken. Ich will damit nicht sagen, dass es grundsätzlich auch technologische Entwicklungen geben kann, die genau das Gegenteil bewirken, doch in der Mehrheit werden technologische Entwicklungen immer das bereits bekannte udn bestehende abbilden.

Aus diesem Grund halte ich es für notwendig, eine kritische Distanz zu technologischen Entwicklungen einzunehmen. Technologie ist ein Werkzeug. Um damit echte Lösungen entwickeln zu können, bedarf es zunächst einmal einer Gesellschaft, die an diesen Lösungen überhaupt interessiert ist.

Klimaerwärmung, Klimawandel oder Klimakatastrophe?

Klimaforscher*innen auf der ganzen Welt beobachten derzeit einen Anstieg der weltweiten Durchschnittstemperatur; und sie sagen einen erheblichen weiteren Anstieg für die kommenden Jahrzehnte vorraus. Dieses Phänomen ist unter vielen Namen bekannt: Klimaerwärmung und Klimawandel sind wohl die gebräuchlichsten davon. Als Ursache für den bereits beobachtbaren, sowie den prognostizierten Anstieg der Temperaturen werden unterschiedliche, sogenannte Treibhausgase ausgemacht. Die wichtigsten dieser Gase sind das bei Verbrennungsvorgängen entstehende Kohlenstoffdioxid (CO2) und Methan (entsteht beispielsweise durch intensive Viehzucht).

Treibhausgase sind in der Lage, die Wärme der Sonneneinstrahlung zu absorbieren und diese dann an ihre Umgebung abzugeben. Die Folge einer steigenden Konzentration dieser Gase in der Atmosphäre ist ein Anstieg der Temperaturen. Soweit so gut, wird es also ein paar Grad wärmer auf der Welt. Dann können wir zukünftig an der Nordsee Urlaub machen, statt nach Italien zu fahren, denkt manch eine*r dazu. Der Begriff Klimaerwärmung impliziert das oder ein ähnliches Szenario. Aber der erste Eindruck täuscht, glaubt mensch der Einschätzung zahlreicher Klimaforscher*innen. Ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperaturen würde demnach nicht nur zu einer Klimaerwärmung führen, sondern zu einer tiefgreifenden Wandlung des Klimas mit regional ganz unterschiedlichen Auswirkungen. Der Begriff Klimawandel beschreibt diese Auswirkungen auf jeden Fall präziser, doch auch er berücksichtigt nicht die zum Teil katastrophalen Folgen einer solchen Entwicklung:

Ein Anstieg der Temperaturen könnte binnen kürzester Zeit zu einem Abschmelzen der Polkappen führen. Das dort in gefrorener Form vorhandene Süßwasser würde schmelzen und ins Meer fließen. Das bedingt wiederum eine ganze Reihe von Entwicklungen

Die offensichtlichste: Der Meeresspiegel würde ansteigen, einigen Vorhersagen zufolge um mehr als einen Meter bis zum Jahr 2050. Dadurch würden zahlreiche bewohnte Regionen weltweit im Meer versinken. Würde der Meeresspiegel von heute auf morgen ansteigen, würden rund 180 Millionen Menschen ihren Lebensraum verlieren. Außerdem würden zahlreiche landwirtschaftlich genutzte Flächen verloren gehen. Die davon am stärksten betroffenen Regionen liegen in den Ländern Bangladesch, Ägypten, Pakistan, Malediven, Indonesien und Thailand. Die betroffenen Menschen wären gezwungen, ihre Existenzen aufzugeben und in andere Regionen zu fliehen. Zum Vergleich: 2018 befanden sich weltweit 68,8 Millionen Menschen auf der Flucht. Viele von ihnen starben auf gefährlichen Fluchtrouten oder müssen unter unmenschlichen Bedingungen in Lagern leben. 150.000 Quadratkilometer Land würden insgesamt überschwemmt werden. Das würde zu einer weiteren Erwärmung der Temperaturen beitragen, da die Meeresoberfläche deutlich mehr Wärme absorbieren kann. Das begünstigt einen weiteren Anstieg des Meeresspiegels.

Doch ein Abtauen der Polkappen hätte noch andere Folgen: Durch ein Absinken des Salzgehalts (Süßwasser verdünnt das Salzwasser des Meeres) könnten zentrale Meeresströmungen zum Erliegen kommen. Diese haben zum Teil großen Einfluss auf das Klima in vielen Regionen. Kommen sie zum Erliegen, verändert sich das Klima in diesen Regionen drastisch.

Generell würden durch einen Anstieg der durchschnittlichen Temperaturen weitere bewohnbare Flächen vernichtet werden. Sie würden zu unbewohnbaren Wüsten werden. Viele empfindliche Ökosysteme wären bedroht. Kippen sie, sind die Folgen für an sie gekoppelte Ökosysteme kaum abzuschätzen.

Generell gilt für die meisten Folgen einer globalen Erwärmung, dass ihr Einfluss auf das Leben von Menschen und anderen Lebewesen nur sehr schwer abzuschätzen ist. Als relativ sicher gilt jedoch, dass die meisten Entwicklungen, sind sie erst einmal in Gang gekommen, kaum mehr rückgängig gemacht werden können. Dabei könnten viele der bereits heute prognostizierten Entwicklungen potenziell Lebensbedrohlich für betroffene Menschen sein. Dem versucht der Begriff Klimakatastrophe Rechnung zu tragen.

Von den verheerenden Folgen einer sich abzeichnenden Klimakatastrophe wären paradoxerweise zunächst vor allem die Menschen, die im globalen Süden leben, betroffen und nicht ihre Verursacher*innen aus dem globalen Norden. Das ist vermutlich einer der Gründe, warum sich im globalen Norden kaum irgendwer ernsthaft dafür interessiert, die Klimakatastrophe aufzuhalten. Und diejenigen, die das doch tun, setzen ihr Vertrauen in die Politik. Sie richten ihre Forderungen an die Staaten und verlangen staatliche Programme zur Reduktion von CO2. Das scheint jedoch unmöglich mit dem permanenten Wachstumskurs der Länder vereinbar zu sein. Überhaupt erscheint es mir symptomatisch, sich angesichts kollektiv verursachter Probleme an eine scheinbare Autorität zu wenden und damit die eigene Verantwortung von sich zu weisen. Das wird die entsprechenden Probleme aber nicht lösen. Vielmehr entspricht das einem Ignorieren des Problems.

Allerdings, das muss ich zugeben, erscheinen die eigenen Handlungsmöglichkeiten angesichts einer drohenden Klimakrise äußerst beschränkt. Eine Reduktion des eigenen Konsumverhaltens mag zwar das eigene Gewissen verbessern, doch da die Produktion heute in vielen Branchen kaum noch abhängig von der Nachfrage ist, dürfte auch dieser Weg kaum eine relevante Wirkung zeigen. Natürlich ist es erforderlich, den praktizierten Konsum drastisch zu reduzieren, doch wer glaubt, da durch individuelles Handeln eine relevante Veränderung herbeiführen zu können, lügt sich in die eigene Tasche. Welche Möglichkeiten gibt es also, um selbstbestimmt etwas gegen eine drohende Klimakatastrophe zu tun? Autos anzünden? Die Energieinfrastruktur blockieren? Sicher alles interessante Gedanken, die in Zukunft bestimmt noch eine wichtige Rolle spielen werden, aber ist es dafür nicht ohnehin längst zu spät?

Vielleicht müssen wir einsehen, dass wir innerhalb einer kapitalistischen Gesellschaft kaum eine Möglichkeit haben, gegen eine Klimakatastrophe zu kämpfen. Vielleicht müssen wir einsehen, dass die drohende Klimakatastrophe mehr oder weniger bald eintreten wird und das alles, was wir tun können ist, eine Gesellschaft zu schaffen, in der es möglich sein wird, einen geeigneten Umgang mit dieser Katastrophe zu finden. Eine herrschaftsfreie, solidarische Gesellschaft, die die Opfer dieser Katastrophe nicht im Stich lässt und in der Lage dazu ist, einen gemeinsamen Weg aus dieser Krise zu finden. Ich jedenfalls kann mir eine akzeptable Lösung einer Klimakatastrophe innerhalb der heutigen Gesellschaft, die auf Herrschaft, Ausbeutung und Unterdrückung basiert, nicht vorstellen.