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Von der Handlung zur Identität

Ein vertiefender Beitrag zur Debatte um Anonymität mit den »Feministischen Autonomen Zellen«

Als Verfasser*in des Textes „Wozu dann der Name?“ in Zündlumpen Nr. 048 möchte ich mich im Folgenden mit der Reaktion der Feministischen Autonomen Zellen „Wegen alledem“ auseinandersetzen sowie einige meiner ursprünglichen Argumente noch einmal vertiefen. Ich werde dabei Textstellen aus „Wegen alledem“ nur entsprechend durch meine Positionen kontextualisiert zitieren, weshalb ich die vorherige Lektüre dieses Textes, sowie ggf. meines ursprünglichen Disskussionsbeitrags empfehle. Und weil aufgrund der bisherigen Beiträge zu dieser Debatte zu befürchten steht, dass mein Beitrag als Diskussionsbeitrag dazu gedeutet werden könnte, wie sich die FAZ – derer ich kein Teil bin – „organisieren“ sollten, möchte ich ausnahmsweise einmal vorab klarstellen, was sowieso klar sein sollte: Wenn ich auch meine Gedanken und Überlegungen zu Anonymität und (informeller) Organisation versuche darzulegen, so können andere, die möglicherweise auch andere Ziele als ich verfolgen, zu anderen Schlussfolgerungen gelangen. Den Wert einer solchen Debatte sehe ich vor allem darin, dass sich in der Konfrontation mit anderen Positionen vor allem die eigenen Ansichten schärfen, überdenken und manchmal auch ganz über den Haufen werfen lassen.

Feministische Militanz?

Der Vorwurf musste ja kommen: „wieso wird eigentlich im ganzen Artikel kein Wort über unsere feministische Positionierung oder die (leider so rare) Verbindung von Feminismus und Militanz verloren?“ und weiter: „Dass Feminismus als das Grundthema unserer Texte und Organisierung im gesamten Zündlumpen-Text ignoriert wird, zeigt leider deutlich, was wir mit Unsichtbarmachung unserer Sache im linken militanten Diskurs meinen.“ Aber welchen „linken militanten Diskurs“ meint ihr? Ich betrachte mich weder als links, noch als militant in einem Sinne, in dem es mir wert wäre, einen eigenen Diskurs darum zu führen. Ich betrachte mich vielmehr als Anarchist*in, als aufständische*r Anarchist*in, wenn mensch so will. Meine Militanz, wenn mensch das wiederum so nennen will, ist antipolitisch, unorganisiert – bzw. informell organisiert –, individuell und auf die Zerstörung jeglicher Herrschaft gerichtet. Sie verfolgt kein Programm außer vielleicht dem der totalen Destruktiven Verneinung. Warum verliere ich in meinem ursprünglichen Artikel also „kein Wort über [eure] feministische Positionierung oder die […] Verbindung von Feminismus und Militanz“? Weil es darum schlicht nicht geht: Mein Artikel beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern ich es für sinnvoll halte, den eigenen Angriffen einen (wiederkehrenden) Namen zu geben, bzw. ausschweifende Communiqués  dazu zu verfassen. Was spielt es dabei für eine Rolle, dass ihr euch als feministisch bezeichnet?

Was für mich eine völlig andere Frage ist, scheint für euch aber auch jenseits eines bloßen Delegitimierungs-Arguments gegenüber meinem Text (wie sonst soll ich den Vorwurf der Unsichtbarmachung verstehen, wenn sich doch zugleich in meinem Text mit den FAZ und ihren Aktionen auseinandergesetzt wird) eine Rolle zu spielen. „Queere, arme ‚kranke‘, rassifizierte und FLINT* Menschen und alle, die von gesellschaftlichen Normen abweichen, sind ständig gezwungen, mehr oder minder öffentliche ‚Bekenntnisse‘, ‚outings‘ zu produzieren“, schreibt ihr, und später beklagt ihr noch die „leider seltenen ‚outings‘ anonymer Aktionsgruppen als FLINT* Gruppen“. Hier scheint die gute alte Identitätspolitik Einzug in euer Militanzkonzept zu halten und eure Militanz zur identitätsstiftenden Angelegenheit zu machen. Es erinnert mich an die Schriften der Roten Zora, in denen häufig von „Gegenmacht“ (Ein Konzept, das auch von den Revolutionären Zellen und anderen militanten Gruppen gebraucht wurde und wird) und „Frauenmacht“ (was ebenso wie das Konzept der „Gegenmacht“ zumindest in „Mili’s Tanz auf dem Eis“ später kritisch gesehen wird) die Rede war und immer wieder das Frausein essentialisiert und als für die Gruppe identitätsstiftend ins Spiel gebracht wird [1]. Dabei geht es mir nicht darum, zu kritisieren, wenn sich Personen nicht länger in Zusammenhängen „organisieren“ wollen, in denen sie marginalisiert werden und in denen sie den Eindruck haben, ihre eigenen Projekte nicht realisieren zu können – Im Gegenteil, ich bin ohnehin der Ansicht, dass eine Organisation zerstört werden sollte, sobald sie den Projektualitäten ihrer „Mitglieder“ im Wege steht. Es geht mir auch nicht darum, zu kritisieren, wenn sich Menschen gemeinsam mit Menschen innerhalb ihrer sozialisierten Identitäten „organisieren“, verschwören, verbünden wollen. Wenn diese Identitäten dann aber die eigenen Angriffe und Handlungen zu überdauern scheinen, wenn es weniger auf eine Handlung ankommt, als auf die Identität der*desjenigen, die*der diese tätigt und vielleicht zusätzlich noch suggeriert wird, mensch würde für alle Menschen, die diese Identität (zu) teilen (scheinen), sprechen, so scheint mir diese Konstellation mitnichten geeignet, irgendein Herrschaftsverhältnis radikal anzugreifen. Das gilt übrigens nicht nur für Identitäten wie „wir, queere Militante“, „wir, eine FLINT* Aktionsgruppe“ oder „wir, eine Frauenkampfgruppe“, sondern insbesondere auch für „wir, militante Linke“ oder „wir, Militante“, wie Lina Gaso in „Jenseits von Militanz: Revolutionäre Gewalt“ (In der Tat Nr. 2) argumentiert.

Was mich aber bei „outings“ als „FLINT-Gruppen“ und der Ermutigung, sich als solche zu „outen“, wie ich das im Text der FAZ wahrnehme, ganz besonders verstört ist die eigentliche Kontraproduktivität des Ganzen und das implizite Fortschreiben einer der weitverbreitetsten und dämlichsten Legenden über diejenigen, die sich entscheiden anzugreifen, nämlich dass dies (vor allem) nicht nur „Männer“ seien, sondern gar solche, die nicht „von gesellschaftlichen Normen abweichen“ würden. Ist es nicht die größtmögliche Abweichung von „gesellschaftlichen Normen“, die bestehende Gesellschaft, das Eigentum, das Patriarchat, den Staat oder wie mensch es auch nennen will, anzugreifen? Und sicher mag es diese und jene Zusammenhänge geben, aber es würde mich doch sehr verwundern und meinen eigenen Erfahrungen zentral widersprechen, wenn sich die gängigen gesellschaftlichen Klischees über diejenigen, die sich entscheiden anzugreifen, im Großen und Ganzen als wahr erweisen würden. Das heißt nicht, dass ich es nicht respektiere, wenn Individuen wie beispielsweise die Anarchistin und Nihilistin Kaneko Fumiko [2] so heftig um Anerkennung ihrer Gefährlichkeit kämpfen (wollen), dass sie bereit sind dafür hingerichtet zu werden. Aber für die Anerkennung der Gefährlichkeit nicht eines Individuums, sondern einer Identität scheint mir ein solches Unterfangen – mit Verlaub – recht bescheuert. Geht es denn darum, das in einer Gesellschaft präsente Bild einer Identität zu verändern (und was würden beispielsweise liberale Feminist*innen dazu sagen, wenn dieses Unterfangen erfolgreich wäre und FLINT* Personen fortan als „Terrorist*innen“ gelten würden) oder geht es nicht vielmehr darum, jede Vorstellung von Identität und die Gesellschaft selbst – zumindest so wie sie heute existiert – zu zerstören?

Die*der anonyme Angreifer*in widersetzt sich in dieser Hinsicht trotz der dämlichen gesellschaftlichen Projektionen – warum ihnen auch irgendeinen Wert beimessen? – jeglicher Identität. „Die anonyme Aktion hat keinen Besitzer, keinen Meister, gehört niemandem. Das heißt sie gehört allen denen, die sie teilen. Als Schatten unter Schatten sind wir alle gleich. Niemand ist vorne um zu führen, niemand ist hinten um zu folgen.“ [3] Niemand blendete den Zyklopen Polyphem und doch scheitert die List des Odysseus [4] an seiner Eitelkeit: Als er glaubt entkommen zu sein, gibt er sich Polyphem doch noch zu erkennen: „Ich, Odysseus war es, der euch blendete“. Und so kommt es, dass Polyphem seinem Vater Poseidon nun Odysseus Namen enthüllen kann, der diesen und seine Gefährt*innen auf eine zehnjährige Irrfahrt schickt, die außer Odysseus keine*r überlebt [5].

„Warum könnt ihr uns nicht ertragen?“, fragt ihr und ich gebe diese Frage zurück: Warum könnt ihr es nicht ertragen, euch in den Nebel der Anonymität zu kleiden? Das soll eine Pathologisierung „starke[r] Frauenfiguren“ sein? „In der Finsternis jedoch gibt es keine Namen, keine Identität, es gibt nur eine heterogene Bewegung, kochend wie Magma, fragmentarisch, wild. Niemand befiehlt, niemand gehorcht. Akte wie Worte haben Wert wegen ihrem Sinn, wegen ihrem Inhalt, wegen ihren Konsequenzen. Nicht wegen dem Ruf ihrer Autoren.“ [6]

Der große ganze Zusammenhang in einem Communiqué

„Für uns ist zentral, Aktionen zu wählen, die wir richtig, machbar und effektiv finden – denn Militanz bedeutet auch Verantwortung für sorgfältige Arbeit, gerade, weil es danach keinen Dialog geben kann. Dafür betreiben wir ausführliche Recherchen und wollen unser Wissen teilen – auch, wenn lange Hintergrundtexte sicher höherschwelliger sind und nicht von allen (zu Ende) gelesen werden. […] Die Vorstellung, (bestimmte) Aktionen und politische Gegner*innenschaften seien sowieso selbsterklärend, halten wir […] für eine Position Erfahrener und Älterer in der „Szene“, die hierarchiebildend wirkt: Wenn als selbstverständlich dargestellt wird, warum etwas auf eine bestimmte Weise getan, warum die*derjenige nicht gemocht wird, kann das nur noch schwer er- oder hinterfragt werden.“

Warum wähle ich den Angriff? Weil ich es leid bin, das „Richtige“ zu tun, weil ich es leid bin, „Verantwortung“ zu übernehmen, weil ich es leid bin, Rechenschaft für mein Handeln vor irgendjemandem (außer vielleicht mir selbst – aber einem Selbst frei von jeglicher Moral) abzulegen, weil ich es leid bin, „politisch“ zu handeln. Ich weiß, mensch kann diese Begriffe für sich selbst anders definieren und es ist mir weder daran gelegen, eure Definition dieser Begriffe pauschal mit der allgemein anerkannten Definition dieser gleichzusetzen, noch daran, an dieser Stelle eine weitere Nebendebatte dazu aufzumachen, und doch bin ich überzeugt, dass diese Begrifflichkeiten und die damit transportierten Konzepte den Ursprung unserer unterschiedlichen Vorstellungen bilden. Ist ein Angriff selbsterklärend? Muss er das in jedem Sinne, gerade im politischen, sein? Ja und Nein. Ja, ich halte jeden Angriff, der mit der Logik dieser Gesellschaft bricht für selbsterklärend und Nein, ich finde nicht, dass mensch politische Gegner*innenschaften nachvollziehbar finden muss, um einen Angriff zu verstehen. Abgesehen davon glaube ich, dass diese das in der Regel für die meisten Leute, die bereit sind, genau hinzusehen, sind. Wo immer Aufstände oder Riots ausbrechen, passiert in der Regel ungefähr das Gleiche: Bullen werden angegriffen und Barrikaden werden errichtet, Läden werden geplündert, Banken verwüstet, Regierungsgebäude angegriffen, Kameras gesmasht, wenn irgendwie möglich Telekommunikation unterbrochen, Medienhäuser gestürmt, Knäste zerstört und Gefangene befreit, usw., ferner werden manchmal Kirchen niedergebrannt, Armenviertel zerstört (damit es keinen Ort gibt, an den mensch zurückkehren kann), die Industrie lahmgelegt, das Energieversorgungsnetz zerstört, u.v.m. Kurz: Den Menschen ist recht klar, wer und was sie unterdrückt, das muss einer*einem kein Marx sagen, kein Engels, Lenin, Mao, Castro, Che Guevara, Nelson Mandela und auch kein*e Anarchist*in. Und auch als (vorrangige) Feminist*innen werdet ihr in dieser Aufzählung zentrale patriarchale Institutionen finden, die ihr den Menschen nicht besser benennen könntet. Dabei gehen die allermeisten Aufstände und Riots mitnichten von irgendwechen politischen Akteur*innen aus. Die meisten Aufstände sind vielmehr apolitisch, in sich unvereinnahmbar und ersterben in dem Moment, in dem sie neue Anführer*innen (Politiker*innen) hervorbringen, die im Namen der Menschen zu sprechen beanspruchen.

Was hat dies nun mit militanten „Aktionen“ bzw. apolitischen Angriffen zu tun? Ziele dieser Angriffe sind (in der Regel) ganz ähnliche Institutionen, wie diejenigen, die auch während Aufständen angegriffen werden. Wenn es nun aber gar keine politischen Akteur*innen sind, die Aufstände auslösen, woher kommt dann die Arroganz so vieler Militanter, ihre Angriffe für besonders außergewöhnlich und erklärungsbedürftig zu halten? Und umgekehrt gefragt: Wenn ihre Angriffe tatsächlich erklärungsbedürftig wären, weil auch während eines Aufstands niemand – und zwar diesmal im Sinne von keine*r – auf die Idee kommt, diese zu verüben, inwiefern macht es dann überhaupt Sinn diese zu erklären? Entweder handelt es sich bei diesen dann um Angriffe, die aus einer recht individuellen Motivation heraus stattfinden, oder aber die dem Angriff vorangehende Analyse, die versucht, diesen in einen sozialen Kontext einzubetten, ist gescheitert, weil sich mit dem Angriff herausstellt, dass es diesen sozialen Kontext nie gegeben hat.

Aber es stimmt ja auch gar nicht, dass nicht in hunderten und tausenden anarchistischen (und anderen militanten – wobei dort ja besonders häufig nur in Communiqués zu den Angriffen) Schriften, wie Zeitungen, Magazinen, Flyern, Plakaten, Büchern, Radiosendungen, ja manchmal sogar Filmen grundsätzlich erklärt werden würde, warum sich Individuen für den Angriff entscheiden, was die zugrundeliegende Analyse ist und sogar welche Strategien hinter diesen Angriffen stehen. Ferner gibt es eine Fülle von Anleitungen, wie bestimmte Angriffe durchgeführt werden können, Auflistungen von Akteur*innen, die irgendwer für angreifenswert hält (aber es oft nicht selbst tun will), und nicht zuletzt weltweite Berichterstattungen über stattgefundene Angriffe auf anarchistischen Blogs, in anarchistischen Zeitungen und sogar in „sozialen Medien“. Wie jämmerlich und erbärmlich ist da ein zwei/drei, höchstens einmal zehnseitiges Communiqué, das einen einzelnen Angriff in hübsche oder weniger hübsche Worte kleidet, ihn in einen Gesamtkontext stellen und nebenbei noch „ausführliche Recherchen“ und „Wissen teilen“ will, im Vergleich zu den hunderttausenden Seiten der Analyse, Recherche und Wissen dieser Publikationen, die sich nicht nur auf einen einzelnen Angriff beziehen, sondern auf alle, sowohl die publik gewordenen, als auch die stillen, sowohl die materiellen Angriffe, als auch die immateriellen Angriffe, die zum Beispiel Herrschaftsbeziehungen in den eigenen Denkmustern angreifen. Wie ineffizient ist es, ein seitenlanges Comuniqué zu jedem Angriff zu schreiben, im Vergleich zu einem allgemeinen Text mit einer Analyse, einer Anleitung oder einer Recherche, der über das äußerst kurzlebige Spektakel des Angriffs selbst seine Relevanz behält? Oder wer keine Lust hat, selbst etwas zu schreiben, die*der kann sich hier auch genausogut einen der tausenden existierenden Texte aneignen, mehrere zu einem neuen Text collagieren oder seine*ihre Ideen auf andere Art und Weise verbreiten. Und wo bleibt da der Angriff? Der spiegelt sich in all diesen Texten ebenso wider, unabhängig davon, wie gewandt eine*r ist, diesen mit klugen Worten zu bewerben.

Die Propaganda der Tat und die „patriarchale Vorstellung ‚alles was zählt, ist die Aktion'“

Die „Aktion“ ist für mich so ziemlich das Letzte was zählt, dafür jedoch die „Tat“ oder meinetwegen auch „Handlung“ umso mehr. Während eine „Aktion“ zumindest in dem Sinne, in dem dieser Begriff derzeit innerhalb einer „radikalen Linken“ gebraucht wird, für mich die absolut politisierteste, symbolischste und unalltäglichste Handlung überhaupt darstellt, kurz, eine von mir selbst und meinen Ideen entfremdete Vorstellung des Handelns, das mir dazu dient, in all der übrigen Zeit, in der ich gerade keine „Aktion“ durchführe oder wenigstens plane, die Verwirklichung meiner Ideen unter Mottos wie „es gibt kein richtiges Leben im Falschen“, oder „der Kapitalismus/das Patriarchat zwingt uns eben, bei der Verwirklichung unserer Ideen Kompromisse einzugehen“, oder „nach der Revolution …“ guten Gewissens beiseitezuschieben. Die „Tat“ oder „Handlung“ dagegen ist nicht politisch. Sie ist untrennbar mit meinen Emotionen, meinen Fehlern, meinem Scheitern und meinem Spaß verbunden. Sie entspringt dem individuellen Verlangen nicht (länger) auf eine Revolution zu warten, nur um dann vermutlich alle auf sie gesetzten Hoffnungen getrübt zu sehen, sondern hier und jetzt zur Tat zu schreiten und meine Ideen zu verwirklichen und alles, was mich in dieser Verwirklichung einschränkt auf kompromisslose Art und Weise anzugreifen.

Ob ich stehlen gehe um etwas zu essen zu haben oder um meine Miete zu zahlen, ob ich meiner Wut Luft mache, indem ich einen Bagger, einen Mobilfunkmast, einen Stromverteilerkasten, einen Amazon-Locker oder einfach nur das nächstgelegene (Bonzen-)Auto abfackle, ob ich meine*n Chef*in verprügle, weil ich das ewige herumkommandiert werden nicht mehr ertrage, ob ich eine*n Freund*in im Knast besuche, ob ich mich bei einer anderen Person dafür entschuldige, sie verletzt zu haben, ob ich eine*n Bull*in, die*der gerade eine andere Person kontrolliert zusammenschlage oder ob ich für ein (gem)einsames Abendessen koche. All das sind Taten, all diese Taten spiegeln meine Ideen wider, wenngleich das nicht bedeutet, dass dies kein widersprüchliches Leben wäre, in all diesen Taten kann ich scheitern, bei all diesen Taten werde ich mehr oder weniger Spaß empfinden und zu keiner dieser Taten werde ich irgendwelche Erklärungen abgeben.

Eine „Aktion“ dagegen, scheint erst durch die Abgabe einer Erklärung, warum mensch diese für richtig hält und warum mensch sich dafür entschieden hat, diese in die Tat umzusetzen zu einer solchen zu werden. Und weil es eben lächerlich ist, Erklärungen der Art „Heute habe ich Nudeln mit Tomatensoße gekocht, weil das in mir schlummernde revolutionäre Subjekt etwas zu essen brauchte und ich mich aber nicht getraut habe, einfach im Restaurant nebenan die Zeche zu prellen. Ich finde diese Aktion richtig, weil ich sonst früher oder später verhungern würde und wenn ich verhungere dient dies der Revolution nicht so sehr, wie wenn ich nun eben diese Aktion mache, um auch in Zukunft Aktionen mit mehr ‚revolutionärem Gehalt‘ machen zu können.“ abzugeben, muss sich der Begriff der „Aktion“ eben auf ganz bestimmte militante oder wenigstens scheinbar militante, bzw. massenhafte oder wenigestens scheinbar massenhafte bzw. spektakuläre oder wenigstens spektakulär inszenierte Formen des Handelns beschränken. Und so ist es kaum verwunderlich, dass der Begriff der „Aktion“ bloß Raum für immer waghalsigere, spektakulärere und vor allem erfolgreichere „Aktionen“ lassen kann, da jeder Versuch, diesen Begriff auszuweiten, um beispielsweise persönliche, individuelle und ja an sich häufig für das handelnde Individuum weitaus folgenreichere Taten, als so manch eine Spektakuläre, lächerlich erscheinen lassen muss. Zum Beispiel sei hier ein auf Barrikade.info veröffentlichtes Bekenntnis erwähnt, bei dem vier „Menschen mit Vulva“ claimen, öffentlich auf die „Dreirosenbrücke in Basel gepinkelt“ zu haben und (wie) zum Beweis, dass sie dieses Spektakel auch wirklich nicht erfunden haben, gar noch ein Bild mit vier deutlich erkennbaren Urinspuren veröffentlichten. „Wir wollen so für uns und unsere FLINT*-Geschwister einen Raum reclaimen, der durch eine Präsenz von cis-männlichen Menschen besetzt ist,“ [7] schreiben sie und geben damit ihre als Tat selbst keineswegs zu beanstandende oder überhaupt zu bewertende Handlung in Form einer „Aktion“ der Lächerlichkeit (weil sie sich besonders wichtig nimmt; weil sie nach Legitimation lechzt; weil sie die Individualität einer Handlung zugunsten irgendeines – nur scheinbar – allgemeinen Bewertungsmaßstabs aufgibt) preis (wobei das Ganze natürlich auch einfach als Witz verstanden werden könnte). Und das ist jetzt nur ein Beispiel. Ich hätte hier ebensogut ein Communiqué zu einem Bankraub anführen können, hatte aber gerade keines zur Hand.

Ob die Vorstellung einer „Aktion“ (bzw. dem ihr irgendwo inhärenten „alles was zählt ist die Aktion“) nun patriarchal ist oder nicht, das will ich nicht bewerten, auch wenn mensch sich bei dem Selbstbewusstsein, mit dem sich manchmal selbst zu den lächerlichsten und für viele nur allzu alltägliche bzw. individuelle und apolitische Handlungen mit großen Worten und der Bemühung einer Menge „Theorie“ bekannt wird, vielleicht schon fragen muss, inwiefern das auf eine in der Regel als „männliche Sozialisation“ referenzierte, patriarchale Verhaltensweise verweist. Aber ich denke auch hier ist ein Communiqué, das sich um wenige weitere Aspekte in der Vor- und Nachbereitung einer Aktion, sowie die Emotionen der Handelnden bemüht, nicht die einzig denkbare Form, sich solchen Themen zu widmen.

Eine Organisation auf „dauerhafter Basis“ oder eine kurzlebige, informelle Organisation, die „mit dem nächsten ‚Lebensabschnitt‘ ihrer Mitglieder [zerfällt]“?

Ist es erforderlich, „Reflexionen, Entwicklungen, Umdenken und Fehler“ über einzelne Aktionen hinaus sichtbar zu machen und wie kann das funktionieren? Die FAZ haben für sich die Antwort gefunden, eine auf lange Zeit angelegte Organisationsstruktur zu schaffen, deren Ziel es ist, militante „Aktionen“ langfristig zu ermöglichen. Das „bedeutet […] viel Arbeit unter hohen Sicherheitsstandards und Risiken“ und ist in der Vergangenheit dennoch häufig schief gegangen, etwa weil Observationen irgendwann doch einmal zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort stattgefunden haben, weil sich Fehler und Nachlässigkeiten eingeschlichen haben, usw. Aber das muss jede*r, der*die sich auf diese Art organisieren will für sich wissen. Was ich nicht so recht verstehe ist die Langlebigkeit und Statik einer solchen Organisation. Ich empfinde es als bedrückend mich für alle Ewigkeit (oder auch nur einige Jahre) einer Organisation zu verschreiben, auch wenn natürlich immer klar ist, dass ich diese „Mitgliedschaft“ theoretisch jederzeit aufkündigen kann und natürlich auch werde, wenn mir das Ganze nicht mehr taugt. Aber wenn dies so ist, warum dann überhaupt eine solche Organisation gründen und aufbauen, die darauf ausgelegt sein soll, Jahre und Jahrzehnte zu bestehen, ohne dass mit ihr ein konkretes Projekt verbunden ist? Und wenn dies nicht so wäre? Herrje, dann dürfte ich mich nicht mehr Anarchist*in nennen!

Aber was meine ich mit einem konkreten Projekt? Auf jeden Fall nicht „Militanz“ zum Selbstzweck. Um militante Angriffe zu verüben benötige ich ja keine Organisation per se. Alle mir bekannten Angriffe der FAZ – das muss ja aber nicht der Weißheit letzter Schluss sein – lassen sich zu zweit, zu dritt oder gar alleine bewerkstelligen. Das dafür notwendige „Wissen“, etwa wie mensch Spuren vermeidet oder wie mensch ein Fahrzeug in Brand setzt, findet sich in leicht beschaffbaren Publikationen, wie beispielsweise der PRISMA [8] und ähnlichen Anleitungsheftchen, sowie gelegentlich in periodischen Publikationen aufständischer Anarchist*innen und militanter Autonomer. Sicher, es gibt eine Menge unveröffentlichter Tricks für verschiedenste Dinge, aber wer Lust hat, findet auch beim experimentieren schnell heraus, wie mensch die Dinge noch ein wenig optimieren kann. Wer sich tiefer in die Materie einarbeiten möchte, findet auch zahlreiche Publikationen dazu, wie die Cops arbeiten [9], was meines Erachtens nach enorm dabei hilft, Spuren zu vermeiden, aber oft auch ein wenig paranoid machen kann. Jedenfalls erscheint mir eine Organisation, die ihre Mitglieder dazu befähigen soll, militante Angriffe durchzuführen, nicht besonders sinnvoll bzw. notwendig. Mit einem konkreten Projekt meine ich vielmehr, den Kampf gegen zum Beispiel den Bau eines Gefängnisses. Eine informelle Organisation dazu (einen Namen würde ich dieser trotzdem nicht geben) macht dann solange Sinn, bis entweder der Bau dieses Knasts gestoppt wurde oder mensch keine Perspektive mehr in diesem Projekt sieht. Hinsichtlich einer solchen Projektualität kann es meiner Meinung nach Sinn machen, Erfahrungen, (eigene) Entwicklungen, usw. zu teilen [10]. Aber welchen Sinn soll es machen, die Erfahrungen eines Kampfes gegen den Bau eines Gefängnises gemeinsam mit denen eines Kampfes gegen eine Gaspipeline oder einer Stromtrasse, etc. zu dokumentieren? Nach außen scheint mir das keinen Sinn zu ergeben und nach innen – so denn die Beteiligten an den Kämpfen tatsächlich die Gleichen sind –, erfordert dies ja auch keine feste Organisation.

Ähnlich verhält es sich meiner Meinung nach mit dem Austausch zu bestimmten militanten Techniken und Taktiken. Wer hier Erfahrungen weitergeben will kann dies ja tun und wer das öffentlich tun will, ist vielleicht ohnehin besser beraten eine Art zweite PRISMA herauszugeben.

Ich jedenfalls finde den Zerfall von Organisationen, wenn ihr Zweck überholt oder erfüllt ist, oder die einzelnen „Mitglieder“ einfach nicht mehr die gleichen Ideen teilen, einen fruchtbaren Prozess, in dem lähmende Strukturen und festgefahrene Muster, die oft mit der Zeit entstehen immer wieder aufgebrochen werden. Eine andere Form der Organisation kann zumindest ich mir sicher nicht vorstellen.

Anmerkungen

[1] Um nur ein Beispiel zu geben: „Erst in der Trennungsphase begriffen wir, daß nicht nur ‚unsere‘ patriarchal denkenden und handelnden Männer in ihrer Unfähigkeit und Borniertheit eine fruchtbare Zusammenarbeit verhinderten, sondern daß autonome FrauenLesbenorganisierung für uns hier und heute – auch im militanten Kampf – eine grundsätzliche politische Notwendigkeit ist. Gemeinsame Organisierung mit Männern bindet nicht nur unsere Energien in der ständigen Auseinandersetzung um die Behauptung von FrauenLesbenpositionen, sondern sie bindet uns auch in von Männern gesetzte Diskussionsprozesse ein, bringt uns immer wieder auf das Gleis der Orientierung an männlichen Normen, die wir selbst oft tief verinnerlicht haben. Sie blockiert uns damit in unserem Denken und unserer Entwicklung und steht der Herausbildung einer revolutionär-feministischen Perspektive ständig im Wege.“ Aus Mili’s Tanz auf dem Eis.

[2] Weil die Gerichte ihre Beteiligung an einer Verschwörung zur Ermordung des japanischen Kaisers nicht ernst nahmen (und zum Teil wohl auch ihre männlichen Gefährt*innen nicht), drohte Kaneko Fumiko vor Gericht (1925/1926) damit, dass sie den Kaiser ermorden würde, wenn das Gericht sie freilassen würde. Siehe auch „Because I Wanted To. Kaneko Fumiko on nihilism and why she wanted to kill the Emperor of Japan“ und Kaneko Fumiko. „The prison memoirs of a Japanese woman„.

[3] Aus „Namenlos. Beiträge zu einer anarchistischen Diskussion über Anonymität und Angriff„, erschienen bei Edition Irreversibel, S. 21. Kursivierungen von mir ergänzt.

[4] Als der „Kriegsheld“ Odysseus auf seinem Heimweg auf einer Insel landet und dort mit seinen Gefährten von einem Zyklopen gefangen gehalten wird, stellt er sich mit „Niemand“ vor. Nachdem Odysseus später den Zyklopen Polyphem geblendet hat, um ihm zu entkommen und dieser bei seinen Zyklopenfreund*innen um Hilfe bittet, erweist sich dieses Wortspiel als hilfreich, da die Zyklopen Polyphem nicht zu Hilfe eilen, als er ihnen auf die Frage, wer ihn geblendet habe, antwortet: Niemand.

[5] Diese mythologische Analogie ist ebenfalls der Broschüre Namenlos entlehnt.

[6] Namenlos, S. 22 f.

[7] Vgl. https://barrikade.info/article/3468

[8] Zu finden beispielsweise auf der Webseite https://militanz.noblogs.org (Ich empfehle, auf diese Seite nur mit TOR zuzugreifen!)

[9] Konkret würde ich für den Einstieg „Maßnahmen gegen Observation“ und die Bullenpublikation „Kriminaltechnik Expertise“ empfehlen (ACHTUNG: Links verweisen beide auf militanz.noblogs.org. Ich empfehle die Verwendung von TOR).

[10] Ein Beispiel für soetwas ist die Broschüre bzw. das Buch Stein für Stein, die den Kampf gegen den Bau eines Gefängnisses in Belgien dokumentiert und reflektiert.

[FAZ] Wegen alledem

Reaktion auf Artikel im Zündlumpen

Spiegelung der deutschen Fassung des Artikels, Ursprünglich veröffentlicht auf barrikade.info. Eine englische Fassung findet sich dort ebenfalls.

Wir möchten uns im Folgenden mit dem Artikel ’Wozu dann der Name?’ auseinandersetzen, der am 15.1.2020 im anarchistischen Wochenblatt ’Zündlumpen’ veröffentlicht wurde. Wir freuen uns über die ausführliche Auseinandersetzung mit den Texten der Feministischen Autonomen Zellen (FAZ), die prinzipiell positive Wahrnehmung der von den FAZ ausgeführten Aktionsformen und die Veröffentlichung von Gedanken dazu, die es uns ermöglicht, uns damit auseinanderzusetzen und darauf zu reagieren.

Wir entnehmen dem Artikel folgende Hauptstränge:
(1) Kritik an der (ausführlichen) öffentlichen Begründung von Aktionen der FAZ,
(2) Kritik an der Sammlung von Aktionen unter einem Gruppennamen, dem
(3) daraus resultierenden Entstehen von (vermeintlichem) Expert*innenstatus und Bindung von Aufmerksamkeit auf benannte Gruppen und der folgenden
(4) Unsichtbarmachung von Aktionen ohne Gruppennamen.

Anhand ausgewählter Textstellen aus dem Zündlumpen-Artikel möchten wir der Kritik in den Worten der*s Autor*in Platz geben und formulieren anschließend ein paar Gedanken dazu. Der komplette Artikel ist zu finden unter zuendlumpen.noblogs.org/post/2020/01/15/wozu-dann-der-name/, Zündlumpen Ausgabe Nr. 048. Für den englischen Text (s.u.) waren wir so frei, die ausgewählten Textausschnitte möglichst originalgetreu in Wortwahl und Ton zu übersetzen.

(1) „Interessierte [können auf indymedia] ein Bekenntnis einer »Feministischen Autonomen Zelle« (…) nachlesen, dass sich dieser Brandanschlag [Dezember 2019 gegen ein Bosch-Auto in Hamburg, barrikade.info/article/2957] (…) gegen Bosch als Entwickler von Sicherheits- und Überwachungstechnik richtete und zum Glück erlaubt es dieses Bekenntnis (…), Kritik an diesem Angriff zu üben (…) und außerdem fest[zu]stellen, dass unter dem Namen »Feministische Autonome Zelle« (…) noch ganz andere Aktionen stattgefunden haben (…) Spricht ein solcher Angriff nicht für sich? Und wenn nicht: Warum nicht? Zugegeben, ich könnte mir Situationen vorstellen, in denen ich das Bedürfnis haben könnte, einen Angriff kurz zu erläutern. Ein Hinweis auf das Betätigungsfeld eines Unternehmens, die Erkenntnis, dass die*der Besitzer*in eines Autos Politiker*in ist, die Information, dass ein Auto ein Zivilfahrzeug der Polizei ist, usw. Aber spätestens dann, wenn ich das Gefühl hätte, dass ich ein ganzes Manifest verfassen müsste, um meinen Angriff zu erklären, würde sich mir die Frage stellen, inwiefern mein Angriff als Vorschlag dienen kann, die Herrschaft anzugreifen. Vielleicht soll er das ja gar nicht. Wenn ich häufig die seitenlangen Erklärungen lese, die Personen anlässlich eines Angriffes abgeben, gewinne ich nicht selten den Eindruck, dass diese Angriffe nur Vorwand sind, um sich und den eigenen Ideen Gehör zu verschaffen. Eine Strategie, um Aufmerksamkeit zu erregen, sei es innerhalb einer »Szene« oder auch darüber hinaus. Eine Strategie, die leider viel zu häufig aufgeht.“

(Lange) Bekenner*innenschreiben sind für uns keine Rechtfertigung oder Versuche, unserer Sache abgeneigte Leute für unser Handeln zu erwärmen. Aber: Für uns ist zentral, Aktionen zu wählen, die wir richtig, machbar und effektiv finden – denn Militanz bedeutet auch Verantwortung für sorgfältige Arbeit, gerade, weil es danach keinen Dialog geben kann. Dafür betreiben wir ausführliche Recherchen und wollen unser Wissen teilen – auch, wenn lange Hintergrundtexte sicher höherschwelliger sind und nicht von allen (zu Ende) gelesen werden. Genau so, wie wir Recherchen Anderer nutzen, können dann Weitere von unsrer Arbeit profitieren. Dass das funktioniert, zeigen etwa die Verweise auf die Recherche der FAZ in Bekenner*innenschreiben zu auf unsere folgende Aktionen gegen Bosch. Die Vorstellung, (bestimmte) Aktionen und politische Gegner*innenschaften seien sowieso selbsterklärend, halten wir zudem für eine Position Erfahrener und Älterer in der „Szene“, die hierarchiebildend wirkt: Wenn als selbstverständlich dargestellt wird, warum etwas auf eine bestimmte Weise getan, warum die*derjenige nicht gemocht wird, kann das nur noch schwer er- oder hinterfragt werden. Niedrigschwellig handeln heißt daher für uns auch, uns nochmal neu darauf zu befragen, was und warum wir Dinge tun, und das sichtbar bzw. lesbar zu machen. Zum Vorwurf, „Angriffe [seien] nur Vorwand (…), um sich und den eigenen Ideen Gehör zu verschaffen“: Nein, denn direkte Aktionen gegen Herrschaft und Unterdrückung sind und bleiben für uns Selbstzweck. Und: Ja, denn natürlich wollen wir mit unseren Aktionen Effekte erzielen – durch die Verbreitung feministischer Ideen, möglichst große Sachschäden, Konsequenzen für unsere Anschlagsziele, z.B. auch durch mediale Aufmerksamkeit, wie etwa die breite öffentliche Kritik an der reaktionären christlichen Politik der ’Tübinger Offensive Stadtmission’ im Anschluss an die FAZ-Aktion um Weihnachten, 2019 https://de.indymedia.org/node/56865), die sogar kirchliche Institutionen teilten.
Queere, arme, „kranke“, rassifizierte und FLINT* Menschen und alle, die von gesellschaftlichen Normen abweichen, sind ständig gezwungen, mehr oder minder öffentliche „Bekenntnisse“, „outings“ zu produzieren. Als Medium für selbstbestimmte Statements über unsere politischen Standpunkte, unsere Handlungen, wird es für uns ein emanzipatorisches Tool. Das umzudrehen und uns deshalb ein „persönliches Geltungsbedürfnis“ (Zitat 2) zu attestieren, steht für uns in einer Tradition der (oh, so projektiven) Pathologisierung von starken Frauenfiguren, insbesondere Frauen of Color, Queers & Feminist*innen. Warum könnt ihr uns nicht ertragen? Und wieso wird eigentlich im ganzen Artikel kein Wort über unsere feministische Positionierung oder die (leider so rare) Verbindung von Feminismus und Militanz verloren? Feministische Wehrhaftigkeit und insbesondere feministische Militanz werden immer und immer wieder unsichtbar gemacht und weggeredet. Entweder werden konfrontativen Aktionen feministische Inhalte abgesprochen oder feministische Kämpfe unterliegen dem Dogma der ’Gewaltfreiheit’. Daher finden wir wichtig, dieser Verbindung Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Dass Feminismus als das Grundthema unserer Texte und Organisierung im gesamten Zündlumpen-Text ignoriert wird, zeigt leider deutlich, was wir mit Unsichtbarmachung unserer Sache im linken militanten Diskurs meinen.

(2) „Während ich in einer Erklärung durchaus den Versuch sehen kann, die Hintergründe eines Angriffs zu erklären, scheint mir die Etablierung eines Namens viel eher Ausdruck eines persönlichen Geltungsbedürfnisses oder, wie es eine »Feministische Autonome Zelle« ausdrückte, der insgeheime Wunsh [sic] nach »Status« zu sein. Ich verstehe nicht, warum ein wiederkehrender Name »Kritisierbarkeit« schaffen sollte. Immerhin kann ich einen Angriff ja auch ohne ein solches Namensbekenntnis kritisieren. Egal ob ich meine Kritik mit »Unbekannte haben ein Auto abgefackelt« oder mit »Eine Feministische Autonome Zelle hat ein Auto abgefackelt« einleite, so kann sie doch in beiden Fällen mit »Deshalb halte ich diesen Angriff für fehlgeleitet« enden. Das gleiche gilt übrigens für eine positive Rezeption eines Angriffs. (…) [E]s erscheint mir nicht besonders sinnvoll, meine Meinung zu einer Handlung an einer Identität, an einer Reihe von Handlungen aus der Vergangenheit, die ein Profil einer Person oder gar einer Personengruppe schaffen, festzumachen. Wozu dieser militante »Lebenslauf« mit all seinen Referenzen?“

Im von der*m Autor*in zitierten FAZ-Gründungstext wurden einige Erfahrungen mit verschiedenen Organisierungsformen reflektiert, die mit zur Gründung der Zellen-Struktur geführt haben. Konkret hierzu ist unsere Erfahrung mit Aktionen ohne Gruppennamen – abgesehen von leider seltenen „outings“ anonymer Aktionsgruppen als FLINT* Gruppen – ein Schweigen nach außen über Organisierungsformen, Reflexionen und „Problemberichte“ – das sich unserer Ansicht nach über die Notwendigkeiten von Sicherheitskultur hinaus zu einer Art Tabu in der autonomen Szene verselbstständigt hat. Somit gab und gibt es aber auch kaum Erfahrungen, auf die andere und künftige Menschen sich beziehen und von denen sie lernen (oder sich abgrenzen) könnten. Und gleichzeitig wird auch innerhalb einzelner Strukturen meist geschwiegen über Zukunftspläne, größere Sorgen übers Leben und Älterwerden mit militantem Aktivismus. Wenn Gruppen es schaffen, nach außen anonym und ohne Namen zu handeln, aber intern nachhaltige Strukturen aufzubauen, diese stetig zu reflektieren und ihre Erfahrungen zu teilen, dann finden wir das bemerkenswert und toll. Für uns hat aber erst die Arbeit als FAZ ein committment zu langfristiger gemeinsamer Aktion und gegenseitiger Verantwortung – emotional, in Sachen Vertrauensbildung, Antirepression, gemeinsamer Professionalisierung… – bedeutet – und diese Belangen teilweise auch schon verwirklicht. Die Wahl eines öffentlichen Namens soll aber nicht nur Zwecke für uns erfüllen, sondern soll auch Bezugspunkt für Weitere sein und mehr kontinuierliche Gedanken und Diskussionen in der „Szene“ um uns herum anregen. Wann wurden schon mal (solidarisch und abseits der „Militanzdebatte“) einzelne anonyme no-name-Aktion öffentlich bzw. in der „Szene“ diskutiert? Und das auf dauerhafter Basis? Und wurde von den Angesprochenen darauf reagiert? Wir empfinden das als unwahrscheinlich und rar – auch, weil autonome Kleingruppen sich eben meist Event-bezogen oder kürzerfristig bilden, und oft nach einzelnen Aktionen oder spätestens mit dem nächsten „Lebensabschnitt“ ihrer Mitglieder zerfallen.
Was ist gemeint mit Kritisierbarkeit durch einen dauerhaften Namen? Als FAZ können wir unsere Reflexionen, Entwicklungen, Umdenken und Fehler über einzelne Aktionen hinaus sichtbar machen – was durch voneinander unabhängige, anonyme Einzeltexte eben nicht in dieser Weise möglich wäre. Und wir können so auch den größten Teil der Arbeit hinter Aktionen, der sonst verborgen bleibt, über einzelne Events hinaus thematisieren und sichtbar(er) machen – und z.B. aktionsunabhängigen Reflexionstexten (z.B. emrawijhwegozfze.onion/?FAZ-Auf-das-Feuer-hinter-den-Zellen-504) und Texten über nicht komplett erfolgreiche Aktionen wie die gegen Vonovia 2019 in Berlin ( emrawijhwegozfze.onion/?FAZ-Flammende-Solidaritat-mit-der-Liebig34-527) mehr Aufmerksamkeit ermöglichen, entgegen der patriarchalen Vorstellung „alles was zählt, ist die Aktion“. Denn: Es zählen auch die internen Prozesse, Emotionen, Umgänge mit Repression, Fehler und Scheitern, Spaß und all die Zwischenschritte, die halt auch verdammt viel Arbeit sind. Schon der Name FAZ positioniert uns feministisch und weist auf die Verbindung von Feminismus und klandestiner Organisierung hin, soll zum Diskutieren und Mitmachen bei explizit feministischen Militanzen anregen. Zudem erlaubt der immer wieder auftauchende Name Lesenden eine Einordnung von Aktionen in eben den theoretischen Rahmen, den die FAZ mit ihren ersten Texten gesetzt haben, sowie dessen Erweiterung und Kritik. Dass Aktionen oder Konzepte unter dem Namen der FAZ nicht nur theoretisch kritisierbar sind, sondern das auch getan wird und hilfreich sein kann, beweist ja der Zündlumpen-Artikel selbst.

(3) „[Solche Dynamiken, dass] ich einem Namen, unter dem bereits viele Angriffe begangen wurden, einen Expert*innenstatus einräume, (…) sind (…) absehbar und – ich behaupte – von denjenigen, die sich einen wiederkehrenden Namen geben, in der Regel gewollt. Wer Angriffe als Handlungsvorschläge versteht – und davon gehe ich aus, wenn von Reproduzierbarkeit und Einfachheit, sowie einem DIY-Charakter die Rede ist –, die*der sollte vielleicht auch darauf achten, dass das eigene Auftreten diesen nicht im Wege steht. (…) [Es geht] (scheinbar) gar nicht darum (…), Angriffe im Allgemeinen, wie sie täglich stattfinden, sichtbar zu machen, sondern eher darum, die eigenen Angriffe in große Worte zu kleiden.(…) [F)ür mich fallen darunter nicht nur die – oft betrunkenen – Bekenntnisse, um anderen zu imponieren oder sie zu beeindrucken, sondern auch die vergleichsweise nüchternen Bekenntnisse unter einem wiederkehrenden Namen. Auch diese Bekenntnisse führen zu einer Idolisierung einer bestimmten Gruppe oder auch nur eines Namens.“

Bestimmt haben Entscheidungen für und gegen Organisierungsformen solche und solche Folgen: Sie ermöglichen Dinge, die wir uns erhoffen, haben aber auch nicht abgesehene oder unerwünschte Nebenwirkungen. Gleichzeitig wünschen wir uns, dass die Unterstellung einer absichtlicher Herstellung von Hierarchie mal nicht (nur) feministisch-herrschaftskritischen Strukturen vorgeworfen würden, sondern auch und vor allem eben solchen Polit-Strukturen, in denen Mackertum und Angeberei ganz offen und unhinterfragt bestehen, akzeptiert oder sogar stolz vor sich hergetragen werden. Die hier vorgetragene Argumentationsweise erleben wir oft als Doppelmoral, mit der z.B. queere_feministische Akteur*innen delegitimiert werden. Auf welcher Ebene oder von wo herab wird hier theoretisch kritisiert und wessen Anerkennung sollen wir da erstreben?
In gesellschaftlichen Verhältnissen, in denen uns Gehorsam vor Autoritäten, Individualismus, Wissenshierarchien und Informationshoheiten als normal und richtig dargestellt werden, läuft emanzipatorischen Projekten alles zuwider. Aber wir probieren es – explizit nicht mit dem Anspruch, „Expert*innenstatus“ innezuhaben, sondern weil wir es ganz notwendig finden, mit dem, was wir eben zum aktuellen Zeitpunkt können und wissen – anzufangen. Wenn wir Dinge herausfinden und lernen, die Anderen helfen können, dann geben wir sie gerne weiter. Wenn wir etwa einzelne Aktionsformen genau beschreiben, dient das dazu, sie niedrigschwelliger zu machen; und bewusst wurden von Zellen auch immer wieder Aktionen mit geringerem Aktionslevel ausgewählt, z.B. die Angriffe auf Amazon Locker mit Farbe und Werkzeug in Freiburg und Berlin 2019 (barrikade.info/article/2517 und emrawijhwegozfze.onion/?FAZ-Auch-Amazon-ist-kein-guter-Nachbar-Amazon-Locker-angegriffen-528).
Unsere Organisierungsform bedeutet für uns viel Arbeit unter hohen Sicherheitsstandards und Risiken und läuft stets anonym. Status, der FAZ-Aktionen vielleicht oder vielleicht auch nicht zugeschrieben wird, werden wir also ohnehin nie persönlich „genießen“ – aller Fame gilt feministischen Ideen und Strategien, aller Aufwand der nachhaltigen Organisation militanten Widerstands gegen die autoritäre, patriarchale Gesellschaft.

(4) „[Beeindruckte Reaktionen auf FAZ-Aktionen scheinen mir] beinahe unvermeidbar, während gleichartige Angriffe, vielleicht sogar kreativere, inhaltlich ausgefeiltere, elegantere und vor allem reproduzierbarere zugleich meist ungehört verhallen.“ (…) „Dadurch, dass sich zu diesem Angriff [auf einen Amazon-Locker mit Farbe in Berlin] als »FAZ« bekannt wurde, erfuhr dieser, so behaupte ich, insgesamt mehr Aufmerksamkeit als viele andere, in dieser Zeit ebenfalls stattfindenden Angriffe ähnlichen Inhalts (…). Indem (…) der eine Angriff unter einen wiederkehrenden Namen gestellt wird, der ihn mit weiteren Angriffen und zum Teil auch einer theoretischen Einbettung bündelt, scheint er mir verhältnismäßig stärker wahrgenommen zu werden. Das liegt meines Erachtens nach daran, dass auch ein Name, unter dem sich zu Angriffen bekannt wird, idolisiert wird. Freilich ist das zumindest auch die Schuld derer, die einem Namen eine solche Autorität zugestehen, aber da ich in einem solchen Namen kaum einen anderen Sinn sehe, denke ich, dass auch diejenigen, die ihre Angriffe mit einem Namen signieren, ihren Teil dazu beitragen.“

Die Hierarchisierung von FAZ-Aktionen gegenüber Aktionen ohne Namen empfinden wir als einen wichtigen Kritikpunkt. Wir stehen zur Diversität von (Organisierungs-)Taktiken und solidarisch mit allen feministisch-herrschaftskritischen Aktionen, auch und gerade, wenn sie anonym verübt werden, und wünschen uns für all diese Aufmerksamkeit und Credit, in der Szene und darüber hinaus. Und uns ist klar (geworden), dass die Arbeit mit Gruppennamen das eher ermöglicht. Das kann für uns aber kein Argument sein, unsere Aktionen (auch) verhallen zu lassen, zumal auf unsere spezielle Position verschiedene Unsichtbarmachungen wirken: etwa als linke gegenüber mainstream-Themen, militante gegenüber bürgerlichen Protestformen, feministische Auseinandersetzungen gegenüber Mackerei und männlich dominierten linken Themen. Wir denken, dass es unermessliche Kräfte mobilisiert, Bezugspunkte zu setzen, an deren Existenz Andere sich freuen, die sie nachmachen, auf die sie sich – jetzt oder in der Zukunft – beziehen können. Wie das Problem der Hierarchisierung lösen, darauf haben wir keine abschließende Antwort – und an solche glauben wir eh nicht. Als einen Versuch, Aufmerksamkeit auf Aktionen besser zu teilen, schließen wir an diesen Text eine Chronik verschiedener feministischer militanter Aktionen der letzten Zeit an.

Abschließend bedanken wir uns bei der*m Autor*in und dem Zündlumpen für die kritische Auseinandersetzung mit FAZ-Themen und deren Veröffentlichung, die uns Anstoß für viele Gedanken und Gespräche gegeben hat. Mit diesem Text hoffen wir, eine verständliche und hilfreiche Sammlung einiger Gedanken dazu bieten zu können, und freuen uns auf künftigen solidarischen Austausch. Gruß und Kuss,

eine Feministische Autonome Zelle

Chronik: Gegen die Unsichtbarkeit – für feministische Militanzen!

Wir haben ein bisschen recherchiert auf chronik, zündlumpen, barrikade, indy und so weiter und einige feministische Aktionen zusammengetragen. Lasst euch inspirieren!

17.12.18 Hamburg, Steine und Farbe gegen die glänzende Fassade eines Neubaus, Soligrüße an die Liebig34
01.02.19 Berlin, Farbe und Glasbruch bei Brasilianischer Botschaft in Solidarität mit dem feministischen, queeren und antifaschistischen Widerstand in Brasilien
01.02.19 Berlin, Farbe gegen İşbank zur Verteidigung der feministischen Revolution in Rojava
11.02.19 Berlin, Zalando Zentrale angegriffen: „Jeder Tag ist queer-feministischer Kampftag!“
07.03.19 München, feministische Graffiti von „Fantifa“ bis „Krieg dem Patriarchat“ in der Nacht vor dem 08. März aufgetaucht
08.03.19 Berlin, Dr. House Fahrzeug angezündet: „Für den polymorphen Angriff auf die patriarchalen Zustände!“ (Liebig34 Soli)
11.03.19 Schmidhausen, Farbe gegen Haus und Auto von antifeministischer AfD-Politikerin Carola Wolle
14.03.19 Frankfurt (aM), als Beitrag zur feministischen Offensive Burschenschaft Arminia mit Farbe angegriffen
18.03.19 Frankfurt (aM), als Beitrag zu der ausgerufenen Feministischen Offensive Katholische Deutsche Studentenverbindung Badenia Straßburg mit Farbe angegriffen
24.03.19 Hannover, im Nachklang des 8. März Buschenschaft „Akademische Landsmannschaft Niedersachsen“ und „Pennälerverbindung Honovere“ mit Farbe angegriffen
06.05.19 Berlin, feministsicher Zusammenhang markiert Fassade von antifeministischen Vereinen und Einzelpersonen
23.04.19 Berlin, wütende Queers zerstören Fassade eines Hauses (Liebig34 Soli)
20.06.19 Berlin, Apostolische Nuntiatur (Deutschlandsitz des Papstes) wird mit Farbe angegriffen
24.06.19 Rheinland, Feministische Baggerbesetzung im Tagebau Hambach
25.06.19 Leipzig, Straßenbaumaschine von Knastbauer Eurovia-Vinci brennt in Leipzig, grüße gehen an die gefangenen Anarchistinnen Anna und Sylvia im Hungerstreik
20.07.19 Berlin, ASW Bürogebäude von FLINT-Aktionsgruppe angegriffen
24.07.19 Berlin, FLTI* Gruppe gegen Verdrängungsakteur Dr. House
25.07.19 Wuppertal, in Solidarität mit Liebig34 Vonovia Transporter angezündet
29.07.19 Berlin, FLINT*-only Gruppe greift ASW zum 3. Mal in kurzer Zeit an
06.08.19 Freiburg, Amazon Locker von einer FAZ zerstört
13.09.19 Berlin, drei Autos der Deutsche Wohnen angezündet – antimilitaristisch, feministisch, antifaschistisch und unverhohlen gegen die Stadt der Reichen
30.09.19 Freiburg, Vonovia Auto angegriffen in Solidarität mit der gefangenen Primbo
01.10.19 Berlin, autonome FLINT*-Gruppe: Farbattacke auf das Amtsgericht Lichtenberg
06.10.19 Berlin, „Einbruch bei Pro Femina e.V. – Für den Feminismus!“
23.10.19 Berlin, Angriffe auf Anwaltsbüro und Immobilienfirma wegen Verdrängung
29.10.19 Berlin, Farbe und Glasbruch auf Baustelle eines Luxusquartiers
02.11.19 Berlin, Randale auf Liebig34 Demo und Angriff auf Bußgeldstelle der Polizei
11.11.19 Berlin, zwei Geldautomaten auf Eigentum von Padovicz flambiert (Liebig34 Soli)
13.11.19 Berlin, Glasbruch und SUV mit Buttersäure zerstört in Aktion gegen Familie Tragsdort, mitverantwortlich für den Liebig34-Verdrängungsversuch
15.11.19 Geisenheim, am Bürogebäude der Rüstungsfirma Ferrostaal Feuer gelegt durch das Kommando Hêlîn Qereçox/Anna Campbell
15.11.19 Berlin, Liebig34-Prozess ein Desaster „Nippel, Blut und Bomben/liebig34 unstoppable“
01.12.19 Hamburg, Bosch Auto von einer FAZ abgefackelt
14.12.19 Berlin, eine FAZ greift in Solidarität mit der Liebig34 ein Vonovia Auto an
08.12.19 Berlin, SPD-Parteizentrale mit Farbe angegriffen, Soli nach Rojava und an die Liebig34
13.12.19 Frankfurt (aM), anlässlich des Prozesses gegen die Liebig34 mit Hammerschlägen und Stinkeflüssigkeit Gewerkschaft der Polizei einen Besuch abgestattet
16.12.19 Berlin, wieder ein Amazon Locker von einer FAZ angegriffen
19.12.19 Berlin, Glasbruch bei der Immobilienagentur Next Estate GmbH in Solidarität mit der Liebig und anderen bedrohten Projekten
20.12.19 Berlin, FLINT only und gemischten Bezugsgruppen greifen in Aktion gegen Verdrängung drei SPD-Büros an
27.12.19 Tübingen, Evangelikale antifeministische TOS von einer FAZ angegriffen
31.12.19 Berlin, Dem Lokalcholeriker den SUV genommen – Antifeminst Gunnar Schupelius muss laufen.
31.12.19 Berlin, Silvester zum Frauen*knast! „Das Patriarchat soll sich an uns die Zähne ausbeißen“
09.01.20 Berlin, Farbanschlag gegen die St. Elisabeth-Kriche für ihre Propaganda zum „Marsch fürs Leben“
26.01.20 Berlin, Fassade des Bezirksamtes Friedrichshain-Kreuzberg in Solidarität mit der Liebig34 beschädigt
28.01.20 Hamburg, Telekom Karre in Hamburg, in Solidarität mit der Liebig34, in die Knäste und an jene in der Klandestinität
28.01.20 Berlin, Soli-Aktion für die Liebig34, einige flauschige Unicorns nutzen Farbe gegen GreyStay Apartments: „Lasst uns mit glitzernden Pflastersteinen ihr Patriarchat einreißen!“
30.01.20: Karre von Padovicz Anwalt (Liebig34-Verdränger) Ferdinand Wrobel geschrottet
30.01.20 In den Morgenstunden vor Räumungsprozess gegen die Liebig34 Glasbruch bei zwei Büros
31.01.20 Berlin, 3 Thyssenkrupp Autos angezündet in Solidarität mit Rojava, den Festgenommenen bei der linksunten-Demo und der Liebig34
02.03.20 Frankfurt (aM), Auto von Pick-Up-Arschloch Marko Mitrovic zertrümmert
08.03.20 Lüneburg, Farbbeutelwürfe bei feministischer FLINT* Sponti
08.03.20 Nürnberg, inspiriert von kämpferischer 08. März Demo mehrere Vonovia-Transporter beschädigt
08.03.20 Frankfurt (aM), Aufruf und erste Aktion: Sexisten beklauen – Sachen mit sexistischem Inhalt klauen
19.03.20 Berlin, Fahrzeug von Bosch in der Ostseestraße angezündet und in der folgenden Nacht ein Fahrzeug von Dr. House Solutions (gehört zum Firmengeflecht Padovicz)
27.03.20 Hannover, Scheiben bei Verdrängungsunternehmen Delta Fonds eingeschlagen

Thesen zum Scheitern der Linken im allgemeinen

Es fällt den fraglichen, radikaleren Linken schwer, sich einzugestehen, bei welchen verheerenden Massnahmen sie gerade als – mindestens – propagandistischer Flügel mitgewirkt haben. So ist es klar, dass all jene, welche diese Massnahmen kritisiert haben, mit irgend einem Label angeschmiert werden müssen, welches sie in eine rechte Ecke stellt. Und wieso nicht Sozialdarwinismus?

Die Konkret hat meinen Artikel „Tod den Statistikern“ in ZL Nummer 64 als „sozialdarwinistisch“ und „links“ eingestuft (1). Beides Etiketten von Ideologien und Bewegungen welche ich ablehne. Ich will hier dabei auf den Artikel antworten, welcher auf Englisch gratis im Netz verfügbar ist. Ich beziehe mich dabei auf die englische Version, da mir das Bezahlen eines Artikels zu blöd und zu teuer ist. Leider bin ich arm, und falls ich mal Geld hätte, sollte ich mich vielleicht lieber um eine Krankenversicherung bemühen als mein Geld für die Konkret hinauszuwerfen.

Der Artikel, in dem die fragliche Anfeindung geschieht, fasst die gegenwärtigen Klischees über was es bedeute, wenn man den lockdown und Co. ablehnt, bestens zusammen. Die Kritik verlässt dabei nicht ein einziges Mal den Bereich der Ideologie, weil es klar ist, dass ausserhalb der Ideologie die Individuen die man in die Kategorie „Risikogruppen“ steckt, durchaus nicht die Profiteure des ganzen Regimes waren, sind und sein werden. Vielmehr steigt statistisch (und mehr als um eine statistische Gruppe handelt es sich ja nicht, auch wenn die hier kritisierten sich vielleicht gern als Repräsentanten sehen würden) das Todes-, Armuts- und Krankheitsrisiko gerade dieser Gruppen zurzeit massiv an. Das kann sich jeder ausrechnen, der die gegenwärtige Gesellschaft auch nur ein bisschen verstanden hat. Und da „im Kampf gegen Corona“ – nur so ganz nebenbei natürlich – eine komplette präventive Konterrevolution stattgefunden hat, sich gerade die Linke bis in ihre radikalen Gefilde selbst für diesen Kampf, das heisst: für die Konterrevolution, mobilisiert und ansonsten grösstenteils demobilisiert hat… Ist davon auszugehen, dass die gegenwärtige Gesellschaft so leider noch etwas weiterbesteht. Zumindest aber wird die Revolution von der Fraktion #stayathome nicht ausgehen, welche in ihrem „Einvernehmen mit der Polis, dem Staat“ (Herbert Marcuse) so solidarisch war, der Polizei und dem Militär die Strasse zu überlassen. Dass die kommenden und stattfindenden Revolten und Aufstände weitergehen werden, dass das Zusammenbruchsszenario, dass sich vor unseren Augen abspielt, nicht aufzuhalten ist… dass jede chaotische Revolte, wenn sie auch katastrophal verläuft, für uns ein Lichtblick sein wird im Vergleich zu den Bürgerkriegs- oder lockdown-Regimes, oder vielleicht sogar dem Weltkrieg (wer lacht da?!), welche jetzt bevorstehen, sei nur so subtil angedeutet. Und auch eine politische Revolution wird daran nichts ändern. Diese ganze Zivilisation sollte endlich im Orkus verschwinden, zu dieser Erkenntnis werden vielleicht bald Milliarden von Menschen gelangen. Welche sich effektiv um die Krankenhausbedingungen in Europa wenig kümmern werden, ebensowenig um den Nationaldünkel gewisser Linker, etc. Denn das tun sie jetzt schon nicht. Sie werden nämlich mehr an ihren Hunger denken und vielleicht auch an ihr komplettes Ausgeschlossensein aus der schönen hygienischen Welt wo die Corona-App oder irgendwas vergleichbares ihnen den Zugang verwehrt. Wer weiss.

Wenn der totale Gesundheitsprotektionismus kritisiert wird, dann muss das ja sozialdarwinistisch sein, sagt die Konkret. Die neueste Stufe der Enteignung, oder zumindest deren aktuelle Formalisierung, nämlich das Verbot, über den eigenen Körper und das gesundheitliche Risiko, welchem man diesen aussetzt, zu verfügen, ist ja eigentlich das, was in meinem Artikel kritisiert werden sollte. Diese Enteignung betrifft ja jetzt gerade alle, nicht nur die sogenannten Risikogruppen, welche man als Grund angibt, und welche davon in der bestehenden Gesellschaft ja immer besonders betroffen waren und sind. Und wie ja auch schon darauf hingewiesen wurde: diese Enteignung war eben auch eines der Motti der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik: „Deine Gesundheit gehört nicht dir„.

Da die nationalsozialistische Art dieser Enteignung sich dabei eben vor allem durch ihre sozialdarwinistische Ideologie und Praxis von der heutigen unterscheidet, ist es wohl eines der letzten Argumente, welche für all die leider all zu realen „Massnahmen“, für diese despotische Masseneinsperrung, hergeholt werden können. Aber leider bleibt der ganze Solidaritätsdiskurs eine lächerliche Heuchelei. Wer es sich immer noch so zurechtreden will, als wäre mit Corona (welches auch Bestandteil der Grippe wäre, wenn es besonders gefährlich wäre – also vielleicht nicht „nur“ (was eine andere Diskussion ist), aber zumindest „eine“ Grippe) eine besonders soziale Phase der gegenseitigen Hilfe eingeleutet worden, der ist schlicht noch geblendet von propagandistischen Manipulationen welche bei linkstümlerischen Menschen scheinbar besonders gut ziehen. Oder er hat sich ein autoritäres Regime schon lange herbeigewünscht?

Zumindest persönlich respektiere ich nur die Basis der Freiwilligkeit als Grundlage zu Beziehung. Ansonsten stellt sich da schnell eine gewisse Feindseligkeit ein. Wenn nun effektiv Leute von mir Verlangen, ich solle mich um ihretwillen „zuhause“ einsperren, und ich mich weigere, und eben letztlich davon absehe, sie zu schlagen, auch wenn ich mein logisches Recht dazu behaupte, dann hat das nichts damit zu tun, dass ich diese als „lebensunwertes Leben“ betrachte. Auch wünsche ich mir keine „Herrschaft der Natur“ über sie, was auch immer das bedeuten soll. Vielmehr fände ich es durchaus schön und bin auch bereit dazu, in einer Welt der gegenseitigen Hilfe zu leben, in welcher die Realität all der „Risikogruppen“ nicht in Heime abgeschoben wird… aber ehrlich gesagt auch eine Welt, in welcher der Tod weder abgeschafft ist noch als Hauptfeind betrachtet wird, sondern als Bestandteil des Lebens. Wahrscheinlich wäre meine Utopie eine Dystopie für Bloch und Stephan Weigand und Rebecca Maskos. Die hoffen auf eine weitere Entwicklung des technologischen Albtraums, in welchem man das Leben fürs Überleben aufopfert, sei’s auf der Arbeit, im lockdown, überall… in welcher Einsperrung ein ewiger Bestandteil ist, als normal und lebenswert gilt. Nein Danke! #stayathome ist wohl in etwa das exakte Gegenteil einer „besseren, befreiten Gesellschaft„. Das „Versprechen des längsten und bestmöglichen Lebens„, ist das Versprechen welches euch das „falsche Ganze der Herrschaft“ (letzte 3 Zitate aus Konkret, Go die!) akzeptieren lässt. So scheint es zumindest.

Im Gegensatz dazu wird die Revolution wie ein Fest sein. Ein Fest das hoffentlich niemals enden wird. An dem alle teilnehmen können, „ob jung oder alt, rollend oder humpelnd, „multimorbid“ oder sehr normal“ (Konkret). Was zählt ist den Bereich der Angst zu verlassen, der Angst vor dem Tod nicht zuletzt. Denn, wie ein Sticker, welcher an vielen Strassenecken hier zu sehen ist, sagt: „Die Angst vor dem Tod raubt uns den Mut zu leben„. Und klar wird dabei gestorben werden. Klar wird dabei auch früh gestorben werden. Aber ohne die Opferung, ohne den Tod im Leben, welcher unser heutiges Leben so oft ausmacht.

Leben, nicht blosses Überleben! Für die Zerstörung der Ökonomie! Für ein Ende mit jeglicher Einsperrung!

(1) Rebecca Maskos/Stephan Weigand – Go die! -Corona crisis shows that social Darwinist ideas are taken up by left wing politic / respektive auf deutsch, laut website: Geht sterben! Die Corona-Krise zeigt, dass auch in der Linken sozialdarwinistisches Gedankengut verbreitet ist. In Konkret 7/2020. Zitate aus dem Text habe ich aus dem Englischen rückübersetzt und mich an Wortwahl nicht allzu sehr aufgehangen, schliesslich kenne ich die exakte Wortwahl nicht…

Im Anarchie-Test durchgefallen …

Eine Antwort auf die Antwort auf eine Kritik (Zündlumpen Nr. 065, „Eine Verschwörung und ihre eifrigen Verschwörer*innen“) von mir an dem Artikel „Neulich im Supermarkt … ‚Der Ball muss rollen‘!“ von nigra.

Vielleicht mag es irrelevant erscheinen, aber ich würde zu Beginn doch gerne etwas zu meinen Ansichten klarstellen. Zu Beginn deines Artikels unterstellst du mir, ich sei „jemensch, der*die die einzige und echte Idee von Anarchie und Radikalität für sich gepachtet zu haben scheint.“ Eine Polemik deinerseits, geschenkt, aber wenn du darauf folgend einige Anführungszeichen in meinem ursprünglichen Text deutest, quasi als Beweis dieser These, so muss ich dir sagen, dass du irrst. Nicht dass ich die FdA ernst nehmen würde – um das überhaupt in Erwägung zu ziehen, müsste mir dann doch zuerst einmal irgendwer plausibel erklären, was der Zweck dieser Organisation sein soll, ohne dass diese Erklärung eine Umschreibung des Begriffs „Organisation“ selbst darstellt –, aber das heißt noch längst nicht, dass ich dich oder irgendeine andere Person als Anarchist*in nicht ernst nehmen würde, wenn du/sie erklärt, du/sie sei(st) Anarchist*in. Für mich stellt der Begriff Anarchist*in keine Identität dar und auch wenn ich mich selbst ebenfalls als Anarchist*in bezeichnen würde, stört es mich nicht, dass wir trotz dieses geteilten Labels offensichtlich nicht besonders viele Ideen teilen. Wenn ich einen Begriff wie „FdA-Mitglied“ in Anführungszeichen setze, dann eigentlich vielmehr, weil ich mich eigentlich ein bisschen schlecht fühle, dich auf deine Mitgliedschaft bei der FdA zu reduzieren, was ich ja begrifflich dennoch – aus funktionalen Gründen – unweigerlich tue. Und um das eben ein wenig abzuschwächen setze ich diese lächerlich-identitäre Phrase dann eben in Anführungszeichen. Gleichermaßen gilt das freilich auch für den Begriff „radikale Linke“. Meinetwegen kann sich also durchaus „jede*r dahergelaufene Heini zur radikalen Linken zählen“, mir ist das gleich, nur fühle ich mich ein wenig schlecht, wenn ich über die „radikale Linke“ spreche, als wäre das eine allgemeine Identität und deswegen setze ich das dann eben in Anführungszeichen – nicht die beste Lösung, das gebe ich zu, aber pragmatischerweise dann eben doch häufig das Mittel der Wahl. Ironischerweise zähle ich mich selbst übrigens gar nicht zur „radikalen Linken“. Wenn du also meinen (streng geheimen) „Anarchie-Test“ bestehen wollen würdest – ich wüsste übrigens auch nicht warum du das wollen solltest –, dann hättest du sicherlich bessere Chancen, wenn du dich da auch nicht dazu zählen würdest. ;-)

Was soll nicht alles meine Sache sein?

Nun, nachdem ich nun meine Anführungszeichen-Motivation so ausführlich dargelegt habe, kann ich eigentlich auch gleich etwas zu meiner nicht vorhandenen moralischen Motivation sagen, nach der du fragst. Deine ~grundlegende~ moralische Motivation beschreibst du folgendermaßen „Es soll allen Menschen auf der Welt gut gehen und niemensch soll an den Verhältnissen leiden“ und weil ich diese Motivation für mich verneine fragst du dich zurecht, was denn verflucht noch mal meine Motivation, Anarchist*in zu sein ist. „Den Staat scheiße finden und aus Prinzip alles, was von ihm kommt, auch wenn es sich zufällig in einem Punkt mit meinen Zielen deckt, ablehnen“, schlägst du vor. Warum nicht? Aber ich denke das ist nicht meine Motivation, sondern vielmehr die Konsequenz daraus. Ich denke ich würde meine Motivation Anarchist*in zu sein recht egoistisch beschreiben, vielleicht mit „Mir geht nichts über Mich!„, naja vielleicht nicht ganz so angestaubt, vielleicht lieber „Meine ~Motivation~ Anarchist*in zu sein ist es selbst ein Leben jenseits von Herrschaft zu führen“? „Pfui über den Egoisten, der nur an sich denkt!„, mag dir da in den Sinn kommen. Aber ganz ehrlich, bei deiner ~Motivation~ frage ich mich etwas dieser Art: „Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein.

Hmm, jetzt werde ich wieder polemisch … Naja, legen wir den Stirner wieder beiseite, der ist prädestiniert für Polemik, du machst schließlich auch noch ganz gute weitere Vorschläge, was meine ~Motivation~ – oder sagen wir besser eine Konsequenz daraus – sein könnte: „Die Förderung Erneuerbarer Energien ablehnen, weil die Förderung eine staatliche und im Kapitalismus eingebettete ist?“ Ich würde vielleicht noch bescheiden ergänzen, dass „Erneuerbare Energien“ die Zivilisation aufrechterhalten und Teil der technologischen Herrschaft sind, aber ansonsten würde ich deinen Vorschlag durchaus übernehmen. Nur die „Atomkraftwerke wieder ans Netz bringen“, da muss ich passen. Ich denke das Stromnetz zerstören, das wäre da aus meiner Sicht die passendere Perspektive, wenn du schon fragst. Das ist eine „Schwarz-Weiß-Welt“ „ohne Zweifel und Kompromisse“? Du machst dir ja keine Vorstellungen …

Aufbruch in die kybernetische Gesellschaft?

Als du in deinem ursprünglichen Text „Neulich im Supermakt … ‚Der Ball muss rollen'“ schriebst, dass ~unsere~ – wer ist dieses wir?! – Motivation auch jetzt sein sollte, „Leid zu minimieren“ und dabei vorschlugst „Und wir alle können es verhindern, indem wir uns zurücknehmen. Und „zurücknehmen“ heißt nicht, gar nichts zu tun, sondern es anders und mit Bedacht zu tun.“, was wolltest du damit zum Ausdruck bringen? Ich warf dir daraufhin in meinem Text (Zündlumpen Nr. 065) vor, zum Gehorsam aufzurufen, was du nun von dir weist, mit den Worten „Du sollst dein Hirn einschalten und vielleicht andere Wege finden, dich zu engagieren und aktiv zu sein. Was ist daran so schwer zu kapieren, dass der Virus sich unter bestimmten Umständen leichter verbreitet? Mir sagt mein gesunder Menschenverstand, dass Mund-Nasen-Schutz, Hände waschen, Abstand halten und das Vermeiden von Menschenmassen helfen, die Ausbreitung zu verlangsamen.“ Auch wenn es mir sicherlich erheblich an „gesundem Menschenverstand“ mangeln muss, weil ich so gar nicht verstehen kann, wie – und ebenso was und warum – es helfen soll, die „Ausbreitung [des Virus] zu verlangsamen“, wenn ich all das von dir vorgeschlagene tue, bin ich es dennoch Leid, hier die tausendste Neuauflage der Diskussion um die „Gefährlichkeit“ des Coronavirus durch die Brille der Wissenschaft zu führen. Ich bin sicher, dass diese Frage in naher Zukunft von all jenen, die diesen Streit so leidenschaftlich führen, zur Genüge aufgeklärt werden wird. Was auch immer dabei herauskommen mag, für mich spielt es nicht den Hauch einer Rolle: Mag sein, dass ich mich selbst anders vor einer Infektion ~geschützt~ hätte, wenn mir eine glaubhafte Statistik vorgelegt worden wäre, die gezeigt hätte, dass die Hälfte oder wenigstens ein Drittel der Infizierten am Virus verrecken, aber unter keinerlei Umständen hätte mich das dazu verleitet, mich selbst zu Quarantänisieren und schon gar nicht, soetwas von anderen einzufordern (was sollte das auch für einen Sinn ergeben). Und eben das ist die Debatte, die wir beide hier führen: Ist es zum Wohle einer (vermeintlichen oder tatsächlichen) Mehrheit der Menschen vertretbar, sich selbst „zurückzunehmen“? Ich hatte ja Eingangs bereits mit Stirners Worten gesprochen, also will ich hier versuchen, das noch einmal mit eigenen Worten zu umschreiben, bzw. meine eigene – sicher graduell unterschiedliche – Perspektive dazu auszuformulieren:  Es ist die herkömmliche Legitimation der Zivilisation – und oft auch des Staates als schlichtender Akteur –, die Interessenskonflikte zwischen Individuen und die „Einschränkung der eigenen Freiheit zugunsten der Freiheit anderer“ auf diese Weise zu beschreiben: Statt zu sagen, diese*r oder jene*r solle sich zum Wohle anderer oder zum Wohle der Allgemeinheit „zurücknehmen“, könnte ich auch sagen „die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt“ oder irgendeine ähnliche weitverbreitete und doch inhaltsleere Phrase. Ob es nun der Staat ist, der diese „Freiheit“ des Individuums, die als von anderen Individuen bedroht interpretiert wird, „garantiert“ oder eine (anarchistische oder weniger anarchistische) Moral, das scheint mir nur eine Frage der Form zu sein. Es ist aus meiner Sicht auch der am wenigsten interessante Aspekt: Viel wichtiger finde ich die Fragen: Bedrohen die Individuen sich wirklich gegenseitig in ihrer Freiheit? Wie groß ist diese Bedrohung und wie groß ist sie im Verhältnis zur Bedrohung der Freiheit durch die Etablierung einer Moral oder der diskursiven Allgemeinheit? Ich bin überzeugt, dass es immer Konflikte zwischen Individuen geben wird, dass diese Konflikte auch immer wieder mit Gewalt gelöst werden werden und dass das unzivilisierte Individuum immer auch die „Freiheit eines anderen einschränken“ wird, wie es die bürgerlich-demokratische Ideologie beschreibt. Dagegen kann sich ein einzelnes Individuum ebenso wie mehrere Individuen zugleich stets zur Wehr setzen oder auch nicht, ich kann einen Konflikt auf Leben und Tod austragen oder nachgeben, ich kann mich rächen, ich kann auf Rache verzichten, ich kann kämpfen und ich kann sterben. Jedoch aus Angst vor dem ungezähmten Individuum irgendeine Institution, sei es die des Staates oder die der Moral, zu errichten, die über jedem Individuum steht und die die Konflikte zwischen Individuen zivilisiert und in bestimmte Bahnen lenkt, das ist für mich die eigentliche Bedrohung der Freiheit. Denn das ist für mich der Beginn von Herrschaft. Und das (vermeintliche oder tatsächliche) „Wohl der Allgemeinheit“ verweist auf eine ebensolche Institution, nämlich gewissermaßen auf die der Gesellschaft, die der Zivilisation selbst. Und daher kann ich es nur ablehnen, das „Wohl der Allgemeinheit“ als Maßstab für mein Handeln anzuerkennen!

Was sich speziell anlässlich des Coronavirus hier vielleicht noch anmerken lässt, ist, dass sich hier ganz deutlich gezeigt hat, wie die Herrschaft sich solch utilitaristischer Argumentationsmuster ganz bewusst bedient, um ihre Interessen durchzusetzen. Denn auch wenn mir noch immer unklar ist, was das ~vernünftige~ Interesse der Herrschaft gewesen sein soll – aber die Herrschaft handelt ja nicht notwendigerweise ~vernünftig~ –, die Menschen einzusperren und gegen sich aufzubringen – siehe all die Rebellionen und Revolten weltweit –, außer dass man vielleicht ausprobieren wollte, was die Menschen sich alles gefallen lassen und wie weit man gehen kann, so ist doch deutlich erkennbar, dass sich mit der Entscheidung, Ausgangssperren zu verhängen, Mundschutz vorzuschreiben, usw. auch von einem Tag auf den nächsten die – ach so objektiven – wissenschaftlichen Einschätzungen gewandelt haben: War der Mundschutz anfangs noch als kontraproduktiv gebrandmarkt worden – da, als du ihn wohl schon auf Empfehlung spanischer Anarchist*innen getragen hast –, galt er plötzlich als essentiell und all diejenigen, die nicht über Nacht einen solchen parat hatten oder einfach keine Lust verspürt haben, einen zu tragen, wurden in der Öffentlichkeit, von den Medien, der Polizei und den Politiker*innen als potenzielle Mörder*innen behandelt, die „rücksichtslos“ andere infizieren würden. Das ist nur ein Beispiel, es gibt noch viele weitere, dafür, dass das „allgemeine Wohl“ der Menschen, für das auch du dich so sehr zu interessieren scheinst, eben sehr stark verhandelbar ist, von der Perspektive der*desjenigen, die*der es definiert abhängt und sich dementsprechend hervorragend als Instrument zur Durchsetzung eines persönlichen Programms eignet. Und das Gute daran – aus Sicht der Herrschaft –: Ist es ersteinmal gelungen, irgendetwas als dem „allgemeinen Wohl“ zuträglich darzustellen, so gebietet die (christliche) Moral all ihren Anhänger*innen, unabhängig davon ob diese sich nun als Anarchist*innen, Demokrat*innen, Kaisertreue oder Kapitalist*innen verstehen, danach zu handeln.

Aus dieser Analyse entspringt auch mein Vorwurf, du würdest zum Gehorsam aufrufen und diesen muss ich auch jetzt, wo ich deinen Appell ans „Hirneinschalten“ und den „gesunden Menschenverstand“ lese – was bei mir freilich beides ins Leere laufen muss – wiederholen. Nichts davon ist ein Argument für das „Zurücknehmen“, beides vielmehr eine Rechtfertigung für das Gehorchen! „Was ist daran so schwer zu kapieren, dass der Virus sich unter bestimmten Umständen leichter verbreitet?“, fragst du. Ja was eigentlich? Ist es nicht die Zivilisation mit ihren Hochgeschwindigkeits- und Massentransportmitteln, mit ihren global angeglichenen Lebensbedingungen, ihren immer sterileren urbanen Lebensräumen, ihrer (industriellen) Verwertbarmachung ihrer Umwelt, ihrem Herrschaftsanspruch über sämtliches Leben auf diesem Planeten, die diese Umstände ausmacht? Aber es ist nicht die Zivilisation, die du mit deinem Vorschlag des sich „Zurücknehmens“ angreifst, im Gegenteil: Mund-Nasen-Schutz tragen, Hände waschen, Abstand halten und das Vermeiden von Menschenmassen, alles Dinge, die du aufzählst, sind vielmehr der Innbegriff der bereits begonnenen techno-industriellen Zivilisation, die mit ihren kybernetischen Modellen sämtliche Individuen voneinander isoliert, nur um sie technologisch vermittelt und kontrolliert wieder „zusammenzubringen“. Wenn ich deiner Meinung nach nun also „andere Wege finden“ soll, um mich „zu engagieren und aktiv zu sein“ – für mich heißt das „zu leben“, weil ich weder engagiert, noch aktiv bin –, dann – das unterstelle ich dir jetzt einfach, du kannst ja widersprechen, wenn du findest zu Unrecht – meinst du damit einen Schritt hin zu dieser furchtbaren technologischen Dystopie: Du meinst ich soll hinter einem Bildschirm verschwinden, soll, wenn denn überhaupt, andere Individuen nur noch mit maskiertem Gesicht treffen, soll jegliche Wärme zwischenmenschlichen Kontakts (ein Lächeln, eine Umarmung, eine reale Begegnung, usw.) aus meinem Leben verbannen und fortan ein kühles, nüchternes, rationales und vorhersehbares Leben als Teil der Maschine führen. Kurz: Du erwartest von mir genau das selbe wie der Staat, selbst wenn du es anders – aber nicht allzusehr anders – begründen magst. Und wenn du später auch betonst, dass du und deine Gang andere Menschen niemals verurteilt habt, „wenn sie anders als [ihr] gehandelnt haben“, weil ~ihr~ Anarchist*innen seid und „differenziert denken [könnt]“, wenn du nahelegst, dass es in einer „anarchistischen Gesellschaft“ (Anführungszeichen, weil ich mit dem Begriff nichts anfangen kann) keine Quarantäne gäbe, weil sich „in einer freien Gesellschaft sozialisierte Menschen völlig selbstverständlich in sie begeben“, dann stehen mir vor Schaudern alle Körperhaare zu Berge und ich muss an Huxleys schöne neue Welt denken, aber auch an die strahlenden Utopien der heutigen Vertreter*innen einer transhumanistischen Techno-Gesellschaft und trotz der Angst vor deiner Antwort drängt es mich, dir folgende Frage zu stellen: Begeben sich in dieser ~freien~ Gesellschaft dann auch alle darin sozialisierten Verbrecher*innen gleich nach ihren Taten von selbst und freiwillig in die Knäste oder gibt es gar keine Verbrecher*innen mehr?

Du hältst „Ausgangssperren für falsch“, aber plädierst dafür, dass die Menschen sich – zumindest meistens – selbst und freiwillig in Quarantäne begeben? Was ist das anderes als ein Plädoyer für die kybernetische Gesellschaft in der die materielle Repression des Staates dank der subtileren Institutionen von Herrschaft obsolet geworden ist?!

Noch ein paar Worte zur Wissenschaft

Du fragst mich, ob wissenschaftliche Erkenntnisse zwingend immer falsch sind. Ich denke das ist die falsche Frage. Ich denke Ziel der Wissenschaft ist es, die „Natur“, d.h. die auf diesem Planeten existierenden Lebewesen beherrschbar zu machen, indem das Leben in abstrakte Modelle gepresst wird. „Ist 5 x 5 nicht immer 25?“ Es mag als gigantischer Klugschiss aufgefasst werden, wenn ich das nun verneine und ich bin mir fast sicher, dass du dich – zumindest insgeheim – darüber lustig machen wirst, aber das ist mir egal, denn das Beispiel eignet sich zu gut um zu erläutern, was ich meine. Die Mathematik ist schließlich nichts als ein Hirngespinst. Ein derzeit besonders einflussreiches vielleicht, aber eines, dessen praktischer Nutzen sich mir jenseits der Zivilisation nicht erschließt. In der Realität gibt es nicht mehrere Instanzen von ein und derselben Sache. Wenn ich einen Stein finde und dann noch einen und später vielleicht noch einen, welchen Sinn macht es da, diese Steine zu zählen? Schließlich sind sie alle verschieden und sie zu zählen würde nur dann Sinn machen, wenn ich aus ihrer Abstraktion und deren Anzahl irgendeinen Wert ziehen wollte. Zählen würde ich dann also nicht die konkreten Steine (da habe ich ja von jedem nur einen), sondern irgendein Idealbild von einem Stein. Vielleicht so wie bei Geldmünzen. Auch da ist keine identisch zur anderen, aber weil es darum nicht geht, sondern bloß um das Ideal ihres Wertes ergibt es für mich einen Sinn zu zählen. Eine*r mag nun einwenden, dass es für dieses oder jenes Beispiel vielleicht doch jenseits des Zweckes der Wissenschaft einen tieferen Sinn gibt, etwas zu zählen. Aber selbst wenn: Ich bin überzeugt, dass es eine völlig andere „Mathematik“ – in Anführungszeichen, weil ich etwas institutionalisiertes wie die heutige Mathematik selbst wenn sie eine andere Form hätte, ebenso unbrauchbar fände – sein wird, die sich dann als nützlich erweisen wird. Und wer weiß: Möglicherweise ergibt 5 x 5 dann selbst in der konventionellen Algebra nicht mehr 25.

Vielleicht ist das ein wenig abstrakt, aber die Viren-Frage ist möglicherweise anschaulicher. Vielleicht klammern wir die Frage danach, ob es Viren überhaupt gibt im Wesentlichen aus, dafür beschränke ich mich hier auch auf die wertneutrale Feststellung, dass es zumindest wenn mensch hier den Erkenntnissen der Wissenschaft Glauben schenken will, für die Menschen vor 1892 keine Viren gab. Aber die Frage, ob „Viren in der Anarchie nicht mehr ansteckend“ seien, finde ich eigentlich sowieso spannender: Ich vermute mal in deiner Anarchie sind sie es genauso wie heute auch. Für meine Anarchie ist das schon schwieriger zu beantworten. Und das gar nicht einmal, weil meine Anarchie vor allem ein Raum der Negativität ist. Nein, das ist eine gute Frage: Wenn denn die Zivilisation erst einmal zerstört ist und wir anachronistischerweise einmal annehmen, dass das Konzept eines Virus diese paradoxerweise überdauern wird, dann hängt es doch hochgradig von der Lebensweise der Menschen ab, ob und in welchem Grad Viren (von Mensch zu Mensch) dann noch – in diesem Grad und Sinne – ansteckend sind. Aber nehmen wir doch einfach einmal an, dass grundsätzlich schon. Eine Pandemie wäre dann doch sehr unwahrscheinlich, wenn es keine Zivilisation mehr gibt, die sowohl ähnliche Umweltbedingungen, als auch effiziente Verbreitungswege garantiert und garantieren würde.

Wusstest du übrigens, dass an Impfungen und anderen Virenmedikamenten zuerst im militärischen Kontext geforscht wurde? Weil es nämlich ein Problem für die Kolonisator*innen war – und natürlich umgekehrt auch für indigene Bevölkerungen, aber für die interessiert(e) sich die medizinische Forschung natürlich nicht –, wenn sie sich mit Viren – gegen die die indigene Bevölkerung längst immun war – ansteckten und daran verreckten oder wenigstens für einige Zeit „kampfunfähig“ waren. Die Deutung dieses Fakts bleibt dann jeder*jedem selbst überlassen.

Es grüßt aus dem „anarchistischen Großstadt-Kiez“ München in die ferne Provinz von Ortenau:
Niemand

Das Problem mit dem Eigentum liegt tiefer

Eine Kritik am Artikel „Eigentum: fragmentarische Notizen zu einem umkämpften Begriff“

Der Begriff des Eigentums wird im Artikel im ZL Nr. 053 quasi als wenig problematisch dargestellt, obwohl Eigentum als „umkämpfter Begriff“ dargestellt wird. Dabei wird das Kollektiveigentum verworfen, mit Argumenten, die sicherlich gegenüber jeglichem staatssozialistischen Modell ihre Gültigkeit haben. Ebenso wird das kapitalistische Eigentum verworfen, wobei kapitalistisches Eigentum als vom Staat beschütztes Eigentum definiert wird (was, wie noch zu zeigen sein wird, zu kurz gefasst ist). Dabei wird nun scheinbar vertreten, und ich sage scheinbar, weil mir bewusst ist, dass das ganze ja kaum so gemeint sein wird; dass quasi als dritte Option neben diesen Modellen ein von keiner Institution, sondern nur vom einzelnen Eigentümer geschütztes Eigentum seine Gültigkeit habe. Eigentum sei nicht einfach Besitz, sondern nur jener Besitz, den ich bereit bin „gegen all diejenigen, die diesen Gegenstand in ihren Besitz bringen wollen, zu verteidigen„. Und zwar, liest man den Artikel im Wortlaut durch, ist der fragliche Gegenstand auch nur in jenem Moment Eigentum, wo diese meine Bereitschaft vorhanden ist. Diese Definition ist zwar gewissermassen surreal, aber man sollte sie sich zumindest mal genau durch den Kopf gehen lassen. Vor allem angesichts der Sätze, welche den Absatz Zwei abschliessen, und welche als „Eigentum Aller“ und „kollektives Eigentum“ nur gelten lassen, worauf gerade Niemand Anspruch erhebt – also nur das, was sich gerade niemand aneignet.

Wenn nun also dem kollektiven Eigentum seine Realität abgesprochen wird, führt das logischerweise dazu, dass folglich im Restartikel mit „Eigentum“ immer individuelles und ausschliessliches Eigentum gemeint sein muss oder müsste (auch bekannt unter dem Namen Privateigentum). Da dieses individuelle Eigentum aber dann wiederum sehr eng aufgefasst wird, also nur als das, was man „in der Lage oder willens ist“ gegen alle zu verteidigen, eröffnet sich ein Szenario, welches ich mir ähnlich wie Wild West vorstelle. Oder auch jenes, welche irgendwelche libertären Rechten in den USA verteidigen, welche jeden abknallen, der ihr Stück Land betritt, und dabei – in Milizen organisiert – auf den Staat getrost verzichten würden (zumindest in der Theorie, in der Praxis verteidigen sie ja durchaus zumeist die eine oder andere Partei). Allerdings muss man sagen, dass auch diese wohl einen Schützenverein haben werden, und dass es sich beim Schützenhäuschen wahrscheinlich um das verrufene „Kollektiveigentum“ handeln wird…

Ich verfolge hier diesen Gedankengang noch etwas weiter, zu was der kritisierte Artikel, wenn wörtlich genommen, herhalten könnte. So wird in der vierten These verhandelt, wie eine allzu massive Monopolisierung („Anhäufung“) verhindert werden könnte. Dabei wird aufgezeigt, dass ohne Staat eben diese relativ leicht verhindert werden könnte, wenn sich verschiedene kleinere Eigentümer vereinigen würden, um einen grösseren Eigentümer zu enteignen, und dass sie somit ein gewisses ökonomisches Gleichgewicht herstellen könnten (was dann besser wäre als staatliches Eigentum). Nun wird über diese Vereinigung von kleinen Eigentümern folgendes eingestanden: „Das ist übrigens das gleiche Prinzip auf das auch ein Staat setzt, wenn er seine Macht ausübt, nur eben, dass die Menschen sich meiner Vorstellung gemäß als Individuen und zu einem bestimmten Zweck kurzfristig zusammenschließen und diese Vereinigung mit der Erreichung ihrer Ziele wieder auflösen.“ Ja, eben gerade hier liegt der Hund begraben! Denn: wenn dieser kurzfristige Zusammenschluss der gleichen Logik wie der Staat folgt, sollte man eben vielleicht etwas nachhacken, um dem Problem tiefer auf den Grund zu gehen. Denn effektiv ist ein solcher Zusammenschluss von Eigentümern das, was der Staat letztlich ist, nur eben permanent. Aber solche Zusammenschlüsse sind eben keineswegs besser als der Staat, sondern Teil der gleichen Problematik. Zumindest in meiner Vorstellung wird hier etwas beschrieben, was Eigentümer immer wieder machen (siehe z.B. Trusts, Korruption, etc.), ob sie dazu illegale Mittel anwenden, ist mir eigentlich letztlich egal. Die Vorstellung, dass die Eskalation der Konkurrenz über den legalen Rahmen hinaus irgendwie zu einer mehr anarchischen Situation führen müsste, halte ich für fraglich. Denn, und hier kommen wir langsam zum grundlegenden Punkt: wenn dabei die Logik der privaten oder individuellen Aneignung, wie sie heute üblich ist, nicht überwunden wird, so heisst das nach wie vor, dass ein Teil der Bevölkerung von der Benutzung dieses Eigentums ausgeschlossen würde, zumindest bestimmt, wenn man der Definition des Eigentums im Artikel folgt.

Dazu eine kurze Erklärung, damit klar wird was ich meine: die Klasse, welche Eigentum besitzt, d.h. vor allem die bürgerliche Klasse, kann eben, durch ihren Ausschluss anderer vom Eigentum an (nicht zuletzt) Grund und Boden diese in eine Abhängigkeit treiben, wobei es ermöglicht wird, dass diese für Lohn sich verdingen, um sich dann ihr Überleben zurückzutauschen. Dabei ist es eigentlich letztlich irrelevant, ob dieser Ausschluss vom Eigentum durch einen Staat gewährleistet wird oder durch kurzfristige Zweckverbände von Eigentümern, in welchem diese die absolute Gleichheit haben und keiner über dem andern steht. Vielmehr ist es ja gerade so, dass der Staat, als Versicherungsinstitut sich für das Bürgertum als praktisch herausgestellt hat, weil er den Bürgern ja die gewünschte Privatheit wie Öffentlichkeit schafft, in welcher sie sich als Gleiche begegnen können. Dabei ist der Staat natürlich auch immer die Festsetzung eines Kompromisses, damit die Wirtschaft überhaupt laufen kann, d.h. Eigentum funktioniert. Dass aber dieser bürgerliche Staat, der den Schutz des Eigentums gewährleistet, auch verworfen werden könnte für andere, z.B. selbstverwaltete Verteidigung des Eigentums ist klar. Dass das die Konsequenz des Artikels im ZL ist, will ich aber ja auch gar nicht wirklich behaupten. Natürlich wird im Zündlumpen nicht die Verteidigung des bestehenden Eigentums angepeilt. Aber: es wird eine Art Outlaw- und Desperadophilosophie vertreten. So weit so gut und auch symphatisch. „Nur das Verbrechen kann den Armen helfen“ sagt auch Haftbefehl, und natürlich ist sowas auch bestimmt nicht falsch. Aber kann es das Ziel sein? Weist der Artikel im Zündlumpen irgendwie über eine Rechtfertigung einer kleinkriminellen Existenz und deren Verallgemeinerung hinaus? Über eine eskalierte Konkurrenz von Gangs, Gruppen und vor allem Einzelgängern? Vielleicht mit dem Horizont eines Bürgerkriegs, der in der Utopie eines Equilibriums mündet, in welchem sich alle Individuen (auch die Kinder?) ihre kleine Parzelle Eigentum ergaunert haben, die sie selbst oder mit etwas Hilfe von anderen verteidigen, die grossbürgerliche Klasse sich nicht etablieren kann, weil die Gefahr zu gross ist, und sich somit eine Art Anarchie ergibt?

Das zumindest lese ich aus dem Artikel heraus. Denn der frühe Schuss gegen das „Eigentum Aller“ und das „kollektive Eigentum“ und die gleichzeitige Verteidigung des Begriffs Eigentum überhaupt lassen mir keinen anderen Schluss zu. Auch wird in dieser Anthropologie quasi der Egoismus mit dem Besitzwollen von Gegenständen gleichgesetzt (das z.B. in Punkt Fünf gegen die Annahme einer Bezahlung nur ökonomisch pragmatische Argumente angeführt werden, spricht eben, will es der ökonomische Pragmatismus anders, für die Annahme einer Bezahlung).

Hier will ich aber aufzeigen, wie kurzsichtig der Artikel eigentlich ist. Denn das individuelle Eigentum, ebenso wie möglicherweise der Begriff des Eigentums überhaupt, sind nicht so verhängnislos, wie scheinbar angenommen. Und, auch aus egoistischen Motiven, ist eben das „Kollektiveigentum“ oder auch „Eigentum Aller“ oftmals geradezu vorzüglich, während das individuelle Eigentum nur eine Reaktion und Anpassung an kapitalistische Verhältnisse wiederspiegelt.

Wenn nämlich die Eigentumsfrage gestellt wird, so sollte man nicht im Kleinen zuerst anfangen, um dann von dieser kleinlichen Kurzsicht auf das grosse Ganze zu schliessen. Dass mag zwar naheliegend sein, weil wir Anarchisten ja in den allermeisten Fällen nur lächerlich wenig Eigentum besitzen, so vor allem Interiör und Alltagsgebrauchs- wie Bespassungsgegenstände. Aber es ist eben nicht so, dass der Staat existiert wegen Streitereien um kleine Gegenstände, sondern vor allem um das Eigentum an Grund und Boden zu gewährleisten. Und dieses Eigentum an Grund und Boden ist eben allemal freiheitsfeindlich. Dabei ist es kaum bedeutungsvoll, ob dieses Eigentum einem Einzelnen oder dem Staat oder der Gemeinde gehört, in jenem Sinn, wie es ja auch im Zündlumpen kritisiert wird: dass es eine zuteilende Instanz nötig macht, welche letztlich eine Hierarchie erschafft. Auch das Kaufen, und ich denke der Warentausch im weiteren Sinne, wird im ZL kritisiert. Dagegen wird das „sich etwas einfach nehmen“ gestellt. Dieses wird als eine „dritte Form der Inbesitznahme“ propagiert, wobei eigentlich einem richtigen Impuls gefolgt wird. Aber dieses „sich etwas einfach nehmen“ endet dann wiederum darin, dieses Etwas auch um’s verrotten behalten zu wollen, es zum „Eigentum“ zu machen, welches gerade dadurch definiert wird, dass die eigene Bereitschaft besteht, andere, die sich diesen Gegenstand „einfach nehmen“ wollen (bzw. „in ihren Besitz bringen wollen„), davon abzuhalten. Dass heisst, und ich glaube, hier ist eben die grundlegende Problematik dieses individuellen Eigentums: eine „dritte Form der Inbesitznahme“ wird zwar propagiert, aber die Form des „Besitzens“ selber wird nicht geändert. Dass es aber eben gerade diese Form des Besitzens ist, welche der Logik des „sich etwas einfach nehmen“ immer wieder widerspricht, widersprechen muss, ist denke ich offensichtlich.

Aber ich glaube, der Autor des Artikels geht hier dem eigenen Gedankengang in die Falle. Denn, mit dem Schlag gegen den Staatssozialismus wird quasi das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. So wird eben das staatssozialistische Zuteilen kritisiert, vor allem aber, dass man dann diese „„Erträge“ auch fair mit ebenjenen teile„. Wobei mit „ebenjenen“ irgendwelche Parteibürokraten gemeint sind. Nun ist es lustig, dass zwar das Wort „Erträge“ mit Gänsefüsschen gesetzt wird, aber das Wort „fair“ nicht. Denn vielmehr ist das eben ja gerade nicht fair, sondern widerspricht jeglicher Fairness, Abgaben an solche privilegierten Bürokraten leisten zu müssen. Daraus wird aber geschlossen, dass das Konzept selbst eines „Alles für Alle“ abzulehnen sei. Obwohl ja der Bolschewismus bekanntlich „Alles für die Partei und ihre Bürokraten“ bedeutet. Daraus wird geschlossen, das „kollektives Eigentum“ nicht anders möglich sei als mit einem Staat, obwohl Jahrtausende der menschlichen Existenz das Gegenteil beweisen. Vielmehr bliebe zu beweisen, ob nicht vielmehr individuelles Eigentum notwendigerweise zum Staat führen müsste, oder zumindest mit dem Staat auf intime Weise zusammenhängt…

Zumindest lässt sich eins beobachten: in jeder sozialen Revolte, in jedem Aufstand und in jeder sozialen Bewegung lässt sich beobachten, wie Leute beginnen Essen, Werkzeuge, Unterkünfte, Gebäude, Strassen, Land, Waffen, Vergnügungen, etc. mehr und mehr zusammen zu teilen. Dabei wird bei vielem, was zuvor als Eigentum galt, das Besitzverhältnis irrelevant, vielmehr wird in der Gemeinschaft des Kampfes kollektiv über die Gegenstände verfügt und die Neigung, das individuelle Verfügungsrecht über Gegenstände zu behaupten nimmt mehr und mehr ab. Dabei sind solche sozialen Ereignisse also etwas anderes als einfach eine Verlängerung der Kleinkriminalität, vielmehr werden die falschen Trennungen und die Konkurrenz aufgehoben, insofern der Aufstand Erfolg hat bzw. sich verwirklichen kann. Der Rückzug in die Privatheit, das Wiederanklammern an Besitz und Identitäten ist gerade das, was den Zusammenbruch der aufständischen Bewegung bedeutet, und es scheitert so manche Bewegung eben daran, den Begriff des Eigentums nicht konsequent genug angetastet zu haben. Dabei ist es klar, dass die Form der Inbesitznahme wie auch die Form des Besitzens während eines revolutionären Moments massiv ändert. Alles andere spiegelt meiner Meinung nach den Horizont des Kapitals und der Arbeit wieder, und sei es kriminelle Arbeit. Dass es sich beim kriminellen Milieu oft um ein Hindernis des Aufstands handelt, ebenso wie es auch vorkommt, dass das Konkurierren von Gangs während einem solchen zum Stillstand kommt, und diese eine revolutionäre Rolle spielen, ist vielleicht gerade bei dieser Behandlung der Frage des Eigentums spannend. Das blosse ändern von Kaufen und Zugeteilt-Bekommen zum „sich einfach nehmen“ ist bestimmt ein ungenügendes revolutionäres Kriterium (was im ZL ja nicht so behauptet wird), vielmehr ist es eben eine Form des Besitzens, welche bürgerlich genannt werden muss, und welche einer Mentalität und Praxis entspringt, die den Kapitalismus reproduziert, auch wenn die fraglichen Akteure sich antistaatlich verhalten.

Es ist unterhaltsam, dass die einzigen Anarchisten welche „das sich etwas einfach nehmen“ von Anfang an vertreten haben, solche waren, die sich „anarchistisch-communistisch“ genannt haben. Diese verstanden eben den Kommunismus* gerade so, dass er jeder Rolle des Zuteilers widerspricht, da ein Zuteiler eben eine ungleiche Position voraussetzt. Aber etwas haben diese Leute bedacht, was im Zündlumpen total vernachlässigt wird. Die menschliche Fähigkeit zur Kommunikation über die umliegende Welt, und somit die Möglichkeit, den Umgang mit verschiedenen Gegenständen etwas zu koordinieren. Und hier setzt eben die eigentliche Frage an: wie ermöglichen wir (oder auch „Alle„) es „Allen„, dieses „etwas einfach nehmen„? Dieses gegenseitige ermöglichen, sich einfach das zu nehmen, was grad gebraucht oder auch gewünscht wird, wäre aber eben das verpönte „Eigentum Aller“ oder „Alles für Alle„. Dabei wird eben von Individuen ausgegangen, welche fähig sind ein soziales Miteinander zu gestalten, ohne dass sie dabei einen Mittler benötigen, aber auch ohne dass sie in ständiger, mehr oder weniger eskalierter Konkurrenz leben müssten. Es waren zumindest diese kommunistischen Anarchisten (welche bestimmt keine Linksradikalen oder Halbmarxisten waren, wie es heute zumeist alle sind, welche sich Anarchokommunisten u.Ä. nennen), die die Kritik des kollektiven wie des individuellen, das Gemeinde- wie das Staatseigentum kritisierten, um eben jegliches Eigentum zu verneinen. Diese Verneinung des Eigentums bestand eben in einer gewissen, bewussten Form der Erschaffung der gesellschaftlichen Realität, welche heute eben nur auf entfremdete und unbewusste Art und Weise geschieht. Die Reproduktion des alltäglichen Lebens, die Produktion und Konsumtion von Waren, das Kaufen und Verkaufen, sieht eben oft nur das Individuum und seinen Privatbesitz, während sich zwischen den Individuen das Kapital frei entwickeln kann, da diese sozusagen beziehungslos sind bzw. sämtliche Beziehungen mehr und mehr durch das Kapital vermittelt werden (bzw. eine Beziehung zum Kapital dazwischen steht). Zumindest waren es die anarchistischen Kommunisten, welche Bakunins Kollektivismus kritisierten, der noch immer eine Art Lohnsystem mit Zuteilern bedeutete, und sich das Ziel setzten, eine Art gesamtgesellschaftliches „vom Haufen nehmen“ zu ermöglichen. Dabei würde der Diebstahl unmöglich, weil es kein Eigentum mehr gäbe.

Eine Verständigung über die Organisierung der sozialen Angelegenheiten ist zumindest allemal nützlich, und der blosse, selbstbezügliche Standpunkt „ich nehme mir einfach was ich will“ lässt die Frage nach einer solchen Verständigung nur aus, löst sie aber nicht, ausser diese soll einfach durch Gewalt ersetzt werden. Ich muss zugeben, auch ich bin skeptisch was z.B. den Optimismus vieler anarchistischer Kommunisten betrifft, aber wenn ich mir vorstelle, wie ich gerne leben würde und was für Prinzipien ich anwenden würde bei eventuell grösseren gesellschaftlichen Umwälzungen, so wären die Reflexionen, die von den kommunistischen Anarchisten Ende des 19. Jahrhunderts gemacht wurden, eher mein Orientierungspunkt als ein in der üblichen Logik verbleibender Artikel wie im ZL 053. Dabei muss ich ja auch kein Optimist sein. Aber, schon heute denke ich, dass es Grossteils eine gewisse „Kollektivierung“ von Materialien und nicht die individuelle Aneignung ist, welche mir mehr Unabhängigkeit vom Staat ermöglicht. Ich denke auch, dass es ein klares Kriterium ist um quasi den Puls einer Bewegung zu messen, inwiefern das Eigentum weniger und weniger Relevanz hat. Alles für Alle ist zumindest immer noch ein Orientierungspunkt, auch wenn es sich dabei gewissermassen um eine Abstraktion handelt. Aber wenn ich helfe, gewisse Projekte zu verwirklichen, sei das eine Bibliothek, sei das ein Angriff, oder sei es – utopisch – die Erschaffung der notwendigen Grundlagen eines Zusammenlebens, so versuche ich dabei die Form und Logik des Eigentums zu durchbrechen.

Was das Festhalten an Besitz anbelangt, welches für eine revolutionäre Dynamik allemal eher hinderlich ist, so denke ich, dass es meistens auf eine Konditionierung durch den Kapitalismus zurückgeführt werden muss. Die künstliche Verknappung in der Jugend, das Gefühl der Ohnmacht und die Vorenthaltung der freien Verfügung über sich selbst führen wohl zu psychischen Dynamiken, welche das Festhalten an Gegenständen als eine Art Befreiung aus der Ohnmacht erscheinen lassen. Dabei ist es gerade diese Anpassung oder Domestizierung, welche den perfekten Konkurrenten-Eigentümer für den Markt liefert, worüber hier auch gar kein moralisches Urteil gefällt werden soll. Zumindest ist der bürgerliche Charakter, welcher am Laufband produziert wird, eben gerade das, was diese Welt des Kaufens und Verkaufens und – Besitzens reproduziert. Wirkliche Individualität aber entwickelt sich in und durch freie Beziehung zu anderen Individuen, und nicht durch diesen Rückzug aus der Welt und dieses Kontrollierenwollen, welches dem Eigentum zugrunde liegt. Die Verwechslung von Individualität und Besitz bzw. Eigentum ist ein Schlamassel, welches Oscar Wilde schon bestens kritisierte. Revolutionärer oder aufständischer Individualismus kann sicher etwas von einer gewissen Banditenlogik abschneiden, aber das Streben nach Macht durch Eigentum bestimmt nicht.

Die Parzellierung, das kleinbürgerliche Ideal eines Equilibriums von kleinen Eigentümern, welches übrigens schon Max Stirner** kritisierte, wird vom vagabundierenden Wesen des befreiten Individuums verlacht. Jeder Zaun und jede Mauer (auch die im Kopf), welche errichtet wurden, um Eigentum „gegen all diejenigen, die dieses in ihren Besitz bringen wollen, zu verteidigen“ sollten endlich eingerissen werden. Die freie Bewegung auf dem Antlitz der Erde ist etwas, was ich mir nicht nur für mich wünsche – das „etwas einfach zu nehmen“ ist erstmals ein Notbehelf. Vielmehr wünsche ich, die soziale Realität so umzugestalten, dass das Land niemandem gehört, und Alle es benutzen können, ebenso seine Früchte, welche nicht zugeteilt, sondern relativ bedingungslos Jedem zur Verfügung stehen bzw. gestellt werden sollten. Und das ohne jeden Staat und irgend einen Mittler. Dafür kämpfe ich, und nicht für meinen Besitz an diesem oder jenem Gegenstand. Die Zerstörung des Eigentums ist ein Projekt, gegen welches der Spleen des Eigentümers, seine Angst vor Kontrollverlust, schlechte Argumente sind. Aber ebenso wäre es unangenehm, auf dem Niveau des gegenseitigen Bestehlens stehenzubleiben. Vielmehr wäre eine Kommunikation und Aneignung der Welt möglich, in welcher die Individuen keine Konkurrenten mehr sein müssen, um zu leben – davon bin ich überzeugt.

Ein Vagabund

 

* Ich will hier klar machen, dass ich das Wort Kommunismus ungern benutze. Nicht nur wegen der verschiedenen Staaten, welche ihre Unterdrückung in diesem Namen betrieben (was allerdings ein schlechtes Argument wär, weil das Wort „Freiheit“ ja auch zu allem möglichen Herhalten musste), oder weil es nicht verstanden wird. Sondern gerade weil es wie eine Art gemeinsamer Referenzpunkt mit irgendwelchen Linken und Marxisten verstanden werden könnte. Ebenso gefällt mir dessen Etymologie nicht. Aber, die Begriffe sollten einem keine Angst machen, und man wäre dumm, gewisse anarchistische Reflexionen zu ignorieren, nur weil sie das falsche Label tragen. Am konsequentesten wurde übrigens der „anarchistische Communismus“ in der Exilzeitung „Die Autonomie“ von 1886-1893 ausgearbeitet und diskutiert. Ein Niveau der Diskussion, hinter welches die heutigen Diskussionen über ähnliche Fragen oft meilenweit zurückfallen.

** Der bürgerliche Begriff des Eigentums, welcher das (legale) Besitzen von Gegenständen bedeutet, hat wenig mit dem von Stirner zu tun. Vielmehr beschreibt Stirner mit seinem in erster Linie psychologischen Begriff von Eigentum eine Art Beziehung zur Welt, nämlich eine aussermoralische und selbsterschaffene/-definierte. Das Streben nach und Anhäufen von Besitz und die Reduzierung von „Eigen“ auf „Besitzen“ kritisiert er ausdrücklich. Die Aneignung der Welt, wie sie Stirner beschrieb, ist auch durchaus mit dem – später ausgearbeiteten – anarchistischen Kommunismus kompatibel, denke ich. Zumindest kritisierte Stirner etwas Anderes. Den Kommunismus von Wilhelm Weitling, welchen Stirner in erster Linie kritisierte, lässt er im Übrigen auch für die Produktion von Brot und Ähnlichem als praktikabel gelten – natürlich aus „egoistischen“ Gründen. Dies sei hier nur angemerkt, da der kritisierte Artikel auf der Metaebene gewisse Referenzen zu Stirner zu haben scheint, und dieser, vielfach missverstandene, hier explizit von meiner Kritik „des Eigentums“ ausgenommen werden soll. Ich benutze eine andere Sprache als Stirner, welcher die seine ja selbst bemängelte, und brauche den Begriff Eigentum eben in jenem ganz unphilosophischen und alltagsgebräuchlichen Sinn.

Gewalt antun?

Die Liebe geht hin wie dieses fließende Wasser
Die Liebe geht hin
Wie langsam das Leben ist
Und wie gewaltsam die Hoffnung
Guillaume Apollinaire, Die Mirabeau-Brücke [Le Pont Mirabeau]

Das, was gegensätzlich ist, ist nützlich; das, was kämpft, bildet die schönste Harmonie; alles entsteht durch Streit
Heraklit

Gewalt? Da sind wir DAGEGEN. Das ist normal. Peace and Love, wir sind für die Liebe und den Frieden. Das Paradies und das goldene Zeitalter, die sind gewaltfrei, ohne Schreie, ohne Schläge, ohne Schmerzen, kein Wort, das sich gegen ein anderes erhebt, alles weiß, alles ruhig, auch nicht zu viel Wolllust, sonst weiß man nicht, wohin uns das führen könnte. Gewalt ist das Chaos und die Barbarei der Anfänge, danach kamen die Sprache, die Logik, die Vernunft, die Gerechtigkeit, der Gesellschaftsvertrag, der Respekt und die Moral. Gewalt ist Unordnung, das Gesetz des Stärkeren. Man prangert sie an, man verurteilt sie. Sie ist ungerecht und nicht demokratisch. Sie ist ein Begriff, der sofort beschuldigt: das, was gewaltsam ist, ist immer zu gewaltsam. Man träumt von einer Welt ohne sie, man hat sogar schon Techniken, um sich vor ihr zu schützen, sie ist unverantwortlich, irrational und gefährlich. Man setzt sie als immer möglich voraus, sobald etwas unbekannt ist, das Unbekannte ist die Gefahr vor einer möglichen Gewalt, und man unternimmt nie zu viel, um sich davor zu schützen. Außerdem ist Gewalt krankhaft, sie ist das innere Chaos, das Risiko des Wahnsinns. Gewalt ist triebhaft, sie muss erzogen und beherrscht werden, wenn nicht sogar geheilt und eingesperrt, verdrängt und kastriert. Aber glücklicherweise haben wir Mittel, um sie zu behandeln, und das Beste ist, ab der Kleinkindheit nach den ersten Anzeichen zu fahnden.

Und so verallgemeinern wir die Angst, machen Sicherheit und Repression unvermeidbar, lebenswichtig, ja sogar wünschenswert und halten die Ordnung aufrecht.

Deshalb sind wir FÜR Gewalt. Fuck auf die Polizei und den Anstand, »der Konflikt ist der Vater aller Dinge«, die Zerstörung dieser Welt ist eine wünschenswerte Perspektive, und es wäre Blindheit oder Scheinheiligkeit ohnegleichen, wenn man der Meinung ist, dass Zerstörung nicht gewaltsam ist. Außerdem sind die Diskurse über Gewaltlosigkeit nur dazu da, jedes Aufkommen einer Veränderung zu verhindern, um das Bestendende aufrechtzuerhalten. Und um das Bestehende zu verwandeln, muss es wohl sein, ihm Gewalt anzutun. Es lebe also die Gewalt. Es ist einfach, es ist wahr, es funktioniert, meistens: die Emanzipation tut der Ordnung und der Macht, die sie aufrechterhält, Gewalt an. »DIE Gewalt« am Rande jedes Denkens und jeder Praxis abzulehnen bedeutet abzulehnen, dass jemals irgendetwas sich wahrhaft verändert, und sogar zu verhindern, dass irgendetwas sich jemals wahrhaft verändern kann.

Aber immer noch ist irgendetwas nicht stimmig, und auf den Schritt, der gemacht wurde, folgt ein Rückschritt, der uns wieder in die Reproduktion von Lösungen taucht, die diese Welt uns anbietet: wir sind für Gewalt, aber die wahre Gewalt, das sind der Staat und die Polizei, die Löhne, die es unmöglich machen, den Monat zu überstehen, das Elend, die familiäre, schulische, soziale Herrschaft, das sind nicht wir. Und schon haben wir die Gewalt, die es nötig hat, sich über den Umstand zu legitimieren, dass sie die Antwort auf eine viel größere Gewalt ist. Die Gewalt wollen wird erneut zum Problem. Und weiterhin sind wir zwar für Gewalt, aber sicher nicht unter uns. Es ist wahr, dass wir nicht davon träumen, uns wegen jeder Kleinigkeit die Köpfe einzuschlagen, und dass der Stärkste herrsche. Und auch wir entwickeln Techniken und ein Know-How der Befriedung, im Plenum [im Original »AG«, evtl. für »Assemblée Générale«, also so etwas wie Plenum? Wenn irgendwer es besser weiß, bitte gerne melden!; Anm. d. Übers.], der Familie, unter Freunden. Es ist zum Verrücktwerden.

Vielleicht bedarf es, um aus diesem Dilemma herauszukommen, eines Schrittes beiseite (ohne dabei aufzuhören sich bereitzuhalten, um in den Tumult wieder einzutauchen, sobald es nötig ist). Und feststellen, dass »DIE Gewalt« eine Abstraktion ist, die keinen Sinn macht, und die zueinander dermaßen heterogene Realitäten umfasst, dass sie zu gebrauchen immer der Realität nicht gerecht wird. Kein Sinn? Nicht so sicher. DIE Gewalt, das ist erst einmal das, das die Ordnung daran hindert sich aufrechtzuerhalten, das ist eine Vielzahl an Situationen, die zusammengefasst wurden mit dem Ziel, deren Befriedung und die dafür aufgewendeten Mittel zu rechtfertigen… inklusive derer, die extrem gewaltsam sind. Das ist eine komfortable Vereinfachung, um glauben zu machen, dass es einen sozialen Konsens gibt, der in Wahrheit vollkommen brüchig ist. Das ist der Name, der Angst macht und bei dem man sich die Legitimation verschafft, ihn mit allen Mitteln heraufzubeschwören. Man kann nicht »gegen DIE Gewalt« sein, außer man akzeptiert, mit Hand und Fuß an die Seite der Ordnung und des Friedens… des Staates und des Kapitals… gekettet zu sein. »Für DIE Gewalt« zu sein macht nur in Opposition (die gesund und notwendig ist, aber eingeschränkt durch ihre reagierende Natur) zum vorherigen Diskurs Sinn.

Außerhalb einer Antwort auf die befriedende Verwaltung des Staates ist es klar, dass ehrlich konsequent in der Absolution von Gewalt zu sein, oder auch von Gewaltfreiheit übrigens, zwei gleichermaßen unhaltbare Positionen sind, die eine wie die andere, gleich in ihrem Nihiĺismus. In beiden Fällen schert man sich nicht mehr um die Welt und die Anderen, sich mit der einen oder der anderen zu schmücken ist immer Geschwätz.

Und doch werden wir Tag für Tag dazu angehalten es zu tun, weil die Welt es um jeden Preis so will.

Da wir überhaupt nicht mehr die Söhne und Töchter der wilden Zeiten sind, die mit der rohen Gewalt der Erdphänomene und der großen prähistorischen Bestien konfrontiert sind, sondern ganz im Gegenteil durch Jahrhunderte der Rationalität zivilisierte und durch Demokratie befriedete Kinder sind (zusätzlich mit mit Sicherheit linken Eltern…), ist es eher die Befriedung, mit der wir uns konfrontieren müssen. Deshalb werden wir logischerweise das zu gewalttätige Kind für die Eltern oder die Schule sein, der Chaot auf der Demo, der Sklave, der seinen Herren schlägt, das Opfer, das seinen Henker tötet. Alle Formen der Gewalt ähneln sich nicht, aber alle Befriedungen sind Versuche der Herrschaft und der Aufrechterhaltung der Ordnung, die wir erleiden und für die wir den Preis zu zahlen haben. Und wir wissen, dass alles, das entstehen wird, um sich dagegen zu wehren, »Gewalt« genannt werden wird.

Es sind die konkreten Situationen, die uns dazu zwingen, uns bezüglich eines Begriffs zu positionieren, der durch die Macht, insbesondere in ihrer demokratischen Form, gegen uns geschmiedet wurde. Der soziale Friede verlangt, »die Chaoten« von den wohlmeinenden Demonstranten zu trennen, weil erstere gewalttätig sind? Wir werden die Gewalttäter sein, die Chaoten, denn in jedem Fall sind wir diejenigen, die kommen, um diese Ordnung zu erschüttern. Und da, zweifelsohne, sind wir auf der Seite dessen, das die Ordnung »DIE Gewalt« nennt, wir sind gegen die Versuche uns zu befrieden. Aber täuschen wir uns nicht und wissen wir, dass diese Kategorie die des Feindes ist, wo wir nicht so dumm sein sollten, uns von ihr in einen Käfig sperren zu lassen, nicht mehr, als wir uns selbst in einen Käfig sperren durch interne Befriedungsversuche und Versuche der Vertragsnahme, bei denen wir diese falsche Opposition von Gewalt und Gewaltlosigkeit reproduzieren, die beide lediglich zwei Seiten derselben repressiven Medaille sind.

Denn bei uns (im weitesten Sinne, sagen wir, auf Seiten der Antiautoritären…) dient die Ablehnung von »DER Gewalt« ohne Zweifel der Befriedung, dem Ausweichen von Konflikten, um kleine Königreiche zu verwalten, ja sogar zu regieren, um als eine Autorität zu agieren, die sich als legitimerweise unanfechtbar präsentiert und die ohne eine andere Form des Prozesses (oder mit selbstverwalteten Prozessen ohne Platz für die Verteidigung, noch dazu…) autoritär das unterdrücken kann, das sie in Frage stellt. Die Inkohärenz wird dabei manchmal bis aufs Äußerste ausgedehnt: es ist nicht selten Leute zu sehen, die von Autonomie und ihren Eisenstangen oder vom diffusen Angriff auf das Eigentum und die Menschen fantasieren, und gleichzeitig diejenigen ausschließen, die ihnen nicht gefallen, weil sie nicht in ihrem Sinne geredet haben oder nicht Hallo sagen, oder hochhalten, dass Konflikte ohne Vermittlung gelöst werden müssen und gleichzeitig alle Mitglieder ihrer Gemeinschaft aufhetzen, sobald jemand anderes als sie und ihre Nächsten dazu ansetzt sich von ihnen nichts gefallen zu lassen. Alle Ordnungen, von der kleinsten bis zur größten, und selbst die Ordnungen, die den Anspruch haben subversiv zu sein, beschweren sich über die Gewalt derer, die ihnen widersprechen, und bedienen sich gewaltsamer Vorgehensweisen, um sie zum Schweigen zu bringen oder sie in die Unsichtbarkeit zu verdrängen. Die Frage ist immer, zu verstehen, wer wem Gewalt antut und warum. Und dann alle diese Vorrichtungen zu identifizieren, die man in der Familie, unter Freunden, unter Gefährten und Genossen, auch in sich selbst, errichtet hat und vielleicht das zu dekonstruieren, das sie so notwendig macht, zumindest für diejenigen, die nur dazu da sind, um die Ordnung aufrechtzuerhalten, eine Angst vor dem Unbekannten zu schüren oder das Unerwünschte auszuschließen. Und so vielleicht ein bisschen mehr theoretische und praktische Autonomie zu konstruieren und weniger Autorität.

Man könnte auf jeden Fall feststellen, dass um diesen Begriff herum eine gewisse Komplexität herrscht. Im Augenblick, in der Realität einer Situation, ist es nicht kompliziert zu sehen, was in Richtung Repression geht und was sich dagegen wehrt. Aber weder durch die Aneinanderreihung übertheoretisierter Phrasen bezüglich DER Gewaltfrage noch durch die Verkündung eines Berges an Prinzipien bezüglich dieser Frage wird man eine Richtlinie für unser Handeln und Denken festlegen können. Hier haben wir eine Frage, und es ist keine kleine, bei der die Suche nach passenden Ideologien von der Stange, um anschließend mit einer Stimme Parolen skandieren zu können, zu nichts anderem führt, als in der Inkohärenz zu ertrinken, während man ohne aufzupassen genau das reproduziert, gegen das man kämpft und dabei auf dem Weg jede Kraft verliert.

Was sicher bleibt, ist, dass die Aufrechterhaltung des Friedens gegen uns erfolgt.

Nieder mit dem Frieden!

Gegen alle befriedeten Paradiese!

Maria Desmers, Februar 2020

Dieser Text ist ein Beitrag zur vorgeschlagenen Diskussion im Fleurs Arctiques [»Bibliothek für die Revolution« in Paris] mit dem Namen »Gewalttätiges Verhalten wird streng bestraft«, geplant für den 7. Februar 2020.

Übersetzt aus dem Französischen. Zuerst erschienen unter dem Titel « Faire violence ? » auf der Seite des Les Fleurs Arctiques (https://lesfleursarctiques.noblogs.org/?p=1557).

Yuppies mobben??

Zum Artikel „Mobbing als Methode im Kampf gegen Gentrifizierung?

Erstmals: im Artikel ein Manöver, welches von der Frage ablenkt: es geht niemandem darum, vermeintliche Yuppies zu mobben. Ebenso ist die Gleichsetzung der Propagierung von Mobbing mit Propagierung von Pogromen und Vergewaltigungen welche im Text gemacht wird, wohl zur Ablenkung vom Thema eingestreut, als würde es sich um das gleiche handeln!?! (Und dann wird im Text noch von Verharmlosung gesprochen, während die Gleichung aufgemacht wird: Mobbing = Pogrom… What the fuck!)

Die Frage die ich hier behandeln will, ist bloß die folgende: ist die Parole „Yuppies aus der Hood mobben“ irgendwie zu rechtfertigen? Und ich persönlich denke: ja. Es ist hier nicht meine Absicht, irgendjemandes Persönlichstes anzugreifen, ja, ich persönlich finde die Parole weder sonderlich geschmackvoll (viel eher geschmackslos, was aber wahrscheinlich auch Absicht ist: zu schocken) noch würde ich sie unbedingt so vertreten. Und ich glaube auch die Gefühlslage des Autors des kritisierten Artikels mehr oder weniger nachvollziehen zu können. Aber es ist nun einmal nicht das, worum es gehen sollte…

Es ist nun auch nicht meine Schuld, dass Leute glauben, sowas, sowie auch andere, ähnliche Themen (z.B. in „Der Keim der Herrschaft“ in ZL Nr. 17), zu einem größeren Thema machen zu müssen, als es meiner Ansicht nach sein müsste… ja, eigentlich finde ich es sogar nervig, dass dieses Thema soviel Platz einnimmt (nicht das Thema Mobbing, sondern die Kritik an dessen taktloser Verwendung, um klar zu sein). Aber wenn die Lage nun einmal so ist, dann denke ich, es ist auch mal an der Zeit,
diese Form der moralischen und politisch korrekten Kritik nicht unwidersprochen zu lassen.

Im Artikel werden andere dafür kritisiert, den Begriff Mobbing in gewissen Fällen zu bejahen. Ich frage mich zuallererst, wieso dieses Thema einen Leitartikel [Es gibt keine Leitartikel im Zündlumpen; Anm. d. Red.] wert ist, aber ja, darüber lässt sich streiten, oder vielmehr glaube ich auch: darüber sollte gestritten werden. Ich frage mich zum zweiten, weshalb Leute nicht kurz und knapp darstellen können, wieso sie selber nicht so reden (wollen), ohne auf Geschmackslosigkeiten anderer herumzuhacken. Nein, vielmehr reiten sie darauf herum, unterstellen dann noch andern eine autoritäre Haltung, ja, sind scheinbar viel zu sehr auf die Korrektheit der Tätigkeiten bzw. Äußerungen anderer fixiert sind, ohne das Brett vorm eignen Kopf zu sehen. Und ich glaube, dass die Ambivalenz der fraglichen Parole eigentlich allen klar ist. Ist das nicht gerade der Witz? Aber ja… alles der Reihe nach.

Das Wort „Mobbing“, das dem Englischen entlehnt ist, und außerhalb akademischer Kreise wohl noch nicht allzulange im deutschsprachigen Raum verbreitet ist, wird im Zündlumpen als ein Wort ganz ohne Mehrdeutigkeiten dargestellt. Dabei ist das offensichtlich nicht so einfach. Das Wort leitet sich relativ offensichtlich von „mob“ ab. Und Mob ist meines Wissens ursprünglich (und teils auch aktuell) v.a. eine abwertende Bezeichnung für revoltierende Ansammlungen von Leuten; aus der Warte herrschaftlicher Gesellschaftskreise natürlich. Z.B. auf Wikipedia, die Plattform, die heute das Verständnis von Begriffen in breiten Bevölkerungsschichten prägt, steht aktuell: „Der negativ besetzte Begriff Mob bezeichnet eine mehr oder weniger bestimmte Gruppe von Personen, die ohne erkennbare Führung zusammen agiert. Der von sich aus, gruppendynamisch handelnde Mob hat kurzfristige destruktive Ziele (Plünderung, Zulauf zu öffentlichen Hinrichtungen und dergleichen), seine radikale Äußerung ist der Aufruhr, die Emeute.“ Also, das tönt doch erst einmal teils ganz im Sinne des ZL. Aber ja, natürlich, Begriffe haben ihre eigene Entwicklung, und Etymologie ist eine beschränkte Methode zur Erkenntnis von Bedeutung.

Der Begriff Mobbing wird in den deutschsprachigen Raum, über den Umweg der Verhaltensforschung bei Tieren, von einem Soziologen, Heinz Leymann, eingeführt, und zwar in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Nach diesem Konzept und ähnlichen, sämtlich der Soziologie entstammend, wird der Begriff im allgemeinen Bewusstsein geprägt.

Das Mobbing sehr unterschiedliches bedeuten kann, ist, denke ich, offensichtlich. Im Artikel im ZL kommt nun die Sichtweise einer Person ins Spiel, welche von Mobbing betroffen war. Diese persönliche Erfahrung wird hervorgehoben und das Anliegen vertreten, dass sowas niemandem angetan werden sollte. Es wird implizit behauptet, dass Yuppies aus der Nachbarschaft zu mobben, eine „neue Form der Herrschaft und Ausbeutung“ hervorbringen würde, und nicht als befreiende Gewalt gelten könne. Es wird impliziert, dass der Begriff Mobbing genügend klar definiert sei und dass dies sich somit von selbst verstehen müsste.

Nun, ich bin kein Experte zu Mobbing, ich habe generell Probleme mit soziologischen Überbegriffen… weshalb es mir so vorkommt, dass der Begriff Mobbing für mich eher unbrauchbar erscheint. Solche Begriffe verdecken oftmals eine vorherige sprachliche und reale Vielfalt, ja, ihre inflationäre und moralistische Nutzung ist oftmals selbst ein Zeichen des aktuellen sprachlichen Zerfalls, zu dem man ja stehen mag wie man will. Zumindest gibt es in meiner Welt eine Vielfalt von Begriffen wie hänseln, schikanieren, provozieren, zeukeln, bedrohen, ausschließen, diskriminieren, verarschen, necken, drangsalieren, witzeln, bedrohen, jemanden fertigmachen, jemanden auf die Palme bringen… um nur einige hierhergehörige, eher weniger eskalierte Nuancen zu nennen. Aber zumindest scheint mir der Begriff „Mobbing“ eine Vielfalt von Dingen zu beschreiben, unter welche auch verschiedene Formen des Widerstands und der Rebellion fallen können, auch solche Formen, welche von Anarchisten normalerweise nicht mit allzu viel Vorbehalten betrachtet werden.

Man stelle sich z.B. den Yuppie vor. Dieser ist durch sein Aufstreben in der Klassenhierarchie eine besonders schwierige Figur, vor allem wenn er gerne in einem eigentlich armen Viertel einzieht, wo viel geht, und diese seine persönliche Geschmackssache, welche er oft nicht Ansatzweise im gesellschaftlichen Kontext sehen kann, für andere schlimme Folgen hat. Die Leute müssen dann bald „ihr Quartier“ verlassen, weil irgend so neureiche Schnösel gerne da leben (hier also dann die folgliche „Relation zu ihren Taten“). Nun macht es vielleicht Sinn, diesen ihre gesellschaftliche Rolle rein logisch klar zu machen, sie nicht gleich dafür anzugreifen. Aber viele sehen darin keine Möglichkeit, und sie wurden vielleicht sogar schon verdrängt, in ein Elend gestoßen, ihres gewohnten und scheinbar gewünschten Umfelds beraubt, ihrer Kultur und Integrität. Und sicher nicht allzu wenige von ihnen wurden von diesem subtilen Prozess in Selbstmord gedrängt, das scheint klar. Nun ist es doch ganz naheliegend, solchen neureichen Zuziehern ihr Leben zur Hölle zu machen. Ob da Methoden mit vorkommen, die als „mobbing“ bezeichnet werden können? Zumindest kann es, aus reiner Selbstverteidigung, Sinn machen, Mobs zu bilden, und diese Leute zu bedrohen, zu berauben, und noch schlimmeres, was in einigermaßen rebellischen Quartieren, von welchen es in Deutschland nicht allzuviele gibt, keine Ausnahme darstellt.

Ich persönlich habe gewisse Probleme mit der Territorialität dieser Konflikte, ja, aber es geht bestimmt um eine gewisse Machtproblematik, um einen Klassenkonflikt, der nun halt mal einfach da ist. Und wenn ich mich in diesen Yuppie hereinversetze, dann muss ich sagen, ich will nicht in seinen Schuhen stecken, wenn er angegriffen wird (was allerdings eher selten passiert). Genauso, wie ich nicht umgebracht, verprügelt, ausgeschlossen, verdrängt, angegriffen, bedroht werden, oder meine Sachen abgefackelt bekommen will. Aber trotzdem betrachte ich diese Tätigkeiten als mögliche Kampfmethoden.

Ich stelle mir nun eine Person vor, der z.B. das Auto zerdeppert wurde, weil sie einen Typen verlassen hat. Ihr wird das Auto gesmasht, vandalisiert, vielleicht sogar abgefackelt. Oder eine ähnliche Geschichte mit einem mehr mafiösen Hintergrund. (Und das wird ja dann von dir „verharmlost“, oder stimmt es etwa nicht?). Diese Person wird genau die gleichen Probleme, mit der gleichen Berechtigung mit der Methode des Autoanzündens haben, wie du sie mit dem hast, was du als Mobbing identifizierst. Wenn die Person nicht über ihren eigenen Schatten springen kann. Gewalt ist unschön, brutal, zerstört Leben, und zwar so richtig, und ich denke, es macht deshalb wohl Sinn, sie wenn, dann gezielt einzusetzen. Aber ja, angesichts des Elends, welches die Aufwertung mit sich bringt, denke ich, kann den (potentiell) Verdrängten die Subjektivität der Avantgarde der Aufwerter herzlich egal sein (welche sich in den Medien, zu welchen sie besseren Zugang haben, dann super als Opfer stilisieren können).

Schon bei Beginn der anarchistischen Bewegung wurde von einigen (nicht allen) betont, dass die Gewaltexzesse vorkommen werden, aber nicht wirklich wünschenswert sind. Vielmehr macht es Sinn die Strukturen anzugreifen, um die Menschen zu schonen. Dieser humanistische Ansatz mag einigen mehr und anderen weniger taugen. Aber andere zu kritisieren, weil sie Yuppies mobben wollen? Man denke an Zeiten, wo Anarchisten den motivlosen Terror gegen die Bourgeoisie vertreten haben, um diese in Angst und Schrecken zu versetzen… ich denke, auch dass könnte angebracht sein, und in solcher Gewalt übernimmt man sich hierzulande allemal schwerlich, denn hier wird ja den Yuppies und erst den wirklich Reichen eigentlich normalerweise kein Haar gekrümmt.

Aber jetzt denk ich mir, die Person wird antworten, dass das ja eben kein Mobbing sei. Aber, dann schau dir den Diskurs über Mobbing mal genauer an und stell dir vor wie z.B. die Methode, besonders autoritäre Vorarbeiter und Chefs einfach umzubringen, wie sie oft, und bestimmt in (zumindest hierzulande) brutaleren, eskalierteren Zeiten, vorgeschlagen und auch umgesetzt wurde, von einem Soziologen wie Heinz Leymann bezeichnet werden würde…? Das ist noch schlimmer als einfaches Mobbing! Das ist die totale Eskalation des „Staffing“, des Mobbing von Unten (und somit möglicherweise schon kein Mobbing mehr?)! Eine Analyse der gesellschaftlichen Konflikte, eine Klassenanalyse, eine Unterscheidung zwischen Schikane an den Unteren und Rache an den Oberen, scheint Heinz Leymann zwar zu machen, ihm ist aber der qualitative Unterschied entgangen. Vielmehr ist sein Ziel der Arbeitsfriede, dieser falsche soziale Friede der friedlichen Konkurrenz, der so viele auch ohne Mobbing in den Selbstmord treibt. Während die Akzeptanz der Hierarchien, das Schlucken der Autorität an sich wohl so was wie das „horizontale Mobbing“ erst erzeugt, wenn erstmal die anderen Konflikte demokratisch abgeschwächt wurden (persönliche „autoritäre Autorität“ wird ersetzt durch eine „flache Hierarchie“, „Netzwerk“, u.ä.), wollen Leute wie Leymann auch noch diesen Makel beseitigen. Und zwar mit einer demokratischen Zielsetzung (Friede zwischen Kapital und Arbeit). Aber, uns Anarchisten kann es ja nicht um eine noch krassere Unterdrückung aggressiver Regungen gehen, sondern nur darum, diese Aggressionen zu verstehen, ihre Herkunft zu verstehen, und sie gegen jene Verhältnisse und Personen zu richten, welche sie erzeugen. „Die Entfesselung der bösen Leidenschaften“ hat das mal jemand genannt… Und der Kampf gegen Mobbing ist eben gerade der Kampf zur Fesselung und Sublimation der bösen Leidenschaften, und somit sämtlicher Leidenschaften, denn die Leidenschaften – sie lassen sich schwerlich trennen.

Statt Zähmung der Klassenkonflikte (unter dem Deckmantel des Spuks des „Kriegs aller gegen Alle“) in der immer erstickend-friedlicheren Konkurrenz, deren Aufgreifen in einem revolutionären Bruch mit der Konkurrenzlogik, in dem die Leute ein generalisiertes und eskaliertes staffing anwenden, natürlich ein spezifisches, damit jedes bossing unmöglich werde und einst Tage kommen, in denen jede Form des mobbing gar kein Bedürfnis mehr ist, weil die Gemeinschaften nicht mehr den Beigeschmack des Zwanges tragen… so könnte man in der Sprache der Mobbing-Soziologie wohl etwas plump eine gewisse, teilweise vielleicht veraltete und zu einfache Revolutionsvorstellung der freiheitlichen Arbeiterbewegung bezeichnen. Zumindest aber ist das Konzept „Mobbing“ als eine Verschleierung im Sinne von Aufstandsbekämpfung zu verstehen, als eine Befriedungsmethode zur Prävention von Arbeitskämpfen. Und natürlich wird es im Gebiet von Schulen oft etwas anders benutzt, aber zurecht?

Die These im hier kritisierten Text ist es zumindest anscheinend, dass Mobbing in jedem Fall eine Art ressentimentgeladene Aktivität sei, welche herrschaftliche Strukturen stützt oder weiterführt (und zwar, weil sie die problematische Mentalität bei belässt). Und das wird wohl in vielen Fällen stimmen. Aber es ist auch schwierig, die Kritik an Ressentiment, wie weit soll sie gehen? Bin ich da selber gefeit von? Ist es nicht vielmehr so, dass man es schaffen müsste, den Yuppies mehr entgegenzusetzen? Und nicht nur ihnen, die gerade per Zufall in dieser Rolle sind… Ist es nicht so, dass Lehrer geplagt werden, während es wünschenswert wäre, man könnte die Mechanismen der Schule einfach außer Kraft setzen? Sie zerstören, nicht als Gebäude nur, sondern als Institution..? Und ist es nicht so, dass revolutionäre Gewalt immer die Problematik der möglichen Verrohung ihrer Ausübenden mit sich bringt? Was kein Argument gegen sie ist… sondern eine stete Frage.

Aber meine Frage ist vielmehr: die Art wie im Artikel darüber geschrieben wurde, klärt sie die Frage auf, oder ist es vielmehr eine Kritik, welche moralisch ist? (und ist Moralismus nicht auch Produkt von Ressentiment?)

Ist die psychologische Dynamik des Mobbings gegen unten (= „Bossing“) und des Mobbings gegen oben (= „Staffing“) wirklich dieselbe? Werden die wohlmeinenden Lehrer (die auch im Zündlumpen wie Gefängniswärter behandelt werden, was ich schwierig finde) denn nicht einfach so brutal behandelt, wie es eigentlich dem brutalen Lehrer gelten würde, quasi anstelle des größten Tyrannen die einfach angreifbare Autoritätsperson, welche Schwachstellen zeigt? Und ist dieses Mitleid mit dem fraglichen Lehrer, welches ich angebracht finde, da solche Leute effektiv Opfer einer Dynamik sind, einer Dynamik, deren Existenz sie selber total schockiert… ist dieses Mitleid auch am Platz wenn es um den Lehrer handelt, der immer gleich das Lineal bei der Hand hat, und zwar nicht zum vermessen? Ist dort Mobbing unangebracht? Ist es zu verurteilen, wenn die Methoden nicht anarchistisch genug sind?

Das Wort Ausschluss tönt zumindest für viele erstmals schlecht. Aber gewisse „Normen“ (nicht das mir das Wort gefällt) wie z.B. keine Denunziation, u.Ä. sind eben meiner Meinung nach schon wertvoll… und da wären wir dann schon bei der Problematik von horizontalem Mobbing. Der Ausschluss von Herrschervorrechten aber versteht sich im Anarchismus ohnehin von selbst. Wollen wir nicht alle Herrschaft und ihre Träger aus unserem Leben ausschließen? Sogar gänzlich loswerden? Und wenn wir es nicht schaffen, so sind wir eben oft zumindest ein bisschen gemein, terrorisieren die Psyche von Leuten, hoffentlich den richtigen, auch wenn es nur kleinere Kollaborateure sind, machen Aktionen, die eigentlich zu kurz greifen, sogar danebenschlagen, versuchen es zumindest, um nicht gänzlich im Ressentiment zu verenden, um zumindest etwas Aggression dahin zu tragen, wo sie hingehört… oder zumindest näher ran… das ist menschlich, aber wohl nicht immer die Revolution…

Und ich will hier den ZL explizit einschließen, in welchem teils zumindest scheinbar (und relevant ist ja, was zumindest durch diesen Schein propagiert wird) beliebige Zerstörung von Eigentum als revolutionäre Taten gefeiert werden…? Aber selber alles immer furchtbar eng sehen, wenn die falschen Worte benutzt werden. Als würde es um Worte gehen!!! Als wäre das Problemfeld „Mobbing“ geklärt, wenn man den Begriff ablehnt! Als wäre der Zwang in Zwangsgemeinschaften Konflikte führen zu müssen, lösbar, wenn diese und deren Grundlagen noch existieren! Als wäre ein gewisses staffing nicht eine logische Voraussetzung für eine revolutionäre Bewegung, ob man das nun verherrlicht oder einfach nur hinnimmt…

Zumindest ich bin, so glaube ich, wenn Yuppies, und zwar natürlich wirkliche, von armen Quartierbewohnern wirklich mies gemobbt werden, mir im Klaren, auf welcher Seite ich stehe, auch wenn ich im einzelnen vielleicht von der Gemeinheit der Leute geschockt bin und ihre Methoden fragwürdig finde. Zumindest wenn die Gründe die hier besprochenen sind und auch wenn das auch explizit „Mobbing“ genannt würde, was ich zumindest bisher etwas geschmacklos fand… Und wenn ich sie kritisiere, ihre Methoden kritisiere, dann nur durch einen besseren Vorschlag, welcher allerdings nicht von Worten allein abhängt. Und ich denke, das wäre die logische Haltung gegenüber solchen Phänomenen (welche ja hier kaum vorkommen), wenn Anarchisten nicht, ob zu recht oder zu unrecht, bei den Leuten als politisch korrekte Moralisten gelten wollen…

Ah, und: lasst uns einen Mob bilden, um diese Gesellschaft zu zerstören!

Anarchistisch-patriarchale Geschichtsschreibung

Es mag wie ein Rumnörgeln an Kleinigkeiten erscheinen und wie ein Festhalten, Perpetuieren und Positivsetzen von Identitäten, die es doch zu zerstören gilt. Dass dies jedoch nicht der Fall ist, möchte ich im Folgenden erläutern. Am Beispiel einer Passage der Broschüre „Namenlos“ der Edition Irreversibel möchte ich darauf eingehen, wie trotz bestester Absichten von Individualist*innen, die jegliche Form von Identität und Identitätspolitik ablehnen, sie unbewusst eine männliche Sichtweise mit einer neutralen verwechseln und den Lügen patriarchaler Geschichtsschreibung Glauben schenken.

In der Broschüre „Namenlos“ werden unterschiedliche „Beiträge zu einer anarchistischen Diskussion über Anonymität und Angriff“ zusammengestellt. Dabei geht es darum, inwiefern das Handeln unter Klarnamen oder (festem) Pseudonym zum einen Berühmtheiten und damit Autoritäten und Vorbilder schafft, insbesondere Gruppennamen das Individuum auslöschen und die Handlungen dadurch an Kraft verlieren, dass Menschen durch ein „Ich war’s“ ihren Geltungsdrang deutlich machen und damit die Handlung zu einem Profilierungsakt und damit zu einem Akt Autorität zu erlangen wird. Ich möchte eigentlich nur auf eine Passage dieser Broschüre eingehen, eigentlich sogar nur auf eine Fußnote, und meine Kritik daran hat zwar nur teilweise mit dem Thema dieser Broschüre zu tun, bringt aber auch neue Aspekte in das Thema Anonymität und Identität ein.

Der Beitrag „Die Anonymität“ aus der 10. Ausgabe von „Der Communist“ von 1892 enthält folgende unschöne Passage: „Ganz besonders warnen wir davor, eine Frau etwas ernstes wissen zu lassen, das nicht unumgänglich nothwendig ist, denn die Frauen werden fast immer für vollkommen erachtet, und nur zu oft sind sie es welche uns verraten.“ (S. 45) Diese Passage ist mit einer Fußnote des*der Herausgeber*in dieser Broschüre bedacht, in der die Vermutung geäußert wird, dass diese „krude“ Feststellung von Conrad Fröhlich „Ausdruck davon [sei] inwieweit die anarchistische Bewegung damals von nahezu ausschließlich Männern dominiert wurde, die so hauptsächlich Beziehungen zu Nicht-Anarchistinnen hatten und sich so bei der einen oder anderen Gelegenheit verplatterten und im Bau landeten.“ (S. 48)

Da muss ich entschieden widersprechen! Der*die Herausgeber*in führt hier fort, was seit hunderten von Jahren Anarchist*innen gemacht haben: die Rolle nicht-männlicher und weiblicher Anarchist*innen kleinzureden oder ganz zu verschweigen. Dies nennt mensch „Silencing“ und ist ein Phänomen, das alle Menschen, die (vermeintliche) Angehörige marginalisierter Gruppen sind, erleben. Dass sie nicht wahrgenommen werden, nicht ernst genommen werden und insbesondere in der Rezeption in den Jahren danach, also in der Geschichtsschreibung jeglicher Art, ignoriert, weggelassen und damit vergessen werden. Wenn Conrad Fröhlich offenbar so bekannt mit den anarchistischen Größen seiner Zeit ist, dass er kritisiert, dass „Herr Most, Herr Peukert, Herr Berkmann, Herr Merlino, Herr Malatesta“ (S. 46f.) durch ihre ständige Namensnennung zu Autoritäten wurden und dass sie ausschließlich aufgrund der Namensnennung Repression ausgesetzt waren und im Knast landeten, dann werden ihm wohl auch die Namen seiner anarchistischen Zeitgenossinnen „Frau Goldman“, „Frau de Cleyre“, „Frau Wilson“, „Frau Hansen“, „Frau Notkin“, „Frau Witkop-Rocker“, „Frau Michel“, „Frau Zaïkovska“, „Frau Kügel“, „Frau Mahé“, „Frau Maitrejean“, „Frau Nikiforova“, „Frau Perowskaja“ bekannt sein, die teilweise damals selbst große Berühmtheiten und Autoritäten waren, deren Schriften und Vorträge berühmt und stark rezipiert waren, die Zeitschriften herausgaben oder Artikel in Zeitschriften veröffentlichten, die Anschläge vorbereiteten, planten und durchführten oder Teil von Aufständen waren. Auch Emma Goldman saß im Knast, weil sie Anarchistin war, ebenso Louise Michel, Sofja Perowskaja wurde wegen ihrer Beteiligung an der Ermordung des Zaren Alexander II. 1881 hingerichtet.

Die meisten der genannten Frauen hatten Liebesaffären mit Anarchisten, entsprechend hatten auch Anarchisten Liebesaffären mit Anarchistinnen. Viele der Anarchistinnen sind uns heutzutage auch nur deswegen noch bekannt, weil sie die Lebensgefährtinnen „großer“ männlicher Anarchisten waren. Wie viele Anarchistinnen kennen wir nicht, weil ihre Lebensgefährten sie erstickt haben, sich vor sie gestellt haben, sie unterdrückt haben? Die der Meinung waren, dass „ihre“ Frauen sich lieber um das Wohlergehen ihres Mannes und der Kinder kümmern sollten? Viele wurden ausgelacht und nicht ernst genommen oder bewusst bei der Planung von Attentaten außen vorgehalten, weil das für eine Frau nichts sei. Letzteres erlebte beispielsweise Kaneko Fumiko in Japan 1926 – ihr Partner Pak Yeol hatte zusammen mit anderen Anarchisten ein Attentat auf den Kaiser geplant und Fumiko bewusst draußen gehalten, um sie als Frau zu beschützen. Sie bekam aber Wind davon und wollte Teil der Verschwörung sein. Alle wurden verhaftet und sie übertrieb ihre Rolle in der Verschwörung, kündigte sogar an, den Kaiser umzubringen, sollte man sie entlassen, um dieselbe Strafe und damit dieselbe Anerkennung als revolutionäre Anarchistin zu bekommen wie die Männer.

Ja, der*die Herausgeber*in hat richtigerweise festgestellt, dass die „anarchistische Bewegung damals von nahezu ausschließlich Männern dominiert wurde“, doch das bedeutet nur, dass Männer nicht bereit waren, ihre weiblichen Gefährt*innen anzuerkennen, sie so sehr sie konnten verdrängten und nicht ernst nahmen, den Beitrag der Frauen an der Bewegung bewusst verschwiegen. Doch die Anarchistinnen gab es und wenn mensch genauer hinsieht, sieht mensch auch, dass es eine ganze Menge waren. Auch Conrad Fröhlich wird sie gekannt haben. Dass er sie nicht nennt, sondern sich ausschließlich auf Männer konzentriert und sich an Männer adressiert und ganz offensichtlich Frauen nicht als Kampfgefährtinnen und als vollwertige handelnde Individuen und Subjekte begreift – denn wenn er empfiehlt Frauen nichts zu erzählen, wird er wohl kaum seinen Appell auch an Frauen richten –, sagt viel über Conrad Fröhlich aus, aber sicher nichts über die Geschlechterverteilung in der anarchistischen Bewegung und auch sicher nichts darüber, welche Angehörige welchen (zugewiesenen) Geschlechts mehr Anarchist*innen an die Repressionsbehörden verraten haben. Vielleicht waren viele Anarchisten so sexistisch, dass sie Frauen nicht als handlungsfähige denkende Subjekte betrachteten, die ihnen gefährlich werden könnten, indem sie sie verpfeifen. Denn sie dachten nicht daran, dass Frauen ihre Ideen nicht teilen könnten, da sie gar nicht auf die Idee kamen, dass diese Frauen eigene Ideen haben könnten (und das obwohl sie die ganze Zeit auch mit Frauen zu tun hatten, die ganz offenkundig eigene Ideen vertraten!). Viel wahrscheinlicher ist jedoch, dass Conrad Fröhlich durch seine Misogynie eine verzerrte Wahrnehmung hat, wenn es um Männer und Frauen geht. Wenn ein Mann einen Anarchisten verraten hat, dann wird er wahrscheinlich denken, wie konnte X Hans-Peter nur je vertrauen, wenn es eine Frau war, dann wird er eben nicht denken, wie konnte X Sabine nur vertrauen, sondern er wird denken, wie konnte X nur einer Frau vertrauen. Und dies führt dann zu einer subjektiv falschen Feststellung, die Ausdruck seiner Frauenfeindlichkeit ist, nicht aber Feststellung eines Faktes.

Viele der großen Individualisten dieser Zeit haben das Individuum rein als männlich betrachtet (auch Max Stirner als einer der großen Vordenker). „Der Einzige“ reift vom „Knaben“ zum „Jüngling“ zum „Mann“ (vgl. „Der Einzige und sein Eigentum“). Da gibt es nicht viel Interpretationsspielraum. Klar können wir bei einer Rezeption Stirners diese eindeutig männlich konnotierte Philosophie um alle anderen Individuen erweitern, die Stirner offenbar nicht wahrgenommen hat. Jedoch sollten wir nicht vergessen, wenn wir alte wie auch neuere Texte lesen, dass die Wahrnehmung vieler Menschen dieser Zeit, aber auch unserer Zeit, mehr oder weniger bewusst von dieser Gleichsetzung „Individuum/Anarchist = männlich“ bzw. „das Männliche = das Allgemeine, das Universelle“ geprägt war und sie alles, was aus diesem Schema herausfiel und fällt, so gut sie konnten, ignorierten und ignorieren. Deshalb ist es auch unsere Aufgabe den Lügen nicht zu glauben, dass vor hundert Jahren nur Männer Anarchist*innen waren, und es ist unsere Aufgabe nach den nicht-männlichen und weiblichen Anarchistinnen zu suchen. Und zwar nicht, weil wir so besessen von weiblicher Identität sind, sondern weil das wahrgenommene Geschlecht von entscheidender Bedeutung für die Rezeption einer Person und von Texten war und auch immer noch ist, wenn es auch vielen nicht bewusst ist. Männlich zu sein oder als solches wahrgenommen zu werden, verschaffte und verschafft jemandem Autorität. Diese (un-)bewussten Strukturen zu durchbrechen, gerade auch in der Rezeption von (alten) Texten, müssen wir uns zur Aufgabe machen.

Diese Perspektive erweitert das Thema der Broschüre, Anonymität und die Autorität von Namen, um interessante Aspekte. So nutzten und nutzen viele Frauen männliche Pseudonyme – spielten also mit falschen Identitäten – oder veröffentlichten ihre Texte anonym, um überhaupt Gehör zu bekommen. Der Punkt, dass ein Name unter einem Text einer Person Autorität verschafft, muss dahingehend erweitert werden, dass in vielen Fällen der männlich konnotierte Name Autorität verschafft (klar gibt es da immer Ausnahmen, wie die Beispiele von Emma Goldman oder Voltairine de Cleyre zeigen). Texte ausschließlich anonym zu veröffentlichen und Angriffe anonym durchzuführen befreit davon, dass andere den Text oder den Angriff unbewusst ablehnen oder ignorieren und übersehen, weil dieser von einem wahrgenommen weiblichen Namen stammt. Gleichzeitig wird aber das Namenlose, Anonyme häufig automatisch mit Männlichkeit assoziiert, der weibliche Beitrag damit nicht wahrgenommen und ignoriert (so wie Conrad Fröhlich, der einen Haufen anarchistischer Frauen kennen musste und trotzdem den Anarchisten als Mann definiert). Deshalb gibt es Menschen, denen es wichtig ist ihre Geschlechtsidentität bei einer illegalen Aktion preiszugeben, um mit dem unbewusst angenommenen Geschlecht zu brechen, um dieses Bild des männlichen Rebellen, das unbewusst die meisten in sich tragen, zu erschüttern. So liest mensch häufiger in Meldungen, die gar nicht mal lange Bekenner*innenschreiben sind, eine „FLINT-Gruppe“ (FLINT = Frauen, Lesben, Inter, Nonbinary und Trans Personen) habe dies und das getan. Auf der einen Seite wird so eine Identität, ein Geschlecht perpetuiert, dessen System mensch eigentlich im Ganzen zerstören will, und es wird mit dem Prinzip der Anonymität gebrochen. Andererseits wird damit der (unbewussten) patriarchalen Geschichtsschreibung und -wahrnehmung, die nur von Männern als handelnde Individuen ausgeht, bewusst entgegengesetzt, dass es eben keine Männer waren. Genau das war auch der Grund dafür, dass Fumiko ihre Rolle in der Verschwörung gegen den japanischen Kaiser 1926 so übertrieb. Um als handelndes Individuum wahr- und ernstgenommen zu werden. Individualität und Handlungsvermögen wird Menschen mehr oder weniger bewusst unterschiedlich stark zugestanden. Der Weg zu einem „Ich“ ist für viele weiblich sozialisierte Menschen ein anderer als für viele männlich sozialisierte Personen. „Sogar (ausländische!) Frauen haben in Hamburg während G20 randaliert“, titelten die Zeitungen nach G20 schockiert. Das überrascht die meisten zeitgenössischen Anarchist*innen – im Gegensatz zur bürgerlichen Presse – wahrscheinlich nicht. Doch dass das vor hundert Jahren ebenfalls der Fall war, das wiederum würde viele dann doch überraschen. Und das müssen wir ändern!

Why are there no women in the anarchist movement? [ironic]
Why are there no women in the anarchist movement? An ironic Comic about manarchism.

Offensive Handlungsmöglichkeiten bei Repression

Der folgende Text erschien zuerst in der Broschüre Outlaw (S. 14 bis 16, zu finden online bei freethemall.noblogs.org oder in gedruckter Form in der anarchistischen Bibliothek Frevel). Er verschriftlicht eine in Berlin im Zuge einer Diskussionsveranstaltung zu offensivem Umgang mit Repression geführte Debatte.

Angesichts von lokalen Ergeignissen, der Verhaftungen und Inhaftierungen von Gefährt/Innen in verschiedenen Städten, aber auch genereller repressiver Zuspitzung und Restrukturierung, finde ich die Vorschläge und Thesen aus dem Text äußerst wichtig und diskutierenswert.

Thesen der öffentlichen Diskussionsveranstaltung:

1) Isolierung und Individualisierung durchbrechen mit Kollektivierung (Bekanntmachung).

Der erste Schritt bei einem staatlichen Angriff gegen unsere Strukturen und Gefährt*innen kann die Bekanntmachung sein. Dies bricht die Isolieurng des einzelnen Individuums und der Struktur auf. Dabei ist zu bedenken inwiefern Medien der Herrschaft benutzt werden sollen, die unsere Inhalte meist nicht unverfälscht darstellen und für ihre eigene Profit- und Sensationsgier ausbeuten. Dementsprechend können eigene Medien und Kommunikationswege gefunden werden, die eine Nachricht eventuell auch in einen Kontext des gegenwärtigen Kampfes bringt. Indem der staatliche Angriff z.b. eine Hausdurchsuchung veröffentlicht wird, teilt man zum einen Gefährt*innen mit, in welcher Sache der Staat ermittelt, d.h. es könnte eine hilfreiche Warnung sein und zum anderen könnte mit der Veröffentlichung ein offener Raum zum Treffen vereinbart werden, an dem sich verschiedene Individuen über den Ist-Zustand informieren können und zusammenschliessen können, um auf ihre Art und Weise Solidarität in der Situation auszuüben, z.B. Sponti, Soligruppe zum Thema, direkte Aktionen.

2) Solidarität bedeutet nicht nur Kosten decken, sondern bestehende Kämpfe weiterführen.

Kämpfe weiterführen kann heißen, ausgehend von der Analyse eines Repressionsvorfalls, Fazite aus dem Erlebten zu ziehen und perspektisch den Kampf auf intelligente Art zu verändern ohne jedoch die Qualität der permanenten Konfliktualität zu mindern und aus den Augen zu verlieren. Dadurch wird grundlegend das Prinzip der Repression, dass Kämpfe ins Stocken kommen oder in geringerer Qualität stattfinden, bekämpft. Kostendeckung ist zwar nötig, aber nur insofern nicht alle Energie und Zeit für das Geld organisieren drauf geht. Es gibt auch weitere Möglichkeiten an Kohle zu kommen, die verbunden sein könnten mit einer politisch-visierten Praxis (siehe Enteignung jeglicher Art, Abendessen unter Gefährt*innen, etc.). Ausserdem überwiegt bei Solidaritäts-Veranstaltungen oft der subkulturelle Aspekt, wo politische Inhalte nicht beachtet werden oder schlicht untergehen. Die Frage könnte unter anderem sein, wie Treffpunkte der „linken“ Szene mehr mit Inhalten gefüllt werden können?

3) Das bedeutet auch „anscheinend“ kleine Strafanzeigen öffentlich zu machen.

Die Repressionsmethode der Bußgeldstrafen ist mittlerweile gang und gebe. Dies bewirkt einerseits, besonders in Städten mit einer großen „linken“ Infrastruktur, dass Bußgelder einfach hingenommen werden, da ja eh eine Solidaritäts-Struktur die Kosten stemmt. Andererseits wird genau bei diesem, spitz gesagt, Dienstleistungsystem der politisch relevante Aspekt der Repression völlig ausgeblendet. Langfristig sind Bußgelder natürlich nervig aber hinnehmbar, das kleinere Übel, vor dem Knast. Dieses Damokles-Schwert hängt dauernd über unseren Köpfen und ist in unseren Köpfen. Da sind kleinere kontinuierliche Strafanzeigen viel effektiver, uns davon abzuhalten Straftaten wieder zu begehen, weil sie uns mit dem Gedanken vor der Endstation Knast erpressen. Deswegen sind „kleine“ Strafanzeigen nicht zu unterschätzen, besonders auf einer psychischen Ebene.

4) Konsequenzen der allgemeinen Strafverfolgung von solchen Lappalien.

Die psychische Ebene der Repression spielt eine viel größere Rolle, als die der blanken und auf der Haut spürbaren Gewalt. Das haben viele Machtstrukturen schon längst gelernt und dementsprechend ihre Methoden verfeinert. Unsere Aufgabe, als diejenigen die diese Machstrukturen zerstören wollen, besteht darin diese Methoden zu erforschen und aufzuzeigen um sie unwirksam zu machen. Wie schon gesagt kann eine langandauernde in kleinen Dosen iniziierte Repression mehr Schaden bei den Gefährt*innen bewirken, als ein einzelner Faustschlag in einer physischen Auseinandersetzung mit den Bullen. Dies zeigt sich unter anderem wenn wegen kleinen „Delikten“ schon mehr oder weniger martialische Hausdurchsuchungen gestartet werden. Diese Vorgehensweise ist genaustens kalkuliert, aber nicht um tatsächlich Beweise zu ermittlen, sondern um zu schikanieren. Die Bloßstellung der persönlichen Intimsphäre kann destruktive Wirkungen auf den/die Betroffene haben.

5) Soli-Arbeit deshalb auch bei kleinen „Delikten“ wichtig.

Soli-Arbeit heisst in diesem Sinne: Die Betroffenen zu unterstützen, auf jeden fall. Wobei es wichtig ist, auch für Gefährt*innen von wo anders her, aus diesen Erfahrungen lernen und erst recht zu erfahren. Dieser kollektive Austausch von Wissen und Erfahrungen kann der individuellen Stärkung nützen und Ideen ins Spiel bringen offenisiv die Repression zu bekämpfen. Soli-Arbeit kann deswegen auch heißen die Repression zu invertieren und zu einem Gegenangriff aufzurufen. Sei dieser inhaltlich oder mit Taten verbunden, am Besten beides.

6) Fragwürdig zu glauben den Staat mit seinen eigenen Mitteln (Unschuld, Reue, Deals eingehen) zu bekämpfen. Wegkommen von juristischer Ebene.

Ausgehend von der Tendenz eines notwendigen Gegenangriffs bei Repression, der auf einer grundlegend abneigenden Haltung gegenüber jeglicher Herrschaft beruht, stellt sich die Frage wie und wo diesen vollbringen. Die Mittel die der Staat einem/einer Beschuldigten zur Verfügung stellt, um sich zu verteidigen, sind gewollt begrenzt und vom Staat selbsterschaffen, sowie die Gesetze die gebrochen worden sind. So kann und soll ein Gericht Schauplatz einer politischen Auseinandersetzung mit dem Staat sein? Inwieweit wollen die Revolutionär*innen die Mittel des Staates benutzen um ihn zu verletzten und bestenfalls zu zerstören? Können und sollen diese Mittel dazu genutzt werden um Schuld, Unschuld, Reue und Deals zu vermittlen?

7) Ethische Grundsätze bestimmen unser Handeln, sind somit strikt verbunden mit der Eigenverantwortung unserer Taten, dies schliesst eine defenisve Positionierung vor dem Staat aus.

Wenn ein Gericht mit seinen Kumpanen nicht der einzige Schauplatz unseres Gegen-Angriff ist, wo ist er dann? Wenn von Eigenverantwortung die Rede ist, dann ist damit die Bedeutung unserer eigenen Worte und Taten gemeint. Sie zu verstehen heisst mit den Konsquenzen unserer Ethik leben zu müssen. Denn wo die Rede von Revolution, Aufstand, sozialer Konfliktualität ist kann nicht erwartet werden, dass die Gegenseite nichts unternimmt. Offensichtlich reicht es schon davon zu sprechen und diese Ideen zu verbeiten um Angriffsziel zu werden. Das genau ist mit Konsequenzen gemeint, aber ein solidarisches Umfeld kann sie auf eine kollektive Ebene bringen, wo die Eigenverantworlichkeit zu einer Komplizenschaft wird mit jedem/r Beschuldigten.