Category Archives: Diskussion

Das Problem mit dem Eigentum liegt tiefer

Eine Kritik am Artikel „Eigentum: fragmentarische Notizen zu einem umkämpften Begriff“

Der Begriff des Eigentums wird im Artikel im ZL Nr. 053 quasi als wenig problematisch dargestellt, obwohl Eigentum als „umkämpfter Begriff“ dargestellt wird. Dabei wird das Kollektiveigentum verworfen, mit Argumenten, die sicherlich gegenüber jeglichem staatssozialistischen Modell ihre Gültigkeit haben. Ebenso wird das kapitalistische Eigentum verworfen, wobei kapitalistisches Eigentum als vom Staat beschütztes Eigentum definiert wird (was, wie noch zu zeigen sein wird, zu kurz gefasst ist). Dabei wird nun scheinbar vertreten, und ich sage scheinbar, weil mir bewusst ist, dass das ganze ja kaum so gemeint sein wird; dass quasi als dritte Option neben diesen Modellen ein von keiner Institution, sondern nur vom einzelnen Eigentümer geschütztes Eigentum seine Gültigkeit habe. Eigentum sei nicht einfach Besitz, sondern nur jener Besitz, den ich bereit bin „gegen all diejenigen, die diesen Gegenstand in ihren Besitz bringen wollen, zu verteidigen„. Und zwar, liest man den Artikel im Wortlaut durch, ist der fragliche Gegenstand auch nur in jenem Moment Eigentum, wo diese meine Bereitschaft vorhanden ist. Diese Definition ist zwar gewissermassen surreal, aber man sollte sie sich zumindest mal genau durch den Kopf gehen lassen. Vor allem angesichts der Sätze, welche den Absatz Zwei abschliessen, und welche als „Eigentum Aller“ und „kollektives Eigentum“ nur gelten lassen, worauf gerade Niemand Anspruch erhebt – also nur das, was sich gerade niemand aneignet.

Wenn nun also dem kollektiven Eigentum seine Realität abgesprochen wird, führt das logischerweise dazu, dass folglich im Restartikel mit „Eigentum“ immer individuelles und ausschliessliches Eigentum gemeint sein muss oder müsste (auch bekannt unter dem Namen Privateigentum). Da dieses individuelle Eigentum aber dann wiederum sehr eng aufgefasst wird, also nur als das, was man „in der Lage oder willens ist“ gegen alle zu verteidigen, eröffnet sich ein Szenario, welches ich mir ähnlich wie Wild West vorstelle. Oder auch jenes, welche irgendwelche libertären Rechten in den USA verteidigen, welche jeden abknallen, der ihr Stück Land betritt, und dabei – in Milizen organisiert – auf den Staat getrost verzichten würden (zumindest in der Theorie, in der Praxis verteidigen sie ja durchaus zumeist die eine oder andere Partei). Allerdings muss man sagen, dass auch diese wohl einen Schützenverein haben werden, und dass es sich beim Schützenhäuschen wahrscheinlich um das verrufene „Kollektiveigentum“ handeln wird…

Ich verfolge hier diesen Gedankengang noch etwas weiter, zu was der kritisierte Artikel, wenn wörtlich genommen, herhalten könnte. So wird in der vierten These verhandelt, wie eine allzu massive Monopolisierung („Anhäufung“) verhindert werden könnte. Dabei wird aufgezeigt, dass ohne Staat eben diese relativ leicht verhindert werden könnte, wenn sich verschiedene kleinere Eigentümer vereinigen würden, um einen grösseren Eigentümer zu enteignen, und dass sie somit ein gewisses ökonomisches Gleichgewicht herstellen könnten (was dann besser wäre als staatliches Eigentum). Nun wird über diese Vereinigung von kleinen Eigentümern folgendes eingestanden: „Das ist übrigens das gleiche Prinzip auf das auch ein Staat setzt, wenn er seine Macht ausübt, nur eben, dass die Menschen sich meiner Vorstellung gemäß als Individuen und zu einem bestimmten Zweck kurzfristig zusammenschließen und diese Vereinigung mit der Erreichung ihrer Ziele wieder auflösen.“ Ja, eben gerade hier liegt der Hund begraben! Denn: wenn dieser kurzfristige Zusammenschluss der gleichen Logik wie der Staat folgt, sollte man eben vielleicht etwas nachhacken, um dem Problem tiefer auf den Grund zu gehen. Denn effektiv ist ein solcher Zusammenschluss von Eigentümern das, was der Staat letztlich ist, nur eben permanent. Aber solche Zusammenschlüsse sind eben keineswegs besser als der Staat, sondern Teil der gleichen Problematik. Zumindest in meiner Vorstellung wird hier etwas beschrieben, was Eigentümer immer wieder machen (siehe z.B. Trusts, Korruption, etc.), ob sie dazu illegale Mittel anwenden, ist mir eigentlich letztlich egal. Die Vorstellung, dass die Eskalation der Konkurrenz über den legalen Rahmen hinaus irgendwie zu einer mehr anarchischen Situation führen müsste, halte ich für fraglich. Denn, und hier kommen wir langsam zum grundlegenden Punkt: wenn dabei die Logik der privaten oder individuellen Aneignung, wie sie heute üblich ist, nicht überwunden wird, so heisst das nach wie vor, dass ein Teil der Bevölkerung von der Benutzung dieses Eigentums ausgeschlossen würde, zumindest bestimmt, wenn man der Definition des Eigentums im Artikel folgt.

Dazu eine kurze Erklärung, damit klar wird was ich meine: die Klasse, welche Eigentum besitzt, d.h. vor allem die bürgerliche Klasse, kann eben, durch ihren Ausschluss anderer vom Eigentum an (nicht zuletzt) Grund und Boden diese in eine Abhängigkeit treiben, wobei es ermöglicht wird, dass diese für Lohn sich verdingen, um sich dann ihr Überleben zurückzutauschen. Dabei ist es eigentlich letztlich irrelevant, ob dieser Ausschluss vom Eigentum durch einen Staat gewährleistet wird oder durch kurzfristige Zweckverbände von Eigentümern, in welchem diese die absolute Gleichheit haben und keiner über dem andern steht. Vielmehr ist es ja gerade so, dass der Staat, als Versicherungsinstitut sich für das Bürgertum als praktisch herausgestellt hat, weil er den Bürgern ja die gewünschte Privatheit wie Öffentlichkeit schafft, in welcher sie sich als Gleiche begegnen können. Dabei ist der Staat natürlich auch immer die Festsetzung eines Kompromisses, damit die Wirtschaft überhaupt laufen kann, d.h. Eigentum funktioniert. Dass aber dieser bürgerliche Staat, der den Schutz des Eigentums gewährleistet, auch verworfen werden könnte für andere, z.B. selbstverwaltete Verteidigung des Eigentums ist klar. Dass das die Konsequenz des Artikels im ZL ist, will ich aber ja auch gar nicht wirklich behaupten. Natürlich wird im Zündlumpen nicht die Verteidigung des bestehenden Eigentums angepeilt. Aber: es wird eine Art Outlaw- und Desperadophilosophie vertreten. So weit so gut und auch symphatisch. „Nur das Verbrechen kann den Armen helfen“ sagt auch Haftbefehl, und natürlich ist sowas auch bestimmt nicht falsch. Aber kann es das Ziel sein? Weist der Artikel im Zündlumpen irgendwie über eine Rechtfertigung einer kleinkriminellen Existenz und deren Verallgemeinerung hinaus? Über eine eskalierte Konkurrenz von Gangs, Gruppen und vor allem Einzelgängern? Vielleicht mit dem Horizont eines Bürgerkriegs, der in der Utopie eines Equilibriums mündet, in welchem sich alle Individuen (auch die Kinder?) ihre kleine Parzelle Eigentum ergaunert haben, die sie selbst oder mit etwas Hilfe von anderen verteidigen, die grossbürgerliche Klasse sich nicht etablieren kann, weil die Gefahr zu gross ist, und sich somit eine Art Anarchie ergibt?

Das zumindest lese ich aus dem Artikel heraus. Denn der frühe Schuss gegen das „Eigentum Aller“ und das „kollektive Eigentum“ und die gleichzeitige Verteidigung des Begriffs Eigentum überhaupt lassen mir keinen anderen Schluss zu. Auch wird in dieser Anthropologie quasi der Egoismus mit dem Besitzwollen von Gegenständen gleichgesetzt (das z.B. in Punkt Fünf gegen die Annahme einer Bezahlung nur ökonomisch pragmatische Argumente angeführt werden, spricht eben, will es der ökonomische Pragmatismus anders, für die Annahme einer Bezahlung).

Hier will ich aber aufzeigen, wie kurzsichtig der Artikel eigentlich ist. Denn das individuelle Eigentum, ebenso wie möglicherweise der Begriff des Eigentums überhaupt, sind nicht so verhängnislos, wie scheinbar angenommen. Und, auch aus egoistischen Motiven, ist eben das „Kollektiveigentum“ oder auch „Eigentum Aller“ oftmals geradezu vorzüglich, während das individuelle Eigentum nur eine Reaktion und Anpassung an kapitalistische Verhältnisse wiederspiegelt.

Wenn nämlich die Eigentumsfrage gestellt wird, so sollte man nicht im Kleinen zuerst anfangen, um dann von dieser kleinlichen Kurzsicht auf das grosse Ganze zu schliessen. Dass mag zwar naheliegend sein, weil wir Anarchisten ja in den allermeisten Fällen nur lächerlich wenig Eigentum besitzen, so vor allem Interiör und Alltagsgebrauchs- wie Bespassungsgegenstände. Aber es ist eben nicht so, dass der Staat existiert wegen Streitereien um kleine Gegenstände, sondern vor allem um das Eigentum an Grund und Boden zu gewährleisten. Und dieses Eigentum an Grund und Boden ist eben allemal freiheitsfeindlich. Dabei ist es kaum bedeutungsvoll, ob dieses Eigentum einem Einzelnen oder dem Staat oder der Gemeinde gehört, in jenem Sinn, wie es ja auch im Zündlumpen kritisiert wird: dass es eine zuteilende Instanz nötig macht, welche letztlich eine Hierarchie erschafft. Auch das Kaufen, und ich denke der Warentausch im weiteren Sinne, wird im ZL kritisiert. Dagegen wird das „sich etwas einfach nehmen“ gestellt. Dieses wird als eine „dritte Form der Inbesitznahme“ propagiert, wobei eigentlich einem richtigen Impuls gefolgt wird. Aber dieses „sich etwas einfach nehmen“ endet dann wiederum darin, dieses Etwas auch um’s verrotten behalten zu wollen, es zum „Eigentum“ zu machen, welches gerade dadurch definiert wird, dass die eigene Bereitschaft besteht, andere, die sich diesen Gegenstand „einfach nehmen“ wollen (bzw. „in ihren Besitz bringen wollen„), davon abzuhalten. Dass heisst, und ich glaube, hier ist eben die grundlegende Problematik dieses individuellen Eigentums: eine „dritte Form der Inbesitznahme“ wird zwar propagiert, aber die Form des „Besitzens“ selber wird nicht geändert. Dass es aber eben gerade diese Form des Besitzens ist, welche der Logik des „sich etwas einfach nehmen“ immer wieder widerspricht, widersprechen muss, ist denke ich offensichtlich.

Aber ich glaube, der Autor des Artikels geht hier dem eigenen Gedankengang in die Falle. Denn, mit dem Schlag gegen den Staatssozialismus wird quasi das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. So wird eben das staatssozialistische Zuteilen kritisiert, vor allem aber, dass man dann diese „„Erträge“ auch fair mit ebenjenen teile„. Wobei mit „ebenjenen“ irgendwelche Parteibürokraten gemeint sind. Nun ist es lustig, dass zwar das Wort „Erträge“ mit Gänsefüsschen gesetzt wird, aber das Wort „fair“ nicht. Denn vielmehr ist das eben ja gerade nicht fair, sondern widerspricht jeglicher Fairness, Abgaben an solche privilegierten Bürokraten leisten zu müssen. Daraus wird aber geschlossen, dass das Konzept selbst eines „Alles für Alle“ abzulehnen sei. Obwohl ja der Bolschewismus bekanntlich „Alles für die Partei und ihre Bürokraten“ bedeutet. Daraus wird geschlossen, das „kollektives Eigentum“ nicht anders möglich sei als mit einem Staat, obwohl Jahrtausende der menschlichen Existenz das Gegenteil beweisen. Vielmehr bliebe zu beweisen, ob nicht vielmehr individuelles Eigentum notwendigerweise zum Staat führen müsste, oder zumindest mit dem Staat auf intime Weise zusammenhängt…

Zumindest lässt sich eins beobachten: in jeder sozialen Revolte, in jedem Aufstand und in jeder sozialen Bewegung lässt sich beobachten, wie Leute beginnen Essen, Werkzeuge, Unterkünfte, Gebäude, Strassen, Land, Waffen, Vergnügungen, etc. mehr und mehr zusammen zu teilen. Dabei wird bei vielem, was zuvor als Eigentum galt, das Besitzverhältnis irrelevant, vielmehr wird in der Gemeinschaft des Kampfes kollektiv über die Gegenstände verfügt und die Neigung, das individuelle Verfügungsrecht über Gegenstände zu behaupten nimmt mehr und mehr ab. Dabei sind solche sozialen Ereignisse also etwas anderes als einfach eine Verlängerung der Kleinkriminalität, vielmehr werden die falschen Trennungen und die Konkurrenz aufgehoben, insofern der Aufstand Erfolg hat bzw. sich verwirklichen kann. Der Rückzug in die Privatheit, das Wiederanklammern an Besitz und Identitäten ist gerade das, was den Zusammenbruch der aufständischen Bewegung bedeutet, und es scheitert so manche Bewegung eben daran, den Begriff des Eigentums nicht konsequent genug angetastet zu haben. Dabei ist es klar, dass die Form der Inbesitznahme wie auch die Form des Besitzens während eines revolutionären Moments massiv ändert. Alles andere spiegelt meiner Meinung nach den Horizont des Kapitals und der Arbeit wieder, und sei es kriminelle Arbeit. Dass es sich beim kriminellen Milieu oft um ein Hindernis des Aufstands handelt, ebenso wie es auch vorkommt, dass das Konkurierren von Gangs während einem solchen zum Stillstand kommt, und diese eine revolutionäre Rolle spielen, ist vielleicht gerade bei dieser Behandlung der Frage des Eigentums spannend. Das blosse ändern von Kaufen und Zugeteilt-Bekommen zum „sich einfach nehmen“ ist bestimmt ein ungenügendes revolutionäres Kriterium (was im ZL ja nicht so behauptet wird), vielmehr ist es eben eine Form des Besitzens, welche bürgerlich genannt werden muss, und welche einer Mentalität und Praxis entspringt, die den Kapitalismus reproduziert, auch wenn die fraglichen Akteure sich antistaatlich verhalten.

Es ist unterhaltsam, dass die einzigen Anarchisten welche „das sich etwas einfach nehmen“ von Anfang an vertreten haben, solche waren, die sich „anarchistisch-communistisch“ genannt haben. Diese verstanden eben den Kommunismus* gerade so, dass er jeder Rolle des Zuteilers widerspricht, da ein Zuteiler eben eine ungleiche Position voraussetzt. Aber etwas haben diese Leute bedacht, was im Zündlumpen total vernachlässigt wird. Die menschliche Fähigkeit zur Kommunikation über die umliegende Welt, und somit die Möglichkeit, den Umgang mit verschiedenen Gegenständen etwas zu koordinieren. Und hier setzt eben die eigentliche Frage an: wie ermöglichen wir (oder auch „Alle„) es „Allen„, dieses „etwas einfach nehmen„? Dieses gegenseitige ermöglichen, sich einfach das zu nehmen, was grad gebraucht oder auch gewünscht wird, wäre aber eben das verpönte „Eigentum Aller“ oder „Alles für Alle„. Dabei wird eben von Individuen ausgegangen, welche fähig sind ein soziales Miteinander zu gestalten, ohne dass sie dabei einen Mittler benötigen, aber auch ohne dass sie in ständiger, mehr oder weniger eskalierter Konkurrenz leben müssten. Es waren zumindest diese kommunistischen Anarchisten (welche bestimmt keine Linksradikalen oder Halbmarxisten waren, wie es heute zumeist alle sind, welche sich Anarchokommunisten u.Ä. nennen), die die Kritik des kollektiven wie des individuellen, das Gemeinde- wie das Staatseigentum kritisierten, um eben jegliches Eigentum zu verneinen. Diese Verneinung des Eigentums bestand eben in einer gewissen, bewussten Form der Erschaffung der gesellschaftlichen Realität, welche heute eben nur auf entfremdete und unbewusste Art und Weise geschieht. Die Reproduktion des alltäglichen Lebens, die Produktion und Konsumtion von Waren, das Kaufen und Verkaufen, sieht eben oft nur das Individuum und seinen Privatbesitz, während sich zwischen den Individuen das Kapital frei entwickeln kann, da diese sozusagen beziehungslos sind bzw. sämtliche Beziehungen mehr und mehr durch das Kapital vermittelt werden (bzw. eine Beziehung zum Kapital dazwischen steht). Zumindest waren es die anarchistischen Kommunisten, welche Bakunins Kollektivismus kritisierten, der noch immer eine Art Lohnsystem mit Zuteilern bedeutete, und sich das Ziel setzten, eine Art gesamtgesellschaftliches „vom Haufen nehmen“ zu ermöglichen. Dabei würde der Diebstahl unmöglich, weil es kein Eigentum mehr gäbe.

Eine Verständigung über die Organisierung der sozialen Angelegenheiten ist zumindest allemal nützlich, und der blosse, selbstbezügliche Standpunkt „ich nehme mir einfach was ich will“ lässt die Frage nach einer solchen Verständigung nur aus, löst sie aber nicht, ausser diese soll einfach durch Gewalt ersetzt werden. Ich muss zugeben, auch ich bin skeptisch was z.B. den Optimismus vieler anarchistischer Kommunisten betrifft, aber wenn ich mir vorstelle, wie ich gerne leben würde und was für Prinzipien ich anwenden würde bei eventuell grösseren gesellschaftlichen Umwälzungen, so wären die Reflexionen, die von den kommunistischen Anarchisten Ende des 19. Jahrhunderts gemacht wurden, eher mein Orientierungspunkt als ein in der üblichen Logik verbleibender Artikel wie im ZL 053. Dabei muss ich ja auch kein Optimist sein. Aber, schon heute denke ich, dass es Grossteils eine gewisse „Kollektivierung“ von Materialien und nicht die individuelle Aneignung ist, welche mir mehr Unabhängigkeit vom Staat ermöglicht. Ich denke auch, dass es ein klares Kriterium ist um quasi den Puls einer Bewegung zu messen, inwiefern das Eigentum weniger und weniger Relevanz hat. Alles für Alle ist zumindest immer noch ein Orientierungspunkt, auch wenn es sich dabei gewissermassen um eine Abstraktion handelt. Aber wenn ich helfe, gewisse Projekte zu verwirklichen, sei das eine Bibliothek, sei das ein Angriff, oder sei es – utopisch – die Erschaffung der notwendigen Grundlagen eines Zusammenlebens, so versuche ich dabei die Form und Logik des Eigentums zu durchbrechen.

Was das Festhalten an Besitz anbelangt, welches für eine revolutionäre Dynamik allemal eher hinderlich ist, so denke ich, dass es meistens auf eine Konditionierung durch den Kapitalismus zurückgeführt werden muss. Die künstliche Verknappung in der Jugend, das Gefühl der Ohnmacht und die Vorenthaltung der freien Verfügung über sich selbst führen wohl zu psychischen Dynamiken, welche das Festhalten an Gegenständen als eine Art Befreiung aus der Ohnmacht erscheinen lassen. Dabei ist es gerade diese Anpassung oder Domestizierung, welche den perfekten Konkurrenten-Eigentümer für den Markt liefert, worüber hier auch gar kein moralisches Urteil gefällt werden soll. Zumindest ist der bürgerliche Charakter, welcher am Laufband produziert wird, eben gerade das, was diese Welt des Kaufens und Verkaufens und – Besitzens reproduziert. Wirkliche Individualität aber entwickelt sich in und durch freie Beziehung zu anderen Individuen, und nicht durch diesen Rückzug aus der Welt und dieses Kontrollierenwollen, welches dem Eigentum zugrunde liegt. Die Verwechslung von Individualität und Besitz bzw. Eigentum ist ein Schlamassel, welches Oscar Wilde schon bestens kritisierte. Revolutionärer oder aufständischer Individualismus kann sicher etwas von einer gewissen Banditenlogik abschneiden, aber das Streben nach Macht durch Eigentum bestimmt nicht.

Die Parzellierung, das kleinbürgerliche Ideal eines Equilibriums von kleinen Eigentümern, welches übrigens schon Max Stirner** kritisierte, wird vom vagabundierenden Wesen des befreiten Individuums verlacht. Jeder Zaun und jede Mauer (auch die im Kopf), welche errichtet wurden, um Eigentum „gegen all diejenigen, die dieses in ihren Besitz bringen wollen, zu verteidigen“ sollten endlich eingerissen werden. Die freie Bewegung auf dem Antlitz der Erde ist etwas, was ich mir nicht nur für mich wünsche – das „etwas einfach zu nehmen“ ist erstmals ein Notbehelf. Vielmehr wünsche ich, die soziale Realität so umzugestalten, dass das Land niemandem gehört, und Alle es benutzen können, ebenso seine Früchte, welche nicht zugeteilt, sondern relativ bedingungslos Jedem zur Verfügung stehen bzw. gestellt werden sollten. Und das ohne jeden Staat und irgend einen Mittler. Dafür kämpfe ich, und nicht für meinen Besitz an diesem oder jenem Gegenstand. Die Zerstörung des Eigentums ist ein Projekt, gegen welches der Spleen des Eigentümers, seine Angst vor Kontrollverlust, schlechte Argumente sind. Aber ebenso wäre es unangenehm, auf dem Niveau des gegenseitigen Bestehlens stehenzubleiben. Vielmehr wäre eine Kommunikation und Aneignung der Welt möglich, in welcher die Individuen keine Konkurrenten mehr sein müssen, um zu leben – davon bin ich überzeugt.

Ein Vagabund

 

* Ich will hier klar machen, dass ich das Wort Kommunismus ungern benutze. Nicht nur wegen der verschiedenen Staaten, welche ihre Unterdrückung in diesem Namen betrieben (was allerdings ein schlechtes Argument wär, weil das Wort „Freiheit“ ja auch zu allem möglichen Herhalten musste), oder weil es nicht verstanden wird. Sondern gerade weil es wie eine Art gemeinsamer Referenzpunkt mit irgendwelchen Linken und Marxisten verstanden werden könnte. Ebenso gefällt mir dessen Etymologie nicht. Aber, die Begriffe sollten einem keine Angst machen, und man wäre dumm, gewisse anarchistische Reflexionen zu ignorieren, nur weil sie das falsche Label tragen. Am konsequentesten wurde übrigens der „anarchistische Communismus“ in der Exilzeitung „Die Autonomie“ von 1886-1893 ausgearbeitet und diskutiert. Ein Niveau der Diskussion, hinter welches die heutigen Diskussionen über ähnliche Fragen oft meilenweit zurückfallen.

** Der bürgerliche Begriff des Eigentums, welcher das (legale) Besitzen von Gegenständen bedeutet, hat wenig mit dem von Stirner zu tun. Vielmehr beschreibt Stirner mit seinem in erster Linie psychologischen Begriff von Eigentum eine Art Beziehung zur Welt, nämlich eine aussermoralische und selbsterschaffene/-definierte. Das Streben nach und Anhäufen von Besitz und die Reduzierung von „Eigen“ auf „Besitzen“ kritisiert er ausdrücklich. Die Aneignung der Welt, wie sie Stirner beschrieb, ist auch durchaus mit dem – später ausgearbeiteten – anarchistischen Kommunismus kompatibel, denke ich. Zumindest kritisierte Stirner etwas Anderes. Den Kommunismus von Wilhelm Weitling, welchen Stirner in erster Linie kritisierte, lässt er im Übrigen auch für die Produktion von Brot und Ähnlichem als praktikabel gelten – natürlich aus „egoistischen“ Gründen. Dies sei hier nur angemerkt, da der kritisierte Artikel auf der Metaebene gewisse Referenzen zu Stirner zu haben scheint, und dieser, vielfach missverstandene, hier explizit von meiner Kritik „des Eigentums“ ausgenommen werden soll. Ich benutze eine andere Sprache als Stirner, welcher die seine ja selbst bemängelte, und brauche den Begriff Eigentum eben in jenem ganz unphilosophischen und alltagsgebräuchlichen Sinn.

Gewalt antun?

Die Liebe geht hin wie dieses fließende Wasser
Die Liebe geht hin
Wie langsam das Leben ist
Und wie gewaltsam die Hoffnung
Guillaume Apollinaire, Die Mirabeau-Brücke [Le Pont Mirabeau]

Das, was gegensätzlich ist, ist nützlich; das, was kämpft, bildet die schönste Harmonie; alles entsteht durch Streit
Heraklit

Gewalt? Da sind wir DAGEGEN. Das ist normal. Peace and Love, wir sind für die Liebe und den Frieden. Das Paradies und das goldene Zeitalter, die sind gewaltfrei, ohne Schreie, ohne Schläge, ohne Schmerzen, kein Wort, das sich gegen ein anderes erhebt, alles weiß, alles ruhig, auch nicht zu viel Wolllust, sonst weiß man nicht, wohin uns das führen könnte. Gewalt ist das Chaos und die Barbarei der Anfänge, danach kamen die Sprache, die Logik, die Vernunft, die Gerechtigkeit, der Gesellschaftsvertrag, der Respekt und die Moral. Gewalt ist Unordnung, das Gesetz des Stärkeren. Man prangert sie an, man verurteilt sie. Sie ist ungerecht und nicht demokratisch. Sie ist ein Begriff, der sofort beschuldigt: das, was gewaltsam ist, ist immer zu gewaltsam. Man träumt von einer Welt ohne sie, man hat sogar schon Techniken, um sich vor ihr zu schützen, sie ist unverantwortlich, irrational und gefährlich. Man setzt sie als immer möglich voraus, sobald etwas unbekannt ist, das Unbekannte ist die Gefahr vor einer möglichen Gewalt, und man unternimmt nie zu viel, um sich davor zu schützen. Außerdem ist Gewalt krankhaft, sie ist das innere Chaos, das Risiko des Wahnsinns. Gewalt ist triebhaft, sie muss erzogen und beherrscht werden, wenn nicht sogar geheilt und eingesperrt, verdrängt und kastriert. Aber glücklicherweise haben wir Mittel, um sie zu behandeln, und das Beste ist, ab der Kleinkindheit nach den ersten Anzeichen zu fahnden.

Und so verallgemeinern wir die Angst, machen Sicherheit und Repression unvermeidbar, lebenswichtig, ja sogar wünschenswert und halten die Ordnung aufrecht.

Deshalb sind wir FÜR Gewalt. Fuck auf die Polizei und den Anstand, »der Konflikt ist der Vater aller Dinge«, die Zerstörung dieser Welt ist eine wünschenswerte Perspektive, und es wäre Blindheit oder Scheinheiligkeit ohnegleichen, wenn man der Meinung ist, dass Zerstörung nicht gewaltsam ist. Außerdem sind die Diskurse über Gewaltlosigkeit nur dazu da, jedes Aufkommen einer Veränderung zu verhindern, um das Bestendende aufrechtzuerhalten. Und um das Bestehende zu verwandeln, muss es wohl sein, ihm Gewalt anzutun. Es lebe also die Gewalt. Es ist einfach, es ist wahr, es funktioniert, meistens: die Emanzipation tut der Ordnung und der Macht, die sie aufrechterhält, Gewalt an. »DIE Gewalt« am Rande jedes Denkens und jeder Praxis abzulehnen bedeutet abzulehnen, dass jemals irgendetwas sich wahrhaft verändert, und sogar zu verhindern, dass irgendetwas sich jemals wahrhaft verändern kann.

Aber immer noch ist irgendetwas nicht stimmig, und auf den Schritt, der gemacht wurde, folgt ein Rückschritt, der uns wieder in die Reproduktion von Lösungen taucht, die diese Welt uns anbietet: wir sind für Gewalt, aber die wahre Gewalt, das sind der Staat und die Polizei, die Löhne, die es unmöglich machen, den Monat zu überstehen, das Elend, die familiäre, schulische, soziale Herrschaft, das sind nicht wir. Und schon haben wir die Gewalt, die es nötig hat, sich über den Umstand zu legitimieren, dass sie die Antwort auf eine viel größere Gewalt ist. Die Gewalt wollen wird erneut zum Problem. Und weiterhin sind wir zwar für Gewalt, aber sicher nicht unter uns. Es ist wahr, dass wir nicht davon träumen, uns wegen jeder Kleinigkeit die Köpfe einzuschlagen, und dass der Stärkste herrsche. Und auch wir entwickeln Techniken und ein Know-How der Befriedung, im Plenum [im Original »AG«, evtl. für »Assemblée Générale«, also so etwas wie Plenum? Wenn irgendwer es besser weiß, bitte gerne melden!; Anm. d. Übers.], der Familie, unter Freunden. Es ist zum Verrücktwerden.

Vielleicht bedarf es, um aus diesem Dilemma herauszukommen, eines Schrittes beiseite (ohne dabei aufzuhören sich bereitzuhalten, um in den Tumult wieder einzutauchen, sobald es nötig ist). Und feststellen, dass »DIE Gewalt« eine Abstraktion ist, die keinen Sinn macht, und die zueinander dermaßen heterogene Realitäten umfasst, dass sie zu gebrauchen immer der Realität nicht gerecht wird. Kein Sinn? Nicht so sicher. DIE Gewalt, das ist erst einmal das, das die Ordnung daran hindert sich aufrechtzuerhalten, das ist eine Vielzahl an Situationen, die zusammengefasst wurden mit dem Ziel, deren Befriedung und die dafür aufgewendeten Mittel zu rechtfertigen… inklusive derer, die extrem gewaltsam sind. Das ist eine komfortable Vereinfachung, um glauben zu machen, dass es einen sozialen Konsens gibt, der in Wahrheit vollkommen brüchig ist. Das ist der Name, der Angst macht und bei dem man sich die Legitimation verschafft, ihn mit allen Mitteln heraufzubeschwören. Man kann nicht »gegen DIE Gewalt« sein, außer man akzeptiert, mit Hand und Fuß an die Seite der Ordnung und des Friedens… des Staates und des Kapitals… gekettet zu sein. »Für DIE Gewalt« zu sein macht nur in Opposition (die gesund und notwendig ist, aber eingeschränkt durch ihre reagierende Natur) zum vorherigen Diskurs Sinn.

Außerhalb einer Antwort auf die befriedende Verwaltung des Staates ist es klar, dass ehrlich konsequent in der Absolution von Gewalt zu sein, oder auch von Gewaltfreiheit übrigens, zwei gleichermaßen unhaltbare Positionen sind, die eine wie die andere, gleich in ihrem Nihiĺismus. In beiden Fällen schert man sich nicht mehr um die Welt und die Anderen, sich mit der einen oder der anderen zu schmücken ist immer Geschwätz.

Und doch werden wir Tag für Tag dazu angehalten es zu tun, weil die Welt es um jeden Preis so will.

Da wir überhaupt nicht mehr die Söhne und Töchter der wilden Zeiten sind, die mit der rohen Gewalt der Erdphänomene und der großen prähistorischen Bestien konfrontiert sind, sondern ganz im Gegenteil durch Jahrhunderte der Rationalität zivilisierte und durch Demokratie befriedete Kinder sind (zusätzlich mit mit Sicherheit linken Eltern…), ist es eher die Befriedung, mit der wir uns konfrontieren müssen. Deshalb werden wir logischerweise das zu gewalttätige Kind für die Eltern oder die Schule sein, der Chaot auf der Demo, der Sklave, der seinen Herren schlägt, das Opfer, das seinen Henker tötet. Alle Formen der Gewalt ähneln sich nicht, aber alle Befriedungen sind Versuche der Herrschaft und der Aufrechterhaltung der Ordnung, die wir erleiden und für die wir den Preis zu zahlen haben. Und wir wissen, dass alles, das entstehen wird, um sich dagegen zu wehren, »Gewalt« genannt werden wird.

Es sind die konkreten Situationen, die uns dazu zwingen, uns bezüglich eines Begriffs zu positionieren, der durch die Macht, insbesondere in ihrer demokratischen Form, gegen uns geschmiedet wurde. Der soziale Friede verlangt, »die Chaoten« von den wohlmeinenden Demonstranten zu trennen, weil erstere gewalttätig sind? Wir werden die Gewalttäter sein, die Chaoten, denn in jedem Fall sind wir diejenigen, die kommen, um diese Ordnung zu erschüttern. Und da, zweifelsohne, sind wir auf der Seite dessen, das die Ordnung »DIE Gewalt« nennt, wir sind gegen die Versuche uns zu befrieden. Aber täuschen wir uns nicht und wissen wir, dass diese Kategorie die des Feindes ist, wo wir nicht so dumm sein sollten, uns von ihr in einen Käfig sperren zu lassen, nicht mehr, als wir uns selbst in einen Käfig sperren durch interne Befriedungsversuche und Versuche der Vertragsnahme, bei denen wir diese falsche Opposition von Gewalt und Gewaltlosigkeit reproduzieren, die beide lediglich zwei Seiten derselben repressiven Medaille sind.

Denn bei uns (im weitesten Sinne, sagen wir, auf Seiten der Antiautoritären…) dient die Ablehnung von »DER Gewalt« ohne Zweifel der Befriedung, dem Ausweichen von Konflikten, um kleine Königreiche zu verwalten, ja sogar zu regieren, um als eine Autorität zu agieren, die sich als legitimerweise unanfechtbar präsentiert und die ohne eine andere Form des Prozesses (oder mit selbstverwalteten Prozessen ohne Platz für die Verteidigung, noch dazu…) autoritär das unterdrücken kann, das sie in Frage stellt. Die Inkohärenz wird dabei manchmal bis aufs Äußerste ausgedehnt: es ist nicht selten Leute zu sehen, die von Autonomie und ihren Eisenstangen oder vom diffusen Angriff auf das Eigentum und die Menschen fantasieren, und gleichzeitig diejenigen ausschließen, die ihnen nicht gefallen, weil sie nicht in ihrem Sinne geredet haben oder nicht Hallo sagen, oder hochhalten, dass Konflikte ohne Vermittlung gelöst werden müssen und gleichzeitig alle Mitglieder ihrer Gemeinschaft aufhetzen, sobald jemand anderes als sie und ihre Nächsten dazu ansetzt sich von ihnen nichts gefallen zu lassen. Alle Ordnungen, von der kleinsten bis zur größten, und selbst die Ordnungen, die den Anspruch haben subversiv zu sein, beschweren sich über die Gewalt derer, die ihnen widersprechen, und bedienen sich gewaltsamer Vorgehensweisen, um sie zum Schweigen zu bringen oder sie in die Unsichtbarkeit zu verdrängen. Die Frage ist immer, zu verstehen, wer wem Gewalt antut und warum. Und dann alle diese Vorrichtungen zu identifizieren, die man in der Familie, unter Freunden, unter Gefährten und Genossen, auch in sich selbst, errichtet hat und vielleicht das zu dekonstruieren, das sie so notwendig macht, zumindest für diejenigen, die nur dazu da sind, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, eine Angst vor dem Unbekannten zu schüren oder das Unerwünschte auszuschließen. Und so vielleicht ein bisschen mehr theoretische und praktische Autonomie zu konstruieren und weniger Autorität.

Man könnte auf jeden Fall feststellen, dass um diesen Begriff herum eine gewisse Komplexität herrscht. Im Augenblick, in der Realität einer Situation, ist es nicht kompliziert zu sehen, was in Richtung Repression geht und was sich dagegen wehrt. Aber weder durch die Aneinanderreihung übertheoretisierter Phrasen bezüglich DER Gewaltfrage noch durch die Verkündung eines Berges an Prinzipien bezüglich dieser Frage wird man eine Richtlinie für unser Handeln und Denken festlegen können. Hier haben wir eine Frage, und es ist keine kleine, bei der die Suche nach passenden Ideologien von der Stange, um anschließend mit einer Stimme Parolen skandieren zu können, zu nichts anderem führt, als in der Inkohärenz zu ertrinken, während man ohne aufzupassen genau das reproduziert, gegen das man kämpft und dabei auf dem Weg jede Kraft verliert.

Was sicher bleibt, ist, dass die Aufrechterhaltung des Friedens gegen uns erfolgt.

Nieder mit dem Frieden!

Gegen alle befriedeten Paradiese!

Maria Desmers, Februar 2020

Dieser Text ist ein Beitrag zur vorgeschlagenen Diskussion im Fleurs Arctiques [»Bibliothek für die Revolution« in Paris] mit dem Namen »Gewalttätiges Verhalten wird streng bestraft«, geplant für den 7. Februar 2020.

Übersetzt aus dem Französischen. Zuerst erschienen unter dem Titel « Faire violence ? » auf der Seite des Les Fleurs Arctiques (https://lesfleursarctiques.noblogs.org/?p=1557).

Yuppies mobben??

Zum Artikel „Mobbing als Methode im Kampf gegen Gentrifizierung?

Erstmals: im Artikel ein Manöver, welches von der Frage ablenkt: es geht niemandem darum, vermeintliche Yuppies zu mobben. Ebenso ist die Gleichsetzung der Propagierung von Mobbing mit Propagierung von Pogromen und Vergewaltigungen welche im Text gemacht wird, wohl zur Ablenkung vom Thema eingestreut, als würde es sich um das gleiche handeln!?! (Und dann wird im Text noch von Verharmlosung gesprochen, während die Gleichung aufgemacht wird: Mobbing = Pogrom… What the fuck!)

Die Frage die ich hier behandeln will, ist bloß die folgende: ist die Parole „Yuppies aus der Hood mobben“ irgendwie zu rechtfertigen? Und ich persönlich denke: ja. Es ist hier nicht meine Absicht, irgendjemandes Persönlichstes anzugreifen, ja, ich persönlich finde die Parole weder sonderlich geschmackvoll (viel eher geschmackslos, was aber wahrscheinlich auch Absicht ist: zu schocken) noch würde ich sie unbedingt so vertreten. Und ich glaube auch die Gefühlslage des Autors des kritisierten Artikels mehr oder weniger nachvollziehen zu können. Aber es ist nun einmal nicht das, worum es gehen sollte…

Es ist nun auch nicht meine Schuld, dass Leute glauben, sowas, sowie auch andere, ähnliche Themen (z.B. in „Der Keim der Herrschaft“ in ZL Nr. 17), zu einem größeren Thema machen zu müssen, als es meiner Ansicht nach sein müsste… ja, eigentlich finde ich es sogar nervig, dass dieses Thema soviel Platz einnimmt (nicht das Thema Mobbing, sondern die Kritik an dessen taktloser Verwendung, um klar zu sein). Aber wenn die Lage nun einmal so ist, dann denke ich, es ist auch mal an der Zeit,
diese Form der moralischen und politisch korrekten Kritik nicht unwidersprochen zu lassen.

Im Artikel werden andere dafür kritisiert, den Begriff Mobbing in gewissen Fällen zu bejahen. Ich frage mich zuallererst, wieso dieses Thema einen Leitartikel [Es gibt keine Leitartikel im Zündlumpen; Anm. d. Red.] wert ist, aber ja, darüber lässt sich streiten, oder vielmehr glaube ich auch: darüber sollte gestritten werden. Ich frage mich zum zweiten, weshalb Leute nicht kurz und knapp darstellen können, wieso sie selber nicht so reden (wollen), ohne auf Geschmackslosigkeiten anderer herumzuhacken. Nein, vielmehr reiten sie darauf herum, unterstellen dann noch andern eine autoritäre Haltung, ja, sind scheinbar viel zu sehr auf die Korrektheit der Tätigkeiten bzw. Äußerungen anderer fixiert sind, ohne das Brett vorm eignen Kopf zu sehen. Und ich glaube, dass die Ambivalenz der fraglichen Parole eigentlich allen klar ist. Ist das nicht gerade der Witz? Aber ja… alles der Reihe nach.

Das Wort „Mobbing“, das dem Englischen entlehnt ist, und außerhalb akademischer Kreise wohl noch nicht allzulange im deutschsprachigen Raum verbreitet ist, wird im Zündlumpen als ein Wort ganz ohne Mehrdeutigkeiten dargestellt. Dabei ist das offensichtlich nicht so einfach. Das Wort leitet sich relativ offensichtlich von „mob“ ab. Und Mob ist meines Wissens ursprünglich (und teils auch aktuell) v.a. eine abwertende Bezeichnung für revoltierende Ansammlungen von Leuten; aus der Warte herrschaftlicher Gesellschaftskreise natürlich. Z.B. auf Wikipedia, die Plattform, die heute das Verständnis von Begriffen in breiten Bevölkerungsschichten prägt, steht aktuell: „Der negativ besetzte Begriff Mob bezeichnet eine mehr oder weniger bestimmte Gruppe von Personen, die ohne erkennbare Führung zusammen agiert. Der von sich aus, gruppendynamisch handelnde Mob hat kurzfristige destruktive Ziele (Plünderung, Zulauf zu öffentlichen Hinrichtungen und dergleichen), seine radikale Äußerung ist der Aufruhr, die Emeute.“ Also, das tönt doch erst einmal teils ganz im Sinne des ZL. Aber ja, natürlich, Begriffe haben ihre eigene Entwicklung, und Etymologie ist eine beschränkte Methode zur Erkenntnis von Bedeutung.

Der Begriff Mobbing wird in den deutschsprachigen Raum, über den Umweg der Verhaltensforschung bei Tieren, von einem Soziologen, Heinz Leymann, eingeführt, und zwar in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Nach diesem Konzept und ähnlichen, sämtlich der Soziologie entstammend, wird der Begriff im allgemeinen Bewusstsein geprägt.

Das Mobbing sehr unterschiedliches bedeuten kann, ist, denke ich, offensichtlich. Im Artikel im ZL kommt nun die Sichtweise einer Person ins Spiel, welche von Mobbing betroffen war. Diese persönliche Erfahrung wird hervorgehoben und das Anliegen vertreten, dass sowas niemandem angetan werden sollte. Es wird implizit behauptet, dass Yuppies aus der Nachbarschaft zu mobben, eine „neue Form der Herrschaft und Ausbeutung“ hervorbringen würde, und nicht als befreiende Gewalt gelten könne. Es wird impliziert, dass der Begriff Mobbing genügend klar definiert sei und dass dies sich somit von selbst verstehen müsste.

Nun, ich bin kein Experte zu Mobbing, ich habe generell Probleme mit soziologischen Überbegriffen… weshalb es mir so vorkommt, dass der Begriff Mobbing für mich eher unbrauchbar erscheint. Solche Begriffe verdecken oftmals eine vorherige sprachliche und reale Vielfalt, ja, ihre inflationäre und moralistische Nutzung ist oftmals selbst ein Zeichen des aktuellen sprachlichen Zerfalls, zu dem man ja stehen mag wie man will. Zumindest gibt es in meiner Welt eine Vielfalt von Begriffen wie hänseln, schikanieren, provozieren, zeukeln, bedrohen, ausschließen, diskriminieren, verarschen, necken, drangsalieren, witzeln, bedrohen, jemanden fertigmachen, jemanden auf die Palme bringen… um nur einige hierhergehörige, eher weniger eskalierte Nuancen zu nennen. Aber zumindest scheint mir der Begriff „Mobbing“ eine Vielfalt von Dingen zu beschreiben, unter welche auch verschiedene Formen des Widerstands und der Rebellion fallen können, auch solche Formen, welche von Anarchisten normalerweise nicht mit allzu viel Vorbehalten betrachtet werden.

Man stelle sich z.B. den Yuppie vor. Dieser ist durch sein Aufstreben in der Klassenhierarchie eine besonders schwierige Figur, vor allem wenn er gerne in einem eigentlich armen Viertel einzieht, wo viel geht, und diese seine persönliche Geschmackssache, welche er oft nicht Ansatzweise im gesellschaftlichen Kontext sehen kann, für andere schlimme Folgen hat. Die Leute müssen dann bald „ihr Quartier“ verlassen, weil irgend so neureiche Schnösel gerne da leben (hier also dann die folgliche „Relation zu ihren Taten“). Nun macht es vielleicht Sinn, diesen ihre gesellschaftliche Rolle rein logisch klar zu machen, sie nicht gleich dafür anzugreifen. Aber viele sehen darin keine Möglichkeit, und sie wurden vielleicht sogar schon verdrängt, in ein Elend gestoßen, ihres gewohnten und scheinbar gewünschten Umfelds beraubt, ihrer Kultur und Integrität. Und sicher nicht allzu wenige von ihnen wurden von diesem subtilen Prozess in Selbstmord gedrängt, das scheint klar. Nun ist es doch ganz naheliegend, solchen neureichen Zuziehern ihr Leben zur Hölle zu machen. Ob da Methoden mit vorkommen, die als „mobbing“ bezeichnet werden können? Zumindest kann es, aus reiner Selbstverteidigung, Sinn machen, Mobs zu bilden, und diese Leute zu bedrohen, zu berauben, und noch schlimmeres, was in einigermaßen rebellischen Quartieren, von welchen es in Deutschland nicht allzuviele gibt, keine Ausnahme darstellt.

Ich persönlich habe gewisse Probleme mit der Territorialität dieser Konflikte, ja, aber es geht bestimmt um eine gewisse Machtproblematik, um einen Klassenkonflikt, der nun halt mal einfach da ist. Und wenn ich mich in diesen Yuppie hereinversetze, dann muss ich sagen, ich will nicht in seinen Schuhen stecken, wenn er angegriffen wird (was allerdings eher selten passiert). Genauso, wie ich nicht umgebracht, verprügelt, ausgeschlossen, verdrängt, angegriffen, bedroht werden, oder meine Sachen abgefackelt bekommen will. Aber trotzdem betrachte ich diese Tätigkeiten als mögliche Kampfmethoden.

Ich stelle mir nun eine Person vor, der z.B. das Auto zerdeppert wurde, weil sie einen Typen verlassen hat. Ihr wird das Auto gesmasht, vandalisiert, vielleicht sogar abgefackelt. Oder eine ähnliche Geschichte mit einem mehr mafiösen Hintergrund. (Und das wird ja dann von dir „verharmlost“, oder stimmt es etwa nicht?). Diese Person wird genau die gleichen Probleme, mit der gleichen Berechtigung mit der Methode des Autoanzündens haben, wie du sie mit dem hast, was du als Mobbing identifizierst. Wenn die Person nicht über ihren eigenen Schatten springen kann. Gewalt ist unschön, brutal, zerstört Leben, und zwar so richtig, und ich denke, es macht deshalb wohl Sinn, sie wenn, dann gezielt einzusetzen. Aber ja, angesichts des Elends, welches die Aufwertung mit sich bringt, denke ich, kann den (potentiell) Verdrängten die Subjektivität der Avantgarde der Aufwerter herzlich egal sein (welche sich in den Medien, zu welchen sie besseren Zugang haben, dann super als Opfer stilisieren können).

Schon bei Beginn der anarchistischen Bewegung wurde von einigen (nicht allen) betont, dass die Gewaltexzesse vorkommen werden, aber nicht wirklich wünschenswert sind. Vielmehr macht es Sinn die Strukturen anzugreifen, um die Menschen zu schonen. Dieser humanistische Ansatz mag einigen mehr und anderen weniger taugen. Aber andere zu kritisieren, weil sie Yuppies mobben wollen? Man denke an Zeiten, wo Anarchisten den motivlosen Terror gegen die Bourgeoisie vertreten haben, um diese in Angst und Schrecken zu versetzen… ich denke, auch dass könnte angebracht sein, und in solcher Gewalt übernimmt man sich hierzulande allemal schwerlich, denn hier wird ja den Yuppies und erst den wirklich Reichen eigentlich normalerweise kein Haar gekrümmt.

Aber jetzt denk ich mir, die Person wird antworten, dass das ja eben kein Mobbing sei. Aber, dann schau dir den Diskurs über Mobbing mal genauer an und stell dir vor wie z.B. die Methode, besonders autoritäre Vorarbeiter und Chefs einfach umzubringen, wie sie oft, und bestimmt in (zumindest hierzulande) brutaleren, eskalierteren Zeiten, vorgeschlagen und auch umgesetzt wurde, von einem Soziologen wie Heinz Leymann bezeichnet werden würde…? Das ist noch schlimmer als einfaches Mobbing! Das ist die totale Eskalation des „Staffing“, des Mobbing von Unten (und somit möglicherweise schon kein Mobbing mehr?)! Eine Analyse der gesellschaftlichen Konflikte, eine Klassenanalyse, eine Unterscheidung zwischen Schikane an den Unteren und Rache an den Oberen, scheint Heinz Leymann zwar zu machen, ihm ist aber der qualitative Unterschied entgangen. Vielmehr ist sein Ziel der Arbeitsfriede, dieser falsche soziale Friede der friedlichen Konkurrenz, der so viele auch ohne Mobbing in den Selbstmord treibt. Während die Akzeptanz der Hierarchien, das Schlucken der Autorität an sich wohl so was wie das „horizontale Mobbing“ erst erzeugt, wenn erstmal die anderen Konflikte demokratisch abgeschwächt wurden (persönliche „autoritäre Autorität“ wird ersetzt durch eine „flache Hierarchie“, „Netzwerk“, u.ä.), wollen Leute wie Leymann auch noch diesen Makel beseitigen. Und zwar mit einer demokratischen Zielsetzung (Friede zwischen Kapital und Arbeit). Aber, uns Anarchisten kann es ja nicht um eine noch krassere Unterdrückung aggressiver Regungen gehen, sondern nur darum, diese Aggressionen zu verstehen, ihre Herkunft zu verstehen, und sie gegen jene Verhältnisse und Personen zu richten, welche sie erzeugen. „Die Entfesselung der bösen Leidenschaften“ hat das mal jemand genannt… Und der Kampf gegen Mobbing ist eben gerade der Kampf zur Fesselung und Sublimation der bösen Leidenschaften, und somit sämtlicher Leidenschaften, denn die Leidenschaften – sie lassen sich schwerlich trennen.

Statt Zähmung der Klassenkonflikte (unter dem Deckmantel des Spuks des „Kriegs aller gegen Alle“) in der immer erstickend-friedlicheren Konkurrenz, deren Aufgreifen in einem revolutionären Bruch mit der Konkurrenzlogik, in dem die Leute ein generalisiertes und eskaliertes staffing anwenden, natürlich ein spezifisches, damit jedes bossing unmöglich werde und einst Tage kommen, in denen jede Form des mobbing gar kein Bedürfnis mehr ist, weil die Gemeinschaften nicht mehr den Beigeschmack des Zwanges tragen… so könnte man in der Sprache der Mobbing-Soziologie wohl etwas plump eine gewisse, teilweise vielleicht veraltete und zu einfache Revolutionsvorstellung der freiheitlichen Arbeiterbewegung bezeichnen. Zumindest aber ist das Konzept „Mobbing“ als eine Verschleierung im Sinne von Aufstandsbekämpfung zu verstehen, als eine Befriedungsmethode zur Prävention von Arbeitskämpfen. Und natürlich wird es im Gebiet von Schulen oft etwas anders benutzt, aber zurecht?

Die These im hier kritisierten Text ist es zumindest anscheinend, dass Mobbing in jedem Fall eine Art ressentimentgeladene Aktivität sei, welche herrschaftliche Strukturen stützt oder weiterführt (und zwar, weil sie die problematische Mentalität bei belässt). Und das wird wohl in vielen Fällen stimmen. Aber es ist auch schwierig, die Kritik an Ressentiment, wie weit soll sie gehen? Bin ich da selber gefeit von? Ist es nicht vielmehr so, dass man es schaffen müsste, den Yuppies mehr entgegenzusetzen? Und nicht nur ihnen, die gerade per Zufall in dieser Rolle sind… Ist es nicht so, dass Lehrer geplagt werden, während es wünschenswert wäre, man könnte die Mechanismen der Schule einfach außer Kraft setzen? Sie zerstören, nicht als Gebäude nur, sondern als Institution..? Und ist es nicht so, dass revolutionäre Gewalt immer die Problematik der möglichen Verrohung ihrer Ausübenden mit sich bringt? Was kein Argument gegen sie ist… sondern eine stete Frage.

Aber meine Frage ist vielmehr: die Art wie im Artikel darüber geschrieben wurde, klärt sie die Frage auf, oder ist es vielmehr eine Kritik, welche moralisch ist? (und ist Moralismus nicht auch Produkt von Ressentiment?)

Ist die psychologische Dynamik des Mobbings gegen unten (= „Bossing“) und des Mobbings gegen oben (= „Staffing“) wirklich dieselbe? Werden die wohlmeinenden Lehrer (die auch im Zündlumpen wie Gefängniswärter behandelt werden, was ich schwierig finde) denn nicht einfach so brutal behandelt, wie es eigentlich dem brutalen Lehrer gelten würde, quasi anstelle des größten Tyrannen die einfach angreifbare Autoritätsperson, welche Schwachstellen zeigt? Und ist dieses Mitleid mit dem fraglichen Lehrer, welches ich angebracht finde, da solche Leute effektiv Opfer einer Dynamik sind, einer Dynamik, deren Existenz sie selber total schockiert… ist dieses Mitleid auch am Platz wenn es um den Lehrer handelt, der immer gleich das Lineal bei der Hand hat, und zwar nicht zum vermessen? Ist dort Mobbing unangebracht? Ist es zu verurteilen, wenn die Methoden nicht anarchistisch genug sind?

Das Wort Ausschluss tönt zumindest für viele erstmals schlecht. Aber gewisse „Normen“ (nicht das mir das Wort gefällt) wie z.B. keine Denunziation, u.Ä. sind eben meiner Meinung nach schon wertvoll… und da wären wir dann schon bei der Problematik von horizontalem Mobbing. Der Ausschluss von Herrschervorrechten aber versteht sich im Anarchismus ohnehin von selbst. Wollen wir nicht alle Herrschaft und ihre Träger aus unserem Leben ausschließen? Sogar gänzlich loswerden? Und wenn wir es nicht schaffen, so sind wir eben oft zumindest ein bisschen gemein, terrorisieren die Psyche von Leuten, hoffentlich den richtigen, auch wenn es nur kleinere Kollaborateure sind, machen Aktionen, die eigentlich zu kurz greifen, sogar danebenschlagen, versuchen es zumindest, um nicht gänzlich im Ressentiment zu verenden, um zumindest etwas Aggression dahin zu tragen, wo sie hingehört… oder zumindest näher ran… das ist menschlich, aber wohl nicht immer die Revolution…

Und ich will hier den ZL explizit einschließen, in welchem teils zumindest scheinbar (und relevant ist ja, was zumindest durch diesen Schein propagiert wird) beliebige Zerstörung von Eigentum als revolutionäre Taten gefeiert werden…? Aber selber alles immer furchtbar eng sehen, wenn die falschen Worte benutzt werden. Als würde es um Worte gehen!!! Als wäre das Problemfeld „Mobbing“ geklärt, wenn man den Begriff ablehnt! Als wäre der Zwang in Zwangsgemeinschaften Konflikte führen zu müssen, lösbar, wenn diese und deren Grundlagen noch existieren! Als wäre ein gewisses staffing nicht eine logische Voraussetzung für eine revolutionäre Bewegung, ob man das nun verherrlicht oder einfach nur hinnimmt…

Zumindest ich bin, so glaube ich, wenn Yuppies, und zwar natürlich wirkliche, von armen Quartierbewohnern wirklich mies gemobbt werden, mir im Klaren, auf welcher Seite ich stehe, auch wenn ich im einzelnen vielleicht von der Gemeinheit der Leute geschockt bin und ihre Methoden fragwürdig finde. Zumindest wenn die Gründe die hier besprochenen sind und auch wenn das auch explizit „Mobbing“ genannt würde, was ich zumindest bisher etwas geschmacklos fand… Und wenn ich sie kritisiere, ihre Methoden kritisiere, dann nur durch einen besseren Vorschlag, welcher allerdings nicht von Worten allein abhängt. Und ich denke, das wäre die logische Haltung gegenüber solchen Phänomenen (welche ja hier kaum vorkommen), wenn Anarchisten nicht, ob zu recht oder zu unrecht, bei den Leuten als politisch korrekte Moralisten gelten wollen…

Ah, und: lasst uns einen Mob bilden, um diese Gesellschaft zu zerstören!

Anarchistisch-patriarchale Geschichtsschreibung

Es mag wie ein Rumnörgeln an Kleinigkeiten erscheinen und wie ein Festhalten, Perpetuieren und Positivsetzen von Identitäten, die es doch zu zerstören gilt. Dass dies jedoch nicht der Fall ist, möchte ich im Folgenden erläutern. Am Beispiel einer Passage der Broschüre „Namenlos“ der Edition Irreversibel möchte ich darauf eingehen, wie trotz bestester Absichten von Individualist*innen, die jegliche Form von Identität und Identitätspolitik ablehnen, sie unbewusst eine männliche Sichtweise mit einer neutralen verwechseln und den Lügen patriarchaler Geschichtsschreibung Glauben schenken.

In der Broschüre „Namenlos“ werden unterschiedliche „Beiträge zu einer anarchistischen Diskussion über Anonymität und Angriff“ zusammengestellt. Dabei geht es darum, inwiefern das Handeln unter Klarnamen oder (festem) Pseudonym zum einen Berühmtheiten und damit Autoritäten und Vorbilder schafft, insbesondere Gruppennamen das Individuum auslöschen und die Handlungen dadurch an Kraft verlieren, dass Menschen durch ein „Ich war’s“ ihren Geltungsdrang deutlich machen und damit die Handlung zu einem Profilierungsakt und damit zu einem Akt Autorität zu erlangen wird. Ich möchte eigentlich nur auf eine Passage dieser Broschüre eingehen, eigentlich sogar nur auf eine Fußnote, und meine Kritik daran hat zwar nur teilweise mit dem Thema dieser Broschüre zu tun, bringt aber auch neue Aspekte in das Thema Anonymität und Identität ein.

Der Beitrag „Die Anonymität“ aus der 10. Ausgabe von „Der Communist“ von 1892 enthält folgende unschöne Passage: „Ganz besonders warnen wir davor, eine Frau etwas ernstes wissen zu lassen, das nicht unumgänglich nothwendig ist, denn die Frauen werden fast immer für vollkommen erachtet, und nur zu oft sind sie es welche uns verraten.“ (S. 45) Diese Passage ist mit einer Fußnote des*der Herausgeber*in dieser Broschüre bedacht, in der die Vermutung geäußert wird, dass diese „krude“ Feststellung von Conrad Fröhlich „Ausdruck davon [sei] inwieweit die anarchistische Bewegung damals von nahezu ausschließlich Männern dominiert wurde, die so hauptsächlich Beziehungen zu Nicht-Anarchistinnen hatten und sich so bei der einen oder anderen Gelegenheit verplatterten und im Bau landeten.“ (S. 48)

Da muss ich entschieden widersprechen! Der*die Herausgeber*in führt hier fort, was seit hunderten von Jahren Anarchist*innen gemacht haben: die Rolle nicht-männlicher und weiblicher Anarchist*innen kleinzureden oder ganz zu verschweigen. Dies nennt mensch „Silencing“ und ist ein Phänomen, das alle Menschen, die (vermeintliche) Angehörige marginalisierter Gruppen sind, erleben. Dass sie nicht wahrgenommen werden, nicht ernst genommen werden und insbesondere in der Rezeption in den Jahren danach, also in der Geschichtsschreibung jeglicher Art, ignoriert, weggelassen und damit vergessen werden. Wenn Conrad Fröhlich offenbar so bekannt mit den anarchistischen Größen seiner Zeit ist, dass er kritisiert, dass „Herr Most, Herr Peukert, Herr Berkmann, Herr Merlino, Herr Malatesta“ (S. 46f.) durch ihre ständige Namensnennung zu Autoritäten wurden und dass sie ausschließlich aufgrund der Namensnennung Repression ausgesetzt waren und im Knast landeten, dann werden ihm wohl auch die Namen seiner anarchistischen Zeitgenossinnen „Frau Goldman“, „Frau de Cleyre“, „Frau Wilson“, „Frau Hansen“, „Frau Notkin“, „Frau Witkop-Rocker“, „Frau Michel“, „Frau Zaïkovska“, „Frau Kügel“, „Frau Mahé“, „Frau Maitrejean“, „Frau Nikiforova“, „Frau Perowskaja“ bekannt sein, die teilweise damals selbst große Berühmtheiten und Autoritäten waren, deren Schriften und Vorträge berühmt und stark rezipiert waren, die Zeitschriften herausgaben oder Artikel in Zeitschriften veröffentlichten, die Anschläge vorbereiteten, planten und durchführten oder Teil von Aufständen waren. Auch Emma Goldman saß im Knast, weil sie Anarchistin war, ebenso Louise Michel, Sofja Perowskaja wurde wegen ihrer Beteiligung an der Ermordung des Zaren Alexander II. 1881 hingerichtet.

Die meisten der genannten Frauen hatten Liebesaffären mit Anarchisten, entsprechend hatten auch Anarchisten Liebesaffären mit Anarchistinnen. Viele der Anarchistinnen sind uns heutzutage auch nur deswegen noch bekannt, weil sie die Lebensgefährtinnen „großer“ männlicher Anarchisten waren. Wie viele Anarchistinnen kennen wir nicht, weil ihre Lebensgefährten sie erstickt haben, sich vor sie gestellt haben, sie unterdrückt haben? Die der Meinung waren, dass „ihre“ Frauen sich lieber um das Wohlergehen ihres Mannes und der Kinder kümmern sollten? Viele wurden ausgelacht und nicht ernst genommen oder bewusst bei der Planung von Attentaten außen vorgehalten, weil das für eine Frau nichts sei. Letzteres erlebte beispielsweise Kaneko Fumiko in Japan 1926 – ihr Partner Pak Yeol hatte zusammen mit anderen Anarchisten ein Attentat auf den Kaiser geplant und Fumiko bewusst draußen gehalten, um sie als Frau zu beschützen. Sie bekam aber Wind davon und wollte Teil der Verschwörung sein. Alle wurden verhaftet und sie übertrieb ihre Rolle in der Verschwörung, kündigte sogar an, den Kaiser umzubringen, sollte man sie entlassen, um dieselbe Strafe und damit dieselbe Anerkennung als revolutionäre Anarchistin zu bekommen wie die Männer.

Ja, der*die Herausgeber*in hat richtigerweise festgestellt, dass die „anarchistische Bewegung damals von nahezu ausschließlich Männern dominiert wurde“, doch das bedeutet nur, dass Männer nicht bereit waren, ihre weiblichen Gefährt*innen anzuerkennen, sie so sehr sie konnten verdrängten und nicht ernst nahmen, den Beitrag der Frauen an der Bewegung bewusst verschwiegen. Doch die Anarchistinnen gab es und wenn mensch genauer hinsieht, sieht mensch auch, dass es eine ganze Menge waren. Auch Conrad Fröhlich wird sie gekannt haben. Dass er sie nicht nennt, sondern sich ausschließlich auf Männer konzentriert und sich an Männer adressiert und ganz offensichtlich Frauen nicht als Kampfgefährtinnen und als vollwertige handelnde Individuen und Subjekte begreift – denn wenn er empfiehlt Frauen nichts zu erzählen, wird er wohl kaum seinen Appell auch an Frauen richten –, sagt viel über Conrad Fröhlich aus, aber sicher nichts über die Geschlechterverteilung in der anarchistischen Bewegung und auch sicher nichts darüber, welche Angehörige welchen (zugewiesenen) Geschlechts mehr Anarchist*innen an die Repressionsbehörden verraten haben. Vielleicht waren viele Anarchisten so sexistisch, dass sie Frauen nicht als handlungsfähige denkende Subjekte betrachteten, die ihnen gefährlich werden könnten, indem sie sie verpfeifen. Denn sie dachten nicht daran, dass Frauen ihre Ideen nicht teilen könnten, da sie gar nicht auf die Idee kamen, dass diese Frauen eigene Ideen haben könnten (und das obwohl sie die ganze Zeit auch mit Frauen zu tun hatten, die ganz offenkundig eigene Ideen vertraten!). Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass Conrad Fröhlich durch seine Misogynie eine verzerrte Wahrnehmung hat, wenn es um Männer und Frauen geht. Wenn ein Mann einen Anarchisten verraten hat, dann wird er wahrscheinlich denken, wie konnte X Hans-Peter nur je vertrauen, wenn es eine Frau war, dann wird er eben nicht denken, wie konnte X Sabine nur vertrauen, sondern er wird denken, wie konnte X nur einer Frau vertrauen. Und dies führt dann zu einer subjektiv falschen Feststellung, die Ausdruck seiner Frauenfeindlichkeit ist, nicht aber Feststellung eines Faktes.

Viele der großen Individualisten dieser Zeit haben das Individuum rein als männlich betrachtet (auch Max Stirner als einer der großen Vordenker). „Der Einzige“ reift vom „Knaben“ zum „Jüngling“ zum „Mann“ (vgl. „Der Einzige und sein Eigentum“). Da gibt es nicht viel Interpretationsspielraum. Klar können wir bei einer Rezeption Stirners diese eindeutig männlich konnotierte Philosophie um alle anderen Individuen erweitern, die Stirner offenbar nicht wahrgenommen hat. Jedoch sollten wir nicht vergessen, wenn wir alte wie auch neuere Texte lesen, dass die Wahrnehmung vieler Menschen dieser Zeit, aber auch unserer Zeit, mehr oder weniger bewusst von dieser Gleichsetzung „Individuum/Anarchist = männlich“ bzw. „das Männliche = das Allgemeine, das Universelle“ geprägt war und sie alles, was aus diesem Schema herausfiel und fällt, so gut sie konnten, ignorierten und ignorieren. Deshalb ist es auch unsere Aufgabe den Lügen nicht zu glauben, dass vor hundert Jahren nur Männer Anarchist*innen waren, und es ist unsere Aufgabe nach den nicht-männlichen und weiblichen Anarchistinnen zu suchen. Und zwar nicht, weil wir so besessen von weiblicher Identität sind, sondern weil das wahrgenommene Geschlecht von entscheidender Bedeutung für die Rezeption einer Person und von Texten war und auch immer noch ist, wenn es auch vielen nicht bewusst ist. Männlich zu sein oder als solches wahrgenommen zu werden, verschaffte und verschafft jemandem Autorität. Diese (un-)bewussten Strukturen zu durchbrechen, gerade auch in der Rezeption von (alten) Texten, müssen wir uns zur Aufgabe machen.

Diese Perspektive erweitert das Thema der Broschüre, Anonymität und die Autorität von Namen, um interessante Aspekte. So nutzten und nutzen viele Frauen männliche Pseudonyme – spielten also mit falschen Identitäten – oder veröffentlichten ihre Texte anonym, um überhaupt Gehör zu bekommen. Der Punkt, dass ein Name unter einem Text einer Person Autorität verschafft, muss dahingehend erweitert werden, dass in vielen Fällen der männlich konnotierte Name Autorität verschafft (klar gibt es da immer Ausnahmen, wie die Beispiele von Emma Goldman oder Voltairine de Cleyre zeigen). Texte ausschließlich anonym zu veröffentlichen und Angriffe anonym durchzuführen befreit davon, dass andere den Text oder den Angriff unbewusst ablehnen oder ignorieren und übersehen, weil dieser von einem wahrgenommen weiblichen Namen stammt. Gleichzeitig wird aber das Namenlose, Anonyme häufig automatisch mit Männlichkeit assoziiert, der weibliche Beitrag damit nicht wahrgenommen und ignoriert (so wie Conrad Fröhlich, der einen Haufen anarchistischer Frauen kennen musste und trotzdem den Anarchisten als Mann definiert). Deshalb gibt es Menschen, denen es wichtig ist ihre Geschlechtsidentität bei einer illegalen Aktion preiszugeben, um mit dem unbewusst angenommenen Geschlecht zu brechen, um dieses Bild des männlichen Rebellen, das unbewusst die meisten in sich tragen, zu erschüttern. So liest mensch häufiger in Meldungen, die gar nicht mal lange Bekenner*innenschreiben sind, eine „FLINT-Gruppe“ (FLINT = Frauen, Lesben, Inter, Nonbinary und Trans Personen) habe dies und das getan. Auf der einen Seite wird so eine Identität, ein Geschlecht perpetuiert, dessen System mensch eigentlich im Ganzen zerstören will, und es wird mit dem Prinzip der Anonymität gebrochen. Andererseits wird damit der (unbewussten) patriarchalen Geschichtsschreibung und -wahrnehmung, die nur von Männern als handelnde Individuen ausgeht, bewusst entgegengesetzt, dass es eben keine Männer waren. Genau das war auch der Grund dafür, dass Fumiko ihre Rolle in der Verschwörung gegen den japanischen Kaiser 1926 so übertrieb. Um als handelndes Individuum wahr- und ernstgenommen zu werden. Individualität und Handlungsvermögen wird Menschen mehr oder weniger bewusst unterschiedlich stark zugestanden. Der Weg zu einem „Ich“ ist für viele weiblich sozialisierte Menschen ein anderer als für viele männlich sozialisierte Personen. „Sogar (ausländische!) Frauen haben in Hamburg während G20 randaliert“, titelten die Zeitungen nach G20 schockiert. Das überrascht die meisten zeitgenössischen Anarchist*innen – im Gegensatz zur bürgerlichen Presse – wahrscheinlich nicht. Doch dass das vor hundert Jahren ebenfalls der Fall war, das wiederum würde viele dann doch überraschen. Und das müssen wir ändern!

Why are there no women in the anarchist movement? [ironic]
Why are there no women in the anarchist movement? An ironic Comic about manarchism.

Offensive Handlungsmöglichkeiten bei Repression

Der folgende Text erschien zuerst in der Broschüre Outlaw (S. 14 bis 16, zu finden online bei freethemall.noblogs.org oder in gedruckter Form in der anarchistischen Bibliothek Frevel). Er verschriftlicht eine in Berlin im Zuge einer Diskussionsveranstaltung zu offensivem Umgang mit Repression geführte Debatte.

Angesichts von lokalen Ergeignissen, der Verhaftungen und Inhaftierungen von Gefährt/Innen in verschiedenen Städten, aber auch genereller repressiver Zuspitzung und Restrukturierung, finde ich die Vorschläge und Thesen aus dem Text äußerst wichtig und diskutierenswert.

Thesen der öffentlichen Diskussionsveranstaltung:

1) Isolierung und Individualisierung durchbrechen mit Kollektivierung (Bekanntmachung).

Der erste Schritt bei einem staatlichen Angriff gegen unsere Strukturen und Gefährt*innen kann die Bekanntmachung sein. Dies bricht die Isolieurng des einzelnen Individuums und der Struktur auf. Dabei ist zu bedenken inwiefern Medien der Herrschaft benutzt werden sollen, die unsere Inhalte meist nicht unverfälscht darstellen und für ihre eigene Profit- und Sensationsgier ausbeuten. Dementsprechend können eigene Medien und Kommunikationswege gefunden werden, die eine Nachricht eventuell auch in einen Kontext des gegenwärtigen Kampfes bringt. Indem der staatliche Angriff z.b. eine Hausdurchsuchung veröffentlicht wird, teilt man zum einen Gefährt*innen mit, in welcher Sache der Staat ermittelt, d.h. es könnte eine hilfreiche Warnung sein und zum anderen könnte mit der Veröffentlichung ein offener Raum zum Treffen vereinbart werden, an dem sich verschiedene Individuen über den Ist-Zustand informieren können und zusammenschliessen können, um auf ihre Art und Weise Solidarität in der Situation auszuüben, z.B. Sponti, Soligruppe zum Thema, direkte Aktionen.

2) Solidarität bedeutet nicht nur Kosten decken, sondern bestehende Kämpfe weiterführen.

Kämpfe weiterführen kann heißen, ausgehend von der Analyse eines Repressionsvorfalls, Fazite aus dem Erlebten zu ziehen und perspektisch den Kampf auf intelligente Art zu verändern ohne jedoch die Qualität der permanenten Konfliktualität zu mindern und aus den Augen zu verlieren. Dadurch wird grundlegend das Prinzip der Repression, dass Kämpfe ins Stocken kommen oder in geringerer Qualität stattfinden, bekämpft. Kostendeckung ist zwar nötig, aber nur insofern nicht alle Energie und Zeit für das Geld organisieren drauf geht. Es gibt auch weitere Möglichkeiten an Kohle zu kommen, die verbunden sein könnten mit einer politisch-visierten Praxis (siehe Enteignung jeglicher Art, Abendessen unter Gefährt*innen, etc.). Ausserdem überwiegt bei Solidaritäts-Veranstaltungen oft der subkulturelle Aspekt, wo politische Inhalte nicht beachtet werden oder schlicht untergehen. Die Frage könnte unter anderem sein, wie Treffpunkte der „linken“ Szene mehr mit Inhalten gefüllt werden können?

3) Das bedeutet auch „anscheinend“ kleine Strafanzeigen öffentlich zu machen.

Die Repressionsmethode der Bußgeldstrafen ist mittlerweile gang und gebe. Dies bewirkt einerseits, besonders in Städten mit einer großen „linken“ Infrastruktur, dass Bußgelder einfach hingenommen werden, da ja eh eine Solidaritäts-Struktur die Kosten stemmt. Andererseits wird genau bei diesem, spitz gesagt, Dienstleistungsystem der politisch relevante Aspekt der Repression völlig ausgeblendet. Langfristig sind Bußgelder natürlich nervig aber hinnehmbar, das kleinere Übel, vor dem Knast. Dieses Damokles-Schwert hängt dauernd über unseren Köpfen und ist in unseren Köpfen. Da sind kleinere kontinuierliche Strafanzeigen viel effektiver, uns davon abzuhalten Straftaten wieder zu begehen, weil sie uns mit dem Gedanken vor der Endstation Knast erpressen. Deswegen sind „kleine“ Strafanzeigen nicht zu unterschätzen, besonders auf einer psychischen Ebene.

4) Konsequenzen der allgemeinen Strafverfolgung von solchen Lappalien.

Die psychische Ebene der Repression spielt eine viel größere Rolle, als die der blanken und auf der Haut spürbaren Gewalt. Das haben viele Machtstrukturen schon längst gelernt und dementsprechend ihre Methoden verfeinert. Unsere Aufgabe, als diejenigen die diese Machstrukturen zerstören wollen, besteht darin diese Methoden zu erforschen und aufzuzeigen um sie unwirksam zu machen. Wie schon gesagt kann eine langandauernde in kleinen Dosen iniziierte Repression mehr Schaden bei den Gefährt*innen bewirken, als ein einzelner Faustschlag in einer physischen Auseinandersetzung mit den Bullen. Dies zeigt sich unter anderem wenn wegen kleinen „Delikten“ schon mehr oder weniger martialische Hausdurchsuchungen gestartet werden. Diese Vorgehensweise ist genaustens kalkuliert, aber nicht um tatsächlich Beweise zu ermittlen, sondern um zu schikanieren. Die Bloßstellung der persönlichen Intimsphäre kann destruktive Wirkungen auf den/die Betroffene haben.

5) Soli-Arbeit deshalb auch bei kleinen „Delikten“ wichtig.

Soli-Arbeit heisst in diesem Sinne: Die Betroffenen zu unterstützen, auf jeden fall. Wobei es wichtig ist, auch für Gefährt*innen von wo anders her, aus diesen Erfahrungen lernen und erst recht zu erfahren. Dieser kollektive Austausch von Wissen und Erfahrungen kann der individuellen Stärkung nützen und Ideen ins Spiel bringen offenisiv die Repression zu bekämpfen. Soli-Arbeit kann deswegen auch heißen die Repression zu invertieren und zu einem Gegenangriff aufzurufen. Sei dieser inhaltlich oder mit Taten verbunden, am Besten beides.

6) Fragwürdig zu glauben den Staat mit seinen eigenen Mitteln (Unschuld, Reue, Deals eingehen) zu bekämpfen. Wegkommen von juristischer Ebene.

Ausgehend von der Tendenz eines notwendigen Gegenangriffs bei Repression, der auf einer grundlegend abneigenden Haltung gegenüber jeglicher Herrschaft beruht, stellt sich die Frage wie und wo diesen vollbringen. Die Mittel die der Staat einem/einer Beschuldigten zur Verfügung stellt, um sich zu verteidigen, sind gewollt begrenzt und vom Staat selbsterschaffen, sowie die Gesetze die gebrochen worden sind. So kann und soll ein Gericht Schauplatz einer politischen Auseinandersetzung mit dem Staat sein? Inwieweit wollen die Revolutionär*innen die Mittel des Staates benutzen um ihn zu verletzten und bestenfalls zu zerstören? Können und sollen diese Mittel dazu genutzt werden um Schuld, Unschuld, Reue und Deals zu vermittlen?

7) Ethische Grundsätze bestimmen unser Handeln, sind somit strikt verbunden mit der Eigenverantwortung unserer Taten, dies schliesst eine defenisve Positionierung vor dem Staat aus.

Wenn ein Gericht mit seinen Kumpanen nicht der einzige Schauplatz unseres Gegen-Angriff ist, wo ist er dann? Wenn von Eigenverantwortung die Rede ist, dann ist damit die Bedeutung unserer eigenen Worte und Taten gemeint. Sie zu verstehen heisst mit den Konsquenzen unserer Ethik leben zu müssen. Denn wo die Rede von Revolution, Aufstand, sozialer Konfliktualität ist kann nicht erwartet werden, dass die Gegenseite nichts unternimmt. Offensichtlich reicht es schon davon zu sprechen und diese Ideen zu verbeiten um Angriffsziel zu werden. Das genau ist mit Konsequenzen gemeint, aber ein solidarisches Umfeld kann sie auf eine kollektive Ebene bringen, wo die Eigenverantworlichkeit zu einer Komplizenschaft wird mit jedem/r Beschuldigten.